Schlagwort: Lebensrealität

der formale Antrag auf Vor- und Nachnamensänderung

Die Sonne schien, NakNak* wuselte mit uns im Bett herum, als das Telefon klingelte.
“Unsere Standesbeamtin” war dran. Einige Tage nachdem wir schon dachten sie würde sich nicht melden, weil unsere Begründung nicht ausgereicht hat.
Wir vereinbarten einen Termin, keine zwei Stunden später. Kamen an, saßen rum, traten ein und stellten den formalen Antrag auf Änderung des Vor- und Zunamens. Bei Ausstellung des neuen Personalausweises würde auch der Künstler_innenname eingetragen werden.
Jetzt ist es nur noch ein Führungszeugnis und eine Kopie des Geburtseintrags, dann werden wir anders heißen. Wenn alles glatt geht bereits auf dem Abschlusszeugnis.

Wir kamen aus dem Rathaus, machten gleich einen Termin für das Führungszeugnis, völlig Banane nächste Woche, da sind wir gar nicht da. Kauften uns ein Brötchen, obwohl wir gar nicht hungrig waren. Auch interessant so ein Übersprung in der Schüssel.

Unsere Behördenkrambetreuerin sagte erst am Montag, dass das ja alles auch kathartisch werde würde.
Der Abschluss, der Umzug, der neue Name. Große Befreiung, als weg, alles raus. Neuanfang, weiße Weste trallala
Sie weiß nicht so viel über strukturelle Dissoziation, vielleicht hat sie es deshalb als etwas Positives erwähnt.
Für uns ist genau das eher zu verhindern. Alles hier lassen, ganz neu im neuen Zuhause starten, alles loslassen, bei 0 anfangen. Das hatten wir schon oft und jedes Mal ist ein neues Alltagssystem aufgetaucht, das keinen oder nur spezifisch Bezug zum Vorher hatte.

Sicherlich, wird sich das jetzt heute nicht so wiederholen. Wir sind abgesichert, gestützt, gehalten, sind in uns so viel konsistenter als früher, wir denken nicht, dass es diesmal zu so einer Spaltung kommt, aber mitdenken müssen wirs.
Deshalb haben wir bereits jetzt Monatsmülltüten. Ein Mal im Monat schmeißen wir kreuz feldein weg, was wir nur behalten, weil wir es nicht ersetzen können. Oder weil wir denken, man könne uns verübeln, dass wir es nicht behalten. Oder weil wir denken, unsere Herkunftsfamilie würde das mitbekommen.
Alles weg damit, warten, nachfühlen, merken: Alles ist wie immer, alles ist an seinem Platz.

Das könnten wir nach dem Umzug noch nicht so schnell sagen, denn dort muss alles erst einmal an den richtigen Platz gelebt werden. Deshalb machen wir es jetzt. So lange bis nur noch da ist, was uns das Gefühl gibt, dass alles okay ist. Denn genau das werden wir im neuen Zuhause brauchen. Nicht mehr, nicht weniger.
Ein Vorgehen, das nicht lauter HALLO GESUNDES VORGEHEN brüllen könnte. Nicht antidissoziativer wirken könnte.

Und der neue Name?
Wir haben den alten schon weggeschmissen. Schon vor 19 Jahren.
Er ist eine Hülle, die das Außen auf uns drauf wirft, uns aber nie benennt. Uns schmerzt, nie nutzt.
Wir heißen nun schon seit Jahren für alle ‘Hannah’, das muss sich nicht ändern, nur weil ein neuer Ausweisname da ist. Alles bleibt gleich, alles bleibt an seinem Platz.

Außer der Schmerz.
Der bleibt im Standesamt der Stadt aus der wir wegziehen.

oh scheiße

Zwischen zwei Abgaben und einer überschrittenen Deadline war der Krampfanfall. In der Schule. Das haben wir lange vermeiden können, aber Notenvergabezeit ist Stresszeit, keine Zeit für einen Schritt nach dem anderen.

Die Lehrer_innen, die da waren, wussten viele Dinge nicht so recht. Entschieden für einen Notarzt. Der kam und britzelte uns seine Neonkleidung ins Hirn. Schob den Pulli am Handgelenk hoch und sagte: “Oh scheiße.”.
Und irgendwie war das gut. Es hat sich gut angefühlt, dass er das so gesagt hat. Oh scheiße, dieses Handgelenk ist einfach mal zu einem Drittel Suizidversuchsnarbengewebe und das andere auch.
Oh scheiße oh scheiße oh scheiße das alles. Dass das so ist, dass das so nötig war, dass es nie anders ging, dass man es für immer sehen wird. Oh scheiße, dass man da keinen Puls mehr fühlen kann, aber, wenn man sich Mühe gibt, unsere Not vor 18, 17, 16, 15 Jahren.

Oh scheiße, das Leben ist so fragil, aber gleichzeitig kannst du dein Blut aus dem Handgelenk wie aus einem Springbrunnen hüpfen sehen und doch nicht daran sterben. Das Leben ist nicht zwangsläufig, was man erlebt und trotzdem alles, was man leben kann. Und oh scheiße, wie schlimm das manchmal ist.

Ich mochte den Notarzt. Er hat mein Nochnichtwiedersprechenkönnen nicht zu brechen versucht. Hat alles angekündigt, hat uns allein gelassen, nachdem die Lage gesichert war.
Er hat die Scheiße gesehen und daran geglaubt, dass wir damit umgehen, damit leben können.

Das war toll, denn so ist das Leben auch.
Zeit, Prozess.
Scheiße in der Vergangenheit und Umgang damit für immer.

eine Woche

Ich brachte NakNak* zu C., damit sie nicht mit nach Berlin kommen musste.
Dachte zwischen Augenauf- und zuschlag daran, wie viel besser und sicherer es für uns wäre, könnten wir sie mitnehmen. Spürte eine Ängstlichkeit, verwischte sie mit einer Augenbewegung. Berlin ist ein Moloch. Wir haben da keine eingeübten Routen, keine festen Bezugspersonen, die NakNak* kennt. Wenn wir da umfallen, gibt es da noch jemanden, die_r sie einfach zu sich mitnimmt.

C. hat sich ein Exemplar von “aufgeschrieben” gewünscht und eine Widmung. Es ist allen gewidmet, das steht da drin, aber alle sind nicht alle, die sich davon auch bewidmet fühlen. Vielleicht ist da eine Ebene, die wir noch nicht so richtig verstehen. Ich vertröste sie und mache mir einen Knoten in den Anfang dieser Forschungsreise.
Fahre nach Hause. Übe das Vorlesen der Kapitel. Denke, dass es gut wird. Arbeite an einer Abgabe weiter, für die ich am Samstag keine Zeit und am Sonntag keine Kraft haben werde.

Im Zug schreibe ich Schuldinge, höre Musik, denke an R. und das, woran wir gerade therapiearbeiten.
In Berlin scheint die Sonne auf meinen dicken Körperversteckpullover. Tempelhofer Feld, Vögel, gutes Sprechen, Erklären, Überlegen am Nachwachshaus, an anderen Projekten. So haben wir uns das immer gewünscht. Diese Konspiration ums Nachwachshaus. Wie früher. Auf dem Boden sitzen und Aspekte durchsprechen. Fragen aufstellen, lösen, neue finden, dabei auf etwas rumkauen. Damals Zigaretten, heute süße Früchte. Zeit vergessen, Prozess werden.

Dann das Kind. Das Essen. Das noch mehr Sprechen. Schön wie eine Wand, in die man sich einwickeln kann. Wissen: Ja, das können wir auch hinkriegen. Ein Kind. Nicht trotz allem, sondern, weil das allem zum Trotz nichts fremdes ist. Es ist nur für und mit jemandem sein, um dessen Verstehen und Ver_Sorgen man sich länger einseitig bemühen muss. Vielleicht. Noch ein Knoten an einen Forschungsgedanken, dann die Lesung und Verlagsvorstellung.

Kurz ist da Nervosität, dann nicht mehr. Aufgabe, Menschen, Sprechen, Reagieren, Freuen, Wiedererkennen. Im Laden ist es schön, riecht nach Kaffee. Man schaut aus dem Fenster und sieht Menschen, die sich dicht an dicht auf die Wiese im Park gesetzt haben. Wir werfen den Ablauf durcheinander, das passt zu unserem Verlag und wieder weiß ich, dass wir da einen guten Platz gefunden haben. Wir machen, was alle machen, aber wir machen es anders und es ist weder schlimm noch destruktiv. Wir sind nicht mehr allein damit so zu sein und das ist, was uns da auf dem Bühnchen vor dem Fenster vor der Wiese mit den Menschen in der Sonne sitzen bleiben lässt.
Wir sind nicht allein. Yori ist auch da und es ist gut, obwohl so viele Leute uns ansehen und anhören.

Das sind zu viele Gefühle auf einmal und wir wissen bis heute nicht, ob wir uns gut gefühlt haben. Was wir da gefühlt haben außer diesem Willkommensein im Andersseinmachen und der Erleichterungsfreudenverwirrung darüber, dass Menschen, die wir kennen, unser Buch gekauft haben um es zu lesen, obwohl wir sie gar nicht darum gebeten haben.

Im Zug nach Hause übe ich Mathe. Integralrechnung olé olé. Am Donnerstag ist der Klausurtermin für die Vornote des Abschlusses. Nach der Klausur zu Prüfungsbedingungen am Montag, nach der MTD-Klausur und dem Rest der Probeprüfung. Vor den restlichen Abgaben und Probeprüfungen. Noch 2 Wochen dann sind 2 Wochen Ferien und eine davon werden wir beim Freund sein. Endlich. Schnell einen Knoten an diese Forschungsrichtung um Vermissen eines Menschen und dem immer noch fremdneuen Wunsch nach seiner Anwesenheit an der Seite. Zurück zu Mathe.

Die Probeprüfung lief gut und wir danach nach Hause, vorbei an gegen den Stadtlärm anbrüllenden Vögeln und gefällten Bäumen. Der Planet stirbt und wir werden eine gute Note in Gestaltung auf dem Zeugnis haben olé olé

Wir schlafen bis halb 6, fahren zur Therapie. Erinnern uns an die Lesung, wollen davon erzählen, aber was wissen wir selbst nicht so richtig. R. ist in der Stunde, wir gehen raus und haben eine aufgekratzte Stelle am Arm, die brennt und nervt bis Donnerstag.
Da schreiben wir die Arbeiten, kommen nach Hause und finden einen Brief von ihr, in dem sie ihre Zeit beschreibt. Damit haben wir nicht gerechnet.

Eine Woche ist vergangen. Dieser Text ein Knoten.

Weltautismustag #4

Der vierte Weltautismustag mit dem Wissen um den eigenen Autismus.

Was kann ich dazu schreiben. Eigentlich nichts. Wir sind nicht nur autistisch. Ich denke, dass an so einem Tag nur die sprechen sollten, die ausschließlich das sind. Autist_innen.
Ich weiß, woher ich diesen Gedanken habe und weiß, dass ich ihn nicht haben muss. Er ist trotzdem da und wirkt. Dieser Text ist ein Versuch daran vorbei zu kommen.
Denn es ist unser „nicht ausschließlich autistisch“-sein, das die Diagnose so lange verunmöglicht hat und es auch heute noch erschwert, als auch autistische Person verstanden und anerkannt zu werden.

Es gibt enorm große Schnittmengen zwischen Autismus und dissoziativen Störungen (aufgrund traumatischer Erfahrungen). Sich auf gleich zwei so umfassenden Spektren verorten zu wollen, ist eine Herausforderung und nachwievor sind wir damit (gefühlt) völlig allein.

Durch unsere schulische Ausbildung haben wir viel Raum, uns damit auseinanderzusetzen, worin unsere Lern.Be.hinderungen und unsere Kompensationsstärken liegen. Wir haben gelernt, dass wir eine Stärke für Details und Analysen hochkomplexer Zusammenhänge haben, gleichzeitig jedoch Schwierigkeiten so schnell Verbindungen herzustellen – und beizubehalten – wie in der Schule und auch manchmal im Alltag erforderlich.

Wir bewegen uns geistig wie sozial nie im großen Ganzen – sondern immer im präzise durchanalysierten und scharf beobachteten Moment. Wir können darin mehr aufnehmen als andere Menschen, viele Verläufe und Möglichkeiten gleichzeitig berechnen, abwägen, einordnen, können sie aber oft nicht als das kommunizieren, was hinter unseren Analyseergebnissen (und entsprechendem  Re_Agieren) steht.
Wir können sehr gut schreiben und gut sprechen, etwas für andere Menschen verständlich zu sagen jedoch, raucht uns sehr schnell, sehr tiefgreifend aus.
Wir sind konsequent wie eine Guillotine im freien Fall, wenn wir uns etwas vorgenommen haben und gleichzeitig ohne jede Struktur, was ebenjene Vorhaben bzw. ihre Umsetzung angeht.

Die Gegensätzlichkeiten und Widersprüche in unserer Interaktion und Kommunikation sind in einer Linie mit der Art, wie wir gestrickt sind und das ist eine merkwürdig guttuende Erkenntnis.
Wir sind “geistig behindert” und gleichzeitig hochbegabt. Kriegen nichts auf die Kette und haben gleichzeitig das Potenzial sogar mehr zu können bzw. zu schaffen, als viele andere Menschen.
Wir sind eine Person, ein Einsmensch, und gleichzeitig viele. Viele Seelen, viele Leben, in einem Körper.leben.

(Diese) Gleichzeitigkeit mitzudenken, zu erleben und zu empfinden ist, was uns ausmacht.
Ob das eine rein autistische Geschichte ist, wissen wir nicht. Die Dinge, die wir in den letzten Jahren über Autismus gelesen haben, befassten sich nicht bzw. wenn, dann eher am Rande mit solchen Aspekten.
Meistens ging es um autistische Kinder. Um autistische Kinder in der Schule, im Defizit, im Zentrum der Angst vor sozialem und ökonomischen Abstieg der Eltern. Es ging um neuere Studien zur genetischen Grundlage des Autismus, um mögliche Risikofaktoren während Schwangerschaft, Geburt und frühster Kindheit.

Zur Lage und Lebensqualität komplex traumatisierter Autist_innen oder autistischer Menschen, die komplex traumatisiert wurden, haben wir noch immer keine Veröffentlichung gefunden. Keine, außer unserer eigenen, von denen wir bis heute nicht so recht wissen, ob sie nachvollziehbar, sinnig, ~wertvoll, konstruktiv für irgendetwas oder irgendwen nutzbar sind.

Am Weltautismustag wird in Amerika nachwievor die (von Autist_innen scharf kritisierte) Organisation “Autismspeaks” beworben, die ein Puzzleteil als Logo hat. Die Ironie ist groß. Sagt man doch auch über Leute, die viele sind, sie wären innerlich ein Haufen auseinandergerupfter Teile, die zusammen ein Ganzes ergeben.
In unserem vierten Jahr mit Autismusdiagnose und dem inzwischen siebzehnten Jahr DIS-Diagnose denken wir beides gleichzeitig in uns und fühlen uns damit isoliert. Weggerupft.

Wir sehen nachwievor keine Inklusion von autistischen Menschen in der Traumaforschung und von anerkannt traumatisierten Menschen in der Autismusforschung.
Wir sehen nicht, dass sich Traumaspezialist_innen für die Neurodivergenz und ihre Auswirkungen auf das Gelingen oder Nichtgelingen von Traumatherapie interessieren. Sich fort- und weiterbilden, sich dazu entscheiden, anzunehmen, dass auch behinderte* Menschen von Traumatherapie profitieren können, wenn man es ihnen ermöglicht.
Wir sehen nicht, dass der institutionellen Pflege und Versorgung von autistischen Menschen die Idee von Selbstermächtigung innewohnt. Sehen noch bei viel zu wenigen Menschen das Bewusstsein dafür, dass man bei bestimmten Heil-, Hilfe- und Förderungs.be.handlungen das Potenzial einer grundfesten Traumatisierung autistischer Menschen mitbedenken muss.

Wir sehen nur einen Haufen Puzzlestücke, die sich hier und da um einzelne Aspekte klumpen, die letztlich nicht den Menschen dienen, um die es geht.
Und wissen auch in diesem vierten Jahr der Auseinandersetzung nicht, ob mehr Awareness das Einzige ist, das gebraucht wird, um das zu verändern.

Zukunftsmusikdisco

Als ich mich für ein Brot mit Erdbeermarmelade entscheide, wird der Regen in weißen Streifen durch die Luft gewogt. Als sich die Marmelade gerade in das weiche Margarinenbett kuscheln will, kommt die Sonne raus. Es ist hell und strahlend, der rote Bobbel vor mir leuchtet wie ein Stück Theatereingeweide.

Ich lass es liegen. Werd schon nicht verhungern.
Was mach ich jetzt. Nichts mach ich.
Die Langeweile zieht mich vor Netflix. Die Schwangerschaft mit unserem Buch hält uns da. Oder vor dem Wolkehaushalt in die Sims3. Nicht denken, nicht machen. Einfach nur so durchfischeln. Das geht. Meistens. Oft genug.

Die Dinge in unserem Leben jetzt, sind alle nicht spruchreif. So viel Zukunftsmusik, dass mir die Ohren klingeln und der eingeigelte Stummtaubblindverkrümel zu werden, ist oft das einzige, was wirklich hilft.
Alles was wir für diese Zukunft wollen, können wir nicht einfach entscheiden. Wann ausziehen, wann umgezogen sein – der Freund muss mitreden, hat eigene Dinger am Laufen, braucht auch Sicherheiten. Nicht so einfach. Alles muss daran angepasst werden. Das ist wie noch einmal 5 Lautstärkestufen rauf mit der Zukunftsmusik unter der das Knacken und Knirschen unserer Anpassungsprobleme unhörbar werden. Alles eine Frage der Kommunikation. Schwierig so auf die Distanz.

Am Donnerstagmorgen hatte ich Erdbeermarmeladenbrot und abends den Brief mit der Begründung für eine Namensänderung in der Hand. Wir fuhren sehr spät nachts noch mit dem Rad hin, um ihn einzuwerfen, aber dann doch nicht.
Bist du wirklich sicher? wummerte die Zukunft mit grellen Lichtblitzen auf mich ein. Ich bin nicht sicher. Ich bins nicht, ich werds nie sein. Zukunft, das ist die falsche Frage. Es geht nicht darum, wie sicher ich mir bin, es geht darum, wie sicher ich mir bin, damit umgehen zu können, wenn Dinge nicht so richtig klappen. Oder völlig anders als gedacht. Frag mich, wie bereit ich dafür bin, daran zu arbeiten, dass es so wird, wie ich mir das vorgestellt habe. Frag mich nach meiner Kompromissbereitschaft. Frag mich, ob ich dich mögen werd, auch wenn du mir weder grüne Wiesen im Sonnenschein noch Fettlebe mit Zuckerguss zu bieten hast.
Zukunft, wenn du so fragst, dann ich will dich bitten mir aus dem Weg zu gehen. und das hatten wir doch schon so oft. Wir wissen beide, dass das nicht geht.

Am Freitag klebte ich eine Grüffelo-Briefmarke auf den Antrag und warf ihn in einen Briefkasten.
Fuhr nach Hause. Kochte Süßkartoffelsuppe. Draußen regnete es und drinnen fragte ich mich, ob das Buch denn wohl bald fertig gedruckt ist.
Dann schaltete ich den PC ein, um nach Familie Wolke zu sehen.
Um mich herum Zukunftsmusikdisco.

Fundstücke #67

Ich hab geträumt, dass unser Buch falsch gedruckt würde. Dass W. uns das Buch in die Hand drückt und dann ist es ein foliiertes Softcover, Klebebindung, bunt von oben bis unten mit Worten anderer Leute darüber bedruckt.
In meinem Traum ist die soziale Awkwardness der Realität drin und es genauso unangenehm. W. lächelt uns an, denkt, wir wollten das vielleicht doch so haben und wir wissen nicht, was wir jetzt machen sollen. Lächeln oder Enttäuschung, Verwirrung, Abstoß ausdrücken.
Ich wache nicht mal davon auf, so wenig fremd ist das meiner Realität.

Auch nicht, als ich dann später zu einem ominösen Sportunterricht soll, aber da wird nur in fancy Sportkleidung abgehangen und ich vergesse ständig meine Sportsachen. Und dann nehme ich mir eine Hose vom Zaun, die eine Umstandshose ist und sie passt mir. Der Abnerv um meinen Stressspeck – sogar der ist zu normal um aufzuwachen. Ich entscheide mich gegen den Speckhass. Mein Speck ist okay, was mich nervt ist meine Unbeweglichkeit. Und dagegen können wir ja was machen.  Auch ein normaler Alltagsgedanke.

Später ist da, wo der Sportunterricht sein soll, irgendeine Berühmtheit, die trans ist und zu trans Leuten spricht und alle sind ganz aufgeregt und ich schleiche durch das Haus, das vorne in einer Großstadt und hinten auf einer texanischen Ranch mit bunten Klofliesen und stylischer Gartenbeleuchtung ist, um ein Versteck für mich zu suchen, denn niemand weiß, dass ich nicht binär und damit auch unter den Schirm des Transbegriffs passe.
Das ist dann aber doch far too alltagsfern.
Ich merke, dass ich träume, bin aber auch neugierig auf die Berühmtheit und was sie wohl so erzählt. Ich bin in dem bunte Fliesen-Klo als die Berühmtheit reinkommt und im Schlepptau viele Leute hat. Da bin ich still und mach mich unsichtbar, höre zu und bin enttäuscht, weil die Berühmtheit nur sagt: Glaub an dich selbst, born this way blablabla
Ich denke, dass ich hier nicht heulen will.

Ich entscheide aufzuwachen und als ich wach bin, will ich mich damit trösten, dass ich ja träume und entscheiden könnte zu fliegen.

Multi.tasking

“So etwas wie ‘Multitasking’ gibt es nicht.” Sie beobachtet den Blutstropfen, der mir aus einer kleinen Punktionswunde am Daumen quillt und macht mir den Blick schwanken. Schwink schwank.
Ich koche. Beziehungsweise nenne ich es ‘kochen’, aber in Wahrheit mache ich mir nur etwas zu essen. Einen Eimer Salat, einen Trog Blumenkohlauflauf. Dazu den Schmusierest aus der Kanne. Einmal wie immer, wenn es gut werden soll. Nächste Woche.
Neuer Stundenplan, die Therapeutin ist wieder da. Unübersichtlich viele Dinge für die Schule zu tun. Zu schaffen.

“Es gibt nur ‘effiziente Reihenfolgen’.”
Ich hab sie genau vor mir. Groß, schlank, straff. Ein hoher Kragen umringt ihren Hals, ihre Haltung ist klar und gerade. Sie ist nicht Fräulein Rottenmaier, aber irgendwie doch.
“Und was du da treibst, ist NICHT effizient.”
Den Daumen im angesüllerten Taschentuch schiebe ich das Hundefutterfleisch aus dem Schwappbereich des schon laufenden Wasserkochers, verschiebe damit das Schneidbrett und die Auflaufform. Ein Stück Gurke kullert auf den Küchenboden. Semiclean, aber noch nicht geeignet für eine Antibiotikaanzucht. Kriegt NakNak* halt auch noch ein paar pflanzliche Fasern. Wieder was vermultitaskt. Ha!

Ich vergesse den Auflauf zu würzen, angle die Plastikdose für die Fleischreste aus der Spüle, spüre sie wie etwas, das mir aus dem Mageninneren nach außen boxt. Der Daumenstich tut noch weh, blutet aber nicht mehr. NakNak* schmatzt und schiebt ihren Napf durch den Flur. Ich schneide das Gemüse, genieße die Symmetrie der Schnitte, den Geruch der Tomategurkefrühlingszwiebel-Koblauchrest-Mischung. Bin hungrig und eigentlich schon längst satt.

Dann bin ich fertig und auf der Arbeitsplatte steht nur noch die große orange Schüssel mit dem Salat drin.
Alles andere ist weggeräumt, abgewaschen, saubergemacht. Von ihr nehme ich an, weiß es aber nicht. Finde es auch nicht wichtig. Nur beklemmend. Wie sie mir Zeit und Raum klaut, während ich etwas tue, das ist doch scheiße.

Und dann die Stille. Mit der bin ich alleine. Natürlich.
Das darf ich ganz für mich haben. Dieses Nichts, in dem ich und das Essen allein miteinander sind und ich mir doch lieber aus der Haut fahren will. Mit dem Radio auf voller Lautstärke, offenen Fenstern und Windgeschwindkeitsgeräuschen auf beiden Ohren.

“Führerschein machen” schreib ich mir auf, als ich und andere ein PC-Spiel spielend, das Handy checken und durch das Salatkrachen im Mund einen Podcast zu hören versuchen.

die Reibe, die Schule, die Selbst_Verletzung

Es gab Reibekuchen. Das Reiberaspelding steht neben der Spüle. Bereit abgewaschen und wieder in die letzte Ecke gestellt zu werden. Weit weg. Aus dem Blick. Aus dem Sinn.
Als meine Narben noch hart waren, hatte ich beim Rüberstreichen manchmal gedacht, dass ich sie mal als Reiberaspel benutzen könnte. Oder als Waschbrett. Waschbrettbauch, Waschbrettarme, Wäsche würde nie ein Problem für mich sein.
Heute sitze ich in der Küche und denke darüber nach, ob ich mir den Traumascheiß runterratschen könnte, wie das Außen einer Karotte.

Wir sind seit mehr als einer Woche zu Hause. Alleine. Wir haben zu oft weder gesprochen, noch in Worten gedacht. Nicht mal beim Schreiben ehrlich gesagt.
Es tut uns nicht gut. Nicht so. Das alleinsam sein, obwohl man in der Schule sein oder wenigstens etwas für die Schule tun müsste. Wir würden mehr für die Schule machen, müssten wir nicht mehr dahin. Komisch, aber isso.

Heute sind wir in der Schule verabredet, um zur Schule zu gehen, aber keine Schule zu haben. Nur lernen. Keine Schule. Das geht. Glaub ich. Die Starre ist noch nicht wieder da. Ich habe keine Angst, fühle mich nur bedrängt. Unsicher, weil ich nicht weiß, was ich erwarten kann. Neben dem, was ich erwarten muss und mir schon beim Gedanken daran die Überforderungsübelkeit in den Bauch rauschen lässt.

Hätt ich eine Mutti würd ich sie fragen, ob sie mit mir kommt. Mir die Hand hält, mir das Gefühl gibt sicher zu sein. Ganz generisch. Hab ich aber nicht. Nicht mehr und eh nie so. Wär meine Mutter hier, wüsste von all dem, sie würde sagen “Nu komm.” oder “Nu mach” und ihren Kopf in einer vagen Bewegung durch die Luft schwenken wie so ein Weihrauchdings in der katholischen Kirche.

Ich weiß nicht mal wovor ich Angst habe. Niemand da sieht mich so jung und nichtig, hilflos, ohnmächtig, wie ich mich fühle. Sie sehen mich als Erwachsene und gehen entsprechend mit mir um. Sie wissen nicht, dass sie mich damit überfordern. Nicht, weil ich in Wahrheit ein Kind bin, sondern weil mich von einem Kind in vielen Dingen nur das Alter unterscheidet.

Wie oft habe ich mich früher nach solchen Schulverquerungen verletzt, um mich selbst davon zu überzeugen, wie wirklich schwach, verletzbar, grundfest unsicher ich tatsächlich bin. Wie wirklich unerträglich die Dissonanz, die Inkongruenz zwischen dem ist, wie ich auf andere Menschen wirke und dem, wie ich bin.
Komisch, wie ich heute vor allem diese Gefühle von Verletzlichkeit und profunder Eigentlichgarnichtsicherheit aus mir rausschneiden will.

9 Uhr 22. Der Heizungsmensch war da. Die Wohnung wird wieder warm.
In einer halben Stunde muss ich los.
Die Reibe bleibt wo sie ist.

28 und 29

Kurz vor Mitternacht.
Draußen ist es warm kalt gewesen. Die Luft wusste nicht, ob sie uns beißen oder streicheln wollte. Komisch, dieser Winter.

Beim Besuch noch kurz vorm Einschlafen, stehe ich jetzt aufgedreht in meiner Küche und weiß nicht ein noch aus. NakNak* rumpelt sich grunzend in der Küchenbankkurve zum Hundeschlafball zusammen. Ich öffne das Fenster und lasse sie dunkle Stille auf meine Front treffen.

Wir haben über unsere Zukunftskreisel gesprochen. Was wir gerne würden und was alles könnten, was ja, was nein und was eine Entscheidung bedeuten könnte.
Und, weshalb manche Optionen überhaupt nur da sind. Sie hatte sehr recht, als sie sagte, man müsse nicht immer alles können, was man in der Zukunft vielleicht braucht. Und, dass viel der Hartz fear in unseren Überlegungen eine Rolle spielt.
Dass wir schon viel Zeit verloren haben. Dass wir mit einem Studium, egal von was, von dem abkämen, was wir könnten.

Da wirds dann neblig. Was wir können.
Wir können von vielem ein bisschen. Nichts spezialisiert.
Wir müssten in die Kunst, in der Kunst bleiben, in der Kunst wachsen und ausreifen. Unter Bedingungen, die uns den Raum lassen.
Und wir müssten dran bleiben. Immer weiter machen.
Das ist so fragil. So Hartz 4. Und damit nicht, was wir wollen.
Auf der anderen Seite: Niemand will Hartz 4. Niemand. Jemals.

Wenn es das Kafka-Einsteinmodell wird, ist es wohl gut. Morgens Obstkisten stapeln, nachmittags auf Papier explodieren.

Zehn vor 12.
Als ich auf mein Handy schaue, erinnere mich daran, dass ich meine Sprachlernlektion mit Duolingo noch nicht gemacht habe.
Zwei Minuten vor Mitternacht bin ich fertig. Den 143 sten Tag in Folge Norwegisch, seit ein paar Tagen auch Dänisch.
Als die kleinen Lingot-Schatztruhen vor mir auf und ab hüpfen, erinnere ich mich an die Motivation, diese Sprache zu lernen. Überhaupt eine weitere Fremdsprache richtig ordentlich zu lernen. Sie kam auch aus der Hartz fear und dem Spüren, dass sich das Leben in Deutschland, in Europa, in der EU, auf diesem Planenten in den nächsten Jahren sehr verändern wird. Für die meisten ist das Teil unseres Hangs zur Katastrophisierung. Bitte schön, sollen sie es denken. Aber die Sicherheit, die Beruhigung, die brauchen wir doch. Und uns reicht kein “da mach dir mal keine Sorgen, das wird schon alles werden”, wir brauchen konkrete Ideen, was wir dann machen. Wo wir dann hingehen, worauf wir uns in uns und aus uns heraus verlassen können. Und das ist im Moment so verdammt wenig.

Wir haben keinerlei Ersparnisse, keinen Beruf erlernt, der nicht in 10 Jahren obsolet ist. Wir kosten, ohne wertzuschöpfen. Das ist die Realität. Völlig losgelöst von uns persönlich oder dem, was andere Menschen subjektiv empfinden. Wir sind kein gesellschaftliches Element, das gesellschaftliche, politische, ökonomische, wirtschaftliche Krisen überstehen kann, weil es noch auf etwas anderes als den bloßen Überlebenstrieb setzen kann.
Für viele Leute, mit denen wir darüber sprechen und denen wir das so sagen, klingt das nach traumabedingten Selbstwertkomplexen. Nach “sich nichts zu trauen”. Nach “die schönen Seiten nicht sehen”. Nach “der Zukunft nicht trauen”.  Nach Katastrophisierung eben. Also etwas, das man von sich schieben muss, weil es zu schlimm ist, Angst macht, am Ende keine Antwort hat. In ihnen anders resoniert, als in uns, die wir wissen, wovon wir da reden.

Deshalb gehen wir so oft aus Gesprächen über unsere Zukunftskreisel und fühlen uns dumpf, orientierungslos, planlos. Versuchen, uns an die kleinsten Schritte zu halten, versuchen wirklich, von Tag zu Tag zu leben, zu denken, zu arbeiten, weil uns nur das als jetzt relevant benannt wird. Und einige Zeit später können wir es dann nicht mehr aushalten. Diese Kontextlosigkeit des Tag für Tag, die sich auftut, wenn man nicht auf eine klar definierte Zukunft, einen Zweck des eigenen Machens hinwirkt.

Dann versuchen wir das weiter. Und weiter. Und aus Kontextlosigkeit wird Sinnlosigkeit. Wird Bedeutungslosigkeit. Wird Verzichtbarkeit. Wird das Moment, in dem wir uns vor uns selbst ekeln, weil wir um unser selbst weiterleben und machen. Müssen. Sollen. Obwohl es uns weder braucht, noch wünscht, noch will. Dieses Leben. Dieses Alles. Nie, weil es so ist.

Das ist ein Trigger. Eine Lage, ein Headspace, könnte man so sagen, in dem wir uns wieder in sadistischer Quälerei befinden.
“Sei am Leben, bleib am Leben, damit ich dich quälen kann. Du lebensunwertes Drecksvieh. Geh weg, ich mag dich kaputt. Bleib hier, ich will dich kaputt machen. Für nichts und wieder nichts anderes als das Moment des Leidens. Mach mir eine Freunde – versuch mir zu entkommen. Du kannst mir nicht entkommen, denn ich bin die Macht. Ich hasse dich, ich brauche dich. Stirb endlich. Steh auf. Beweg dich. Mach was, ich will es kaputt machen.“

Und das ist das Tor zur Hölle einfach. Das auszuhalten und wie eine abgekapselte Eiterbeule, die zu berühren unvermeidbar ist, durch den Alltag zu tragen, in dem das niemand sieht, niemand versteht, niemand aus eigener Erfahrung mitfühlen kann – das ist grauenhaft. Wirklich.
Und für uns Realität.

Das heißt nicht, dass wir das nicht von unserem Leben heute unterscheiden können. Wir sehen sehr wohl die Unterschiede. Sehen unsere Selbstbestimmung, sehen und fühlen, dass wir auch geschützt, bestärkt und in Teilen getragen werden. Wir wissen, dass es nicht das selbe ist. Aber die Notgefühle, die Ohnmachtsgefühle, die Bitterkeit der Wahrheiten um uns selbst herum, die sind die Gleichen und es gibt keinen anderen Grund außer Vermeidung, Nichtanerkennung oder wohlmeinender Ignoranz, uns zu sagen, dass das ja gar nicht sein muss. Dass es ja auch ganz anders sein könnte. “Wenn nur…”

Ich weiß nicht, ob man als außenstehende Person, die das jetzt liest bis hier hin überhaupt folgen konnte.
Nun ist es 4 Uhr morgens. NakNak* atmet ihren Schlaf ein und aus. Der Kühlschrank summt. Ich fühle mich allein. Einsam. Und endlich auch müde. Vielleicht musste mal so aufgeschrieben werden. Für nichts und wieder nichts. In all seiner Sinnlosigkeit.
Mir bedeutet es etwas.
Das ist ja immerhin was.

25 und 26

Ich sollte nicht davon erzählen. Besonders jetzt nicht, wo wir bald ein Buch veröffentlichen und schon jetzt mehr Menschen deshalb auf diese Seite kommen.
Ich sollte sowas nicht erwähnen. Nicht hier.
Ich sollte an meinem Image arbeiten. Mir mal langsam eins machen, das über den Zufallsgenerator der Perzeption und dem Glücksspiel der Rezeption hinausgeht. Ein Bild von mir, von uns, das zeigbar ist. Sympathisch, nett, interessant, angenehm. So wie man Menschen einfach gerner hat.

Trotz aller Beschäftigung damit, verstehe ich nicht so richtig, wofür so etwas gut sein soll. Image. Gutes Image durch Bildpräsentation.
Das ist nicht die Realität. Das ist nicht echt, aber unheimlich anstrengend. Das ist wie die Erschöpfung nach 6 Stunden Sims 3 mit 8 Familienmitgliedern, davon 6 Kleinkinder und Babys: viel Zeit, viel Kraft – für nix außer den Moment.
Vielleicht ist der Moment sehr wichtig, okay. Aber danach kommen auch noch Momente. Und im Gegensatz zu den Pixeln, denen ich Namen gebe, um sie in eine Geschichte zu verwickeln, bin ich ja auch noch viele Jahre da. Auch nach dem Moment.

Ich sollte nicht erzählen, wie ich in der Schule einen Mitschüler angeschrien hab, dass er sich in sein dummes Knie ficken soll. Weil er ein überheblicher weißer linker Mackerdude ist, dessen verdrogtes Hirn seine Arroganz in unerträgliche Ausmaße verstärkt und, der einfach nur zum Nerven in die Schule kommt.
Ich sollte vielleicht mehr Fokus auf meinen Notenabsturz in dem Fach legen, seit dem Lehrerwechsel, dem absolut ungünstigen Stundenplan. Vielleicht anschaulicher machen, was für ein Alptraum sein absolut sinnbefreites und zuweilen menschenverachtendes Gelaber während des Unterrichts in_jedem_einzelnen_Fach_ für meine Kraftressourcen ist. Vielleicht darüber schreiben, wie es ist, um 5 Uhr morgens aufzustehen, um keine 3 Stunden später alles und jeden wie auf blanke Nervenenden auftreffend wahrzunehmen und an nichts anderes mehr denken zu können als an das, was die Leute jedes Mal sagen: Bleib ruhig – Entspann dich – Reg dich nicht auf – und früher reingeprügelt haben: HIER WIRD NICHT GEHEULT

Es ist eine beschissene Situation, denn Aggression wird so oft entschuldigt, dass auch das als Entschuldigung gelesen werden würde. Dabei gibt es daran nichts zu entschuldigen. Wir haben keine Schuld auf uns geladen. Wir haben ihm gesagt, was er hören wollte – haben auf seine Forderung, ihm ins Gesicht zu sagen, was wir denken, reagiert. Dass diese Wahrheit gewaltvoll und aggressiv ist, liegt in der Natur der Wahrheit. Wahrheit ist nicht zart flauschig und lieb. In der Regel ist Wahrheit brutal, schmerzhaft und abstoßend. Sicher hätten wir eine prosozialere Performance machen können, aber was ist das für ein Anspruch vor dem, was ich in dem Moment überhaupt noch leisten konnte. Mal abgesehen davon, wollen wir mit ihm möglichst überhaupt nicht sozial sein.

Ich war froh, nicht vor ihm und der ganzen Klasse geheult zu haben. War froh nicht schon 20 Minuten vorher vor lauter Frust- und Ohnmachtsgefühlen geheult zu haben. Wenigstens eine Weile dem folgen zu können, was mir früher wie heute als einziges regelmäßig reingedrückt wird: ruhig bleiben, als wär nichts von dem, was da in mir vorgeht real, schmerzhaft oder so unaushaltbar wie es am Ende nun einmal doch ist.

Wir sind kein Mensch, der bei jeder sozialen Belastung gleich anfängt Leute anzubrüllen oder überhaupt aggressiv auftritt. Wir sind auch nicht absolut unfähig, mit Stress und Belastung umzugehen. Oder mit Leuten, die wir nicht mögen. Oder mit Leuten wie ihm.
Es sind diese mehrfach beschissenen Ohnmachtslagen in Kombination mit Schmerzen, die keine Aussicht auf Lösung oder Ende haben.
Es sind Situationen, die in ihrer Struktur unserer Traumatisierung so extrem ähnlich sind.

Ein Stundenplan, der nicht zu ändern ist, Lehrer_innen, die hilflos und also handlungsunfähig sind und alle Verantwortung und Aushalteparolen der Welt auf uns abladen. Ein Begleitermensch, der seit Monaten nicht erreichbar ist. Absprachen und Hilfen, die mit dem Weggang der alten Klassenlehrerin nicht mehr eingehalten bzw. gegeben werden. Das Gefühl von allen reingelegt und verlassen worden zu sein, obwohl wir allen gesagt haben, dass wir das alleine nicht schaffen. Obwohl wir verdammt nochmal wirklich alles, darunter auch Dinge, die an unserem Würdegefühl gekratzt haben, gemacht haben, damit das alle begreifen. Damit genau das nicht passiert.

Und dann der Schmerz.
Für den sind wir allein verantwortlich. Wir müssten früher gehen, öfter nicht da sein, Situation nicht er_leben, um ihn so ertragen zu können, dass wir immer lieb, ruhig und artig sein können. Wir müssten weniger leben, um ihn nicht zu spüren. Oder ein weniger schmerzverursachendes Umfeld haben.
Man hat uns schon oft vorgeworfen uns zu oft zu verkriechen, im eigenen Kleinklein zu bleiben. Oft, weil man nicht so recht glauben kann, das Geräusche, Sprechen, Interagieren auch Schmerzen verursachen kann. Und meistens, weil man die Verbindung zwischen Schmerzen, die wir heute haben und dem Schmerzgedächtnis für Schmerzempfinden aus lebensbedrohlichen Gewalterfahrungen früher in unserem Leben, nicht so recht begreifen kann.

Ich erwähne den Schmerz, weil ich denke, dass das etwas ist, das die meisten Leute nachvollziehen können. Alle hatten mal krasse Zahn-Kopf-Glieder-Körperschmerzen in ihrem Leben. Alle wissen, wie man dann drauf ist. Alle wissen, wie viel zu viel in so einem Moment so ein “Psst!-Nu bleib ma ruhig”- Anspruch ist. Nicht, weil man ein böser Mensch ist oder irgendetwas in einem selbst als Person macht, dass man in diesem Zustand “böses” tut, sondern, weil das eine Möglichkeit von vielen ist. Unser Spektrum reicht von Dissoziation zu absolutem Hyperfokus zu psychosomatischen Phänomenen wie vorübergehender Blind- und/oder Taubheit zu Sprechunfähigkeit zu Anschreien bzw. Rausschreien, was ist. Die meisten dieser Reaktionen kriegen die Menschen um uns herum nicht einmal mit. Und das ist ja der ganze Witz.

Jemand, die_r leidet ohne Ende, Hoffnung und Kraft – aber in sich selbst implodiert und “unsichtbar dysfunktional” ist, wird nie für “böse” gehalten oder für unsozial oder was weiß ich. Solche Leute werden für fähig gehalten mit Stress umzugehen. Ihre Anwesenheit gilt als angenehm, weil nicht störend, da auf Störung hinweisend.
Wer davon abweicht, ist der letzte Arsch, nicht ganz dicht, Täter_in, Aggressor_in, störend und die Person, der man mit aller Macht sagen muss, dass sie doch bitte ruhig sein soll. Unabhängig davon wie ruhig sich die Person sonst verhält. Die Ruhe zu der eine Person fähig ist, wird immer wieder unsichtbar vor ihrer Lautstärke.

Ich frag mich, ob das nicht auch so eine Form der Imagemachung ist. So ganz alltäglich.
Du lernst einmal jemanden kennen und hast vielleicht insgesamt 5 Tage mit der Person verbracht, aber wenn sie dann in den letzten gemeinsamen 2 Stunden etwas macht, was anders ist, dann behälst du sie als so anders in Erinnerung. Dein Bild von ihr verändert sich dahingehend und das wars dann. Nie wieder wirst du die Person so sehen wie vorher. Viel mehr wirst du dein früheres Bild von der Person als Illusion oder Lüge abtun, anstatt dich der Realität zu stellen, in der Menschen einfach mehr sind als das Bild, das du dir von ihnen gemacht hast. Und vielleicht sogar weiter trägst., wenn du so ein Mensch bist, der anderen Leuten keine eigenen Bilder erlaubt oder erlauben oder zumuten will. Als ginge dich das irgendetwas an.

Mein Leben hat diese Realität.
Das Zerfallen und ganz klassische Opferding voller Leiden und Not und das Explodieren, das so oft Täter_innen zugeordnet wird, obwohl es ein ganz genauso reales Opferding ist. In den Diagnosekriterien der PTBS wird das unter “Reizbarkeit” verwurstet. Es gehört dazu. Ist eine Dimension wie die Dissoziation, der heutige Schmerz als Trigger für früheren Schmerz und so viel mehr.

Ich  weiß, ich sollte hier von gar nicht schreiben. Denn Mehrdimensionalität, Komplexität ist schwer. Schwerer als ein Abziehbild in 2D.
Aber mein, unser Leben ist schwer. Ist komplex.
Weil es real ist. Weil wir real sind.