vom Funktionieren – Teil 2, „Grenzen“, Punkt 2

„Viele komplex traumatisierte Menschen mit DIS operieren nur mit dem existenziellen Extrem. „Ich habe X gemacht und das hat funktioniert (Ich lebe noch)“ oder „Ich habe X gemacht und das hat nicht funktioniert (Ich bin irgendwie/seelisch/innerlich gestorben, als ich X gemacht habe)“. Fokus und Maßstab ist (manchmal auch erst am Ende einer traumalogischen Überzeugungskette) fast immer das subjektive Erleben von Todesangst oder Lebensbedrohung.“
An dieser Stelle zweigt mein zweiter Punkt ab. Grenzwahrnehmung als Auslöser für Dissoziation und ihre funktionelle Relevanz für die Person als Ganzes.

Die dissoziative Identitätsstruktur (mit kPTBS) ist eine richtig fiese Bitch, wenn die Sache mit dem Überleben (dem tatsächlichen existenziellen Extrem) vorbei ist. Denn wenn sie nicht mehr wirklich gebraucht wird, dann ist es ihre Struktur und Funktionalität, die sich selbst aufrechterhält und erklärt. Und zwar sehr oft über das Erleben von Grenzen.

In einem Vortrag zum Leben mit DIS habe ich ein Mal auf den Film „Alles steht Kopf“ zurückgegriffen. Dort gibt es zu Beginn nur genau einen Knopf zur Reaktion auf äußere Reize (Grenzen etwa), den der Charakter „Freude“ bedienen kann. Ich beschrieb mein Erleben so, als hätten meine Gefühlscharaktere jeweils einzelne Büros und nicht einen gemeinsamen Raum, in dem alle Reaktionsträger (also die Gefühle) das Gleiche sehen und über die gleiche Knopf- und Schalterarmatur re.agieren. Und dass nicht alle immer Strom haben, geschweige denn sicher immer Bild- und Tonübertragung. Ich beschrieb mein Erleben so, als hätte sich in meinem Aufwachsen allein „Angst“ zu einer konstant kompetenten Figur entwickeln können. Aber nicht so wie in dem Film, ständig zitternd und nervös, sondern eher wie ein schneller, starker Geheimagent, der, ohne dass es jemand weiß, auch der Drahtzieher jeder Operation ist. Also einerseits alles bestimmt und andererseits alles ausführt.
Also auch den anderen „Gefühlen“ in mir „den Strom abstellt“, sodass sie überhaupt keine Reaktionsoption haben – und im Nachgang sich selbst darstellt, als hätte es ohne sein Eingreifen tödlich enden können. Das Pult mit dem „Angst“ re.gierte beschrieb ich in dem Vortrag als sehr professionell, das Pult der anderen „Gefühle“ als jeweils mit einem, vielleicht auch zwei Knöpfen ausgestattet.
Um das gesamte Erleben und Sein eines Menschen mit DIS zu beschreiben, ist diese Metapher natürlich viel zu unterkomplex. Ich habe sie auch nicht gewählt, um das zu beschreiben, sondern, um das Missverhältnis der Reaktionskompetenz abhängig vom emotionalen Status zu illustrieren.

Ich zum Beispiel konnte nicht eine einzige Emotion ohne Beimischung von Angst bzw. später dann aktives Beruhigen von Angst empfinden. Und zwar nicht, weil ich im Kern ein ängstlicher Mensch war oder mich bewusst alles Mögliche an traumatische Erfahrungen erinnerte und mir Angst machte, sondern weil ich ohne Angst nicht inter.agiere. Ich bin bis heute nicht immer und schnell über meine Gefühle klar, wenn keine Angst oder Körperempfindungen, die zu Angst gehören, dabei sind.
In der Auseinandersetzung mit meinem chronisch dissoziativen „In-der-Welt-sein“ habe ich dann geschlossen, dass Angst meine funktionelle Basis für die Interaktion mit dem Außen zu sein scheint. Denn selbst jetzt, nach der Integrationsleistung von zwei nach außen interagierenden Alltagssystemen zu einem (den Rosenblättern) – bis hin zu mir, Hannah, bin ich/funktioniere ich nicht als ein Ich, wenn Angst nicht gleichzeitig auch aktiviert ist.
Ist alles fun and games oder überwiegend eine andere Emotion präsent, erlebe ich mehr oder weniger starke Dissoziation. – Und manchmal holt mich genau das wieder „mehr zurück“ bzw. „entdissoziiert“ – bzw. noch ganz viel richtiger – reaktiviert meinen Hannah/Alltags/andere Menschen-Funktionsmodus. Denn so manches dissoziative Erleben ist einfach ängstigend.

Zurück zum Grenzerleben. Betrachten wir die DIS weniger als umfassende Schutzreaktion (vor der Erinnerung an traumatische Erfahrungen) und mehr als das Ergebnis desintegrierter Funktionsmodi (aufgrund der Art und Weise, wie eine Person aufgewachsen ist bzw. sich entwickeln konnte), fällt es leicht, davon auszugehen, dass es auch unterschiedliches Grenzerleben und entsprechend unterschiedliche Grenzkompetenzen gibt. Um das Bild vom Beginn nochmal zu bemühen, könnte man sich vorstellen, dass jedes Innen oder auch jedes (Unter/Sub)System von jemandem mit DIS ein anderes „Gefühlebüro“ im Kopf hat, bei dem jeweils andere Emotionen im Missverhältnis zueinander stehen. Systeme innerer Jugendlicher und Kinder zum Beispiel basieren bei mir zum Beispiel viel eher auf Neugier, Freude, Bindungsbedürfnis (Liebe), Wut, Ekel und Überraschung (Schock). Ihre Grundlage ist komplett anders und entsprechend auch ihre Funktionalität.

Ich als Kommunikator_in/Alltagsperson/hauptsächlich „frontender“ Anteil bin nach wie vor auf die Hilfe Außenstehender und viel aktiven Prozess angewiesen, um berührte oder verletzte Grenzen zu erkennen, in ihrer Bedeutung zu begreifen und realistisch einzuordnen, gerade weil ich primär angstbasiert funktioniere. Angst bremst den Frontallappen aus – den braucht man aber, um sich (und andere) zu reflektieren. Ich nehme manche Dinge bedrohlicher wahr, als sie sind, weil ich ohne Katastrophisierung über jeden Kontakt gar nicht erst sicher interagieren kann. Im Konfliktfall kostet es mich enorme Kraft, nicht in vermeidendes Verhalten zu rutschen oder auf meine Rechte oder Ansprüche zu verzichten, nur weil ich kompetenter darin bin, die Folgen dessen zu kompensieren. Und sehr oft überstrahlt genau dieser Kraftaufwand, den ich erst seit der Therapie betreibe, noch zusätzlich, dass ich den Konflikt überhaupt als Grenzthema begreife.

All dieses Wissen und Verständnis über mich bedeutet übrigens nicht automatisch auch, dass ich die Kompetenz habe, meine Grenzen zu kommunizieren, einzufordern, dass andere Menschen sie wahren und bedenken, oder sie zu vertreten. Dieses Wissen bedeutet nur, dass ich mich inzwischen häufiger mit weniger Angst selbst erleben und reflektieren konnte. Wissen allein befähigt nicht zum Handeln.
Aktuell erlebe ich es so, dass ich von meinem direkten Umfeld befähigt werden muss, um meine Grenzkompetenzen zu trainieren und zu modulieren. Wenn ich es mit Menschen zu tun habe, die primär mit ihrem Bild von mir bzw. ihrer Idee von mir interagieren, bin ich nicht in einem befähigenden Umfeld. Genauso wenig, wenn ich es mit Menschen zu tun habe, die von meiner angstbasierten Funktionalität profitieren. Etwa weil sie bei gemeinsamen Aufgaben wissen, dass ich zur Not halt alles allein mache (bevor wir beide sterben) und sich entspannt zurücklehnen.

Entsprechend ist meine Idee von meinem Funktionieren. Ich halte es nicht für eine Dysfunktion, wenn ich es nicht schaffe, den richtigen Menschen im allgemein angemessenen Zeitraum, passend zu vermitteln, wenn ich etwas nicht möchte, mit etwas nicht einverstanden bin oder den Umgang mit mir respektlos oder grenzverletzend empfinde. Im Hinblick auf meine traumabedingt entwickelten Fähig- und Fertigkeiten zum Überleben ist genau das mein Funktionieren.
Und hier lohnt es sich meiner Ansicht nach, sich selbst nicht nur als „System“ einzuordnen, sondern als der Organismus, der man ist als Mensch. Auch als sogenanntes „gemachtes/programmiertes“ DIS‑System. In dem Zusammenhang ist es meiner Meinung nach sogar besonders wichtig, die Depersonalisierung, der Gewalterfahrung nicht als Natur des eigenen Selbst anzunehmen. So nach dem Motto: „Sie haben mich wie einen Apparat benutzt, also bin ich jetzt einer (und werde wohl nie etwas anderes, ohne mich selbst zu verlieren).“

Die Anpassung an bestimmte Lebensumfelder ist nie die passive, ich-lose Reaktion, zu der manche Viele und auch so manche Literatur zum Thema ebenjene Funktionalität v.erklärt.
Passiv zu sein, kann aber durchaus Folge aktiver Prozesse (Funktionen) sein. Etwa im Kontakt mit der eigenen Familie oder Menschen, denen man eine gewisse Autorität (Macht) zuschreibt, nie zu widersprechen. Da denken viele Viele von sich, dass sie sich immer einfach ergeben und alles mit sich machen lassen. Praktisch selbst komplett verschwinden. Es mag traumatische oder extrem stressende Momente geben, in denen es zu einer kompletten Selbstaufgabe kommt. So etwas sieht dann aber von außen nicht aus wie ein Familienausflug, bei dem sich eine Person einfach komplett übernimmt, weil sie es in dem Kontext nicht schafft, eine Pause einzufordern. Sie mag von sich denken, sie sei kaputt, weil sie es nicht hinbekommt – was sie aber aus Sicht anderer Innerer schafft, ist, keinen Konflikt auszulösen (was aus Gründen evtl. sogar ganz gut ist). Sie hat den Eindruck, sich immer im Stich zu lassen – andere Innere fühlen sich aber vielleicht genau davon beschützt.

Die Funktionalitäten, mit denen die meisten Menschen mit DIS nach der Gewalt bzw. in weniger stressenden Zusammenhängen, zu kämpfen haben, sind oft genau die, die sie während ihres Lebens in ständig drohender Lebensgefahr gar nicht bewusst miterlebt haben. Die ihr Selbstbild in Frage stellen. Die manchmal mehr, manchmal weniger zur tatsächlichen Realität passen. Ich zum Beispiel habe mir meinen Hirntumor (ein unfassbar ängstigendes Ding btw) gewünscht, weil ich mich in der Zeit der Diagnosestellung oft total enthemmt, absolut frei und offen in aus meiner Perspektive todesgefährlichen Kontakten mit anderen Menschen erlebt habe. Ich hab einfach eine geraucht mit denen! Hab Musik gemacht – vor anderen Leuten! – Die mich angeguckt haben!!!
Heute sind das für mich die klassischen DIS‑Stories. Da habe ich andere Innere (andere Funktionssysteme) miterlebt, weil das allgemeine Erregungsniveau nicht mehr für eine spontane Dissoziation gereicht hat. Unser aller Funktionsgrundlage – Stress – hatte sich verändert. Aber unsere Funktionen nicht. Ich wusste nicht, empfand es nicht als zu mir gehörend, nicht mal als im möglichen Rahmen meiner Fähig- und Fertigkeiten, auch so im Leben sein zu können.
Für mich war jeder Moment, in dem ich andere Innere (andere Funktionsmodi von mir selbst) wahrgenommen habe, ein Extrem. Ein Grenzerleben, an dem ich „zerbreche“ oder manchmal auch innerlich „sterbe“ (dissoziiere). Ich habe auf diese Selbstwahrnehmung genauso reagiert, wie auf die Wahrnehmung von Grenzen von außen: angstbasiert, überlebensorientiert, vermeidend. – Die Inneren, die ich damals wahrgenommen habe, hingegen, konnten zunehmend weniger mit anderen Menschen umgehen. Seit der Zeit der Diagnosestellung ist vor anderen Menschen zu singen, ein Instrument zu spielen oder zu tanzen, kaum noch drin. Weder diese Inneren noch ich erreichen heute, unter den Bedingungen, in denen wir jetzt leben, mit dem Stressniveau, der Lebensbedrohung und so weiter, das Funktionsniveau, das wir jeweils früher hatten.

Manche Menschen würden das als Dysfunktionalität einordnen. Etwas, das früher ging, geht heute nicht mehr – Maschine kaputt. Ich ordne es heute eher als Baustelle ein. Anpassung an neue Funktionsgrenzen in progress. Ich muss umlernen, welche Ängste wann wie berechtigt und für den Rahmen funktionell sind – die anderen Inneren müssen umlernen, dass ihr Handeln mehr Bedeutungsumfang hat, als den, Dinge zu machen, weil sie sie können und schon immer gemacht haben. Wir beidalle nutzen hier die Anpassungsfunktion unseres menschlichen Organismus. Die ohne Grenzempfinden gar nie ausgeführt werden kann, jedoch bei mir anders erlebt wird, als bei diesen Inneren. Was wir also voneinander an Grenzkompetenz erwarten können, ist total unterschiedlich. Ich kann mich sehr darauf verlassen, dass diese Inneren wissen, wie man singt und tanzt. Aber auf gar keinen Fall, dass sie genauso sicher wissen, wer ihnen warum mit welchem Motiv dabei zusieht oder von ihnen verlangt, zu singen und zu tanzen.
Sie wiederum können sich bei mir total darauf verlassen, dass ich soziale Situationen vermeide, die uns in Lebensgefahr bringen könnten – jedoch nicht, dass ich über angstvolles Vermeiden, Analysieren und Katastrophisieren hinaus großartig irgendwie handlungsfähig bin.

Es ist wichtig, von diesem unterschiedlichen Funktionieren aufgrund unterschiedlichen Grenzerlebens zu wissen. Nicht nur für uns als Viele in einem Menschen_er.Leben, sondern auch für unsere Helfer_innen und Behandler_innen. Wer uns nicht kennenlernt, wie wir uns kennenlernen, wird uns überfordern. Wer annimmt, jedes Gespräch, jede gemeinsame Erfahrung würde von allen Inneren gleich erfasst, eingeordnet und (für) wahr_genommen, ähnlich erlebt und in Bezug zu sich begriffen werden, oder träfe auf die gleichen Kompetenzen, hat Vielesein, das Kernproblem der dissoziativen Identitätsstruktur, nicht verstanden und wird Fehler machen. Vielleicht auch richtig schlimme, richtig schwere Fehler.
Wenn Viele über sich sagen, dass sie alle innen unterschiedlich sind, dann ist praktisch nie gemeint, dass der eine Bonbons  mag und der andere sie hasst. Und auch nicht immer, dass die einen Gewalt erlebt haben und die anderen nicht. Meistens referenzieren wir auf grundlegend andere Fähig- und Fertigkeiten (Kompetenzen) zur Interaktion und Kommunikation, Weltbilder, Erklärungsmodelle vom Funktionieren der Welt und ihrer Bewohner sowie Konzepte von sich selbst. Wir sprechen von umfassend voneinander abweichenden Funktionsmodi, die bei manchen teilweise, bei anderen wiederum (noch) gar nicht aufeinander abgestimmt sind. Davon, dass wir gleichzeitig funktional und dysfunktional sind – weil unser Organismus unter verschiedenen Bedingungen unterschiedlich funktioniert und unterschiedlich viel oder wenig kongruente Bewusstseinsbildung dazu ermöglicht. Davon, dass wir uns plötzlich selbst erfahren und uns das absolut an unsere Grenzen bringt. Und oft auch einfach weit darüber hinaus.

vom Funktionieren – Teil 2, „Grenzen“, Punkt 1

Das Wiktionary beschreibt „Funktionalität“ als: „die Fähigkeit eines Produktes oder einer Komponente, bestimmte Aufgaben zu lösen“[1]
Ich liebe, dass dort steht „bestimmte Aufgaben“. Da steht nicht „jederzeit und immer alle Aufgaben“, was in der Regel das ist, was (manche selbsternannt „hochfunktionale“) Menschen mit DIS beschreiben oder von sich erwarten, wenn es um das Thema der Funktionalität geht. Die Beschreibung schafft hier etwas, was viele Viele erst in ihrer Auseinandersetzung lernen, nämlich Abgrenzung.
Das ist eins der Themen, die ich am Thema „Funktionalität“ habe. Grenzen.
Punkt 1 darin ist, wo Menschen ohne DIS die Grenzen von Menschen mit DIS verorten und welche Folgen das haben kann.

Die meisten Menschen mit DIS, die ich kennengelernt habe, werden von anderen Menschen grundsätzlich als fähiger eingeordnet, als sie es tatsächlich sind. Sie werden prinzipiell überfordert, ihre Grenzen entlang von völlig unpassenden oder sogar unangemessenen Konzepten von Limits und Kapazitäten verortet und ihre Fertigkeiten in Bezug auf die Funktionalität für die Gesamtperson stets überbewertet. Und das unter anderem aus folgendem Grund: Menschen mit DIS sind in der Lage, das Totalversagen ihres sozialen Umfeldes auf eine Art und Weise zu kompensieren, die ihrem sozialen Umfeld nichts abverlangt – und ihnen bis in den Kern ihres Selbst einfach alles.

Die Funktionalität von Menschen mit DIS wird auch heute noch leider überwiegend als von der chronischen Dissoziation definiert begriffen. Wenn eine Person mit DIS also etwas nicht kann, ist die Annahme oft, dass es aufgrund der Dissoziation so ist. Und wenn sie etwas ganz besonders gut kann, dann wird es damit erklärt, dass die Dissoziation nicht alles vernichtet bzw. geschützt hat. Dieses Verständnis verzerrt die chronische Dissoziation der Menschen mit DIS zu einer Art „Schrödingers Schädigung“ – sie ist gleichzeitig absolut behindernd und absolut befähigend.
Wenn auch nur eine Person im Hilfesystem einer Person mit DIS dieses Verständnis hat, ist kaum davon auszugehen, dass die Interaktion nicht in irgendeiner Weise überfordernd oder grenzverletzend wird. Denn schon die Zuschreibung der Dissoziation als begrenzend oder definierend kann maximal von dem Selbsterleben der betroffenen Person abweichen und ihre ohnehin von Entwicklungs- und Bindungstraumatisierungen beeinflussten Möglichkeiten zur Selbstwahrnehmung beschränken.
Ich beobachte zum Beispiel oft, dass Menschen mit DIS als „besonders clever“ oder „super fit im Kopf“ wahrgenommen werden. Manche professionell betreuenden Menschen sind bis heute davon überzeugt, dass ohnehin nur kluge Köpfe eine DIS entwickeln können. Was in ganz vielen Betreuungszusammenhängen zu mehr oder weniger bösen Überraschungen führt, weil jemand mit DIS auf den durch solche Zuschreibungen ausgelösten Druck mit dissoziativer Anpassung reagiert. Die Person sagt dann einfach nicht, dass sie ihren Schulabschluss nicht verfolgt. Die Wohnung nicht sauber hält. Sich nicht versorgt. Keinen Schimmer davon hat, was selbstbestimmte Versorgung oder Verortung im Leben mit anderen Menschen bedeutet. Sie entwickelt einfach weiterhin überhaupt keinen interaktiven Bezug zu sich selbst in Raum und Zeit über das Hier und Jetzt der Hilfemaßnahme hinaus. Sie kanns vielfach einfach auch nicht, weil sie im Kontakt mit der Person, die sie als so wahnsinnig klug und begabt (oder anders unpassend etwa ausschließlich als tapfere, starke Person, die überlebt hat) anspricht und sozial überfordert, das Bewusstsein um ihre Schwächen und Unfähigkeiten vermeidet bis hin zur reaktiven Dissoziation. Weil sie so mit Überforderungen umgeht. Egal, ob diese aus realer Lebensbedrohung hervorgeht oder nicht.
Wenn beide Seiten keinen Blick für die realen Unfähigkeiten der Person mit DIS haben, was ist zwingend die logische Folge? Richtig – ein Kollaps. Entweder wird das Bild der betreuenden Person von der Person mit DIS kollabieren oder die Person mit DIS bricht „aus heiterem Himmel“ zusammen (dieses rätselhaft komplexe System 🙄).

Hier also auch eine soziale Dynamik, die dazu führt, weshalb manche Viele annehmen, sie wären total lebensunfähig und bräuchten ihr Leben lang bei allem Hilfe, weil sie dauernd dissoziieren und überhaupt keinen echten Überblick über sich und ihr Leben hätten. Wer nie richtig gesehen (und entsprechend angesprochen) wird, kommt nie in die Lage, sich selbst richtig zu sehen und einen entsprechend angemessenen Anspruch an sich (und das Umfeld) zu entwickeln. Das ist 101-Menschenentwicklung. Basic-Grundlage „Wie werden Menschen“. Null Geheimnis, nixi nada special DIS – nur man-made bzw. Komplex-Trauma und seine Folgen.

Die meisten Menschen mit DIS sind in Verhältnissen aufgewachsen, in denen Grenzen verschoben, ignoriert, verzerrt, missbraucht, instrumentalisiert oder auch einfach nie bewusst existiert haben. Grenzerleben und auch das Handling, also die Kommunikation und das Erweitern oder Einengen von Grenzen, sind so fundamental, dass es zum Selbst- und Umwelterleben ganz natürlich dazugehört. Den meisten Menschen ohne DIS oder andere tiefgreifende dissoziative Störung bzw. Aufwachsen mit dauerhaft toxischem Stresserleben muss niemals in ihrem Leben bewusst gemacht werden, dass es nicht nur die Grenze zwischen Leben und Tod, „an“ und „aus“, „da“ und „weg“ gibt. Woran man sie erkennt und wie man sie in Bezug worauf bewerten kann oder wie mit ihnen umzugehen ist. Zu dem großen Fundus des „ungeschlagenen Lebens“ gehört eine gewisse grundlegende Kenntnis oder auch ein gewisses Konzeptverständnis darüber, das einfach so früh gelernt und integriert ist, dass es keiner weiteren Worte braucht, um sie zu formulieren. Es wird eigentlich nur noch Energie dafür ausgebracht sie zu erhalten oder zu verteidigen. Oder nach bestimmten Krisen neu auszurichten.

Viele komplex traumatisierte Menschen mit DIS operieren nur mit dem existenziellen Extrem. „Ich habe X gemacht und das hat funktioniert (Ich lebe noch)“ oder „Ich habe X gemacht und das hat nicht funktioniert (Ich bin irgendwie/seelisch/innerlich gestorben, als ich X gemacht habe)“. Fokus und Maßstab ist (manchmal auch erst am Ende einer traumalogischen Überzeugungskette) fast immer das subjektive Erleben von Todesangst oder Lebensbedrohung.
Zum Beispiel: „Wenn ich nicht alles für meine Familie gebe, bin ich tot, weil * – also gebe ich alles, immer.“ [und konzentriere alles (Bewusstsein, Konzentration, Energie) so stark auf meine Anpassung an die Vorgabe, alles für meine Familie zu tun, dass Dissoziation einsetzt, ich meinen erbärmlichen körperlichen Zustand überhaupt nicht mehr spüre und auch keine Energie mehr da ist, mich mal zu fragen, ob meine Annahme von Lebensbedrohung überhaupt wirklich stimmt, oder mich für die Lernerfahrung zu öffnen, was das überhaupt bedeutet – welche Funktionalitäten ich ausführe –, wenn ich „alles gebe“].

Um nicht-existenzielle, weniger extreme Grenzen kennenzulernen, mit sich selbst in Bezug zu setzen, zu erforschen und einen Umgang mit ihnen zu trainieren, braucht es nicht nur „weniger Dissoziation“ oder „mehr oder andere Funktionalität“, sondern ein Leben, dessen Realitäten nicht stets und ständig, mit hoher Wahrscheinlichkeit, akut bedrohlich sind. Weder in ihren Existenzen noch ihren Grenzen.
In diesem Zusammenhang muss gerade professionell betreuenden oder behandelnden Menschen eindeutig klar sein, dass „sich halt mal zu irren über das, was ihre Klient_innen können und was nicht“ wirklich überhaupt gar nie banal sein kann. Nicht, weil bei einer Fehleinschätzung immer gleich ganz viel kaputtgehen kann, sondern aus meiner Sicht viel schlimmer, etwas ganz grundlegend Wichtiges für die Selbsteinschätzung (der eigenen Lebendigkeit, Fähigkeiten, Wünsche und so weiter) sich weiterhin nicht oder nur sehr begrenzt entwickeln kann.

Gleiches gilt für Partner_innen, Freund_innen, Mitmenschen anderer Bezüge.
Es ist sehr leicht, einen Menschen mit DIS falsch einzuschätzen. Von der Bewertung bestimmter Situationen oder Zusammenhänge überrascht zu werden. Und schon in dem Moment, in dem die Diagnose und ihre Ursachen vermittelt werden, müssen „Fähig- und Fertigkeiten“ in einer Art und Weise behandelt werden, dass sich jedes spontane Einschätzen verbietet, weil das Risiko für eine falsche Einschätzung einfach sehr hoch ist.
Wenn man so will, ist das vielleicht die erste Grenze von Menschen mit DIS (und anderen dissoziativen Störungen nach (komplex)traumatisierenden Erfahrungen), die man als Außenstehende begreifen und immer wahren muss: Jede Annahme über die Fähig- und Fertigkeiten eines Menschen mit derart unterentwickelten Grenzkompetenzen, so umfassender Dissoziation und resultierend schwerer Störung, ist jederzeit gleichzeitig richtig und falsch. Und daher zu keinem Zeitpunkt verlässlich brauchbar.

Der sichere, kontinuierliche, eindeutige und in jeder Hinsicht tatsächliche Kontakt muss hier zum Ausgleich genutzt werden.

[1] Wiktionary: https://de.wiktionary.org/wiki/Funktionalit%C3%A4t

inside burning

„Also ich weiß, das ist nicht so – aber man sieht es dir gar nicht an.“ Meine neue Kollegin lehnt sich auf die Schreibtischplatte und bewegt einen Kugelschreiber zwischen ihren Händen. Ich bin zu sehr auf den Aktenordner in meiner Hand konzentriert, um sofort zu antworten. Wir sitzen im Sekretariat zwischen Ablagestapeln und Ordnerbergen, die thematisch sortiert liegen, begrenzt von Kistendeckeln, Kartons und Archivboxen auf Rollbrettern. Die Luft ist dick, die andere Kollegin kann die Klimaanlagenluft nicht vertragen. Alle paar Minuten kommen Kollegen und legen neue Sachen ab, fordern Abzeichnungen an, fragen nach Zetteln, bekommen Zettel, bringen anderen Kollegen weitere Zettel mit.

Ich habe meine Qualifizierung geschafft. Habe deshalb Leerlauf und darf Ordner umheften, die ins Archiv kommen. Ein klarer Ablauf, eine eindeutige Tätigkeit mit unübersehbarem Ergebnis. – Die einzige Insel, die ich bei diesem Arbeitgeber habe. Mit dem Pinch, dass ich der Konversation mit den Mitarbeiterinnen kaum aus dem Weg gehen kann. Die Themen sind typisch für Burnout-Büros. Alle sind unzufrieden, alle haben Streit oder schwelende Konflikte über organisatorische Lösungen, alle haben Angst, etwas falsch zu machen und jemanden zu verärgern, der gar nicht vor Ort ist – ja nicht einmal einen Körper hat. Niemand ist autonom in irgendeinem Aspekt der Tätigkeit. Alles ist vorgegeben, niemand kann sich im Großen und Ganzen erkennen oder verorten. Niemand hat je eine Arbeit abgeschlossen, ein Thema beendet, einen Prozess begonnen und auch integriert.
Ich werde hier zugrunde gehen und spüre das ganz genau.
Entsprechend klar bin ich in dieser Probezeit. Verlange klar eingrenzbare Aufgaben. Markiere eindeutig, welche Aufgabe ich für welchen Prozess beginne und wie das Ende aussieht. Wenn ich mich einschleuse, wird mein Kittel zum Panzer. Da werden Erwartungen drangepappt und Ansprüche hingehängt – wenn ich mich ausschleuse, bleibt der ganze Kram am Kittel in meinem Spind. Ich nehme nichts außer dem massiven Energiedefizit mit von dieser Arbeit und das ist schon zu viel. Denn das sieht man einfach nicht.

Das sieht schon mein Mann nicht, der sich lustig darüber macht, dass ich um 21 Uhr im Bett sein will, wenn ich um 6 Uhr am nächsten Morgen aufstehen muss – obwohl ich doch fast 3 Stunden Mittagsschlaf mache, wenn ich von den popeligen 4 Arbeitsstunden zurückkomme. Wie soll es die Kollegin sehen, die mich ausschließlich bei der Arbeit erlebt? Sie erleben mich nicht im Meltdown. Ich selbst erlebe meine Meltdowns kaum, weil die Dissoziation mich schützt. Sie hören das Quietschen meiner Nackenmuskulatur nicht. Zwinkern das Brennen in den Augen nicht weg. Haben nicht meinen Stress aufgrund von zu viel oder zu wenig Informationen. Ja, das hat keine spezifische Form, kein eindeutiges Aussehen, also sieht man da auch nichts.

Doch was mache ich mit dieser Aussage? Ist es ein Lob? Manche Menschen denken, dass es ein Lob ist, wenn jemand eine Behinderung oder eine Anstrengung unsichtbar kompensiert.
Ist es eine Kritik? Sehr unwahrscheinlich. Bisher hat nur meine Therapeutin mal auf ihre eventuell-vielleicht-könnte-das-anders-sein-als-es-ist-Art hauchzart markiert, dass es vielleicht ganz gut wäre, würde ich in unseren Gesprächen weniger verstecken, was da ist.
Ist es eine Aufforderung? Wozu genau?
Es ist müßig.
Die Kollegin ist nicht behindert und kennt mich nicht. Ich habe nicht die Kapazität und auch nicht die Motivation, näher auf sie einzugehen. Ich hätte nichts davon und weiß das sehr genau.

Trotzdem zeckt es mich.
Die Selbstverständlichkeit, mit der sie einen mir unbekannten Maßstab benutzt, um ihren Eindruck von mir einzuordnen. Das mir unbekannte Grenzverständnis, mit dem sie mich an dieser Stelle überhaupt betrachtet. Die Sicherheit, mit der sie davon auszugehen scheint, es sei für mich relevant oder für die Situation angemessen, mir zu sagen, dass sie nicht sieht, wie es für mich ist, dort zu arbeiten. Ganz in der Ferne schimmert das häufig als Entschuldigung verkleidete, nachgeschobene Inspirationsthema. Die Markierung als „gute Behinderte“, weil man entgegen aller Widrigkeiten so gut nicht behindert wirken kann. Diese für mich so komplette Irre von Menschen, die leider auch heute noch überwiegend unberührt von dem Themenkreis sind. Und immer noch glauben, es wäre respektvolles Handeln, wenn man behinderte Menschen für ihr Leben unter nicht oder nicht dauerhaft behinderten Menschen lobt.

Ich spüre auch die vertraute Zange zwischen meinem traumabedingten, überwiegend todesängstlichen Wunsch, unsichtbar zu sein, nicht aufzufallen, niemals irgendwo anzuecken, nichts auszulösen, niemanden zu berühren oder gar zu bewegen – ja, im Grunde so sehr und umfassend nicht zu sein, dass es mich gar nicht mehr gibt – und der Realität, dass ich das einfach nie schaffe. Egal, ob sehr angestrengt oder nicht. Es funktioniert einfach nicht. Immer mache ich irgendetwas, bin ich irgendwie, möchte ich etwas oder auch nicht und immer sende ich damit etwas. Oder werde als Sender_in eingeordnet.
Diese Zange aus Leben und Tod, Trauma und Prozess, ist das Kernproblem von Traumafolgestörungen. Immer schwebt man zwischen Sein und (lieber) Nicht (mehr) Sein. Entweder man geht all in Traumaüberleben und versteckt sich, entzieht sich allen Kontakten und Berührungspunkten mit der Welt – und fühlt sich sicher, weil man das einfach gut (aushalten) kann (und beschissen auf eine vertraute Art) – oder man verkörpert die eigene Lebendigkeit. Geht in Kontakt und bleibt und spürt mit allen Sinnen und gestaltet und prozessiert jede Regung, Bewegung, Veränderung. Und lernt Sicherheit als etwas mit vielen Facetten kennen und akzeptieren.

Ich habe mich fürs Leben entschieden. Das macht die Zange nicht weg. Besonders solche Momente bringen mich immer wieder hinein. Ich möchte leben. Arbeiten, genauer: teilgeben gehört für mich dazu. Doch da sind auch meine Grenzen. Die Realität, dass ich gewissermaßen bereits 70% meiner Kräfte dafür aufbringe, allein um meine Lebendigkeit zu prozessieren. Umweltreize zu verarbeiten. Zeit und Prozesse nachzuvollziehen. Kommunikation zu begreifen und zu gestalten. Andere Menschen kommen in dieser Anstrengung nicht vor. Mich für andere Menschen zu kompatibilisieren, mit ihnen zu sein, für sie zu sein, das muss ich aus den übrigen 30% herstellen. Die 30%, die ich auch für die Arbeit brauche. Für Spontanes. Für Besonderes. Für Extras.
Es gibt für mich keine Chance, nicht zu merken, dass es bei den meisten Menschen anders ist. Dass jemand wie meine Kollegin eher 30% für sich braucht und 70% für alles andere. Oder wieder andere Menschen sogar nur 10% für sich und 90% für alles andere aufwenden – ganz unabhängig davon, ob das ihrem Bedarf entspricht oder nicht – und damit ohne schlimme Folgen leben können.

Ich hingegen spüre im Moment sehr deutlich, dass ich eigentlich – ganz eigentlich in Wahrheit wirklich – gar nicht arbeiten sollte. Ich habe die Erschöpfungsdepression im letzten Sommer noch gar nicht wirklich überwunden. Habe die retraumatisierende Erfahrung im Dezember noch nicht richtig verkraftet. Und bin so voller Scham darüber, dass ich gerade primär deshalb arbeite, damit ich deshalb nicht ans Sterben, ans umfassende Nichtsein, denke.
Ich greife nach dem Leben, damit es mich hält. Trägt. Stützt. Und grundsätzlich ist das doch ein guter Move. Ich hätte ja auch komplett verkrumpeln können. Eingeigelt in mir selbst verbleiben können. Traumawahrheiten statt Lebensrealitäten annehmen können. Die Folge ist jedoch Kontakt auf Kraftkredit. Den kann ich nur mit Schlaf und relativer Isolation abbezahlen. Etwas, das mir selbst nicht sonderlich gefällt, weil es mir manchmal sehr traumanah erscheint. „An“ für andere Menschen sein, weil es nicht anders überlebbar ist – „Aus“ für sich selbst sein, weil es nicht anders überlebbar ist – so ist jede traumatische Lebensphase bei mir gewesen.
Am Ende kann es auch sein, dass es mich genau deshalb zeckt, wenn die Kollegin sagt, dass man es mir gar nicht ansieht. Ohne es zu wissen, sagt sie mir damit ja auch, dass man ES nie gesehen hat. Nie hat sehen können.
Und das ist schon krass. Schmerzhaft. Traurig.

Fundstücke #95

Als würde sie an einer verkrusteten Wundoberfläche kratzen. So fühlt sich das an. Unzufrieden mit dem knusprigen Deckel, allein interessiert an meiner wunden Stelle. Meinen Fragen an sie. Einem Moment von Überlegenheit, weil sie darüber viel mehr weiß als ich. Sie weiß, dass ich eigentlich immer noch gar nichts weiß. Und dass das etwas ist, was ihr Macht über mich gibt. Sie kann mich Schmerzen fühlen lassen, die sie nicht berühren und sie kann mich damit allein lassen.

So aufgeschrieben klingt es, als würde es nur um Macht gehen. Kontrolle. Und einfach nur so draufgeschaut, erinnere ich mich selbst darin an meine Therapeutin, die in der ganzen Zeit unserer Arbeit 4 Mal zum Ausdruck gebracht hat, dass es für sie weder irrelevant noch emotional neutral ist, dass sie manches in meinem Inneren bis heute nicht so richtig überblicken kann. Zumindest was genau diese Dynamiken betrifft. Immer wieder stehen „Schweigegebote?“, „Redeverbote?“, „schlechte Geheimnisse?“, „Scham?“, „Angst vor Konfrontation?“ im Raum und selten kann ich dazu irgendetwas sagen. Wenn ich ihr etwas nicht sagen will, dann meistens, weil ich unser bereits anstrengendes Sprechen nicht überanstrengend für mich werden lassen will. Ich will nicht mehr vor ihren Augen und doch unsichtbar dissoziieren. Für die anderen Innens will ich, kann ich, diesbezüglich nicht sprechen.

Sie, die andere Innere, kommt mir in ihrem Tun eher verspielt vor. Frech. Provozierend vielleicht. „Mal gucken, was passiert, mir kann ja nichts passieren“-sicher. „Was macht ihr, wenn ich das mache?“-neugierig. „Und das? Was, wenn ich das mache?“-beobachtend. Und immer unerwartet, bis heute nicht wirklich von mir selbst vorhersehbar, „Paff!“- unerreichbar weit für mich im Innen verschwindend. Und gleichzeitig ist sie ausströmend. Eine unkontrollierbare Emotionsblutung, die Schweres leicht, Unmögliches möglich, Gefährliches harmlos erscheinen lässt.
Ich weiß ganz genau, wenn sie da war. Sich selbst in ein Thema, einen Gedanken, eine Auseinandersetzung reingemischt hat. Es gibt hinterher immer Probleme. Nerviges Hin und Her im Innen, manchmal auch im Außen. Uneinsheit. Unstimmigkeit. Ungereimtheit. Einen Dammbruch am Rande der Komfortzone. Ein Stück harte Kruste, das die Wunde nicht mehr ganz bedeckt.

Ich glaube, dass sie zuletzt vor etwa 20 Jahren an unserer Therapiearbeit und anderen Lebensbestandteilen aktiv beteiligt war. Aktiv as in „da und beeinflussend“, aber auch as in „ununterdrückt, unabgewürgt von Rosenblätterbuschwurzeln“. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mich tatsächlich gezielt gegen dieses Einblutenlassen „aus dieser inneren Ecke“ entschieden habe und keine einzige Therapiestunde, keinen Betreuungstermin, generell überhaupt gar keine Kontakte mit anderen Menschen mehr so gestaltet habe, dass es passieren könnte. An uns kam einfach niemand mehr vorbei.
Alle haben die gleichen Rosenblätter kennengelernt. Keine Kinderinnens, keine jugendlichen Inneren. Alle haben die gleiche biographische Erzählung bekommen, wie wir sie in Kliniken und Heimen eingeübt haben. Die gleichen Erklärungen übers Vielesein bekommen und viel Nebel darüber, was davon auf mich zutrifft und was nicht. Und das konsequent. Auch das ist Vielesein.

Man kann sich als Viele gegeneinander entscheiden. Bestimmen, was wie vermieden wird. Was wie beschützt wird. Es ist eins der unbesprochenen Spezialgeheimnisse, wie wir einander herstellen, wenn es nicht Gewalt ist, die uns zu Keimen zersprengt und verstreut, um irgendwann als irgendwer neu zu wachsen. Man braucht nur vermeiden, sich dieser Entscheidung bewusst zu werden, zu sein, zu bleiben. Nur sehr intensiv, ohne jede Kommunikation mit sich oder der Welt, entscheiden, dass es nun so ist. Wo keine Kommunikation ist, kann keine Brücke sein. Kein Weg, kein Pfad, kein Bild, kein Zeichen, keine Sicht, keine Idee. Ohne Kommunikation keine Verbindung. Assoziation. Ohne Verbindung kein gemeinsamer Prozess.
Das ist die Rolle von Schweigen im ganzen Dissoziationsthema.

Ich will nicht darüber reden, weil sich innere Pfade ergeben, auf denen Innere zu mir gelangen können. Ich will nicht darüber reden, weil es meine Entscheidungen aufhebt. Ich will nicht darüber reden, weil ich meine geistigen Kapazitäten auf mich und mein Gegenüber aufteilen muss. Und immer wieder Grenzen dabei spüre. Zeitliche, räumliche, kapazitäre. Emotionale. Traumabedingte. Meine.
Das besprochene Trauma oder auch das Besprechen des Traumas ist nicht so schlimm. Meine Auflösung ist es. Meine Verwandlung vom verwundeten Selbst zum abreißbaren Wundverschluss ist es. Bisschen witzig, weil es ein Egoding übers Egosein ist, aber auch bisschen tragisch, weil es sich auch nach Verbindung anfühlt, die nicht kommunizierbar ist. Jedenfalls nicht besser als so, wie es jetzt hier steht.

harte Scheiße

„Und? Können Sie sich an alles erinnern? Hoffentlich nicht.“ Sie, meine Ärztin, die einzige, die mich öfter als ein Mal untersucht hat, lacht. Nervös? Angespannt? Unsicher? Sie lacht mich nicht aus, das weiß ich. Aber mitlachen, sich mit ihr dafür entscheiden, Schwere zu nehmen und nicht weiter darüber nachzudenken, dazu bin ich noch gar nicht fähig. Und jetzt, zwei Tage später, auch nicht bereit.

In meinem Körper sitzen Schmerz und Betäubung dicht zusammen, mir ist schwindelig und stundenlang schlecht. Ich bin verwirrt, dass diesmal alles anders ist als beim letzten Mal und niemand versichert mich darüber. Heute frage ich mich, ob ich diesen Bedarf überhaupt formuliert habe. Bin daneben aber auch sehr sicher, dass es ohnehin weder Zeit noch Raum gegeben hätte, ihm zu entsprechen.
Niemand sagt mir die Namen der Medis, mir fehlen damit Abgleichdaten aus meinen Behandlungserfahrungen. Nur zufällig verhindere ich, dass mir etwas gegeben wird, worauf ich allergisch bin.
Ich bin mir sicher, dass es auch damit zu tun hat, dass die Person nicht so gut Deutsch sprechen und verstehen kann, wie ich es für dieses Unterfangen brauche. Doch auch diesmal sprechen wir, mein Mann und ich, das nirgendwo an. Wir nehmen an, dass sie ihr Bestes gibt, zu lernen und zu üben. Sind grundsätzlich auch einverstanden damit, uns nicht ganz auf sie zu verlassen und auch selbst Verantwortung zu übernehmen. Das für mich wichtige Sicherheitsgefühl entsteht so nicht.
Und ganz eigentlich sollten wir nicht damit einverstanden sein müssen. Die Verantwortung ist eigentlich gar nicht bei uns. Wir sind schließlich hier, gerade weil wir nicht darin ausgebildet sind, diese Verantwortung zu übernehmen.

Ich bin dazu noch in einer Situation mit Menschen, die mir vermitteln: „Körper sind halt keine Maschinen, da ist nicht immer alles gleich. Alles kann unterschiedlich sein. Man kann das nicht vergleichen.“ Ich verstehe deutlich, dass mir damit eine Selbsterfahrung abgesprochen wird, die offenbar nur auf meinem Planeten existiert. Und schweige.

Der ganze Eingriff ist ein Desaster.
Ich habe Schmerzen, die ich so massiv nicht haben sollte. Bis in Bereiche, die von der Quelle weit entfernt sind.
Die Ärztin, die mir später wünscht, dass ich mich an nichts davon erinnere, wollte ich dabei haben. Ich hatte darum gebeten, weil ich diesmal nicht dissoziiert sein wollte. Ich wollte bei mir bleiben und für mich da sein. Sie war da und hielt meine Hand als Anker. Bis sie losließ, aufstand und sich an der Schmerzzufügung beteiligte.
Weil es nötig war.
Denn unterbrechen kann man das alles nicht. Nicht, um mir zu sagen, was los ist. Nicht, um mir zu erklären, wofür genau das nötig ist. Nicht, um mich auf alles andere neben dem Schmerz vorzubereiten. Nicht, um mich durchatmen zu lassen. Nicht, um meinen Konsens abzufragen.

Die Abläufe brechen erst, als ich nicht mehr sprechen, meinen Körper nicht mehr als meinen empfinden und zielgerichtet ansteuern kann. Und dann greift die Angst. Das Gesamtbild, das die Beteiligten von mir haben, fragmentiert noch weiter. Aus einem Körperbereich in Ultraschall und OP-Lampe wird eine menschliche Blackbox, in der nichts mit nichts zu tun hat. Die Gewalterfahrung, von der ich berichtet habe – eine Randnotiz. Die dissoziative Störung, die ich erwähnt hatte – keine Information, die mit dem Geschehen hier verknüpft wird. An mir wird gerüttelt und geklopft, jemand drückt mir Laute ins Gehör, die ich nicht als Worte identifizieren kann. Ich verstehe, dass sie Kontakt mit mir wollen – und kann nicht zusammenbringen, wieso. Sie stehen doch schon mitten in mir drin. Sie sind mir doch schon so viel zu nah, dass ich sie gar nicht mehr als individuelle Wesen, sondern als grenzenlos vermischte Schmerz.Reizquellen wahrnehmen kann. Selbst als ich meinen gehobenen Daumen, meinen sensorischen Raumteiler zwischen mir und anderen Menschen, sehe, entsteht bei mir kein Gefühl von Raum und Zeit, Grenzen und Bezug. Es wird kalt und rauh in meinem Gesicht, ich werde weiter mit lauten Geräuschen überschüttet. Und während ich weder außerhalb noch innerhalb von mir schwebe, steigt ein Kinderinnen aus meinem Bauch und lächelt und nickt und sagt Ja zu allem, bis sie aufhören.
Es ist mein Mann, der ihm hilft, indem er uns abschirmt. Wie ein Wellenbrecher den hilflosen Anweisungen Druck und Anspruch nimmt. Ammoniak und Leute von mir fernhält. Mir durch konstanten Druck auf Hand und Oberkörper den Anker gibt, den ich brauche, um mich selbst im eigenen Tempo ordnen zu können. Soweit ich das in dem halbsedierten Zustand schaffe. Es wird noch bis zum Abend dauern, bis ich mir sicher darüber bin, dass mein Körper wirklich und auf allen Achsen mein Körper ist.

Bis wir die Station für einen Kreislauf-Spaziergang verlassen, werde ich noch dreimal gefragt: „Geht es Ihnen gut?“ und jedes Mal schlucke ich meine Verwirrung über die Unbestimmtheit der Frage und Verzweiflung über die Not des Antwortdrucks runter. Jedes Mal verliere ich meine Selbstkontrolle an eine unterwürfige Kraft, die mich gnadenlos an den Rand meines Selbst.Bewusstseins drückt.
Als wir dann zum Abschlussgespräch der Ärztin gegenüber sitzen, habe ich nichts mehr zu teilen. Ich glaube nicht mehr, dass jemand meine Fragen, meine Verwirrungen und meine Verängstigung schon mal gar nicht, überhaupt begreift. Bin mir sicher, von einer Illusion über Aufgehobenheit, Sicherheit und Miteinander aufgeweckt worden zu sein. Ich glaube nicht mehr daran, dass Kontakt- und Sprechangebote wirklich für mich da sind. Vielmehr wirken sie jetzt wie eine Falle.

Zu Hause merke ich, dass meine körpernahe Kleidung nass ist. Gesicht, Hände und Füße sind kalt. Ich kann meine Augen nicht fokussieren. Der Rest Frühstück in meinem Rucksack schmeckt immer noch nach Körperflüssigkeiten statt Brot und Apfel. Die schwere Decke löst Angst aus. Ich gehe ins Bett und halte die Luft zwischen den Atemzügen an, bis ich einschlafe.
Später kann ich mit einer neuen Begleiterin sprechen.
Als wir auflegen, ist mir warm.

Am nächsten Tag wischt sich mein Mann Tränen aus den Augen, als er sagt, dass zu sehen, wie tief dieser Traumascheiß sich reingefressen hat, einfach harte Scheiße ist.

Nicht-Entscheidungen

Am Ende bleibt die Frage, ob ich das darf.
„Darf ich meine dissoziativen Fähigkeiten nutzen? Darf ich Innere, die an Situationen wie diese gewöhnt sind, nicht orientieren, obwohl ich das könnte? Darf ich zurück in das so vertraute Sprechen, Denken und Fühlen von ‚Ich bin nicht die anderen Inneren‘? Darf ich solche Situationen so hinkriegen, wie ich sie hinkriegen kann, obwohl das für andere möglicherweise unangenehm ist und negative Eigenschaften von mir impliziert?“

Als ich von der Klinik nach Hause gehe, ist mein Tag gelaufen und vorbestimmt. Alles musste schnell gehen. Ich hatte keine Vorbereitungszeit, keine Alltagsplanung, keine Assistenz oder Begleitung für 4 Stunden Zug- und anderthalb Stunden Autofahren, Klinikbetrieb, Untersuchung, Gespräch, Termine machen, Medikamentenplan, Auslandsbestellung, Arbeitskommunikation, gesunde Ernährung, körperliche Auslastung und sich nicht stressen. Ich musste da durch. Nichts ums Verrecken, klar, aber … am Ende einer Kette, die ich aus Furcht, dass sie niemand versteht, nicht aussprechen will – schon.

Also bin ich ins Auto und weiß jetzt nicht über die gesamte Strecke, ob da alles richtig lief. Saß im Zug, ohne da zu sein. Joggte übers Gelände, um rechtzeitig da zu sein, nur, um ohne ganzes Ich anzukommen. Machte keine Sozialperformance, keine Bezugsgesten, griff einigermaßen wahllos nach Krankenhausfloskeln, um sie in die entsprechende Leere zu sprenkeln. Ich stimmte einer Untersuchung zu, die ich nicht wollte und brachte keinerlei Widerstand gegen den Wechsel auf. Nur in den Transitionsphasen, der flirrenden Auflösung zwischen zwei Aufgaben, versuchte ich, meinen starren, zeitweise sprachlosen Zustand zu entspannen. Mit gemischtem Erfolg. Einerseits kann ich mich daran erinnern und davon erzählen, andererseits kann ich nicht einordnen, was das für eine Erfahrung war. Wie sie sich angefühlt hat. Kann nicht gut sagen, ob und wenn ja, wie sich der Bezug zu den Menschen, mit denen ich im Kontakt war, verändert hat.

Das, dieser schwebende diffuse Zustand, ist mir sehr vertraut. Es ist, als könnte ich mich willkürlich entscheiden, ob dieses Geschehen wahr oder unwahr, real oder irreal, echt oder falsch, wichtig oder unwichtig, relevant oder irrelevant, gut oder schlecht war. Mit ein bisschen, ein ganz klein wenig Anstrengung sogar, ob tatsächlich ich es erlebt habe oder nicht.
Es ist eine Bewertungsentscheidung, aber auch eine Bezugsentscheidung. Will ich annehmen und mit mir in Bezug setzen, was passiert ist, oder nicht? Kann ich annehmen und in mein Bild von mir und der Welt integrieren, was ich erlebt habe, oder nicht?
Eine DIS entwickelt sich entlang von solchen Fragen und Zuständen. Unbewusst, blitzschnell, routiniert. Immer mit dem Ziel des Schutzes und der Bewahrung dessen, worum man sich sicher wähnt.
Dass es sich in diesem Moment weder unbewusst blitzschnell noch routiniert abwickelt, ist ein Therapieerfolg und Zufall. Diese Situation war krass, aber nicht extrem. Meine Reaktion war dissoziativ, aber nicht durchgehend. Ich konnte mich regulieren, konnte mich beobachten und mein Verhalten abgleichen, obwohl ich nicht ausgeglichen war und entsprechend auch nicht alle Informationen aus meiner Selbst- und Umweltbeobachtung ankamen.
Und zufällig war es eine neue Erfahrung. Eine neue Selbsterfahrung. Ich kenne mich hart und durchfunktionierend, aber nicht, um etwas für mich (allein) zu erreichen, das über die Rettung meines Lebens hinausgeht. Ich will Klimmbimm aus der Abteilung für Lebensgestaltung – das ist ziemlich weit aus dem Rahmen heraus, den ich für mein Handeln üblicherweise stecke. Für mich bedeutet das eine Lernherausforderung. Da sind neue Informationen, die mit bestehenden Informationen zusammengebracht werden müssen. Eigenschaften, die ich bisher noch nicht an mir wahrgenommen habe. Oder nicht wahrnehmen wollte oder konnte oder durfte. Eigenschaften, die ich selbst bewerten oder in ihrer Beschaffenheit erkunden kann.

So entstanden die Fragen am Anfang des Textes.
Ich erkunde und merke: Es ist schwierig.
Ich finde das Bild von Inneren, die andere Innere vorschieben, weil ihnen etwas zu viel ist, ungünstig, um zu illustrieren, wie Dissoziation in Momenten von Überforderung wirkt. Gleichzeitig habe ich aber doch genau das gemacht oder zugelassen?

Ich finde das Bild deshalb ungünstig, weil sich darin Aktiva und Passiva verbergen.
Innens, die schaffen, was ich nicht schaffe will, sind keine passiv vorgeschobenen Sacksäcke ohne Willen, Stimme oder Kompetenz. Ich, die_r von Dingen überfordert ist, entscheide in so einem Moment nicht, dass oder welches Innen lieber da sein soll, sondern verharre viel eher in einer Haltung, die ich ohnehin schon habe. Ich treffe in so einem Moment eine Nicht-Entscheidung.

Genauer: eine in traumatischen Erfahrungen eingeübte Nicht-Ich-Entscheidung und halte so sehr an meiner Vermeidungshaltung fest, dass es zu einem Wechsel meines Selbstzustandes kommt. „Ich will nicht, ich will nicht, ich will nicht – hm, und eigentlich … hab ich ja auch nicht, war ja auch nicht ich, ist alles gar nicht war nichts, war nie …“ – so kann man sich das vorstellen. Und Uneindeutigkeit hilft dabei. Wenn von vornherein nicht so klar ist, wie was war, dann kann ich mit einer solchen Nicht-Entscheidung etwas Unmögliches schaffen: sowohl beteiligt sein, als auch nicht beteiligt sein. Da sein, mitmachen, zustimmen – und gleichzeitig nicht mal wirklich existieren, mich bezuglos, körperlos, selbstlos, ichlos erleben. Zumindest in meiner Vorstellung, meinem inneren Bild von mir, in dem von mir präferierten Selbstzustand. Mein Bild von mir als eine_r von vielen, als eine_r, die_r Körper, Geist und Seele mit anderen tauschen kann, weil der Bezug dazu fluide, fragil, fragmentiert und praktisch jederzeit aufhebbar ist. Ohne Nachdenken. Ohne Anstrengung. Reflexhaft. Zuverlässiger als jede andere Selbsterfahrung.
Das ist so leicht, dass ich mich nicht wirklich dafür entscheiden muss. Ich muss das nicht wollen. Ich muss nur genug nicht wollen. Nur genug Angst haben, Ich zu sein. Nur genug verwirrt, entsetzt, überrascht, überfordert, angeekelt oder sensorisch geflutet sein.
Und nichts dagegen tun. Nicht in Kontakt gehen. Bezug ignorieren. Zeit als relative Konstante ignorieren. Traumalogischen Annahmen folgen. Skills nicht anwenden. Re-Orientierungsmaßnahmen nicht einleiten.
Nichts davon reflektieren, herausfordern, infrage stellen. Nichts systematisch erfassen, erkennen und verändern. Kurz: sehr aktiv, sehr passiv sein – als hätte ich keine andere Wahl. Als würde ich nicht aus traumareaktiver Vermeidungsgewohnheit reagieren, sondern in einer echten Bedrohungssituation sein.

Vielleicht war das Hinnehmen eines Wechselerlebens ein Rückfall. Vielleicht ein Versuch der Selbstregulation. Vielleicht konnte ich in diesem Moment einfach mal nicht die stets gegen die Krankheit anarbeitende Person sein. Vielleicht hats mir nicht ins Selbstbild gepasst, mich so ergeben hingegossen zu erleben, während ich doch so eine selbstbestimmte, erwachsen eigenverantwortliche Sache tue und will und ermöglicht bekomme. Vielleicht war mir der leichteste Weg einfach nur recht, weil an dem Tag insgesamt so wenig leicht war. Vielleicht konnte ich den Bezug auch einfach nicht halten. Vielleicht wollte ich kurz einfach nicht glauben, dass ich selbstbestimmt, erwachsen und eigenverantwortlich bin, weil es in dem Moment einfach scheiß schwer war und mich überfordert hat.
Letztlich ist es unbestimmbar für mich. Die Situation ist vorbei, sie wird sich wahrscheinlich nicht eins zu eins wiederholen. Ich habe alle Möglichkeiten, ähnliche Erfahrungen anders zu gestalten. Andere Entscheidungen zu treffen.

Aber die Unsicherheit bleibt.
Das Gefühl, etwas falsch zu machen, wenn ich Dissoziation nicht verhindere.
Die Idee, Innere zu quälen oder in Desorientierung zu halten, nur weil es für mich gerade praktischer, leichter, effizienter ist.
Das Wiederaufgreifen der Vermeidungsgewohnheit, die mit dem inneren Konzept von mir neben anderen Ichs einhergeht. Darf ich das nutzen, wenn ich mit allem anderen (erstmal) nicht weiterkomme?
Und wer soll es mir erlauben? Wer verbieten?
Wie kommt es, dass ich denke, es wäre falsch?

die Menschenausstellungen unserer Zeit

Seit einigen Wochen wird mir von verschiedenen Leuten erzählt, dass es eine neue Doku über DIS gibt. Auf arte. „Ganz wissenschaftlich“, „total gut gemacht“, „da wirst du nichts gegen haben“, heißt es. „Werden Wechsel gezeigt?“, „Ist die betroffene Person allgemein handsome, lustig und ‚voll sympathisch‘?“, „Sagt jemand, die DIS sei ein Überlebensmechanismus?“, frage ich zurück und erfahre, dass es so ist.
Klar, denke ich, klar, klar, klar. Anders kann Liz Wieskerstrauch auch keinen Film dazu machen. Hat sie nie, konnte sie nie, wird sie nie. Konnten ja auch andere nicht. „‚Der Zuschauer‘ muss es ja sehen“, finden sie. Es, das Vielesein. Das Mysterium, das schon so lange keins mehr ist. Das Rätsel, das nur deshalb als Rätsel verhandelt wird, weil die Lösung banal erscheint und von den Falschen das Richtige abverlangt.

Ich bin es so leid. Es macht mich so wütend. Auch auf jene Unterstützer_innen, die diese Filme herumreichen, weil es so ein allgemein bekömmliches Stück Öffentlichkeitsarbeit ist. Da gibt es nur allzu oft die Annahme, dass lange, detaillierte Erklärungen verschrecken. Verschließen. Keinen Reiz setzen, sich zu verbünden und sich mitzukümmern. Während einige Viele und ich in der Realität gerade auf so „gelockte“ Unterstützer_innen wirklich verzichten können.
Es ist unglaublich hinderlich, wenn Helfer_innen jedweder Profession und Beauftragung erst begreifen, dass sie Dissoziation und ihre Auswirkungen auf das Er_Leben eines Individuums noch nicht verstanden haben, wenn sie sich fragen, warum nichts aus ihrem Angebot hilft. Warum sie ständig so erschöpft sind. Sich fragen, ob die_r Klient_in vielleicht doch lügt, etwas vorspielt oder sie selbst einfach nicht klug genug, gut genug, fachlich ausgebildet genug sind.
Da gibt es so viele völlig unnötige Schleifen des Leids auf beiden, allen, Seiten. Einfach nur, weil man inhaltliche Abkürzungen gewählt hat, um zu verstehen.

Die DIS ist das Ergebnis eines Überlebensmechanismus. Die DIS ist das angepasste Weit.Er_leben in konstant toxischem Stressniveau. Es ist keine Lösung und auch kein Endpunkt. Es ist ein Er_Leben. Nicht mehr, nicht weniger. Nichts daran ist außergewöhnlich, nichts unnormal im Sinne von „dem Menschlichen abweichend“. Man muss kein sunny Smileface vor eine Kamera klemmen, das mir nichts dir nichts böse wird, um die Alltäglichkeit dissoziativer Brüche im Er_Leben von jemandem zu erklären. Es sei denn, man will sie gar nicht erklären. Sondern zeigen. Wie man Zootiere zeigt. Attraktionen. Obskure Besonderheiten.
Für mich sind diese Filme (wie viele andere Filme anderer Leute über Krankheiten und Behinderungen) tatsächlich die Menschenausstellungen unserer Zeit. Statt Schautafeln mit Rassenlehre, gibt es heute O-Töne von Professor Doktoren, Therapeut_innen und anderen Menschen, die sich selbst nicht auch als Viele erleben, mit Theorien und Studien darüber, wie es kommt, dass es uns gibt. Wie man die Erkrankung/Behinderung hätte verhindern können. Außerdem Ideen zum Umgang mit uns. Neben dem unausgesprochenen, doch klar definierten Ziel, unserer Normalisierung.

Eine Darstellung der Innensicht, des Selbsterlebens; die originären Selbsterzählungen von Vielen sind bis heute extrem rar. Obwohl es inzwischen zig DIS-Influencer gibt. Die sich alle ein sunny Smileface aufsetzen, sich super sympathisch machen, alles ganz fein wiedergeben können, was sie von Professor Doktoren und Therapeut_innen und an Studien gelesen haben. Für „den Zuschauer“, den solche Dokus erreichen sollen.
Was man mit „dem Zuschauer“ dann anfangen soll, wenn die Krankenkasse eine wirksame Heilbehandlung ablehnt, weil ihr Gutachter an false memories glaubt und Traumatherapie als Instrument einer verschworenen Therapeut_innengemeinschaft einordnet – Oder wenn sich einfach keine betreute Einrichtung für jemanden nach einer Flucht aus traumatisierenden Zusammenhängen findet – Oder wenn die dritte Woche mit Dauerflashbacks, Schlafstörungen und ausufernder Psychosomatik das Arbeiten verunmöglicht – Damit müssen wir uns dann wieder off camera befassen. Das ist dann wieder diese unsexy langweilige Strukturkacke, mit der nun wirklich alle Menschen mit PTBS oder einer anderen (chronischen) Erkrankung bzw. Behinderung zu kämpfen haben. Und „die Normalen“ ja auch, nämlich. Ja, ja.

Diese ganze Show, diese Draufzeigerei und von Dritten unterkomplex zusammengekochte Erklärerei sind nichts wert, wenn man sich klar macht, dass es Konsumgüter sind. Denn Publikum konsumiert und ist für nichts anderes da. Es kommt, um sich selbst im Gezeigten zu finden, und geht wieder. Bis was Neues kommt.
Ein Publikum, „der Zuschauer“, ist niemals „die Community“, auf die die meisten Vielen (wie alle anderen Menschen auch) so massiv angewiesen sind. Niemals.

„Community“ entsteht durch gemeinsame Anstrengungen. Es ist eine Gemeinschaft des füreinander miteinander Lebens. Da kommt man nicht zusammen, weil jemand ne DIS hat und schöne Texte vortanzen kann. Oder fancy Schnitttechniken anwenden, um alle Details von sich abzubilden. Oder weil alle wissen, wie es zu einer Diagnose kommt und das nicht gut finden.

Uns Menschen mit DIS ist so viel mehr passiert als Trauma, das irgendwie mal geheilt werden muss. Uns sind Lebensumstände passiert, die unsere Existenz in allen Funktionen ganz basal, ganz, ganz grundlegend verändert haben. Eine Existenz, die, wird sie auf diese Art immer wieder exotisiert, verrätselt und mystifiziert, niemals inkludiert werden wird. Egal, in welcher Gesellschaftsform, egal, mit wie viel oder wenig oder wie gelagerter Gewalt wir leben.
Traumaheilung ist aber genau das: Inklusion, nahtlose Verbindung, Miteinander – sowohl im Inneren, als auch im Äußeren.
Ein Äußeres, das Viele „erstaunlich“, „fremd“ und „anders“ konstruiert, will Viele genau so gesehen haben. Das ist ein Äußeres, das nichts Gutes für Viele will.

die Videos

Ich verlasse das kühle Haus und stoße gegen unbewegliche Hitze.
Wir hatten einen besonderen Termin, meine Therapeutin und ich. Und meine Freundin K.. Wir kamen zusammen, um zwei Videos zu besprechen, die ich seit 23 Jahren wie zwei glühende Wackersteine mit mir herumtrage. In jeder Hinsicht.
Die Videos zeigen zwei Situationen im professionellen Setting. Mich mittendrin. Erst 16, dann 17 Jahre alt. Erst dick, dann dünn. Erst angespannt, dann sicherer. Ich habe vor 10 Jahren schon mal versucht, sie anzusehen, eine unerträgliche Panik hat den Versuch beendet.
Und auch diesmal sehen wir sie nicht an. Wir sprechen darüber drüber.
Meine engsten Vertrauten haben es gesehen. Ich glaube ihnen. Vertraue darauf, dass sie mir den Inhalt richtig wiedergeben.

Ich wollte wissen, ob ich bequatscht wurde. Mir die DIS eingeredet, ich falsche Annahmen ausgelöst oder bestätigt habe. Wollte wissen, wie meine Therapeutin die Situation aus professioneller Perspektive sieht. Wie meine Freundin aus ihrer. Haben sich die Erwachsenen in dieser Situation angemessen und professionell verhalten?
Hätten wir es angesehen, hätte ich mich betrachtet. Versucht mich zu sehen, zu erkennen. Wer war da? Willenlose Klapsleiche, compliant Patient*in, loyale Tochter oder böses Mädchen?

Und ohne dass es mir wirklich bewusst war, war da auch die Frage, ob man es sieht.
Meine Verlassenheit. Meine Unterlegenheit. Meine Auslieferung. Meine Machtlosigkeit. Meine Unreife. Meine Überforderung. Mein Leiden.
Nicht unter der DIS. Nicht unter den Symptomen. Nicht unter mir selbst, sondern allem anderen.

Als im Zug die Klimaanlage meine Haut kühlt und die Landschaft an mir vorbeizieht, rutscht eine Traumawahrheit in mich hinein. „Niemand sieht mich.“
Eine Wahrheit, die ich routiniert abwehre. Denn ich bin ja eine gute Patientin, nicht? Ich bin kein Opfer mehr, deshalb sind solche Gedanken und Gefühle ja kompletter Quark. Ich werde ja gesehen. Guck hier Realitätscheck: Seit über 20 Jahren gucken mich Therapeut_innen an. Heute ist heute, die Realität ist klar und deutlich eine, in der ich gesehen werde. Es ist ja niemand in meinem Umfeld komplett ignorant oder rücksichtslos. Alle stellen sich auf mich ein und fragen, was ich brauche, sind für mich da, wenn ich möchte – das ist doch „gesehen werden 3000“.
Oder etwa nicht? Was will ich denn noch mehr? Gibt es denn da überhaupt keinen Punkt, der mir reicht?

Dieses Empfinden des endlosen Bedarfs, des unerfüllbaren Brauchens, das ist für mich, die_r lange ausschließlich im therapeutischen Kontakt präsent war, bis heute etwas, das ich nicht ausdrücke. Erwähne. Bespreche.
Dieses Empfinden ist gefährlich für mich. Es führt in Mutter-Übertragungen, in Dynamiken, die mit Überforderung oder Unzulänglichkeitsthemen auf Behandler_innenseite zu tun haben und damit – so meine Erfahrung bis zur Arbeit mit meiner jetzigen Therapeutin – in den Kontaktabbruch. Die Entlassung in die Lebensgefahr.

Den Balanceakt, den es bedeutet die traumareaktiven inneren Bedarfe (anderer Innens) zu spüren, die eigene Hilfebedürftigkeit zu bemerken, aber im richtigen Maß zu kommunizieren, angemessen mit den zur Verfügung gestellten Ressourcen zu stillen und dabei immer wieder zu vermitteln, dass es reicht, obwohl es das nicht immer tut oder nicht richtig oder an einer Stelle, die unerwartet dazugekommen ist – diesen Akt, zu schaffen war ein Kernaspekt meiner Präsenz.
Hätte ich, Hannah, wir Rosenblätter, uns nicht herausgeschliffen aus dem, was die Lebensrealität einer komplex traumatisierten Person mit DIS in Armut, mit damals noch nicht bekannter Behinderung und ohne nicht professionelle Bezugspersonen, zwischen 2002 und 2012 bedeutet hat, hätte unsere Klapskarriere nie geendet. Wir hätten nie aufgehört, nach Hilfe zu schreien. Nach Rettung. Nach Gesehenwerden in der Not. Da bin ich mir sehr sicher. Der Strudel, der mit diesem, aber natürlich auch noch vielen anderen Fragmenten des Trauma(wieder)erlebens einhergeht, ist einfach regelhaft Kompetenzen und Ressourcen üb.er.fordernd für Helfer_innen. Für Begleitende. Für Freund_innen.
Und dabei ist eine Sache leider die: Niemand kann jemanden die_r sich in absolut existenziell bedrohlicher Lage erlebt, jemals sehen. Denn sobald man jemanden sieht, ist die Lage einfach nicht mehr existenziell bedrohlich.

Was ich da fühle, ist „mein Opferscheiß“. Es ist Mimimi. Es ist das „Gah, das ist alles schlimm und scheiße und ich brauche unbedingt …“, das im Heute nicht mehr real ist – und ein reales Gefühl. Eine manchmal extrem dringliche Empfindung. Eine, die ganz real und in mir drin alles bestimmend wirkt, obwohl ich sie nicht habe. Obwohl ich sie empfinde. (Ja, so kompliziert ist „eine DIS haben“.)

Meine Kompetenz ist, diesen Unterschied zwischen Früher und Heute zu machen und den unerträglichen Clash, den diese Unterschiedlichkeit von Realität und Empfinden auslöst, nicht unaufgefordert oder aus eigenem Belastungsempfinden heraus zu kommunizieren.
Früher habe ich ihn nicht einmal empfunden. Da war ich noch viel stärker dissoziiert von den Anteilen, die diese Bedürftigkeit als akutes Erleben in einer Gewalterfahrung hatten. Heute schwappt das deutlicher zu mir über. Und mein Umgang damit ist weiterhin abwehrend nach innen, um nach außen nicht davon beeinflusst zu werden. Früher ging es dabei viel um Performance, heute eher um Funktionserhalt. Ich habe nun keine Therapeutin mehr, die mein Verhalten mit meinem Sein gleichsetzt – daher habe ich keinen Performancedruck mehr. Trotzdem ist nach wie vor in mir drin: Wenn ich da bin, bleibt dieser gefährliche Opferscheiß entweder komplett raus oder wird passend abgeschwächt – sonst funktioniert das hier nicht sicher als Therapie und damit ich selbst nicht mehr.

Und der Anfang von diesem Ding – diesem Anspruch therapiegerecht zu funktionieren, während gleichzeitig ganz andere existenzielle Höllenfeuer laufen, die aus unterschiedlichen Gründen heraus nicht lösbar, beendbar, benennbar, besprechbar oder (wieder) gut machbar sind und entsprechend unsichtbare Innere komplett allein lassen – dieses Ding hat da angefangen.
In einem Setting, in dem man mich bis heute ansehen kann. In dem ich schon damals von sehr viel mehr Menschen angesehen wurde, als mir lieb war. In dem ich mit meinem Vielesein gesehen wurde – mit 16 und nicht erst mit 26, 36 oder 46, was sich viele andere Viele wahrscheinlich sehr gewünscht hätten.

Aber ich war damals nicht nur eine Patientin mit DIS.
Ich war auch eine 16- dann 17-jährige Person im X. psychiatrischen Aufenthalt, weil sie absolut keine Kontrolle über sich selbst hat. Ein_e Jugendliche_r, die_r froh ist, nicht mehr zu Hause zu sein und gleichzeitig schwer heimwehkrank. Ein Teenager mit unerträglicher Kindheit. Eine Patientin, in ständiger Anspannung, dass sich die Missbrauchssituation durch einen Psychologen wiederholt. Eine Tochter ohne Familie. Ein_e Heranwachsende_r ohne Freund_innen. Ein Opfer, das nur von Täter*innen hört, dass es gut wäre, wäre es nicht länger in der Psychiatrie. Ein_e hochbegabte Person, die sich gleichzeitig runterdummen und intellektuell massiv überfordernden Inhalten widmen muss. Eine unerkannt autistische Person mit gleichermaßen unerkannten Kommunikations- und Verständnisproblemen. Ein_e Jugendliche_r, mit Todesangst vor dem Leben. Jemand, die_r ziemlich genau nur eine Perspektive in die Zukunft hat – nämlich die immer an sich arbeiten zu müssen, weil das Leiden sonst nicht aufhört.
Ich war so viele.

Doch egal wie gewogen, befreundet, vertraut man auf diese Aufnahmen schaut, man sieht nur, was die Kamera damals aufgezeichnet hat.
Und das war nicht das Leiden.

Dass ich weiß, dass ich fühle, dass ich mir sicher darüber bin, dass K. und meine Therapeutin es trotzdem sehen, ist eine besondere Erfahrung für mich. Sie verbindet mich mit der Realität. Mit dem Heute. Mit der Welt, in der diese Erfahrung möglich ist, weil ich Teil davon bin.

Und es ist meine Erfahrung. Mein Gefühl. Mein Wissen. Meine Sicherheit.
Nicht die der Inneren, die sich damals nicht gesehen gefühlt haben.
Der Clash zwischen ihrem Gefühl und meiner Realität, er begleitet mich über Tage und verschwindet rückstandslos, als sich durch mein Alltagsgekruschel einfach keine weitere Lücke ergibt.
Muss ich da jetzt hinterher? Wollen sie das? Brauchen sie das? Ich habe keine Ahnung. Niemand wird es mir sagen können.
Aber merken werde ich es. Wir sind nicht mehr so weit voneinander getrennt.
Aufarbeitung ist ein Prozess.

die Ausnahme, Teil 1

„Beweglich wie die Hindenburg“, denke ich unzufrieden mit mir selbst, als ich die Praxis meiner Therapeutin verlasse. Ineffizient komme ich mir vor. Komplett behämmert, hätte ich jetzt Zeit und Raum für eine altbewährte Selbsthass-Schleife. Ich habe aber nicht mehr viel Zeit. Die Therapiestunde war sehr lang, ich habe nur noch 50 Minuten für meine anderen Erledigungen, bevor mein Zug nach Hause abfährt. Der Stress macht es mir leicht, den Fokus nach außen zu drehen. Ich ziehe durch. Erledige alles, arbeite im Zug, fahre vom Bahnhof direkt zum Training und von da nach Hause.
Erst geduscht, mit dem Abendessen im Bauch, kann ich mich wieder etwas aufmachen.
Erst dann hole ich die Puppe aus dem Rucksack und lege das schöne Packpapier, in das sie eingeschlagen war, flach ins Bastelregal.

Die Puppe habe ich in Italien gekauft. Im Spielzeugladen in Arezzo.
In meinem üblichen Alltag gehe ich nur in Spielzeuggeschäfte, um jemandem ein Geschenk zu besorgen. Für mich selbst kaufe ich bei diesen Gelegenheiten entweder einen Kreisel, denn die sammeln wir, oder sensorisch interessante Tüddel, die in die Hosentasche passen.

Ich ziehe ein gewisses Überlegenheitsgefühl gegenüber anderen Vielen aus dem Umstand, dass ich in solche Geschäfte gehen kann, ohne in einen kindlichen Zustand zu kippen. Überhaupt bin ich ziemlich stolz darauf, mich in der Hinsicht inzwischen überwiegend im Griff zu haben. Also in 99,9 % der Fälle. 0,01 % der Fälle sind Traumareaktionen. Wechsel, die ich nicht beeinflussen kann, weil ich die Situation nicht (genug) beeinflussen kann. Etwa in der Therapie oder in Situationen, die traumatischen Situationen sehr ähnlich sind. Wie der Zustand nach einer Narkose.

Ich mag, dass Kindliches praktisch kaum eine Rolle in meinem Leben spielt. Ich habe keine designierte „Innenkinderzeit“, ich mache keine außerordentlichen Besonderheiten speziell für meine Kinderinnens und die haben auch keine Freund_innen oder Aufgaben im außen. Es gibt sehr eng gesteckte Rahmenbedingungen dafür, wann Innenkinder etwas neben mir her miterleben oder mitmachen dürfen bzw. können. Und noch viel engere dafür, dass sie sich mit mir vermischen.
M., eine frühere Freundin von mir, fand mich immer fies deswegen. Hat oft zum Ausdruck gebracht, ich wäre viel zu hart, viel zu krass, viel zu brutal in der Hinsicht. Mich hat es verletzt, dass sie nie die Fiesheit, die Brutalität gesehen hat, die dazu führte, dass ich diese Haltung entwickelt habe.

Meine „Fiesheit“ an der Front ist ganz klar das Ergebnis von therapeutischen Eingriffen in stationären Kliniksettings. Von der Brutalität, die sich daraus ergab, dass ich auf eine psychiatrische Unterkunft und Hilfe angewiesen war, um zu überleben, aber Wechsel, dissoziatives Erleben, bestimmte „auffällige Symptomatik“ (wie es Wechsel zu traumareaktiven (kindlichen) Anteilen nun einmal sind) teils massiv sanktioniert wurden. Unterstützung von der Pflege – nur als Erwachsene_r. Anerkennung von Leiden, Beistand in unerträglichem Wiedererleben oder emotionalen Flashbacksituationen – nur wenn man sprechen und verstanden werden kann. Nur, wenn sich Pflege, Betreuung, Therapeut_innen sicher und wohlfühlen, sonst Keule. Also Medikamente. Betäubung. Kopp zu.
Zudem bin ich unter diesen Bedingungen erwachsen geworden. Ich war 16 als das anfing und Anfang 20 als es aufhörte. Den Umgang anderer Menschen mit meinen dissoziativ von mir getrennten kindlichen Anteilen habe ich häufig als etwas erlebt, das benutzt wurde, um mich in meiner Selbstbestimmung einzuschränken und in meiner jugendlichen Alltäglichkeit bzw. jungen Erwachsenheit infrage zu stellen.
Und als Einfallstor der Überforderung für Therapeut_innen, die entweder keine oder wenig oder keine fundierte (bindungs)traumatherapeutische Vor-, Weiter-, Fortbildung hatten und entsprechend inkompetent mit Übertragungen, Traumaexploration- oder -exposition umgegangen sind.

In der Zeit konnte ich nicht verhindern, dass es zu Wechseln (für mich: Amnesie) kommt – diese Gefahrensituationen sind immer wieder aufgetreten und ich hatte zu keinem Zeitpunkt die Möglichkeit, irgendwelche Konsequenzen abzuschätzen. Sollte sie aber antizipieren, um von Therapieerfolg oder Entlassung ausgehen zu können. Ich dachte also, ich würde nur dann je normal oder gesund sein, würde ich mich zu jedem Zeitpunkt kontrollieren können. Und Kontrolle, das hatte ich mir übersetzt mit dem Umgang, der mir in diesen Kliniken geschah: Unterdrückung. Kopp zu. Unsichtbarkeit. Es besteht Kontrolle, wenn niemand was von den inneren Vorgängen mitbekommt. Dann ist alles gut. Alle sind zufrieden. Niemand dringt in mich ein. Niemand überfordert mich.

Dieses Verständnis von Kontrolle über mich selbst nach innen hatte ich vorher nicht. Ich komme nicht aus einem Täter_innenkreis, der mich zur Unauffälligkeit erzogen hat. Mir wurde das nicht in irgendeinem dunklen Keller reingequält, sondern vor aller Augen und mit vollster Unterstützung der Gesellschaft psychiatrisch antrainiert. Ich sollte immer mitmachen – sonst. Ich sollte immer verstehen – sonst. Ich sollte immer reden, denken, einsehen – sonst. Und ich dachte und spürte sehr genau, dass ich nur überlebe, wenn ich diesem Anspruch auch Folge leiste.
Meine Gefühle, meine Einschätzungen von bestimmten Dingen, die wurden stets als bekannt vorausgesetzt und nur von einer Therapeutin, in der Tagesklinik, die ich dann als junge Erwachsene öfter aufsuchte, auch mal abgefragt.
Meine Behandlung war in sehr vielen Bereichen ein von mir unkontrollierbarer Selbstläufer, den ich sehr lange weder verstehen noch wirklich selbstbestimmt mitgestalten konnte. Es war die beste Entscheidung, die ich für mein Weiter- und Rauskommen aus diesem stationäre Psychiatrie-teilstationäre Tagesklinik-Drehtür-Elend treffen konnte, einfach ganz extrem böse fies gemein brutal hart gegenüber meinen Kinderinnens (und Jugendlichen und Bösen und Dunkelbunten …) zu sein. Und sie so weit wie nur irgend möglich zu versiegeln – noch bevor ich sie überhaupt selbst mal frei und im sicheren Rahmen wahrgenommen oder auf ihre Funktionen für mein Innenleben geprüft habe.

Soweit meine Erzählung.
Die übliche Traumaerzählung über so fiese Kinderhasser-Innens wie mich ist: ANPs, die alltagskompetenten (angeblich) untraumatisierten Anteile, suchen Kontrolle über sich, weil sie so die Konfrontation mit dem Trauma vermeiden. Kinderinnens = Traumaträger, also Kinderinnens – Nein, danke. Will ich nicht, kann ich nicht, Adios, Tschö, bitte gerne ohne mich
Ist viel dran. Keine Frage. Trifft komplett auch auf mich zu.
Enthält aber auch das Problem, dass man Verhalten zum Zustand erklärt und in der Folge aus dem Blick verliert, zu prüfen, ob es durchgehende Eigenschaften, Merkmale, Prädispositionen gibt, die dieses Verhalten auch bedingen.

Ich bin nämlich nicht nur extrem fies zu Kinderinnens. Ich bin auch richtig gemein zu Anteilen, deren Auftauchen oder Bedarfslage unsere Handlungskripte herausfordern oder bestehende Situationen unübersichtlich machen. Und dabei geht es 0 um Traumakonfrontationsvermeidung, sondern um die Vermeidung einer Traumatisierung.
Ich bekomme Probleme durch „abweichlerische Innere“, weil mir diverse alternative Handlungsskripte fehlen, die ich heute als erwachsene Person einfach nicht mehr beigebracht bekomme und für die mir auch kaum mehr Lern- und Übungsraum zugestanden wird.
Die Erwartung ist, dass ich jederzeit einfach weiß, welche Konventionen wann greifen, einfach merke, was wer wie wann warum meint oder denkt oder fühlt. Verhalte ich mich unkonventionell oder sozial unangemessen, wird einfach angenommen, dass ich ne schräge (gefährliche) Else oder „voll gegen den Mainstream“ bin. Und entsprechend ist der Umgang mit mir. Man fürchtet mich vielleicht einfach oder meidet mich oder tritt mir gegenüber konfrontativ auf – und ich weiß nicht, warum.
Oder man öffnet sich mir gegenüber komplett in der Annahme, ich wäre bereit für emotionale oder auch sexuelle Intimität und ich muss gucken, wie ich das balancieren kann und will. Grenzen dies das – Sicherheit! dies das. Und das immer unerwartet, nicht beeinflussbar und unabhängig davon, welches Innen aktiv ist oder wo wir gerade sind oder was wir warum, wie mit wem machen.
In diesem Zusammenhang ergibt sich die traumareaktive Dynamik erst nach einer ganz anderen Problematik, nämlich der, ein autistischer Mensch unter nicht-autistischen Menschen zu sein und als solcher den Alltag, aber auch die Therapie, die Beziehungen und Lebensthemen zu navigieren.

In Italien zu sein, war eine der krassesten positiven Ausnahmesituationen der letzten Jahre für mich.
Ich mache Ausnahmen. Ich kann Ausnahmen. Wenn ich weiß, wie lange, wofür und warum.
Und manchmal werde ich in so einer Situation über.mutig. Dann denke ich, dass, weil in der Situation, in diesem Moment im Grunde alles möglich ist, weil es eine Ausnahme ist, mir selbst auch alles möglich ist.
Neue Dinge auszuprobieren, fällt mir dann auch tatsächlich leichter. Essen, das ich nicht kenne. Mit Menschen reden, die ich nicht kenne. Irgendwo schlafen, wo ich noch nie geschlafen habe, zum Beispiel.
In einer Ausnahmesituation sind für mich alle Parameter sämtlicher Eigenschaften und möglicher Verläufe in die Zukunft auf einem Level. Alles kann genauso gut, wie schlecht laufen.
Das Gantt-Flussdiagramm in meinem Kopf, über die Abläufe, Funktionen und Mechaniken in meiner direkten Umgebung, wird dann eher zu einer Momentsammlung. In einer Ausnahmesituation kann ich gar nicht viel mehr aufnehmen und prozessieren als den akuten Moment. Ich weiß, dass ich mich an Ausnahmen nur selten so umfänglich und detailliert erinnern kann wie an meinen Alltag. Vor allem nicht, wenn ich mir keine Notizen mache oder Ankerpunkte zum Prozessieren setze. Wie und was genau ich da erlebe – die Kapazität, das einzuordnen und zu bewerten, die halte ich dann gar nicht erst bereit.

Ausnahmen, die ich gezielt zulasse, müssen sich für mich lohnen. Ich muss mich sicher fühlen. Ich muss (wenigstens für mich allein) wissen, dass ich sie jederzeit sofort beenden kann und niemanden dafür brauche.
Dort im Spielzeugladen von Arezzo war die Ausnahme bereits bestehend. Und ich in alle Richtungen offen wie ein Scheunentor. Hätte mich etwas ungünstig getriggert, hätte es mich umklatschen können und tja Ciao Kakao, mal gucken, wie es weitergeht. Es hat mich aber nichts getriggert. Ich stand da, Lisa, die Praktikantin, mit der ich da war, zeigte mir ein besonders weiches Objekt und ich folgte einem Wunsch, die anderen Gegenstände in dem Regal auch anzufassen. Uns, einigen Kinderinnens, Jugendlichen und mir, hat ein Objekt gut gefallen, weil es viele verschiedene Strukturen hat. Wir wollten es haben und wir haben es gekauft. Nicht sofort, aber auf dem Rückweg, als mir klar wurde, dass ich es nicht umsetzen würde, wäre die Ausnahme vorbei. Ohne Ausnahme kaufe ich im Spielzeugladen einen Kreisel oder einen Tüddel oder ein Geschenk. Das ist das Skript. Zu Hause habe ich keinen Anlass für eine Ausnahme.
Wir bezahlten das Objekt, das ich, einmal ausgesucht und länger in der Hand, überhaupt erst als Puppe erkannte, und sagten ja, als wir gefragt wurden, ob sie eingepackt werden soll. Und so brachten wir sie nach Hause. In einer großen bunten Papiertüte, in braunem bedrucktem Packpapier.

Die Tüte stellte ich ins Schlafzimmer, meinen Rucksack in den Flur. Ankommen, auspacken, Wäsche waschen, den Text schreiben, Maillawine auffangen …
Alles war gut.
Bis ich am nächsten Morgen an der Tüte vorbeiging und von echter Panik ins Gesicht geboxt wurde.

so

Jemand soll

bloss nicht

kommen.

Eine Traurigkeit. Eine Agonie so dicht, dass es sich nach Ersticken anfühlt.
Eine sumpfige Schicht unter meinem Alltagstrallala.
Wenn ich mit mir allein bin, quillt sie durch die Risse in meinem Selbst.
„Ein anhaltender emotionaler Flashback“ Schlaubi-Hannah sitzt in ihrem Intellekt-Gummiboot und nutzt jede Gelegenheit, um den Auftrieb zu erhöhen.
Der emotionale Flashback, das Kernstück der komplexen PTBS. Das Ding, das eigentlich alles an dieser Therapie, diesem Leben, diesem Heilen so schwer macht. Der Kack, den man so schwer vermitteln kann an Leute, die weniger Schattierungen von Elend und Leid kennen. Der Scheiß, der nur entstehen kann, wenn es nicht nur einmal kurz schlimm war. Sondern

eigentlich,

in Wahrheit,

wenn man ehrlich ist,

LEIDER,

egal, wie es dann im Einzelnen, Konkreten war,

immer

immer

immer

(((schlimm)))

war.

Das Wissen um dieses Symptom macht den Boden von meinem Gummiboot durchsichtig. Ermöglicht mir Sichtkontakt. Gibt mir die Chance, einen Bezug herzustellen und zu erkennen, wo er spontan passiert ist. Was der Auslöser war und was ein Auflöser sein könnte.
Wenn es um emotionale Flashbacks geht, brauche ich nicht überlegen, ob es ein Geräusch, ein Geruch, ein Gegenstand, eine soziale Situation war, die sie ausgelöst hat. Ich muss wissen und verstehen, wie sich für mich angefühlt hat, was ich erlebt habe. In meinem Alltag. Meinem Jetzt. Sonst ergibt es keinen Sinn und ist nur verwirrend und belastend.

Es hat mit der Operation angefangen. Schon vorher. Ein bisschen. Wie eine Welle von seichtem Gewässer. Weit weg. Schwach. Zu wenig für meinen Relevanzrahmen. Zu wenig für mich, um zu begreifen, dass jemand in mir, ich, etwas fühlt. Jemand soll – bloß nicht – da sein. Kann bitte – auf gar keinen Fall – irgendjemand – NIEMAND – mich – sehen? Wer kommt? Wer kommt nicht? Kommt jemand? WER? Was passiert? Passiert DAS? Nein Ja Immer immer immer für immer immer immer seit immer immer immer
Und als mein Stein im Schuh, der in Wahrheit ein Gebirge ist, zu einem Lehmklümpchen geworden war, wurde aus der kleinen sachten Welle – dem Wellchen irgendwo im fernen Traumascheißeland – eine Überschwemmung, die ewige Sümpfe hinterließ. Ziehend kalte klamme Sumpftraurigkeit. Schwappende Lähmung. Unendlich tiefes Elend. Verlassenheitsgefühle, die sich wie ätzendes Gas anfühlen. Wie eine ganz eigene Todesfalle.
„Es wird niemand kommen“, das könnte so gut helfen, wenn es helfen würde. Aber es soll ja jemand kommen. Jemand soll ja da sein. Nur nicht so. So

so

SO

wie immer

damals immer

In diesem Sumpf k.lebt nicht nur ein Innen. Ein Opferkind. Ein Kinderinnen im Traumafreeze. Eine einzige Erfahrung, die ich prozessieren muss. Ein Blick, ein Reality-Check und zack bumm trilili sigh of relief.

Das ist etwas, das ich aus meinem Leben kenne und runterdrücke bis ich nicht mehr kann. Dann breche ich kurz zusammen und gehe weiter. Weil keiner kommt. So wie ich das brauche. Will. Möchte.
Ich kann nicht vorleben, wie der Umgang sein könnte. Wie diese Traurigkeit, diese wirre Widersprüchlichkeit zwischen Wollen, Durchhalten, Aushalten, Warten, Hoffen und Wünschen, Realitäten, Ängsten und Nöten, irgendwie geklärt werden kann. Wie die weggehen kann. Denn in meinem Leben geht sie – in Bezug auf ganz andere Sachen – weit weniger traumatische Grauenhaftigkeiten – ja auch nicht weg.
Außer mir ist niemand

so

für mich da.

Das ist nicht genug für eine Auflösung.
Aber das kann ich durch die kleine Scheibe in meinem Gummiboot vermitteln. In den Sumpf einsickern lassen.
Ich bin da.
Ich bin so.

So wie jetzt.