über die Entscheidung “krank – krank” zu sein

Ich habe mich dafür entschieden krank zu sein. Also “krank – krank” – also “so krank, dass ich nicht in die Schule kann- krank”.
Für mich ist der Umstand, dass ich mich für die Krankheit entscheiden musste, ein Symptom für die Krankheit “Langzeit-Hartz 4- Syndrom”. Darunter ist die Depression, die keine ist; die Angststörung, die keine Störung ist, die Ernährungsstörung, die keine Störung ist und die Anpassungsproblematik, die keine ist, zu verstehen.
Langzeit – Hartz 4 Krankheiten sind alles keine “echten” Krankheiten, weil sie logische Folgen eines Lebens in Armut, Mangel oder Fehlernährung, die Folge aus permanenter Existenzbedrohung, die gesamtgesellschaftlich gewollt und gestützt ist und am Ende zu sozialen, kognitiven wie innerpsychischen Anpassungen führt, sind.
Langzeit – Hartz 4 – Krankheiten werden in einer psychosomatischen Klinik nie erfolgreich behandelt. Deshalb sind es keine “echten” Krankheiten.

Richtig krank werde ich erst jetzt, nachdem ich soziale Teilhabe erfahren kann und darf.
Mein Körper, der fast 8 Jahre lang mehr oder weniger durchgängig wenig bis keine anderen Immunsysteme, außer dem des Hundes, länger als 6 Stunden am Tag neben sich hatte , befasst sich nun mit den Keimen, Viren und Bakterien der Kunstschüler_Innen.
Und ich musste darüber nachdenken, ob ich denn nun krank bin und wenn ja, wie “wirklich”.

Normalerweise – und ja für mich ist Hartz 4 – Leben normal, ich habe noch nie ohne gelebt – arbeite ich bis 38°C Fieber und bitte erst bei 39° C darum, dass jemand anderes mit dem Hund rausgeht und mir hilft aus überflutendem Wiedererleben von Gewalterfahrungen herauszugehen und orientiert zu bleiben.
Normalerweise schreibe ich meine Texte auch mit verletzten Händen, in Episoden dissoziativer Blindheit, in denen ich noch etwa 30% Sehschärfe aufbringen kann und mit Schreien in meinem Kopf, die zu laut für jedes Hören sind. Normalerweise halte ich meinen Haushalt auch dann noch aufrecht und begehbar, wenn ich mich selbst zutiefst gebrochen und unempfänglich fühle.
Normalerweise gibt es keine Grenze zwischen “Körper Geist Seele” und “Leben”.
Normalerweise ist beides eine Suppe, die von außen durchgesiebt und sortiert wird und nicht nach meiner Ansicht fragt. Ich kann eine haben, wenn ich will, aber irrelevant bleibt sie doch.

Und jetzt ist da die Frage danach, was Basis – was Pflicht und was Kür ist.
Die Basis ist vermutlich das Arbeiten, das keine “echte” Arbeit ist, weil es kein Geld gibt, aber passiert, weil es eben in mir drin ist. Ich erlebe mein Schreiben und Kunsten nicht als Handwerk. Es _ist_ und war schon immer. Es brauchte nie von Außen nötig gemacht werden.
Die Kür ist die Norm der Anderen. Die Norm bestimmte Dinge nicht in ihrem _Ist_Zustand anzuerkennen und zu wertschätzen, sondern erst in einem bestimmten (sozialem) Kontext oder damit assoziiert. Die Norm die Dinge, die in einer Seele, einem Geist, einem Körper drin sind, als “nicht genug” zu begreifen und darauf etwas zu konstruieren, das auf jede beliebige Art immer und immer wieder eine Verbesserung anstrebt und am Ende eine permanente Sicherung abnötigt.

Was ich merke ist, dass die Gesellschaft alias “die Welt da draußen”, meine Traumatisierung und mein Leiden am Leben damit, nicht als “echte” Krankheit begreift, wenn ich im Hartz 4 Bezug alt werde und sterbe. Vielleicht werde ich selbst nie weiter als bis zu dem Punkt, an dem ich mich jetzt befinde, meine Traumatisierung als etwas erfassen, das ein Leiden erlaubt, weil mein Hartz 4 Leben ein Suppenleben ohne Struktur ist. Es ist voller Not und voller “nicht genug”, aber fern der Norm, die das als Problem begreift.

Die Welt dort draußen, meine Hausärztin zumindest, denkt ich leide unter Fieber und Muskelschmerzen, weil ich Fieber und Muskelschmerzen habe.
Ich leide aber unter Fieber und Muskelschmerzen, weil sie mich an Schmerzzustände erinnern, die ich in dem Moment nicht als Teil einer Vergangenheit einordnen kann. Weil ich von diesem Erleben nichts beworten kann. Ich leide, weil ich auf eine scheinbar unüberbrückbare Art allein und ohne Teilhabe bin, wenn ich mich erinnere.
Es erscheint mir, als sei die Einsamkeit meines Leidens, die Basis meines Lebens und die Welt da draußen denkt, das wäre Hartz 4.

Die Welt dort draußen denkt, ich würde unter Hartz 4 leiden, weil es nicht genug ist. Weil es nicht genug für mich ist.
Die Welt dort draußen fragt sich nicht, was für mich “genug” wäre, wann für mich das Leiden vorbei wäre.
Die Welt dort draußen versteht nicht, dass sie Teil meines Leidens ist, weil sie meine Norm nicht als gegeben anerkennt.
Die Welt dort draußen versteht nicht, dass mich die Gewalt durch Menschen zuerst von ihr getrennt hat und mit der Gewalt unter dem Begriff “Hartz 4” getrennt hält.

Und zwar so sehr und so gründlich, dass ich für mein Leiden, mein Kranken, mein Sein, im Grunde keinerlei Maßstab habe und die Entscheidung sich mit 39,5° Fieber, Halsschmerzen und Rotznase als “zu krank um am Leben in der Welt teilzuhaben” einzuordnen, zu einer unfassbar mutigen Tat wird, weil sie “die Welt da draußen” mitberührt.

Ich weiß nicht, ob sich jemand vorstellen kann, wie krass das für uns ist, für sich allein etwas entschieden zu haben, das mit der Welt zu tun hat.
Vielleicht kann’s niemand. Aber ich kann’s.
Und mir ist das genug.

0 thoughts on “über die Entscheidung “krank – krank” zu sein

  1. Liebe Hannah C. Rosenblatt,
    Als ich ihre Zeilen lass, musste ich an einen Beitrag von ihnen denken. (Multimythen Teil 1: “Wir können alle unterschiedlich krank sein”). Ich kann mich erinnern, dass ich darin gelesen hab oder für mich erkannt hatte, dass sie im Krankheitsfalle auf sich Acht geben dürfen, dass sie sich dann gutes tun dürfen, wenn es Ihnen nicht gut geht. Sie dürfen sich erlauben, wie andere Menschen auch Krank zu sein, wenn sie sich so fühlen. Sie hatten geschrieben, dass sie dem Körper bei Krankheitssymptomen Ruhe geben können/ müssten. Ich hatte das so aufgefasst, dass Sie lernen Achtsam mit dem Empfinden Krank zu sein umgehen lernen.

    Ich weiß selbst wie schwer es ist, zuzugeben, dass man sich so schlecht fühlt, dass man der Welt entrückt ist und das Gefühl hat nicht mehr ins Bild zu passen und ob Sie nun eine Grippe haben oder eine einfache Erkältung, der Körper zieht da vielleicht gerade die Bremse und bittet um eine Pause.

    Es ist schlimm, dass man wenn man Krank ist, das Gefühl hat, nicht Krank sein zu dürfen und das einen bis zum Zusammenbrechen weiter machen lässt- als müsste man sich von Autoritäten (wie Behörden, Arbeitgeber..) rechtfertigen das man wirklich Krank ist und kein Simulant. Das kenne ich selbst, da nicht drauf einzugehen ist (für mich) oft nicht einfach. Manchmal hilft mir da der Gedanke; Wenn ich so Krank unter Menschen gehe, stecke ich alle an oder so wie ich mich gerade fühle kann ich am Straßenverkehr nicht teil nehmen (Fremdgefährdung). So das ich durch mein Krank sein(zu Haus im Bett), ja die Menschen meiner Umgebung schütze. (Wieder ein rechtfertigen von dem Inneren, dass man Krank sein darf obwohl man es ist).

    Kleiner Gedanke zu Harz4
    Harz4 ist eine sozial Leistung (Zuwendung) und ich glaube die Menschen sollen sich da auch nicht Glücklich oder wohl fühlen, Damit sie selbst einen Weg aus Harz4 suchen. Das Problem ist nur das Menschen die eben aus gesundheitlichen Gründen im Harz4 stecken dazu gar keine Chance haben, bekommen, weil es einfach zu wenig Optionen gibt.

    Ich hoffe es geht ihnen bald besser, hoffe das die Körperlichen Symptome des Vergangenen vielleicht irgendwie zuordenbar werden und dann vielleicht so etwas wie lösbar, erträglicher.
    Gute Besserung

    1. Ich habe jetzt bemerkt, wie viele sozialer (sozio-ökonomischer) Kontext in meine Möglichkeiten krank zu sein hinein spielen.
      Mein Kranksein jetzt empfinde ich als „echt“, weil ich nicht in die Schule kann – mein Kranksein, bevor ich in die Schule ging und mir den Tag allein gestaltet habe, erlebte ich immer als „nicht echt“, weil es niemanden weiter interessiert hat.
      Schlecht fühlen und auf mich achten geht ja immer. Aber der Kontext nimmt Einfluss darauf wie wirklich ich (krank) bin.

      Das ist worum es mir in dem Text ging.
      In dem Text zu den Mutlimythen geht es darum, dass es Menschen gibt, die sagen es gäbe Innens, die ein gebrochenes Bein haben und andere Innens nicht, was schlicht nicht geht – auch dann, wenn es durchaus möglich ist, dass ein Innen den Schmerz des gebrochenen Beins fühlt, das andere Innnen aber nicht.

      Danke für die Besserungswünsche 🙂

      1. Liebe Hannah C. Rosenblatt.
        Vielleicht meinte ich eher, in Bezug auf den anderen Beitrag, dass sie heute, in sich nachfühlen können. Das sie sich so Krank fühlen, dass es ihnen nicht möglich ist, die Schule zu besuchen. Wäre das der damaligen Hannah C. Rosenblatt auch so möglich gewesen? Vielleicht wollte ich nur kurz bemerken, dass sie nicht mehr die Hannah C. Rosenblatt von damals sind. Das sie das Recht (wie alle normgesunden Menschen [*1]) haben, zum Arzt zu gehen wenn sie sich Krank fühlen und das sie dann ggf. auch das Bett hüten dürfen, sollten. Ich kenne selbst das Gefühl, wenn ich Krank bin, dann darf ich erst ausfallen wenn ich quasi kurz vorm umfallen wäre. Alles andere ist undenkbar, weil ich das Gefühl bekomme das die Welt sehen müsste das es mir z.B. grippal nicht gut geht. Dabei hat das doch im Grunde niemanden zu interessieren. Man ist halt einfach mal Krank, darf im Bett bleiben und einen heißen Tee genießen. Einfach so. Bis man sich wieder so fühlt das man wieder einsteigen kann in das Alltagskarussell.

        Wenn man lange Krank ist, dann ist man immer Krank, dann ist das kein zeitlich, selten Begrenztes Kurz- Lebens- Ausfall Fenster, es ist der normale Umstand in dem man sich ja Dauerhaft befindet. Was einen nach außen vielleicht weniger Krank erscheinen lässt, obwohl man es doch war (ist). Wenn sie heute, wo die Außenwelt das Gefühl (vielleicht) bekommt, dass sie anders mit ihrer damaligen (existierenden) Erkrankung umgehen und sind sie somit im Alltäglichen für diese Menschen weniger Krank. Was diese mehr sensibilisiert wenn es ihnen heute nicht gut geht und sie wieder anders oder neu Anteil nehmen. Vielleicht sind sie aus ihrer damaligen Krankheit heraus gewachsen und dürfen jetzt wieder echt Krank sein.

        Das war sehr verwirrend.

        „Aber der Kontext nimmt Einfluss darauf wie wirklich ich (krank) bin.“
        Menschen die Aufgrund ihrer Lebensumstände glauben weniger Glücklich zu sein, werden Zwangsläufig das Gegenteil? Ja, wenn man andere Umstände hat, hätte man vielleicht mehr Möglichkeiten, doch wird man am Ende deswegen fröhlicher und Glücklicher. Sicher der Sorgen weniger, was die Lebensabsicherung angeht, doch deswegen gesünder? Da muss ich mal für mich weiter nachdenken. Würde mich hier verlieren in Gedanken.

        Nur noch ein Gedanke am Abschluss:
        Manchmal denke ich die Menschen stecken sich ihre Grenzen zu eng. Sie sind so verkettet in ihren nicht Möglichkeiten, dass sie blind sind für das was doch gehen würde…(niemand sagt, das der Weg den man geht immer leicht ist, nein, dass ist er sicher nicht. Doch sich in Gesellschaftliche Zwangsjacken Pressen zu lassen und zu glauben, nicht ausbrechen zu können zieht doch die Mauern noch höher…)

        Ich hoffe sie finden für sich ihre Wege, finden wieder ihre Ziele und ihre Hoffnungen für sich. Mag sein das ich (wieder) zu viel lese und zwischen den Zeilen agiere, doch habe ich das Gefühl, das der Schulanfang vielleicht zu viel aufgewühlt hat und unvorhergesehenes sie leicht entrückt hat und so wollte ich im Grunde nur ein wenig erinnern an ihre Stärke, die ich hier so oft herauslese.

        Alles Gute, noch einmal gute Besserung (doppelt hält Besser 😉 )

        [*1] und natürlich auch alle anderen