Schlagwort: Gewalt

“Systemsprenger”– vom Glotzfaktor, Gewalt und Realität

Ich wusste, dass es hart wird und ich wusste, dass es auch weh tun wird. “Systemsprenger” gucken.
Der Film ist jetzt bei Netflix verfügbar und wir hatten es nicht geschafft, ihn im Kino anzusehen. Jetzt, gut einen Tag nachdem wir ihn angeschaut haben, sind wir froh darum.
Wir hätten es im Kino nicht ausgehalten.

Schon die Szene am Anfang, an deren Ende Benni, die Hauptperson des Films, allein im Hof wütet – völlig außer sich ist – und alle glotzen. Lachen, höhnen, glotzen.
Nein, der Film ist wohl für niemanden, die_r wenigstens durch Erzählungen um den Zustand der deutschen Hilfe- und Helfer_innenlandschaft weiß, leichte Kost, tröstlich, inspirierend oder in irgendeiner Form angenehm zu sehen. “Systemsprenger ist ganz klar ein Film für alle, die keine Ahnung haben. Für alle, die denken, es gäbe für alles und alle Lösungen oder Orte, an denen Lösungen gefunden werden können. Alle diejenigen, die glauben, es gäbe immer von irgendwoher Mittel und Wege, um eine Antwort auf die Frage zu finden, was man mit Menschen macht, die nicht nur außer sich, sondern auch aus Familie und Gesellschaft raus sind.

Es ist der Glotz-Faktor, der mich auch heute noch beschäftigt.
Ich kann nicht schreiben, dass ich mich easypeasy von dem Film abgrenzen konnte. Das konnte ich nicht, denn ich bin noch lange nicht an dem Punkt, an dem ich meine eigenen Erfahrungen des ängstlichen Angeglotztwerdens verarbeitet habe.
Ich kann das Glotzen bis heute fühlen. Auch dann, wenn ich es nicht will, denn es gibt bis heute Situationen, die mich daran erinnern. Wie das war, nichts gegen die Flashbacks tun zu können, die mich zu einem Risiko für mich und andere gemacht haben. Wie das war, zu wissen, dass niemand auf der ganzen Welt etwas anderes dagegen tun konnte, als mich, uns, “auszuknipsen”, einzusperren und letztlich: zu warten. Wie das war, über Stunden in der 5-Punkt-Fixierung zu liegen und durch eine Scheibe angeglotzt zu werden. Angeglotzt von Hilflosigkeit im Gewaltausübungsauftrag. Angeglotzt von Leuten, die ja auch nichts dafür können. Angeglotzt von Leuten, die sich irgendwann später in der Raucherecke Tränen aus den Augen blinzeln und sagen, dass sie selber auch nicht verstehen. Dass sie selber auch nicht weiter wissen. Dass sie keinen Unterschied zwischen uns sehen, aber übermächtig deutlich spüren. In ihrem Arbeitsauftrag, in den Strukturen, in ihrem eigenen Innern.

Als Erwachsene mit einigen Jahren guter Traumatherapie und Auseinandersetzung mit Gewalt hinter mir, kann ich die Traumaspirale, den Gewalttransit daran erkennen. Weiß, dass es genau diese Situationen sind, die dazu führen, dass man als bereits traumatisiertes Kind oder jugendliche Person re_traumatisiert wird, obwohl doch alle nur helfen (wollen).
Es fällt mir noch heute schwer zu akzeptieren, dass wir diese Erfahrungen auch nie aufarbeiten können werden, wie wir die Gewalt in der Herkunftsfamilie und den Ausbeutungskontexten aufarbeiten können. Du kannst die Gewalt des Systems nicht in genau dem System als Trauma aufarbeiten, ohne das System in irgendeiner Form zu verändern. Die Konvention zu verlassen, Professionalität neu zu definieren und Grenzen aufzuweichen, die gleichzeitig aber so nötig sind.
Was das System als Wunde in dir hinterlässt, kann das System nicht als Wunde behandeln, ohne sich selbst als Verletzenden anzuerkennen. Und genau das kann es nicht, weil es sonst in seiner Hauptfunktion in frage gestellt wäre. Was nicht passieren darf. Ohne das System gibt es ja nur noch Individuen.

“Systemsprenger” wirft bei vielen Menschen die Frage auf, was man mit einem Kind wie Benni macht. Für mich ist das irritierend, denn es wird mit dem Film beantwortet, was man mit solchen Kindern macht und damit aufgezeigt, dass das die falsche Frage ist.
Man muss fragen, was man für Kinder wie Benni macht. Man muss fragen, was man für sie tun kann und darf, während es so vieles zu sollen gibt. Fragen, wie man etwas für sie tun darf und kann und soll und muss.

Aus unserer Auseinandersetzung mit unserem Projekt “das Nachwachshaus” weiß ich: Man soll als (potenzielle_r) Helfer_in/Unterstützer_in immer mehr, als man darf, als man kann, als man will.
Und: Der Bedarf ist größer als in etablierte Rahmen hineinpasst. Eigene, neue Rahmen zu erschaffen, ist aber nicht vorgesehen. Nicht einfach so. Nicht bedingungslos. Schon gar nicht das.

Ich würde diesen Text gern mit einer versöhnlichen Note beenden. Ich bin aber nicht versöhnt mit all dem.
Und ich schreibe das hier auch nicht auf, um irgendjemanden zu trösten oder zu befrieden. Ich bin die_r Letzte an die_n man solche Ansprüche überhaupt richten sollte. Denn ich bin die Person, die Trost bedarf und Wieder_gut_machung ins Leere fordern muss. Die Entschuldigungen und Entschädigungen erwartet und das zu Recht.
Ich hatte als Jugendliche nie die Chance mich gegen Hilfe zu entscheiden, nie die Chance mich vor der Gewalt in diesem Kontext zu schützen. Die Hilflosigkeit und Ohnmacht anderer wurde zu Maßnahmen an und mit mir, die in ihrer Wirkung so nie vorgesehen war und doch eintrat. Mit allen Konsequenzen, die damals wie heute kaum jemand überhaupt sieht und anerkennt.

Ich würde das hier gern lieblich enden lassen, weil ich mir das für mich wünsche. Ich würde gerne schreiben, dass das vergangen ist und nie wieder passiert. Doch das ist nicht die Realität. Weder ist es meine noch die von anderen Menschen, die, so wie sie sind, als “Zerstörer”, als “Sprenger” – und nicht als “Erweiterer”, “Eröffner” eingeordnet und behandelt werden.

Miteinander säen

Erinnerungskonfetti im Hintergrund meiner Alltagsgedanken, Päckchen und Warensendungen im Flur unseres Hauses, ein rechtes Attentat in Hanau. In dieser Woche kam ich mir vor wie ein losgelöstes Blatt auf wogender See. Irgendwie dabei und doch nur bewegt – nicht in Bewegung.

In meiner Twittertimeline gibt es seit Tagen kein anderes Thema, als die Notwendigkeit, etwas gegen rechten Terror zu tun, Beispiele versagenden Journalismus und stupider Meinungsquirle. Ab und an ein süßes Tier, dazwischen Worte von Menschen, die die nächsten Opfer sein könnten und damit 24/7 umgehen.
Wir haben überlegt, zu einer Demo zu gehen. Aber stemm das mal. Eine Stunde zur nächsten Stadt, in der eine Demo ist. Du weißt nicht, wie die Stimmung ist, kommen viele Leute, was wenn die Kraft plötzlich vorbei ist, dann ist es immer noch eine Stunde wieder nach Hause. Wir gingen nicht.
Später lag ich mit Heimweh im Bett, fragte mich, wie die Stimmung im Bullergheddo wohl ist. Würden wir da noch wohnen, wären wir auf jeden Fall bei der Demo gewesen. 15 Minuten mit dem Rad, Ortskenntnis, lauter safe spaces für den Fall, dass plötzlich nichts mehr geht. Und jetzt ist es vorbei, das privilegierte Demonstrieren gegen Dinge, die andere treffen und mich betroffen machen. Draußen fahren Laster vorbei, die kleine Sperlingsgang zwitschert in der Hecke, irgendwo tönt eine Heckenschere.

Noch später merkte ich, dass es vielleicht auch nur ein Vermeidungshandeln ist, zu einer Demo zu stürmen. Denn nun saß ich hier mit den Päckchen im Flur und dem Regen vor der Tür, meinen To do-Listen und den permanent einrieselnden Kindheitserinnerungen und musste wahrhaft fühlen, was das rechte Morden und seine Folgen mit mir machen. Mir. Einer weißen Person, die keinerlei enge Kontakte zu Leuten hat, die täglich mit rassistischer Gewalt in irgendeiner Form zu tun haben. Einer weißen Person, die ihr Privileg so ungreifbar eingewebt erfährt, dass es in den meisten Lebensbereichen unteilbar erscheint.
Ohnmächtig fühlt sich das an. Und lächerlich. Erzähl mal Leuten von deiner Ohnmacht über die Gewalt, die ihnen Lebensgefahr bedeutet, einfach, weil es Leute gibt, die entscheiden, es sei problematisch, dass sie gibt. Es hilft ihnen nicht, wenn sie nicht auf uns zählen können. Wenn wir einander eben nicht ‘wir’ sind.

In den Päckchen und Paketen sind Anzuchterde und ein Frühbeet.
Die ganze Woche trage ich die Formulierung “Hass säen” mit mir herum. Erinnere plötzlich einen Keramiktopf mit Gesicht, dem Kresse als Haare wuchsen. Wie dieser Topf vielleicht in D., vielleicht auch in L. auf der Fensterbank stand und der Mutter gehörte, die damals vielleicht mittellange dunkle oder kurze rote Haare hatte.
Kann man Liebe säen? Welchen Boden, welche Grundlage braucht Miteinander?
Die Kresse hatten wir Kinder mit der Mutter zusammen in dem Topf gesät. Es tat nicht weh, machte keinen Krampf im Bauch. War das Liebe? Sicher jedenfalls Miteinander. Immerhin, für einen Moment.

Zu Demos zu gehen, kann gerade nicht mehr mein Beitrag sein. Da ist aber die Verlagsarbeit, in der wir auch die Stimmen von rassistisch bedrohten Menschen weithin hörbar machen. Da ist achtsames Zuhören, solidarisches Handeln in Trauer- und Traumaarbeit. Lernen, Zuhören, Platz machen. Selbst der safest mögliche space werden. Anderen Weißen sagen, dass es Attentäter gibt, die Tobias heißen; dass Rassismus tötet; dass auch sie rassistisch denken und handeln und das ein Problem ist.
Ist das genug? Sicher nicht.
Es braucht mehr, um es gänzlich zu beenden. Es braucht aber genau das, um einen Anfang zu machen. Vielleicht.

Hoffentlich.

Hartzjahre

Unsere Betreuerin rief am Dienstag an, um uns zu sagen, dass es noch nichts Neues vom Jobcenter gibt.
Das ist, was sie uns seit August bei jedem unserer Termine sagt. “Ich habe den Antrag, die Anfrage, die Nachfrage, die Forderung geschickt – es gab noch keine Rückmeldung.”

So kennen wir das. Diese boden- wie himmellose Weite des Kontaktes mit der Behörde, die uns die Existenz finanziert. Das Gefühl, mit einer Maschine ohne Ohren zu sprechen. Der Eindruck von Haltlosigkeit, der zur Fassungslosigkeit wird, wann immer dann doch eine Antwort kommt, weil es darin nie um uns, sondern um das System Hartz 4 geht.

Wir beziehen seit bald 15 Jahren Hartz 4. Noch nie waren wir mit Untätigkeitsverhalten der Behörde konfrontiert. Der Schweigestrafe. Danach fühlt sich das für uns an und löst Erinnern an traumatische Erfahrungen aus. Die Bodenlosigkeit wird unendlich. Die Haltlosigkeit zu dissoziativem Erleben. Irgendwann geht es nicht mehr um das Geld, mit dem unsere Existenz finanziert wird, sondern um alles. Leben oder Tod.

Trotz der langen Bezugszeit leben wir nicht prekär. Wir sind arm, ja. Aber wir sind gebildet. Und wir kommen nicht aus der Armut. Unser Habitus ist bürgerlich, typisch für die Mittelklasse. Und wir sind weiß.
Unsere Hartzjahre sind für die meisten weißen Mittelklassenleute Unfairjahre. Realhorror. Boah-das-könnt-ich-nicht-Jahre. Und deshalb könnten unsere Hartzjahre gut in ein Buch passen, das im Feuilleton besprochen wird.

Wir Langzeitarbeitslosen, die dem Klischee vom dummen Ekelfaulenzer nicht entsprechen, sind oft diejenigen, die in Zeitungen zu sehen sind. Deshalb sind wir die, mit denen sich “die Leute” noch am ehesten identifizieren können.

Diese Identifikation stellt sich für uns als hinderlich dar.
Denn wir sind nicht durch einen unfairen Schicksalsschlag, durch Nichtanerkennung unserer ausländischen Bildungsabschlüsse oder bereits chancenlose Eltern im Leistungsbezug. Wir sind Opfer von Gewalt gewesen und schwerbehindert.

2005 waren wir 19 Jahre alt und noch 2 Jahre vom Ausstieg entfernt.
Wir wurden ausgebeutet und verletzt. Betreut, behandelt und so davor bewahrt, uns das Leben zu nehmen. Der Antrag auf Hartz 4 wurde nötig, weil Hartz 4 gerade eingeführt worden war. Wir waren noch in der Jugendhilfe, später in der Eingliederungshilfe. Dass wir kaum lebensfähig waren, das war so überdeutlich klar, aber dieses System hatte schon damals keinerlei andere Vorgänge für Leute wie mich, als den der permanenten Prüfung auf Arbeitsfähigkeit.

Immer wieder waren wir damit konfrontiert, keinerlei Wert für diese Behörde zu haben, weil wir keinerlei Arbeitsfähigkeit vorweisen konnten. “Sie arbeiten weiterhin an ihrer Stabilisierung”, sagten meine ständig wechselnden und dadurch zunehmend gesichtslos werdenden Sachbearbeiter_innen für die aktiven Leistungen.

Und wir stabilisierten uns. Stiegen aus. Begannen zu heilen. Wuchsen aus der Opferrolle in die Überlebendenrolle in die Selbstbestimmung hinein, die unsere Kontexte gewähren können.
Arbeitsfähigkeit war und ist immer ein Teil dessen, worauf wir hingearbeitet haben.
Wir erwarten von unserer Umwelt nicht, dass sie einfach alles für uns bezahlt. Dass wir in irgendeiner Form von der Gesellschaft, die zugelassen hat, dass unsere ersten 21 Lebensjahre so passieren konnten, wie sie es taten, aufgefangen und aus_gehalten werden. Wir empfangen keine Leistungen und danken dem Sozialstaat. Wir bekommen Geld und manchmal fühlt es sich wie damals an, als uns die Leute, die uns verletzten und benutzten Geld dafür auf den Tisch legten. “Mach damit was du willst, Fickstück.”

Unsere Hartzjahre waren noch nie wie in unserer Kindheit. Immer nur wie die Ausbeutungskontexte danach.
Einfach ins Leere zu fassen wie jetzt, ist ganz eindeutig Kindheitstrauma_wieder.er.leben Keine Ansprechpartner_in zu haben, die irgendetwas verändern kann. Zuständig, ja sogar in der Pflicht ist, zu antworten und sich zu kümmern. Keine Macht zu haben, selbst etwas an der Lage zu verändern, weil die Abhängigkeit so groß ist. Und einzig die Wahl zu haben, sich vom Wohl und Wehe einer weiteren Instanz, nämlich der Justiz, abhängig zu machen, um eventuell vielleicht – mit ungewissem Ausgang, keinerlei Garantie und möglicherweise unangenehmen sozialen Folgen – zu erwirken, dass da etwas passiert.

Man sagt uns, dass das Eine nichts mit dem Anderen zu tun hat. Erinnert uns daran, dass wir betreut werden, dass wir versorgt sind, auch wenn die Behörde versagt. Versucht, uns die Unterschiede klar zu machen.
Aber darum geht es gar nicht. Das ist nie der Kern unserer Traumatisierungen gewesen. Es ging nie darum, dass uns Menschen verletzt haben oder passiert ist, was passiert ist.
Es geht immer um diese Stille. Diese Leere. Dieses Moment, in dem nichts mehr gespürt werden kann, weil es insgesamt zuviel zu spüren gibt.

Von “unseren Hartzjahren” zu sprechen, bedeutet auch von “unseren Jahren in struktureller Gewalt, die von allen gleichermaßen mitgemacht wird” zu sprechen.
Hartz 4 wird vom Staat finanziert. Wir alle bezahlen Hartz 4. Wir alle bezahlen für die Ausübung struktureller Gewalt durch Jobcenter, Sozial- und Versorgungsämter. Niemand ist unschuldig. Alle sind schuld daran.
Und es ist die gleiche Schuld, wie die an unserem Bluten als Kind, unserer Ausbeutung als Jugendliche_r, der Lebensgefahr, mit der wir bis heute umgehen.

Und, na klar, könnten wir das alles bequemer formulieren. Könnten die Gewalt an uns individualisieren und sagen, dass nur unsere Herkunftsfamilie und Fremde uns verletzt haben. Aber so war es einfach nicht. So ist es einfach nicht.
Gewalt wird gemacht. Auch durch stumme Zeug_innen, die glauben, sie hätten nichts damit zu tun, weil sie weder uns noch die, die an uns zu Täter_innen wurden, kennen.
Das zu benennen, haben wir uns zum Auftrag gemacht. Auch, weil die Menschen in unserem Leben nicht müde werden uns zu sagen, dass sie sehen, wie schlimm das alles ist. Wie unfassbar brutal und ängstigend.
Wir brauchen sie aber nicht nur als mitfühlende Zeug_innen. Die hatten wir schon als Kind. Als Jugendliche. Als junge Erwachsene. Als von-der-Gewalt-Übrige. Und es ist trotzdem passiert. Mit allen Schmerzen, allen körperlichen, wie seelischen Folgen.

Wir brauchen Unterstützer_innen. Brauchen politisches Handeln.
Brauchen, dass die Gewalt an sich anerkannt und in der Konsequenz beendet wird.
Und zwar nicht auf dem leichten Weg durch Reformen mit einem freundlichen Namen, sondern durch die harte, unnachgiebige Debatte um den Wert von Menschenleben, Würde und die Sicherstellung von bedingungsloser Versorgung aller Menschen, mit denen wir zusammenleben. Sei es in unserer Stadt, unserem Bundesland, unserem Land, unserem Staat, unserer Welt.

Wenn es uns wirklich ernst damit ist, niemanden verletzen, demütigen oder sterben lassen zu wollen, dann wird es Wege und Mittel geben, das auch ohne Gewalt zu schaffen. Wenn nicht, dann muss das Grundgesetz umgeschrieben werden. Dann muss sich von der Erklärung der allgemeinen Menschenrechte distanziert werden. Dann braucht es das Bekenntnis zur Täter_innenschaft. Zur Gewalt, zur Zerstörung.

An dieser Stelle darf es kein Spektrum mehr geben, in dem man sich mit Feigenblatt und 3-Affen-Ignoranz positionieren kann. Denn aufgrund genau dieser Optionen entstehen Leben wie unseres. Erfahrungen und Kontexte, in denen normal ist, was wir überlebt haben und so viele andere Menschen Tag für Tag nicht überleben können. Aus genau diesem Umstand heraus, gibt es überhaupt nur die Chance zu glauben, es wäre genug, vor allem auch Langzeit-Hartz4-Überlebenden, zu sagen, dass man sieht und glaubt, wie schlimm das alles ist.
Dass es reicht Kinderschutzkonzepte zu etablieren. Dass es reicht, Seenotrettung nicht zu illegalisieren. Dass es reicht, sich daran zu erinnern, dass wir alle Menschen sind. Dass es reicht, wenn wir nicht die AfD wählen. Dass es reicht, ein Mal am Tag die Tagesschau zu gucken. Dass es reicht, ein absolut zu bewahrendes Existenzminimum für jede_n Einzelne_n zu definieren. Dass es reicht gegen Kapitalismus zu sein.

Das tut es nämlich einfach nicht.
Man muss sich fragen, was man statt der Gewalt will.
Wenn wir unsere Menschen fragen, was sie sich für uns statt Hartz 4 wünschen, dann antworten sie, dass sie uns einen Job wünschen. Geld. Sicherheit. Autonomie. Dass wir leben können wie sie.
Und wir fühlen uns schlecht dabei. Denn wir wollen Sicherheit und Autonomie – aber ohne jede Bedingung dafür erfüllen zu müssen. Wir wollen, was wir schon als Kind so unbedingt gewollt und gebraucht haben – was alle Kinder so unbedingt wollen und für ihr Überleben brauchen: bedingungsloses Miteinander. Fürsorge, Versorgung, Stimulation.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der es das nicht gibt. In der alle jeden Tag in dem Wunsch nach Bedingungslosigkeit enttäuscht werden und manchmal so sehr, dass man sich über kleinste Stückchen davon so sehr freut, dass es eine Welt wird.
Wir finden das traurig. Denken, dass Menschen das besser hinkriegen könnten.
Wenn sie wollten.

Und wenn sie könnten, wie sie wollten.
Bedingungslosigkeit geht aber nur mit Bedingungslosigkeit.
Und genau die gibt es in unserer Kultur, unserem Miteinander gerade nicht.

Wir sind am Arsch.

Hello and thanks for coming to my TedTalk

zahnarztschlimme Traumascheiße

„So ist das jetzt also. Wenn ich denke, dass nichts passieren wird, passiert was und ich bin allein. Damit und mit dem, was es mit mir macht. Aha.“ Und in mir drin klickt eins ins andere, als wäre das nie nie nie niemals anders gewesen. Ich kann nicht aufhören zu weinen. Bin nicht mal wütend, bin Schock, Überwältigung, Not. Es weint und weint und krampft und ich mache Schritte durch die Stadt, die viel zu groß für mich und viel zu klein sind, um so schnell vorwärts zu kommen, wie ich und mein rasendes Herz das wollen. Brauchen.
Der Vertretungsarzt in der kieferchirurgischen Praxis hat uns beim Ziehen der Fäden von der Op vor 10 Tagen, wehgetan. Und weiter gemacht. Und weiter. Und uns angewidert? von den Tränen und der Sprachlosigkeit? weggeschickt.
Und nichts – kein Erklärungsversuch, keine Relation, kein „In Perspektive setzen“ hilft.
Es ist einfach scheiße. Nicht, weil ich das so finde, sondern weil es das immer ist, wenn jemand übergriffig ist. Ab da kann man die Scheiße nur noch aufquirlen, anheizen, verbreiten. Indem man so tut als wäre nichts. Zum Beispiel. Als wärs nicht schlimm, weils schlimmere Dinge gibt.

Unser Zahnarztschlimm hat fast 7 Jahre durchgehend Zahnschmerzen und 3 Zähne, eine Wurzelspitze und ein kreisrundes Stück Kieferknochen gekostet. Es hat bedeutet, keine 2 Minuten in einem Wartezimmer warten zu können – obwohl der Termin so hart umkämpft wurde. Es hat bedeutet über Wochen hinweg Pseudotermine zu brauchen, bei denen nichts passiert außer Konfrontation mit der Umgebung, Werkzeugschau, angucken und untersuchen lassen aushalten – üben! Um zu einer Basis zu kommen, die halbwegs stabil ist und Angst, Panik, rapid switching und andere Anpassungsreflexe aushalten kann. Um glauben zu können, dass diese dann neue Zahnärztin uns so lange Zeit gibt, wie wir brauchen.

Wir haben keine Zahnarztangst entwickelt, weil wir traumatisiert sind und sich unsere Ängste automatisch generell auf alles drauflegen. Wir haben sie entwickelt, weil wir uns zu lange nicht von einer Ärztin getrennt haben, die uns immer wieder wehgetan hat. Und weiter gemacht hat. Und weiter. Und weiter. Wir haben unser Bindungstrauma wiederholt.
Und danach haben wir unseren Ausstieg wiederholt. „Wenn du nicht verletzt werden willst, dann geh halt nicht hin. Zu niemandem von denen mehr. Jemals. Alle, die auch nur ansatzweise so sind wie diese Person, alle, die machen und bieten, was diese Person bietet: nie wieder.“

Wir haben lange mit Zahnschmerzen, Entzündungen und Löchern wie Einzimmerappartements gelebt.
Und als das von der neuen Zahnärztin in einer großen Behandlung unter Vollnarkose behandelt worden war, war das wie ein Sonnenaufgang.

Der Freund bot an, da anzurufen und den Arzt anzumeckern. Das war schön. Schöner Quatsch.
Und dann haben wir aufgelegt. Ich lief in die Innenstadt, fing die restlichen Tränen wie Erkältungsschnodder auf, spürte mich als Lücke zwischen Jahreswechselkälte und abgrundtiefer Kindernot. Dachte wieder: „So ist das jetzt also. Da schreit ein Kind, das niemand außer mir wahrnimmt. Aha.“
Ich konnte nichts tun. War bis spät in den Abend überwältigt. Plattgewalzt von der Willkürlichkeit des Arztes, der sich mit seinem Handeln in eine Reihe überwältigender Ereignisse des Tages, die in ihrer schockierenden Wirkung auf mich von anderen Menschen kaum nachvollziehbar sind, einreihte.

Am 7. haben wir den nächsten Zahnarzttermin.
Ich habe Angst, dass jetzt alles wieder so ist, als wäre nie nie nie niemals irgendetwas anders gewesen.
So ist das jetzt und es ist scheiße.

Traumascheiße.

Als Held_in darfst du nie aufs Klo

Siegfried war ein Held. Odysseus war ein Held. Artus war ein Held.
Die Ilias ist ein Heldenepos. Die Edda.
Krieger. Kriegsgeschichten. Tief eingewebt in das kulturelle Gut unserer Gesellschaft, wirken sie bis heute mit enormer Kraft.

Keine Geschichte vom Krieg um Leben und Tod ohne jemanden, der* fast gestorben zu übermenschlicher Kraft und Fähigkeit wächst, um seine_n Widersacher niederzuschlagen. Triumph und Macht, Ehre und alle Würden, die seine Anhänger_innen zu geben vermögen, stehen dem Helden zu. Ob aus Angst vor der Über_Macht oder aus dem Wunsch nach autoritärer Führung, ist oft nicht eindeutig zu erfahren, basieren die Leben der Menschen in allen Sagen und Epen doch immer auf autoritärer Herrschaft. Also Gewalt.verhältnissen.

Mir ist gestern die Aktion des Twitteraccounts @kidzpodcast aufgefallen.
Unter #wahreHelden verbreiten die Betreiber Plots ihrer modernen Heldensagen. Kinder, die anfangen, andere Menschen vor ihren Misshandler_innen zu schützen. Personen, die aus gewaltvollen Partner_innenschaften fliehen. Kinder, die ihren Misshandlern drohen, zurück zu schlagen.
Die Tweets laufen gut. Heldensagen gehen immer gut. Inspirierende Tweets, Tweets mit einst verletzten doch dann erstarkten Kindern gehen immer gut. Man wünscht sich, dass Kinder stark sind. Man wünscht sich, dass Gewalt nicht vernichtet, sondern stark macht – Augenblick, ist das wirklich, was man sich wünscht? „Was nicht tötet, härtet ab.“, „Was dich nicht umbringt, macht dich stärker.“, „Nur die Harten kommen in den Garten.“ ?
Vermutlich wünschen sich die Leute hinter dem Hashtag das nicht, aber das ist meiner Ansicht nach am Ende die Botschaft dessen, was sie da verbreiten.

In unserem letzten Format von Vielen, haben wir darüber gesprochen, dass es zum Inspirationporn gehört, wenn man Menschen, die zu Opfern wurden, in ihrem Üb.er_leben überhöht. Zum Beispiel, indem man ihnen sagt, dass sie ganz außergewöhnlich mutig sind, ganz besonders stark sind und sich alle Menschen davon mal eine Scheibe abschneiden sollten. Denn damit macht man die Opfer und ihre Kämpfe um Selbstbestimmung, Normalität und Heilung zu Inspirationsquellen. Das ist zum Einen Objektifizierung, also Gewalt, und zum Anderen macht es ihre Leben zu etwas, das nicht als üblich, normal, alltäglich gilt. Es ist aber normal zu leben. Selbst bestimmen zu wollen, heilen zu wollen und Alltag leben zu wollen. Egal, ob man in diesem Leben zum Opfer von Gewalt wurde oder behindert ist_wird, ob man Schwarz ist oder homosexuell oder oder oder. Niemand, die_r versucht in dieser unserer Gesellschaft den eigenen Bedürfnissen entsprechend zu handeln, tut etwas außerordentlich spezielles.
Die Heraushebung von Üb.erlebenden von Gewalt zu „wahren Helden“ ist in sofern ein Akt der Gewalt an Menschen, die bereits zu Opfern wurden. Ja, auch dann, wenn man das gar nicht so meint. Ja sogar, wenn man es richtig lieb meint und eigentlich nur sagen will, dass man richtig krass (gut) findet, was die Person da macht oder mal gemacht hat. Auch dann.

Zusätzlich dazu ist es – und darüber kann man diskutieren, denn hier kommen wir an Interpretationsfragen – doch eigentlich unfassbar zynisch, wenn man Menschen, die Opfer sind oder waren, zu Krieger_innen, also Aggressoren erklärt. Also, einzelne Handlungen, die mehr oder weniger geplant, gezielt, überlegt waren, um mit einer (Lebens)Bedrohung umzugehen, zu dem macht, was sie als Menschen auszeichnet.
Diesen Umstand erleben Menschen, die einmal zu Opfern wurden, in beide Richtungen.
Im einen Extrem wird ihnen abgesprochen, gut für sich selbst sorgen zu können. Sie werden entmündigt, ihnen wird mit (gut gemeinten, doch auch dann selbstverständlich übergriffigen) Rat_Schlägen, Vor_Schlägen, zuweilen (und speziell in autoritären Kontexten) kategorischen Verboten begegnet. Sie werden praktisch vor sich selbst beschützt, als seien sie Aggressoren gegen sich selbst – sich selbst hilflos ausgeliefert, wie in der Situation oder den Situationen, in denen sie real konkret zu Opfern wurden – von jemand anderem.

Im anderen Extrem sind die Menschen, die zu Opfern wurden ein permanentes Mahnmal an die Gewalt. Also praktisch das, wozu man Helden und ihre Geschichten überhaupt erfunden hat.
Man hat früher nicht ums Feuer gesessen, um Helden und ihre Aggressionen geil zu finden, sondern um von Zeiten zu berichten, in denen gemordet, geplündert, vergewaltigt und geraubt wurde. Also von Kriegen. Von Zeiten, in denen Angst der Alltag, in dem es jeden Tag um Leben und Tod ging, war.
Den Überlebenden eine Heldenrolle zuzuschreiben, die sie ihr Leben lang zu erfüllen haben, um nicht zu einem Bruch im Kollektivbewusstsein aller Überlebenden beizutragen, hat im Kontext von Kriegen zwischen Völkern oder Sippen viel Sinn. Denn es stärkt das Gemeinschaftsgefühl, was wiederum zu Resilienzfaktoren beiträgt, die das Erlebte leichter verarbeiten lassen.
Überlebenden von sogenanntem „sexuellem Missbrauch“ oder systematischer Ausbeutung, oder Misshandlung in der eigenen Familie, so eine Heldenrolle zuzuschreiben, tut das nicht.
In dieser Situation wird ein Gemeinschaftsgefühl über die Erfahrung produziert, also wird ein Opfer zur Gruppe aller Opfer gezählt, was ihre Individualität und die speziell in der eigenen Familie herrschenden Dynamiken ausblendet. Ein Opfer hat dann keine eigene (Leidens/Gewalt.Erfahrungs-)Geschichte, sondern die Geschichte aller Menschen, die je zum Opfer wurden. Daraus ergeben sich Verantwortung für eine abstrakt definierte Gruppe, deren Mitglieder einander nicht einmal alle kennen, Zwang zur Stellvertretung, wann immer diese Gruppenzugehörigkeit in sozialen Konstellationen benannt wird, und die permanente Konfrontation mit dem, was den Status überhaupt erst begründet: der Zustand absoluter Unterwerfung.
Um speziell den letzten Teil auf einen Punkt zu bringen, ist es einfach so, dass man ein Opfer nicht zum Helden oder zur Heldin erklären kann, ohne den Grund dafür permanent bewusst zu halten. Was besonders vor Fremden unter Umständen auch ein nicht unerheblicher Angriff auf die Privatsphäre der betreffenden Person ist. Mal ganz abgesehen von dem so verwehrten Recht auf Vergessen, das man jedem Menschen, egal in Bezug worauf, zugestehen muss. Ja, in aller Konsequenz und ja, auch die Dinge, die man selbst nicht vergessen kann oder will oder von denen man denkt, dass sich die gesamte Menschheit daran erinnern muss, weil es so wichtig ist. Es gibt andere Wege, um kollektiv zu erinnern oder zu gedenken. Man braucht kein Individuum dafür zum Sprecher aller bzw. zur Heldenfigur machen.

Zum Opfer von Gewalt geworden zu sein und sich mit Kampfmetaphern auseinanderzusetzen, kann viele Ebenen haben.
Das Blog von Vielen zum Beispiel hat den Untertitel „Ein Ziel – viele Kämpfe_r_innen“.
Viele Menschen lesen das und können es erst einmal nur so übersetzen: „Das Ziel ist die Heilung, denn H. C. Rosenblatt ist ja krank vor lauter Trauma und das ist ein ganz furchtbarer Zustand, aus dem sie_r sich jetzt rauskämpft, weil nur so kann man das ja machen. Man muss sich ja aus allem rauskämpfen, weil so ist das Leben und nur die Harten dürfen Gärtner werden und der Kampf steht da in der Mehrzahl, weil sie_r ja viele sind.“
Es ist so verbreitet das Leben für einen Kampf zu halten, dass alles, was außerordentlich darin passiert, als weiterer Kampf verstanden wird. Was ich persönlich für ein Problem halte, weil ich davon überzeugt bin, dass es nur deshalb so normalisiert ist, weil man sich Kampfheldengeschichten anstelle von Geschichten über Kooperation, Solidarität, Liebe, Verhandlung und Konsens erzählt.

Wir haben dem Blog den Untertitel gegeben, weil wir merken, dass wir gegen tradierte und in unsere Kultur eingefressene Traumawahrheiten anstreiten müssen und diese Streits immer wieder als Kampf eingeordnet werden. Egal, ob wir das wollen oder nicht, einfach, weil in dieser unserer zutiefst traumatisierten Gesellschaft keine Streit- und Auseinandersetzungskultur, sondern eine Kampf- und Kriegs – eine Autoritäts- und also Gewaltkultur gelebt wird. Es ist unfassbar schwierig zu streiten, ohne einander zu bekämpfen.
Uns als Kämpfer_innen zu bezeichnen, ist eine Anpassung daran, die wir selbstbestimmt gewählt haben. Wir beziehen uns damit auf unsere Themen und Auseinandersetzungen, machmal auch auf soziale Kämpfe um Gleichheit, in denen wir als Aggressoren eingeordnet werden, weil wir leben und sind.
Niemals (mehr, früher haben wir das durch auch mal gemacht) beziehen wir uns auf unsere Traumafolgen und sich daraus ergebende Probleme und Erkrankungen. Wir und unsere Bedarfe sind  nicht das Problem. Die Gewalt ist das Problem.
Wenn wir gegen unsere Erkrankung oder unsere Erfahrungen kämpfen würden, würden wir gegen uns und das, was uns ausmacht kämpfen. Wir wären also genau die Aggressoren gegen uns, zu denen uns Menschen machen, die uns absprechen, gute selbstfürsorgliche Entscheidungen für uns treffen zu können.
Und wir würden bis an unser Lebensende kämpfen müssen, denn die Erkrankung ist da und die Vergangenheit geschehen.

Eine andere Ebene kann man sehen, wenn man sich zum Beispiel mit Helfer_innen auseinandersetzt, die nicht genug Unterstützung, kaum gewürdigte Erfolge und Rückhalt in der eigenen Berufsgruppe oder Peergroup haben. Sie kriegen einen „Wir gegen die ganze Welt“- Dreh in ihrer Haltung und geraten in einen permanenten Kampfmodus mit der Umwelt. Dann werden alle Jugendämter scheiße, weil sie nicht genug Durchblick haben, alle Polizisten dumme Arschlöcher, in der Schule braucht man gar nicht erst anfangen und irgendwann – manchmal ganz subtil auch die, um die sie sich sorgen und abmühen – jämmerliche Heulbojen, die sie doch alle mal kreuzweise können, wenn sie nicht wie gebraucht Inspiration, Sinn und Zweck des eigenen Handelns produzieren.**
Wir hatten einige Male mit solchen Helfer_innen in Betreuungskontexten zu tun und konnten uns dagegen nicht wehren – nur anpassen. Und zwar, indem wir uns den Kampf angenommen haben. Wir sind die, die kämpfen, wir sind so stark. Wir sind nicht so jämmerlich wie die, die den Ausstieg nicht schaffen. Wie die, die irgendwann abkratzen, weil sie sich nicht retten. Wie die, die Hilfe brauchen. Wir sind Teil des starken Teams – nie wieder wird uns jemand verletzen können, denn wir sind die Harten, denen der Garten gehört.
Wie unfassbar schlimm es für uns war, wenn uns diese Helfer_innen dann nicht mehr begleitet haben, ist kaum zu beschreiben. Weil es re_traumatisierend und nicht ohne „Held_innengesichtsverlust“ besprechbar war.

„Als Kämpfer_in, als Held_in kannst du nie aufs Klo, denn dann wissen alle, dass du Schwächen, Bedürfnisse, hast.“, in einem Aushandlungsprozess mit einem Kinderinnen, haben wir das verstanden. Wer Opfer oder generell irgendeinen Menschen als Held_in bezeichnet, presst sie in eine Rolle, in der es keine Bedürfnissäußerung geben kann, ohne sie zu verteidigen. Es ist ein schlimmes Leben, wenn man so funktionieren muss oder glaubt zu müssen. Es hat mit dem Leben, das man sich für alle Menschen im günstigsten Fall wünscht, überhaupt nichts zu tun.

 

Wir haben @kidzpodcast geschrieben, dass wir ihre Tweets sehr unangenehm finden. Wir haben sogar ausführlich erklärt, warum.
Ihr Antwort implizierte, dass die Problematik allein in unserem Kopf besteht. Für uns eine „red flag“ von Gaslighting.
Wir sind ihnen entfolgt.

 

 

* die meisten Heldensagen erzählen von Männern, deshalb steht hier das generische Maskulinum
**Wenn du mit traumatisierten Menschen arbeitest und diese Haltung bei dir bemerkst: hier die passende Googlesuche für dich.
Tu dir und deinen Klient_innen was Gutes, kümmere dich!

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Heute gab es die Frage, wie man es geschafft hat, sich von Täter_innen zu distanzieren.
Ich hab überlegt, ob wir das haben. Und wenn ja, wie.

Wenn es keinen Tag im Leben gibt, in denen diese Leute nicht irgendwie Thema sind – ist dann da Distanz? Irgendwie nicht. Aber irgendwie doch. Denn es geht nie um die Leute, sondern um die Folgen ihres Handelns an uns und deren Auswirkungen auf unser Leben.
Speziell, wenn es um die Herkunftsfamilie geht, geht es vor allem um diese Distanz. Aber schafft das Sprechen über den Wunsch nach Distanz nicht irgendwie auch Nähe? In der Herkunftsfamilie wird sicher nicht jeden Tag über uns und unsere Abwesenheit gesprochen, wohl aber (Achtung jetzt kommt eine Homeproduction aus unserem Hirnkino) werden wir oft als schlechtes Beispiel und Quelle verschiedenster Ungemache beschrieben, wann immer nötig oder schlicht hilfreich.
Wir sind für sie das böse, kranke, fehlgeleitete Mädchen, das wir mit 15/16 sein mussten und werden sicher niemals die erwachsene, weitgehend selbstbestimmte und völlig okaye Person sein, die wir sind.
Gleichzeitig sind die Eltern und Geschwister für uns auch nie gealtert. Wir wissen absolut nichts über sie, haben sie nie anders als denn als Jugendliche_r erlebt.
Das ist doch auch unglaublich viel Distanz.

Ich glaube als Person, die Gewalt in einer Familie oder Partner_innenschaft erlebt, beginnt die Distanzierung oft mit der Erkenntnis, dass etwas schief läuft und, dass eigene Erwartungen regelmäßig enttäuscht werden.
Besonders das ist wichtig für uns gewesen. Erwartungen, die enttäuscht werden.
Denn es ist ja so: verletzt zu werden, passiert. Es ist die Rahmung, die das Bewusstsein und die persönliche Einordnung fördert oder hemmt. Wer verletzt wird und das als logische Konsequenz, g’ttlichen Willen oder natürliche Ordnung erklärt bekommt, muss mit viel mehr von der Welt und dem eigenen Bild davon hadern, als jemand die_r weiß: „Ich wurde verletzt, weil jemand sich dazu entschieden hat, mich zu verletzen.“
Und das ist das Problem. Viele Gewalt.üb.erlebende hadern mit der ganzen Welt und sich selbst als Teil davon, weil sie sich als festen Bestandteil dessen einordnen, was da irgendwie schräg ist. Die Ordnung und damit die Macht bleibt bei denen, die die Gewalt ausüben – um diese Menschen werden feste Grenzen gezogen. Sie werden sowohl als Versuch der Kontrolle über die Gewalt zu erlangen (z.B. durch ständiges Hervorheben von ihren Eigenschaften, Triggerpunkten und Wünschen), als auch als allgemeiner (im Fall von Kindern und Jugendlichen lebenswichtiger) sozialer Bezugspunkt der Macht, quasi ins Leben zementiert.

Es gibt auch Täter_innen, die das gezielt abverlangen und Täter_innen, die erst im Laufe der Gewaltbeziehung verstehen und ausnutzen, dass das passiert. In jedem Fall aber passiert es und für ihre Opfer gibt es nur schmerzhafte Wege da heraus. – Obwohl der Weg da hinein auch schon schmerzhaft war. Das ist die erste enttäuschte Erwartung gewesen, die man sich bewusst machen muss, aber oft nicht kann. Besonders nicht, wenn man als Kind von den eigenen Eltern verletzt wurde. Kinder haben keine andere Wahl, als zu erwarten oder entlang der Erwartung aufzuwachsen, dass sie nicht verletzt werden, weil das jemand so will und sich dafür entscheidet, das zu tun.
So funktionieren wir Menschen. Wir erwarten nicht verletzt zu werden, wenn wir es mit Lebewesen zu tun haben, denen Verletzungen auf die gleiche Art weh tun, wie uns. Das ist eine unglaublich wertvolle Erwartung und sie ist grundgut. Vielleicht der beste Teil an Menschlichkeit, denn darin liegt doch etwas, das ganz wunderbar ist: die Möglichkeit, dass Menschen alle miteinander gut sein könnten, wenn sie wollten.

Wir haben als Jugendliche_r ein Leben gelebt, in dem wir nicht wussten, dass unsere Grundannahmen von zwischenmenschlicher Interaktion und Kommunikation auf autistischer wie dissoziierter Selbst- und Umweltwahrnehmung fußen. Wir wurden ständig enttäuscht. Freund_innen waren eigentlich keine Freund_innen; Was uns gefiel, was wir für wichtig hielten, das war irgendwie nie richtig mit.teilbar. Zeit und Raum, sozialer Kontext, das eigene Wünschen, Wollen und Werden – nichts, aber auch gar nichts davon war für uns  sicher vorhersehbar, erklärbar, kontrollierbar und mit am schlimmsten: irgendwie auch nie „unsers“, aber immer in unserer Verantwortung.

Die Distanz mit der wir in der Herkunftsfamilie gelebt haben, war immer schon groß und sie hat sich in der Pubertät vermutlich einfach nur in einer weiteren Facette gezeigt. Wir haben uns für den Suizid entschieden und das war die Art von Distanz, die für uns nur logisch war. „Alles ist falsch, alles ist schlecht, krank, nicht okay und dann kann man es noch nicht einmal verstehen, weil von allen Seiten unterschiedliche Impulse und Zwänge auf uns einwirken, die in alle Richtungen widersprüchlich sind.“ Uns ist damals der Bezugspunkt verloren gegangen und wir haben auch noch lange danach keine solche Bezüge hergestellt.

Ich erzähle das deshalb, weil ich glaube, dass man sich klar machen muss, wozu oder auch worin man Distanz zu Täter_innen einnehmen möchte.
Wir wollten Distanz zum Unaushaltbaren – das wir in unserem Amlebensein verortet haben und nicht in dem, was uns von anderen Menschen angetan wurde. Für uns war es entsprechend gar nicht so der krasse Akt von der Familie wegzugehen (es war ein krasser Akt – aber eben doch keiner, der mit Tränen, Schuldgefühlen oder schwerer Last auf dem Herzen verbunden war, sondern eher vom Willen getragen bitte nicht so zu sterben, wie es sich damals für uns abzeichnete).
Uns war klar, dass wir bald sterben würden und keine Kontrolle darüber haben würden, würden wir da bleiben. Keine Ahnung, wo das Entitlement zum selbstbestimmten Sterben in der Situation herkam, aber es war da und es hat uns ironischerweise das Leben gerettet. Und es ist die maximale Distanz, die man einnehmen kann ohne irgendetwas zu fordern oder zu wünschen. Man erwartet nur noch das Ende und wenn diese Erwartung enttäuscht wird, dann lebt man weiter, was durch den instinktiven Überlebenstrieb dann gar nicht mal so eine schlimme Enttäuschung ist.

Und ganz ehrlich: Insgesamt nicht ansatzweise so sehr weh tut, wie die Enttäuschung über Eltern, die sich dazu entschieden haben zu verletzen und obendrauf keinerlei Bewusstsein für die Tiefe und die Auswirkungen dafür haben bzw. zeigen.
Und die Enttäuschung der Hoffnung, dass sich das durch irgendetwas verändert, was man selbst tut.
Und die Enttäuschung, dass es Dinge auf der Welt gibt, die so sind. So unveränderbar, so schmerzhaft, so – weit weg vom eigenen Kontrollbereich, obwohl sie doch so nah gehen.

Ich glaube, weil wir uns dieser Enttäuschungen heute bewusst sind, können wir die Distanz einnehmen, aufrecht- aber auch aus_halten, die es braucht, um weitere Verletzungen an uns zu verhindern.
Wir haben eine okaye Routine um Gefühle, die damit zu tun haben, können uns selbst viel erklären und rahmen, was wir fühlen und denken und was Kinder- und jugendliche Innens fühlen und denken – wir können heute ganz andere Erwartungen an uns und die Umwelt entwickeln und ganz unterschiedliche Distanzbedarfe erforschen.
Und auch beobachten, was sich daraus so ergibt.

Aus manchen Distanzbedarfen ergibt sich eine Vermeidungsdynamik, aus anderen wiederum ein Weg in die Gewalt zurück, zum Beispiel wenn Kinderinnens denken, es wäre wichtig, nochmal zu versuchen, sich mit den Eltern lieb zu machen. Daraus ergeben sich Anlässe zu innerem Kontakt, woraus wieder Zugang zu Erinnerungen wird, woraus wieder etwas werden kann, das hilft zu verstehen, was da passiert ist.

Das ist Prozess. Entwicklung.
Wir wollen Prozess. Das ist eine der aktuellen Erwartungen an uns selbst in diesem Leben.
Prozessieren, Verstehen – und dann gucken, was sich daraus entwickelt, was zu prozessieren ist… was verstanden werden muss …
Da wollten wir nicht unbedingt hin und das ist auch nicht der Grund, der uns Kraft für alles gibt, aber es ist nah an uns dran und da wollten wir auf jeden Fall hin.

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Ich habe gestern einen langen Thread bei Twitter geschrieben.
Weil man die oft nicht wiederfindet – und viele sie erst gar nicht lesen – trage ich ihn hier mit hinein und noch etwas nach.

Die Kinderschutzzentren haben ein Erklärvideo zu sexualisierter Gewalt in organisierten und rituellen Gewaltstrukturen für die Praxis veröffentlicht vimeo.com/373360210 mehr Informationen gibt es hier: kinderschutz-zentren.org/index.php?a=v& und hier: ecpat.de

Ich finde das Video okay, halte es aber für problematisch wie die Folgestörung der dissoziativen Identität darin auftaucht. Nicht jede Person, die organisierte Gewalt erlebt hat, entwickelt eine DIS oder DDNOS, aber allen ist Unrecht passiert.
Ich habe Zweifel daran, dass es hilft, mögliche Folgeerkrankungen von Gewalterfahrungen jeder Art, zum Argument der Ächtung oder zum Grund für die Verwerflichkeit der Straftat oder der Forderung nach ihrer Beendigung bzw. Bestrafung selbiger zu machen.
Es darf nicht sein, dass eine Erkrankung/Störung/Zustand direkt zu einer Straftat linkt, auch wenn das sehr wahrscheinlich und bei der absoluten Mehrheit (bei DIS/DDNOS 98,9%) so ist. Warum? Weil man die Leute damit zu lebenden Beweismitteln macht.
Was zum Einen ein weiterer Übergriff ist (nämlich Objektifizierung) und zum Anderen potenziell lebensgefährlich. Vor allem, wenn sich in Sachen Verjährungsfristen für Straftaten der Prozess dahingehend entwickeln sollte, dass es keine mehr gibt.
Organisierte Gewalt ist geplantes, absichtliches, strukturell geschütztes und getragenes Unrecht. Es ist niemals eine Einzeltat. Auf Einzeltaten ist aber unsere Justiz ausgerichtet. Auf Einzeltaten und neurotypische Menschen, die davon berichten können. 
Helfen würden neben der Aufklärung darüber, dass es organisierte Gewalt und neurodiverse Menschen (also Menschen, die aufgrund diverser! Störungen akut oder latent nicht „normal“ (neurotypisch) inter.agieren (können/wollen/dürfen/sollen*) wirklich gibt, meiner Ansicht nach die Botschaft, dass es keinerlei Strukturen gibt, die daran angepasst sind.
In dem Film wird das wohl alles unter „fehlende Straftatbestände“ und der Umstand, dass sich die Betroffenen in Aussagen und Prozessen widersprechen könnten, zusammengefasst, aber das ist ja nicht alles.
Es fehlen ja auch Opfer- und Zeug*innenschutzprogramme, es fehlen Fachanwält*innen (und Schutz für sie), es fehlen Schutz-, Wieder_Eingliederungsprogramme, es fehlt praktisch überall medizinische, psychiatrische und psychologische Expertise und Behandlungskapazität. Es fehlen Standards und Kapazitäten zur Spurensicherung, zur Dokumentation von Übergriffen beispielsweise wenn Betroffene in Einrichtungen der Jugend- oder Eingliederungshilfe sind. Es fehlen die Perspektiven neurodiverser Menschen auf Anzeigen- und Strafprozesse, und und und noch so viel mehr.

Und das obwohl da Unrecht passiert. Und der Staat dazu verpflichtet ist, es zu beenden und zu verhindern. Das im Blick erscheint es mir fast als eine Art Derailing, die seelischen Folgen der Opfer so stark hervorzuheben. Damit wird die Gewalt – die organisiert und absichtsvoll in Gemeinschaften begangen wird! – individualisiert, also am Körper Einzelner manifestiert.
Das (die seelischen Folgen für Einzelne) ist ja aber nicht das einzige Problem daran, dass es überhaupt passiert. Diesen Spin vermisse ich an dem Video, aber auch
an vielen anderen Projekten und Aktionen, die versuchen der Öffentlichkeit das Ausmaß organisierter (ritueller) Gewalt aufzuzeigen. Denn ja – die Bereitschaft zu handeln und für Empathie steigt bei Kenntnis von Einzelfällen. Aber der Prozess zum Anstoß eines strukturellen Wandels kann nur durch Selbstverortung und Identifikation mit dem bestehenden System und seiner Strukturen erfolgen.

Wer nicht begreift, was organisierte (rituelle) Gewalt an den Strukturen für alle Menschen zerstört/gefährdet, kann gar nicht mitwirken etwas zu verändern. Deshalb fand ich es immer wieder gut, wenn Frau Hahn auf den Tagungen zu ritueller Gewalt in Münster oft betonte, dass Sekten zum Beispiel zutiefst antidemokratische Gruppen sind.
Organisierte Gewalt passiert nicht einfach so im Blauen. Sie passiert in dieser unserer Bundesrepublik Deutschland. Einem Land mit einem Grundgesetz, gewählten Vertreter_innen und einer umfassenden Verwaltungsstruktur, die jeden noch so kleinen Bereich des Lebens einer jeden Person, die hier lebt reglementiert, kontrolliert und verwaltet.
Es muss klar sein, dass jede zusätzliche Struktur, die gleichermaßen umfassend und tiefgreifend nicht nur in das Leben, sondern auch in das Sein, das Selbst, die Identität von Menschen hingreift immer auch diese demokratischen Strukturen an irgendeiner Stelle verdrängt, überschneidet, verletzt. Das geht gar nicht anders.
Wem es also wichtig ist, dass Demokratie herrscht, die_r muss genau das begreifen. Und zwar als Gefahr, die weit über ideologische Inhalte oder individuelle Befindlichkeiten und Stati hinaus geht.

Ich verstehe, dass das für Aufklärungskampagnen so nicht so einfach zu machen ist, weil man ja oft auch selber in problematische Strukturen eingebettet ist und in dem was man machen kann bei Weitem nicht so frei ist, wie es die Themen erfordern. Aber wenn man daran nichts ändert – wie will man dann so viel größere Probleme in so viel größeren Strukturen verändern? Wie will man denn, wenn man es nicht mal schafft, sich selbst frei und öffentlich zu äußern, wie man will und muss, Betroffene organisierter (ritueller) Gewalt genau das ermöglichen?

Und – einmal noch zurück zum Video – wenn „die Aufklärung“ die Betroffenen krank und leidend braucht, um die Brisanz und die Straftat aufzuzeigen – was ist mit denen die noch drin sind und gar nicht leiden, weil sie (noch, oder auch ihr ganzen Leben lang) gut funktionieren?
Denen passiert doch auch Unrecht.
Die dürfen wir bitte niemals vergessen.

Denn Opferschaft geht über das Empfinden von Leiden und Not hinaus. Es gibt so viele Menschen, die Opfer von Gewalt sind und es jeden Tag wieder werden und sich aufgrund dieser Verknüpfung gar nicht als solches identifizieren.
Wenn man sich darüber einig ist, dass das Gesetz allein definiert, wer Opfer wurde und wer nicht, dann muss diese Verknüpfung im kollektiven Bewusstsein und Gedächtnis gelöst werden. Dann gibt es keine Opfer von organisierter (ritueller) Gewalt, denn das ist keine juristische Kategorie.
Wenn man sich darüber nicht einig ist, dann muss man über Strukturen sprechen, die Opfern anders als mit juristischer Rechtsprechung begegnet. Dann braucht es einen neuen Diskurs über den Opferbegriff, dann braucht es eine neue Auseinandersetzung mit dem (sozialen wie rechtlichen) Status von Opfern. Dann braucht es Solidarität von Unbeteiligten, dann braucht Empathie, dann braucht es Mittel und Wege der Versorgung, der Zuwendung und des Schutzes ganz unabhängig vom Staat. Bumms.
Beides ist ungeheuer aufwendig und zäh und kompliziert und zuweilen fühlt es sich für mich als Betroffene auch nach einem Krieg der Ideologien an, obwohl ich weiß, dass keine der betreffenden Parteien Ideologien nachhängen. Justiz, Polizeiarbeit ist genauso wenig Hokuspokus wie Traumaforschung und Psychologie. Aber beide Seiten brauchen Objekte in der Arguementation. Und diese Objekte sind beim Thema der organisierten (rituellen) Gewalt die Opfer.
Das ist beiden, wenn nicht allen, wissenschaftlich fundierten Disziplinen gemeinsam – okay.
Unbeachtet bleibt dabei, dass es ein gewaltvolles Mittel ist und so dazu führt, dass man mit Gewalt gegen Gewalt vorgeht.
Meiner Ansicht nach ist das nicht der richtige Weg.
Deshalb habe ich das aufgeschrieben.

Es liegt nicht an deiner Intelligenz

dass du Schmerzen fühlen kannst.
Es liegt nicht an deiner Intelligenz, dass du Angst fühlen, Loyalitätskonflikte haben kannst, dich vor Gewalt und Lebensgefahr schützen willst.

Es liegt daran, dass du ein Mensch bist.

Kannst du dir mal einrahmen und an die Wand hängen, wenn du das nächste Mal mit Zitaten wie dem, das Paulines neulich geteilt haben konfrontiert bist.
Auch Menschen einem IQ von 30 sind „programmierbar“. Auch sogenannt „geistig behinderte“ Menschen sind traumatisierbar, sind fähig aus Gewalt, Schmerz, Todesangst heraus zu reagieren und ja, auch zu lernen bzw. zu anscheinend reflexhaftem Verhalten trainierbar. Ihre Traumafolgen sind auch Traumafolgen.

Nur bekommen diese Menschen sehr viel seltener die Chance zu Traumatherapie, werden praktisch aus der (neurologischen) Traumaforschung ausgeschlossen und aus Gründen gesellschaftlich akzeptierter ableistischer Normen als Opfer jeder Form der Gewalt praktisch hingenommen, als sei es ein Naturgesetz und deshalb etwas anderes, als bei anderen – „intelligente(re)n“ Menschen.

Wenn du heute, genau jetzt in dieser Zeit, etwas brauchst, das dir hilft gegen deine Traumawahrheiten, deine sogenannten „Programme“ anzugehen, dann mach das nicht mit einem Twist, der dich an einer Stelle aufrichtet, weil du dir einen schmeichelhaften Grund dafür geben und dir sagen kannst, dass du „immerhin nicht völlig gaga in der Birne bist“.
Denn dann musst du immer Angst haben, dass du es irgendwann mal wirst.
Du kannst dich damit über Feiertage retten, aber nicht durch ein Leben nach, sagen wir einem Schlaganfall oder einer Hirnblutung. Denn dann bist du erstmal augenscheinlich „gaga“ und hast obendrauf auch noch Feiertage und eine weitere innere Wahrheit, die deinem Wunsch nach Unabhängigkeit, geistiger Freiheit und Loslösung des Traumas direkt entgegensteht und dich der Lüge straft. „Hähä du kannst ja gar nix haben, du hast ja nur Matsch im Kopf“.

Das Leben nach der Gewalt bedeutet nicht, dass du dir die Gewalt der Gesellschaft, in der die Gewalt an dir passiert ist, annehmen und mittragen musst. Es gibt keinen Grund aufzuhören, sich mit anderen Gewaltgruppenmitgliedern zu vergleichen, sich gegenseitig zu verraten, runterzumachen, im Wert anzuzweifeln, weil es nicht mehr zum Überleben nötig ist – nur um dann im Leben danach, die nächsten vermeintlich Schwächsten zum Vergleich heranzuziehen, niederzumachen und damit dazu beizutragen, dass sie weiterhin als die schwächsten Menschen gelten.

Du darfst Menschlichkeit annehmen.
Du darfst Miteinander sein.
Du darfst dich darüber informieren, was für ein problematisches, ingesamt defizitäres Konzept Intelligenz ist.

Du darfst anerkennen, dass es schwierig ist, Antworten auf Traumawahrheiten, sogenannte „Programme“ in sich allein zu finden, ohne sich auf Äußeres zu stützen.
Das ist schwierig. Das ist brutal. Das ist, was man dir nie beigebracht hat, egal wo und wie du aufgewachsen bist.

Jetzt auf dem Weg der Loslösung zu sein, ist deine Chance. Jetzt hast du die Möglichkeit etwas neu zu lernen, anders zu machen. Vielleicht sogar besser zu machen als vorher.
Mach es.

 

Lesung aus „aufgeschrieben“ und Austausch zu Gewalt, Strafe und Gerechtigkeit

 

Wir waren am 17. Oktober nach Wien eingeladen worden, um dort im schönen Café „Fett und Zucker“ aus unserem Buch „aufgeschrieben“ zu lesen und in einem Austausch über Gewalt und die Beziehungen zu Täter_innen zu sprechen.

Geworden ist daraus dann auch ein Austausch zu Ideen von Gerechtigkeit nach Gewalt, der begleitet von Kühlschränken, Geschirrspülern und anderen kompressorbetriebenen Gerätschaften, einen reichhaltigen Debattenbeitrag leisten kann.

 

shownotes:

 

 


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Jobcenter like its 2015 (and back into Hierjetztheute)

“Seit wann sind Sie denn im Leistungsbezug?”
“Seit es Hartz 4 heißt, also 2005.”
”Ouh. Das ist lange.”

Ja. Das ist lange.
Und, jetzt, wo ich mit unserem neuen Sachbearbeiter beim Jobcenter rede, kommt das alles wieder bei mir an. Auf die Umzugserschöpfung, die Anpassungsanstrengungserschöpfung, die 3 Wochen ohne gesetzliche Betreuerin und die 2 Wochen ohne Therapie-Erschöpfung, die Überforderungsgefühle, dieses Telefonat überhaupt so unvorbereitet und allein führen zu müssen, obendrauf.
Ich könnte heulen, stattdessen depersonalisiere ich. Höre jemand anderem zu, wie er für mich redet, bin zu entfernt, um irgendetwas beizutragen.

Als das Gespräch zu Ende ist, rufe ich bei der Neurologin an. Aus irgendeinem Grund denke ich, dass sie ans Telefon geht und ich an ihr abprallen kann, um in mir selbst zu landen. Quatschidee, sie ist in 15 Jahren, die wir ihr_e Patient_in sind, genau 1 Mal am Telefon gewesen, wenn wir da angerufen haben und wer weiß, wieso das so war. Etwas von mir und etwas von jemand anderem, vereinbaren einen Termin mit der Sprechstundenhilfe. Im Oktober.

Ich erlebe einen Flashback ins Jahr 2015. Wo sich so viel für uns verändert hat, aber das Jobcenter am Arsch zu haben und die Notwendigkeit von regelmäßigen Terminen bei ihr, so viel alltäglicher, normaler waren, als jetzt.
Der Tee in meiner Hand, die beiden Hundenasen, die mich anstupsen und zu weichen Flanken werden, die gestreichelt werden wollen, erden mich.
Aus der fremden Hasswut auf die Umstände, wird mein emotionales Sumpfgebiet mit Steinen aus Selbsthass, die als einzige Halt unter den Füßen bieten.

Ich bin es nicht mehr gewohnt. Diese Jobcenterscheiße. Dieses Gepule in meinem Leben, meiner Privatsphäre. Diese ständige Frage darum, ob und wenn ja in welchem Umfang, ich berechtigt bin zu leben.
Ich habe keine Haut mehr für diese spezielle Form der strukturellen Demütigung, das bürokratische Muskelspiel, das mich klein machen soll.

In den letzten 3 Jahren ist mir eine Haut gewachsen, um auch unter Zeitdruck kreativ zu bleiben, um inmitten von Leuten, die helfen wollen, diejenige zu bleiben, die sich effektiv auch helfen kann. Ich habe Schulausbildungshaut, Zuhausearbeitenhaut, Schriftsteller_innenhaut, ein bisschen Buchbinder_innenhaut, Hobbyfotograf_innenhaut. Haut, die mich als Subjekt umschließt, schützt und stärkt.
Für den Umgang mit mir als Objekt ist da nachwievor nur meine Traumahaut und davon habe ich in den letzten Jahren viel zu viel abgebaut, um das jetzt hier ohne Schmerz, – Leid – , zu empfinden.

Daneben zeichnet sich schon jetzt ab, dass es wird wie immer.
Wir sind widersprüchlich, falsch behindert, können nicht so, wie es der Arbeitsmarkt will.
Medizinische Gutachten folgen auf psychologische Gutachten, es gibt einen weiteren Zettel auf dem steht, was auf den Zetteln von 2005 bis 2015 schon steht: 70% schwerbehindert, Merkmal G, dissoziative Krampfanfälle, DIS, Ängste und Depressionen gemischt,( ASS wird dann neu da stehen), nicht arbeitsfähig.
Obwohl wir arbeiten. Obwohl wir wirklich hart arbeiten und tun und machen.

Ich selbst muss diesen Widerspruch nie aushalten. Ich lebe ihn und ich denke manchmal, dass die DIS dabei sehr hilft. Ich merke meine Arbeitsunfähigkeiten nicht, wie ich meine Arbeitsfähigkeit merke. Ich arbeite meine Sachen ab, bin zu Hause, mache meinen Kram, bereite mich vor auf Arbeiten, die außerhalb von zu Hause sind – kann mich in unseren Kosmos hineinspalten und stückeln, solange niemand konstante Verfügbarkeit von mir erwartet.
Das zu erklären ist so schwierig.

Vor allem, weil ja selbst die Erklärung in einen Rahmen passen muss, wo sie überhaupt nicht reinpassen kann.
Ich muss einerseits sagen: “Hey, ich kann nicht in die 10km entfernte Jobcenter-Filiale kommen, weil ich noch keine Assistenz habe.” und andererseits: “Hey ich bin im Oktober für eine Woche allein in Wien, um aus meinem Buch zu lesen und mir Dinge anzugucken.”

Muss sagen, dass ich es nicht schaffen kann, jeden Tag 3, 4 oder 8 Stunden zu arbeiten, während ich jede Woche eine Podcastepisode produziere, was mindestens 3 Mal 8 Stunden in der Woche sind. Während ich an Buchprojekten arbeite, Buchbindeunterricht habe, meine Kunst mache und meine Ehrenämter bespiele.

Ich lüge nicht, wenn ich sage, dass ich etwas nicht schaffe oder kann.
Es ist auch nicht so, dass mir nicht selbst auffällt, wie viel wir eben doch schaffen.

Es ist eben einfach so widersprüchlich, nicht linear, anders.
So bin ich, so ist mein Leben, so ist mein Funktionieren. Es gibt nun mal einfach Menschen, die so sind.
Das bin nicht nur ich, weil wir autistische viele mit Spezialinteressen, die produktiv nutzbar sind, sind.
Wir können nichts für einen Arbeitsmarkt, an dem teilzunehmen alle quasi zwangsverpflichtet sind, obwohl ebenjener Arbeitsmarkt auf Talente und Kräfte, wie unsere scheißt, sobald sie nicht unbegrenzt zur Verfügung gestellt werden können.
Wir können nichts für Arbeitsbedingungen und –umstände, die Menschen, wie uns mehr und tiefgreifender schaden, als anderen.
Das macht das Jobcenter und sein Handeln immer wieder zu einer Strafinstanz für uns. Wir können nichts dafür, müssen versagen, rausfallen, “alles falsch machen” und werden dafür mit Drohungen, Leistungskürzungen und anderem bestraft.

Daneben sind wir heute privilegiert. Im Vergleich zu 2015 geht es uns heute sehr sehr gut. Wir sind sehr sicher, sind sehr geschützt, unterstützt, geliebt, gemocht, gehalten und wenn nötig, würde man uns sogar tragen.
Das macht die Erfahrung jetzt etwas anders. Wir wissen mehr über unseren Autismus, wissen mehr über unsere dissoziative Mechanik, uns als Subjekt. Das macht viel aus, hilft mir jetzt, mich hier aufs Schreiben konzentrieren zu können. Ganz sicher zu spüren, dass es okay und wichtig ist, mit diesen Gedanken und Gefühlen nicht allein zu bleiben, wenigstens virtuell nicht.

Ich kann mich dem Ärger, der Wut annähern, sie teilen. Die spontane Spaltung wieder schließen.
Ich kann mich jetzt aber vor allem mit zwei lieben, warmen Hunden ins Bett legen, Tee trinken, ausruhen und nichts Schlimmes wird passieren, denn am Ende hängt eben doch nicht mehr wirklich unser Leben am Jobcenter, wie noch 2015.