vom Funktionieren – Teil 2, „Grenzen“, Punkt 2

„Viele komplex traumatisierte Menschen mit DIS operieren nur mit dem existenziellen Extrem. „Ich habe X gemacht und das hat funktioniert (Ich lebe noch)“ oder „Ich habe X gemacht und das hat nicht funktioniert (Ich bin irgendwie/seelisch/innerlich gestorben, als ich X gemacht habe)“. Fokus und Maßstab ist (manchmal auch erst am Ende einer traumalogischen Überzeugungskette) fast immer das subjektive Erleben von Todesangst oder Lebensbedrohung.“
An dieser Stelle zweigt mein zweiter Punkt ab. Grenzwahrnehmung als Auslöser für Dissoziation und ihre funktionelle Relevanz für die Person als Ganzes.

Die dissoziative Identitätsstruktur (mit kPTBS) ist eine richtig fiese Bitch, wenn die Sache mit dem Überleben (dem tatsächlichen existenziellen Extrem) vorbei ist. Denn wenn sie nicht mehr wirklich gebraucht wird, dann ist es ihre Struktur und Funktionalität, die sich selbst aufrechterhält und erklärt. Und zwar sehr oft über das Erleben von Grenzen.

In einem Vortrag zum Leben mit DIS habe ich ein Mal auf den Film „Alles steht Kopf“ zurückgegriffen. Dort gibt es zu Beginn nur genau einen Knopf zur Reaktion auf äußere Reize (Grenzen etwa), den der Charakter „Freude“ bedienen kann. Ich beschrieb mein Erleben so, als hätten meine Gefühlscharaktere jeweils einzelne Büros und nicht einen gemeinsamen Raum, in dem alle Reaktionsträger (also die Gefühle) das Gleiche sehen und über die gleiche Knopf- und Schalterarmatur re.agieren. Und dass nicht alle immer Strom haben, geschweige denn sicher immer Bild- und Tonübertragung. Ich beschrieb mein Erleben so, als hätte sich in meinem Aufwachsen allein „Angst“ zu einer konstant kompetenten Figur entwickeln können. Aber nicht so wie in dem Film, ständig zitternd und nervös, sondern eher wie ein schneller, starker Geheimagent, der, ohne dass es jemand weiß, auch der Drahtzieher jeder Operation ist. Also einerseits alles bestimmt und andererseits alles ausführt.
Also auch den anderen „Gefühlen“ in mir „den Strom abstellt“, sodass sie überhaupt keine Reaktionsoption haben – und im Nachgang sich selbst darstellt, als hätte es ohne sein Eingreifen tödlich enden können. Das Pult mit dem „Angst“ re.gierte beschrieb ich in dem Vortrag als sehr professionell, das Pult der anderen „Gefühle“ als jeweils mit einem, vielleicht auch zwei Knöpfen ausgestattet.
Um das gesamte Erleben und Sein eines Menschen mit DIS zu beschreiben, ist diese Metapher natürlich viel zu unterkomplex. Ich habe sie auch nicht gewählt, um das zu beschreiben, sondern, um das Missverhältnis der Reaktionskompetenz abhängig vom emotionalen Status zu illustrieren.

Ich zum Beispiel konnte nicht eine einzige Emotion ohne Beimischung von Angst bzw. später dann aktives Beruhigen von Angst empfinden. Und zwar nicht, weil ich im Kern ein ängstlicher Mensch war oder mich bewusst alles Mögliche an traumatische Erfahrungen erinnerte und mir Angst machte, sondern weil ich ohne Angst nicht inter.agiere. Ich bin bis heute nicht immer und schnell über meine Gefühle klar, wenn keine Angst oder Körperempfindungen, die zu Angst gehören, dabei sind.
In der Auseinandersetzung mit meinem chronisch dissoziativen „In-der-Welt-sein“ habe ich dann geschlossen, dass Angst meine funktionelle Basis für die Interaktion mit dem Außen zu sein scheint. Denn selbst jetzt, nach der Integrationsleistung von zwei nach außen interagierenden Alltagssystemen zu einem (den Rosenblättern) – bis hin zu mir, Hannah, bin ich/funktioniere ich nicht als ein Ich, wenn Angst nicht gleichzeitig auch aktiviert ist.
Ist alles fun and games oder überwiegend eine andere Emotion präsent, erlebe ich mehr oder weniger starke Dissoziation. – Und manchmal holt mich genau das wieder „mehr zurück“ bzw. „entdissoziiert“ – bzw. noch ganz viel richtiger – reaktiviert meinen Hannah/Alltags/andere Menschen-Funktionsmodus. Denn so manches dissoziative Erleben ist einfach ängstigend.

Zurück zum Grenzerleben. Betrachten wir die DIS weniger als umfassende Schutzreaktion (vor der Erinnerung an traumatische Erfahrungen) und mehr als das Ergebnis desintegrierter Funktionsmodi (aufgrund der Art und Weise, wie eine Person aufgewachsen ist bzw. sich entwickeln konnte), fällt es leicht, davon auszugehen, dass es auch unterschiedliches Grenzerleben und entsprechend unterschiedliche Grenzkompetenzen gibt. Um das Bild vom Beginn nochmal zu bemühen, könnte man sich vorstellen, dass jedes Innen oder auch jedes (Unter/Sub)System von jemandem mit DIS ein anderes „Gefühlebüro“ im Kopf hat, bei dem jeweils andere Emotionen im Missverhältnis zueinander stehen. Systeme innerer Jugendlicher und Kinder zum Beispiel basieren bei mir zum Beispiel viel eher auf Neugier, Freude, Bindungsbedürfnis (Liebe), Wut, Ekel und Überraschung (Schock). Ihre Grundlage ist komplett anders und entsprechend auch ihre Funktionalität.

Ich als Kommunikator_in/Alltagsperson/hauptsächlich „frontender“ Anteil bin nach wie vor auf die Hilfe Außenstehender und viel aktiven Prozess angewiesen, um berührte oder verletzte Grenzen zu erkennen, in ihrer Bedeutung zu begreifen und realistisch einzuordnen, gerade weil ich primär angstbasiert funktioniere. Angst bremst den Frontallappen aus – den braucht man aber, um sich (und andere) zu reflektieren. Ich nehme manche Dinge bedrohlicher wahr, als sie sind, weil ich ohne Katastrophisierung über jeden Kontakt gar nicht erst sicher interagieren kann. Im Konfliktfall kostet es mich enorme Kraft, nicht in vermeidendes Verhalten zu rutschen oder auf meine Rechte oder Ansprüche zu verzichten, nur weil ich kompetenter darin bin, die Folgen dessen zu kompensieren. Und sehr oft überstrahlt genau dieser Kraftaufwand, den ich erst seit der Therapie betreibe, noch zusätzlich, dass ich den Konflikt überhaupt als Grenzthema begreife.

All dieses Wissen und Verständnis über mich bedeutet übrigens nicht automatisch auch, dass ich die Kompetenz habe, meine Grenzen zu kommunizieren, einzufordern, dass andere Menschen sie wahren und bedenken, oder sie zu vertreten. Dieses Wissen bedeutet nur, dass ich mich inzwischen häufiger mit weniger Angst selbst erleben und reflektieren konnte. Wissen allein befähigt nicht zum Handeln.
Aktuell erlebe ich es so, dass ich von meinem direkten Umfeld befähigt werden muss, um meine Grenzkompetenzen zu trainieren und zu modulieren. Wenn ich es mit Menschen zu tun habe, die primär mit ihrem Bild von mir bzw. ihrer Idee von mir interagieren, bin ich nicht in einem befähigenden Umfeld. Genauso wenig, wenn ich es mit Menschen zu tun habe, die von meiner angstbasierten Funktionalität profitieren. Etwa weil sie bei gemeinsamen Aufgaben wissen, dass ich zur Not halt alles allein mache (bevor wir beide sterben) und sich entspannt zurücklehnen.

Entsprechend ist meine Idee von meinem Funktionieren. Ich halte es nicht für eine Dysfunktion, wenn ich es nicht schaffe, den richtigen Menschen im allgemein angemessenen Zeitraum, passend zu vermitteln, wenn ich etwas nicht möchte, mit etwas nicht einverstanden bin oder den Umgang mit mir respektlos oder grenzverletzend empfinde. Im Hinblick auf meine traumabedingt entwickelten Fähig- und Fertigkeiten zum Überleben ist genau das mein Funktionieren.
Und hier lohnt es sich meiner Ansicht nach, sich selbst nicht nur als „System“ einzuordnen, sondern als der Organismus, der man ist als Mensch. Auch als sogenanntes „gemachtes/programmiertes“ DIS‑System. In dem Zusammenhang ist es meiner Meinung nach sogar besonders wichtig, die Depersonalisierung, der Gewalterfahrung nicht als Natur des eigenen Selbst anzunehmen. So nach dem Motto: „Sie haben mich wie einen Apparat benutzt, also bin ich jetzt einer (und werde wohl nie etwas anderes, ohne mich selbst zu verlieren).“

Die Anpassung an bestimmte Lebensumfelder ist nie die passive, ich-lose Reaktion, zu der manche Viele und auch so manche Literatur zum Thema ebenjene Funktionalität v.erklärt.
Passiv zu sein, kann aber durchaus Folge aktiver Prozesse (Funktionen) sein. Etwa im Kontakt mit der eigenen Familie oder Menschen, denen man eine gewisse Autorität (Macht) zuschreibt, nie zu widersprechen. Da denken viele Viele von sich, dass sie sich immer einfach ergeben und alles mit sich machen lassen. Praktisch selbst komplett verschwinden. Es mag traumatische oder extrem stressende Momente geben, in denen es zu einer kompletten Selbstaufgabe kommt. So etwas sieht dann aber von außen nicht aus wie ein Familienausflug, bei dem sich eine Person einfach komplett übernimmt, weil sie es in dem Kontext nicht schafft, eine Pause einzufordern. Sie mag von sich denken, sie sei kaputt, weil sie es nicht hinbekommt – was sie aber aus Sicht anderer Innerer schafft, ist, keinen Konflikt auszulösen (was aus Gründen evtl. sogar ganz gut ist). Sie hat den Eindruck, sich immer im Stich zu lassen – andere Innere fühlen sich aber vielleicht genau davon beschützt.

Die Funktionalitäten, mit denen die meisten Menschen mit DIS nach der Gewalt bzw. in weniger stressenden Zusammenhängen, zu kämpfen haben, sind oft genau die, die sie während ihres Lebens in ständig drohender Lebensgefahr gar nicht bewusst miterlebt haben. Die ihr Selbstbild in Frage stellen. Die manchmal mehr, manchmal weniger zur tatsächlichen Realität passen. Ich zum Beispiel habe mir meinen Hirntumor (ein unfassbar ängstigendes Ding btw) gewünscht, weil ich mich in der Zeit der Diagnosestellung oft total enthemmt, absolut frei und offen in aus meiner Perspektive todesgefährlichen Kontakten mit anderen Menschen erlebt habe. Ich hab einfach eine geraucht mit denen! Hab Musik gemacht – vor anderen Leuten! – Die mich angeguckt haben!!!
Heute sind das für mich die klassischen DIS‑Stories. Da habe ich andere Innere (andere Funktionssysteme) miterlebt, weil das allgemeine Erregungsniveau nicht mehr für eine spontane Dissoziation gereicht hat. Unser aller Funktionsgrundlage – Stress – hatte sich verändert. Aber unsere Funktionen nicht. Ich wusste nicht, empfand es nicht als zu mir gehörend, nicht mal als im möglichen Rahmen meiner Fähig- und Fertigkeiten, auch so im Leben sein zu können.
Für mich war jeder Moment, in dem ich andere Innere (andere Funktionsmodi von mir selbst) wahrgenommen habe, ein Extrem. Ein Grenzerleben, an dem ich „zerbreche“ oder manchmal auch innerlich „sterbe“ (dissoziiere). Ich habe auf diese Selbstwahrnehmung genauso reagiert, wie auf die Wahrnehmung von Grenzen von außen: angstbasiert, überlebensorientiert, vermeidend. – Die Inneren, die ich damals wahrgenommen habe, hingegen, konnten zunehmend weniger mit anderen Menschen umgehen. Seit der Zeit der Diagnosestellung ist vor anderen Menschen zu singen, ein Instrument zu spielen oder zu tanzen, kaum noch drin. Weder diese Inneren noch ich erreichen heute, unter den Bedingungen, in denen wir jetzt leben, mit dem Stressniveau, der Lebensbedrohung und so weiter, das Funktionsniveau, das wir jeweils früher hatten.

Manche Menschen würden das als Dysfunktionalität einordnen. Etwas, das früher ging, geht heute nicht mehr – Maschine kaputt. Ich ordne es heute eher als Baustelle ein. Anpassung an neue Funktionsgrenzen in progress. Ich muss umlernen, welche Ängste wann wie berechtigt und für den Rahmen funktionell sind – die anderen Inneren müssen umlernen, dass ihr Handeln mehr Bedeutungsumfang hat, als den, Dinge zu machen, weil sie sie können und schon immer gemacht haben. Wir beidalle nutzen hier die Anpassungsfunktion unseres menschlichen Organismus. Die ohne Grenzempfinden gar nie ausgeführt werden kann, jedoch bei mir anders erlebt wird, als bei diesen Inneren. Was wir also voneinander an Grenzkompetenz erwarten können, ist total unterschiedlich. Ich kann mich sehr darauf verlassen, dass diese Inneren wissen, wie man singt und tanzt. Aber auf gar keinen Fall, dass sie genauso sicher wissen, wer ihnen warum mit welchem Motiv dabei zusieht oder von ihnen verlangt, zu singen und zu tanzen.
Sie wiederum können sich bei mir total darauf verlassen, dass ich soziale Situationen vermeide, die uns in Lebensgefahr bringen könnten – jedoch nicht, dass ich über angstvolles Vermeiden, Analysieren und Katastrophisieren hinaus großartig irgendwie handlungsfähig bin.

Es ist wichtig, von diesem unterschiedlichen Funktionieren aufgrund unterschiedlichen Grenzerlebens zu wissen. Nicht nur für uns als Viele in einem Menschen_er.Leben, sondern auch für unsere Helfer_innen und Behandler_innen. Wer uns nicht kennenlernt, wie wir uns kennenlernen, wird uns überfordern. Wer annimmt, jedes Gespräch, jede gemeinsame Erfahrung würde von allen Inneren gleich erfasst, eingeordnet und (für) wahr_genommen, ähnlich erlebt und in Bezug zu sich begriffen werden, oder träfe auf die gleichen Kompetenzen, hat Vielesein, das Kernproblem der dissoziativen Identitätsstruktur, nicht verstanden und wird Fehler machen. Vielleicht auch richtig schlimme, richtig schwere Fehler.
Wenn Viele über sich sagen, dass sie alle innen unterschiedlich sind, dann ist praktisch nie gemeint, dass der eine Bonbons  mag und der andere sie hasst. Und auch nicht immer, dass die einen Gewalt erlebt haben und die anderen nicht. Meistens referenzieren wir auf grundlegend andere Fähig- und Fertigkeiten (Kompetenzen) zur Interaktion und Kommunikation, Weltbilder, Erklärungsmodelle vom Funktionieren der Welt und ihrer Bewohner sowie Konzepte von sich selbst. Wir sprechen von umfassend voneinander abweichenden Funktionsmodi, die bei manchen teilweise, bei anderen wiederum (noch) gar nicht aufeinander abgestimmt sind. Davon, dass wir gleichzeitig funktional und dysfunktional sind – weil unser Organismus unter verschiedenen Bedingungen unterschiedlich funktioniert und unterschiedlich viel oder wenig kongruente Bewusstseinsbildung dazu ermöglicht. Davon, dass wir uns plötzlich selbst erfahren und uns das absolut an unsere Grenzen bringt. Und oft auch einfach weit darüber hinaus.

vom Funktionieren – Teil 2, „Grenzen“, Punkt 1

Das Wiktionary beschreibt „Funktionalität“ als: „die Fähigkeit eines Produktes oder einer Komponente, bestimmte Aufgaben zu lösen“[1]
Ich liebe, dass dort steht „bestimmte Aufgaben“. Da steht nicht „jederzeit und immer alle Aufgaben“, was in der Regel das ist, was (manche selbsternannt „hochfunktionale“) Menschen mit DIS beschreiben oder von sich erwarten, wenn es um das Thema der Funktionalität geht. Die Beschreibung schafft hier etwas, was viele Viele erst in ihrer Auseinandersetzung lernen, nämlich Abgrenzung.
Das ist eins der Themen, die ich am Thema „Funktionalität“ habe. Grenzen.
Punkt 1 darin ist, wo Menschen ohne DIS die Grenzen von Menschen mit DIS verorten und welche Folgen das haben kann.

Die meisten Menschen mit DIS, die ich kennengelernt habe, werden von anderen Menschen grundsätzlich als fähiger eingeordnet, als sie es tatsächlich sind. Sie werden prinzipiell überfordert, ihre Grenzen entlang von völlig unpassenden oder sogar unangemessenen Konzepten von Limits und Kapazitäten verortet und ihre Fertigkeiten in Bezug auf die Funktionalität für die Gesamtperson stets überbewertet. Und das unter anderem aus folgendem Grund: Menschen mit DIS sind in der Lage, das Totalversagen ihres sozialen Umfeldes auf eine Art und Weise zu kompensieren, die ihrem sozialen Umfeld nichts abverlangt – und ihnen bis in den Kern ihres Selbst einfach alles.

Die Funktionalität von Menschen mit DIS wird auch heute noch leider überwiegend als von der chronischen Dissoziation definiert begriffen. Wenn eine Person mit DIS also etwas nicht kann, ist die Annahme oft, dass es aufgrund der Dissoziation so ist. Und wenn sie etwas ganz besonders gut kann, dann wird es damit erklärt, dass die Dissoziation nicht alles vernichtet bzw. geschützt hat. Dieses Verständnis verzerrt die chronische Dissoziation der Menschen mit DIS zu einer Art „Schrödingers Schädigung“ – sie ist gleichzeitig absolut behindernd und absolut befähigend.
Wenn auch nur eine Person im Hilfesystem einer Person mit DIS dieses Verständnis hat, ist kaum davon auszugehen, dass die Interaktion nicht in irgendeiner Weise überfordernd oder grenzverletzend wird. Denn schon die Zuschreibung der Dissoziation als begrenzend oder definierend kann maximal von dem Selbsterleben der betroffenen Person abweichen und ihre ohnehin von Entwicklungs- und Bindungstraumatisierungen beeinflussten Möglichkeiten zur Selbstwahrnehmung beschränken.
Ich beobachte zum Beispiel oft, dass Menschen mit DIS als „besonders clever“ oder „super fit im Kopf“ wahrgenommen werden. Manche professionell betreuenden Menschen sind bis heute davon überzeugt, dass ohnehin nur kluge Köpfe eine DIS entwickeln können. Was in ganz vielen Betreuungszusammenhängen zu mehr oder weniger bösen Überraschungen führt, weil jemand mit DIS auf den durch solche Zuschreibungen ausgelösten Druck mit dissoziativer Anpassung reagiert. Die Person sagt dann einfach nicht, dass sie ihren Schulabschluss nicht verfolgt. Die Wohnung nicht sauber hält. Sich nicht versorgt. Keinen Schimmer davon hat, was selbstbestimmte Versorgung oder Verortung im Leben mit anderen Menschen bedeutet. Sie entwickelt einfach weiterhin überhaupt keinen interaktiven Bezug zu sich selbst in Raum und Zeit über das Hier und Jetzt der Hilfemaßnahme hinaus. Sie kanns vielfach einfach auch nicht, weil sie im Kontakt mit der Person, die sie als so wahnsinnig klug und begabt (oder anders unpassend etwa ausschließlich als tapfere, starke Person, die überlebt hat) anspricht und sozial überfordert, das Bewusstsein um ihre Schwächen und Unfähigkeiten vermeidet bis hin zur reaktiven Dissoziation. Weil sie so mit Überforderungen umgeht. Egal, ob diese aus realer Lebensbedrohung hervorgeht oder nicht.
Wenn beide Seiten keinen Blick für die realen Unfähigkeiten der Person mit DIS haben, was ist zwingend die logische Folge? Richtig – ein Kollaps. Entweder wird das Bild der betreuenden Person von der Person mit DIS kollabieren oder die Person mit DIS bricht „aus heiterem Himmel“ zusammen (dieses rätselhaft komplexe System 🙄).

Hier also auch eine soziale Dynamik, die dazu führt, weshalb manche Viele annehmen, sie wären total lebensunfähig und bräuchten ihr Leben lang bei allem Hilfe, weil sie dauernd dissoziieren und überhaupt keinen echten Überblick über sich und ihr Leben hätten. Wer nie richtig gesehen (und entsprechend angesprochen) wird, kommt nie in die Lage, sich selbst richtig zu sehen und einen entsprechend angemessenen Anspruch an sich (und das Umfeld) zu entwickeln. Das ist 101-Menschenentwicklung. Basic-Grundlage „Wie werden Menschen“. Null Geheimnis, nixi nada special DIS – nur man-made bzw. Komplex-Trauma und seine Folgen.

Die meisten Menschen mit DIS sind in Verhältnissen aufgewachsen, in denen Grenzen verschoben, ignoriert, verzerrt, missbraucht, instrumentalisiert oder auch einfach nie bewusst existiert haben. Grenzerleben und auch das Handling, also die Kommunikation und das Erweitern oder Einengen von Grenzen, sind so fundamental, dass es zum Selbst- und Umwelterleben ganz natürlich dazugehört. Den meisten Menschen ohne DIS oder andere tiefgreifende dissoziative Störung bzw. Aufwachsen mit dauerhaft toxischem Stresserleben muss niemals in ihrem Leben bewusst gemacht werden, dass es nicht nur die Grenze zwischen Leben und Tod, „an“ und „aus“, „da“ und „weg“ gibt. Woran man sie erkennt und wie man sie in Bezug worauf bewerten kann oder wie mit ihnen umzugehen ist. Zu dem großen Fundus des „ungeschlagenen Lebens“ gehört eine gewisse grundlegende Kenntnis oder auch ein gewisses Konzeptverständnis darüber, das einfach so früh gelernt und integriert ist, dass es keiner weiteren Worte braucht, um sie zu formulieren. Es wird eigentlich nur noch Energie dafür ausgebracht sie zu erhalten oder zu verteidigen. Oder nach bestimmten Krisen neu auszurichten.

Viele komplex traumatisierte Menschen mit DIS operieren nur mit dem existenziellen Extrem. „Ich habe X gemacht und das hat funktioniert (Ich lebe noch)“ oder „Ich habe X gemacht und das hat nicht funktioniert (Ich bin irgendwie/seelisch/innerlich gestorben, als ich X gemacht habe)“. Fokus und Maßstab ist (manchmal auch erst am Ende einer traumalogischen Überzeugungskette) fast immer das subjektive Erleben von Todesangst oder Lebensbedrohung.
Zum Beispiel: „Wenn ich nicht alles für meine Familie gebe, bin ich tot, weil * – also gebe ich alles, immer.“ [und konzentriere alles (Bewusstsein, Konzentration, Energie) so stark auf meine Anpassung an die Vorgabe, alles für meine Familie zu tun, dass Dissoziation einsetzt, ich meinen erbärmlichen körperlichen Zustand überhaupt nicht mehr spüre und auch keine Energie mehr da ist, mich mal zu fragen, ob meine Annahme von Lebensbedrohung überhaupt wirklich stimmt, oder mich für die Lernerfahrung zu öffnen, was das überhaupt bedeutet – welche Funktionalitäten ich ausführe –, wenn ich „alles gebe“].

Um nicht-existenzielle, weniger extreme Grenzen kennenzulernen, mit sich selbst in Bezug zu setzen, zu erforschen und einen Umgang mit ihnen zu trainieren, braucht es nicht nur „weniger Dissoziation“ oder „mehr oder andere Funktionalität“, sondern ein Leben, dessen Realitäten nicht stets und ständig, mit hoher Wahrscheinlichkeit, akut bedrohlich sind. Weder in ihren Existenzen noch ihren Grenzen.
In diesem Zusammenhang muss gerade professionell betreuenden oder behandelnden Menschen eindeutig klar sein, dass „sich halt mal zu irren über das, was ihre Klient_innen können und was nicht“ wirklich überhaupt gar nie banal sein kann. Nicht, weil bei einer Fehleinschätzung immer gleich ganz viel kaputtgehen kann, sondern aus meiner Sicht viel schlimmer, etwas ganz grundlegend Wichtiges für die Selbsteinschätzung (der eigenen Lebendigkeit, Fähigkeiten, Wünsche und so weiter) sich weiterhin nicht oder nur sehr begrenzt entwickeln kann.

Gleiches gilt für Partner_innen, Freund_innen, Mitmenschen anderer Bezüge.
Es ist sehr leicht, einen Menschen mit DIS falsch einzuschätzen. Von der Bewertung bestimmter Situationen oder Zusammenhänge überrascht zu werden. Und schon in dem Moment, in dem die Diagnose und ihre Ursachen vermittelt werden, müssen „Fähig- und Fertigkeiten“ in einer Art und Weise behandelt werden, dass sich jedes spontane Einschätzen verbietet, weil das Risiko für eine falsche Einschätzung einfach sehr hoch ist.
Wenn man so will, ist das vielleicht die erste Grenze von Menschen mit DIS (und anderen dissoziativen Störungen nach (komplex)traumatisierenden Erfahrungen), die man als Außenstehende begreifen und immer wahren muss: Jede Annahme über die Fähig- und Fertigkeiten eines Menschen mit derart unterentwickelten Grenzkompetenzen, so umfassender Dissoziation und resultierend schwerer Störung, ist jederzeit gleichzeitig richtig und falsch. Und daher zu keinem Zeitpunkt verlässlich brauchbar.

Der sichere, kontinuierliche, eindeutige und in jeder Hinsicht tatsächliche Kontakt muss hier zum Ausgleich genutzt werden.

[1] Wiktionary: https://de.wiktionary.org/wiki/Funktionalit%C3%A4t

Fundstücke #98

„Wieder so ein Selbstgespräch“, denke ich. In mir schließen sich die Schotten, während ich den Kontakt in Echtzeit analysiere. Ich lese keine Aufmerksamkeit für mich. Kein Warten auf eine Reaktion von mir. Die Person erwartet nicht einmal, dass ich mich beteilige. „Aber sie fühlt sich im Kontakt, oder? Das ist kein förmlicher Kontakt. Hier wird überhaupt auf gar keine Form geachtet. Keine Grenzen des Anstands, den Fremde füreinander haben. Keine Grenzen des Respekts, den Freund*innen füreinander aufbringen. Wow – warte – ist das – was ist das hier?“ und wie in einer Art innerer Zeitlupe merke ich, wie das Wasser steigt. Die Flut kommt. Meine Verwirrung, fremde Ängste und Hilflosigkeitsgefühle. Erinnerungsflocken und unwillkürliche Reaktionen darauf.
Wer auch immer sich gerade hinter den Schotten verbirgt, war total schlau.

Ich hingegen ziehe mein Training durch. Pragmatische Orientierung, Klärung der Fakten. Missachtete Grenzen erwähnen, aber weder deren Verletzung noch deren Relevanz für mich betonen, um die Kontaktfläche so schmal und flach zu halten wie möglich.
Die Flut, in der ich mich ertrinkend fühle, ist für mein Gegenüber so sehr nicht real, wie sie für mich noch nicht differenzierbar ist. Ich bin von allen Seiten bedrückt, mein Gegenüber fühlt sich entlastet. Geklärt, geordnet, frei von allem, was mich in den nächsten Tagen, vielleicht auch Wochen, noch bewegt. Ich spüre schon jetzt jemand Inneres einen Mopp schwingen und darauf bestehen, nie wieder mit irgendwem Kontakt aufzunehmen. „Immer diese Scheiße hier! Nur wegen … DARGH!“ die Grenze der Aussprechbarkeit ist erreicht.

Ich akzeptiere. Kanns mir leisten. Ich kann den Kontakt loslassen. War dafür vielleicht von Anfang an nie wirklich relevant. Für manche Menschen ist man einfach besser Projektionsfläche als irgendetwas anderes. Ich kenne das schon. Heute schmerzt das anders. Früher dachte ich noch, dass es nur mit mir zu tun hätte. Heute tut mir weh, dass es keinen Schutz dafür gibt. Dass es leider zum Leben mit Menschen dazu gehört.

Trotzdem muss ich wissen, was das war. Brauche Vibes, Einschätzung von außen, Abgleich, Meinung von anderen und hole sie mir auch ein. Bin erleichtert, als mir niemand absolute Übersichtlichkeit, Klarheit, Eindeutigkeit der Situation bescheinigt. Beruhigt, als sich kein grober oder offensichtlicher Fehler von mir abzeichnet, sondern ein Komplex, in dem ich von Anfang an wenig Optionen hatte.
Das hilft. Beruhigt die Wogen der Flut, lenkt ihre Energien um, stützt mich.

Die innere Debatte verändert sich von „nie wieder mit irgendwem irgendwas zu tun haben“ zu „Okay, heute erstmal nicht und morgen können wir in Ruhe abwägen“ zu „Ja, aber mein Mann ist ja nicht ‚irgendwer‘“ -„Und meine Freund*innen übrigens auch nicht …“ bis wir irgendwann einig sind, erst einmal nur genau dieser einen Person keinen Zugang mehr zu uns zu geben. Weil wir das können. Grenzen nicht nur haben und übertreten lassen, sondern auch überlegt und bewusst wieder herstellen. Und Entscheidungen darüber treffen, ob wir sie mitteilen oder nicht.

Am Ende fühle ich mich, als hätte ich eine Gartenarbeit geschafft. Weirdly proud und froh, dass es geschafft ist.

Fundstücke #93

Der Großteil meiner Traumatherapie bestand und besteht bis heute darin, meine eigenen Grenzen empfinden, einordnen, anerkennen und bewahren zu lernen. Immer wieder und auf allen Achsen ist das relevant. Manchmal, weil ich mit bestimmten Grenzen nicht aufgewachsen bin. Manchmal, weil mir Grenzen nicht erklärt oder aufgezeigt wurden (und werden). Manchmal, weil mir bestimmte Hinweise (etwa von meinem Körper) nicht oder nur unter bestimmten Umständen eindeutig interpretierbar gesendet werden.
Die eigenen Grenzen zu er.kennen und wahren zu können, ist eine unglaublich schwierige und vielschichtige Arbeit, wenn man sie bewusst vornehmen muss. Und meistens ist es eine eher nicht so tolle Erfahrung, mit eigenen Grenzen konfrontiert zu werden. Jedenfalls nicht für mich.

Es gibt Traumawahrheiten, die mich bis heute einigermaßen leistungsstark durchs Leben bringen. Im Text über den „Ich bin erwachsen-Kniff“ habe ich eine davon bereits beschrieben.
Was mich nun beschäftigt, ist die Frage, was man dem entgegensetzt. Und wozu. Und zu welchem Preis.
In der Aufarbeitung meines letzten Burnouts wurde mir beispielsweise klar, dass ich mich in vielen Lebensbereichen in Leistung quäle, weil es sich für mich sicherer anfühlt, schmerzerfüllt und ich-los zu leisten. Und zwar, weil ich generell eher selten Erfahrungen mache, in denen Schmerzfreiheit und Ich-Gefühl gleichzeitig bestehen. Es macht mir Angst, keinen Schmerz oder dissoziative Selbstempfindung zu haben. Weil das sehr eindeutige Grenzerleben von „gleich/jetzt geht hier gar nichts mehr“ so viel vertrauter und eindeutiger ist.
Hinzu kommt, dass es in Bezug auf meine Leistungsfähigkeit kaum einen Unterschied zwischen Traumawahrheit und Er.Lebenserfahrung gibt. Wenn ich nicht mehr kann, kann ich wirklich nicht mehr und bin wirklich existenziell gefährdet.

Was überhaupt nicht hilft, dieses Thema zu verändern, ist anzunehmen, ich hätte eine Intuition, ein Wissen ohne Denken, das mich schützen könnte, würde ich nur darauf hören.
Ja, ich gehöre zu den intellektualisierenden Menschen. Das kann ein intuitives Wahrnehmen von Gefühlen und „rohen Impulsen“ erschweren oder auch verhindern. Und gerade in Bezug auf Komplextrauma ist Intellektualisierung häufig ein Mittel, funktionellen Freeze aufrechtzuerhalten, um zu überleben. In diesem Zusammenhang wird Intellektualisierung als reiner Abwehr-(zum Schutz)‑Mechanismus verstanden. Als Option, sich vor großen Unkontrollierbarkeiten zu schützen oder sich die Illusion von Kontrollierbarkeit über Unkontrollierbares zu bereiten. In Bezug auf das Er.Leben chronisch traumatisierender Lebensumstände, halte ich diese Annahme für richtig.

In Bezug auf alltägliches Erleben hingegen nicht.
In meinem Alltag hat meine Intellektualisierung eher die Funktion, mir zwischenmenschlichen Kontakt und allgemeine Orientierung zu ermöglichen. Da sind meine Gefühle nicht unterdrückt oder abgewehrt, sondern primär reine, rohe, ungefilterte Körperempfindungen und -funktionen, die ich erst durch die intellektuelle Erfassung und Einordnung als solche identifizieren kann.

Ich weiß nicht, wie viel da dran ist, aber meine Annahme aktuell ist, dass dieses Moment etwas ist, bei dem andere Menschen auch einfach wieder schneller sind als ich und deshalb gar nicht bewusst merken, dass auch sie Gefühle nicht einfach mal eben so „einfach spüren“ und „einfach so wissen“. Ich stelle mir das so vor wie einen Arbeitsprozess, der durch Üben immer schneller wird und immer weniger gezieltes Nachdenken über einzelne Schritte erfordert und irgendwann mehr Körpererinnerung als bewusst angesteuertes Geschehen ist.
Und da gibt es einen Anknüpfungspunkt.
Viele autistische Menschen haben Schwierigkeiten damit, Abläufe zu lernen und erlernte Abläufe sicher im Gedächtnis zu behalten. In der wissenschaftlichen Literatur wird das mit „Defiziten im prozeduralen Gedächtnis“ beschrieben und teilweise erwähnt, um zu erklären, warum autistische Menschen den Erwartungen nicht-autistischer Menschen manchmal gar nicht entsprechen [1]. Etwa, wenn sie akademisch/schulisch schlecht performen, aber in ihrem Spezialgebiet jedes noch so kleine Detail beschreiben können. Oder, wenn sie sich nicht die Schuhe binden, aber jeden Dialog eines Films aufsagen können. Das Ding dabei ist, dass diese Aufgaben jeweils wenig bis nichts miteinander zu tun haben. Um sich die Schuhe binden zu können, müssen Auge und Hand koordiniert werden, während gleichzeitig der Handlungsablauf Schritt für Schritt abgerufen, abgeglichen und ausgeführt werden muss. Und das ja in der Regel eingebettet in einen größeren Handlungsablauf (etwa das Haus verlassen). Um einen Dialog (oder reine Informationen) zu speichern, reicht es, einen Kanal zu öffnen (etwa nur das Hören oder nur das Sehen) und den Input innerlich/geistig abzubilden. Der Aufwand dafür, die Kraft, die dieser Vorgang erfordert, ist ein ganz anderer, weil der Prozess (und auch das prozessierende Hirnareal) ein anderes ist.

Ich lerne am besten, wenn ich erlebe. Wenn ich mich physisch konkret mit dem Lerninhalt befassen kann oder beim Lernen physisch aktiv(iert) sein kann. Große Gefühle aktivieren. Schmerz aktiviert. Stimming aktiviert.
Ich habe für manche Alltagshandlungen redundante Lieder bzw. Reime im Kopf. Zum Anziehen zum Beispiel „Kopf, Schulter, Knie und Fuß“ oder den Reim mit dem Häschen beim Schuhe binden (obwohl ich gar nicht nach der „Hasenmethode“ binde). Unterdrücke ich dieses „geistige Singen“ (etwa, weil ich von mir erwarte, mich gefälligst nicht mehr wie ein Kleinkind zu verhalten), wird die Handlung zum Krampf. Mir fallen die Bestandteile ein, aber nicht mehr die Reihenfolge, und es dauert ewig. Bin ich dann auch noch in einer Situation, die nicht typisch für diese Handlung ist, besteht durchaus die Möglichkeit, dass ich es gar nicht hinkriege. Obwohl ich es schon unzählige Male geschafft habe.

Die geistige Energie, die ich für diese physischen Abläufe aufbringe, ist genauso groß wie bei psychischen Prozessen. Da passiert wenig „einfach so“ oder ohne eine Art „Überbrückung durch anderweitige Aktivierung“. Die Dissoziation ist eines dieser wenigen „einfach so“-Dinge. Wahrscheinlich, weil sie kein aktiver (bewusster) psychischer Prozess, sondern ein biologischer Reflex ist. Wenn etwas zu gefährlich, zu flutend, zu reizend ist, dann musste ich noch nie aktiv darüber Bescheid wissen.
Und machen wir uns doch ehrlich: Im Grunde wäre es doch auch scheiß egal, ob ich weit vorher schon weiß, dass irgendetwas zu viel für mich ist – meine Mitwelt teilt meine Wahrnehmung gar nicht. Ist überhaupt gar nicht darauf ausgelegt, dass irgendwas generell langsamer, weniger intensiv oder sonstwas ist. Entweder ich mache mit oder nicht. Entweder ich mache den Job oder nicht. Entweder ich leiste wie gewünscht, erwartet, erhofft oder nicht. Entweder ich funktioniere/leiste passend oder nicht.
Und jedes „Nicht“ in dieser Aufzählung führt zu Isolation. Zu einem „nicht dabei“, „nicht dazu“, „nicht mit“, „nicht auch“. Und in der logischen Konsequenz dann eben auch zur Notwendigkeit, mich immer bis auf die letzte Rille zu verausgaben, um meine Bindungs- (und also Sicherheits‑)bedürfnisse zu erfüllen.
Natürlich gibt es Verhandlungsspielraum, natürlich ist das alles nicht „schwarz oder weiß“ – aber irgendwann eben doch. Immer. In Bezug auf alles und alle.

Klar ist das total traurig. Und beschämend für unsere Gesellschaft, die so ja gar nicht sein will. Und dann irgendwann eben doch ist. Aber wiederkehrende Burnouts zu verhindern und meine Grenzen doch besser wahren zu lernen, ist im Hinblick darauf doch einfach hohl.
Oder?
Ich könnte effizientere Fürsorgeentscheidungen treffen, wenn ich mehr darüber wüsste, was ich innerhalb meiner Grenzen leisten kann – und wem das wann wie in welchem Zeitraum auch genug ist. Wer mir entgegenkommt, wenn ich nicht weiter kann. Wer mich bei „banalem Kleinscheiß“ unterstützt, auch wenn ich in „hyperkomplexem Metakram“ überlegen bin.
Und wenn es bei Grenzberührung nicht tatsächlich immer auch implizit um Leben und Tod ginge. Oder diese meine Beobachtung/Einordnung nicht mit einer Traumareaktion gleichgesetzt werden würde, die ich nur wegen meiner intellektuellen Fähigkeiten so benennen kann. Man muss nicht gut intellektualisieren können, um zu merken, dass man ein echtes, so richtig großes, Problem hat, wenn man keine Ver.Bindung zu anderen Menschen hinkriegt oder sich nie sicher sein kann, wie lange bestehende Ver.Bindungen halten. Wegen Grenzen.

[1] https://www.researchgate.net/publication/353658929_Autismus_Ein_Uberblick_uber_Lernvoraussetzungen_und_Fordermassnahmen

gebrauchte Grenzen

„Test ist da. Ich hab COVID.“
Eine Messengernachricht von meinem Mann. Am Dienstag. Mittags. Während ich mich durch meine Halsschmerzen hindurch in den zweiten Arbeitstag nach fast 8 Wochen Unterbrechung quetsche. Als hätte es mein Burn-out nie gegeben, als hätte mein Körper aktuell nicht alle Ruhe und Sanftheit der Welt nötig.
Als auch mein Test positiv war, brach für mich wieder alles in sich zusammen.
Meine Idee vom achtsameren Wiedereinstieg, meine Tagespläne, die ihn mir erleichtern, die so mühsam zurückeroberte Kochroutine, den Rhythmus von Pausen und Arbeiten bedarfsgerecht zu halten und auch die neuerliche Hoffnung auf eine Schwangerschaft. Alles kaputt. Keine Ruhe, keine Zeit der Sorglosigkeit außerhalb der Arbeit.

Am Ende war der Verlauf nicht so schlimm wie beim letzten Mal.
Und doch genauso belastend. Denn auch dieses Mal war ich in beständiger Sorge um meinen Mann und bin es noch. Während ich nach einer Woche wieder fit für geisttötende Arbeit am Computer bin, ist mein Mann noch krankgeschrieben und hustet mit seiner inflexiblen Lunge an Schleimbröckchen herum.
Und noch etwas beschäftigt mich, während ich in Trauer um meinen Embryo im Bett liege, als hätte ich ein echtes Kind verloren, und meine fiebrige Stirn kühle: die Frage, was ich eigentlich schaffen kann, wenn ich meine Grenzen ernstnehme. Und was das aus mir macht. Wo es für mich hingehen soll im Leben. Was ist, wenn da einfach nie ein Kind kommt. Und welche Grenzen ich in welchem Leben eigentlich wirklich brauche.

Es gibt die Phasen, in denen ich mich in einem Freilichtmuseum sitzen sehe, wo ich Strickwolle aus Floof herstelle oder Einkorn in einer Steinschale mahle. Oder meinem Lebenswunsch nach der Wanderung von Kreta nach Spitzbergen folge. Oder Katzenwelpen päpple oder Igel versorge. Messiwohnungen sortiere oder nachhaltige Häuser entwerfe. Seminare zu Trauma und Folgen gebe und Menschen zuhöre. Unterarmdicke Wälzer zu Gewalt und Gesellschaft durcharbeite und eigene Theorien ausformuliere. Die Projekte, in denen ich arbeite, mit einer guten und sicheren IT ausstatte. Manuskripte prüfe oder Bücher setze. Ein eigenes tiny Einsiedel im Selbstversorgergarten mit Katzenbesuch und sookieartigem Hund baue und jeden Winter ein neues Buch schreibe. Tagsüber mit meiner Kamera unterwegs bin und abends in der Dunkelkammer werkle.

In diesen Visionen sehe ich nie, wie ich die Arbeit anfange und aufhöre. Wie ich mir dann Frühstück, Mittag, Abendbrot mache und meine Wäsche wasche oder im Arbeitszimmer staubsauge. Die ganze Logistik des täglichen Lebens fehlt in meinen Überlegungen, und mir ist  auch absolut klar, warum. Diese Alltagslogistik ist bis heute weitgehend dissoziiert in mir, während sie auch gesellschaftlich für die meisten Menschen eher abstrakt und unbewusst ist. Wir hätten keine Debatte über Mental Load oder unbezahlte Carearbeit, wäre das anders.

Ich habe bis heute nicht durchgehend die Fähig- und Fertigkeiten, um dissoziatives Wegdriften im Alltag zu verhindern. An manchen Tagen beginnt die sensorische Überreizung mit dem Aufmachen meiner Augen – noch vor irgendeinem Traumatrigger oder Gedanken an eine Belastung. Das sind die Tage, an denen ich rate, ob ich gewaschen und gepflegt bin; meinen Körper auf Hunger- und andere Bedarfszeichen abscannen und mich in die Vernunft zwingen muss, Termine abzusagen. Einfach weil ich nicht weiß, wie gut meine Grundversorgung gelaufen ist. Weil ich weiß, dass ich inzwischen zwar nicht mehr sofort Krampfanfälle bekomme, wenn ich mal ein bisschen übers Limit gegangen bin, aber im Grunde nach wie vor keinen blassen Dunst davon habe, was mein Limit eigentlich ist.

Und dann sind da noch die vielen kleinen Traumasprengsätze im sozialen Leben unter anderen Menschen. Im letzten halben Jahr war ich in einen Konflikt verwickelt, der mit wochen-, teils auch monatelangem Warten auf kommunikative Interaktion einherging. Was mir dermaßen viel Kraft geraubt hat, weil ich mich ständig aktiv reorientieren musste, obwohl es keinen akuten äußeren Auslöser (also Kontakt mit der Person) gab. Weil ich so viel mit so vielen unterschiedlichen Menschen sprechen musste, um diesen Kraftfresser (neben anderen) überhaupt erst als triggernd zu identifizieren. Allein das – so eine ganz objektiv betrachtet: Lappalie – kann ich bis heute nicht verarbeiten und in mein Leben integrieren, ohne bewusst und gezielt dafür zu arbeiten.
Und Konflikte sind dafür noch ein sehr eindeutiges Beispiel.

Viel häufiger noch habe ich es mit der Frage zu tun: „Was wird hier erwartet – dieses alles oder DIESES alles? Das alles, in dem ich mich verliere, weil ich versuche, alles richtig zu machen, weil ich die Person mag oder es für die Arbeit erforderlich ist oder es einfach cool von mir wäre?
Oder DIESES alles, in dem ich eine seelische Entbeinung erlebe, weil ich weder weiß, was alles genau sein soll, noch wozu, und deshalb nur verlieren kann, was wiederum alles bis hin zu akuter Lebensbedrohung zur Folge haben kann?“
Der Eigenverantwortung nachzukommen, über wirklich jede soziale Interaktion und Kommunikation in meinem Lebensumfeld das Raster der Realitätsüberprüfung zu legen, ist eine große Herausforderung für mich. Besonders dann, wenn es um soziale Situationen geht, in denen ich ebenfalls alleinverantwortlich mein autistisches Verarbeiten von Sprache kompensieren muss. Also parallel zur Traumareorientierung auch noch, möglichst schnell und unbemerkt vom Gegenüber, damit es sich weder verletzt noch ignoriert fühlt, übersetzen und analysieren muss.

Der Begleitermensch hat mir in unserer gemeinsamen Zeit oft gesagt, dass ich auch ohne Lohnarbeit extrem viel mehr arbeite, als die meisten anderen Menschen, einfach um diese gewisse Baseline des Alltags zu halten.
Als er das zum ersten Mal gesagt hat, hätte ich heulen können, weil ich mich so gesehen fühlte. Später heulte ich dann tatsächlich oft, einfach, weil sich in dieser Arbeit gesehen zu fühlen, überhaupt nicht dabei hilft, sie jeden Tag zu schaffen. Geschweige denn, sich von den Ansprüchen anderer Menschen und auch unserer Gesellschaft nach noch mehr als nur dem Schaffen einer Baseline, abzugrenzen.
Und dann war da ja noch dieses Narzissmus-Thema.
Diese Situation, an deren Ende ich erst durch einen Klinikabschlussbericht nach 3 katastrophal überanstrengenden Wochen in einer Tagesklinik, verstand, dass meine Grenzen zu kommunizieren für andere Menschen auch so wirken kann, als würde ich meine Grenzen für wichtiger halten als die von anderen Menschen. Und also mich selbst für besser und wichtiger als andere Menschen halte. Das Ereignis war bereits als Behandlungserfahrung massiv retraumatisierend. Da hätte ich noch so fit und stabil an mir reorientieren können, diese umfassende Missachtungserfahrung hat nie nicht verletzend und mich negativ beeinflussend sein können. Dazu war mein Verhältnis zu mir und meinen persönlichen Limits einfach viel zu dissoziiert. Ich konnte nur traumalogisch annehmen, dass meine Grenzen nicht da waren, wo ich sie wahrnahm und kommunikativ markierte, sondern da, wo sie die Behandlerin damals festgeschrieben hat.
Meine bereits damals bestehenden Ängste, missverstanden zu werden oder Eindrücke von mir als Person zu vermitteln, die ich nicht vermitteln möchte, wurden um dieses Ding erweitert. Ich muss bis heute noch eine Stufe mehr schaffen, eine Arbeit mehr leisten, um nicht entweder sprechstarr oder traumareaktiv im Kontakt zu sein, sondern wach, orientiert, fokussiert und korrekt übersetzend. All das in dem Wissen, dass ich mir diese Arbeit auferlege, um die Grenzen anderer Menschen nicht zu verletzen, während meine schon in dem Moment irrelevant werden, wenn ich sie als traumalogisch begründet oder aufgrund meiner Behinderung entstanden erkenne. Und zwar nicht von meinen Mitmenschen, sondern ganz allein mir.

Denn auch das gehört zur Wahrheit von Therapie im Leben nach dem Trauma und mit Behinderung: Alles, was davon kommt, gehört kompensiert oder überwunden beziehungsweise mindestens mal in Funktion und Wirkung verstanden und umfassend reflektiert.
Klar reden wir auch von liebevoller Anerkennung und Dankbarkeit. Und üben Akte der Würdigung. Aber seien wir ehrlich – am Ende ist es doch einfach geil, wenn weder Trauma noch Behinderung großartig beim Leben stören. Da sind sich wohl alle Menschen einig.

Nach einem komplett entgrenzten Juli musste ich anerkennen, dass ich tatsächlich niemals allein leben sollte. Ich bin nicht in der Lage, mich selbst zu organisieren, mein Handeln zu strukturieren und meine Baseline als solche überhaupt im Bewusstsein zu haben, wenn ich keinen äußeren Anreiz durch andere Menschen oder Tiere sowie eindeutige Vorgaben zur Reaktion habe. Ich würde auf lange Sicht verhungern, Krankheiten entwickeln, Verletzungen nicht bemerken oder fremde Gefahrensituationen nicht adäquat beantworten – aber voll konzentriert auf etwas sein.
Meine Grenzen, meine Limits und meine Baseline, werde ich also immer als etwas behandeln müssen, das andere Menschen und die Belastungen, die damit für mich entstehen, beinhaltet, wenn ich lange und unversehrt leben möchte.
Eine Realität, die ich zum Kotzen finde, denn ganz authentisch in mir drin, würde ich lieber einfach ganz allein mit mir sein. Nicht weil ich andere Menschen in Wahrheit kacke finde oder gruselig oder gefährlich. Oder weils mir zu anstrengend ist. Manchmal (inzwischen sogar meistens) ist es ja ganz toll für mich. Aber es gibt da immer diese Kluft, diesen immer offenen Spalt, weil ich meine Grenzen und die von anderen Menschen nie nahtlos aneinandergelegt bekomme. Und selbst wenn es mir mal leicht fällt darüber hinwegzugehen – ich einfach immer und immer und immer und immer drüber hinweggehen muss. Weil es einfach kein Leben, keine gemeinsame Realität ohne diesen Schritt von mir zu anderen Menschen hin gibt. Und damit gewissermaßen auch kein Leben ohne einen gewissen Grad von Selbstaufgabe, ohne Verzicht auf die Ausentwicklung meiner ganz eigenen Kultur, meines ganz ungestörten Selbsts.

Aus Erfahrung weiß ich, dass ich diese Dinge nicht schreiben kann, ohne dass sich meine Freund_innen von Absätzen wie diesen betroffen fühlen. Oder persönlich benannt fühlen. Ich weiß, dass ich allen nach der Lektüre sagen muss: Nein, es geht dabei nicht um dich. Du bist gut und richtig, so wie du bist. Worauf ich mich da beziehe, ist eine Ebene, auf der wir nicht miteinander zu tun haben. Die ich dir nicht beschreiben kann. Auch wenn wir sonst alles teilen. Wir vieles voneinander mitkriegen.
Dass ich das so empfinde, ist auch überhaupt keine Aussage über die Qualität unseres Kontaktes oder meiner Aufrichtigkeit im Kontakt. Es ist viel mehr eine Aussage darüber, wie wichtig du mir als Resonanzpunkt außerhalb von mir bist. Sowohl für mein Überleben, aber auch in Bezug auf mein Anliegen, meine Lebendigkeit zu gestalten. Ich gehe diesen Extraschritt nicht, weil ich muss, sondern weil er von einem von uns beiden zu machen ist. Und ich gehe ihn auf dich zu, weil ich lieber ganz ohne mich mit dir sein will, als ganz mit mir, aber ohne Bezug zu dem, was meine Lebendigkeit in diesem Universum kontextualisiert und bedeutsam macht.

Das Thema ist komplex.
Ich habe noch nicht mal darüber geschrieben, wie easy ich mich aufs Opfermitleid drauflegen könnte. So nach dem Motto: „Ich hab genug gelitten, jetzt zählt nur noch, was ich vom Leben will und das ist … schlafen, essen, ausscheiden, es warm und sicher haben sowie Spaß und Liebe nach meinem Begehr haben – aufstampf, Tür knall, warten, wer mir das ermöglicht, weil sie_r denkt, ich hätte das doch mehr als verdient.“
Oder wie es dem Staat, der mich nicht geschützt hat, gegenüber nur fair wäre, wenn ich ihn jetzt einfach komplett und für immer auffordere, meinen Lebensunterhalt angemessen zu finanzieren, sodass ich wirklich einfach komplett whatever whenever machen kann.

Die Anfangsfrage ist für mich weiterhin nicht abschließend beantwortet.
Vielleicht ist sie auch einfach zentraler Bestandteil des Lebens. Vielleicht kann man sie sich immer nur situativ beantworten. Vielleicht denke ich das aber auch nur, weil es das ist, was ich gerade tun kann und es ganz gern hab, wenn ich Dinge tun kann.
Wer weiß.

das Ende am Anfang

Mein Mann und ich sitzen in der Kliniklobby, als ich ihre E-Mail lese.
Es ist warm, wir sitzen auf einer von Menschenbewegung umspülten Insel. Das Branden von Schritten und das Rauschen der Belüftungsanlage mischen sich in der künstlichen Noise Cancellung auf meinen Ohren.
Die Situation ist neu. Ungewohnt. Weird. Ein bisschen schreilustig auch.

Sie trennt sich von mir und ich merke nichts als Bliss. Entspannung. Ausatmen. Loslassen.
Im Mai habe ich noch geweint. Dann gewartet. Mich wieder von einer Nachricht niederschlagen lassen. Wieder gewartet. Die Luft angehalten. Gehofft, gerätselt und analysiert, wenn das Warten mir allzu viel Kraft abverlangte. Ich habe so viel darüber geredet, mich beraten lassen, versucht, mir zu erarbeiten, woran ich in diesem Kontakt überhaupt noch bin. Nicht verallgemeinert, keine Schlüsse zugelassen, die mich schuldlos oder verantwortungsfrei machen. In meiner Welt habe ich getan, was Freund_innen tun: Für die andere Person da sein, zusammenarbeitsbereit sein, paratstehen, um auf Wünsche, Ansprüche, Bedürfnisse im Kontakt eingehen zu können.
In der Welt aller anderen Freund_innen, meines Mannes, meiner Beraterin hingegen hat jemand meine Loyalität für gegeben hingenommen und in Teilen auch ausgenutzt. Wissentlich und willentlich hingenommen, dass ich in Sorge, in Trauer und Dauerbelastung um sie bin. Sie haben eine Lüge, die mich emotional erpressen sollte, sofort erkannt. Ich konnte das glauben und war über diese Einsicht unendlich traurig.
Um mich zu trösten, versuchte ich trotzdem so zu handeln, als wäre die Geschichte wahr. Ich wollte die Realität eines Kontaktes, der mich gezielt und absichtlich unter Druck setzt, nicht annehmen. Ich wollte die Realität, in der jemand einfach etwas komplizierter als viele andere Menschen zu Schlüssen und Entscheidungen kommt. In der ich halt einfach mal zurückstecken muss, warten muss, auch wenn es unangenehm ist. Wo ich halt noch länger als sonst warten muss, bis ich verstehe, was in der Person vorgeht. Wo es ganz spezielle, ganz ganz diffizile, hochempfindliche Zartheit und Fragilität gibt, um die herum ich möglichst sanft und achtsam, verständnisvoll und geduldig agieren muss.

Im Kontakt mit komplex traumatisierten Menschen begegnet es mir nicht sehr oft, aber doch immer wieder mal, dass Grenzen als Waffe eingesetzt werden. Dass „Ich kann nicht“ zu sagen, weniger darüber aussagt, was eine Person tatsächlich kann, als darüber, was eine Person möchte. Dass gelogen wird, um die eigenen Wünsche und Bedürfnisse, aber auch Gefühle nicht sichtbar zu machen.
Das gehört zu dem traumareaktiven Vermeidungs- und Selbstschutzverhalten, mit dem das Umfeld eingespannt wird.
Da wird immer wieder betont, wie doll andere ja gar keine Ahnung haben, wie sehr sie die betroffene Person ja gar nicht wirklich sehen oder verstehen oder einfach nehmen, wie sie ist. Als wäre der Anspruch von anderen Menschen, sich bitte auch auf die Ressourcen, Fähig- und Fertigkeiten von ihnen einzustellen, etwas, das der komplex traumatisierten Person jegliche Identität oder Lebenswert abspricht. Oder ein massiv gewaltvoller und daher bis ans Ende aller Tage unverzeihlicher Übergriff bis in die tiefsten Tiefen.
Die Reaktion ist auf allen Achsen unverhältnismäßig – es sei denn, man denkt Trauma mit. Wer auf dem Zettel hat, dass es Menschen gibt, die sowohl Gewalt- als auch Traumalogik in ihrem Sozial- und Bindungsverhalten integriert haben, kann den Flashback sehen. Kann begreifen, wie logisch es ist, dass diese Menschen sehr viel Kraft daraus ziehen können, sich eben nicht mehr alles gefallen zu lassen. Sich extrem zu verteidigen, sobald sie auch nur den Hauch von etwas spüren, das sie nicht bestätigt, oder etwas von ihnen abverlangt wird, wozu sie nicht aus sich selbst heraus bereit sind.

Das Problem, die Falle, in der auch dieser Kontakt und ich gefangen waren, ist, dass der Flashback als solcher nie direkt adressiert werden kann. Es entsteht eine ständige Wiederholung von gewalt- und traumalogischen Schlüssen und dazu passenden Selbst- und Fremdzuschreibungen, die wiederum mit ganz spezifischem Anspruchsverhalten einhergehen.
Ich bin die_r Böse, die_r Täter_in, die hochproblematische Person mit Macht (also darf man allgemein legitimiert grob, respektlos oder sogar gewaltvoll mit mir umgehen) – die andere Person mein Opfer, das sich einfach nur verteidigt. Völlig zu Recht, denn was ich da anbringe, das geht ja mal überhaupt nicht. Und das wird man ja wohl noch machen dürfen. Sich verteidigen. Und dafür geht man ja schließlich auch in Therapie als Opfer, richtig – damit man lernt, sich endlich mal durchzusetzen und abzugrenzen und auch mal für sich einzustehen. Alle, die das Gegenteil sagen (oder sagen könnten), stecken mit mir („den Täter_innen“) unter einer Decke. Sind alle gegen das Opfer. Machen die Welt für jemanden zu einem schlimmen Ort, die_r es eh schon immer schwer hatte, weil sie_r so ja gewissermaßen eine komplett marginalisierte Person ist. Ein one of a kind, immer von allen unterdrückter Mensch, der in seinem Handeln ausschließlich wie ein Phönix aus der Asche steigt. Was jawohl nur gut sein kann.

Wenn man im therapeutischen Kontext davon spricht, dass man die eigene Opferrolle verlassen muss, dann geht es genau darum. Um so eine – traumalogisch absolut schlüssige! – Verkettung von Annahmen über die Situation, sich selbst und andere Menschen.
Ich merke so eine Kette bei mir immer wieder, wenn ich merke, dass ich nicht mithalten kann. Wenn meine Handball-Mitspieler_innen zum Beispiel bei lauter Musik trainieren wollen und ich aus dem Smalltalk ausgeschlossen bin, weil ich sie nicht verstehen kann. Dann merke ich wie der Schnellschluss immer wieder erst einmal ein traumalogischer ist: „Die hassen mich. Die wollen mich nicht dabei haben. Die wollen mich ausschließen, weil ich nicht kann, was sie können.“ Da habe ich die Situation noch gar nicht weiter beobachtet. Habe gar nicht geguckt, ob „die“ wirklich alle sind oder es anderen Gruppenmitgliedern auch so geht. Geprüft, ob sich wirklich alle unterhalten oder ob die meisten nicht eher einfach Musik hören und so dynamischer trainieren können, also eher eine Situation von „gemeinsam alle für sich“ entstanden ist. Ich habe außer Acht gelassen, dass es in dem Umfeld okay ist, zu fragen, ob wir nach einer bestimmten Zeit wieder leiser machen können. Dass Verhandeln und die Bedürfnisse miteinander abzugleichen ganz übliches, ganz alltägliches Verhalten unter Menschen ist.

Ich hatte sehr lange überhaupt keine Ahnung davon, dass mein Gespür für schwierige Situationen verzerrt sein könnte. Wenn jemand Gewalt an sich erkennen sollte, dann jawohl ich – ich hab doch genug davon erlebt.
Mit mehr Selbstregulation jedoch war es dann aber unübersehbar für mich. Ich war immer wieder eher bereit anzunehmen, dass etwas gegen mich gerichtet ist, als irgendetwas anderes – viel Banalereres, andere Leute Betreffendes, für mich noch näher zu Erforschendes. Weil ich das so gewohnt war. Weil das für mich mehr Sinn ergeben hat. Mir mehr Sicherheit über mich selbst in der Welt vermittelt hat. Opfer war ich immer. Immer war ich unterlegen und konnte nichts machen. Diese Rolle habe ich einfach immer gehabt. Im Realen. Im Gewalterleben als Kind, Jugendliche_r und junge erwachsene Person. Und als ich sie nicht mehr hatte, die Gewalt also endete, hatte ich überhaupt keine Vorstellung davon, was da noch alles für Rollen sein könnten außer die der Täter_innen. Als mich noch jeder Flashback direkt umgeworfen hat, ich mich von Symptomkompensation zu Vermeidung gehangelt habe, hatte ich auch noch gar keine Kapazitäten, das zu erforschen. Noch gar nicht genug Überblick über mich selbst. Noch gar keine Chancen, irgendetwas zu tun, das meinem Selbsterleben etwas anderes als passives Ertragen oder verzweifeltes Kämpfen um mein Leben hinzufügt.

Für mich war es hilfreich zu begreifen, dass es bei allen Vorgängen in der Welt auch die Möglichkeit der Beobachtung gibt. Und, dass ich Anteile in mir habe, die das gut können. Und Anteile, die mir diese Beobachtungserfahrung vermitteln können.
Das Schreiben und das Fotografieren, das hat mir den ersten Schritt aus der Opferrolle ermöglicht. Ich konnte meine gewohnten Schnellschüsse machen, aber auch erstmal nur gucken. Beobachten, mich mit dem befassen, was da ist und zu Schlüssen kommen, die neu für mich sind. Meine Traumatherapie hat genau das immer wieder unterstützt. Erst beruhigen, dann gucken, dann einordnen, dann verstehen, dann überlegen, welcher Umgang erwartet wird, ob und wie ich dem entsprechen möchte und welche Konsequenzen welcher Umgang haben könnte.
Zu keinem Zeitpunkt hat meine jetzige Therapeutin mich jemals angefeuert, mich endlich mal zu wehren. Oder gut gefunden, wenn ich (oder andere Innere) mich gewaltvoll oder absichtlich respektlos selbst verteidigt oder geschützt habe. Die gesamte Navigation dieser für mich neuen und handlungsfremden sozialen Rollen hätte ich ohne die freundlich zugewandte und grundsätzlich parteiliche, aber nicht auf meiner Opferschaft basierende Begleitung meiner Therapeutin nicht geschafft. Wir arbeiten zusammen, weil ich ein Ziel habe – nicht, weil ich ein Opfer war. Es ist ihr wie mir auch wichtig, dass wir dieses Ziel erreichen, weil wir uns davon mehr Lebensqualität für mich versprechen. Nicht weil ich zum Opfer wurde und Opfer nur das Beste vom Besten verdienen, sie haben ja schon so viel gelitten.

Opferschaft geht sehr schnell vorbei. Sie endet mit der Gewaltsituation.
Es ist ein relevanter Status, Opfer gewesen zu sein und eine prägende Erfahrung. Aber im Alltag, im Leben nach dem Trauma, das damit für manche Menschen einhergeht, entsteht sie seltener real als metaphorisch.
Das mag für manche Menschen provokativ klingen.
In unserer Gesellschaft spielen Opfer und Täter_innen ganz spezifische Rollen, weil damit Macht verhandelt wird und sich dies durch alle Facetten unseres Alltages zieht. Aber das außen vor gelassen, ist Opferschaft und auch die Opferrolle nichts, womit man im Leben wirklich weiterkommt. Irgendetwas für sich wirklich einfach nur schön machen kann. Die eigene Lebendigkeit genießen kann. Das Hier und Jetzt in aller Tiefe erfahren und erleben kann.
Deshalb ist „Man muss die Opferrolle auch mal verlassen“ zwar vielleicht erst einmal kränkend oder verletzend, weil man nicht den Eindruck hat, sie freiwillig eingenommen zu haben, sondern von den Umständen oder anderen Menschen darein gebracht worden zu sein (wie früher immer), aber auch ein wirklich zugewandter, das Leben eines Menschen sehr wertschätzender, Rat.
Es sei denn, man sagt das, ohne einen blassen Dunst davon zu haben, worum es bei diesem Ratschlag geht. Dann ist es eher Teil eines Abwehrverhaltens und Thema in einem Text über Hilfe als Gewalt.

Während mein Mann arbeitet, ribbele ich eine Strickarbeit mit Zählfehler auf.
Dieser Kontakt bestand über 10 Jahre. Der Konflikt ist entstanden, weil ich etwas von der Person brauchte und zunehmend bestimmter eingefordert habe. Am Ende konkret unterstützt von jemandem. Vielleicht gab es einige Stellen, an denen ich zarter hätte sein müssen. Wahrscheinlich habe ich mich oft viel zu direkt ausgedrückt und bestimmte Erwartungen von Zustimmung und Bestärkung enttäuscht.
Vielleicht habe ich auch schon seit Jahren gar nicht mehr als die Person funktioniert, als die mich mein Gegenüber kennengelernt hat. Vor 10 Jahren war die Reise zu dieser Person ein Akt, von dem ich mich monatelang erholen musste. Den ich erst Tage später überhaupt so prozessiert hatte, dass ich eine gewisse Sicherheit darüber hatte, was das für ein Treffen war und wie ich es fand. Ich war arm und allein. Hatte einen Alltag, der überwiegend von Angst und Vermeidung geprägt und von Symptomen bestimmt war.
Heute bin ich verheiratet, arbeite für Lohn und Ehre, arbeite mit Betroffenen und ihren Helfer_innen zusammen, habe zwei Bücher veröffentlicht und schaffe es, zielgerichtet und konstruktiv auf die Verarbeitung meiner traumatischen Erfahrungen hinzuarbeiten. Vielesein, meine Gewalt- und Opferschaftserfahrungen sind ein Aspekt neben vielen, die mein Leben bestimmen. Er taugt nicht mehr als Anlass oder Grundlage für einen Kontakt, geschweige denn eine Freund_innenschaft mit mir. Und das ist okay. Mir würde so viel von mir selbst fehlen, wäre das heute noch möglich.

Als meine Arbeit zu einem kleinen braunen Fadenball gewickelt ist, denke ich, wie witzig ist, dass das Ende dieses Balls auch der Anfang vom Neuversuch ist. Genau wie ich hier sitze für den Beginn von etwas, fast direkt nachdem dieser Kontakt endet. Und warum hier eigentlich nicht alle schreiend vor Lachen über die Gänge torkeln, weil irgendwie alles immer als das eine endet und als etwas anderes neu anfängt und endet und anfängt.

die Operation

„Was mir passiert ist – sieht man das innen?“
Das fragte ein Innen, das sich für mich wie eine feste Wattenebelwand anfühlt und immer wieder in den Spalt zwischen der Welt und mir geriet.
Keines der Gespräche mit Ärztinnen, Schwestern und Pfleger_innen, die ich für diesen Tag geübt hatte, enthielt diese Frage. Zu keinem Zeitpunkt wollte ich, dass DAS überhaupt irgendwie Thema wird.

Mir war Abstand wichtig. Sachlichkeit, Objektivität. Mein Fokus lag darauf, meine behinderungsbedingten Bedarfe als etwas zu kommunizieren, was unbeachtet zu Problemen und unerwarteten Entwicklungen führen kann. Ich wollte den reibungslosen Ablauf ermöglichen, der für alle wichtig und gut ist.
Voruntersuchung, Narkose, Operation, Aufwachen. Für mich waren das Checkpoints, an denen ich so unauffällig wie möglich ein- und auschecken wollte. Soweit das mit der Unauffälligkeit eben geht, wenn Gehörschutz, schweres Tier und „Bitte nicht unerwartet anfassen“ zu den Bedarfen gehört.

Ich schäme mich für meine Bedarfe. Bewege mich ständig in Sorge und Angst darüber, die Grenzen des Systems zu berühren, die jeder Klinik inne sind.
In dieser Klinik wurde mir die Angst an vielen Stellen genommen. War nie nötig, dass ich meine Grenzen rechtfertigend erklären musste. Nur nennen musste ich sie. Das fiel mir zunehmend leichter, je öfter ich in Kontakt mit den Behandler_innen und ihrem Team war, denn sie kamen auf mich zu.
In meiner Akte stand bereits nach dem ersten Beratungsgespräch „PTBS Z. n. sex. Missbrauch“, ohne dass ich das genau so aussprechen musste. Es hat gereicht, einen früheren Befund nach einer Gewalterfahrung zu teilen und zu sagen, dass das nicht die einzige Erfahrung war.
Bei jeder Untersuchung fragte die Gynäkologin danach, ob ich bereit bin und beschrieb, was sie tat und wozu. Meine Aufgabe war nicht, einfach alles passieren zu lassen, sondern darauf zu achten, wie es mir geht, damit ich rechtzeitig sagen kann, wenn ich eine Pause brauche oder etwas weh tut. Mir hilft es generell, wenn mein Auftrag an mich als Patient_in ist, meine Selbstwahrnehmung und die Kommunikation dessen zu gewährleisten.

Trotzdem habe ich so lange wie möglich nichts von der DIS und dem Autismus gesagt. Ich wollte keine Bilder entstehen lassen, die mich zu einem Subjekt machen. In einem System wie einer Klinik ist man als Patient_in immer ein Objekt der Behandlung. Jede Subjektivierung führt zu verschobenen Grenzen und praktisch jede verschobene Grenze birgt Verletzungsrisiken für beide Seiten.
Daher mein Anspruch an Objektivität. Mein ständiger Bezug auf Lösungen für Probleme, die ich durch meine Bedarfe entstehend annehme.

Dass ich eine Operation brauchen würde, kam überraschend. Es gab keine andere Behandlungsmethode, um meinen Kinderwunsch zu erfüllen. Und so wurde aus Terminen dann und wann zur Blutabnahme und Ultraschalluntersuchungen eine gynäkologische Operation, die direkt auch der weitergehenden Diagnostik diente.

Es ging mir schlecht und zunehmend schlechter in der Zeit vor dem Termin.
Kurz vor diesem Thema war ich in der Therapie sehr konkret befasst mit meinen Erfahrungen. Hatte über Tage hinweg mit massiven emotionalen Flashbacks und Überforderungsgefühlen zu tun, selbst als sich mir keine Bildfragmente des Erlebten mehr aufdrängten.
Und dann das.
Eine geplante Auslieferung. Eine gezielte Ohnmacht. Ein vorhersehbarer Fokus auf meine Genitalien. Absehbare Schmerzen. Bekannte Risiken für Flashbacks, dissoziative Krampfanfälle und Wechsel in möglicherweise desorientierte Selbstzustände. In einem Rahmen, in dem ich mit meinem Inneren nicht relevant bin für das, was da passieren soll.

Ich war aber relevant für die Menschen dort. Das hat mich überrascht. Und jetzt, wo alles vorbei ist, freut es mich auch.
Es war ein ambulanter Eingriff. Ich war die erste Patient_in.
Mein Mann und ich fuhren in den Anfang vom Sonnenaufgang und hörten Musik, die das Fahren einem Videospiel ähnlich machte. Eine Schwester trennte uns freundlich und leitete mich in das Patientenzimmer.
Alles war ruhig. Das Licht noch gedimmt, die Mitpatientin lieb und grenzbewusst. Ich konnte mich in Ruhe umziehen und merken, wann ich meinen Gehörschutz brauchte. Geholfen hat auch der Bent, über den ich hier bereits geschrieben habe. Ich konnte ihn auf dem Oberkörper behalten, bis ich nicht mehr bei Bewusstsein war. Ich glaube nicht, dass ich ohne ihn noch mit den Schwestern in der Anästhesie hätte sprechen können. Die fanden ihn klasse. Einer Schwester gefiel auch mein Gehörschutz. Alle waren mir liebevoll zugewandt und ließen mir Raum zu verstehen, was gerade mit mir passierte.

Ich hatte Angst als das Narkosemittel einsetzte. Und ich hatte offenbar extrem viel Angst als die Wirkung nachließ. Später erfuhr ich, dass ich einen Flashback ausagiert habe und einen Krampfanfall hatte. Von einer Ärztin für Gynäkologie und Psychosomatik, die einige Stunden später zu mir geschickt wurde.
Die Ärztin war offenbar selbst krank. Das war eine heftige Erfahrung, die ich allerdings nicht allein machen musste. Mein Mann war dabei. Wir haben unseren Eindruck an die vertretende Ärztin und eine Pflegerin weitergegeben und schreiben auch nochmal eine Nachfrage mit informierendem Charakter an die Klinik. Sicher ist sicher.

Ich habe das Narkosemedikament nicht schnell und gut abgebaut. Statt nach 4 bis 6 Stunden konnte ich erst 11 Stunden später nach Hause gehen.
Immer wieder wechselten sich Dissoziation und Sedierung ab. Ich musste mich oft übergeben. Erst spät kamen wir auf die Idee, um ein Medikament gegen Übelkeit zu bitten.
Irgendwo dazwischen kam die Ärztin, die mich in der Kinderwunschklinik untersucht und nun operiert hatte, zu mir, um mir zu sagen, wie es gelaufen ist.
Ich hörte, dass alles gut gegangen sei und auch die Diagnostik keine weiteren Probleme aufzeigte. Und merkte, wie das Innere sich mit dem Druck des Gedankens „Jetzt oder nie“ vorschob, um diese Frage zu stellen.

„Nein. Man sieht wirklich gar nichts davon. Es ist alles soweit gut.“
Heute merke ich erst, wie unfassbar wichtig es war, das zu erfahren.

Viele-Sein – Episode 95 – mit Felice Meer über Wut

Wut

Wut, die starke Primäremotion. Das Gefühl, das Grenzen aufzeigt und verteidigen lässt. Die Kraftquelle zur Selbstverteidigung.
In dieser Episode teilen Felice und Hannah, welche Erfahrungen sie in Therapie und Alltagsleben mit dieser Emotion gemacht haben.

CN: In dieser Episode werden Gewalt- und Bedrohungserfahrungen teils konkret, teils in Andeutung geschildert. [ca. Minute 26 bis 28 und 34 bis 37]

Kapitel:

00:00:00 Intromusik
00:00:09 Begrüßung, Einleitung
00:09:15 Wut und Trauma
00:14:00 Wut statt Angst – die Drachin in Felice
00:33:12 Angst vor Wut – Hannahs Psychiatriegewalt-Erfahrung
00:41:17 Wut und Grenzen
00:54:00 Wut und Kontrollverlust
01:07:32 Wut und die politische Lage
01:18:22 Ausleitung und Verabschiedung

Transkript

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Grenzen, Limits, Möglichkeiten

Was ich vergessen hatte, war, dass unser Zug in unserer Herkunftsstadt halten würde.
Und dass sich mit dem Öffnen der Waggontüren die Zeit zurückdrehen würde. Dass alles sein würde wie vorher, als wäre das wie Normalität nun einmal funktioniert. You never know anything. Alles ist immer möglich.

Zum Glück.
Es war möglich, stützenden Kontakt zu anderen Menschen herzustellen. Veränderungen zu suchen und zu finden. Angst zu fühlen. Traurigkeit zu fühlen. Fremdheit zu fühlen. Vermissen zu fühlen. Verrat wahrzunehmen. Und weiterhin einen festen Stand in mir selbst zu haben. Zu sein und zu bleiben und zu werden, wie ich sein will. Belastbar. Konfrontierbar. Berührbar. Kontaktierbar.

20 Jahre später ergibt diese komische Therapie-Übung mit den Seilen, die man vor sich auf den Boden legen sollte, Sinn. Endlich kapiere ich: Das ist gemeint – Die Möglichkeit, dass da nicht nur die Dinge möglich sind, die ich so gut kenne, dass ich sie in aller Gründlichkeit fürchten und vermeiden kann, sondern auch Dinge, die ich noch gar nicht oder nur vage kenne. Und dass es etwas gibt, das ziemlich genau und deutlich aufzeigt, wo das eine anfängt und das andere aufhört: Grenzen.
Und nicht: Limits.

Ich weiß, dass viele Menschen diese Worte synonym verwenden, doch please hold the line – Ich habe einen Punkt. Einen wichtigen.
Denn für viele komplex traumatisierte Menschen gibt es so etwas wie Grenzen des Möglichen nicht – es gibt viel mehr points of no return. Eskalationsstufen, die mit Bewusstlosigkeit enden. Mit Dissoziation, mit Betäubung, mit Meltdown, Shutdown, Überdosis, Suizidversuch, reale Todesnähe.
Die Grenze, die Menschen in chronisch toxischem Stress permanent (zu) managen (glauben) ist die zwischen Leben und Tod. Und das ist ein Limit. Da geht es um ein Kontingent, das irgendwann einfach aufgebraucht ist. Nicht um Möglichkeiten.

Dieser Umstand ist es, der Helfenden, Begleitenden und manchmal auch Behandelnden schwer einsichtig ist. Vor allem, wenn die Gewalt, die Traumatisierung, das traumatisierende Umfeld nicht mehr besteht. Und wenn da doch Anteile sind, die den blauen Himmel und die bunten Schmetterlinge so toll finden können. Und eh viel tolle Alltagsstabilität da ist und tralla la.

Gerade Alltagsstabilität ist für viele Viele so lange ein Thema von Limits, weil sie nicht mit Grenzen aufgewachsen sind. Man kann nur sehen, was man kennt und auch Vorstellungen nur von dem entwickeln, was man schon einmal erfahren hat.
Deshalb war diese Übung damals vor 20 Jahren für mich auch ziemlicher Käse. Wie um alles in der Welt hätte ich diesen doppelten Geistes-Rittberger hinkriegen sollen? Erstmal die Abstraktion vom Seil auf dem Boden vor meinen Füßen hin zu dem, was berührt wird, wenn mir was im Leben passiert und von mir eingeordnet werden muss. Was ich damals ja kaum mitgekriegt habe. Und als ich es mitgekriegt habe, nicht einordnen konnte, weil meine Affektverarbeitung gestört ist und ich außer den Grundemotionen keins meiner Gefühle ohne aktives Nachdenken einordnen kann.

Und – nichts, kein einziger Aspekt in meinem damaligen Leben hatte nichts mit Limits zu tun. Ich hatte menschlichen Kontakt nach Stundenlimit – Therapie, Betreuung, Lehrplanzeiten. Meine Unterkunft, meine allgemeine Versorgung, meine körperliche Integrität – alles hing davon ab, wie weit ich meine Limits ausstreichen konnte. Es musste immer genug sein, um allen, die (ihre Arbeitskraft und -zeit) in mich investiert haben, mit Erfolgen bei der Stange zu halten, weil es so schwer, so herausfordernd war, mit mir klarzukommen. Und gleichzeitig genug, um jenen, die mir diese Räume zu nutzen gewährt haben, den grenzenlosen Zugriff auf meinen Körper und meinen Geist zu überlassen.

Also. Ja.
Wie hätte ich das früher verstehen können. Gar nicht.
Vielleicht war selbst dieser Moment im Zug ein Glückstreffer?
Oder ein erster Treffer? Wie Babys erster Schritt nach viel Hochziehen und Umfallen, komisch Weitermurksen und Wackeln und plötzlich, endlich, haben sich die neuronalen Netzwerke passend gekabelt und es klappt immer wieder?
Oder hab ichs schon ganz lange und es ist mir jetzt endlich auch selbst mal aufgefallen?

Alles ist immer möglich.

der Meltdown in der Fahrstunde

„Eine schwierige Seite von Selbsterkenntnis ist, dass sie nicht alle teilen. Nur weil man selbst etwas über sich verstanden hat, haben das nicht auch alle anderen.“ Mit diesem Gedanken verließ ich die Schwimmhalle und lief zum Auto. Darin hatte ich anderthalb Stunden zuvor mit meiner Therapeutin telefoniert, nachdem ich meinen ersten öffentlichen Meltdown seit 2016 hatte. Während meiner vorletzten Fahrschulstunde vor der Prüfung.

*

Es ist schwierig offen damit zu sein, dass ich „so etwas“ habe. Meltdowns. Oder, wie es andere Menschen nennen: Ausraster. Nervenzusammenbrüche. Durchdrehen. Keine Beherrschung über mich. Es gibt viele Aspekte in meinem Leben, in denen Kontrollverlust eine Rolle spielt und jeder davon ist belegt mit Scham und einer sich darunter kristallisierenden Schicht Selbsthass.

Ein Meltdown ist scheiße. Es ist scheiße für alle um mich herum, wenn er passiert, weil er passiert – nicht wegen all der Dinge, die dazu führen, dass er passiert. Die sind nämlich immer mein Problem. Mein ganz persönliches, mein hochindividuelles Problem. So wird es mir jedenfalls oft von den direkt Betroffenen gerahmt. Klar, die hatten ja Angst. Vor mir. Vor dem Unbekannten. Die waren ja überfordert. Mit mir. Dem Unbekannten. Den Konsequenzen. Den unbekannten. Sie erleben sich nicht als Teil der Umstände, die zum Meltdown geführt haben, warum sollten sie also annehmen, sie hätten etwas damit zu tun?

Im schlimmsten Fall wollten sie mir nichts Böses, wollten nur helfen. Das ist für mich wirklich der allerschlimmste aller Fälle. Denn Menschen, die aus guten Absichten heraus handeln, können manchmal nicht annehmen, dass ihre Handlung vielleicht nicht gut ist.
Menschen können ihre guten Absichten nur mit viel Nähe vermitteln. Man muss einander sehr nahe stehen, um sich gegenseitig so wahrzunehmen und zu erleben, dass die Absichten eine relevante Rolle spielen. Menschen, die davon ausgehen, dass ich erkennen könnte, wie gut sie mir gegenüber eingestellt sind, gehen auch von dieser Nähe aus. Dieser gegenseitigen Perspektive, diesem gegenseitigen Verstehen. So nah komme ich Menschen in der Regel aber nicht, denn es kostet mich enorm viel Kraft. Die ich auch nicht lange aufbringen und halten kann. Die Absichten anderer Menschen werden dadurch zu Anmerkungen zur Übersetzung – nicht zum Rahmen der Grundhandlung, bildlich gesagt. Eine Lebensrealität, die die meisten Menschen einfach nicht teilen. Nicht verstehen.

Manchmal kommt es mir vor, als wäre ich der einzige Mensch, der sich diese Annahmen aktiv denkt, aktiv im Bewusstsein hält, aktiv in die möglichen Antworten, Reaktionen und Optionen der Interaktion einarbeitet. Der einzige Mensch mit einem inneren Regal voller Skriptphrasen für Menschen, die es gut mit mir meinen und von mir via Sprache vermittelt bekommen müssen: „Ich weiß, dass du es gut mit mir meinst.“ Gerade nach einem Meltdown im sozialen Nahraum denke ich das und muss aufpassen, nicht in die Strudel jugendlicher Verzweiflungspaniken zu geraten. Dadrin denke ich nämlich auch, dass das nie aufhört. Dass ich gefährlich bin, mich fernhalten sollte. Dieses Vorhaben von Kontakt lassen sollte. Dass ich es nicht verdient habe, nach all den Chancen zuvor. Dass es ich es in Wahrheit vielleicht auch nie verdient, sondern immer nur geklaut habe. Dass ich nie genug bin und immer zu viel.

Dass ein Meltdown mir passiert wie ihnen, erleben die von mir oft überraschend und schmerzlich getroffenen Menschen nicht. Dass ich erst im Nachhinein und das nach einigen Stunden Analyse und Durcherzählen der Situation, selbst weiß, was die Anzeichen waren (und das eigentlich nur, wenn es um Situationen geht, die nicht zu weit von meinem Alltagsgeschehen weg sind) – und dies nicht bedeutet, dass ich den nächsten Meltdown abwenden kann – entspricht einfach nicht der Er_Lebensrealität der meisten Menschen.
Weil ich die Quelle ihrer Überforderung bin, weil ich ihre Wahrnehmung der Situation bestimmt habe, nehmen sie an, ich hätte über mich bestimmen können. Das ist ein Irrtum. Aber den Täter*innen Tätigen spricht man so etwas nicht gern zu. Ohnmacht. Angst. Hilflosigkeit. Vor sich selbst. Denn würde man das tun, dann würde das Schuldkonzept nicht mehr funktionieren. Verantwortung wäre schwieriger zu klären. Wieder.Gutmachung und Reparation müsste ein gegenseitiger Prozess sein. Alle wären Teil des Vorhers, des Geschehens und des Nachhers.

Ich habe zuletzt als Jugendliche auch andere Menschen im Meltdown verletzt. Bevor sich mehrere Erwachsene auf mich draufgeworfen haben, um mich mein Verhalten zu unter.brechen.
Inzwischen passieren die meisten meiner Meltdowns unsichtbar. Vor dem Computer, bei der Arbeit, manchmal im Laden, manchmal am Bahnhof. Deswegen unterscheide ich zwischen dem „öffentlichen Meltdown“ und „den anderen“.
Heute verletze ich mich nur noch selbst, denn eine erwachsene Person, die schreit, wird nicht angefasst. Ich kann mich selbst regulieren. Auch mit Selbstverletzung. Eine erwachsene Person, die man abstoßend, gruselig, gewaltvoll, ängstigend findet, lässt man alleine, um sich selbst zu schützen. Auch wenn es bedeutet, mich in einem schlimmen Zustand gewissermaßen zu verlassen, ist das für mich das Beste.
Wer mich in so einem Moment anders einordnet – sagen wir frech, enttäuschend unvernünftig, uneinsichtig, „in Wahrheit ganz kontrolliert/ganz bewusst um die Umstände“, narzisstisch motiviert, den eigenen Vorteil abzuringen – redet in der Regel weiter auf mich ein, kommt möglicherweise noch körperlich auf mich zu und/oder begrenzt meine Möglichkeiten mich zu bewegen oder die Situation zu beeinflussen. Diese Menschen merken nicht, dass sie mich in dem Moment sensorisch fluten und so gewissermaßen foltern. Meine Grenzen nicht nur berühren, sondern komplett ignorieren. Dass sie mir eine Einsicht abzwingen wollen, die ich nicht habe oder falsch finde. Dass sie ein Verhalten von mir fordern verlangen, das meinem Willen und mir zuwiderläuft. Sie meinen es nur gut. Oder haben Recht. In ihrer Logik, ihrer Wahrnehmung des Moments bin ich das Problem, weil ich ihre Hilfe, ihre Annäherung abwehre, mit der doch wieder alles gut werden könnte.

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Es fällt mir schwer, aber ich habe einen aushaltbaren Punkt gefunden, seit ich meine „Zusammenbruch-Symptomatik“ als „Not-Aus“, das aktiviert wird, weil ich mich zu lange nicht traue, das „Stopp-Aus“ oder gar das „Ich fühle mich nicht mehr gut-Aus“ zu aktivieren, einordne. Niemand hat die Kontrolle, über das körpereigene „Not-Aus“. Darin bin ich anderen Menschen gleich. Alle Menschen haben so einen Punkt. Nur die Wege dahin sind unterschiedlich und unterschiedlich beeinflussbar.

Mein Wissen um mich und meine „Not-Aus“-Symptomatik hilft mir, eine Grenze zu anderen Menschen zu ziehen. Ob „nicht sprechen“, „nicht fühlen“, Krampfanfälle, Shutdowns oder Meltdowns – sie haben nichts mit den Personen um mich herum zu tun. Ich erlebe diese Symptome nicht, wegen der Leute und deren reiner Personality. Die Symptome sind keine sozialen Botschaften. Sie sind Körperreaktionen auf extremen Stress. Die Leute können es mir nur leichter oder schwerer machen, damit umzugehen. Und leider machen es sich Menschen, die einander nicht gut (genug) verstehen, ziemlich zuverlässig schwerer.
Und je älter ich werde, desto schwerer fällt es anderen Menschen, überhaupt in Betracht zu ziehen, dass ich mich nicht immer „zusammenhalten kann“. Die Lebenserfahrung ist ja eigentlich, dass man immer weniger von Dingen überrascht, erschreckt, erfreut, aufgeregt, empört, überanstrengt, überreizt … wird. Bei mir ist das scheinbar nicht so. Nicht wirklich. Eher habe ich manchmal den Eindruck, dass ich nach wie vor viele Situationen wie ganz neue Situationen erlebe. So, als ob ich sie noch nie zuvor erlebt hätte. Was ich ja – außer in dem äußert unwahrscheinlichen Fall, dass ich in einer Zeitschleife festhänge, in der doch alles exakt gleich wiederholt wird – auch wirklich so nie zuvor erlebt habe. Die wenigsten Situationen sind genau gleich. Es ist immer etwas anders. Entsprechend ist mein Stresslevel einfach immer etwas erhöht. Denn wo eine Abweichung ist, ist die zweite, dritte, vierte in der Regel nicht weit. Und auf jede reagiere ich gewissermaßen.

Seit Jahrzehnten lasse ich Menschen mit der Aufzählung von Abweichungen in Ruhe. Ich teile meine Beobachtungen nicht mehr. Lasse mir nicht anmerken, ob sie mich beunruhigen oder erfreuen. Ich habe in Kliniken trainiert, sie passieren und ohne Urteil ziehen zu lassen – bis ich gemerkt habe, dass ich das nur kann, wenn ich depersonalisiert bin. Ich habe verstanden, dass die meisten nicht-autistischen Menschen Abweichungen nicht von Unterschieden trennen und generell einfach mit sehr viel mehr Unschärfe zurechtkommen können als ich.
Ich schaffe viel Anpassungsleistung durch die Hinnahme und Kompensation dieser Umstände. Aber auch ein Gefühl falscher Sicherheit bei anderen im Kontakt mit mir. Ein Grund, weshalb Menschen von meinen Meltdowns und anderen Kontrollverlusten überrascht werden. Sie kommen für sie unerwartet. Aus heiterem Himmel. Sie haben keine Chance auf meine Selbsteinsicht und so auch nie auf mein Verständnis für die Dinge, die ich erlebe.
Andererseits wollen sie sie auch gar nicht haben. Sie können damit ja im überwiegenden Teil ihres Lebens gar nichts anfangen. Wozu also drum bemühen? Ich würde sie andersherum vermutlich auch nicht haben wollen, wäre ich nicht ständig und in allen Aspekten mit ihnen konfrontiert.

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Zwei Dinge waren in dem Gespräch im Auto vor der Schwimmhalle passiert. Zwei hilfreiche Dinge.

Meine Therapeutin hat uns zu unserer Verletzung befragt. Ich war aus dem Fahrschulauto gestiegen und hatte mit der flachen Hand gegen eine Metallkonstruktion geschlagen. Das Hämatom ist etwa 2 2-Euro-Stücke groß und drückt auf die Sehnen vom kleinen und dem Ringfinger der Hand. Es tat immer noch weh und wurde im Inneren vor allem als Strafe gerahmt.
Das Interesse meiner Therapeutin hat das beendet. Eine Strafwunde wird nicht beachtet. Eine verdiente Verletzung nicht ver.sorgt. Böse Mädchen werden nicht gefragt, obs (noch) wehtut.

Außerdem hat sie jemandem, die_r es hören musste, gesagt, dass sie nicht glaubt, dass diese Situation mit mehr Anstrengung abzuwenden gewesen sei.
Für mich war das im Kontakt mit ihr versichernd – für das Innen erlösend. Mit diesem Gefühl von sozialer Klarheit in dem Kontakt, entstand genug Kraft und Sicherheitsgefühl bei mir, um mich in die lösungsorientierte Kommunikation mit der Fahrschule einzubringen. Ich konnte von missachteten Grenzen und verlorenem Vertrauen in den Fahrlehrer sprechen und akzeptieren, dass er um sich selbst kreist in seiner Überraschung und Überforderung. Durch die Versicherung meiner Therapeutin wurde der Kontakt zum Fahrlehrer (und der Fahrschulchefin) nicht zur einzigen Quelle von Wahrheit über die Situation. Ich wurde auch von jemandem gehört und das verlief nicht im Stummen, Uneindeutigen ohne jede Bedeutung.
Die Grenze zwischen den anderen Menschen und mir war wieder hergestellt, es entstand ein Gefühl von Ordnung und Klarheit. Wir haben eine Lösung gefunden, wie wir die letzte Fahrstunde vor der Prüfung machen und wann der Fahrlehrer und ich uns wiedersehen, um darüber zu sprechen. Wir werden uns vermutlich beide entschuldigen, ein Eis essen und wieder versichert darüber sein, dass wir einander wirklich nie Böses wollten. Und mit dieser Feststellung von Offensichtlichkeiten werden wir, befriedigt über die Bestätigung unserer Wünsche an die soziale Umwelt, auseinandergehen.