die letzten Stunden des Jahres

Am Vormittag ruft der Begleitermensch an.
Wir sprechen über meine Emotionsverwirrung. Über meine Wut, die eine andere ist, als Außenstehende zu erwarten scheinen. Über mein Überarbeiten, um mir das Gefühl von Kontrolle zu erhalten und darüber, dass ich, deren Magen ein unendlich großer, unendlich unempfindlicher Ballon ist, zum dritten Mal in diesem Jahr Gastritis habe.
Einen Tee in der Hand höre ich ihm beim Denken zu und schaue auf die letzten Stunden des Jahres, die von wenigen Autos und vielen Rabenvögeln auf dem wintergrünen Feld begleitet werden. Er fragt, was helfen würde und ich lasse etwas los. Vielleicht ein Stück Maske, die mich flexibler darstellt als ich bin. „Na, wenn sie noch da wäre, würde das helfen. Wenn wir einen ordentlichen Übergang machen könnten. Wenn es nicht so eine Situation wäre, in der wir uns zu großen Teilen für eine neue Arbeitsbeziehung entscheiden müssten, weil die Situation mit ihr alles schlimmer macht, als es müsste.“ antworte ich. „Du abartiges Mistvieh, jämmerliches Heulbaby bescheuertes“, antwortet es mir von innen.
Die Dynamik meiner geistigen Starre ist so verlässlich wie eindeutig. Ich wollte nie, dass wir nicht mehr miteinander arbeiten, sie hat das entschieden, ich habe maskiert, kompensiert, so getan, als wäre die Veränderung etwas, womit ich Schritt halten kann, denn ich bin ja kein Heulbaby, ich bin ja erwachsen, von mir kann man erwarten, dass ich Schritt halte, mich bewege, mitgehe, dem Strudel der Veränderungen folge, wie ein Grashalm im Wasser. Dass es mich und meine Kraft zersetzt, dass ich leide, wird angenommen, weil Scheiden schmerzt, nicht, weil sich damit mein ganzes Leben auf allen Ebenen verändert und ich für die Neuanpassung so unfassbar viel mehr aufbringen muss, als in mir ist.
Dass es nicht mehr so wird, wie es mal war, ist gerade in mir angekommen und passt zum Jahreswechsel, wie die Farben in einer perfekten Komposition. Aber die Akzeptanz dessen ist nicht gleich der Akzeptanz ihrer Wirkungen. Die überfluten mich, schieben mich in immer größere, immer drängendere Arbeitsprojekte, während meine Leistungsfähigkeit spürbar abnimmt. Ich verliere mehr Zeit, beobachte mich öfter, verliere häufiger den Faden in der eigenen Organisation. Das ist inakzeptabel, macht mich inakzeptabel, bringt uns in Gefahr, noch mehr zu verlieren als eine Arbeitsbeziehung.

Eine Stunde später schreibe ich einen Termin meinen Kalender. Dann merke ich, dass der Partner und die Hunde nicht da sind. Ein letzter Einkauf und eine Hunderunde stand noch auf seinem Zettel.
Ich lese die Diskussion unter dem letzten Blogartikel und frage mich, wie dick die Haut wirklich ist, die das Außermir vor meinem Leiden unter Missinterpretation und nicht erkannten Verbindungsversuchen schützt. Dann fange ich an zu putzen.
Wäsche zu machen, den Abwasch abzutragen, zu saugen, zu wischen, während der Partner Brühe für etwas kocht, das man „Hot Pot“ nennt. Es funktioniert wie ein Fondue. Man gart kleine Stücken Gemüse oder auch Fleisch und Tofu in würziger Brühe, die man dann mit einem kleinen Kescher herausfischt und mit verschiedenen Soßen isst. Sehr lecker.

Nach dem Essen schauen wir Filme, dann spielen wir Phase 10 und erzählen uns, was 2020 gut war.
Draußen knallt ab und zu eine verirrte Eigenverantwortung, halb 12 öffnen wir den Sekt. Wir haben Wunderkerzen und einander. Dass wir uns nicht infiziert haben, ist unter den Top 3 der besten Dinge, die passiert sind.

Warum es als Viele nicht unsolidarisch ist, bei sich selbst sogenannte „false memories“ anzunehmen.

Als aktivistisch agierende_r Üb.erlebende_r von Gewalt hört man immer wieder, dass „die Opfer“ doch wenigstens untereinander solidarisch sein sollen, weil sich sonst nie etwas ändert.
Das hatten wir während der Produktion der 8. Vielzimmerwohnung ständig im Hinterkopf.
In dieser Episode sprechen wir über „falsche Gedächtnisinhalte“, die False Memory-Foundation, die False Memory-Bewegung und wissenschaftliche Daten zur Thematik. Für manche Menschen heißt das übersetzt, dass wir über den Feind gesprochen haben. Den gemeinsamen Feind, der nichts anderes im Sinn hat, als Menschen wie uns zu diskreditieren, uns der Lüge zu bezichtigen, uns unser Leid abzusprechen und als Gewinner aus dem Ring zu gehen.
Eine total schwierige Episode.

Auch, weil unsere Solidarität mit anderen Menschen, die Gewalt üb.erlebt haben, weder bedingungs- noch grenzenlos ist. Dies aber oft von uns erwartet wird.
Wir sind schon lange genug dabei um zu wissen, dass man von früheren Gewaltopfern vor allem deshalb Solidarität fordert, weil man annimmt, dass Opferschaft in irgendeiner Form homogen sei und man entsprechend als Personengruppe funktionieren könne – und eben dies auch sein müsste, um gesellschaftlich wie gesellschaftspolitisch etwas zu bewegen.
Gleichzeitig reden und schreiben wir auch schon lange genug, warum das eine falsche Annahme ist und Gewalt als in unsere Gesellschaft hinein funktionalisiert ignoriert. Meine Gewalterfahrungen als weißes Kind sind ganz profund und ohne jeden Raum für auch nur ein einziges „Ja, aber“ andere, als die eines schwarzen Kindes oder die eines behinderten Schwarzen Kindes oder die eines Kindes aus der Oberschicht. Diese Unterschiede – diese Achsen, auf denen Menschen leben, von Gewalt betroffen werden und sind – definieren maßgeblich ihre Perspektiven auf die Gewalt und auch ihre politischen wie gesellschaftlichen Forderungen diese zu verfolgen, zu bestrafen, zu verhindern, zu transformieren. Dies zu vereinheitlichen und einen Konsens zur Bedingung für Veränderungen zu machen, ist Gewalt. Zum einen auf der abstrakten Ebene, weil es dem Machterhalt derer dient, die davon profitieren und zum anderen auf der konkreten Ebene, weil es extrem begrenzt, was wer wie wann und an welcher Stelle fordern, aber auch bewirken kann.

Wir sind solidarisch mit Menschen, die zu Opfern wurden, weil wir Gewalt für Unrecht halten. Nicht, weil sie Opfer waren oder sind.
Denn: Wann ist ein Opfer ein Opfer? – Wenn ein_e Richter_in das juristisch anerkennt? Wenn man der Erzählung einer Geschichte glaubt? Wenn man etwas erlebt hat, das global ohnmächtig gemacht hat? Wer bestimmt, wann wer wieso global ohnmächtig war oder sich so wahrgenommen hat? Opferschaft hat so viele Definitionen, so viele soziale wie politische Implikationen – man macht unfassbar viele Aussagen über einen Menschen, wenn man ihn als Opfer bezeichnet, aber nicht alle treffen zu. Nicht alle sind angemessen. Viele widersprechen einander sogar oder sind gänzlich fiktional und/oder basieren ausschließlich auf Konstrukten, die man sich aus vielen Quellen, sowohl bewusst als auch unbewusst kreiert hat.

Dies erscheint vielen Menschen, die sich als Opfer einordnen, als Verrat. Als würden wir ihnen ihre Leiden nicht glauben oder vertreten, es gäbe bestimmte Gewaltformen gar nicht. Oder als würden wir Opfer unserer Solidarität nicht für würdig halten.
Das trifft aber nicht zu.
Was wir sagen ist, dass Gewalt nicht nur ist, wenn Täter_innen Menschen zu Opfern machen, sondern dass Gewalt etwas ist, das alle Menschen immer machen und also alle Menschen immer Täter_in und Opfer sind. Und zwar auf so vielen Achsen, dass es unlogisch ist, Opferschaft ausschließlich auf einer Ebene zu definieren und auch nur auf dieser Solidarität zu üben.
Das ist überhaupt niemals eine Aussage darüber, wie unfassbar schlimm oder nicht, egal oder nicht, real oder nicht die Gewalterfahrungen und -taten einzelner Menschen waren oder sind. Es ist lediglich eine Aussage darüber, dass Gewalt alle Menschen immer betrifft.

Dieser Annahme folgen wir konsequent, indem wir Solidarität von allen Menschen fordern und uns in erster Linie auf Gewalt als Instrument der Macht und Macht als stets und ständig umkämpfte Grundressource unserer Gesellschaft konzentrieren.

An der Stelle endet in der Regel jede Diskussion, jede Auseinandersetzung, die wir in der aktivistischen Community führen können. Denn da geht es meistens um ganz konkrete Fragen der Versorgung, der Gesetzgebung, der Strafe, der Anerkennung, der Wiedergutmachung und Entschädigung – und zwar wieder in einem Gewaltkontext, der als solcher niemals angepackt wird, weil man einfach nicht anerkennen will, dass man mit diesen Instrumenten von Gewalt profitiert. Man will das einfach nicht so sehen. Man will Recht und Gesetz, Verwaltung und staatliche, soziale, politische Ordnung für naturgegeben und also unproblematisch halten.
Das ist sie aber nicht. Sie ist das Ergebnis von Macht durch Gewalt und nichts daran ist unproblematisch. Es ist nur für eine Mehrheit der Menschen nicht zum Nachteil, was keine Aussage über die Richtigkeit ist.

Wir haben nach der Veröffentlichung der Podcastepisode auch die Rückmeldung bekommen, dass es erstaunt, dass wir in Bezug auf unsere Erinnerungen unter anderem auch sogenannte „false memories“ annehmen. Diese Haltung hat sich ebenfalls aus dieser Annahme herausentwickelt.
Wir müssten extrem ablehnen, dass wir in den letzten 18 Jahren möglicherweise nicht nur gut und richtig, sondern auch falsch behandelt wurden, dass wir Erlebtes falsch erinnern, aber auch Falsches als erlebt erinnern, wären wir darauf angewiesen, objektiv und zu absolut 100 % Opfer geworden zu sein. Das sind wir aber nicht.
Wir beziehen kein OEG, wir werden zu keinem Zeitpunkt jemanden anzeigen und beim FSM konnten wir alles darlegen, was wir wissen und annehmen und glauben und die Entscheidung über die Glaubhaftigkeit dessen abgeben. Wenn wir uns also täuschen oder getäuscht wurden oder in 20 Jahren erforscht würde, wie man unser Störungsbild auch ohne Trauma durch Gewalterfahrung entwickeln kann, dann haben wir uns weder allein getäuscht noch in irgendeiner Form von einem Status profitiert, der uns nicht zusteht.
Für uns ist das in Ordnung so. Für uns, ganz individuell, ist das entlastend. Wir können uns so ermöglichen, uns ganz auf uns zu konzentrieren. Wir können uns anschauen, was uns belastet und warum und wie genau. Und dann können wir daran arbeiten, es zu verändern. Sogenannte „false memories“ sind keine absichtlich vorgetragene Lügen oder Zeichen für böse Absichten und wir finden es wichtig, dass das endlich auch mal in der Community ankommt.

So viele Viele zerreißen sich oft jahrelang darüber, was von ihrer Erinnerung wahr ist und was nicht. Oft für Autoritäten, die sich für sie als Individuen überhaupt nicht interessieren oder aus einer internalisierten Abwehrhaltung den Annahmen gegenüber, die sie selbst in Bezug auf Opfer haben. Und das ist ein so kraftraubender, so unnötiger Nebenschauplatz.

Es gibt im Leben viele Dinge, die man als wahr oder unwahr einordnen kann. Die Anwesenheit dieser beiden Größen schließt allerdings weder Widerspruch noch Unbeweisbarkeit aus. Es gibt Dinge über die wir heute, hier und jetzt in unserer Lebenszeit nur sagen können, dass es sie gibt und vielleicht noch was sie auszeichnet, aber nicht, ob sie wahr sind oder nicht. Zudem muss man manchmal auch einfach genug Demut aufbringen, sich einzugestehen, dass kein System über sich selbst hinaus wahre Aussagen treffen kann, weil jedes System Wahrheit für sich selbst – und auch nur für sich selbst funktional – definiert.
Welchen Wert und welche Funktionen hat Wahrheit also für uns? Für uns als System „Individuum“, für unser direktes Umfeld und jenes, das uns verwaltet, weil es die Macht dazu hat?

Wir haben festgestellt, dass wir für uns allein, für unser Leben als Individuum, keine objektive Wahrheit brauchen, sondern Strategien nicht unter unseren Wahrheiten zu leiden. Das schließt die Akzeptanz der Möglichkeit, sogenannte „false memories“ zu haben zwingend mit ein und hat uns ermöglicht, diesen unerträglichen Nebenschauplatz zu verlassen.
Eine Strategie, der sich alle berauben, die sich der Thematik verweigern, nur weil sie vom „Feind“ kommt bzw. von ihm missbraucht wird, um Gewalt auszuüben oder zu legitimieren oder zu leugnen.

Kein Schicksal, keine Herzensgüte

„Haben Sie sich gestritten?“, fragt meine Neurologin auf der Suche nach einem Grund für das Ende der Therapie. „Nein, gar nicht“, antworte ich, „Das ist ja das schlimme. Das wär ja einfach.“
Weiter hinten tobt es. Ist wütend, obwohl es überhaupt keinen Sinn hat.

Zwei Tage vorher hatten wir mit der Therapeutin telefoniert. Das war so verabredet, weil ich mit der Wut nicht zurechtkam. Fürchtete, an einem nicht vorhersehbaren Punkt, die Ohnmacht hinter der Wut als unaushaltbar zu empfinden. Weiß, dass ich mich kümmern muss. Verantwortung übernehmen muss. Was in meinem Fall bedeutet, genau nicht zu tun, was das bindungszerstörte Innere will: Dissoziation, Trennung, Vernichtung bis (es) nicht.s mehr ist.
Sie hatte eine lange E-Mail von uns bekommen und war nicht darauf vorbereitet, dass ich mich damit befasst haben würde. Dass ich nicht zulassen würde, dass wir darüber reden. Dass ich ihr keinen Raum für eine Verdrehung unserer Beziehung geben würde – und uns keinen für eine Reinszenierung.

Ich sagte ihr, dass ich glaube, dass sie uns das, was die Inneren sich, uns, von der Auseinandersetzung wünschen, nicht geben kann, selbst wenn sie wollte, weil sie noch zu nah dran ist und ich, Hannah, die funktionale Helfertraumaschale, gar nicht nah genug dran bin. Und dass wir nichts von einer Auf.arbeit.ung mit ihr haben, wenn sie nicht mehr mit uns arbeiten will.
Therapie ist Beziehung, Beziehung ist Arbeit, Arbeit war die Grundlage unseres Kontaktes. Sie hat uns genauso wenig wie viel einen Gefallen damit getan, mit uns zu arbeiten, wie es mir, uns, Kraft gekostet hat, mit ihr zu arbeiten. Es ist ihr Job und meine Existenz. Kein Schicksal, keine Herzensgüte – mein Versuch unser AmLebensein aushaltbar zu machen und all die Unterstützung und Begleitung, die sie bieten konnte. Nicht mehr, nicht weniger und davon vieles, was ich als Erfahrungswissen nie verlieren möchte, gerade weil es kein Geschenk von ihr, sondern das Ergebnis meiner, unserer, Arbeit, unseres Mutes, unserer Anstrengungen ist.

Um einen Rahmen zu spannen, schlug ich vor, in einem halben Jahr einen Termin für einen Abschied zu vereinbaren. Wir sollen sie anrufen, um ihn zu vereinbaren und sind damit wieder die Person, von der alles ausgeht, die vorgeblich alles in der Hand hat, obwohl völlig klar ist, dass das nicht stimmt.

Ich glaube nicht, dass ich diejenige sein werde, die sie in 6 Monaten anruft.

die Klapsen-Gedankenschleife

Es rauscht und knackt in der Leitung, am anderen Ende gibt es Probleme mit Soft- und Hardware. „Hm, in ihrer Gegend kann ich ihnen keinen Termin vermitteln.“ Der Mitarbeiter der zentralen Terminvergabestelle klingt irritiert. In mir zieht sich etwas zusammen. Ich lasse ihn im Umkreis von 50 Kilometern suchen, dort findet er etwas.
Als ich auflege, brennt meine Haut. Mir ist schlecht, ich bin erschöpft. Ob immer noch oder schon wieder kann ich gar nicht so genau sagen. In der Nacht hatte ich einige Stunden damit verbracht herauszufinden, ob ich wirklich ganz aus Schmerz bestehe oder ein Erinnern mich das glauben lässt. Am Morgen hatte ich eine lange Selbstmotivationsphase gebraucht, um daran zu glauben, dass es gut ist, dass es wichtig ist, dass ich genug dafür bin, mich um einen weiteren Termin zu kümmern.
Jetzt sitze ich am Schreibtisch und fühle meine Kopfhörer wie die Berührung einer Person, die mich da erreichen will, wo es am schlimmsten ist. Sehe meine Arbeit, meine Projekte wie Türme, die weit über mich hinausragen, erinnere mich an meine Zukunftswünsche wie an einen Traum, den ich mir nie hätte erlauben dürfen.

Für eine Weile bin ich aus Stein. Mir laufen Tränen eine nach der anderen auf der gleichen Bahn über die Wange ans Kinn, wo sie sich sammeln, um gemeinsam auf meinen Pulli zu fallen. Ich beobachte das, fühle nichts, denke nur daran, was für ein jämmerlicher Zustand das ist. Was für ein erbärmlicher Wurm ich bin. Was für ein ekelhaftes Klischee.
Weiter hinten gibt es einen Streit darüber, was es bedeutet eine_n Therapeut_in zu brauchen, daneben steht die Erinnerung an die Pflegeperson aus der KJP, die mir vor 16 Jahren sagte, dass ich mich schon mal drauf einstellen könne, immer irgendeine Form von Therapie zu brauchen, weil bei mir einfach alles so richtig kaputt wäre.

Vor einigen Monaten habe ich mich so heil gefühlt, dass ich dachte, in ein zwei Jahren fertig zu sein und vielleicht nur noch das Autismuscoaching als Unterstützung zu brauchen. Wir haben über ein Kind nachgedacht, über Heirat, über eine kleine berufliche Selbstständigkeit. Darüber, das Nachwachshaus-Projekt auszuentwickeln, über einen Alltag, in dem meine psychische Beschaffenheit keinen Krankheitswert mehr hat. Jetzt kommt es mir naiv vor. Vermessen. Dumm.
Gesund, normal, ohne Therapiebedarf sind immer nur die anderen. Unbesprochenen Alltag, unbearbeitete Wahrnehmung, das dürfen immer nur die anderen haben. Mir ist das Leben nur dann zuzumuten, wenn jemand mit Fachwissen auch drin ist.

Ich bin in der Klapsen-Gedankenschleife. Getriggert bis unters Dach. Noch zwei drei Kreisel und ich bin suizidal. Kann keinen Sinn mehr sehen, nicht mehr an den Unterschied zwischen „real“ und „wahr“ glauben.
Ich hänge meine Wäsche auf, mache mein Bett, schalte den Wasserkocher ein und beobachte die Bewegungen darin. „Heute ist es anders als früher.“ denke ich und kann keine Entlastung im Gedanken an einen Suizid finden. Da wäre zu viel vorzubereiten, so viele Leute zu verlassen, ohne, dass sie es merken, was mir nie gelingen wird.
Ich rufe bei der Neurologin an. Die Praxis ist zu, ich rufe bei der Therapeutin an, die drückt mich weg. Ich rufe den Begleitermensch an, die Mailbox. Merke wie es hinter mir nickt und sagt: „Siehst?“

„Ich bin überfordert.“ denke ich. „Ich bin überfordert und das ist schon alles. Das passiert. Das ist auch Leben.“ Ich entscheide mich für ein Frühstück, verschließe die Stelle im Auge, aus der die Tränen kommen. Als ich dabei bin zusammenzubrechen, weil mir meine Handlung in Einzelteile und Bedeutungslosigkeit zerfällt, klingelt das Handy.
Die Therapeutin ist dran.

der zweite Sprechstundentermin

Sie braucht mir gar nicht sagen, dass sie keine Kapazitäten hat. Kann ihr Bedauern eingepackt lassen, braucht nicht überlegen, wie sie mir helfen kann. Ich sitze in ihrem halbdunklem Behandlungszimmer und denke kurz darüber nach, was es mit mir macht, dass diese Plexiglaswand zwischen uns so sichtbar ist, wie ich sie sonst nur fühle.

Wir sind einige Kilometer Landstraße gefahren, dann auf einen Acker. Vor dem Haus, in dem sie ihre Praxis hat, picken freie Hühner in der nackten Erde herum. Es ist mein erster Sprechstundentermin mit einer Therapeutin, der mir über die 116 117 vermittelt wurde.
Der Freund ist krank, es ist kalt, ich war vertieft in eine Arbeit, als er mich zur Abfahrt rief.

Ich bin gerade so schön taub und zerstäubt, das Sprechen fällt mir nicht so schwer, wie ich befürchtet hatte. Das Gefühl für meine Geschichte und ihre Wirkung auf andere ist durch das Bloggen und den Podcast, das viele Sprechen vor anderen in Rahmen, die keine Nähe entstehen lassen, irgendwie … tja, weg? abstrahiert? dissoziiert? Es ist jedenfalls kein Akt, der Vertrauen erfordert oder etwas, das ich nur mitteile, wenn ich mich sicher fühle. Tatsächlich werde ich eher unsicher, etwas davon zu erzählen, wenn ich mich sicher fühle im Kontakt mit jemandem, weil meine Geschichte in ihren Details und Realitäten diesen belastet und also die Sicherheit bedroht.

Früher hätte es etwas mit mir gemacht, auf so eine Therapeutin zu treffen, wie sie. Etwas älter, das Behandlungszimmer halbdunkel und warm, im Gesicht schräg gestellte Augenbrauen und die Stimme auf warm und fühlig. Ein ganz wunderbarer Schonraum. Ein weiches Nest voller Wärme und Verstehen. Früher hab ich gedacht, so etwas würde mich satt machen, heute weiß ich, dass es mich daran hindert, mich selbst zu ernähren.

Weil ich nicht weiß, woraus ihr Protokoll besteht und wie viele Informationen sie zwingend braucht, um mir den Zettel auszufüllen, auf dem steht, dass ich eine Therapie brauche, sie aber keine Kapazität hat, beantworte ich ihre Fragen und erzähle dabei, welche Diagnosen ich wann hatte und was ich durch die Therapie bisher erreicht habe.
Als sich mein Mund nach Waschlappen anfühlt, denke ich, dass ich das perspektivisch irgendwie anders machen muss. Es nervt mich, mit meinem Diagnoseweg immer auch mein halbes Leben zu erzählen und die andere Hälfte als Grund dafür zu haben. Und irgendwie tut es auch weh. Denn ich erzähle das wie ich es schon als Jugendliche erzählt habe: Stationsweise, Klinikweise, Heimweise, irgendwann Jahrweise. Mit Überbegriffen, abstrakt, sachlich. Ich weiß nicht, welche Informationen andere Menschen eigentlich wollen, wenn sie mich danach fragen. Was ich ihnen sage, ist es jedenfalls oft nicht, denn sie stellen Rückfragen auf Dinge, die ich schon gesagt habe, nur nicht zur Rampe für emotionale Tiefenwanderungen durch meine Gefühle konstruiert.

Sie fragt nach meinen Gewalterfahrungen, meiner Traumatisierung, ich sage, dass ich sexualisierte Gewalt erlebt habe. „Durch ihren Vater?“ fragt sie mit sanfter Verständnisstimme und nickt unbewusst. In mir drin klappen Türen zu, meine Antwort zerquetscht mit Nachdruck etwas rasendes, das sie wie mich gefährden könnte.

Später sagt sie, dass meine Geschichte ja sehr dramatisch sei, ich weiß nicht was sie damit meint. Ein Drama beschreibt in der Regel einen Konflikt und von dem habe ich ihr gar nichts erzählt. Mein Problem ist nicht, erlebt zu haben, was ich erlebt habe. Und selbst wenn das mein Problem wäre, wie sollte ich das denn lösen? Passiert ist passiert, ich hab überlebt und das ist im weitesten Sinne mein Problem.
Ich bin froh, dass sie keine Kapazitäten hat. So muss ich nichts ablehnen und mit Rechtfertigungsdruck umgehen.

Auf dem Rückweg fliegt eine Schleiereule von einem Strommast auf, an dem wir vorbeifahren. Dafür hat sich die Unterbrechung meiner Arbeit gelohnt.

Nachtrag: übers Verstecken und versteckt werden – die Helfergewalt

Das Narrativ um Leute, die Viele sind, ist so stark von Geheimhaltung, Schweigen und Unsichtbarkeit-Sichtbarkeit geprägt, dass zumindest bei uns wirklich sehr sehr oft die offensichtlichsten Dinge, die wir zeigen, nicht gesehen werden. Dass die klarsten Dinge, die wir sagen, noch um Ebenen ergänzt werden, die überhaupt nichts mit uns zu tun haben.

Es ist für uns unfassbar schwer uns davon abzugrenzen, ohne anderen Vielen, bei denen diese Ebenen durchaus da sind, zu schaden.
Und gleichzeitig auch uns selbst nicht einzureden, dass diese Ebenen bei uns niemals und nimmer nicht je auch von Bedeutung sein könnten.

Aber.
Es schadet. So sehr. Es hat uns so sehr geschadet, als jemand behandelt zu werden, die_r programmiert wurde. Es hat uns so sehr geschadet, als jemand behandelt zu werden, die_r für alles in Wahrheit ja Kompetenzen hat, weil Leute, die Viele sind, ja für alles immer jemanden haben, weil „die Täter_innen sich gar nicht leisten können, dass jemand auffällig wird“. Es schadet uns, wenn unsere Geschichte von anderen Menschen mit Annahmen darüber ergänzt wird, was welche Gewalthandlung an uns eigentlich bedeutet haben wird (während wir gleichzeitig nie prüfen können, ob das wirklich so war, weil Täter_innenkontakt zum Ende der Behandlung führt oder weil die Bedrohung nach wie vor besteht). Es schadet uns, dass wir als schweigend und aktiv verbergend eingeordnet werden, wenn wir nicht (öffentlich) aussprechen, was uns passiert ist.
Es schadet uns und es macht so viel mehr von uns unsichtbar, wenn alle unsere Schwierigkeiten unter den Mantel der DIS gestopft werden, als würde unsere Persönlichkeitsstruktur wirklich jede einzelne Dys_Funktion von uns erklären oder verursachen und als sei es nicht nötig, sich mit dem zu befassen, was mögliche andere Diagnosen auch bedeuten.

Nicht jedes Schweigen verbirgt ein Geheimnis. Manche Leute sind einfach ohne Worte. Und manche Leute, wir, müssen uns das Sprechenkönnen – besonders in für uns so hochbelasteten Kontexten wie dem einer Psychotherapie nach so viel Übergriffigkeit von anderen Behandler_innen früher – richtig hart erarbeiten.
Und manchmal gibt es einfach (noch) nichts zu sagen.

Vielesein ist kein Synonym für einen bestimmten Opfertyp. Kein eindeutiger Hinweis auf die eine Art der Gewalterfahrung, in dem einen Abschnitt des Lebens, mit dem einen Hintergrund.
Vielesein ist die Beschreibung einer von chronischer Dissoziation geprägten Selbst- und Umweltwahrnehmung einer Person. Nicht mehr, nicht weniger.
Sie ist keine Selbstauskunft über die Biografie, keine umfassende Beschreibung ihrer Fähig- und Fertigkeiten. Sie ist kein Beweis über die Existenz von bestimmten Gewaltformen und für sich allein auch kein Indiz für Umfang, Schwere und Häufigkeit von Gewalttaten.

Was zählt, ist die Person, die Viele ist. Der muss man wirklich aktiv und jedes Mal neu zuhören. Die muss man in allem anerkennen.
Und wenn man das nicht tut, dann schadet man sowohl ihr als auch allen anderen Vielen.
Und macht sie unsichtbar.
Versteckt sie.

übers Verstecken und versteckt werden

„Sie verstecken sich.“
An der letzten Therapiestunde war so vieles problematisch, so viele rote Flaggen wehten im Wind, der sich wohl schon länger unbemerkt von mir gedreht hatte. So viel, dass mir dieser Abschnitt erst jetzt wieder einfällt.
„Sie verstecken sich.“

Ich hatte erzählt, dass es mich manchmal anstrengt, nicht mehr einfach so viele sein zu können wie früher im Bullergeddo. Nicht, weil hier ein striktes Wechselverbot oder Anteilnahmeverbot am Leben mit dem Freund herrscht, sondern, weil wir einfach nicht mehr alleine sind und es heute von Relevanz für jemanden ist, was bei uns los ist.
Unser Sein im Bullergeddo war oft sehr einsam und viel davon beeinflusst, dass wir nicht wissen konnten, was wir nicht wussten. Waren wir nachts draußen auf dem Rad unterwegs oder in Panik durch die Heide rennend? Haben wir gegessen? Wenn ja, was? Wann war ich zuletzt duschen? Das war zwar immer irgendwie wichtig, aber nicht wirklich relevant. Viele Menschen machen sich einfach nicht klar, dass dissoziative (Alltags-)Amnesien vor allem wegen ihres Anspruchs an Bewusstsein für alles überhaupt ein Problem ist oder als krank eingeordnet wird – wenn man damit einfach so lebt, ohne jeden Anspruch oder Notwendigkeit dafür, zeigt sich das aber sehr.
Wenn ich nicht wusste, ob ich geduscht hatte, bin einfach nochmal gegangen. Essen kann man auch mehrfach am Tag. Sich umziehen. Aufräumen. Sich auf Wunden untersuchen. Die eigene Kommunikation nachverfolgen. Man kann viel kompensieren und wenn man nur sich selbst auf die Reihe kriegen muss, dann muss man das nur mit sich in der akuten Situation abstimmen.

Jetzt leben wir mit dem Freund zusammen. Und obwohl wir uns keine Wohnung teilen, so teilen wir doch unsere Leben miteinander und manches müssen wir heute anders kompensieren als in den letzten Jahren. Das ist anstrengend. Für ihn auch, der ebenfalls einige Jahre vorher alleine gelebt hat. Das bedeutet nicht, dass wir uns verstecken.

Wir haben Texte gelesen, in denen Viele beschreiben, wie sie sich Pläne machen, wer was wann wie „dr_außen/vorne machen darf“. Wie viel Kraft es sie kostet und wie sehr es sie kränkt, wenn die Inneren im Außen nicht erwünscht sind. Viele Viele müssen sich wirklich aktiv verstecken und leiden darunter. Bei uns ist das nicht so.
Unser ganzes Konzept dazu ist völlig anders.
Erstens können wir überhaupt nicht nach Plan wechseln oder nach Entscheidung. Wir sind nach wie vor auf Triggermechaniken bzw. Handlungsautomatismen angewiesen und nach dem Modell der strukturellen Dissoziation ist das auch total logisch so – nichts daran ist falsch oder krank, sondern wirklich so richtig knacke logisch.
Zweitens bedeuten Wechsel bei uns nicht, dass wir sie immer sofort selber merken, so nach dem Motto: „Ah jetzt endlich bin ich mal draußen, jetzt kann ich endlich XY machen.“ Es ist viel öfter so, dass wir tun, was wir immer tun, wenn wir da/aktiv/bewusst sind und erst dadurch der Wechsel überhaupt möglich zu erkennen und zu benennen ist. Und noch viel öfter ist es so, dass jemand etwas tut und dann sofort wieder weg ist und es völlig irrelevant ist, ob jetzt X oder Y dieses oder jenes getan hat, weil getan ist getan und relevant ist, mit der Verantwortung für das Getane umgehen zu können. Das ist etwas, das uns so derartig eingeprügelt eintrainiert reintherapiert wurde, dass es uns einzelne Innens unsichtbar – versteckt – macht und gleichzeitig aber auch sehr an das Handeln als Einsmensch bindet, was ja die Realität ist und die Ebene, auf der wir mit der ganzen Mitwelt interagieren.

Drittens ist unser individuelles Unsichtbargemachtsein und -bleiben im Grunde genommen auch genau, was frühere Therapien bewirken sollten. Wir konnten uns über Jahre nicht dagegen wehren, wenn Erwachsene – Behandler_innen, wie Pflegepersonal – uns dafür bestraft haben, was wir getan haben, ohne, dass wir wussten, was wir getan hatten (und warum). Wenn sie uns emotional wie (unter Zuhilfenahme der anderen Patient_innen einer Station) sozial unter Druck gesetzt haben, um uns zu Verhalten zu zwingen, das dieses permanente Nichtwissen kompensiert und unsere individuelle innere Beteiligung verunsichtbart.
Es ist also auch eine Helfertraumafolge, dass wir einerseits unfassbar krasse Panik davor haben, wenn einzelne von uns mit Namen und Funktion sichtbar werden – gleichzeitig aber auch ein Therapieerfolg, dass es keine Relevanz für uns hat, dass es diese Einzelnen von uns überhaupt gibt.

Wenn wir uns Sorgen machen zu wechseln, dann weil wir um die Folgen  und Implikationen wissen.
Es ist der totale Kontrollverlust, wenn zum Beispiel ein Wechsel zu Kinderinnens nicht verhinderbar ist, weil irgendein Traumatrigger greift, der nur über eine Handlung außen kompensierbar ist. Dann haben wir ein ernsthaftes Problem, sind ernsthaft schutzbedürftig und brauchen unter Umständen Reorientierungsreize, um den Zustand zu verlassen bzw. „zurückzuwechseln“. Aber das eigentlich Schlimme ist dann schon passiert. Unser Gehirn hat dann eine Situation fehlinterpretiert und auf einen Zustand umgeschaltet, damit umzugehen. Das Schlimme, das Kranke, das Gefährliche an unserer Traumafolge ist eben diese Fehlinterpretation. Die Annahme, jetzt gerade oder ganz gleich passiere die Wiederholung einer Traumatisierung und das mit dem Wechsel verbundene Wiedererleben.
Für uns, für mich, Hannah, ist es an sich überhaupt nicht schlimm, wenn Kinderinnens außen sind – für mich, für uns, ist daran schlimm, dass wir als Einsmensch innerlich eine Traumatisierung wieder_erleben bzw. wie in Zeiten er_leben, die traumatisch waren. Bei uns ist noch nie ein Kinderinnen draußen gewesen, weil es das so gerne wollte, sondern immer nur, weil wir als Einsmensch auf bestimmte Situationen im Außen noch keine andere Reaktionsmöglichkeit entwickelt haben, als die, wie wir sie als Kind haben entwickeln müssen.
Deshalb sind Kinderinnens im Kontakt mit Behandler_innen oder Freund_innen für uns kein Zeichen von Vertrauen, sondern von einem Macht(Gewalt)verhältnis und also akuter Bedrohung bzw. von einer Situation, in der es so viele Parallelen gibt, dass unser Gehirn sie als (möglicherweise) traumatisierend einordnet.

Als Einsmensch sind wir nicht unsichtbar. Als Einsmensch, der Viele ist auch nicht.
Alle mit denen wir regelmäßig Kontakt haben wissen, dass wir Viele sind. Dass wir sehr lange Gewalt erlebt haben und bis heute davon beeinträchtigt sind.
Wir sind unter dem Namen Hannah C. Rosenblatt Autor_in, die_r offen damit umgeht, dass sie_r gewalterfahren und Viele ist. Podcaster_in, die_r in über 50 Folgen darüber spricht, wie das ist gewalterfahren und Viele zu sein. Dieses seit über 10 Jahren öffentlich zugängliche Blog hat über 1.500 Beiträge darüber, dass ich Viele bin und was ich erlebe.
Ich, wir, sind absolut keine Person, die sich versteckt. Viel eher sind wir eine Person, die nicht erkannt wird. Die nicht verstanden wird. Die in einigen doch einigermaßen relevanten Aspekten nicht gesehen wird. Und das ist eine völlig andere Sache. Eine, die wir nur wenig beeinflussen können, weil das in anderen Menschen passiert und eine, die uns viel öfter versteckt, als wir das je herstellen könnten.

Wir können immer nur sagen: „Hier, dieses Buch erklärt ganz gut, was Vielesein ist.“ Sagen: „Frag mich, wenn du etwas nicht verstehst.“ Erklären. Ressourcen bereitstellen. Aufzeigen, dass man mit uns nicht umgehen muss, als wäre unsere Er_Lebensrealität ein außerordentlich schwer zu entschlüsselndes Geheimrätsel.
Viele Viele müssen sich wirklich verstecken. Sie werden von Täter_innen bedroht, müssen aufpassen, dass sie sich nicht in Situationen bringen, die sie zur Anzeige von Straftaten zwingen. Manche müssen Angst haben, dass man ihnen Sorge- und andere Rechte entzieht. Dass sie ihren Job verlieren, ihre Würde, ihre soziale Stellung. Ihre Zukunft, ihre Gegenwart.
Wir müssen das nicht und halten das für ein Privileg von uns. Wir können es uns leisten so sichtbar zu sein, wie wir es im Moment sind.

Es ist nur nicht leicht.
Das ist es wohl nie.

mein Trauma gehört mir – alles davon

Ich bin in dem Glauben erwachsen geworden, die Traumafolgestörungen mit denen ich lebe, seien eine Art Manifestation der erlebten Traumata in mir. Was mir passierte, war mir allein passiert und deshalb passierten die Symptome auch in mir allein und deshalb musste ich in die Psychiatrie, in Therapie, in die Opferrolle, in ein Leben, das nie wieder frei von der Thematik und allem, was sie mit sich bringt, sein kann.

Welche Rolle was in meinem Leben gespielt hat, ist für mich bis heute Forschungsgegenstand.
Ich schaue nicht auf die Gewalt in meinem Leben und sehe tausend Traumata, verurteile Täter_innen als schlechte Menschen und bewerte jedes schwierige Ereignis als Trauma. Wie bei einfach allem sehe ich mich vor einem riesigen Haufen von Stücken und Details, die ich mir immer wieder und wieder, ganz bewusst und in aller Anstrengung zu Kontext, zeitlicher Reihenfolge, Ursache und Wirkung zusammenpuzzeln muss, was immer oft überfordert und ein ganz eigenes traumatisierendes Potenzial in sich trägt.

Ich weiß, dass ich, was mein eigenes Leben angeht, viel viel langsamer bin als Äußere. Für mich ist nicht mit einem Blick alles klar. Für mich sind viele der Zusammenhänge von Trauma und aktuellem Leiden nicht so klar, wie man das zuweilen von mir erwartet.
Ich lebe in einer manchmal wirklich albtraumhaften Realität der Inkongruenz und Widersprüchlichkeit aus der ich nicht rauskomme, weil ich sie empfinde, sie aber nicht in mir passiert und es trotzdem von niemandem wahr.genommen wird. Damit meine ich zum Beispiel Situationen des gegenseitigen Missverstehens, die sich ja immer dadurch ergeben, dass man sich jeweils nicht auf die gleichen Dinge bezieht oder zu unterschiedlichen Schlüssen kommt, weil man unterschiedliche Vorannahmen hat oder unterschiedliche Bewertungen vornimmt.
Damit meine ich aber auch Situationen, in denen ich überfordert werde, weil man Dinge über meine Haltungen und mich annimmt, die nicht stimmen – und von mir auch nicht richtig gestellt werden können, weil man mir nicht glaubt, oder falsch interpretiert, was ich sage.

Übrigens ein Grund, weshalb ich „Loriot“ so abgrundtief traurig und schlimm finde.
Alle lachen über jemanden, der nicht aus einem Missverständnis heraus kommt oder der nicht gegen eine Struktur ankommt, die aller menschlichen Logik widerspricht, egal was er tut oder sagt. Ich habe bisher noch nicht eine Person getroffen, die in der Wahrnehmung der Grausamkeit dessen mit mir übereinstimmt oder sich wenigstens mal ein bisschen hineinfühlen kann, wie es ist, was es für einen Eindruck macht, wenn man sieht: Für andere ist das, was mein tägliches Leben im Kleinen wie im Großen, im Dringlichen, wie Brandgefährlichen im Kern ausmacht, ein Witz. Ein Moment sozialer Verbundenheit mit allen, die das auch als Witz empfinden. Etwas, das dazu beiträgt, Leichtigkeit ins Leben zu bringen. Inkongruenz ist für sie die Ausnahme. Und zwar so sehr, dass sie als Witz taugt.
Sie haben die Unaushaltbarkeit von Un- und Missverstandenheit nie als so bedrohlich, so umfassend isolierend, so traumatisierend erlebt wie ich – und sie erleben sie nicht jeden Tag in all ihrer Unauflöslichkeit, Unverhinderbarkeit, Unerträglichkeit.
”Meine Menschen” erleben das wenn, dann mit mir. Und manchmal können wir einander nähern, indem wir darüber reden, doch oft frage ich nach, lasse mir ihre Sicht erklären und nehme das an. Bis ich fertig bin, meine Sicht zu erklären – und verständlich zu machen – , bis ich fertig bin, formulieren zu können, was ich meine oder glaube oder auf welches Hintergrundwissen ich mich beziehe, ist meine Kraft vorbei oder die der anderen Person. Oder der Rahmen passt nicht oder es ist nicht wichtig genug oder das Risiko, dass wir in Streit geraten ist mir zu hoch.

Gerade Streit will ich vermeiden, weil der Grat zur Aggression und Wut für mich ein haarfeiner ist.
Meine Wut, meine Aggression wurde mir immer als Kraftquelle angerechnet, aber treffen soll sie nie jemanden. Wie meine Traumafolgesymptomatik soll ich sie fühlen, passieren soll sie aber nirgendwo.

Ich schreibe das hier gerade alles auf, weil ich – inmitten meiner Recherchen zu Autismus und Trauma – sehr stark an Traumata erinnert werde, die ich als solche nicht ausdrücken, nicht kommunizieren, nicht haben darf (read as: keine soziale Erlaubnis dafür haben), weil sie nicht die Art Trauma sind, wie sie im DSM-5 stehen.
Ich merke, dass ich noch gar nicht genug wütend war bisher. Noch gar nicht zerstörerisch, aktiv rachsüchtig, willentlich verletzend, laut, er_schreckend und brutal genug war – nicht einmal in meinen Gedanken. Ein einziges Mal war ich in den letzten Jahren so wütend, wie ich es innerlich bin und die Bestrafung folgte auf dem Fuß. Und niemand war in dem Moment für mich da. Niemand hat meine Wut legitimiert. Niemand hat meine Verzweiflung, meine Ohnmacht, die Unaushaltbarkeit der Wut und meiner Überforderung von allem, überhaupt begriffen oder irgendein Verstehen angedeutet. Das einzig Gute war, dass ich sie erschreckt habe. So hat wenigstens niemand gelacht und dass ich krasse Gefühle hatte, war eindeutig für alle.

“Mein Trauma gehört mir”, ist mir gerade ein starker Satz.
Während ich mich durch dutzende Studien arbeite, die dann zu Fußnoten hinter meinen Aussagen werden, realisiere ich, dass in der ganzen Zeit der Traumatherapien – egal, wer mich wie behandelt hat – nie eine Rolle gespielt hat, was konkret das traumatisierende Element für mich war. Immer wieder wurde und wird mir angetragen, dass die Situation an sich eine traumatisierende gewesen sei. Vergewaltigt zu werden, misshandelt, ausgebeutet zu werden kann traumatisierend sein, ja, aber es ist eben nicht nur das Geschehen dessen, sondern auch, das Erleben an sich, das traumatisieren kann.
Kein traumatisierend wirkendes Ereignis passiert allein in einer Person. Jede zwischenmenschliche Gewalt passiert zwischen Menschen.

Zwischenmenschliche Gewalt ist ein Kommunikations- und Interaktionsgeschehen.

Zu realisieren, dass unsere Interaktions- und Kommunikationsprobleme offenbar nie auch als Teil einer Traumatisierung oder als Trigger gedacht werden, fühlt sich im Moment sehr schrecklich an und ich kann gerade nicht sehen, ob ich das je vergeben kann – und will, denn es war immer und immer und immer wieder Thema. Immer wieder haben wir das auszudrücken versucht und immer wurden – und werden – wir mit der Klarstellung der Rollen in Täter_in(en) und Opfer überfahren, als wäre das alles, was dazu wichtig zu verstehen sei.
Es gibt viele Menschen, denen das hilft und reicht. Mir reicht es nicht. Am Ende meiner Auseinandersetzung mit dem, was mir passiert ist, soll kein Urteil oder eine Bewertung über die traumatisierenden Ereignisse oder die Täter_innen stehen. Ich habe bereits ein Urteil und eine Bewertung über den Umstand überhaupt traumatisiert worden zu sein, und über die Täter_innen stehen mir weder Urteil noch Bewertung zu, denn ich habe von vielen nur ihre Taten an mir erlebt, aber weiter nichts. Was ich will, ist Kontext. Ich will ein Narrativ. Ich will meine Geschichte. Ich will keinen ungeordneten Haufen Details, die sich unterschiedlich fremd und nah anfühlen, irreal, unverständlich, unlogisch und bizarr. Ich will mich in meinen Erfahrungen und mir zurechtfinden können. Dabei wird mir kein Urteil jemals helfen.

Am Dienstag hatten wir eine Online-Therapiestunde in der ich, nach einer halben Stunde, in der ich wiederholt versuchte mich und ein Thema von mir zu erklären, die Verbindung unterbrach, weil ich merkte, wie ich jeden Moment entweder ausraste und alles um mich herum oder mich selbst zerstöre. Ich hatte das Gefühl, dass die Therapeutin mir einen wesentlichen Aspekt meiner Traumatisierung wegnehmen will, indem sie meine Versuche eine andere als meine eigene Perspektive auf unser Familienleben einzunehmen, um vielleicht zu weiteren, anderen, Einschätzungen und damit auch Möglichkeiten des Verstehens zu kommen, mit dem Implizit begegnete, dass doch schon alles klar sei. Wir Opfer, die_r Täter_in, fertig. Was hat es denn da für einen Zweck noch irgendeine andere Perspektive drauf zu haben? Was sonst außer, dass da Gewalt passiert ist, könnte denn noch relevant sein?

Sie schrieb mir eine Nachricht, dass mein Verhalten inakzeptabel sei.
Ich konnte nicht anders als zu denken: “Ja, passt doch. Alles das hier ist verdammt noch mal inakzeptabel.”

22072020 – 18 Jahre Psychotherapie

Auf meinen langen Thread zur Akzeptanz unseres Vieleseins am Samstag wurde ich gefragt, ob die lange Zeit der Therapie üblich sei bzw. wie lange man mit der dissoziativen Identitätsstörung (DIS) in Behandlung ist. Unsere Antwort – dieser Thread.*
Die kurze Antwort ist: Entweder lange oder kurz. Oder gar nicht.
Die Realität: Es kommt drauf an. Eine psychotherapeutische Behandlung ist etwas, wofür man sich entscheiden muss. Noch vor allem anderen. Für viele Viele braucht es da nicht viel, weil die PTBS-Symptomatik zu
erheblichem Leidensdruck führt und dem praktisch ausschließlich in psychologisch/psychiatrisch professionalisierten Kontexten begegnet wird. Heißt: Wenn du merkst, dass du an etwas trägst, wirst du sehr schnell hören: „Ouw – da geh mal lieber zu nem Profi mit.“
Viele Viele landen dann oft in diesen Kontexten, weil sie sich Leidenslinderung versprechen bzw. diese versprochen wird. Ich will damit nicht sagen, dass das falsch ist oder ausschließlich problematisch, aber für uns ist das ein Faktor, der die Länge der Behandlung mitbestimmt.
Gäbe es andere Räume, in denen man sich der eigenen Geschichte und sich selbst halbwegs save, beforscht und studiert widmen kann, würden wir nicht von einer Behandlung, sondern einer Auseinandersetzung, einem Lernprozess sprechen, der zu Leidenslinderung führt. Also Entwicklung.
So. Das zur Vorrede und Klärung. In unserem langen Thread hatte ich zu Beginn geschrieben, dass wir seit 18 Jahren mit der Diagnose umgehen. Das habe ich aus genau dem Grund so geschrieben. Wir waren 1,5 Jahre in der Klinik, die diese Diagnose gestellt hat – dann verging einige Zeit, in der es wieder eine andere Diagnose gab und dann wieder Gewurschtel um Wohnort und Gedöns – wir waren in der Zeit „in Behandlung“, die mehr oder weniger für die Verwaltung unseres Lebens gebraucht wurde. Also Eingliederungshilfen-Begründung und Kindergeldansprüche. Ums Vielesein ging es nicht und so oder so war die Therapie damals ausschließlich eine lebenserhaltende Maßnahme. Wir waren im Täterkontakt, wurden also noch regelmäßig gequält und ausgebeutet – sollten aber bitte deshalb doch keinen Suizid machen, nur weil uns niemand da raushilft.
Bis wir wirklich richtig am Vielesein selbst arbeiten konnten, vergingen 6 Jahre. So lange hat es von „einer Behandlerin sagen, dass wir in organisierte Gewalt verwickelt sind“ bis „Wir erarbeiten für den Ausstieg nötige Fertig- und Fähigkeiten und wenden diese ohne jede weitere
professionalisierte Unterstützung, gesetzliche Hilfe, staatlichen Schutz an, obwohl wir uns akuter Lebensgefahr befinden“.
Waren die 6 Jahre Behandlungszeit? Für uns schon, denn wir haben in der Zeit Entwicklungen gemacht – obwohl diese keine direkte Leidenslinderung brachte.

Konkret am Vielesein – an der Erforschung und dem Verstehen unserer inneren Mechanik, konnten wir aber auch danach noch gar nicht arbeiten. Denn nach dem Ausstieg begann die richtig krasse Symptomatik. Wir gingen in den nächsten 5 Jahren durch eine immer wieder unterbrochene Phase der Stabiliserung. Intervalltherapie in der Klinik – 8 bis 12 Wochen damals noch, nach bis zu 1,5 Jahren Wartezeit. Dann raus – wo es dann erst unsicher, später völlig klar war, dass wir keinen ambulanten Traumatherapieplatz bekommen. Wir haben immer wieder mit psychologischer Frauenberatung und persönlichem Engagement Einzelner (und dem Risiko der Verwicklung, zu der es dann auch kam, mit all ihrem zerstörerischen, weil retraumatisierendem Potenzial) überbrücken müssen. Und immer wieder war der Zirkel: Semistabil aus der Klinik, absolut instabil in die Überbrückung, um einen Suizid zu verhindern und völlig zerbröselt wieder in die Klinik. Ein Kreisel, den viele komplex traumatisierte Menschen kennen und nicht alle auch überleben. Ein Umstand von dem noch viel zu wenig Menschen wissen.

Erst 2012, also 10 Jahre nach der Diagnosestellung der DIS und 8 Jahre nachdem sie bestätigt wurde – nach mehr als 20 Erstgesprächen, die allesamt total schmerzhaft und schwierig waren, haben wir unsere jetzige Therapeutin getroffen. Die vorletzte auf der Liste. Die vorletzte Hoffnung.

Im ersten Jahr haben wir einander kennengelernt. Das war unfassbar anstrengend, weil wir versuchten eine Bindung zu etablieren, die wir kaum ertragen konnten. Im zweiten Jahr haben wir überhaupt erst realistisch erreichbare Therapieziele entwickeln können. Im dritten Jahr kam unsere Autismusdiagnose. Und seitdem haben wir überhaupt erst Zugang zu der therapeutisch wirksamen Ebene der Gesprächstherapie bekommen. Und dann ging es aber steil bergauf. In den letzten 5 Jahren haben wir viel Funktionalität erlangt, sind in uns stabil, haben erhebliche Symptomveränderungen (im Sinne von „ist weniger geworden oder auch weniger belastend geworden“) und haben einige biografische Lücken füllen können. Jetzt sind wir an dem Punkt, an dem wir die Dinge, die in der Fachliteratur zur Traumabehandlung empfohlen wird, auch machen können.
Warum habe ich diesen Schwiff gemacht? Weil es ihn in der Behandlungserzählung von Vielen NIE gibt. Immer wird an dem Punkt angefangen, wo Stabilität, innere Konsistenzen und Belastbarkeit bereits gegeben sind. Nie da, wo sie überhaupt erst entwickelt werden müssen. (Davon erzählen die Vielen dann oft ungehört – in Blogs, in Foren, in Selbsthilfegruppen – als quälendes Zweifelgewühl, ob sie diese Therapie überhaupt richtig machen, davon profitieren, ob es überhaupt etwas bringt…)
Manche Menschen sind komplex traumatisiert und dann ist die Behandlungszeit vielleicht genau die kassenfinanzierte Langzeittherapie ein Mal im Leben. Manche Menschen – und ich behaupte, dass das die meisten Vielen sind – brauchen sehr viel mehr als 120 kompetent durchgeführte Behandlungsstunden, weil viele als selbstverständlich angenommene Fähig- und Fertigkeiten, auf denen die unfassbar ableistisch konstruierte Psychotherapie aufbaut, ohne dies offen kritisch zu hinterfragen oder allgemein anpassbar zu gestalten, in ihnen (noch) gar nicht (aus)entwickelt sind (oder in anderer Form da sind, als bei der Mehrheit der Menschen, für die diese Behandlung konstruiert wurde).
Das ist ein anderer Thread, ja, gehört hier aber unbedingt dazu.
Sprechen können – ist eine Notwendigkeit in der Gesprächstherapie. Fragt mal komplex traumatisierte Menschen deren Muttersprache nicht Deutsch ist, wie lange sie so „in Behandlung“ sind. (Regelmäßig) zur Therapie kommen können – ebenfalls super notwendig. Fragt mal, wie barrierefrei erreichbar die psychotherapeutischen Praxen in der Regel so sind. Und was passiert, wenn man zum Beispiel wegen exekutiver Dysfunktion, Panikattacken oder innerer (wie äußerer) Verbote nicht regelmäßig kommen _kann_. Wie lang sich die Behandlungszeiten (und die Suche nach einem Behandlungsplatz) dann ziehen.
Ich bringe das an, weil mir wichtig ist, dass allen klar wird, dass wir so lange in Behandlung sind, weil wir uns die Behandlungsfähig- & fertigkeiten erst erarbeiten mussten – und nicht, weil man als Viele generell so derbe krass zerstört ist, dass da fast gar nichts mehr geht.
Die Psychotherapie an sich braucht grundlegende Überarbeitung und mehr Konzepte für behinderte Menschen. Die Kassenfinanzierung bzw. ihre Grundlage muss sich verändern. Wir Patient_innen haben oft Bedarfe, die nicht von einer Diagnose allein kommuniziert werden können.
Wir müssen angehört werden. Wir brauchen Repräsentanz, die über die seit Jahrzehnten wiedergekäuten Existenzbeweise unserer Lebensrealitäten hinaus geht. Und wir brauchen die Normalisierung der Auseinandersetzung mit sich selbst und der eigenen Geschichte. Nur so kann es nicht mehr erschrecken oder zu Mitleid führen, wenn jemand wie wir schreibt, dass sie_r seit 18 Jahren mit einer Diagnose umgeht. Und nur so kann man verhindern, dass das überhaupt irgendjemand von sich sagen muss. 
Danke fürs Lesen 🙂
*Für die Veröffentlichung hier habe ich Fehler und Quirks ausgebessert, die im Originalthread sind.
Alles kursiv gehaltene sind neue Anmerkungen.

der Thread zur #PluralAcceptanceWeek 2020

Disclaimer: Die #PluralAcceptanceWeek ist eine Awarenessveranstaltung von „Plurals“ für „Plurals“, wobei als „Plural“ definiert wird, wer sich als Mehrere/Viele erlebt. Das meint Menschen mit dissoziativer Identitätsstörung aber auch Menschen mit z. B. Ego States o. Ä. und Menschen, die sich selbst mehr oder weniger absichtlich zu Vielen machen oder gemacht wurden, als sie erwachsen waren. Etwa durch intensives Rollenspiel, Drogenkonsum oder Konditionierung. Die Abgrenzung dazu ist uns wichtig. Es gibt dazu einige Debatten und viele Streite, von denen manche in Foren, Blogs, Twitterthreads und Facebookposts nachzulesen sind. Wir persönlich lehnen es ab, „selbstgemachtes“ Vielesein mit unserem traumabedingt entwickeltem Vielesein gleichzusetzen und zu akzeptieren. Wer dazu forschen will: Die Schlagworte sind „Tulpas“ und „endogenic Systems“.

Zur Webseite der Plural Awareness Week: pluralevents.org

 

Diesen Thread auf Twitter nachlesen

Für alle, die hier neu sind, „Ein Blog von Vielen“ und das Podcast „Viele-Sein“ noch nicht kennen oder nie Zeit haben, mal da reinzulesen/hören, hier ein Kurzabriss zu uns. Wir sind eine nicht binäre Person und verwenden sowohl Plural als auch Singular-Pronomen zum Namen „Hannah“. Wir sind 34 Jahre alt und gehen seit bald 18 Jahren mit der Diagnose der dissoziativen Identitätsstörung um. Ja – richtig gerechnet – seit wir 16 Jahre alt sind.
DIS war nicht unsere erste Diagnose. Wir waren erst als allgemein anpassungsgestört, dann als persönlichkeitsgestört
dann als schizoid, dann als mutistisch, dann als Borderline Syndrom-erkrankt, dann wieder als schizophren, irgendwann immer auch als depressiv und (akut) suizidal diagnostiziert. Bis wir 16 waren, hatten wir x verschiedene Einrichtungen, Therapeut_innen, Psycholog_innen „durch“. Die DIS-Diagnose war dann erst einmal nichts, worauf wir uns einlassen konnten und wollten. „Aha, jetzt also multiple Persönlichkeit ja geil schönen Dank!“

Wobei wir das so ausformuliert nicht gedacht haben, weil wir von dem ganzen popkulturellen Ding um „multiple Persönlichkeiten“ und den Verschwörungskladderadatsch noch nichts wussten. Aber wir wussten, dass mit der Diagnose auch ein Zerstörungsgrad kommuniziert wird und das passte nicht zu dem, wie wir uns wahrnahmen. An dieser Stelle beginnt unser eigentlicher Thread zur #PluralAcceptanceWeek.

Wie fühlte sich unser Vielesein damals für uns an und wie heute?

Antwort: Gar nicht eigentlich. Für uns gab es nie eine Zeit, in der niemand anderes auch in unserem Leben mitgemischt hat. Da war immer jemand, die_r mit_reagiert, mit_fühlt, mit_denkt, Infos teilt, abfragt … fremd und vertraut nah ist. Wir bemerk(t)en nicht jede Amnesie, konnten uns nicht als widersprüchlich (handelnd, Aussagen treffend) reflektieren und einen Hauch unserer posttraumatischen Belastungssymptomatik, haben wir eigentlich immer nur auf der Intensivstation oder einer geschlossenen Psychiatriestation nach einem Suizidversuch gespürt.
Wir sind nie mit den Armen in der Luft im Kreis gerannt und waren ganz aus dem Häuschen, dass da irgendwelche Anderen sind und dass die ganz anders sind als wir einzelnen jeweils. Gleichzeitig hat es uns total erschüttert, dass Äußere uns sehen und erkennen konnten. Und mit „erschüttert“ meine ich hier „traumatisiert“.
Wir haben uns seziert und mikroskopiert gefühlt, empfanden viele Grenzen übertreten, jedweder Privatheit im eigenen Sein beraubt und als Allgemeingut der Klinik behandelt. Wir konnten uns entsprechend gar nicht akzeptieren – wir gehörten ja gar nicht uns und sollten so wie wir sind ja gar nicht bleiben, sondern „Eine“ werden und alle da (in der Klinik damals) würden dafür sorgen. Vielleicht kriegt ihr grad eine Ahnung, was für ein Horror die 1,5 Jahre dort für uns waren. Was für ein Trauma.

Mit unserer Volljährigkeit endete der Klapse-Einrichtungskreisel und das hat bei der Akzeptanz der Diagnose und uns selbst als Viele extrem geholfen. Wir konnten unreglementiert Medien konsumieren und endlich auch das Internet nutzen. So kamen wir zu erklärten Fachartikeln, zu Berichten anderer Viele, zu Foren, zu Mailinglisten (wisst ihr noch – hach damals…) und zu Menschen, die schon viel mehr über sich verstanden haben. Wir mochten viel davon nicht und das war auch total hilfreich, denn etwas nicht zu mögen ist ja schon mal mehr als das Nichts, das man fühlt, wenn man praktisch durchgehend dissoziiert. So haben wir früh abgelehnt uns als „Multi“ oder klassisch „multiple Persönlichkeit“ zu bezeichnen. Wir sind einfach nicht „mehrfach“, sondern mehrere. Unterschied. Wir lehnen es auch ab, über uns zu sagen, wir wären entstanden, weil wir die Gewalt unserer Kindheit, Jugend und frühen Erwachsenheit nicht anders ertragen hätten. Wir haben sie ertragen müssen, egal, ob wir Viele geworden wären oder nicht. Es ist nie eine Wahl gewesen.

In dem Buch, das wir gerade schreiben, bezeichnen wir unser Vielesein als traumabedingte Entwicklungsstörung. Man weiß heute, dass Persönlichkeit nicht angeboren ist, sondern entwickelt wird und das von vielen äußeren wie inneren Faktoren abhängig ist, damit ein kongruentes Ich-Erleben daraus wird. Wir waren vermutlich schon als Kleinkind Viele, weil wir bereits in dem Alter dem toxischen Stress ausgeliefert waren, der ein Trauma auszeichnet. Wir haben keinen unzerstörten Persönlichkeitskern, weil wir nie irgendeinen Kern haben entwickeln können. Das ist der für uns über die Diagnose kommunizierte Zerstörungsgrad.
Stell dir mal vor, wie das ist, wenn du rausfindest, dass dir ein wesentliches Merkmal der menschlichen Existenz im Grunde fehlt bzw. bei dir nicht „richtig“ entwickelt ist. Wer würde das einfach akzeptieren? Wir waren von all dem maximal überfordert und haben immer wieder nur Psychologie und Psychiatrie als Anlaufstellen dafür gehabt – mit aller Konsequenz für die Klaps-Trauma-Verwicklungen, die sich daraus ergeben. Ein Grund, weshalb wir Peer-to-Peer-Konzepte so wichtig finden.

Wir haben 2007 zuletzt die Gewalt erfahren, mit der wir aufwachsen mussten. Mit dem Ende der Gewalt begann für uns die eigentliche Symptomatik. Flashbacks, somatoforme Dissoziation, Funktionsausfälle, mehr und mehr Bewusstsein für biografische wie Alltagsamnesien und die Unkontrollierbarkeit von Wechseln zu Innens, die sich und damit unser aller Körper schädigen, plötzliche Angstattacken, Essstörungen, eine Palette an Vermeidungstänzen, die unfassbar energieintensiv war… Wir mussten erst einmal akzeptieren, dass das alles da war, weil wir Viele sind und nicht, weil wir viele Probleme haben. Und darüber entwickelte sich dann langsam mehr Diagnoseakzeptanz. Unsere damalige Therapeutin hat sich als Brücke angeboten. Wenn ihr X etwas über sich erzählt, hat sie es Y erzählt und Y hat es für alle aufgeschrieben. Das haben wir so lange gemacht, bis wir das nicht mehr wollten, weil wir uns von der Therapeutin nicht abhängig machen wollten. Wir haben Wege gefunden, uns selbst Brücken zu bauen. Das Blog von Vielen ist dabei die einzige, die wir konsistent erhalten haben bis heute.

Psychisches Leiden wird in unserer Gesellschaft extrem individualisiert. Sich mit dem Vielesein auseinanderzusetzen wird häufig auch als individueller Prozess gesehen, der ausschließlich etwas mit einem_einer selbst zu tun hat. Für uns war und ist bis heute aber wichtig zu sehen, dass wir aufgrund unserer gewaltkulturell geprägten Gesellschaft Viele geworden sind. Es braucht nicht nur die von Täter_innen ausgeübte Gewalt, um Viele zu werden – es gibt die Ebene derer, die nicht geholfen, nicht getröstet, nicht geschützt haben und auch die sind in uns eingeschrieben, als „Innens“, wie wir uns Innere nennen. Andere nennen sich „Innenpersonen“, „Anteile“ oder „Alters“. Wir sind also gezwungen, auch diese Ebene in uns zu akzeptieren, wollen wir uns als Ganzes akzeptieren – obwohl sie außen als maximal inakzeptabel gilt.
Hier komme ich an den Kern unserer Akzeptanzproblematik. Wir sind bereit uns selbst zu akzeptieren, wie wir sind. Seit 2015 sind wir auch mit ASS (Autismus-Spektrum-Störung) diagnostiziert. Ab da wurde _so viel_ für uns besser und begreifbar, weil wir mit einem anderen Modell konfrontiert wurden. Nämlich dem der Neurodiversität. Manche Gehirne können so, manche so. Kurz gesagt. Sehr kurz. Sorry.
Wir ordnen unser autistisches Vielesein heute als Entwicklungsergebnis ein, wie unsere Körperhöhe, unsere Haarfarbe, unsere Gewebestruktur.
Wir sind halt so und nicht anders. Und ja, wir könnten enorm viel Energie aufbringen und uns auf die Ursache dieser Entwicklung konzentrieren, aber das kann und darf niemals ein individueller Akzeptanzprozess sein! Wir weigern uns, uns selbst darzustellen als Verkörperung der Gewalt. Wir verkörpern uns. Unser Leben, unsere Entwicklungsmöglichkeiten nach der Gewalt und das zu akzeptieren ist für uns eine völlig andere Kiste. Viel logischer, viel eindeutiger.
Wir kämpfen nicht mehr darum, von anderen Menschen als Viele akzeptiert zu werden, sondern als Mensch und merken: Das ist der viel krassere Kampf, denn der Umgang unter Menschen ist weitaus häufiger entmenschlichend (und gewaltvoll) als sie es bemerken.
Wir merken: Unsere Dissoziation trennt nur uns voneinander – die Dissoziation, die diese Gesellschaft als Menschen voneinander trennt, ist viel viel tiefer, viel viel schlimmer und noch viel viel weniger als Fakt akzeptiert, als wir es je waren. 

Bei jeder Awareness/Acceptence-Aktion muss man sich fragen, wo sie hinführen soll. Wir mussten uns das auch in Bezug auf unser Vielesein fragen. Versprochen wurde uns mehr Lebensqualität, mehr individuelle Freiheit, Selbstbestimmung – alles Dinge, die man selbst gar nicht herstellen kann und die aus einem_einer allein heraus auch gar nicht funktionieren. Ich weiß gar nicht, ob es in diesem Thread klappt die Dimension des Dramas aufzuzeigen, das sich für uns über Jahre aufgetan hat, und wir mit aller Macht zu akzeptieren versucht haben, weil wir dachten: „Wir müssen uns als Kern all unserer Probleme und entsprechend auch all unserer Problemlösungen akzeptieren, weil wir nur so unser Vielesein akzeptieren und nur so überhaupt einen Fuß in die Tür zum unbelasteteren Leben kriegen.“

Wir waren Anfang/Mitte 20 als wir anfingen zu merken, dass wir keinerlei Selbst- und Lebenskonzept hatten und Ende 20 als wir begriffen, dass, egal welches Konzept wir entwickeln, darin, egal wie sehr wir uns akzeptieren oder nicht, ob die Diagnose weiter besteht oder nicht, überhaupt niemals die Freiheit, Selbstbestimmung und Lebensqualität drin sein wird, wie wir sie uns wünschen, weil wir arm, schwerbehindert und weder hetero noch cis sind. Die Selbstakzeptanz als Ticket ins Normaloland war damit abgebrannt. Und zwar nachhaltig.
Wir begannen darüber nachzudenken, warum wir uns zur Akzeptanz gezwungen fühlten und merkten, dass wir es taten, weil es immer wieder als Bedingung für unsere Trauma.heilung formuliert wurde.
Nun ist es aber so, dass wir gar nicht heilen wollen, sondern verarbeiten. Wir wollen Integrität. Wollen unsere Geschichte in uns haben, ohne auf Äußere angewiesen zu sein und wollen bewusst mit unseren Erfahrungen sein, um sie wie alle anderen Lebenserfahrungen auch nutzen zu können. Etwas, zu dem wir jetzt noch nicht umfänglich fähig sind. Wir müssen unsere innere Mechanik verstehen, um sie zu nutzen – wir müssen sie nicht akzeptieren und oft denken wir auch: „Ey, bloß nicht akzeptieren, was da läuft, sonst wollen wir es vielleicht nicht anpassen oder verändern.“
Weil Sprache und Re_Framing uns viel möglich macht, sprechen wir heute eher von „Annahme des eigenen Vieleseins“ als von „Akzeptanz des eigenen Vieleseins“. Darin steckt für die traumaphobischen von uns die Möglichkeit, sich über das Konzept der Theorie und der theoretischen Auseinandersetzung zu widmen und für andere von uns eine Geste der Vereinnahmung. Also die Erlaubnis mit uns und unserem Sein zu machen, was wir wollen und wie wir das wollen und können und dürfen – in dieser Gesellschaft zum jetzigen Zeitpunkt.