vom Funktionieren – Teil 2, „Grenzen“, Punkt 2

„Viele komplex traumatisierte Menschen mit DIS operieren nur mit dem existenziellen Extrem. „Ich habe X gemacht und das hat funktioniert (Ich lebe noch)“ oder „Ich habe X gemacht und das hat nicht funktioniert (Ich bin irgendwie/seelisch/innerlich gestorben, als ich X gemacht habe)“. Fokus und Maßstab ist (manchmal auch erst am Ende einer traumalogischen Überzeugungskette) fast immer das subjektive Erleben von Todesangst oder Lebensbedrohung.“
An dieser Stelle zweigt mein zweiter Punkt ab. Grenzwahrnehmung als Auslöser für Dissoziation und ihre funktionelle Relevanz für die Person als Ganzes.

Die dissoziative Identitätsstruktur (mit kPTBS) ist eine richtig fiese Bitch, wenn die Sache mit dem Überleben (dem tatsächlichen existenziellen Extrem) vorbei ist. Denn wenn sie nicht mehr wirklich gebraucht wird, dann ist es ihre Struktur und Funktionalität, die sich selbst aufrechterhält und erklärt. Und zwar sehr oft über das Erleben von Grenzen.

In einem Vortrag zum Leben mit DIS habe ich ein Mal auf den Film „Alles steht Kopf“ zurückgegriffen. Dort gibt es zu Beginn nur genau einen Knopf zur Reaktion auf äußere Reize (Grenzen etwa), den der Charakter „Freude“ bedienen kann. Ich beschrieb mein Erleben so, als hätten meine Gefühlscharaktere jeweils einzelne Büros und nicht einen gemeinsamen Raum, in dem alle Reaktionsträger (also die Gefühle) das Gleiche sehen und über die gleiche Knopf- und Schalterarmatur re.agieren. Und dass nicht alle immer Strom haben, geschweige denn sicher immer Bild- und Tonübertragung. Ich beschrieb mein Erleben so, als hätte sich in meinem Aufwachsen allein „Angst“ zu einer konstant kompetenten Figur entwickeln können. Aber nicht so wie in dem Film, ständig zitternd und nervös, sondern eher wie ein schneller, starker Geheimagent, der, ohne dass es jemand weiß, auch der Drahtzieher jeder Operation ist. Also einerseits alles bestimmt und andererseits alles ausführt.
Also auch den anderen „Gefühlen“ in mir „den Strom abstellt“, sodass sie überhaupt keine Reaktionsoption haben – und im Nachgang sich selbst darstellt, als hätte es ohne sein Eingreifen tödlich enden können. Das Pult mit dem „Angst“ re.gierte beschrieb ich in dem Vortrag als sehr professionell, das Pult der anderen „Gefühle“ als jeweils mit einem, vielleicht auch zwei Knöpfen ausgestattet.
Um das gesamte Erleben und Sein eines Menschen mit DIS zu beschreiben, ist diese Metapher natürlich viel zu unterkomplex. Ich habe sie auch nicht gewählt, um das zu beschreiben, sondern, um das Missverhältnis der Reaktionskompetenz abhängig vom emotionalen Status zu illustrieren.

Ich zum Beispiel konnte nicht eine einzige Emotion ohne Beimischung von Angst bzw. später dann aktives Beruhigen von Angst empfinden. Und zwar nicht, weil ich im Kern ein ängstlicher Mensch war oder mich bewusst alles Mögliche an traumatische Erfahrungen erinnerte und mir Angst machte, sondern weil ich ohne Angst nicht inter.agiere. Ich bin bis heute nicht immer und schnell über meine Gefühle klar, wenn keine Angst oder Körperempfindungen, die zu Angst gehören, dabei sind.
In der Auseinandersetzung mit meinem chronisch dissoziativen „In-der-Welt-sein“ habe ich dann geschlossen, dass Angst meine funktionelle Basis für die Interaktion mit dem Außen zu sein scheint. Denn selbst jetzt, nach der Integrationsleistung von zwei nach außen interagierenden Alltagssystemen zu einem (den Rosenblättern) – bis hin zu mir, Hannah, bin ich/funktioniere ich nicht als ein Ich, wenn Angst nicht gleichzeitig auch aktiviert ist.
Ist alles fun and games oder überwiegend eine andere Emotion präsent, erlebe ich mehr oder weniger starke Dissoziation. – Und manchmal holt mich genau das wieder „mehr zurück“ bzw. „entdissoziiert“ – bzw. noch ganz viel richtiger – reaktiviert meinen Hannah/Alltags/andere Menschen-Funktionsmodus. Denn so manches dissoziative Erleben ist einfach ängstigend.

Zurück zum Grenzerleben. Betrachten wir die DIS weniger als umfassende Schutzreaktion (vor der Erinnerung an traumatische Erfahrungen) und mehr als das Ergebnis desintegrierter Funktionsmodi (aufgrund der Art und Weise, wie eine Person aufgewachsen ist bzw. sich entwickeln konnte), fällt es leicht, davon auszugehen, dass es auch unterschiedliches Grenzerleben und entsprechend unterschiedliche Grenzkompetenzen gibt. Um das Bild vom Beginn nochmal zu bemühen, könnte man sich vorstellen, dass jedes Innen oder auch jedes (Unter/Sub)System von jemandem mit DIS ein anderes „Gefühlebüro“ im Kopf hat, bei dem jeweils andere Emotionen im Missverhältnis zueinander stehen. Systeme innerer Jugendlicher und Kinder zum Beispiel basieren bei mir zum Beispiel viel eher auf Neugier, Freude, Bindungsbedürfnis (Liebe), Wut, Ekel und Überraschung (Schock). Ihre Grundlage ist komplett anders und entsprechend auch ihre Funktionalität.

Ich als Kommunikator_in/Alltagsperson/hauptsächlich „frontender“ Anteil bin nach wie vor auf die Hilfe Außenstehender und viel aktiven Prozess angewiesen, um berührte oder verletzte Grenzen zu erkennen, in ihrer Bedeutung zu begreifen und realistisch einzuordnen, gerade weil ich primär angstbasiert funktioniere. Angst bremst den Frontallappen aus – den braucht man aber, um sich (und andere) zu reflektieren. Ich nehme manche Dinge bedrohlicher wahr, als sie sind, weil ich ohne Katastrophisierung über jeden Kontakt gar nicht erst sicher interagieren kann. Im Konfliktfall kostet es mich enorme Kraft, nicht in vermeidendes Verhalten zu rutschen oder auf meine Rechte oder Ansprüche zu verzichten, nur weil ich kompetenter darin bin, die Folgen dessen zu kompensieren. Und sehr oft überstrahlt genau dieser Kraftaufwand, den ich erst seit der Therapie betreibe, noch zusätzlich, dass ich den Konflikt überhaupt als Grenzthema begreife.

All dieses Wissen und Verständnis über mich bedeutet übrigens nicht automatisch auch, dass ich die Kompetenz habe, meine Grenzen zu kommunizieren, einzufordern, dass andere Menschen sie wahren und bedenken, oder sie zu vertreten. Dieses Wissen bedeutet nur, dass ich mich inzwischen häufiger mit weniger Angst selbst erleben und reflektieren konnte. Wissen allein befähigt nicht zum Handeln.
Aktuell erlebe ich es so, dass ich von meinem direkten Umfeld befähigt werden muss, um meine Grenzkompetenzen zu trainieren und zu modulieren. Wenn ich es mit Menschen zu tun habe, die primär mit ihrem Bild von mir bzw. ihrer Idee von mir interagieren, bin ich nicht in einem befähigenden Umfeld. Genauso wenig, wenn ich es mit Menschen zu tun habe, die von meiner angstbasierten Funktionalität profitieren. Etwa weil sie bei gemeinsamen Aufgaben wissen, dass ich zur Not halt alles allein mache (bevor wir beide sterben) und sich entspannt zurücklehnen.

Entsprechend ist meine Idee von meinem Funktionieren. Ich halte es nicht für eine Dysfunktion, wenn ich es nicht schaffe, den richtigen Menschen im allgemein angemessenen Zeitraum, passend zu vermitteln, wenn ich etwas nicht möchte, mit etwas nicht einverstanden bin oder den Umgang mit mir respektlos oder grenzverletzend empfinde. Im Hinblick auf meine traumabedingt entwickelten Fähig- und Fertigkeiten zum Überleben ist genau das mein Funktionieren.
Und hier lohnt es sich meiner Ansicht nach, sich selbst nicht nur als „System“ einzuordnen, sondern als der Organismus, der man ist als Mensch. Auch als sogenanntes „gemachtes/programmiertes“ DIS‑System. In dem Zusammenhang ist es meiner Meinung nach sogar besonders wichtig, die Depersonalisierung, der Gewalterfahrung nicht als Natur des eigenen Selbst anzunehmen. So nach dem Motto: „Sie haben mich wie einen Apparat benutzt, also bin ich jetzt einer (und werde wohl nie etwas anderes, ohne mich selbst zu verlieren).“

Die Anpassung an bestimmte Lebensumfelder ist nie die passive, ich-lose Reaktion, zu der manche Viele und auch so manche Literatur zum Thema ebenjene Funktionalität v.erklärt.
Passiv zu sein, kann aber durchaus Folge aktiver Prozesse (Funktionen) sein. Etwa im Kontakt mit der eigenen Familie oder Menschen, denen man eine gewisse Autorität (Macht) zuschreibt, nie zu widersprechen. Da denken viele Viele von sich, dass sie sich immer einfach ergeben und alles mit sich machen lassen. Praktisch selbst komplett verschwinden. Es mag traumatische oder extrem stressende Momente geben, in denen es zu einer kompletten Selbstaufgabe kommt. So etwas sieht dann aber von außen nicht aus wie ein Familienausflug, bei dem sich eine Person einfach komplett übernimmt, weil sie es in dem Kontext nicht schafft, eine Pause einzufordern. Sie mag von sich denken, sie sei kaputt, weil sie es nicht hinbekommt – was sie aber aus Sicht anderer Innerer schafft, ist, keinen Konflikt auszulösen (was aus Gründen evtl. sogar ganz gut ist). Sie hat den Eindruck, sich immer im Stich zu lassen – andere Innere fühlen sich aber vielleicht genau davon beschützt.

Die Funktionalitäten, mit denen die meisten Menschen mit DIS nach der Gewalt bzw. in weniger stressenden Zusammenhängen, zu kämpfen haben, sind oft genau die, die sie während ihres Lebens in ständig drohender Lebensgefahr gar nicht bewusst miterlebt haben. Die ihr Selbstbild in Frage stellen. Die manchmal mehr, manchmal weniger zur tatsächlichen Realität passen. Ich zum Beispiel habe mir meinen Hirntumor (ein unfassbar ängstigendes Ding btw) gewünscht, weil ich mich in der Zeit der Diagnosestellung oft total enthemmt, absolut frei und offen in aus meiner Perspektive todesgefährlichen Kontakten mit anderen Menschen erlebt habe. Ich hab einfach eine geraucht mit denen! Hab Musik gemacht – vor anderen Leuten! – Die mich angeguckt haben!!!
Heute sind das für mich die klassischen DIS‑Stories. Da habe ich andere Innere (andere Funktionssysteme) miterlebt, weil das allgemeine Erregungsniveau nicht mehr für eine spontane Dissoziation gereicht hat. Unser aller Funktionsgrundlage – Stress – hatte sich verändert. Aber unsere Funktionen nicht. Ich wusste nicht, empfand es nicht als zu mir gehörend, nicht mal als im möglichen Rahmen meiner Fähig- und Fertigkeiten, auch so im Leben sein zu können.
Für mich war jeder Moment, in dem ich andere Innere (andere Funktionsmodi von mir selbst) wahrgenommen habe, ein Extrem. Ein Grenzerleben, an dem ich „zerbreche“ oder manchmal auch innerlich „sterbe“ (dissoziiere). Ich habe auf diese Selbstwahrnehmung genauso reagiert, wie auf die Wahrnehmung von Grenzen von außen: angstbasiert, überlebensorientiert, vermeidend. – Die Inneren, die ich damals wahrgenommen habe, hingegen, konnten zunehmend weniger mit anderen Menschen umgehen. Seit der Zeit der Diagnosestellung ist vor anderen Menschen zu singen, ein Instrument zu spielen oder zu tanzen, kaum noch drin. Weder diese Inneren noch ich erreichen heute, unter den Bedingungen, in denen wir jetzt leben, mit dem Stressniveau, der Lebensbedrohung und so weiter, das Funktionsniveau, das wir jeweils früher hatten.

Manche Menschen würden das als Dysfunktionalität einordnen. Etwas, das früher ging, geht heute nicht mehr – Maschine kaputt. Ich ordne es heute eher als Baustelle ein. Anpassung an neue Funktionsgrenzen in progress. Ich muss umlernen, welche Ängste wann wie berechtigt und für den Rahmen funktionell sind – die anderen Inneren müssen umlernen, dass ihr Handeln mehr Bedeutungsumfang hat, als den, Dinge zu machen, weil sie sie können und schon immer gemacht haben. Wir beidalle nutzen hier die Anpassungsfunktion unseres menschlichen Organismus. Die ohne Grenzempfinden gar nie ausgeführt werden kann, jedoch bei mir anders erlebt wird, als bei diesen Inneren. Was wir also voneinander an Grenzkompetenz erwarten können, ist total unterschiedlich. Ich kann mich sehr darauf verlassen, dass diese Inneren wissen, wie man singt und tanzt. Aber auf gar keinen Fall, dass sie genauso sicher wissen, wer ihnen warum mit welchem Motiv dabei zusieht oder von ihnen verlangt, zu singen und zu tanzen.
Sie wiederum können sich bei mir total darauf verlassen, dass ich soziale Situationen vermeide, die uns in Lebensgefahr bringen könnten – jedoch nicht, dass ich über angstvolles Vermeiden, Analysieren und Katastrophisieren hinaus großartig irgendwie handlungsfähig bin.

Es ist wichtig, von diesem unterschiedlichen Funktionieren aufgrund unterschiedlichen Grenzerlebens zu wissen. Nicht nur für uns als Viele in einem Menschen_er.Leben, sondern auch für unsere Helfer_innen und Behandler_innen. Wer uns nicht kennenlernt, wie wir uns kennenlernen, wird uns überfordern. Wer annimmt, jedes Gespräch, jede gemeinsame Erfahrung würde von allen Inneren gleich erfasst, eingeordnet und (für) wahr_genommen, ähnlich erlebt und in Bezug zu sich begriffen werden, oder träfe auf die gleichen Kompetenzen, hat Vielesein, das Kernproblem der dissoziativen Identitätsstruktur, nicht verstanden und wird Fehler machen. Vielleicht auch richtig schlimme, richtig schwere Fehler.
Wenn Viele über sich sagen, dass sie alle innen unterschiedlich sind, dann ist praktisch nie gemeint, dass der eine Bonbons  mag und der andere sie hasst. Und auch nicht immer, dass die einen Gewalt erlebt haben und die anderen nicht. Meistens referenzieren wir auf grundlegend andere Fähig- und Fertigkeiten (Kompetenzen) zur Interaktion und Kommunikation, Weltbilder, Erklärungsmodelle vom Funktionieren der Welt und ihrer Bewohner sowie Konzepte von sich selbst. Wir sprechen von umfassend voneinander abweichenden Funktionsmodi, die bei manchen teilweise, bei anderen wiederum (noch) gar nicht aufeinander abgestimmt sind. Davon, dass wir gleichzeitig funktional und dysfunktional sind – weil unser Organismus unter verschiedenen Bedingungen unterschiedlich funktioniert und unterschiedlich viel oder wenig kongruente Bewusstseinsbildung dazu ermöglicht. Davon, dass wir uns plötzlich selbst erfahren und uns das absolut an unsere Grenzen bringt. Und oft auch einfach weit darüber hinaus.

der „Ich bin erwachsen“-Kniff

Ich bin kein Fan von Komplexitätsreduktion.
Es gibt Dinge, die sind komplex, und sie zu verhandeln, als wären sie eigentlich ganz einfach, ist für mich falsch, weil es die Dinge falsch macht, wenn sie nicht vollständig sind. Kleiner, großer, vielleicht der für meine Mitmenschen nervigste Autiquirk an mir.
Gleichzeitig habe ich kürzlich an mir selbst etwas bemerkt, das mit einer unbemerkt übernommenen Abkürzung zu tun hat.
– mein Konzept von Erwachsensein.

Ich habe in den vergangenen Wochen mehrere Erfahrungen gemacht, die mich an vielen verschiedenen Stellen gleichzeitig gefordert haben. Weil es so viele waren, konnte ich mich immer erst hinterher wirklich damit befassen, was und wie ich da eigentlich erlebte. Soweit so üblich für mich.
Dann passierte etwas sehr Belastendes und das, was ich in den Wochen zuvor tat, funktionierte nicht. Was hatte ich getan? – Mich daran erinnert, dass ich erwachsen bin. Und damit die Abkürzung genommen, die ich nehme, seit ich volljährig bin:
Ich bin erwachsen – ich kann bestimmen. Ich bin erwachsen – ich bin unabhängig. Ich bin erwachsen – ich bin kein Kind. Ich bin erwachsen – ich brauche nichts, was ein Kind braucht, so dringend, wie es ein Kind braucht.

Diese Bewusstmachung ist wichtig in meinem Leben. Ganz klar. Meistens ist meine Erinnerung an mein Erwachsensein wichtig für mich, um bestimmte Regeln, die ich in meiner gewaltvollen Herkunftsfamilie als Kind aufgestellt habe, hinterfragen zu können. Etwa Regeln darüber, wann ich warum widersprechen darf oder wie ich bestimmte Alltagshandlungen gestalte.
Manchmal hingegen ist es eine Abkürzung. Eine alltagsverschleierte Dissoziationshilfe. Denn mein Erwachsensein richtet sich immer gegen meine kindlichen oder jugendlichen Anteile. Wo ich bin, ist Erwachsensein – und nichts anderes. Eine unglückselige Verbindung, die ich in einigen Jahren Traumatherapie eingeübt habe, um Flashbacks oder intrusives (Wieder-)Erleben oder Erinnern zu beenden oder die (von traumareaktiver Dynamik bestimmter) Beziehung zu meinen Behandler-, Unterstützer- oder Helfer_innen zu sichern.

Die Erfahrungen, die ich in letzter Zeit gemacht habe, haben fast immer auch viele andere Innere von mir angesprochen. Und immer habe ich das Bewusstsein um mein Erwachsensein benutzt, um mich sowohl mit dem Geschehen assoziiert, als auch von meinen inneren Vorgängen dissoziiert zu halten. Obwohl es nicht immer nötig war. Es war einfach nur leichter für mich.
So leicht und selbst.bewusst durch die Erfahrungen zu gehen, ermöglichte mir, so gut zu funktionieren, dass sich niemand noch mehr Sorgen gemacht hat. Denn wirklich niemand war unbesorgt um mich, das habe ich gespürt. Alle haben Anteil genommen, alle haben mir Hilfe angeboten. Zuhören, da sein, mitfühlen, ablenken, trösten … Ich hätte mit der gesamten Palette meines inneren Geschehens aufschlagen können und mein Netz hätte gegriffen.
Allein ich wäre darunter vielleicht nicht mehr zurechtgekommen. Denn ich bin ja nicht diese Palette. Ich bin ja nicht die Anderen. Ich bin ja erwachsen. Ich bin reguliert. Ich kann über die Dinge nachdenken. Ich kann sie reflektieren, analysieren und häufig auch kontrollieren. Ich bin die Hilfe, die Unterstützung für andere, und daher selten in der Situation des Hilfebedarfs im Sinne einer Abhängigkeit oder Angewiesenheit. In der Situation leide ich also auch überhaupt nicht darunter, selbstständig oder allein damit zu sein. Auf meine dissoziative Strategie zurückzugreifen, ist daher tatsächlich eher eine Effizienzentscheidung als ein aus Leiden provozierter Reflex, wie es die traumabedingte Dissoziation ist.
Und das ist die Stelle, an der sich die Komplexität des Er.Lebens mit DIS zeigt.

Für mich ist es eine Entscheidung zum Erwachsensein, meine traumatisierten kindlichen und jugendlichen Anteile zu dissoziieren. Es ist ein Verhalten von mir, das ich steuern kann. Ich kann mir sagen: „Jetzt bin ich nicht ich (verwirrt und immer ängstlich), jetzt bin ich erwachsen (klar geordnet und orientiert in der Realität)“ und feine DBT-Skills anwenden, um mich schneller oder langsamer in die Dissoziation rein- oder wieder rauszubringen. Ich habe jahrelang unter therapeutischer Aufsicht trainiert, Flashbacks hinter erwachsener Selbstbeherrschung zu maskieren. Und sehr schnell verstanden, dass kindliche oder jugendliche Impulse zwar nicht so grundsätzlich schlecht und gefährlich sind, wie ich sie damals empfand – aber schon lieber gerne irgendwie nicht so wirklich präsent sein sollten. Aber irgendwie auch doch. Manchmal. Unter Bedingungen, die mir bis heute nicht so klar sind, wie ich es brauche. In Umständen, die bestenfalls sicher sind durch Aspekte, die mir ebenfalls noch nicht so klar sind.

Gleichzeitig habe ich gar nicht so viel Kontrolle über meine reflexhafte Dissoziation. Wenn der Traumatrigger greift, greift er richtig. Und dann sind es kindliche Interpretationen aufgrund von traumatischen Erfahrungen, die meine Einschätzung und mein Handeln in einer Situation bestimmen. Und die gesamte innere Palette an Gefühlen und Gedanken, Traumawahrheiten und Logiken, die Gewalt und Leid legitim erscheinen lassen, entwickelt ganz eigene, zuweilen undurchschaubare oder auch nicht so leicht nachvollziehbare Dynamiken. Sowohl in sich selbst als auch mit dem Außen, also anderen Menschen.
In solchen Momenten ist meine Performance von Erwachsensein lächerlich ineffizient. Sie ist eine Lüge, die ich gerne wahr hätte, weil ich annehme, dass ich dann auch damit fertig werden würde, was mit mir passiert. Denn mit mehr als solcherart Annahmen ist Erwachsensein für mich gar nicht gefüllt. Wäre der Begriff für mich mit mehr als allgemeiner Handlungskompetenz, Klarheit und Bestimmungsrechten gefüllt, wäre er zu komplex, um mir eine Abkürzung, eine Dissoziationsbrücke, bieten zu können.

Umso heftiger traf mich die Erkenntnis, trotz aller Neigung zur Vervollständigung und einer grundsätzlich positiven Haltung gegenüber komplexen Sachverhalten, eine so unreflektierte und teilweise auch unkritische Akzeptanz dieser Unvollständigkeit zu haben.
Nach etwas mehr Auseinandersetzung damit, konnte ich jedoch auch eine Idee davon entwickeln, woraus sich diese Akzeptanz ergibt, und das war erneut das Konfliktfeld zu meinem Inneren.

Mein Zug in die Dissoziation ergibt sich immer und in allen Aspekten aus kindlichen Traumareaktionen und traumabedingten Überzeugungen (Traumawahrheiten bzw. Traumalogik). Und das, bevor ich die Chance habe, wie Menschen ohne DIS, auf kindliche Alltags- und Selbsterfahrungen zurückzugreifen.
Jeder erwachsene Mensch grenzt sich von sich selbst als Kind ab. Das ist normal und richtig so. Aber Abgrenzung ist nicht so umfassend wie Ablehnung und auch nicht so verlustreich wie Dissoziation. Abgrenzung zum früheren Kindsein führt dazu, dass man sich auch im hohen Alter noch jung fühlen kann. Dass man die eigene kindliche Neugier und diverse Freuden jederzeit in verschiedenen Alltagssituationen (wieder)erleben kann. Dass man konfrontiert mit neuen Erfahrungen noch weiß, was als Kind (und Jugendliche_r und junger erwachsener Mensch) geholfen hat, sie zu integrieren.
Ablehnung führt zu Scham. Zu Versteck- und Anpassungsbestrebungen. Dazu, dass man sich abwehrend gegenüber diversen Regungen, die mit Kindlich- oder Jugendlichkeit assoziiert sind, verhält. Kommt dazu noch Trauma, wird Vermeidung wichtig.
Und Dissoziation im Zusammenhang mit Trauma führt je nach Umfang zu einem Flickenteppich aus allem gleichzeitig. Hier Scham und Vermeidung, da allgemeine nicht näher bestimmbare Ablehnung, dort Ängste nicht näher definierbarer Herkunft, hier grenzenlos verwirrender Mischmasch der Meinung, Haltung und Emotionen zu unkontrollierbar auftauchenden Aspekten und Impulsfragmenten.
Für mich bedeutet das: Meine Kindlichkeit ist weitgehend überhaupt nicht korrekt erfass- und klärbar für mich. Ich kann überhaupt nicht wissen, wo meine Abgrenzung zum Erwachsensein angemessen ist und wo nicht. Ich kann mich aktuell gar nicht wahrhaft abgrenzen – ich kann mich nur (ab)dissoziiieren. Und das wiederum macht meinen kleinen Erwachsensein-Trick so … naja, in letzter Instanz einfach kindlich. Es ist der gleiche traumareaktive Kniff wie: „Ich bin die Große, ich kann das (aushalten, ertragen, so machen, wie die_r Täter_in das von mir erwartet, will, einfordert, mir abzwingt).“

Und das ist gar nicht mal so ’ne angenehme Selbsterkenntnis, ehrlich gesagt.

Todesangst

„Wovor hast du denn Angst, es passiert doch nichts.“ Das, diese Frage ohne Fragezeichen, diese Aussage mit Lüge drin, ist mir im Leben bereits sehr oft begegnet. So oft, dass ich sie nicht mehr hasse. So oft, dass ich sie behandle wie viele andere Versatzstücke von Gesprächen, die ich weder wirklich durchdringe noch wahrhaft als Marker für die Natur des Gesprächs nutze. Denn es tut mir nicht gut, mit Menschen über Angst zu sprechen, die Angst nur als periodisches Erleben besonderer Situationen kennen und den Lauf der Dinge, in dem immer irgendetwas irgendwie passiert, ebenfalls nicht stets und ständig, sondern nur dann und wann überhaupt wahrnehmen.
So bleibt es, was ist: eine Mikroaggression, eine Alltagsignoranz.

Und ein Marker für eine soziale Falle. Denn die meisten Menschen sagen das, um zu vermitteln, dass man (mit ihnen) sicher ist. Dass alles okay ist. Es ist aber nicht alles okay, wenn eine Person Angst kommuniziert und die andere nicht einmal eine Idee davon hat, worum es bei der Angst geht. Diese Person irrt sich. Sie bemerkt etwas nicht, sie ist nicht im Bilde über die Lage und möchte ihr Sicherheitsgefühl natürlich auch nicht verlieren. Deshalb sagt sie diese Phrase. Diese Floskel. Diesen kleinen sozialen Abwatscher, der der anderen Person vermittelt, sie würde etwas sehen, fühlen, bemerken, das nicht da ist.
Und die andere Person? Vielleicht versucht sie nochmal, zu schildern, was ihr Angst macht. Vielleicht erklärt sie. Doch je weiter ihre Ängste, ihr Erleben von Angst, die Rolle von Angst in ihrem Leben, von der der anderen Menschen abweicht, desto häufiger wird genau diese Erfahrung der Abwehr, der Mikroaggression und des Infragestellens der eigenen Wahrnehmung.
Und dadurch werden andere Menschen oder auch nur der Kontakt mit ihnen einfach grundsätzlich immer unsicher. Auch die Netten. Die Lieben. Die Vertrauenswürdigen. Die ganz wirklich überhaupt nichts Böses wollen. Die nur helfen möchten. Die nicht einen Hauch von Negativität in sich haben.

*

Ich habe geträumt, ich hätte Sookie erschossen.
Meine Assistenzhündin, mein erster echter emotionaler Spiegel, das Wesen, die Entität, mit der ich mich rückhaltlos verbunden gefühlt habe. Sookie, die letztes Jahr gestorben ist.
Es war die Art Traum, gegen die ich mich entscheiden konnte. Ich hob meine rechte Hand und drückte damit meine linke Schulter, um mich aufzuwecken. Das ist meine Traumunterbrechungsgeste. Wenn ich mich an die erinnern kann, während ich träume, weiß ich, dass ich sie ausführen kann und alles Schlimme oder Unangenehme unterbrechen.
Doch als ich aufwachte, war da keine lebende Sookie. Kein warmer, weicher Brustkorb, der sich an meine Seite schmiegt. Da war nur die Tatsache, dass sie tatsächlich tot ist und nie wieder lebendig sein wird.

Nach Sookies Tod hatte ich nicht viel Raum für die Verarbeitung ihres Todes. Ich hatte viel zu viel Angst, meine neue Arbeitsstelle nicht behalten zu dürfen. Ich hatte die Fahrschule, die mit viel Angst einherging. Neben dem Podcast, der Verlagsarbeit, den Projekten, an denen ich mich privat beteilige.
Damals habe ich ein Mal geweint. Direkt noch mit Sookie im Arm auf der Wiese. Reflexhaft, als würden sich meine Tränendrüsen übergeben müssen. Und ein Mal brach F., ein Kinderinnen, weinend aus mir heraus, als ich meine Therapeutin in einem Notfalltelefonat hatte.
Die Trauer um meine so nahe Begleiterin zeigte sich im Alltag eigentlich nur in einem Fähigkeitsverlust. Ich war nicht traurig und auch nicht sicher, ob ich trauern würde. Wenn ich in der Zeit danach mal nicht von Angst über für andere unsichtbaren, irrelevanten Kleinscheiß des Alltags umgetrieben wurde, dann hatte ich Sehnsucht nach Sookie. Nach den langen Wanderungen im Wald. Sie in ihrem unermüdlichen Weg vor und wieder zu mir und vor und wieder zu mir, Anspielen, Dinge beriechen, Schauen, Teilen, vor und zurück. Nach dem Gefühl, dass wirklich alles okay ist, weil wir so viel miteinander teilen, was der Moment in sich hat. Eine Sehnsucht, die ich sonst nur habe, wenn ich mir eine Freundin wünsche, obwohl ich schon welche habe. Oder eine Familie, obwohl ich schon eine habe. Nur eben nicht so.

In der Nacht des Traums, dem Moment der Orientierung in die Realität, kam die Traurigkeit, wie etwas, das mich töten könnte.
Ich konnte kaum noch atmen, meine Brust war so zusammengepresst, dass weder Töne heraus noch Luft hinein kam. Mein Weinen hatte meine Augen so anschwellen lassen, dass es sich anfühlte, als hätte ich Steine darauf liegen. Ich konnte kaum sehen, kaum atmen und das, während der emotionale Schmerz mich in einer Radikalität erfüllte, die ich nicht anders als grenzenlos beschreiben kann. Etwas, das ich nur von Kinderinnens kenne. Ganz entfernt. Eher theoretisch als je selbst erlebt. Ich dachte, ich bekäme einen Herzinfarkt. Mehr fremd als selbst ging ich zu meinem Mann runter. Er verstand sofort, dass es sich schlimm anfühlen würde, so einen Traum gehabt zu haben und dann in eine so gleich schlimme Realität aufzuwachen. Er tröstete mich. Und ich? Ich bin nicht in einer warmen Wolke der Liebe gelandet und fühlte mich besser. Ich bin emotional, seelisch, ichlich gestorben. Meltdown, Krampfanfall. Der erste große, den mein Mann direkt miterlebt hat. Das reine Wahrnehmen der Traurigkeit hat mich getötet.

Am Ende der Shutdown. Das dissoziative Nachwehen als diffuse Masse aus Reiz und Reaktion, ein Ich im Wiederaufbau. Das Ausgeliefertsein an die Umwelt, während das Fühlen der Angst darüber noch gar nicht wieder möglich ist. Wie auch Gefühle von Sicherheit und Liebe. Geborgenheit und Nähe.
Wir lagen zu dritt auf dem Bett, wie ein ganz intimes Familiensandwich. Bubi an meinem Bauch, mein Mann an meinem Rücken.
Ich konnte nichts empfinden. Nicht einen Gedanken halten. Nur meinen Körper entlang ihrer Atmung rekonstruieren und warten, bis ich mich als lebend wiedererkenne.

*

Vor solchen Momenten habe ich Angst.
Solche Momente habe ich fast jeden Tag in abgeschwächter Form. Nicht immer mit einem Krampfanfall. Immer wieder jedoch mit einem innerlichen Meltdown. Der absoluten Ohnmacht und der im Grunde fast immer bestehenden, sehr umfassenden, Einsamkeit wegen der für andere Menschen offenbar unmöglichen Nachvollziehbarkeit dessen, was in mir vorgeht, wenn ich mein Leben, aber auch meine eigene Lebendigkeit erlebe.
Da geht es nicht um Vertrauen oder Nichtvertrauen, wen ich lieb finde und wen nicht. Ob ich mir genug oder zu viel zutraue, ob ich zu wenig soziale Codes verstehe oder hinnehme. Ob ich mich meinen Ängsten stellen, sie mir abtrainieren oder als in der Regel unbegründet akzeptieren muss oder nicht.

Es geht darum, dass ich mich daran sterbend erlebe und weiß: Wer noch nie an seinen eigenen Gefühlen gestorben ist – wer sich noch nie an Verzweiflung, an Not, an innerer Spannung so umfassend selbst verloren hat – wird immer denken: „Ach komm. So schlimm ist das nicht.“

Viele-Sein, Episode 99, mit Felice über Innenkinder

Außenstehende bemerken sie oft sofort – Betroffene mit DIS verlieren an sie zu Beginn jede Kontrolle: Innenkinder
In dieser Episode „Viele-Sein“ sprechen Felice und Hannah über verschiedene Aspekte ihres Lebens und Umgangs mit ihren Innenkindern und allem, was damit einhergeht.
Außerdem in dieser Episode: Unsere Einladung zum Hörer*innentreffen im September, ein Podcast-Shoutout und der Aufruf, als neue *r Podcaster *in zu unserem Projekt dazuzukommen.

Kapitel

00:00:00 Intromusik Hörer *innentreffen
00:01:17 Einleitung und Begrüßung
00:02:30 Begriffsklärung – Innenkinder vs. das innere Kind
00:10:15 Wann hattest du das erste Mal Kontakt mit einem Innenkind?
00:27:44 Innenkinder und die Folgen im Außen
00:43:15 Innenkinder in der Psychotherapie
00:52:42 Innenkinder und Kontakt/Arbeit mit Außenkindern
00:59:42 Was haben Innenkinder Schönes in unser Leben eingebracht?
01:04:56 Shoutout: Podcast Survivor Queen
01:06:11 Ende der Episode und Aufruf an neue Podcaster *innen

Hörer*innentreffen

Am 6. 9. im Freizeitheim Linden, Hannover. Anmeldung per E-Mail an vielestimmen @ vielesein.de.
Mehr Infos gibt es ab August, wenn sich genug Leute angemeldet haben.

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die Ausnahme, Teil 1

„Beweglich wie die Hindenburg“, denke ich unzufrieden mit mir selbst, als ich die Praxis meiner Therapeutin verlasse. Ineffizient komme ich mir vor. Komplett behämmert, hätte ich jetzt Zeit und Raum für eine altbewährte Selbsthass-Schleife. Ich habe aber nicht mehr viel Zeit. Die Therapiestunde war sehr lang, ich habe nur noch 50 Minuten für meine anderen Erledigungen, bevor mein Zug nach Hause abfährt. Der Stress macht es mir leicht, den Fokus nach außen zu drehen. Ich ziehe durch. Erledige alles, arbeite im Zug, fahre vom Bahnhof direkt zum Training und von da nach Hause.
Erst geduscht, mit dem Abendessen im Bauch, kann ich mich wieder etwas aufmachen.
Erst dann hole ich die Puppe aus dem Rucksack und lege das schöne Packpapier, in das sie eingeschlagen war, flach ins Bastelregal.

Die Puppe habe ich in Italien gekauft. Im Spielzeugladen in Arezzo.
In meinem üblichen Alltag gehe ich nur in Spielzeuggeschäfte, um jemandem ein Geschenk zu besorgen. Für mich selbst kaufe ich bei diesen Gelegenheiten entweder einen Kreisel, denn die sammeln wir, oder sensorisch interessante Tüddel, die in die Hosentasche passen.

Ich ziehe ein gewisses Überlegenheitsgefühl gegenüber anderen Vielen aus dem Umstand, dass ich in solche Geschäfte gehen kann, ohne in einen kindlichen Zustand zu kippen. Überhaupt bin ich ziemlich stolz darauf, mich in der Hinsicht inzwischen überwiegend im Griff zu haben. Also in 99,9 % der Fälle. 0,01 % der Fälle sind Traumareaktionen. Wechsel, die ich nicht beeinflussen kann, weil ich die Situation nicht (genug) beeinflussen kann. Etwa in der Therapie oder in Situationen, die traumatischen Situationen sehr ähnlich sind. Wie der Zustand nach einer Narkose.

Ich mag, dass Kindliches praktisch kaum eine Rolle in meinem Leben spielt. Ich habe keine designierte „Innenkinderzeit“, ich mache keine außerordentlichen Besonderheiten speziell für meine Kinderinnens und die haben auch keine Freund_innen oder Aufgaben im außen. Es gibt sehr eng gesteckte Rahmenbedingungen dafür, wann Innenkinder etwas neben mir her miterleben oder mitmachen dürfen bzw. können. Und noch viel engere dafür, dass sie sich mit mir vermischen.
M., eine frühere Freundin von mir, fand mich immer fies deswegen. Hat oft zum Ausdruck gebracht, ich wäre viel zu hart, viel zu krass, viel zu brutal in der Hinsicht. Mich hat es verletzt, dass sie nie die Fiesheit, die Brutalität gesehen hat, die dazu führte, dass ich diese Haltung entwickelt habe.

Meine „Fiesheit“ an der Front ist ganz klar das Ergebnis von therapeutischen Eingriffen in stationären Kliniksettings. Von der Brutalität, die sich daraus ergab, dass ich auf eine psychiatrische Unterkunft und Hilfe angewiesen war, um zu überleben, aber Wechsel, dissoziatives Erleben, bestimmte „auffällige Symptomatik“ (wie es Wechsel zu traumareaktiven (kindlichen) Anteilen nun einmal sind) teils massiv sanktioniert wurden. Unterstützung von der Pflege – nur als Erwachsene_r. Anerkennung von Leiden, Beistand in unerträglichem Wiedererleben oder emotionalen Flashbacksituationen – nur wenn man sprechen und verstanden werden kann. Nur, wenn sich Pflege, Betreuung, Therapeut_innen sicher und wohlfühlen, sonst Keule. Also Medikamente. Betäubung. Kopp zu.
Zudem bin ich unter diesen Bedingungen erwachsen geworden. Ich war 16 als das anfing und Anfang 20 als es aufhörte. Den Umgang anderer Menschen mit meinen dissoziativ von mir getrennten kindlichen Anteilen habe ich häufig als etwas erlebt, das benutzt wurde, um mich in meiner Selbstbestimmung einzuschränken und in meiner jugendlichen Alltäglichkeit bzw. jungen Erwachsenheit infrage zu stellen.
Und als Einfallstor der Überforderung für Therapeut_innen, die entweder keine oder wenig oder keine fundierte (bindungs)traumatherapeutische Vor-, Weiter-, Fortbildung hatten und entsprechend inkompetent mit Übertragungen, Traumaexploration- oder -exposition umgegangen sind.

In der Zeit konnte ich nicht verhindern, dass es zu Wechseln (für mich: Amnesie) kommt – diese Gefahrensituationen sind immer wieder aufgetreten und ich hatte zu keinem Zeitpunkt die Möglichkeit, irgendwelche Konsequenzen abzuschätzen. Sollte sie aber antizipieren, um von Therapieerfolg oder Entlassung ausgehen zu können. Ich dachte also, ich würde nur dann je normal oder gesund sein, würde ich mich zu jedem Zeitpunkt kontrollieren können. Und Kontrolle, das hatte ich mir übersetzt mit dem Umgang, der mir in diesen Kliniken geschah: Unterdrückung. Kopp zu. Unsichtbarkeit. Es besteht Kontrolle, wenn niemand was von den inneren Vorgängen mitbekommt. Dann ist alles gut. Alle sind zufrieden. Niemand dringt in mich ein. Niemand überfordert mich.

Dieses Verständnis von Kontrolle über mich selbst nach innen hatte ich vorher nicht. Ich komme nicht aus einem Täter_innenkreis, der mich zur Unauffälligkeit erzogen hat. Mir wurde das nicht in irgendeinem dunklen Keller reingequält, sondern vor aller Augen und mit vollster Unterstützung der Gesellschaft psychiatrisch antrainiert. Ich sollte immer mitmachen – sonst. Ich sollte immer verstehen – sonst. Ich sollte immer reden, denken, einsehen – sonst. Und ich dachte und spürte sehr genau, dass ich nur überlebe, wenn ich diesem Anspruch auch Folge leiste.
Meine Gefühle, meine Einschätzungen von bestimmten Dingen, die wurden stets als bekannt vorausgesetzt und nur von einer Therapeutin, in der Tagesklinik, die ich dann als junge Erwachsene öfter aufsuchte, auch mal abgefragt.
Meine Behandlung war in sehr vielen Bereichen ein von mir unkontrollierbarer Selbstläufer, den ich sehr lange weder verstehen noch wirklich selbstbestimmt mitgestalten konnte. Es war die beste Entscheidung, die ich für mein Weiter- und Rauskommen aus diesem stationäre Psychiatrie-teilstationäre Tagesklinik-Drehtür-Elend treffen konnte, einfach ganz extrem böse fies gemein brutal hart gegenüber meinen Kinderinnens (und Jugendlichen und Bösen und Dunkelbunten …) zu sein. Und sie so weit wie nur irgend möglich zu versiegeln – noch bevor ich sie überhaupt selbst mal frei und im sicheren Rahmen wahrgenommen oder auf ihre Funktionen für mein Innenleben geprüft habe.

Soweit meine Erzählung.
Die übliche Traumaerzählung über so fiese Kinderhasser-Innens wie mich ist: ANPs, die alltagskompetenten (angeblich) untraumatisierten Anteile, suchen Kontrolle über sich, weil sie so die Konfrontation mit dem Trauma vermeiden. Kinderinnens = Traumaträger, also Kinderinnens – Nein, danke. Will ich nicht, kann ich nicht, Adios, Tschö, bitte gerne ohne mich
Ist viel dran. Keine Frage. Trifft komplett auch auf mich zu.
Enthält aber auch das Problem, dass man Verhalten zum Zustand erklärt und in der Folge aus dem Blick verliert, zu prüfen, ob es durchgehende Eigenschaften, Merkmale, Prädispositionen gibt, die dieses Verhalten auch bedingen.

Ich bin nämlich nicht nur extrem fies zu Kinderinnens. Ich bin auch richtig gemein zu Anteilen, deren Auftauchen oder Bedarfslage unsere Handlungskripte herausfordern oder bestehende Situationen unübersichtlich machen. Und dabei geht es 0 um Traumakonfrontationsvermeidung, sondern um die Vermeidung einer Traumatisierung.
Ich bekomme Probleme durch „abweichlerische Innere“, weil mir diverse alternative Handlungsskripte fehlen, die ich heute als erwachsene Person einfach nicht mehr beigebracht bekomme und für die mir auch kaum mehr Lern- und Übungsraum zugestanden wird.
Die Erwartung ist, dass ich jederzeit einfach weiß, welche Konventionen wann greifen, einfach merke, was wer wie wann warum meint oder denkt oder fühlt. Verhalte ich mich unkonventionell oder sozial unangemessen, wird einfach angenommen, dass ich ne schräge (gefährliche) Else oder „voll gegen den Mainstream“ bin. Und entsprechend ist der Umgang mit mir. Man fürchtet mich vielleicht einfach oder meidet mich oder tritt mir gegenüber konfrontativ auf – und ich weiß nicht, warum.
Oder man öffnet sich mir gegenüber komplett in der Annahme, ich wäre bereit für emotionale oder auch sexuelle Intimität und ich muss gucken, wie ich das balancieren kann und will. Grenzen dies das – Sicherheit! dies das. Und das immer unerwartet, nicht beeinflussbar und unabhängig davon, welches Innen aktiv ist oder wo wir gerade sind oder was wir warum, wie mit wem machen.
In diesem Zusammenhang ergibt sich die traumareaktive Dynamik erst nach einer ganz anderen Problematik, nämlich der, ein autistischer Mensch unter nicht-autistischen Menschen zu sein und als solcher den Alltag, aber auch die Therapie, die Beziehungen und Lebensthemen zu navigieren.

In Italien zu sein, war eine der krassesten positiven Ausnahmesituationen der letzten Jahre für mich.
Ich mache Ausnahmen. Ich kann Ausnahmen. Wenn ich weiß, wie lange, wofür und warum.
Und manchmal werde ich in so einer Situation über.mutig. Dann denke ich, dass, weil in der Situation, in diesem Moment im Grunde alles möglich ist, weil es eine Ausnahme ist, mir selbst auch alles möglich ist.
Neue Dinge auszuprobieren, fällt mir dann auch tatsächlich leichter. Essen, das ich nicht kenne. Mit Menschen reden, die ich nicht kenne. Irgendwo schlafen, wo ich noch nie geschlafen habe, zum Beispiel.
In einer Ausnahmesituation sind für mich alle Parameter sämtlicher Eigenschaften und möglicher Verläufe in die Zukunft auf einem Level. Alles kann genauso gut, wie schlecht laufen.
Das Gantt-Flussdiagramm in meinem Kopf, über die Abläufe, Funktionen und Mechaniken in meiner direkten Umgebung, wird dann eher zu einer Momentsammlung. In einer Ausnahmesituation kann ich gar nicht viel mehr aufnehmen und prozessieren als den akuten Moment. Ich weiß, dass ich mich an Ausnahmen nur selten so umfänglich und detailliert erinnern kann wie an meinen Alltag. Vor allem nicht, wenn ich mir keine Notizen mache oder Ankerpunkte zum Prozessieren setze. Wie und was genau ich da erlebe – die Kapazität, das einzuordnen und zu bewerten, die halte ich dann gar nicht erst bereit.

Ausnahmen, die ich gezielt zulasse, müssen sich für mich lohnen. Ich muss mich sicher fühlen. Ich muss (wenigstens für mich allein) wissen, dass ich sie jederzeit sofort beenden kann und niemanden dafür brauche.
Dort im Spielzeugladen von Arezzo war die Ausnahme bereits bestehend. Und ich in alle Richtungen offen wie ein Scheunentor. Hätte mich etwas ungünstig getriggert, hätte es mich umklatschen können und tja Ciao Kakao, mal gucken, wie es weitergeht. Es hat mich aber nichts getriggert. Ich stand da, Lisa, die Praktikantin, mit der ich da war, zeigte mir ein besonders weiches Objekt und ich folgte einem Wunsch, die anderen Gegenstände in dem Regal auch anzufassen. Uns, einigen Kinderinnens, Jugendlichen und mir, hat ein Objekt gut gefallen, weil es viele verschiedene Strukturen hat. Wir wollten es haben und wir haben es gekauft. Nicht sofort, aber auf dem Rückweg, als mir klar wurde, dass ich es nicht umsetzen würde, wäre die Ausnahme vorbei. Ohne Ausnahme kaufe ich im Spielzeugladen einen Kreisel oder einen Tüddel oder ein Geschenk. Das ist das Skript. Zu Hause habe ich keinen Anlass für eine Ausnahme.
Wir bezahlten das Objekt, das ich, einmal ausgesucht und länger in der Hand, überhaupt erst als Puppe erkannte, und sagten ja, als wir gefragt wurden, ob sie eingepackt werden soll. Und so brachten wir sie nach Hause. In einer großen bunten Papiertüte, in braunem bedrucktem Packpapier.

Die Tüte stellte ich ins Schlafzimmer, meinen Rucksack in den Flur. Ankommen, auspacken, Wäsche waschen, den Text schreiben, Maillawine auffangen …
Alles war gut.
Bis ich am nächsten Morgen an der Tüte vorbeiging und von echter Panik ins Gesicht geboxt wurde.

so

Jemand soll

bloss nicht

kommen.

Eine Traurigkeit. Eine Agonie so dicht, dass es sich nach Ersticken anfühlt.
Eine sumpfige Schicht unter meinem Alltagstrallala.
Wenn ich mit mir allein bin, quillt sie durch die Risse in meinem Selbst.
„Ein anhaltender emotionaler Flashback“ Schlaubi-Hannah sitzt in ihrem Intellekt-Gummiboot und nutzt jede Gelegenheit, um den Auftrieb zu erhöhen.
Der emotionale Flashback, das Kernstück der komplexen PTBS. Das Ding, das eigentlich alles an dieser Therapie, diesem Leben, diesem Heilen so schwer macht. Der Kack, den man so schwer vermitteln kann an Leute, die weniger Schattierungen von Elend und Leid kennen. Der Scheiß, der nur entstehen kann, wenn es nicht nur einmal kurz schlimm war. Sondern

eigentlich,

in Wahrheit,

wenn man ehrlich ist,

LEIDER,

egal, wie es dann im Einzelnen, Konkreten war,

immer

immer

immer

(((schlimm)))

war.

Das Wissen um dieses Symptom macht den Boden von meinem Gummiboot durchsichtig. Ermöglicht mir Sichtkontakt. Gibt mir die Chance, einen Bezug herzustellen und zu erkennen, wo er spontan passiert ist. Was der Auslöser war und was ein Auflöser sein könnte.
Wenn es um emotionale Flashbacks geht, brauche ich nicht überlegen, ob es ein Geräusch, ein Geruch, ein Gegenstand, eine soziale Situation war, die sie ausgelöst hat. Ich muss wissen und verstehen, wie sich für mich angefühlt hat, was ich erlebt habe. In meinem Alltag. Meinem Jetzt. Sonst ergibt es keinen Sinn und ist nur verwirrend und belastend.

Es hat mit der Operation angefangen. Schon vorher. Ein bisschen. Wie eine Welle von seichtem Gewässer. Weit weg. Schwach. Zu wenig für meinen Relevanzrahmen. Zu wenig für mich, um zu begreifen, dass jemand in mir, ich, etwas fühlt. Jemand soll – bloß nicht – da sein. Kann bitte – auf gar keinen Fall – irgendjemand – NIEMAND – mich – sehen? Wer kommt? Wer kommt nicht? Kommt jemand? WER? Was passiert? Passiert DAS? Nein Ja Immer immer immer für immer immer immer seit immer immer immer
Und als mein Stein im Schuh, der in Wahrheit ein Gebirge ist, zu einem Lehmklümpchen geworden war, wurde aus der kleinen sachten Welle – dem Wellchen irgendwo im fernen Traumascheißeland – eine Überschwemmung, die ewige Sümpfe hinterließ. Ziehend kalte klamme Sumpftraurigkeit. Schwappende Lähmung. Unendlich tiefes Elend. Verlassenheitsgefühle, die sich wie ätzendes Gas anfühlen. Wie eine ganz eigene Todesfalle.
„Es wird niemand kommen“, das könnte so gut helfen, wenn es helfen würde. Aber es soll ja jemand kommen. Jemand soll ja da sein. Nur nicht so. So

so

SO

wie immer

damals immer

In diesem Sumpf k.lebt nicht nur ein Innen. Ein Opferkind. Ein Kinderinnen im Traumafreeze. Eine einzige Erfahrung, die ich prozessieren muss. Ein Blick, ein Reality-Check und zack bumm trilili sigh of relief.

Das ist etwas, das ich aus meinem Leben kenne und runterdrücke bis ich nicht mehr kann. Dann breche ich kurz zusammen und gehe weiter. Weil keiner kommt. So wie ich das brauche. Will. Möchte.
Ich kann nicht vorleben, wie der Umgang sein könnte. Wie diese Traurigkeit, diese wirre Widersprüchlichkeit zwischen Wollen, Durchhalten, Aushalten, Warten, Hoffen und Wünschen, Realitäten, Ängsten und Nöten, irgendwie geklärt werden kann. Wie die weggehen kann. Denn in meinem Leben geht sie – in Bezug auf ganz andere Sachen – weit weniger traumatische Grauenhaftigkeiten – ja auch nicht weg.
Außer mir ist niemand

so

für mich da.

Das ist nicht genug für eine Auflösung.
Aber das kann ich durch die kleine Scheibe in meinem Gummiboot vermitteln. In den Sumpf einsickern lassen.
Ich bin da.
Ich bin so.

So wie jetzt.

der Moment, der noch nie war

R. ist mein Stein im Schuh.
Wenn sie darüber redet, wie das für sie war, dass sie niemand verstanden hat, dann spüre ich das wie ein besonders heftiges Stechen ihrer Härte. Peripher, aber deutlich.
Die Verschlossenheit, die sie in Bezug auf DIE ALLE hat und hält, war und ist bis heute manchmal noch ein echtes Hindernis in Hilfe- und Unterstützungskontexten.
Sie würde es nie sagen, mir jedoch ist es total klar: Das frühere Unverständnis der Menschen über ihre Gefährdung hätte ihr das Leben kosten können. Uns. Mir.
Was man ihr, uns, mir in Medien, Schule, Sportverein beigebracht hat: „Sag was, wenn jemandem oder dir etwas Schlimmes passiert.“, das hat sie gemacht. Sie hat gesagt, dass anderen etwas passiert. Und weder sie noch die Menschen haben gemerkt, verstanden, gewusst, dass sie diese anderen war. Niemand hat geholfen.

So ein folgenschweres Missverständnis ist nicht nur „ein harter Schlag“ oder etwas, was das Ego ein bisschen anklatscht, wer ist schon gern unverstanden dies das. Solche Erfahrungen lösen nicht nur Enttäuschung aus. Sie führen auch dazu, dass man sich auf sich allein zurückzieht. Annimmt, die Menschen würden wollen, dass man gefährdet ist. Glaubt, die Gefährdung, die (angenommene) Lebensgefahr sei von allen (also von der ganzen Welt) gewollt. Die Todesangst gewünscht.
Ich reagiere auf solche Annahmen mit Depression, Angst, Suizidalität. R. mit Wut, Härte und authentisch kompromissloser Konsequenz. Nicht einen Filter hält sie noch hoch, wenn sie merkt, dass sie, dass wir, dass ich nicht verstanden, gehalten, getragen werde.

Innere wie R. sind es, die ich bei Vorhaben wie der Operation, aber auch der Traumatherapie möglichst weit raushalte. Noch weiter als aus anderen Interaktionen mit anderen Menschen.
Zum Einen, weil ihre Wut in der Regel zu Problemen führt, die meine kommunikativen Fähig- und Fertigkeiten weit überschreiten. Was sich unter anderem daraus ergibt, dass ich dieses Gefühl nicht mir, sondern ihr zugehörig empfinde und erst nach bewusster Reflexionszeit und manchmal auch erst nach einer Besprechung mit meiner Therapeutin den Anlass überhaupt erkenne und verstehe.

Zum Anderen, weil R. einfach bis heute nicht richtig orientiert ist. Sie kann im Heute agieren, kann den ganzen „Wissen Sie welches Jahr wir haben“-Reigen vortanzen, ohne einen Zweifel aufkommen zu lassen. Aber für sie geht es nach wie vor bei jedem Kontakt, der irgendwie und sei es noch so abstrakt darum geht, dass ihr, uns, mir jemand in irgendeiner Form hilft oder etwas unternimmt, was sie, wir, ich nicht alleine kann, um Leben und Tod.
Wenn diese mit Hilfe oder Unterstützung oder irgendeinem anderen mich betreffenden Ding beauftragten Menschen irgendetwas nicht können, nicht schaffen, nicht wollen – egal ob intentional oder natürlich bedingt – beginnt ein inneres Wiederleben von Traumatisierungen. Davon merke ich, Hannah, bis heute nichts. Ich merke nur R., die es wiederum als flutend und massiv überfordernd erlebt und reagiert. Ihre Reaktion, also die innere Schutzreaktion, macht mir wiederum Angst, weil ein Wechsel zu ihr für mich Kontrollverlust und relativ spezifische zwischenmenschliche Konsequenzen bedeutet.
R. geht im Zweifel nämlich auch einfach aus dem Kontakt und bringt absolut keine Motivation dafür auf, die Kraft zur angepassten Kommunikation und Interaktion mit anderen Menschen aufzubringen. Wer sich im Kontakt mit ihr nicht darum bemüht und kümmert, sie in ihrem authentischen Ausdruck zu verstehen, bekommt von ihr auch kein Bemühen. Sie behält diese Energie für sich, um selbstständig handlungsfähig zu bleiben.
Traumalogisch absolut sinnvoll. Alltagskommunikations-logisch ebenfalls absolut sinnvoll. Sozial und in Bezug auf jede Option der Kontaktgestaltung hingegen eine absolute Katastrophe.
Jedenfalls für mich. Denn R. markiert diese Kontakte den Energieaufwand nicht wert, den die reparierende oder wieder-verbindende Kommunikation für mich bedeutet, die_r in so einem Fall alle Kraft einfach aufbringt, egal, ob ich sie wirklich habe oder nicht. Bis das nicht „wieder gut“ ist, kann ich nichts anderes machen, als daran zu denken, Gespräche in meinem Kopf durchzuanalysieren, Aussprachen im Kopf üben, um auf jede Möglichkeit des Gesprächsverlaufs vorbereitet zu sein und mich auf Alternativen bzw. andere Lösungen zu konzentrieren. Das ist in der Regel die Phase, in der ich dann missverstanden werde, weil die allgemeine erste Annahme ist, ich sei durch mein Trauma so beziehungsunsicher, dass ich Konflikte nicht ertragen kann. Tatsächlich aber kann ich die Emotionalisierung von Konflikten kaum ertragen, weil sie eine oft überaus kräftezehrende Übersetzungshürde für mich darstellt und ich nicht davon ausgehen kann, dass mein Gegenüber das überhaupt weiß, versteht, berücksichtigt oder, wenn es bekannt ist, nicht als Waffe gegen mich einsetzt.

Mal ganz davon abgesehen ist es mir peinlich, wenn R. übernimmt und meinen Körper steuert. R. erlebt sich als 13 Jahre alt und allein gegen die ganze Welt am eigenen Weiterleben überhaupt interessiert. Das ist einfach kein guter Zustand, wenn man inzwischen überwiegend mit Menschen zu tun hat, die es verletzen würde, würde man ihnen Desinteresse an unserer Lebendigkeit unterstellen. So wie es R.s Grundannahme über DIE ALLE ist.

Es ist R., die sich ohne jeden Skrupel hinstellt und sagt, dass es Helferversagen gibt. Wie es wirkt. Dass es mit.schuldig macht. Dass es Teil des Unrechts ist, das Opfern von zwischenmenschlicher Gewalt passiert. R. ist die einzige Seite von mir, die Entschuldigungen von Erzieher_innen, früheren Psychotherapeut_innen und auch Betreuer_innen goutieren würde. Die Einzige, die sich nicht mal dafür schämt zu sagen, dass sie das gerne hätte.
Sie kann das, weil sie sich sehr weit entfernt von diesen Menschen erlebt. Ihre Wut und ihre harte Verschlossenheit schützen sie davor, jemals wieder irgendetwas von DEN ALLEN zu brauchen.

Sie schützen sie aber nicht davor, etwas zu bekommen, wenn sie, wir, ich es brauche.
Die Situation im Krankenhaus, die Operationsvorbereitung und die Pflege danach, war so ein Moment des Bekommens. Einer der Ersten, die ich so je wahrgenommen habe.

Man ist auf allen Ebenen auf mich zugekommen. Nicht ein Schritt in dem ganzen Voruntersuchungsprozess, der Aufnahme und Vorbereitung war gehetzt oder ungeduldig mit mir. Man hat für alles immer wieder meinen Konsens abgewartet. Immer jede alternative Möglichkeit erklärt und über alle Ressourcen aufgeklärt. Alles, was ging, ging auch wirklich. Sobald ich unsicher wurde, wurde ich versichert – ohne dass ich meine Verunsicherung erklären oder entschuldigen musste.
Es war nicht im Fokus, was mich verunsichert hat, sondern dass ich weiß, worüber ich mir sicher sein kann.
Das an sich war bereits außerordentlich wohltuend für mich. Es hat verhindert, dass ich in den traumalogischen Schluss rutsche, die Kontrolle über Unkontrollierbares behalten zu müssen. Diejenigen, die in der Verantwortung für mich waren, haben sie auch übernommen und meinen Konsens darüber immer wieder abgefragt. Ich hatte bis zum Schluss das Gefühl, die Kontrolle darüber zu haben, ob dieser Weg zum Eingriff oder der Eingriff selbst passiert oder nicht.

Offenbar habe ich beim Aufwachen immer wieder gesagt, ich hätte Angst, dass ein Täter da wäre oder käme. Daran habe ich keine Erinnerung.
Aber ich erinnere, dass eine Stationsschwester mir dann im Patient_innenzimmer gesagt hat, dass sie aufpassen würden, dass niemand käme. Dass ich bei ihnen sicher sei.
Der kleine R.-Stein in meinem, naja, meiner Krankenhaus-Laufsocke, war deutlich spürbar, aber nicht relevant für mich. Ich war noch eine ganze Weile nicht richtig wach und dissoziierte abwechselnd mit Schlafsequenzen.

Und dann gab es den Moment, in dem mein Mann egomäßig leicht angedötscht am Bettrand saß und erzählte, wie er beim Betreten der Station erst einmal klar und unmissverständlich gefragt wurde, ob er auch wirklich mein Mann sei.
Das war dann der Moment, in dem der kleine Stein zu einem kleinen Lehmklumpen wurde.

Fortfahren

Für mich war es okay, für die Kinder der absolute Horror. Und so dann irgendwann auch für mich. Schwankende Netzabdeckung, kein Telefonnetz. Keine Fluchtmöglichkeit aus meinem eigenen Kopf, der Körper erschöpft vom Radfahren den ganzen Tag.

Eigentlich das, was ich die ganze Zeit wollte. Nur nicht in so einem Moment. So einem Moment wachsender Überzeugung, dass die Erinnerung eigentlich doch die Gegenwart ist, weil so vieles gleich ist. Nicht nur Um- und Gegenstände, sondern auch das Gefühl. Die Angst, die Starre, die Fluchtunmöglichkeit, der unerträgliche Zwiespalt über den Sinn und Unsinn nach Hilfe zu rufen, weil ja NOCH nichts passiert ist, aber mit Sicherheit bald. Was ja aber in der Regel belächelt, abgetan, nicht verstanden, nicht einmal geglaubt wird. Heute wie damals.

Ich bin süchtig. Seit ich 15 Jahre alt bin, sind Beruhigungsmittel mein allgemein legitimierter Fluchtweg. Selbstverständlich reise ich mit Tabletten im Gepäck. Und auf jeden Fall habe ich uns aus diesem Zustand rausgeschossen. Richtig weit weg. Nirgendwohin.

Am nächsten Morgen überlegte ich, wovor ich da eigentlich flüchtete. Es sind die Gefühle, ja, aber doch auch die Gedanken. Die Schlüsse, zu denen ich kommen könnte, würde ich mehr über dieses eine spezielle Kapitel in meiner Gewaltgeschichte wissen. Die Urteile, die ich fälle, obwohl sie mir nicht zustehen. Die Ungerechtigkeit in all dem, die mit nichts, von nichts und niemandem irgendwie ausgeglichen werden kann, weil Gewalt einfach keiner Sachlogik folgt, sondern sich selbst.

Das ist womit ich bis heute keinen guten, gesunden, wohlwollend, ruhenden Umgang habe. Der Umstand, dass es SO scheißegal ist, was ich eigentlich erinnere und wie kongruent oder beweisbar – am Ende ist es immer nicht wiedergutmachbar, weil es kein gutes Vorher gab. Jedes Erinnern ist ein Klecks mehr auf der Scheißekleckerburg. Und die steht nicht an einem Meer, das sie abträgt.

Aus Erinnerungen an Gewalterfahrungen kann man keine Waffe machen. Keine Werkzeuge, nichts. Nichts, was wirklich nutzbar ist. Außer als Gegenstück, als Grenzpfeiler sozusagen.

Ich wollte und will irgendwie noch immer meine eigene Geschichte kennen. Alles davon. Weil ich annehme, dass ich dadurch vollständiger werde. Aber ich will mich nicht wissentlich und willentlich mit Scheiße vervollständigen. Ich will nicht Teil davon gewesen sein und dann auch noch für immer bleiben. Und darüber denken, was die Kinder denken. Und schon gar nicht fühlen, was die Kinder deshalb und dazu fühlen.

Über mir fliegen Gänse in Formation. Die Sonne scheint, die Luft ist kühl und feucht. Ich bin froh, dass die Nacht vorbei ist. Dass ich, im wahrsten Sinne des Wortes, fortfahren kann. Dass es eben doch meine Wahl ist und bleibt, wie und wann und wozu ich mich dem Erinnern widme.

k.eine Lawine

Es ist Jahre her, dass mich mein Shampoo zum Kotzen gebracht hat. Und wie lange Jahre vorbei fühlt es sich an, dass ich zuletzt unter so einer massiven Lawine von Erinnerungen begraben wurde. Vorbei ist mein eitler Höhenflug, bald wäre ich durch. Nicht mehr lange. Bald bin ich fertig mit der Therapie. In Kürze nur noch little fires everywhere und ich wie Fiona Feuerwehr kompetent und alltagsnormal am Start.
Jetzt saß ich am Fenster, mein Telefon noch in der Hand. Meine schwere Decke auf den Beinen, müde, das Nachgespräch mit meiner Therapeutin prozessierend.
Ich kam mir so dumm vor, dass ich nicht damit gerechnet habe. Das Prinzip, dass man irgendwo rüttelt und aus dem Unsichtbaren fällt etwas runter, so unbemerkt ist meine Angst davor geschrumpft.

Aber „Lawine“ ist eigentlich das falsche Wort. Das Problem mit Lawinen ist, dass sie viele wichtige Dinge begraben. Sie rollen sich aus und die Arbeit danach ist restaurativ. Man verliert Dinge, die man kennt und bekommt jede Menge Material dazu, aus dem man sie sich nicht wiederherstellen kann.
Bei Erinnerungen an Erlebnisse in meiner Kindheit ist es eher so, dass ich ganz vorsichtig an einem Stück Erinnerung zupfe und dann durch den Boden breche. Tausend Jahre falle und in einer Dimension lande, über die mir niemand etwas sagen kann. Ich kann nicht wissen, ob das echt ist, nur ob es sich echt anfühlt. Ich kann nicht wissen, wie die Abläufe sind, nur wie ich sie verstehe. Keiner meiner üblichen Maßstäbe wird meinem Erleben gerecht, die Orientierung ist praktisch unmöglich. Es geht nur vorwärts oder weg. Bis man raus hat, wie man im Übergang stehen kann. Wenn es einen Übergang gibt.

Und dann das Material. Ich kann nichts damit anfangen. Vielleicht kam ich deshalb auf das Bild der Lawine.
Eine Bemerkung der Therapeutin war, dass niemand von uns Mitgefühl mit ihnen hat. Ihnen, Kindern, die wir nicht wie Kinder erleben, nicht wie Kinder fühlen, nicht wie Kinder denken. Die sie aber als Kinder identifiziert. Das ist die schwierige Ebene. Ich habe Erinnerungen bekommen. In Form von Traumascheißekonfetti. Wild umherwirbelnd, verwirrend in seiner Mischung der Emotionen, Impulse und Gedanken_reste_stücke_anfänge. Das ist etwas, was diese so eingeordneten Kinderinnens betrifft, aber nicht sie selbst sind. Das ist etwas, was ich wahrnehme, aber nicht ich bin.
Identität vs. Erfahrungshintergrund. Hat beides miteinander zu tun, ist aber nicht das Gleiche. Mitgefühl erfordert ein Miteinander, in dem man einander fühlt und das ist nicht da. Auch jetzt nicht. Ich kann die Gefühle nicht benennen und einordnen, ich kann die Gedankenfitzel nicht sinnig mit dem Erlebnis verbinden, fühle mich elend, verlassen und hilflos, wenn ich versuche Ordnung hineinzubringen und es nicht schaffe. Fühle mich von der Therapeutin abhängig, wenn ich denke, dass ich das lieber nur noch versuchen will, wenn sie dabei ist. Bekomme Angst während der Überlegung, wie ich das in einer Therapiestunde machen will, wenn sie immer wieder Fokus auf die Kinderinnens legt, während ich versuche deren Erinnerungen zu etwas zu ordnen, das Sinn ergibt und Bedeutung hat. Beides ist wichtig, ich weiß. Aber gleichzeitig? Das ist zu viel.

Zum Glück war es keine Lawine. Mein Alltag läuft weiter, praktisch unberührt von all dem. Manchmal flackert eine Geräuscherinnerung bis zu mir. Manchmal ein Bild. In der nächsten Zeit benutze ich wieder festes Shampoo. Mein nächster Therapietermin ist in 3 Wochen.
Vielleicht ist es eher eine Welle gewesen.

’stuck in time‘

Zuletzt hatten wir es mit Innens zu tun, die an Dinge glauben, die nicht real sind. Das schreibe ich so, weil ich nicht „Blödsinn“, „Lügen“ oder „Traumawahrheiten“ sagen will, denn weder weiß ich näheres über ihre Ansichten noch bin ich mir schlüssig darüber, worum es dabei ~wirklich~ /eigentlich/ in WAHRheit geht.
Ich bin mir nur in einem sehr sicher, nämlich, dass sie deshalb irgendwie falsch sind. Besonders gefährlich vielleicht. Besonders böse. Besonders schlecht. Und peinlich. Doch gerade habe ich mir das neuste Video der CAT Clinic auf YouTube angesehen. „When alters (in OSDD and DID) are ’stuck in time‘“
Vielleicht bin ich selber stuck in time, wenn es um Innens wie diese geht, dachte ich. Und ehrlich gesagt halte ich es sogar für sehr wahrscheinlich, je länger ich jetzt darüber nachdenke.

Erzählungen wie die in dem Video oder auch in manchen Fachbüchern produzieren den Eindruck, dass Innens sich für oder gegen die Realität entscheiden, weil sie sich nicht sicher fühlen. Sie misstrauen dem Neuen und halten deshalb lieber am Alten fest. Sie brauchen das Gefühl des Willkommenseins, der Akzeptanz und man sollte sie liebevoll in der Gegenwart aufnehmen.
Schon bei der Aufzählung habe ich den Wunsch, ein Kotzgeräusch zu machen. Nicht, weil ich die Vorstellung irgendwie kitschig oder romantisch verklärt finde (das auch, aber das würde mich nicht so in die Abwehr bringen) – sondern irgendwie auch voll colonizer style. Invasiv. Übergriffig. Als müsste ich in einem Panzer voller Liebesbomben sitzen und nur gut genug zielen, dann würde schon alles klar gehen.

Ich habe generell ein Problem damit, wie häufig über Kinderinnens oder auch jugendliche Innens gesprochen und gedacht wird, weil sie oft als niedlichere Personifikation des traumatisierten Opfers verhandelt werden oder als unberührte Unschuld, reinweiß und shiny in jemandem, die_r das ganze Leben durch den Dreck geschliffen wurde und nach Blutschweiß stinkt. Obendrauf kommt dann oft noch ebenjener Anspruch, sie in ihrer Perspektive doch bitte anzufassen zu verändern, weil wegen Realität und Gegenwart und isso, musso, iswichtigweildeshalbso.

Ich bin an diesem Anspruch gescheitert. Immer wieder. Das war meine, damals unsere, Existenz. Ich sitze vor einer Therapeutin, die vermittelt mir: „Da ist jemand, der_m wurde etwas eingeredet/die_r weiß nicht, dass es heute vorbei ist/die_r denkt, wir hätten 19 hundertxundneunzig – jetzt mach mal. Mach anders.“ Und alles, was ich machen konnte – like actual Können –, war wegmachen. Unsichtbar. Klappe zu, Auslöser für den Wechsel zu diesen Innens vermeiden. Von einem Innen, das gut sprechen kann, zu einem System von Innens werden, das die Gegenwart kennt, vom eigenen Vielesein weiß, aber die Bedeutung dessen überhaupt nicht in sich bewegen kann, weil es immer wieder scheitert und scheitert und diese Wiederholung gut 9 Jahre durchlebt, bis es sich traut zu sagen, dass es immer wieder scheitert, weil es anders nicht funktionieren kann als vermeidend.
Daran habe ich in den letzten Jahren gearbeitet. Innerhalb meines Funktionssystems erfolgreich – vielleicht vermutlich sehr wahrscheinlich, weil ich darin niemanden groß in die Gegenwart lieben musste – außerhalb dessen, mit Basiserfolgen. Es macht mir keine Todesangst mehr Kinderinnens oder Jugendliche überhaupt irgendwie wahrzunehmen und es ist auch seit Jahren nicht mehr das schlimmste, was mir in der Therapie passieren kann, wenn jemand von ihnen dort auftaucht. Es ist weiterhin schlimm und ich darf nicht zu viel darüber nachdenken, aber ich klappe nicht mehr komplett in mir selbst zusammen und kann begreifen, was meine Therapeutin mir sagt, wenn sie sagt, dass es okay ist, wenn andere als ich mit ihr sprechen. Ich weiß, dass das in Anbetracht der Therapiedauer eigentlich erbärmlich ist, aber wenn ich mich selbst als Innen denke, das „in der Zeit stecken geblieben ist“, dann kann ich anerkennen, dass es schneller einfach gar nie hat gehen können.

In all den Fallgeschichten von Vielen sind gescheiterte bis traumatisierende Therapieversuche, misslungene Behandlungen oder grob schlecht behandelte Patient_innen nie Thema. Nur selten wird aufgearbeitet, warum Therapieansatz X für Patientengruppe A bis D konkret nicht funktioniert hat und soweit ich weiß, hat es noch nie eine Studie dazu gegeben, welche Auswirkungen schlechte, falsche, traumatisierende Psychotherapie in Menschen mit DIS hat.
Restpatient_innen wie mich gibt es in der Literatur nicht. Erst wieder als Patient_innengruppe für Behandlungsform/verfahren XY, die genau so definiert ist, dass unsere Vorbehandlung und ihre Folgen weder abgefragt noch sonstwie zu relevanten Markern werden. Die Praktizierenden der Traumatherapie befassen sich einfach nicht mit ihren Opfern Fehlern und das hat Auswirkungen auf sehr vielen Ebenen.

Manche davon habe in diesem Blog schon oft angerissen und ich will das jetzt nicht alles wiederholen, vor allem, weil ich in diesem Text einen anderen Punkt ausdrücken will. Nämlich, dass mir durch die Rahmung von außen immer vermittelt wurde, ich wäre orientiert. Ich wäre der funktionale Anteil. Die_r Erwachsene. Die_r Fähige. In vielen Punkten stimmt das – in manchen jedoch überhaupt nicht und das geht immer wieder unter. Besonders dann nämlich, wenn wir an Punkte kommen, die mein Entstehungstrauma berühren: Die Konfrontation von „verwirrten“/“unfähigen“/“hilflosen“/von mir nicht gezielt ansteuerbaren Innens im Kontext der Traumatherapie.
An diesen Stellen bin ich einfach nicht fähig. Da bin ich 16 Jahre alt und verstehe nicht im Ansatz, was die Erwachsenen um mich herum von mir zu kapieren verlangen – Vielesein, Dissoziation, Du erinnerst dich nicht, aber…, Wir helfen dir mit Fixierung und Betäubung, Du bist hier sicher, eingesperrt in einer Psychiatriestation – und bin so abgrundtief verloren in dem Auftrag etwas zu „reorientieren“, ohne zu wissen, wohin diese Re_Orientierung gehen soll; zu lieben, als etwas von mir willkommen zu heißen, obwohl (und weil) es doch irgendwie dafür verantwortlich ist, dass ich keine Familie, kein Zuhause, keine Gegenwart außerhalb der Psychiatrie mehr habe und deshalb erst recht keine Zukunft.

Und wie ist es jetzt. Meine Therapeutin fordert mich seit Jahren immer wieder dazu auf, zu differenzieren. Ich soll einen Unterschied erkennen zwischen damals und heute, als würde diese Erkenntnis etwas mit mir machen. Das passiert aber nicht. Ich sehe den Unterschied. Bin informiert. Bin orientiert. Aber Kenntnis allein bedeutet nicht auch Befähigung. Bedeutet nicht auch Ermächtigung.
Mal abgesehen davon hat es oft auch einen Anteil von Bagatellisierung dessen, was mich traumatisiert hat. Es ist immer auch eine Art drüberwischen und manchmal auch der Anspruch an mich etwas zu abstrahieren, was ich ohne Unterstützung nicht zu abstrahieren schaffe. Dieser Aspekt wurde im Video auch angesprochen und das hat mir ermöglicht, mich als „feststeckend“ zu überlegen, obwohl ich kein „Kind im Trauma“ bin. Kein_e „Jugendliche_r im Körper eines Erwachsenen“. Kein „von Täter_innen produzierter Anteil, der nicht wissen darf, dass alles vorbei ist“ oder jemand aus irgendeiner anderen Kategorie, die immer wieder benannt wird, um traumareaktives oder -antizipatives Verhalten zu rahmen.
Ich bin ein von schlechter Traumatherapie gemachter Anteil, der in Traumatherapie ist. Für mich kommt niemand aus dem System und betüddelt mich mit Gegenwartszucker, da bin nur ich. Und meine Therapeutin.

Ich spüre vor allem Druck, ihr doch endlich zu vertrauen. Druck, doch endlich zu glauben, dass heute alles anders ist, obwohl sich außer die Repräsentation (nämlich die Person, die therapeutisch mit mir arbeitet) überhaupt gar nichts von dem verändert hat, was mich damals in diese Lage brachte. Nichts und niemand außer mir schützt mich seit 20 Jahren davor wieder für Jahre in einer Psychiatrie eingesperrt zu sein, weil mein Inneres für zu desorientiert, desinformiert, w.irr, krank gehalten wird, um so gelassen zu werden wie es ist.
Und niemals steht das als Frage im Raum. Ob sie tatsächlich desorientiert sind oder sich anders orientieren als erwartet. Ob ich sie vielleicht erstmal kennen.lernen darf, bevor ich irgendwas an ihnen mache oder ihnen irgendwas einrede, was ich in seiner Bedeutung und Auswirkung für sie überhaupt nicht einschätzen kann. Geschweige denn, ob die das überhaupt wollen.

Ich kann sehen, dass mein Misstrauen alt ist. Ich kann sehen, dass es im Hinblick auf das Verhalten meiner Therapeutin nur ein Mal berechtigt war. Aber wie da raus, wenn die Gegenwart des Heute, der Gegenwart von damals so ähnelt? Wir leben nicht in einer Gesellschaft, in der Ver.rückte einfach sein dürfen. Wo Zwangseinweisung und -behandlung als (traumatisierende) Gewaltverbrechen verstanden werden. Ich habe keinen Grund, keine Angst zu haben. Keine Sicherheiten, die mir nicht genommen werden können.
Ich treffe hier keine aktive Entscheidung gegen die Gegenwart oder die Realität.
Es ist die Gegenwart, die Realität, die mich an diesem einen Punkt „stuck in time“ hält.