Schlagwort: Leben

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Heute gab es die Frage, wie man es geschafft hat, sich von Täter_innen zu distanzieren.
Ich hab überlegt, ob wir das haben. Und wenn ja, wie.

Wenn es keinen Tag im Leben gibt, in denen diese Leute nicht irgendwie Thema sind – ist dann da Distanz? Irgendwie nicht. Aber irgendwie doch. Denn es geht nie um die Leute, sondern um die Folgen ihres Handelns an uns und deren Auswirkungen auf unser Leben.
Speziell, wenn es um die Herkunftsfamilie geht, geht es vor allem um diese Distanz. Aber schafft das Sprechen über den Wunsch nach Distanz nicht irgendwie auch Nähe? In der Herkunftsfamilie wird sicher nicht jeden Tag über uns und unsere Abwesenheit gesprochen, wohl aber (Achtung jetzt kommt eine Homeproduction aus unserem Hirnkino) werden wir oft als schlechtes Beispiel und Quelle verschiedenster Ungemache beschrieben, wann immer nötig oder schlicht hilfreich.
Wir sind für sie das böse, kranke, fehlgeleitete Mädchen, das wir mit 15/16 sein mussten und werden sicher niemals die erwachsene, weitgehend selbstbestimmte und völlig okaye Person sein, die wir sind.
Gleichzeitig sind die Eltern und Geschwister für uns auch nie gealtert. Wir wissen absolut nichts über sie, haben sie nie anders als denn als Jugendliche_r erlebt.
Das ist doch auch unglaublich viel Distanz.

Ich glaube als Person, die Gewalt in einer Familie oder Partner_innenschaft erlebt, beginnt die Distanzierung oft mit der Erkenntnis, dass etwas schief läuft und, dass eigene Erwartungen regelmäßig enttäuscht werden.
Besonders das ist wichtig für uns gewesen. Erwartungen, die enttäuscht werden.
Denn es ist ja so: verletzt zu werden, passiert. Es ist die Rahmung, die das Bewusstsein und die persönliche Einordnung fördert oder hemmt. Wer verletzt wird und das als logische Konsequenz, g’ttlichen Willen oder natürliche Ordnung erklärt bekommt, muss mit viel mehr von der Welt und dem eigenen Bild davon hadern, als jemand die_r weiß: „Ich wurde verletzt, weil jemand sich dazu entschieden hat, mich zu verletzen.“
Und das ist das Problem. Viele Gewalt.üb.erlebende hadern mit der ganzen Welt und sich selbst als Teil davon, weil sie sich als festen Bestandteil dessen einordnen, was da irgendwie schräg ist. Die Ordnung und damit die Macht bleibt bei denen, die die Gewalt ausüben – um diese Menschen werden feste Grenzen gezogen. Sie werden sowohl als Versuch der Kontrolle über die Gewalt zu erlangen (z.B. durch ständiges Hervorheben von ihren Eigenschaften, Triggerpunkten und Wünschen), als auch als allgemeiner (im Fall von Kindern und Jugendlichen lebenswichtiger) sozialer Bezugspunkt der Macht, quasi ins Leben zementiert.

Es gibt auch Täter_innen, die das gezielt abverlangen und Täter_innen, die erst im Laufe der Gewaltbeziehung verstehen und ausnutzen, dass das passiert. In jedem Fall aber passiert es und für ihre Opfer gibt es nur schmerzhafte Wege da heraus. – Obwohl der Weg da hinein auch schon schmerzhaft war. Das ist die erste enttäuschte Erwartung gewesen, die man sich bewusst machen muss, aber oft nicht kann. Besonders nicht, wenn man als Kind von den eigenen Eltern verletzt wurde. Kinder haben keine andere Wahl, als zu erwarten oder entlang der Erwartung aufzuwachsen, dass sie nicht verletzt werden, weil das jemand so will und sich dafür entscheidet, das zu tun.
So funktionieren wir Menschen. Wir erwarten nicht verletzt zu werden, wenn wir es mit Lebewesen zu tun haben, denen Verletzungen auf die gleiche Art weh tun, wie uns. Das ist eine unglaublich wertvolle Erwartung und sie ist grundgut. Vielleicht der beste Teil an Menschlichkeit, denn darin liegt doch etwas, das ganz wunderbar ist: die Möglichkeit, dass Menschen alle miteinander gut sein könnten, wenn sie wollten.

Wir haben als Jugendliche_r ein Leben gelebt, in dem wir nicht wussten, dass unsere Grundannahmen von zwischenmenschlicher Interaktion und Kommunikation auf autistischer wie dissoziierter Selbst- und Umweltwahrnehmung fußen. Wir wurden ständig enttäuscht. Freund_innen waren eigentlich keine Freund_innen; Was uns gefiel, was wir für wichtig hielten, das war irgendwie nie richtig mit.teilbar. Zeit und Raum, sozialer Kontext, das eigene Wünschen, Wollen und Werden – nichts, aber auch gar nichts davon war für uns  sicher vorhersehbar, erklärbar, kontrollierbar und mit am schlimmsten: irgendwie auch nie „unsers“, aber immer in unserer Verantwortung.

Die Distanz mit der wir in der Herkunftsfamilie gelebt haben, war immer schon groß und sie hat sich in der Pubertät vermutlich einfach nur in einer weiteren Facette gezeigt. Wir haben uns für den Suizid entschieden und das war die Art von Distanz, die für uns nur logisch war. „Alles ist falsch, alles ist schlecht, krank, nicht okay und dann kann man es noch nicht einmal verstehen, weil von allen Seiten unterschiedliche Impulse und Zwänge auf uns einwirken, die in alle Richtungen widersprüchlich sind.“ Uns ist damals der Bezugspunkt verloren gegangen und wir haben auch noch lange danach keine solche Bezüge hergestellt.

Ich erzähle das deshalb, weil ich glaube, dass man sich klar machen muss, wozu oder auch worin man Distanz zu Täter_innen einnehmen möchte.
Wir wollten Distanz zum Unaushaltbaren – das wir in unserem Amlebensein verortet haben und nicht in dem, was uns von anderen Menschen angetan wurde. Für uns war es entsprechend gar nicht so der krasse Akt von der Familie wegzugehen (es war ein krasser Akt – aber eben doch keiner, der mit Tränen, Schuldgefühlen oder schwerer Last auf dem Herzen verbunden war, sondern eher vom Willen getragen bitte nicht so zu sterben, wie es sich damals für uns abzeichnete).
Uns war klar, dass wir bald sterben würden und keine Kontrolle darüber haben würden, würden wir da bleiben. Keine Ahnung, wo das Entitlement zum selbstbestimmten Sterben in der Situation herkam, aber es war da und es hat uns ironischerweise das Leben gerettet. Und es ist die maximale Distanz, die man einnehmen kann ohne irgendetwas zu fordern oder zu wünschen. Man erwartet nur noch das Ende und wenn diese Erwartung enttäuscht wird, dann lebt man weiter, was durch den instinktiven Überlebenstrieb dann gar nicht mal so eine schlimme Enttäuschung ist.

Und ganz ehrlich: Insgesamt nicht ansatzweise so sehr weh tut, wie die Enttäuschung über Eltern, die sich dazu entschieden haben zu verletzen und obendrauf keinerlei Bewusstsein für die Tiefe und die Auswirkungen dafür haben bzw. zeigen.
Und die Enttäuschung der Hoffnung, dass sich das durch irgendetwas verändert, was man selbst tut.
Und die Enttäuschung, dass es Dinge auf der Welt gibt, die so sind. So unveränderbar, so schmerzhaft, so – weit weg vom eigenen Kontrollbereich, obwohl sie doch so nah gehen.

Ich glaube, weil wir uns dieser Enttäuschungen heute bewusst sind, können wir die Distanz einnehmen, aufrecht- aber auch aus_halten, die es braucht, um weitere Verletzungen an uns zu verhindern.
Wir haben eine okaye Routine um Gefühle, die damit zu tun haben, können uns selbst viel erklären und rahmen, was wir fühlen und denken und was Kinder- und jugendliche Innens fühlen und denken – wir können heute ganz andere Erwartungen an uns und die Umwelt entwickeln und ganz unterschiedliche Distanzbedarfe erforschen.
Und auch beobachten, was sich daraus so ergibt.

Aus manchen Distanzbedarfen ergibt sich eine Vermeidungsdynamik, aus anderen wiederum ein Weg in die Gewalt zurück, zum Beispiel wenn Kinderinnens denken, es wäre wichtig, nochmal zu versuchen, sich mit den Eltern lieb zu machen. Daraus ergeben sich Anlässe zu innerem Kontakt, woraus wieder Zugang zu Erinnerungen wird, woraus wieder etwas werden kann, das hilft zu verstehen, was da passiert ist.

Das ist Prozess. Entwicklung.
Wir wollen Prozess. Das ist eine der aktuellen Erwartungen an uns selbst in diesem Leben.
Prozessieren, Verstehen – und dann gucken, was sich daraus entwickelt, was zu prozessieren ist… was verstanden werden muss …
Da wollten wir nicht unbedingt hin und das ist auch nicht der Grund, der uns Kraft für alles gibt, aber es ist nah an uns dran und da wollten wir auf jeden Fall hin.

das „Was würdest du deinem 14jährigen Ich heute sagen?“-Meme

Einige Tage vor meinem 33sten Geburtstag las ich einen Tweet mit der Frage, was man seinem 14 jährigen Ich heute sagen würde. Das hat mich eine Weile umgetrieben, denn ich erinnere mein 14 Jahre alt sein nicht so richtig.
Das war wieder so ein Moment, in dem mir einmal mehr bewusst wurde, dass das etwas ist, was viele andere Menschen so gar nicht haben. Also, so wirklich jetzt.
Und, dass das, was sie als damals vielleicht schwer oder unangenehm oder vielleicht sogar quälend einordnen, für sie eigentlich gar nicht mehr der Rede wert ist. Sie sagen „Pubertät“ und meinen eine schwierige Lebensphase, die nun glücklicherweise hinter ihnen liegt. Viele wollen ihrem 14 jährigen Ich sagen, dass es vorbei geht; dass es besser wird; dass es okay ist; dass es heute nichts mehr bedeutet.

Und ich feiere meinen 33sten Geburtstag und spüre sehr sehr deutlich, dass alles auch heute noch etwas bedeutet. Dass es besser, aber nicht gut ist. Dass es vergangen, aber nicht vorbei ist.

Ich weiß, dass mein 14 jähriges Ich nicht mehr leben will. Dass es sich zum Leben zwingt, weil es noch nicht genug Kraft für den Suizid aufbringen kann. Ich weiß, dass mein 16 jähriges Ich innerhalb von 2 Jahren 3 Mal gehört hat, dass es keine 20 Jahre alt werden wird und das glaubt, weil sein_ihr Leben die Hölle ist, die niemand sieht, niemand versteht, niemand beendet.

Ich weiß, dass ich, dass wir einfach nicht den Abstand zur Gewalt, zum Trauma haben, um die Ebene zu erreichen, von der aus andere Menschen auf sich schauen. Vielleicht ist es auch überhaupt nicht erstrebenswert als Erwachsene_r in die eigene Jugend zu schauen und zu denken, dass das alles in Wahrheit ja eh nur spinnerter Killefitt war, den man viel zu ernst nahm, weil man noch sehr jung war. Aber, es wird nicht so weh tun. Nicht so schwer sein.

Wenn man so lebt und tickt, dann feiert man die eigenen Geburtstage anders.
Da hat man keine Angst davor, ob es okay ist, wenn Menschen gratulieren. Da ist man nicht den ganzen Tag hintergründig damit beschäftigt, sich noch einmal mehr als sonst darin zu versichern, dass es okay ist immer noch zu leben; dass es auch ein Geburtstag ist, wenn Mutti und Vati nicht dabei sind; dass es im Grunde nur bedeutet, dass sich der Tag jährt, an dem man geboren wurde – und weiter nichts. Null. Absolut gar nichts.

Am Ende meines Geburtstages lag ich im Bett und fühlte viel Dankbarkeit der Kinder- und Teenagerinnens. Für den Kuchen, für das Playstation spielen, für die Pizza und die vielen Glückwünsche über Twitter. Meine eigene Dankbarkeit galt dem Umstand, dass wir noch leben. Dank der 14, der 15, 16 17 jährigen Ichs. Mehr hatte ich ihnen, in dem Moment, nicht zu sagen.

die ersten Tage

Ich trete in das Büro ein, kurz nach 12. Um 12 arbeitet sie eigentlich nicht mehr. Sie macht eine Ausnahme. Ich reiße meine Aufmerksamkeit von dem Umstand weg, dass schon wieder eine Ausnahme passiert. Und dann auch noch meinetwegen.
Sie klatscht durch den Raum und prallt an allem ab, was sich seit dem letzten Termin hier verändert hat. Die Stille und die Aufmerksamkeit der Standesbeamtin quetschen sich in meine Wahrnehmung, ich sage auf einen neuen Zettel deutend: “Der ist neu.”
Sie sagt: “Ja, das kann sein. Es ist noch mehr neu.” und zieht die Urkunde über die Namensänderung aus einer Akte.

Der Rest ist Rauschen. Eine Unterschrift, die nicht mehr als ein hingeschriebenes Wort ist, ein Gedanke, ausgeleuchtet wie eine Werbung am Straßenrand: “Auskunftsperren beantragen”. Danken. Das Gebäude verlassen. Anders heißen.

Erst kann ich nicht darüber sprechen, zwei Stunden später will ich nicht mehr drüber sprechen.
Ich erfahre meine Abschlussnoten, schaue ihnen zu wie sie langsam von mir weggluckern. Ich schreibe einen Tweet dazu, damit ich nicht vergesse, was heute für ein Tag, was die Note für eine Leistung ist. 171 Leuten gefällt das.
Wie gut das tut, fühle ich erst später.

Die Sekretärin in der Schule ist die erste Person, der wir die Urkunde in die Hand geben. Sie liest den Namen laut vor, sagt wie schön er ist, ich lächle einen unerwartet empfundenen Schmerz weg. “Bitte nicht kommentieren, bitte nicht belächeln, bitte nicht ungewöhnlich machen, bitte bitte tu so, als wär alles normal.” Das denke ich, “Bitte nicht anfassen”, fühle ich. Aber niemandem, nicht einmal der Therapeutin, sage ich das, weil ich denke, dass es niemand versteht. Nicht so, wie es für mich ist.

Die Urkunde, diese Information, ist wie ein Filter, den man auf das Bild von mir legt. Er macht mich auf eine Art nackt, die Situation auf eine Art intim, der ich, der wir alle innen, überhaupt noch nicht gewachsen sind.
Jede Bemerkung berührt mich unangemessen. Jede Frage dazu dringt in mich ein.
Meine Erleichterung darüber, befreit vom alten Namen und dessen Aufladung zu sein, bietet nicht genügend Schutz, erst recht keinen Trost.

Und als am nächsten Tag jemand von einem Callcenter mich selbstverständlich mit dem alten Namen anspricht, merke ich, dass sie das auch gar nicht kann. Ich kann noch gar nicht richtig erleichtert sein, denn es wird in der nächsten Zeit noch viel dieser Ansprache geben. Wir werden jetzt eine ganze Weile noch beide, die_r mit dem neuen und die mit dem alten Namen, und deshalb niemand sein.

Lebensaufgaben

“Man nennt es manchmal “Lebensaufgabe”. Das, womit man im Leben immer wieder konfrontiert ist, bis es vorbei ist. Interessanterweise ist, die Lebensaufgabe zu schaffen selten das, wofür man irgendwann eine Lebenswerk-Ehrung erhält. “

Und dann ist mein Gedanke auch schon wieder vorbei.
Wir sitzen in der neuen Wohnung. Unserem neuen Büro.
Es ist viel lauter als bei uns, unten vor dem Fenster fahren Laster und Kleinwagen von links nach rechts, von hinten zwitschern Vögel dagegen an. Der Freund telefoniert unten und das Klicken meiner Tastatur platscht von Wand zu Wand, denn hier ist noch nichts, außer dem Sofakissen auf dem ich sitze und dem Fußhocker auf dem das Laptop auf dem umgedrehten Besteckkasten steht. Und der beißende Kampfergeruch von dem Polsterreinigungsschaum, den der Freund gestern auf dem Futonbezug verteilt hat.

Hier ist nichts wie zu Hause und das ist anstrengend.
Es ist anstrengend zu zweit, zu viert und obendrein noch mitten in der PMS-Phase des Zyklus zu sein.
Nach 3 Tagen Podstock, nach 6 Wochen Prüfungsphase, nach 3 Wochen Prüfungsvorbereitungsphase. Manchmal merke ich ganz dicht hinter mir, wie es etwas kippelt und ausrasten könnte, aber keine Energie aufbauen kann. Das ist noch schlimmer als wenn es einfach ausbrechen würde, denn es bleibt und wabert und zieht und zieht und zieht an meiner Kraft, statt sich einmal einfach zu entladen und dann wieder abtauchen zu können.

Vorne in der Hecke stecken Gespinstmottennester. Gestern haben wir Brennnesseln aus dem Boden gezogen, die uns bis zur Schulter reichten. Wir haben den Rasen gemäht und gemotorsenst. Wenn wir hier wohnen, wird es neue Routinen geben und ich freue mich auf den Moment, in dem sie einfach da sind.
Im Moment bringt jeder Tag etwas Neues und es ist spürbar schlimmschön.
Wir würden es nicht anders haben wollen, aber wir brauchen es anders und das in der Art zu spüren und im Innen als real zu erleben ist krass. Neu. Schlimm.
Und schön, denn um dahin zu kommen haben wir viele Jahre an uns gearbeitet.

Wir haben noch 6 Wochen vor uns, in denen einfach gar nicht mehr so sein wird, wie in den letzten Jahren.
Ich habe Angst vor einer Erschöpfungsdepression im August/September. Weiß, dass sie kommen wird. Weiß, was ich dann machen muss. Weiß, dass es trotzdem schlimm sein wird und gleichzeitig nicht zu verhindern ist.

Niemand krempelt das ganze Leben um und ist hinterher nicht tief erschöpft.
Niemand schafft eine Lebensaufgabe und ist dann nicht überfordert vor der nächsten.

der Song, das Jetzt, das tote Kind

Als ich mein Rad abstelle, setzt einige Meter neben mir der Song “Sweat” ein. Inner Circle, 1992. Sommerhit. Mir schießen Tränen in die Augen. Das Kind, das diesen Sommer erlebt hat, wird von uns seit dem Antrag auf Namensänderung zu Grabe getragen. Jeden Tag einen Millimeter weiter.
Die Sonne scheint. Ich mache meine Beine hart und versuche mein inneres Wanken innen zu lassen. Hier und jetzt in dieser Stadt wohnen wir. Damals war damals. Heute ist heute, ist hier und jetzt. Aaahaa haa haa

Seit der Unterschrift auf dem Zettel stelle ich mir vor, was wir mit dem alten Namen machen. Wir werden ihn nicht verlieren. Und natürlich ist auch die Idee, etwas von uns, das uns, das wir früher, zum Beispiel 1992, waren, zu beerdigen absurd. Das geht nicht, wird nie gehen. Und trotzdem werden wir das tun. Wir müssen das tun. Irgendwie fühlt sich das sicherer an. So, wie die ewige Ruhe, die wir uns an der Stelle einfach wünschen und anders vielleicht auch gar nicht herstellen können.

Und ja, es ist auch wie etwas endlich wirklich sterben zu lassen, an dem wir so lange und immer und immer und immer noch fest gehalten haben. Weil wir uns eben doch seit 17, 18 und in ehrlichster Wahrheit dann doch schon seit mehr als 25 bis vielleicht sogar 27 Jahren mit der Idee bescheißen, irgendwann würde doch alles wieder gut, wieder heil, wieder so, dass man es ohne Zweifel, Zögern, Zagen leben kann. Ohne alles das, was irgendeine Form der Ruhe verhindert.

Es ist Realität, dass wir zu viel in der Herkunftsfamilie gelassen haben, um heute sagen zu können, es sei einfach nur ein Namenswechsel. Das ist einfach nicht. Es ist auch Kapitulation. Eine Kapitulation vor der Tatsache, dass wir niemals in unserem Leben erfahren werden, wer das war. Wer dieses Kind war, das nur 14, vielleicht noch ein bisschen 15 Jahre alt werden konnte und dann da bleiben musste. Für immer. Schlicht und einfach unrettbar.
Nicht nur abdissoziiert und irgendwie verschüttet, sondern wirklich wie das Stück Seele, das man opfern muss, weil sich das Leben zu retten manchmal eben doch so viel kostet.

1992 waren wir 6 Jahre alt. Die Erinnerungen mit dem Song haben einen Sommer mit dichter Wärme, klebrige Teerwürste, Straßenplatten, das Fahren auf der Rückbank eines Autos sich drin. Luft, die nach Staub, nach Gräsern und Zigarettenrauch riecht. Und das überfordernde Angstkippeln zwischen einstürzendem Weinen und vibrierender Steifheit, die sich dagegen auflehnt, an der Aaaaah-Stelle des Songs.
Der Gedanke als 6 jähriges Kind mit so einem Kampf um, gegen, mit Emotionen belastet zu sein, macht mich fertig.

Nicht, weil es ist oder vielleicht war, sondern, weil es wirklich niemals Trost, niemals wieder gut, niemals ganz wieder heil geben wird. Nicht, weil die Wunde so groß ist, sondern weil das Kind schon tot ist. Schon länger, als wir uns das eingestehen wollten. Kinder wie dieses kriegt man mit keiner Traumatherapie wiederbelebt. Solche Kinder setzen sich nicht aus den Erinnerungsplittern zusammen, die man sich Stück für Stück zusammenerinnert.
Die sind tot. Gestorben. Abgenippelt. Verreckt. Abgekratzt. Ausgehaucht. Zu Ende.
Egal, wie toll man um ein Leben danach aufgearbeitet hat.

Die Musik stoppt.
Ich gehe zur Sparkasse. Die Fotokopie des Geburtseintrags im Standesamt der Geburtsstadt kostet 10 Euro, die wir an dem ganzen Wasser im Gesicht vorbei überweisen. Der Geburtsort verbindet uns mit der Mutterfrau genauso wie der Geburtseintrag. Wieso ist sie nicht einfach allein geblieben, so wie sie da allein drin steht. Keine Antwort. Jemals. Irgendwie geht es uns ja auch überhaupt nichts an. Es war ihre Entscheidung, wir waren noch nicht, das Kind damals auch einfach nur da. Zufällig quasi mit aus Versehen reingeschliffen.

Jetzt gehe ich durch meine Heutestadt und schwappe bei jedem Schritt aus dem Kopf auf die Brust auf den Boden ins Hier von 2019. In mir drin rascheln Federn. “Deshalb heißt es ‘Trauerjahr’ und nicht ‘Trauermoment’, mein Herz.”.
Ich denke, dass da was dran ist und verstehe, wieso ich über alles das gerade so vergleichsweise großzügig weinen kann. Denn das Leben danach ist ja auch immer nur Leben, und doch ein anderes Leben. Ein anderes Vorsichhinleben. Man muss alles ein erstes Mal machen. Ein neues weiteres erstes Mal, in dem man tut, was man immer tut, während alles anders ist. Neu. Fremd. So noch nie gewesen.

Das bewusste Loslassen der Hoffnung auf einen Originalzustand, so wie das Kind, das war, bevor wir uns in die Erwachsenheit überlebt haben, ist so noch nie gewesen. Das Gefühl seine unsichtbare Leiche auf uns drauf durch die Gegend zu tragen, während wir darüber nachdenken, wo wir es beerdigen, auch nicht.

Es ist ein zweites Danach.
Ein gutes. Ein wichtiges. Aber auch eins, in dem wieder etwas Unersetzbares für immer fehlt.

oh scheiße

Zwischen zwei Abgaben und einer überschrittenen Deadline war der Krampfanfall. In der Schule. Das haben wir lange vermeiden können, aber Notenvergabezeit ist Stresszeit, keine Zeit für einen Schritt nach dem anderen.

Die Lehrer_innen, die da waren, wussten viele Dinge nicht so recht. Entschieden für einen Notarzt. Der kam und britzelte uns seine Neonkleidung ins Hirn. Schob den Pulli am Handgelenk hoch und sagte: “Oh scheiße.”.
Und irgendwie war das gut. Es hat sich gut angefühlt, dass er das so gesagt hat. Oh scheiße, dieses Handgelenk ist einfach mal zu einem Drittel Suizidversuchsnarbengewebe und das andere auch.
Oh scheiße oh scheiße oh scheiße das alles. Dass das so ist, dass das so nötig war, dass es nie anders ging, dass man es für immer sehen wird. Oh scheiße, dass man da keinen Puls mehr fühlen kann, aber, wenn man sich Mühe gibt, unsere Not vor 18, 17, 16, 15 Jahren.

Oh scheiße, das Leben ist so fragil, aber gleichzeitig kannst du dein Blut aus dem Handgelenk wie aus einem Springbrunnen hüpfen sehen und doch nicht daran sterben. Das Leben ist nicht zwangsläufig, was man erlebt und trotzdem alles, was man leben kann. Und oh scheiße, wie schlimm das manchmal ist.

Ich mochte den Notarzt. Er hat mein Nochnichtwiedersprechenkönnen nicht zu brechen versucht. Hat alles angekündigt, hat uns allein gelassen, nachdem die Lage gesichert war.
Er hat die Scheiße gesehen und daran geglaubt, dass wir damit umgehen, damit leben können.

Das war toll, denn so ist das Leben auch.
Zeit, Prozess.
Scheiße in der Vergangenheit und Umgang damit für immer.

Zukunftsmusikdisco

Als ich mich für ein Brot mit Erdbeermarmelade entscheide, wird der Regen in weißen Streifen durch die Luft gewogt. Als sich die Marmelade gerade in das weiche Margarinenbett kuscheln will, kommt die Sonne raus. Es ist hell und strahlend, der rote Bobbel vor mir leuchtet wie ein Stück Theatereingeweide.

Ich lass es liegen. Werd schon nicht verhungern.
Was mach ich jetzt. Nichts mach ich.
Die Langeweile zieht mich vor Netflix. Die Schwangerschaft mit unserem Buch hält uns da. Oder vor dem Wolkehaushalt in die Sims3. Nicht denken, nicht machen. Einfach nur so durchfischeln. Das geht. Meistens. Oft genug.

Die Dinge in unserem Leben jetzt, sind alle nicht spruchreif. So viel Zukunftsmusik, dass mir die Ohren klingeln und der eingeigelte Stummtaubblindverkrümel zu werden, ist oft das einzige, was wirklich hilft.
Alles was wir für diese Zukunft wollen, können wir nicht einfach entscheiden. Wann ausziehen, wann umgezogen sein – der Freund muss mitreden, hat eigene Dinger am Laufen, braucht auch Sicherheiten. Nicht so einfach. Alles muss daran angepasst werden. Das ist wie noch einmal 5 Lautstärkestufen rauf mit der Zukunftsmusik unter der das Knacken und Knirschen unserer Anpassungsprobleme unhörbar werden. Alles eine Frage der Kommunikation. Schwierig so auf die Distanz.

Am Donnerstagmorgen hatte ich Erdbeermarmeladenbrot und abends den Brief mit der Begründung für eine Namensänderung in der Hand. Wir fuhren sehr spät nachts noch mit dem Rad hin, um ihn einzuwerfen, aber dann doch nicht.
Bist du wirklich sicher? wummerte die Zukunft mit grellen Lichtblitzen auf mich ein. Ich bin nicht sicher. Ich bins nicht, ich werds nie sein. Zukunft, das ist die falsche Frage. Es geht nicht darum, wie sicher ich mir bin, es geht darum, wie sicher ich mir bin, damit umgehen zu können, wenn Dinge nicht so richtig klappen. Oder völlig anders als gedacht. Frag mich, wie bereit ich dafür bin, daran zu arbeiten, dass es so wird, wie ich mir das vorgestellt habe. Frag mich nach meiner Kompromissbereitschaft. Frag mich, ob ich dich mögen werd, auch wenn du mir weder grüne Wiesen im Sonnenschein noch Fettlebe mit Zuckerguss zu bieten hast.
Zukunft, wenn du so fragst, dann ich will dich bitten mir aus dem Weg zu gehen. und das hatten wir doch schon so oft. Wir wissen beide, dass das nicht geht.

Am Freitag klebte ich eine Grüffelo-Briefmarke auf den Antrag und warf ihn in einen Briefkasten.
Fuhr nach Hause. Kochte Süßkartoffelsuppe. Draußen regnete es und drinnen fragte ich mich, ob das Buch denn wohl bald fertig gedruckt ist.
Dann schaltete ich den PC ein, um nach Familie Wolke zu sehen.
Um mich herum Zukunftsmusikdisco.

2

Unter mir knirschen Schritte und von hinten spüre ich die kalte Schulter des Windes, der sich an mich lehnt. Der Himmel ist blankblau und von einer Farbe mit Namen. ‘Frotteeblau’ vielleicht.

Ich gehe keinen Weg. Ich habe keinen Weg. Wege macht man sich. Wege bringt man hinter sich. Obwohl man sie immer unter sich hat. Ich gehe nicht ‘meinen Weg’. Es geht einfach immer weiter und wenn da mal ein Weg ist, dann ist das der Lauf der Dinge.

Leben eben.

Fundstücke #66

In den letzten drei Tagen haben wir eine Broschüre zum Thema “Zero Waste” zusammengestellt.
Eine Aufgabe aus dem Schulalltag, das Ergebnis von 3 Wochen Internetrecherche und etwas mehr als 2 Jahren Veganismus aus Gesundheits- und Klimagründen.
Um die Broschüre zu bebildern, durchsuchten wir wieder das Internet und stießen dabei auf verstörende, krasse, schlimme Bilder von Tieren mit Plastik im Bauch, Tieren mit Plastik in der Nase, Tieren, die nicht an Plastik gestorben sind, weil ihr Körper darum herum gewachsen ist. Bilder von Kindern knietief im Plastikmüll an ihrem Strand, Kindern auf Müllhalden, Kindern umringt von Plastikspielzeug, Plastikkleidung, Lebensmitteln in Plastik verpackt. Bilder von Natur, dabei zu ersticken – an Plastik-Müll.

Das Zeug ist einfach überall und nirgends wirklich so problematisiert, wie es sein müsste. Das ist belastend.
Doch noch belastender finde ich, dass die Welt sich einfach weiter dreht. Weiter in die Scheiße reindreht, wenn man so will.
Die einen halten zero waste, vegan, plastikfrei und nachhaltig für einen Trend, den sie einfach nicht mitmachen, weil sie zu cool für Trends sind. Die nächsten sind zu belastet dafür, die übernächsten wollen überlasteten Leuten nicht helfen, damit auch sie Dinge anders machen können. Meine Recherchen für Informationen zur Verweildauer von Gegenstand x aus Kunststoff y auf der Welt unter Umstand z, nehmen viel Raum ein und die Ergebnisse kann ich oft nicht teilen, weil sich jede_r gleich davon belehrt, gerügt, abgemahnt, gemaßregelt, beschämt, bedrängt, verängstigt fühlt. Und überhaupt: der Wissenschaft ist doch heute auch nicht mehr zu trauen. Alle gekauft. Schweineverein.

Neulich hab ich gelernt, dass ich ein Millenial bin. Ein Millenial aus der Generation Y.
Die Einen sagen, das bedeute was, die Anderen sagen, das ist alles Quatsch. Ich glaube, es bedeutet was, denn meine Generation und ich, wir sind mit Dingen aufgewachsen, die für ältere Menschen einzelne Stationen einer Entwicklung waren, während sie für uns direkt Alltag und Grundlage des heutigen Wertesystems wurden. Für mich gab es nie die DDR meiner Eltern, nie das Westdeutschland der Menschen, die mich heute mehrheitlich umgeben.
Ich erinnere mich an die Nachtbildkameraaufnahmen in der Tagesschau der mittleren 90er Jahre und meine Frage an die Mutterfrau, ob die Kinder in Bosnien-Herzegowina denn zur Schule gehen können. Erinnere mich an die – Plastik – Spielzeugsammlung, die wir in der Schule für die verlassenen Kinder in Rumänien gemacht haben. An die ersten Werbungen, in denen um Geld für hungernde Menschen in Somalia gebeten wurde. Erinnere mich an die Erzieherin der Wohngruppe, die mit uns am elften September das Flugzeug in den zweiten Turm hat fliegen sehen und nicht aufhören konnte zu weinen.

Für mich hat die Welt schon immer irgendwo gebrannt. Irgendwo war immer Krieg, hat immer irgendjemand Reiches irgendjemand Armes unterdrückt, ausgebeutet und um ein Leben mit Zukunft gebracht. Industrie war für uns nie ein Erfolgsversprechen oder eine Verheißung besserer Zeiten. Die besseren Zeiten waren immer schon da und sie rochen immer nach Plastik, Konsum und Ausbeutung. Wir wussten immer, dass wir früher oder später vor einer ökologischen Katastrophe stehen würden.

Das macht etwas aus. Es macht Fragen leicht. Leichter noch als für frühere Generationen, die so viel und vor allem sich selbst so dringend unhinterfragt haben wollen. Vielleicht auch: müssen. Denn wer keine Antworten hat, muss Fragen vermeiden.

Einen Text wie den hier, wollte ich hier nie schreiben, aber warum eigentlich nicht. Warum soll ich nicht auch das dokumentieren, berührt es doch nicht nur mich, die_r nun hier und heute ist, sondern auch die_r, die_r sich für dieses Leben entschieden hat, obwohl es auch diese Realität darin gibt.

Wir haben nur dieses eine Leben. Das sagt man doch so. Wir haben auch nur diesen einen Planeten. Dieses eine Jetzt und Hier. Das ist so wenig, wenn man mal darüber nachdenkt. Schau mal, wie kurz Jetzt ist. Und wie doch weit entfernt schon jetzt das Morgen ist. Obwohl Morgen nur Jetzt überhaupt sein kann, denn wenn Morgen ist, dann ist es bereits Jetzt.
Hirnqirl? – Sorry, aber so ist es doch.
Das ist auch Realität. Das ist auch, was Veränderung so wichtig und nötig macht.
Denn jetzt ist dein Handy noch ein Handy und wenn es kaputt ist, ist es schon Müll. Eben noch ein Papiertaschentuch, einen Schnäuzer später ist es Müll. Jetzt ist es noch eine leichte Flasche aus Kunststoff in 50 Jahren tötet es eine Fischlarve, weil sie die Kunststoffpartikel für Futter hält.
Dinge sind, wie das Leben, so vergänglich und zerbrechlich, sich darauf zu stützen ist “ein schmales Brett”, wie eine Gemögte von uns immer sagt.

Was uns wirklich wichtig ist, das haben wir seit Jahren in einer Zigarrenschachtel an einer Stelle an die wir im Notfall immer schnell drankommen. Warum? Weil wir mit Büchern wie “die Wolke” und “Die letzten Kinder von Schewenborn”, mit Filmen wie “The day after tomorrow” und Serien wie “Akte X” aufgewachsen sind und einen Notfall, eine Regierung, die auf uns scheißt, eine spontane Katastrophe außerhalb unseres kleinen Alltagskosmos mitzudenken so normal ist, dass es einfach nicht mehr für die Bezeichnung “neurotischer Spleen” reicht.
Eine beruhigende Erkenntnis übrigens, gehört doch auch das Katastrophisieren und Sorgen, Ängstigen und Immer-bereit-sein, irgendwie zum Biotop des posttraumatischen Klärschlamms in meinem Kopf, ist aber ganz klar etwas anders, als das, was mich dazu gebracht hat, unsere wenigen wirklich wichtigen Dinge so zu behandeln.

Vorhin habe ich die Rede von Greta Thunberg in Katowice angehört.
Ich fing an zu weinen, weil alles was sie sagte, einfach nicht neu ist. Es ist alles nichts Neues. Nichts, wovon man noch nie gehört hat. Es ist einfach wahr und real und Jetzt, wie Morgen.
Und trotzdem wird Morgen kommen und ich werde mich auf einem guten Weg fühlen, denn ich weiß, wo meine Sachen sicher sind und, dass ich viele Stoffbeutel für meinen fast ganz plastiklosen Einkauf habe und nur noch eine Zahnpasta aus Plastikverpackung ausbrauchen muss, um mein Badezimmer plastikfrei zu haben.
Morgen wird mein Jetzt sein und das Plastik in den Meeren, das Co2 in der Atmosphäre, der Kapitalismus und die Ignoranz anderer Leute für das, was Plastik und Abgase, Gier und Gewalt in dieser Welt bewirken, wird auch noch da sein.

Wir können, wie Greta sagt, die Veränderung wollen und machen, aber der Schaden ist da. Jetzt und Morgen und Übermorgen.
Und ich weiß nicht, ob es reicht, nur die Macht zu haben, die Dinge zu verändern.
Macht muss man auch können.

Todesstrafe für sogenannten “sexuellen Kindesmissbrauch”

Donnerstag morgen.
Wie wunderbar ist das Gefühl mit einem dicken Pinsel voller Buchbinderleim über die Deckelpappen zu streichen. Schmitz schmatz hmmm ausatmen, Bezugsstoff ausbreiten, Pappen auflegen, einatmen, andrücken, ausatmen, verstreichen.

Über mir brummte das Neonlicht, am Schreibtisch vorne brummte meine Buchbindelehrerin über ihre Zeitung. Wir waren allein, denn meine Klasse hatte Sport und sie frei. Wir waren allein und es war herrlich.
Sie las mir eine absurde Meldung über einen Gerichtsprozess vor und wir kamen zu juristischen Ungerechtigkeiten. Zu Recht haben und Recht bekommen und dann zur Todesstrafe für Menschen, die Kinder missbraucht haben.

Ich hörte ihr zu und nahm mir die Zeit für die Pause, die es braucht, zu antworten, was ich antworten will. Ich wischte mir die klebrigen Finger ab und fragte: “Du, weißt, dass mich das Thema betrifft, oder?“ “Nein, weiß ich nicht”, antwortete sie und ich stellte mich sofort mit beiden Füßen und allem, was ich hab, auf die Stille, die sich in mir auftürmen wollte, um der Scham mehr Platz zu lassen. “Na dann weißt dus jetzt – Also es betrifft mich und deshalb hab ich mir schon oft Gedanken zur Todesstrafe für Menschen, die sowas machen, gemacht. Willst du das hören?”
Sie sagte einfach “Ja” und schon das machte mich unendlich dankbar. Wie sie wieder einmal unterstützte, dass ich mich vor ihr nicht schäme für irgendetwas, das mit Mangel, Defizit oder Ungänze zu tun hat.

Ich erzählte, dass das Thema aus mir selbst heraus nie aufkam, obwohl es mich betrifft.
Ich habe nicht den Wunsch nach einer Todesstrafe für die, die an mir zu Täter_innen wurden, doch komme ich nicht umhin, wie viele – oft weit rechts von mir stehende – Menschen diesen Wunsch haben und zuweilen sogar als Forderung formulieren.
Mir ist nicht klar, was Strafen für diese und vielleicht auch noch andere Menschen bedeuten. Ich verstehe das Konzept von Strafe nicht als etwas, das etwas macht, wovon man insgesamt etwas hat. Eine Strafe ist nicht das Gleiche, wie Rache; ist nicht das Gleiche wie Genugtuung, Ausgleich oder Wiedergutmachung.
Strafe ist einfach nur die mögliche Folge eines Urteils, das jemand fällt, die_r sich die Macht dazu gibt oder übertragen bekommen hat und bedeutet an sich weder Gutes noch Schlechtes, Konstruktives oder Destruktives. Strafen sind ein eindeutiges Merkmal von Autorität. Also einem Machtungleichgewicht. Also einer ungleichen Verteilung von Selbstbestimmung und Freiheit über sich selbst.

Warum sollte ich nach einer Gewalterfahrung – die einzig in autoritärer Konstellation überhaupt passieren konnte – Interesse an noch mehr Autorität in meinem Leben haben? Was in aller Welt soll ich denn in so einem Setting finden, wenn nicht die Bestätigung der Täter_innenwahrheit, nach der ich nichts zu bestimmen und zu sagen habe, aber eine warum auch immer und wodurch auch immer legitimierte andere Autorität?

Und was genau soll eine Strafe der Täter_innen mit mir machen? Oder: für mich?
Ich spreche hier noch nicht einmal von der Todesstrafe, sondern von sagen wir einem Jahr in Haft. Oder 5. Oder 10. Oder 15. Ich bin heute kein Kind mehr. Mir passiert die Gewalt nicht mehr. Früher, vor 25 Jahren, da hätte es mir etwas gebracht, denn damals wäre ich noch als kleines Kind in eine Pflegefamilie gekommen und viele Dinge wären nicht passiert. Es wäre zwar immer noch heftig und schlimm, vor allem, weil es einfach scheiße ist, wenn die eigenen Eltern im Knast sitzen und später als fremde aus dem Knast entlassene Leute, ja auch irgendwie noch mit einem_einer zu tun haben wollen, aber sie wären an mir nicht mehr zu Täter_innen geworden. Sondern vielleicht jemand anderes. Sporttrainer_in, Lehrer_in, fremder Onkel, unangenehme Tante, die_r erste Freund_in, der Typ von einer Party, der mir k.o.-Tropfen ins Getränk mischt. Zum Beispiel.

Haftstrafen werden allerdings nicht leichtfertig verhängt, sondern gelten als das was sie sind: eine hohe Strafe.
Das bedeutet, dass eine spezifische Schwere der Schuld, eine spezifische Tatsituation festgestellt worden sein muss. Kann das Gericht dies nicht feststellen – warum auch immer! – gibt es eine andere Strafe und was dann? Was wäre dann für die Person, die zum Opfer geworden war, konkret anders?
Sicher, manche fühlen sich bestärkt von Gerichtsverfahren. Für manche ist es enorm wichtig und auch heilend, von einer Autorität in der Sache anerkannt zu werden. Aber was genau wird davon in Bezug auf die Wunde der Tat und ihrer sozialen, psychischen, körperlichen, ökonomischen, ideellen Auswirkungen konkret besser?

Ich stecke da nicht drin, kann mir nichts vorstellen. Allein der Akt von Anzeige, Rede und Antwort, Aussage, Briefe, Reden, Erklären, Anwaelt_in suchen, Anwaelt_in finden, Anwaelt_in bezahlen können müssen, Gerichtsverhandlung mit Täter_innen- und Tatkonfrontation – allein die Vorstellung macht mich müde, ängstlich und damit bereits in meinem Selbsterleben klein und schwach.
Aber gut – andere Menschen, sind anders als ich.

Zurück zum Strafgedanken.
Was genau ist an einer Haftstrafe, die Strafe? Richtig – die Haft. Der Entzug der Freiheit über den eigenen Lauf der Dinge. Also: eine Gewalterfahrung. Obendrauf noch eine, die man hinnehmen muss, denn da sie durch maximale Autorität ausgeübt wird, gibt es weder sozial noch juristisch die Möglichkeit davon entschädigt zu werden, so lange diese Strafe als richtiges Strafmaß eingeordnet wird.

Vielleicht ist das irritierend für andere Menschen, aber das ist nicht, was ich anderen Menschen wünsche. Auch denen nicht, die mir so viel Schmerz bereitet haben und mich so nachhaltig verletzten. Nicht, weil mein Herz so groß ist, sondern, weil ich weiß, wie sich so eine Gewalterfahrung anfühlt und wieviel mehr als konkrete Verletzungen dabei entsteht.

Eine Todesstrafe würde solche Dinge nicht entstehen lassen. Aber sie wäre tödlich und damit etwas, das meiner Haltung zum Leben widerspricht. Wir leben nicht, um alles immer richtig zu machen oder alle um uns herum glücklich. Wir leben als Faktor der Entwicklung anderer Lebewesen, um eine Entwicklung zu machen – egal welche. Gut, böse, reich und geizig, oberflächlich und egozentrisch, liebevoll – das kann man bestimmen und wählen – das MUSS wählbar und selbst bestimmbar sein.
Menschen, die Schlimmes getan haben, zu töten, würde bedeuten, Menschen zu töten und damit einen Teil der ganz realen Entwicklungsfaktoren des Lebens zu eliminieren.
Um es zu sagen, wie ich es meiner Lehrerin gesagt habe: “Was soll ich davon haben, wenn meinen Geschwistern die Eltern abgemurkst werden, weil die mir etwas angetan haben?”

Damit meine ich keinesfalls, dass Straftäter_in zu sein eine natürliche oder g’ttgegebene Aufgabe ist, die man akzeptieren muss, sondern, dass es immer und immer und immer eine Entscheidung zur Straftat ist, die jemanden eine Straftat begehen lässt. Und, dass man sich mit den Gründen und Motiven auseinandersetzen muss, die diese Entscheidung innerlich wie äußerlich ermöglicht haben bzw. ihr zugrunde liegen.

Damit meine ich auch nicht, dass ich finde, dass heute hier in Deutschland strafbare Handlungen ohne jede Konsequenz bleiben sollen. Aber eine Konsequenz ist etwas anderes, als eine Strafe. Und das ist, worum es mir geht.
Ich will wissen und verstehen, warum mir das passiert ist.
Und ich werde es nie erfahren, denn diese Auseinandersetzung zu machen, würde weit mehr erfordern als einen Gerichtstermin und eine Handvoll Therapiestunden für mich allein. Sie erfordert Kontakt zu den Täter_innen, es erfordert ihr Einsehen und die Bereitschaft dazu. Es erfordert ihre Entscheidung dazu und die wird nicht kommen. Niemals.

Gar nicht mal, weil sie nicht dazu in der Lage sind, oder reflektionsunfähig, sondern, weil es für sie keinen Anlass dazu gibt. Es ist normaler einander vor Gericht mit Staatsgewalt zu bedrohen, als sich hinzusetzen und die zwischenmenschliche Gewalt, die Entscheidungen, die man getroffen hat, auszusprechen. Es ist üblicher einander zu verurteilen, als einander zu verstehen und das ist etwas, von dem mir niemand erzählen kann, dass das kein ganz erheblicher Anteil daran ist, dass Menschen einander gewaltvoll begegnen.
Es ist nicht normalisiert von sich aus für Schäden aufzukommen, die man anderen Menschen beigebracht hat – es ist normalisiert zu Schmerzensgeldzahlungen verurteilen zu lassen und einen Antrag auf Opferentschädigung bei einer Behörde zu stellen. Also: Autoritäten für sich entscheiden und ver.walten zu lassen.

Ich sagte meiner Lehrer_in, dass ich den Impuls verstehen kann, weil man vielleicht die Idee hat, speziell diese Form der Gewalt würde einen Menschen für immer zerstören oder zeichnen. Sagte ihr, dass das in meinem Fall auch nicht ganz unrichtig ist – aber ganz richtig ist es eben auch nicht. Und etwas, das so uneindeutig ist, kann doch nicht mit so eindeutigen Dingen, wie dem Tod (der Täter_innen) begegnet werden.

Vor Kurzem erst hatte ich in einer Tweetkette über die Verjährungsfristen bei sogenanntem sexuellen Kindesmissbrauch geschrieben, dass ich es in Ordnung finde, wenn diese Verjährung bestehen bleibt.
Dabei ging ich darauf ein, warum Verjährungen sinnvoll sind und versuchte folgenden Umstand zu beschreiben.
Egal, womit die Menschen, die an mir zu Täter_innen wurden, heute von einem Gericht bestraft werden würden, es stünde nicht mehr im Verhältnis zur Tat. Denn meine Verarbeitung dieser Tat, mein inneres Framing dessen und das, was es als Mensch aus mir gemacht hat, das war vor 10, 20 Jahren ein völlig anderes als heute. Meine Bedarfe aufgrund dieser Tat und ihrer Folgen für mich sind völlig andere und nicht mehr nur auf diese Tat zurückzuführen.
Sie sind damit im wörtlichsten Sinne nicht mehr eindeutig strafbar und das ist gut so. Denn diese Regelung traut mir zu, auch als Person, die zum Opfer wurde, eine Entwicklung zu machen. Also: zu leben, zu wachsen, zu werden und zu sein. Obwohl, weil, trotz … das passiert ist bzw. als passiert vom Gericht anerkannt werden könnte.

Diese Regelung berührt zu Recht nicht die Täter_innen, denn auch diese könnten sich weiterentwickeln. Und zwar so, dass sie sich immer wieder zu Straftaten entscheiden. Die Verjährungsfrist beginnt jedoch immer wieder neu.
Immer wieder haben zu Opfern gewordene Menschen also die Möglichkeit, sich für eine Anzeige zum Zweck des Schutzes anderer Menschen zu entscheiden. Doch ich persönlich muss das deshalb nicht zwingend auch machen. Ich muss diese Verantwortung nicht tragen. Ich muss es nicht und ich will es auch nicht.

Ich will andere Verantwortungen in der Sache tragen. Will mich anders einbringen, auf anderen Wegen dazu beitragen, dass andere Menschen gut geschützt sind und eine gute Entwicklung er.leben können.

Mein Gespräch mit meiner Lehrerin endete bei einem völlig anderen Thema und ich fand das schön.
Früher wäre ich daran kleben geblieben, hätte es immer und immer wieder und in mir bewegt, hätte mit der Scham um mein ungeplantes Outing gerungen und mich nicht getraut eine feste Position in der Thematik einzunehmen. Heute ist das anders und ich merke viel innere Stabilität in mir – trotz der Brüchigkeit in mir drin, trotz der Verwundung, die natürlich auch wieder schmerzhaft spürbar war. Trotzdem sich nun plötzlich auch unser Verhältnis zueinander ein wenig verändert hat. Ich habe keine Angst mehr vor dem, was meine eigenen Erfahrungen für andere Menschen sind.

Ich hätte diese Stabilität und Ruhe nicht in mir, wäre ich verpflichtet zur Strafanzeige, gäbe es Todesstrafen oder keine Verjährungsfrist. Ich hätte mich nicht entwickeln können, ohne diese Freiheit.
Und ohne diese meine Entwicklung könnte ich anderen Betroffenen, bei denen es wieder völlig anders ist als bei mir, nicht gut zuhören. Könnte hier nicht schreiben, hätte so viel in den letzten 11 Jahren schlicht weder angefangen noch wenigstens mal als Idee verfolgt.

Ich könnte niemals mit irgendjemandem darüber reden, müsste ich jederzeit damit rechnen, dass noch heute ein Gerichtsverfahren mit möglicherweise tödlichem Ausgang für jemanden passieren könnte, das schon so lange her ist. Es gäbe in den Statistiken weniger sogenannten “sexuellen Kindesmissbrauch”, weil mehr zu Opfern gewordene Menschen schweigen würden. Es gäbe nicht weniger sogenannten “sexuellen Kindesmissbrauch”.

Diese Illusion gilt es aufzuzeigen.