Lauf der Dinge

in einem anderen Kampf

… am Ende gehts dann doch immer wieder um die Demut, die man davor hat, überhaupt (noch) am Leben zu sein…

Das ist das Ende eines Gedankenganges, den ich diese Woche hatte.
Die Geschichte begann dort, wo mein Textteil bei der Mädchenmannschaft von jemandem verrissen wurde, weil ich schrieb, dass Arbeit für mich ein Privileg ist, das ich mir erkaufe. Der Preis dafür sind körper_eigene Fähig- und Fertigkeiten und der Gewinn ist das, was ich als Gewinn erlebe.

Da es der erste Mai war, schrieb ich noch dazu, dass nach meiner Ausbildung weder die Selbstständigkeit, noch die Festanstellung etwas sein werden, das für mich wirklich passt, weil es als behinderter /Mensch/ mit Behinderung strukturell bedingt oft nicht möglich ist, so verlustfrei zu arbeiten bzw. zu erwirtschaften, wie für Menschen ohne diesen Status. Und dass meine Forderung ist, dass das verändert wird.

Wenn man sich meinen Text durch eine marxistische Brille ansieht, ist die “Kritik” nachvollziehbar. Auf der sachlichen Ebene.
Persönlich ist es allerdings eher peinlich, sich ausgerechnet den Text einer behinderten Person zu nehmen und daran zu kritisieren, dass diese Person Arbeit als etwas, das in kapitalistischen (und also gewaltvollen) Kontexten passiert, nicht ablehnt oder von Grund auf neu gedacht haben will, sondern als Privileg für sich selbst betrachtet.

Es ist deshalb peinlich, weil es offenbart, wie wenig die Kämpfe und Lebensrealitäten von behinderten /Menschen/ mit Behinderung bewusst sind und wie noch weniger sie als sowohl aktuelles, als auch in der Zukunft bestehendes Ding in der antikapitalistischen Linken mitgedacht werden.

Mein Leben ist dem Kapitalismus scheiß egal. Meine Arbeitsfähigkeit steht ihm nicht zur Verfügung. Er will sie nicht. Er fragt nicht danach.
Der Kapitalismus braucht die Wohlfahrt als Vehikel, um irgendetwas mit mir und meiner Existenz anfangen zu können. Erst durch den moralischen und vielleicht ethischen Überbau von Fürsorge als zwischenmenschliche Pflicht werde ich, mein Körper und auch meine Seele, zu etwas, das der Kapitalismus für sich nutzen kann.
Stichwort: Pflege- und Gesundheitswirtschaft

Darauf aufbauend geht es weiter mit dem ganzen Wirtschaftszweig, der sich durch die neuen Technologien entwickelt.
Stichwort: Cyborgs
Oder dem, der sich entlang der neuen Möglichkeiten zu forschen entwickelt.
Stichwort: Gentherapie und Pränataldiagnostik

Und dann die Ökonomie, die sich im Bereich des sozialen Engagements inzwischen etabliert hat.
Stichwort: Inklusion, die von Menschen ohne bzw. problemlos kompensierbarer Behinderung erklärt, etabliert und gemacht wird.

Behinderte /Menschen/ mit Behinderung und das ableistische Wohlfahrtsdenken, das sich an ihnen entsponnen hat und bis heute gepflegt wird, ist es, was ganze Wirtschaftssektoren braucht, um überhaupt zu funktionieren bzw. legitimiert zu sein.
Und zwar für und von Menschen, die nicht behindert sind und/oder werden.

So hart es klingt: unsere Gesellschaft hält sich “uns behinderte Menschen /Menschen/ mit Behinderung”™ , weil die Moral es verlangt und die (Aus-)Nutzung möglich ist. Nicht, weil das, was von uns kommt als gleichermaßen menschlich und wertig betrachtet wird, wie das, was von Menschen ohne bzw. problemlos kompensierbare Behinderung kommt.

Natürlich wird auch der ablierte Mensch von der Gesellschaft aus diesen Gründen gehalten. Jedoch dient er eher der aktiven Produktion, als der passiven Existenz, die ohne die Produktivität anderer nicht lange da sein würde.

Und da ist der Punkt.
Passive Existenz.
So habe ich mich in meinen 10 Hartz 4 Jahren erlebt. So erlebe ich mich heute noch, wenn ich nichts weiter kann, als mit Schmerzen am ganzen Körper in meiner dunklen Butze zu liegen und zu hoffen, dass meine Assistenzhündin noch so lange warten kann, bis jemand kommt, der sie rauslässt.

Ich rede hier nicht von einem nicht wertschätzenden Blick auf sich selbst. Oder von einem Budenkoller, den man eben bekommt, wenn man, aufgrund von Krankheit und allgemeinem Scheiß, lange keine Stimulation hat.
Ich rede davon, wie man sich selbst auflöst, wenn man nichts produziert, erschafft, erdenkt, spricht – sich und die eigenen Ränder mit dem definiert, was aus dem eigenen Inneren kommt, weil man nicht kann.
Weil man einfach überhaupt _gar_ nichts kann, außer zu sein.
Irgendwie.

Dieses Auflösungsgefühl kenne ich aus den Nahtoderfahrungen, die ich in meinem Leben mehrfach machen musste.
Dieses Moment, in dem man nichts und niemand mehr ist. Wo man denkt: “Jetzt ist es vorbei” – ohne sofort zu begreifen, dass es da um da eigene Leben geht, dessen Ende man da kommen zu sehen glaubt und spürt.

Sterben ist leise.
Passives Existieren ist sterben.

Und das ist etwas, das, wenn man das durch hat, die Perspektive verändert.
Es macht nicht dankbarer.
Es macht demütig.

Und es macht die Momente, in denen man etwas er_schafft wert.voll.
Sei es ein Tag mit Schmerzen, den man durchsteht oder ein 8 Stunden-Arbeitstag für den es Geld gibt.

Für mich ist Arbeit nicht zwangsläufig “Lohnarbeit”.
Für mich ist es unüblich irgendetwas mehr als den Selbsterhalt für die harte Arbeit, die das Leben auf der ganz alltäglichen Basis für mich bedeutet, zu erhalten.
Am Leben zu sein ist für mich kein Lohn. Es ist eine scheiß Glücksache.
Etwas worum ich nicht gebeten hab und doch behalten will, wenn ich es zu verlieren drohe.

Für mich ist Brot zu backen genauso eine Arbeit, wie mich selbst sauber zu halten.
Es ist für mich Arbeit, anderen Menschen zu kommunizieren, was ich denke oder wahrnehme – ganz genauso wie es Arbeit für mich ist, einen ganzen Tag nur mit kreativem Tun zu verbringen.

Alles das muss man erstmal können. Alles das muss man lernen und mehrfach üben, bis man es unter vielen äußeren Umständen und vielen inneren Zuständen (gleich gut) kann.
Meine Ausgangslage zu lernen und zu üben, ist eine andere als die von Menschen, die Behinderungen problemlos kompensieren können.
Alles was ich tue, tue ich neben 24/7 Kompensationsarbeit, die nicht objektivierbar und damit auch nicht kapitalisierbar ist.
Aber sie ist da. Und zwar immer.
Auch dann, wenn ich in der Rolle des passiven Betreuungs-/Versorgungsgegenstandes (also passiver Existenz) bin.

Nicht alle Aspekte des behinderten /Lebens/ mit Behinderung ergeben sich aus dem Kontrast zu ablierten Menschen bzw. dem was als “der Mensch ohne Behinderung” gedacht wird.
Behinderungen sind keine Probleme, die man mit nur genug Schläue umgehen oder wegmachen kann.
Behinderungen sind die Folge von falschen Erwartungen an und Ideen von Fähig- und Fertigkeiten und Ignoranz bestehender Vielfalt von Menschen.

So zum Beispiel auch die Idee, dass jemand in meiner Situation und meiner “Bauart” die gleichen Fähig- und Fertigkeiten hätte, von einer antikapitalistischen Revolution zu profitieren, geschweige denn die gesamtgesellschaftliche Werteverschiebung einer solchen überhaupt zu überleben.

Auch im Kommunismus, im Sozialismus oder wie auch immer es heißen würde, würde ich jemanden brauchen, der mir entsprechend meiner Fähig- und Fertigkeiten hilft, einen Beruf zu erlernen, meinen Alltag zu schaffen und neue Fähig- und Fertigkeiten zu erlernen. Auch dort wird es das geben, was mich von Menschen, die auftauchende Behinderungen problemlos kompensieren können, unterscheidet.

Doch wie damit umzugehen sei, damit hat sich die feine linke Herr_schaft meines Wissens noch nicht besonders viel beschäftigt.
Weshalb es mich nicht wundern würde, wäre jemand wie ich auch in einem anderen Wirtschafts- und Wertesystem nicht viel mehr als passive Existenz.
Oder weniger krass formuliert: “gesellschaftlicher Rand”.

In meinem Text bei der Mädchenmannschaft habe ich geschrieben, dass Arbeit für mich ein Privileg ist.
Nach über 150 Bewerbungen auf eine Ausbildungsstelle, x Vorgesprächen und Kämpfen darum, überhaupt noch irgendwo einen Platz zum Lernen zu bekommen, der nicht in einer Werkstatt für behinderte /Menschen/ mit Behinderung oder mein eigenes Wohnzimmer ist, ist das keineswegs so eine absurde Aussage, wie sie in der “Kritik” dargestellt wurde.

Ich weiß, was es mich jeden Tag kostet dahin zu gehen – und ich weiß, dass ich letztlich mit weitaus weniger aus der Nummer rausgehe, als ich reinstecke. Aber ich weiß genauso gut, dass man meine Kämpfe auch erstmal können muss.
Dass man mein Glück erstmal haben muss.

Ich habe an keiner Stelle von Lohnarbeit (in kapitalistischen Kontext) geschrieben.
Weil ich nicht entlohnt werde.
Weder jetzt noch in der Zukunft.
Egal, ob diese Zukunft in politisch linken oder rechten Zeiten passiert.

Mein Arbeitsbegriff gehört nicht zum Kampf um links oder rechts.
Mein Arbeitsbegriff gehört zu meinem Leben.

Mein Leben passiert in einem anderen Kampf.

Lauf der Dinge

die dritte Arbeit

Am Ende des Halbjahres stelle ich wieder fest, dass wir es wirklich brauchen.
Das Schreiben, das Bloggen, das sich hier sammeln und finden.

Seit der Therapietermin nicht mehr die Hauptarbeitszeit ist, fasern wir wieder weiter auseinander.
Das ist wie auf einer Eisscholle wegzudriften oder langsam von einer hereinkommenden Flut umflossen zu werden.
Ich sitze nicht hier und merke in ein zwei Stunden: “So jetzt werde ich dissoziiert und jemand anderes.”. So ist es nicht. So war es auch noch nie.
Es ist viel mehr so, dass ich alles tue, was ich eben tue und mich eine Irritation dazu bringt zu bemerken, dass viel Zeit ohne mein aktives, bewusstes Dazutun vergangen ist.

Seit die Schule ist, merke ich es an neuen Schmerzen, die mir am Ende nur die Option lassen ins Bett zu gehen.
Da sind Rückenschmerzen vom unpassenden Schulmobiliar auf denen von der Bettsituation im Moment. Da ist der Schulbuckel über dem Stachelpanzerbuckel eines Innens, das flirrend zwischen Trauer und Angst in den Schulalltag gebunden ist.
Und Erschöpfung. Die Art Erschöpfung, die man hören kann, weil die milchsauren Muskeln unter der Haut aufquietschen.

Am Nachmittag schlafen wir. Am Abend ist manchmal noch genug wach da, um Emails zu lesen oder zu beantworten. Manchmal reicht es sogar für ein Essen und eine Serie.
Zum Bloggen reicht es nie.

Seit dem Klinikdings letztes Jahr denke ich oft, dass wir hier in Wahrheit doch nur selbstdarstellerischen Scheiß machen. Killefit ohne jede Konsistenz. Gedöns das weder anstrengend noch konstruktiv, wertvoll oder wichtig ist. Ich denke, dass es uns doch leicht fallen muss, unanstrengend sein muss, schließlich schreiben wir das Blog von Vielen schon seit 2008.

Inzwischen merke ich, wie es unsere Therapiearbeit ist. Auch ist. Es ist Therapiearbeit. Es ist, was uns liegt. Vielleicht: was das Talent ist, das uns eint.
Der Sprachknall und das Wort als Ist um alles Sein.
Es ist unsere dritte Arbeit.
Obwohl es keinen Auftrag gibt.

Ab sofort schreiben wir morgens. Zwischen Kaffee 1 und Hetzdusche, Hetzaniehen, Hetzkaffee 2 und Schulweg hetzantreten.

Autismus und DIS, Fundstücke, Innenansichten, Lauf der Dinge

Fundstücke #27

Da ist der “autistic pride”-Day und ein paar Artikel über die Stärken von Autist_innen.
Und diese vertraute Verwirrung zwischen “Ja, Stärke – ich kann das – das ist, was ich von mir kenne” und “Nein, Schwäche – das ist eine “böse Mädchen”-Sache – niemand mag das”. Das unschlüssige Erstarren zwischen der Erkenntnis zu sein und dem Erinnern an die Gefühle unerwünscht zu sein. Falsch zu sein.

Das “pride”-Ding kann ich nicht mit Stolz verbinden. Mag das nicht mit Stolz verbinden.
Sich nicht für etwas zu schämen oder wegen etwas beschämen lassen zu wollen, bedeutet für mich nicht zwangsläufig mir einen Stolz oder eine stolze Re_Präsentation meiner Selbst aneignen zu müssen.
Es bedeutet für mich anzuerkennen, dass es falsch ist mich zu beschämen, weil es mir weh tut. Es bedeutet, dass ich anerkenne, dass es Menschen gibt, die mich beschämen und beschämt haben, weil sie es können und konnten.
Es bedeutet, dass der 18. Juni ein Tag ist, an dem man darauf aufmerksam macht, dass die autistische Art zu sein, etwas ist, weshalb man beschämt, ausgegrenzt, verletzt, abgewertet, behindert wird, weil das geht.

 

 

Ich las den Text bei Something Autrageous und dachte darüber nach, was uns diese sogenannten “Vorzüge” je gebracht haben.
Überforderung. Man traut uns mehr zu als wir können. Man traut uns Dinge zu, für die wir Wörter, aber keine Handlungsabläufe im Kopf haben.
Man steht als Lehrer_in, als Elter, als Erzieher_in, als Mediziner_in, als Helfer_in, als Therapeut_in, als anderer Mensch vor uns und fragt mit dieser einen Delle im Faden, was denn jetzt plötzlich unser Problem ist. Fragt und versteht nicht. Und versteht nicht und versteht nicht und versteht nicht. Und versteht nicht, dass man nicht versteht.
Und wie das weh tut.
Wie man sich auf den Boden schmeißen, sich den Kopf auf den Boden schlagen will, um etwas anderes zu hören, als das Quietschen der Nacken-Kopfbereichmuskulatur unter der Anspannung. Wie man seinen Frust rausschreien will. Zuschlagen, tot schlagen, still schlagen will.
Und dann implodiert. Und sagt: “Is schon gut.” und sich wochenlang der intellektuellen Analyse von Fehlern, Dynamiken, Ursache und Wirkung widmet, um es wenigstens selbst zu verstehen.

Der Begleitermensch ist der erste Mensch, der uns gesagt hat, er würde unsere Ehrlichkeit und Direktheit schätzen und mögen. Ich glaube, dass noch mehr Menschen in unserem Leben das auch tun – halte das aber häufig für ein Ergebnis der Entscheidung nicht gekränkt sein zu wollen. Oder schlicht, sich nicht mit uns anzulegen, weil klar ist, dass wir auch im Streit ehrlich und vielleicht nicht nur kränkend, sondern auch tief verletzend ehrlich sind.
Man kann es “ehrlich und direkt” nennen, man kann es aber auch “schonungslos und brutal” nennen. Rücksichtslos. Erbarmungslos.
Es erfordert Kraft und vieles mehr diese unsere Eigenschaft, als Einsmensch immer als positive Ehrlichkeit in Verbindung mit Aufrichtigkeit aufzufassen. Wenn man die Kraft nicht hat, hält man uns für arrogant, narzisstisch, eingebildet, ignorant, bösartig und behandelt uns entsprechend. Mit allen Konsequenzen, die das hat.
Und auch schon immer für uns hatte.

Forscher schreibt in seinem Text vom “stärkenorientierten Blick” und ich denke: “Na – nee – das mach ich mal lieber nicht.”, weil ich, jedes Mal wenn ich da nach Außen mache, arrogant wirke und jedes Mal, wenn ich das nach Innen mache, Erinnerungen hochkommen.

Ein stärkenorientierter Blick führt zu der Idee, dass wir hart arbeiten würden.
Weil wir viel, oft und gut schreiben. Fotos machen. Bilder. Töne. Dinge.
“Wir arbeiten nicht hart – wir langweilen uns nur produktiver als andere.”, schrieb neulich jemand uns darüber.
Würden wir uns für Fahrpläne so interessieren wie für Wörter, Linien, Klänge und Wunder, käme man nicht auf die Idee, wir würden hart arbeiten und würden entsprechend verdienen, dass wir finanziell unterstützt oder beschenkt werden. Man würde uns gängeln wie unser Geschwist, doch endlich was Sinnvolles zu tun. Man würde noch anders genervt auf rosenblattsche Monologien reagieren und wahrscheinlich wären wir schon in der Pubertät mit ASS diagnostiziert worden.

Wir benutzen gesammelte Wörter, wo andere frei sprechen. Labern, sabbeln, babbeln, quatschen… Wir legen Wörterpuzzle, wenn wir Sachtexte schreiben und gatschen Wortmodder auf Wortklänge, wenn wir kreativ schreiben.
Das Tippen von Blogartikeln ist copy-paste. Das Kopfbild vom Wort wird um zum Bild auf dem Bildschirm.
Ist das harte Arbeit? Hm.

Ich finde es gut, dass wir das können und fühle mich ein bisschen special, nachdem ich nun weiß, dass das nicht bei allen Menschen auch so ist.
Würde aber dennoch eher sagen, dass unser Wörterding eine Spezialinteressenfähigfertigkeit ist.
Bin überhaupt unsicher, ob wir vielleicht nur deshalb Wörter sammeln, weil wir sie eh dauernd vor Augen haben, wenn um uns herum geredet wird. Frage mich, ob unser WörterBilderKlängesammeln (und Dinge daraus machen) weniger Spezialinteresse, als kompensatorisches Verhalten ist, das zufällig sozial anerkannt ist.

Frage mich, warum ich zur Stärke erklären soll, rausgefunden zu haben, wie ich mich unter Menschen, die keine Wörter und Klänge sehen, keine Oberflächen schmecken und für mich schmerzhafte Geräusche überhören können, zurechtfinden, einbringen, bei Verstand und Hoffnung halten kann.
Ich gehe davon aus, dass alle Menschen tun würden, was wir tun, würden sie empfinden, spüren, wahr.nehmen, was wir empfinden, spüren, wahr.nehmen.

Es ist mir nicht so klar, wie autistisches Sein – vielleicht generell wie auch immer definierte Arten des Seins – überhaupt in einem Stärke-Schwäche-Dyadismus betrachtet werden will, wenn man sich letztlich dafür aussprechen möchte, in diesem Sein akzeptiert zu werden, anerkannt und angenommen zu werden.

Klarnetaut schreibt von Eigenschaften, die für Arbeitgeber_innen interessant sein könnten.
Ich frage mich, ob ich irgendwann mal in einer Medienagentur vorspreche und damit argumentiere, das mein anstrengendes Sozialverhalten, häufige Fehlzeiten, die Diskomforte, die mit meiner hundischen Assistenz einhergehen und mein Hang zu, na sagen wir ruhig “speziellen Arten der Problemlösung”, voll ausgeglichen wird durch mein special WörterBilderKlänge-Ding.
Ich gedenke nicht, das jemals zu tun. Nicht, weil ich mich dafür schäme oder befürchte deshalb beschämt zu werden, sondern, weil es einfach scheiße nochmal echt anstrengend und aufreibend und nervig und schmerzhaft sein kann auf Dauer mit uns zu arbeiten oder allgemein: Zeit zu verbringen, und es kein beruflicher Erfolg der Welt wert ist das zu ertragen.

Das ist, was ich häufig als Barriere im Kopf von Menschen, die nicht oder anders kompensierbar behindert sind, erlebe – das Ausblenden des Umstandes, dass wir immer so sind. Und nicht nur wenn wir mal einen schlechten/guten/anstrengenden/stressigen Tag haben.
Wir sind jeden Tag autistisch. Jeden Tag traumatisiert. Jeden Tag hoch dissoziativ.
Wir sind wirklich jeden verdammten Tag im Jahr ein behinderter Mensch.

Ich glaube nicht, dass wir damit nur eine Belastung sind. Wir sind damit aber auch nicht nur ein Gewinn und ich halte es für wichtig an der Stelle auch Arbeitgeber_innen und Ausbilder_innen ehrlich gegenüber zu sein, damit überhaupt realistische Perspektiven für ein Miteinander entwickelt werden können.

Hobbithexe hat ihren Ausbildungsplatz bekommen, weil die Ausbildenden auch an Menschen mit Behinderungen gedacht haben. Weil sie auch etwas über Autismus wussten.

Auch.
“Auch” ist, was ich betonen will.
Ich halte unsere Spezialfähigfertigkeit für eine gute Ergänzung um Dinge zu erarbeiten, Probleme zu lösen und erfolgreich darin zu sein.
Schließlich halte ich die Spezialfähigfertigkeiten anderer Menschen ebenfalls für eine gute Ergänzung, um Dinge zu erarbeiten, Probleme zu lösen und erfolgreich darin zu sein.

Lauf der Dinge

naja ¯\_(ツ)_/¯

Und manchmal erreichen wir so skurrile Punkte in unserer Hartz 4 – Zeit, dass ich mich so frage, warum eigentlich nur ich darüber so die Contenance zu verlieren drohe und nicht meine Sachbearbeiter_innen.

Wir haben keine Berufsausbildung und, obwohl wir das seit Jahren zu ändern versuchen, indem wir uns wie blöd (und tatsächlich wahrscheinlich einfach aus einer Blödheit heraus) bewerben, wo auch immer eine inhaltlich passende Möglichkeit aufgeht und immer wieder auch schauen, wo wir Unterstützungen beantragen können, um uns zwischen den Bewerbungszeiträumen weiterzubilden, nicht stehen zu bleiben, uns geistig satt zu machen, passiert formal exakt nichts, außer, dass wir dafür, dass wir Dinge tun, um Dinge zu tun, bestraft werden bzw. immer wieder in Situationen kommen, die bedeuten überzahlt zu werden und dann vor Nachforderungen zu stehen, die nicht zu begleichen sind.
Überraschend, ne – wie man aus Nichts Nichts machen kann – welch ein Versagen von mir!

So liebe Nicht-Langzeit-Hartz 4-Bezieher_innen macht man Behördenschulden: man agiert nicht kapitalistisch, sondern ehrenamtlich/altruistisch/ohne ausgelagertes Budget

Inzwischen sind wir 10 Jahre dabei. Unser GdB is bei 70% und wir stehen mit der neuen Diagnose nicht mehr an einer Stelle, an der man sagen könnte: “Arbeiten Sie mal an ihrer Gesundung und dann machen wir ne Rehamaßnahme.”. So lange das der Fall war, empfanden wir immer wieder große Dankbarkeit darüber, dass wir so viel Schonung und auch Freiraum erfahren. So schlimm und schwer es in den letzten Jahren auch war, hatten wir dieses kleine Lebensutopia, in das wir uns geistig, emotional hineintherapieren können.
“Eine Ladung Traumaverarbeitung und es gibt mehr Kraft für das, was eine (Vollzeit-)Berufsausbildung abverlangt. “

Jetzt ist klar: Das wird nicht reichen. Es wird vielleicht irgendwann auf eine andere Art ein Thema sein, wie viele Reize, wie lange auf uns einprasseln und wann, wo wie welche Art der Konzentration und allgemeiner Funktion von uns erwartet und verlangt wird – aber es wird als nicht zu unterschätzendes Thema immer da sein.

Ehrlich gesagt habe ich mich heute vor uns erschrocken.
Wir reden eigentlich nicht so viel und eigentlich reden wir auch schon gar nicht so ohne Grenzen, aber diesmal kam das einfach so raus: “Wir werden nicht “gesund” werden.” und “Ja, seit 10 Jahren wird mir gesagt, ich sei ja noch jung und ich hätte noch alles vor mir. Das hilft mir aber nicht”.

Gerade der vorletzte Satz erinnert mich an etwas, was wir in der letzten Klinik anhören mussten: “Sie sind ja noch jung und haben ihre Diagnose früh bekommen – es liegt noch so viel vor ihnen”.
Heute wie damals möchte ich darüber schreien, denn was anderen Menschen vielleicht eine Entlastung verschafft, macht mir einfach nur Angst, weil ich dieses “was alles noch vor mir liegt”, weder kenne, noch sehe, noch weiß, wie ich darauf reagieren soll. Meine gesamte Zukunft ist so furchtbar quälend ängstigend, weil wir hier einfach immer und immer und immer alles alleine stemmen, halten und tragen müssen. Alles und immer. Für immer. (Vielleicht.)
Es wurde in 29 Lebensjahren nie leichter – ich weiß nicht wie und was “leichter” ist und wie das gehen soll.
Wie kann man so etwas wie “Sie haben ja noch alles vor sich” denn bloß als erleichternd oder schön empfinden?! Es ist mir ein Rätsel.

Aber das ist, was uns Menschen an die Hand geben.
Sie finden es toll, dass wir noch machen und tun. Dass wir etwas lernen wollen, dass wir lernen, weil wir das für unsere emotionale Stabilisierung brauchen.
Und das ist wirklich auch ein Problem.
So viele Menschen finden es toll, wenn wir in einer Ecke sitzen und Wissen fressen.
Wären das Torten, würden sie uns verachten.
Ob meine gerade schon wieder an fast Zwanghaftigkeit grenzende Wissensreinfresserei vielleicht genauso leid_voll geprägt ist, wie andere selbstberuhigende Handlungen das sein können, wird da übersehen und das ist wirklich schlimm.

Wenn Menschen sich bilden wollen ist das super – wenn sie gebildet sind (aka:  intellektuell sind), sind sie scheiße, weil tendenziell arrogant.
Wenn Menschen unter Hartz 4 arbeiten und sogar Geld dafür bekommen ist das super – wenn sie das aber nicht mit der richtigen Intension und innerhalb kapitalistischer Verwertungsdynamiken tun, haben sie halt Pech gehabt.

Es ist …
mir fällt nichts mehr dazu ein. Ich bin müde.
Aber ich weiß jetzt so ziemlich “alles” über Existenzgründung und diesbezügliches Steuerrecht und das ist doch supi.
Das wird mir sicher helfen.
Irgendwann.
Bei irgendwas.
Was man noch nicht weiß.

Weil ich ja so jung bin und noch alles vor mir hab.

Orrr
lol

Naja.
Egal.
¯\_(ツ)_/¯

Lauf der Dinge

die Gleichstellungsolympiade

“Hallo.
Ich bin Hannah, 16 Jahre alt und ich würd gern hier mitspielen…”
Seit 3 Tagen schreibe ich mal wieder in alle möglichen Richtungen Bewerbungen oder Vorstellungsschreiben. Mal hier ein Wettbewerb, mal da eine Veranstaltung. Die Antwortquote liegt bei unter 10%  – die positiven Rückmeldungen gibt es in etwa 1%  der Antworten.

Mein Bemühen um dieses ominöse “Weiterkommen im Leben™” ist olympionikisch – olympiardisch? –ohh Lymp…hozyten dieser Welt vereinigt euch, mich Fremdkörper in dieser Welt, aufzuessen! – äh ja – Faden? Ach ja: Bewerbungen und Selbstdarstellung. Schon wieder voll verkackt – wie kann ein Kopf allein nur solche Sprünge haben machen?

Wie ich hier so sitze, in meinem Destroy Fascism – T-Shirt ohne Kragen, neben dem Bett mit beulig durchgelegener Matratze vor einem Fenster, das auf ein Dach zeigt, komme ich mir vor, wie jemand, der allen Grund hat, sinnlose Selbstdarstellungstexte mit Wertlack anzusprühen und davon zu träumen, wie das wohl wäre… 2000€ für diesen Preis – zack! alle Schulden weg. 10.000€ für jenen Preis – zack! Sektchen mit Kolleg_innen und jede Menge Ausbaumöglichkeiten, die ganz ganz ganz nah rücken, greif und nutzbar werden. Lobbyarbeit galore – eine Stimme für alle – hörbar werden, angehört werden, weil man plötzlich ein bisschen mehr ist wie die, die schon weiter gekommen sind. Boooyah!

Die meiste Zeit über motiviere ich mich zum Hoffen und merke mit jedem Mal mehr, wie viel Druck hinter Hoffnung ist. Es ist ein Privileg einfach immer das Beste hoffen zu können. Es ist eines dieser Privilegien, das einem anderen Privileg folgt: nämlich dem, Zweifel an die Seite von einem Order: “Guck, was schon alles geklappt hat” stellen zu können. Und das bedeutet wiederum, dass man es schon x-fach geschafft haben muss.
In aller Regel meint das: dass man schon weitergekommen sein muss im Leben ™.

Eigentlich weiß ich nicht mehr, wieso ich mich noch bewerbe. In den letzten Jahren tue ich es eigentlich nur noch, damit ich mein Schreiben über Hartz 4 – Realitäten und meinen eigenen Inklusionsaktivismus vor mir selbst rechtfertigen kann. Ich muss es bereits überall um mich herum verteidigen bzw. mindestens erklären– logisch muss ich es auch vor mir selbst.
Einfach loslegen – einfach machen und nicht drauf achten, was andere sagen, meinen, tun – das ist ein Privileg, derer, die andere Menschen nicht brauchen bzw. in Arten der Abhängigkeit sind, die dieses Handeln nicht bedroht. Einfach das Beste hoffen, ist das Privileg derer, die keine alles andere verzehrende Kraft aufwenden müssen, um ein Bestes zu tun.

“Hannah, wir haben 2015 – du bist nicht mehr 16. Änder das mal!”, rempelt mich etwas von innen an.
Ich drücke lange auf die Löschtaste. Und noch länger. Und noch eine ganze Weile.

Ich öffne meine Emails und lese, dass heute, der 5. Mai, der europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen ist.
Bei Twitter trendet die Re:publica.
Meinen Vortrag zur Inklusion und Selbstbestimmung von Personen, die zu Opfern von Gewalt wurden, wurde als irrelevant abgelehnt.

Draußen scheint die Sonne.
“Hei. Ich tue so, als wäre ich Hannah und an manchen Tagen weiß ich nicht, wo ich eigentlich die Kraft hernehme, noch auf irgendetwas zu hoffen.”, tippen meine Finger in die Open Office Textvorlage “Bewerbungsanschreiben” von 2008.
Man muss ja schließlich weiterkommen.
In diesem Leben™.

Lauf der Dinge

Trauma-Yoga Teil 2 oder “Wow! Es ist ja immer noch alles da!”

Ich hatte eine Epiphanie.
Die Eröffnungsübung hat mich gestresst und außer, dass ich mich angehalten habe, nicht über diesen Stress hinweg irgendwas zu üben oder zu versuchen, war jetzt monatelang gar nichts weiter drin, als zu schauen, wo das Gefühl der Unruhe herkam und wie ihm zu begegnen zu sein könnte.

Die Eröffnung beginnt damit zu spüren, wo man so aufliegt oder sitzt und verbunden ist. Da krabbeln mir schon die ersten Gänsefüße über die Haut, aber das ist okay. Ich nehme das als Zeichen dafür, dass Blicke eben doch auch Spuren machen können. Ich werde schon nicht so gern von außen angeguckt, weil es mir weh tut – vielleicht sind Blicke von sich auf sich selbst drauf da irgendwie ähnlich.
Anyway – die Übung geht dann weiter mit einem Spiel dieser Verbundenheit. In der Anleitung heißt es “Und schließlich können Sie sich darin üben, mit ihrer Verbundenheit mit dem Boden zu interagieren. […] Achten Sie, während Sie mit ihrer Verbindung zum Boden interagieren, einfach auf alles, was Ihnen auffällt.”.

Mir sind viele Dinge aufgefallen. Viel zu viele. Und keines dieser Dinge, hatte etwas mit meinem Bezug zum Boden zu tun. Weil ich ja den Fuß vom Boden genommen habe zum Beispiel, oder die Luft zwischen meiner Hand und dem Boden mit der Bewegung verwurschtelte und ja dann gar nicht mehr wusste, dass sie mich mit dem Boden verbinden sollte.
„Hui viele Staubflocken – oh ich könnt auch grad mal Staubsaugen – wieso ist das hier eigentlich so staubig – Lungenkrebs! bestimmt kriegt man hier sehr schnell Lungenkrebs – seht ihr, ich hab euch gesagt, das ist ne ungesunde Umgebung… – orr ich wollte doch diese Übung – orr argh- Stopp! Dann beende ich das jetzt. Ende – Ausatmen – Hände waschen, was trinken…“

Ich nenne solche Aufmerksamkeitssprünge und das Reinfallen in irrelevante Details “innere Vermeidungstänze” und weiß, dass die losgehen, sobald irgendwas schwierig ist. In dem Fall die Frage “Wie viel Entfernung geht für mich zusammen mit Verbindung?”.
Wie oft haben wir uns schon sehr verbunden mit Menschen, Dingen, Umgebungen gefühlt, nur um zwei, drei, vier Sekunden später für immer mehr oder weniger radikal davon getrennt zu sein? Wie oft schwankt die Wahrnehmung von Verbundenheit zu Menschen, Dingen, Umgebungen “einfach so” im Alltag? Ich habe immer noch Zeiten am Tag, an denen ich mich darüber versichern muss, dass diese mir plötzlich so fremde (entfernte) Wohnung, die ist, in der wir seit 2 Jahren wohnen.
“Verbundenheit” und “Entfernung” sind für mich Wabbelwörter mit Gummisinn. Sie bieten mir keine feste Einheit, auf die ich mich stützen kann.

Aber! ha haaa!
Blättchen2Wir haben seit jetzt ein paar Wochen eine neue alte Fotokamera.
Sie hat ein Objektiv, das wir selbst verstellen können, um uns die Objekte, die wir fotografieren möchten nahe heranholen können oder wieder “von uns zu entfernen”. Für uns eine neue Erfahrung:
a) wir brauchen nicht nah an etwas dran gehen, um über den Sucher eine Verbindung zum in etwa erwarteten Motiv herzustellen, sondern können machen, dass es nah an uns dran kommt
b) es ist regulierbar – das Objekt verschwindet nicht (aus dem Sucher), wenn es weiter weg ist
c) beides ist die gleiche Handlung von uns
d) beidem geht eine Entscheidung voraus

Ich kann mich erinnern, dass wir eine ähnliche Übung mal in der Klinik hatten und den Sinn nicht verstanden haben. Da hatten wir ein Seil und sollten damit die Therapeutin von uns entfernen bzw. näher an uns heranbringen. Heute weiß ich, dass das alles getriggert und damit in den toxischen Stressbereich gebracht haben wird – was wiederum logisch macht, dass nichts verstanden wurde. (Hey – alleine mit einem Menschen (klar: mächtiger als wir) mit einem Seil in einem Raum – würd ich heute nicht mehr einfach so reingehen “weil man das ja macht” oder “weil Therapie ja nicht leicht sein soll” oder “weil man ja nur 4-6 Wochen hier sein kann und man keine Zeit mit diesen bescheuerten unbegründeten Ängsten vertrödeln will” – aber das nur als Randnotiz)

Jedenfalls ist so mein Ort zum Üben im Wohnzimmer, wo unsere Bücherfaltengebirge umherwandern und alle Projektutensilien verteilt sind. Auch die neue alte Kamera.
Ich verband mich mit dem Boden, drehte den Kopf ein bisschen und zeitgleich mit dem Gefühl von “nicht-mehr-verbunden-weil-ich-hab-mich-bewegt”, rückte die Kamera ins Blickfeld. Und dann ruckte da irgendwie was in mir zusammen und es war okay.
Einfach irgendwie so okay. Ohne Huckel oder Ränder.

BÄNG Epiphanie!

Das Gefühl ist mir nicht weggeschwommen und als ich dann fertig war, mich darüber zu wundern – dann ging es auf einmal ganz leicht, das auf seine Eigenschaften zu testen und auch das immer gleiche Ergebnis von “es ist immer immer noch da: ich bin immer noch da – der Boden ist immer noch da” einfach so anzunehmen, ohne in Richtungen zu kommen, die mit der Sicherung oder Wahrung der Verbindung zu tun haben.

Jetzt fühlte es sich wirklich okay an, danach eine der “richtigen” Übungen anzufangen.

Nächster Schritt: “Nicht erschrecken, das ist nur Körper.” – im Moment ist der Schreck oft noch da. Wir wissen aber noch nicht, wer sich da erschreckt und warum.
Deshalb bleiben wir dran.

Lauf der Dinge

es ist Hartz 4

Ich habe mir in dieser Woche viele Gedanken um Hartz 4 und Hartz fear und Armut in der heutigen Zeit gemacht.

Erst war da der Artikel vom Besuch der Musik- und Kunstschule, dann der Artikel von Jasna. Dann mein Termin am Montag bei meiner Jobcentersachbearbeiterin für die aktiven Leistungen. Dann heute Nachmittag der Brief mit der Zahlungsaufforderung über 770€ vom Jobcenter.

Es ist der 23. Januar und ich habe noch 20€ auf meinem Girokonto.
27 € in meinem Flattraccount. Etwa 10 € in Pfandflaschen unter der Spüle. Meine Spendendose für gemeinnützige Organisationen sieht nach etwa 8 € aus.

Januar ist Bahncardmonat – 62€, ist Jugendherbergenbeitragsmonat ~30€, ist der übliche StromHeizungTelefonInternetmonat ~100€ , war der Monat mit Fahrkosten vorstrecken – 43€, war mein Monat mit 389€ von dem ~154 € übrig blieben und 100€ zur privaten Schuldentilgung überwiesen wurden.
Und dann kam die Anfrage für einen Vortrag im März. Honorar ja, Fahrtkosten selbst tragen. Mach ich dann zusammen mit den anderen vorgestreckten Fahrtkosten im Februar – oh wait … ich hab noch gar keinen Bescheid vom Jobcenter über die Bewilligung von Leistungen zur Grundsicherung über den 31.1.2015 hinaus.

Ich habe das Gefühl, dass es egal ist, was wir tun, um diesem Hartz-Wahnsinn zu entkommen. Und das habe ich nicht nur, weil mein Flattr-Schatz so mickrig ist oder sich nur eine Person gefunden hat, die unsere Arbeit monatlich unterstützen kann/will/mag, sondern, weil ich merke und in Kontexte setzen kann, wie sehr biegsam mein Wert und der Wert meiner Arbeit ist. Auch meiner Arbeitskraft.

Am Montag saß ich bei meiner Sachbearbeiterin für die aktiven Leistungen im Jobcenter.
Sie sagte, ihre Hilfe für mich einen Ausbildungsplatz zur Grafikdesigner_In/Illustrator_In in Teilzeit zu finden, sähe so aus, dass sie mir zusichern kann, dass der Betrieb, der mich ausbildet, nur 100€ Gehalt an mich zahlen muss. Wär ja auch bequemer. Ich bekäme ja dann noch Hartz 4.
Mit dieser Information laufe ich jetzt seit Montagmittag herum und habe noch nicht ein Mal darüber geweint. Obwohl ich diesen typischen Weindruck im Kopf habe. Obwohl ich weiß, dass jede andere Person an meiner Stelle weinen würde.
Gibt so kleine Würdeinseln, die man bis aufs UnterderHaut dann doch verteidigt.
Ich schiebe das weg und ziehe mir das Vorstudium an der Kunstschule vor Augen. Das ist flexibel, die Innens, denen diese Arbeit liegt, fühlen sich dort gut.
Obwohl sie belächelt werden, abgeschätzt und bewertet.

Was wir da machen, hat nur für uns Wert. Und die, die mit uns sind. Also ihr Leser_innen. So ihr uns denn nicht doch nur lest, um euch besser zu fühlen, uns zu überwachen oder euch an uns zu messen. Das kann man nie wissen und vielleicht kann mir dieser Gedanke auch verziehen werden, denn letztlich spüre ich nur wenige von euch.

Ich bemühe mich darum an Geld zu kommen und immer wenn ich welches bekomme, ist es im Grunde schon aufgefressen, bevor es wirklich da ist.
Manche Menschen denken, ich hätte für die Vorträge im letzten Jahr viel Geld bekommen.
Und vergessen sich zu fragen, was mich die ordentliche passende und angemessene Kleidung, die Fahrten, die Arbeitszeit, die Unterbringung, die Teilnahmegebühren wohl gekostet haben. Armut sei nicht vereinbar mit einem Smartphone, einem Laptop, den Kontakten, die ich pflege, denkt es in diesen Köpfen.
Ich könnte nun ein Bild  von Kindern, die an Typhus sterben, weil sie kein sauberes Wasser, aber Markenkleidung und Handys haben, einfügen.

Ich würde so manchen Menschen gerne das Preisschild an ihrem Lebensstil zeigen.
Den Gegenwert, den ich ihnen für ihre Chancen und Optionen auszahlen würde, wäre das möglich.
Letztlich habe ich vielleicht gar kein Problem mit dem wenigen Geld. Vielleicht geht es einfach nur um realistische Aussichten. Um Chancen, die ich so nutzen kann, dass sie mich autonomer machen und nur leider einfach gar nicht da sind. Weil ausverkauft.

Hartz 4 bedeutet nicht “keine Arbeit”.
Hartz 4 bedeutet auch nicht “kein Geld”
Hartz 4 bedeutet “Existenzminimum”.
Hartz 4 bedeutet “kann nicht ohne Hilfe”.
Hartz 4 gibt es, um Armut zu verwalten.

Ich sitze auf dem Entwurf für ein Büchlein. Fällt mir gerade ein.
“Könnt ich ja mal fertig machen”, denke ich. Und dann sitze ich wieder vor diesem Softwareproblem und erinnere mich, dass ich um das zu lösen, den Account bei Patreon eingerichtet habe.
“Und was ist, wenn das Buch dann fertig ist?”, frage ich mich. Und erinnere mich an das Gespräch mit der Verlegerin. Kleine Zielgruppe, von Mediziner_Innen und
Psycholog_Innen dominiert. Es wird gewertschätzt werden – keine Frage.
das andere Ende der SchnurEs wird sich halt nur nicht verkaufen.

Ach…

Es ist nicht hoffnungslos.
Eigentlich ist es nur völlig egal, wie es mir damit geht.

Und mir gehts ja eigentlich gut.
Ich hab mir Tusche und ein Skizzenbuch gekauft.
Wenn ich erst mal einen Beruf gelernt hab…!