note on: Hannah mach doch auch endlich was

Urlaub also. Und das Auto ist wieder heil. Back to normal?
Ich bin so runter mit allem, dass nichts mehr normal laufen kann. Bin genervt von Sprachnachrichten, genervt von Nachfrage-, Abklär-, Soll das so-, Entscheide du-Mails. Bin ohne jeden Überblick, was die aktivistische Community in Sachen „Aufklärung der Massen über rituelle Gewalt“ so auf die Füße stellt, werde aber dauernd auf das Instagramvideo und YouTube hingewiesen und seit Wochen per Mail angeschrieben, was ich denn denke, finde, glaube, machen will, auch in der Causa Schweiz/Satanic Panic/Missinformation deluxe. Bin verwirrt, weil immer noch niemand zwischen Interessen und Positionen unterscheidet. Denke die meiste Zeit „Hä?“ und spüre dem Rutschen dieser Bubble von mir weg nach.

Gefühlt steht mal wieder auf dem Spiel, dass niemand mehr glaubt, es gäbe organisierte Rituelle Gewalt. Gefühlt muss die DIS-Diagnose schon wieder verteidigt werden. Gefühlt sind Behandler_innen in Gefahr. Gefühlt ist alles ganz dramatisch und muss jetzt ganz schnell irgendwie eingefangen werden und Aktion Aktion von allen! Jetzt hier und gleich und mit voller Durchschlagskraft, weil so muss man das doch machen. Mit aller Gewalt gegen die Gewalt!
Weil uns das ja zuverlässig immer irgendwas bringt.

Es ist extrem herausfordernd für mich, meine Solidaritäten beieinander zu behalten in dieser so sehr verstreuten, schnellen, kurzlebigen Community. Aus der ich persönlich niemanden wirklich kenne und für die ich gefühlt auch einfach nicht (gut, aktiv, laut, offen, echt, kompetent) genug bin. Die Währung ist „lieb“. Ist Freund_in, treue Follower*innenschaft, privates Kennen und Mögen, soziales Feelgood, Bestätigung. Und ich habe nur Überzeugung und Solidarität auf Faktenbasis. Das reicht nicht, um als Nichtfeind_in an.erkannt zu werden. Vor allem nicht in Zeiten wie diesen.

Meine Solidaritäten sind systemisch. Ich stelle so etwas wie „Viele Stimmen“ auf die Beine, während ich ein unfassbar schwieriges, schmerzhaftes Buch schreibe, das der Community helfen soll, fast Vollzeit in einem Verlag arbeite, der ebenfalls vielen Communitys solidarisch zur Seite steht und eine Podcastreihe ausrichte, die der Community helfen soll, das Stigma selber aufzulösen. Ich bezahlte das Supportticket für die nun abgesagte Tagung, damit andere Betroffene auch kommen können. Obwohl ich als Mitmacher_in auch kostenlos reingekommen wäre.
Sich nicht wie Menschen, die mit sozialer Bestätigung handeln, zu beteiligen, heißt nicht zu schweigen. Oder unsolidarisch zu sein. Oder sich nicht zu interessieren. Oder doof zu finden, was andere machen.

Schon, dass ich diesen Text schreibe, um das zu erklären, ist für mich eins von vielen Zeichen dafür, dass ich gerade traumanah fühle. Ich erkläre mich einer diffusen Gruppe, die mich als Individuum gar nicht erst erfasst, sondern einfach nur als Masse hinzugewinnen will, obwohl ich schon längst dabei bin. Nur eben nicht so wie sie. Klassisches Ding in meinem Leben. Drinnen und Draußen sein gleichzeitig.

Jetzt aber gehe ich erst einmal rein. In meinen Urlaub. Erarbeite mir zurück, mich jeden Tag zu pflegen, mich gesund und ausreichend zu ernähren, zu bewegen und mich selbst zu spüren. Meine Gedanken zu hören, meine Ideen zu erforschen. Und dann schreibe ich das mit den Interessen und Positionen auf. Und warum uns die Beschäftigung damit weiter bringen kann, als eine Wall of Hashtags und Solidaritäten aufgrund von „lieb“.

Fundstücke #85

„Ich hab in den letzten Monaten echt geastet.“ Mein Partner liegt neben mir. Vor zwei, drei … noch mehr? Wochen. Tief erschöpft. Vom Bett aufs Sofa gekommen, als ich endlich losgerissen bin von meinem Geaste. Der Satz klingt bis heute in mir nach. Ich stelle mir vor, wie wir Bäume sind. Riesengroß und langsam wachsend. Tag um Tag, Meeting um Meeting, Arbeitsphase um Arbeitsphase, Termin um Termin, Text um Text. Jeden Tag, mit viel zu kurzen Unterbrechungen seit dem Sommer. Geastet. Nicht gesprosst. Nicht gelaubt. GeASTet.

Meine Fehlerrate ist enorm geworden. Ich vergesse Dinge, übersehe Handlungsschritte und bemerke es nicht ein Mal. Ohne das Schwimmen vergesse ich zu duschen. Mir die Zähne zu putzen. Aufstehen, PC an, schreiben, korrigieren, lesen, denken, planen, Hunderunde, PC an, schreiben, planen, organisieren, projektieren, überblicken, durchdenken, Abendbrot in trauter Seligkeit bei Deep Space 9, mit dem warmen schweren Kopf von Bubi auf dem Bein. So sind meine Tage. Außer am Wochenende. Da spiele ich zwischendrin „Sims 4“ bis mich die Angst, den nächsten Termin zu vergessen, ablenkt oder ich den Partner sein Geäst ausstrecken höre und meins hineinschieben will. Ich denke, dass wir uns so gegenseitig vor Astbruch schützen.

Der Garten sieht aus wie Schwein. Im Urlaub.
Meine Wohnung ist ein Mahnmal des Unerledigten. Im Urlaub.
Es gibt Dinge zu recherchieren. Im Urlaub.
Ich muss meine Diät anfangen. Im Urlaub.
Es sind nur zwei Wochen. Mein Urlaub.

Aber im Sommer. Oder Herbst. Was besser passt.
Wenn ich bis dahin keinen mit Leben gefüllten Uterus umhertrage, werde ich mich tragen lassen. Bei einem Tandem-Paraglyding-Flug. Ich werde einen scheiß hohen Berg hochlaufen und mich dann runtergleiten lassen. Panoramisch. Hoffentlich bei Sonnenschein. Ich will alpinen Sonnenbrand zu meinem Muskelkater. Wenn schon, denn schon. Schließlich diäte ich vor allem dafür.
Wenn ich schlafen gehe, stelle ich mir das vor. Wie wir da schweben. Mit so viel Abstand von allem und allen. Mit so viel Schwung, dass all die Äste, die nötig, aber ohne tragende Funktion sind, von mir wegfliegen. Ohne, dass ich sie groß betrauern oder verabschieden kann. Ich denke mir das wie extremes Schaukeln. Bisschen kribbelig, bisschen schwere.los. Mit der Gefühlsidee schlafe ich oft ein und manchmal fliege ich dann im Traum.

Noch 8 Tage. Dann Urlaub.

das fremde Baby

Heute durfte ich ein Baby halten. Eins mit Haaren und runden braunen Augen.
Die Elternperson musste mal zur Toilette und ich stand gerade passend herum. In der Schwimmhalle. In meinem Badeanzug. Meine Wampe begutachtend. Irgendwo zwischen bodenloser Scham und Ach-was-solls-Egalness.
Sie fragte mich, ob ich das Kleine kurz halten würde und meine Arme breiteten sich schon vor meiner Antwort aus. Und dann dachte und fühlte ich vieles gleichzeitig.

Ich erwartete Irritation beim Kind und fand sie auch. Es betrachtete mich kurz und schaute sich nach dem Elter um. Ich ließ es sich drehen, so dass es sich mit dem Rücken bei mir anlehnen konnte, aber gleichzeitig noch stabil in meiner Armbeuge hing. Es war ganz entspannt, fast ein bisschen wobbelig. Ich dachte, wie merkwürdig das ist, dass Menschen so lange so wobbelige kleine Fleischbeutel mit Stöckchen drin sind. Dann drehte es sich wieder zu mir um und begann einen Laut zu machen. Irgendwie anlasslos, aber vielleicht auch nicht. Wie cool eigentlich, dass Vokale so früh schon funktionieren. A, E, I, O, U. Kleine Menschen können so viel mit so wenig aussagen.

Je länger ich dort stand, desto mehr spürte ich mich. Die 5, 6 Kilos des kleinen Menschen manifestierten meine linke Körperhälfte. Mein Wobbel, eben noch unangenehm und störend, wurde mir als Abstandshalter, als Schutzschicht bewusst. Meine Muskeln und Knochen als mächtige Waffe. Bei dem Gedanken schaute ich zur Toilettentür nach dem Elter des Kleinen. Wurde unsicher vor meiner Macht über dieses Kind, das eine Lautschlange aus As in die Luft warf.
Es wurde unruhig und begann, sich von mir abzudrücken. Drehte sich wieder um, stemmte seine dünnen Beinchen gegen meinen Bauch. Ich ließ es, machte einen Schritt nach vorne, hielt es in der Bewegung. Es begann nicht zu weinen, sondern drehte sich wieder zu mir und versuchte sich festzuhalten. Dann kam die Elternperson zurück.
Sie bedankte sich bei mir und betrachtete ihr Kind dabei, wie es sie wiedererkannte und sich entspannte. „I think they thought I’m a little suspect.“, sagte ich, „Shes is fine“, antwortete das Elter und bedankte sich nochmal. Dann ging es zurück zum anderen Kind, ich zum Sportbecken.

Ich war eine Woche nicht schwimmen, weil ich mich nicht um 5 aus dem Bett und in einen 8 und mehr Stunden-Tag bekam. Jetzt verwandelte ich mich in einen Blauwal und zog mich langsam und kräftig durch die Schnellschwimmerbahn, die als einzige noch frei war. Neben lauter Todeskraulern of the doom auf den Bahnen für alle. Ich spürte der Szene mit dem Baby nach und wie schön das war. Wie genau richtig. So will ich das, dachte ich. Ich will den ganzen Tag über einige Jahre ein Baby tragen. Jeden Tag ein paar Gramm mehr. Ich will von Vokalen eingehüllt werden und für meine konzentrierte Beobachtung eines Menschen belohnt und nicht verachtet werden. Ich will dieses Hier und Jetzt der scheinbar anlasslosen Existenz von Babys und kleinen Kindern. Und diese Eindeutigkeit.

Ich kam kurz aus dem Rhythmus. Diese Eindeutigkeit. Die Macht. Meine Ohnmacht als ich klein war. Ich stieß mich ab und verwandelte mich in eine Wasserschildkröte. Paddelte mich aus dem Gefühl, dass Eindeutigkeit allein kein Schutz ist. War. Für Kinder. In dem Alter. Der Größe. Dem Gewicht. Diesem Entwicklungsstadium.
Dann stieß ich mit einem Schnellschwimmer zusammen. Er dachte, ich hätte ihn schon gesehen. Wir lachten uns an und einigten uns auf einen Kreisel. Verwandelten uns in Delfine und stachelten uns zu 30 Minuten schnell schwimmen an. Das Sporthigh setzte ein, ich wurde ruhig, die Anspannung der letzten Woche löste sich. Aus dem Becken steigend, wurde ich wieder ein Mensch. Wobbelte unter die Dusche, zurück in den Alltag. Mit meiner Menstruation, meiner Arbeit, meiner Traumaarbeit drin.

spazieren

Ein Schritt, ein Schritt, ein Schritt.

Über mir knarzen Bäume aneinander, sie wiegen sich wie hohes Gras im Wind. Die Kälte zieht in meine Kleidung, es ist neblig. Die Hunde laufen unsichtbare Pfade ab, atmen Boden und Gras ein.
Zufällig hatte ich an den Geburtstag eines meiner Geschwister gedacht. Überlegt, wie dieser Mensch, der in mir nie älter als 14 wurde, heute wohl ist. In den Dreißigern. Nach so viel Leben, so vielen Erfahrungen. Das übliche Ende dieser Überlegungen legte sich über meine Gefühle wie zähes Gummi. Ich weiß gar nichts. Alles ist möglich. Vielleicht dies, vielleicht das, wir wissen es nicht und werden es mit großer Wahrscheinlichkeit nie erfahren. Schade. Gut. Richtig. Immer.

Vor uns schlägt sich etwas durch den Forst. Bubi stellt seine Ohren zu kleinen, im Rhythmus seines Pulses vibrierenden Dächern auf, NakNak* kann nichts mehr hören. Sie steht neben mir und fragt, ob wir nicht vielleicht langsam nach Hause gehen können. Wir waren gerade bei der Tierärztin. Eine Rückversicherung abholen. Die Hundefriseurin hatte mich tief beunruhigt. Zweifeln lassen, ob wir NakNak* die richtige Behandlung zukommen lassen. Also bat ich um einen Termin. 5 Minuten – eine Frage. Die Ärztin gab mir 25 Minuten und NakNak* eine gezielte Untersuchung. Versteckt mit Streicheln, Lob und Pansenkeksen fand sie nur ihr Alter. Ihre bald 15 Jahre und den Muskelabbau, der einfach passiert. Sie freute sich über einen so alten, so schönen Hund, ich freute mich über ihre Freude.

Ihr Tod hätte mir jetzt nicht gepasst. Ganz davon abgesehen, dass ich prinzipiell nicht damit einverstanden bin, dass das Leben meiner warmen Flauschmotte endlich ist, habe ich im Moment keine freie Zeit. Ich arbeite viel für die Arbeit und dann für mein Hobby und dann ist es dunkel draußen und ich arbeite gegen Erinnerungen. Mein typisches Novemberproblem vermischt mit anderen Bildern. Manchmal denke ich, es sei alles Eins, weil ich der eine Körper bin, dem es passierte und manchmal noch finde ich doch wieder mehr Ruhe in der Leugnung dessen.

Ein Schritt, ein Schritt, ein Schritt.

Zeit für Grenzen

Ich hatte es eingepreist – Kontakt mit anderen Menschen erfordert Kommunikation und Interaktion mit anderen Menschen.
Und am Ende ist es der Anfang einer Schleife, deren Verlauf ich gut voraussagen kann.
Nicht mehr so bodenlos verzweifelt wie als Kind, so frustriert wie als Jugendliche und auch nicht mehr mit so viel Selbsthass wie vor der Autismusdiagnose als 30-jährige_r – aber auch nicht gelassen. Neutral, okay damit. Mit Gefühlen von Kontrolle.
Jetzt ist es bewusst. Als Trigger, als äußere Dynamik, als etwas, das ich zu beeinflussen versuchen kann, aber mehr auch nicht. Ich spüre meine Scham, ich spüre Frustration, ich spüre Not und meinen Grad des Gefordertseins.
Und meine Einsamkeit.

Konflikte sind für alle schwierig. Das schreibe ich auf, weil ich weiß, dass hier Menschen mitlesen, die es wichtig finden, so etwas immer auch zu sagen. Weil sie mir sonst nicht glauben, dass ich das weiß und mitbedenke, wenn ich von meinen Schwierigkeiten schreibe. Oder mir sonst unterstellen, ich würde meine Schwierigkeiten für außergewöhnlich schlimm halten. Oder mir unterstellen, ich würde die Schwierigkeiten anderer nicht erkennen können. Und um mich vor solcherlei Vorwürfen zu schützen, habe ich nun also diesen überflüssigen Kram aufgeschrieben, der am Ende doch nie einen Schutz bietet, weil es nicht meine Entscheidung ist, wie ich gelesen und verstanden werde; was mir wann wieso und aufgrund welcher Worte geglaubt, zugetraut und anerkannt wird.
Was für eine Verschwendung. Was für ein Aufriss. 30 Sekunden Lebenszeit dahin für eine nutzlose Geste. Wofür? – Um ein Beispiel zu produzieren.

Denn mir erscheint die Kommunikation und Interaktion mit anderen Menschen oft voll mit unnötigen Gesten. Trotzdem mache sie oft mit. Bestimmte prosoziale Phrasen, Sätze, Bemerkungen, Witze, (Nach)Fragen baue ich in meine Kommunikation ein, um sympathisch, empathisch, zugewandt, freundlich auf andere Menschen zu wirken. Nicht immer, weil mir das wichtig ist, sehr oft aber, weil ich weiß, dass meine Mimik und/oder mein Ton mit einem gewissen Stresslevel nicht mehr als freundlich oder zugewandt, empathisch oder generell sympathisch eingeordnet wird. Besonders in angespannten Situationen oder bei Problemen, die nicht leicht zu lösen sind. Da werde ich oft aggressiv genannt. Dominant. Und damit implizit gewaltvoll.
Vor allem dann, wenn ich, wie es mein Bedürfnis ist, bei der Sache bleibe. Sachorientiert zu denken und handeln, wird von den meisten Menschen nicht auch als sachlich kommunizierend eingeordnet, sondern – besonders in emotional aufgeladenen Situationen als absichtlich ignorierend. Ausgrenzend, kalt, emotional distanziert – so als verwehre man der anderen Person die emotionale Verbindung und damit eine wichtige Grundlage für den sozialen Kontakt.
Meiner Erfahrung nach ist es unerheblich, ob ich mich in solchen Situationen erkläre oder nicht. Die meisten Menschen wollen in solchen Situation vor allem eins: die Ver_Bindung prüfen.
Sie wollen wissen, ob ich gefährlich für sie bin oder nicht. Sie wollen sich sicher fühlen. Und dafür brauchen sie prosoziale Performance. Sie brauchen Versicherung von mir, brauchen prosoziale Phrasen, prosoziale Lügen, prosoziale Nachfragen, Entschuldigungen. Manchmal, aber leider selten, auch prosoziales Handeln von mir. Diese Bedürfnisse richten sie in der Regel als Anspruch, als basale Grundanforderung des Miteinanders an mich.

Was sie nie auch einfordern, ist mein Konsens zu dieser Art des prosozialen Miteinanders. Sie setzen ihn voraus, weil es keinen Moment der Frage gibt, ob das Miteinander, das wir haben, eines ist, das auf der gleichen Ebene läuft. Ob wir auf Augenhöhe miteinander in Kontakt sind, ob wir den gleichen Energieaufwand zur Herstellung und Aufrechterhaltung dieses Kontaktes haben, ob die Ziele unseres Kontaktes die gleichen sind, wie die unseres gemeinsamen Handelns.
In meinen Freund_innenschaften und allgemein allen Kontakten, die ich pflege, ist es erst ein Konflikt, der meine Arbeit an dem Kontakt aufdeckt und mich gewissermaßen outet oder auch „demaskiert“. Denn Konflikte entstehen aus gegenseitigem Missverständnis. In der Regel aufgrund fehlerhafter oder ausgebliebener Kommunikation.

Dies ist ein Grund für meine Tendenz zu „Projektfreund_innenschaften“ oder auch „Themenfreund_innenschaften“. Der gemeinsame Sachbezug trägt meine Beziehungen sehr lange, oft über Jahre hinweg, über die Gefühle von Missachtung meiner kommunikativen Bedürfnisse im sozialen Kontakt und entspricht generell eher meinem Lern- und Bindungsstil. Ich lerne orts- und kontextbezogen sowie detailorientiert; es fällt mir leichter eingehende Reize zu verarbeiten, wenn ich mich bewegen bzw. handeln kann. Kontakte, die ich also aufsuchen muss, um etwas mit ihnen zu tun, haben die höchste Chance auf Haltbarkeit und bieten mit höchster Wahrscheinlichkeit auch den Zugang, um die Personen über ihre Funktion im gemeinsamen Handeln hinaus überhaupt zu erfassen, kennen zu lernen und in ihrer Persönlichkeit empfinden zu können. Das bedeutet: Um zu wissen, ob ich mit den Menschen „kann“, ob ich sie sympathisch finde oder empathisch oder freundlich – oder eben auch nicht, vergeht Zeit. Viel Zeit. Mitunter Jahre. Unter anderem deshalb, weil ich nicht offen damit umgehe im Alltag und, wie oben angedeutet, von mir auch nie abgefragt wird, wie ich die Menschen finde oder ob das gegenseitige Miteinander für mich so in Ordnung ist. Man fragt mich durchaus, ob „alles okay“ ist – der nicht-autistischen Diffusität entsprechend bleibt „okay“ jedoch stets undefiniert. Meine Definition von „okay“ im sozialen Miteinander ist in etwa: „Ich kanns aushalten.“ Und als autistische Person mit DIS ist mein Rahmen für „Aushalten“ mitunter etwas größer als der vieler anderer Menschen.

„Aushalten“ klingt mir oft zu sehr danach, als würde ich leiden, deshalb verwende ich im Kontext meiner alltäglichen Lebensrealität lieber „kompensieren“.  Unter anderem, weil Kompensation, auch die ständige Kompensation von mehr oder weniger unangenehmen Reizen oder Situationen oder Umständen, ein Kernmerkmal des Lebens ist. Ohne Kompensation keine Weiterentwicklung, ohne Weiterentwicklung entsteht Stasis.
Jedoch kann jedes Lebewesen nur im Rahmen der ihm inne liegenden Fähig- und Fertigkeiten, der genetischen Ausstattung, sowie in Abhängigkeit von den generell wirkenden Umgebungsfaktoren, kompensieren. Das bedeutet: Es gibt Grenzen. Und die liegen nicht nur darin, was man (noch) nicht kann, sondern auch darin, was man (noch) nicht darf, soll, will – und zu welchem Zeitpunkt und in welcher (sozialen) Situation man aktivieren kann, darf, soll, will, um zu kompensieren.

Viele Menschen werden an diesen Grenzen jeden Tag herausgefordert und häufig auch überfordert. Oft ganz unbemerkt, da wir in einer ableistischen Gesellschaft leben, in der unser sozialer Status von unserem (stets und immer alles) Können abhängt und das Überwindenwollen menschlicher Unzulänglichkeiten als selbstverständliches Ziel aller Menschen vorausgesetzt wird. Es gilt als normal, sich stets zu überwinden. In vielerlei Hinsicht.

Und so wachsen wir alle auf. Müde, Hunger, Pipi, kalt, das wägen wir alle ständig ab mit unserem Umfeld. Geht das jetzt gerade? Ist es sicher genug? Sind genug Ressourcen dafür da? Wie ist die Bedürfnislage des sozialen Umfeldes – wird es von meinen Bedürfnissen gerade berührt? Wen muss ich wie mitdenken, um den Frieden zu bewahren? Dieser Prozess läuft in der Regel unbewusst ab, intuitiv. Wird geformt von Bindungserfahrungen, auch traumatischen. Wird beeinflusst vom aktuellen Geschehen, dem Normen- und Wertekonzept unserer direkten Umgebung.
Praktisch in diesem Zusammenhang ist die Fähigkeit, stets verlässliche Antworten auf solche Fragen finden zu können. Stets eine angepasste Reizverarbeitung gewährleisten zu können, um schnell und häufig genug richtig zu erfassen, wie die Lage ist. Worum es geht. Wer wie mit wem, was wann wer warum, wo womit was wie … passiert.

Meine Reizaufnahme ist schneller als meine Reizverarbeitung. Jedes Gespräch ist eine Herausforderung für mich. Denn ich nehme jedes Wort auf – kann es fehlerlos erinnern und wiedergeben – aber nicht gleich schnell oder ähnlich schnell wie die meisten anderen Menschen auch verstehen. Meine Kompensationsstrategie ist die Konzentration auf die Sachinhalte, denn das ist ein viel zuverlässigerer Punkt im Miteinander als die sozialen und emotionalen Informationen eines Gesprächs.
Das bedeutet, dass ich in rein emotionalen Gesprächen – oder prosozialen Gesprächen, die der emotionalen Fürsorge dienen – oft praktisch aufgeschmissen bin. Denn das Wissen um die Grund_Emotionen und ihre Bedeutung des Gegenübers muss ich mir aus einem Gespräch ohne zuverlässigen Punkt herausarbeiten. Meistens in Real-Time, während ich die prosoziale Performance vormache, damit die andere Person sich sicher mit mir fühlt (und mich entsprechend nicht angreift) – und eigentlich aber noch gar nicht verstanden habe, was das Ziel des Gesprächs eigentlich ist (und woran ich erkenne, dass es erreicht ist), was der Auftrag an mich ist (und wann dieser erfüllt ist oder erfüllt sein soll) – und selbstverständlich die ganze Zeit über meine Grenzen gehe.
Denn diese Gespräche finden nie mit autistischen Menschen statt, sondern mit nicht-autistischen. Also sprechen wir „nicht-autistisch“. In meinem Fall casual gezwungenermaßen, weil es nie überhaupt zur Debatte steht, wessen kommunikative Bedürfnisse erfüllt werden. Nie mein Konsens dazu abgefragt wird, nie die Zeit, der Raum, die Kapazitäten, die Bereitschaft dafür da ist, Gespräche mit mir vorzubereiten, damit ich überhaupt eine Chance darauf habe, sie mit dem gleichen Energieaufwand wie die andere Person zu führen.

Ganz normal wird von mir verlangt, mich über meine Möglichkeiten hinaus anzupassen.
In der Regel aus Gewohnheit. Und ja, vielleicht auch, weil ich mich nicht dagegen wehre. Was ich aus Angst vor Ausgrenzung nicht tue. Und wegen gemachter Ausgrenzungserfahrungen nach vielfältig vorgetragener Bitte um an mich angepasste Kommunikation.
Es gilt als egozentrisch, als egoistisch, einmal wurde es als narzisstisch gerahmt, dass ich darum bat mich nicht zu überfordern. Mich nicht auszugrenzen. Mich nicht dazu zu zwingen, so zu kommunizieren und interagieren, wie es sich für mich intuitiv richtig, gut, sinnvoll, effektiv, effizient anfühlt.

Doch worum ich bitte, ist keine Rücksicht auf eine Befindlichkeit oder die Anerkennung eines Persönlichkeitsmerkmals. Ich bitte um Teilhabe. Ich bitte um Kontakt, um Miteinander, das ich mir nicht erst verdienen muss.
In dem Konflikt, der diesem Text vorausging, ist mir aufgefallen, dass ich mich in diesem Wunsch selbst nicht ernst genug genommen habe. Nach wie vor sind die nicht-autistischen Menschen in meinem Leben meine kommunikative Norm, der zu entsprechen ich mich zwinge, bis es nicht mehr geht. Obwohl ich weiß, dass das nie geht, ohne meine Grenzen zu übergehen, meine geistigen wie emotionalen Kapazitäten, oft bis aufs letzte auszuschöpfen. Für – am Ende – Basics. Dinge, die sie sich mit praktisch keinem Energieaufwand kommunizieren können, um dann erst wirklich loszulegen.

Ich bin oft teilweise ausgeschlossen in der Kommunikation mit meinen eigenen sozialen Kontakten und kann das nicht aufschreiben, ohne alle Menschen in meinem Leben irgendwie zu verletzen, zu verunsichern – herauszufordern, dass sie mich kontaktieren und fragen „Wieso denn?“ – um wieder auf ihre Art darüber zu sprechen. Wieder für ihren Rahmen perfekt zugeschnitten zu erklären, was bei mir denn alles komisch, anders … autistisch läuft, ohne, dass sie wirklich begreifen. Weil das einfach nicht geht und nie gehen wird. Denn so wie ich mich nicht in sie und ihr Verstehen hineinversetzen kann, können sie es nicht in meins. Sie werden nie in der Lage sein, unseren Kontakt und alles, als ich wahrzunehmen. Sie können sich nur annähern und ob sie wollen oder nicht werden sie scheitern. Und scheitern und sich lächerlich machen, peinlich versagen oder einfach nicht verstanden werden. Aber 37 Jahre lang, so wie ich, werden sie sich das nicht geben. Sie haben die Wahl, die ich nicht habe und sie werden sie treffen. Und zwar nicht so, dass ich es irgendwie leichter habe. Barrierefreier. Zugänglicher. Chancengleich.

Kann ich das verstehen? Ja.
Aber mehr auch nicht (mehr).

Zeit für Grenzen. Und ihre Wahrung.

flight

Später denke ich kurz, dass ich wie ein Kleinkind funktioniere. Irgendetwas ist schwierig, aber wenn sich mir etwas Neues zeigt, dann fühle ich mich gut. Ich sinke in diese neue Sache ein und weil ich Dinge richtig fertig haben muss, bevor ich sie beende, werden es immer mehr Dinge in meinem Leben. Und irgendwann sind „die Feiertage“ während denen die meisten meiner losen und engeren Kontakte halb oder ganz abgeschmiert sind, sich ausruhen oder in der Familie gegenseitig auf den Keks gehen und ich … arbeite. Weiter. An einem der vielen Dinge in meinem Leben.

Ich bin nicht taub für das, was in mir vorgeht. Das ist keine Betäubungsstrategie oder ein un.bewusst ausgenutzter Trigger für Alltagsdissoziation. Es geht einfach. Also mach ichs. Mit allem Spaß, allem Interesse, aller Neugier und Freude. Aller Bereicherung und Selbstbestimmung, die man sich wünschen kann. Einfach so. Immer weiter und weiter.

Gestern war ich dann endlich mit der Überarbeitung von vielesein.de fertig. Die war nötig geworden, weil meine Projekte endlich mal einen Knotenpunkt brauchten. Die Community-Workshops, die „Vielzimmerwohnung“, „Viele-Sein“ und die Interviewreihe „Viele Leben“ – mit allen Spendenoptionen und Episoden einzeln und trallalala.
Und weil ich ernst machen will. Mit meiner Positionierung als arbeitend in diesen Projekten. Auch tragend arbeitend. Relevant, in echt und tatsächlich verantwortlich für den ganzen Bumms, arbeitend. Vor meiner Arbeitszeit im Verlag und danach. Am Wochenende. Im Urlaub. Immer, wenn es geht. Wenn andere Projekte gerade keine Arbeit von mir brauchen.
Daraus ist in den letzten Monaten oft ein Obwohl geworden. Ich habe an diesen Projekten gearbeitet, obwohl ich auch zusätzlich Geld verdienen musste, um die Lektorin für mein Buch bezahlen zu können. Obwohl ich auch mein Cover, meine Werbetexte und die Anträge für Projektzuschüsse fertigkriegen musste. Das kam dann einfach danach. Mit Stressmagenschmerzen, mit Kopfschmerzen, mit nachlassender Kraft dafür, im Kontakt mit anderen Menschen auf ihre Gefühle zu achten, ihre Perspektive anzunehmen, nach ihren Wünschen zu fragen und zu prüfen, ob ich sie erfüllen kann, ohne meine Grenzen zu übergehen.

Ich hatte meinem Partner davon erzählt, dass mir Projekte gegen die Angst helfen. Immer wenn sich etwas auftut, das schwierig ist, ist es gut für mich schnell lösbare Probleme zu bearbeiten. Das verschafft mir Zeit und Selbstbewusstsein für das Problem, das mir Angst gemacht hat und oft löst es sich auch ohne mich. Nur offensiv abgrenzen musste ich mich dann nicht. Aufdecken, dass mir etwas Angst macht und damit andere verunsichern. Andere, die sich auf mich verlassen. Die darauf setzen, dass ich den Überblick habe, dass ich weiß, was zu tun ist, dass ich weiß, wann wirklich Grund zur Sorge, Furcht, Angst, Panik ist.
Niemand erfährt überhaupt davon, dass ich das alles – alles das hier, wie in meinem analogen Leben – mit so viel Angst mache und meine gesamte Funktionalität darauf beruht, dass ich, Hannah, einfach keinen „Freezemodus“ habe, sondern einen „Flightmodus“. Kein depressives Erstarren und alles aufschieben, sondern adrenalingetriebenes Machen und Verbrennen.
Das hat nichts mit „funktionalem Vielesein“ zu tun oder damit, dass meine Therapie mich schon so weit gebracht hat, dass ich jetzt endlich mehr kann als leiden oder dissen. Es hat nur mit Angst zu tun, die ich in ihrem Kern nach wie vor nicht erfasst kriege. Nicht verstehe, ja oft noch nicht einmal direkt bemerke, weil ich mich schneller vor dem Gefühl schütze, als ich es überhaupt begreife.
Im Scherz mit dem Partner entstand ein Kreisel. „Aha und was machst du, wenn dir das Angst macht?“ – „Dann arbeite ich an X“ – „Und wenn das schwer wird?“ – „Dann y.“ – „Aha und das reicht?“ – „Nein“ – „Und dann machst du was?“ – „Dann z.“ – „Ach nee komm, das kann doch nicht sein.“ – „Ja, deswegen mache ich ja dann a.“
Dann sagte er, dass ich bald damit aufhören muss. Ich stimmte zu.

Ohne eine Idee, was ich denn stattdessen tun würde.
Heute versuche ich es mal mit ein paar Stunden Sims. Und morgen auch.

weites Feld

„Stressmagen“ Das Wort poltert in meinem Kopfmund herum, als ich die Praxis meiner Hausärztin verlasse. Ich habe schon wieder eine Magenschleimhautentzündung, der Stress ist schuld. Und das Ibuprofen, obwohl ich es gar nicht mehr täglich und auch schon lange nicht mehr chronisch überdosiert nehme.
Mein Schmerzproblem bleibt. „Das ist ein weites Feld“, sagt meine Hausärztin, „Das ist zu unkonkret“ mein Partner. Das stresst mich, denn es fühlt sich an, als läge dieses weite, unkonkrete Feld zwischen uns. Als müsse ich akzeptieren, dass es ist, wie es ist und nie anders sein wird.

Seit einem halben Jahr habe ich die Webseite einer Schmerzambulanz in den Lesezeichen meines Browsers und genauso lange demotiviere ich mich selbst, mich dort vorzustellen.
Sehr viele Gewaltopfer leben mit chronischen Schmerzen; sehr viele Menschen mit Uterus durchleben die zyklischen hormonellen Veränderungen in ihrem Körper mit Schmerzphänomen; Stress ist ein Gift, dem viel zu viele Menschen jeden Tag über lange Zeit ihres Lebens ausgesetzt werden – m.eine (Er.)Lösung zu finden, wird sich in einem Aufwendigkeitsbereich bewegen, der nicht zu rechtfertigen ist. Ich bin in Traumatherapie, möchte meine Möglichkeiten Kinder zu gebären nicht verlieren und lebe nicht in einer Welt, in der ich irgendetwas ohne Stress machen kann.

Am nächsten Tag ziehe ich meine Bahnen im neuen Schwimmbad. Mein Magen tut weh, meine Oberschenkelknochen, meine Hüften, der untere Rücken tun weh, meine Muskulatur fühlt sich an, als versuche sie, sich von meiner Wirbelsäule abzulösen. Ich kämpfe mich ins High, werde warm und könnte heulen vor Selbstmitleid. Was ist das für eine beschissene Gesamtscheiße. Warum bin ich immer noch so trapped in Schmerz. Warum hört es nicht endlich auf.
Nach einer Stunde ist mir egal, dass mir alles weh tut. Alles ist wattiert, summt, ist lebendig und beweglich. Ich trinke einen Kaffee im Auto und höre dem frühen Vogelzwitschern zu. Mein Tag ist wieder ziemlich voll. Mit schönem, gewollten, mit sehr frei gewählten Projekten und Arbeiten. Lieben Kontakten, spannenden Themen, schaffbaren Aufgaben. Und keine 2 Millimeter dahinter eine grenzenlose Qual, die so diffus ist, so unkonkret, so viel NICHTS.

Jetzt versuchen wir ein anderes Schmerzmittel. Eine am Tag, immer um 10.
Es kommt mir vor, als würde ich eine Lüge schlucken, weil mir klar ist, dass mein Schmerz auch etwas mit Erinnerung zu tun hat. Aber wie genau, weiß ich nicht.
Auch das ist ein weites Feld.

Sometimes you have to do things scared

Es ist 5 Uhr, mein Wecker klingelt. Heute fahre ich zur anderen Schwimmhalle. 8 Kilometer mehr, 30 Kilometer weniger, die ich allein auf überwiegend landwirtschaftlich genutzten Straßen fahre.
Kaffee, Sportfrühstück, letzter Check des Rucksacks und los. Es regnet, ist so dunkel, dass ich zum ersten Mal vorsichtig zum Auto tapse.

Das Schwimmen gibt mir viel Kraft, sonst würde ich das hier nicht auf mich nehmen. 30 Minuten weniger Schlaf, weniger Sicherheit über die Reichweite des Autoakkus, einen neuen Ort so ganz allein erforschen. „Sometimes you have to do things scared“ – wahrscheinlich eine völlig bescheuerte Instagramwahrheit, aber treffend ist sie. Ja, manchmal, oft, vielleicht in Wahrheit immer muss man Dinge tun, während man Angst hat. Nicht obwohl und auch nicht weil, sondern mit.
Also fahre ich los und schon 10 Minuten später kommt mir jemand entgegen, der sein Fernlicht nicht ausschaltet. Der erste Flashback. Ich zwänge mich darunter, um den rechten Seitenstreifen nicht aus den Augen zu verlieren, während ich den Rest meines Körpers starr halte, um das Auto nicht aus der Spur zu bringen, nur weil ich es bin. Es dauert bis es vorbei ist. Der Krampf im Zwerchfell, der saure Geschmack unter der Zunge, der Druck über den Augen. Die Angst, die Dinge, die sich mir mental aufdrängen, könnten Bilder, könnten geistige Fotografien der Realität sein, mischt sich in meine Fahrangst.

Noch fahre ich auf bekanntem Terrain, neu ist hier nur die Nachtansicht. Ich halte an, lasse vor, halte mich rechts, lasse sie alle ziehen. Bitte fahrt von mir weg, denke ich. Lasst mich hier langkrebseln, ich will nur Abstand von euch. Jemand in mir fängt an, aus dem Satz einen Songfetzen zu reimen, wie es der Partner oft tut. Mit ausladender Helene Fischer-Geste trällert es: „Ich will nichts außer Abstand zu dir my daaaaaarling …“
Das ist lustig. Hilft.

In der nächsten halben Stunde werde ich noch zweimal geblendet und dreimal gefährlich überholt. Ein Mal fährt mir jemand in einer 30er-Zone fast vorne rein, weil sie_r dachte, man könne die scharfe Doppelkurve durch die Ortschaft schneiden. Der Abstand-Schlager in meinem Kopf ist ein Rap geworden und wird von wüsten Gesten begleitet. Meine Erwartungen an die Schwimmhalle steigen. War es mir vorhin noch egal, wie sie ausgestattet und finanzierbar ist, so will ich jetzt mindestens eine halbe Bahn für mich allein und einen Ticketpreis unter 4 €. Meine Angstüberwindung soll sich lohnen, ich bin zu einem Psychokapitalisten geworden. Ohne Gewinnaussicht keine Bereitschaft zur Angstaushaltung – no gain, no service. Ob ich langfristig damit durchkomme?

Ich denke an die Therapie und daran, dass ich in nächster Zeit, in Wahrheit schon morgen, etwas in Angst tun muss. Und dass ich differenzieren muss. Hier auf der Straße kann mir meine Angst das Leben retten – in der Therapie jedoch das Leben kosten, das ich führen könnte, wenn ich bearbeitet habe, was dafür nötig ist.
Meine Angst im Straßenverkehr ist oft Todesangst. In der Therapie habe ich es mit Angst zu tun, die mich vor Todesangst schützt. Vordergründig habe ich Angst, angsteinflößend zu sein. Angst, die Kontrolle zu verlieren. Angst vor Entblößung. Angst vor Un- oder Missverständnissen. Angst vor mir. Angst vor einer Angst der Therapeutin zu schaden. Angst vor Flashbacks, vor Panikgefühlen, vor Angst. Vor der Auflösung von Zeit und Raum, die mich schluckt und vielleicht nie wieder ausspuckt.
Ich weiß, dass das alles Todesängste sind. Weiß, dass ich meine Therapie nie ohne Angst gemacht habe und sich das vielleicht auch nie ganz ändert. Aber ich erlebe sie oft als Grundlage, selten als Zusatz. Mir ist selten wirklich bewusst, dass ich aus Angst die Konfrontation mit meinen Traumata vermeide, Gedanken verschweige, Themen unterschlage, Richtigstellungen aufschiebe – es ist einfach so viel leichter auf der Oberfläche der Psychologisierung zu bleiben und es „Vermeidung“ zu nennen. Eine extrem funktionale Komfortwahrheit ist das. Sich selbst des Vermeidens für schuldig erklären, um nicht in aller Angst erkannt zu werden, die so viel tiefgreifender, wortloser, ohnmächtig machend wirkt.

„let’s talk about Abstand baby – let talk about your abstand to me – let’s talk about you need an MPU …“ Ich stelle das Auto auf dem Parkplatz ab und atme durch. 10 Minuten zu früh, der Regen hat nicht aufgehört. Kurzer Infoschnack mit den Frühschwimmer_innen und schon geht es weiter. Die Halle enttäuscht mich, aber das war ja klar. Es ist voll, viel enger als in der anderen. Die Dusche ist scheiße, aber die Schränke sind größer. Ich kaufe mir viel Schwimmzeit, um mich zur Wiederkehr zu zwingen. Der Winter wird lang, der Stress nicht weniger.
Auf dem Nachhauseweg ist mein Körper weich und warm, ich fühle mich stark und fähig. Jetzt kann ich things auch scared machen, diesmal ist die Rechnung aufgegangen.

Fundstücke #83

Gespürt habe ich es schon am Mittwoch bei der Blutspende. Aber der übliche Huch-der-Arm-ist-voller-Narben-Sozialtanz hatte mich abgelenkt. Nun steige ich durch die Wildpflanzen vor unserem Haus und spüre den Schwindel wie Fahrtwind. Ich konzentriere mich auf mein Ziel. Freie Fläche für das vom Partner geschenkte Gewächshaus schaffen. Nächste Woche kommen Gemögte zu Besuch und dann bauen wir es auf. Bei dem Gedanken daran steigen kleine weiche Bläschen in mir auf. Das wird schön.

Also weiter. Ich greife nach den verblühten Pflanzen, ziehe sie aus dem trockenen Sandboden und schüttle sie vorsichtig aus. Entdecke Insekten, spüre F. wie einen Klumpen durch meine Adern wandern als sie_r Fotos macht und weiß nicht, ob ich mich übergeben muss oder gleich ohnmächtig werde, als ich aufstehe, um die Pflanze in die Schubkarre zu legen. Dann kommt der Menstruationsschmerz im Unterkörper und der Flashback im Oberkörper als real in meinem Bewusstsein an.

Ich bin verschwitzt, meine Füße stecken unbeweglich im letzten klassischen Schuhpaar, das ich habe. Es ist schwül, immer wieder kommen Nachbar_innen, die wir nicht kennen, mit ihren Hunden an uns vorbei. Schauen mich an, schauen weg. Gehen weiter. Ich denke mich flackernd zwischen Hier und Woanders, beobachte mich weiter nach Pflanzen greifend. Wieder stehe ich auf, wieder erfasst mich der Schwindel, diesmal wanke ich nicht. „Rein. Hoch. Ausziehen. Waschen. Abtrocknen. Anziehen. Wassertrinken. Hinsetzen. Pause. 10 Minuten“. Ich schlage die Worte zu Etappen des Handelns in den Treibsand meines Fühlens. Arbeite sie ab und merke wie sich an der inneren Gegenbewegung andere formen. R. auf jeden Fall, aber auch K. und W. „Klar“, denke ich, „alle, die Angst davor haben zu fallen, aus Angst, sie würden nicht wieder aufstehen (und abwehren) können.“

Das Wasserglas in der Hand betrachte ich die geschaffte Arbeit von oben. Es ist nicht mehr viel. Ich kann es noch vor dem Besuch schaffen. Und wenn nicht, dann muss der Aufbau etwas warten. In meinem Kopf entwickeln sich alternative Pläne, etwas Entspannung, in meiner Hand finde ich eine Schmerztablette.

Als die Hunde den Partner aus dem Bett genervt haben, stehe ich im Tomatenurwald. Es schmerzt weniger, der Schwindel macht mir keine Angst mehr. Später kann ich mich sogar hinlegen, ohne eine Erinnerungsmine auszulösen. Noch später anerkennen, dass ich mich gerade richtig gut schlage. Und noch später begreifen, woran ich mich erinnere.

Transfeindlichkeit tötet

Letzte Woche ist Malte getötet worden. Malte war 25 Jahre alt, ein trans Mann. Er hatte den CSD in Münster besucht. Die Party, die mal ein Aufstand war, weil Schwule und Lesben, trans Personen und andere queere Menschen strukturell wie sozial diskriminiert – und getötet wurden. Werden. Wie auch an diesem Tag.
Malte hatte zwei lesbischen Frauen beigestanden, als diese am Rande der Veranstaltung – am Rand ihrer Community, ihrer Bubble, ihrem safer space – sexistisch und queerfeindlich beschimpft wurden. Und erlag wenige Tage nach dem Angriff seinen Verletzungen.

Transfeindlichkeit tötet.
Wir Transpersonen wissen das. Wir wissen das ganz genau, denn als Community betrauern wir jeden Tag den Tod eines weiteren Mitglieds unserer Familie auf der ganzen Welt. Wir alle werden, ob lebendig oder tot, ausgegrenzt. Wir werden zu Witzfiguren gemacht, zu Ausgeburten kranker, unter- oder fehlentwickelter Hirne erklärt. Wir sollen nicht leben, wie wir wollen, wir sollen dankbar dafür sein, dass man uns am Leben lässt.
Transfeindlicher Hass ist noch die einfachste Erklärung dafür. Transfeindlichkeit als Begriff, der niedrigste Zugang, den wir bieten können, um begreifbar zu machen, dass der Hass, die Gewalt, der Ausschluss spezifisch ist. Gezielt. Willentlich. Absichtlich. Gewollt. Und bösartig.

Transfeindlichkeit ist wählbar und viel zu viele Menschen entscheiden sich dafür. Im Großen wie im Kleinen. Aus Eigeninteresse oder ideologischen Überzeugungen heraus. Oft unreflektiert, in der Regel aus Gewohnheit. Aus kultureller, sozialer Praxisroutine heraus.
Weil es geht. Weil es ihnen nicht weh tut und auch sonst niemand, die_n sie so gut kennen, dass sie merken, wie viel Schmerz sie damit zufügen.

Ich sehe mich nicht in der Pflicht, transfeindlichen Menschen ihren Hass aufzuzeigen. Sie darüber zu unterrichten oder zu be.lehren, wo sie meine Menschenrechte mit ihren Ideen von Geschlecht und Sexualität, von Identität und sozialen Rollen antasten. Wo sie Stuss glauben, der schon längst widerlegt ist; wo sie empfänglich für menschenverachtende Propaganda sind, weil sie auch rassistisch, ableistisch, klassistisch erzogen, unterhalten, gebildet worden sind und dem nur allzu oft nichts entgegensetzen. Wollen. Sollen. Müssen.
Es gibt viele trans Menschen, die diese Aufgabe sehr gut übernehmen und tragen. Gegen alle Widerstände, Bedrohungen, Gefahren für Leib und Leben. Ihnen zuzuhören ist wählbar und viel zu wenig Menschen entscheiden sich dafür.
Viele erwarten einen gewissen Ton. Eine gewisse Ansprache. Eine spezifische Performance. Denn tone policing ist die Waffe, mit der die meisten von ihnen selbst schon effektiv niedergestreckt wurden. Zum Beispiel als lesbische Frau, die etwas dagegen hat, dass heterosexuelle Männer ihr sexuelles Begehren als Beleidigung oder Zurückweisung einordnen. Oder als Frau, die sich gegen Gewalt an Frauen auf die Straße stellt. Diese Frauen wissen, dass es nicht lange dauert, bis irgendwer um die Ecke kommt und ihnen sagt, dass sie ihre Forderungen höflicher formulieren sollten, wenn sie etwas erreichen wollen. Dass sie gegen Rollenzuschreibungen verstoßen, wenn sie überhaupt fordern. Dass sie in einer patriarchalen Weltordnung zu viel verlangen, wenn sie als Menschen an.erkannt und entsprechend behandelt werden wollen. Nämlich als Subjekt mit immanentem Recht auf Unversehrtheit und Entfaltung der eigenen Identität, sowie der eigenen Fähig- und Fertigkeiten entsprechend.

Ich habe nicht grundlos Frauen, aktivistisch tätige Frauen, als Beispiel gewählt. Und dir lesender Person überlassen zu definieren, was für Frauen das wohl sind. Cis Frauen oder trans Frauen. Denn ich weiß, obwohl ich nicht in der Pflicht bin zu be.lehren, werde ich in diesem Text Wissen vermitteln. Müssen. Ich muss erklären. Wenn nicht mich, so doch mindestens, warum ich heute keinen Text über transfeindliche Männer schreibe, sondern über Frauen. Transfeindliche Radikale Feministinnen. „Genderkritische“ Frauen. Bewegte Frauen, die Angst vor Männern in Frauenkleidern haben. Müssen. Sollen.

Als trans Person mit Uterus er.lebe ich sowohl die Diskriminierung als trans Person als auch als Frau. Wenn es um (cis) sexistisch sexualisierte Gewalt geht, die die Idee von nur zwei echten Geschlechtern als Grundlage hat, fürchte ich sowohl Männer als auch Frauen. Egal, als was sie sich verkleiden oder ausgeben, um sich mir über meine Grenzen hinweg zu nähern. Ich weiß, dass der heterosexuelle cis Mann keine echte Strafe für seine Gewalt zu erwarten hat und ich weiß, dass die heterosexuelle cis Frau mit größerer Wahrscheinlichkeit solidarisch mit mir ist, wenn sie nichts von meinem Transsein weiß, ahnt, erkennt.
Während ich im umgekehrten Fall für beide da bin. Weil ich ihr Geschlecht, ihre geschlechtliche Identität nicht an Bedingungen knüpfe.

Mein cis Partner ist immer wieder fassungslos, wenn ich ihm Einblicke in die Schlachten von Terfs und Swerfs, Maskulinist_innen und dummen Propagandaschleudern gebe. „Was gehts die denn an?“, fragt er dann. Und ich spüre ein bisschen Neid, denn wow, wie muss es sich mit dem Gefühl leben, das eigene Geschlecht gehe niemanden etwas an? Sei eine individuelle Privatsache. Ein Raum, frei zur eigenen Gestaltung. Kein Gegenstand von öffentlicher Debatte um Echtheit oder Legitimität.
Seine Frage kommt mir aber auch unangenehm bekannt vor. Erinnert mich an bifeindliche Texte wie „Es ist mir egal, mit wem du schläfst.“ und an das eine oder andere Lady*fest, wo der Uterus als Zentrum der Weiblichkeit, des starken, wunder.vollen Frauseins gefeiert wurde. Also zu dem Organ erklärt wurde, was eine Person zur Frau macht. Frauen, die warum auch immer keinen Uterus (mehr) haben, wurden als Ausnahmen verhandelt. Als Exoten. Marginalien. Niemand stellte dort die Frage: „Was geht uns denn an, wer einen Uterus hat?“ Es blieb völlig außer Frage, ob ein Organ oder irgendeine andere körperliche, biologische Eigenschaft wirklich dazu taugt, eine soziale Rolle geschweige denn eine geschlechtliche Identität zu definieren. Vor allem, wenn man sich in Diskursen um geschlechtsspezifische Gewalt bewegt.

Was ich aus dieser feministischen Strömung mitbekommen habe, ist eine zuweilen extreme Definitionswut der Opfer, zur Erklärung der Gewalt, die sie erfahren haben. Es wurde und wird bis heute erschöpfend erklärt, warum und auf wie vielen Ebenen Frauen öfter und schneller zu Opfern von Gewalt durch Männer werden. Und beides wird nach großen weiten sozialen Betrachtungen und vielleicht auch noch umfassenden Erklärungen zu strukturellen Gegebenheiten auf die Körper, die Gene, die Biologie reduziert. Als könne sich Geschlecht nur im unbeeinflussbarsten Lebensbereich der Menschen manifestieren. Als sei Geschlecht genauso unverhinderbar wie Gewalt. Oder G’tt.

Komischer Schwenk, oder? Von Geschlecht als von Anfang an im Körper festgeschrieben zu G’tt. Der im Christentum oft als Mann interpretiert wird und nur zwei Arten von Mensch geschaffen haben soll – Mann und Frau. Man denkt sich heute oft, dass das Christentum mit diesem ganzen Kram doch nicht wirklich noch Einfluss hat, das stimmt aber nicht. Wir sind ein säkularer Staat, der von einer christlich demokratischen Union vertreten wird. In unser aller Kulturgedächtnis ist die christliche Lehre eingegraben und jeder Akt dagegen wird sozial sanktioniert. Manchmal absurd – zum Beispiel, wenn man einen Jahrmarkt im Winter auch Wintermarkt nennt, weil einfach nicht alle Menschen zu der Zeit Weihnachten feiern – und manchmal erbittert, unfair und gewaltvoll – zum Beispiel, wenn Menschen mit Uterus selbst darüber bestimmen, ob sie schwanger werden/sein/bleiben wollen oder nicht, weil es eben weder ein biologischer Imperativ ist, Kinder zu bekommen noch eine unbeeinflussbare, unverhinderbare Naturgewalt Hand G’ttes ist, die dort wirkt.

Wenn es aber um sexistisch begründete Gewalt geht, dann ist bei vielen (Trans Exclusive) Radikalen Feministinnen oft eine ganz ähnliche Denke vorhanden. Es ist immer das Patriarchat und deshalb sind es fast immer Männer, die sich als (unveränderbar) gewaltvoll darstellen. Die Wurzel (lat. „radix“ ⇾ radikal) ist damit eindeutig definiert und die Möglichkeit eine dualistische Erzählung aufzubauen auch. Da hat man dann in einer großen Menge ganz diverser Frauen die guten Frauen, die sich gegen die bösen Männer in einer großen Menge ganz diverser Männer stellen. Ich weiß, der Satz ist merkwürdig, aber es ist wichtig zu verstehen, dass es eine willentlich bösartige Unterstellung ist, dass „die (radikalen) Feministinnen“ etwas gegen „die (alle) Männer“ haben. Das stimmt nicht und sie verbringen enorm viel Energie darauf, das immer wieder zu kommunizieren. Den meisten weißen cis Feministinnen geht es um alle. Außer die am Rand. Die nicht so sind, wie sie. Zum Beispiel nicht weiß. Behindert. Arm. Nicht cis.

Und dort spielt sich ab, was ich meinem cis Partner zeige. Der zurecht nicht versteht, wie das kommt, dass ausgerechnet Feminist_innen sich transfeindlich zeigen. Den ich verschonen will zu wissen, was Kiwifarms sind und wie perfide christlich ((evangelikale) (ultraorthodoxe)) Propaganda im Internet zum Thema Geschlecht(errollen) manipuliert. Mit dem ich absichtlich selten darüber spreche, dass es noch verwirrender ist, wenn es lesbische Feministinnen sind, die sich ganz offen transfeindlich äußern. Oder wenn es lesbische Feministinnen sind, die therapeutisch oder beratend mit Opfern sexualisierter Gewalt arbeiten und ihre Transfeindlichkeit mit psychologischen Theorien stützen, die von weißen heterosexuellen cis Männern verfasst wurden.

Es ist der außerordentliche Verrat, der daran so schmerzt. Die so unfassbar, unnachvollziehbar grausame Verweigerung von umfassender Solidarität, die es so schlimm macht. Manchmal noch mehr als die Transfeindlichkeit des_der Angreifer_in. Denn die ist antizipierbar. Damit können wir rechnen und uns anpassen. Es klar, dass es für uns trans Menschen nur sehr wenige safe(r) spaces auf dieser Welt gibt, wo wir wirklich akzeptiert sind und unsere ganz eigenen Entwicklungsprozesse durchmachen können.
(Psycho)Therapieräume gehören häufig nicht dazu. Medizinische Praxen auch nicht. Die Kirche, die Synagoge, die Moschee, der Tempel auch nicht. Der öffentliche Raum erst recht nicht.
Ein Grund dafür ist Transfeindlichkeit, ein weiterer, dass sie von cis Personen noch nicht genug als Problem verstanden und behandelt wird.

Ich habe in den letzten Tagen häufig Tweets gelesen, in denen Malte gezielt als Mensch benannt wurde, um seinen Wert anzuheben bzw. seine Tötung als „wirklich schlimmes Verbrechen“ zu markieren. Auch so etwas ist transfeindlich. Denn es bedeutet, seine Identität zu verschweigen zu müssen, um ihm einen Wert zukommen lassen zu können. Nämlich die Anerkennung als Mensch.
Malte war nicht zufällig beim CSD. Malte war nicht nur als Mensch da. Er war als trans Mensch dort. Er hat als trans Mensch zu helfen versucht. Er wurde als trans Mensch angegriffen und getötet.
Vielleicht hat der Täter ihn nicht wegen seines Transseins getötet, das werden wir vermutlich nie erfahren, selbst wenn er gefasst wird. Aber die transfeindliche Rezeption des Angriffs wird das Leben von trans Menschen weiter verschlechtern und ihre Sicherheit entsprechend verringern. Bis sie ganz offen getötet werden, weil sie trans sind. Und nicht mehr nur, weil sie mit irgendeinem Eigentlich – nämlich dem „Eigentlich ein Mann/eine Frau“ oder „Eigentlich eine (durch die patriarchale Weltordnung entstandene Gewalt) psychisch gestörte/in die Abwehr des eigentlichen Geschlechts traumatisierte Person“ oder „Eigentlich eine biologisch fehlentwickelte Person“ – verbunden sind, das ihre Tötung „eigentlich nicht so schlimm“ macht und jede weitere Gewalt an ihnen legitimiert.

Das versuchen wir als Community zu vermitteln, wenn wir sagen, dass Transfeindlichkeit tötet.
Niemand sagt damit, dass andere Feindlichkeiten weniger tödlich sind. Oder dass Frauenfeindlichkeit nicht tötet. Wir sprechen für uns, weil wir noch nicht in einer Gesellschaft leben, in der wirklich alle Menschen gemeint sind, wenn wir schreien „Menschenfeindlichkeit tötet“.
Weil wir trans Personen noch viel zu vielen Menschen nicht wirklich und echt Mensch genug sind.

 

Bilden. Lernen. Solidarisch werden.
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