Schlagwort: multiple Persönlichkeit

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“Nichts macht mich produktiver als die 5 Minuten vor der Deadline.” Das steht sinngemäß auf einer Karte, die ich neulich bei Twitter geteilt hab und könnte eigentlich auch in Bewerbungen von mir zu lesen sein.
Ganz so schlimm ist es dann aber doch nicht. Nicht immer.
Eigentlich immer nur, wenns drauf ankommt.
Auf mich. Alleine. Für irgendjemand anderen oder ein bestimmtes Ergebnis.

Dann verliere ich nämlich den Überblick, schaffe es nicht mehr, mich zu sortieren. Das überflutet mich, dann krieg ich Angst und dann… naja dann arbeite ich viel an Projekten, die weder Geld einbringen, noch irgendwas (für die Zukunft) bedeuten. Oder spiele Sims 3. Oder habe eine super aufgeräumte Wohnung mit top zusammengelegter Wäsche, staubgewischten Oberflächen und einer Küche, die bereit für eine Nierentransplantation ist.

Währenddessen gehts mir schlecht, denn ich weiß, ich sollte das nicht tun. Ich sollte arbeiten. Sollte etwas schaffen. Doch selbst wenn ich mich dann dran setze, ist mein Kopf leer, der Überblick kommt nicht zurück, die Fähigkeit, überhaupt eine Idee zu entwickeln, wo man wie anfangen könnte, ist einfach nicht da. Mit anderen Menschen über diese Arbeit zu sprechen, hilft mir dann oft auch nicht. Denn die meisten Leute wissen nicht, was ich da mache. Sie wissen nicht, worum es geht, verstehen nicht, was mir fehlt, um erklären oder einfach anfangen zu können.

Wenns richtig schlimm ist, kann ich in der Zeit nicht sprechen. Also “kann” kann ich nicht sprechen.
Mein Mund funktioniert, aber es kommt nichts raus, weil nichts auf der Wort-Aussprech-Abschussrampe liegt. Meistens dann wegen Lieferschwierigkeiten, manchmal aber auch weil die Sinn-Wort-Produktion erheblich erschwert ist. Das ist der Scheiße-Jackpot jeder Auftragsphase. Heute aber auch das Signal für mich, an dem ich weiß: Ich muss meinen Auftrag klären, muss mir sagen lassen – mir richtig Schritt für Schritt sagen lassen, was von mir erwartet wird.
Was zu wann zu machen ist, was wie sein soll, weshalb was wie geplant ist und so weiter. So, als wäre ich bei der Auftragsvergabe nicht da gewesen und hätte keine Ahnung.

Das hilft mir dann meistens. Alles nochmal hören, jeden Schritt aufschreiben können, fehlende Stücke ergänzen. Und dann wird meistens klar, weshalb ich in die Leere gerutscht bin: Unverständnisse oder Mehrdeutigkeiten
Gerade in meiner Ausbildung, in der es viel die Beschreibung von Gestaltung geht, passiert mir das immer wieder.
Ich kann nicht viel damit anfangen, wenn in einem Auftrag zum Beispiel steht: “Die Broschüre soll Jugendliche ansprechen”, denn ich kann die Broschüre nur gestalten, nicht aber ihr Sprechen beibringen. Ich weiß natürlich auch, dass damit andere Dinge gemeint sind – ich weiß aber auch, dass es eine Fülle von anderen Dingen bedeutet, die damit gemeint sind. Ja, und auf welche soll ich jetzt dabei achten? Fragezeichen. Leere. Keine Ahnung. Denn es gibt Millionen von Jugendliche und unzählige Arten der Ansprache, die in ihnen Interesse auslöst. Woher soll ich wissen, welche die richtige ist?

Viele Leute, mit denen ich über diese Problematik gesprochen habe, beschreiben ihr Entscheidungsverfahren mehr oder weniger als Sprung ins kalte Wasser. Sie würden einfach drauf los machen. Und irgendwie wär das dann auch schon immer gut.
Das würd ich auch gern können. Einfach so drauflos machen können, ohne Vorüberlegung oder Idee, wie es aussehen soll am Ende.

Am Wochenende hatte ich einige Konzepte für die Schule zu schreiben. Eins für eine Broschur, eins für einen Film zum Thema Sucht und eins für einen Auftrag über das Design einer Verpackung. Deadline: heute bzw. Mittwoch
Folgerichtig habe ich eine Sims 3 – Großfamilie entstehen lassen, hab meine Wohnung auf Vordermann gebracht und war so oft draußen, wie es mein Erkältungskreislauf mitgemacht hat. Ein Konzept habe ich an dem Wochenende geschafft. Das, was am Mittwoch fällig ist.

Gestern Abend, mittlerweise im Frieden damit, die reguläre Deadline nicht zu schaffen, habe ich mich dann gefragt, ob Prokastination für mich eine Form des Umgangs mit der exekutiven Dysfunktion ist. Also nicht “aufschieben” im üblicherweise gemeinten Sinne, sondern eher “wegschieben, damit nötige Prozesse Platz haben können”. Denn ja, ich hatte den Druck, dass ich etwas tun müsste, ich hatte aber auch das Gefühl, dass ich mich während meiner Quatschhandlungen trotzdem noch damit auseinandersetze, wie ich was machen könnte. Hier und da – völlig random – sprenkelten sich Ideen ein, die mir dann heute in der Schule dabei halfen, meinen Ideen und Plänen genug Struktur zu geben, um sie selbstständig weiterführen zu können.

Ich bin fristgerecht fertig geworden. Habe einfach irgendwas gemacht. Bin in Wasser gesprungen, über das ich mir genug Gedanken machen konnte. So viel, wie in der gegebenen Zeit eben möglich war. Bin ich damit zufrieden?
Nein. Denn es ist Produktivität, die ich damit bewiesen habe. Nicht Qualität, die ich geliefert habe.

Für manche Menschen ist der Anspruch zu hoch. Auch viele in meiner Klasse lassen diesen Aspekt irgendwann sausen, weil es letztlich nur noch darum geht, etwas abzugeben, um eine 6 zu verhindern. Ich finde das nicht gut und denke mir, dass das doch auch nicht ist, worum es bei unseren Arbeitsaufträgen geht. Andererseits wollen die Arbeitsaufträge auch nicht wissen, wie viele mögliche Optionen man zur Umsetzung sieht. Sie fordern eine Option, ohne für mich klar zu sagen, welche. Das ist ganz schön schwierig.

Ich bin gespannt darauf, wie es später mal in einem beruflichen Setting läuft.
Bisher konnten wir immer alles einfach besprechen und besprechen und bereden bis wirklich alles klar war. Aber was ist, wenn wir mal einfach nur liefern sollen? Wenn wir einfach nur produzieren sollen und die Qualität vorausgesetzt wird.

Fragezeichen.
Angst.
Überflutung.
Zukunftsgedanken-Angst-Kreisel.

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“Lassen Sie diesen Tag einmal ganz groß in sich werden.”, sagt die Therapeutin zu ihr und sie bläst ihn auf. Diesen Tag. An dem für sie alles super lief, weil sie gut funktioniert hat. Halb 5 aufzustehen, war für sie kein Problem. Sie weiß ja erst, wenn sie diesen Text liest, dass wir 2 Stunden vor ihrem Aufstehen ins Bett gekommen sind. Nach Stunden voll Rotz und Wasser, Not und Tick-Tack-Stacheln- besetzter Stille, in denen der eine Flashback abebbt und der nächste schon in den Startlöchern steht.

Für sie war es schön viel Zeit, noch schnell für die Klausur in 3 Stunden zu lesen, vor der die andere schon seit 2 Wochen Angst hat, weil sie so gut wie nie im Unterricht ist und ihn zu Hause nicht nacharbeiten kann. Sie fand es toll, endlich mal Zeit für ein langes Frühstück zu haben. Sie mag langes Frühstücken, denn für sie ist es schwammig schöne Wurschtelzeit ohne Grenzerleben. Ein Zeitgefühl, das so nur die Dissoziation entstehen lassen kann, die nötig ist, um Essverbote runterzuwürgen, Negativassoziationen gar nicht erst zu bemerken und auch die Arbeit der Selbst_Organisation, die zur Konstruktion so einer Mahlzeit nötig ist, weder zu bemerken, noch sowie daran beteiligt zu sein.

Sie mochte das duschen, das wir so sehr hassen, weil es einfach alles hat, was aversiv ist. Ich habe keine Vorstellung davon, was für sie daran angenehm sein könnte. Der Krach? Die Hitze, die die eine braucht und die andere ausnutzt? Die Seife, deren Glibsch einfach immer Ekel antriggert?  Das nackt in einem Raum stehen, der so konstruiert ist, dass man die Tür weder hören noch im Blick behalten kann? Der Umstand, dass potenziell jederzeit jemand da rein könnte, weil man nicht abschließen kann und er über den normalen Hausflur zu betreten ist? Oder sind es die Handtücher, die vor 17 Jahren von den Großeltern geschenkt wurden und noch immer nicht losgelassen werden können? Ist es, dass es in unserem Duschraum keinen Fußboden, kein Fensterrollo und weniger als 3 m² Platz gibt?
Oder geht es auch hier darum, dass es sich für sie einfach wie eine Blindfahrt durch Nebel anfühlt, über die sie, ohne es bewusst zu haben, eigentlich so überhaupt keine Kontrolle hat?

Sie beschrieb wie gut die Klausur lief, wie heute einfach alles gut lief und schön war und wie gut es war, nach der Schule eine Stunde schlafen zu können. Wie nötig das war, um in der Therapie sein zu können, weiß sie nicht. Dass sie heute komplett auf Mate-Tee und Koffeintabletten lief, weiß sie nicht. Dass sie maximal unproduktiv in der Schule war, weiß sie nicht. Dass es hier bei uns brennt und schreit und in alle Richtungen rennt, weiß sie nicht.

Nicht, weil sie nicht will. Einfach, weil sie sie ist.
Und nicht wir.

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Nach der Schule ist vor dem “von der Schule nach Hause”-Weg und das ist quasi wie Höllenkreishopping.
Aus dem Unterricht in den Schulflur von dort über den Hof, Achtung vielleicht werden wir von den Gesamtschulkindern gesehen, die sich, ihrem scheinbar natürlichen Lautstärkemodus (schreiend und über größere Distanzen hinweg) entsprechend genau über diese Entdeckung austauschen müssen, durch die Rauchwolke in die Bahn, in der es üblicherweise weder Sitz- noch Stehplätze mehr gibt, wenn Schulschluss ist. 25 Minuten lang. Es sei denn, es gibt mal wieder einen Beinahunfall oder einen PKW auf den Gleisen, weil diese eine Hauptstraße einfach immer noch nicht für den Individualverkehr gesperrt ist.

Es nieselt. Als die Bahn kommt, versuche ich an den Fußdrehungen der Leute zu erkennen, wo die Tendenz überwiegend hingeht und nehme die Gegenrichtung. Ein freier Platz ist die Belohnung und das ist toll. Ich habe NakNak* auf dem Arm, der bald einschläft, denn ihre zarten 11 einhalb Kilo drücken mir die Blutversorgung ab. Immerhin spüre ich den Arm noch. Er ist da. Ich bin da. Meine Angst, jemand könnte mich spontan boxen, ich würde den Ausstieg verpassen, nicht mehr rauskommen – nie wieder raus kommen – jemand könnte mich angucken, irgendeine Situation, die ich weder verstehen noch beeinflussen kann könnte eintreten, passiert nur noch in diesem kleinen Raum, der mein Körper ist auf dem NakNak* sitzt, die entspannt den Kopf auf meiner Schulter hat und so gut riecht.

Eine Familie mit einem Kind im Kinderwagen, das andere daneben, steigt ein. Ich bleibe sitzen, obwohl der Sitz zu dem Platz für Kinderwagen davor ist. Wäre die Bahn leerer und NakNak* nicht in Gefahr, getreten oder zerdrückt zu werden, wäre die Bahn leerer und ich nicht so randvoll mit dieser einen Unruhe, die nicht so ganz viel mehr Aufregung braucht, um eine echte Panik oder ein Zerfallen in mir auszulösen, wäre die Bahn leerer, wäre die Bahn nur leerer

Die Fahrt geht weiter und weiter und weiter und weiter und bevor ich aussteigen muss, verkorkt ein letztes Schülerrudel das Gefährt bis aufs letzte kleine Stückchen. Ich komme hier nicht so einfach raus. Ich komme nicht raus. Ich muss raus. Ich komme nicht raus. Ich kann nicht raus, weil wir fahren. Ich kann hier noch nicht raus, weil wir erst gleich aussteigen müssen. Guck – gleich hier da wo dies ist und jenes. Kennen wir alles. Ich will hier raus. Raus. Raus raus raus. Aber jetzt müssen wir noch diese Kurve nehmen.

Ich setze NakNak* zwischen zwei Fußpaare und hoffe das Beste. Rufe in das Knäul im Eingangsbereich die Bitte für mich den Türknopf zu drücken. Zaunpfahl schwingend sozusagen. Raus Raus Raus. Wäre die Bahn leerer.
Die Tür geht auf, weil außen jemand drückt. Alle gucken auf die Tür. Gucken raus. Raus. Nach draußen,  wo ich sein will. Wo das Pferd in meinem Hals hingaloppieren will. “Ich will raus” macht meine Stimme irgendwo zwischen Quieken und Krächzen, souverän wie durchgesubschtes Dönerbrot.
Nichts passiert.

Als ich die Brandung der Panikattacke schon spüre, donnert der Familie-mit-Kinderwagen-Mann “Alle raus gehen – hier will jemand aussteigen!”. Das wirkte. Auf mich und den Schülerkorken im Eingangsbereich.
“Danke” pieps ich dem Mann zu. “Kein Problem” antwortet der.

Fundstücke #67

Das Jahr geht zu Ende und es fühlt sich nicht danach an.
Alles ist anders, neu, komisch, schön, anstrengend. 2018 hat viel mit sich gebracht. Vieles verändert. Auch mich. Uns.
Wir hatten zu wenig Zeit für uns allein, mit uns allein, um alles zu integrieren, alles zu er.fassen und zu halten. Und vielleicht ist das die Essenz von Reichtum.

Das nächste Jahr steht bereits zur Hälfte fest und so beruhigend wie das ist, so sehr setzt es uns unter Druck.
Es ist keine Planung, die uns strukturiert und vorbereitet, um weniger Angst zu haben. Es ist der Versuch zu greifen, was da kommt. Das ist etwas anderes als sonst und so schwer zu kommunizieren in seiner gesamten Belastung.

Wir bemühen uns darum glücklich zu sein, dankbar, demütig und merken doch: Glück und Zufriedenheit ist Arbeit und irgendwann ist man einfach müde. Denn Energie ist begrenzt und wir ziehen unsere Kraft nicht aus Glück und Zufriedenheit, sondern aus Schlaf, guter Ernährung, Sport, Alleinzeit, der Möglichkeit zu schreiben, um sich selbst zu verstehen, zu verorten, zu spüren.

Das müssen wir 2019 wieder mehr machen. Egal wie egoistisch das wirkt, egal, wer sich das anders wünscht und warum.
Das ist auch eine Erkenntnis, die bestätigt. Wir sind nicht selbstbezogen, weil wir daraus einen sozialen Vorteil haben. Wir sind es, weil es für uns der Weg zu anderen Menschen und dem Leben selbst ist.

Ich glaube, dass das etwas ist, das wir den Menschen in unserem Leben zumuten müssen. Glaube, dass wir uns in einem Zutrauen üben müssen, in dem wir annehmen, dass die Menschen uns vertrauen. Was merkwürdig ist, denn das haben wir noch nie gemacht: Geglaubt, dass man uns glaubt; darauf vertraut, dass man uns vertraut.

Mal sehen wie das wird.
Im Jahr 2019.

note on: Namensänderung

Ich hab in den letzten Wochen viel geweint. Meistens, weil ich glücklich war, mehr jedoch, weil mich der unangenehme Stress in unserem Leben mein Glück hat weder fassen noch halten lassen.
Um etwas dagegen zu tun, tun wir die Dinge, die zu tun sind.
Zum Beispiel Grenzen setzen, wo viel zu lange keine gesetzt wurden. Pausen einfordern, wo sie nötig sind. Atmen. Spazierengehen. Hausaufgaben. Pausen, wann immer der erste Gedanke daran aufkommt. Dinge passieren lassen, obwohl das Gefühl, dass sie fern ab neben mir herlaufen, genauso unerträglich ist, wie die Zeit, in der alles so schön ist, dass mit alles aus dem Gesicht läuft.

Wir sind im Stress, seit Wochen “an” und ach, ich weiß doch, was uns hilft. Trotzdem habe ich die “mentale To-Do-Liste” erst jetzt so langsam wieder auf einem überschaubaren Level.
Abhaken ist nie schöner als dann, wenn die eigenen Haken im Leben auszugehen drohen.
So waren wir am Montag im Standesamt und machten den ersten Schritt auf den Antrag zur Vor- und Nachnamensänderung.
Von dem ganzen Termin habe ich, neben einem seltsamen Erleichterungsgefühl um Kostensorgen und Erlaubnis solcher Anträge, einen Zettel mit Notizen eines anderen Innen und einen Kommentar einer Sachbearbeiterin mitgenommen.

Nämlich den, dass man triftige Gründe dafür haben muss und diese sehr genau geprüft werden.
Sie schaute mich an, als suchte sie an oder vielleicht auch in mir nach dieser Triftigkeit und das wars dann schon wieder für mich. Jetzt im Nachhinein weiß ich das. Es ist “mein Trigger”. Andere Menschen die Triftigkeit meiner Gründe, die Hintergründe meines So-Seins, So-Handelns, die Wahrheit meiner Worte, aus mir rauswühlen zu spüren. Ich verliere dabei meine Haut, fühle mich schwach, rechtlos und ohnmächtig – selbst dann, wenn die Frage, die Suche, ja von mir aus auch das Wühlen eine wie auch immer gelagerte Notwendigkeit haben.

Vielleicht ist es noch nicht meine Zeit, meine Haut über den neuen Namen – vielleicht überhaupt den Wunsch danach – mit Menschen zu sprechen, wer weiß.
Aber schreiben kann ich darüber. Auch die Begründung für den Antrag kann ich schreiben.

Das ist nun ein neuer Punkt auf der Liste. Aber einer, dessen Auswirkungen schon bekannt sind.
Die Gedankenkreisel um die Realität der Gewalterfahrung. Die Kreisel darum, ob und wie es ist, so viel von sich abzutrennen, um anders weitermachen zu können. Vermutlich nicht viel freier, sicher aber befreiter.
Daneben das Wissen, dass es nie der eigene Name war und nie werden wird, denn die Zeit hat bereits jemand anderen aus uns gemacht. Egal, ob die Gewalt wirklich war oder nicht. Egal egal egal was – wir heißen für niemanden mehr so, wie es in unserem Ausweis steht. Seit Jahren nicht und für alle Jahre, die wir noch haben, soll das so bleiben.

Die Aussicht auf ein Leben ohne dieses eine Erbe, das Eltern ihren Kindern mitgeben, obwohl sie noch nicht tot sind, das macht mich glücklich. Nicht Heuli-glücklich, aber doch schon nah dran.
Wir haben einen ausgesucht, der passt und nicht schon von weitem schreit “Hallo ich bin ein Schutzname!!!”. Das war uns wichtig. Normalität. Obwohl nichts daran normal ist, den eigenen Namen komplett zu ändern.
Obwohl – wer weiß. ES passiert jeden Tag. Hinterlässt jeden Tag Spuren in Seelen, Leben, Identitäten. Vielleicht ist die Notwendigkeit einer Begründung, einer Prüfung auf Triftigkeit eines Wunsches, der letztlich doch auch wieder nur ein Akt der Selbstbestimmung ist, einmal mehr das, was eigentlich unnormal ist.

Denn um mehr geht es nicht.
Selbst.bestimmung.

von Zeitfenstern und Nichts

Seit etwas mehr als einer Woche summt es in unserem Körper.
Wir schlafen entweder nicht oder 3-4 Stunden, die sich wie das Aufladen eines sterbenden Akkus anfühlen. Etwas entlädt sich und damit uns in der Nacht mit seiner Angst, Anspannung und unkontrollierbarem Drang raus weg weg weg zu wollen.
Wobei das so richtig auch nicht ist. Neulich hatten wir eine Nacht, in der es okay war. Nach einigen Nächten mit Bedarfsmedikationsbetäubung ging es dann mal gut. Das war Montag. Dann war Therapie, dann Dienstag und gestern sind wir dann auch einmal wieder zur Schule gegangen.
Wir sind hyperarouselproduktiv wie zuletzt – ja, letztes Jahr um diese Zeit. Und vorletztes Jahr. Und damals als wir eigentlich 24/7 in latenter Todesangst waren.

Gestern hatten wir nur einen Unterrichtsblock mit einem Pflichtfach. Bester Einstieg eigentlich. Fremdsprache, später am Tag, danach frei. Die Sonne hat geschienen.
Und dann war es eine unvertretene Vertretungsstunde in einem der Räume, die wir so sehr hassen, weil sie uns körperlich weh tun. Kein Teppich, die PC’s stehen auf dem Tisch, sodass die Lüftung von links und rechts direkt vom Kopf läuft. Kein_e Aufsichtsperson, viele Schüler_innen viele Stimmen. Nichts zu tun, außer der spontanen Selbstentladung entgegen wirken.

Ich kann es nur als Balanceakt beschreiben. Obwohl es überhaupt nicht um Balance geht. Wir sind ungern im Nullpunktbereich, wo es in keine Seite ausschlagen darf, um ja nicht hinzufallen.
Es geht um klar bleiben. Selbst bleiben.
Es ist schwierig für mich zu merken, wie sehr es uns angreift und einfach total leer zieht, wenn die Schule so läuft. Obwohl sie nicht schief lief oder irgendetwas richtig Krasses passiert ist. Das wär ja toll gewesen, dann würde ich jetzt nicht hier am Donnerstagmorgen sitzen und gegen meine Ver.Zweiflung anschreiben, die meinen Gefühlen des “Heute die Schule (schon wieder) nicht schaffen können werdens” folgen.

Der Stapel der zu erledigenden Dinge hat sich verkleinert. Wir haben unsere Abgabetermine eingehalten, haben Absprachen pünktlich eingehalten, haben so etwas wie Tagesroutine etabliert. Alles in unserem kleinen Heuteheute läuft. Die Basis steht.
Die Zweifel in so einer Phase der inneren Zerschossenheit beziehen sich nicht mehr darauf, wie wir denn jemals leben sollen in der Zukunft. Es geht nicht mehr darum, ob das jetzt unser Leben für immer ist, sondern, ob das etwas ist, das als Phase immer und immer Teil der Er_Lebensrealität bleiben wird.
Ist unsere Produktivität nur eine Schale? Show? So getan als ob? Oder ist es diese manchmal so spontan und bodenlos erscheinende Überforderung von allem, was über die Basis und das kleine Heuteheute hinaus geht?

Oder sind wir produktiv und trotz erheblichen Schlafmangels und teils heftigen Zuständen der Desorientierung durch unkontrolliertes Erinnern stabil, gerade weil wir diese Basis inzwischen haben?
Vielleicht haben wir inzwischen auch einfach fein gelernt ein produktives Mitglied der Gesellschaft zu sein, das die Kaputtheiten im Privaten hat, aber im Öffentlichen läuft und läuft und läuft? Und also nur dann ins Öffentliche geht, wenn alles läuft?

In unserer Klasse ist eine Person, die mit einer Panikstörung umgeht. Sie fehlt noch öfter als wir. Wir haben sie nie gefragt, ob sie so eine Angstschleife hat, zu fehlen und dann Angst zu haben wiederzukommen, weil sie ja gefehlt hat und den verpassten Stoff eventuell gar nicht mehr aufholen kann. Und also noch länger fehlt und noch mehr verpasst bis es überhaupt keinen Sinn mehr hat überhaupt zu kommen. Was dann wieder hilft zurück zu kommen, weil es ja sowieso völlig egal ist.
Das ist nämlich etwas, wogegen wir dauernd ankämpfen. Neben dem ganzen anderen Kladderadatsch.

Da ist keine Angst für Nichtleistung bestraft zu werden. Da ist die Angst diese Leistung niemals mehr erbringen zu können, weil das dafür vorgesehene Zeitfenster vorbei ist.
Bei uns mischt sich das gerade sehr ungut zusammen, denn wir arbeiten mit noch desorientierten Innens, die uns genau jetzt summen und brummen lassen, weil sie auch nach 15-20 Jahren nicht wissen, dass ihre Zeitfenster vergangen sind. Dass ES vorbei ist.

Es gibt einen Unterschied zwischen der Herausforderung im Rahmen eines Schuljahrs bestimmte Lernziele zu erreichen und der Herausforderung, vor der manche von uns als 12, 13, 14 Jährige.s standen, auf den Punkt und ohne jede Möglichkeit von Aufschub, Zögern, Zurückweichen oder Verweigerung etwas zu leisten, selbst dann wenn der Akku, der Geist, die Seele leer war.
Das Problem ist die Nichtkonsequenz.
Wie bringen wir denn nach innen, dass da jetzt gerade nichts passiert? Wie beschreibt man denn Nichts?
Wie spürt man Nichtversehrung nach?

Jede Wahrnehmung ist das Ergebnis der neuronalen Einordnung einer Veränderung am oder im Körper, die zurückgemeldet wurde. Man fühlt Dinge, weil die Haut der Finger die Dinge berührt haben und das etwas macht. Druck, Hautzellabrieb, Temperaturveränderung, Lageveränderung und und und. Man fühlt auch emotionale Dinge nur deshalb, weil die körperliche Reaktion immer eine mehr oder weniger große Veränderung des Hormoncocktails ist, der verschiedene Vorgänge im Körper anstößt oder verhindert.

Aber Nichts macht ja nichts.
So bleibt man dann zurück auf Allgemeinplätzen wie der eigenen Körperlichkeit, der eigenen Lage und der direkten Umgebung.

Da will man gleich das Reorientierungsglöckchen läuten, weil sich das doch total anbietet, aber gerade das tut es nicht. Desorientierte Innens sind nicht nur in der Zeit desorientiert, sie sind es auch in sich und uns, ihn ihrem Status, ihrem Fühlen, ihrem Werten und ihren Befähigungen.
Die, mit denen wir im Moment arbeiten, können gerade gar nichts.
Weil da Nichts ist.

Nichts, was sie wieder_er.kennen. Nichts, was sie selbst machen. Nichts, das ihnen zeigt wer oder was sie sind, oder sein könnten oder sollten. Das ist keine Wahl, die sie treffen und ich merke das sehr deutlich. Sie sind keine Antagonist_innen meines kleinen Lebensglücks heute. Können es schon nicht sein, weil sie das weder sehen noch als solches erkennen oder bewerten können. Es hat nichts mit ihnen zu tun, ist Nichts für sie. Vielleicht bin auch ich, sind wir Rosenblätter, Nichts für sie. Das weiß ich gar nicht.

Aber in dem Zustand kann ich sie gut verstehen gerade.
Denn ich schaue auch auf Nichts, wenn ich nicht irgendetwas mache, das in irgendeiner Form mit Leistung zu tun hat. Ich weiß, wir werden heute nicht nichts machen. Wir werden Behördendinge erledigen, liegen gebliebene Zettelage abarbeiten, werden unseren Lehrer_innen eine Email mit der Bitte um Übersendung der Unterrichtsinhalte schicken und schauen, was wir heute und morgen davon zu Hause schaffen.
Ich könnte es gleichermaßen weder ertragen noch integrieren was gerade an und in mir alles los ist.

Aber ich konnte inzwischen die Erfahrung machen, das wo sich ein Zeitfenster schließt, ein anderes aufgeht.

„Glücklich“ – mit Innenkindern tanzen

 

Es war einer der Filme, die wir vielleicht im Kino gesehen haben. Damals.
1999 – 2000 vielleicht sogar von einer Videokassette 2001. Die Neuverfilmung von Pünktchen und Anton.
Den Soundtrack hatten wir auf Kassette. Dann nicht mehr. Damals konnten wir erst nur das wichtigste, später was noch da war, mitnehmen.

Seitdem haben wir die Filmmusik gesucht. Hatten irgendwann 2005~6 eine Benachrichtigungseinstellung bei Ebay eingerichtet und letzte Woche war sie dann da. Die Mitteilung, dass der Soundtrack – wohlbemerkt nicht das Hörspiel zum Film, damit wurde und wird man bis heute immer regelrecht zugeschüttet – von dem Wiederverkäufer als Artikel eingestellt wurde.

 

Ich hätte nie gedacht, dass es mal wichtig werden würde, sich solche Inseln des Banalen näher zu bringen.
Die Geschichte des Films ist für uns irrelevant. Was uns treibt ist der Film, den die Musik im Kopf gemacht hat. Der Film, den frühere von uns in den Stunden und Tagen, Wochen und Wochen des Dauerschleifehörens gehabt haben. Manchmal, ganz manchmal noch mit einem der Geschwiste drin.
Die Farben, die Köstlichkeit der unterschiedlichen Töne.

Nun läuft die Musik durch das Büro und Tränen aus meinem Kopf. Weil es SO SCHÖN ist. Und weil ich so eine Glücklichkeit fühlen kann, die sich richtig an meine Körperränder drückt und alles kribbeln macht. Ich merke, dass das nicht meine Glücklichkeit ist. Aber ich merke das erste Mal ein aufrichtig glückliches Kinder~prä-Teen~innen und hallo wie krass gut ist das.  Ich kann seinen Film sehen, es wird so zum Teil meines Musikfilms. Es lässt mich seine buttrigsüße Leichtigkeit einer Zeit fühlen, von der ich nicht viel mehr als schale Bitterkeit und den Geschmack von Blut erwartet hätte. Da ist so viel Unschuld mit Träumen von Tanzen und Musik machen, Singen und Malen, fern von allen und allem, ganz beimit sich. So viel Versunkenheit, die nichts von ihrer Tiefe spürt, weil es kein Maß braucht.
Schön.
Eins.fach schön.

Das merke ich daneben auch. Dass es allein ist.
Nichts anderes, als das weiß und lebt. Da sind einige kleine Erinnerungen an das Geschwist, an Musik und das hellgelbe Glitzern des eigenen Glücks.
Ein schönes Da_sein eigentlich.

Und jetzt sitzen wir also hier. Wir beidalle. Eine Ladung Rosengeblätt und ein glitzeriges Früher.
Ich merke, dass es grad nicht darum geht diesem Kinderinnen zu sagen, dass heute heute ist, sondern mit ihm mitzugehen. Mitnach zu fühlen. Mitjetzt zu sein. Ein bisschen zu tanzen, ein bisschen zu singen.
Das hat so gar nichts von der Situation, Kinderinnens aus dem Elend des Früher zu holen oder ihnen klarzumachen, dass wir sie heute gar nicht brauchen. Quasi ihnen ihre Restigkeit bewusst zu machen. Es geht viel mehr darum, uns klar zu machen, dass es auch diese Reste gibt.

Ganz banale, schöne Reste eines Glücks.

 

Autismus, Trauma, Kommunikation #5

Das sozial mit Anstrengendste für uns ist die Wiederholung. Schlimmer noch: die Wiederholung von Wiederholungen. Am Schlimmsten: die Wiederholung von Dingen, die etwas mit gemachten Gewalterfahrungen zu tun haben.

Wir haben oft das Gefühl, uns zu wiederholen und wiederholen zu müssen, weil wir von anderen Menschen nicht oder nur teilweise, oft auch gar nicht verstanden werden.
Missverständnisse sind nur so zu lösen, das verstehen wir – und doch, es frisst einfach so viel Zeit und Kraft und Sicherheitsgefühl.

Besonders in der Traumatherapie und in nahen Beziehungen erleben wir es als belastend und merken, dass es manchmal diese Belastung ist, die an empfindlichsten Punkten fressen und zu Instabilität beitragen, dass wir bestimmte Dinge, immer wieder sagen müssen.

Für viele neurotypische Menschen bedeutet es keine Wiederholung, wenn sie das gleiche, was sie wörtlich ausgedrückt haben, auch noch in Taten und allgemeinem Gebaren kommunizieren. Im Gegenteil, die meisten Menschen glauben anderen Menschen eine Gefühlslage oder innere Haltung erst dann, wenn sie Gesagtes auch noch in irgendeiner Form selbst miterleben. Etwa, wenn sie Tränen sehen, nachdem jemand gesagt hat: „Ich bin traurig“ oder, wenn aus allem Verhalten und Denken ein Leiden abzuleiten ist.

Wir erleben das als Wiederholung und oft genug auch als Fakeübertreibung von uns selbst, wenn wir so etwas machen, um andere Menschen unsere Gefühle oder Haltungen zu kommunizieren. Denn für uns reicht es in der Regel, etwas ein Mal auf eine Art etwas gesagt zu haben.

In diversen Therapiesettings und besonders in Klinikkontexten jedoch, haben wir die Erfahrung gemacht, dass sich permanent zu wiederholen – sei es mit Themen, die man immer wieder bespricht, um am Ende doch wieder mit dem gleichen Ergebnis nach Hause zu gehen, oder mit Verhalten – nötig ist, um bestimmte Hilfen und Unterstützungen nicht nur mal hier und mal da, sondern kontinuierlich und so lange wie nötig, gewährt zu bekommen.

Doch nicht nur in diesen Kontexten ist das so.
Wir beobachten die gleiche Dynamik bei Twitter, in Podcasts und in Blogs. Bei Konferenzen, Tagungen und Fortbildungen. In Plena, in Debatten, auf der ganzen Welt.
Eine Person(engruppe) wird erst dann gehört und ernstgenommen, ihr wird erst dann geglaubt, wenn sie jahrelang und immer und immer und immer wieder das Gleiche sagt und tut und macht.
Das heißt: wenn sie sich nicht oder nur innerhalb bestimmter Grenzen bewegt und auch selbst nicht weiterentwickelt. Eine Person muss für andere Personen ihre Botschaft und ihr Fordern immer und zu jeder Zeit verkörpern, sonst wird sie nicht gehört, (angeblich) nicht verstanden und niemand beschäftigt sich mit ihr.

Und andersherum brauchen viele Menschen auch immer wieder eine Wiederholung der Bestätigung von anderen Menschen, um sich wahrgenommen zu fühlen.

Menschen funktionieren wohl so. Anders ist uns die Wiederholung der Konstruktion von Echokammern nicht zu erklären. Eine Familie ist eine Echokammer, eine Beziehung ist eine Echokammer, Freund_innen, Facebook, Fernsehen, die Gesellschaft einbeiniger Dackelfreunde ist eine Echokammer.
Wir können uns das nur so erklären, dass neurotypische Menschen solche Räume immer wieder erschaffen, weil es sie nicht fertig macht, sich ständig zu wiederholen und sich immer wieder mit den gleichen Dingen zu beschäftigen.

Uns macht das fertig, denn für uns ergibt es keinen Sinn. Wenn wir etwas gesagt haben, dann meinen wir in der Regel auch genau das und nichts anderes. Und zwar so lange, bis wir etwas anderes darüber sagen.
Es ergibt keinen Sinn außer der Verdeutlichung oder manchmal auch Verständlichmachung noch mehr Kanäle zum Transport einer Botschaft zu verwenden und das immer wieder.

Wir haben lange gegen das Gefühl ankämpfen müssen, unsere Schwierigkeiten übertrieben dramatisch auszudrücken und zu kommunizieren, indem wir alles zur Verfügung stehende genutzt haben, um uns und unsere Gefühle der Todesangst verständlich zu machen.
Verstärkt wurden diese Falschgefühle von Menschen, die ihre Reaktion darauf mit „Ja, aber…“ eingeleitet oder mit schlichter Abwehr reagiert haben. Also: uns gesagt haben, wir würden lügen oder übertreiben, oder theatralisch, weil hysterisch sein.

Besonders da ist für uns ist an der Stelle bis heute eine Falle.
Wir haben einen Hang zu Katastrophisierung. Sehen in Dingen, die schief laufen, sehr schlimme Dinge und finden es unaushaltbar verunsichernd und ängstigend – nicht, weil nicht alles nach unseren Wünschen abläuft, sondern weil es für uns ungeheuer anspruchsvoll ist, kognitiv und emotional so flexibel zu sein, sich auf Schiefgegangenes einzustellen. Insbesondere dann, wenn wir vorher nicht besprochen haben, was wir machen, wenn etwas schief geht. Egal, wie unwahrscheinlich ein Schiefgehen sein mag – wir brauchen das, um mit dem sofort ablaufenden Katastrophenszenario in unserem Kopf umgehen zu können.

Sich spontan auf fremde, unerwartete, schiefgegangene Dinge umzustellen, geht für uns nur mit Hilfe von Außen. Wir kriegen es allein nicht hin, ohne auf Kompensationsverhalten wie Dissoziation zurückzugreifen bzw. in die Dissoziation zu rutschen, weil wir uns sofort überfordern. Das ist, was uns Angst macht.
Denn das ist, was sich für uns jedes Mal wie Sterben anfühlt, weil wir die Kontrolle verlieren, darüber in Erinnern an Nahtoderfahrungen getriggert werden und nichts, aber auch gar nichts tun können, um etwas daran zu verändern. Weil wir in diesen Momenten tatsächlich zu 100% überfordert und unfähig sind und eben nicht nur in einem traumahistorischen Wiederleben einer Situation, in der wir auch real zu 100% überfordert waren stecken, aus dem wir uns rausorientieren können.

Mit jedem Ding, auf das wir uns nicht einstellen konnten, spüren wir gnadenlos und brutal, wie sehr wir der Welt und ihrem Lauf der Dinge unterlegen sind und erleben es auch immer wieder als eine hoffnungslose, (durch die Traumabrille zusätzlich auch oft lebensbedrohliche) und furchtbare Situation in der wir aus der Welt geschleudert werden. Egal, wie sehr wir uns mit ihr verbinden oder an ihr festhalten. Egal, wie sehr wir „realistisch drauf schauen“. In solchen Momenten schauen wir nicht auf das gleiche Ding, wie andere Menschen und merken, dass wir nicht im Ansatz mehr als unsere Gefühle von Überforderung und Angst kommunizieren können.

So etwas ist der furchtbarst mögliche Moment um zu merken: Meine Ölmolekülaugen, mein Ölmolekülgehirn kriegt es nicht hin zu sehen und zu bewegen, was andere sehen – ich kann meine Gefühle und Haltungen nicht verändern, denn ich kann mich nur auf eine von mir so wahrgenommene Katastrophe beziehen – andere Menschen und ihre Sicht können mich nicht erreichen. Es ist faktisch unmöglich.

An der Stelle greifen bei uns dann die Anpassungsmechanismen der Traumatisierungen unserer Kindheit. Wir werden dumpf, depersonalisieren, wechseln zu Innens, die in er Lage sind, ohne jede eigene Beteiligung auf Ansprache zu reagieren, Verhalten zu spiegeln und – dank jahrelanger Trainings in der Familie*° und in Kliniken – weder auszurasten, noch sonst wie „typisch autistisch“ (what ever that means) auffällig zu sein.

Wir sind in unserer Entwicklung in der Pubertät auffällig geworden. Wurden in unserer Wiederholung der Kommunikation tagtäglich empfundener Todesangst (aufgrund von wiederholter Traumatisierung und autistischer Er_Lebensart und -weise) drastisch und radikal. Es kam zu selbstverletzendem Verhalten und parasuizidalen Gesten. Am Ende zu mehr und mehr Suizidversuchen.

Für uninformierte und unachtsame, vielleicht auch einfach schlecht ausgebildete und auch schlicht ignorante Mediziner_innen und Therapeut_innen, ist so ein Verhalten selbstverständlich keine Wiederholung. Sie sehen quasi die letzte Fassung – das extreme Ende und machen mit ihrer Diagnose nichts weiter als eine Benennung eines Akutzustands. Doch es ist ebenjene Diagnose, die für uns in der Folge zum angenommenen Normalzustand wurde.

Das mussten wir erst einmal verstehen und akzeptieren, um zu verstehen, warum wir so viele Helfer_innen als nutzlose Arschlöcher empfunden haben, die uns einfach nicht verstanden oder schlimmer noch: verstanden und trotzdem nicht reagiert und geholfen haben.

Daneben steht natürlich noch die patriarchale Geschichte der Hilfen und Medizin.
Hysterie heißt heute „histrionische Persönlichkeitsstörung“ und bedeutet nichts anderes als „Frau, die irrational überreagiert (um irgendwas zu kriegen, was ihr nicht zusteht oder, weil sie nicht kriegt, was sie glaubt, dass es ihr zusteht)“. Das ist wichtig nicht zu vergessen: Als Person, die als Frau eingeordnet wird, ist sich zu wiederholen gleichermaßen nötig wie verhängnisvoll.
Wir haben in der Hinsicht den Scheißejackpot deluxe schon mit 14 Jahren im Leben gehabt.

Denn das Geschlecht, dem wir zugeordnet werden schließt für viele Personen, besonders im medizinisch psychiatrischen Bereich vieles aus. Unser Autismus wurde erst mit 30 diagnostiziert – der Autismus unseres Geschwists, das ein anderes Geschlecht hat, im Grunde bereits im Kindergarten.
Und wir haben nicht erheblich viel anders gemacht oder gelebt als eben jenes Geschwist. Wir waren nur eben nicht jenes Geschwist oder andere Menschen, die schneller gehört und richtig verstanden wurden.

Mit 14 galten wir als theatralisch.
Nicht als (typisch für viele Autist_innen) katastrophierend, aufgrund der Erfahrung sehr schnell, sehr tiefgreifend überfordert zu sein mit bestimmten Dingen.
In unserem Leben war diese äußere Rezeption, dieses Missverständnis unseres Inneren, eine krasse Weichenstellung. Und ja, die Folgen dessen waren dramatisch. Weitaus dramatischer als nötig.
Und wir können das bis heute nicht gut loslassen. Können das bis heute nicht vergessen, weil wir wissen, dass diese Menschen absolut keinen Einblick da hinein haben, wie sehr wir in den nachfolgenden Jahren darunter gelitten haben, was sie an uns verbockt hatten.

Heute sind wir unter Menschen, denen gegenüber wir uns nicht mehr als einmal wiederholen müssen.
Wenn sie uns beim ersten Mal nicht verstehen, dann sagen sie uns das und wir versuchen gemeinsam einander zu verstehen.
Das ist so entlastend und gut für uns, dass wir kaum noch Momente haben, in denen wir denken, wir wären ihnen sehr fern. Wir merken, das unser Ölmolkülsein manchmal die Ursache für Missverständnisse sind, merken aber auch, dass unsere Wassermolkülmitmenschen verstehen und reflektieren, dass es um Missverständnisse und nicht „Rosenblättereigene Meeh-Eigenschaften“ geht, wenn etwas mit uns irgendwie nicht gut zueinander passt.

Sie haben uns gehört, als wir ihnen gesagt haben, dass wir sie lieben, sie mögen, gern mit ihnen arbeiten, gern mit ihnen Zeit verbringen, dass sie ein guter, wichtiger, angenehmer Teil unseres Lebens sind, der uns wichtig ist.
Wir müssen es ihnen nicht immer und immer wieder sagen. Und wenn doch, dann sagen sie uns das.
Das bedeutet für uns viel mehr Kraft für gemeinsame Dinge und Raum, um neue Dinge zu erkunden und zu probieren.

Auch und besonders in der Therapie, ist das zu einem Faktor geworden, der unsere Kurve steil nach oben hat gehen lassen. Wir müssen unserer Therapeutin nicht mehr x-mal versuchen irgendetwas klar zu machen. Sie hört sich das einmal an und nimmt an, was dann kommt. Auch wenn unser Verhalten (unsere Performance) nicht alles von uns mit nach außen trägt.

Man sollte meinen, dass das selbstverständlich ist. Kein_e Patient_in sollte in die Situation kommen immer alle Symptome zu zeigen oder zu benennen, damit die_r Therapeut_in oder Mediziner_in auch wirklich glaubt und mitdenkt, dass bestimmte Schwierigkeiten und dazu gehörige Gefühle und Gedanken, Konflikte und Probleme auch wirklich da sind und passend hilft/behandelt/unterstützt.
Aber dem ist nicht so. Es gibt Behandler_innen, die permanente Wiederholung einfordern, um sich selbst in der Haltung zu und der Diagnose für die_n Patient_in zu versichern und auch vor Dritten im eigenen Vorgehen zu legitimieren.

So zu behandeln ist unprofessionell und ein Merkmal schlechter Therapeut_innen. Unabhängig davon, ob man wie wir enorm darunter leidet diese Wiederholungsarbeit immer wieder leisten zu müssen, oder nicht.

 

 

*Diese Textreihe soll (nach nochmaliger Überarbeitung und Ergänzung mit Grafiken und Hinweisen zu weiterführender Literatur) ein analoges Zine werden.
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Autismus, Trauma, Kommunikation #4

Von Menschen misshandelt zu werden, verändert den Blick der misshandelten Person auf Menschen.
Manchmal ganz pauschal, manchmal ganz spezifisch. Manchmal sehr stark und manchmal nur ein wenig.
Dass das passiert ist keine Entscheidung, sondern Glanzstück menschlicher Evolution.
Es dient der Anpassung, sich sehr genau mit allen möglichen Anzeichen tödlicher Bedrohungen zu befassen und darauf zu reagieren. Zum Beispiel, in dem man die innere Einstellung, die innere Haltung, die innere Bewertung in Bezug auf das, was einmal als (auch konkret versehrende/ traumatisierende) Bedrohung erfahren wurde, verändert.

Viele Menschen, die von Menschen misshandelt, gequält, gefoltert, ausgebeutet wurden, sind Beobachtungsspezialist_innen für das, was andere Menschen tun, sagen, machen – oder genau nicht tun, sagen und machen. Manchen Menschen hilft bei dieser Beobachtung ein erhöhtes Erregungslevel (der Hyperarousel), bei dem durch den entsprechenden Stresshormonspiegel eine zeitweise erhöhte Leistungsbereitschaft gegeben ist. Viele Menschen, die von anderen Menschen misshandelt und sogar davon traumatisiert wurden, erleben andere Menschen als Trigger (Auslöser) für das Erinnern/Wiedererleben an die Misshandlungserfahrung.
So ergibt sich für viele dieser Menschen eine quasi automatische Dauerleistung, wenn sie unter Menschen sind. Und ein entsprechender Energieabfall, wenn die Situation vorbei ist. Manchmal verbunden mit Erinnerungslücken, depressiven Verstimmungen, extremer Müdigkeit und Antriebslosigkeit.

Wir nennen das “Aufregungsachterbahn” und haben viele Jahre unserer Traumatherapie damit zugebracht daraus auszusteigen. Denn dieses (stresshormonbedingte) Energie- auf-und –ab hat bei uns viele ungute körperliche Auswirkungen gehabt. Von Tagen/Wochen/Monaten, in denen wir etwa 3-4 Stunden am Tag “echt” schlafen konnten, zu Tagen/Wochen/Monaten, in denen uns 20 Stunden liegen und “schlafen” noch viel zu wenig war, bis zu Zeiten, in denen dieser krasse Energieabfall sogar zu Suizidversuchen aus “heiterem Himmel” geführt hat, war für uns viel dabei. Geblieben ist uns ein Stoffwechsel, der dazu führt, dass wir sofort sehr viel zunehmen oder sofort sehr viel abnehmen, wenn bei uns irgendwas irgendwie ~traumastressig wird; aber auch, dass wir völlig unberechenbar auf Medikamente reagieren.

Kurzer Einschub dazu: Es gibt die Erzählung, dass verschiedene Innens bei Menschen, die viele sind, verschieden auf Medikamente reagieren. Können wir bestätigen, allerdings alles auf Basis des Erregungslevel bzw. den für das Innen jeweils typische Hormonmix. Wir alle Innens sind unterschiedliche Mixturen – logisch, reagieren wir unterschiedlich auf die Mixtur, die wir uns reintun.
Allerdings ist die Wirkung von Medikamenten auf lange Sicht bei uns dann doch relativ ähnlich und wir vermuten, dass das daran liegt, dass wir als Einsmensch dann eben doch am Ende des Tages irgendwie “durchschnittlich” (also “normal” im Sinne von “traumatisiert und daher erwartbar abweichend”) durchmischt sind.

Warum dieses Trauma 101?
Weil es ebenjenes Beobachten war und ist, dass uns sehr lange nicht als auch autistisch erkennbar gemacht hat.
Die meisten Menschen verbinden mit Autismus die völlige Abwesenheit von Blickkontakt und/oder generellem Interesse an dem, was andere Menschen tun, denken, wollen, fordern.
Autistischen Menschen wird auch oft abgesprochen lernen zu können oder sich in irgendeiner Form anpassen zu können. Genauso wie noch viel zu viele Menschen glauben, autistische Menschen könnten nicht traumatisiert werden, weil sie scheinbar keine Emotionen haben bzw. generell einfach gar kein emotionales Selbst_Erleben haben.

Wenn wir sehr konzentriert und aufmerksam sind für das, was uns jemand sagt, dann schauen wir die Person nicht an. Wenn wir höflich und sympathisch wirken wollen (und die Kraft dafür haben), dann schauen wir einer Person auf den Mund bzw. die Stelle zwischen Nase und Mund.
Wenn wir uns vor einer Person fürchten oder aus irgendeinem Grund irgendwie wissen, dass sie uns gefährlich ist oder sein könnte (das sind für uns besonders Autoritäten oder uns überlegene Personen), machen wir etwas mit unseren Augen, das schwierig zu erklären ist. Wir schauen sie an – aber sehen nichts. Wir wissen nicht, wie das im Spiegel aussieht – vielleicht schielen wir oder drehen sie irgendwie anders merkwürdig? Auf jeden Fall sieht es so aus wie Blickkontakt, ist aber keiner. Wir wissen ganz genau, wie wir das gelernt haben und, dass wir das nicht freiwillig gelernt haben, so wie man vielleicht lernt, ohne Stützräder mit dem Rad zu fahren.

Aufzuwachsen in einer Umgebung, in der das, was Menschen tun, nie vorhersehbar und begreifbar war, hat sicherlich dazu beitragen, dass wir einen gesteigerten Antrieb haben, Anzeichen für Gewalt an uns möglichst vorherzusehen oder zu erahnen bzw. begreifen zu wollen, was da passiert (ist).

Unser Problem: Wir haben das auch bei banalen Alltagsdingen, die 0,0000irgendwas0 mit Gewalt, Angst, Furcht, Trigger oder so zu tun haben.
Anzeichen für die Intension eines Verhaltens erkennen und einordnen zu können, erfordert zwingend die Fähigkeit (und bis zu einem Punkt auch Fertigkeit) sich vorstellen zu können, was die andere Person denkt und also glaubt und fühlt (also auch: ein gewisses Mitfühlen dafür zu haben, was was in einer Person auslösen könnte) Stichwort dazu: “theory of mind” – nicht: “Empathie”

Uns in die Sicht anderer Menschen hinzuversetzen, bedeutet enorm viele Optionen für uns und enorm viele Endergebnisse, die für uns alle gleich wahr, alle gleich realistisch, alle gleich wahrscheinlich und alle gleich relevant erscheinen. Erst mehr Zeit und Ruhe ermöglicht uns, das alles auseinanderzuhalten und zu ordnen.
Und erst Rückfragen, “Testfragen” oder andere aktive  Wahrscheinlichkeitsüberlegungen versichern uns dann am Ende.

Im letzten Text habe ich das schon einmal formuliert und endete damit, dass man sich vorstellen möge, wie es ist, so zu funktionieren und dann in eine Gesprächspsychotherapie zu gehen.

Man kann sich das so vorstellen, dass diese Form der Psychotherapie für uns das Anstrengendste aus allen Welten bereithält und entsprechend irgendwo zwischen “Ich mach das, weil ich Schiss hab, aus Versehen zu sterben, weil ich mich nicht genug um meine “Heilung” kümmere” (also etwas, was wir aus einer gewissen Todesangst~Überlebenschance heraus tun – egal wie anstrengend es ist) und “Ich mach das, weil es keine Alternative zu dieser Form gibt”, rangiert.

Wir arbeiten in der Therapie. Und das machen wir nachwievor mit all der Motivation, die wir angesichts der Alternativen eben aufbringen können. Allerdings haben wir in dieser bei uns ja doch sehr langen Arbeitszeit übermäßig lange eher so “Basiserfolge” gehabt, die durchaus hätten mehr sein können.

Das schreiben wir nicht, weil wir überhöhte Ansprüche an uns stellen. Wir haben nicht die Idee, dass wir schon längst hätten geheilt sein können oder wenigstens mal ein komplett hergestelltes biografisches Erinnern im normalen Rahmen oder nicht mehr viele sein oder oder oder.
Das schreiben wir, weil wir merken, was für eine steile Kurve wir genommen haben, seit die Autismusdiagnose steht, gezielt an Probleme herangegangen wurde und wir dadurch selbst ganz konkret merken: so komplett kaputt und gefühlskalt traumatisiert, wie wir von einigen Therapeut_innen eingeordnet wurden, sind wir überhaupt nicht.  Wir sind ja gar nicht unfähig, dieses tiefenpsychologische Gerede zu verstehen – da war jemand unfähig zu verstehen, dass wir nicht vermeiden (oder sich eine Soziopathie zeigt), wenn wir sagen, dass wir Dinge, die uns Therapeut_innen oder auch Selbsthilfemedien antragen, nicht nachvollziehen können.

Wir sind jahrelang immer wieder darüber gestolpert, dass wir gefragt wurden, was es bedeutet, wenn wir etwas fühlen oder denken oder glauben.
Manchen neurotypischen Menschen hilft diese Formulierung, einen anderen Blick und eine andere Ebene in Bezug auf sich selbst einzunehmen und so ihre Schwierigkeiten anders zu betrachten. Uns hat es einfach nur verwirrt und manchmal auch frustriert, denn es hat dazu geführt, dass wir uns Therapeut_innen massiv unterlegen gefühlt haben, weil sie unserem Verstehen nach etwas zu sehen bzw. um etwas gewusst zu haben schienen, von dem wir weder wussten noch selbst etwas empfanden. Und selbst nach ewiger Auseinandersetzung, Konfrontation und sogar Explorationen traumatischer Erfahrungen (auch nicht für uns allein) auf den gleichen Stand gekommen sind.
Wir haben deutlich gemerkt, dass uns da etwas fehlt – und es wurde immer als Ergebnis der Dissoziation angenommen. „Sie sind dissoziiert, deshalb sind sie getrennt von Gefühlen (für andere)“. Das mag für traumatisierende Situationen (oder Situationen, die daran erinnern aufgrund des erwähnten Stresshormonmixes) stimmen, passt aber nicht mehr in Alltagssituationen.

Nun frage man sich, was das mit uns gemacht hat, nach dem gewaltvollen Leben in Manipulation und permanenter Ansage, man wisse alles von und über uns, ausgerechnet in einem therapeutischen Setting immer wieder in genau diese Verwirrung bzw. dieses Gefühl der Unterlegenheit bzw. „Durchschautheit“ zu kommen.
Richtig: es hat Spaltung gemacht. Dissoziation. Und zwar gründlich.
Wir Rosenblätter sind daraus (und aus anderen negativen Erfahrungen mit Menschen, die (therapeutisch, medizinisch, pflegerisch) helfen wollten oder “geholfen haben”) entstanden. Ein System, dass damit umgehen kann; die Kraft dafür aufbringen kann und trotz aller Kampfverluste einfach immer weiter dahin gehen kann, statt hinzuschmeißen und aufzugeben.

Auf unserem traumatherapeutischen Weg ist also schon mal grundlegend was schief gelaufen.
Ich denk, das können wir ruhig so festhalten und auch entsprechend bitter, enttäuscht, frustriert und zuweilen auch maßlos verärgert darüber sein. So lange wir wollen und müssen.
Denn nicht zuletzt war und ist für uns die Möglichkeit von Psychotherapie immer auch ein Versprechen von Veränderung und Verbesserung. Immer Alternative zu dem, was wir als unaushaltbares Leiden empfunden haben. Es so oft nicht eingelöst bekommen zu haben und das einfach, weil man wahlweise eine (und manchmal auch unsere) Symptomatik oder eine (und doch nie unsere) Persönlichkeit diagnostiziert und behandelt hat, aber nie bis an das Funktionieren als Mensch, der wir sind und der auch dafür ein eigenes Bewusstsein entwickeln musste,  herangegangen ist, ist eine wirklich heftige Erkenntnis. Eine bittere heftige Erkenntnis, mit dessen Schmerzensdimensionen wir mal mehr mal weniger allein sind.

Einen Erkenntnis gebenden Punkt wollen wir hier aufführen.

diagnostische Fragebögen – bzw. das Dilemma um konkrete Nachfragen

Eigentlich sind wir Fragebögen und besonders multiple choice – Fragebögen sehr offen gegenüber.
Die wählbaren Optionen geben bereits die Kategorie der Antwort vor – es fallen enorm viele Antwortoptionen weg.
Bei Sachfragen sind sie also großartig für uns.
Bei emotionalen Fragen sind sie das weniger.

So gibt es in der Klinik, in der wir einige Intervalle mitgemacht haben, einige Fragebögen, die man zu Beginn der Behandlung ausfüllen soll. Darunter ist mindestens einer, der sich auf ein “Vorher” in den Fragen bezieht, das nicht näher definiert ist.
Da sieht eine Frage beispielsweise etwa so aus: Ich mag mich weniger als vorher 1 nein Ich mag mich 2 ja ich mag mich etwas weniger als vorher 3 ja ich mag mich meistens weniger als vorher 4 ja ich hasse mich

Konfrontiert mit der Frage, haben wir Nachfragen (zum Beispiel: Was heißt “Ich mag mich?” Aussehen? Verhalten? Werte? Körper? Können? Was bedeutet hier “Ich” in Bezug auf uns?), die wir uns nicht beantworten lassen können, weil diese Fragen allein zu beantworten vorgesehen sind, zum einen und zum anderen, weil dafür keine Zeit ist. Man hat einen Termin á 50min in der Woche und das wars. Daran zu rütteln ist böse böse und sowieso sinnlos, denn es geht dabei um Geld und nicht um Menschen_sach_verstand.

Die Daten aus dem Fragebogen sollen dazu dienen, am Ende des Aufenthalts einen Therapieerfolg oder –misserfolg zu errechnen. Es geht also einen Scheiß darum, was die Fragen anstoßen oder was man überhaupt “richtig” (im Sinne von “bewusst reflektiert”) beantworten kann, ob Fähig- und Fertigkeiten da sind, die Fragen zu beantworten.
Es geht dabei nicht um das Innenleben und die echte Selbstwahrnehmung der Klient_innen, es geht um Schätzwerte. Also um Kaffeesatzlesen.

In unserem Fall einen Kaffeesatz, unter dem wir ja genau gelitten haben, da es die umfassende dissoziative Problematik war, die es uns verunmöglicht hat, irgendetwas von uns so bewusst wahrzunehmen, dass wir es als eigen und selbstzugehörig empfinden können. Über wessen Selbsthass, Depressionen und Essverhalten – ja sogar dissoziative Symptomatik sollten wir nun Fragen beantworten? Wir lebten alleine – wir konnten nicht mal mehr etwas angeben, das andere über uns und unsere Symptomatik als Einsmensch zurückgemeldet hatten.

Auch wenns jetzt drüber klingt: Das ist echt heftig und in keinster Weise als etwas zu sehen, das man ja vernachlässigen kann, weil es ja am Ende um nichts geht, was mit unseren inneren Themen zu tun hat.
Für uns ging es um etwas und diese Herangehensweise führte für uns zwangsläufig in ein erstes Versagen.

Eins, dass wir schon kurz nach der Autismusdiagose nicht mehr so annehmen wollten. Wir haben an den Rand der Fragebögen geschrieben, haben Bemerkungen dran gemacht, haben uns mit jemandem besprochen, was bei Frage X wohl gemeint sein könnte.
Erst dabei ist uns dann aufgefallen, wie oft wir in diesen Fragebögen jahrelang falsche Angaben gemacht haben, weil wir von völlig anderen Dingen ausgegangen sind.
Aber glücklicherweise war es ja eh nicht so wichtig?
(Glaub ich nicht – will ich nicht glauben.)

Kurzer Schwenk.
Eins unserer Geschwiste ist ebenfalls autistisch. Es hatte größere Schwierigkeiten als wir, frei über Erlebnisse zu erzählen. Auf die Frage: Was gabs im Hort zum Mittagessen?, konnte es keine Antwort formulieren. Auch hier war das multiple choice-Verfahren hilfreich. Auf die Frage: Gab es Nudel, Kartoffeln oder Reis?, konnte es antworten. Wir brauchten dieses Verfahren zu solchen Ereignissen nicht. Wir hatten den Essensplan auswendig gelernt, sobald er unten an der Küchentür hing. Vorbereitung ist alles für uns. Immer. Bei allem. Bis heute kommen wir in Stress sobald wir uns nicht auf Situationen vorbereiten und einstellen können.

Wo wir heute multiple choice Fragen sehr gut gebrauchen könnten, wären Therapiegespräche.
Aber.
Das geht so einfach nicht, denn wo vorgegebene Antwortmöglichkeiten sind, da ist Raum zur Beeinflussung – und zwar weitaus mehr, als ohnehin schon durch die vielen Übertragungsdynamiken entsteht.

Für uns bedeutet es eine Was gab es zum Mittagessen?-Fragesituation ohne ausgehängten Speiseplan, wenn eine Therapiestunde anfängt mit einer offenen Einladung durch die Frage: Und? Wie ist die Lage?
Zu viele Antwortoptionen. Zu viele möglicherweise gemeinten Themenfelder. Zu viele mögliche Perspektiven, die eingenommen werden müssten. Keine Vorbereitungsmöglichkeit.
Wir haben auf solcherlei unkonkrete Fragen also in der Regel keine Antwort. Sagen: Ich weiß nicht. Oder geben eine Wörterantwort, ohne Konsistenz. Und wirken dadurch viel dissoziierter (alltagsamnestischer) als wir sind.

Eine konkrete Frage wäre: Konnten sie in der letzten Woche ausreichend* schlafen? oder Konnten sie in der letzten Woche ausreichend essen und trinken? (*ausreichend natürlich vorher klar definiert)
Für uns wäre es super, würde jede Therapiestunde eine so gestaltete Bestandsaufnahme am Anfang haben.

Denn:
Für uns bedeutet das Geeier auf die Frage, wie es uns denn geht, keineswegs ein erwartbares Ding, auf das wir uns dann doch gezielt vorbereiten könnten. Dadurch, dass wir diese Frage einfach immer irgendwie beantworten und es immer irgendwie klappt, wissen wir noch lange nicht, ob das jetzt die Antwort war, um die es ging. Dabei geht es uns nicht einmal mehr darum, “die richtige Antwort” zu geben. Darum ging es aber lange, als wir die Therapie anfingen, weil wir damals noch dachten, richtige Antworten seien ein Schutz vor Gewalt.

Es bedeutet jedes Mal eine neue Unsicherheitssituation, die zuweilen auch triggern kann.
Und es bedeutet eine Situation, in der uns unser “Ölmolekül”-Sein in Bezug auf die “Wasser”-Therapeutin (s. #3) manchmal sehr schmerzhaft bewusst wird. Wir merken, wie wir ihr Dinge nicht sagen können, weil wir nicht wissen wo anfangen, was ist gefragt, wie wichtig ist was, wofür ist die Antwort wichtig. Wir merken, wie wir in eine Redesperre geraten, die absolut 0 mit Redeverboten oder Schweigegeboten zu tun haben.
Das macht Ohnmachtsgefühle und kratzt total an der Motivation die Therapie weiterzuverfolgen.

In Bezug auf das Sprechen über schwierige Erfahrungen stehen wir vor einem noch größeren Dilemma.
Denn da insbesondere Therapeut_innen, die Menschen mit DIS und anderen Traumafolgeproblemen behandeln, nachwievor immer mal wieder unter Verdacht gestellt werden, sie würden ihren Patient_innen Erinnerungen einreden, ist es komplett ausgeschlossen, dass wir mit unserer Therapeutin nach multiple choice-Vorgehen über Gewalterfahrungen sprechen können.
Eine Nische bietet zwar Kunsttherapie bzw. das Aufmalen von Aspekten, die zwecks Deutungssicherheit nachgefragt werden müssen (Like: Ist das eine Person? Wie heißt diese Person? Was macht diese Person da?) – das kriegen wir jedoch bei weitaus weniger Dingen hin, als wir das bräuchten. Besonders, weil wir einander beim Aufzeichnen schneller gegenseitig mit Material fluten und insgesamt nicht gut tun, als wenn wir in der Therapiesituation selbst sind und uns dort auseinandersetzen.

Jetzt sind wir in einer privilegierten Situation.
Unsere Therapeutin kann sich mehr Zeit für uns nehmen und nimmt sie auch, wenn wir über schwierige Dinge reden wollen. Das ist leider durch nichts anderes zu ersetzen. Wir könnten hier noch das teilen, was wir machen, bevor wir zur Therapie gehen und wie wir uns womit vorbereiten, aber am Ende ist es einfach immer nur dieses Mehr an Zeit und damit auch Mehr an Raum das, was auf uns einströmt, wenn wir uns dafür öffen, zu ordnen und zu kommunizieren, das uns hilft, über das Erlebte zu sprechen.

Es ist auch mehr Raum für Fehler, für “sich nicht gleich zurecht finden”, für “die Reihenfolge erst rausfinden” – was für uns alles in dem Moment, in dem wir beschließen etwas auszusprechen, noch überhaupt nichts mit dissoziativer Fragmentierung zu tun hat oder damit, dass uns gesagt wurde, wir dürften nicht darüber sprechen, sondern damit, dass diese traumatisierenden Erfahrungen manchmal schon vorher völlig überreizend für uns war und an sich schon weder Kontext, noch Reihenfolge, noch Sinn hatte.
Oder, manchmal auch, weil die Orte, an denen etwas passierte, fremd für uns war – und besonders früher war ein Raum für uns schon dadurch fremd und völlig neu, wenn jemand einfach die Lampe verstellt hat oder ähnliches. Das Problem haben wir noch heute, wenn auch in weitaus weniger ängstigenden Dimensionen.

Was außerdem neulich hilfreich war, war eine Bildbeschreibung, die für uns gut funktioniert.
Seit wir uns mit barrierefreier Webgestaltung auseinandersetzen, versuchen wir mehr darüber zu lernen, wie man Bilder für blinde und anders sehbehinderte Menschen beschreibt, damit sie wissen, was alles auf dem Bild zu sehen ist. Das ist für uns eine echte Herausforderung, weil auch dabei sehr viele Details, die wir sehen, vielleicht gar nicht erwähnt werden müssten, um ein Bild zu beschreiben.
Für Erinnerungsbilderbeschreibung gehen wir ähnlich vor. Wir stellen uns vor, dass die Therapeutin diese Bilder nicht sehen kann (und machen damit einen Schritt, den wir vorher nicht gemacht haben, weil wir genau diesen Umstand nicht mit im Bewusstsein hatten – zing: theory of mind).

Dann gehen wir von außen nach innen in das Bild.
Raumbeschreibung, [manchmal schieben sich dann schon die ersten nächsten Bilder dazu]
Distanzierungsatmen, [wenn okay: Idee über Kontext (zu Hause, fremd, bekannt, Ort, wenn bekannt)],
Personenbeschreibung, Distanzierungsatmen, [wenn okay: Idee über Kontext (zu Hause, fremd, bekannt, sozialer Bezug)],
Handlungsbeschreibung, Distanzierungsatmen, [wenn okay: Idee über Kontext (Gefühle, Gedanken, Häufigkeit)].

Für manche Menschen ist so eine schematische Vorgehensweise vielleicht undenkbar, besonders, wenn Bilder und Erinnerungen noch total schwierig zu kontrollieren sind und scheinbar völlig willkürlich aufkommen.
Wir haben das Gefühl mehr Kraft für die nötige Reorientierung zu haben, seit wir so schematisch und unter Beachtung unserer Strukturierungsschwierigkeiten an diese Arbeit herangehen.

Da passiert aber auch eine Dopplung, die wir nicht aus den Augen verlieren dürfen.
Einerseits kommt uns das eigene Erinnern klar und fest und dadurch aussprechbar vor, wenn wir an die Auseinandersetzung damit, wie an ein Arbeitsprojekt angehen – andererseits ist natürlich auch das eine Distanzierungsnummer – aka Vermeidungsdings, das uns das Gefühl gibt, dass wir potenziell vielleicht gar nicht so nah an Gefühle dran müssen, weil wir ja jederzeit aussteigen können.
Es hilft, dass unsere Therapeutin in jedem Distanzierungsatmungsmoment fragt, ob wir weitergehen wollen oder nicht.

über reine Nervensachen, Traumastille und gedrückt werden

“Alles Nervensache”, denke ich und schiebe uns durch den Verkehr.
Ich habe Schmerzen und das, was Alltags ist, strömt zäh_flüssig mit mir wie einem Korken draufdrin dem Tick-Tack nach.

Später zu Hause eingeklemmt zwischen Schrank und Wand denke ich: “Ja, alles Nervensache” und erinnere mich an die eine Gruppentherapie vor was weiß ich nicht wie vielen Jahren. Wo eine Person versucht hatte zu erklären, wie sehr es weh tun kann, depressiv zu sein und die Therapeutin fragte, was genau denn da weh tun würde.

Das ist mein Schmerz im Alltag, denk ich. Das ist der gleiche Schmerz, wie der, der mich quält, wenn ich so runter bin – weil der Zug rumpelt, Leute reden, atmen, Kleidung bewegen, Zeitungen, Handtaschen oder Rucksäcke durchkruscheln, weil sich alles bewegt, Aufmerksamkeit, Reaktion und Einordnung verlangt. Wenn einfach nur die Welt passiert und der Platz dafür in sich drin, nicht mehr gepolstert ist.

Nachdem wir in Biologie etwas über Zellkerne gelernt hatten, hab ich sie mir dann manchmal in das Wortbild vom “Laufen auf dem Zahnfleisch” eingebaut und mir gedacht, dass es vielleicht deshalb wehtut, weil die Zellkerne wie Legosteine da liegen und es dann natürlich weh tun muss, wenn man drauftritt.

Ich bin im Moment nicht depressiv. Eigentlich gehts mir und uns sogar ganz gut.
Was es irgendwie noch schlimmer macht, dennoch mit diesem Schmerz konfrontiert zu sein und einen Umgang haben zu müssen. Wäre da eine Depression, dann würde die Kraft für mehr als die Wahrnehmung dessen fehlen. Wir würden liegen, schlafen und wenn wir erwachen, die Augen zuhalten und uns in einem weißen Nebel bewegen, der neben der Zeit passiert.

Ich habe gelesen, dass es dem Schmerzgedächtnis scheiß egal ist, welcher Ursache ein Schmerz ist.
Und habe mich an den Schmerz erinnert, den ich mit Traumastille verbinde. Das ist die Stille, die sich ausbreitete, wenn der letzte Schlag, der letzte Stoß, der letzte Druck auf den Körper zum Ende kam und dann nichts mehr passierte. Die Zeit zwischen dem Moment, in dem die gewaltausübende Person ihren Verdrängungsschängel zu einem Spruch, einer Anweisung, irgendeinem weiteren groben Über_Griff machte und dem, in dem sie ihn machte.

Manchmal habe ich einen Schmerz als überkrasses Geräusch oder geblendet oder verbrannt werden wahrgenommen. Auch diese Art von Schmerz ist Traumastille für mich.
Ich kann bis heute nicht sagen, was genau da weh getan hat. Oder wie sich dieses überkrasse Geräusch für mich angehört hat oder welchen Ursprungs die Blendung war, die ich da empfunden habe.

Heute weiß ich, dass das eine Nervensache ist. War.
Das Nervensystem von Klein_Kindern ist nicht das von Erwachsenen. Gerade vor ein paar Tagen konnten wir das bei der anderthalb Jahre alten Tochter von Freund_innen miterleben. Sie stolperte, tat sich weh – doch drückte den Schmerz als Schmerz erst fast 10 Sekunden später aus.
Was war es in den 10 Sekunden, bevor sie zu weinen begann und bei ihrer Mutter Erleichterung davon suchte?
Ich glaube, da war es noch Nervensache. Also: alles mögliche. Alles Nervenmögliche.
Es hätte auch geblendet werden oder auditiv überflutet werden sein können. Das Gehirn prüfte noch nach Einordnungsmöglichkeiten, während das Empfinden schon längst da war.

Manchmal denke ich, dass das vielleicht mein, unser chronisches Schmerzproblem heute ist.
Die Nervensache ist so oft nur rudimentär eingeordnet worden, dass sie bis heute eine Nervensache ist.

Als die Gewalt passiert ist, war ja mehr als nur Schmerz da. Es tut eben nicht nur weh, miss.be.handelt zu werden. Es ist auch einfach nur grob, dumpf, vielleicht auch mal mit einer Quetschung oder einem Druck verbunden. Manchmal sind da auch noch Komponenten die körperliche Resonanzen mit sich bringen, wie Angst, Horror, Ekel, Beschämung oder Demütigung. Der peinsame Cringe, den man hat, wenn man vor anderen bloßgestellt wird, kann das gleiche Reißen im Zwerchfell sein, das entsteht, wenn man mit aller Macht gegen einen Brechreiz, ein panisches Erstickungsgefühl oder schlichtes Schock-raus-schreien angehen soll muss.

Manchmal hilft es uns, Anspannung zu veratmen. Dann denke ich mir, dass meine Nerven zittern und wackeln, weil sie so unter Spannung stehen, dass auch das banalste kleinste sie ganz zwangsläufig berühren muss – und mir dann einmal mehr Schmerzen bereitet.
Ich atme den Bauch raus und drücke mit dem Daumennagel in die Rille zwischen Oberlippe und Nase.
Die Geschichte mit dem Gedanken ein Baum zu sein, ist auch gut dafür.

Noch mehr hilft es uns Druck zu fühlen. Schwere Decken oder zwischen Wand und Schrank gedrückt sein. Oder NakNak* auf dem Schoß haben. Oder NakNak*, die sich an unseren Oberkörper drückt.
Das ist scheinbar eindeutig genug für unser Gehirn. Es dauert keine zwei Sekunden bis das Schmerzempfinden nachlässt, wenn wir so “gedrückt” werden. Aus Nervensache wird Drucksache. Wird Wort, wird Zeit und Raum, wird eigener Körper und damit Entlastung.

Ich finde das erstaunlich.
Auch, weil ich dann manchmal einfach anfangen muss zu weinen und nicht weiß, ob ich vielleicht schon vorher hätte einfach zu weinen versuchen sollen oder nicht. Ob mir die Welt und ihre Reize vielleicht eigentlich gar nicht wehgetan haben, sondern sie mich traurig gemacht hat. Oder, ob sich da gerade noch ein Traumafizzel mit verarbeitet hat und es als eine Art nachträgliche Affektabfuhr passiert.

“Alles reine Nervensache”, das wird oft gesagt, wenn man meint, etwas sei nichts Ernstes, Dringendes gar Be_Drängendes und daher beherrschbar oder auch kontrollierbar. Manche Menschen sagen so etwas, um andere Menschen mit ihren Empfindungen allein zu lassen, denn die eigenen Nerven hat man eben nun einmal nur für sich.

Auch das ist etwas, das in mir Traumastille-Schmerz macht.
Denn es erfordert schon etwas jemandem von so unbestimmten Dingen zu erzählen. Vertrautheit, Nähe und die Annahme im Schmerz an.erkannt und verstanden zu werden.
Mir kommt das wie eine Anbahnung vor.

So wie wir es brauchen zu wissen, dass wir nach der Arbeit oder der Schule nichts mehr machen müssen, das Handy greifbar ist und der Schrank stabil steht, um uns in den wohltuenden Druck zu begeben, brauchen manche anderen Menschen, eben diese sozialen Flauschigkeiten, um gedrückt zu werden und das auszuhalten.

Für uns werden reine Nervensachen erst dadurch zu etwas, das beeinflusst werden kann.
Für andere sind es andere Menschen.

Irritierend wie sich je die Annahme entwickeln konnte, Menschen mit Schmerzen jeder Art unberührt (ungedrückt) zu lassen (außer sie wünschen sich das so), sei eine gute Idee.