Gespräche im Spiegelkabinett

„Sei da ruhig klarer – denk nicht so viel an ‚Was denkt sie jetzt, was denkt sie jetzt, was denkt sie jetzt?‘.“
Mein Mann und ich sitzen auf der Couch. Krisensitzung, nach Achsbruch Autismus, Trauma, Kommunikation.
Ich bin seit Tagen niedergeschlagen, belastet, erinnert, unzufrieden mit mir. Ich muss etwas klären, doch bin hin- und hergeworfen von Wichtigkeiten und Relevanzen, Erinnerungen und Ängsten.
Es geht um etwas, das mir wichtig ist. Deshalb ist der Rahmen, in dem ich darüber nachdenke und fühle, extrem groß. Am dritten Tag wurde es mir zu groß, zu belastend. Ich merkte, wie sich das Zeitfenster für angemessene Lösungskommunikation schloss und ich immer mehr Spannung in mir sammelte. Zeit für eine Sitzung mit meinem Mann.

Mit ihm werden Situationen wie diese pragmatisch lösbare Kommunikationsherausforderungen, wie er sie jeden Tag bei seiner Arbeit und manchmal auch mit mir im Alltag hat. Er ist im Training, ich bin empfangsbereite Satellitenanlage, wenn er mir etwas davon vermittelt.
Durch seine Brille bekommt die Lage eine Art bewusste Untiefe. „Die Situation für dich sieht so aus, für sie andere Person sieht sie wahrscheinlich so aus. Was ihr verhandeln müsst, ist dies; was du bisher nicht klar genug vermittelt hast, ist das. Du könntest es so formulieren; du könntest auch das schreiben. Soll ich dir einen Aufschlag formulieren oder einen von dir anschauen oder willst du ab hier allein weitermachen?“
Mir tut das gut. Aus dem Wurschtelwust in meinem Kopf wird eine strukturierte Reaktionslandschaft auf Hypothesenbasis. Ich weiß ja nicht, ob er recht hat. Aber ich weiß ja auch nicht, ob ich recht habe, und traue mich gar nicht erst, überhaupt eine Hypothese zu entwickeln – weshalb ich in Stress spirale, dissoziiere und Faden und Form, Bezug und Kontaktsicherheit komplett verliere.

Das ist die Bruchstelle der Achsen.
Autismus und Kommunikation sind bereits schwierig. Auch schwierig zu kommunizieren.
Ich gerate dabei oft in die Situation, mich selbst zu erklären, statt die Kommunikationsprobleme. Denn es geht nicht immer nur um Wörter, Aussprache, Mimik und Gestik. Für mich geht es meistens um Bezug und Kontext. Warum sagt jemand dies und das; wozu bekomme ich diese und jene Information; weshalb und wofür macht mir jemand dies und das ganz besonders deutlich klar?
Gespräche mit nicht-autistischen Menschen sind für mich eine meist unklar begrenzte, uneindeutig bezugnehmende und in der Regel erst später in ihrem Ziel (manchmal auch Sinn und Zweck) nachvollziehbare Abfolge von Transitionen. Schon während die andere Person spricht, mache ich mehrere Dinge gleichzeitig: Geräusch von Wort unterscheiden, Worte verstehen und als Sätze in mir abbilden und begreifen – und dann merken, dass darin in der Regel nicht auch „drinsteht“, worum es der Person geht oder worauf sie sich bezieht oder reagiert. Also rufe ich mir in Erinnerung, was ich oder eine evtl. weitere Person im Gespräch gesagt hat, und überlege, ob davon etwas passen könnte. Ist die Person fertig mit Sprechen, bin ich meistens gerade fertig mit der Analyse des Sprachpakets. Was ich darauf antworte, eher nicht.
Manchmal geht das, was ich eigentlich sagen möchte, im wahrsten Sinne „lost in Transition zwischen Rede und Antwort“.

Und da greift die traumabedingte Dissoziation. Die nächste Achse. Die schützende Maske. Das reaktive Vorzeigen von bezogenem Kontaktverhalten. Ich konzentriere mich ausschließlich auf das, was die andere Person gesagt hat, und rate das beste hoffend oder faktisch orientiert abschätzend die Antwort. Ich bin nicht mehr bei mir, ich bin nicht mehr bei meinem Thema und kann selbst in der Rückschau nicht mehr sagen, worüber ich nachgedacht, was ich empfunden oder als Idee verfolgt habe. Es ist ein Nimbus, ein weißes Rauschen. Mein Körper antwortet. Ein anderes Innen. Irgendwas, das passt, dem Gegenüber ein gutes Gefühl macht, mit größter Wahrscheinlichkeit keinen Konflikt auslöst und inhaltlich die Funktion des Gesprächs bedient. Und dann beginnt das Gegenüber zu antworten. Und damit beginnt eine weitere Transitionsphase zum nächsten Sprechakt.

Das erschöpft. Es führt sehr oft dazu, dass ich ich-fremde Gespräche führe, wenn diese weder reiner Informationsaustausch noch oberflächliches Kontakten sind. Und der Hintergrund ist komplex.
Ich habe auditive Verarbeitungsstörungen, muss Bezug immer wieder konkret gesagt bzw. aufgezeigt bekommen, weil ich ihn nicht implizit „lesen/erfassen“ (und im Arbeitsgedächtnis halten) kann, und ich habe bis heute Angst, verletzt zu werden, weil ich nicht schnell genug (performativ „richtig“/wie vom Gegenüber gewünscht oder gewohnt oder erwartet) reagiere.
Gespräche sind bis heute nicht neutral für mich. Es sind neben jeder Bedürfniserfüllung immer auch Triggersituationen, mit denen ich je nach Inhalt, Kontext, Rahmen strukturell reaktiv dissoziierend umgehe.

Nach dem Gespräch, das ich nun mit meinem Mann besprach, lag ich abends im Bett und wurde Stückchen für Stückchen mit Fragmenten des Gesprächs konfrontiert. Die Verarbeitung setzte ein und zunehmend wurde mir selbst bewusst, dass wir weder über das geplante Thema gesprochen haben, noch, dass durchgehend ich gesprochen habe. Obwohl mir das so wichtig war. Ich so dankbar über das Interesse und die Bereitschaft der Personen war, mit mir zu sprechen. Obwohl es keine Gefahr gab. Ich selbst habe überhaupt nichts von meiner Angst gespürt. Habe in dem Kontakt überhaupt nichts von meinem Stress und der Reaktivität gemerkt.
Und wie fast immer in solchen Momenten haben es meine Gegenüber auch nicht gemerkt. Sie fanden das Gespräch gut. Sie haben mich als im Kontakt erlebt – faktisch betrachtet haben sie das ja auch. Nur eben doch auch nicht.

In einem Gespräch mit dem Begleitermenschen im Rahmen der Autismusdiagnostik habe ich dafür das Bild von einem Spiegelkabinett gefunden. Weil es mir oft so erschien, als würden die Menschen in meinem Leben immer mit einem Bild von mir sprechen. Also ihrer Wahrnehmung von mir und dem, was sie davon abgeleitet haben. Während ich sie nie sehen kann und meistens eher mit einer Idee von ihnen arbeite, die ich aus den Analysen dessen, was sie mir sagen, entwickle.
Das war das Problem, das ich in der Therapie damals als besonders belastend empfand. Es kam mir vor, als würde meine Therapeutin intensiv nach mir suchen – angestrengt auf ihr Bild von mir schauen – und ich nicht einmal ihre Spiegelung finden können, obwohl mir jedes Signal, jeder Reiz von ihr überdeutlich spürbar war.
Mir ist damals bewusst geworden, wie viel von meinen „Erkennungsproblemen“ überhaupt nicht oder eher subtil wahrnehmbar sind. Und wie groß die Rolle der DIS dabei ist. Ein autistischer Mensch ohne DIS oder extremen Maskierungswillen wäre damit auffälliger. Diese Art des Auffälligseins war aber nicht nur in meiner Herkunftsfamilie ein ernstes Problem, sondern auch überall sonst. Selbst in Kontexten, in denen meine Sicherheit und Fürsorge professionell sichergestellt wurden. Nirgends, in keinem Kontakt mit anderen Menschen, ist es für mich rückhaltlos, bedingungslos, konsequenzlos möglich, irgendetwas davon nicht zu verstecken oder zu verschleiern. Und zwar nicht, weil die Welt böse ist oder ich da irgendetwas Spezielles an mir habe, sondern weil es umfassend ANDERS ist. Weil man sich dem immer nur annähern kann und eine gewisse Lücke, einen Bereich der Inkompatibilität, stehen lassen und akzeptieren muss. Sowohl ich als auch meine Mitmenschen. In der Metapher vom Spiegelkabinett ist es der Umstand, dass ich mich mit anderen Menschen als in einem Spiegelkabinett erlebe – und sie das nicht auch tun. Ihre Wahrnehmung funktioniert anders als meine.

Und während ich das jeden Tag und immer immer immer merke – und sie nicht, ist es eine irritierende Sache, wenn ich es offenbare. Manche fühlen sich dann manipuliert. Als würde ich ihnen die Wahrnehmung von mir absprechen oder in Frage stellen. Als wolle ich ihnen unterstellen, sie würden sich gar nicht für mich interessieren oder würden mir absichtlich schaden wollen. Es gibt Menschen, die können solche Gefühle und Gedanken dann mit Worten ausdrücken. Sie sind neugierig, wollen verstehen, Beziehung, Kontakt bewahren. In meiner sozialen Welt sind das die absoluten Ausnahmen. Einhörner sozusagen.
Und es gibt Menschen, die können das nicht. Oder wollen es nicht. Oder halten es für einen Teil ihrer professionellen Abgrenzung, noch mehr Abstand zu mir herzustellen und sich praktisch völlig unsichtbar für mich zu machen. Es gibt Menschen, die sich verunsichert fühlen, wenn ich ihnen davon berichte. Die sich fragen, was an unserem Kontakt echt ist. Authentisch. Und ver.trauen mir dann einfach nicht mehr. Gehen also auch aus dem Kontakt. Das ist die häufigste Erfahrung, die ich mit der Offenlegung dieser Gesprächserfahrung gemacht habe. Entsprechend wenig öffne ich mich.

Doch diesmal nicht.
Diesmal habe ich es mitgeteilt und mehrere gute Erfahrungen gemacht.
Die Gesprächspartner haben es gehört und verstanden. Wir haben eine praktische Lösung gefunden.
Mein Mann hat mich verstanden und mir genau die Hilfestellung gegeben, die ich brauchte.
Meine Therapeutin hat mich verstanden und mich bestärkt, meine inneren Prozesse auf Möglichkeiten der Entlastung und Prävention zu erforschen.
Keiner der auslösenden Faktoren ist davon berührt. Es wird mir wieder passieren. Und es wird wieder schlimm für mich sein. Aber es bleibt nicht mehr so schlimm.

crazy shit

Ich sitze im Auto und halte meinen inneren Blick auf dem Symbol für „Pause“. Ein Kreis mit zwei parallelen Strichen. Grau bei Deaktivierung, hellgrün bei Aktivierung. Er ist grün, ich kann mich frei und mühelos bewegen. Sicher Autofahren. Ohne Anstrengung Wörter formen. Keine 5 Minuten vorher konnte ich kaum die Augen offenhalten, meine Arme heben, irgendeinen Muskel gezielt anspannen und halten. Crazy shit.

Vor 22 Jahren konnte ich mich noch nicht so manipulieren überzeugen austricksen reinlegen … Glauben, dass die objektive Realität der Gegenwart gleichzeitig mit meiner subjektiven Realitätswahrnehmung existieren kann. Ich hatte noch keine Kontrollerfahrungen. Kein aktives, bewusstes, ich-liches Selbststeuerungserleben. Mir sind die Dinge passiert. Sie haben etwas mit mir gemacht, das meiste davon habe ich weder konkret und zeitgleich wahrgenommen, noch verstanden, noch umfänglich mit mir in Bezug setzen können.

Die Landschaft fliegt an mir vorbei. Das Halten der Imagination kostet mich überhaupt keine Energie. Der Flashback hat keinen Einfluss mehr auf mein Selbst- und Umweltempfinden. Ich bin in der Lage, Energie in die Anpassung an meine Mitwelt zu stecken.
Später wird mir bewusst, wie lang 22 Jahre eigentlich sind. Ich denke darüber nach, ob der Umstand, dass ich es jetzt kann, dieses hilfreiche Imaginieren, mich selbst umfassend reorientieren, stabilisieren, bedeutet, dass die letzten 22 Jahre in Therapie unnütz waren. Nicht hilfreich. Ineffizient.
Oder ob sie wichtig waren, um eine Chance zu bekommen, die Dinge zu erlernen und zu trainieren, die damals als meine Fähig- und Fertigkeiten vorausgesetzt wurden. Einfach, weil man damals noch weniger als heute durchdrungen hat, was es konkret bedeutet, wenn Selbst- und Weltbezug massiv fragmentiert sind.

Ich bin am Ziel. Steige aus, bewege mich absichtlich raumgreifend und aktivierend. Die Lücken zwischen Tätigkeiten sind für mich inzwischen weniger Kluft als Spalt. Ich bemerke sie, ich bemerke meinen Stress in der Transition und Neuausrichtung, aber ich kenne meine Schrittweite. Meine Sprungkraft. Meine Anlaufbedarfe. Und die andere Seite. Meistens. Und wenn nicht, dann, dass ich mit dem Unbekannten interagieren kann. Es passiert mir nicht mehr. Es passiert mit mir. Das macht mich nicht souverän und stark, selbstsicher und unverletzbar, wie ich mir das früher immer und heute noch manchmal wünsche, aber selbst.bewusst.

Die Luft berührt mich, der Boden hält mich, meinen Schritten folgen Geräusche.
Ich habe Angst zu fallen, unerwartet berührt zu werden, mich in meinen Annahmen über den Ort, an dem ich bin, zu täuschen. Und ich gehe weiter. Ich. Nicht jemand wie ich, oder etwas, das so tut, als sei es ich oder mein Körper, gelenkt von etwas, das eher theoretisch ein Ich sein könnte, oder eine formlose Präsenz, umgeben von ferngesteuerter, komplett eigenimpulsloser Masse.
Es ist erstaunlich irrelevant für diese Tätigkeit, wer ich eigentlich bin. Und wie ich beschaffen bin. Und was ich kann. Oder wie ich es kann. Ich erlebe die Augen der Täter_innen immer noch auf mir und oft genug suche ich Versicherung mit ihrem Blick auf mich. Aber ich kann mich inzwischen auch sehen. Kann mir mehr Augen leihen als die der Menschen, die mich verletzt haben.
Ich gehe hier einfach lang. Bin Teil des Moments wie der Laternenpfahl, der Absperrungspoller, der Straßenverkehr, die Tauben auf Futtersuche. Nichts davon ist egal, aber nicht alles relevant für mein Überleben. Mir passiert nichts mehr. Ich passiere Laterne, Poller, Tauben. Die Eindrücke kommen, wirken und flachen wieder ab.

Meine Angst ist ein paralleles Rauschen unter der allgemeinen Harmlosigkeit der Welt. Der rote Rand um die eitrigen Traumastellen in mir. Ich kann sie umgehen. Und ich kann mich nähern. Ich kann sie berühren, verschieben, manchmal auflösen, wenn ich mich gehalten fühle. Kontextualisiert. Bezogen. Verortet. Eindeutig positioniert, beauftragt, ver.antwort.bar.
Wenn die Umstände stimmen, ist es keine Manipulation, kein Selbstbeschiss, kein Trickbetrug an meiner Wahrnehmung, dass beides da ist. Die Angst, verletzt zu werden zu sterben und die allgemeine Ungefährlichkeit des Lebens.

Vor 22 Jahren stimmten die Umstände noch nicht für mich. Ich habe mich in Lug und Betrug an mir selbst gezwungen, weil ich weder die Welt noch mich selbst genug wahrnehmen und begreifen konnte. Ich kannte die Welt als Gefäß, in dem meine Qual, mein Leiden, mein Schmerz, meine Angst passieren. Als randlose Schale, in der ich hin- und hergeschleudert wurde. Ohne Anfang, ohne Ende, ohne Bedeutung, ohne Ziel und dadurch auch immer wieder, fast immer, ohne mich in mir selbst.
Ich musste glauben, dass irgendwas irgendwas bewirkt – ich hatte nie die Chance zu beobachten, wie irgendwas irgendwas bewirkt. Ich musste annehmen, was mir irgendwer über irgendwas erzählt – egal, was davon stimmte oder nicht, ich habe es sowieso sehr wahrscheinlich weder ganz aufgenommen, noch verstanden, noch den Sinn erfasst. Ich selbst konnte mir nie Quelle von Stabilität oder Kongruenz oder Klarheit sein. Was ich wahrnahm und einordnete, entpuppte sich immer wieder als Trittfalle ins Bodenlose, die Dissoziation.

Wieder fliegt Landschaft an mir vorbei. Meine Kopfhörer halten das Dröhnen des Zuges von mir fern. Mein Körper wackelt. Ich fahre zu einem Therapietermin. Bin eindeutig und klar in meinem Ziel der Stunde. Sicher darüber, was ich dafür und dagegen tun kann, um es zu erreichen. Der Raum ist für mich eindeutig und klar. Meine Optionen für und gegen die Zusammenarbeit sind sowohl mir als auch meiner Therapeutin klar.
Es ist der einzige Raum in meinem Leben, in dem das so ist. Der einzige, in dem diese Umstände in Bezug auf alle Aspekte bestehen. Es ist der Raum in meinem Leben, in dem ich glauben kann, dass ich etwas mache, um etwas zu erreichen, weil ich weiß, dass ich es auch nicht erreichen kann oder nicht sofort oder anders als ich dachte. Ein Kontakt, in dem es tatsächlich immer weitergegangen ist, obwohl ich sehr lange sehr oft darin gestorben bin. Wo immer alles wiederkam, was verschwunden, fragmentiert, dekontextualisiert war, weil nichts – auch ich nicht – verschwunden bleiben musste.

Ich erfahre von den Sparplänen der Bundesregierung.
Rutsche in Scham und Ärger, gleite über einen Schmierfilm von Angst und kann mich letztlich nur an meinem Glauben an die allgemeine Kontinuität festhalten. „Es ist nicht egal, aber jetzt gerade nicht relevant.
Wenn es relevant wird, kann ich immer noch prüfen, ob es mich töten wird. Es gibt Gleichzeitigkeit. Es gibt die Gefahr und die unspektakuläre Existenz.“ Innerlich greife ich in das Knäul aus Information und Gefühl und trenne es wie einen Wurzelballen, den ich in zwei Töpfe lege. Nicht egal links, aktuell nicht relevant rechts. Ich lege einen Deckel drauf und schiebe sie in ein Regal meines Hinterkopfes, das meinem Bücherregal im Büro ähnelt.
Ich mache große, weite Schritte durch die Bahnhofshalle.
Als ich hier vor 22 Jahren ausgestiegen bin, wäre mir diese Imagination gefährlich vorgekommen. Wie ein Angriff auf das, was mich am meisten schützt: meine Todesangst. Jetzt macht es mich handlungsfähig. Interaktionsbereit. Stabil. Selbst zur Quelle einer Ordnung. Crazy shit.

Überraschung

Überraschung ist eine Grundemotion, die ich erst im Zusammenhang mit der Autismusdiagnose näher erforscht habe. In meiner Traumatherapie ging es nie um Überraschung. Es ging um mein Kontrollbedürfnis, meine Ängste. Mein kompensierendes Vermeidungsverhalten. Überraschung und Schockerleben waren dabei nie Thema. Mir war selbst überhaupt nicht klar, dass ich Todesängste habe, wenn ich überrascht werde. Dass ich Überraschung vermeide, weil sie mir Angst macht. Dass ich Kontrollgefühle vor allem dafür brauche, um mit meiner Angst vor der Todesangst auf eine Art umzugehen, die unauffällig ist. Angepasst. Nicht peinlich. Sondern ruhig, rational, beherrscht, bewortbar. So, dass mich niemand verletzt.

Man kann Überraschung nicht vermeiden. Aber man kann die Wahrscheinlichkeit dafür absehen. Mustererkennung hilft dabei. Aktives Dauerscannen, traumareaktive Hypervigilanz. Katastrophisieren. Permanente Reaktionsbereitschaft. Hold-the-line-Modus, wann immer Quellen für Unvorhersehbares in der Nähe sind. Anderen Menschen mitteilen, dass man Überraschungen – auch die lieb gemeinten – nicht mag, nicht möchte, nicht schätzt.

*

Die Sonne schien. Die Wärme im Auto bildete eine Glocke um mich.
Ich faltete den Brief zusammen und versuchte, meinen Partner anzurufen. Keine Antwort. Bubi legte den Kopf auf die Rückbank und beobachtete das Treiben auf dem Parkplatz. Der Verlust meines Arbeitsplatzes, die Lüge der Vertrauten hinter der Ermutigung, mich um meine Gesundheit zu kümmern, schwemmte über mich hinweg. „Wusst ichs doch“, stand auf jedem Stachel, der sich aus meiner Panzerhaut schob, um alles Panische vom Jetzt abzutrennen.
Nach der Angst, die Härte. Der Haken aus Stahl, der die Unwürdigkeit jeder Form von Zutrauen und Glauben an die Aussagen anderer Menschen, bestätigt.
Als ich nach Hause fahre, kommt die Trauer. Die Trauer um eine Zukunft, um die ich seit Dezember ringe. Auch das also, kaputt. Kein Kind, kein Job, keine Kraft, keine Hoffnung.
Es hätte so anders werden sollen.
Auf dieses Ist bin ich nicht genug vorbereitet.

*

Überraschungen gehören zu dem, was ich als Alltagsterror empfinde. Sie sind der trauma-re.aktivierende Bestandteil meines Lebens mit anderen Menschen, mit dem ich am häufigsten konfrontiert werde. Nicht, weil Menschen nie tun, was ich sage oder will, sondern, weil Menschen für mich nicht eindeutig vorhersehbar tun, was sie sagen; sagen, was sie tun, und es meistens ein unausgesprochenes Rätsel ist, warum, wozu und welchem logischen Schluss folgend sie es tun oder sagen.
Und es ihnen egal ist.
Sie mich nicht trösten. Selten beruhigen. Die wenigsten sich die Arbeit machen, sich mir zu erklären. Nur manche nah genug an mich herantreten, um mich zum Teil ihres Er.Lebens zu  machen.

*

Mein Partner liest den Brief. Atmet ein und sagt: „Ja, scheiße.“
Ich weine, weil ich begreife, dass ich mich nicht verlesen oder in meiner negativen Annahme geirrt habe.

Sie haben mich angelogen. Alle.
Und weil ich ihnen geglaubt habe, wähnte ich mich in einer Sicherheit, die mir jetzt, ohne jede Vorbereitung, ohne jede Chance auf Widerrede, Beeinflussung oder Zugang zu Verständnis, genommen ist.

Ab jetzt er.lebe ich parallel. Gespalten. Gleichzeitig in unterschiedlichen Dimensionen.

*

Überraschung, Schock, ist ein zentrales Element vieler Traumatisierungen.
Wer überrascht wird, kann sich nicht selbstwirksam erleben. Es gibt kein Kontrollgefühl. Keine Sicherheit über die eigene Existenz.
Überraschung kann nur Spaß bereiten, wenn dieses Sicherheitsgefühl grundlegend da ist. Ich habe dieses Gefühl nie. Selbst dann nicht, wenn ich viel Kontrolle habe.
Jede Überraschung rührt direkt an ein Gefühl von realer Existenzbedrohung.
Und jedem Gefühl der Bedrohung folgt die Dissoziation.

*

Ich scanne den Brief und plane die Einberufung aller nötigen Helfer_innen.
Bahne ein Gespräch beim Verlag an.
Speichere die erste Stellensuche auf der Webseite der Arbeitsagentur.

Spüre, wie sie das letzte Jahr resümiert.
Beobachte, wie er versucht abzuschätzen, ob unsere Kraft für psychiatrische Krisenintervention und ihre erwartbar problematischen Folgen reicht.
Höre ihr beim Sprechen ins Mikrofon zu, während die Hände einer anderen vereinzelte Kröten aus Eimern hervorholt.
Registriere Kämpfe um Essen, Schlafen, Lebenswillen und ‑ziele. Notiere ihre Gewinner und Verlierer.

Als ich einen Tag früher als gedacht von meiner Menstruationsblutung überrascht werde, fühlt es sich an, als würde mir ein knöcherner Schalter im Inneren umgelegt werden.
Mein Partner sagt, es nutze nichts, wenn wir beide traurig seien. Ich spüre hinter mir alles zusammenbrechen und im Melt der letzten Tage versinken.

*

Die Blätter einer Rose sind als sogenannte „Fiederblätter“ angeordnet. Ein Fiederblatt besteht aus mehreren Einzelblättern und trägt so zu einer stabilen Form der Pflanze, aber auch ihrer Gesamtfläche zur Fotosynthese bei. Fällt eines ab, gibt es genug andere. Zum Überleben des Organismus braucht es nur eins. Im Winter nicht einmal das.

Draußen beginnt der Frühling.
Ich organisiere an einem Sommer für mich.
Gestalte Ideen und Pläne für mögliche Verläufe im Herbst.
Den Winter in mir drin, blende ich dabei aus.
Ich weiß, dass er von alleine endet.

*

Das Mismatch mit meiner Umwelt über Überraschungen verlangsamt meine Verarbeitungsmöglichkeiten. Um den Kontakt zu meinen Mitmenschen nicht zu verlieren, kann ich mich nicht auf die Überraschung konzentrieren, sondern muss mich auf das fokussieren, was sie mir anbieten.
Die überraschende Nachricht von meiner Kündigung bedeutet für sie, dass wir über Kündigung und Arbeit sprechen – nicht über die Überraschung. Den Verrat. Den erschreckenden Verlust des Sicherheitsgefühls. Die unerwartete Unmöglichkeit aller Pläne für die Zukunft, die zum Sicherheitsgefühl über die Gegenwart führten. Wir reden nicht über Angst. Meine Todesängste sind einfach undenkbar für sie. Und übertrieben, als ich sie andeute.

Ich kann mir nicht vorstellen, wie die Zukunft aussieht, weil ich nicht weiß, was dort möglich ist und was nicht. Man erwartet von mir ein Grundvertrauen in das Leben, das ich nicht habe. Ich kann nicht „einfach mal sehen“, „einfach mal abwarten, was sich ergibt“. Wenn ich nicht weiß, was ich sehen soll oder muss oder könnte, dann (vorher)sehe ich da nichts. Und wer nichts (vorher)sieht, kann von allem, was dann passiert, nur überrascht werden.

Das ist der absolute Horror.

klebriger Fokus

Und wieder sitze ich meiner Therapeutin gegenüber und esse.
Es ist 12 Uhr, wir wollen arbeiten, mein Treibstofftank ist leer.

Ich habs gewusst, ich hatte einen Timer und ein safe food dabei und hab’s trotzdem nicht gemacht. Mein Fokus hat noch an einer Aufgabe geklebt, die ich unterbrechen musste, um zu ihrer Praxis zu laufen. Der Timer ist an mir vorbeigeflogen. Ich weiß nicht, wie ich zur Praxis gekommen bin. Aber ich weiß, dass ich darauf geachtet habe, dass ich so pünktlich da sein würde, dass ich die Aufgabe noch zu Ende bringen konnte, damit ich vor der Therapie aufhören kann, daran zu denken.
Meine Therapeutin fragt, ob ich im Hyperfokus war. Ich verneine.
Das Wort finde ich ungünstig. Es legt eine Übertriebenheit nahe, eine Obsession, die ich nicht hatte und bewusst auch noch nie erlebt habe.

Ich verstehe meine Aufmerksamkeit als Folge einer Verklebung. Als „klebrigen Fokus“. Ich gehe durch die Welt und habe so etwas wie geistig adhäsionsfreudige Fäden, die sich an Themen, Dingen, Leuten, Stimmungen, Gefühlen, Gedanken, Geräuschen … allem Möglichen anheften, bis es fertig ist. Fertig erfasst, fertig verstanden, fertig verlaufen, abgeschlossen, vergangen. Ich kann nur bedingt steuern, woran sie sich anheften, und überhaupt nicht, wie lange. Und ziemlich sicher bin ich mir, dass meine Fadenklebrigkeit mitunter sehr viel stärker ist, als die vieler meiner Mitmenschen. Manchmal habe ich den Eindruck, sie hätten nur Post-it-Klebezettel-Klebrigkeit, während es bei mir die Art Leim ist, die man bei Fehlern innerhalb eines kleinen Zeitfensters zwar noch korrigieren kann, aber nicht ohne eine erhebliche Macke zu produzieren.
Bin ich stabil und gut drauf, hat dieser Leim etwas mehr Flexibilität – bin ich drauf wie im Moment, kann davon keine Rede sein.

Nach der Stunde denke ich weiter darüber nach.
Essen ist eine andere Aufgabe, als das, was ich noch fertig machen wollte. Und etwas anderes als Therapiearbeit. Sie hat mit weder mit dem einen noch dem anderen zu tun. Solche Wechsel bereiten mir immer Schwierigkeiten. Das sind die „Gleiswechsel“, von denen ich in „Starre unterscheiden“ geschrieben habe. Je komplexer die neue oder auffolgende Arbeit ist, desto schwerer ist so ein Wechsel für mich.
Und Essen ist ultrakomplex für mich. Da sind 28 Jahre Essstörungsmurks, diffus erinnerter Traumashit, Sensorik und Unverträglichkeiten mysteriöser Natur mit einem kaum vorhersehbaren Lauf der Dinge zusammenzubringen. Klar bringe ich für einen solchen Gleiswechsel tendenziell eher nicht die Kraft auf, meine Aufmerksamkeitsfäden von etwas anderem abzureißen – vor allem nicht, wenn die noch gar nicht „fertig sind“ und sich noch gar nicht von allein auf meine Körperwahrnehmung geheftet haben.

Ich denke aber auch an die Leute bei Instagram, die von einem Hyperfokus sprechen, wenn sie sich obsessiv zügellos rücksichtslos intensiv in Dinge einarbeiten. Und die paar Leute, die dazusagen, welchen Preis so ein Zustand hat, wenn man aufgrund einer Neurodivergenz dazu neigt. Und darüber, dass ein sogenannter Hyperfokus sich auch auf destruktive oder unsinnige, unproduktive, überhaupt nicht nützliche Dinge legen kann, die das gesamte Umfeld (über)belasten, habe ich bisher nur eine Person reden hören.

Dann kommen Erinnerungen an meine Eltern auf. Meine Mutter, die mir nicht glaubt, dass ich sie nicht gehört habe, weil mein Gehör in Ordnung ist. Mein Vater, der mich durch die Luft wirft und verprügelt, weil ich nicht gehört habe, dass er mir gesagt hat, was ich noch erledigen soll. Oder, weil ich etwas erst fertig machen wollte, bevor ich tat, was er wollte. Oder, weil es ihm zu lange gedauert hat, bis ich etwas so fertig hatte, dass ich selbst auch das Gefühl hatte, dass es fertig war. Oder, weil ich, während ich tat, was er mir aufgetragen hatte, nicht hörte, dass er oder meine Mutter oder andere Autoritätspersonen mit mir gesprochen haben.
Ich kann nicht wissen, wann ich früher immer dissoziiert habe und wann meine Kapazitäten zur Verarbeitung von Reiz-Input zu fragmentiert waren, weil „meine klebrigen Fäden“ ausschließlich auf einer Sache lagen. Aber ich finde es eine bemerkenswerte Redundanz in meinem Leben, dass auch mein Mann inzwischen aufgegeben hat, mich zu rufen, weil ich ihn einfach nicht höre, wenn ich nicht darauf eingestellt bin, ihn hören zu müssen.
Und, dass zu dieser Redundanz gehört, dass ich in diesen Momenten überhaupt gar nicht hyper bin, sondern einfach ich selbst. Entspannt, selbst.sicher, beschäftigt.

Ich nenne es „hold the line“, wenn ich weiß, dass ich spontan für alles Mögliche mit aufmerksam sein muss. Andere autistische Menschen nennen es „Servicemodus“. „Mom on the spectrum“ hatte zu dem Thema neulich einen Livestream bei YouTube. Dort wurde es als Überlebensstrategie besprochen.
Wenn ich im „hold the line“-Modus bin, dann ist es, als würde ich mit beiden Händen jeweils ein Büschel dieser klebrigen Fäden festhalten, auffächern und auf mögliche Ansprachequellen richten.
Das hat ganz eigene Konsequenzen. Meistens die, dass das, was ich eigentlich machen möchte, gar nicht richtig oder nur unter großer Anstrengung funktioniert. Vernünftig laufen, zielgerichtet und selbst.bewusst sprechen, feinmotorisch tätig sein, rechnen, Entfernungen abschätzen, mich örtlich zurechtfinden, sensorischen Input diskriminieren, andere Menschen sozial „lesen“, Dinge aus dem Kurzzeitgedächtnis abrufen, zum Beispiel. Wie auch – ich halte ja wichtige Kanäle belegt, über die ich den Datendown- und ‑upload meiner Lebensinteraktion erledige.

Polly Samuel hat das unter dem Namen Donna Williams schon 1996 in ihrem Buch „Autism, An Inside-Out Approach“ mit einer Metapher, ähnlich wie meine mit den klebrigen Fäden, beschrieben. Für sie war Autismus eine gemischte Tüte einander bedingender und beeinflussender Verarbeitungsprozesse. Sowohl sensorisch als auch psychisch und emotional. So betrachtet, war meine Lage nicht nur: „Ich hatte da ein Ding, das ich fertig haben wollte, und Essen vor dem Termin war keine Priorität.“
Sondern: Ich war in der Stadt, in der Bücherei, da darf man nicht essen. Dort war es ruhig genug, dass ich mit meinen Noise-Cancelling-Kopfhörern ohne Anstrengung meine Aufgabe machen konnte und auch den „Gleiswechsel“ in die nächste Aufgabe, nämlich den Weg zur Praxis, anstoßen konnte. Aber die Aufgabe war noch nicht fertig (meine klebrigen Fäden hatten sich noch nicht vollständig gelöst). Ein Büschel klebte noch daran, während ich mit dem Rest losmusste. Entsprechend fragmentiert war meine Wahrnehmung des Weges, entsprechend stressend waren Lärm, Leute, Umgebungsfaktoren wie Wind, Licht, Temperatur, Gerüche und Zeitdruck. Was wiederum mein Konzept über meinen Tagesablauf berührt hat. Ich wusste ja, warum ich die Aufgabe fertig haben wollte. Sie jetzt nicht passend fertig zu haben, bedeutete, dass ich mir nicht sicher darüber sein konnte, was nach der Therapiestunde passieren würde. Das bedeutete für mich noch mehr Stress und auch Angst, die reguliert werden muss. Dadurch stieg das Risiko, noch früher noch müder vom Tag zu werden als eingeplant und entsprechend noch viel mehr Stress zu erleben, weil die Verarbeitung des Inputs immer anstrengender und fragmentierter wird. Also noch mehr, wofür ich eigentlich „alle meine Fäden“ zur Kompensation brauchen würde.
Ich war in einem Verarbeitungsdelay und wusste, dass meine Möglichkeiten, das aufzuholen, an dem Tag sehr begrenzt waren. Und in all dem Stress und der aufbrandenden Angst zu essen, hätte meinen Delay, meinen „geistigen Stau“, nur eskaliert. Obwohl es Teil meines Tagesplans war, obwohl ich weiß, dass es wichtig ist, obwohl ich weiß, dass Therapiearbeit ohne Energie eher belastend als hilfreich ist.

Gleichzeitig, war es keine bewusste Entscheidung von mir, das Essen auszulassen. Vielmehr wurde die Handlungskette fragmentiert und der Punkt „Essen“ wurde zu einer Information mit unvollständigem Bezug. Genauso wie der Timer, der mich zum Essen prompten sollte. Ich konnte damit nichts anfangen. Ich habe ihn wahrgenommen, habe gewusst, dass es wichtig ist – aber wofür, wieso und wann und wie ich das umsetzen muss/kann/soll/darf, war für mich nicht mehr beisammen. Die Sache, die ich noch fertig machen wollte, und der nächste Termin hingegen waren mir noch klar. Also habe ich sie weiterverfolgt.
An der Stelle finde ich außerdem noch wichtig zu erwähnen, dass ich innerlich keinen Konflikt hatte. Keine traumapanischen Inneren, keine strengen Antreiber*innen, keine überhungrigen Kinder. Ich habe mich nicht gegen den Hunger gezwungen oder war eingenommen von Katastrophenszenarien, die passieren könnten, würde ich das nicht fertig machen. Ich habe nur gedacht: „Boah nee, ich will nicht an diese Aufgabe denken, wenn ich in der Therapiestunde sitze, und ich habe heute einen ganzen Tag im ‚hold the line‘-Modus, ich kann nicht noch mehr davon abgeben (ohne Anlass zu tatsächlich begründeten Ängsten vor Katastrophen aller Art zu geben).“

Den inneren Konflikt hatte ich erst, als ich im Therapiesetting und bei mir selbst ankam. Die Aufgabe fertig war, der Termin lief und der Tag für mich geistig wieder in überschaubare Ordnung zusammenrückte. Da kam das Hungergefühl wie eine Abrissbirne, während ich eigentlich etwas anderes zu tun hatte.
Und jemand anderes auch. Meine Therapeutin nämlich. – Sowas stresst und ängstigt mich unheimlich tief. Da kommen die Kinderängste raus, die brettharten Bestimmer*innen, der Druck, der Zwang, die Not, die Wirrheit, weil sich keine mögliche Lösung aus mir selbst heraus wirklich sicher anfühlt. Dann wird gekreiselt, gehasst, gekämpft, gequält, gelitten und ich fühle mich dem immer noch schneller ausgeliefert als lösungserfahren kompetent. Obwohl ich schon öfter (immer in Krisenzeiten) wenige Minuten nach Beginn der Stunde essen, trinken, zur Toilette gehen, unbequeme Sachen umziehen oder herausfordernde Momente auf dem Weg zur Praxis besprechen musste. Meine Therapeutin hat mir immer vermittelt, dass das in Ordnung ist, weil auch das dazu beiträgt, dass die Arbeit hilfreich ist.
Doch auch in diesen Momenten greift die Adhäsionsfreudigkeit meiner Geistesfäden. Die liegen im Therapietermin überwiegend auf dem Thema der Stunde, nicht beim Ankommen im Kontakt zu meiner Therapeutin, die erst einmal meinen aktuellen Zustand abfragt. Also muss ich wieder Fäden abreißen … die nächste Wolke fragmentierter Informationen verarbeiten … hinnehmen, dass auch das Thema der Stunde in Teilen oder komplett fragmentiert, bei mir ankommt … hoffen, dass ich in der Folge genug Ruhe habe, zu prozessieren … und gleichzeitig wissen, dass ich diese Ruhe immer nur dann habe, wenn ich ganz mit mir allein bin. Ohne „meine Fäden“ zu kontrollieren.

Wenn meine Therapeutin mir eine gute Erfahrung ermöglicht, passiert das meistens schon in einem Moment, in dem ich fragmentiert wahrnehme und innerlich kampfkreisle. Dann kann es sein, dass ich höre und kapiere: „Okay, ich kann hier essen“, aber alles andere, was zu einer Sicherheitserfahrung gehört, ist unter Umständen noch gar nicht bei mir angekommen, sondern sickert in Momenten wie diesem hier, wenn ich davon schreibe (allein und abgeschirmt in meinem Büro), nach. In der Situation bin ich nicht dazu fähig, einzuschätzen, in was für einer Lage ich gerade bin. Welche Emotionen in mir wirken. Ob ich gerne da bin oder nicht. Ob mir schmeckt, was ich esse. Obwohl ich räumlich und zeitlich absolut orientiert bin. Was mir dann klar ist, mache ich bis es fertig ist. Und dann geht es weiter mit dem einen nächsten Ding.

„Ach Frau Rosenblatt, wo fangen wir denn da an?“, hat meine Therapeutin in der Stunde an einer Stelle geseufzt, an der ich sie ein wenig in diese Dynamik habe blicken lassen. Stellt sich raus, dass ich tatsächlich mit komplexen Abläufen arbeite, erheblichen mental load in meinen sozialen Kontakten jongliere und die Folgen meiner Traumatisierungen das alles sehr stark stören und immer behindern.
Egal, wo man da anfängt, ist es komplex und schwer.
Aber um ehrlich zu sein, bin ich im Moment auch froh, dass meine aktuelle Krise meine Kompensation so sichtbar macht. Es ist heute viel leichter für mich, mit meiner Therapeutin darüber zu sprechen. Es ist mir trotzdem noch peinlich, vor ihr zu essen oder zuzugeben, an was für basalen Stellen ich gerade nicht gut zurechtkomme. Aber es ist leichter für mich, meine geistigen Fäden von diesen Gefühlen und Ängsten abzutrennen, bevor sich alle gleichzeitig drauflegen und gar nichts mehr bei mir ankommen kann.

der Friseurinnentermin

Als ich eintrete, beschlägt meine Brille.
Im Raum hallen Föhn, Wasser und Schritte. Die Gespräche darin tauchen auf und ab wie die Köpfe von Wellen auf offener See. Es ist ein Termin nach einem Termin, der vierte Tag ohne vertraute Routinen. Am Morgen wurde mein Zahn versorgt, die taube Wange hängt noch ein wenig. Das ist alles nicht ideal, aber die Alternative ist es auch nicht.

Lange kann ich das nicht mehr halten. Diese Atmung, die ich nach unten erzwinge, damit sie weder zu schnell noch zu offensichtlich ist. Die Spannung im Rücken, damit sich nicht irgendwas spontan aufrichtet, die Arme hochreißt und in die Luft greift. Oder in mein Gesicht, in meine Haut, mein Fleisch, meine Haare. Die Härte im Nacken und was auch immer ich da an meinen Ohren mache, damit mir die Geräusche weniger laut erscheinen.
Als ich meine Brille abnehme, damit die Friseurin meine Haare waschen kann, bemerke ich, dass ich, was auch immer ich da mache, auch immer noch halte, um weniger zu sehen. Doch als mir die Massagefunktion des Sessels in den Rücken boxt, ist es mir zu wenig. Da merke ich, wie ich mich in diesen Kontakt reindrehen will, damit er mir richtig wehtut. Es soll nicht nur so angedeutet sein, sondern richtig. Ich bitte die Friseurin, die Funktion auszuschalten. Über einen verzweifelten Druck hinweg liege ich auf diesem Stuhl und denke mich als flachen Stein, über den ein ganzer Fluss hinwegfließt.

Ich bin nicht gerne beim Friseur. Ich mag das alles nicht. Der Fokus auf mich, das angefasst werden am Kopf, das Reden über das, was man wie will, die merkwürdigen Komplimente, die Luft, die Geräusche, die Gerüche, das Kitzeln der abgeschnittenen Haare, die es doch unter den Umhang schaffen.
Aber ich liebe Autowaschanlagen. Ich mag das Durchfahren durch einen lauten, nassen Stinketunnel, dessen Wuschelstrukturen rhythmisch drehend alles vom Auto spülen, was nicht so schön ist und das Abtrocknen der letzten feinen Tropfen.
Also versuche ich mir das Ganze als Fahrt durch eine Waschanlage zu verkaufen. Das klappt ganz gut, bis ich mich im Spiegel sehe und merke, dass alles, was ich will, Schmerz, Hass und kaputt sein ist. Wie ich mir die Haare ausreißen, meine Zähne in mein Fleisch schlagen, ich mich zerstampfen und auseinanderreißen würde, wäre ich nicht in diesem Käfig aus Muskelstahl und Versteckhaut.

Meine Alltagsschicht ist ganz profan. Ganz die bald vierzigjährige Trine Dumpfbeutel ist mein einziges Thema, dass ich bitte nicht wieder einen Bob haben will, weil „nur das bei mir aussieht“. Ich bin fett, I know, aber kann ich bitte nicht deshalb immer so einen Raschelvorhang am Kopf behalten müssen? Wenn Sie mich schon anfassen und mit stinkendem Klebezeugs belästigen müssen, kann ich bitte wenigstens mal was anderes als sonst haben? Was Kurzes, was zum Spielen, was zum in Ruhe lassen …
Ich bin richtig peinlich. Und das Gespräch mit der Friseurin verläuft so, dass ich bei ihren ersten Schnitten heulen könnte, weil ich mir sicher bin, dass ich den Laden wieder mit einer bob-artigen Situation auf dem Kopf verlasse.

Es dauert eine Weile und ich merke, dass das wieder so einer „dieser Momente“ ist. Eigentlich bin ich richtig fertig. Total erschöpft und froh mich selbst gewissermaßen blind und taub machen zu können. Wenn ich will, kann ich es mir auch noch total egal machen. Einfach ganz desensibilisiert dafür sein, was passiert und das Ereignis verstreichen lassen.
Und gleichzeitig will ich genau das ja insgesamt weniger nötig machen. Ich möchte nicht mehr täglich von meinem durch die Länge der Haare allein schon unübersehbaren Haarausfall in Sorgen über meine Fertilität geraten. Ich möchte den permanenten Zug auf meiner Kopfhaut vom Zopf nicht mehr haben und die ständige Geräuschkulisse vom Reiben der Haare über die Kleidung auch nicht. Und der schmerzhafte Haare-kämm-Krampf nach dem Schwimmen – es wäre angenehmer ohne.
Ich muss mich nur trauen, das haben zu dürfen. Mich nur anstrengen, das so zu bekommen, wie ich das möchte. Mehr nicht. Ich muss jetzt nur in die Situation rein und dranbleiben und mich kümmern. Die Spannung halten. Die Angst balancieren. Den Traumascheiß von der Waage kippen und mit Realität ersetzen. Alles, was ich tun muss ist, das Leben anzufassen, dessen Berührung ich selbst gerade kaum aushalten kann.

Dafür nehme ich dann Anlauf. Beobachte die Friseurin. Versuche mir zu erklären, was sie macht und was ihr nächster Schritt sein könnte. An einem Punkt merke ich, dass sie nach einer anderen Schere sucht und mein Haar erneut befeuchten muss. In dem Moment wiederhole ich, was die Person neben mir vor 10 Minuten gesagt hat: „Zeigst du mir mal hinten? Die Länge an der Seite gefällt mir schon gut.“
Ab da geht es ganz leicht. Ich kann aus den Gesprächen in der Luft die Teile herausfischen, die mir nutzen. Die Friseurin versteht mich und schneidet mir keinen Bob, sondern was Kurzes mit was Längerem. Wenn ich jetzt alle 5 bis 6 Wochen wiederkomme, muss ich nichts mehr erklären, sondern nur „bitte nachschneiden“ sagen. Das kann ich ja üben.

Draußen ist es so kalt, dass ich mich dran anlehnen kann.
Der Dauerzug ist weg. Mein Kopfbereich erscheint mir konturierter in meinem geistigen Bild von meinem Körper. Jetzt ausruhen. Zurück in den Bereich, der alles zusammenhält. Statt mit der ganzen Hand mit einer Fingerspitze im Leben stehen. Das ist okay. Fürs Leben muss man Kraft haben. Um Kraft zu schöpfen, muss man sich welche er.holen.

weiter

Diesmal wache ich von meinem eigenen Geräusch auf. Bubi ist nicht gekommen. Ich höre seine tiefen Atemzüge im Dunkeln.
Ich weiß, dass dieses Zeitfenster jetzt wichtig ist. Es ist der Grauraum zwischen dem, was ich als „sich reinfallen lassen“ empfinde und dem, was ich als „diszipliniertes dran arbeiten, dass es weggeht“ einordne. Aufstehen, laufen, schütteln, etwas trinken, eine Notiz machen. Uhrzeit, Aufwachgrund, Wie leicht ist es, sich von schwierigen Gefühlen, Gedanken, Handlungsimpulsen zu trennen?, Was ist ok?
Das Bett aufschütteln. Prüfen, ob ich Licht haben will oder nicht.

Mein aktuelles „aus Scheiß aufwach-Protokoll“ fühlt sich vertraut soldatisch an. Ich mache es einfach. Benutze es, um emotional unberührt zu bleiben. Jetzt, hier um 4 Uhr irgendwas, gibt es nichts daran zu lösen oder zu besprechen oder zu prozessieren. Es geht darum, dass ich keine weitere Symptomkaskade auslöse, indem ich darüber nachdenke.
Ich atme. Bubi kommt irgendwann doch zu  mir und lässt mich seine weichen Ohren befühlen. Die Nacht ist still, manchmal kommen Geräusche vom Dach. Irgendwann schlafe ich wieder ein, als wäre nichts gewesen.
Am nächsten Morgen werde ich mir erzählen, dass das deshalb so gut geklappt hat, weil ich nicht so ein Geschiss drum gemacht hab. Weil man solche Symptome auch einfach mal nur zur Kenntnis nehmen kann, sie protokolliert, abheftet und den Deckel zumacht.

Am selben Morgen werde ich zurück an die Ordnung meiner Lebenskrise gehen und eine gewisse Dankbarkeit für meine emotionale Abflachung haben. Die Angst, die ich um Weihnachten, Neujahr, Anfang Januar noch hatte, weil ich sämtliche Lebensentwürfe in Scherben vor mir empfand, spüre ich nicht mehr. Dass sie da ist, weiß ich. Meine Gedanken sind alle noch gleich. Der Zug hinter allem, was ich tue, ist von Angst angetrieben. Aber das Gefühl ist weg.
Auch das ein relevanter Grauraum. Wenn ich jetzt einfach wieder zur Arbeit gehen würde, würde es funktionieren. Bis zur nächsten überraschenden Übererschöpfung.
Man kommt lange hin ohne psychisches Feedback. Ohne Gefühl für die eigenen Gefühle.

Ich werde aber in nächster Zeit nicht wieder arbeiten. Nicht so wie in den letzten Jahren. Meine Disziplin, meine dissoziativen Gewohnheiten, umzulenken, ist gerade meine Arbeit. Es ist prima, wenn ich nicht jeden Flashback, nicht jedes Erinnerungsfragment in voller Breitseite erfasse. Es taugt nicht als Informationsquelle und ohne Begleitung meiner Therapeutin fühle ich mich nicht sicher, damit überhaupt irgendwas zu machen. Also kommt der Deckel drauf, bis Zeit dafür ist.
Nicht prima hingegen ist, nicht zu spüren, dass ich hungrig oder satt bin. Zeit zu verpassen, weil ich meine Timer nicht aktiviere und in Einzelaufgaben versinke. Wenn ich mich von der Welt nur umspülen lasse, statt zu interagieren. Mich zu beteiligen. In Kontakt zu gehen und sei es noch so kurz, belanglos oder schlicht beknackt.

Die gute Dissoziation aufs Bettschränkchen, die schlechte ins Skill-Kröpfchen, das ist der Marschbefehl. So funktionierts.
Nicht gut, nicht schlecht – weiter.

Krise

„Wie habe ich früher Situationen wie diese gelöst?“
Für mich gibt es auf diese Frage eine Antwort.
Seit ich Krisen nicht einfach nur überlebe. Durchstehe. Mich halt einfach durchkämpfe. Seit ich „Konzentrier dich doch auf die schönen Dinge“ als Verführung in die Vermeidung erkannt habe. Das ist wichtig dazu zu sagen. Denn wer sich durch die Krise dissoziiert, kann hinterher oft kaum sagen, was da eigentlich genau war und was geholfen hat. Eine durchdissoziierte Krise bietet keinen Raum zur Aus- und Weiterentwicklung von Fähigkeiten der Selbstberuhigung bzw. Stabilisierung. Eher das Gegenteil. Dazu später mehr.

Jetzt gerade ist bei mir Krise.
Schon länger. Viele Ereignisse haben mich getroffen, manche sehr. Von keinem konnte ich mich wirklich erholen. Keins davon war selbstbestimmt oder in Form und Folgen beeinflussbar oder sicher vorherzusehen.
Mein Körper reagiert. Magenschleimhautentzündung, Blasenentzündung, Trigeminusschmerzen, Schlafprobleme, Albträume, Ängste und Depression – meine Gedanken finden sichereren Tritt auf traumawahren Wegen, als im uneindeutigen Dickicht des Hier und Jetzt. Ich esse und trinke auf Verdacht, meine Wahrnehmung dafür ist praktisch kaum noch vorhanden. Es hat keinen Sinn mehr, mich auf Signale von Überreizung zu scannen. Ich muss einfach drauf klarkommen, dass mir von jetzt auf gleich der innere Akku zur Kompensation ausgehen kann und mir aktiv in Erinnerung halten, wie ich mich in solchen Momenten verhalte. Wie ich mich schütze, wenn mir das außerhalb von zu Hause passiert. Was ich machen muss, wenn mir niemand Hilfe oder Unterstützung anbietet.

Seit März 2025 geht es mir öfter schlecht als gut. Da war der Konflikt, der entstand, weil es mir seit Sookies Tod öfter schlecht als gut ging.
Und immer war da etwas, das mich getragen hat. Das Schwimmen. Das Handballspielen. Bubi. Mein Mann. Freund*innen. Die Selbsthilfegruppe. Das Schreiben. Die Arbeit. Die Möglichkeit, mit meiner Therapeutin immer wieder neu zu sortieren und aufzuarbeiten. Die Natur. Das Fotografieren. Die Handarbeit. Die Ziele für mein Leben.

Jetzt bin ich einfach müde. Kann keinen Sport machen, solange ich Medikamente brauche. Kann die mentale Kraft, die es für meine Arbeit braucht, nicht mehr aufbringen, weil ich sie benötige, um den Kontakt zu meinem Mann und meinen Freund*innen zu navigieren. Um meine Routinen der Körper- und Haushaltspflege aufrechtzuerhalten. Mich selbst als Körper in Zeit und Raum einordnen zu können. Mich für die Arbeit in der Therapie zu befähigen. Zu bemerken, wann ich Dinge über die Welt und mich denke, die heute zu unwahrscheinlich sind, um sie als relevant für heutige Entscheidungen einzuordnen.

Früher hätte es mir geholfen, mich abzuschießen, wie ich in der Kinder- und Jugendpsychiatrie abgeschossen wurde. Zwei Tavor, drei Zop abends, Neuroleptika morgens. Tavor drübergestreuselt, wenn nötig. Das ging. Sookie trieb mich trotzdem noch raus und hielt mich im Rhythmus ihrer Bedürfnisse.
Heute habe ich die Erinnerungen an Fixiersituationen. An Gewalterfahrungen, für die ich betäubt worden bin. Ich kann die dumpfe Abgeschossenheit haben, aber irgendwann kommt das Erinnern eben auch dazu. Nicht immer. Nie immer. Aber sicher irgendwann.
Es ist keine echte Option mehr, um innerlich auf „Pause“ zu klicken. Mal kurz sicher daran gehindert zu sein, nicht ständig in unklare Zukünfte oder unvorhersehbare Entwicklungen hineinzuorakeln, um sich möglichst gut darauf einzustellen. Wenigstens nicht geschockt überrumpelt überrascht zu werden.
Es war auch nie wirklich eine Option, um sich zu beruhigen.
Es ist nur ein Abschuss. Ein eindeutiger Kontaktabbruch mit bestimmbarem Anfang.

Am Ende hat mir aber immer Kontakt geholfen.
Vor allem Kontakt, der stabil ist. Vorhersehbar. Klar. Eindeutig in Form und Intention. Geregelt. Strukturiert.
Nicht: liebevoll, fürsorglich, nah, helfend, „mich sehend“, „mich verstehend“.
Sondern: präsent, orientiert daran, was tatsächlich ist und was nicht (oder sehr unwahrscheinlich), (selbst)sicher, verbindlich in Bezug auf Absprachen und das kontinuierlich zu jedem Zeitpunkt.

Gerade jetzt brauche ich Kontakte zu Menschen, die sagen, was sie meinen. Die aussprechen, was sie denken, möchten, wünschen, befürchten, bezweifeln, überlegen, wollen.
Genau jetzt sind witzige Doppeldeutigkeiten, „nicht so gemeinte Sprüche“, Metaphern, die implizite Schlüsse erfordern, oder hilflose Phrasen („Das wird schon“) ein Problem. Sie erfordern zu viel mentale Leistung von mir, um sie als die Bindungsverstärker zu erkennen, die sie für manche Menschen sind. Ich kann nicht mehr so tun, als könnte ich „viben“. Einfach „spüren, dass ich gut aufgehoben bin“, einfach „wissen, dass ich nicht allein bin“. Ich kann es mir nicht mehr leisten, anderen Menschen nicht zu sagen, dass sie mich möglicherweise an Verabredungen erinnern müssen, um die ich selbst gebeten habe. Ich muss darum bitten, dass sie mich an meine eigenen Vorhaben erinnern. Ich kann nicht mehr so tun, als bräuchte ich keinen graphischen Ablaufplan für meine Tagesstruktur. Keine Timer für mentale Gleiswechsel. Als wäre Alltag nicht die harte Arbeit, die Alltag für mich ist.

Diese Angewiesenheit ist ein unfassbar starker Trigger für mich.
Dieses ständige Verschleiern und Verharmlosen meiner Kompensationsleistung gehört schon immer zu meinem Leben. Die Unaufrichtigkeit, die damit einhergeht, ist dermaßen groß, dass wirklich gar kein Mensch, mich selbst, eingeschlossen, auch nur im Ansatz ahnen kann, wie ich bin, leiste ich sie nicht.
Krisensituationen oder krisenhafte Phasen wie jetzt sind entsprechend immer multifaktoriell. Da gibt es die Notwendigkeit der mentalen und psychischen Regeneration, die am besten mit körperlicher Aktivierung und psychotherapeutisch begleiteter Verarbeitung erreichbar ist – beides erfordert jedoch Kompensationsleistung, für die eine erhebliche Menge mentaler Kraft notwendig ist. Man wird ja nicht in die Schwimmhalle gebeamt. Da ist es nicht still. Man muss den Schrankcoin bekommen. Man muss sich umziehen. Das Wasser ist nass. Man spürt es überall am Körper. Damit der Sport psychisch aktiv wirkt, braucht es eine gewisse Anstrengung über mindestens 20 Minuten. Das Wasser rinnt in Tropfen über die Haut, wenn man rausgeht. Da sind andere Menschen. Man muss sich wieder umziehen. Nach Hause fahren … Das Gleiche bei der Therapie. – Diese so wichtigen Ressourcen erfordern von mir Ressourcen und die Leistung, sie zielgerichtet und effizient einzusetzen. Kann ich diese Leistung nicht erbringen, brauche ich Menschen, die mir helfen. Und da sitzt ein Trauma, das mehr Kontinuität hat als jede Misshandlungserfahrung in meinem Leben.
Ich sage Menschen nie, wobei ich wirklich Hilfe brauche. Ich sage, dass ich welche brauche und versuche dann herauszufinden, was sie mir (ohne Gegenleistung) anbieten wollen. Und damit arbeite ich dann. Ich halte mich fern von ihnen als Person, kläre Abhängigkeiten und Konsequenzen und tue im Zweifel auch so, als ob selbst die Dinge, die überhaupt nicht helfen, total helfen würden. Diese „besser als nichts“-Strategie ist total dumm. Und besser als nichts. Und Kontakt.
Die typische Gleichzeitigkeit von Vermeidung und Konfrontation, Funktion und Freeze.

Und so merkwürdig und kontraintuitiv wie das auch klingen mag: Das ist ein Fortschritt.
Weil ich es so mache, dissoziiere ich nicht mehr komplett, sondern spezifisch in Krisenphasen. Ich bin nicht mehr innerlich komplett kaltgestellt, weiß nichts, fühle nichts, will nichts, brauche nichts außer Abschaltung und Fremdbestimmung. Ich weiß, was ich wann wieso und wo fühlen müsste und passe mein Verhalten entsprechend an. Ich weiß, was ich üblicherweise wollen würde, bräuchte und worum ich mich kümmern muss, um sicher und in Kontakt zu sein, und konzentriere mich darauf.
Ich habe gerade keine Ahnung über mein Innenleben. Wer was wie findet, fühlt, einordnet, dies das. Das heißt, dass ich kein psychisches Feedback darüber bekomme, was meine Verhaltensanpassung und meine Konzentration für mich selbst bedeutet oder in mir auslöst. Aber ich weiß, was ich tue. Wofür ich es tue. Wann und wie ich es tue. Ich kann mir ein Protokoll anlegen, mich selbst beobachten und über diese Beobachtungsdaten nachvollziehen, wann wieder psychisches Feedback kommt. Und in welcher Form.
Das bedeutet: Ich bin jetzt, an dem Punkt, an dem man mich vor gut 20 Jahren verortet hat, was meinen Grad der Beeinträchtigung durch meine dissoziative Störung betrifft. Was, soweit ich das aus Klinikberichten von anderen Menschen mit DIS entnehme, bis heute so als Standard vorausgesetzt wird.

Ich muss diese Krise nicht „einfach überleben“. Jetzt kann ich tatsächlich anwenden, was in Selbsthilfebüchern steht. Und aus meinen Erfahrungen lernen.

*

Es hilft mir gerade, das alles aufzuschreiben.
Ich fürchte im Moment oft, dass meine ganze Anstrengung für alles, was mir in den letzten 14 Jahren wichtig war, umsonst gewesen ist. Dass ich mir was vorgemacht habe. Dass ich nichts davon schaffe. Dass meine Entscheidung für das Leben lächerlich, anmaßend und letztlich nur Ausdruck dessen war, was an mir das Abstoßendste ist.
Ich denke gerade oft so, als hätte sich in den letzten Jahren an mir selbst und meinen Möglichkeiten überhaupt nichts verändert. Als hätte ich meine Therapeutin für nichts und wieder nichts angestrengt, Strukturen beansprucht, ohne ihnen etwas zurückzugeben, mich in diese Welt gebohrt, obwohl ich doch ganz sicher weiß, dass sie mich nicht haben will.

In Wahrheit ist die Welt, das Universum, der Lauf der Dinge voll von Dingen, die ungewollt sind. Sie gehören dazu. Genauso wie die Leute, die nicht aus allem, was ihnen gegeben wird, etwas machen, das direkt wieder zurückfließen kann. Meine Therapeutin hätte sich auch für andere Menschen so angestrengt wie für mich. Ich habe Fortschritte gemacht. Ich habe die gleichen Wünsche ans Leben wie die meisten anderen Menschen auch. Manchmal ist es Glück, manchmal ist es Zufall, nur selten ist es ein komplett eigener Verdienst, dass sie sich erfüllen.
Ich muss nicht einfach irgendwie durch und weiter und nochmal und weiter und nicht nachlassen.

Ich kann hier sitzen, mit Bubis ruhigem Schlafatmen im Rücken, in der unaufgeregten Ländlichkeit um unser Haus herum und wissen, dass ichs aufgeschrieben hab. Dass da jetzt Worte sind statt wirre Impulse, die sich dann und wann zu Gedanken formen. Kann mich kurz darauf konzentrieren, dass mich das beruhigt. Ich muss diese Arbeit nicht nochmal machen. Sie steht hier. Ich kann den Link teilen und damit etwas von mir selbst. Ich kann damit Kontakt herstellen.

Fundstücke #93

Der Großteil meiner Traumatherapie bestand und besteht bis heute darin, meine eigenen Grenzen empfinden, einordnen, anerkennen und bewahren zu lernen. Immer wieder und auf allen Achsen ist das relevant. Manchmal, weil ich mit bestimmten Grenzen nicht aufgewachsen bin. Manchmal, weil mir Grenzen nicht erklärt oder aufgezeigt wurden (und werden). Manchmal, weil mir bestimmte Hinweise (etwa von meinem Körper) nicht oder nur unter bestimmten Umständen eindeutig interpretierbar gesendet werden.
Die eigenen Grenzen zu er.kennen und wahren zu können, ist eine unglaublich schwierige und vielschichtige Arbeit, wenn man sie bewusst vornehmen muss. Und meistens ist es eine eher nicht so tolle Erfahrung, mit eigenen Grenzen konfrontiert zu werden. Jedenfalls nicht für mich.

Es gibt Traumawahrheiten, die mich bis heute einigermaßen leistungsstark durchs Leben bringen. Im Text über den „Ich bin erwachsen-Kniff“ habe ich eine davon bereits beschrieben.
Was mich nun beschäftigt, ist die Frage, was man dem entgegensetzt. Und wozu. Und zu welchem Preis.
In der Aufarbeitung meines letzten Burnouts wurde mir beispielsweise klar, dass ich mich in vielen Lebensbereichen in Leistung quäle, weil es sich für mich sicherer anfühlt, schmerzerfüllt und ich-los zu leisten. Und zwar, weil ich generell eher selten Erfahrungen mache, in denen Schmerzfreiheit und Ich-Gefühl gleichzeitig bestehen. Es macht mir Angst, keinen Schmerz oder dissoziative Selbstempfindung zu haben. Weil das sehr eindeutige Grenzerleben von „gleich/jetzt geht hier gar nichts mehr“ so viel vertrauter und eindeutiger ist.
Hinzu kommt, dass es in Bezug auf meine Leistungsfähigkeit kaum einen Unterschied zwischen Traumawahrheit und Er.Lebenserfahrung gibt. Wenn ich nicht mehr kann, kann ich wirklich nicht mehr und bin wirklich existenziell gefährdet.

Was überhaupt nicht hilft, dieses Thema zu verändern, ist anzunehmen, ich hätte eine Intuition, ein Wissen ohne Denken, das mich schützen könnte, würde ich nur darauf hören.
Ja, ich gehöre zu den intellektualisierenden Menschen. Das kann ein intuitives Wahrnehmen von Gefühlen und „rohen Impulsen“ erschweren oder auch verhindern. Und gerade in Bezug auf Komplextrauma ist Intellektualisierung häufig ein Mittel, funktionellen Freeze aufrechtzuerhalten, um zu überleben. In diesem Zusammenhang wird Intellektualisierung als reiner Abwehr-(zum Schutz)‑Mechanismus verstanden. Als Option, sich vor großen Unkontrollierbarkeiten zu schützen oder sich die Illusion von Kontrollierbarkeit über Unkontrollierbares zu bereiten. In Bezug auf das Er.Leben chronisch traumatisierender Lebensumstände, halte ich diese Annahme für richtig.

In Bezug auf alltägliches Erleben hingegen nicht.
In meinem Alltag hat meine Intellektualisierung eher die Funktion, mir zwischenmenschlichen Kontakt und allgemeine Orientierung zu ermöglichen. Da sind meine Gefühle nicht unterdrückt oder abgewehrt, sondern primär reine, rohe, ungefilterte Körperempfindungen und -funktionen, die ich erst durch die intellektuelle Erfassung und Einordnung als solche identifizieren kann.

Ich weiß nicht, wie viel da dran ist, aber meine Annahme aktuell ist, dass dieses Moment etwas ist, bei dem andere Menschen auch einfach wieder schneller sind als ich und deshalb gar nicht bewusst merken, dass auch sie Gefühle nicht einfach mal eben so „einfach spüren“ und „einfach so wissen“. Ich stelle mir das so vor wie einen Arbeitsprozess, der durch Üben immer schneller wird und immer weniger gezieltes Nachdenken über einzelne Schritte erfordert und irgendwann mehr Körpererinnerung als bewusst angesteuertes Geschehen ist.
Und da gibt es einen Anknüpfungspunkt.
Viele autistische Menschen haben Schwierigkeiten damit, Abläufe zu lernen und erlernte Abläufe sicher im Gedächtnis zu behalten. In der wissenschaftlichen Literatur wird das mit „Defiziten im prozeduralen Gedächtnis“ beschrieben und teilweise erwähnt, um zu erklären, warum autistische Menschen den Erwartungen nicht-autistischer Menschen manchmal gar nicht entsprechen [1]. Etwa, wenn sie akademisch/schulisch schlecht performen, aber in ihrem Spezialgebiet jedes noch so kleine Detail beschreiben können. Oder, wenn sie sich nicht die Schuhe binden, aber jeden Dialog eines Films aufsagen können. Das Ding dabei ist, dass diese Aufgaben jeweils wenig bis nichts miteinander zu tun haben. Um sich die Schuhe binden zu können, müssen Auge und Hand koordiniert werden, während gleichzeitig der Handlungsablauf Schritt für Schritt abgerufen, abgeglichen und ausgeführt werden muss. Und das ja in der Regel eingebettet in einen größeren Handlungsablauf (etwa das Haus verlassen). Um einen Dialog (oder reine Informationen) zu speichern, reicht es, einen Kanal zu öffnen (etwa nur das Hören oder nur das Sehen) und den Input innerlich/geistig abzubilden. Der Aufwand dafür, die Kraft, die dieser Vorgang erfordert, ist ein ganz anderer, weil der Prozess (und auch das prozessierende Hirnareal) ein anderes ist.

Ich lerne am besten, wenn ich erlebe. Wenn ich mich physisch konkret mit dem Lerninhalt befassen kann oder beim Lernen physisch aktiv(iert) sein kann. Große Gefühle aktivieren. Schmerz aktiviert. Stimming aktiviert.
Ich habe für manche Alltagshandlungen redundante Lieder bzw. Reime im Kopf. Zum Anziehen zum Beispiel „Kopf, Schulter, Knie und Fuß“ oder den Reim mit dem Häschen beim Schuhe binden (obwohl ich gar nicht nach der „Hasenmethode“ binde). Unterdrücke ich dieses „geistige Singen“ (etwa, weil ich von mir erwarte, mich gefälligst nicht mehr wie ein Kleinkind zu verhalten), wird die Handlung zum Krampf. Mir fallen die Bestandteile ein, aber nicht mehr die Reihenfolge, und es dauert ewig. Bin ich dann auch noch in einer Situation, die nicht typisch für diese Handlung ist, besteht durchaus die Möglichkeit, dass ich es gar nicht hinkriege. Obwohl ich es schon unzählige Male geschafft habe.

Die geistige Energie, die ich für diese physischen Abläufe aufbringe, ist genauso groß wie bei psychischen Prozessen. Da passiert wenig „einfach so“ oder ohne eine Art „Überbrückung durch anderweitige Aktivierung“. Die Dissoziation ist eines dieser wenigen „einfach so“-Dinge. Wahrscheinlich, weil sie kein aktiver (bewusster) psychischer Prozess, sondern ein biologischer Reflex ist. Wenn etwas zu gefährlich, zu flutend, zu reizend ist, dann musste ich noch nie aktiv darüber Bescheid wissen.
Und machen wir uns doch ehrlich: Im Grunde wäre es doch auch scheiß egal, ob ich weit vorher schon weiß, dass irgendetwas zu viel für mich ist – meine Mitwelt teilt meine Wahrnehmung gar nicht. Ist überhaupt gar nicht darauf ausgelegt, dass irgendwas generell langsamer, weniger intensiv oder sonstwas ist. Entweder ich mache mit oder nicht. Entweder ich mache den Job oder nicht. Entweder ich leiste wie gewünscht, erwartet, erhofft oder nicht. Entweder ich funktioniere/leiste passend oder nicht.
Und jedes „Nicht“ in dieser Aufzählung führt zu Isolation. Zu einem „nicht dabei“, „nicht dazu“, „nicht mit“, „nicht auch“. Und in der logischen Konsequenz dann eben auch zur Notwendigkeit, mich immer bis auf die letzte Rille zu verausgaben, um meine Bindungs- (und also Sicherheits‑)bedürfnisse zu erfüllen.
Natürlich gibt es Verhandlungsspielraum, natürlich ist das alles nicht „schwarz oder weiß“ – aber irgendwann eben doch. Immer. In Bezug auf alles und alle.

Klar ist das total traurig. Und beschämend für unsere Gesellschaft, die so ja gar nicht sein will. Und dann irgendwann eben doch ist. Aber wiederkehrende Burnouts zu verhindern und meine Grenzen doch besser wahren zu lernen, ist im Hinblick darauf doch einfach hohl.
Oder?
Ich könnte effizientere Fürsorgeentscheidungen treffen, wenn ich mehr darüber wüsste, was ich innerhalb meiner Grenzen leisten kann – und wem das wann wie in welchem Zeitraum auch genug ist. Wer mir entgegenkommt, wenn ich nicht weiter kann. Wer mich bei „banalem Kleinscheiß“ unterstützt, auch wenn ich in „hyperkomplexem Metakram“ überlegen bin.
Und wenn es bei Grenzberührung nicht tatsächlich immer auch implizit um Leben und Tod ginge. Oder diese meine Beobachtung/Einordnung nicht mit einer Traumareaktion gleichgesetzt werden würde, die ich nur wegen meiner intellektuellen Fähigkeiten so benennen kann. Man muss nicht gut intellektualisieren können, um zu merken, dass man ein echtes, so richtig großes, Problem hat, wenn man keine Ver.Bindung zu anderen Menschen hinkriegt oder sich nie sicher sein kann, wie lange bestehende Ver.Bindungen halten. Wegen Grenzen.

[1] https://www.researchgate.net/publication/353658929_Autismus_Ein_Uberblick_uber_Lernvoraussetzungen_und_Fordermassnahmen

Intensiv

Ich erlebe gerade eine intensive Phase.
Es ist viel los, vieles davon neu. Manches erlebe ich auch nur neu, weil es nicht exakt gleich ist wie frühere Erlebnisse.
Etwas, was ich in der Reflexion dessen gerade über mich verstehe, ist etwas, das ich schon mal in der Hand hatte, als die Autismusdiagnostik lief: Rigidität, Starre, Zwanghaftigkeit, etwas, das als „übermäßige Kontrollbedürfnisse“ wahrgenommen werden kann.

Auf meinem allerallerersten Psychozettel, der mit meinem Hochbegabungszettel kam, stand etwas von „anankastischen Persönlichkeitszügen“. Also Zwanghaftigkeit qua Persönlichkeit.
Doch im Verlauf meiner Klapskarriere konnte ich tatsächlich zwanghafte Menschen neben mir sehen. Geplagte Seelen, die von ganz bestimmten Gedanken und Ängsten aufgefressen wurden und im Grunde nicht einmal von ihren eigenen Beruhigungshandlungen wirklich beruhigt werden konnten.
Mir hingegen haben die KJP-üblichen Tages- und Wochenpläne, allgemeine Vorhersehbarkeit der Geschehnisse in meinem Umfeld und konsequent eingehaltene Regeln mit definiertem Abweichungsspielraum gereicht, um mich prinzipiell orientieren zu können und bedingt sicher zu fühlen. Wusste ich, wann welche Abweichung nötig ist, dann konnte ich sie hinnehmen. Sie hat mir nicht gefallen und ich habe mir gemerkt, dass sie stattgefunden hat – aber ich bin deshalb nicht komplett panisch gewesen oder sah mich zu Ausgleichshandlungen gezwungen. Das hat sich bis heute nicht geändert.

Aber mein Verständnis dafür, was andere Menschen als Abweichung verstehen und dass das in der Regel etwas anderes ist als das, was ich darunter verstehe, schärft sich zunehmend. Und wieder bewege ich mich in der Autismus vs. Komplextrauma-Schwammigkeit.

Ich ordne es als autismusbedingt ein, dass ich zu „für immer“-Einordnungen und – Bestimmungen neige. Also relativ strikt und sehr kategorisch ordne, was ich wie wann wo mit wem warum wie lange wozu mit welchem Ergebnis (auf allen sinnlichen Achsen) erlebe und in der Folge annehme, dass dieses Erlebnis immer so sein würde, würden alle Marker übereinstimmen. Kommt es zu einer Abweichung, ist das Erlebnis für mich gleich ein komplett anderes (bzw. das geplante Ereignis und alles, was dazu gehört, geht für mich „kaputt“) und ich ordne es „für immer“ als ein anderes ein.

Diese kategorische Einordnung nehme ich manchmal bewusst nach eingehender Analyse, meistens aber einfach aus mir heraus vor. Da ich immer etwas hinterherhinke, was das Erfassen des Gesamtbildes angeht, ist das auch nötig. Denn aus dem ergibt sich meistens der Konflikt mit anderen (meistens nicht autistischen) Menschen. Entweder haben sie einfach ein ganz anderes Gesamtbild (also eins, in dem die Dinge, die ich wahrgenommen habe, überhaupt nicht vorkommen) oder eins, das ich nicht nachvollziehen kann (etwa, weil sie die Dinge, die ich wahrgenommen habe und als dazugehörig einordne, viel stärker oder auch schwächer in der Relevanz einordnen).

Ein Beispiel dafür ergab sich erst neulich, als ich meinem Mann sagte, ich würde in den nächsten Tagen gern jeweils einen Apfel essen. Ob er mir beim Einkaufen 4 mitbringen kann. Es waren noch 4 Tage, bis ich das nächste Mal einkaufen gehen würde, und ich habe 3 Sorten, die ich esse. Er bot mir an, von seinen Äpfeln zu nehmen, dann müsste er heute nicht einkaufen. Er hatte 6 Gala-Äpfel und isst selbst jeden Tag eine für mich unklare Anzahl.
Mein Mann hatte das Gesamtbild: Hannah möchte 4 Äpfel. Ich gebe ihm_r gern welche von mir ab.
Mein Gesamtbild war: Ich möchte eine Abweichung von meinem Einkaufsplan (und also meinem Wochenplan) verhindern. Deshalb frage ich meinen Mann, ob er für mich die Äpfel mitbringen kann, die ich beim letzten Einkauf nicht bekommen habe. Er macht mir freundlich ein abweichendes Angebot zur Verhinderung. Abweichung – er geht nicht wie gedacht heute einkaufen (Quelle für Beunruhigung), Abweichung – die Sorte ist falsch, Abweichung in der Zukunft – nähme ich die 4 Äpfel jetzt, würde er seinen Einkaufsplan für die Woche nicht einhalten können (Quelle für Beunruhigung), Abweichung in der Zukunft – würde ich diese Äpfel verwenden, würden alle Gerichte und Snacks, die ich damit mache, andere sein als die, die ich eingeplant hatte (Quelle für Beunruhigung). Offene Optionen: selbst nochmal fahren (macht Tages- und Wochenplan kaputt (Quelle für Beunruhigung), morgen früh fahren (same), Essplan ändern (same), die Äpfel annehmen und ungeplant eine neue Geschmackserfahrung machen (same))

Mein Mann kam später mit „meinen Äpfeln“ von der Hunderunde zurück.
Für mich war das total überraschend. Ich hatte nicht angenommen, dass er das tun würde. Er hatte mir doch dieses alternative Angebot gemacht [das Erlebnis ist eindeutig kategorisiert] und meine Aufgabe war, mich mindestens einer Beunruhigung zu stellen (mich auf eine Anstrengung/einen Kampf vorzubereiten, um mir ein Okaysein damit abzuzwingen, dass es Abweichung gibt, die weitere nach sich ziehen könnte) [in Folge der eindeutigen Kategorisierung arbeite ich mit den ebenfalls eindeutig kategorisierten Erlebniserfahrungen].
Dass ich innerlich so operiere – und von solchen Abweichungen überraschbar bis komplett überflutet (überfordert) werden kann, ist erklärbar mit Unbeweglichkeit. Starre. Persönlichkeitsbedingter Zwanghaftigkeit. Traumabedingtem Freeze. Autistischer Trägheit.

Einen traumabedingten Freeze würde ich bei einer vergleichbaren Situation daran erkennen, dass ich die Situation mit Gewalterfahrungen abgleiche oder gleichsetze. Bei der Apfel-Situation würde ich zum Beispiel davon ausgehen, dass mein Mann mir eine reinhaut, wenn ich die Äpfel nicht annehme oder ausdrücke, dass ich lieber doch gern hätte, dass er macht, worum ich ihn gebeten hatte. Oder, wenn ich in meinem Gesamtbild vor allem Katastrophenszenarien habe, die mich nicht nur beunruhigen, sondern tatsächlich ängstlich oder panisch machen.
Zur Prüfung einer persönlichkeitsbedingten Zwanghaftigkeit würde ich nach persönlichem Bezug bzw. persönlicher Mechanik suchen. Will ich das, damit ich weiß (kontrolliere) was mein Mann jetzt macht? Will ich das, damit ich diesen Bereich klar habe (kontrolliert weiß)? Würde mich an der ganzen Sache nur beruhigen, dass es Kontrolle gibt, dann würde ich einen Zwang in Betracht ziehen.

Ich wollte aber nur die Äpfel haben, die ich auf meinem Einkaufszettel hatte, die es jedoch an dem Tag, in dem Laden, in dem ich immer einkaufe, nicht gab. Und ich wusste, dass mein Mann üblicherweise jeden Tag auch noch woanders hinfährt. Ich hatte eine Erhaltungsrechnung angestellt: „Welche ‚für immer‘-Faktoren können die Abweichung kompensieren, ohne selbst dabei beschädigt zu werden?“
Diese Erhaltungsrechnung hat viel von traumabedingten Vermeidungstänzen, in denen die Leitfrage ist: „Was kann ich tun, um XY nicht tun zu müssen oder XY nicht ausgeliefert zu sein?“ Sie unterscheidet sich jedoch im Ergebnis bzw. Stressniveau. Für meine traumabedingten Vermeidungstänze waren (und sind manchmal noch) meine Grenzen und „für immer“-Kategorien scheißegal. Will ich etwas nicht machen, weil es Erinnerungsprozesse bei mir auslöst oder mich mit Traumainhalten konfrontiert, die ich als unkontrollierbar einordne, dann ist „Nein, weg hier“ der einzige „für immer“-Faktor, den ich erhalte. Egal, wie viel dabei kaputtgeht.

Die Lebensphase, in der ich gerade bin, erfordert von mir sehr viel Flexibilität und geistige Anpassungsleistung.
Ich arbeite in zwei Jobs, habe den Blog, den Podcast, Spontan„beratungen“ per Mail, Freund*innenschaften, die über viele Kilometer zu pflegen sind, eine Traumatherapie und eine medizinische Kinderwunschbehandlung.
Seit Monaten verlangt jede Woche sehr viele geistige Arbeitstransitionen. Ich muss oft sehr schnell, sehr stark umschalten, meinen „Train of thought“ von einem „für immer“-Gleis auf ein anderes umstellen. Ohne Planung, ohne Zeit für genau diese Umstellungsprozesse geht für mich sehr viel kaputt. Und zwar nicht nur in meinem Konzept von einem Tag oder einer Woche, sondern auch von den Dingen, die ich als „für immer“-Faktoren einordne und auf die ich mich verlasse.

Unverhinderlich in all dem sind Zufall, Lauf der Dinge, das Leben selbst. Auch wenn ich das geistige Umschalten, das Arbeiten im richtigen Modus (auf dem richtigen Gleis) schaffe, heißt das nicht, dass sich die Dinge nicht doch auf eine Art entwickeln, indem das, was ich einbringen kann, noch passt. Meine allgemeine Langsamkeit in der Erfassung des Gesamtbildes bedeutet eben auch, dass meine Anpassung verzögert ist. Und ich immer wieder von für Außenstehende offensichtlichen „Banalitäten“ oder nicht wirklich unvorhersehbaren Entwicklungen massiv überrumpelt werde.
Was manchmal schön ist, wie bei dem Beispiel mit den Äpfeln und manchmal hart an der Grenze dessen, was ich als einer seelischen Verletzung nah kommend einordne. Also einem Erleben, in dem das „Kaputtgehen“ von „für immer“-Faktoren dazugehört. Wo die Dissoziation meines Selbst- und Umwelterlebens einerseits biologisch bedingt ist – andererseits aber auch davon verstärkt wird, dass ich nicht schnell genug darin bin, bestehende Abweichungen zu kategorisieren. Ich löse mich dann nicht nur deshalb auf, weil unerträglich ist, was mir passiert, sondern auch, weil ich nicht in der Lage bin, eindeutig zu wissen, was eigentlich gerade überhaupt mit mir passiert. Und es nicht mal mit den (ja meistens wirklich mir freundlich und lieb zugewandten) Mitmenschen abgleichen kann.

Ich wende Skills an. Ich orientiere mich in der Gegenwart. Ich mache mir klar, dass mir gerade niemand tatsächlich schaden will. Aber eine Gegenwart, von der nicht ganz klar ist, wie sie ist, kann einfach nicht versichern. Die meisten Skills arbeiten zudem mit sensorischer Reizung oder mit Intellektualisierung als Vermeidung Ablenkung. Ich hingegen intellektualisiere schon im Extrem, wenn ich versuche zu erfassen, was mir jemand sagen will oder warum ich was wie genau eigentlich machen soll, wenn ich weder die Mechanik des Geschehens noch die Motive meiner Mitmenschen erfassen kann. Und der Stress, den ich dabei erlebe, dreht meine bereits erhöhten Empfindlichkeiten ins Extrem. Schon im Alltag reicht mir eine aufgelegte Hand, um mir sehr deutlich meine Körpergrenze aufzuzeigen. Eis, Ammoniak, kaltes Wasser, laute Ansprache, Gummiband ans Handgelenk schnipsen – das sind Dinge, die mich sensorisch, psychisch, geistig komplett entbeinen, weil ich sie in dem Moment als extrem schmerzhaft erlebe. Und zwar nicht Beinbruch-schmerzhaft sondern Nerv-entzündet-schmerzhaft. Und zwar global.
Mein Rahmen für die klassischen Skills ist entsprechend schmal. Ich kann sie nur zwischen „irritiert“ und „leicht beunruhigt“ erfolgreich und sicher für mich anwenden. Alles darüber hinaus ist für mich zu viel. Es schadet mir. Hat mich in meiner Klapsenvergangenheit psychisch, emotional verletzt.

Nach der Erfahrung vor nun fast zwei Wochen merke ich, dass ich mir Vorwürfe mache. Dass ich hätte anders reagieren können. Dass ich entspannter hätte sein können. Dass mich beschäftigt, warum ich denn for fucks sake immer so scheiß empfindlich und irritierbar bin. Warum ich denn Abweichungen nicht ein Mal einfach ziehen lassen kann, ohne meine innere Welt oder meine Vorstellung von der Welt komplett zerstört zu empfinden. Warum muss ich immer alles wissen und bin so blöd, auch noch andere Leute danach zu fragen, wenn ich doch schon weiß, dass sie das meistens nervt oder irritiert oder ihr Bild von mir verzerrt oder sie sich davon gegängelt oder kontrolliert fühlen.
Es hilft mir gerade nicht, realistische, faktisch richtige Antworten darauf zu haben. Mein Selbsthass speist sich ja nicht aus Faktenwissen.
Es hilft mir zu wissen, dass es von Anfang an eine traumanahe Erfahrung war, die sich überwiegend aus Faktoren, die außerhalb meiner Kontrolle waren, ungünstig entwickelt hat. Und dass ich in meinem Mann einen Verbündeten habe, der mir hilft, diese Situation für ihn und mich bedarfsgerecht nachzubesprechen und aufzuarbeiten. Es stärkt mich sehr, dass er für mich so eindeutig möchte, dass sich das nicht wiederholt und wenn nötig auch große Konsequenzen mit mir zieht. Er gibt mir, im Gegensatz zu mir, überhaupt keine Schuld oder macht mir Vorwürfe. Obwohl er mich manchmal auch zu empfindlich wahrnimmt oder sich von meinen Nachfragen zu Sachständen kontrolliert fühlt. Er erlebt das nicht als Widerspruch. In seiner „für immer“-Kategorisierung gibt es meine traumalogischen „für immer“-Faktoren nicht, nach denen ich jedes Recht auf Unversehrtheit verliere, weil ich existiere und das nicht verberge oder verschleiere oder der Situation angemessen verändere.

Wir wollen mit der Klinik nochmal in Kontakt gehen und das Ereignis besprechen. Mir ist schleierhaft, wie man darüber anders reden könnte als mit einer Faktensammlung und einem gegenseitigen Abgleich, zum Zweck der jeweiligen Anpassung. Also Entwicklung eines Sets von Erwartungen, die zwingend erfüllt werden müssen, damit es genau die Anpassung ist, auf die man sich gemeinsam geeinigt hat. Für mich ist damit klar, dass diese Anpassung von mir maximale Leistung erfordert. Für ihn ist das nicht so klar.
Ich beobachte ihn sehr genau dabei, wie er das navigiert. Ich habe nicht eine einzige „Für immer“-Erfahrung damit, dass irgendetwas wirklich und echt, ganz richtig nicht von mir erfordert, mich gegen mich oder meine intuitiven Impulse zu entscheiden, und also ohne jede Gefahr so langsam zu sein, wie ich eben bin.
Das wird spannend. Interessant.

Intensiv.

Nichts über uns, ohne uns

Na? Kennst du diesen Spruch?
Wenn du mit einer Behinderung und/oder einer chronischen Erkrankung lebst, dann könnte er dir schon einmal begegnet sein.
Aber kennst du auch das Stück des Spruchs, das für ordentlich Sprengstoff sorgt?
Eigentlich geht der Spruch nämlich so: „Nichts über uns, ohne uns, ist für uns.“ und zeigt ganz deutlich auf eine Machtfrage. Genauer: einen Konflikt um Macht.

Natürlich habe ich einen aktuellen Anlass, mich an diesen Spruch zu erinnern. Und doch ist es nicht das erste Mal, dass ich im letzten halben Jahr in einer Sache, an genau diesen Spruch, an genau diesen Konflikt, diese offene Frage gebracht wurde. Nicht das erste Mal, dass ich mich über medizinische, psychologische, „heiltätige“ und journalistische Fachpersonen ärgere, die sich sowohl öffentlich als auch nicht öffentlich als Retter*innen oder Stimme von Be(Ge)troffenen (Ritueller) (organisierter) sexualisierter Gewalt in der Kindheit gerieren. Aber auch über Betroffene, die sagen: „Naja, aber es ist wenigstens was. Besser als wenn alles unterm Teppich bleibt. – Ist ja auch nett gemeint. Die wollen ja nur helfen.“

Ich komme mir inzwischen vor, als wäre ich eine Art Bewegungsarchivar_in, die an die absoluten Basics von Betroffenenbewegung und Emanzipation erinnern muss. Zu diesen Basics gehört das, was sich in diesem Spruch bündelt:
Egal, wie groß, wie schwer, wie umfassend deine (psychische, körperliche, chronische) Erkrankung (Behinderung) ist – du bist dadurch Teil einer überproportional und häufig intersektional diskriminierten Personengruppe. Wenn jemand über dich spricht – und das ohne jede direkte und in Wirkung gleichgestellte Einflussmöglichkeit –, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass das Ziel dieses Sprechens eines ist, das den Sprechenden dient. Du wirst in diesem Gespräch benutzt, damit andere zum Beispiel mehr sozialen Einfluss bekommen. Oder fachliche Reputation generieren. Oder dir in Rang, Klasse oder noch allgemeiner: Möglichkeiten der Machtausübung über dich und Menschen, die wie du diskriminiert werden, weiterhin überlegen bleiben.
Diese Sprechakte sind also in erster Linie für die Sprechenden gut, hilfreich, nützlich und sorgen für Stabilität im Machtverhältnis zwischen dir und ihnen.

Die Folgen dessen sind zum einen eine weiterhin bestehende Trennung zwischen dir (die_r Patient_in, Klient_in, behinderte Person) und ihnen (die_r Fachperson, die_r Behandler_in, Berufsbezeichnung XY). So geraten alle kranken und behinderten Fachpersonen zum Beispiel in einen dauerhaften Konflikt um ihre eigene Reputation, ihr berufliches Ansehen, ihre soziale Sicherheit und können deshalb nicht einmal unter ihren eigenen Kolleg_innen etwas dagegen tun. Sie wissen: „Mache ich mich hier sichtbar als jemand, über den sie sprechen, ist es vorbei für mich.“ Also sind sie still. Sie fallen den gleichdiskriminierten Menschen in den Rücken bei voller Solidarität. Auch sie sprechen über dich, ohne dich und damit nicht für dich. Auch wenn ihnen das ganz ganz ganz doll leid tut.

Was zudem passiert, wenn so eine Gruppenspaltung, so eine Machtungleichheit (und damit Unterdrückung einer Gruppe) aufrechterhalten wird, ist, dass Dritte davon profitieren. Das sind von jeher (scheinbar) konkurrierende Fachdisziplinen, aber überwiegend Quacksalber und Unternehmen, die Kapital aus Hilfsmitteln, Medikamenten, Kliniken, (geschlossenen) (Pflege)Heimen, Aus- und Weiterbildungsinstituten, therapeutischen Einrichtungen, Betreuungen und noch vielem mehr generieren. Seit der Privatisierung des Fernsehens gehören auch Medienhäuser dazu und in der Folge ebenso Journalist_innen.
Aber auch Menschen, denen es ganz persönlich gefällt, wenn es anderen Menschen schlechtgeht, profitieren davon. Also Menschen, die andere Menschen gern oder aus Gewohnheit oder aus Fetisch oder aus Spaß oder aus anderen, vielfältigen Motivationen heraus, verletzen, ausbeuten, entmenschlichen, unterversorgen, quälen, beschämen, entwürdigen … Aber auch Menschen, die sich gern als aktive Retter_in, als Held_in, als Sprachrohr, als Heilsbringer_in für die Schwachen wahrnehmen oder dieses Bild von sich bei anderen präferieren, da sie damit von mehr sozialer Zustimmung ausgehen können.
Warum? Weil die regelhafte Unterdrückung von bestimmten Personengruppen in unserer Gesellschaft eigentlich nicht als richtig, okay, in Ordnung wahrgenommen wird. Ganz eigentlich geht es für niemanden klar, zu wissen, dass die Nachbarin für dumm, unfähig und wertlos in ihrem Beitrag zur Gemeinschaft gehalten wird, nur weil sie mit ihrer Cerebralparese nicht so deutlich sprechen kann, wie andere. Ganz ganz eigentlich findet es in unserer Gesellschaft niemand okay, wenn Menschen als Kinder Gewalt üb.erleben mussten und davon krank werden. Und dann damit leben sollen, dass ihnen im Fernsehen jede Würde genommen, vor Gericht per se die Lüge unterstellt, von der Krankenkasse der Leidensdruck abgesprochen und von Behandler_innen meistens erst einmal jede Reflexionsfähigkeit über die eigene Krankheit abgesprochen wird.
Wenn Menschen damit so offen und klar konfrontiert werden, finden sie das alle, ganz klar und sofort, absolut scheiße.
Aber wenn der Fonds für Opfer sexuellen Missbrauchs nicht weitergeführt wird, stellen sie sich nicht offen an die Seite derer, die auf ihn angewiesen sind.
Wenn es Einzelpersonen oder Vereine gibt, die Narrative verbreiten, nach denen alle schändlich motiviert lügen oder komplett unzurechnungsfähig seien, die angeben, sie hätten sexualisierte Gewalt erfahren, gibt es keinen gesellschaftlichen Konsens darüber, dass das nicht mehr stattfinden darf.
Und das alles, weil die Abwehr von Krankheit und Behinderung zu tiefgreifender Abtrennung führt und auf allen Ebenen unserer Gesellschaft strukturell, kulturell und sozial aufrechterhalten wird. Die Annahme (temporär) Unbetroffener ist, dass sie mit dem, was diskriminierten Gruppen passiert, nichts zu tun haben. Und, dass sie von der Diskriminierung nicht auch profitieren. Sie also auch nicht aktiv dazu beitragen, zu unterdrücken, wenn sie sich aus möglichen Konflikten raushalten. Dass es reicht, wenn sie Mitleid äußern und sich vorstellen, dass das ganz doll doof ist, wenn für jemanden nur wegen einer Krankheit oder Behinderung nicht alle Menschenrechte gelten.

Diese und andere Fehlannahmen immer wieder aufzudecken, ist ein Kern der Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit, die viele Inklusionsaktivist_innen, behinderte/chronisch kranke Selbstvertreter_innen, Blogger_innen, Mental Health Influencer_innen und wie man Bewegungsarbeiter_innen heutzutage sonst noch nennt, jeden Tag leisten.
Doch wie kommt die an? Über reichweitenstarke Aktivist_innen wie Raul Krauthausen oder Tanja Kollodzieyski habe ich schon mehrfach gehört, sie würden „irgendwie nerven“. Im aktuellen Kulturkampf um die Validität der DIS Diagnose und den Themenkreis (Rituelle) organisierter sexualisierter Gewalt wird diese Arbeit zu leisten mit krankhafter Gefallsucht und irrationaler Massenhysterie erklärt. Und niemand, der nicht selbst behindert, chronisch krank, gewaltbetroffen und erkrankt ist, widerspricht. Die Kritik an diesen Aussagen über die Aktivist_innen (und letztlich ja auch Vermittler_innen) als Sprechakt über sie, ohne sie und also nicht für sie – also als Sprechakt, der sie herabsetzt und damit neuerlich unterdrückt – verläuft sich wirkungslos in der eigenen Gruppe.

„Kann man halt nix machen. Die haben halt ihr Bild. Mach dir nix draus.“ soll Trostpflaster sein. „Mach weiter – das ist so wichtig. Es sind ja nicht alle so. Irgendwann ergibt sich mal ’ne Möglichkeit für Beteiligung und Veränderung“ soll motivieren. Tja, und dann sieht man einen Film wie Blinder Fleck durch Deutschland tingeln und kann als Betroffene_r nichts dagegen sagen, weil er ja extra für sie gemacht wurde. Und also Dankbarkeit abzwingt, obwohl er auf allen Ebenen genau gar nicht ist, was Betroffene brauchen. Vor allem jetzt nicht. Jetzt, wo ganze Redaktionen, scheinbar unfähig zur kritischen Verantwortungsreflexion, weitgehend unverschleierten False Memory-Unsinn veröffentlichen, den in seiner Gefährlichkeit für alle Betroffenen sexualisierter Gewalt, egal welcher Form und Schwere, aufzudecken bei denen bleibt, die sich sozial leisten können, das zu tun.

Die, um die es geht, werden in der aktuellen Konfliktsituation um (Rituelle) organisierte sexualisierte Gewalt und die DIS, über sich selbst ganz selbstverständlich als einverstanden mit dem Umgang von Behandler_innen mit ihnen gedacht – was schlicht anmaßend ist – und wie gewohnt in Passivität gehalten. Das aktuelle Beispiel dafür ist die geplante Fachtagung „DISkurs“, deren Name und Kernidee von Betroffenen geklaut wurde.
Ausgerichtet wird diese Tagung von den Kitzberg-Kliniken in Bad Mergentheim. Ein Haus, das bereits Anfang der 2000er in jeder Empfehlungsliste für Menschen mit DIS aufgeführt ist. Also eines, das Menschen mit DIS tendenziell eher nicht so leicht boykottieren oder meiden können wie die Privatklinik „Waldschlösschen“, um wenigstens durch ihren Einfluss als Verbraucher/Kund_innen ein Zeichen ihrer Kritik zu setzen. Was eine aktuell übliche Protestform von Menschen ohne strukturelle Einflussmöglichkeiten ist.
Besonders zynisch ist jedoch ihr Motto: „Dissoziative Identitätsstörung, Perspektiven verbinden, Komplexität verstehen“. Das wird nur noch davon überboten, dass die Anmeldung zu dieser Tagung für Patient_innen ausdrücklich nicht gestattet ist. Außer für Ramona Geupert, „Vertreterin der Selbsthilfe, Expertin aus Betroffenenperspektive“. Von der habe ich in 21 Jahren Aktivismus, Selbsthilfe und Netzwerkarbeit unter Menschen mit DIS und in diversen Vereinen noch nie gehört (Sorry Ramona, falls du das liest, bist bestimmte ne Nette, die alles richtig macht, aber ey, wenn du alle aus der Selbsthilfe vertrittst, sollten dich auch alle kennen).
Man hat sich also eine aus welchen Gründen auch immer naheliegende Betroffene als Feigenblatt ausgesucht. Wahrscheinlich steht deshalb sogar irgendwo was von „Betroffenenpartizipation“ in der internen Konzeption dieser Tagung, was ein aktuell absolut übliches und dennoch ausbeuterisches Vorgehen wäre.
Der Rest der Referent_innenliste ist das Pi mal Daumen-Who is Who der Konfliktberührten, die man hier zusammenbringt, „damit man mal beide Seiten hört“. Als wären wissenschaftliche Evidenz und juristische, therapeutische sowie gewaltkulturelle Praxis im Kern das Gleiche, weil es das Thema und die Personalien teilt.
Das ist einfach nicht der Fall.

Eins muss Betroffenen von (Ritueller) organisierter sexualisierter Gewalt, die in der Folge eine DIS entwickelt haben, komplett klar sein: Diese Tagung gibt es, damit über euch geredet wird. – Nicht, damit euch besser geholfen werden kann. Nicht, damit die Gewalt endet. Nicht, damit eure Lebens- und Behandlungsbedingungen verbessert werden. Nicht, damit eure Erkrankung besser verstanden wird. Nicht, damit sich im Fernsehen niemand mehr über eure Gewalterfahrungen lustig macht. Nicht, damit an euch in der Zukunft nicht das soziale Exempel statuiert wird, das dann auf alle Betroffenen sexualisierter Gewalt auch angewandt wird.
Nein – hier geht es um Machterhalt. Um Deutungshoheit. Die einen wollen von den anderen, dass sie aufhören zu sagen, dass sie keine richtig echte Ahnung haben. Und um das zu begründen, bekommen sie Bühne.
Die Besucher_innen können sich dann austauschen und vernetzen. Vielleicht entsteht daraus irgendwo ein mutiges Therapeut_innengrüppchen, das den Arsch zusammenkneift und dann irgendwann auch mal was mit und für Betroffene auf die Kette kriegt. Sich mal öffentlich neben uns stellt, den Rücken breitmacht und einen ganz konkreten Beitrag leistet, der dafür sorgt, dass mindestens mal mit uns und für uns gesprochen wird.
Aber die Chancen darauf, dass diese Veranstaltung dazu führt, sind gering.

Wenn wir als soziale Gruppe etwas davon lernen sollten, dann ist es Folgendes: Das sind im Moment nicht unsere Verbündeten. Nicht, weil sie nicht das Beste für uns wollen – sondern, weil sie das nicht Beste für uns tun.
Ich verstehe, dass das viele abwehren wollen oder sogar müssen. Es ist hart, anzunehmen, dass die, die uns qua Behandlungsvertrag und Selbstbeschreibung, Lebenswerk und öffentlichem Auftreten immer das Gegenteil vermitteln, dem gar nicht konsequent entsprechen. Dass die, von denen sich die absolut allermeisten als soziales Gegenüber, als privatpersönliches Individuum auch wirklich krass darum bemühen, dem zu entsprechen, letztlich nicht wirklich, nicht konkret, nicht politisch, nicht gesellschaftlich … irgendwas so richtig ändern helfen.
Und zwar nicht, weil sie nicht können, sondern, weil es mit Verlustrisiken einhergeht, die einzugehen sie nicht bereit sind. Es ist leichter, kranke Leute zu behandeln, zu bemitleiden oder für Medien, Reputation oder Forschung zu missbrauchen, als sie als gleichwertige, gleichstimmige Menschen auf allen Ebenen und unter allen Umständen zu behandeln.

Dafür kann man Verständnis aufbringen.
Das kann man als Begründung wahrnehmen.
Die Realität für erkrankte Opfer von Gewalt verändert sich dadurch kein Stück.