Fundstücke #95

Als würde sie an einer verkrusteten Wundoberfläche kratzen. So fühlt sich das an. Unzufrieden mit dem knusprigen Deckel, allein interessiert an meiner wunden Stelle. Meinen Fragen an sie. Einem Moment von Überlegenheit, weil sie darüber viel mehr weiß als ich. Sie weiß, dass ich eigentlich immer noch gar nichts weiß. Und dass das etwas ist, was ihr Macht über mich gibt. Sie kann mich Schmerzen fühlen lassen, die sie nicht berühren und sie kann mich damit allein lassen.

So aufgeschrieben klingt es, als würde es nur um Macht gehen. Kontrolle. Und einfach nur so draufgeschaut, erinnere ich mich selbst darin an meine Therapeutin, die in der ganzen Zeit unserer Arbeit 4 Mal zum Ausdruck gebracht hat, dass es für sie weder irrelevant noch emotional neutral ist, dass sie manches in meinem Inneren bis heute nicht so richtig überblicken kann. Zumindest was genau diese Dynamiken betrifft. Immer wieder stehen „Schweigegebote?“, „Redeverbote?“, „schlechte Geheimnisse?“, „Scham?“, „Angst vor Konfrontation?“ im Raum und selten kann ich dazu irgendetwas sagen. Wenn ich ihr etwas nicht sagen will, dann meistens, weil ich unser bereits anstrengendes Sprechen nicht überanstrengend für mich werden lassen will. Ich will nicht mehr vor ihren Augen und doch unsichtbar dissoziieren. Für die anderen Innens will ich, kann ich, diesbezüglich nicht sprechen.

Sie, die andere Innere, kommt mir in ihrem Tun eher verspielt vor. Frech. Provozierend vielleicht. „Mal gucken, was passiert, mir kann ja nichts passieren“-sicher. „Was macht ihr, wenn ich das mache?“-neugierig. „Und das? Was, wenn ich das mache?“-beobachtend. Und immer unerwartet, bis heute nicht wirklich von mir selbst vorhersehbar, „Paff!“- unerreichbar weit für mich im Innen verschwindend. Und gleichzeitig ist sie ausströmend. Eine unkontrollierbare Emotionsblutung, die Schweres leicht, Unmögliches möglich, Gefährliches harmlos erscheinen lässt.
Ich weiß ganz genau, wenn sie da war. Sich selbst in ein Thema, einen Gedanken, eine Auseinandersetzung reingemischt hat. Es gibt hinterher immer Probleme. Nerviges Hin und Her im Innen, manchmal auch im Außen. Uneinsheit. Unstimmigkeit. Ungereimtheit. Einen Dammbruch am Rande der Komfortzone. Ein Stück harte Kruste, das die Wunde nicht mehr ganz bedeckt.

Ich glaube, dass sie zuletzt vor etwa 20 Jahren an unserer Therapiearbeit und anderen Lebensbestandteilen aktiv beteiligt war. Aktiv as in „da und beeinflussend“, aber auch as in „ununterdrückt, unabgewürgt von Rosenblätterbuschwurzeln“. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mich tatsächlich gezielt gegen dieses Einblutenlassen „aus dieser inneren Ecke“ entschieden habe und keine einzige Therapiestunde, keinen Betreuungstermin, generell überhaupt gar keine Kontakte mit anderen Menschen mehr so gestaltet habe, dass es passieren könnte. An uns kam einfach niemand mehr vorbei.
Alle haben die gleichen Rosenblätter kennengelernt. Keine Kinderinnens, keine jugendlichen Inneren. Alle haben die gleiche biographische Erzählung bekommen, wie wir sie in Kliniken und Heimen eingeübt haben. Die gleichen Erklärungen übers Vielesein bekommen und viel Nebel darüber, was davon auf mich zutrifft und was nicht. Und das konsequent. Auch das ist Vielesein.

Man kann sich als Viele gegeneinander entscheiden. Bestimmen, was wie vermieden wird. Was wie beschützt wird. Es ist eins der unbesprochenen Spezialgeheimnisse, wie wir einander herstellen, wenn es nicht Gewalt ist, die uns zu Keimen zersprengt und verstreut, um irgendwann als irgendwer neu zu wachsen. Man braucht nur vermeiden, sich dieser Entscheidung bewusst zu werden, zu sein, zu bleiben. Nur sehr intensiv, ohne jede Kommunikation mit sich oder der Welt, entscheiden, dass es nun so ist. Wo keine Kommunikation ist, kann keine Brücke sein. Kein Weg, kein Pfad, kein Bild, kein Zeichen, keine Sicht, keine Idee. Ohne Kommunikation keine Verbindung. Assoziation. Ohne Verbindung kein gemeinsamer Prozess.
Das ist die Rolle von Schweigen im ganzen Dissoziationsthema.

Ich will nicht darüber reden, weil sich innere Pfade ergeben, auf denen Innere zu mir gelangen können. Ich will nicht darüber reden, weil es meine Entscheidungen aufhebt. Ich will nicht darüber reden, weil ich meine geistigen Kapazitäten auf mich und mein Gegenüber aufteilen muss. Und immer wieder Grenzen dabei spüre. Zeitliche, räumliche, kapazitäre. Emotionale. Traumabedingte. Meine.
Das besprochene Trauma oder auch das Besprechen des Traumas ist nicht so schlimm. Meine Auflösung ist es. Meine Verwandlung vom verwundeten Selbst zum abreißbaren Wundverschluss ist es. Bisschen witzig, weil es ein Egoding übers Egosein ist, aber auch bisschen tragisch, weil es sich auch nach Verbindung anfühlt, die nicht kommunizierbar ist. Jedenfalls nicht besser als so, wie es jetzt hier steht.

nur da sein

„Bist du Conni? Heißt du so?“, die Stimme meiner Freundin hüllt meinen Kopf ein. „Nein“, antworte ich  und halte mein warmes Gesicht in den aufkommenden Wind. Er streicht über meine Kopfhörer und bedeckt ihre Reaktion ein wenig. „Ah, ich dachte, wegen dem Text … Wieso denn dann Conni?“
Es ist ein so kurzer Moment, wie die Kluft breit ist, die ich in dem Moment fühle. Sie ist genug Freundin, um von diesem Blog zu wissen. Meinem kuriosen Doppelleben als komische Internetpflanze und seltsames Alltagsgewächs, vom Trauma und meinem Zeugs, vielen Dingen, die ich mache, möchte, überlege und teile. Und gleichzeitig so fern, dass sie weder Conni-Memes noch ihre Eigenschaft, Realitäten aufzuzeigen, kennt. Und in der Folge natürlich erst recht nicht, warum meine „inneren ~Kritiker_innen~“ genau diese Memes benutzen, um mich zu verletzen.

Ich erkläre ihr, dass Conni üblicherweise in den Kindergarten geht, eine Pizza bäckt, Mama hilft oder einen Wackelzahn hat. Weil Conni, ein weißes, blondes Mädchen mit lieben Eltern und Kinderzimmer im Einfamilienhaus, ein ganz normales Leben lebt. Wo alles gut ist, wenn ein Problem oder eine Besonderheit anfängt, und wieder gut ist, wenn es überstanden ist.
Menschen, die nie wie Conni gelebt haben und nie wie Connis Eltern leben werden, haben irgendwann angefangen, ein Meme mit dieser Figur zu erschaffen. „Conni hat eine Angststörung“ war der erste Titel, den ich davon mitbekommen habe. Und die Bitternis, diese schlichte Satire darin, hat mich damals sehr bewegt.
Denn natürlich lebt Conni kein normales Leben. Sie ist fiktiv. Ihre Lebensumstände sind statisch, damit dreijährige Kinder sie überblicken und wiedererkennen können. Und gleichzeitig hat niemand Schwierigkeiten damit zu erkennen, dass Titel wie „Conni und die Pille danach“ oder „Conni kriegt ’nen Räumungsbescheid“ eine Normalität beschreiben, wie sie nicht von allen Menschen gleich überblickt und wiedererkannt wird. Alle wissen, dass es Normalitäten gibt, die nicht alle Menschen teilen. Alle wissen, dass es Normalitäten gibt, die man nicht in Pixibüchern abgebildet findet. Aus Gründen.
„Und wenn ich mich so fühle – so alienmäßig, weil ich gerade wieder mal in einer Situation bin, die nur deshalb überhaupt entstanden ist, weil bei mir alles ein bisschen viel anders als bei Conni gelaufen ist –, dann reiben es mir andere Innens manchmal auf diese Art richtig rein.“ Ich lächle, damit sie nicht hört, wie ich mich damit fühle, mich ihr dazu mitzuteilen. Beobachte eine große Hummel in der Distelblüte vor mir. Dann die dunklen Wolken am Horizont.
Unser Gespräch versickert. Mein Aliengefühl, mein Kluftempfinden macht etwas mit ihr, das ich nicht richtig verstehe. Und eigentlich wollte sie sowieso etwas anderes von mir. Warum sie nach dem Text gefragt hat, weiß auch nur sie. Wir verabschieden uns, als ich einen Totengräber zwischen den Ringelblumen um meine Tomatenpflanzen entdecke.

Für mich ist der Text wichtig, um mich selbst darin zu versichern, dass ich nicht unnormal bin. Um mich zu stärken mit meinem eigenen Handeln. Dem Offenlegen meiner Normalität, meiner Realität mit eben all dem. Mit so einer zufälligen Situation, Behandler_innen beim Eintreten für die eigene Sache zu sehen und sich sehr bewusst darüber zu sein, dass man Teil dieser Sache ist. Mit der Realität, schon seit der Jugend immer wieder auf professionelle Hilfe angewiesen zu sein. Lange Zeit die Freundin im Freundeskreis gewesen zu sein, der immer irgendwas fehlt. Mit einer Erkrankung, die so komplex und vielschichtig ist, dass so etwas wie „Heilung“ im Sinne von „und dann ist alles (weitgehend) (wieder) gut“ nicht sicher prognostizierbar ist.
Es ist wichtig für mich, mir selbst immer wieder zu zeigen, dass ich ein normaler Teil der Gesellschaft und der Welt bin. Behindert, chronisch krank normal.

Reformen und politischer Diskurs wie aktuell zum EFZG (Entgeltfortzahlungsgesetz), den Kürzungen in der Eingliederungshilfe, dem BGG (Behindertengleichstellungsgesetz) und den Kürzungen in der Gesundheitsversorgung (inklusive der Kürzungen der Psychotherapie) betreffen mich zu 100 %, wie alle anderen Menschen in Deutschland. Aber aufgrund meiner Behinderung und meiner chronischen Erkrankung einfach stärker. Und das auch nicht nur auf der alltagspraktischen Ebene. Der Ebene, auf der man mit genug privilegierten Allies, pragmatischer Kreativität und bürokratischer Hartnäckigkeit wenigstens kämpfen kann. Sondern auch auf der Ebene, die den eigenen Platz in der Welt, in Gesellschaft und Gemeinschaft betrifft. Genau da, wo es bei mir jedes Mal wieder einschlägt und eine Kluft treibt. Triggert. Da, wo jeder Witz über Behinderungen hinschlägt, wo jede „nicht so gemeinte“-Bemerkung über unveränderbare Unzulänglichkeiten reinrieselt. Genau da, woher kommt, was gestern zufällig auch in der Neuen Westfälischen stand – da, wo die „erschütternde Hasswelle“ gegen Menschen mit Behinderungen herkommt.
Diese „Reformen“ werden Menschenleben kosten, weil man politisch gewollt und durchgesetzt, den Lebensrealitäten behinderter und (chronisch) erkrankter Menschen keine lebenswerte Qualität sichern will. Man will Bedürftigkeit, (temporäre) (Mehr)Bedarfe und (temporäre oder dauerhafte) (wie auch immer umfassende) Angewiesenheit bestrafen – und dazu noch alle, die helfend, unterstützend, lindernd, begleitend – MENSCHLICH – zugewandt darauf reagieren. So erscheint es mir jedenfalls. Ich kann nur Ableismus als Begründung dafür erkennen. Denn selbst Profitgier hat ihre Wurzeln in Ableismus. In der Abwertung der Normalität von Behinderung und Angewiesenheit.

Ich bin diesem politischen Willen und Agieren ausgeliefert.
Aber meinem eigenen Handeln nicht.
Ich muss diese Wertverschiebung nicht hinnehmen. Auch nicht in mir drin. Ich kann sie beobachten, ich kann mit ihr umgehen. Kann Worte dafür finden, sie teilen und zum Weltenteil machen. Vor allem, wenn ich mich so fühle, als wäre das, was ich geben kann (und damit auch ich selbst), nicht gewollt, weil ich Unterstützung, Begleitung, Assistenz brauche, um Anteil zu geben.
Ich verstehe, dass das beim Lesen hier manchmal verwirrt. Wie man manchmal über längere Zeit denkt, dass ich das hier alles für andere aufschreibe. Wie Statements oder Mahnmale. Aber sehr oft sollen meine Worte hier auch nur mir etwas bedeuten und für andere einfach nur da sein.

Nie nur Conni

„Conni steht mit ihrer Therapeutin in der Demo“, schießt es mir in den Kopf.
Und ich gehe.
Wende dem Jahnplatz, wo ich schon so oft gegen Rechts, gegen Rassismus, gegen Gewalt an Frauen, für Frieden, Freiheit, Klimaschutz und gutes Miteinander gestanden habe, den Rücken zu und lasse mich von Sookies Asche anziehen. Für mich ist erstmal Schluss mit Zeichen setzen. Ich bin müde. Unendlich traurig und bitter. Wünsche mir einen weichen, warmen Körper, der sich an mich lehnt und mir meinen Körper als Weltenteil fühlbar macht. Wünsche mir Sookie und dass das kleine Bisschen Glauben an das Gute und Richtige jedes Moments heil bleibt.
Dann gehts wieder. Gefühlswelle abgeflaut. Licht im Inneren wieder an.

Später feiern wir unsere schöne Freundin S. mit all ihren Freund_innen.
Reden lang und tief über die Kinder- und Jugendhilfe, Reden und Schweigen in Therapien, über unerfüllten Kinderwunsch und dessen Behandlung, über tote Embryonen und lebende Kinder vernachlässigender, kranker, hilfebedürftiger Eltern. „Conni hat keinen Lebensbereich, in dem nie mal keine Hilfe nötig war“, zischt es leise und scharf in mir, als ich tief in der Nacht zum Himmel raufschaue. Mein Puls drückt unangenehm schnell von meinem Bauch in den Hals. Das Atmen ist schwierig. Über die Übung, aus der Angst zu gehen, schlafe ich ein.

S. fragt mich morgens zwischen Abendentfernung und Frühstücksvorbereitung, wie es mir denn geht. „Ich habe alles. Nicht wie geplant oder gewollt, aber alles, was geht, ist da. Es ist gut. Es ist wirklich gut.“, antworte ich ohne zu zögern. „Das ist schön“, antwortet sie. „Conni wird für immer als Bedarfsfall erinnert“, streift mich kurz und fies. Wir lächeln einander an, räumen weiter und werden in andere Themen verwickelt.

Die Heimfahrt ist warm. Es wird geerntet. Noch zwei Wochen, dann fährt der Partytrecker wieder bei uns lang, weil der Ernteerfolg mit Alkohol konserviert werden muss. Man weiß ja nie, wie der Winter wird.
Zu Hause ist meine Menschenbatterie leer.
Mein Kopf prozessiert weiter, was die Bundesregierung da gemacht hat. Die „Reformen“. Und die Hitze. Die Arbeit. Die Themen. Das inzwischen tatsächlich körperlich schmerzende Vermissen von Sookie.

Dann entdecke ich eine Made im Flur. Gehe schlafen. Finde am nächsten Morgen noch mehr.
„Conni kriegt ihre Essstörung nie weg“ spüre ich jemanden aus meinem Hinterkopf gegen meinen Magen boxen. Verbringe den Morgen mit Ekel, Flashbacks und Skills, um eine Krankmeldung zu schaffen und die Wohnung auf links zu drehen.
Am Ende finde ich das verlassene Fressnest eines Kinderinnens. Räume, wische, desinfiziere, mache eine Notiz für die nächste Therapiestunde. Fahre mit Herzrasen und Druck auf der Brust in die Praxis meiner Hausärztin. Hole die AU ab, verabschiede mich ohne Redetermin. Am Donnerstag zu reden, ist mir früh genug.
„Conni braucht professionelle Hilfe zum Leben“, ätzt es mich an und sticht in meinem Magen herum.
„Nicht nur Conni“, antworte ich, „Nie nur Conni.“

die persönlichen Auswirkungen, ein Nachklapp

Ich habe ungewöhnlich viel Zuspruch auf meine Textreihe zu dem Reel bekommen.
Zu einem Aspekt möchte ich noch etwas nachtragen. Die persönlichen Auswirkungen solcher Reels auf mich.

Seit inzwischen zwei Jahren sitze ich an meinem neuen Buch und versuche zu vermitteln, wie es für mich war, Anfang der 2000er mit einer Diagnose konfrontiert zu sein, die damals schon sehr eng mit organisierter Ritueller Gewalt verknüpft war. Als 16-Jährige_r. Komplett allein. Anderthalb Jahre fast durchgehend geschlossen untergebracht.
Wie sich das ausgewirkt hat, in praktisch allem Selbstausdruck und auch jeder Selbstauskunft über mich missverstanden zu werden, weil die Menschen, die mir zugehört haben, immer auch den Filter des Unbekannten, Mysteriösen, Gefährlichen organisierter Ritueller Gewalt und die Folgen von Folter und gezielter Manipulation darübergelegt haben. Ungewollt wurde ich über Jahre von Therapeut_innen über praktisch jede Selbsterkenntnis, die ich über mich gewann, auch falsch verstanden, weil diese andere Ursachen oder Wirkungsprinzipien hinter meiner Wahrnehmung und Einordnung, Kontaktaufnahme und Schwierigkeiten annahmen als ich oder als auch tatsächlich vorlagen.
Das war für mich als erwachsen werdende Person zuweilen extrem isolierend und verwirrend. Es hatte Anteile von „Therapeut_innen reden mir was ein“ und „Ich habe aber auch wirklich Teile dessen erlebt, was mit dem Begriff der organisierten Rituellen Gewalt beschrieben wird – aber nicht so.“

Ich habe dann das gesamte Hilfesystem verlassen und eine Therapeutin für mich gesucht, die bereit war, mehr Fokus darauf zu legen, wie ich akut im Leben klarkommen kann. Und habe in der Therapeutin, mit der ich noch heute arbeite, so jemanden gefunden. Mein Hintergrund ist nicht irrelevant, aber ich merke, dass sie nicht erst daran denkt, was Täter_innen davon haben könnten, dass ich etwas nicht oder weniger gut kann, sondern daran, wie ich mich fühle, wenn ich versuche, etwas zu können; was ich mir vorstelle, wie ich etwas können müsste, sollte, gerne würde; welche Dinge tatsächlich akut gegenwärtig beeinflussen, dass ich bestimmte Dinge hinkriege oder auch nicht.
Es geht um mich. Meinen Bezug zu mir und der Welt, in der ich bin.
Es geht nicht darum, mit irgendwem in mir über DAS DA zu reden oder darum, mich anzeigefit zu kriegen oder darum, meine Lebendigkeit und Kraft zum Ätschibätsch gegen Täter_innen werden zu lassen. Ich habe in unseren probatorischen Sitzungen den Wunsch geäußert, eine eigene Erzählung über mein Leben und mich hinkriegen zu können, und das ist bis heute eins meiner Therapieziele.

Ich bin davon überzeugt, dass ich ohne diese Fokusverschiebung und ohne die kontinuierliche Wiederkehr zur ganz gegenwärtigen Pragmatik des Alltagslebens als etwas, das gelernt und verstanden werden muss, niemals bemerkt hätte, dass ich wiederkehrende Schwierigkeiten und Überforderungen erlebe, die mit der DIS und der Natur meiner Gewalterfahrungen in Kindheit, Jugend und jungem Erwachsenenleben allein nicht mehr erklärbar sind.
Ich hätte auch nie gemerkt, dass meine Therapeutin sich kommunikativ total um unsere Arbeit und mich bemüht, aber an manchen Stellen, die weder sie noch ich richtig fassen und begreifen konnten, einfach nicht weiterkam, obwohl alles in Ordnung schien.

Heute beobachte ich häufig, dass es diesen Punkt in der therapeutischen, betreuerischen, helferischen Kommunikation sehr oft geben kann. Und dass das einer der Punkte ist, an denen meine Analysefähigkeit sehr hilfreich wirken kann.
Mich hat sie damals in die Autismusambulanz gebracht. An den Wunsch zu hinterfragen: Ist es meine Hochbegabung, mein Hintergrund von organisierter Gewalt oder Autismus oder ADHS oder etwas, das dem sehr ähnelt, mir aber noch nicht bekannt ist?
Das ist eine Aufgabe, die manche Menschen einfach nur mit Intuition oder Bauchgefühl angehen. Ich nicht. Ich bin durch die Testung, die Literatur, die Betroffenenberichte, die Studien, die Theorien gegangen und habe das systematisch mit dem Diagnostiker, dem Begleitermenschen, dem Facharzt und meiner Therapeutin durchgearbeitet.
Ich wollte nicht mehr nur mit Theorien über mich arbeiten. Ich war damals schon so gut gestärkt, dass ich auch nicht mehr das Gefühl hatte, man könne über mich auch nur in Annahmen und Ideen, Theorien und man weiß ja nicht nachdenken. Ich war in dem Gefühl angekommen, dass ich tatsächlich passiere und wirke. Und wenn etwas passiert und wirkt, kann man es beschreiben. Und in seinem Wirken analysieren. Die Kommunikation und Interaktion systematisch erfassen und beurteilen.
Man kann mich objektiv eindeutig einordnen, ohne mein subjektives Erleben in Frage zu stellen.

Für mich war die Phase der Autismusdiagnostik das erste Mal, dass ich mich nicht durch Filter hindurch diagnostiziert erlebt habe. Meine Eltern hatten keine Möglichkeit, mich und ihr Leiden unter mir darzustellen, meine Therapeutin kam erst später dazu. Wir sprachen nicht nur in einem Psychologenbüro, sondern auch an Orten, wo ich mich wohlfühlte, und in Alltagssituationen, die mich überforderten. Alles war wichtig für die Diagnostik und alles wurde Thema – lange bevor wir irgendeinen Test durchgeführt haben.

Mir wurde damals klar, wie komplex diese Arbeit war. Und wie komplex die Intersektionen sind, in denen ich mich bewege. Wie schnell andere Menschen darin an kognitive Grenzen kommen, die für mich etwas anders verlaufen. Ich wurde damals sehr ermutigt, meine ganz eigene Haltung dazu wahr- und einzunehmen. Und eben nicht anzunehmen, nur weil andere zu ihren schnellen, weniger komplexen Filtern und Vorannahmen greifen, um damit umzugehen, sei das die Vorgehensweise, die ich mir besser auch antrainiere, obwohl ich darunter leide.
In gewisser Hinsicht habe ich mein Leiden damals so exakt gemapped wie nie zuvor. Einfach, weil ich es überhaupt auch mal verstanden und, wenngleich in Details weiterhin dissoziiert, so doch umfassend genug als auch objektiv erklärbar und mit meinem subjektiven Erleben verbunden begriffen habe.

Wenn ich heute dann Medien sehe, die dem Leben als autistischer Mensch oder als komplex traumatisierter Mensch ebenjene Vagheit, jene Übersubjektivierung zuschreiben, macht das natürlich etwas mit mir.
Da reagiere ich sowohl kognitiv stark drauf – und möchte, dass alle wissen, dass das faktisch alles nicht stimmt – als auch emotional. Da bin ich zurückversetzt in jede Sitzung, in der ich, wie ich heute weiß, Belastungssituationen kommuniziere, die entstanden, weil ich autistisch bin, aber nicht so leicht lösbar sind, weil ich auch komplex traumatisiert bin – und die Therapeutin mich fragt, ob mir der Mann mit der Satansmaske befohlen hat, dass es mir nie gutgehen soll. Übertrieben formuliert.

Es sind solche Therapiesitzungen, solche als Jugendliche im Grunde aufgezwungenen Kommunikationssituationen, die mich sehr lange begleitet und verletzt haben. Ich kompensiere bis heute in jeder Therapiestunde die Angst, sie wiederzuerleben. Ich wünsche sie absolut niemandem.

Wenn wir als Community zulassen, dass Diagnosen als vage, beliebig nutzbare Labels benutzt werden, um subjektive Erfahrungen zu benennen, dann werden wir es nie schaffen, solche Gewaltsituationen in Hilfekontexten überhaupt erkennbar zu machen. Wenn wir Autismus zur Identität verklären und in seiner genetischen Komponente negieren, wenn wir denken: „Och, die armen Therapeut_innen, die habens so schwer, wenn sie zu ORG, DIS oder Autismus arbeiten – die Therapie darf öffentlich nicht als etwas besprochen werden, das auch von Vorurteilen oder falschen Annahmen, Verschwörungsgläubigkeit oder Affinität zum Unbekannten oder Spirituellen flankiert sein kann“, dann erklären wir uns aus meiner Sicht einverstanden damit, dass anderen Betroffenen exakt die Quälerei und in manchen Situationen praktisch Folter passiert, wie mir als Jugendliche und junge Erwachsene.

Ich bin nicht damit einverstanden.
Es war schlimm. Es wirkt bis heute. Es war damals wie heute verhinderbar.
Es war Gewalt, für die sich bis heute niemand bei mir entschuldigt hat. Es war Leid, das ich juristisch nicht anerkennen lassen kann. Niemand der Beteiligten hat je Wiedergutmachung angeboten. Oder Aufarbeitung. Jedes Bemühen darum verläuft in Schweigen.
Das geht nur, weil das Stigma wirkt. Und wir als Gesellschaft uns durch viele Kanäle gegenseitig vermitteln, dass das so klargeht.
Obwohl es das absolut nicht tut.

definitiv ganz anders „irgendwie“

Am Abend fahre ich auf eine schwarze Wand zu. Die durstigen Bäume knarzen im Wind, der auch das Auto auf der gesamten Seite beaufschlagt. Das Gewitter kracht in der Ferne. Seine Blitze stempeln sich auf die knubbelige Wolkendecke. Ich versuche, an den wedelnden Scheibenwischern vorbeizuschauen, während ich fahre.
„Transformation“, denke ich, und löse die Umklammerung meiner Finger ums Lenkrad. „Es ist gut. Es ist richtig.“ Und dann merke ich, wie es beides hat. Erleichterung und Hingabe, aber auch Übergabe und diese spezielle Entschlossenheit, die Mut und Handlungsbereitschaft manchmal mit sich bringen.

Seit der unerwarteten Kündigung habe ich nach Arbeit gesucht. Wochenlang ging es zwischen meinem Mann und mir kaum um etwas anderes als Geld, meine Fähig- und Fertigkeiten, wer was einbringen kann, dass wir dies und das und jenes machen, nicht vergessen, hinkriegen müssen. Während ich an manchen Tagen definitiv noch arbeitsunfähig war. Traumakrank. Teils schwer leidend unter Symptomen, von denen ich gehofft hatte, sie würden nie wieder so viel Raum einnehmen. Nie wieder so stören.
Und dann fand ich eine Stelle, die perfekt zu mir passt. Hatte ein Bewerbungsgespräch, das sehr gut verlief. Hatte eine gewisse Quasi-Zusage. Aber der Prozess musste gestoppt werden. Interne Gründe. 5 Wochen Aufschub. Wenns gut ginge.
Meine Krankenversicherung muss ich behalten, aber ich bin ja auch Ehefrau. Ehefrau gehört zum Ehemann, Familienversicherung woanders, dies, das. Das war der nächste Klops im Dauerthemenbrei mit meinem Mann. Und in all dem hat meine Behinderung immer wieder im Weg gestanden und wurde doch irgendwie nicht so recht beachtet. Bis jetzt bin ich mir nicht sicher, ob es überhaupt ein best practice-Szenario für „Ehebürokratie, in der eine Person eine rechtliche Betreuung zur Vertretung vor Behörden hat“ gibt. Alle Welt hält ja den Ehemann für die Vertretung der Ehefrau (vor Behörden). 🤡

Dazwischen passierte der Wildwasser-Fachtag mit dem Einwurf eines Betroffenen, Peer-Beratung müsse bezahlt werden. Den ich wie gewohnt abwehrte, weil ich keinen Hintergrund in Sozialer Arbeit oder Sozial- oder irgendeiner anderen Pädagogik habe. Das gehört ja irgendwie zur allgemeinen Ausstattung der Selbstvertreter_innen, die man bei solchen Veranstaltungen auf Bühnen sieht. Profession zum Hinterverstecken und ernstgenommen werden und eigene Betroffenheit direkt daneben, damit niemand von den Betroffenen sagen kann, da würden ja nur Profis über Betroffene sprechen.
Und dann bahnte sich das nächste Gespräch einer Person, die sich als Viele erlebt, an, und wieder kam eine E-Mail von jemandem mit der Frage, ob wir mal zusammen auf die Hilfe gucken könnten, da passe etwas nicht. Und ich sagte natürlich nicht: „Nein, geh weg, ich möchte bitte sehr gerne hier in meiner zähen Arbeitssuche sein, die mir meine allgemeine Wertlosigkeit aufzeigt“, sondern erarbeitete eine Analyse am Montag, telefonierte am Donnerstag und merkte am Freitag, dass mein Konto fast leer ist und perspektivisch nur von meinem Mann aufgefüllt werden kann.

„Irgendwie wirds schon gehen“, das weiß ich, und alle sagen es mir immer wieder. Während ich weiß, wie es geht, wenn Jobcenter oder Arbeitsamt tragende Rollen im Leben einnehmen, selbst wenn man kein Geld von dort bekommt, und merke, wie sich die alte Hartz fear ihre Bahn durch mein bröseliges Arbeitsselbstbild fräst.

Und dann tickt die Uhr. Und ich denke, dass nichts kaputtgehen wird, wenn ich mal frage. Durch ein „Geht nicht“ würde sich nichts ändern. Also erzähle ich am nächsten Mittwoch von den Kontakten und Gesprächen, der Arbeit, die ich da so mache. Dann und wann. Nicht viel, nicht immer, nie in tragender Rolle, aber auch nie anteilslos. Und frage, ob es dafür vielleicht eine Struktur geben kann. Eine Möglichkeit des Abgleichs mit einer Fachperson und der Rückversicherung für mich, die Erfüllung eines Bedarfs, für den man zufällig vielleicht eh schon immer mal eine Lösung finden wollte.
Und es wird lebendig. Da kommt kein Nein. Aber Ideen. Viele.
Und am Freitag, morgens, direkt nachdem ich aufgewacht bin, kommt ein Ja.
Und dann der Termin, an dem ich meine Kundschaft beim Jobcenter nach 21 Jahren auflöse.

Mit einer wackeligen Unterschrift auf einer Veränderungsmitteilung ist es zu Ende. Wackelig, weil ich kurz hirnverdreht bin und ansetze, mit meinem alten Namen zu unterschreiben. Kurz eingesunken in die Erinnerung an das senfige Gelbgrün unterm Neonröhrenlicht des Bielefelder Muffelflurs, in dem ich den ersten Antrag auf ALG 2 unterschrieben hatte. Ganz genauso verwirrt und unsicher darüber, was genau die Unterschrift jetzt bedeutet. Ob das jetzt alles so richtig ist oder nachher wieder Ärger gibt und sich jemand – meine Betreuerin oder mein Mann – nochmal da melden muss, um zu sagen: „Äh jaha, äh – hier, das ist alles falsch. Das hat Frau Rosenblatt n bisschen falsch verstanden und Quatsch ausgelöst. Bitte wieder richtig machen.“
Die Mitarbeiterin lächelt und gibt mir einige Zettel mit, auf denen alles erklärt ist.
Ich schwanke zu meinem Auto, als wäre es ein Ufo, und versuche, Schritt zu halten mit den viel zu schnell ineinanderklappenden Gedankengebäuden in meinem Kopf. Die Hitze im Auto drückt sich deutlich gegen meine Haut, als ich die Zettel durchlese und mit der Veränderungsmitteilung abgleiche. „Ich bin da echt raus“, denke ich und höre mich ein merkwürdiges Geräusch machen, während R. und A. drauf und dran sind, den Wagen zu starten, um ihre Energie abzuleiten. Ich beschließe, dass es Zeit für eine richtige Reorientierung in meine Erwachsenheit wird, und fahre erstmal tanken. Dann einkaufen.

Zu Hause videotelefoniere ich mit meinem Mann, als ich eine E-Mail zum gestoppten Bewerbungsverfahren entdecke. „Manchmal geht es doch schneller, als man denkt“, beginnt die Nachricht. Und es folgt das zweite Ja, das mir einen Schwung Geigen in den Himmel hängt, als würde das unendliche Platzangebot dort auch richtig genutzt werden wollen.
Inzwischen kann man die Luft schneiden. Ich warte noch auf meine Gefühle. Brüte über den Ereignissen des Tages, als wären sie Eier mit besonders dicker Schale.
Am Abend fahre ich in das Gewitter. Zu Menschen, die mich zu etwas eingeladen haben, das ganz ganz früher, bevor alles kaputtgegangen ist, ein wichtiges Ding für Z. und andere Innere war. Zu jemandem, der mich dabei haben mag, wenn etwas Besonderes bei ihr_m passiert.

Ganz viel später ist die Luft feucht und lau. Steigt als Dampf vom Asphalt und wabert in die Wiesen. Da fahre ich neben dem Sonnenuntergang nach Hause und merke, dass es ohne mich weint, weil es bei jemandem angekommen ist.
Und diesmal definitiv ganz anders „irgendwie gehen“ wird.

Fundstücke #94

Es ist mein erstes Vorstellungsgespräch seit 15 Jahren.
Ich bin hässlich angezogen, fühle mich ekelhaft und unwürdig. Es ist warm, eine Brise verwirft mein ungünstig fallendes Haar auf dem Weg zum Firmengelände.
Es ist das erste Mal, dass ich mich für eine Stelle bewerbe, die meine gesamte Zukunft nicht weiter beeinflussen soll. Mindestlohn, Mindeststunden, ein Jahr für die Mindestzeit, die es braucht, um bei der Agentur für Arbeit um einen Bildungsgutschein zu bitten, der mich formell dahin bringen soll, wo ich mit besseren Entscheidungen früher bereits hätte hinkommen können, hätte, würde, wäre, wenn …

Eine lächelnde Person mit langen Haaren reicht mir ihre kühle Hand, ich will mich entschuldigen. Ich sollte hier nicht sein, nicht so, nicht ich. Mir wird ein Platz in einem Besprechungsraum und ein Getränk angeboten, um auf den Kollegen zu warten. Mit jedem Schluck Wasser drücke ich meine Selbstablehnung hinter meine Aufmerksamkeit. Es geht hier nicht um mich, es geht hier um gar nichts.
Als die Tür aufgeht, bin ich leer und an. Aufmerksamkeit 3000.
Meine Gegenüber sind vorbereitet, sprechen klar und eindeutig.
Es ist ein ziemlich perfekter Arbeitsplatz für mich. Allein, im Halbdunkel, klimatisiert und im Ruhebereich der Firma für eine Stille, die für die Tätigkeit zwingend erforderlich ist. Nächstes Jahr macht das eine Maschine.

Als ich wieder in die Wärme unseres überhitzten Planeten trete, denke ich an jeden Roboterwitz, der über mich gemacht wurde. An das Autistenklischee der kalten Maschine, des seelenlosen Funktionsautomaten.
In den 4 Monaten Probezeit könnte ich es schaffen, viel von dem, was mich gerade an mir abstößt, abzutrainieren. Jeden Tag 30 Kilometer Radfahren, ein Mal die Woche zum Handball, vielleicht noch ein- oder zweimal schwimmen. Ich könnte mich so geil schreddern, während ich nebenbei nichts weiter tun muss als Dinge zu erledigen. Ich könnte ein Roboter sein und weniger Mensch. Ich hätte von der ganzen Nummer also noch etwas, selbst wenn sie dann merken, dass ichs einfach nicht bringe. Wenn sie mich erkannt, durchmein peinlich angestrengtes so tun als obschaut haben.

Zu Hause empfängt mich Bubi mit seinem Begrüßungsgrinsen. Legt sich zu mir, als ich meinem Mann eine Sprachnachricht über den Verlauf des Gesprächs aufnehme. Über dem Boden des Gartens liegt eine Schicht Insektenbewegung. Der Wind streift das Gras, kitzelt die jungen Blätter des Apfelbaums und verliert sich in den Blütenresten der Kirsche. Es ist still, alle sind fertig mit ihrem Rasen, der Hecke, dem Auto. Es ist alles gut und ich könnte schreien, weil ich meinen Körper nicht verlassen kann. Weil ich gefangen bin in dieser Quelle von Ekel, Hass, Zerstörungswut.
Bubi legt mir seinen Kopf auf die überkreuzten Unterschenkel und streckt sich schmatzend. Mit einem tiefen Seufzen schließt er die Augen und schnurrt, als ich ihm langsam und stetig vom Gesicht in die Ohrenspitzen streiche. Es ist alles gut. Und die absolute Ohnmacht.

Gespräche im Spiegelkabinett

„Sei da ruhig klarer – denk nicht so viel an ‚Was denkt sie jetzt, was denkt sie jetzt, was denkt sie jetzt?‘.“
Mein Mann und ich sitzen auf der Couch. Krisensitzung, nach Achsbruch Autismus, Trauma, Kommunikation.
Ich bin seit Tagen niedergeschlagen, belastet, erinnert, unzufrieden mit mir. Ich muss etwas klären, doch bin hin- und hergeworfen von Wichtigkeiten und Relevanzen, Erinnerungen und Ängsten.
Es geht um etwas, das mir wichtig ist. Deshalb ist der Rahmen, in dem ich darüber nachdenke und fühle, extrem groß. Am dritten Tag wurde es mir zu groß, zu belastend. Ich merkte, wie sich das Zeitfenster für angemessene Lösungskommunikation schloss und ich immer mehr Spannung in mir sammelte. Zeit für eine Sitzung mit meinem Mann.

Mit ihm werden Situationen wie diese pragmatisch lösbare Kommunikationsherausforderungen, wie er sie jeden Tag bei seiner Arbeit und manchmal auch mit mir im Alltag hat. Er ist im Training, ich bin empfangsbereite Satellitenanlage, wenn er mir etwas davon vermittelt.
Durch seine Brille bekommt die Lage eine Art bewusste Untiefe. „Die Situation für dich sieht so aus, für sie andere Person sieht sie wahrscheinlich so aus. Was ihr verhandeln müsst, ist dies; was du bisher nicht klar genug vermittelt hast, ist das. Du könntest es so formulieren; du könntest auch das schreiben. Soll ich dir einen Aufschlag formulieren oder einen von dir anschauen oder willst du ab hier allein weitermachen?“
Mir tut das gut. Aus dem Wurschtelwust in meinem Kopf wird eine strukturierte Reaktionslandschaft auf Hypothesenbasis. Ich weiß ja nicht, ob er recht hat. Aber ich weiß ja auch nicht, ob ich recht habe, und traue mich gar nicht erst, überhaupt eine Hypothese zu entwickeln – weshalb ich in Stress spirale, dissoziiere und Faden und Form, Bezug und Kontaktsicherheit komplett verliere.

Das ist die Bruchstelle der Achsen.
Autismus und Kommunikation sind bereits schwierig. Auch schwierig zu kommunizieren.
Ich gerate dabei oft in die Situation, mich selbst zu erklären, statt die Kommunikationsprobleme. Denn es geht nicht immer nur um Wörter, Aussprache, Mimik und Gestik. Für mich geht es meistens um Bezug und Kontext. Warum sagt jemand dies und das; wozu bekomme ich diese und jene Information; weshalb und wofür macht mir jemand dies und das ganz besonders deutlich klar?
Gespräche mit nicht-autistischen Menschen sind für mich eine meist unklar begrenzte, uneindeutig bezugnehmende und in der Regel erst später in ihrem Ziel (manchmal auch Sinn und Zweck) nachvollziehbare Abfolge von Transitionen. Schon während die andere Person spricht, mache ich mehrere Dinge gleichzeitig: Geräusch von Wort unterscheiden, Worte verstehen und als Sätze in mir abbilden und begreifen – und dann merken, dass darin in der Regel nicht auch „drinsteht“, worum es der Person geht oder worauf sie sich bezieht oder reagiert. Also rufe ich mir in Erinnerung, was ich oder eine evtl. weitere Person im Gespräch gesagt hat, und überlege, ob davon etwas passen könnte. Ist die Person fertig mit Sprechen, bin ich meistens gerade fertig mit der Analyse des Sprachpakets. Was ich darauf antworte, eher nicht.
Manchmal geht das, was ich eigentlich sagen möchte, im wahrsten Sinne „lost in Transition zwischen Rede und Antwort“.

Und da greift die traumabedingte Dissoziation. Die nächste Achse. Die schützende Maske. Das reaktive Vorzeigen von bezogenem Kontaktverhalten. Ich konzentriere mich ausschließlich auf das, was die andere Person gesagt hat, und rate das beste hoffend oder faktisch orientiert abschätzend die Antwort. Ich bin nicht mehr bei mir, ich bin nicht mehr bei meinem Thema und kann selbst in der Rückschau nicht mehr sagen, worüber ich nachgedacht, was ich empfunden oder als Idee verfolgt habe. Es ist ein Nimbus, ein weißes Rauschen. Mein Körper antwortet. Ein anderes Innen. Irgendwas, das passt, dem Gegenüber ein gutes Gefühl macht, mit größter Wahrscheinlichkeit keinen Konflikt auslöst und inhaltlich die Funktion des Gesprächs bedient. Und dann beginnt das Gegenüber zu antworten. Und damit beginnt eine weitere Transitionsphase zum nächsten Sprechakt.

Das erschöpft. Es führt sehr oft dazu, dass ich ich-fremde Gespräche führe, wenn diese weder reiner Informationsaustausch noch oberflächliches Kontakten sind. Und der Hintergrund ist komplex.
Ich habe auditive Verarbeitungsstörungen, muss Bezug immer wieder konkret gesagt bzw. aufgezeigt bekommen, weil ich ihn nicht implizit „lesen/erfassen“ (und im Arbeitsgedächtnis halten) kann, und ich habe bis heute Angst, verletzt zu werden, weil ich nicht schnell genug (performativ „richtig“/wie vom Gegenüber gewünscht oder gewohnt oder erwartet) reagiere.
Gespräche sind bis heute nicht neutral für mich. Es sind neben jeder Bedürfniserfüllung immer auch Triggersituationen, mit denen ich je nach Inhalt, Kontext, Rahmen strukturell reaktiv dissoziierend umgehe.

Nach dem Gespräch, das ich nun mit meinem Mann besprach, lag ich abends im Bett und wurde Stückchen für Stückchen mit Fragmenten des Gesprächs konfrontiert. Die Verarbeitung setzte ein und zunehmend wurde mir selbst bewusst, dass wir weder über das geplante Thema gesprochen haben, noch, dass durchgehend ich gesprochen habe. Obwohl mir das so wichtig war. Ich so dankbar über das Interesse und die Bereitschaft der Personen war, mit mir zu sprechen. Obwohl es keine Gefahr gab. Ich selbst habe überhaupt nichts von meiner Angst gespürt. Habe in dem Kontakt überhaupt nichts von meinem Stress und der Reaktivität gemerkt.
Und wie fast immer in solchen Momenten haben es meine Gegenüber auch nicht gemerkt. Sie fanden das Gespräch gut. Sie haben mich als im Kontakt erlebt – faktisch betrachtet haben sie das ja auch. Nur eben doch auch nicht.

In einem Gespräch mit dem Begleitermenschen im Rahmen der Autismusdiagnostik habe ich dafür das Bild von einem Spiegelkabinett gefunden. Weil es mir oft so erschien, als würden die Menschen in meinem Leben immer mit einem Bild von mir sprechen. Also ihrer Wahrnehmung von mir und dem, was sie davon abgeleitet haben. Während ich sie nie sehen kann und meistens eher mit einer Idee von ihnen arbeite, die ich aus den Analysen dessen, was sie mir sagen, entwickle.
Das war das Problem, das ich in der Therapie damals als besonders belastend empfand. Es kam mir vor, als würde meine Therapeutin intensiv nach mir suchen – angestrengt auf ihr Bild von mir schauen – und ich nicht einmal ihre Spiegelung finden können, obwohl mir jedes Signal, jeder Reiz von ihr überdeutlich spürbar war.
Mir ist damals bewusst geworden, wie viel von meinen „Erkennungsproblemen“ überhaupt nicht oder eher subtil wahrnehmbar sind. Und wie groß die Rolle der DIS dabei ist. Ein autistischer Mensch ohne DIS oder extremen Maskierungswillen wäre damit auffälliger. Diese Art des Auffälligseins war aber nicht nur in meiner Herkunftsfamilie ein ernstes Problem, sondern auch überall sonst. Selbst in Kontexten, in denen meine Sicherheit und Fürsorge professionell sichergestellt wurden. Nirgends, in keinem Kontakt mit anderen Menschen, ist es für mich rückhaltlos, bedingungslos, konsequenzlos möglich, irgendetwas davon nicht zu verstecken oder zu verschleiern. Und zwar nicht, weil die Welt böse ist oder ich da irgendetwas Spezielles an mir habe, sondern weil es umfassend ANDERS ist. Weil man sich dem immer nur annähern kann und eine gewisse Lücke, einen Bereich der Inkompatibilität, stehen lassen und akzeptieren muss. Sowohl ich als auch meine Mitmenschen. In der Metapher vom Spiegelkabinett ist es der Umstand, dass ich mich mit anderen Menschen als in einem Spiegelkabinett erlebe – und sie das nicht auch tun. Ihre Wahrnehmung funktioniert anders als meine.

Und während ich das jeden Tag und immer immer immer merke – und sie nicht, ist es eine irritierende Sache, wenn ich es offenbare. Manche fühlen sich dann manipuliert. Als würde ich ihnen die Wahrnehmung von mir absprechen oder in Frage stellen. Als wolle ich ihnen unterstellen, sie würden sich gar nicht für mich interessieren oder würden mir absichtlich schaden wollen. Es gibt Menschen, die können solche Gefühle und Gedanken dann mit Worten ausdrücken. Sie sind neugierig, wollen verstehen, Beziehung, Kontakt bewahren. In meiner sozialen Welt sind das die absoluten Ausnahmen. Einhörner sozusagen.
Und es gibt Menschen, die können das nicht. Oder wollen es nicht. Oder halten es für einen Teil ihrer professionellen Abgrenzung, noch mehr Abstand zu mir herzustellen und sich praktisch völlig unsichtbar für mich zu machen. Es gibt Menschen, die sich verunsichert fühlen, wenn ich ihnen davon berichte. Die sich fragen, was an unserem Kontakt echt ist. Authentisch. Und ver.trauen mir dann einfach nicht mehr. Gehen also auch aus dem Kontakt. Das ist die häufigste Erfahrung, die ich mit der Offenlegung dieser Gesprächserfahrung gemacht habe. Entsprechend wenig öffne ich mich.

Doch diesmal nicht.
Diesmal habe ich es mitgeteilt und mehrere gute Erfahrungen gemacht.
Die Gesprächspartner haben es gehört und verstanden. Wir haben eine praktische Lösung gefunden.
Mein Mann hat mich verstanden und mir genau die Hilfestellung gegeben, die ich brauchte.
Meine Therapeutin hat mich verstanden und mich bestärkt, meine inneren Prozesse auf Möglichkeiten der Entlastung und Prävention zu erforschen.
Keiner der auslösenden Faktoren ist davon berührt. Es wird mir wieder passieren. Und es wird wieder schlimm für mich sein. Aber es bleibt nicht mehr so schlimm.

crazy shit

Ich sitze im Auto und halte meinen inneren Blick auf dem Symbol für „Pause“. Ein Kreis mit zwei parallelen Strichen. Grau bei Deaktivierung, hellgrün bei Aktivierung. Er ist grün, ich kann mich frei und mühelos bewegen. Sicher Autofahren. Ohne Anstrengung Wörter formen. Keine 5 Minuten vorher konnte ich kaum die Augen offenhalten, meine Arme heben, irgendeinen Muskel gezielt anspannen und halten. Crazy shit.

Vor 22 Jahren konnte ich mich noch nicht so manipulieren überzeugen austricksen reinlegen … Glauben, dass die objektive Realität der Gegenwart gleichzeitig mit meiner subjektiven Realitätswahrnehmung existieren kann. Ich hatte noch keine Kontrollerfahrungen. Kein aktives, bewusstes, ich-liches Selbststeuerungserleben. Mir sind die Dinge passiert. Sie haben etwas mit mir gemacht, das meiste davon habe ich weder konkret und zeitgleich wahrgenommen, noch verstanden, noch umfänglich mit mir in Bezug setzen können.

Die Landschaft fliegt an mir vorbei. Das Halten der Imagination kostet mich überhaupt keine Energie. Der Flashback hat keinen Einfluss mehr auf mein Selbst- und Umweltempfinden. Ich bin in der Lage, Energie in die Anpassung an meine Mitwelt zu stecken.
Später wird mir bewusst, wie lang 22 Jahre eigentlich sind. Ich denke darüber nach, ob der Umstand, dass ich es jetzt kann, dieses hilfreiche Imaginieren, mich selbst umfassend reorientieren, stabilisieren, bedeutet, dass die letzten 22 Jahre in Therapie unnütz waren. Nicht hilfreich. Ineffizient.
Oder ob sie wichtig waren, um eine Chance zu bekommen, die Dinge zu erlernen und zu trainieren, die damals als meine Fähig- und Fertigkeiten vorausgesetzt wurden. Einfach, weil man damals noch weniger als heute durchdrungen hat, was es konkret bedeutet, wenn Selbst- und Weltbezug massiv fragmentiert sind.

Ich bin am Ziel. Steige aus, bewege mich absichtlich raumgreifend und aktivierend. Die Lücken zwischen Tätigkeiten sind für mich inzwischen weniger Kluft als Spalt. Ich bemerke sie, ich bemerke meinen Stress in der Transition und Neuausrichtung, aber ich kenne meine Schrittweite. Meine Sprungkraft. Meine Anlaufbedarfe. Und die andere Seite. Meistens. Und wenn nicht, dann, dass ich mit dem Unbekannten interagieren kann. Es passiert mir nicht mehr. Es passiert mit mir. Das macht mich nicht souverän und stark, selbstsicher und unverletzbar, wie ich mir das früher immer und heute noch manchmal wünsche, aber selbst.bewusst.

Die Luft berührt mich, der Boden hält mich, meinen Schritten folgen Geräusche.
Ich habe Angst zu fallen, unerwartet berührt zu werden, mich in meinen Annahmen über den Ort, an dem ich bin, zu täuschen. Und ich gehe weiter. Ich. Nicht jemand wie ich, oder etwas, das so tut, als sei es ich oder mein Körper, gelenkt von etwas, das eher theoretisch ein Ich sein könnte, oder eine formlose Präsenz, umgeben von ferngesteuerter, komplett eigenimpulsloser Masse.
Es ist erstaunlich irrelevant für diese Tätigkeit, wer ich eigentlich bin. Und wie ich beschaffen bin. Und was ich kann. Oder wie ich es kann. Ich erlebe die Augen der Täter_innen immer noch auf mir und oft genug suche ich Versicherung mit ihrem Blick auf mich. Aber ich kann mich inzwischen auch sehen. Kann mir mehr Augen leihen als die der Menschen, die mich verletzt haben.
Ich gehe hier einfach lang. Bin Teil des Moments wie der Laternenpfahl, der Absperrungspoller, der Straßenverkehr, die Tauben auf Futtersuche. Nichts davon ist egal, aber nicht alles relevant für mein Überleben. Mir passiert nichts mehr. Ich passiere Laterne, Poller, Tauben. Die Eindrücke kommen, wirken und flachen wieder ab.

Meine Angst ist ein paralleles Rauschen unter der allgemeinen Harmlosigkeit der Welt. Der rote Rand um die eitrigen Traumastellen in mir. Ich kann sie umgehen. Und ich kann mich nähern. Ich kann sie berühren, verschieben, manchmal auflösen, wenn ich mich gehalten fühle. Kontextualisiert. Bezogen. Verortet. Eindeutig positioniert, beauftragt, ver.antwort.bar.
Wenn die Umstände stimmen, ist es keine Manipulation, kein Selbstbeschiss, kein Trickbetrug an meiner Wahrnehmung, dass beides da ist. Die Angst, verletzt zu werden zu sterben und die allgemeine Ungefährlichkeit des Lebens.

Vor 22 Jahren stimmten die Umstände noch nicht für mich. Ich habe mich in Lug und Betrug an mir selbst gezwungen, weil ich weder die Welt noch mich selbst genug wahrnehmen und begreifen konnte. Ich kannte die Welt als Gefäß, in dem meine Qual, mein Leiden, mein Schmerz, meine Angst passieren. Als randlose Schale, in der ich hin- und hergeschleudert wurde. Ohne Anfang, ohne Ende, ohne Bedeutung, ohne Ziel und dadurch auch immer wieder, fast immer, ohne mich in mir selbst.
Ich musste glauben, dass irgendwas irgendwas bewirkt – ich hatte nie die Chance zu beobachten, wie irgendwas irgendwas bewirkt. Ich musste annehmen, was mir irgendwer über irgendwas erzählt – egal, was davon stimmte oder nicht, ich habe es sowieso sehr wahrscheinlich weder ganz aufgenommen, noch verstanden, noch den Sinn erfasst. Ich selbst konnte mir nie Quelle von Stabilität oder Kongruenz oder Klarheit sein. Was ich wahrnahm und einordnete, entpuppte sich immer wieder als Trittfalle ins Bodenlose, die Dissoziation.

Wieder fliegt Landschaft an mir vorbei. Meine Kopfhörer halten das Dröhnen des Zuges von mir fern. Mein Körper wackelt. Ich fahre zu einem Therapietermin. Bin eindeutig und klar in meinem Ziel der Stunde. Sicher darüber, was ich dafür und dagegen tun kann, um es zu erreichen. Der Raum ist für mich eindeutig und klar. Meine Optionen für und gegen die Zusammenarbeit sind sowohl mir als auch meiner Therapeutin klar.
Es ist der einzige Raum in meinem Leben, in dem das so ist. Der einzige, in dem diese Umstände in Bezug auf alle Aspekte bestehen. Es ist der Raum in meinem Leben, in dem ich glauben kann, dass ich etwas mache, um etwas zu erreichen, weil ich weiß, dass ich es auch nicht erreichen kann oder nicht sofort oder anders als ich dachte. Ein Kontakt, in dem es tatsächlich immer weitergegangen ist, obwohl ich sehr lange sehr oft darin gestorben bin. Wo immer alles wiederkam, was verschwunden, fragmentiert, dekontextualisiert war, weil nichts – auch ich nicht – verschwunden bleiben musste.

Ich erfahre von den Sparplänen der Bundesregierung.
Rutsche in Scham und Ärger, gleite über einen Schmierfilm von Angst und kann mich letztlich nur an meinem Glauben an die allgemeine Kontinuität festhalten. „Es ist nicht egal, aber jetzt gerade nicht relevant.
Wenn es relevant wird, kann ich immer noch prüfen, ob es mich töten wird. Es gibt Gleichzeitigkeit. Es gibt die Gefahr und die unspektakuläre Existenz.“ Innerlich greife ich in das Knäul aus Information und Gefühl und trenne es wie einen Wurzelballen, den ich in zwei Töpfe lege. Nicht egal links, aktuell nicht relevant rechts. Ich lege einen Deckel drauf und schiebe sie in ein Regal meines Hinterkopfes, das meinem Bücherregal im Büro ähnelt.
Ich mache große, weite Schritte durch die Bahnhofshalle.
Als ich hier vor 22 Jahren ausgestiegen bin, wäre mir diese Imagination gefährlich vorgekommen. Wie ein Angriff auf das, was mich am meisten schützt: meine Todesangst. Jetzt macht es mich handlungsfähig. Interaktionsbereit. Stabil. Selbst zur Quelle einer Ordnung. Crazy shit.

Überraschung

Überraschung ist eine Grundemotion, die ich erst im Zusammenhang mit der Autismusdiagnose näher erforscht habe. In meiner Traumatherapie ging es nie um Überraschung. Es ging um mein Kontrollbedürfnis, meine Ängste. Mein kompensierendes Vermeidungsverhalten. Überraschung und Schockerleben waren dabei nie Thema. Mir war selbst überhaupt nicht klar, dass ich Todesängste habe, wenn ich überrascht werde. Dass ich Überraschung vermeide, weil sie mir Angst macht. Dass ich Kontrollgefühle vor allem dafür brauche, um mit meiner Angst vor der Todesangst auf eine Art umzugehen, die unauffällig ist. Angepasst. Nicht peinlich. Sondern ruhig, rational, beherrscht, bewortbar. So, dass mich niemand verletzt.

Man kann Überraschung nicht vermeiden. Aber man kann die Wahrscheinlichkeit dafür absehen. Mustererkennung hilft dabei. Aktives Dauerscannen, traumareaktive Hypervigilanz. Katastrophisieren. Permanente Reaktionsbereitschaft. Hold-the-line-Modus, wann immer Quellen für Unvorhersehbares in der Nähe sind. Anderen Menschen mitteilen, dass man Überraschungen – auch die lieb gemeinten – nicht mag, nicht möchte, nicht schätzt.

*

Die Sonne schien. Die Wärme im Auto bildete eine Glocke um mich.
Ich faltete den Brief zusammen und versuchte, meinen Partner anzurufen. Keine Antwort. Bubi legte den Kopf auf die Rückbank und beobachtete das Treiben auf dem Parkplatz. Der Verlust meines Arbeitsplatzes, die Lüge der Vertrauten hinter der Ermutigung, mich um meine Gesundheit zu kümmern, schwemmte über mich hinweg. „Wusst ichs doch“, stand auf jedem Stachel, der sich aus meiner Panzerhaut schob, um alles Panische vom Jetzt abzutrennen.
Nach der Angst, die Härte. Der Haken aus Stahl, der die Unwürdigkeit jeder Form von Zutrauen und Glauben an die Aussagen anderer Menschen, bestätigt.
Als ich nach Hause fahre, kommt die Trauer. Die Trauer um eine Zukunft, um die ich seit Dezember ringe. Auch das also, kaputt. Kein Kind, kein Job, keine Kraft, keine Hoffnung.
Es hätte so anders werden sollen.
Auf dieses Ist bin ich nicht genug vorbereitet.

*

Überraschungen gehören zu dem, was ich als Alltagsterror empfinde. Sie sind der trauma-re.aktivierende Bestandteil meines Lebens mit anderen Menschen, mit dem ich am häufigsten konfrontiert werde. Nicht, weil Menschen nie tun, was ich sage oder will, sondern, weil Menschen für mich nicht eindeutig vorhersehbar tun, was sie sagen; sagen, was sie tun, und es meistens ein unausgesprochenes Rätsel ist, warum, wozu und welchem logischen Schluss folgend sie es tun oder sagen.
Und es ihnen egal ist.
Sie mich nicht trösten. Selten beruhigen. Die wenigsten sich die Arbeit machen, sich mir zu erklären. Nur manche nah genug an mich herantreten, um mich zum Teil ihres Er.Lebens zu  machen.

*

Mein Partner liest den Brief. Atmet ein und sagt: „Ja, scheiße.“
Ich weine, weil ich begreife, dass ich mich nicht verlesen oder in meiner negativen Annahme geirrt habe.

Sie haben mich angelogen. Alle.
Und weil ich ihnen geglaubt habe, wähnte ich mich in einer Sicherheit, die mir jetzt, ohne jede Vorbereitung, ohne jede Chance auf Widerrede, Beeinflussung oder Zugang zu Verständnis, genommen ist.

Ab jetzt er.lebe ich parallel. Gespalten. Gleichzeitig in unterschiedlichen Dimensionen.

*

Überraschung, Schock, ist ein zentrales Element vieler Traumatisierungen.
Wer überrascht wird, kann sich nicht selbstwirksam erleben. Es gibt kein Kontrollgefühl. Keine Sicherheit über die eigene Existenz.
Überraschung kann nur Spaß bereiten, wenn dieses Sicherheitsgefühl grundlegend da ist. Ich habe dieses Gefühl nie. Selbst dann nicht, wenn ich viel Kontrolle habe.
Jede Überraschung rührt direkt an ein Gefühl von realer Existenzbedrohung.
Und jedem Gefühl der Bedrohung folgt die Dissoziation.

*

Ich scanne den Brief und plane die Einberufung aller nötigen Helfer_innen.
Bahne ein Gespräch beim Verlag an.
Speichere die erste Stellensuche auf der Webseite der Arbeitsagentur.

Spüre, wie sie das letzte Jahr resümiert.
Beobachte, wie er versucht abzuschätzen, ob unsere Kraft für psychiatrische Krisenintervention und ihre erwartbar problematischen Folgen reicht.
Höre ihr beim Sprechen ins Mikrofon zu, während die Hände einer anderen vereinzelte Kröten aus Eimern hervorholt.
Registriere Kämpfe um Essen, Schlafen, Lebenswillen und ‑ziele. Notiere ihre Gewinner und Verlierer.

Als ich einen Tag früher als gedacht von meiner Menstruationsblutung überrascht werde, fühlt es sich an, als würde mir ein knöcherner Schalter im Inneren umgelegt werden.
Mein Partner sagt, es nutze nichts, wenn wir beide traurig seien. Ich spüre hinter mir alles zusammenbrechen und im Melt der letzten Tage versinken.

*

Die Blätter einer Rose sind als sogenannte „Fiederblätter“ angeordnet. Ein Fiederblatt besteht aus mehreren Einzelblättern und trägt so zu einer stabilen Form der Pflanze, aber auch ihrer Gesamtfläche zur Fotosynthese bei. Fällt eines ab, gibt es genug andere. Zum Überleben des Organismus braucht es nur eins. Im Winter nicht einmal das.

Draußen beginnt der Frühling.
Ich organisiere an einem Sommer für mich.
Gestalte Ideen und Pläne für mögliche Verläufe im Herbst.
Den Winter in mir drin, blende ich dabei aus.
Ich weiß, dass er von alleine endet.

*

Das Mismatch mit meiner Umwelt über Überraschungen verlangsamt meine Verarbeitungsmöglichkeiten. Um den Kontakt zu meinen Mitmenschen nicht zu verlieren, kann ich mich nicht auf die Überraschung konzentrieren, sondern muss mich auf das fokussieren, was sie mir anbieten.
Die überraschende Nachricht von meiner Kündigung bedeutet für sie, dass wir über Kündigung und Arbeit sprechen – nicht über die Überraschung. Den Verrat. Den erschreckenden Verlust des Sicherheitsgefühls. Die unerwartete Unmöglichkeit aller Pläne für die Zukunft, die zum Sicherheitsgefühl über die Gegenwart führten. Wir reden nicht über Angst. Meine Todesängste sind einfach undenkbar für sie. Und übertrieben, als ich sie andeute.

Ich kann mir nicht vorstellen, wie die Zukunft aussieht, weil ich nicht weiß, was dort möglich ist und was nicht. Man erwartet von mir ein Grundvertrauen in das Leben, das ich nicht habe. Ich kann nicht „einfach mal sehen“, „einfach mal abwarten, was sich ergibt“. Wenn ich nicht weiß, was ich sehen soll oder muss oder könnte, dann (vorher)sehe ich da nichts. Und wer nichts (vorher)sieht, kann von allem, was dann passiert, nur überrascht werden.

Das ist der absolute Horror.

klebriger Fokus

Und wieder sitze ich meiner Therapeutin gegenüber und esse.
Es ist 12 Uhr, wir wollen arbeiten, mein Treibstofftank ist leer.

Ich habs gewusst, ich hatte einen Timer und ein safe food dabei und hab’s trotzdem nicht gemacht. Mein Fokus hat noch an einer Aufgabe geklebt, die ich unterbrechen musste, um zu ihrer Praxis zu laufen. Der Timer ist an mir vorbeigeflogen. Ich weiß nicht, wie ich zur Praxis gekommen bin. Aber ich weiß, dass ich darauf geachtet habe, dass ich so pünktlich da sein würde, dass ich die Aufgabe noch zu Ende bringen konnte, damit ich vor der Therapie aufhören kann, daran zu denken.
Meine Therapeutin fragt, ob ich im Hyperfokus war. Ich verneine.
Das Wort finde ich ungünstig. Es legt eine Übertriebenheit nahe, eine Obsession, die ich nicht hatte und bewusst auch noch nie erlebt habe.

Ich verstehe meine Aufmerksamkeit als Folge einer Verklebung. Als „klebrigen Fokus“. Ich gehe durch die Welt und habe so etwas wie geistig adhäsionsfreudige Fäden, die sich an Themen, Dingen, Leuten, Stimmungen, Gefühlen, Gedanken, Geräuschen … allem Möglichen anheften, bis es fertig ist. Fertig erfasst, fertig verstanden, fertig verlaufen, abgeschlossen, vergangen. Ich kann nur bedingt steuern, woran sie sich anheften, und überhaupt nicht, wie lange. Und ziemlich sicher bin ich mir, dass meine Fadenklebrigkeit mitunter sehr viel stärker ist, als die vieler meiner Mitmenschen. Manchmal habe ich den Eindruck, sie hätten nur Post-it-Klebezettel-Klebrigkeit, während es bei mir die Art Leim ist, die man bei Fehlern innerhalb eines kleinen Zeitfensters zwar noch korrigieren kann, aber nicht ohne eine erhebliche Macke zu produzieren.
Bin ich stabil und gut drauf, hat dieser Leim etwas mehr Flexibilität – bin ich drauf wie im Moment, kann davon keine Rede sein.

Nach der Stunde denke ich weiter darüber nach.
Essen ist eine andere Aufgabe, als das, was ich noch fertig machen wollte. Und etwas anderes als Therapiearbeit. Sie hat mit weder mit dem einen noch dem anderen zu tun. Solche Wechsel bereiten mir immer Schwierigkeiten. Das sind die „Gleiswechsel“, von denen ich in „Starre unterscheiden“ geschrieben habe. Je komplexer die neue oder auffolgende Arbeit ist, desto schwerer ist so ein Wechsel für mich.
Und Essen ist ultrakomplex für mich. Da sind 28 Jahre Essstörungsmurks, diffus erinnerter Traumashit, Sensorik und Unverträglichkeiten mysteriöser Natur mit einem kaum vorhersehbaren Lauf der Dinge zusammenzubringen. Klar bringe ich für einen solchen Gleiswechsel tendenziell eher nicht die Kraft auf, meine Aufmerksamkeitsfäden von etwas anderem abzureißen – vor allem nicht, wenn die noch gar nicht „fertig sind“ und sich noch gar nicht von allein auf meine Körperwahrnehmung geheftet haben.

Ich denke aber auch an die Leute bei Instagram, die von einem Hyperfokus sprechen, wenn sie sich obsessiv zügellos rücksichtslos intensiv in Dinge einarbeiten. Und die paar Leute, die dazusagen, welchen Preis so ein Zustand hat, wenn man aufgrund einer Neurodivergenz dazu neigt. Und darüber, dass ein sogenannter Hyperfokus sich auch auf destruktive oder unsinnige, unproduktive, überhaupt nicht nützliche Dinge legen kann, die das gesamte Umfeld (über)belasten, habe ich bisher nur eine Person reden hören.

Dann kommen Erinnerungen an meine Eltern auf. Meine Mutter, die mir nicht glaubt, dass ich sie nicht gehört habe, weil mein Gehör in Ordnung ist. Mein Vater, der mich durch die Luft wirft und verprügelt, weil ich nicht gehört habe, dass er mir gesagt hat, was ich noch erledigen soll. Oder, weil ich etwas erst fertig machen wollte, bevor ich tat, was er wollte. Oder, weil es ihm zu lange gedauert hat, bis ich etwas so fertig hatte, dass ich selbst auch das Gefühl hatte, dass es fertig war. Oder, weil ich, während ich tat, was er mir aufgetragen hatte, nicht hörte, dass er oder meine Mutter oder andere Autoritätspersonen mit mir gesprochen haben.
Ich kann nicht wissen, wann ich früher immer dissoziiert habe und wann meine Kapazitäten zur Verarbeitung von Reiz-Input zu fragmentiert waren, weil „meine klebrigen Fäden“ ausschließlich auf einer Sache lagen. Aber ich finde es eine bemerkenswerte Redundanz in meinem Leben, dass auch mein Mann inzwischen aufgegeben hat, mich zu rufen, weil ich ihn einfach nicht höre, wenn ich nicht darauf eingestellt bin, ihn hören zu müssen.
Und, dass zu dieser Redundanz gehört, dass ich in diesen Momenten überhaupt gar nicht hyper bin, sondern einfach ich selbst. Entspannt, selbst.sicher, beschäftigt.

Ich nenne es „hold the line“, wenn ich weiß, dass ich spontan für alles Mögliche mit aufmerksam sein muss. Andere autistische Menschen nennen es „Servicemodus“. „Mom on the spectrum“ hatte zu dem Thema neulich einen Livestream bei YouTube. Dort wurde es als Überlebensstrategie besprochen.
Wenn ich im „hold the line“-Modus bin, dann ist es, als würde ich mit beiden Händen jeweils ein Büschel dieser klebrigen Fäden festhalten, auffächern und auf mögliche Ansprachequellen richten.
Das hat ganz eigene Konsequenzen. Meistens die, dass das, was ich eigentlich machen möchte, gar nicht richtig oder nur unter großer Anstrengung funktioniert. Vernünftig laufen, zielgerichtet und selbst.bewusst sprechen, feinmotorisch tätig sein, rechnen, Entfernungen abschätzen, mich örtlich zurechtfinden, sensorischen Input diskriminieren, andere Menschen sozial „lesen“, Dinge aus dem Kurzzeitgedächtnis abrufen, zum Beispiel. Wie auch – ich halte ja wichtige Kanäle belegt, über die ich den Datendown- und ‑upload meiner Lebensinteraktion erledige.

Polly Samuel hat das unter dem Namen Donna Williams schon 1996 in ihrem Buch „Autism, An Inside-Out Approach“ mit einer Metapher, ähnlich wie meine mit den klebrigen Fäden, beschrieben. Für sie war Autismus eine gemischte Tüte einander bedingender und beeinflussender Verarbeitungsprozesse. Sowohl sensorisch als auch psychisch und emotional. So betrachtet, war meine Lage nicht nur: „Ich hatte da ein Ding, das ich fertig haben wollte, und Essen vor dem Termin war keine Priorität.“
Sondern: Ich war in der Stadt, in der Bücherei, da darf man nicht essen. Dort war es ruhig genug, dass ich mit meinen Noise-Cancelling-Kopfhörern ohne Anstrengung meine Aufgabe machen konnte und auch den „Gleiswechsel“ in die nächste Aufgabe, nämlich den Weg zur Praxis, anstoßen konnte. Aber die Aufgabe war noch nicht fertig (meine klebrigen Fäden hatten sich noch nicht vollständig gelöst). Ein Büschel klebte noch daran, während ich mit dem Rest losmusste. Entsprechend fragmentiert war meine Wahrnehmung des Weges, entsprechend stressend waren Lärm, Leute, Umgebungsfaktoren wie Wind, Licht, Temperatur, Gerüche und Zeitdruck. Was wiederum mein Konzept über meinen Tagesablauf berührt hat. Ich wusste ja, warum ich die Aufgabe fertig haben wollte. Sie jetzt nicht passend fertig zu haben, bedeutete, dass ich mir nicht sicher darüber sein konnte, was nach der Therapiestunde passieren würde. Das bedeutete für mich noch mehr Stress und auch Angst, die reguliert werden muss. Dadurch stieg das Risiko, noch früher noch müder vom Tag zu werden als eingeplant und entsprechend noch viel mehr Stress zu erleben, weil die Verarbeitung des Inputs immer anstrengender und fragmentierter wird. Also noch mehr, wofür ich eigentlich „alle meine Fäden“ zur Kompensation brauchen würde.
Ich war in einem Verarbeitungsdelay und wusste, dass meine Möglichkeiten, das aufzuholen, an dem Tag sehr begrenzt waren. Und in all dem Stress und der aufbrandenden Angst zu essen, hätte meinen Delay, meinen „geistigen Stau“, nur eskaliert. Obwohl es Teil meines Tagesplans war, obwohl ich weiß, dass es wichtig ist, obwohl ich weiß, dass Therapiearbeit ohne Energie eher belastend als hilfreich ist.

Gleichzeitig, war es keine bewusste Entscheidung von mir, das Essen auszulassen. Vielmehr wurde die Handlungskette fragmentiert und der Punkt „Essen“ wurde zu einer Information mit unvollständigem Bezug. Genauso wie der Timer, der mich zum Essen prompten sollte. Ich konnte damit nichts anfangen. Ich habe ihn wahrgenommen, habe gewusst, dass es wichtig ist – aber wofür, wieso und wann und wie ich das umsetzen muss/kann/soll/darf, war für mich nicht mehr beisammen. Die Sache, die ich noch fertig machen wollte, und der nächste Termin hingegen waren mir noch klar. Also habe ich sie weiterverfolgt.
An der Stelle finde ich außerdem noch wichtig zu erwähnen, dass ich innerlich keinen Konflikt hatte. Keine traumapanischen Inneren, keine strengen Antreiber*innen, keine überhungrigen Kinder. Ich habe mich nicht gegen den Hunger gezwungen oder war eingenommen von Katastrophenszenarien, die passieren könnten, würde ich das nicht fertig machen. Ich habe nur gedacht: „Boah nee, ich will nicht an diese Aufgabe denken, wenn ich in der Therapiestunde sitze, und ich habe heute einen ganzen Tag im ‚hold the line‘-Modus, ich kann nicht noch mehr davon abgeben (ohne Anlass zu tatsächlich begründeten Ängsten vor Katastrophen aller Art zu geben).“

Den inneren Konflikt hatte ich erst, als ich im Therapiesetting und bei mir selbst ankam. Die Aufgabe fertig war, der Termin lief und der Tag für mich geistig wieder in überschaubare Ordnung zusammenrückte. Da kam das Hungergefühl wie eine Abrissbirne, während ich eigentlich etwas anderes zu tun hatte.
Und jemand anderes auch. Meine Therapeutin nämlich. – Sowas stresst und ängstigt mich unheimlich tief. Da kommen die Kinderängste raus, die brettharten Bestimmer*innen, der Druck, der Zwang, die Not, die Wirrheit, weil sich keine mögliche Lösung aus mir selbst heraus wirklich sicher anfühlt. Dann wird gekreiselt, gehasst, gekämpft, gequält, gelitten und ich fühle mich dem immer noch schneller ausgeliefert als lösungserfahren kompetent. Obwohl ich schon öfter (immer in Krisenzeiten) wenige Minuten nach Beginn der Stunde essen, trinken, zur Toilette gehen, unbequeme Sachen umziehen oder herausfordernde Momente auf dem Weg zur Praxis besprechen musste. Meine Therapeutin hat mir immer vermittelt, dass das in Ordnung ist, weil auch das dazu beiträgt, dass die Arbeit hilfreich ist.
Doch auch in diesen Momenten greift die Adhäsionsfreudigkeit meiner Geistesfäden. Die liegen im Therapietermin überwiegend auf dem Thema der Stunde, nicht beim Ankommen im Kontakt zu meiner Therapeutin, die erst einmal meinen aktuellen Zustand abfragt. Also muss ich wieder Fäden abreißen … die nächste Wolke fragmentierter Informationen verarbeiten … hinnehmen, dass auch das Thema der Stunde in Teilen oder komplett fragmentiert, bei mir ankommt … hoffen, dass ich in der Folge genug Ruhe habe, zu prozessieren … und gleichzeitig wissen, dass ich diese Ruhe immer nur dann habe, wenn ich ganz mit mir allein bin. Ohne „meine Fäden“ zu kontrollieren.

Wenn meine Therapeutin mir eine gute Erfahrung ermöglicht, passiert das meistens schon in einem Moment, in dem ich fragmentiert wahrnehme und innerlich kampfkreisle. Dann kann es sein, dass ich höre und kapiere: „Okay, ich kann hier essen“, aber alles andere, was zu einer Sicherheitserfahrung gehört, ist unter Umständen noch gar nicht bei mir angekommen, sondern sickert in Momenten wie diesem hier, wenn ich davon schreibe (allein und abgeschirmt in meinem Büro), nach. In der Situation bin ich nicht dazu fähig, einzuschätzen, in was für einer Lage ich gerade bin. Welche Emotionen in mir wirken. Ob ich gerne da bin oder nicht. Ob mir schmeckt, was ich esse. Obwohl ich räumlich und zeitlich absolut orientiert bin. Was mir dann klar ist, mache ich bis es fertig ist. Und dann geht es weiter mit dem einen nächsten Ding.

„Ach Frau Rosenblatt, wo fangen wir denn da an?“, hat meine Therapeutin in der Stunde an einer Stelle geseufzt, an der ich sie ein wenig in diese Dynamik habe blicken lassen. Stellt sich raus, dass ich tatsächlich mit komplexen Abläufen arbeite, erheblichen mental load in meinen sozialen Kontakten jongliere und die Folgen meiner Traumatisierungen das alles sehr stark stören und immer behindern.
Egal, wo man da anfängt, ist es komplex und schwer.
Aber um ehrlich zu sein, bin ich im Moment auch froh, dass meine aktuelle Krise meine Kompensation so sichtbar macht. Es ist heute viel leichter für mich, mit meiner Therapeutin darüber zu sprechen. Es ist mir trotzdem noch peinlich, vor ihr zu essen oder zuzugeben, an was für basalen Stellen ich gerade nicht gut zurechtkomme. Aber es ist leichter für mich, meine geistigen Fäden von diesen Gefühlen und Ängsten abzutrennen, bevor sich alle gleichzeitig drauflegen und gar nichts mehr bei mir ankommen kann.