Niemand ist frei.

Es war der stillste Moment in meinem Leben, als ich damals aus dem Haus trat und meinen Haustürschlüssel in den Briefkasten warf.

Ich ging also. Ich ging einfach weg. Nicht obwohl ich wusste, dass nichts und niemand da draußen auf mich wartete, sondern weil ich mir sicher war, dass ich sterben würde, bliebe ich. Nicht, weil meine Eltern es drauf angelegt hätten. Nicht, weil mich die ganze Welt hasste. Nur, weil ich es nicht aushalten würde, so weiterzuleben.

In den folgenden Tagen strolchte ich in der Gegend herum. Ernährte mich von halbvollen Tabletts in der McDonalds-Abgabe, von Zigaretten und Angst. Ich dachte nicht an die Familie, dachte nicht an mich. Zukunft, Vergangenheit, das war alles ein dichter, kloßiger Brei, der mich in eine Gegenwart betonierte, in der ich ausschließlich reagieren konnte.
Ich habs mir nicht leicht gemacht. Es wurde mir nicht leicht gemacht in den Jahren darauf.

Die eigene Familie zu verlassen ist kein Akt der Erleichterung. Kann es gar nicht sein. Vor allem dann nicht, wenn es um Befreiung geht. Freiheit ist nicht leicht. Freiheit ist nicht einfach. Freiheit ist eine Anforderung, eine Aufgabe, der gerecht zu werden sehr viel Zeit, Kraft und Selbst_Bewusstsein abverlangt.
Vielen Menschen ist das nicht bewusst. Vielleicht wird Freiheit deshalb bis heute als Gegenstück von Gefangenschaft gedacht und verhandelt. Tatsächlich aber ist wer Gefangene macht nicht frei, sondern mächtig. Das ist etwas völlig anderes.

Als ich damals ging, wollte ich über meinen Tod bestimmen. Ich war mir sicher, dass ich bald sterben würde. Ich hab mich nie als den Überlebenskämpfer gesehen, zu dem ich in späteren Traumatherapien konstruiert werden sollte, um den anderen meine Funktion leichter integrierbar zu machen. Aber ich war frei. Ich war nicht gefangen in einer Familienideologie, nicht ein.gebunden in schulische Kontexte, in gesellschaftliche Erwartungen (ein Junge im „Mädchenkörper“ ha, damit rechnet doch niemand, also kann auch niemand irgendwas erwarten!), ja, nicht einmal in das allgemeine, lineare, Verständnis von Zeit und Raum.
Hier schlug mich ein Mann, der größer und schwerer war als ich, da hörte ich Männern zu, die von Sozialismus und Globalisierung sprachen. Dazwischen Punk- und Ska-Musik, Rauchen, Kaffee und Radikalisierung zum Babyanarchisten. Ich hatte keinen Anlass, je auf die Uhr zu gucken. Mich anzugucken und zu verstehen, wen oder was ich da sah. Ich hab nie mehr als bloße Freiheitspraxis gemacht, also gelebt. Und so, wie ich lebte, wollte ich auch sterben. So will ich bis heute sterben. Nicht durch irgendeinen Affekt, durch irgendeinen banalen Moment, in dem das Ego von jemandem eine Kränkung in Schläge, eine Machteuphorie in meine Vernichtung umwandelt. Wenn es enden sollte, dann weil ich einfach nicht mehr lebe.

Heute erscheint mir dieser so umfassend dissoziierte Zustand ultimativ einsam und ich kann verstehen, warum wir in den Jahren danach so willig in verschiedene Kontexte der Unfreiheit gingen. Auch ich.
Ohne das Andere gibt es einfach nicht genug Wahrnehmung des Eigenen. Ohne Wahrnehmung des Eigenen gibt es kein Empfinden von Freiheit oder Unfreiheit. Für das Leben in Freiheit braucht es Frieden. Für Frieden braucht es gleich ermächtigtes Miteinander.
Kein Mensch auf dieser Welt lebt in Frieden. Niemand ist frei. Freiheit ist eine Phantasie.
Jedenfalls jetzt.

51

Es baut sich aus ihr zusammen und klemmt sich in das Hierjetzt. Greift nach der Kleidung, stakst ins Haus.
Es knackt im Dach, als die Sonne darüber hinweg zieht.
Aufmerksam schickt es Blicke durch die Räume, findet trockene Kleidung und huscht hinein, als wäre es ein Versteck.

Es nimmt ihren Faden in die Hand und öffnet eine weitere Dose. Frisst, würgt, frisst weiter. Übergibt sich. Frisst die eigene Kotze. Wirft sich in das TickTack der Küchenuhr und spürt dem Brennen im Gesicht nach bis es einschläft.

Als ich aufwache, kommt es mir vor, als würde die Uhr alles, was in meinem Kopf zu wachsen versucht, wegsensen. Gedanken zerbrechen bevor ich sie berühren kann, jeder Muskel, den ich ansteuere ist entweder weg oder nicht dort, wo ich ihn mir denke. Ich habe keine Ahnung, was ich hier mache, aber jeder Kontext, in dem es wichtig ist das zu wissen, erscheint mir, als hätte es ihn in Wahrheit nie gegeben.

Ich öffne eine Konserve mit Erbsen und Möhren und lege sie mir in Reihen auf den Küchenboden. Eine nach der anderen lege ich hin und weiß nicht einmal wieso. Es ist kein Spiel, kein Spaß oder Zeitvertreib, das kann ich spüren.
Doch als nur noch Flüssigkeit in der Dose ist, ist der Faden verschwunden, an dem ich mich ohne es zu merken, die ganze Zeit festgehalten habe. Nun esse ich Erbse um Erbse, Möhre um Möhre.

Tick – Tack – Tick – Tack

50

Mir ist kalt, als ich aufwache. In der Dunkelheit stehen noch dunklere Schemen und Schattenränder.

„Anders“, denke ich und taste mich mit einem Nervenstrang ab. Meine Sachen liegen als matschbeschmiertes Bündel neben dem Hahn und ich glaube mich an etwas zu erinnern, das ich vergessen habe.

Der Weg ins Haus erscheint mir unendlich weit und unendlich schwer. Alles, was mich trägt, ist schwerschwach und nichts weiter als Ballast. Irgendwann schlafe ich ein, irgendwann wache ich auf. Mir ist kalt und ich höre meinen Atem wie eine Musik, die für mich gespielt wird.

49

Wieder ist sie da. Auf Beine gestützt, die sie aufrecht halten, aber nicht mehr tragen können. Ganz und gar Eisenhaut ist sie ein Kanal für das Wasser aus dem Hahn, vorbei an schmerzenden Lippen und Bewusstsein für Hunger, Durst, Austrocknung, Isolation, Zeit und Raum.

Die Schatten um sie herum werden kurz, lang und länger.
Das Plätschern verdrängt die Stille. Das Glitzern der Tropfen ist das Schönste, was sie je gesehen haben. Der Schmerz der Berührung reißt sie auseinander. Lässt sie selbst zu Glitzerstaub werden.

Er wäscht sich. Befühlt die feuchte Erde und legt sich in ihren Duft.