Lauf der Dinge

vom Luxus über #armeLeuteessen zu fantasieren

Selbstversuche und Sozialexperimente – es gibt wenig mehr, das als Missachtung wie eine Ohrfeige auf konkret betroffene Menschen wirken kann.

Da ist das “einen Tag im Rollstuhl”-Experiment, von Menschen, die keinen Rollstuhl benötigen, um sich selbstbestimmt von A nach B zu bewegen, genauso unangebracht, wie der “eine Woche obdachlos”-Selbsterfahrungstrip von Menschen, die ein Obdach haben.
Es ist unangebracht, weil die sinnhaftere Variante ein “Ich höre den konkret betroffenen Menschen zu, die mir etwas über ihre Lebensrealität erzählen”-Experiment wäre, das bis heute noch viel zu wenig Medienmachende wagen.

Aktuell gibt einen Selbstversuch im Magazin “Biorama” für nachhaltigen Lebensstil.
Nachhaltig befeuert werden in diesem Selbstversuch vor allem Stereotype und Vorurteile. Schlagwortartige Phrasen werden recycled, um konkret Betroffenen die eigenen Argumente und Er_Lebensrealitäten abzusprechen und umzudeuten. Man will nicht glauben, dass Armut mehr sein könnte, als eine Frage des Geldes, des Bildungshintergrundes oder der allgemeinen kognitiv geprägten Entscheidungsfindung. Darum setzt sich nun also ein Mensch hin, gibt sich ein Budget für seine Mahlzeiten und hält das für den richtigen Weg sich Fragen nach Luxus zu stellen.

Der Mensch mit Gehalt denkt, Armut wäre das Gegenteil von Luxus beziehungsweise, Armut bedeute weniger davon.
Manchmal frage ich mich schon, wo solche Gedanken herkommen und brauche dann doch nicht lange für eine Idee. Ich merke ja selbst, wo mein Luxus beginnt. Er beginnt bei 2€ für Artikel, die ich nicht essen kann und 2,50€ bei Artikeln, die ich essen kann.
Luxus ist für mich (in Hartz 4 seit seiner Einführung) also eine Farbfilmentwicklung und ein Saint Albray-Käse.

Menschen mit mehr Geld kommt das traurig vor und ich empfinde das als eine Form von Missachtung meiner Luxusgefühle. Es fühlt sich an, als wäre mein Luxus peinlich oder falsch. Oder eben – so wie ich selbst für diese Gesellschaft – minder_wertig.

Der Selbstversuch im Biorama-Magazin zielt auf “bio ist aber so teuer” ab. Und schafft es nicht dann einfach bei dieser Frage zu bleiben und sich mit dem Geschäft hinter biologisch nachhaltiger Landwirtschaft zu beschäftigen. Nein – da muss noch “das echte Leben” mit rein.
“Teuer”, das gilt noch immer als ein zwangsläufig für arme bzw. einzig selbstversorgend wirtschaftende Haushalte auftauchendes Thema und wird in dem Experiment erneut aufbereitet.

Biologisch nachhaltig angebaute bzw. produzierte Lebensmittel zu konsumieren ist tatsächlich keine Frage des Geldes – es ist eine Frage des Konsums und damit eine Frage, die weit über akut verfügbare Mittel hinaus geht.
Ein Tweet, der sich lobend über den Selbstversuch unter #armeLeuteessen äußerte, rechnete einen Fertigjogurt zu 49 Cent gegen ein Glas Jogurt mit Zucker und Früchten auf das 51 Cent kam.
Als würde niemand auf Hartz 4 nicht darüber nachdenken, direkt 2 Jogurtbecher zu je 19 Cent kaufen, weil si_er dann 2 Jogurts hat und 11 bis 13 Cent spart. Also fast den Wert eines dritten Jogurts.

Der Selbstversuch ist Quatsch, weil die Personen kein Hungermanagment hat, das dem einer Person mit Mindestbudget nahe kommt. Man denkt natürlich auch als arme Person über Qualität nach. Natürlich kauft man lieber ausgesuchte Zutaten und möglichst ausgewogenes Zeug ein – aber wenn man Hunger hat, hat man Hunger und dann passiert etwas im Denken, das sich auf schnell verfügbare Masse, die nach irgendwas schmeckt, konzentriert.

Sich auf den eigenen Selbstwert zu berufen und zu argumentieren, man sei mehr wert als die Tüte Konservierungsstoffe mit Geschmacksverstärkern und angenehmer Konsistenz zu 99 Cent, hält niemand sehr viel länger, als einen Selbstversuche-Zeitraum mit einem selbst bestimmten Anfang und einem jederzeit absehbaren Ende, durch.

Hartz 4 funktioniert nicht so klar begrenzt. Vor allem nicht, wenn man zu den mehrfachdiskriminierten Personen gehört und “einen bezahlten Job finden” ein Synonym für “Sechser im Lotto” ist. Die durchschnittliche Zeit in Hartz 4 sind derzeit 4 Jahre. Tendenz steigend.
Hartz 4 ist eine Akutlösung. Und Akutlösungen sind nie nachhaltig. Nie.
Ein Beispiel:
Das erste Jahr Hartz 4.
Du bist jetzt mehr zu Hause als vorher. Du verbrauchst mehr Strom und heizt nun auch tagsüber. Dir kommt eine Energiekostennachzahlung ins Haus und darauf folgend passiert die erste Ratenzahlung abzüglich deiner Mindestsicherung.
Vielleicht (sehr wahrscheinlich) musstest du gerade noch umziehen, weil dein Wohngeld(zuschuss) nicht ausreichte. Umziehen ist teuer und dabei geht auch noch ein Möbel kaputt. Die Waschmaschine macht seitdem komische Geräusche und irgendwie riecht die Kleidung eklig. Es stellt sich heraus: ein Schimmel zerstört die Fasern – du musst alles ersetzen. Und deine neu bezogene Wohnung von Schimmelsporen befreien, die sich hinter dem Kleiderschrank bereits in aller Pracht zusammentun.
Es beginnt ein Gerangel mit der Wohnungsbaugenossenschaft, wer jetzt den Schimmel entfernen muss und währenddessen haucht die Waschmaschine mit einem heftigen Wasserschaden über die beiden Wohnungen unter deiner, ihr Leben aus.
Du stinkst und fühlst dich permanent unwohl. Deine Wohnung ist ein Quell von Stress, weil du nicht weißt, wie du die Kohle aufbringen sollst, alles auf ein übliches Level zu bringen.

Da du Hartzi bist und dein gesellschaftliches Ansehen irgendwo zwischen 0 und Mitleidsblinddarm im sozialen Gefüge rangiert, bist du aller Wahrscheinlichkeit nach allein mit der ganzen Scheiße. Du hast Stress. Tiefen Überlebensstress, weil deine ganze Situation deinem Neandertalergehirnteil zubrüllt, dass du existenziell gefährdet bist.
Das ist kein Stress, an den du aus deinem Arbeits- oder Schulleben vor ein-zwei Jahren gewöhnt warst und innerhalb dieser Sozialbezüge auch angemessen regulieren konntest. Das ist die Art Stress, die dich krank und hungrig macht.
Und zwar richtig hungrig.
Kohlehydrate-Salz-und-Fett-hungrig. Mehr-ist-mehr-hungrig.
Damit du eine Überlebenschance hast.

Gedanken an sportliche bzw. allgemein außerhäusige Aktivitäten versickern dort, wo die Mitglieds- und/oder Teilnahmebeiträge anfangen und die Ideen um nachhaltige produzierte Lebensmittel erstrecken sich auf die Frage, wie viele Tage 3 Liter Eintopf reichen.
Die Zeit, die man mit Kochen und dem stundenlangen Durchsuchen der Super_Märkte der Umgebung nach günstigen frischen und biologisch angebauten Lebensmitteln verbringen könnte, geht dann doch dafür drauf sich selbst irgendwie bei Verstand und Hoffnung zu halten. Sei es durch Eskapismus in Aktivitäten, die akut kostenlos sind (und ja – das ist dann eben auch Fernsehen, Facebookspiele spielen und was man sonst Hartzis gerne mal als einzige Beschäftigung unterstellt) oder die organisatorische Kompensation der Armutslücken: (Mini)Jobbeschaffung, Kinderbetreuung(sorganisation), Behördenkrempel, Beschaffung nötiger Gegenstände und Güter.

Der Selbstversucher von “Biorama” denkt, er landet im Restaurant, weil er so wenig Zeit zum Kochen hat – nicht etwa, weil er dort landen kann.
Ein Hartzi hat sein Brot mit Thermoskanne im Rucksack oder nimmt sich für 1€ einen Burger von McDonalds mit. Je nachdem was grad geht. Die meisten essen schlicht nie außerhalb. Die haben einfach Hunger bis sie wieder zu Hause sind.

Armut (in Deutschland) bedeutet “mit Geld rangieren” – nicht “kein Geld haben”. Auf Bioprodukte zu verzichten kann den schlichten Grund haben, dass es für weniger Geld mehr Masse gibt und der aktuelle Rangierplan viel Masse braucht.
Ich kenne arme Menschen, die sich bio-vegan-ernähren. Ich kenne arme Familien, wo es über Wochen jeden Tag die 49 Cent-Tütensuppe für die Eltern gab, damit die (Klein)Kinder im Haushalt frisches Obst und Gemüse, aber auch Geburtstagsgeschenke, Schulsachen, Kleidung, Musikunterricht… Bausteine für eine gute Zukunft bekommen konnten. Ich kenne arme Menschen wie mich, die neben der Armut auch noch Essstörungen, Unverträglichkeiten und seelische Belastungen jonglieren müssen.
Nachhaltiger Konsum funktioniert für “die armen Menschen” oft nicht, weil das Hier und Jetzt der Kampf ist, den sie überstehen müssen.
Ein gutes, ökologisch biologisch super mega tolles nachhaltiges Leben konzentriert sich auf ein Morgen, das man erst dann erahnen und planen kann, wenn man nicht mehr um seine Existenz kämpfen muss.

Aber ja – wenn man so wenig darum kämpfen muss, das einem vor lauter Langeweile nichts mehr einfällt, als Konsumselbstversuche zu veranstalten, statt sich aktiv gegen Armut und Benachteiligung armer Menschen einzusetzen, kann man schon mal so einen Quatsch anfangen.
Nachhaltig in Bezug auf den Wunsch nach einer guten Zukunft für alle Menschen ist das nur leider genau nicht.

[tl,dr: Selbstversuche wie #armeLeuteessen möchten bestimmte Menschen(gruppen) motivieren, Konsumentscheidung für sich zu begründen bzw. bestimmte Argumente bestimmter Menschen nicht gelten zu lassen, ohne zu hinterfragen, auf welcher Grundlage welche Entscheidungen getroffen werden. Das ist missachtende Kackscheiße und nicht nachhaltig.]

Autismus und DIS, Die Helfer_Innen und die Hilfe, Innenansichten, Lauf der Dinge

Betreuung

Nur noch 11 ein halb Tage bis zum Termin beim Betreuungsdienst der Wahl.
Getriggert ist inzwischen so ziemlich fast alles und wie Unkraut es so an sich hat, schießt das Zeugs im Kopf in alle Richtungen.

Es ist ein Moloch, den wir da vor uns sehen und das nicht, weil unsere Erfahrungen alle eher so semi bis grotte mit Aspekten von zart glitzerndem Wow waren.
Sondern, weil Betreuungen immer zwischen Kontexten der Wohlfahrt, wahrhaftiger Selbstlosigkeit, des schieren Kapitalismus und Not auf vielen Ebenen passieren.

Auf Flyern lachen die Menschen immer. Oder lächeln. Es gibt gegliederte Texte, frische Farben, samtweißen Hintergrund und fast sind selbst die Paragraphen am Ende der letzten Seite nicht schlimm.
Mit Beginn der Arbeitsgruppe “das Nachwachshaus” und im Verlauf unserer Krise haben wir eine ganze Menge von diesen Flyern angesehen und gelesen. Im Laufe des Jahres und mit zunehmendem Engagement in Sachen “Inklusion als Menschenrecht”, konnten wir uns diese Flyer aber auch mehr und mehr dekodieren und in einen Kontext mit unseren eigenen Wahrnehmungen und Einschätzungen in Bezug auf geschehene Betreuungen (und all die geschehenen Nichtbetreuungen) bringen.

Vor uns kann kein sozialpädagogisch arbeitender Mensch mehr stehen und sagen: “Ja aber…” oder “Was erwartest du denn?” und anderes reflexhaftes Derailing anbringen.
Sorry – not sorry.

So, wie wir lange vor der Krise schon darüber schrieben, dass keine einzige Form der Gewalt, die Menschen anderen Menschen antun, kontextlos passiert, so schreiben wir nun über Betreuungen als einen Aspekt der Gewaltenverteilungen und ihren Aus-Ein-Mit-Wirkmechanismen.
Die Wohlfahrt und ihr gesamtes System gehört zu einem Teil der Gewalt, die Menschen mit Behinderungen/Behinderte, Arme, Kranke, Unterstützungs- und Hilfebedürftige jeden Tag erfahren und gegen den sich zu wehren praktisch unmöglich für sie ist, ohne sich selbst einer sehr existenziellen Gefahr auszusetzen.

Klar könnte ich in eine Kommune irgendwo auf dem Land ziehen und schauen, ob meine Probleme sich von veganer Lebensweise, frischer Luft und absoluter Abschottung vom Rest der Welt verbessern. Für manche Menschen kann das ein Ding sein.
Für mich aber nicht. Und wieso sollte ich als Person, die sowieso schon unglücklich mit dem ständigen Außenseiter_in sein ist, außergerechnet als totale Aussteiger_in glücklich sein?

Um klar zu sein: ich suche keine Hilfen, die weder institutionalisiert sind, noch komplett außerhalb kapitalistischer Kontexte passieren. Wir leben im Kapitalismus und wir leben in einem System, das Strukturen eher anerkennt als fluide Existenzen. Deshalb ist der Mensch allein hier ja so wenig wert.
Aber, ich möchte nicht von Menschen betreut und unterstützt werden, die selbst, (und nicht zuletzt auch wegen der Arbeit an/mit mir) zu Personen werden, die Hilfe und Unterstützung brauchen, um am Leben sein zu können.

Ich möchte das zum Einen nicht, weil ich das für ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit halte und zum Anderen, weil ich mich entwickeln möchte. Vielleicht auch an Beispielen und Vorbildern entlang.
Heimlich ist das ein Wunsch. Okay. Vielleicht ein naiver. Obwohl eigentlich nein. Die Glitzeraspekte von selbst den semihilfreichen Betreuungen, die wir so hatten, waren Menschen, die etwas an sich hatten/haben, das wir (bis heute) nicht verstehen und deshalb zu ergründen versuchen: die mochten uns und wollten uns helfen, weil “einfach so”.

Für uns ist das wie ein Ding, das aus dem Weltraum kommt.
Nicht, weil wir das gar nicht kennen, dass Menschen uns sagen, sie mögen uns – viel mehr, weil die meisten Menschen, die uns sagen, sie würden uns mögen, uns in Wahrheit einfach genau nur so lange mögen, wie ihre Vorstellungen und Erwartungen an uns erfüllt sind.
Wir sind so schlecht darin Erwartungen zu erfüllen. Vor allem, wenn die Menschen nicht einmal reflektieren, dass sie welche an uns haben oder herantragen. Dann merken sie oft nicht einmal, dass wir sie enttäuscht haben – dann merken sie nur, dass wir anstrengend, unverständlich, zeit-nerven-kraft-intensiv im Umgang sind.

Gerade Letzteres tut uns immer wieder weh zu merken. Und auch deshalb sind wir inkompatibel mit ambulantem betreuten Wohnen.
Da heißt es im Hilfeplangespräch, dass man sich in Ruhe um alles kümmert und sich auseinandersetzt und dann macht.
Am Ende sieht die Realität dann so aus, dass die Klientin vor mir einen Amtstermin hatte, der – konnte man ja nicht ahnen – länger dauerte – für mich also bedeutet 20-30 Minuten weniger Zeit mit der betreuenden Person zu haben, weil sie nach mir noch schnell einen Klienten vom Bahnhof drei Dörfer weiter abholen muss und der da ja nun nicht so lange warten soll (was er dann aber doch muss, weil ich nervigerweise vielleicht doch noch ein Problem geklärt haben muss, das schon seit fünf vorherigen Terminen geklärt werden will, die furioserweise alle ähnlich gequetscht und zeitlich ultraeng aussahen).

Klar seufzen Betreuende vor mir auf und sagen mir, dass sie schon viel Zeug heute hatten und grad ne Migräne anrollt und Fußschmerzen und das Auto ist ja auch fast kaputt und so ein langer Tag noch heute…
Na klar tun sie das. Weil sie Menschen sind und keine Maschinen.
Aber die Erwartung ist eine Reaktion von mir.

In meiner letzten ambulanten Betreuung hatte ich den Standartreaktionsspruch auf das “Uff- ist alles ganz schön viel” von meiner ehemaligen Therapeutin kopiert und blindlinks abgespult, während hinter mir natürlich alles durcheinander getriggert herumpurzelte und sich überlegte, wie man die Probleme, die eigentlich in aller Ruhe mit den betreuenden Personen angeguckt werden sollten, selbst klärt.

Ich hab mich dafür geschämt, als ich das gemerkt hab. Ich mag selbst keine vorgefertigten Sätze hören und mache das dann in solchen Situationen.
Warum? Weil ich überfordert bin. Weil ich keine Kraftreserven dafür habe Menschen individuell mit Lautsprache zu berieseln. Weil die soziale Interaktion schon total viel Kraft kostet. Weil sich den Problemen, bei deren Lösung ich Hilfe und/oder Unterstützung brauche, zu stellen Kraft zieht.
Weil es bei meinen Problemen immer und immer wieder um handfeste existenzielle Absicherungen bzw. den Verlust dessen dreht.

Wir haben die ambulante Betreuung verlassen, weil wir gemerkt haben, dass wir diese Kraft nicht mehr aufbringen konnten.
Muss man sich mal überlegen – eine Hilfe ablehnen, weil man keine Kraft für sie hat.
In anderer Menschen Leben würde das bedeuten, sich mehr Hilfen ranzuholen.

Aber dann – mehr Hilfen ranholen. Mehr einfordern, als eine Person, die eh schon immer zu viel ist. Zu viel kognitiver Aufwand. Zu viel Zeit-Kraft-Energiefraß.
Obwohl sie doch auch super alles allein geschafft hat. Weil sie das ja doch gar nicht anders wollte.

Am Ende ist es halt dieser Dreh, der uns vor ein paar Wochen das Genick gebrochen hat.
Die Erkenntnis, dass wir Marathon laufen und eigentlich einen Rollstuhl bräuchten. Das ist ein mieser Schlag in den Bauch und doch irgendwie typisch für unsere Reflektion und permanente Dekonstruktion der Blicke anderer auf uns. Wir sind nicht zimperlich oder die Art Person, die sich die netten Aspekte von Reflektion auf sich herauspickt und die bitteren Stücke liegen lässt.
Wir suchen die bitteren Stücke, weil sie in der Regel wahrhaftiger sind. Schmerz ist ehrlich. Schmerz ist unbestechlich. Schon immer gewesen.
Menschen, die uns weh tun, erleben wir als ehrlicher und sehr viel offener, als Menschen, die immer nur Honig für uns haben.

Leider sind Menschen, die uns weh tun, häufig auch selbstsüchtige Arschlöcher oder von Täter_innenintrojekten angestochene Hörnchen und deshalb nicht besonders geeignet für uns im täglichen Kontakt.

Und damit sind wir wieder bei den dauerlächelnden Prospektgesichtern für Betreuungsanbieter.

Es gibt die Angst in so einer furchtbar netten Umgebung zu landen, in der wir die einzige Person sind, die Kritik übt, Dinge kritisch betrachtet, Negatives auch offen kritisiert.
Es gibt die Angst wieder reinzufallen auf irgendein Lächelgesicht und Versprechen auf entspanntere Aussichten, die dann doch nie kommen.
Und es gibt die Erinnerungen, die heute noch einmal auf einen anderen Boden fallen. Heute turnen teilweise 12-13-14 jährige Innens in unserem (Schul/Bildungs-) Alltag herum  und ich merke, wie wir Rosenblätter anfangen sie zu merken. Was es ausmacht, wenn Worte wie “Es gibt eine Bekleidungspauschale und Verpflegungsgeld…” fallen. Das ist kein Teil unserer Jugend, der verarbeitet ist.

Wir wissen nicht, wie man sich betreuen lässt.
Wir wissen nur, wie es ist betreut zu werden und sich kaputt zu machen, während man versucht die Betreuenden zu entlasten und sie möglichst nicht mit der Hölle in einem drin in Berührung kommen zu lassen.

Wir schauen gerade nach einer Alternative zum stationären Wohnen in einer Wohngruppe.
Also denken wir gerade allen Ernstes darüber nach, uns irgendwie mehr als 4-6 Stunden pro Woche mit Menschen in Kontakt zu bringen. Und zur Berufsschule zu gehen. Gleichzeitig.
Wir.

Like: wirklich wir oder ein frisch aufgekeimter Blob irgendwo am Rande des Temporallappens?
Im Moment fühlt es sich für mich an, wie parasuizidale Ideen. Ernsthaft.

Es fühlt sich an, als würden wir uns mit der Umsetzung dieser Idee von Hilfe und Unterstützung an eine Art Suizid bringen, den keiner außen merken würde, weil wir ja gut versorgt wären und so.
Es ist auch eine ähnlich einsame Entscheidung.

Oder?

Die Helfer_Innen und die Hilfe, Lauf der Dinge

Lebenswert behindert sein

Monica Lierhaus sagte in einem Interview, dass sie heute verschiedene Entscheidungen anders treffen würde, als vor ein paar Jahren noch.
Wäre Frau Lierhaus nicht behindert, würde diese Aussage angehört und wieder vergessen.

Als Person aber, der eine Operation das Weiterleben ermöglichte und als Person, die in der Folge behindert ist, hat sie diese Entscheidung gefälligst nicht (öffentlich) zu bereuen und schon gar nicht hat sie ihr Leben danach als weniger lebenswert zu empfinden, weil das die Öffentlichkeitsarbeit anderer Behinderter untergräbt. So lese ich zumindest den Kommentar von Christiane Link in ihrem Blog.
Frau Link schreibt, dass sie öfter hört, Menschen könnten oder wollten an ihrer Stelle nicht leben und setzt dies in einen, vielleicht richtigen, vielleicht aber doch auch unvollständigen Kontext mit Bewunderung.

Und ich stehe neben diesem Disput und denke darüber nach, wann es denn erlaubt ist zu äußern, dass man sein Leben als behinderte Person nicht als lebenswert empfindet.
Darf man es äußern, wenn man nicht prominent ist? Darf man es äußern, wenn ein kleiner tragbarer Motor das eigene Herz ersetzt und man jede Woche zur Dialyse muss? Oder wenn der fünfte Versuch einer Behandlung mit Psychopharmaka zu massiven körperlichen Veränderungen und emotionaler Schmalspur verholfen hat? Oder einfach nie, weil das Leben so unfassbar kostbar wichtig ist, dass es, ohne jede Reflektion, jeden Preis kosten darf – und muss und soll?

Darf ich, wenn ich äußere, dass ich mein Leben als nicht lebenswert empfinde noch bitte selbst definieren was “Leben” und was “Wert” für mich ist? Darf ich bitte über meine Er-Lebensrealität und ihre Bewortung noch selbst bestimmen und nicht andere Menschen?
Darf in einer Zeitung auch mal eine beschissene Selbstansicht von Behinderten über sich selbst und ihr Leben stehen?

Warum ist es so wichtig, aus einer Behinderung etwas zu machen, was tragbar ist und, was das eigene Leben ja eigentlich nicht dann doch nicht behindert oder beeinflusst?
Manchmal ist sie das eben nicht.
Manche Barrieren und (Vor-) Urteile in Bezug auf das Leben mit Behinderungen gibt es auch im Kopf der Behinderten selbst und Interviews, wie das von Frau Lierhaus und auch der Text von Frau Link – genau wie meiner hier – tragen dazu bei, sie sichtbar zu machen.

Ich habe die abfällige Bezeichung “die Sonnenscheinbehinderten” für Menschen, die sich öffentlich ausschließlich so äußern, als wäre ihre Behinderung bzw. ihre chronische Erkrankung eigentlich gar nicht so schlimm. Und eigentlich auch gar kein Problem. Nie und nirgends und wenn doch: nicht lange und schon gar nicht unaushaltbar.
Für mich ist es so, dass ich mir an der Stelle denke: “Ah, okay cool – schön für diese Personen. Schade, dass ich es nicht auch so einstufen/erleben kann.”.
Was in etwa der gleiche Gedanke ist, wie ich ihn habe, wenn ich von hochbegabten Kindern in umfänglichen Förderprogrammen höre; von traumatisierten Menschen erfahre, die austherapiert mit ihrer selbstgegründeten Familie und halbwegs gesichertem Leben in den Sonnenuntergang schauen und von Menschen, die ihre Depressionen mit einer Tablette täglich als erträglich empfinden können.

Ich frage mich, was an mir falsch ist, dass ich nichts davon auch habe. Nicht mal nah dran bin.
Ich frage mich, was ich übersehe, welche Energie ich wo falsch hinpumpe, dass ich das nicht habe.
Ich schaue in unsere Gesellschaft und frage mich, was läuft da falsch, dass ich mich nicht glücklich optimieren kann– wo ist denn dieser verdammte Sonnenschein, der andere Behinderte in die Fernsehkamera lächeln lässt?!

Und was genau ist eigentlich der Lebenswert von dem da dauernd gesprochen wird? Wenn Leben so preislos anzunehmen ist – braucht es dann noch eine zusätzliche Aufladung mit Wert? Steht Leben dann nicht eigentlich absolut darüber und sollte gar nicht erst in einer Wortkombination mit “wert” erscheinen?

Mein Leben ist nicht wertvoll für mich und das habe ich schon 9 Jahren verstanden.
Man kann mich im Kopf erneut zum Opfer von Gewalt machen und sagen, in meinem Lebensumfeld hätte ich ja auch keinen Anlass gehabt davon auszugehen, dass das anders ist. Man kann mir aber auch glauben, dass ich durchaus auch von Menschen umgeben war, die mir vermittelt haben, dass es okay ist, dass es mich gibt.
Man darf mir auch zuhören und verstehen, dass es nicht andere Menschen sind, die mir definieren, was mir mein Leben wertvoll oder auch “lebenswert” macht.

Leben ist einfach, für mich. Leben will nichts und Leben braucht nichts. Es ist einfach nur da. Und, ob man sich damit verbindet oder nicht und wie man es für sich be_wert_et oder füllt, liegt an den Personen selbst und dem Umfeld, in dem sie leben.

Für den Lauf der Dinge (das Leben) ist es irrelevant, ob es mich gibt oder nicht.

Ich sehe mein Er-Leben nicht als wertvoll geschätzt für diese Gesellschaft. Ich werde als Person genauso weder gewollt noch gebraucht, wie ich einfach mit Lebensbewertungs-und –dankbarkeitszwang überfordert werde.
Ich bereue keinen einzigen meiner Suizidversuche, weil ich keine Schuld empfinde, etwas von mir zu nehmen, um das ich nicht gebeten habe.
Ich bewerte Dinge und Prozesse, die sind, nicht.
Entsprechend ist mein Leben für mich auch nicht lebens_wert, sondern lebbar, genau wie es nicht lebbar ist.
Diese Einordnung und ihre Definition, erlebe ich auch als Teil meines Lebens und meines Entwicklungsprozesses. Als etwas, was der Umstand zu leben eben auch impliziert.

Am Leben zu sein, bedeutet von einer Option definiert zu sein, die als einzige wirklich bedingungslos ist und in ihrer Entstehung unbeeinflussbar war.
Niemand kann etwas dafür geboren worden zu sein. Niemand kann sich dafür entscheiden geboren zu werden oder eben nicht.
Aber jede Person kann sich entscheiden, ob sie am Leben bleiben will oder nicht und wenn ja, wie sie das für sich bewertet.

Ich verstehe, dass es anstrengend und nervig ist, Menschen zu sagen, dass man das eigene Leben mit einer Behinderung nicht als Last oder Leidensquelle empfindet.
Doch meine Last daran, Menschen immer wieder klar machen zu müssen, dass es mir trotz viel psychiatrischer und psychotherapeutischer Hilfen und trotz viel beachtetem Potenzial in mir, eine Leidensquelle ist, eben doch nicht zu sein (und niemals werden zu können), wie Menschen, die diese Hilfen nicht brauchen um ihre Verbindung mit dem Leben auszuhalten und damit umzugehen, die wird genau in dem Moment ausgeblendet und zum Bedrohungsfaktor erklärt, wenn der Anspruch an alle heißt, niemals zu äußern, dass man sein Leben als nicht lebenswert empfindet.

Was ist das für ein mieser Schuldspruch, bei einer gesellschaftlichen und juristischen Sachlage, wie der, die wir aktuell in Deutschland und im Rest der Welt vorfinden? Was ist das für ein Anspruch auch an die Behinderten selbst, die jeden Unterstützungs- und Hilfebedarf über Nichtbehinderte definiert erfahren und daran nie eine Kritik äußern können, ohne ein bestimmtes (überlebenswichtiges) Anpassungslevel zu verlassen?

Wenn es heute noch Meinungen gibt, die besagen, das Leben von Behinderten wäre eine Last oder Behinderte sollten besser nicht leben, dann gibt es diese Meinungen zu allerletzt, weil Behinderte sich öffentlich zu ihrer Er-Lebensrealität äußern.
Menschen mit Behinderungen werden gehasst, ausgegrenzt, verachtet und zur Belastung erklärt, weil man es kann. Weil es dafür gesellschaftliche, wie bürokratische Strukturen und kulturelle Praxen gibt.
Um daran etwas zu ändern, braucht es Sichtbarkeit. Braucht es Ehrlichkeit. Braucht es Verstehen und Annahme von Unterschiedlichkeit.

Auch dann, wenn es anstrengend wird und eben nicht mehr nur der unproblematische Sonnenschein betont werden kann, der denen, die sich autark so weit selbst optimieren können, dass sie sich zur Norm erheben können, vermittelt es gäbe keine Unterschiede, wo doch permanent welche gemacht werden (müssen).

Lauf der Dinge

habt ihr* ein “und dann”?

Mit kommts vor, als würde der sogenannte “erweiterte Suizid” (der meiner Ansicht nach, eine andere Bezeichnung braucht) eines weißen Mannes den Rahmen der Ignoranz und Vermeidung erweitern, je ferner sich die vermeidungswilligen Ignorant_innen wähnen.
Da schaue ich auf ein Wandtattoo, das ich mit meiner Kotze dran nicht abstoßender finden könnte – neben jedem Verständnis für die Gefühle der Trauernden, die sich von so einem Produkt tatsächlich getröstet fühlen.
Da schaue ich auf die Presse, die ich mich, nach diesem Totalausfall auf breiter Front, immer weniger als “Medien” zu bezeichnen in der Lage sehe.

Und ich schaue in meine kleine Filterbubble und bemerke Wiederholungen, statt alternativer Schritte.

Das Unglück Der massenmedial aufbereitete sogenannte “erweiterte Suizid” eines weißen Mannes ist ein aktueller Aufhänger – ich bin mir bewusst, dass es als Derailing gelesen werden kann (und wird), wenn ich jetzt nicht auch mit in das Horn “Hört auf ‘psychisch Kranke’ zu entschuldigen” oder “Die Berichterstattung ist ableistisch!!1!!1!!1” oder “KACKSCHEIßE IN DER BILD” oder “Die Gesellschaft ist…” reinpuste, weils einfach immer gut kommt und ja oft genug auch leider immer noch radikaler und politischer rüberkommt, als das, was man so von anderen Personen wahrnimmt. Meiner Ansicht nach, ist vieles von dem, was in diese Hörner gepustet wird, das eigentliche Derailing.

In dem, was ich im Moment wahrnehme, geht es darum, was als gegeben betrachtet wird und wie darüber gesprochen wird.
Nach den Protesten in Ferguson und dem Hashtag #BlackLivesMatter habe ich noch einmal viel umfassender verstanden, was internalisierter Hass bedeutet. Dort im Komplex des Rassismus.

So kommt es zum Beispiel, dass schwarze Personen, die eine Straftat begangen haben, in den meisten Fällen anders bezeichnet bzw. beschrieben werden, als weiße. So wird eine schwarze Person, die mehrere hundert Menschen in einem öffentlichen Gebäude erschossen hat zum “Massenmörder aus niederen Beweg.Gründen” oder direkt ein “Terrorist”, während eine weiße Person in der Regel als “psychisch krank” (und ergo nicht ganz bei sich/in einem Ausnahmezustand befindlich und ganz am Ende: nur bedingt verantwortlich für seine Handlungen) bezeichnet.

Ich achte inzwischen sehr aufmerksam darauf, wie viel internalisierter Rassismus, aber auch Ableismus, (Trans-)Misogynie, und nicht zuletzt etwas, dass ich für mich bis jetzt als “gesellschaftlich pseudokonsenuale Vermeidungstänze” bezeichne, in Zeitungen und anderen Medien, über die mir Informationen bereit gestellt werden, auftauchen.
So könnte ich jeden Tag einen Tweet nach dem anderen verfassen und immer wieder mit dem Finger auf etwas draufzeigen und herumpieksen. Und das würde rewarded ohne Ende. Die gefühlten tausend Watch-Accounts bei Twitter, die Sammeltumblr’s, die Blogs, in denen ein Artikel nach dem anderen nichts weiter tut, als die Beweise für perpetuierte Diskriminierungen und andere Formen von Gewalt, die Menschen ganz alltäglich anderen Menschen antun, zu sammeln, senden mir zumindest dieses Signal. Ich glaube nicht, dass sich jemand diese Arbeit macht, wenn er/sie/* keine positive Rückmeldung von irgendjemandem erhielte oder sich davon erhofft.

Ich bin unzufrieden damit. Kann sein, dass das alles ist, was man tun kann. Ja.
Kann sein, dass diese Watch-Kultur dazu führt, dass die Sichtbarkeit dieser Gewalt zunimmt.
Kann sein – ist ganz sicher auch an vielen Stellen so – aber ich frage mich zunehmend, was dann passieren soll und fühle mich allein mit diesem Gedanken.

Was ist, wenn die Menschen erkennen, dass Menschen gefährliche Tiere sind? Was tun wir, wir alle – alle die es uns gibt und die auf diesem Planeten herumkrauchen – wenn wir in der Lage sind, anzuerkennen, dass es für manche Gewalt, die wir uns – sei es ganz alltägliche, wie der frauenfeindliche Witz oder die rassistische Karikatur, oder ganz extrem ungewöhnliche, wie ein sogenannter „erweiterter Suizid“ mit einem Flugzeug oder dem Umsichschießen in einer Schule – antun, keinen anderen Grund, als die Entscheidung einer einzelnen (dazu privilegierten) Person allein, gibt?

Ich bin die Letzte die Pathologisierungskritik ablehnt – bitte bitte immer her damit – es gibt noch viel zu wenig davon! – aber: Wisst ihr*, was ihr an Stelle dessen haben wollt? Ist klar, was mit der Auflösung von Pathologie – von am Ende immer: Hass (Ablehnung/Abgrenzung) – einhergeht?

Ich frage mich wirklich, wie Menschen, deren gesamtes Weltbild auf der Abgrenzung, der Entfremdung und Entfernung von sich selbst, wie auch seiner Umwelt basiert, sich zu verhalten und miteinander umzugehen gedenken, wenn sie sich selbst definieren müssten. Wenn sie keinen Unterschied mehr zwischen sich und anderen Personen machen können, weil ihre Handlungen unterschiedliche Bewertungen erfahren und ergo in die Ver-Wertungslogik gesellschaftlicher Privilegierung fließen.

Was wollt ihr machen, wenn ihr feststellt, dass Menschen eine Macht haben, die ihnen erst dann klar ist, wenn sie andere Menschen unterdrücken?
Wie wollt ihr diese Dynamik verhindern? Und wieso?
Was ist, wenn es sichtbar ist für alle – aber niemand verhindert die weitere Anwendung, weil sie ganz natürlich zum Menschsein dazugehört?

Was ist, wenn ihr mir glauben müsst, wenn ich euch sage, dass Menschen und ihre Entscheidungen das Gefährlichste sind, was dieser Planet für euer Leben zu bieten hat?

Ist doch viel beruhigender sich zu sagen: “Ach, die Rosenblatt ist ja krank…(nicht wie ich)”, oder etwa nicht?
Wann kommt der Punkt, an man auch anerkannt werden kann, was als Vorteil von Pathologie, von Ab- und Ausgrenzungen jeder Art für wen und wann genau wichtig und unter Umständen genauso lebensrettend, wahrgenommen wird?

Oder mag dieser Punkt vielleicht gar nicht kommen, weil er so unfassbar komplex und schwierig ist und ja eigentlich alles okay ist, wenn man vorm Fernseher sitzt mit Chips und Bionade?

Niemand muss sich persönlich von diesem Artikel angesprochen fühlen. Diese Gedanken kreiseln in mir schon seit einer Weile und haben keinen wirklichen einzelnen Ursprung in einem Posting, Tweet, Tumblr etc.
Ich bin auf der Suche nach Wegen und Möglichkeiten, anderen Menschen keine Gewalt mehr anzutun, ohne aber verleugnen oder bewerten zu müssen, dass Gewalt ein allgegenwärtiges Ding ist, das unser aller Leben definiert und strukturiert.
Vielleicht bin ich damit allein, vielleicht aber auch nicht.

Es gibt einfach diese Spitzen von Momenten wie diesem jetzt gerade, wo ich einen Artikel schreibe, statt Flashbacks zuzulassen, die mir das Bewusstsein an die Brutalität, den Sadismus, die Ignoranz, die Lust an der Ohnmacht anderer Menschen so nah sein lässt, dass es kein Entrinnen daraus gibt.

Es gibt diese Spitzen, in denen ich denke: „Ich habe die Menschen gesehen und ich habe sie ausgehalten und ihre Taten überlebt.
Und weil ihr diese solche Taten und das Bewusstsein darum nicht aushalten wollt (weil ihr so privilegiert seid, euch darüber entscheiden zu können), entscheidet ihr euch für Pathologie, Ab- und Ausgrenzung. Weil das aber genau der Mechanismus von Gewalt, ist, den ihr bei zum Beispiel rassistisch oder (trans-) misogyn agierenden Menschen ablehnt, entscheidet ihr euch für eine Kritik daran, die kein “und dann” kennt oder Alternativen eine Grundlage gibt.“

Es gibt diese Spitzen, in denen ich mich von euch abgrenze, eure Gedanken und Kritiken bewerte, euch darin kritisiere und nicht weiß, ob die Abwesenheit eines schlechten Gewissens diesbezüglich nicht doch schon der Beginn der Gewalt ist, die ich selbst kritisiere bis ablehne.

Es gibt diese Spitzen, in denen ich gern von einem möglichen “und dann” wüsste, um mir selbst den Weg aus der Gewalt heraus ermöglichen zu können.

(* ich weiß nicht, wen ich genau mit “Ihr” meine – es steht hier als “alle außer mir” und ist als unbestimmt zu lesen)

Lauf der Dinge

das Pinkprivileg

feminismfuckyeahIch wollte eine rosa Brille und meine Zahnspange sollte pink sein. Mit Glitzer drin.
Meiner erster Schulranzen war in einem dunklen Lila gehalten. Ich glaube, da waren auch grüne Drachen mit drauf.
Ich mag und mochte “Mädchensachen”, wie Barbies oder auch meine Baby Born Puppe. Hätte es damals schon Lego in Pink gegeben, hätte ich darum gebettelt.
Ich weiß nicht, ob rosa und pink damals schon abgewertet wurde, wie ich das heute wahrnehme. Hat sich Anfang der 90 er Jahre auch schon eine Bewegung  gegen die “Pinkifizierung” ausgesprochen?

Heute kann ich pinke Kleidung nicht kaufen, weil sie für meine Augen oft zu grell ist. Mal ein rosa Rock? Gibts nicht- aber, es gibt grell pinke, eng anliegende Miniröcke, die mir viel zu viel Selbstbewusstsein abverlangen, als dass ich sie tragen könnte.
Mal ein Shirt in Pink- vielleicht mit einer schillernden Eule drauf? Gibts nicht mit langen Ärmeln und Rundhalsauschnitt- aber mit Ausschnitten bis zum Sternum und trägerlos auf jeden Fall.

Wer Rosa mag, gilt als weiblich (steckt man in einem biologisch als männlich normierten Körper: “weibisch”) und diese Weiblichkeit wird über die Form der Konsumgüterwahl einer Wertung zugeführt, weil sich diese heute nicht mehr am Geschmack sondern immer mehr an patriarchal binärer Geschlechternorm orientiert.
Slutshaming, Fatshaming, alle möglichen anderen Arten von Shaming passieren Frauen* oft und werden an ihrem Erscheinungsbild gerechtfertigt.
Pink/Rosa gilt hierbei als eine Art Verstärkung, als “rosa Licht” sozusagen.

In meinem Bullergeddo sehe ich auch Klassenunterschiede am „Grad der Pinkheit“ der Kinder. Je pinker und greller, desto höher der Plastikanteil dessen, womit sich die Kinder umgeben und desto mehr Diskriminierungsachsen sind erfüllt (Rasse, Klasse). Kinder (Mädchen) mit Eltern, die in Lohnarbeitsverhältnissen stehen und weiß sind, sind tatsächlich eher in rosa, als in pink gekleidet und haben noch eher ein allgemeines “bunt” im Kleider- und Spielzeugschrank.
Mädchen und Jung(-e)Frauen*, die bereis wegen rassistischer Stereotypen und mittelständischer Angst-vor-dem-Abstieg- Ablehnung abgewertet werden, werden heute über die Kleidung, die sie entsprechend ihrer Ressourcen erstehen (und das ist bei KiK und Co eben knallgrellpink- und nicht zartpastellrosa) können, erneut abgewertet.

Ob die Kinder die Farbe vielleicht einfach so mögen, ob mit der Farbe “Rosa”/ “Pink” schöne und angenehme Assoziationen verknüpft sind, ist dem Auge der Bewertung egal.
Es hat was mit „Mädchen“ und „Weiblichkeit“ zu tun – Ih ba ba!

Wer stellt sich der Frage, ob es vielleicht grundlegend egal ist, welche Farbe Mädchen* und Jungen* mögen, weil die Verknüpfung des Pink bzw. des Blau bereits in allem, was uns umgibt, ein fester Bestandteil unserer gesellschaftlichen Be- und damit auch Abwertungsmaßstäbe ist?
Ich mochte immer “Mädchensachen” obwohl ich mich selbst nie als “Mädchen” sah. Ich laufe heute in tradionell femininer Kleidung herum, würde mir aber nicht das Label “Frau” oder “Femme” geben. Ich mag diese Kleidung einfach und fühle mich darin wohl.

Mein früheres soziales Umfeld wertete diese meine “Verweiblichung” durch meinen Entschluss zum Rock und gegen die Hose, negativ. Zum Einen, weil ich religiöse Gründe angab und damit in den Augen dieser Menschen, zusätzlich ein Abhandengekommen sein meiner Fähigkeiten klar durchdachte Entscheidungen treffen zu können und zum Anderen, weil Weiblichkeit – je offensichtlicher, desto mehr, mit Unfreiheit durch Kinder, Haushalt und die Abwesenheit einer Karriere bzw. Erfolg in der Karriere verknüpft ist.

Als ich mich noch etwas später in diesem Kreis (der aus beruflich erfolgreichen Singlefrauen zwischen 30 und 40 Jahren bestand) als Feministin markierte, lief das Fass der erfüllten Vorurteile über und ergoss sich über mich. Mir wurde klar, dass es bei ihnen kein Wissen über feministische Theorie gab und das nicht zuletzt deshalb, weil Feminismus von Frauen* für Frauen* gemacht und gedacht wird.
In ihren Köpfen gibt es das Bild der “hysterischen Emanze, die Männer kastrieren wollen, weil diese von Natur aus alles besser können”.
Dass ich noch nie in irgendeiner Form Männer bzw. Männlichkeit abgewertet hatte, geschweige denn Weiblichkeit als überlegene Kraft bezeichnete, spielte für diese Menschen keine Rolle.

Ich hatte durch meinen Rock, meine Religion, meine Auseinandersetzung mit feministischem Gedankengut und nicht zuletzt vielleicht auch meinem überwiegend lesbischen Begehren, vermutlich alles getan, was es brauchte, um von ihnen als “unfreie, schwache, niedere, wertlose Frau, die kritisiert, weil sie sies nicht besser geschissen kriegt” gesehen zu werden.
Diese Menschen sehen die Abwertung darin nicht. Für sie ist das Fakt und ich bin durch meine Position nicht diejenige, die ihnen etwas darüber erzählen darf.

Menschen wie sie, schenken Mädchen zur Geburt rosa und rot, um ihnen eine Möglichkeit zur Positionierung in Bezug auf das eigene Geschlecht zu geben, genauso wie sie Jungen lieber mit Technik und Handwerk konfrontieren, als mit süßen Tierkindern. “Adultismus” (die Diskriminierung des Kindes) sehen sie als ihre Pflicht, egal, ob die Kinder so neben vielleicht tatsächlich vorhandenen Positionierungshilfen, auch Abwertungsverknüpfungen darlegen und ihnen individuelle Neigungen absprechen bzw. bestehende Neigungen umlenken.
Sie schenken ihnen keine rosa/pinken bzw. blauen Sachen, weil die Kinder darum bitten, sondern, weil Jungs in pink die Abwertung erfahren, die Mädchen ihr ganzes Leben erfahren und, weil Mädchen gefälligst immer als Mädchen erkannt werden sollen.
Vielleicht – vielleicht – damit klar ist, wen manN berechtigt abwertet, und wen nicht.

Selbst die Organisation “PinkStinks”, die sich den Kampf gegen die Limitierung von Geschlechterstereotypen auf die Fahne geschrieben hat, schafft es nicht ohne die Abwertung von Weiblichkeit aktiv zu sein. Dabei müsste doch gerade Stevie Schmiedel klar sein, dass sie, würde sie ausschließlich von Frauen* unterstützt werden (und ausschließlich diese fördern) weitaus weniger Erfolg hätte mit ihrem Vorhaben.
Doch soweit ist der Blick offenbar noch nicht. Auch bei “PinkStinks” heißt es, dass man Männer* nicht unterdrücken dürfe. Als wäre im Patriarchat, das wir leben, überhaupt so etwas wie Unterdrückung der Männlichkeit möglich.
Aber “Pink stinkt!” rufen geht. Kindern und Kinderversorgenden abzusprechen, dass sie in der Lage sind Rollenbilder zu erkennen und trotzdem die Farben pink/rosa bzw. blau wählen, weil sie sie einfach mögen, auch.

Einfach, weil das immer geht.
Pink darf man abwerten. Weil manN Frauen* abwerten darf.

Vielleicht aber, heißt es auch nur “Pink stinkt”, weil Jungen* eben nicht über das “Privileg Pink” verfügen können, ohne die Abwertung von Weiblichkeit zu erfahren.
Wenn ich mir heute einen pinklila Feengarten anlege, werde ich vielleicht als ein bisschen infantil, kindisch oder Kitsch liebend betrachtet, vielleicht denkt man an “das Mädchen in der Frau”. Würde ein junger Mann* so einen Feengarten anlegen wäre das, wenn nicht sofort pervers (im Sinne von “welches kleine Mädchen willst du in deine dreckigen Finger locken?!”) so doch mindestens “irgendwie nicht ganz normal”.

So wäre die Organisation “PinkStinks” das, was in meiner Bubble “Maskuscheiße” heißt, weil sie nicht das Ende der Abwertung von Weiblichkeit im Fokus hat (was ein auch feministisch unterstützenswertes Unterfangen wäre) sondern eine Erweiterung, der bereits jetzt im Überfluss bestehendenden Privilegien, die mit Männlichkeit verknüpft sind.

Neulich hatte ich den Gedanken, dass ich glücklich darüber bin, dass Glitzerkram offenbar bis heute als etwas gilt, das alle Geschlechter gleich benutzen können.
Sowohl die Auf- als auch die Abwertung von Glitzer auf Kleidung, im Haar, im Gesicht, im Essen (ja geht- für euch getestet) ist immer die Gleiche.
Glitzer ist zauberhaft, mysterös, schillernd auffällig, einfach schön um der Schönheit Willen.

Am Ende meiner Glitzergedanken, dachte ich, dass die Schönheit, das Angenehme und Wohlige, Gefühle von Geborgenheit, Bedürfnisbefriedigung… dieses tiefe Gefühl von Sattheit, viel zu selten thematisiert wird. Auch und gerade dann, wenn es um das Spannungsfeld “Kapitalismus” (und damit auch: “Klassismus” und damit wiederum „Rassismus“) und “Gender”  (und damit Identitätsfindung, Identitätswahrnehmung, das Leben der eigenen Identität, die uralte Frage, was “Identität”/ was “geschlechtliche Identität” eigentlich ist, sowie alle Diskriminierungen, die am Genderlabel hängen) geht.

Hinter gegenderten Chips steht nicht der Gedanke: “Frauen haben einen anderen Geschmack als Männer”, sondern “2 Produkte = doppelter Gewinn”, die Umwandlung zur Trennung und reduzierenden Zweiteilung von Geschlecht kommt aus unserer patriarchalen und kapitalistischen Gesellschaft, in der niemals alle gleichsam satt, glücklich und zufrieden sein dürfen, weil es sonst keinen oder weniger Konsum geben würde.
Wer heute nicht gegendert Chips futtert, der konsumiert eben die Kritik an diesen Produkten und unterstützt damit unter Umständen die Sicherung von Einzelpersonen, die eben geblickt haben, dass man mit der Kritik an solchen Werbe- und Verkaufsstrategien, zu Fördergeldern, Spenden und jeder Menge sozialer Sicherung kommt und genau deshalb unterm Strich auch gar nicht mehr an einer Auflösung bestehender Be- und Abwertungsmechanismen interessiert sein können.

Es ist ein Privileg Kritik annehmen und umsetzen zu können. Die Stärke auf eine Sicherung (Sattheit), wie man sie bereits kennt und wie man sie bequem erreichen kann, zu verzichten, manifestiert sich in unserer Gesellschaft an Umständen, die in selbiger Gesellschaft unsichtbar gemacht und abgewertet werden.

Einmal mehr dachte ich, dass Mut zur Bereitschaft zu Verzicht auf altbekannte Sicherungsmechanismen der Hauptgrund dafür ist, dass Pink/Rosa eben nicht “einfach nur eine Farbe ist”.

Als Körperkind wollte ich pinke Sachen haben, weil ich wusste, dass Jungen* sie mir nicht wegnehmen. Weil ich wusste, dass ich sie ausschließlich mit meinen Freundinnen* teilen könnte. Für mich steht die Farbe Pink und Rosa bis heute für Räume, in denen ich und meine Weiblichkeit erwünscht und in Ordnung sind, egal ob ich mich wirklich als „typisch weiblich“ oder nicht, wahrnehme.

Das ist das Pinkprivileg, das ich nicht zu Gunsten einer vermeintlichen Geschlechtergerechtigkeit abgeben will.

Lauf der Dinge

böse Mädchen

Malve3 Ich habe über “böse Mädchen” und “fehlende Opfersolidarität” nachgedacht.

Ich lese gerade eine Sammlung von Texten zur Frauenbewegung von 1887 und beobachte (und belächle) Parallelen, die sich mir dabei aufdrängen.
Es geht dabei viel um “du bist FeministIn- du MUSST das doch auch so sehen- das MUSS doch auch dein Ziel sein…” – es geht um den Wunsch/ die Forderung nach Solidarität (Loyalität) zueinander, wenn man das gleiche Ziel hat.

Letztlich scheint es ein grundlegendes Bewegungsproblem zu sein, die Gleichheit von Welt- und Meinungsbild als Grundlage für Loyalität und diese wiederum als Alleinstellungsmerkmal von Solidarität zu betrachten. Wird diese Gleichheit nicht gesehen bzw. anerkannt (oft genug ist sie grundsätzlich ja da, wird aber aufgrund diverser *ismen und ihren begleitenden (Fehl)Schlüssen als nicht geltend gelabelt), wird fast reflexhaft exkludiert.

Das Traurige dabei ist, dass das Ziel der Bewegung in aller Regel eines ist, das aufgrund verschiedener *ismen entstandene (und aufgrund verschiedener *ismen auch nur bestimmten Gruppen so sichtbare und/ oder erlebbare) Miss- Um- stände verändern möchte, doch zeitgleich wiederum in der Bemühung möglichst niederschwellig und „massekompatibel“ zu agieren, diverse (wenn auch andere) *ismen verwendet und in der Folge produziert, was *ismen eben so produzieren: Machtgefälle (Gewalten).
So kann keine 100%ige Loyalität erwartet werden, wenn eine Bewegung gesamtgesellschaftliche Veränderungen anstrebt.

Mir ist wieder eingefallen, was mir einen bitteren Geschmack in den Mund spülte, als ich die Phrase “fehlende Opfersolidarität- also da müssen wir auch hingucken” hörte.
Ich hörte sie nämlich nicht von einem Menschen, der einmal zum Opfer wurde und als solcher sprach, sondern von einer Psychotherapeutin, die eventuell vielleicht einmal zum Opfer wurde, aber als Psychotherapeutin redete, die statt des anderen Menschen davon sprach und von sich dachte/ denkt, sie würde für Menschen, wie den der einmal zum Opfer wurde, sprechen.

Ich hatte mich direkt in dem Moment flüchtig gefragt, ob es bereits “fehlende Opfersolidarität” sei, würde ich (als ehemaliges Opfer und auch offen so auftretend) sagen, dass ich nicht will, dass Menschen von “uns Opfern”, die wir überhaupt keine einheitliche Masse sind, untereinander Solidarität fordern, die selbst in der Verteilung ihrer Solidarität gar nicht hinterfragt werden (dürfen), weil es direkte, wie indirekte Abhängigkeiten von ihnen gibt.
Ich fragte mich, ob es als ein Loyalitätsbruch am gemeinsamen Ziel gelten würde, würde ich verlangen, dass alle FürsprecherInnen einmal bitte immer wieder überprüfen, ob sie in all ihrer Fürsprache, nicht vielleicht doch hier und da eine sehr ausführliche “statt der zu Opfern gewordenen Menschen – Sprache” praktizieren.

In den frühen feministischen Texten, die ich lese, ist ebenfalls eine ausgeprägte “statt- Sprache” zu finden, wie wir sie auch heute noch beim Kaptialfeminismus der A. Schwarzer und dem jüngeren Patriarchatsreproduktionsaktionismus mit Feminismussticker “Pink Stinks” erleben.
Wer eine eigene feministische Haltung und Entwicklungsgeschichte einbringen und mit gewichtet, mitbeachtet sehen will, wird als BewegungszerstörerInnen* markiert und in unzähligen Vorträgen als Negativbeispiel oder “bockiger Widerstand” dargestellt, ohne auf Inhalte einzugehen und diese reflektierend oder selbstkritisch zu diskutieren.
Im “günstigsten Fall” noch “darf” die exkludierte Gruppe dann zusehen, wie der Einfluss von Widerspruch und Aufklärungsarbeit negiert wird, wenn kritisierte Punkte doch verändert werden. Statt- Sprache ist ein Machtergebnis- selbstverständlich werden unterdrückte Stimmen ergo auch ausgenutzt zum eigenen Vorteil.

Wir erleben es, damals wie heute, dass Klassismus, Rassismus, Lookismus, Ableismus und der *ismus, der gesellschaftliche Positionen aufgrund der individuellen Aktivität bzw. Passivität festlegt, bedingte Begüterung zwar als Diskriminierungsfaktor “derer, für die man ja gerade eine Bewegung macht” gesehen wird, aber nicht als Grund und Grundlage dafür, wer Bewegungen jeder Art– das kann feministische, wie allgemein und global emanzipatorische Bewegungen oder auch nur Teilbereiche innerhalb des bestehenden Systems arbeitende betreffen- wie anführt, organisiert, strukturiert und somit definiert.

Ebenfalls unhinterfragt bleibt die inzwischen fast traditionelle Positionierung als FürsprecherInnen* bzw. ihr Einsatz in Gremien, Vorständen und sonstigen Entscheidungszelebrierungsgruppen.
FürsprecherInnen* bewegen sich ebenfalls in einem Abhängigkeitsverhältnis, von dem sie nur dann profitieren, wenn es jemanden gibt, der sonst nicht gehört wird- und auch nur so lange profitieren, bis diese Menschen auf die Idee kommen sich zu emanzipieren und einfordern selbst für sich sprechen zu dürfen.

Unsere Gesellschaft möchte sich auf den Weg in eine inklusive Gesellschaft machen, doch versäumt es tunlichst, die Mechanismen der Exklusion gänzlich und auch an sich selbst zu hinterfragen.
Irgendwann mal habe ich einen Artikel geschrieben, in dem ich unsere Gesellschafts- und Politikstruktur als monotheistisch entlehntes Modell skizziere, das ganz zwangläufig exkludiert, weil es sich pyramidenartig von unten nach oben zuspitzt (elitär wird).
Das heißt, dass wir alle es als selbstverständlich wahrnehmen exkludiert zu werden bzw. zu exkludieren, weil auf dem Weg nach oben selbstverständlich immer etwas verloren geht, was gerade Minderheiten und bereits Mehrfachdiskriminierte betrifft. So wird nur nach oben gerettet (zusammengestrichen), was der Masse, die sich aller *ismen entsprechend als eine solche artikulieren und einbringen kann, entspricht.
Der Rest hat FürsprecherInnen* bzw. die Möglichkeit Fürsprache zu erhalten, indem er sich auf das Grundgesetz beruft, wonach niemand aufgrund von (nicht ausreichend erfassten) Markern diskriminiert werden darf.
Somit wird klar: das System ist exkludierend (und weiß das auch!)- aber die Reißleine “Grundgesetz” bzw. “Menschenrecht”, soll dafür sorgen, dass es nicht zu schlimm wird.

Emanzipatorische Bewegungen, also Bewegungen, Initiativen, Aktionsbündnisse, die sich von etwas lösen möchten, haben einen hohen Abgrenzungsanspruch und definieren sich an oft (noch) nicht mehrheitlich anerkannten Systemen, Werte- und Normenkonstrukten und/oder sogar völlig neuen Definitionen von bestehenden Systemen, Normen und Werten.
Es gibt in aller Regel kein “so und so ist das”, sondern eine sich stetig und nicht überwiegend von Außen eingebrachte, sondern von innen wahrgenommene Weiterentwicklung, die anhand der eigenen Entwicklungsgeschichte und aller darin entstandenen Denk- und Schlussfolgerungsprozesse konstant nachgezeichnet werden kann.

So manches Mal denke ich “böse Mädchen” und möchte sie alle an mich drücken, wenn ich mir diverse Newsletter, Texte oder Vorträge in den Kopf tue und dort über mangelnden Zusammenhalt innerhalb verschiedener feministischer, aber auch anderer Diskurse in denen es um die Rechte diskriminierter Menschen geht, geklagt wird.
Wer klagen muss, der hat die Diskussion verloren- und damit zwar Grund zur Klage, doch nicht zur Kritik an den in der Diskussion aufgebrachten Punkten. Und schon gar nicht an den Persönlichkeiten der VertreterInnen der DiskutantInnen*partei.

Ich mag “böse Mädchen”, weil sie ihre Solidarität im Bezug zum Thema eben nicht an Personenloyalitäten hängen. Sie sprechen für sich, sie sprechen radikal und sie sprechen, obwohl und manche vielleicht auch weil, sie nichts davon haben, außer die Befriedigung nicht still zu sein, wie andere sie gerne (halten) wollen.
Gerade in Bezug auf emanzipatorische Auseinandersetzungen und Bestrebungen, die sich durch emanzipiertes Auftreten von Diskriminierten verändern würden, halte ich es für unabdingbar eben nicht abhängig von einer einzelnen Person oder einem festgesetzten Personenkreis zu sein- die zwar selbst emanzipiert oder weniger diskriminiert sein mag (und eben deshalb gut was an die Massen bringen kann), doch durch das Nutzen dieser Privilegien in die FürsprecherInnen*rolle geht und damit, ob gewollt oder nicht, die für die sie zu sprechen glaubt, zum Schweigen der Diskriminierten bringt und damit “statt- Sprache” übt.

Statt- wie Für- SprecherInnen*, AktionistInnen* mit Privilegien und sogenannte BewegungsanführerInnen* reproduzieren einen Dualismus, der zu weiteren Ausschlüssen führt.
Menschen, die Bewegungen unterstützen, in denen es diese Gefälle gibt, fallen dem Trugschluss anheim, nur als Masse auch zu Recht zu kommen und versäumen den Schritt in die Systemkritik, die ausschließlich auf der (demokratischen (Fehl-)) Annahme beruht, wonach “die Masse” gleich “alle” ist.
So kann jede Bemühung nur im Sand verlaufen, auslaugen, desillusionieren, verbittern lassen.

Jetzt steht es aber im öffentlichen Raum- das Wort “Inklusion”.
Das ist der Hit, mit dem Wort bekommt man die Bude voll. Eine irgendwie randomly mit Minderheitendiskriminierung in Verbindung stehende VertreterIn* ans RednerInnen*pult und bumms haben wir eine Wiederholung, die die Masse konsumieren kann, ohne sie zur Frage an sich selbst werden zu lassen.
Ich frage mich, warum kaum eine der RednerInnen* (bei den Vorträgen, Texten, Selbstdarstellungen von Vereinen, die ich so mitgenommen habe in der letzten Zeit) sich der Frage stellt: “Warum bin ich hier und rede über die Wichtigkeit von Inklusion- und nicht die, die davon profitieren sollen?”

Ich persönlich glaube, dass wahrhaftig emanzipatorische Bewegungen darauf verzichten können, sich mit dem Thema Inklusion auseinanderzusetzen, weil sie weder exkludieren noch inkludieren. Wer mitgeht, geht mit und wird in seinen Bemühungen von Teilhabe und Teilnahme unterstützt. Es gibt keinen Machtgewinn, wenn man folgt, es gibt keinen Machtverlust, wenn sich die Wege der Auseinandersetzung trennen.

Es geht um die Sache und hätte es nicht immer wieder “böse Mädchen” und “fehlende Opfersolidarität” mit Menschen, die Überlebende nur als Opfer wahrnehmen, gegeben, dann hätte so manch eine Bewegung nicht bis heute überdauert, allem fehlenden Kapital, allem fehlenden Standing in der Gesellschaft zum Trotz.

Die Helfer_Innen und die Hilfe, Lauf der Dinge

es gibt meine Schuld und ich will sie haben

rosenblüte Es gibt kein Wort, keine Wendung, die ich häufiger in meinem Alltag verwende als: “Entschuldigung” und kein häufiger von Abhängigkeit geleitetes Gefühl in mir, als das der Schuld.

Als unsere Welt geplatzt war, gab es diese Botschaft von “Es war nicht deine Schuld”. Ich weiß noch, dass mein erster Impuls einer Entgegnung war: “Doch doch, ich hab ja Mist gemacht. Es war mal meine, aber jetzt ist sie ja bei ihm.”.
Ich weiß noch, dass meine Vorstellung von Schuld damals, als ich noch mitten in der Dynamik von Gewalt war, sehr viel fluider war, als sie es heute ist, wo ich allein Dynamiken von Gewalt aufbauen (und reproduzieren und halten) muss. Ich sehe bis heute das Zentrum von Schuld in mir, bin aber gezwungen sowohl Schulddefinition, als auch Schuldabsolution allein zu erteilen und bin einer Zwickmühle, denn gelernt habe ich ja, sowohl in der Familie, als auch in anderen Kontexten, vor allem, dass ich mal so gar nichts zu definieren habe bzw. aufzuheben, weil [… beliebige Ohnmachtsrolle einsetzen…].
Und dort beginnt die Schwierigkeit im psychotherapeutischen/psychiatrisch-medizinischen Diskurs:

Selbstzerstörung und Selbstbestrafung wird für meine Begriffe oft mit einer “nicht echten” oder “nur eingebildeten” Schuld erklärt, weil es nur einen Punkt der Wirkung gibt und, weil Konzepte der Autonomie generell als “nicht echt”, weil “ja nur für einen Menschen gültig” betrachtet werden.
Das ist der Nährboden für die Pathologisierung von allem, was man wegen sich selbst für sich selbst tut: die Subjektivität auf allen Ebenen, obwohl man sich doch in einer sozialen Gesellschaft befindet, in der die objektive Sicht auf Subjekte allein als alles bestimmend gilt- heißt: Es ist pathologisch, weil Außenstehende nicht involviert sind bzw. sein dürfen – es gilt als krank, weil andere, die keine Rolle darin spielen, nicht mitmachen dürfen.

Das heißt: selbstverständlich erzählen mir alle TherapeutInnen, es sei nicht meine Schuld gewesen, wenn XY passiert ist- denn jede Bestätigung meines Komplexes könnte die Bestätigung von irgendwann mal in mich eingebrachte TäterInnenwillkür oder SadistInnenlogik bedeuten. Ob ich sie vielleicht als meine wahrnehme, und es völlig unerheblich für meine subjektive Schuld- Schulderlassungsdynamik ist, woher das nun kommt, spielt da erst mal keine Rolle.

PsychiaterInnen/PsychologInnen- objektiv betrachtet, spiele ich beendete Kindheitsgewalt (bei der sie weder damals noch heute dabei waren) nach und deshalb ist es krank, falsch, schlecht… und, ob ich mich dann schuldig fühle (weil ich diese Therapie falsch mache, weil ich das ja weder so fühle, noch so wahrnehme und deshalb eh alles eine einzige Lüge ist und böse böse böse und damit wiederum eine Bestätigung für mein Schuldzentrum), muss wiederum in mir drin bleiben, um dann in weiteren Schuldkomplexen seine Schneisen zu brennen bis ich sie irgendwie umgewandelt bekomme.

Ich glaube heute, dass alle unsere “Familientherapie”- sitzungen genau deshalb immer diesen total bekloppten Satz “Wir reden hier nicht über Schuld” hatten.
Denn doch- eigentlich haben wir ausschließlich über Schuld gesprochen, die wir uns reihum wie das Ringlein gereicht haben, weil wir sie alle gebraucht haben. Ich und meine Geschwister brauchten sie, um die Gewalt an sich bzw. die Zeugenschaft der Gewalt aneinander in einen Kontext zu bringen; mein Vater brauchte sie, um sein Handeln zu legitimieren und meine Mutter brauchte sie, um ihre Selbstzerstörung aufrecht zu erhalten.
Was es gebraucht hätte, wäre anzuerkennen, dass wir eine Misshandlungsfamilie waren, die (überlebens)abhängig von Schuld(bindung) war/ist und den Wunsch nach Autarkie von ihr zu wecken. Stattdessen wurde die Familie in Abhängigkeit von psychiatrischer/juristischer Deutungshoheit gebracht und völlig zerfetzt.

Und genau deshalb komme ich bis heute in Druck, wenn mir irgendjemand sagen will, ich hätte keine Schuld oder meine Schuldgefühle, die mir immer wieder hochkriechen wären nicht echt im Sinne von „nicht richtig begründet“: Was wenn nicht Schuld, ist denn sonst bitte die Ursache dafür, dass ich mich so grottenscheiße fühle und wer außer mir, soll das denn bitte objektiv (und damit gesellschaftlich konsensual) belegend bestätigen?

Mein Wunsch ist es, mich schuldig fühlen zu können (zu dürfen) ohne dem Reflex von Gewalt an mir folgen zu müssen, um mir auch autark verzeihen zu können.
Es ist mir egal, warum ich mich für Dinge schuldig fühle, die anderen eher egal sind. Es ist mir egal, warum ich die Dinge bewerte, wie ich sie bewerte- wichtig ist mir die Folge davon.
Ich lebe heute so autonom, wie ich das eben kann und möchte im Laufe des Lebens noch mehr Bereiche meines Lebens autonom tragen- dazu gehört auch, dass ich keine bzw. weniger Gewaltdynamiken (mit anderen Menschen) brauche um Verzeihen bzw. Absolution in mich einbringen zu können.
Das bedeutet auch, dass ich als Grundvoraussetzung meine Schuld haben muss- denn wenn da nichts ist, gibt es nichts zu tragen außer meiner sogenannten Krankheit und damit einhergehend aller Abhängigkeit von dem Kontext, der das so benennt.

Ehrlich gesagt erlebe ich “Es war nicht deine Schuld” heute wie eine Ohrfeige, die mich tiefer und unrettbarer fallen lässt, als jede Prügel früher.
Einfach, weil es von Menschen kommt, die einen Scheiß von meiner Schuld verstehen und vielleicht auch verstehen wollen. Es ist eben leichter über ein sogenanntes Opfer als “nicht schuldig” zu urteilen. Ist ja eh passiv so ein Opfer. Hat ja nix, kann ja nix, wird nix… so ein un_schuldiges Opfer.
Guck wie krank Gewalt macht- dieses Opfer will sogar seine Schuld haben – schlimm, ne?”


Es gibt sie aber, meine Schuld.
Es gibt sie, wie es die Schuld bei den TäterInnen gibt.
Sie steht neben dem Leiden, das ebenfalls nicht nur ich zu tragen und in mein Leben zu integrieren hab.
Von der Gewalt betroffen bin nämlich nicht nur ich, die Geschlagene, sondern auch die, die mich geschlagen haben (nachdem sie selbst als Kind von früher Geschlagenen geschlagen wurden…).