das Gespräch

Um 4 Uhr 40 halte ich das Handy vor meine Augen.
Gut, dass ich früh ins Bett gegangen war.
Ich trinke etwas und teste vorsichtig meine Stimme, während der Wasserkocher läuft. Heute ist der Termin in der Klinik zur Nachbesprechung der Ereignisse, die sich seit einigen Wochen in Flashbacks und Albträumen neu aufdrängen. Mal vermischt mit früheren Erfahrungen, mal pur. Mal so, dass ich an der Tragfähigkeit der Gegenwart zupfen muss, mal so, dass ich in der Vergangenheit gesäte Zweifel an meiner Existenzberechtigung ernte. Auch diese Nacht endet verfrüht mit verzweifeltem Weinen und Hechtsprung in die Skillskiste.
In den letzten Tagen arbeitete sich ein fiebriger Infekt von meinem Kopf in meine Bronchien, meine Stimme war an einem Tag fast ganz weg. Und nun würde ich für mich sprechen können. Wollen. Müssen. Dürfen. Ich will klar sein. Und stabil. Mich wenigstens kurz so fühlen.

Mein Mann und ich haben das Gespräch oft vorbesprochen. An diesem Morgen sitzen wir ein letztes Mal zusammen und notieren uns beide die Liste der Punkte. Später wird er sagen, dass er in dem Moment seinen Vater gechannelt hat. Auch der kam immer mit einer Liste zum Arzt. Für meinen Mann ist es ungewöhnlich, sich für solche Termine derart zu wappnen. Obwohl er mit seiner Krankheit durchaus auch mit einem Stapel Papier und Datenträgern in Arztkontakt kommt.
Im gleichen Später wird er sagen, dass dieses Gespräch der tiefste Einblick in meine kommunikativen Schwierigkeiten und alle Probleme, die damit einhergehen – „Ey, das hat so viele Ebenen!!!“ – war, den er bisher hatte.
Und ich werde deshalb ein enormes Triumph-Glücks-Dankbarkeits-Gesehenheits-Gefühl in meiner infektiös schmerzenden Brust haben.

Doch zuerst fahren wir in die Klinik.
Merken, dass meine Stimme noch geschont werden muss. Wir uns also nicht ablenken, in seichte Stimmung bringen können. Ich bin unruhig, weil ich mich so okay damit finde, dass ich eine Liste habe. Und einem Angebot, einem Auftrag, glaube, dem ich nie wieder glauben wollte – „Wenn was ist, sprechen Sie uns an“.
„Es ist ein Lernfeld“, so ordne ich das ein, um mich zu beruhigen. „Diese Situation passiert zwar an meinem Körper, ich bin die_r Patient_in, aber mein Mann hängt da auch mit drin. Es ist nicht wie in der Psychiatrie, nicht wie bei allen anderen Behandler_innen. Nicht nur ich habe dieses Angebot, diesen Meldeauftrag bei „Wenn was ist“ erhalten, sondern auch auch mein Mann. Und auch der hat gesagt: sammeln, aufschreiben, auf Zuständigkeit und reale Umsetzbarkeit prüfen, auf den Punkt bringen und damit ins Gespräch gehen. Wir machen nichts Falsches, nichts Dummes, nichts Anmaßendes. Es hat überhaupt nichts mit unserer Persönlichkeit oder Krankheit zu tun, dass wir das so machen, und das, was wir vorbringen, berührt in keiner Weise das Individuum, mit dem wir sprechen, und auch nicht dessen Würde. Die Belastungsstörung, die ich gerade habe, ist nicht Folge meines Versagens oder Absicht von jemandem, sondern Folge der Ereignisse im Zusammenhang mit meinen individuellen Verarbeitungskapazitäten in dem Moment.
Verarbeitung bedeutet Arbeit. Es bedeutet: hingehen statt weggehen, machen statt halten, Integration statt Dissoziation
Wir gehen in den Termin, gehen in Kontakt und schauen dann weiter. Nicht jetzt. Jetzt schaue ich nur in meine Idee von der Zukunft, aufgrund der Erfahrungen, die ich bisher gemacht habe. Wenn das Gespräch war, dann habe ich eine Erfahrung mehr und was gerade Zukunft ist, ist dann Jetzt.“

Und dann ist es, wie es ist.
Wir sind pünktlich, die_r Behandler_in nicht. Wir haben keinen Zeitdruck, registrieren aber doch die Respektlosigkeit unseren Ressourcen gegenüber. Nach 20 Minuten kommt eine Behandlerin. Nicht die, bei der mein Mann um den Termin gebeten hatte. Die wird dann geholt. Spontan kommt sie aus dem Termin eines_r Patient_in raus. Sie hat etwa eine halbe Stunde und fordert uns auf, unsere Punkte anzubringen.
Kurz darauf liegt „das Schiff mit einer Seite fast waagerecht auf den Wellen“. Es passiert, was mir immer passiert. Aus Verwirrung wird Anklage, aus Erklärung Begründung, aus Idee, Vorschlag, Anfrage wird Forderung. Ich merke sofort, dass wir in dem sind, was Schulz von Thun „das Teufelskreis-Modell“ nennt. Ich merke, wie ich mich in die_n Patient_in verwandle, die Schülerin, die Kundin, die Mitarbeiterin, die Tochter.

Und das, was ich „das Opfer“ nennen würde. Würde ich mich damit nicht selbst zum Opfer erklären.
Während ich das auch in diesem Moment nicht tue, sondern wie gewohnt abwehre, um mein Ich zu erhalten und funktionell im Kontakt bleiben zu können, habe ich einige Stunden später ein neues Gefühl.
Denn da sagt mein Mann, der seit Verlassen des Klinikgeländes die gleichen Brandreden ausspricht, wie ich sie sonst nach so einer Erfahrung im Kopf habe: „Ey, und wenn jedes Gespräch dieser Art so abläuft, wenn einem das das ganze Leben in allen möglichen Situationen immer wieder passiert – da kriegt man ja jedes Mal brutal die Hucke voll. Oh G’tt.“
„Ja“, denke ich, „brutal die Hucke vollkriegen, trotz aller Vorbereitung, allem Anstrengen, allem Bemühen, allem Liebsein, allem Nettssein, aller Achtung von Form und Anstand. – Wenn jemandem so etwas passiert, dann sind diese Dinge auch nie relevant gewesen. Dann war die Performance scheißegal. Dann ging es nie um Form und Fakten, sondern um Gefühle und Erwartungen, Intentionen und Ansprüche. Also etwas, das sich hinter einer im Behandlungskontext (im Kontext einer Autorität) ganz besonderen Grenze befindet.
Das ist eine Grenze, hinter der man als Patient_in aus sehr vielen sehr guten und richtigen Gründen überhaupt nicht sein soll. Damit ist der Rahmen, in dem Patient_innen gehört werden müssen – in dem auch ihr Sprechen in eigener Sache grundsätzlich verortet werden muss – total klar und auch, wessen Aufgabe es ist, diesen Rahmen zu verantworten. Und es ist total klar, dass jede Verteidigung persönlicher Grenzen in diesem Zusammenhang von vornherein unter unfairen, weil ungleichen Voraussetzungen passiert. Patient_innen können gar nicht umfassend wissen, wann sie ihre Behandler_innen persönlich berühren. Klar, können sie wissen, dass Behandler_innen zu beleidigen zum Beispiel auch persönlich verletzt oder dass die gleichen allgemeinen Grenzen, die Menschen als allgemeine Gemeinschaft haben, auch auf Behandler_innen anzuwenden sind. Aber da sich Behandler_innen als Privatpersonen nicht so öffnen dürfen, wie Patient_innen, können Patient_innen Grenzberührung oder auch -bedrohung und -verletzung einfach nicht immer verhindern.
Das ist unmöglich.

Mein Mann moderiert und ordnet das Gespräch immer wieder. Missverständnisse werden dadurch offenbar und können geklärt werden. Ungeprüfte Vorannahmen der Behandlerin werden offensichtlich. Wir drei auf diesem Schiff unseres Gesprächs, im Wellengang der Gefühle, schwanken in einem erheblichen Ausmaß. Es gibt einen Moment, in dem sie sagt, sie hielte eine Weiterbehandlung für fraglich.
Mein Mann sagt spät am Abend, als wir zwischen zwei Fernsehsendungen pausieren, dass es ihn erstaunt und anfasst, wie schnell und bereitwillig der Kontaktabbruch aufgebracht wurde. Wie einfach die Lösung erscheint: „Naja, dann machen wirs halt nicht mehr“, um sich abzusichern und zu entlasten. Während das für uns bedeuten würde, dass wir mit unserem Anliegen in seiner Legitimität infrage stehen und mit dem Eindruck zurückbleiben, es sei ein Irrtum, ein Fehler gewesen, uns überhaupt zu behandeln.
Und auch das ist etwas, in dem Patient_innen ungleichgestellt sind. Wenn die Behandlerin in ihre Akte schreibt, dass eine Weiterbehandlung medizinisch nicht indiziert sei, dann ist das eine andere Aussage als „Die haben mich persönlich belastet und ich hab Besseres zu tun – an Patient_innen, die besser raten können, wann sie mich aus welchen Gründen, wie und womit belasten dürfen“. Dann wird ein persönlicher Beziehungsabbruch professionell begründet, die Folgen davon betreffen aber in Person und Sache komplett die Patient_innen. Wer so etwas macht, benutzt die Autorität der Profession als Waffe. Das ist Machtmissbrauch. Die Gewalt der Helfer_innen. Das, was den Klinik-GAU und sehr viele andere Behandlungserfahrungen in meinem Leben zu einem Trauma gemacht haben.

Das ist aber auch der Grund, weshalb ich in dem Gespräch auch das D-Wort gesagt habe. Diskriminierung.
Obwohl ich weiß, dass dieser Begriff, diese Thematik, hochemotional aufgeladen ist. Vor allem bei Menschen in Machtpositionen. Also Menschen, die üblicherweise nicht diskriminiert werden und von bestehenden Diskriminierungen profitieren.
Sachlich, faktisch, inhaltlich jedoch ist es eindeutig diskriminierend, Menschen eine Behandlung zu verweigern, weil sie eine Behinderung haben. Auch und gerade dann, wenn die Behandler_innen sich (aufgrund unhinterfragter oder falscher Vorstellungen über den behinderungsbedingten Grad der Einschränkung) überfordert fühlen, mit diesen Menschen gemeinsam zu schauen, wie die gemeinsame Zusammenarbeit aussehen kann.
An einem Punkt, an dem Menschen, die keinerlei Einblick in mein Leben mit Behinderung und meine Ressourcen zur Kompensation haben – und diesen auch gar nicht bekommen wollen! – Zugang und Rechte verweigern wollen, ist es sachlich, faktisch, inhaltlich absolut richtig und auch wichtig für mich persönlich, diese Verweigerung als Diskriminierung zu benennen.
Ich kann nichts dafür, dass das als Powermove gelesen wird. Als Angriff, als „die Keule schwingen, um die Debatte zu gewinnen“.
Für mich ist das wichtig zur Einordnung der Situation. Werde ich diskriminiert, bemühe ich mich nicht mehr um den Kontakt. Dann sind die Verhältnisse für mich klar. Dann geht es nicht mehr darum, wie wir gut miteinander arbeiten können, weil Diskriminierung einfach auch Autorität bedeutet. Dann bestimmt eine Partei und die andere hat das hinzunehmen.

Vielen Menschen, die keine Behinderung kompensieren oder nur in einer bestimmten (autoritären, machtvollen) Rolle mit behinderten Menschen zu tun haben, fehlt oft das Bewusstsein dafür, dass die Dinge, die sie schützen und stützen, die sie befähigen und ermächtigen, nicht für alle Menschen gleich zugänglich sind und selbst wenn, dann nicht auch zwingend die gleichen Effekte haben. So kommt es nämlich beispielsweise dazu, dass Behandler_innen zwar allen Patient_innen sagen: „Wenn was ist, melden Sie sich“, aber meistens überhaupt keinen Gedanken daran verlieren, was „was“ für wen in welcher Situation und aus welchen Gründen ist.
Selbst für meinen Mann ist dieser Satz, der für mich ein Kontaktangebot ist – etwas, das mir den Eindruck vermittelt, dass ich aufkommende Probleme nicht allein lösen muss – nichts weiter als eine prosoziale Phrase. Etwas, das man einander sagt, um ein Bild von sich bei der anderen Person herzustellen. Ein Bild – nicht die Realität. Für ihn ist beiderseits klar, dass „was“ überhaupt nicht definiert ist, aber im Notfall spontan definiert werden kann, weil die Annahme ist, dass beide Seiten, die gleichen Erfahrungen, Probleme oder Perspektiven auf Dinge haben.
Meine Erfahrungen, Probleme und Perspektiven sind aber aufgrund meines Autismus und der Traumafolgestörung in manchen Dingen ganz extrem anders. Nicht immer ist das ein Problem oder erfordert auch ganz andere Lösungsansätze als allgemein üblich, aber immer bin ich darauf angewiesen, dass andere Menschen ihre Ideen und Erwartungen an meine Fähig- und Fertigkeiten hinterfragen, weil sie nicht von sich auf mich schließen können. Das kann ich umgekehrt ja auch nicht. Wir müssen uns beide in ein Lernfeld begeben und das ist – auch wenn es einen professionellen Rahmen für unseren Kontakt gibt – auch Beziehungsarbeit.

Und Beziehungsarbeit ist krass. Krass anstrengend. Umfassend. Bringt oft mehr was fürs Gefühl als für die Arbeit oder irgendwas messbar Konkretes. Jedenfalls am Anfang.
Klar wird das vermieden, wenn man es ohne Verluste auch einfach kann. Klar denkt man sich: „Boah, wenn ich das für alle Leute leisten muss, dann bin ich schnell am Ende.“ Da gibts offenbar selten den Gedanken: „Hm, wenn ich das jetzt mache, wirds beim nächsten Mal wahrscheinlich leichter.“ Und so bleiben die Vorurteile, die falschen Ideen, die Einschätzung, dass Barrierenkompensation aufwendig und wertlos ist. Und damit kommen dann die Vermeidung, die generalisierte Abwehr, die „professionelle Begründung“ dafür, warum bei Patient XY die Behandlung AB nicht indiziert sei.
Man versichert sich damit in einer Position, in der man ganz rationale und legitim erscheinende Begründungen dafür findet, den Kontakt extrem zu limitieren oder eben einfach abzubrechen. Diskriminierung in dem Zusammenhang überhaupt erkennen und begreifen zu können, wird dadurch sehr sehr schwer.
Auch das ist ein Grund, weshalb ich sie benenne. So auch in dem Gespräch.

Für mich hat das auch etwas mit Erwachsensein zu tun.
In jedem Kontakt, den wir eingehen, haben wir die Verantwortung, ihn zu erhalten, zu schützen und angepasst zu gestalten. Diese Verantwortung will ich nicht einseitig übernehmen müssen. Schon gar nicht im Zusammenhang mit einer Behandlung, die für meinen Mann und mich so wichtig ist.

Als wir im Auto sitzen und mein Mann seine Gedanken sortiert, fühle ich mich richtig richtig gut.
Er hat alles gesehen. Er hat alles bezeugt. Und jetzt fühlt er auch noch alles mit.
Er fühlt sich nicht gut und das ist kacke – aber ich bin so entlastet und glücklich. Zum ersten Mal habe ich nach einem Gespräch dieser Art nicht das Gefühl, kein Recht auf Leben zu haben, sondern als wärs total okay alles zu fühlen und zu denken und meinen und glauben und anzunehmen was einfach gerade da ist. Und das ist so cool.

Wir sind mit gemischten Absprachen aus dem Gespräch gegangen. Formal ist alles gut. Wir werden weiter behandelt, nächstes Mal mit einer Narkose. Sozial gehe ich von zukünftig verkrampfter Fern-Freundlichkeit aus. Denke, dass sie uns das nie sagen werden, doch froh sind, wenn wir da einfach nie wieder hingehen. – Eine Traumawahrheit, die ich natürlich überprüfe. Aber etwa 20 Stunden nach dem Aufwachen an diesem Tag, erstmal glaube und beweine.
Ich habe keinen Grund, von etwas anderem auszugehen.
Andererseits habe ich auch mein Leben lang gedacht, ich würde meinen Schmerz in solchen Gesprächen, meine Not, dieses ganze bekackte Elend mit all seinen Ebenen, diese Ohnmacht, die Hilflosigkeit, die Wut ohne Ventil – alles DAS DA – mein Leben lang immer allein erleben müssen.

nicht sicher ist sicher

Das feuchte Knirschen unter meinen Schritten hallt in der leeren Straße. Die Kälte greift in mein Gesicht. Ich flirre. Die Krankschreibung in meiner Tasche ist glatt und zart. Der Tag erst kurz von der Sonne beschienen.

Es ist also wieder da. Die Somatisierungsstörung. Die Schlafstörung. Die PTBS.
Ich bin so richtig, so eindeutig erheblich, krank.
Ich fühle mich besiegt. Geschlagen im doppelten Sinne.
Nix mehr mit tapfer. Mit „Ist schwer, aber geht schon“.

Ich weiß, dass das mein Ding ist. Niemanden belasten. Drüber reden, aber schon immer drauf achten, dass die komplette Breitseite, der Umfang, die konkrete Bedeutung der Diagnosen und der Behinderung, durch optimistische Offenheit, ironischen Witz und alltagsübliche Bagatellisierung, verschleiert bleibt. Meine Traumasache vermeide ja nicht nur ich. Zum „So-tun-als-ob Trauma und Behinderung nichts weiter bedeuten müssen“, gehört mehr als die Vermeidung einer traumatisierten und behinderten Person.
Es macht etwas mit mir, zu merken, dass meine Hausärztin diese Breitseite nicht von mir benannt haben muss, um sie zu erfassen. Meine Verwundbarkeit als ihre Patientin wird mir bewusster und sofort greift die Triggermechanik. Sofort bin ich geistig wieder beim Klinik-GAU, emotional im seelischen Hochmoor. Und genauso schnell vakuumiere ich mich davon weg. Werde steif, strenge mich an. Konzentriere mich auf das, was sie sagt, bohre mir die Gegenwart in den Kopf wie ein Betonfundament. Als ich die Praxis verlasse, merke ich den Wechsel. Den Switch zurück in die compliant Patientin, die besser weder dem eigenen Gefühl über die eigene Lage glaubt, noch weiß, was denn jetzt wirklich angemessen, okay, sicher, richtig ist. Das ist Klinik-GAU-Modus. Psychiatrie-Hannah. Klapsleichen verdrängen und mitmachen so gut es irgendwie geht-Rosenblattsalat.

Ich habe mich lange nicht mehr so rosenblättrig gefühlt. Und dieses Wiederaufbrechen meines Selbstgefühls ist es, was mir gerade den Rest gibt. Meine Arbeitsfähigkeit ist kaputt. Meine Lebensziele wahrscheinlich nicht mehr erreichbar. Und jetzt ist auch das, dieser psychische Kongruenzerfolg, überhaupt nicht festgeschrieben.

Jede Krise ist eine Herausforderung an die persönliche Resilienz.
Und Resilienz ist überhaupt nicht einfach „trotzdem weitermachen“ zu können, wie man sich das heute in Kurzvideos und KI-generierten Webseitenzusammenfassungen erzählen lassen kann. Resilienz zeigt sich in der Fähigkeit, sich anpassen zu können. Resilient ist, wer anders weitermachen kann, ohne auf etwas von sich verzichten zu müssen.
Was auch immer an mir resilient ist – meine Psyche ist es also definitiv nicht. Nichts von mir habe ich je so freigiebig aufgegeben, verdrängt, vermieden, verleugnet, kategorisch abgetrennt wie mich selbst.
Ich habe immer weitergemacht, weil ich nicht weiß, was ist, wenn ich nicht weitermache. Wie mein Tag dann aussieht. Wie sich das anfühlt, in echt nicht irgendwas weiterzumachen. Ich stelle mir das wie ein reflexloses Leben vor. Also ein schon allein biologisch unmögliches Leben.

Krisen sind transformierend. In solchen Phasen gibt es keine Möglichkeit zu wissen, wie was wird. Ich kann mir jetzt keinen Plan machen. Nur Ziele setzen, deren Erreichen überhaupt nicht sicher ist.
Ich glaube, darin zeigt sich letztlich Resilienz – darin, dass man sich in einer Krise Ziele setzt, auf die hin man weitermacht. Obwohl man sie vielleicht nie erreicht oder sie erreicht, aber nie sicher sein kann, dass sie bleiben. Damit okay zu sein, diesen Umstand hinnehmen und aushalten zu können – vor sich selbst vertreten und durchsetzen zu können mit allem, was man in sich hat – das ist eine ganz individuelle Kraftanstrengung. Dafür bemüht man etwas in sich, das vielleicht lediglich ein biologischer Trieb ist, aber vielleicht doch auch das, woraus Seele besteht.

Ich fühle diese Kraft im Moment nicht.
Ich bin müde. An manchen Stellen sehr hoffnungslos. Die meisten Dinge, für die ich mich gerade anstrenge, machen mir zuweilen extreme Angst. Obwohl ich gleichzeitig oft den Eindruck von Sinn- oder Bedeutungslosigkeit habe.

Es gibt aber auch Gutes.
Das ist nicht meine erste Krise. Bisher bin ich früher oder später einfach wieder in die Kraft gekommen, mir Ziele zu setzen und damit zurechtzukommen, dass ich mich selbst in Sicherheitsgefühle reinlügen muss, um mich dem Lauf der Dinge wieder neu, anders, zu übergeben.

Als ich wieder zu Hause bin und ein Tee meinen Bauch entspannt, hört das innere Flirren auf. Ich schaue auf die schmelzende Schneedecke auf dem Feld vor meinem Fenster und bin mir sicher, dass es nicht so bleibt wie jetzt.
Bisher ist nichts geblieben, wie es war.

der neue Podcast

„Stitch ’n Bitch“ so heißen politische Strick (Handarbeits)-Gruppen – und der neue Podcast von Becci und mir.

Wir haben unsere Nullnummer veröffentlicht und freuen uns, wenn ihr sie anhört bis der Sound besser ist – was er wird, versprochen! 😅

https://www.stitchnbitch.de/

Perspektivisch wollen wir über unsere Projekte und Learnings, aber auch die Themen sprechen, die sich darum herum ergeben.

Krise

„Wie habe ich früher Situationen wie diese gelöst?“
Für mich gibt es auf diese Frage eine Antwort.
Seit ich Krisen nicht einfach nur überlebe. Durchstehe. Mich halt einfach durchkämpfe. Seit ich „Konzentrier dich doch auf die schönen Dinge“ als Verführung in die Vermeidung erkannt habe. Das ist wichtig dazu zu sagen. Denn wer sich durch die Krise dissoziiert, kann hinterher oft kaum sagen, was da eigentlich genau war und was geholfen hat. Eine durchdissoziierte Krise bietet keinen Raum zur Aus- und Weiterentwicklung von Fähigkeiten der Selbstberuhigung bzw. Stabilisierung. Eher das Gegenteil. Dazu später mehr.

Jetzt gerade ist bei mir Krise.
Schon länger. Viele Ereignisse haben mich getroffen, manche sehr. Von keinem konnte ich mich wirklich erholen. Keins davon war selbstbestimmt oder in Form und Folgen beeinflussbar oder sicher vorherzusehen.
Mein Körper reagiert. Magenschleimhautentzündung, Blasenentzündung, Trigeminusschmerzen, Schlafprobleme, Albträume, Ängste und Depression – meine Gedanken finden sichereren Tritt auf traumawahren Wegen, als im uneindeutigen Dickicht des Hier und Jetzt. Ich esse und trinke auf Verdacht, meine Wahrnehmung dafür ist praktisch kaum noch vorhanden. Es hat keinen Sinn mehr, mich auf Signale von Überreizung zu scannen. Ich muss einfach drauf klarkommen, dass mir von jetzt auf gleich der innere Akku zur Kompensation ausgehen kann und mir aktiv in Erinnerung halten, wie ich mich in solchen Momenten verhalte. Wie ich mich schütze, wenn mir das außerhalb von zu Hause passiert. Was ich machen muss, wenn mir niemand Hilfe oder Unterstützung anbietet.

Seit März 2025 geht es mir öfter schlecht als gut. Da war der Konflikt, der entstand, weil es mir seit Sookies Tod öfter schlecht als gut ging.
Und immer war da etwas, das mich getragen hat. Das Schwimmen. Das Handballspielen. Bubi. Mein Mann. Freund*innen. Die Selbsthilfegruppe. Das Schreiben. Die Arbeit. Die Möglichkeit, mit meiner Therapeutin immer wieder neu zu sortieren und aufzuarbeiten. Die Natur. Das Fotografieren. Die Handarbeit. Die Ziele für mein Leben.

Jetzt bin ich einfach müde. Kann keinen Sport machen, solange ich Medikamente brauche. Kann die mentale Kraft, die es für meine Arbeit braucht, nicht mehr aufbringen, weil ich sie benötige, um den Kontakt zu meinem Mann und meinen Freund*innen zu navigieren. Um meine Routinen der Körper- und Haushaltspflege aufrechtzuerhalten. Mich selbst als Körper in Zeit und Raum einordnen zu können. Mich für die Arbeit in der Therapie zu befähigen. Zu bemerken, wann ich Dinge über die Welt und mich denke, die heute zu unwahrscheinlich sind, um sie als relevant für heutige Entscheidungen einzuordnen.

Früher hätte es mir geholfen, mich abzuschießen, wie ich in der Kinder- und Jugendpsychiatrie abgeschossen wurde. Zwei Tavor, drei Zop abends, Neuroleptika morgens. Tavor drübergestreuselt, wenn nötig. Das ging. Sookie trieb mich trotzdem noch raus und hielt mich im Rhythmus ihrer Bedürfnisse.
Heute habe ich die Erinnerungen an Fixiersituationen. An Gewalterfahrungen, für die ich betäubt worden bin. Ich kann die dumpfe Abgeschossenheit haben, aber irgendwann kommt das Erinnern eben auch dazu. Nicht immer. Nie immer. Aber sicher irgendwann.
Es ist keine echte Option mehr, um innerlich auf „Pause“ zu klicken. Mal kurz sicher daran gehindert zu sein, nicht ständig in unklare Zukünfte oder unvorhersehbare Entwicklungen hineinzuorakeln, um sich möglichst gut darauf einzustellen. Wenigstens nicht geschockt überrumpelt überrascht zu werden.
Es war auch nie wirklich eine Option, um sich zu beruhigen.
Es ist nur ein Abschuss. Ein eindeutiger Kontaktabbruch mit bestimmbarem Anfang.

Am Ende hat mir aber immer Kontakt geholfen.
Vor allem Kontakt, der stabil ist. Vorhersehbar. Klar. Eindeutig in Form und Intention. Geregelt. Strukturiert.
Nicht: liebevoll, fürsorglich, nah, helfend, „mich sehend“, „mich verstehend“.
Sondern: präsent, orientiert daran, was tatsächlich ist und was nicht (oder sehr unwahrscheinlich), (selbst)sicher, verbindlich in Bezug auf Absprachen und das kontinuierlich zu jedem Zeitpunkt.

Gerade jetzt brauche ich Kontakte zu Menschen, die sagen, was sie meinen. Die aussprechen, was sie denken, möchten, wünschen, befürchten, bezweifeln, überlegen, wollen.
Genau jetzt sind witzige Doppeldeutigkeiten, „nicht so gemeinte Sprüche“, Metaphern, die implizite Schlüsse erfordern, oder hilflose Phrasen („Das wird schon“) ein Problem. Sie erfordern zu viel mentale Leistung von mir, um sie als die Bindungsverstärker zu erkennen, die sie für manche Menschen sind. Ich kann nicht mehr so tun, als könnte ich „viben“. Einfach „spüren, dass ich gut aufgehoben bin“, einfach „wissen, dass ich nicht allein bin“. Ich kann es mir nicht mehr leisten, anderen Menschen nicht zu sagen, dass sie mich möglicherweise an Verabredungen erinnern müssen, um die ich selbst gebeten habe. Ich muss darum bitten, dass sie mich an meine eigenen Vorhaben erinnern. Ich kann nicht mehr so tun, als bräuchte ich keinen graphischen Ablaufplan für meine Tagesstruktur. Keine Timer für mentale Gleiswechsel. Als wäre Alltag nicht die harte Arbeit, die Alltag für mich ist.

Diese Angewiesenheit ist ein unfassbar starker Trigger für mich.
Dieses ständige Verschleiern und Verharmlosen meiner Kompensationsleistung gehört schon immer zu meinem Leben. Die Unaufrichtigkeit, die damit einhergeht, ist dermaßen groß, dass wirklich gar kein Mensch, mich selbst, eingeschlossen, auch nur im Ansatz ahnen kann, wie ich bin, leiste ich sie nicht.
Krisensituationen oder krisenhafte Phasen wie jetzt sind entsprechend immer multifaktoriell. Da gibt es die Notwendigkeit der mentalen und psychischen Regeneration, die am besten mit körperlicher Aktivierung und psychotherapeutisch begleiteter Verarbeitung erreichbar ist – beides erfordert jedoch Kompensationsleistung, für die eine erhebliche Menge mentaler Kraft notwendig ist. Man wird ja nicht in die Schwimmhalle gebeamt. Da ist es nicht still. Man muss den Schrankcoin bekommen. Man muss sich umziehen. Das Wasser ist nass. Man spürt es überall am Körper. Damit der Sport psychisch aktiv wirkt, braucht es eine gewisse Anstrengung über mindestens 20 Minuten. Das Wasser rinnt in Tropfen über die Haut, wenn man rausgeht. Da sind andere Menschen. Man muss sich wieder umziehen. Nach Hause fahren … Das Gleiche bei der Therapie. – Diese so wichtigen Ressourcen erfordern von mir Ressourcen und die Leistung, sie zielgerichtet und effizient einzusetzen. Kann ich diese Leistung nicht erbringen, brauche ich Menschen, die mir helfen. Und da sitzt ein Trauma, das mehr Kontinuität hat als jede Misshandlungserfahrung in meinem Leben.
Ich sage Menschen nie, wobei ich wirklich Hilfe brauche. Ich sage, dass ich welche brauche und versuche dann herauszufinden, was sie mir (ohne Gegenleistung) anbieten wollen. Und damit arbeite ich dann. Ich halte mich fern von ihnen als Person, kläre Abhängigkeiten und Konsequenzen und tue im Zweifel auch so, als ob selbst die Dinge, die überhaupt nicht helfen, total helfen würden. Diese „besser als nichts“-Strategie ist total dumm. Und besser als nichts. Und Kontakt.
Die typische Gleichzeitigkeit von Vermeidung und Konfrontation, Funktion und Freeze.

Und so merkwürdig und kontraintuitiv wie das auch klingen mag: Das ist ein Fortschritt.
Weil ich es so mache, dissoziiere ich nicht mehr komplett, sondern spezifisch in Krisenphasen. Ich bin nicht mehr innerlich komplett kaltgestellt, weiß nichts, fühle nichts, will nichts, brauche nichts außer Abschaltung und Fremdbestimmung. Ich weiß, was ich wann wieso und wo fühlen müsste und passe mein Verhalten entsprechend an. Ich weiß, was ich üblicherweise wollen würde, bräuchte und worum ich mich kümmern muss, um sicher und in Kontakt zu sein, und konzentriere mich darauf.
Ich habe gerade keine Ahnung über mein Innenleben. Wer was wie findet, fühlt, einordnet, dies das. Das heißt, dass ich kein psychisches Feedback darüber bekomme, was meine Verhaltensanpassung und meine Konzentration für mich selbst bedeutet oder in mir auslöst. Aber ich weiß, was ich tue. Wofür ich es tue. Wann und wie ich es tue. Ich kann mir ein Protokoll anlegen, mich selbst beobachten und über diese Beobachtungsdaten nachvollziehen, wann wieder psychisches Feedback kommt. Und in welcher Form.
Das bedeutet: Ich bin jetzt, an dem Punkt, an dem man mich vor gut 20 Jahren verortet hat, was meinen Grad der Beeinträchtigung durch meine dissoziative Störung betrifft. Was, soweit ich das aus Klinikberichten von anderen Menschen mit DIS entnehme, bis heute so als Standard vorausgesetzt wird.

Ich muss diese Krise nicht „einfach überleben“. Jetzt kann ich tatsächlich anwenden, was in Selbsthilfebüchern steht. Und aus meinen Erfahrungen lernen.

*

Es hilft mir gerade, das alles aufzuschreiben.
Ich fürchte im Moment oft, dass meine ganze Anstrengung für alles, was mir in den letzten 14 Jahren wichtig war, umsonst gewesen ist. Dass ich mir was vorgemacht habe. Dass ich nichts davon schaffe. Dass meine Entscheidung für das Leben lächerlich, anmaßend und letztlich nur Ausdruck dessen war, was an mir das Abstoßendste ist.
Ich denke gerade oft so, als hätte sich in den letzten Jahren an mir selbst und meinen Möglichkeiten überhaupt nichts verändert. Als hätte ich meine Therapeutin für nichts und wieder nichts angestrengt, Strukturen beansprucht, ohne ihnen etwas zurückzugeben, mich in diese Welt gebohrt, obwohl ich doch ganz sicher weiß, dass sie mich nicht haben will.

In Wahrheit ist die Welt, das Universum, der Lauf der Dinge voll von Dingen, die ungewollt sind. Sie gehören dazu. Genauso wie die Leute, die nicht aus allem, was ihnen gegeben wird, etwas machen, das direkt wieder zurückfließen kann. Meine Therapeutin hätte sich auch für andere Menschen so angestrengt wie für mich. Ich habe Fortschritte gemacht. Ich habe die gleichen Wünsche ans Leben wie die meisten anderen Menschen auch. Manchmal ist es Glück, manchmal ist es Zufall, nur selten ist es ein komplett eigener Verdienst, dass sie sich erfüllen.
Ich muss nicht einfach irgendwie durch und weiter und nochmal und weiter und nicht nachlassen.

Ich kann hier sitzen, mit Bubis ruhigem Schlafatmen im Rücken, in der unaufgeregten Ländlichkeit um unser Haus herum und wissen, dass ichs aufgeschrieben hab. Dass da jetzt Worte sind statt wirre Impulse, die sich dann und wann zu Gedanken formen. Kann mich kurz darauf konzentrieren, dass mich das beruhigt. Ich muss diese Arbeit nicht nochmal machen. Sie steht hier. Ich kann den Link teilen und damit etwas von mir selbst. Ich kann damit Kontakt herstellen.

die kleinste Crowd hat das geschafft

Logo des Podcast Viele Leben

Viele haben dieses Projekt vielleicht vergessen. Oder das Interesse verloren, nachdem ewig nichts Neues kam. Aber 8 Menschen sind mit mir drangeblieben.
Und jetzt können alle eine neue Ausgabe meines Interviewprojektes „Viele Leben“ anhören.

Auf vielesein.de findet ihr die Ausgabe zum Anhören und Runterladen mit Kapitelmarken, Transkript und Shownotes.
Die Episode findet ihr aber auch im RSS-Feed von Viele Leben und wenn ihr Unterstützer_in via Steady oder via Banküberweisung Projektspender_in seid, auch in einer E-Mail.

Zum neuen Jahr sind es leider nur noch 7 Menschen, die regelmäßig eine kleine Spende schicken. Die kleinste Crowd, die ich je für ein so reichweitenstarkes Projekt an der Seite hatte.

In einer Zeit, in der zunehmend über und nicht mit Menschen, die sich als Viele erleben, gesprochen wird, ist dieses Projekt aktuell das einzige, das von Anfang bis Ende von unabhängigen Betroffenen in Gruppenleistung konzipiert, produziert, finanziert und publiziert wird. Zudem ist es nicht kommerziell und steht exemplarisch für selbstverwaltete und selbstbestimmte Öffentlichkeitsarbeit von behinderten/chronisch kranken Menschen.

Ich habe bereits zwei weitere Interviews aufgenommen. Doch Stand jetzt gibt es auch die nächste Ausgabe erst nach einer sehr langen Wartezeit.
Schaut doch bitte mal nach, ob ihr nicht doch den einen oder anderen Euro in den Projekttopf bei der Initiative Phoenix e. V. oder direkt ins Projekt bei Steady geben könnt. Jeder Beitrag macht einen Unterschied.

P. S. Bei Steady kann man Mitgliedschaften auch verschenken. – Kleines, hoffentlich absolut offensichtliches, Zwinkyzwonky in Richtung aller, die das Geld haben, aber finden, als „Nichtbetroffene“ wären sie nicht gemeint.

Schaupsielerin, die sehr offensichtlich mit einem Auge zwinkert

wie es manchmal ist

Am Donnerstag habe ich den Verlust realisiert.
Am Mittwoch erfahren, dass ich tatsächlich eine Magenschleimhautentzündung habe.
Am Dienstag keine zwei Meter und 5 Minuten vom Ende der Therapiestunde begriffen, dass mir nur Täter*innen jemals wirklich nah waren.
Am Montag ein Update für den Rettungsstand meines Computers abgefragt.
Am Wochenende hat die Blutung voll eingesetzt.

Und dann war da nur noch Impulssuppe. Bauchschmerzen. Fragen nach G’tt, Antworten auf die Realität.
Ich habe meine Ressourcen genutzt. Habe telefoniert, Sprachnachrichten ausgetauscht, war schwimmen, stricken und arbeiten. Lag unter der schweren Decke und im Bett. Stand still verbunden im Wald und weinte vor dem Supermarkt, an Ampeln, auf dem Parkplatz vor unserem Haus. Streichelte Bubi und meine Erinnerungen an Sookie.

Am Montag konnte ich mich damit nicht mehr halten. Versorgen. Trösten. Tragen. Sehen. Verstehen. Da wurde das Ressourcen- und Reorientierungsplaster zu einer schwimmenden Fassade mit unregelmäßigen Rändern.
Die wenigsten meiner Freund*innen feiern traditionell oder überhaupt Weihnachten. Aber die meisten verschwinden in der Zeit. Sind mit anderen zusammen. Fahren weg. Noch weiter, als sie eh schon von mir wohnen.
Und mein Mann ist schon seit Wochen, vielleicht auch Monaten, immer wieder weg. Geistig. Manchmal auch emotional. Wegen der Arbeit. Die einfach wichtig ist. Auch für uns. Nicht nur wegen des Geldes. Er arbeitet in einem Job, in dem es nie Pause gibt. Jederzeit irgendwas passieren könnte, auf das reagiert werden muss. Stundenlange Meetings, komplizierte Entscheidungen und Abwägungen vorgenommen werden müssen. Jeder-fucking-zeit. Auch in der Zeit, in der wir gemeinsam trauern oder einander Kraft geben könnten. Oder teilen könnten, wie es uns mit der Welt und ihrem Geschehen geht. In den vergangenen Wochen war jeden Tag jederzeit.

Am Ende konnte ich lange mit meiner Therapeutin telefonieren.
Die Suppe gelieren lassen, aufteilen und in Gruppen sortieren.
Ich konnte nochmal schwimmen gehen. Noch mehr Magenschutz kaufen. Meinen reparierten Computer abholen. Weiterstricken. Meine Bedarfsmedikation absetzen. Mit Bubi rausgehen und hinnehmen, wie die Lage bei meinem Mann ist, wenn ich wieder reingehe.
Akzeptieren, dass es ist, wie es ist.
Nicht, wie ich es brauche.
Nicht, wie ich es möchte.
Aber so, wie es manchmal, jetzt, hier und heute eben ist.

Fundstücke #93

Der Großteil meiner Traumatherapie bestand und besteht bis heute darin, meine eigenen Grenzen empfinden, einordnen, anerkennen und bewahren zu lernen. Immer wieder und auf allen Achsen ist das relevant. Manchmal, weil ich mit bestimmten Grenzen nicht aufgewachsen bin. Manchmal, weil mir Grenzen nicht erklärt oder aufgezeigt wurden (und werden). Manchmal, weil mir bestimmte Hinweise (etwa von meinem Körper) nicht oder nur unter bestimmten Umständen eindeutig interpretierbar gesendet werden.
Die eigenen Grenzen zu er.kennen und wahren zu können, ist eine unglaublich schwierige und vielschichtige Arbeit, wenn man sie bewusst vornehmen muss. Und meistens ist es eine eher nicht so tolle Erfahrung, mit eigenen Grenzen konfrontiert zu werden. Jedenfalls nicht für mich.

Es gibt Traumawahrheiten, die mich bis heute einigermaßen leistungsstark durchs Leben bringen. Im Text über den „Ich bin erwachsen-Kniff“ habe ich eine davon bereits beschrieben.
Was mich nun beschäftigt, ist die Frage, was man dem entgegensetzt. Und wozu. Und zu welchem Preis.
In der Aufarbeitung meines letzten Burnouts wurde mir beispielsweise klar, dass ich mich in vielen Lebensbereichen in Leistung quäle, weil es sich für mich sicherer anfühlt, schmerzerfüllt und ich-los zu leisten. Und zwar, weil ich generell eher selten Erfahrungen mache, in denen Schmerzfreiheit und Ich-Gefühl gleichzeitig bestehen. Es macht mir Angst, keinen Schmerz oder dissoziative Selbstempfindung zu haben. Weil das sehr eindeutige Grenzerleben von „gleich/jetzt geht hier gar nichts mehr“ so viel vertrauter und eindeutiger ist.
Hinzu kommt, dass es in Bezug auf meine Leistungsfähigkeit kaum einen Unterschied zwischen Traumawahrheit und Er.Lebenserfahrung gibt. Wenn ich nicht mehr kann, kann ich wirklich nicht mehr und bin wirklich existenziell gefährdet.

Was überhaupt nicht hilft, dieses Thema zu verändern, ist anzunehmen, ich hätte eine Intuition, ein Wissen ohne Denken, das mich schützen könnte, würde ich nur darauf hören.
Ja, ich gehöre zu den intellektualisierenden Menschen. Das kann ein intuitives Wahrnehmen von Gefühlen und „rohen Impulsen“ erschweren oder auch verhindern. Und gerade in Bezug auf Komplextrauma ist Intellektualisierung häufig ein Mittel, funktionellen Freeze aufrechtzuerhalten, um zu überleben. In diesem Zusammenhang wird Intellektualisierung als reiner Abwehr-(zum Schutz)‑Mechanismus verstanden. Als Option, sich vor großen Unkontrollierbarkeiten zu schützen oder sich die Illusion von Kontrollierbarkeit über Unkontrollierbares zu bereiten. In Bezug auf das Er.Leben chronisch traumatisierender Lebensumstände, halte ich diese Annahme für richtig.

In Bezug auf alltägliches Erleben hingegen nicht.
In meinem Alltag hat meine Intellektualisierung eher die Funktion, mir zwischenmenschlichen Kontakt und allgemeine Orientierung zu ermöglichen. Da sind meine Gefühle nicht unterdrückt oder abgewehrt, sondern primär reine, rohe, ungefilterte Körperempfindungen und -funktionen, die ich erst durch die intellektuelle Erfassung und Einordnung als solche identifizieren kann.

Ich weiß nicht, wie viel da dran ist, aber meine Annahme aktuell ist, dass dieses Moment etwas ist, bei dem andere Menschen auch einfach wieder schneller sind als ich und deshalb gar nicht bewusst merken, dass auch sie Gefühle nicht einfach mal eben so „einfach spüren“ und „einfach so wissen“. Ich stelle mir das so vor wie einen Arbeitsprozess, der durch Üben immer schneller wird und immer weniger gezieltes Nachdenken über einzelne Schritte erfordert und irgendwann mehr Körpererinnerung als bewusst angesteuertes Geschehen ist.
Und da gibt es einen Anknüpfungspunkt.
Viele autistische Menschen haben Schwierigkeiten damit, Abläufe zu lernen und erlernte Abläufe sicher im Gedächtnis zu behalten. In der wissenschaftlichen Literatur wird das mit „Defiziten im prozeduralen Gedächtnis“ beschrieben und teilweise erwähnt, um zu erklären, warum autistische Menschen den Erwartungen nicht-autistischer Menschen manchmal gar nicht entsprechen [1]. Etwa, wenn sie akademisch/schulisch schlecht performen, aber in ihrem Spezialgebiet jedes noch so kleine Detail beschreiben können. Oder, wenn sie sich nicht die Schuhe binden, aber jeden Dialog eines Films aufsagen können. Das Ding dabei ist, dass diese Aufgaben jeweils wenig bis nichts miteinander zu tun haben. Um sich die Schuhe binden zu können, müssen Auge und Hand koordiniert werden, während gleichzeitig der Handlungsablauf Schritt für Schritt abgerufen, abgeglichen und ausgeführt werden muss. Und das ja in der Regel eingebettet in einen größeren Handlungsablauf (etwa das Haus verlassen). Um einen Dialog (oder reine Informationen) zu speichern, reicht es, einen Kanal zu öffnen (etwa nur das Hören oder nur das Sehen) und den Input innerlich/geistig abzubilden. Der Aufwand dafür, die Kraft, die dieser Vorgang erfordert, ist ein ganz anderer, weil der Prozess (und auch das prozessierende Hirnareal) ein anderes ist.

Ich lerne am besten, wenn ich erlebe. Wenn ich mich physisch konkret mit dem Lerninhalt befassen kann oder beim Lernen physisch aktiv(iert) sein kann. Große Gefühle aktivieren. Schmerz aktiviert. Stimming aktiviert.
Ich habe für manche Alltagshandlungen redundante Lieder bzw. Reime im Kopf. Zum Anziehen zum Beispiel „Kopf, Schulter, Knie und Fuß“ oder den Reim mit dem Häschen beim Schuhe binden (obwohl ich gar nicht nach der „Hasenmethode“ binde). Unterdrücke ich dieses „geistige Singen“ (etwa, weil ich von mir erwarte, mich gefälligst nicht mehr wie ein Kleinkind zu verhalten), wird die Handlung zum Krampf. Mir fallen die Bestandteile ein, aber nicht mehr die Reihenfolge, und es dauert ewig. Bin ich dann auch noch in einer Situation, die nicht typisch für diese Handlung ist, besteht durchaus die Möglichkeit, dass ich es gar nicht hinkriege. Obwohl ich es schon unzählige Male geschafft habe.

Die geistige Energie, die ich für diese physischen Abläufe aufbringe, ist genauso groß wie bei psychischen Prozessen. Da passiert wenig „einfach so“ oder ohne eine Art „Überbrückung durch anderweitige Aktivierung“. Die Dissoziation ist eines dieser wenigen „einfach so“-Dinge. Wahrscheinlich, weil sie kein aktiver (bewusster) psychischer Prozess, sondern ein biologischer Reflex ist. Wenn etwas zu gefährlich, zu flutend, zu reizend ist, dann musste ich noch nie aktiv darüber Bescheid wissen.
Und machen wir uns doch ehrlich: Im Grunde wäre es doch auch scheiß egal, ob ich weit vorher schon weiß, dass irgendetwas zu viel für mich ist – meine Mitwelt teilt meine Wahrnehmung gar nicht. Ist überhaupt gar nicht darauf ausgelegt, dass irgendwas generell langsamer, weniger intensiv oder sonstwas ist. Entweder ich mache mit oder nicht. Entweder ich mache den Job oder nicht. Entweder ich leiste wie gewünscht, erwartet, erhofft oder nicht. Entweder ich funktioniere/leiste passend oder nicht.
Und jedes „Nicht“ in dieser Aufzählung führt zu Isolation. Zu einem „nicht dabei“, „nicht dazu“, „nicht mit“, „nicht auch“. Und in der logischen Konsequenz dann eben auch zur Notwendigkeit, mich immer bis auf die letzte Rille zu verausgaben, um meine Bindungs- (und also Sicherheits‑)bedürfnisse zu erfüllen.
Natürlich gibt es Verhandlungsspielraum, natürlich ist das alles nicht „schwarz oder weiß“ – aber irgendwann eben doch. Immer. In Bezug auf alles und alle.

Klar ist das total traurig. Und beschämend für unsere Gesellschaft, die so ja gar nicht sein will. Und dann irgendwann eben doch ist. Aber wiederkehrende Burnouts zu verhindern und meine Grenzen doch besser wahren zu lernen, ist im Hinblick darauf doch einfach hohl.
Oder?
Ich könnte effizientere Fürsorgeentscheidungen treffen, wenn ich mehr darüber wüsste, was ich innerhalb meiner Grenzen leisten kann – und wem das wann wie in welchem Zeitraum auch genug ist. Wer mir entgegenkommt, wenn ich nicht weiter kann. Wer mich bei „banalem Kleinscheiß“ unterstützt, auch wenn ich in „hyperkomplexem Metakram“ überlegen bin.
Und wenn es bei Grenzberührung nicht tatsächlich immer auch implizit um Leben und Tod ginge. Oder diese meine Beobachtung/Einordnung nicht mit einer Traumareaktion gleichgesetzt werden würde, die ich nur wegen meiner intellektuellen Fähigkeiten so benennen kann. Man muss nicht gut intellektualisieren können, um zu merken, dass man ein echtes, so richtig großes, Problem hat, wenn man keine Ver.Bindung zu anderen Menschen hinkriegt oder sich nie sicher sein kann, wie lange bestehende Ver.Bindungen halten. Wegen Grenzen.

[1] https://www.researchgate.net/publication/353658929_Autismus_Ein_Uberblick_uber_Lernvoraussetzungen_und_Fordermassnahmen

Intensiv

Ich erlebe gerade eine intensive Phase.
Es ist viel los, vieles davon neu. Manches erlebe ich auch nur neu, weil es nicht exakt gleich ist wie frühere Erlebnisse.
Etwas, was ich in der Reflexion dessen gerade über mich verstehe, ist etwas, das ich schon mal in der Hand hatte, als die Autismusdiagnostik lief: Rigidität, Starre, Zwanghaftigkeit, etwas, das als „übermäßige Kontrollbedürfnisse“ wahrgenommen werden kann.

Auf meinem allerallerersten Psychozettel, der mit meinem Hochbegabungszettel kam, stand etwas von „anankastischen Persönlichkeitszügen“. Also Zwanghaftigkeit qua Persönlichkeit.
Doch im Verlauf meiner Klapskarriere konnte ich tatsächlich zwanghafte Menschen neben mir sehen. Geplagte Seelen, die von ganz bestimmten Gedanken und Ängsten aufgefressen wurden und im Grunde nicht einmal von ihren eigenen Beruhigungshandlungen wirklich beruhigt werden konnten.
Mir hingegen haben die KJP-üblichen Tages- und Wochenpläne, allgemeine Vorhersehbarkeit der Geschehnisse in meinem Umfeld und konsequent eingehaltene Regeln mit definiertem Abweichungsspielraum gereicht, um mich prinzipiell orientieren zu können und bedingt sicher zu fühlen. Wusste ich, wann welche Abweichung nötig ist, dann konnte ich sie hinnehmen. Sie hat mir nicht gefallen und ich habe mir gemerkt, dass sie stattgefunden hat – aber ich bin deshalb nicht komplett panisch gewesen oder sah mich zu Ausgleichshandlungen gezwungen. Das hat sich bis heute nicht geändert.

Aber mein Verständnis dafür, was andere Menschen als Abweichung verstehen und dass das in der Regel etwas anderes ist als das, was ich darunter verstehe, schärft sich zunehmend. Und wieder bewege ich mich in der Autismus vs. Komplextrauma-Schwammigkeit.

Ich ordne es als autismusbedingt ein, dass ich zu „für immer“-Einordnungen und – Bestimmungen neige. Also relativ strikt und sehr kategorisch ordne, was ich wie wann wo mit wem warum wie lange wozu mit welchem Ergebnis (auf allen sinnlichen Achsen) erlebe und in der Folge annehme, dass dieses Erlebnis immer so sein würde, würden alle Marker übereinstimmen. Kommt es zu einer Abweichung, ist das Erlebnis für mich gleich ein komplett anderes (bzw. das geplante Ereignis und alles, was dazu gehört, geht für mich „kaputt“) und ich ordne es „für immer“ als ein anderes ein.

Diese kategorische Einordnung nehme ich manchmal bewusst nach eingehender Analyse, meistens aber einfach aus mir heraus vor. Da ich immer etwas hinterherhinke, was das Erfassen des Gesamtbildes angeht, ist das auch nötig. Denn aus dem ergibt sich meistens der Konflikt mit anderen (meistens nicht autistischen) Menschen. Entweder haben sie einfach ein ganz anderes Gesamtbild (also eins, in dem die Dinge, die ich wahrgenommen habe, überhaupt nicht vorkommen) oder eins, das ich nicht nachvollziehen kann (etwa, weil sie die Dinge, die ich wahrgenommen habe und als dazugehörig einordne, viel stärker oder auch schwächer in der Relevanz einordnen).

Ein Beispiel dafür ergab sich erst neulich, als ich meinem Mann sagte, ich würde in den nächsten Tagen gern jeweils einen Apfel essen. Ob er mir beim Einkaufen 4 mitbringen kann. Es waren noch 4 Tage, bis ich das nächste Mal einkaufen gehen würde, und ich habe 3 Sorten, die ich esse. Er bot mir an, von seinen Äpfeln zu nehmen, dann müsste er heute nicht einkaufen. Er hatte 6 Gala-Äpfel und isst selbst jeden Tag eine für mich unklare Anzahl.
Mein Mann hatte das Gesamtbild: Hannah möchte 4 Äpfel. Ich gebe ihm_r gern welche von mir ab.
Mein Gesamtbild war: Ich möchte eine Abweichung von meinem Einkaufsplan (und also meinem Wochenplan) verhindern. Deshalb frage ich meinen Mann, ob er für mich die Äpfel mitbringen kann, die ich beim letzten Einkauf nicht bekommen habe. Er macht mir freundlich ein abweichendes Angebot zur Verhinderung. Abweichung – er geht nicht wie gedacht heute einkaufen (Quelle für Beunruhigung), Abweichung – die Sorte ist falsch, Abweichung in der Zukunft – nähme ich die 4 Äpfel jetzt, würde er seinen Einkaufsplan für die Woche nicht einhalten können (Quelle für Beunruhigung), Abweichung in der Zukunft – würde ich diese Äpfel verwenden, würden alle Gerichte und Snacks, die ich damit mache, andere sein als die, die ich eingeplant hatte (Quelle für Beunruhigung). Offene Optionen: selbst nochmal fahren (macht Tages- und Wochenplan kaputt (Quelle für Beunruhigung), morgen früh fahren (same), Essplan ändern (same), die Äpfel annehmen und ungeplant eine neue Geschmackserfahrung machen (same))

Mein Mann kam später mit „meinen Äpfeln“ von der Hunderunde zurück.
Für mich war das total überraschend. Ich hatte nicht angenommen, dass er das tun würde. Er hatte mir doch dieses alternative Angebot gemacht [das Erlebnis ist eindeutig kategorisiert] und meine Aufgabe war, mich mindestens einer Beunruhigung zu stellen (mich auf eine Anstrengung/einen Kampf vorzubereiten, um mir ein Okaysein damit abzuzwingen, dass es Abweichung gibt, die weitere nach sich ziehen könnte) [in Folge der eindeutigen Kategorisierung arbeite ich mit den ebenfalls eindeutig kategorisierten Erlebniserfahrungen].
Dass ich innerlich so operiere – und von solchen Abweichungen überraschbar bis komplett überflutet (überfordert) werden kann, ist erklärbar mit Unbeweglichkeit. Starre. Persönlichkeitsbedingter Zwanghaftigkeit. Traumabedingtem Freeze. Autistischer Trägheit.

Einen traumabedingten Freeze würde ich bei einer vergleichbaren Situation daran erkennen, dass ich die Situation mit Gewalterfahrungen abgleiche oder gleichsetze. Bei der Apfel-Situation würde ich zum Beispiel davon ausgehen, dass mein Mann mir eine reinhaut, wenn ich die Äpfel nicht annehme oder ausdrücke, dass ich lieber doch gern hätte, dass er macht, worum ich ihn gebeten hatte. Oder, wenn ich in meinem Gesamtbild vor allem Katastrophenszenarien habe, die mich nicht nur beunruhigen, sondern tatsächlich ängstlich oder panisch machen.
Zur Prüfung einer persönlichkeitsbedingten Zwanghaftigkeit würde ich nach persönlichem Bezug bzw. persönlicher Mechanik suchen. Will ich das, damit ich weiß (kontrolliere) was mein Mann jetzt macht? Will ich das, damit ich diesen Bereich klar habe (kontrolliert weiß)? Würde mich an der ganzen Sache nur beruhigen, dass es Kontrolle gibt, dann würde ich einen Zwang in Betracht ziehen.

Ich wollte aber nur die Äpfel haben, die ich auf meinem Einkaufszettel hatte, die es jedoch an dem Tag, in dem Laden, in dem ich immer einkaufe, nicht gab. Und ich wusste, dass mein Mann üblicherweise jeden Tag auch noch woanders hinfährt. Ich hatte eine Erhaltungsrechnung angestellt: „Welche ‚für immer‘-Faktoren können die Abweichung kompensieren, ohne selbst dabei beschädigt zu werden?“
Diese Erhaltungsrechnung hat viel von traumabedingten Vermeidungstänzen, in denen die Leitfrage ist: „Was kann ich tun, um XY nicht tun zu müssen oder XY nicht ausgeliefert zu sein?“ Sie unterscheidet sich jedoch im Ergebnis bzw. Stressniveau. Für meine traumabedingten Vermeidungstänze waren (und sind manchmal noch) meine Grenzen und „für immer“-Kategorien scheißegal. Will ich etwas nicht machen, weil es Erinnerungsprozesse bei mir auslöst oder mich mit Traumainhalten konfrontiert, die ich als unkontrollierbar einordne, dann ist „Nein, weg hier“ der einzige „für immer“-Faktor, den ich erhalte. Egal, wie viel dabei kaputtgeht.

Die Lebensphase, in der ich gerade bin, erfordert von mir sehr viel Flexibilität und geistige Anpassungsleistung.
Ich arbeite in zwei Jobs, habe den Blog, den Podcast, Spontan„beratungen“ per Mail, Freund*innenschaften, die über viele Kilometer zu pflegen sind, eine Traumatherapie und eine medizinische Kinderwunschbehandlung.
Seit Monaten verlangt jede Woche sehr viele geistige Arbeitstransitionen. Ich muss oft sehr schnell, sehr stark umschalten, meinen „Train of thought“ von einem „für immer“-Gleis auf ein anderes umstellen. Ohne Planung, ohne Zeit für genau diese Umstellungsprozesse geht für mich sehr viel kaputt. Und zwar nicht nur in meinem Konzept von einem Tag oder einer Woche, sondern auch von den Dingen, die ich als „für immer“-Faktoren einordne und auf die ich mich verlasse.

Unverhinderlich in all dem sind Zufall, Lauf der Dinge, das Leben selbst. Auch wenn ich das geistige Umschalten, das Arbeiten im richtigen Modus (auf dem richtigen Gleis) schaffe, heißt das nicht, dass sich die Dinge nicht doch auf eine Art entwickeln, indem das, was ich einbringen kann, noch passt. Meine allgemeine Langsamkeit in der Erfassung des Gesamtbildes bedeutet eben auch, dass meine Anpassung verzögert ist. Und ich immer wieder von für Außenstehende offensichtlichen „Banalitäten“ oder nicht wirklich unvorhersehbaren Entwicklungen massiv überrumpelt werde.
Was manchmal schön ist, wie bei dem Beispiel mit den Äpfeln und manchmal hart an der Grenze dessen, was ich als einer seelischen Verletzung nah kommend einordne. Also einem Erleben, in dem das „Kaputtgehen“ von „für immer“-Faktoren dazugehört. Wo die Dissoziation meines Selbst- und Umwelterlebens einerseits biologisch bedingt ist – andererseits aber auch davon verstärkt wird, dass ich nicht schnell genug darin bin, bestehende Abweichungen zu kategorisieren. Ich löse mich dann nicht nur deshalb auf, weil unerträglich ist, was mir passiert, sondern auch, weil ich nicht in der Lage bin, eindeutig zu wissen, was eigentlich gerade überhaupt mit mir passiert. Und es nicht mal mit den (ja meistens wirklich mir freundlich und lieb zugewandten) Mitmenschen abgleichen kann.

Ich wende Skills an. Ich orientiere mich in der Gegenwart. Ich mache mir klar, dass mir gerade niemand tatsächlich schaden will. Aber eine Gegenwart, von der nicht ganz klar ist, wie sie ist, kann einfach nicht versichern. Die meisten Skills arbeiten zudem mit sensorischer Reizung oder mit Intellektualisierung als Vermeidung Ablenkung. Ich hingegen intellektualisiere schon im Extrem, wenn ich versuche zu erfassen, was mir jemand sagen will oder warum ich was wie genau eigentlich machen soll, wenn ich weder die Mechanik des Geschehens noch die Motive meiner Mitmenschen erfassen kann. Und der Stress, den ich dabei erlebe, dreht meine bereits erhöhten Empfindlichkeiten ins Extrem. Schon im Alltag reicht mir eine aufgelegte Hand, um mir sehr deutlich meine Körpergrenze aufzuzeigen. Eis, Ammoniak, kaltes Wasser, laute Ansprache, Gummiband ans Handgelenk schnipsen – das sind Dinge, die mich sensorisch, psychisch, geistig komplett entbeinen, weil ich sie in dem Moment als extrem schmerzhaft erlebe. Und zwar nicht Beinbruch-schmerzhaft sondern Nerv-entzündet-schmerzhaft. Und zwar global.
Mein Rahmen für die klassischen Skills ist entsprechend schmal. Ich kann sie nur zwischen „irritiert“ und „leicht beunruhigt“ erfolgreich und sicher für mich anwenden. Alles darüber hinaus ist für mich zu viel. Es schadet mir. Hat mich in meiner Klapsenvergangenheit psychisch, emotional verletzt.

Nach der Erfahrung vor nun fast zwei Wochen merke ich, dass ich mir Vorwürfe mache. Dass ich hätte anders reagieren können. Dass ich entspannter hätte sein können. Dass mich beschäftigt, warum ich denn for fucks sake immer so scheiß empfindlich und irritierbar bin. Warum ich denn Abweichungen nicht ein Mal einfach ziehen lassen kann, ohne meine innere Welt oder meine Vorstellung von der Welt komplett zerstört zu empfinden. Warum muss ich immer alles wissen und bin so blöd, auch noch andere Leute danach zu fragen, wenn ich doch schon weiß, dass sie das meistens nervt oder irritiert oder ihr Bild von mir verzerrt oder sie sich davon gegängelt oder kontrolliert fühlen.
Es hilft mir gerade nicht, realistische, faktisch richtige Antworten darauf zu haben. Mein Selbsthass speist sich ja nicht aus Faktenwissen.
Es hilft mir zu wissen, dass es von Anfang an eine traumanahe Erfahrung war, die sich überwiegend aus Faktoren, die außerhalb meiner Kontrolle waren, ungünstig entwickelt hat. Und dass ich in meinem Mann einen Verbündeten habe, der mir hilft, diese Situation für ihn und mich bedarfsgerecht nachzubesprechen und aufzuarbeiten. Es stärkt mich sehr, dass er für mich so eindeutig möchte, dass sich das nicht wiederholt und wenn nötig auch große Konsequenzen mit mir zieht. Er gibt mir, im Gegensatz zu mir, überhaupt keine Schuld oder macht mir Vorwürfe. Obwohl er mich manchmal auch zu empfindlich wahrnimmt oder sich von meinen Nachfragen zu Sachständen kontrolliert fühlt. Er erlebt das nicht als Widerspruch. In seiner „für immer“-Kategorisierung gibt es meine traumalogischen „für immer“-Faktoren nicht, nach denen ich jedes Recht auf Unversehrtheit verliere, weil ich existiere und das nicht verberge oder verschleiere oder der Situation angemessen verändere.

Wir wollen mit der Klinik nochmal in Kontakt gehen und das Ereignis besprechen. Mir ist schleierhaft, wie man darüber anders reden könnte als mit einer Faktensammlung und einem gegenseitigen Abgleich, zum Zweck der jeweiligen Anpassung. Also Entwicklung eines Sets von Erwartungen, die zwingend erfüllt werden müssen, damit es genau die Anpassung ist, auf die man sich gemeinsam geeinigt hat. Für mich ist damit klar, dass diese Anpassung von mir maximale Leistung erfordert. Für ihn ist das nicht so klar.
Ich beobachte ihn sehr genau dabei, wie er das navigiert. Ich habe nicht eine einzige „Für immer“-Erfahrung damit, dass irgendetwas wirklich und echt, ganz richtig nicht von mir erfordert, mich gegen mich oder meine intuitiven Impulse zu entscheiden, und also ohne jede Gefahr so langsam zu sein, wie ich eben bin.
Das wird spannend. Interessant.

Intensiv.

Nichts über uns, ohne uns

Na? Kennst du diesen Spruch?
Wenn du mit einer Behinderung und/oder einer chronischen Erkrankung lebst, dann könnte er dir schon einmal begegnet sein.
Aber kennst du auch das Stück des Spruchs, das für ordentlich Sprengstoff sorgt?
Eigentlich geht der Spruch nämlich so: „Nichts über uns, ohne uns, ist für uns.“ und zeigt ganz deutlich auf eine Machtfrage. Genauer: einen Konflikt um Macht.

Natürlich habe ich einen aktuellen Anlass, mich an diesen Spruch zu erinnern. Und doch ist es nicht das erste Mal, dass ich im letzten halben Jahr in einer Sache, an genau diesen Spruch, an genau diesen Konflikt, diese offene Frage gebracht wurde. Nicht das erste Mal, dass ich mich über medizinische, psychologische, „heiltätige“ und journalistische Fachpersonen ärgere, die sich sowohl öffentlich als auch nicht öffentlich als Retter*innen oder Stimme von Be(Ge)troffenen (Ritueller) (organisierter) sexualisierter Gewalt in der Kindheit gerieren. Aber auch über Betroffene, die sagen: „Naja, aber es ist wenigstens was. Besser als wenn alles unterm Teppich bleibt. – Ist ja auch nett gemeint. Die wollen ja nur helfen.“

Ich komme mir inzwischen vor, als wäre ich eine Art Bewegungsarchivar_in, die an die absoluten Basics von Betroffenenbewegung und Emanzipation erinnern muss. Zu diesen Basics gehört das, was sich in diesem Spruch bündelt:
Egal, wie groß, wie schwer, wie umfassend deine (psychische, körperliche, chronische) Erkrankung (Behinderung) ist – du bist dadurch Teil einer überproportional und häufig intersektional diskriminierten Personengruppe. Wenn jemand über dich spricht – und das ohne jede direkte und in Wirkung gleichgestellte Einflussmöglichkeit –, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass das Ziel dieses Sprechens eines ist, das den Sprechenden dient. Du wirst in diesem Gespräch benutzt, damit andere zum Beispiel mehr sozialen Einfluss bekommen. Oder fachliche Reputation generieren. Oder dir in Rang, Klasse oder noch allgemeiner: Möglichkeiten der Machtausübung über dich und Menschen, die wie du diskriminiert werden, weiterhin überlegen bleiben.
Diese Sprechakte sind also in erster Linie für die Sprechenden gut, hilfreich, nützlich und sorgen für Stabilität im Machtverhältnis zwischen dir und ihnen.

Die Folgen dessen sind zum einen eine weiterhin bestehende Trennung zwischen dir (die_r Patient_in, Klient_in, behinderte Person) und ihnen (die_r Fachperson, die_r Behandler_in, Berufsbezeichnung XY). So geraten alle kranken und behinderten Fachpersonen zum Beispiel in einen dauerhaften Konflikt um ihre eigene Reputation, ihr berufliches Ansehen, ihre soziale Sicherheit und können deshalb nicht einmal unter ihren eigenen Kolleg_innen etwas dagegen tun. Sie wissen: „Mache ich mich hier sichtbar als jemand, über den sie sprechen, ist es vorbei für mich.“ Also sind sie still. Sie fallen den gleichdiskriminierten Menschen in den Rücken bei voller Solidarität. Auch sie sprechen über dich, ohne dich und damit nicht für dich. Auch wenn ihnen das ganz ganz ganz doll leid tut.

Was zudem passiert, wenn so eine Gruppenspaltung, so eine Machtungleichheit (und damit Unterdrückung einer Gruppe) aufrechterhalten wird, ist, dass Dritte davon profitieren. Das sind von jeher (scheinbar) konkurrierende Fachdisziplinen, aber überwiegend Quacksalber und Unternehmen, die Kapital aus Hilfsmitteln, Medikamenten, Kliniken, (geschlossenen) (Pflege)Heimen, Aus- und Weiterbildungsinstituten, therapeutischen Einrichtungen, Betreuungen und noch vielem mehr generieren. Seit der Privatisierung des Fernsehens gehören auch Medienhäuser dazu und in der Folge ebenso Journalist_innen.
Aber auch Menschen, denen es ganz persönlich gefällt, wenn es anderen Menschen schlechtgeht, profitieren davon. Also Menschen, die andere Menschen gern oder aus Gewohnheit oder aus Fetisch oder aus Spaß oder aus anderen, vielfältigen Motivationen heraus, verletzen, ausbeuten, entmenschlichen, unterversorgen, quälen, beschämen, entwürdigen … Aber auch Menschen, die sich gern als aktive Retter_in, als Held_in, als Sprachrohr, als Heilsbringer_in für die Schwachen wahrnehmen oder dieses Bild von sich bei anderen präferieren, da sie damit von mehr sozialer Zustimmung ausgehen können.
Warum? Weil die regelhafte Unterdrückung von bestimmten Personengruppen in unserer Gesellschaft eigentlich nicht als richtig, okay, in Ordnung wahrgenommen wird. Ganz eigentlich geht es für niemanden klar, zu wissen, dass die Nachbarin für dumm, unfähig und wertlos in ihrem Beitrag zur Gemeinschaft gehalten wird, nur weil sie mit ihrer Cerebralparese nicht so deutlich sprechen kann, wie andere. Ganz ganz eigentlich findet es in unserer Gesellschaft niemand okay, wenn Menschen als Kinder Gewalt üb.erleben mussten und davon krank werden. Und dann damit leben sollen, dass ihnen im Fernsehen jede Würde genommen, vor Gericht per se die Lüge unterstellt, von der Krankenkasse der Leidensdruck abgesprochen und von Behandler_innen meistens erst einmal jede Reflexionsfähigkeit über die eigene Krankheit abgesprochen wird.
Wenn Menschen damit so offen und klar konfrontiert werden, finden sie das alle, ganz klar und sofort, absolut scheiße.
Aber wenn der Fonds für Opfer sexuellen Missbrauchs nicht weitergeführt wird, stellen sie sich nicht offen an die Seite derer, die auf ihn angewiesen sind.
Wenn es Einzelpersonen oder Vereine gibt, die Narrative verbreiten, nach denen alle schändlich motiviert lügen oder komplett unzurechnungsfähig seien, die angeben, sie hätten sexualisierte Gewalt erfahren, gibt es keinen gesellschaftlichen Konsens darüber, dass das nicht mehr stattfinden darf.
Und das alles, weil die Abwehr von Krankheit und Behinderung zu tiefgreifender Abtrennung führt und auf allen Ebenen unserer Gesellschaft strukturell, kulturell und sozial aufrechterhalten wird. Die Annahme (temporär) Unbetroffener ist, dass sie mit dem, was diskriminierten Gruppen passiert, nichts zu tun haben. Und, dass sie von der Diskriminierung nicht auch profitieren. Sie also auch nicht aktiv dazu beitragen, zu unterdrücken, wenn sie sich aus möglichen Konflikten raushalten. Dass es reicht, wenn sie Mitleid äußern und sich vorstellen, dass das ganz doll doof ist, wenn für jemanden nur wegen einer Krankheit oder Behinderung nicht alle Menschenrechte gelten.

Diese und andere Fehlannahmen immer wieder aufzudecken, ist ein Kern der Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit, die viele Inklusionsaktivist_innen, behinderte/chronisch kranke Selbstvertreter_innen, Blogger_innen, Mental Health Influencer_innen und wie man Bewegungsarbeiter_innen heutzutage sonst noch nennt, jeden Tag leisten.
Doch wie kommt die an? Über reichweitenstarke Aktivist_innen wie Raul Krauthausen oder Tanja Kollodzieyski habe ich schon mehrfach gehört, sie würden „irgendwie nerven“. Im aktuellen Kulturkampf um die Validität der DIS Diagnose und den Themenkreis (Rituelle) organisierter sexualisierter Gewalt wird diese Arbeit zu leisten mit krankhafter Gefallsucht und irrationaler Massenhysterie erklärt. Und niemand, der nicht selbst behindert, chronisch krank, gewaltbetroffen und erkrankt ist, widerspricht. Die Kritik an diesen Aussagen über die Aktivist_innen (und letztlich ja auch Vermittler_innen) als Sprechakt über sie, ohne sie und also nicht für sie – also als Sprechakt, der sie herabsetzt und damit neuerlich unterdrückt – verläuft sich wirkungslos in der eigenen Gruppe.

„Kann man halt nix machen. Die haben halt ihr Bild. Mach dir nix draus.“ soll Trostpflaster sein. „Mach weiter – das ist so wichtig. Es sind ja nicht alle so. Irgendwann ergibt sich mal ’ne Möglichkeit für Beteiligung und Veränderung“ soll motivieren. Tja, und dann sieht man einen Film wie Blinder Fleck durch Deutschland tingeln und kann als Betroffene_r nichts dagegen sagen, weil er ja extra für sie gemacht wurde. Und also Dankbarkeit abzwingt, obwohl er auf allen Ebenen genau gar nicht ist, was Betroffene brauchen. Vor allem jetzt nicht. Jetzt, wo ganze Redaktionen, scheinbar unfähig zur kritischen Verantwortungsreflexion, weitgehend unverschleierten False Memory-Unsinn veröffentlichen, den in seiner Gefährlichkeit für alle Betroffenen sexualisierter Gewalt, egal welcher Form und Schwere, aufzudecken bei denen bleibt, die sich sozial leisten können, das zu tun.

Die, um die es geht, werden in der aktuellen Konfliktsituation um (Rituelle) organisierte sexualisierte Gewalt und die DIS, über sich selbst ganz selbstverständlich als einverstanden mit dem Umgang von Behandler_innen mit ihnen gedacht – was schlicht anmaßend ist – und wie gewohnt in Passivität gehalten. Das aktuelle Beispiel dafür ist die geplante Fachtagung „DISkurs“, deren Name und Kernidee von Betroffenen geklaut wurde.
Ausgerichtet wird diese Tagung von den Kitzberg-Kliniken in Bad Mergentheim. Ein Haus, das bereits Anfang der 2000er in jeder Empfehlungsliste für Menschen mit DIS aufgeführt ist. Also eines, das Menschen mit DIS tendenziell eher nicht so leicht boykottieren oder meiden können wie die Privatklinik „Waldschlösschen“, um wenigstens durch ihren Einfluss als Verbraucher/Kund_innen ein Zeichen ihrer Kritik zu setzen. Was eine aktuell übliche Protestform von Menschen ohne strukturelle Einflussmöglichkeiten ist.
Besonders zynisch ist jedoch ihr Motto: „Dissoziative Identitätsstörung, Perspektiven verbinden, Komplexität verstehen“. Das wird nur noch davon überboten, dass die Anmeldung zu dieser Tagung für Patient_innen ausdrücklich nicht gestattet ist. Außer für Ramona Geupert, „Vertreterin der Selbsthilfe, Expertin aus Betroffenenperspektive“. Von der habe ich in 21 Jahren Aktivismus, Selbsthilfe und Netzwerkarbeit unter Menschen mit DIS und in diversen Vereinen noch nie gehört (Sorry Ramona, falls du das liest, bist bestimmte ne Nette, die alles richtig macht, aber ey, wenn du alle aus der Selbsthilfe vertrittst, sollten dich auch alle kennen).
Man hat sich also eine aus welchen Gründen auch immer naheliegende Betroffene als Feigenblatt ausgesucht. Wahrscheinlich steht deshalb sogar irgendwo was von „Betroffenenpartizipation“ in der internen Konzeption dieser Tagung, was ein aktuell absolut übliches und dennoch ausbeuterisches Vorgehen wäre.
Der Rest der Referent_innenliste ist das Pi mal Daumen-Who is Who der Konfliktberührten, die man hier zusammenbringt, „damit man mal beide Seiten hört“. Als wären wissenschaftliche Evidenz und juristische, therapeutische sowie gewaltkulturelle Praxis im Kern das Gleiche, weil es das Thema und die Personalien teilt.
Das ist einfach nicht der Fall.

Eins muss Betroffenen von (Ritueller) organisierter sexualisierter Gewalt, die in der Folge eine DIS entwickelt haben, komplett klar sein: Diese Tagung gibt es, damit über euch geredet wird. – Nicht, damit euch besser geholfen werden kann. Nicht, damit die Gewalt endet. Nicht, damit eure Lebens- und Behandlungsbedingungen verbessert werden. Nicht, damit eure Erkrankung besser verstanden wird. Nicht, damit sich im Fernsehen niemand mehr über eure Gewalterfahrungen lustig macht. Nicht, damit an euch in der Zukunft nicht das soziale Exempel statuiert wird, das dann auf alle Betroffenen sexualisierter Gewalt auch angewandt wird.
Nein – hier geht es um Machterhalt. Um Deutungshoheit. Die einen wollen von den anderen, dass sie aufhören zu sagen, dass sie keine richtig echte Ahnung haben. Und um das zu begründen, bekommen sie Bühne.
Die Besucher_innen können sich dann austauschen und vernetzen. Vielleicht entsteht daraus irgendwo ein mutiges Therapeut_innengrüppchen, das den Arsch zusammenkneift und dann irgendwann auch mal was mit und für Betroffene auf die Kette kriegt. Sich mal öffentlich neben uns stellt, den Rücken breitmacht und einen ganz konkreten Beitrag leistet, der dafür sorgt, dass mindestens mal mit uns und für uns gesprochen wird.
Aber die Chancen darauf, dass diese Veranstaltung dazu führt, sind gering.

Wenn wir als soziale Gruppe etwas davon lernen sollten, dann ist es Folgendes: Das sind im Moment nicht unsere Verbündeten. Nicht, weil sie nicht das Beste für uns wollen – sondern, weil sie das nicht Beste für uns tun.
Ich verstehe, dass das viele abwehren wollen oder sogar müssen. Es ist hart, anzunehmen, dass die, die uns qua Behandlungsvertrag und Selbstbeschreibung, Lebenswerk und öffentlichem Auftreten immer das Gegenteil vermitteln, dem gar nicht konsequent entsprechen. Dass die, von denen sich die absolut allermeisten als soziales Gegenüber, als privatpersönliches Individuum auch wirklich krass darum bemühen, dem zu entsprechen, letztlich nicht wirklich, nicht konkret, nicht politisch, nicht gesellschaftlich … irgendwas so richtig ändern helfen.
Und zwar nicht, weil sie nicht können, sondern, weil es mit Verlustrisiken einhergeht, die einzugehen sie nicht bereit sind. Es ist leichter, kranke Leute zu behandeln, zu bemitleiden oder für Medien, Reputation oder Forschung zu missbrauchen, als sie als gleichwertige, gleichstimmige Menschen auf allen Ebenen und unter allen Umständen zu behandeln.

Dafür kann man Verständnis aufbringen.
Das kann man als Begründung wahrnehmen.
Die Realität für erkrankte Opfer von Gewalt verändert sich dadurch kein Stück.

harte Scheiße

„Und? Können Sie sich an alles erinnern? Hoffentlich nicht.“ Sie, meine Ärztin, die einzige, die mich öfter als ein Mal untersucht hat, lacht. Nervös? Angespannt? Unsicher? Sie lacht mich nicht aus, das weiß ich. Aber mitlachen, sich mit ihr dafür entscheiden, Schwere zu nehmen und nicht weiter darüber nachzudenken, dazu bin ich noch gar nicht fähig. Und jetzt, zwei Tage später, auch nicht bereit.

In meinem Körper sitzen Schmerz und Betäubung dicht zusammen, mir ist schwindelig und stundenlang schlecht. Ich bin verwirrt, dass diesmal alles anders ist als beim letzten Mal und niemand versichert mich darüber. Heute frage ich mich, ob ich diesen Bedarf überhaupt formuliert habe. Bin daneben aber auch sehr sicher, dass es ohnehin weder Zeit noch Raum gegeben hätte, ihm zu entsprechen.
Niemand sagt mir die Namen der Medis, mir fehlen damit Abgleichdaten aus meinen Behandlungserfahrungen. Nur zufällig verhindere ich, dass mir etwas gegeben wird, worauf ich allergisch bin.
Ich bin mir sicher, dass es auch damit zu tun hat, dass die Person nicht so gut Deutsch sprechen und verstehen kann, wie ich es für dieses Unterfangen brauche. Doch auch diesmal sprechen wir, mein Mann und ich, das nirgendwo an. Wir nehmen an, dass sie ihr Bestes gibt, zu lernen und zu üben. Sind grundsätzlich auch einverstanden damit, uns nicht ganz auf sie zu verlassen und auch selbst Verantwortung zu übernehmen. Das für mich wichtige Sicherheitsgefühl entsteht so nicht.
Und ganz eigentlich sollten wir nicht damit einverstanden sein müssen. Die Verantwortung ist eigentlich gar nicht bei uns. Wir sind schließlich hier, gerade weil wir nicht darin ausgebildet sind, diese Verantwortung zu übernehmen.

Ich bin dazu noch in einer Situation mit Menschen, die mir vermitteln: „Körper sind halt keine Maschinen, da ist nicht immer alles gleich. Alles kann unterschiedlich sein. Man kann das nicht vergleichen.“ Ich verstehe deutlich, dass mir damit eine Selbsterfahrung abgesprochen wird, die offenbar nur auf meinem Planeten existiert. Und schweige.

Der ganze Eingriff ist ein Desaster.
Ich habe Schmerzen, die ich so massiv nicht haben sollte. Bis in Bereiche, die von der Quelle weit entfernt sind.
Die Ärztin, die mir später wünscht, dass ich mich an nichts davon erinnere, wollte ich dabei haben. Ich hatte darum gebeten, weil ich diesmal nicht dissoziiert sein wollte. Ich wollte bei mir bleiben und für mich da sein. Sie war da und hielt meine Hand als Anker. Bis sie losließ, aufstand und sich an der Schmerzzufügung beteiligte.
Weil es nötig war.
Denn unterbrechen kann man das alles nicht. Nicht, um mir zu sagen, was los ist. Nicht, um mir zu erklären, wofür genau das nötig ist. Nicht, um mich auf alles andere neben dem Schmerz vorzubereiten. Nicht, um mich durchatmen zu lassen. Nicht, um meinen Konsens abzufragen.

Die Abläufe brechen erst, als ich nicht mehr sprechen, meinen Körper nicht mehr als meinen empfinden und zielgerichtet ansteuern kann. Und dann greift die Angst. Das Gesamtbild, das die Beteiligten von mir haben, fragmentiert noch weiter. Aus einem Körperbereich in Ultraschall und OP-Lampe wird eine menschliche Blackbox, in der nichts mit nichts zu tun hat. Die Gewalterfahrung, von der ich berichtet habe – eine Randnotiz. Die dissoziative Störung, die ich erwähnt hatte – keine Information, die mit dem Geschehen hier verknüpft wird. An mir wird gerüttelt und geklopft, jemand drückt mir Laute ins Gehör, die ich nicht als Worte identifizieren kann. Ich verstehe, dass sie Kontakt mit mir wollen – und kann nicht zusammenbringen, wieso. Sie stehen doch schon mitten in mir drin. Sie sind mir doch schon so viel zu nah, dass ich sie gar nicht mehr als individuelle Wesen, sondern als grenzenlos vermischte Schmerz.Reizquellen wahrnehmen kann. Selbst als ich meinen gehobenen Daumen, meinen sensorischen Raumteiler zwischen mir und anderen Menschen, sehe, entsteht bei mir kein Gefühl von Raum und Zeit, Grenzen und Bezug. Es wird kalt und rauh in meinem Gesicht, ich werde weiter mit lauten Geräuschen überschüttet. Und während ich weder außerhalb noch innerhalb von mir schwebe, steigt ein Kinderinnen aus meinem Bauch und lächelt und nickt und sagt Ja zu allem, bis sie aufhören.
Es ist mein Mann, der ihm hilft, indem er uns abschirmt. Wie ein Wellenbrecher den hilflosen Anweisungen Druck und Anspruch nimmt. Ammoniak und Leute von mir fernhält. Mir durch konstanten Druck auf Hand und Oberkörper den Anker gibt, den ich brauche, um mich selbst im eigenen Tempo ordnen zu können. Soweit ich das in dem halbsedierten Zustand schaffe. Es wird noch bis zum Abend dauern, bis ich mir sicher darüber bin, dass mein Körper wirklich und auf allen Achsen mein Körper ist.

Bis wir die Station für einen Kreislauf-Spaziergang verlassen, werde ich noch dreimal gefragt: „Geht es Ihnen gut?“ und jedes Mal schlucke ich meine Verwirrung über die Unbestimmtheit der Frage und Verzweiflung über die Not des Antwortdrucks runter. Jedes Mal verliere ich meine Selbstkontrolle an eine unterwürfige Kraft, die mich gnadenlos an den Rand meines Selbst.Bewusstseins drückt.
Als wir dann zum Abschlussgespräch der Ärztin gegenüber sitzen, habe ich nichts mehr zu teilen. Ich glaube nicht mehr, dass jemand meine Fragen, meine Verwirrungen und meine Verängstigung schon mal gar nicht, überhaupt begreift. Bin mir sicher, von einer Illusion über Aufgehobenheit, Sicherheit und Miteinander aufgeweckt worden zu sein. Ich glaube nicht mehr daran, dass Kontakt- und Sprechangebote wirklich für mich da sind. Vielmehr wirken sie jetzt wie eine Falle.

Zu Hause merke ich, dass meine körpernahe Kleidung nass ist. Gesicht, Hände und Füße sind kalt. Ich kann meine Augen nicht fokussieren. Der Rest Frühstück in meinem Rucksack schmeckt immer noch nach Körperflüssigkeiten statt Brot und Apfel. Die schwere Decke löst Angst aus. Ich gehe ins Bett und halte die Luft zwischen den Atemzügen an, bis ich einschlafe.
Später kann ich mit einer neuen Begleiterin sprechen.
Als wir auflegen, ist mir warm.

Am nächsten Tag wischt sich mein Mann Tränen aus den Augen, als er sagt, dass zu sehen, wie tief dieser Traumascheiß sich reingefressen hat, einfach harte Scheiße ist.