Lauf der Dinge

Rechte haben

“Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.”.
Das war ein Satz, den ich Anfang der 2000er auf einer Demo aufgeschnappt hatte. Artikel 3 der allgemeinen Menschenrechtserklärung.
Damals war ich 14 oder 15 Jahre alt und begann mit “politischen Leuten” abzuhängen. Sozialistischen Leuten. Klar. Alle anderen waren Nazis oder nahe dran Nazis zu sein. Wenn man 14 oder 15 Jahre alt ist und in Ostdeutschland lebt, liegt es nahe die politische Landschaft so zu sehen.

Meine Leute hatten Namen wie “Schraube” oder “Henne”, trugen das letzte Hemd und standen am Wochenende lange in der von Touristen durchflossenen Innenstadt um Unterschriften gegen Globalisierung und Kapitalismus zu sammeln. Meine Leute waren transparent und konsistent. Sie haben mir nie irgendeine Falle gestellt, mich gedemütigt oder mir Fragen unbeantwortet gelassen.
Dass die allgemeinen Menschenrechte auch etwas mit meiner Lebensrealität zu tun haben, wurde mir durch unseren Kontakt jedoch nicht zugänglich.

Wir arbeiten bis heute daran uns als Mensch anzunehmen und einzuordnen.
Das ist der Schritt, den man getan haben muss, um die Menschenrechte mit sich in Verbindung zu bringen und der Schritt, der in unserem Fall ein großer ist.
Was für manche Menschen vielleicht schwer zu verstehen ist.

Wir haben kein Bild von uns als Tier oder Alien oder haben die Idee, dass wir ein göttliches Wesen sind. Wir sind nur nicht so selbstverständlich wie die Mehrheit in dem Bewusstsein ein Mensch unter Menschen zu sein.
Wir sind nicht einmal selbstverständlich damit von Menschen umgeben zu sein. Oder Teil einer Gemeinschaft zu sein, die mehr als eine Funktion hat bzw. vertritt.

Das ist eine Traumafolgestörung und unser Strickmuster.

Es ist schwierig diesen Text zu beginnen, denn es gibt viele mögliche Anfänge.
Ich beginne deshalb mit dem Satzteil, der uns am Besten ausdrückt, was wir da erleben: “aus der Welt gefallen sein”

Diesen Satzteil habe ich aus einem Bericht einer traumatisierten Person über sich und ihr Gefühl der Abtrennung nach einer schweren Gewalterfahrung und fand seitdem immer wieder ähnliche Formulierungen.
Viele Menschen, die nicht wie wir von Anfang an mit Gewalt auf.gezogen wurden, erlebten Gewalterfahrungen als etwas Außeralltägliches. Als etwas, das aus ihrem Leben heraussticht oder hineingreift. Eine Kluft auftut oder eine Mauer aufschichtet. Für viele passiert da eine ganz klare Grenze zwischen Vorher und Nachher. Zwischen Gut und Böse. Opfer und Täter_in. Zwischen Trauma und Normal.

Die Welt, von der sie sich getrennt erleben, ist die der Selbstverständlichkeit von Leben, Freiheit und Sicherheit der eigenen Person.
Denn das ist, was Gewalterfahrungen nehmen. Das Gefühl selbstverständlich heil zu sein, teilzuhaben, mit.einander zu sein.
Für manche Menschen sind es erst Gewalterfahrungen, die Gefühle von Demut für das eigene am Leben sein anstoßen.

Und wir?
Wir sind an dem Punkt, an dem wir sehen, dass es das für uns nie gab. Das Selbstverständnis von Ganzheit,  heil sein, sich ganz und gar mit Äußerem verbunden zu fühlen.
Als Jugendliche_r hat uns angetrieben wissen zu wollen, wie Leben ist, denn es hat uns fasziniert, dass zu leben ein relativer Zustand ist.
Das ist, was Depressionen und dissoziative Zustände geben können. Die Erkenntnis, dass man auch im Leben tot sein kann. Dumpf. Leer. Taub. Nichts.

Für uns ist es bis heute nicht normal, morgens in einem Bett aufzuwachen und zu wissen, dass wir uns grundversorgen können, ohne dabei beobachtet und kontrolliert zu sein. Es ist für uns nicht normal zu wissen, dass wir leben und Dinge tun können, wenn wir das wollen (und können).
Wir haben kein “vor dem Trauma” im Leben und auf eine gewisse Art trennt uns das von viel mehr als nur einem Normal, das keine Gewalt an uns enthält.

Es gibt so etwas wie ein allgemein gültiges Universalwissen in Gesellschaften. Soziale Konsense. Mehr der weniger klare Antworten auf Elementarfragen und –probleme. Dinge, auf die sich die meisten der Menschen einigen können – selbst dann, wenn sie sie nicht aussprechen.
Die meisten Menschen wissen einfach, dass sie leben. Dass sie Schutz brauchen. Dass sie Versorgung brauchen. Dass sie Nähe und Wärme brauchen. Für die meisten Menschen sind die eigenen Bedürfnisse keine Definitionsfrage, wie sie das für uns sind.

Wir finden uns immer wieder in Fragen und Zweifeln. In Unsicherheiten über die Räume und Zeiten, in denen wir uns bewegen. Sind froh, wenn wir einen Konsens für uns allein, in und für irgendeinem Zeit_Raum er.schaffen können.
Manchmal ist es leicht sich aus diesen Zweifeln zu lösen. Zum Beispiel, wenn sich diese durch alte Gewaltwahrheiten entwickeln.
Manchmal funktioniert es aber auch nicht. Zum Beispiel, wenn uns die Welt infrage steht, weil ein Essen komisch guckt oder wir uns mal wieder inmitten eines schwarzen Lochs zwischenmenschlicher Kommunikation befinden.

Für die meisten Menschen, die wir kennen ist Menschlichkeit etwas, das sich aus einem inneren Kern durch Handeln nach Außen zeigt. Als Barmherzigkeit, Wohltätigkeit – allgemeiner: eine Versorgung und Zuwendung, die lebenserhaltend oder –nährend wirkt. Manchmal geht es aber auch um Faulheit, Opportunismus und Rücksichtslosigkeit.
Für uns ist Menschlichkeit ein Status, den wir erst durch dieses Handeln erreichen können. Wir erleben keinen urmenschlichen Kern in uns.

Menschlichkeit ist für uns also mehr Ziel als Basis.
Und das ist eine der Klüfte im Ist und Passieren, die wir spüren.

Seit der Auseinandersetzung mit Autismus und dem differenzialdiagnostischen Abfuck, der mit daran hängt, fragen wir uns, welchen Ursprung das Gefühl des ewigen Andersseins denn “eigentlich wirklich” hat und erleben eine immer wieder aufwallende Verzweiflung darüber, dass wir keine Antwort in uns selbst dazu finden können.
Denn mit Autismus wird man geboren und mit genau diesem Zeitpunkt hat vermutlich auch schon das begonnen, woraus sich die Traumata entwickelten, die wir heute aufzulösen und zu verarbeiten versuchen.

Wir haben keine Sicherheit und Konsistenz über uns selbst. Wie sollen wir sie in Verbindung mit Äußerem haben?
Woraus soll sich so das Wissen oder die Überzeugung entwickeln, verbunden und mitgemeint zu sein, wenn es zum Beispiel um so etwas wie die Menschenrechte geht?

Weiter geführt zu dem Komplex um Wiedergutmachung, Genugtuung, Recht und Gesetz.

Wir haben uns vor Jahren darüber informiert, ob ein Antrag auf Leistungen nach dem OEG (Opferentschädigungsgesetz) für uns Sinn hat.
Wie so vieles, was wir nach dem Verlassen der Herkunftsfamilie beantragt haben, war auch das nicht wirklich etwas, das wir mit uns in Verbindung gebracht haben. Es ist etwas, das uns als mit uns in Verbindung stehend aufgezeigt wurde, nachdem man wusste, dass wir Gewalt erfahren haben.

Es war das gleiche Muster, wie das, was uns ursprünglich in Therapie brachte. Die Idee, dass es nötig sei, um heil zu werden. Ein normales Leben führen zu können. Alles wieder gut zu machen. Weil wir Gewalt erfahren haben.

Immer wieder geraten wir an Menschen, die nicht uns sehen, sondern ihre Ideen von uns als jemand, di_er Gewalt erfahren hat (oder viele ist oder oder oder…).
Zum Beispiel die Idee, dass Wiedergutmachung für uns möglich ist.

Wir wissen aber nicht, was genau das meinen soll. Was genau ist denn schlecht und könnte wieder gut gemacht werden?
Könnten wir eine gute Herkunftsfamilie bekommen? Könnten wir die guten Bildungschancen wieder bekommen? Könnten wir die Schäden aus psychiatrischen Behandlungen wieder gut gemacht bekommen? Könnten wir die Schäden aus 10 Jahren Hartz 4 wieder gut gemacht bekommen? Könnten wir die Löcher im Lebenslauf durch frisch sanierte Lebensabschnitte ersetzt bekommen?

Oder geht es um uns? Sind wir das Schlechte, das passiert ist? Diesem sogenannten Menschen, als der wir von allen gesehen werden, die heute in unserem Leben sind. Sind wir der Schaden? Das Kranke, das Wiedergutzumachende?

Diffizile Frage, nicht wahr?
Man müsste uns Innens, die wir fühlen und denken, autark handeln und re_agieren, die wir Weltbilder und innere Überzeugungen haben, zur Krankheit degradieren und damit vertreten, dass der Rechtskörper, um den es bei einer juristischen Auseinandersetzung geht, nichts weiter ist als ein Fleischsack mit Krankheit drin.

Für manche Menschen ist es ein positiver Ansatz eine DIS als Ergebnis schwerer Gewalterfahrungen zu sehen. Diese Sicht folgt dem Drang nach Sinn und Kongruenz, den wir im vorletzten Artikel bereits beschrieben haben.
Im Rahmen von Opferentschädigung jedoch ist eine DIS (so sie denn anerkannt wird) ein entstandener Schaden.

Im Rahmen unseres Lebens und Seins jedoch ist es einfach nur so da.
Es ist weder die großartig tolle Selbstrettung zu der sie manche Therapeut_innen erheben, noch die zerschmetterte Seele von der all jene sprechen, die den Verletzungen dahinter mehr Gewicht geben wollen.

Wir finden uns normal. Sehen nichts schlechtes oder kaputtes in unserem Sein.
Wir sehen, dass wir heute dysfunktional sind. Heute, wo alles anders ist. Heute, wo “Danach” ist.

Für manche von uns ist genau das der Schaden. Dass heute “danach” ist. Dass es vorbei ist und so nie wieder passieren wird.
Für sie ist der Lauf der Dinge kaputt. Ihre Welt zerschmettert. Und es gibt nichts, was wir für sie in irgendeiner Form “wieder gut” machen können, denn ihre Verluste sind absolut und tiefgreifend.
Sie haben nicht nur sich selbst in Verbindung mit der Außenwelt verloren, sondern auch die Außenwelt. Die Familie*, die Familie°, die Freunde, den Sinn, die Vision und bestimmte Selbstverständlichkeiten.

Aber sowas kann man Menschen oft nicht begreiflich machen.
Wie wenig schlimm es sich auch anfühlen kann, ein Leben lang miss.be.handelt und ausgenutzt worden zu sein. Und zwar nicht, weil man sich einen Schmerz daran verbietet oder sich diesen Umstand schön redet, sondern, weil man es nicht anders kennt und als ganz üblichen Bestandteil der eigenen Existenz in sich trägt, wie andere Menschen die schönen Erfahrungen, mit denen sie aufgewachsen sind.

Wir haben den Antrag auf Leistungen nach dem OEG nie gestellt.
Genauso wie wir nie eine Anzeige erstattet haben und nicht vorhaben das je zu tun.

Das haben wir nicht getan, weil wir die Gewalt nicht in einen Kontext mit dem Strafgesetzbuch bringen können. Oder, weil wir kein Interesse daran haben, andere davor zu schützen oder zu bewahren, was uns passiert ist. Oder, weil wir glauben, dass, was uns passiert ist, eigentlich etwas Gutes und Richtiges war.
Es geht darum, dass wir sehen, dass das Eine einen Scheiß mit dem Anderen zu tun hat.

Wir würden eine Anzeige erstatten, wenn wir wüssten, dass es um Weiterentwicklung geht.
Wir würden eine Anzeige erstatten, gäbe es so etwas ein Vergebungsgesetzbuch.

Ein Gesetzbuch, das den Prozess der Vergebung regelt und jedes Interesse an Weiterentwicklung von Täter_innen, wie zu Opfern gewordenen Personen unterstützt, schützt und/oder überhaupt möglich macht.

Denn das ist, was uns fehlt.
Die Option selbst einzufordern, dass die Täter_innen sich mit ihrem Handeln bzw. dessen Folgen auseinandersetzen. Und zwar nicht auf einer Ebene der Strafen und Bußen – denn davon hat niemand mehr als Macht aus Gewalt, die ihrerseits überhaupt erst Täter_innen und Opfer er.schafft – sondern auf der Ebene, der Entwicklung zu einer Person, die selbst keine Gewalt mehr ausüben will und/oder muss, weil ihr das Bewusstsein darum, wen diese trifft und welche Folgen (für die man die Verantwortung übernehmen muss) das haben kann, nicht mehr abhanden kommt.

Zuwendungen an Personen, die zu Opfern wurden, sollten nicht nur aus Einmalzahlungen und Opferrenten bestehen. Gerade dann nicht, wenn die zu Opfer gewordenen Personen solcherlei Anträge nicht für einen gesetzlichen Opferstatus und Opferrente, sondern für gesicherte Bildungschancen, bedarfsgerechte Gesundheitsbehandlungen, gesellschaftliche Teilhabeleistungen, politisches Gewicht und Anerkennung als normaler (as in „legitimer“) Teil der Gesellschaft stellen.

Die meisten zu Opfern gewordenen Menschen, die ich kenne, haben kein oder nur sehr wenig Interesse an Rache oder Vergeltung. An Strafen oder Erniedrigung der Täter_innen. Die meisten kämpfen um ihr Weiter.Leben. Um Alltag, um Zukunft. Um sich selbst und darum, nicht immer wieder von der eigenen Geschichte eingeholt und behindert zu werden.

Wir denken uns heute manchmal, dass wir unsere Therapie von den Täter_innen zwangsbezahlt bekommen haben wollen. Unsere Assistenzbedarfe von Ihnen gedeckt haben wollen. Alles bezahlt haben wollen, was unser Hartz 4 – Regelsatz nicht abdeckt.
Wir wollen all die Optionen, die sie damals gehabt haben, umgegolten auf Optionen, aus denen wir heute wählen könnten.
Dabei geht es uns um Ausgleich. Nicht um “ausgleichende Gerechtigkeit”.
Die werden wir im Leben nicht herstellen können, denn die Gewalt kennt keine Gerechtigkeit.

Wir tragen schwer daran, die Dinge so hinnehmen zu müssen, wie sie sind. Hadern manchmal noch damit keinen Kontakt mehr zur Herkunftsfamilie zu haben und zu wissen, dass wir es sind, die sich seit 15 Jahren damit auseinandersetzen, was damals passiert ist und welche Wirkung es auf und in uns hatte – und nicht sie.

Ich könnte vor ohnmächtiger Wut aufschreien, wenn ich daran denke, was für eine lange Zeit der unnötigen Not wir durch- und überleben mussten, um dahin zu kommen, wo wir heute sind – während in unserer Familie* nachwievor die Erzählung ist, dass wir die undankbare, kranke, verrückte Tochter sind, die Behörden und Behandler_innen anlügt und von der auch sonst nichts mehr zu erwarten ist, als die Enttäuschung, die sie schon immer war.

Das ist einfach ungerecht und etwas, womit zu leben bedeutet, nichts anderes zu haben als “danach”.

Ein Danach, in dem wir zum Prozess gezwungen sind – und nicht sie.
Ein Danach, in dem wir völlig allein für uns selbst einstehen müssen, weil wir uns niemals darauf verlassen können, dass sich irgendjemand so sehr mit uns verbunden fühlt, wie es die eigene Familie idealerweise tut.

Unser Danach ist eins für das wir allein verantwortlich gemacht werden, weil wir das Davor abgelehnt haben.

Das wirkt sich auf uns bisher wie eine Strafe auf Lebenszeit aus.
Denn wir haben nichts als unser Leben selbst damit gewonnen, auszusteigen und wegzugehen.

Für uns ist das tatsächlich auch kein Gewinn, denn am Leben waren wir auch vorher. Es war ein Leben in manchmal lebensbedrohender Gewalt, ja – aber es war kein Leben mit Bittstellerbriefen, Bettelanträgen und Gekrieche um Hilfe und Unterstützung, um nicht in lebensbedrohliche Umstände zu geraten. Es war kein Leben, in dem jeder Cent zählt und auch kein Leben, in dem jede Entscheidung allein getroffen und getragen werden musste, nicht wissend, was passiert, wenn man nicht mehr kann.

Es war nicht besser. Es war nicht schlechter.
Es war anders und es war das Leben, das wir nun einmal hatten, weil wir es hatten. Einfach so.

Das Leben heute haben wir gewählt.
Und manchmal schwappt die Reue hoch. Bedauern. Trauer. Der Gedanke, dass das alles falsch ist. Eine Lüge, auf die wir reingefallen sind und die uns noch bittertief schmerzen wird.
Damit umzugehen ist nicht einfach. Und in einer Gesellschaft zu leben, die solche Gedanken und Ideen auch nicht von außen entkräftet, ist dabei nicht hilfreich. Im Gegenteil.

Häufig werden Menschen, die ihre Gewalterfahrungen mit.teilen verhöhnt und gedemütigt. Vielen wird nicht geglaubt, die meisten erfahren auf dieses Moment des Mit.Teilens erneut Gewalt, über die Relativierung und ausbleibende Anerkennung der persönlichen Auswirkungen der gemachten Erfahrungen.

Wie oft zu Opfer gewordenen Menschen der Vorwurf gemacht wird, sie würden ihre Erfahrungen nur für Aufmerksamkeit teilen, macht mich lachen und weinen zugleich. Denn was soll man bitte sonst tun, damit man später nicht gesagt bekommt, man hätte ja nie irgendwas gesagt? Oder sich dem Vorwurf entgegenstellen muss, “nur” ein schweigendes Opfer zu sein. Oder damit auseinandersetzen zu müssen, dass ja alle Menschen immer so unsicher sind, wie mit Menschen umzugehen sei, denen Schwieriges passiert ist, weil ja NIEMAND mal ENDLICH OFFEN ausspricht, wie es WIRKLICH IST.

Aber darum geht es am Ende doch wieder gar nicht.
Es geht darum, dass zu Opfern gewordene Menschen auch Zeugen und Zeugnis der Gewalt sind, der man sich so gern nicht widmen möchte, dass man sie so weit es geht ausblendet.
Sie werden aber auch zu einem Denk.mal für Unterlegenheit gemacht. Eine Erinnerung daran, dass niemand immer alles Schlechte, Schwere, Schlimme von sich fernhalten kann.

So können wir am Ende immer wieder nur sagen, dass es sich für nichts außer den eigenen Prozess lohnt, gemachte Gewalterfahrungen und Erfahrungen des Umgangs damit mit.zu.teilen. Denn: Menschen, die wahr.nehmen, was man da sagt, werden reagieren und diese Reaktionen sind nur selten, die die gut tun, helfen oder “sich lohnen”.

Wir haben selbst jetzt nach 9 Jahren der Selbstvertretung in Form des Blogs noch immer das Problem, dass die meisten Leser_innen nicht einmal begreifen, dass das hier kein Literatur-Lifestyle-fancy Kunstzeug-Roman ist, sondern ein politisches Statement, ein offenes Aussprechen, eine reale Er_Lebensrealität, die mit.geteilt wird. Manche verstehen auch nicht, dass es uns nicht darum geht, für Menschen mit DIS zu sprechen. Und immer wieder erreichen uns Fragen, die zu beantworten für uns viel zu weitreichende Verantwortungen nach sich ziehen.

Sich als jemand di_er Gewalterfahrungen gemacht hat nicht zu verstecken, sondern einfach nur da zu sein, ansprechbar zu sein und für sich und das eigene Er_Leben zu stehen, macht so viel aus und wird doch so oft nicht einmal als das wahr.genommen, was es ist. Und das ist doch krass, oder nicht?

Manchmal denken wir, dass wir uns hier verändern müssten. Denken, dass wir uns zu einer Art Entrepreneur_in für Trauma und Folgen machen müssten.
Einfach, damit es sich mehr lohnt. Auch finanziell.
Aber was wäre das dann? Das wäre der fünfigstmillardste Aufguss von Therapeut- und Mediziner_innenerkenntnis. Amateurisiertes Profitum für etwas, das nicht von oder aus uns selbst kommt, sondern aus ICD 10 und DSM 4. Geil. Much authentisch. Very insightful.
Nicht.

Das ist auch nicht, was die meisten Menschen suchen, wenn sie “Trauma” oder “Viele sein” googeln.
Die meisten suchen sich selbst oder jemanden, den_die sie kennen. Suchen Hoffnung auf Besserung, suchen Antworten auf Fragen, die sich selbst noch nicht richtig stellen können. Und so viele suchen nach Hilfe und finden doch eher unser Blog als irgendeine Stelle, die sie einfach anrufen können, um zu bekommen, was sie brauchen.

Wir können das Gesuchte mit dem, was wir hier tun, meistens in keinster Weise geben – aber mit unserer Präsenz zeigen wir an, dass sie nicht allein sind. Dass wir schon hier sind und von wo gekommen sind. Dass wir Dinge beobachten und sie gern anders hätten. Was wir worüber denken und, dass in uns mehr passiert als Elend, Not und Bedürftigkeit.

Für uns ist das viel und meistens auch genug.
Und gemessen an der Präsenz, die das Thema “Leben nach massiver Gewalt” oder “Leben nach der Missbrauchsschlagzeile” oder “Leben mit DIS” oder “Leben mit Traumafolgen nach Gewalt in der Familie” insgesamt hat, ist es ein Riesending.
Unser kleines Blog von Vielen voller Tippfehler, fehlender Satzenden und willkürlich auf die Texte gestreuselter Kommas.

Unser kleines Blog, das schon so lange da ist und bleibt und wartet und ist, wenn wir sind.
Es ist eine erhebende Erfahrung so wichtig für etwas zu sein. Wenn wir nicht wären, wäre dieser 1.241 Beiträge-Koloss nicht und das fühlt sich gut an.
Für solche Gefühle lohnt sich da zu sein.

Für das Gefühl für etwas wichtig zu sein, das dann vielleicht irgendwann für irgendjemand auch wichtig ist.

Manchmal bringt mich das Gefühl näher an Menschen.
Und dann verstehe ich, warum man allen Rechte dazu einräumt sich selbst und andere Menschen so zu erleben. So miteinander und nah.
Und warum man das sicher haben will.

Warum ich und wir uns von diesen Rechten nachwievor nicht so verbunden fühlen, wissen wir selbst noch nicht.
Vielleicht aber irgendwann.

Autismus und DIS, Die Helfer_Innen und die Hilfe, DIS?, Innenansichten, Lauf der Dinge

Therapie

Hingehen. Machen. Wieder weggehen. So einfach hätten wir das gern. Therapie.
Dieses Ding, das 15 von 30 Jahren ein Teil unseres Lebens ist und wirklich alles. Nur nicht so einfach.

Als 14~15 Jährige Jugendliche saß ich erstmals regelmäßig vor einer Psychologin. Oder einer psychologischen Beraterin, das weiß ich nicht mehr genau.
Es hat nichts gemacht. Nur gekostet.
Und zwar meine Kraft. Meine Zeit.
Weil meine direkte soziale Umgebung selbiges nicht für mich freimachen wollte oder aufbringen konnte.
Das denke ich heute als Erwachsene. Die davon ausgeht, dass es sich um eine Verlegenheitslösung handelte.
Huch, latent suizidales Mädchen, das sich selbst verletzt. Da muss man doch was tun.

Wer was tun musste, waren wir.
Hingehen, machen, wieder weggehen. Weiter machen wie bisher. Denn nichts konnte sich verändern, nur weil wir in uns allein etwas veränderten.

Wir sprachen sehr lange nicht davon in Therapie oder psychiatrischer Behandlung zu sein.
Erst als wir mit den Eltern im Auto durch die Pforte der Uniklinik mit kinder- und jugendpsychiatrischer Station fuhren, fragte ich mich, ob das, was die Mutterfrau so sauber mit “Klinik” beschrieb, die Irrenanstalt, die Klapse, die Ballerburg sei.

Heute erinnere ich dieses Gefühl des Verrats und der Verwirrung.
Denn für mich war es, als würde ich mit einem Mal zwischen zwei Welten stehen. Zwischen “Ist schon alles okay, die Klinik ist eine Hilfe” und “Nichts ist okay, ab heute bist du irre.”. Es war wie ein Film mit logischem Fehler. Dem man folgt und entgegenbrüllt: “Hallo wie unrealistisch!”
Denn alle haben das gewusst. Alle. Nur wir nicht.
Wir haben mitgemacht. Haben an uns machen lassen. Unserem Leben. Unserem Sein. Unserem Werden.

Therapie ist jeder gelenkte Prozess. Irgendwie. Auf eine Art.
Psychotherapie ist ein von psychiatrischer, psychologischer, manchmal auch psychoanalytischer Deutungs- und Definitionsmacht gelenkter Prozess.
Da haben Menschen beobachtet, Schlüsse gezogen und Verfahren entwickelt.
Da haben befähigte Menschen beobachtet, Schlüsse gezogen und Verfahren entwickelt. Weiße Menschen. Männer. Altehrwürdigen Normen und Annahmen folgen und entsprechen könnende Menschen haben beobachtet, Schlüsse gezogen. Wissenschaft konstruiert und Verfahren definiert.

Therapie ist, was die Schüler_innen dieser Menschen davon in den gemeinsamen Prozess mit ihren Patient/Klient_innen einbringen.
Patient/Klient_innen, die ab dem Moment der Diagnose, ab dem pathologisierenden Moment ihres Leidens vieles, manchmal sogar nichts mehr von dem sind, was die sind, die sie umgeben. Noch bei Verstand. Ganz bei Trost. Ganz dicht. Wie jede_r andere. Befähigt. Selbstbestimmt.

Es hat der Menschenheit keinen Gefallen getan, der zwischenmenschlichen Begegnung, an der man wächst, versteht und einander bereichert und unterstützt, diesen Überbau der Deutungshoheiten und Mächte zu geben.
Es ist nicht gut, so viele manchmal unvereinbare und allzu oft sogar persönlich unversöhnbare Schulen und Lehren zu haben.
Denn jemand, di_er jemanden sucht, um sich und die eigenen Schwierigkeiten zu verstehen, zu verändern, loszuwerden oder zu heilen, braucht eigentlich das Wissen aus allen vergangen Prozessen. Aus allen verschiedenen Grundannahmen. Aus allen verschiedenen Beobachtungen und Schlüssen.
Sonst bleibt die Selbstbestimmung unmöglich.

Als Jugendliche in der Familie, in der ich damals lebte, war Selbstbestimmung kein Begriff für mich. Und doch hatte ich es vermisst, nicht selbst auch eine Entscheidung treffen zu dürfen. Selbst bestimmen zu dürfen, wie ich mich meiner Suizidalität und all dem, was da plötzlich alles mit und in mir passierte, widmen möchte.
Ich hatte keine Angst zu sterben. Ich hatte Angst davor das, was mich da immer wieder überrollte, mein Leben lang aushalten zu müssen. Während ich nicht wusste was da eigentlich war, wieso das immer wieder passierte – warum keine meiner Anstrengungen half.

Ich war damals sehr konkret in meinem Fokus. Gegenwart. Hier und jetzt war alles schrecklich und was ich wollte, waren Lösungen für nichts anderes als das. Die Erwachsenen in meiner Umgebung waren in der Zukunft und all dem, was sein könnte, würde, wenn… Wenn das so weiter geht, nimmt das kein gutes Ende… Würde man sie nicht in die Klinik bringen, dann…

Rückblickend denke ich immer noch, dass man uns mehr mit einem wochenlangen Wandertrip, einem Projekturlaub oder ähnlichem geholfen hätte.
Raus aus der Familie*. Raus aus der Familie°. Raus aus dem Schulstress. Raus aus dem Brei der Routinen und Gewohnheiten, in ein Umfeld, in dem nicht nur eine oder zwei (Gewalt)Komponenten anders waren.

Ich habe meine Wellen der Suizidalität und Nöte aus dem Nichts heraus, erst über 2 Jahre nach der ersten Einweisung in psychiatrische Kontexte selbst verstanden. Erst mit der richtigen Diagnose und in einem sehr viel weniger hierarchischem Umfeld hatte ich überhaupt ein Wort dafür.
“Wiedererleben”. “Flashback”.
Und selbst mit diesem Begriff dafür dauerte es noch einmal 2 fast 3 Jahre bis uns die objektive Ebene dieses Erlebens zugänglich wurde. Die Kontextualisierung mit dem Thema “Trauma” passierte. Bis wir, bis ich begriffen hatte, dass nicht ich die Quelle für die Not bin, sondern, das, was mir, was uns passiert ist.

Ich weiß nicht, wie das heute ist. Was heute in Kinder- und Jugendpsychiatrien der Behandlungsstandard ist. Ob und wie dort über die Diagnosen aufgeklärt wird. Ob die Möglichkeit besteht sich selbst zu diagnostizieren und darüber in Austausch zu gehen.
Das hätte ich gut gefunden.

Wenn ich meine Theorie der tausend Hirntumore mit jemandem hätte teilen können, als ich noch minderjährig war. Oder meine Idee von einer durch die Medikamente entwickelte Veränderung der Hirnchemie. Oder die damals alles bestimmende Angst, die sich darum drehte, dass es meine Bestimmung sei immer wieder so sehr zu leiden, ohne, dass ich oder irgendjemand anders es beenden kann. Dass es mein Leben sei zu leiden, weil ich nur dafür geboren wurde.
Jedes Gespräch darüber hätte mehr bewirkt als das Schweigen oder vorsichtige Nebelfahrtenkommando um das, was mit mir war.

Auch hier  finde ich es wieder. Die Komplikation durch unsere Kommunikations- und Interaktionsprobleme. Wir haben die Menschen, die nach Familie* und Familie° am meisten Macht über uns und unser Leben hatten, so oft nicht gut genug verstanden, sodass wir nicht wirklich effektiv dazu beitragen konnten ein stabiles und zutrauensvolles Bündnis aufzubauen.
Niemand geht auf Menschen oder Dinge ein, die unklar, schwammig, flüchtig sind. Niemand.
Und doch nennt man das bei Menschen, die als krank bezeichnet werden “Behandlungsverweigerung”, “fehlende Krankheitseinsicht” oder schlimmer noch “(bindungs)unfähig” (oder “persönlichkeitsgestört” as in “gestört von der kaputten, kranken, falschen Persönlichkeit(sstruktur)”).

Natürlich sehen wir, dass manche auch einfach nichts festlegen wollten. Kinder- und Jugendpsychiatrie ist an vielen Stellen nicht viel mehr als Kaffeesatz lesen und mit Modellen aus der Erwachsenenpsychiatrie übersetzen. Und doch gibt es universelle Begriffe. Gibt es etwas, womit gearbeitet wird.
Und das sind meistens irgendwelche Grundannahmen oder Ideen, die sich in Behandler_innen entwickeln, wenn sie sich mit ihren Patient/Klient_innen befassen und auseinandersetzen.

Das sollte man vermitteln können. Und zwar so, dass eine Kommunikation darüber entsteht.
Und sich daraus ein Prozess entwickeln kann.
Das geht. Das geht immer. Nicht nur in der Psychotherapie, sondern auch in der Betreuung, der Freund_innenschaft, der liebevollen Partner_innenschaft, der Elternschaft, der Pat_innenschaft, der Beratung, der kollegialen Zusammenarbeit.
Wenn etwas geht, dann kann man es machen. Einfach so.
Das braucht keine Erlaubnis. Eigentlich. (Außer klar: wenn es jemandem schadet/gewaltvoll ist)

Und wenn doch, dann ist die Umgebung prozessfeindlich und damit keine, in der man sich länger bewegen sollte, wenn man sich weiter_entwickeln möchte.
Denn Leben ist Prozess. Immer und überall, in alle möglichen Richtungen.

Hierarchie jedoch ist statisch. Gewalt, Macht, Hoheit ist ein statisches Ding.
Es kann weder sich noch andere Dinge in Veränderungen hinein bewegen. Es kann lediglich Machtbereiche wieder_herstellen und festigen.
Was manchmal hilft, jedoch nie über gewisse Punkte hinausgeht.

Wir erleben uns oft allein mit dieser Sicht auf Psychiatrie und ihre Wissenschaften. Auf Macht und Gewalt.
Erleben uns wütend ohnmächtig in den Momenten, in denen wir sehen, wie viele Menschen sich selbst so wenig selbstwirksam erleben, dass sie Orte der Macht und Propheten der Wahrheit produzieren. Im Fall von (traumatisierten) Menschen, die schwer leiden: Kliniken und Praxen (für Psychotherapie) und Behandler_innen, deren Ansichten und Theorien unantastbar sind.

Ohnmächtige Wut hat einen großen Anteil an unseren Erfahrungen mit stationärer Therapie gehabt. Heute bin ich dankbar dafür, dass mir zu Zeiten, in denen wir immer wieder in Kliniken entsorgt wurden, nicht bewusst war, wie sehr diese Konstellationen und Gefühle, die reale Unterwerfung und globale Auslieferung, dem ähnelten, was wir in der Familie* und der Familie° üb.er(ge)lebt haben.
Heute frage ich mich, ob ich das überlebt hätte, wäre es mir bewusst gewesen. Und antworte mir mit “Nein”.

Wäre es mir bewusst gewesen, hätte ich geglaubt, es gäbe keine anderen Facetten der Welt, des Lebens, des Prozesses, des mich-selbst-wahrnehmens und Er_lebens.
Ich hätte weiterhin geglaubt, dass ich Autoritäten brauche, die mir sagen, was richtig ist und was falsch. Wer oder was ich bin. Was ich darf und kann, und wozu ich bin. Wie mein Leben sein sollte, wie meine Ansichten sein sollten, um ernstgenommen zu werden. Wie ich re- und inter.agieren sollte, um angehört und respektiert zu werden. Ich würde immer noch denken, dass es falsch ist Fragen zu stellen und alternative Wege zu gehen.

Mein Leben würde sich darum drehen, Autoritäten zu entsprechen, die mich glücklich und zufrieden zu machen versprechen.
Statt darum, herauszufinden, was ich brauche und tun kann, um mir selbst einlösbare Versprechen zu machen. Um mir selbst das Leben zu bereiten, dass ich leben will und kann und möchte.
Mein Leben wäre darauf gerichtet, mich ein Leben lang wie eine für hässlich, störend, gefährlich befundene Hecke zuzuschneiden. Es ginge immer nur um mich. Und niemals um jene, die mich als zuzuschneidend befinden. Oder um die gemeinsamen Umstände, die zu diesem Befund an mir führen.

Ich denke heute, dass wir viel Glück hatten mit unseren Therapeut_innen.
Oft genug hatten wir auch Pech, doch es gab diese drei Frauen, die uns so begegnet sind, wie wir das gebraucht haben, um das Leben als Spektrum voller Möglichkeiten und Optionen zu begreifen – und in gewisser Weise auch: zu ergreifen.
Das war nicht die Oberärztin, die sagte, wenn ich mich nicht anfangen würde zu sprechen und zu essen, würde sie mich rausschmeißen und dann könne ich ja sehen, was mit mir passiert.
Das war nicht der Chefarzt, der mir sagte, dass Kinder ihren Eltern gegenüber verpflichtet seien.
Das war nicht die Therapeutin, die uns über Monate hinweg mit Konfrontationstrainings gequält hat.
Das war nicht die Therapeutin, die wusste, dass wir aus einer Misshandlungsfamilie kamen und nur darüber sprach, was wir lernen müssten, damit ES nicht von uns provoziert wird.

Wir haben so viele Gewalterfahrungen in Kliniken gemacht. Und so wenige Erfahrungen der Aufrichtigkeit, Offenheit, Sensibilität. Des Respekts und der Empathie. Des Versuchs unsere Perspektive einzunehmen und als valide anzuerkennen. Obwohl sie maximal von der der Behandler_innen abweicht.

Da werden wir im Leben nicht drüber wegkommen.
Wir werden niemals die Genugtuung erleben, dass dieses Unrecht in irgendeiner Form aufgedeckt und von der Gesellschaft, die das zugelassen hat, wieder gut gemacht wird. Oder leichter. Oder wenigstens: weniger schlimm.
Denn das ist eine Traumatisierung, die uns nicht von einer Einzelperson(engruppe) angetan wurde. Von unglücklichen Umständen gemacht oder aus unvorhersehbaren Dynamiken heraus, sondern von der neoliberal autoritären Gesellschaft selbst, die solcherart Institutionen nur leise zu kritisieren, jedoch nicht umfassend zu reformieren und umzuwandeln im Stande ist.

Alles was wir tun können ist, zu schauen, wie wir damit leben.
Mit dem Wissen, dass das so ist. Dass das nicht nur uns passiert ist. Dass es bis heute immer wieder in ganz verschiedenen Abstufungen, doch immer dem gleichen Muster folgend, passiert. Jeden Tag. Immer wieder.
Ohne, dass es aussichtsreiche Rechtsmittel und Schadenersatzmöglichkeit für die Betroffenen gibt.

Wir müssen aber auch schauen, wie wir damit Therapie machen. Mit diesen Erfahrungen.
Wie wir heute damit umgehen, mit einer Person in Kontakt zu gehen, die mit einem einzigen Schrieb eine Bewegung auslösen könnte, die uns maximal entrechtet und unterwirft, ohne mit Widerständen oder öffentlichem Skandal rechnen zu müssen.

Wie können wir uns für ein Gegenüber öffnen, von dem wir wissen, dass es ihn gelernt hat – den Blick auf Menschen als Objekt mit diversen Eigenschaften, die man einordnen, berechnen, be.messen kann. Und dem Beruf entsprechend auch muss. Im gewissen Maße.

Welche gemeinsame Ebene können wir finden, um einen konsistenten kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden, der unsere Zusammenarbeit zu tragen in der Lage ist?

Was brauchen wir als Überlebende von Helfer_innengewalt, um Helfer_innen mehr als nur Gewalt und Eigennutz zuzutrauen?

Was macht es uns möglich, in Helfer/Behandler_innen den Menschen zu sehen, der neben dem psychologischen auch einen eigenen Blick (auf uns) hat?

Welche Maßnahmen können wir treffen, um uns vor einer möglichen Absorption im Sinne einer übergriffigen Vereinnahmung zu schützen?
Wie verhindern wir von vornherein eine Abhängigkeit?
Das waren wichtige Fragen für uns. Manche davon sind auch bis heute immer wieder mal Thema.

Für uns hatte sich viel im „Therapie machen“ verändert, als wir uns unsere Suizidalität wieder angeeignet hatten.
Das war 10 Jahre nach dem ersten Suizidversuch und 11 Jahren, in denen wir gegen sie angekämpft, sie uns verboten haben. Letztlich, weil uns niemand helfen oder unterstützen, uns betreuen oder in der Nähe haben wollte, wenn wir suizidal waren.

Sehr lange hatten wir niemanden im Leben, di_er sich uns in diesem Zustand zugemutet hat. Und als wir dann das Glück hatten, eine Therapeutin zu treffen, die das tat, haben wir lange gebraucht um das zu verstehen, zu begreifen, zu glauben. Diesem Glück folgte das Glück, dass wir unsere Intervalltherapie immer mit ihr haben konnten. Und so erleben konnten, dass sie immer irgendwie da war. Auch dann, wenn zwischen unserer Zusammenarbeit viel Zeit lag.

Es gab keine Unterschiede in den Graden, die sie sich unsere Anwesenheit und das Arbeiten mit uns zugemutet hat.
Wenn wir miteinander zu tun hatten, dann war das konstruktiv auf das ausgerichtet, was wir erarbeiten wollten. Und nicht darauf, wie lieb wir sind und wie gut wir uns anpassen können. Wie gut wir gerade Therapie (in einer Klinik) machen können.

Heute denken wir, dass das einer der wichtigsten Etappen in unserer gesamten Therapiezeit war. Diese grundlegende Ausrichtung darauf, was wir für uns erarbeiten wollen – und eben weg von der (sozialen) Performance darum herum. Auch und obwohl wir uns in einem Klinikrahmen zum Arbeiten bewegt haben.
Für uns war es heilsam zu erfahren, dass jemand di_er innerhalb dieses Rahmens arbeitet, eigene Wichtigkeiten erhalten kann. Dass die strukturellen Gegebenheiten eben nicht alleinig die Handlungsmöglichkeiten definieren, sondern auch die Menschen, die darin und damit arbeiten.

Für uns war das das Vorbild zum Umgang mit der chronischen Suizidalität, der Essstörung und all dem anderen Horror, der heute das Hintergrundrauschen unseres Lebens ist, doch damals unser Lebenszentrum war.

Wir kamen nicht auf die Idee, dass die Dinge nebeneinander stehen könnten. Dass man sowohl suizidal als auch valide und ernstzunehmen sein kann. Dass man manche Dinge nicht können kann, aber manche Dinge schon. Dass manche Überzeugungen wichtig sind, manche andere aber auch.

Es wurde uns möglich unsere Schwierigkeiten in Dialog mit den Anforderungen an uns gehen zu lassen.
Und das war ein Ding. Das war eine der anstrengendsten aber wichtigsten Übersetzungsleistungen von außen nach innen, die wir geschafft haben.

Vom Beispiel der Interaktion zwischen Klinikrahmen (Regeln, Strukturen, persönlichen Machtdynamiken) und der Arbeit an und mit Inhalten (Befähigungen, anerkannten Belastungen und Bedürfnissen) – zur Interaktion der Symptome (ausgelöst und getragen von inneren Vorgaben, Strukturen, Machtdynamiken) und den Bereichen, die sie beeinflussen (unser Körper, unser Befinden, unser Leben (in der Zukunft) ).

Bis die Traumatisierung und das Vielesein anerkannt wurde, war die Suizidalität eine Frechheit. Ein anmaßendes Verhalten, das als persönlicher Angriff auf die Welt verstanden und entsprechend abgestraft wurde. Erst mit der Anerkennung der früher immer wieder herbeigeführten Todesnähe und der unverarbeiteten Bedeutung dessen, wurde sie zur logischen Folge. Zur Reaktion, bei der es auch um Selbstermächtigung, um einen jederzeit verfügbaren Not.Ausgang, eine Entscheidung, die uns niemand nehmen darf, geht.

Heute können wir anerkennen, dass jedes unserer potenziell lebensbedrohlichen Symptome etwas ist, das uns an unsere Macht über uns selbst erinnert. Manchmal auch ausübt, wenn wir sie in unserem Leben an irgendeiner Stelle nicht ausüben dürfen und wir darunter leiden.

Einmal an diesem Punkt angekommen, ging es nicht mehr zurück.

Wir haben heute keine Toleranzräume mehr in uns, gewaltvolle Helfer/Behandler_innen (in Kliniken) zu ertragen. Weil wir wissen, dass es geht, ist da kein Raum mehr für Legitimation, sondern nur noch für Anerkennung und die Entscheidung dagegen.
Eine schwierige Entwicklung vielleicht. Denn sie macht es uns vielleicht für immer unmöglich stationäre Hilfsangebote anzunehmen.
Andererseits ist es eine Entwicklung, die darauf fußt sich gegen Dinge zu entscheiden, die nicht gut tun.
Wer weiß.
Wir lassen das nebeneinander stehen.

Es geht auch nicht mehr in Zwangslagen zurück, die um Suizidalität und Hilfen/Unterstützungen/Behandlungen herum aufgebaut werden.
Wir unterschreiben keine “Anti-Suizid-Verträge” mehr. Wir weigern uns zu versprechen, dass wir uns nicht selbst verletzen und immer unseren Teller leer essen. Wir sagen nicht zu, dass wir lieb und artig alles mitmachen, was uns angetragen wird. Wir sichern nicht zu, immer alles so zu machen, wie das von uns erwartet wird, weil man von allen erwartet, was man so erwartet.
Wir erlauben es Behandler_innen nicht mehr, uns zum Gegenstand ihrer Behandlung zu machen.

Nicht weil wir denken, wir hätten eine besondere Behandlung verdient oder weil wir uns für jemanden halten, die besser als Behandler_innen wissen, was gut für uns ist oder sein könnte.
Sondern, weil wir denken, dass man die Folgen (massiver) Unterwerfung nicht innerhalb von Kontexten, die mit (massiver) Unterwerfung einhergehen, behandeln bzw. transformieren kann. Das ist als würde man nasse Pudel unter die Dusche stellen, um sie zu trocknen.

Wir sind Aus_Handelnde geworden.
Wir können anerkennen, warum in der therapeutischen Arbeit manche Absprachen wichtig sind. Und zwar nicht nur, weil sich die Person der_des Therapeut_in damit sicherer fühlt, sondern auch, weil si_er einen Anlass zum Wunsch danach hat, der vielleicht auch gar nicht mal nur in ihr_ihm liegt.

Unser Aus.Handeln mit unserer jetzigen Therapeutin begann damit zu schauen, ob so ein Anti-Suizid-Vertrag oder Nicht-Selbstverletzungs-Gebot von uns verlangt wird, weil man das schon immer so gemacht hat (struktureller Pauschalzwang) oder weil man sich persönlich damit besser fühlt (persönliche (Macht)Aneignung) oder weil man der beruflichen Verantwortung so gut es geht nachkommen will (basale Absicherung der Arbeitsbedingungen auf einer der beiden beteiligten Seiten).
Diese Frage hat zu einem guten Gespräch darum geführt, was wann wie in welchem Ausmaß vielleicht nötig abzusprechen sein könnte.

Wir haben die Absprache, dass wir grundsätzlich suizidal sein dürfen und uns auch suizidieren dürfen – aber vorher versuchen mit ihr darüber zu sprechen um zu schauen, ob das wirklich nötig ist. Das heißt konkret, dass wir uns bei ihr melden, wenn wir merken, dass wir diese Gedanken haben und sie sich für uns sehr greifbar entwickeln.
Wir sind die Manager_innen unserer Suizidalität. Die Therapeutin ist diejenige, die uns unterstützt, wenn wir den Eindruck haben, dass wir von der Suizidalität gemanagt werden.

Das Gleiche gilt für Selbstverletzung. Wir dürfen uns selbst verletzen, sollen aber dafür sorgen, weiterhin mit ihr daran arbeiten zu können, dass es nicht mehr nötig ist. Heißt: schwere Selbstverletzungen, die Infektions- und andere Risiken bedeuten könnten, sollen medizinisch versorgt werden. Es wäre einfach ungünstig an einer Sepsis zu sterben, während man mitten in der Arbeit daran ist, keine mehr zu entwickeln…

Ähnlich ist die Absprache um Kontakte zu Menschen, die zu Täter_innen an uns wurden.
Wenn wir welchen aufnehmen, dann sprechen wir darüber, wer warum, wann wie oft worüber – um zu verstehen, wie es dazu kam und zu prüfen, ob es dann noch sinnvoll ist die Therapie weiter zu machen.
Wir haben es als unheimlich entlastend erlebt, nicht auch die Verantwortung dafür übernehmen zu müssen, wenn diese Menschen Kontakt zu uns aufnehmen oder wir über die strukturellen Abhängigkeiten, in denen wir uns bewegen, mit ihnen in Kontakt kommen.

An der Stelle nehme ich mir die Freiheit diesem sehr langen Text noch einen Absatz hinzuzufügen, der auch gut in den Text zu sogenannten “Täter_innenkontakten” gepasst hätte.
Es gibt diese Art des Kontaktes mit Menschen, die zu Täter_innen wurden, über die strukturellen Gegebenheiten, auf die manche Menschen angewiesen sind. Das begann bei uns damit, dass wir ein Jugendhilfekind waren und ist auch heute noch immer wieder ein Thema, weil wir das behinderte 30 Jahre alte Kind unserer Eltern sind, das sich nicht selbst finanzieren kann. Obwohl es das will. Und trotz noch ganz vieler weiterer Obwohls.

Wir brauchen das Kindergeld. Wir brauchen BAföG. Wir sind eine schwerbehinderte Person, die seit dem 15 Lebensjahr weder lohnarbeiten noch sparen noch mit finanzieller Unterstützung aus der entfernteren Familie rechnen kann. Wir leben nicht von EU-Rente, nicht von Krankengeld. Wir sind nicht verheiratet oder in der Situation auf irgendein Erbe warten zu können. Wir können keine Kredite aufnehmen und ein Antrag auf OEG hat keine Erfolgsaussichten.

Wir waren schon immer da, wovor die meisten Angst haben, wenn es um Trennung vom gewalttätigen Menschen/Umfeld geht und haben bis heute keine einzige Möglichkeit unabhängig von staatlich aufgezwungenem Kontakt zur Familie an Gelder zu kommen.
Das ist unser Normal und das ist schlimm.

Und doch ist es kein Vergleich zu den Jahren, in denen der Kontakt nicht daraus bestand, dass beide Parteien Post über die Ämter jener Städte bzw. der vertretenden Instanzen erhalten, sondern aus Gewalt, die ich hier nicht näher beschreiben will.

Es gibt Behandler_innen, die auf Erfolgsgeschichten hinarbeiten. Die können Menschen mit einem Hintergrund wie unserem natürlich nicht gebrauchen. Denn ein Hintergrund wie unserer bedeutet, dass man sich mit der Krankenkasse streiten können müsste, wenn man keine langen Behandlungspausen riskieren will.
Es bedeutet, eine Lebensrealität kennenzulernen, der eine – der traumatischen sehr ähnlichen! – Ohnmacht mit zuweilen existenziellen Bedrohungen, immanent ist.
Es bedeutet eine Traumatherapie zu machen, während einer der stärksten Trigger auf einer anderen Ebene nicht mit einem lapidaren: “Die Bedrohung ist vorbei – du bist sicher – du bist versorgt – du kannst heute alles selbst bestimmen und erhalten, was du brauchst.” von heutigen Erfahrungen zu trennen ist.

Eine Beobachtung, die wir gemacht haben ist, dass sich die Üblichkeit der individuellen Freiheit, mit der sich die weißen, akademisch gebildeten, gut situierten und umfänglich befähigten Menschen, die sehr oft unsere Behandler_innen waren, umgeben, am Punkt “Hartz 4” oder “Schwerbehinderung” zu einer schmerzhaft ignoranten Grundhaltung wandeln kann.

Natürlich ist nicht von allen Behandler_innen zu erwarten, dass sie sich Menschen mit einem Hintergrund wie unserem auseinandersetzen. Aber wie unaufrichtig ist in der Folge dann ein jedes Engagement für komplex traumatisierte Menschen insgesamt?

Ab einer Behandlungsdauer von über 6 Monaten ist eine Krankheit als chronisch anerkennbar. Jede chronische Krankheit kann, je nach Lebensumständen, als Schwerbehinderung anerkannt werden.
Die Behandlungsdauer von Traumafolgestörungen nach komplexer Traumatisierung? Jahre.
Rein theoretisch hat es also jede_r Behandler_in, di_er nicht nur Kurzzeittherapien mit ihren Patient/Klient_innen macht, eine schwerbehinderte Person vor der Nase.
In der Folge wäre es also ein gar nicht mal so exotischer Schritt sich näher damit zu befassen, was das für die Lebensrealitäten der Klient_innen außerhalb ihrer individuellen Belastungsreaktionen und –umgänge bedeutet. Auch und gerade in Bezug auf strukturelle Hilfen und die damit einhergehenden Abhängigkeiten.

Wir haben uns in den letzten Jahren öfter in der Situation gesehen ein “101 Bürokratie des Lebenserhaltes” geben zu müssen, weil man unsere prekäre Situation nicht nur nicht mitgedacht hat, sondern auch schlicht ignorieren wollte, weil man diese Kontexte als etwas gesehen hat, das ja so nah dran am Individuum gar nicht sein kann.
Wir können anerkennen, dass Menschen, die nicht in diesem Kontext leben, das nicht sehen und verstehen. Akzeptieren, dass man den Patient/Klient_innen die Aufklärungsarbeit zuschiebt und sich dann doch dagegen entscheidet, mit diesem Wissen zu arbeiten, nicht.

Das fließt auch in eine weitere Absprache, die wir mit unserer Therapeutin haben. Dabei geht es darum keine Gewalt in dem Raum auszuüben und/oder dort etwas (oder jemanden) kaputt zu machen.
Das bedeutet für uns beide, alle, dass wir einander nicht schlagen oder sonstwie verletzen – es bedeutet für uns aber auch, dass wir uns auf einer Ebene bewegen, auf der es nicht um Recht, Schuld oder Wahrheit geht, sondern um Beobachtung, Analyse, Verstehen und (Weiter-) Entwicklung.

Uns tut diese Ebene sehr gut.
Vor allem, weil es uns eine ruhige Basis verschafft, von der aus wir uns langsam auch Traumamaterial nähern können.

In diesem Text wäre es vielleicht sinnvoll näher darauf einzugehen, was in der Traumatherapie eigentlich passiert, aber darüber haben andere Menschen schon so viel geschrieben.
Was wir dem noch anfügen können ist, dass “darüber reden” bei uns nicht im Zentrum der Therapie steht. Wir haben nicht das Ziel alles so genau wie möglich zu erinnern, sondern genug zu erinnern, um zu verstehen, zu transformieren und uns weiterzuentwickeln.

Für uns sind Stunden, in denen (desorientierte) Kinderinnens sprechen oder wir konkret über die Erfahrungen sprechen, sehr anstrengend und immer knapp an der Kante von “zu anstrengend”. Dem folgt zu Hause und in den Tagen (manchmal auch Wochen und Monaten) danach eine Phase, in denen dann vermehrt Erinnerungsstücke zusammenkommen – über die wir manchmal sprechen (können, wollen, müssen), manchmal aber auch nicht.
Diese Phase und die Integration dieser Erinnerungen als etwas, das uns allen passiert ist, stellt den Mammutanteil unserer Therapie.
Denn trotz viel intellektuellen Verständnisses um Dissoziation, Trauma und Gewalt und der Anerkennung der eigenen Beteiligung als logischer Fakt, ist die dissoziative Kluft zum emotionalen Begreifen nachwievor an vielen Stellen unüberwunden.

In Therapie zu sein, ist uns übrigens nicht peinlich. Obwohl wir sehen, dass unsere Leistungs- und Belastungsfähigkeit von diesem Umstand abgeleitet wird und nicht von unseren Leistungen bzw. dem Umgang mit Belastungen, sind wir offen damit.
Manchmal, weil wir denken, dass es einfach ein Teil unseres Alltags ist, der zu viel Raum einnimmt, um ihn zu verbergen, meistens jedoch, weil wir nicht einsehen, Kraft für ein Versteckspiel zu Performancezwecken aufzubringen. Wer Menschen nur dann als fähig, kompetent und ernstzunehmen einordnen kann, wenn diese keine Therapie machen oder psychisch unbelastet sind, der hat, denke ich, ein Reflektionsproblem an sich.

Die Stigmatisierung von Menschen, die ihre psychischen Belastungen auf ihre Art zu kompensieren oder transformieren versuchen, ist heute so tief in der Gesellschaft wie noch vor vielen Jahren. Meiner Ansicht nach ist die Antistigmatisierungsarbeit bis heute eher mittelerfolgreich und ich sehe nicht, dass sich das ändern wird, bis sich mehr und mehr Betroffene selbstvertretend äußern, obwohl und trotz all dem, was darauf erst einmal folgen kann.

Für mich persönlich ist es schon ein Stigma als “psychisch krank” bezeichnet zu werden.
Denn ich bin nicht krank. Ich habe mich an Gewalt anpassen müssen und funktioniere nun nach dem Ende dessen nicht mehr kongruent mit meiner Umgebung. Es geht nicht um mich allein – es geht um ein Zusammenspiel von mir und meiner Lebensumgebung.
Der Begriff der Krankheit deckt das in keinster Weise ab – auch dann nicht, wenn da “psychisch” vorsteht.
Trotzdem steckt diese Begrifflichkeit in jeder – wirklich jeder! –  Anti-Stigma-Kampagne von und mit Mediziner_innen.

Ich arbeite nicht an Heilung – niemand kann mich gesund doktern. Ich muss ein (soziales) Umfeld haben, in dem ich Entwicklungsschritte machen kann, die mir helfen, mich in Einklang mit meiner Umgebung zu erleben und meine Erfahrungen zu verarbeiten.

Ich persönlich brauche die Bezeichnung “krank” nicht, um mich in meiner Belastung und meinen Leiden anerkannt zu fühlen. Ich brauche dafür Worte und Gesten, alltägliche Momente und Räume, in denen ich grundsätzlich und mit allem, was da ist, anerkannt werde.

Einer dieser Räume ist die Praxis meiner Therapeutin. Ein anderer die Räume, in denen ich mit dem Begleitermenschen bin. Ein weiterer die Räume, in denen man von meinen Belastungen weiß und sie mitdenkt, wenn man mit mir zusammenarbeitet. Ein nächster ist meine eigene Wohnung.
Gerade diesen Raum so umzugestalten, dass er unseren Bedürfnissen weitestgehend möglich entspricht, hat sehr lange gedauert – aber im Ergebnis sind wir zufrieden.

Uns ist wichtig normal zu sein. Wir wollen, dass so wie wir sind und leben genauso normal ist, wie jedes andere Leben und Sein auch.
Die Belegung unserer Hilfebedarfe mit bürokratischen Aufwendungen und Konstrukten der Pathologie jedoch, machen uns und unser Leben unnormal. Anders. Fremd. Besonders.

Wir kennen Menschen, denen das sehr wichtig ist. Weil das, was sie erlebt haben für sie ganz fremd, anders, unnormal war. Ihnen kommt dieser Umstand des Othering von Hilfe und Leiden sehr zugegen und wir können das anerkennen und akzeptieren.

Dennoch sehen wir: Gewalt ist normal. Leiden ist normal. Belastet sein und Unterstützung brauchen ist normal.
Es gibt keinen Grund für den Ausschluss belasteter und bedürftiger Menschen aus der Norm, außer irrationale Ansteckungs-, Überforderungs- und Fremdheitsängste, die meiner Ansicht nach am besten mit Bewusstseinsarbeit über die Normalität als vielseitiges Spektrum aufgelöst werden können.

Was mich zum letzten Punkt bringt.
Öffentlichkeitsarbeit für Traumatherapie und Betroffeneninitiativen.
Wir engagieren uns inzwischen schon lange bei der Initiative Phönix, die sich für eine Ergänzung der Richtlinien zur Psychotherapie einsetzt und versucht den Interessen komplex traumatisierter Menschen eine Stimme zu geben.

Uns tut diese Arbeit gut. Wir lernen immer wieder etwas Neues und haben unser Verständnis von der strukturellen Ebene um Psychotherapie und Behandlungs- und/oder Hilfenfinanzierung sehr erweitern können.
Doch wir lernen auch: ohne Behandler_innen, die uns unterstützen, geht da noch gar fast nichts und das frustriert uns sehr.

Wir sind durch Zeiten gegangen, in denen wir sehr mit der von uns angenommenen Masse der traumatisierten bedürftigen Menschen gehadert haben, weil wir sie als passiv und kleinklein gedacht haben. Heute haben wir diese Gedanken durchaus immer noch manchmal, aber wir können dem mehr Verständnis entgegenbringen.

Nicht zuletzt, weil wir ja selbst merken, dass es in manchen Kontexten nur ein kleines Blog braucht, um Menschen so sehr zu verunsichern, dass sie nur noch mit Gewalt auf eine_n reagieren können. Was da dann wohl eine ernstzunehmende Bewegung oder andere Aktivitäten von Betroffenen für Betroffene auslösen könnten … Für manche Menschen ist das ein Horrorszenario.
Natürlich bleiben die Betroffenen vor solcherart Verhalten dann lieber in ihren sicheren, meist ja auch hart erkämpften, Räumen und tun nichts oder nur geheimes, anonymisiertes, von hinten durch die Brust ins Aug- iges.

Es ist nicht falsch das zu tun. Aber es ist auch nicht die Art Rückenstärkung, die man manchmal braucht. Gerade dann wenn man, so wie wir, ja nicht einmal als Stellvertreter_in für alle Menschen mit gleichen Problemen auftritt, sondern dazu gemacht wird, weil es nicht denkbar/glaubbar ist, zu tun was wir tun, wie wir das tun.

Mir wäre es manchmal lieb, wenn Menschen zu unseren Texten Abgrenzungen von sich machen. Oder wenn wir davon ausgehen könnten, dass auf Verleumdung oder Hetze gegen uns mehr als aufdringliches Grillenzirpen zu hören ist. Oder wenn wir einfach insgesamt mehr Betroffenenprojekte und Initiativen hätten.
Gleichzeitig wissen wir, wie schwierig das ist.

Und hassen dieses Dilemma.

Umso mehr spornen wir uns dazu an, die Initiative weiterhin zu unterstützen. Es fügt unserer Auseinandersetzung immer wieder so vieles hinzu, das uns hilft konstruktiv an sowohl den Zielen der Gruppe, als auch unseren persönlichen weiterzuarbeiten.

Es ist eine Art gelenkter Prozess.
Und damit irgendwie auch: Therapie

*Text als PDF zur freien Weitergabe

Lauf der Dinge

Wonder Women – Supermulti – to be human oder: A.

Es hat mit Storm angefangen. Der X-Men, der eine Frau ist und Stürme, Blitze und Gewitter machen kann, weil ihre Gene so mutiert sind, dass sie es kann.
Mein Ding mit Superheld_innen.
Die X-Men sind die kaputtesten Held_innen, die ich kenne. Die mit dem größten Leid, der tiefgreifensten Debatte der Menschheit, um und an ihrem eigenen Leben, Sein und Wirken.  Sie sind Mutanten. Sie sind anders. Sie sind Menschen. Und doch wieder nicht. Oder doch? Oder nicht?
Was macht den Mensch zum Menschen?

Es ist jetzt halb 1 Uhr morgens. Dank einem halben Liter Club Mate prozessiert mein Gehirn den gerade angeschauten Film “Wonder Women”.
Wonder Women heißt Diana und ist eine Göttin, ohne es zu wissen.
Sie stellt sich nicht die Frage, wer oder was sie ist. Was sie ausmacht. Sie hat ihre Werte und folgt ihnen. Der Zweifel macht sie stärker. Der Kampf bewusst für sich und die Tragweite dessen, worum es (ihr) geht. Buff bamm bäng.  Eine Person ganz nach meinem Geschmack.
Ja flach. Ja platt. Ja Kino. Ja Fiktion. Aber ach – viel mehr ist Leben doch auch nicht. Jedenfalls nicht für mich.

Ich kann diesen Kämpfer_innen so viel abgewinnen. Nicht, weil ich Supermulti sein will. Nicht, weil ich alles im Griff haben will. Weil ich glaube, wenn ich nur gut genug, super genug bin, dann gibt es Grund für Hoffnung, Leben, Mut und Weitermachen.
Es ist das Bewusstsein um alles das, was mir gleichermaßen fehlt, wie einer Göttin, die nicht weiß, dass sie eine ist; einer Mutantin, der so sehr weder Menschenwürde noch –rechte anerkannt werden –  nein, ich fange jetzt nicht an eine Comic-Superheld_innereferenz nach der anderen zu ziehen.
Der Punkt ist ebenjenes Fehlen von etwas, das profund ist, um zu wissen, wer oder was, wozu und woraufhin man ist.

Wo Diana den Menschen eine Tiefe zuweisen kann – wo sie menschliche Abgründe, neben Glanz und Gloria erkennt, sehe ich in mir andere Seelen. Innens.
Und eben nicht nur mich.

Als wir unseren Antrag auf Leistungen aus dem Fonds für Menschen, die zu Opfern von sexualisierter Gewalt wurden, schrieben, war unsere Hürde genau dieses Loch zu beschreiben. Diesen Unterschied. Diese Mutation, die die Gewalt so tief in dem, worin wir sind, ausgelöst hat.

Was ist ein Mensch, der sich selbst nie als solcher erkennen konnte?

Dissoziiert. Getrennt.
Von Wissen und also auch Begreifen.
Eingreifen in den eigenen Lauf der Dinge.
Partei (für sich) ergreifen.

Die Superheld_innen, Gött_innen und Mutant_innen in meinen liebsten Comics, sind die armseligsten Figuren, die menschliches Erzählen kennt.
Denn sie tun nichts für sich und einfach nur deshalb, weil sie es können.
Es ist die Selbstaufgabe, die sie zu Held_innen macht.
Held_innentum ist immer nur Thematik – niemals Essenz des Lebens selbst.

Als diese Essenz gilt, was das Selbst allein um sich selbst Willen definiert.
Liebe
Ehre
Würde
Stolz
Erfüllung
Inspiration
Leidenschaft
Faszination
Emotionen

Meine Essenz ist Kämpfen und danach Weiterkämpfen – für Momente, in denen ich nahe genug an die Essenzen des Lebens herankommen kann, um überhaupt mal zu schauen, was das ist. Wie sich das anfühlt. Wofür das gut ist. Wie man sich das macht. Das Gefühl von Erfüllung. Momente von Leidenschaft. Wie man sich das erhält, obwohl einem die Welt jeden Moment gleich wieder durch die Finger rinnen kann. Ohne etwas dagegen tun zu können.

“to be human is to love” – das ist die Line im Soundtrack zum Film.
Ich war noch nie verliebt. Weiß nicht, woran genau ich (echte aufrichtige) Liebe erkenne, geschweige denn, was ich damit anfangen soll, wenn sie in meinem Er_Leben überhaupt jemals eine Rolle spielen sollte.
Bin ich erst Mensch, wenn ich die Liebe „kann“?

Und was, wenn ich sie zu schwer finde? Unwichtig? Irrelevant?
Was, wenn ich glaube, dass Liebe überbewertet wird, weil so viele Menschen keinen Bock auf die Verantwortung haben, die das Leben und Sein selbst mit sich bringen?

Hab ichs dann verwirkt?
Oder ists auch hier schon die Frage, die der Rand meines Mutantentraumascheißelochs ist?

Autismus und DIS, DIS?, Innenansichten, Lauf der Dinge

adultistischer Ableismus und Kinderinnens

Wir haben ein Problem an dem Umgang mit Kindern.
Das macht unsere Texte über Kinderinnens oft zu einer unflauschigen Angelegenheit.
Zu Beginn schreibe ich hier über Außenkinder, um die Abgrenzung aber auch den Bezug zu Innenkindern (Kinderinnens) deutlich erkennbar vorzunehmen.

Ziemlich stark ist in uns die Ablehnung von Kindern als “die Zukunft”.
Und richtig kirre macht uns der west-wohlstandsgesellschaftliche Blick auf Kinder, in dem sie so kostbar sind, dass man sie 24/7 fördern muss, damit sie auch nur den Hauch einer Chance haben, den übersteigerten Erwartungen und Ansprüchen der Generationen vor ihnen in irgendeiner Form nachzukommen.

Kinder können ja nix. Sie sind ja immer gefährdet. Man muss sie schützen. Man muss sie bewahren. Kinder sollen die Erwachsenen mal machen lassen, damit diese ihnen “das Beste” antun können. Damit Erwachsene noch immer mehr Gründe haben, weitere Forderungen als legitimiert einfordern können.
Und selbstverständlich wissen nur Erwachsene, was genau “das Beste” eigentlich ist.

Adultismus ist das Wort dazu.

Adultismus ist ein Kind des Ableismus und gehört also zur Familie der Scheiße-ismen, die das zwischenmenschliche Miteinander unserer Gewaltkultur vollständig durchdrungen haben.
Es geht um Macht und damit auch um Gewalt.en.
Im Falle des Adultismus, geht es um die Macht bzw. die Diskriminierungen, die erwachsene (dezidiert umfänglich befähigte) Menschen über noch nicht erwachsene (also (in der Mehrheit der Fälle) aufgrund des anderen Reifegrades anders umfänglich befähigte) Menschen inne haben und ausüben.

Diese Macht bzw. diese Diskriminierung manifestiert sich in normalisierten Handlungen, gleichzeitig aber auch in Handlungen, die gesellschaftlich abgelehnt werden.
Es ist üblich Kinder einfach so zu einzuordnen und zu reglementieren, ohne sie zu fragen. Und selbst in Familien, die Wert darauf legen, dass die Kinder ihre Grenzen selbst festlegen dürfen, gibt es X Ausnahmesituationen, in denen ebenjene Grenzen aufgeweicht werden, um etwas durchzusetzen, das als “das Beste” für das Kind verstanden wird – ohne, dass das Kind ein Bestes für sich definieren kann oder darf.

An dieser Stelle will ich nicht auf “Ja, aber Kinder können doch noch gar nicht wissen/entscheiden…” eingehen. Denn: Ja mag sein, dass ich keinen Konsens mit einem einjährigen oder dreijährigen Kind über eine Impfung aushandeln kann – aber ich muss mein übergriffiges Handeln nicht damit rechtfertigen, dass ich mehr weiß oder mehr kann, als mein Kind und leugnen, dass ich an der Stelle gerade etwas entschieden habe, weil ich das konnte und wollte und sollte und vom Gesetz zugestanden auch: durfte – und das Kind nicht.
Es ist nur ehrlich und fair, wenn ich an der Stelle transparent um mein Handeln bin und so dem Kind ermögliche (im Rahmen der zu dem Zeitpunkt bestehenden Möglichkeiten) zu erkennen, was da gerade passiert ist, um selbst eine Einordnung vorzunehmen.

Für die Kinder in dieser unserer Gesellschaft gibt so wenig frühe Chancen, die Erwachsenen um sich herum und deren Handeln auch mal scheiße zu finden, ohne selbst sofort um Leib und Leben fürchten zu müssen. Das bedeutet im Umkehrschluss auch, dass Kinder niemals in der Lage sind ganz und gar autark zu meinen oder zu finden oder zu urteilen. Und folglich auch: zu fordern oder zu wollen.
Was im Zusammenspiel mit den wenig geschätzten Fähig- und Fertigkeiten überhaupt erst zu ebenjener Abhängigkeit vom “good will” der sozialen Umgebung führt, die allgemein mit Kindern in Zusammenhang gebracht wird.

Wie gesagt: Wir müssen nicht darüber reden, dass Kinder nicht die 20 Sahnetorten haben können, die sie gerne hätten.
Aber wir müssen darüber reden, aufgrund welcher Machtstrukturen es die erwachsenen Menschen sind, die ihnen diese Sahnetorten verwehren und was das für die Realitäten der Kinder bedeutet.

Aus Kindern, die in adultistischen Umfeldern aufwachsen, werden Erwachsene, die eine spezifische Sicht auf die eigenen Fähig- und Fertigkeiten internalisiert haben und, die sie folglich immer entlang von Autoritäten oder in Abgrenzung zu versagen/scheitern/noch nicht können, definieren.
Ein Marker dafür kann die ständige Ausrichtung auf die Zukunft der eigenen Fähig- und Fertigkeiten sein.
Ein kindliches: “Wenn ich groß bin, dann …”, kann zu einem erwachsenem: “Wenn ich meine Koch- und Backskills als Masterdiplom of the universe schriftlich mit Brief und Siegel hab, dann…”, werden.

Gleiches gilt für die Bewertung eigenen Handelns.
”Wenn Mama/Papa/Lehrer_in/Doktor_in/Richter_in/Bürgermeister_in/Bundeskanzler_in… sagt, was ich gemacht hab, war gut/schlecht, dann… ”.

Adultismus ist ein wichtiges Instrument der Kontrolle über Menschen.
Im Kontext der konkret körperbezogenen Gewalt an Kindern, kommt es so zu einer ganzen Reihe von Diskriminierungsfaktoren, die auch nach der Tat bestehen bleiben und so verhindern können, die strafbare Gewalt durch Erwachsene von der legalisierten/normalisierten Gewalt abzugrenzen.

Aus so miss.be.handelten Kindern, können folglich Erwachsene werden, die zum Einen den adultistisch-ableistischen Blick auf sich internalisiert haben, zum Anderen aber auch eine diffuse Haltung gegenüber der Frage, welches Verhalten wie übergriffig ist und welches Verhalten womit zu legitimieren oder begründen sein könnte.

In der Auseinandersetzung mit Kinderinnens haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Idee vom erwachsenen Menschen eine ist, die einem Kind immer und in jeder Situation überlegen ist. Aufgrund der jeweiligen Fähig- und Fertigkeiten.

Die Schieflage ist uns gefallen, nachdem wir die gleiche Haltung uns gegenüber von Mediziner_innen und anderen Behandler_innen erlebten, die sich uns überlegen fühlten, weil sie diverse Fähig- und Fertigkeiten, als bei uns fehlend oder “krankhaft” eingeordnet hatten.
Nachdem wir in unseren früheren Lebenskontexten festgestellt hatten, dass man uns als weniger wert einordnet, weil wir bestimmte “Leistungen” nicht erbringen konnten.

Diese Parallele mit “Ableismus” beworten zu können, ist etwas, das uns heute sehr stärkt. Denn es gibt uns ein Wort für die Dynamik selbst, ohne näher an die Personen, die so mit uns interagiert haben, herantreten zu müssen.

Mit dem Verständnis des Ableismus haben wir auch ein Werkzeug zur Erkennung von Umfeldern, in denen wir sicher sind, in denen wir wachsen und werden können. In einem Umfeld, in dem wir unsere eigenen Fähig- und Fertigkeiten entwickeln können, ist genauso viel Raum zum Versuchen, wie zum Scheitern.
In Umfeldern, wo unsere Fähig- und Fertigkeiten beobachtet werden, um anhand von Leistungs- und Beurteilungsschemata eingeordnet zu werden, gibt es weder Versuchen noch Scheitern. Dort gibt es eher “Daumen hoch” oder “Daumen runter”, wie damals in Cäsars Arena. Was einer DER Trigger für komplex traumatisierten Menschen ist.

Für einen komplex traumatisierten behinderten /Menschen/ mit Behinderungen ist letzteres Szenario also zwangsläufig wie eine durchgehende Gewalterfahrung(swiederholung).
Denn sowohl die Gegebenheiten, welche die Behinderung letztlich verursacht, als auch die Traumatisierung, die gewisse Anpassungen abverlangt (und ihrerseits zu Gegebenheiten führt, welche Behinderungen (mit)verursachen), erfordern häufig Leistungs- und Beurteilungsschemata, die anders aufgebaut sind, als jene, die an Menschen ohne diese Eigenschaften angelegt werden.

Im Ableismus ist der normale Mensch, dem man mit Respekt und unter Wahrung seiner Würde begegnet, “gesund”, “reif”, “kognitiv umfassend befähigt”, “körperlich voll funktionsfähig”.
Das “gesund”, “reif”, “kognitiv umfassend befähigt” und “körperlich voll funktionsfähig” behinderter Menschen – aber auch von Kindern – ist grundsätzlich ein anderes. Jedoch nicht, weil geforderte Leistungen auf einem anderen Weg erbracht werden – nein. Die Notwendigkeit einen anderen Weg zur Erbringung einer Leistung gehen zu müssen, ist bereits ein Ausschlusskriterium von der Norm.

Mich hat diese Erkenntnis damals schockiert. Nicht zuletzt, weil sie mir damals schon – mit 14/15, als wir zum ersten Mal in einer KJP untergebracht waren – aufzeigte, dass mir die kleine Welt, in der ich lebte, ein Ort ist, der mich wegstößt, isoliert und als noch einmal anders, als ich mich selbst anders erlebte, wegsortiert. Nur, weil meine Art mit dem umzugehen, was mir passiert war, ein anderer Weg war, als der von all den anderen tausenden Menschen, die das Gleiche jeden Tag erlebt haben.

An dieser Stelle ein kurzer Ausschwiff.
Wir haben vor Jahren einmal einen Artikel geschrieben, in dem wir sagten, dass es im “DSM-Rosenblatt” keine Krankheiten gibt, sondern nur Reaktionen.
Heute würden wir sagen, dass wir keine Krankheiten sehen, sondern Reaktionen und spezifisch begründete Wege zum Ziel.
Gesundheit ist ein ableistischer Machtbegriff. Gerade, weil in der Betrachtung dessen, was als “krank” (aber auch “behindert”) gilt, weder die Menschen als grundsätzlich variable Basis, noch ihre Er_Lebenswege als unterschiedlich begehbar anerkannt und angenommen werden.

Hinzu kommt die Problematik, dass kritische Bildung in Psychologie, Psychiatrie und Medizin so leicht zu umgehen ist.
Ans akademische Ziel kommt es sich bequemer, wenn man die eigenen (ableistischen, sexistischen, rassistischen…) Annahmen als gegeben und einzig verifizierbar etabliert.
Das heißt: wenn man sich eine Idee macht und dann nur noch nach Beweisen dafür – und nicht dagegen – sucht.
Kritische Bildung (also eine Idee zu entwickeln und alle Hinweise dafür und/oder dagegen in die Ergebnisse fließen zu lassen) könnte zu Wisssenschaftler-/Behandler_innen führen, die zu arbeitsintensiven Forschungs-/Diagnose- und Behandlungsphasen führen.
Oh Schreck.

Kapitalismus und wirtschaftlich orientierte Räume, wie Krankenhäuser und andere Orte psychiatrisch, psychologischen oder medizinischen (wissenschaftlichen) Wirkens mögen sowas gar nicht.

Aber auch der zwischenmenschliche Wettkampf um Egostreichelei und Reputation spielt eine Rolle.
Turbo-Abi mit 17/18 – im OP-Saal eine Aorta abklemmen mit 25 – tollster Retter aller Zeiten mit 35. Auf dem Klassentreffen mit 40 die Person, die reden kann, wie es vor ein paar Jahrzehnten nur 70 – 80 jährige Rentner_innen konnten. Nach dem Tod eine Institiution für Generationen sein.

Viel ist viel – viel ist aber nicht zwangsläufig “viel Gutes”.
Geschweige denn: “nicht gewaltvoll” im Sinne von “nicht diskriminierend”.
Um viele Patient_innen durchzuschleusen, muss man menschlich wie fachlich bestimmte Aspekte diskriminieren. Das geht nicht anders.
Schwierig ist jedoch, dass es dabei um Menschenleben und Individuen geht. Wenn man daran etwas abschneidet, verstößt man gegen das Prinzip weder Leid noch Schaden an seinen Patient_innen zu machen.
Und sichert sich damit selbst die Arbeit bis zum Ende der Karriere.

“Nachhaltige Gewaltwirtschaft” nennen wir das.

Wer daraus aussteigen will, muss sich selbst zurückstellen. Muss sich auf die Kernelemente des menschlichen Lebens konzentrieren. Muss in der Lage sein, seine Arbeit zu kritisieren, ohne sich selbst dabei gekränkt zu fühlen. Muss sich mit Gewalt und ihren Formen außerhalb von „schlagen, foltern und beschimpfen“ befassen. Muss sich selbst als jemand an.erkennen, di_er Gewalt ausübt, ohne in den reaktiven Täter-Opfer-Dyadismus zu verfallen.
Muss langsam bleiben.

Ausschwiff Ende.

Als mir zum ersten Mal gesagt wurde, ich hätte mich wie ein kleines Kind verhalten, ohne dass ich mich daran erinnern konnte, verfiel ich in den eigenen internalisierten Ableismus: “Ich muss mich mehr zusammenreißen. Besser funktionieren, mich besser kontrollieren, meiner Entwicklung in Richtung “erwachsen sein” stärker nachgehen.”.
Und versagte.

Ich war 16 Jahre alt, in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie und wenn ich eines nicht über mich und mein Leben hatte, dann war es Kontrolle. Und Verstehen. Und Ruhe oder Freiraum mich selbst unter nicht ableistischen Aspekten wahrzunehmen.

Die Diagnose der DIS wurde gestellt, eine Dauermedikation mit Tranquilizern wurde begonnen (diese sollte erst 5 Jahre später enden) und ich (wir) entwickelten alle möglichen Kontrolletti“krankheiten” (eine restriktive Essstörung, neue zwanghafte Anwandlungen, sehr strikte Vermeidungsmoves in der psychotherapeutischen Gesprächstherapie).

Auftauchende Innenkinder waren (sind) für mich der absolute Kontrollverlust. Die Rückmeldung von Außenstehenden darüber, eine nicht nur peinliche, sondern mitunter auch sehr demütigende Situation. Denn wo Außenkinder als nicht kompetent und bestenfalls süß (harmlos) und amüsant gelten, da gelten Kinderinnens wie eine Art Beweis für die “in Wahrheit” bestehende Inkompetenz, Harmlosigkeit und Berechtigung belächelt zu werden, einer gleichzeitig doch erwachsenen Person.

Erst als wir mit einer Therapeutin zusammenarbeiteten, die respektvoll und mit einer grundlegend offenen Haltung – trotz all der ableistischen und anderen Gewaltdynamiken um unsere gemeinsame Arbeit herum! – auf uns alle, die wir Innens in diesem einen Menschen sind, zuging, konnte sich das alles ein bisschen auflösen.
Bei ihr und auch bei der Therapeutin, die heute mit uns arbeitet, hatten wir nie das Gefühl, dass Kinderinnens nichts beitragen können. Oder ein aufreibender Quirk sind, der unnötig Zeit und Raum erfordert. Sie haben uns durch ihren Umgang vorgemacht, welche Sicht wir noch auf sie haben können und wie ein damit kongruenter Umgang aussehen kann.

Das ist so ein Aspekt, den wir oft nicht bewusst bei Behandler_innen (aber auch Verbündeten und sogar selbst Betroffenen) sehen. Es gibt einige, die Liebe und Fürsorge für Kinder(innens) “predigen”, aber Harmlosigkeit und Inkompetenz (die zu leiten/managen/kompensieren ist) dem eigenen Umgang zugrunde legen.
Also adultistische Interaktion vorleben bzw. fordern.

Dazu gehört zum Beispiel die Annahme, dass Kinderinnens nur bestimmte Dinge wollen oder brauchen könnten. Zum Beispiel spielen oder umsorgt werden.
Dazu gehören aber auch Forderungen danach, dass man nur mit erwachsenen Anteilen/Innens zu sprechen verlangt. Oder nur erwachsene Anteile/Innens zu sprechen erlaubt. Oder auf einer Station in einer Klinik verbietet, dass Kinderinnens irgendwo anders als heimlich ausnahmsweise in einzeltherapeutischen Settings sind.

Solche Forderungen sind im Kontext vom Bemühen um den effizienten und reibungslosen Klinikalltagsablauf, unter unmöglichen personellen und anderen strukturellen Gegebenheiten natürlich nachvollziehbar.
Unter dem Aspekt dessen, was Patient_innen mit so schweren Traumafolgestörungen brauchen, um von der Therapie_Zeit zu profitieren, jedoch nicht.

Im Gegenteil offenbaren solche Forderungen ein Verständnis der Dynamiken innerhalb dissoziierter Systeme, das nicht vereinbar ist mit dem, was die Diagnosen letztlich überhaupt erst definiert.
So ist das Verbot irgendwelcher Wechsel bei Menschen, die ihr ganzes Leben mit Wechseln jeder Art gerettet haben und deren Diagnose genau davon gekennzeichnet ist zu wechseln, wie das Verbot zu husten, wenn man Tuberkulose hat: irrational, sinnlos, ableistisch gesagt: strunzendumm.

Und: es reduziert die Personen selbst zur alleinigen Quelle ihrer Probleme und macht die Behandler_innen (und andere umgebende Personen) zu unbeteiligten Dritten und Räume wie Kliniken oder Praxen zu „neutralen“ Orte, die sie niemals sind und niemals werden können!

Doch gerade bei Traumafolgestörungen handelt es sich um Reaktionen auf Umfelder.
Um Anpassungsmechanismen, die nach Umfeldsveränderungen mehr oder weniger plötzlich dysfunktional sind.
In eine Klinik zu gehen bedeutet eine Umfeldveränderung.
In eine Praxis für Psychotherapie zu gehen bedeutet einen Umfeldveränderung.
In eine Selbsthilfegruppe zu gehen bedeutet einen Umfeldveränderung.
Neue Personen bedeuten eine Umfeldveränderung.

Für manche Behandler_in ist die Information, dass auch sie Akteur_innen im Leben(sabschnitt) ihrer Patient_innen sind, mehr oder weniger flash news.
Die sie von sich weisen (müssen).
Weil “professionelle Distanz”.
Statt “Anerkennung zwischenmenschlicher Beziehung in definierten Grenzen”.

Auch an der Stelle taucht manchmal wieder eine adultistisch-ableistische Grundannahme auf: “Jemand di_er als Kind so gelitten hat, dass si_er Kinderinnens entwickelt hat, braucht eine Art der Fürsorge und Nähe, wie sie im Kontext der Behandlung/Pflege unangemessen (“von mir nicht leistbar”) ist.”.

Die bei Außenkindern als notwendig anerkannte bedingungslose Globalfürsorge, wird bei Erwachsenen mit anderen Befähigungen (also Behinderungen oder Krankheiten) zu etwas, das nicht kritisch hinterfragt wird, sondern als mit oder von der Person ausgehende An_Forderung, die angenommen und/oder vorausgesetzt wird.

Das bedeutet für Menschen mit DIS, die (noch) oft zu Kinderinnens wechseln, dass sie nicht als erwachsene (befähigte) Person, die mit kindlicher Strategie auf etwas reagiert, gesehen wird, sondern als Person, die im Kern (auch) noch kindlich ist (oder schlimmer: sein will, weil sie ihr Umfeld kontrollieren oder manipulieren will).

Für uns haben sich Umfelder als hilfreich bewährt, die sich selbst als auch Wechsel/Flashback/Problem auslösende Quelle verstanden haben bzw. verstehen.
Denn ihr Umgang mit diesem Selbstverständnis liefert uns Ideen und Verhaltensblaupausen zum moderaten Umgang bzw. zur alternativen Strategieentwicklung für uns selbst.

Von Menschen, die dysfunktionales Verhalten einzig abstrafen und zu kontrollieren abverlangen, können wir auch nur lernen, unser dysfunktionales Verhalten abzustrafen und zu kontrollieren abzuverlangen.
Von Menschen, die andere Wege (als die eigenen, oder die der Mehrheit der Menschen) zum Ziel für unnormal, krankhaft, falsch, nervig … halten, können wir auch nur das übernehmen.

Von Behandler_innen wird nicht zuletzt deshalb auch ein grundsätzlich wertschätzender, anerkennender, respektvoller Blick bzw. wertschätzende, anerkennende, respektvolle Grundhaltung auf Klient_innen/Patient_innen abverlangt. Da geht es nicht darum einander zu mögen oder gut zu heißen, was die Personen jeweils tun. Da geht es darum, einander nicht zu demütigen oder herabzuwürdigen, weil man ist, wie man ist.

In einem früheren Artikel beschrieben wir Kinderinnens als eine Art innere “apokalyptische Reiter”.
Noch heute betrachten wir sie so.
Wir wissen, dass das Auftauchen eines Kinderinnens bei uns niemals für eine gute innere Gesamtverfassung spricht.
Immer geht es darum, sich (uns) so in Not und Bedrängnis oder innerer Inkongruenz zu erleben, dass ein früherer Zustand eintritt, der nur noch ganz spezifische Strategien zur Aufrechterhaltung des Lebens oder der Kommunikation – und Interaktion möglich macht.
Dieser Zustand ist es den wir mit “Kinderinnen” oder “Innenkind” bezeichnen.

Menschen, die nicht viele sind, können dazu sagen: “Ich fühle mich, als wäre ich wieder ein Kind.” – denn sie erinnern sich daran, wie es war ein Kind zu sein. Sie leben nicht mit einer umfassenden dissoziativen Amnesie für die eigene Biografie und können ihre inneren Zustände weniger fragmentiert erinnern.

Wir jedoch haben vermutlich schon als Kind dissoziiert er_lebt und erinnert. Entsprechend sind solche (erinnerten) Zustände fragmentiert und erlebt.
Durch das Zusammenspiel der fragmentarischen Wahrnehmung und immer wieder nötigen Dissoziation haben sich daraus Ich-Zustände entwickelt. Also etwas, das wir heute als “konsistentes Ich” also “Innens” bezeichnen.

Das bedeutet für uns in der therapeutischen Arbeit, dass wir uns nicht als eine Person, die in manchen Aspekten “unreif/kindlich/weniger befähigt” ist, sehen, sondern als Person, die unterschiedliche Zustände aus Zeiten der relativen Unreife/Kindlichkeit/weniger ausgeprägten Befähigung nicht kongruent und umfassend assoziiert.

Dieser Unterschied ist für uns ein wichtiger Punkt in er Therapiearbeit gewesen.
Denn lange saßen wir einem Missverständnis auf, das uns viele Jahre gekostet hat.
Man sagte uns (teilweise auch einzelnen von uns) immer wieder und wieder, wir müssten die Kinderinnens (aber natürlich auch alle anderen Innens) als Teil von uns akzeptieren und integrieren.
In unserem Verständnis bedeutete dies: Uns damit abfinden, dass wir ein fragmentierter und also immer irgendwie unfähiger, unreifer Mensch sind, der nicht in der Lage ist, jemals irgendwie kontinuierlich befähigt zu sein, wenn wir das nicht endlich mal begreifen.

Nun kann es sein, dass wir aufgrund unseres autistischen Strickmusters einfach sehr anfällig dafür sind, so fatale Missverständnisse über so unkonkrete Sprache zu entwickeln.
Daneben besteht jedoch durchaus auch die Möglichkeit, dass man sich als Behandler_in, gerade bei so diffizilen Diagnosen wie der DIS und DDNOS, die mit ihrem psychoanalytischen Überbau und der ganzen anderen Historie der Deutungshoheiten, sowieso schon immer irgendwie bedeutet, mit einem Bein in der Unglaubwürdigkeit oder dem Skandal zu stehen, lieber einmal mehr zu schwammig/waberig/unkonkret ausdrückt, als zu viel.

Auch hier wieder eine Stelle für flash news: Wo geraten werden muss, da kann falsch geraten werden – und wenn Menschen sich selbst ein Rätsel sind, dann hilft weiteres Rätselraten in 100% der Fälle nicht weiter.

Uns sind Behandler_innen, die das Rückgrat zum Fehler machen haben, in jedem Fall lieber, als “wischiwaschi irgendwie so durchschlängel-Künstler_innen”, denen das eigene Ego und die eigene Reputation am Ende wichtiger ist, als die Ergebnisse der Zusammenarbeit mit ihren Klient_innen.

Heute haben wir Kinderinnens als Marker für unseren allgemeinen Orientierungsstatus und als Informationsträger für bestimmte Strategien in unsere innere Arbeit inkludiert. Das heißt: Wir haben sie nicht als Teil von uns integriert, sondern als Teil dessen, was wir für unser (Über-) Leben zu leisten fähig sind.

Dass wir sie nicht als Teil von uns integriert haben, hat den einfachen Grund, dass wir nachwievor keinen umfassenden Ich bzw. Selbstbegriff haben, der uns alle umfasst, weil neben dem intellektuellen Erfassen von einander, noch kein emotionales/inneres/tieferes Begreifen und “natürliches” (also “unangestrengtes/unbewusstes”) Assoziieren von einander steht.

Wir sind nicht “Eine mit vielen” – wir sind “viele Eine mit vielen”. Ein Selbst haben wir nie entwickelt.
Es hat in unserem Fall also keinen Sinn, Kinderinnens als etwas zu sehen, das sich von einem Kern abgeleitet entwickelt hat und ergo zurück in diesen Kern hineinentwickeln könnte.

Unser Weg ist der, unsere Fähigkeiten jeweils miteinander zu erfassen, zu synchronisieren, miteinander kompatibel zu machen, gut zusammenarbeiten zu lassen und irgendwann vielleicht zu sehen, dass bestimmte Systeme zu einem System verschmelzen. Und dann mit einem anderen. Und dann mit einem nächsten.
Wenn sich daraus dann ein Kern entwickelt – dann können wir über die Anerkennung und Integration von Anteilen in diesen Kern sprechen.
Bis dahin besteht unser Kern aus dem Körper selbst als kleinster gemeinsamer Nenner.

Unsere Art Kinderinnens mit ihren Fähig- und Fertigkeiten in die innere Arbeit und auch Teile des Alltags zu integrieren, sieht wie folgt aus:

– wir analysieren die Situationen, in denen sie aufgetaucht sind, auf mögliche Trigger
– diese Trigger analysieren wir in der Therapie auf Missverständnisse (fehlerhafte Assoziationen traumatischen Materials, die die Ausentwicklung der Zustände zur Folge hatten, die wir heute als Kinderinnens wahrnehmen)

– wir versuchen herauszufinden, wie sie sich verhalten haben, welches Bild sie von sich und der Welt haben
– wir besprechen diese Dinge in der Therapie, um uns ihrer Perspektive anzunähern (um ihre Perspektive auf bestimmte Situationen, allgemein mitbedenken zu können, um Missverständnissen aktiv vorbeugen zu können)

– wir setzen uns mit Ableismus und Adultismus auseinander und arbeiten daran internalisierte Grundannahmen über unsere Fähig- und Fertigkeiten durch konkrete Selbsterfahrung zu revidieren oder zu ergänzen oder zu falsifizieren
– wir folgen Impulsen kindlicher Begeisterung und Neugier bzw. begleiten sie mit der Absicht sie durch unsere erwachsene Außenpräsenz (und damit auch den Rechten und Privilegien, die wir als erwachsene Person haben) zu unterstützen
(Konkreter formuliert: wenn wir merken, dass ein Kinderinnen etwas im Außen spannend findet, dann widmen wir uns dem spannenden Ding gemeinsam und ermöglichen die Auseinandersetzung damit als Person, die das auch darf – nicht weil sie erwachsen ist, sondern, weil man da etwas wahrgenommen hat, das man spannend findet)

– wir schützen unsere Kinderinnens vor adultistischen Übergriffen außenstehender Personen (“Oh wie süß ein Innenkind!”)
– wir schützen unsere Kinderinnens vor der Idee, sie wären “das Kind, dass wir nie sein durften”
– wir bieten unseren Kinderinnens Raum sich auszudrücken (in der Therapie, in der Freizeit, in Bereichen des Alltags, wo wir nur für uns funktionieren und Verantwortung tragen müssen)

– wir öffnen uns für ihre Erfahrungen, als Erfahrungen, die wir gemeinsam gemacht haben, obwohl es sich in den meisten Fällen nicht so anfühlt

Kinderinnens sind kein amüsantes Feature in Menschen, die viele sind.
In vielen Fällen sind autark nach außen agierende Kinderinnens der Grund, weshalb Menschen, die viele sind, überhaupt in psychiatrische Einrichtungen oder Psychotherapie müssen. Daran ist nichts amüsant oder niedlich.

Wir haben ein Kinderinnen, das sich tot stellt, wenn es sich (uns) zu stark von Menschen bedrängt erlebt.
Es gibt ein Kinderinnen, das Dinge erst isst, wenn sie so verfault sind, dass Maden drin rumkriechen.
Wir haben Kinderinnens, die Menschen nur anstarren und darauf warten miss.be.handelt zu werden.

Nichts daran ist süß. Keinem von ihnen hilft es betüddelt  und mit Liebe überschüttet zu werden. Sie brauchen völlig andere Räume und Wege, um sich überhaupt der Idee annähern zu können, dass ihr Er_Leben heute auch ein anderes sein könnte.
Da reicht oft auch nicht unser 10 km Waldwanderweg, auf dem wir uns einander nähern und der Welt bekannt machen.

Bei unseren Kinderinnens geht es um das 24/7 zu haltende Bewusstsein, dass sich (selbst) zu fühlen variabel und innerhalb bestimmter Grenzen von Zeit und Raum passieren kann. Dass Dinge und Erfahrungen einem_einer nicht einfach nur passieren, sondern auch selbst gemacht werden können oder selbst verhindert werden können. Dass es Kontexte gibt, in denen Verantwortung und verschiedene soziale Fertigkeiten eine Rolle spielen.
Adultistischer Ableismus verhindert jedoch genau diese Erfahrungen systematisch.

Deshalb wollen wir nicht, dass irgendjemand unsere Kinderinnens oder das was sie tun, für süß, niedlich oder harmlos hält.
Wir wollen, dass andere Menschen wissen, dass sie befähigt sind.
Dass sie Wege und Ziele kennen.
Dass sie Geschichten und Perspektiven auf den Lauf der Dinge haben.
Genauso wie wir erwachsenen Innens.

Sie haben den gleichen Respekt und den gleichen Anteil der Therapiearbeit verdient, wie wir.

 

* Text als PDF zur freien Weitergabe

Autismus und DIS, Die Helfer_Innen und die Hilfe, DIS?, Innenansichten

innere Bündnisse

Innere Bündnisse sind möglich.

Das ist etwas, das anzunehmen, für möglich zu halten, als umsetzbar zu begreifen für uns sehr schwer war. Und in Bezug auf manche Innens noch immer ist.
Für uns hängt auch hier wieder ein Aspekt der Sprache daran.
Denn eigentlich geht es nicht um Bündnisse, sondern um Assoziation des Eigenen.

Im äußeren Leben mit anderen Menschen, sind Bündnisse von vielen Optionen geprägt.
Wenn ich ein Bündnis zum Erreichen eines Zieles eingehen möchte, dann kann ich mir aus 7 Milliarden Menschen den einen wählen, mit dem ich gerne zusammenarbeiten möchte.
Innere Bündnisse funktionieren nicht so.
Um überhaupt wählen zu können, muss ich lernen was und wozu ich wählen wollen könnte.
Ich muss erkennen, was ist und eine Idee entwickeln, was sein könnte.

Innere Bündnisse sind bei uns immer wieder in Momenten entstanden, in denen es enormen Leidensdruck gab. Meistens, nachdem dissoziative Brüche verschlossen wurden oder das Weiterleben akut in Frage stand. Manchmal haben diese Bündnisse gehalten und günstige Neustrukturierungen des Inneren zur Folge gehabt. Manchmal jedoch gab es neue Strukturen, die selbst einen dissoziativen Bruch an anderer Stelle bedeuteten.

Beispielsweise kam es während unseres äußeren Ausstiegs zur Etablierung der Rosenblätter als Alltagssystem.
Gab es für uns vorher jeweils einzelne lichte Momente in Kliniken, mit Heimerzieher_innen oder (sogenannten) Freund_innen, gab es während des Ausstiegs die gesamte Lebenszeit für uns, durch die innere Zusammenarbeit.
Eine Lebenszeit, in der man “Ausstieg macht” und als gegeben nimmt, dass alle Menschen um eine_n herum, denken, man hätte Gewalt erlebt, ohne sich selbst zu erinnern, geschweige denn für möglich zu halten, dass da irgendwie vielleicht doch was dran sein könnte.

Als System haben wir gut funktioniert.
Wir haben unser Leben gerettet und nachhaltig hilfreich gestaltet.
Wir haben den Schulabschluss gemacht. Haben schwierige Kontakte beendet. Haben uns soweit verselbstständigt, wie wir das konnten und sind ausgestiegen geblieben.
Wir haben nur nicht ganzheitlich gut funktioniert. Für alle von uns. In jedem Aspekt, der für das Leben wichtig ist.

Unser Bündnis hat uns innerhalb unseres Systems gestärkt, doch von den anderen dissoziiert.
Andere Systeme haben wir, wenn überhaupt, als bzw. durch Symptomcluster wahrgenommen. Manche Systeme können wir nachwievor nicht wahrnehmen. Obwohl sie sozusagen auf der gleichen Festplatte laufen wie wir.

Wir haben unser Bündnis damals nicht ganz spontan, aber auch nicht ganz geplant geschlossen.
Mit dem therapeutischen “Sie müssen mit den anderen (Innens) zusammenarbeiten” konnten wir nicht viel anfangen. Denn was genau soll das denn heißen?
Wenn man nicht einmal weiß, was man arbeiten könnte oder können könnte. Oder will. Oder muss. Oder was sich wie auswirkt. Und wie genau das gehen soll “innere Zusammenarbeit”.
Wir hatten zu der Zeit so wenig Gefühl für Zugehörigkeit, Zusammengehörigkeit, Miteinander, emotionale oder geistige Verschmelzung – allein schon im Außen – wie um alles in der Welt sollten wir wissen, was konkret dort von uns nach innen zu übertragen verlangt wurde?

Was wir kannten war Abhängigkeit, ausgeliefert sein, die Hoffnung, dass die Person, die uns sagt, sie würde uns jetzt helfen, uns jetzt auch wirklich hilft. Und wir kannten Zahlungsmodelle. Wenn du X willst, ist Y der Preis dafür. Eine Sicht, die man als Gegenstand von Betreuung und Behandlung genauso schnell internalisiert, wie als Ausbeutungsobjekt.

Heute verstehen wir, warum wir nicht zu der Art euphorischer Opfer-Befreiungskampf-Pose, wie wir sie bei anderen Aussteiger_innen beobachten konnten, fähig waren. Warum wir außer Variationen von Scheiße und Not eigentlich nichts gefühlt haben.
Was wir damals als den Preis der Freiheit eingeordnet haben, würden wir heute Dissoziation nennen. Ohne abzuerkennen, dass diese in gewisser Form der Preis dessen war, wozu wir uns entschieden hatten.

Wieder kann ich nur unterstreichen, wie wichtig konkretes Handeln und Beworten für uns war und ist.
Heute kann ich mich nicht mehr gut daran erinnern, ob und wenn ja wie oft uns reflektiert bzw. gesagt wurde, ob das, was wir mitunter taten, bereits die “innere Zusammenarbeit” war, die uns angeraten wurde.
Wir hatten nicht nur unfähige oder inkompetente Therapeut_innen.
Wir hatten aber oft Therapeut_innen, die uns nicht als so un_befähigt erkannt haben, wie wir waren und auch heute noch sind. Sprech- und Kommunikationsprobleme hatten wir damals wie heute. Und die Momente der kognitiven Dissonanz, die sich bei allen vielen Menschen, die mit uns zu tun hatten (haben), ergeben, gab es auch damals schon.
Nur, dass wir damals noch dachten, alle Therapeut_innen würden sich immer und ausnahmslos reflektieren und kritisch prüfen.

Was ich erinnern kann ist, dass uns erst jetzt in der therapeutischen Arbeit wirklich klar geworden ist, wie genau wir innere Zusammenarbeit machen. Und nach welchem Gefühl wir suchen müssen. Welche Balancen wir suchen und halten müssen. Was genau eigentlich “innere Arbeit” ist.

Für die Definition (Festlegung) dieser Dinge hatten wir früher entweder nie genug Zeit oder nicht genug Kraft.
Oder wir haben es nicht verstanden, weil  man uns waberige, sehr abstrakte Begriffe hingeworfen hat und davon ausging, wir würden damit schon etwas anfangen können, weil wir ja “in Wahrheit schon ziemlich schlau sind”.

Konkret bedeutet “innere (Zusammen)Arbeit” für uns:
– “sich selbst”/ an ein Innen gerichtet (nach)fragen,
– aufmerksam wahrnehmen, welche Resonanzen man in sich bemerkt (Gedanken, Impulse, unwillkürliche Körperbewegungen…)
– sich auf Gefühle und Gedanken einlassen, die sich fremd, aber irgendwie auch nah anfühlen
– eigene Gefühle und Gedanken in Kontexte rechnen, derer man sich nur hypothetisch sicher ist (sein kann, aufgrund von dissoziativer Amnesie)

Ein Beispiel dafür ist unser Wochenplan.
Der Wochenplan funktioniert als unser kleinster gemeinsamer Nenner.
Er bestätigt uns im Lauf der Dinge, der in Wochen, Tage, Stunden und Minuten eingeteilt ist, die sowohl nach außen als auch nach innen zu gestalten sind. Der Plan beinhaltet ausschließlich Aktivitäten zur äußeren Gestaltung, die den Raum für Aktivitäten zur inneren Gestaltung erschaffen bzw. ermöglichen soll.

Zu Beginn habe ich mich gefragt, was ich brauche, um mich zu versichern und zu orientieren.
Meine Antwort war “Sicherheit um Zeit und Raum” und fühlte sich ganz und gar mir zugehörig. Ich bewegte diese Antwort in mir herum und dachte darüber nach, was genau das konkret bedeutet. Denn das sind ja nur drei Wörter. Die kann ich mir in einer unsicheren Situation sagen, aber sie machen mich nicht sicher in Zeit und Raum, nur weil ich sie höre.

In diesem Nachdenken hatte ich weitere Gedanken und Impulse, die sich klar nicht nach mir oder nicht mir zugehörig anfühlten.
Ein Gedanke war, wie gut es wäre, wenn man wüsste was genau man wann wie und wofür machen soll. Ein Impuls war ein Schwanken zwischen aufschreiben wollen und unsicher darüber sein, ob es Bestand haben würde. Ein anderer Gedanke war ein sehr langer Faden aus Hypothesen und strukturierten Beobachtungen darum, wie einerseits flüchtig und unfassbar, doch gleichzeitig sehr kontinuierlich und genormt Zeit (der Lauf der Dinge als Entwicklung, die ist und doch nie (gleich) bleibt) ist.
Einer, der mir sehr nah war, aber doch nicht von mir kam, war eine Art Gedankenspiel darum, was wäre, wenn ich mich sicherer fühlen würde. Da ging es dann plötzlich um Dinge wie basteln, schreiben, malen, spazieren gehen, fotografieren … Freizeitgestaltung (innere Gestaltung).

Da gab mir eine Idee davon, wofür es – abgesehen von meiner seelischen Entlastung – noch gut wäre, insgesamt weniger belastet zu sein und mich schneller sicher zu fühlen: Es könnte noch etwas neben den Dingen, die wichtig sind um nicht zu sterben, geben.
Vielleicht wirkt das schräg. Aber genau das ist Dissoziation.
Ein so eingeschränkter Fokus, ein so kleines Stück Bewusstsein um sich selbst und das eigene Wirken, dass so ganz grundlegende Dinge nicht bewusst sind.

Ich hatte damals kein Gefühl für Zeit als etwas, das passiert.
Zeit und Geschehnisse sind mir passiert.
Das Konzept von Wochen- und Stundenplänen war mir bekannt – aber bewusst er_leben konnte ich sie nie.
Ich begann meine Tage und verlor sie immer wieder. Ständig rollte von irgendwo irgendein Geschehen auf mich zu und forderte mir irgendeine spontane Reaktion ab, die ich nicht vorbereiten oder planen konnte. Immer wieder sah ich mich Menschen gegenüber, die Worte von mir wollten, sich aber nicht darum scherten, ob diese sagen konnten, was ich wollte.
Für mich war es Glückssache, mich und meine eigene Gegenwart als etwas zu erleben, das einen Anfang, eine Richtung und ein Ziel hat.

Ich hatte den Wunsch nach Pausen. Nach Besinnung. Nach “nicht in einem Schlachtfeld sitzen”. Meine Umsetzungsideen dessen waren wiederholte Suizidversuche oder schwere Selbstverletzungen. Mir erschien der Tod wie eine Nacht ausschlafen, ohne Angst vor einem nächsten Aufwachen haben zu müssen.
Was mir damals fehlte war die Assoziation (das “selbst erleben”/ Bewusstsein/ Erinnern können) dessen, was mein Wirken im Alltag immer wieder zur Folge hatte. Nämlich den Freiraum für andere Innens Dinge zu tun, die ihnen wichtig waren.

Als wir dann den Wochenplan etablierten, kam es nicht zu spontanem Miterleben. Natürlich nicht, denn erst einmal hatten wir ja nur aufgeschrieben, was wir wann zu tun hatten. Aber es kam zu einer deutlichen Abnahme des Gefühls dem Lauf der Dinge mehr oder weniger hilflos ausgeliefert zu sein.
Auch wenn es sich für mich in meinem Zeitempfinden so anfühlte, als würde ich permanent von Menschen bedrängt, konnte ich sehen: Das ist nur ein bis zwei Mal die Woche überhaupt möglich (weil wir damals nur ein bis zwei Mal die Woche überhaupt mit Menschen direkt in Kontakt waren).

Das innere Bündnis begann also mit dem Wochenplan als allgemeine Größe – mit der objektiven Sicht auf eine Woche, die wir alle irgendwie jede_r für sich füllen und verplanen.
Für uns eignen sich äußere Dinge wie der Wochenplan gut, um uns und unsere Er_Leben in Verhältnissen wahrzunehmen.

Im Innen ist vieles mehr oder weniger gleich laut, schrill, nötig, wichtig, dringend, jetztgleichsofortig – wir haben nachwievor massive Schwierigkeiten herauszufinden, was wann wie in welcher Abfolge abgearbeitet/angehört/berücksichtigt werden muss. Gerade dann, wenn sich noch unverarbeitete (traumaassoziierte) Dringlich- und Nötigkeiten dazumischen, wird es schwierig.
Zusammen mit dem kompetenten Eindruck und der positiven Diskriminierung als “intelligent”, die immer wieder auf uns liegt, passiert es uns sehr oft, nicht in dieser unserer Desorientierung gesehen und anerkannt zu werden. Gerade dann nicht, wenn es um den ganz unspektakulären Alltag geht, der uns trotz seiner wenig besonderen Beschaffenheit chronisch überfordert und überreizt.

Unser Bündnis zum Wochenplan hatte nicht zum Ziel irgendeine konkret wahrgenommene Not zu beenden. Viel mehr ging es darum, uns insgesamt in ein mittleres Erregungslevel zu bringen, um den Alltag auch wirklich als “alle Tage geschehend” und also “üblich” wahrzunehmen. Und darauf aufbauend zu schauen, welche Aspekte wir selbst wirklich in ihrer Wirkung auf uns beeinflussen können und welche nicht.

Nach einer Weile des kontinuierlichen Aufschreibens und Mitbedenken des Wochenplans, entwickelte sich eine gewisse Sicherheit für das, was um mich herum geschehen ist.
Selbst wenn mir Montag und Dienstag fehlten, so konnte ich am Mittwoch sehen, dass sie passiert waren und was wir als Einsmensch aller Wahrscheinlichkeit nach getan hatten und womit in der Folge an eben jenem Mittwoch zu rechnen sei.

Die Entdeckung des “Nichts zu tun” und der “Nichtnotwendigkeit etwas zu tun” wurde so für uns überhaupt erst möglich.
Denn irgendwann war er da. Der Moment, in dem ich vor dem Plan stand und ganz automatisch (ohne mir das vorzunehmen) nach innen fragte, ob jemand an einer Stelle vergessen hatte irgendwas aufzuschreiben.
Da war aber nichts.
Kein Alarm, keine Not, kein aufgeschobenes MüsstenwirnochmachensonstgibtsÄrger.
Da war nur: Nichts zu tun
und also zum ersten Mal die wahrhaftig ruhige, sichere Situation, in der wir uns als Alltagsteam nach innen richten konnten, um zu fragen, ob wir mal etwas tun wollen, um etwas zu tun, weil es gerade möglich ist.

Wir begannen zu malen, zu schreiben, zu puzzeln. Hörbücher anzuhören. Spazieren zu gehen. Zu spielen.

Daraufhin wurde das nächste innere Bündnis wichtig.
Denn spielen/kreativ sein/ “Muße haben” was (ist) etwas, das wir lernen mussten (und manche von uns nachwievor müssen).
Und zwar durch Wiederholung im sicheren Rahmen und mit genug Zeit, die Erfahrung gut zu verarbeiten, um sie später auch als “selbst gemacht” zu erinnern.

Wir sind durch Jahre gegangen, in denen wir wussten, dass wir die ruhigen Phasen haben und manche Innens sich darüber gut in Zeit und Raum orientieren konnten und wir deshalb immer weniger in StressAlarmallesbrennt-Situationen kamen.
Aber für uns gab es dieses “Extra” auf “Nichts existenziell lebensnotwendiges zu tun” nicht. Unser Bündnis hatte nur für andere Innens greifbare, im Sinne von “selbst gestaltbare”, Erfahrungsräume zur Folge.

Wir schlossen daraufhin Erfahrungsmitteilungsbündnisse und brachten uns damit in Neugier und Interesse für die Erfahrungsqualitäten der anderen Innens bzw. anderer innerer Systeme.
Und folglich auch in die Situation zu spüren: Sie sind da, sie haben Gedanken, Gefühle, Er_Leben und Geschichten.
Entsprechend mussten wir erst einmal ein paar Jahre vermeidungstanzen bis wir an dem Punkt waren, an dem wir uns noch ein bisschen mehr dafür öffnen konnten, damit zu leben und umzugehen, dass es ist wie es ist.

Auch das erscheint von außen vielleicht bizarr und nicht kongruent. Wussten wir doch schon vorher, dass da andere Innens sind.
Dieses Wissen ist aber ähnlich wie das Wissen darum, dass Hochhäuser hoch sind. Wie hoch sie wirklich sind, weiß man erst wenn man auf dem Dach von einem steht.

Heute arbeiten wir in verschiedenen Bündnissen, die auch für uns Rosenblätter etwas ermöglichen.
Für uns ist das Verstehen und Begreifen dessen, was mit und um uns herum passiert sehr wichtig. Bündnisse mit beobachtenden Innens helfen uns, mehr Informationen über Sachverhalte und auch frühere Geschehnisse zu erhalten. Austausche mit Innens anderer Funktionsbereiche (derzeit zum Beispiel der Schule) ermöglichen uns Überblick über unsere Fähig- und Fertigkeiten insgesamt.
Bündnisse mit Innens, die vor uns waren, helfen uns leichter durch schwierige Phasen zu gehen. Denn sie haben diese Phasen oft schon einmal erlebt und wissen mehr darüber, was gut funktioniert und was eher nicht.

Unsere Schwierigkeiten der Bündnisbildung waren (und sind heute noch) die Unkenntnis der anderen Innens bzw. der Systeme “auf denen sie laufen”.
Wie bereits niedergeschrieben, betrachten wir unser Gehirn als Biorechner.
Wir funktionieren so, dass es für verschiedene (frühere) äußere Kontexte, jeweils ein inneres System gibt, das einen immer gleichen inneren Aufbau hat.
E. Nijenhuis beschreibt das in seinen Schriften ziemlich genau (bewortet es allerdings anders).

Es gibt Innens die funktional aber wenig emotional re_agieren. Es gibt Innens, die sozial funktionieren. Es gibt Innens, bei denen traumareaktives Re_agieren zu beobachten ist. Es gibt Innens, die beobachtend teilhaben. Es gibt Innens, die bestimmte Identifikationen vorgenommen haben. Das ist ein Schema und Schemata können nie die 100% eines Individuums abbilden. Und doch können wir an uns sehen, dass es diese von Nijenhuis beschriebenen Sollbruchstellen des Ich/der Persönlichkeit bei uns auf jeden Fall gibt.

An ihnen entlang können wir eine Idee haben, mit was für einem Innen wir es zu tun haben, wenn wir zum Beispiel in einer sozialen Situation bemerken, dass es immer wieder zu Wechseln dahin kommt. Von den wahrgenommenen Eigenschaften eines Innens können wir dann in etwa ableiten, welche Art Zusammenarbeit vielleicht hilfreich oder allgemein überhaupt in Ordnung sein könnte.

Für uns ist es nicht schlimm, einander durch so eine schematische Perspektive zu betrachten. Uns entsteht dadurch kein Abstand zu dem was oder wer wir sind. Andere Menschen erleben das anders und entsprechend ist ihre Herangehensweise zur Bündnisbildung anders.

Insgesamt geht es bei der Bündnisbildung für uns oft um Gewohnheit.
Es ist schwierig für uns, wenn Bündnisse zu nutzen von außen eingefordert wird, wenn diese Gewohnheit noch nicht da ist. Etwa um die Orientierung eines Innen in Zeit und Raum aus eigener Kraft vorzunehmen oder ein Problem zu lösen.

Wenn wir schon länger in Kontakt miteinander sind, dann gibt es bestimmte Probleme nicht mehr – wenn ein Innen in regelmäßigem Kontakt mit unserem Alltag oder den alltagsfunktionaleren Innens ist, dann kommt es eher nicht mehr zu einer Konfusion um Raum und Zeit.
Es kann also für unser Außen ein Marker für bestehende dissoziative Barrieren sein, wenn ein desorientiertes Innen da ist oder überhaupt über ein zu lösendes Problem gesprochen wird. Also für einen Zeitpunkt, in dem orientierende Unterstützung bzw. Auseinandersetzung mit einem Problem gebraucht wird. Vom Außen.

Je üblicher der Kontakt unter uns ist, desto weniger brauchen wir die Brücke über außenstehende Personen oder auch Gegenstände.
Ist der Kontakt noch nicht da, brauchen wir von außen Unterstützung.
Und zwar nicht nur zur Bildung eines Bündnisses, sondern zu vorderst, um eine Idee davon zu bekommen, um was für ein Innen es sich handelt und wie ein hilfreicher Umgang (z. B. mit Desorientierung) aussehen könnte.

Lauf der Dinge

der Traum mit Oma und Opa

In letzter Zeit träume ich oft von nahen Menschen, die mir fremd und fern geworden sind, oder nie wirklich nah waren.
Eins meiner Geschwister. Mein Vater. Oma und Opa. Die Person, die unsere Texte auf Informationen scannt, um sie gegen uns zu verwenden. Die Ärztin vom letzten Versuch stationär Hilfe zu bekommen.

Immer wieder wache ich auf und bin mir nicht sicher, wie ich mich fühle. Meistens summt etwas in mir. Versucht irgendein Gedanke sich zu mir durchzudrängeln, doch bleibt stecken und verwest langsam zwischen Morgenroutine und Arbeitsgedanken.
Heute träumte ich von Oma und Opa.
Die noch leben, aber sicher nicht so, wie in meinem Traum.

Dort lebten sie in ihrer Gartenlaube, umgeben vom Grün ihres Obst und Gemüses. Die Sonne schien, der sandige Boden strahlte ihre Hitze an meine hellen Beine. In dem Traum erzählte mir Oma, wie man einweckt und Kirschen entkernt. Noch im Traum wusste ich, dass es kein Erinnerungstraum ist. Einwecken und Entkernen, überhaupt viele Gartenarbeiten, haben wir uns selbst beigebracht. Jemanden, der sich uns auf den Schoß setzt und die Welt erklärt, hatten wir nicht in unserem Leben.
Und doch. Ich ließ es laufen. Drängte mein Bewusstsein zur Seite und lebte mich aktiv in den Traum hinein.
Nicht weil er so heil und schön war. Mehr, weil es die einzige Möglichkeit für mich ist, etwas mit meinen Verwandten zu tun zu haben, ohne Verluste zu erleben oder mir selbst gegenüber inkonsequent und destruktiv zu sein.

Oma war wieder 50, glaube ich. Sie war so alt, wie ich sie als Kind erlebt haben könnte.
Ich glaube nicht, dass Oma und Opa noch einen Garten haben. Sie sind inzwischen auch um die 70 Jahre alt. Glaube ich.
Ich erinnere weder ihre Geburts- noch sonstige Tage, die ihnen wichtig sind. Das ist, was man dann irgendwann bemerkt. Wie wenig man als Kindjugendliche über seine erweiterte Familie weiß und damit auch über die Beziehung zueinander.
Heute würde mich interessieren, wie Oma über Feminismus denkt. Über die DDR. Über Kapitalismus. Über Freiheit. Über Gewalt. Über sich selbst.

In meinem Traum saß ich im Kirschbaum und hielt ein schweres Glas auf dem Schoß. Mit schwarzem Stift  stand “Kirschen” darauf geschrieben. Mein Blick lag auf dem Schnörkelmuster des Löffelstiels in meiner Hand. Der Löffel selbst war so leicht, dass das Gewicht der säuerlichen Früchte, ihn mir leicht in die Fingerkuppen drückte.
Oma und Opa hätten uns nie mit so einem schweren Glas auf den Baum gelassen. Nie.
Meine Großeltern waren nie so sorglos, wie mein Traum von ihnen. Denke ich zumindest.

Von oben konnte ich auf Omas Kopf gucken und ihre schönen Haare anschauen. Schneckenhausmasermuster. Genau wie mein Haar heute. Mittelhellbuntblond, dicht und naturgewellt.
Oma ist fleischig und präsent. Man kann nicht über sie weggucken. Ihre schönen Haare ziehen meinen Blick immer wieder auf ihren Kopf und immer wieder fängt sie an zu sprechen. Mit mir.
Mein Blick auf die schönen Muster schaltet etwas in Oma an. Geschichten, belanglose Satzhüllen, bunte Wörter, die aus ihr herauspurzeln und das mit-ihr-sein bunt machen.
Das ist eine Erinnerung.

Das merke ich daran, das mein Körper sich auf eine tief vertraute Art entspannt und mein Inneres ganz leicht hinein passt.
Wieder schiebe ich mein Bewusstsein zur Seite.
Mein Bewusstsein darum, dass ich da ein Kinderinnen fühle. Eines, dass wir in der Herkunftsstadt zurückgelassen hatten. Vielleicht sogar in diesem Garten. In einer Situation wie dieser, weil es dem Horror woanders nicht gewachsen war.

Am Ende des Traumes fahre ich, auf dem Fahrradgepäckträger sitzend, mit Opa durch die Gartenanlage. Wir sind Rücken an Rücken und meine staubigen Füße fliegen über den Boden. Ich höre eine Flötenmelodie und schaffe es diesmal nicht mein Wachbewusstsein zu verdrängen.
Es ist eine Melodie aus irgendeinem Film oder so.

Als ich wirklich richtig aufwache, bin ich hin- und hergerissen. Bin traurig über das Ende des Traums, traurig über den Verlust meiner Großeltern, mit denen ich heute, selbst wenn wir wieder Kontakt hätten, nie wieder so sein könnte wie damals. Vor vielleicht 25 Jahren.
Ich bin aber auch glücklich sie geträumt zu haben. Dankbar um die Erlebensqualität, die mir dieses Stückchen Zeit mit ihnen geschenkt hat.

Zum Einen, weil es diese eine gute Erinnerung hervorgeholt hat, zum Anderen, weil das Gefühl in Ordnung und Einklang zu sein, auch noch 2 Stunden später in mir schwingen. Als ich am Küchenfenster sitze und dem Gewitter entgegenschaue, das sich – gerade jetzt, wo ich diesen Text niederschreibe – über mir auslässt.

Und, weil ich mich erinnere, dass es um safe spaces ging.
Die ganzen Jahre bis heute geht es mir und uns immer nur darum safe spaces zu haben und behalten zu dürfen.
Räume, in denen Ausdruck und Sein einfach nur sind und auf eine ähnliche Art losgelöst von größeren Kontexten, wie sie Menschen in anderen Lagen für selbstverständlich nehmen.
Wo wir genauso nicht über unsere Außenwirkungen auf andere nachdenken, wie es die Menschen nicht tun, die uns verletzt haben.
Einfach, weil es mal nicht relevant ist für uns. Weil das nicht lebenswichtig ist. Weil es uns nicht angeht – weder auf die Nerven, noch ans Gemüt, noch ins Gewissen.

Einfach sein. In Worten, Bildern, Tönen. Einfach nur so. Ohne Angst um Leib und Leben.
Und nur dann in Kontakt, wenn es wichtig ist. Oder gewünscht. Oder geteilt.
Als Option – nicht als selbstverständlich zu erwartendes Ding.

Gerade klart sich der Himmel über mir auf und ich frage mich, ob der Fehler der war, dieses Gefühl mit_teilen zu wollen. Die Idee von einem Sein zu teilen, in dem man aufschreibt, was man fühlt, weil man es kann und stehen lässt, weil man möchte, dass es bleibt.
Oder, ob der Fehler war zu glauben, dass andere die Fragilität und Zartheit dessen an_erkennen und für uns sein lassen könnten.
Spätestens wenn wir es ihnen sagen. Und obwohl sie uns sehen und bemerken.

Oma hat mich sein lassen.
Wenigstens das eine Mal, an das ich mich durch den Traum neu erinnern kann.
Ich will das in meinem Heuteleben haben.
Genau das.
Als immer und grundsätzlich verlässlich da.
Ohne Bedingungen. Ohne Preis. Ohne Gefahr.
Von jemandem gesehen und doch gelassen werden.

Ich glaube, das ist ein okayer Wunsch. Ein legitimes Verlangen.
Es ist nichts Besonderes.

Der Fehler beginnt dort, wo es jemand besonders macht.
Weil wir besonders gemacht werden.
Und nicht einfach nur anders.

DIS?, Fundstücke, Innenansichten

Fundstücke #48

Es gibt diese Momente nach einer anstrengenden Therapiestunde, in denen ich merke, dass wir akut viel mehr körperliche Verausgabung bräuchten, als es die paar Kilometer auf dem Rad nach Hause hergeben.
Ich merke manchmal, wie Kinderinnens noch nicht damit fertig sind sich zu wehren. Oder immernoch kurz davor sind, ihren früheren Schmerz rauszuschreien. Wenn wir dann damit aus einer Stunde gehen ist das, als hätten sie noch nicht alles gesagt, was sie sagen wollen.

Manchmal entlädt sich die Anspannung darin, dass ich mich spontan übergeben muss und geht dann in mein Geheule darüber ein, dass ihnen passiert ist, was ihnen passiert ist und ich mich damit befassen muss, obwohl es zum Teil grauenhaft ist und es doch niemand von mir verlangen kann, mir das in den Kopf zu tun.

Und manchmal kommt eins zum anderen. Noch dazu.
NakNak* hat eine Blasenentzündung. Der Körper die Mens. Wir kriegen im Moment jeden Tag irgendeine jetzt-gleich-sofort-Email, die von uns irgendein Mitmachen, Entscheiden oder Arbeiten verlangen. Der Betreuerwechsel nervt. Der Begleitermensch kann im Moment nicht so verbindlich sein, wie er will und wir das brauchen. An allen Ecken und Enden schwelt es und wir machen von Tag zu Tag weiter.
Mein Alltag ist im Moment etwas, das die Therapiesunden genauso dringend braucht, wie das Früher das in den letzten Wochen immer Thema ist.

 

Ich hab das noch nie gemacht.
Mir ein Innenkind gegriffen und ihm befohlen etwas zu tun, um sich verdammt nochmal mit dem zu befassen, was mich betrifft.
Ja, ich hab ihm etwas mit “verdammt nochmal” gesagt und ich hab was befohlen.
Nicht “freundlich und ruhig ermuntert”. Nicht “liebevoll würdigend” vor dem innegehalten, was es mit sich herumträgt.

Und es hat geholfen.

Vielleicht kann man das nicht mit allen Kinderinnens machen. Vielleicht konnte ich das überhaupt nur mit diesem einen unserer Kinderinnens machen.
Es hat verhältnismäßig viel Kontakt mit dem Heute. Es weiß viel mehr als ich darüber wie viele Alltage sich in unsere 24 Tagesstunden drängeln.

Mir ist aufgefallen, dass ich es durch das Aussprechen seiner Erfahrungen und die Erfahrungen anderer Innens, inzwischen selber schon wie ein total zerstörtes Huschi zu sehen begonnen hatte. Dass es aber nie war.

Vielleicht war das nur so ein Moment von Gleichheit. Gleiche Belastung auf beiden Seiten. Das Kinderinnen fassungslos und ich ohne Rahmen, der mich hält.

Und am nächsten Morgen fiel mir auf, wie schräg das Außenstehenden erscheinen könnte, wenn ich das erkläre.
Wie es geholfen hat, ein Kinderinnen aufzufordern, mich anzufassen, damit es selbst spürt, dass es nicht unser gemeinsamer Hund ist.

Neulich hatte jemand unter unserem Podcast nach lustigen Momenten des Vieleseins gefragt.
Das war kein lustiger Moment. Aber kurz musste ich schon darüber lachen.

Trotz allem.