Schlagwort: Lebensrealität

24072020 – there is no psychotherapy without ableism

Über die Dauer des Umgangs mit der DIS-Diagnose zu schreiben war schmerzhaft.
Es ist keine Erfolgsgeschichte für mich. Tatsächlich ist es eine Geschichte, die mich zuweilen so wütend macht, dass ich merke, wie etwas in mir reißt und als Tränen rausbluten könnte. Würde mir das nicht so ekelhaft selbstmitleidig vorkommen. Und nichts nützen. Das noch dazu.

Ich darf nicht zu nah an die 6 Jahre Therapie in Täter_innenkontakt kommen. Erst recht nicht, wenn ich an die Behandler_innen denke, die durchaus auch darunter leiden, zu wissen, dass sie möglicherweise oder auch ganz sicher Klient_innen haben, die noch verletzt werden. Es ist nicht fair, wenn ich wütend auf unsere damaligen Behandler_innen bin. Was hätten sie machen sollen. Was hätten sie machen dürfen. Bliblablö schon tausend Mal durchgesungen dieses Lied.
Aber.
Okay ist das nicht. Und es geht nicht zusammen mit der Botschaft all der Aktionen und Kampagnen, die sich an Opfer und zu Opfern gewordene richten mit der Botschaft, man solle sich melden oder etwas sagen. Wir haben so lange so viel gesagt und es ist nichts passiert, das so richtig grundlegend etwas verändert hat, denn am Ende sollte ich, sollten wir, als die mittellose, familienlose, zutiefst verletzte und verängstigte junge_r Erwachsene_r eine Verantwortung für uns tragen, die uns nie zuvor gelassen wurde. Es ist so unfassbar, so tief schmerzhaft das zu begreifen. Wir haben nie Verantwortung für uns selber gelernt. Die Natur der Gewalt, in der wir aufwuchsen, hat es nicht zugelassen, dass wir uns überhaupt fühlen oder wahrnehmen als jemand, die_r etwas tragen, halten – aktiv tun – kann. Die uns – ja ich schreibe das jetzt so – aufgezwungene, weil immer alternativlose – Psychotherapie hat da etwas von uns verlangt, das wir noch gar nicht konnten. Ganz banal als Fertigkeit. Als Lernergebnis.

Sich aus dem Täter_innenkontakt zu lösen, ist nicht der diffuse Wertwandel allein, als der es oft dargestellt wird. Es ist immer auch eine Entscheidung gegen die Dinge, die in der Gewaltdynamik als Privileg gelten – nicht immer geschlagen werden zum Beispiel. Oder „ja nicht immer überfordert zu werden“. Oder „zu wissen, was man machen muss, damit man nicht immer die_r ist, der_dem was passiert.“ – aber auch gegen Dinge, die von Relevanz auch außerhalb der Gewaltdynamik sind – Familienzugehörigkeit und darüber finanzielle Ressourcen, soziales Kapital und Zukunftsperspektiven zum Beispiel –
Das sind Dimensionen und Konsequenzen, die man schon als jemand ohne DIS, ohne weitere Be_Hindernisse im Leben kaum überblicken kann. Niemand weiß vorher, ob sie_r genug kann und weiß, was es braucht, um sie voll und ganz zu tragen. Niemand. Jemals.

Es gibt viele Menschen, die sagen, dass sie nach der Gewalt das Leben neu lernen mussten. Auch unsere Forschungsfrage ist ja „Wie geht Leben (mit anderen Menschen?)“. Diese Frage wird oft als Erfahrungssammlung betrachtet. Als etwas, das sich ergibt, weil man das Leben (zu leben) nach der Gewalt erfährt. Erfahrungslernen ist, was die Anpassungsmechanismen ermöglichte und hat entstehen lassen und man behandelt Gleiches mit Gleichem. Mit guten Erfahrungen gegen die schlechten. Der Lernprozess dabei wird praktisch nie wirklich konkret als Aufzählung von notwendigen Fähig- und Fertigkeiten dargestellt, sondern als das, worin sich Fähig- und Fertigkeiten zeigen.
Stichwort „Abhängigkeiten auflösen“, „Vertrauen entwickeln“ oder „erlernte Hilflosigkeit verlernen“ – die Ausgestaltung des Lernprozesses selbst und was dafür nötig ist, um zu lernen, ist jedoch nach wie vor nicht sonderlich beschrieben. Man weiß, was hilft, man weiß, was schadet, aber wie jemand lernt, die_r Lernbehinderungen kompensiert; wie jemand begreift, die_r sehr oder ausschließlich wörtlich versteht, das taucht in der Fachliteratur zur Traumabehandlung nicht auf.
Der bequeme Weg ist, behinderte Menschen und ihre traumatherapeutische Versorgung zu spezialisieren. „Ouw, da muss ein Profi dran“ dies das. „Ich hab noch nie jemand mit Behinderung behandelt.“ (LOL) oder „Das betrifft nur einige wenige“ (WTF?!) und der Weg, den Leute wie ich dann gehen, ist der von Praxis zu Praxis von Schule zu Schule, einige weitere Traumatisierungen mitnehmend und mit so einem dicken Knäuel aus Therapieerfolgen, die man sich wer weiß wie aus dem Inneren rausgekämpft hat, während man gleichzeitig eigentlich nie die Mentalisierung, nie das therapeutisch wirksame Begreifen durchlebt hat, übrig bleibend.

Ich muss mir das Gedankenspiel verbieten, wo ich heute wäre, hätte die erste Psychologin, mit der wir Kontakt hatten, mich gleich als autistische Viele erkannt. Da waren wir 12, wurden bald 13. Die letzten 5 Jahre Raketenarbeit von heute zu dem Zeitpunkt.

Ich muss es mir verbieten, weil es vergangen ist und der Gedankenkreisel darum mein Gefühl der Ohnmacht und der Wut die Wahrnehmung dessen verzerrt, was ich jetzt habe. Ich will nicht „trotzdem es nicht schon früher so kam“ dankbar und froh um das sein, was wir jetzt schaffen können. Ich will es einfach so sein.
Und gleichzeitig sind sie aber doch da. Die Konflikte mit früheren Behandler_innen, die nie in der Offenheit, der Ehrlichkeit ausgetragen worden sind, wie sie es verdient gehabt hätten – und wie ich es brauche, um sie zu beenden. Ich bin nicht nachtragend – wirklich nicht – aber ich kann unfertige Dinge nicht unfertig lassen. Dieser Aspekt des Nichtgesehenwordenseins – als die behinderte und sich in einem für andere oft unvorstellbaren Ausmaß ums Verstehen bemühende Person, die wir waren und bis heute sind, der wird gegenüber all unseren Vorbehandler_innen immer da sein und immer wehtun. Weil es für sie egal oder irrelevant war und bis heute vermutlich egal und „in Wahrheit aber…“ irrelevant ist und für mich eben 18 and counting statt 5 plus x Jahre Psychotherapie als noch sehr junge Person mit sehr viel mehr Optionen der Förderung.

Ich kann auch deshalb nicht damit abschließen, weil ich glaube, dass ich nicht allein mit dieser Biografie bin. Es macht mich traurig und wütend, wenn ich daran denke, wie viele Menschen mein Leid an dieser Welt und mein Leiden unter dieser Welt teilen, ohne zu wissen, dass es nicht darum geht, wie sie Dinge bewerten und was sie in sich wie neu beurteilen und vielleicht annehmen müssen, sondern darum, dass ganz real und wirklich die meisten Menschen um sie herum, die Welt und das Leben darin als etwas so grundlegend anderes erleben, dass sie es nicht einmal konkret beworten.
Und dann die Menschen mit einer ähnlichen Geschichte wie wir. Die wir tatsächlich auch völlig anders aufgewachsen sind als die meisten Menschen um uns herum und dann auch noch innerlich anders sind.

Es ist nicht akzeptabel, wie wenig versucht wird, behinderten Menschen eine Verbindung mit der Welt, mit der Gesellschaft zu ermöglichen und wie brachial gleichzeitig die Anpassung an diese Welt und ihre Gesellschaft aus uns rausgezwungen wird.
Es ist inakzeptabel, weil es Gewalt ist.

Auch das ein Grund für mich, nicht zu nah an die Jahresabschnitte unserer Therapiejahre zu gehen. Es sind einfach auch „sich an Gewalt-anpassen“-Jahre gewesen. Und dagegen hätten Menschen etwas tun können. Speziell ebenjene früheren Behandler_innen. Neben all der Verantwortung, die wir zu erfassen, im Kontext erkennen und verstehen, begreifen und er_tragen lernen mussten, lag unser Schutz vor Gewalt auch in ihrer Verantwortung. Wenn nicht die von denen, die uns schon als Kleinkind verletzten, so doch vor ableistisch begründeten Gewaltdynamiken.

Und ja. Ich kann anerkennen, dass sie sich selbst halt nie als Teil davon oder irgendwie irgendwas damit zu tun habend verstanden haben und vielleicht auch nie wirklich verstehen. Das löst aber das Problem nicht. Das macht die Gefahr, dass sie es anderen auch antun oder angetan haben, nicht weg. Es entlässt sie nicht aus der Verantwortung, sich mit den Er_Lebensrealitäten behinderter Menschen zu befassen und ihren Ableismus zu reflektieren, zu problematisieren und zu prüfen, ob Psychotherapie mit einer antiableistischen Haltung zusammen geht. So, dass sie niemandem gleichzeitig schaden und helfen.

(Hint: Nein, das tut es nicht. Es geht nicht. Nicht so, wie Psychotherapie konstruiert ist und durchgeführt werden soll, muss, kann, darf. There is no psychotherapy without ableism)

16072020

Manchmal scherzt der Freund, es wäre bald mal Zeit, einen eigenen Blog zu schreiben. „Living with the Rosenblatts“ oder so.
Das sagt er vor allem dann, wenn irgendetwas passiert ist, was er niedlich oder witzig findet. Ob er das manchmal denkt, wenn irgendwas nicht so witziges oder hässliches passiert ist, weiß ich gar nicht. Aber wenn er darüber schreiben würde, gefiele mir das besser, als tippe er den x-ten „Ach wie lustig das Leben mit einer behinderten Person sein kann“- Blog ins Netz.

Autismus wird manchmal romantisiert oder verpositiviert. Inselbegabung, Kämpferherz, scheues Rehlein mit Vertrauengewinnungsauftrag dies das. Zum Kotzen. Die dissoziative Identitätsstörung betrifft das auch. Verborgene Superkräfte, Kämpferherz, Schaf im Wolfspelz im Schafspelz im Wolfspelz… tüdelüt. Machen wir uns nichts vor, das sind Bilder von Leuten, die es anders nicht ertragen. Leute, die sich der Realität, den tatsächlichen Er_Lebenswelten der betroffenen Menschen, nicht anders stellen können und oft genug auch wollen.

Der Freund stellt sich selbst oft zurück, damit wir unsere Bedürfnisse erfüllen können – auf genau den manchmal umständlichen, verquirkten, von Katastrophisierung und allgemeinem Overthinking geprägten Arten und Weisen, wie wir das tun. Romantisch ist anders, wenn ich ihn morgens frage, ob er sich vorstellen könnte, am Abend mit mir zu schlafen, damit ich meinen Tag entsprechend planen kann. Entspannt ist anders, wenn er uns bittet, den einen Einkaufskarton aus der Kammer zu holen und wir den mitbringen, in dem die von ihm schon sehr lange aufbewahrten Pfandflaschen drin liegen, weil wir ja eh grad alle unsere Kraftreserven verballern (aka „einkaufen gehen“) und das dann ja auch gleich effizient nutzen könnten. Und witzig war auf keinen Fall, als ich dachte, er mache einen Scherz, als er mir eine besondere Reise zum Geburtstag zu schenken plante und ich meine Annahme damit begründete, dass ich sein Lügen/Witz-Gesicht doch kenne. Nichts war witzig in der Stunde danach, als wir uns versöhnlich umarmten und ich nicht aufhören konnte zu weinen, weil ich so nicht sein will. So autistisch.

Keine Pride-Aktion – weder „Plural Pride“, noch „Disability Pride“, noch „LGBTQI* Pride“, noch „Mad Pride“ – hat zum Ziel, dass alle Welt erkennt, was für tolle Wesen wir doch sind. Wie stark, wie besonders, wie anders, wie beschenkt unsere Angehörigen mit uns sind und wie super alles wäre, würden wir nur (mehr) wertgeschätzt werden.
Es geht darum zu sehen, dass wir Menschen sind. Ganz banal. Ganz gleich – aber sehr ungleich gesehen und deshalb auch ungleich behandelt. „Pride“ ist an dieser Stelle also nicht gut übersetzt mit „Stolz“ as in „stolze_r Sieger_in“. Es ist eher „Pride“ as in „Es ist nichts Beschämendes, nichts Unwürdiges daran, ich mit meiner Identität, meinem Label, meinem Begehren, meiner Art zu sein.“

Immer wieder an „Stolz“ zu denken, hat etwas mit der Romantisierung und Verpositivierung der Kämpfe von LGBTQI* zu tun, die als Demonstrationen gegen Polizeigewalt begannen und heute als kunterbuntes Tirili verniedlicht halbwegs toleriert werden (auch nicht überall, es gibt bis heute Prides, die von Rechten und Menschenfeinden anderer politischer Haltung, angegriffen werden), aber wenn wir ehrlich sind, schon lange nicht mehr als die Demonstration für gleiche Rechte taugen, als die sie mal begannen.

Romantisierung und Verpositivierung sehe ich entsprechend als Akt der Gewalt. Sie entmenschlicht und entmachtet.
Immer.

12072020

Ein Ausflug. S. hat mich gefragt, ob ich Lust dazu habe. Eine Führung durch einen Permakultur-Garten mit dem Naturschutzverein. Ich hatte Lust und dann den Salat.

Ein Ausflug – jeder Ausflug – bedeutet: fremde Umgebung, ungewohnte Abläufe, Erwartungen, Erschöpfungen, keine gewohnten Möglichkeiten, damit umzugehen. Ich könnte auch schreiben „Stress bis zum Anschlag“, aber das klingt als würde ich keinen Spaß an Ausflügen haben. Ich bin gerne unterwegs. Unterwegs-Tage sind meistens AllesIstMöglich-Tage und bedeuten, dass ich mich lange vorher darauf eingestellt habe, Dinge anders zu machen. Akribisch durchdacht und geplant, abgewogen und bezogen auf jedes mögliche, katastrophisierte, wie schlichtweg unrealistische Szenario, damit ich mich entspannen kann. Ich gehe nicht einfach mal eben so los und nehme irgendwie einfach mal eben so an irgendetwas teil. Ich habe einen Ablauf, der gestört werden darf, weil an AllesIstMöglichen-Tagen eben auch die Störung möglich (und sehr wahrscheinlich) ist und ich habe Haltegriffe. Einen ganzen Rucksack voller Haltegriffe. Das sind Dinge, die mir Halt dabei geben mit diesen Störungen umzugehen. Also so etwas wie Taschentücher, Essen und Trinken für bis zu 24 Stunden, Regenzeug, Medikamente, 1 Tasse, 1 Besteck, 3 unterschiedliche Stimming-Tools, Flashback-Reorientierungshilfen, eine Powerbank, ein Ladekabel mit Steckdosendings, Deo auf Alkoholbasis, Wechselwäsche, Gehörschutz, Kopfhörer, Papier und Stift, seit Corona ein kleines Stück Seife und Desinfektionstücher. Das ergibt etwa 3 bis 5 Kilogramm Halt, die ich mir auf den Schoß stellen kann, um mich zu spüren, wenn das nötig ist.

Ich kann mich ohne Vorbereitung und Wappnung nicht entspannen. Wenn ich nicht weiß, was auf mich zukommt, bin ich nicht richtig dabei. Dann versuche ich, während alle um mich herum entspannt sind und alles aus den Angeln heben, noch zu verstehen, was gerade dran ist und wieso und was das für alle Dinge bedeutet, die aber eigentlich immer dran sind. Ich bin nicht entspannt. Nicht witzig. Nicht locker. Bin Spaßverderb und Sparren im Fluss.

S. ist ein neuer Kontakt. Wir kennen uns noch nicht gut. Sie weiß, dass manches für mich schwierig ist, aber ich hatte und habe keine Lust darauf, meine Grenzen mit einer Behinderung zu erklären, die sie nur in mir verorten kann, weil sie sie selbst ja nicht empfindet.
Für sie ist das ein Abenteuer. Mal raus aus dem Trott, mal was Neues, Schönes.
Ich kannte die Leute nicht. War noch nie in dem Ort. Sie weiß nicht, wie viele kommen, worum es bei der Veranstaltung gehen würde, wie lange wir da sein werden. Erst am Morgen schrieb sie auf meine Nachfrage, wann sie uns abholen käme. Halb 1 könnte ich mit ihr rechnen.
Da hatte ich schon mein gesamtes Sonntagsprogramm gemacht. Um 1 saß ich immer noch im Garten und war eigentlich schon fertig mit dem Tag. Zwei Minuten vor meiner Absagedeadline kam sie dann.

Ich wollte ihr schon lange unseren Garten zeigen. Doch jetzt hoffte ich, es würde reichen, wenn ich mit dem Arm schwenke und sage: „Das ist der Garten“, denn ich war schon gar nicht mehr in der Lage ganz locker darüber zu reden, wieso unsere Tomaten erst jetzt anfangen Früchte zu bilden; dass die ganzen Kartoffelkäfer nicht abzusammeln keine Option ist in einem Garten, von dem man essen möchte und, ob wir unseren Brokkoli an einem „Blattag“ oder einem „Fruchttag“ gepflanzt haben, weil wir das für esoterischen Kikkifax halten. Die Leichtigkeit ist raus, wenn ich im Overload bin und ich bins. Ich war es vermutlich schon kurz nach dem Aufstehen als mir klar wurde, dass S. uns keinen Halt bieten würde während des Ausflugs und wir jede wichtige Information über den Verlauf und Inhalt direkt abfragen müssen. Ihr damit also auch zeigen, was für uns wichtig ist, was wir brauchen – und damit nerven, denn es nervt irgendwie immer alle. Aber wenn es dann doch regnet, doch ein Unfall passiert, ich doch einen Krampfanfall kriege, doch nicht mehr sprechen kann, doch falle und liegen bleibe, dann sind sie doch alle froh, wenn ich vorbereitet und ausgestattet bin und sie nicht brauche.

Während der Fahrt frage ich mich, ob ein Overload, S.s Lieblingszustand ist. Sie hängt sich offenbar gerne in alles rein und reagiert auf Zeit_Druck von außen mit erstaunlicher Energie, findet schnell zu Lösungen, reagiert schnell, zeigt keinerlei Grenzen der Bereitschaft.
Damit ist für mich klar: Sie wird nie nachvollziehen können, was ein Overload bei mir macht. Dass er mir Schmerzen bereitet, dass mein schnelles Reagieren, Rödeln und Machen niemals ein „Aufblühen unter Druck (für andere oder eine Sache)“ sondern immer eine Art Überlebenskampf für mich selbst ist.
Ich sitze im Auto, erkenne die Landschaft kaum, weil die Sonne alles so erhellt und begreife praktisch nicht ein Wort von dem, was sie erzählt. Ich scripte und sie merkt es nicht. Ich habe Schmerzen, eine Vorstufe von Angst und das ist also „einen Ausflug mit S. machen“.

Im Garten wird es dann besser.
Niemand außer mir trägt eine Maske, alle stehen nah beieinander. Wir halten Abstand und klinken uns aus, wenn Menschen sprechen, während die Leute sprechen, die uns herumführen. Also praktisch die ganze Zeit.
Über uns fliegen Schwalben, überall flirren Insekten, die Luft riecht nach reifen Früchten, trockenem Gras und Blüten. Die Sonne scheint, es geht etwas Wind. Wir lernen etwas über einen Erdkeller, der auch ein Gewächshaus ist; dass es etwas gibt, das Terra preta heißt (CN rassistische Bezeichnungen) und wie man verschiedene gute Pflanzennachbarn kombinieren kann. Wir laufen 2 Stunden über das Gelände, merken schnell, dass wir uns nah an einer auch spirituellen Gemeinschaft bewegen, müssen zunehmend darauf achten, nicht von der Vorstufe der Angst in richtige Angst zu rutschen. Wir machen Fotos. Kaum eins wird wirklich gut. Ständig drängelt oder stört uns jemand, ohne direkt mit uns zu sprechen. Alles ist eine diffuse soziale Wolke der AllesIstMöglichkeit.

Dann gibt es Kaffeetrinken. Für alle außer uns. Sie gehen in einen Raum, der so extrem hallt, dass ich selbst mit dem Gehörschutz nicht zurechtkomme. Sie essen Kuchen. „Okay“, denke ich, „der wir sowieso nicht vegan sein, was solls.“ Ich bleibe draußen und esse von meinem Vorrat. Bin allein und denke darüber nach, ob behinderte Personen in heutigen Spirikommunen immer noch so pseudoinkludiert werden, wie wir das vor 10 Jahren mal bemerkt hatten, als wir noch dachten, es gäbe so etwas wie eine Chance auf ein Leben in größerer solidarischer Gemeinschaft für uns. Ein Flyer zur Gruppenmeditation gegen „die Massenhypnose“ beantwortet mir die Frage dann schon genug.

S. kommt raus und isst mit mir, weil sie es draußen schöner findet. Dann gehen wir nochmal allein in den Garten, während die Gruppe sich die Kommune anschaut. Allein mit S. kommt mein Sprechen wieder weniger angestrengt aus mir raus. Wir schauen und bewundern, naschen reife Früchte, zeigen einander Dinge, die wir bei uns im Garten auch ausprobieren wollen.
Auf der Rückfahrt denke ich, dass es so von Anfang an hätte sein sollen. Vielleicht eine oder zwei Personen, die uns herumführen, S. und ich. Ich hätte den Ausflug vorschlagen müssen. Ich hätte ihn planen müssen. Dann wäre er nicht mit so viel Kraftanstrengung, Schmerz und Unwohlsein verbunden gewesen.

Wieder zu Hause schaffen wir unsere Sonntagabend-Routine nicht mehr. Ich schaffe den emotionalen Kontakt zum Freund nicht mehr, will ihm mehr erzählen, als mir einfällt. Verschweige ihm nicht, dass ich eigentlich schon mittags hätte alles absagen müssen, erzähle dann aber doch nicht so richtig, wie schlimm das alles war. Es hat mich ja niemand dazu gezwungen und ich hätte mich anders entscheiden können. Im Grunde hab ich mir das ja selbst angetan. Ich weiß ja, dass die Welt nicht für autistische Leute gemacht ist. Weiß ja, dass ich die Probleme habe, weil die Behinderung in mir passiert. Zumindest aus Sicht aller Leute, die sie nicht selbst auch so empfinden.

Ich bin früh im Bett, liege unter der schweren Decke, weine aus Selbsthass und denke: „Ja, geil „Disability Pride Month.“ in meine Einsamkeit hinein.

08072020

Ich gehe mit den Hunden raus. In zwei bis zweieinhalb Stunden kommt die Betreuerin zu uns nach Hause und wir versuchen auf/er/ge/klärt auseinander zu gehen.
Es gab Schwierigkeiten.

Kommunikationsschwierigkeiten.
Traumafolgestörungen.

Ich habe mich vor einigen Jahren für eine freiwillige Betreuung entschieden, weil die Behördenangelegenheiten zu damals noch Eingliederungshilfe und Jobcenter immer wieder dazu geführt haben, dass ich nicht sicher und versorgt war.
Viele Menschen denken: “Ja, Behördenpost versteht eh niemand, da würde ich mir auch gern jemanden holen, die_r das für mich macht.” Bei mir geht es aber nicht nur um Behördenpost. Es geht darum Anträge zu stellen, Antragsmöglichkeiten erklärt zu bekommen, die Auswirkungen und alternative Möglichkeiten erklärt zu bekommen. Es geht darum, dass jemand den Überblick hat und eingreift, bevor ich ohne Geld und deshalb möglicherweise ohne Wohnung und also ohne Schutz bin.

Es geht darum, dass ich Hilfe dabei habe, meine Finanzen so zu strukturieren und diesbezügliche Verpflichtungen abzuklären, dass ich Projekte wie das Blog oder das Podcast machen kann und gleichzeitig auch jede Woche beruhigt Lebensmittel einkaufen.

Es geht auch darum, dass ich jemanden an der Seite habe, die_r mich vor Behörden und anderen Stellen vertritt. Termine mit fremden Menschen an fremden Orten, zu denen ich in der Regel auch meine Assistenzhündin nicht dabei haben darf (weil öffentliche Gebäude keine öffentlichen Orte sind) stressen mich oft so sehr, dass ich nicht mehr sprechen und gehörtes nicht verarbeiten kann. Ich brauche jemanden, die_r dabei war, um mir alles eins zu eins nachzuerzählen und zu erklären, wenn ich mich wieder reguliert habe.

Diese Aufgaben erfordern viel erfolgreiche Kommunikation im Kontakt.
Ein Fehler, und sei er noch so banal im Rückblick, kann sich wie eine Laufmasche auswirken und das Bündnis zerstören.
Das ist uns hier passiert und es war nicht zu verhindern, weil man Behinderungen nicht nur mit Enthinderungen begegnen muss, sondern auch mit Strukturen, in denen man alle eigenen Fähig- und Fertigkeiten, sinnhaft einbringen kann.

In Deutschland gibt es diese Strukturen nicht.
Das frustriert mich oft, triggert mich noch öfter in altes Empfinden von Ohnmacht und Ausgeliefertsein und manchmal schaffe ich es nicht rechtzeitig, zu kommunizieren, was meine Worte und Gesten sagen und was sie nicht aus.sagen sollen.
Und manchmal denke ich auch einfach nur: “Warum the fuck bin ich eigentlich dauernd die Person, die (sich) erklärt und aufklärt und sagt. “Ja kein Problem, Sie haben es ja nicht böse gemeint”? – Nein, diesmal behalte ich meine Kraft und suche mir eine andere Person fürs Team.”

06072020

Ich sitze im Zug. Die Fahrt geht nach Bielefeld, wo meine Psychotherapeutin ihre Praxis hat.
Gut 120 Kilometer sind zu überwinden. Eineinhalb Stunden fahre ich Zug, 20 Minuten fährt der Freund mich vorher zum Bahnhof, manchmal hat er dabei selbst Arbeitstermine vor oder hinter sich.
Ich übernachte bei einer Freundin. Zwei Mal am Tag so eine Fahrt würde mich so erschöpfen, dass ich den Rest der Woche zur Erholung brauche. So dauert es nur 2 Tage bis ich wieder auf meine ganze Arbeitsfähigkeit von 3 Stunden am Tag komme.

Die Therapeutin und ich arbeiten seit 8 Jahren zusammen. Die Krankenkasse hat vielleicht 2 oder 3 davon bezahlt.
Sie ist keine DIS-Spezialistin und auch keine Autismus-Spezialistin. Sie ist eine gute Psychotherapeutin, die sich regelmäßig fortbildet, Supervision in Anspruch nimmt und in den Urlaub geht, wie sie ihn braucht. Wie selten das unter Psychotherapeut_innen ist, habe ich in aller Schmerzlichkeit erleben müssen.

Es gibt für die Psychotherapie der dissoziativen Identitätsstörung noch keinen einheitlichen Behandlungsstandard. Es gibt fundierte Empfehlungen, Behandlungserfahrungen, eine Leitlinie. Und die Behandlung, die jedes Arbeitsteam durch mühsames “Trial-and-Error” entwickelt.

Es gibt keinerlei Erwähnung von autistischen Menschen mit komplexer Traumafolgestörung in der Fachliteratur.
Bei Wirksamkeitsstudien werden Menschen mit ASS aufgrund ihrer Behinderung praktisch prinzipiell ausgeschlossen.

Wenn ich die Stufen zur Praxis hochlaufe, ist mein linker Fuß „Ich lass mich drauf ein“ und mein rechter Fuß „Ich lass mich nicht drauf ein“. In den letzten 8 Jahren endete ich immer auf dem linken Fuß vor der Tür mit ihrem Namen am Klingelschild. Die Praxis ist einige Male umgezogen. Jedes Mal hatte ich Panik, was passieren würde, wäre es eine Stufenanzahl, die mich auf rechts landen lässt.

Ich habe ihr nie davon erzählt.

Ahnung haben

Es ist April, es fühlt sich nach Juli an. Wenn die Bauern über die Felder fahren, ziehen sie Staub hinter sich her. Ich gieße jeden Abend unsere Beete und Beetchen, hoffe, dass das Wasser überhaupt weiter als einen Zentimeter in den Boden kommt. Mein bisschen Ahnung von Pflanzen und Draußen reicht, um zu wissen, dass die Bedingungen für Anfänger_innen gerade nicht ideal sind. Aber was ist gerade ideal. Was ist das überhaupt je, außer unsere Vorstellungen und Ideen.

Heute haben wir das Auto mit 6 Heidelbeersträuchern und 8 Zentnern Erde gefüllt. Das war toll.
Es fühlt sich erwachsen an, solche Dinge zu entscheiden. „Bapp! Hier kommt ein Strauch hin.“
Ein ganzer Strauch! Genau die Dinger, die man normalerweise irgendwo eingewachsen rumstehen sieht, ohne darüber nachzudenken, warum sie da stehen und nicht woanders. So ein Strauch ist etwas anderes als eine handvoll witzig geformter Samen, die man auf kahl vertikutierten Rasen wirft, begießt und hofft, dass nicht schon zur nächsten Mittagszeit gerösteter Kerncocktail auf dem Speiseplan der Vögel steht. Ein Strauch ist schon da. Fertig. Dem guckt man nicht mehr so wirklich beim Werden zu, mehr beim Sein. Das macht den Akt des Verpflanzens für mich so besonders.

Jetzt stehen sie da im Garten, neben dem Hochbeet, das ich diese Woche angelegt habe. Vermutlich falsch. Auf jeden Fall schief. Und voller Enthusiasmus, dass das schon irgendwie gehen wird, von mir betrachtet. Ich verwandle mich in eine Gartenversion von F., dem Baufreund. Den habe ich vermisst beim Bau. Sägen ist nach wie vor ein Thema für uns.
Immerhin gärt es nun im Bauch des Hochbeets. Man kann seine Hand auf die weiche Erde legen und sie ist warm. Wenn man sie mit Wasser beregnet, riecht es nach April.

Ich habe immer gedacht, Heidelbeersträucher hätten Stacheln und Erwachsene immer genaue Ahnung, von allem, was sie tun und entscheiden. Das haben sie nicht und das ist gut zu wissen.

Autismus, Trauma, Kommunikation #8

Ich hing gestern gut 6 Stunden im Support meines Webhosters, um die E-Mail-Adresse, die ich hier seit Jahren verwende, um über Blog, Podcast und darüber hinaus erreichbar zu sein, zu retten.
Es war das Ende einer langen Kette von Miss- und Unverständnissen, die ich in diesem Text nicht weiter ausbreiten will, unter anderem, weil sie nicht sind, die mich belasten oder jetzt, einen Tag später endlich meine Erschöpfung von allem spürend, auch unfassbar schmerzlich berühren.

Worüber ich hier schreiben will ist, warum es mich so schmerzt. Warum es ein Trigger für uns ist. Was genau der Punkt ist, wo sich Autismus und Trauma bei uns so vermischen, das die zwischenmenschliche Kommunikation und Interaktion in jeder Situation eine retraumatisierende sein kann.

Im Blog von Vielen haben wir die Textkategorie „Die Helfer_innen und die Hilfe“.
Entstanden ist sie aus der Erkenntnis, dass Helfer_innen und Hilfe schaden können. Aber auch aus dem Wunsch zu erfassen, was uns hilft und wieso. In dieser Kategorie finden sich auch Texte aus der Zeit vor der Autismusdiagnose, in der wir dachten, dass wir einfach unverständlich sind. In der wir dachten: „Wir machen das halt einfach immer falsch mit dieser Hilfe. Wir müssen die richtigen Worte finden, wir müssen uns genau abgucken, wie andere sich verhalten, damit sie Hilfe bekommen und wir müssen das nachmachen (, um dann zu merken, dass wir selbst das noch falsch machen, weil unser Blick auf Menschen dazu führt, dass wir die falschen Verhaltensweisen in falschen Reihenfolgen kopieren).“

Missverständnisse zu vermeiden, den richtigen Eindruck zu vermitteln, das Richtige im richtigen Moment zu sagen, oder zu verschweigen, war in meiner Kindheit über.lebenswichtig. Dabei  außerhalb der familiären Gewaltkontexte immer wieder zu scheitern, zum Beispiel in der Schule, im Hort, im Sportverein, in Chor und Band und was wir nicht alles noch besuchten, ist das Eine.
Es bestätigte die Traumawahrheit, dass niemand hilft, niemand glaubt und auch niemand versteht. Das AußerhalbderFamilie wurde mir immer wieder als unwürdig, falsch, schlecht, dumm dargestellt und so erschien die Botschaft auch valide.
Diese Dynamik beschreiben viele Menschen, die als Kinder in gewaltvollen Familien, in Sekten und organisierten Gewaltkontexten, auswachsen mussten. Es gibt ein Außen auf das du nicht zählen kannst und es gibt ein Innen, das immer für dich da ist – die Familie/Sekte/Gruppe/die Anderen.

Als autistisches Kind hatte ich das nicht.
Autismus greift in jede Interaktion und in jede Kommunikation hinein. Die gleichen Miss- und Unverständnisse, die ich im Außen erlebte, erlebte ich auch im Innen. Nur dort in seinen Auswirkungen erheblich brutaler, einfach schon, weil ich ein Kind war. Abhängig auf allen Ebenen und dadurch schlicht nicht in der Lage, überhaupt meiner Sicht auf die Dinge die Be_Achtung einzufordern, die nötig ist, um Miss- und Unverständnisse aufzuzeigen oder zu klären.

Wer durch ein Minenfeld laufen muss, aber nicht, wie alle anderen Leute auf Merkmale der Minen achtet, wird verletzt. Ganz zwangsläufig. Und so – auf diese Art gehen wir durchs Leben. Immer wieder und wieder und wieder und wieder. Ohne, dass unsere Gesprächpartner_innen das merken. Ohne, dass wir ihnen das immer so begreiflich machen können, dass sie sich nicht als Person gekränkt, bedrängt, abgewertet oder irritiert erleben. Ohne, dass sie uns den Schmerz nehmen oder uns trösten können. Ohne, dass sie ~ einfach mal eben so, ohne jede Anleitung und Herumprobieren und der dazu nötigen Konsequenz ~ etwas dagegen tun können.

Nun ist die Metapher natürlich nicht ganz passend. Die Merkmale einer einzelnen Mine kann man auswendig lernen. Man kann sich zwingen, sich selbst gegenüber brutal restriktiv dazu bringen immer, zu jeder Zeit auf den Boden zu schauen und auf Minen zu achten. Zwischenmenschlichkeit ist aber kein fester Gegenstand. Kommunikation verläuft nicht immer gleich, nicht immer vorhersehbar. Interaktion wird von so einer großen Zahl von Faktoren beeinflusst, dass sie einfach nicht in allem immer berechnet oder angenommen werden kann. Schon gar nicht von einem Kind, das zusätzlich dazu noch in einem sozialen Umfeld aufwächst, das unvorhersehbar und immer unnachvollziehbar in Gründen und möglichen Konsequenzen absichtlich irreführend kommuniziert.

Was sich für uns aus diesem Umstand (und vielleicht noch anderen, bisher nicht bekannten Faktoren) entwickelt hat, ist, dass es für uns ein Außerhalbvonuns, ein AußerhalbderFamilie und das InderFamilie gibt.
„Autismus“ als Wort kommt laut Wikipedia von altgriechisch „autós“ – also „selbst“. Die meisten Autist_innen, die ich bisher kennenlernen durfte, kennen diese Trennung von sich. Es gibt sie und gibt alle anderen. Und immer stehen dahinter ähnlich schwierige Kommunikations- und Interaktionserfahrungen. Ich persönlich sehe das nicht darin begründet, dass alle Menschen speziell autistischen Menschen gern das Leben zur Hölle machen wollen, sondern darin, dass die meisten Menschen eben nicht autistisch sind oder die autistische Wahrnehmung und Einordnung nicht von sich selbst kennen und also nicht nachvollziehen und also nicht beachten können.
Das macht Autismus für mich zu einer Behinderung, die noch einmal mehr als bei anderen Behinderungen, nicht als etwas Individuelles angenommen und behandelt werden darf, da auch nicht autistische oder anders neurodivergente Menschen in ihrer Kommunikation mit autistischen Menschen die Barrieren der Kommunikation und Interaktion zu kompensieren gezwungen sind.

Die im wahrsten Sinne des Wortes herrschende Ansicht ist allerdings eine andere und so ergibt sich für mich eine immer wieder auftauchende Dynamik der Traumatisierung (s. „seelische Verwundung“) in meinem Alltag, die sich auch noch einmal verschärft hat, seit ich weiß, dass ich autistisch bin.
Meine Bemühungen um Verstehen und Verstandenwerden passieren in aller Regel einseitig, weil mein autistisch sein als meine Behinderung angenommen wird. Etwas, das ich überwinden muss, um mit nicht autistischen und anders als ich neurodivergenten Menschen in einander verstehender Kommunikation „richtig“ zu funktionieren. Ich werde da mit etwas auf eine Art allein gelassen, die im Umfang ihrer Implikationen für mich unermesslich ist. Die Welt – das Außerhalbvonmir – ist damit eine nie versiegende Quelle von Schmerz, von Überforderung, von Not, von Ohnmacht und Hilflosigkeit und gleich meiner mich jahrelang quälenden Misshandlungsfamilie in ihrer Anmutung.

Und das tut weh.
Das tut wirklich weh und ist im Ausmaß nicht zu beschreiben.

Denn auch wenn ich weiß, dass ich am glücklichsten allein bin; dass ich weiß, dass ich mir selbst am meisten Vergnügen bereite und auch sonst immer und immer alles irgendwie auch allein schaffe (mich durch alles durch dissoziieren kann) so will ich doch auch vertrauen können, andere Perspektiven als meine er_leben, von anderen lernen, meine Kräfte schonen, indem ich Herausforderungen mit Unterstützung anderer Menschen bewältige und so weiter und so fort. Ich will leben. Nicht überleben.

Missverständnisse bedeuten für mich oft, von jetzt auf gleich völlig auf mich allein gestellt über_leben zu müssen. Sie sind mir Trigger für Erinnerungen an Vergangenes und reales Jetztgeschehen gleichzeitig und weil das so ist, hat dieser Text keine Punchline am Ende, die zu einem Like oder einem Klick auf den Share-Button führt, sodass mehr autistische traumatisierte Leute davon lesen können. Es ist wieder einfach nur gesagt. Aufgeschrieben. Ums zu sagen. Zu erklären. Zu zeigen, dass es passiert und dass es weh tut und ich nichts dagegen tun kann, weil grad einfach alles so ist, wie es ist und ich mittendrin bin und nichts und niemand – weder mein Wissen zu Trauma, Autismus, Menschen und ihrem Ableismus, noch irgendjemand, der helfen will, helfen kann.
Denn der Schmerz passiert in mir allein und alles andere ist Außerhalbvonmir.

nichts ist wie sonst

Und dann war die Therapeutin in unserem Büro. Psychotherapie übers Internet.
Ich erzählte ihr, dass wir zum ersten Mal eine Podcastaufnahme neu anfangen mussten, weil ich nicht aus einem Gefühl heraus kam. Sorge, Angst, die Therapie und alles, was wir bisher darin erarbeiten konnten durch die Epidemie wieder zu verlieren. Und darüber natürlich grundfeste Panik, dass wieder alles so wird wie früher. Früher, als Suizidalität normal, Angst und Verzweiflung der einzige Motor für alles war. Sie sagte aus dem kleinen Browserfenster, dass man Erlebtes nicht verlieren kann. Dass das für unsere Gewalterfahrungen genauso wie für die Therapieerfahrungen gilt.
Ein beruhigender Gedanke.

Bis ich heute Morgen aufwachte und keinen richtigen Gedanken fassen konnte.
Ich konnte nicht arbeiten, konnte mir keine Meinung bilden, verwirrte mich selbst mit dem, was ich dann aber doch an halbwegs konsistentem Zeug von mir geben konnte.
Bis ich merkte, dass ich die Pizza nicht abholen konnte, weil mich das Wissen um die Veränderung im Ablauf ängstigte. Bis ich gerade verstand, dass ich innerlich so total verklemmt und verdreht bin, weil sich um mich herum alles verdreht und verklemmt.
Es ist echt nicht viel, was sich für uns verändert. Es ist nur das Einkaufen gehen und dass wirklich dauernd das Handy vibriert, weil uns Leute schreiben und es Arbeitschats gibt. Aber das ist für uns, so in der Form, in dem Rahmen und dieser Unmöglichkeit die Dauer einschätzen zu können, schon zu viel. Und selbst, wenn man daran jetzt etwas ändern könnte, wäre diese Änderung ja auch wieder eine neue Änderung.

Und Ostern. Das auch noch. Auch diese Konstante – weg. Auf ein Mal. Jetzt. JETZT kommt da Kontakt zu den Dunkelbunten zustande. Nach 18 Jahren. Jetzt kommt da an: Dinge sind anders und gelten für alle. Auch DIE. Und klar sind die jetzt panisch. Nicht nur irritiert oder verunsichert. Scheißpanisch. Nicht nur, doch sicherlich auch, weil wir ihnen nicht sagen können, was das jetzt bedeutet. Wie das denn jetzt läuft. Und sie können ja auch nicht einfach fragen oder beobachten, was die anderen machen. Sie brauchen Halt. Und den gibts nicht. Für niemanden. ALLE müssen jetzt durch.halten, aus.halten und diesen Zustand Tag für Tag er.tragen.

Es hilft zu wissen, dass wir nichts anders machen als sonst.
Andererseits machen wir gerade alles anders als sonst. Wir sind keine Einzelperson mit Hund mehr. Wir sind ein_e Partner_in in einem Team. Wir leben uns nach wie vor in einer neuen Gegend ein. Wir wachsen in den neuen Namen rein. Wir haben gerade unser erstes gemeinsames Zuhause mit jemanden angefangen. Nichts ist wie sonst.
Außer der Angst.

die Kinder, das Trauma, die erstaunlich schöne Merkwürdigkeit

“Vielleicht ist es das andere Level der Dissoziation.”, damit beende ich einen Gedankengang, den ich nicht einmal wirklich richtig abgelaufen bin, als ich von der Bushaltestelle nach Hause laufe.
Wir haben die neue Bekannte in der nächsten Kleinstadt besucht. In ihrem Haushalt leben zwei kleine Kinder.
Ich mag den Kontakt, weil er mitteltiefe Gespräche beinhaltet. Die Kinder und ihre Belange unterbrechen uns immer wieder – so kommen wir gar nicht an Abgründe heran, alles kann angefangen irgendwie liegen bleiben und uns später nochmal auffallen und dann mit einem schnellen Abschluss bedacht werden.

Ich fühle mich normal in dem Kontakt. Begrenzt wie andere Menschen auch, bedürftig, wie andere Menschen auch. Das durchgehende Begleiten der Kinder bei der Bedarfskommunikation und ihrer Erfüllung macht bei mir eine Reduktion auf. Nichts ist mehr wichtiger als der Moment. Jetzt muss geklärt werden, ob und wenn ja welche Süßigkeiten gegessen werden. Jetzt muss rausgefunden werden, was das Kleine zum Einschlafen braucht. Jetzt muss mal der Tisch abgewischt werden. Jetzt sortieren wir die Rosinen aus dem Studentenfutter. Jetzt können wir mal über Beetumrandungen und das Anziehen von Blumenkohl sprechen. Jetzt muss ich mal überlegen, ob ich auch was essen muss.
Ich merke, dass es nicht leicht ist, so zu funktionieren. Es ist anstrengend, sicherlich auch zehrend, vor allem über Jahre hinweg. Ich merke aber auch: Ich habe keine Angst. Ich bin handlungskompetent, mein Kampf um Wörter und Sprechenkönnen ist nicht da. Ich bin mir meiner selbst sicher. Ich bin ich und ich bin da.
In meinem Leben gibt es ansonsten keinen Bereich, der dieses Gefühl einfach so in mir auslöst. Überall sonst muss ich mir das erarbeiten, der Dissoziation abtrotzen, mich ganz bewusst in die Selbstwahrnehmung reindrängeln und dran festketten, in der Hoffnung, das irgendwann mit weniger Angst im Backend laufen zu haben.

Im Bus nach Hause dachte ich kurz darüber nach, was unsere Gewalterfahrungen als Kind in diesen Situationen mit uns machen. Sind wir besonders achtsam? Sind wir besonders empfindlich? Denken wir den sogenannten “Missbrauch” der Kinder immer mit? Werden wir stark getriggert? Verhalten wir uns deshalb irrational und merkwürdig?
Ich glaube, ja. Ja wir sind besonders achtsam. Ja, als die Bekannte uns mit dem älteren der beiden Kinder schon mal vor auf den Heimweg geschickt hat, habe ich gedacht: “Ja, und wenn ich jetzt eine Täter_in wäre, wäre das genau der Zeitraum, in dem ich DAS DA mit dem Kind tun könnte.”.
Ja, wir sind besonders empfindlich. Als die Bekannte das jüngere Kind vor uns wickelte, dachte ich an Grenzverletzung, denn es war vor uns entblößt, ohne irgendeinen Entscheidungsspielraum.
Also, ja, wir denken immer mit, dass diesen Kindern passieren könnte, was uns passiert ist und, dass wir die Person sein könnten, die ES tut. Es ist keine Handlungsoption – da springen keine Täter_innenintrojekte in uns auf und wollen etwas tun. Aber ja, wir sind stark getriggert und es springen Täter_innenintrojekte auf und beobachten ganz genau, was da gerade passiert. Was ich tue, was die Mutter tut, wie miteinander umgegangen wird, wie angstbefreit die ganze Situation ist und – und ich glaube, dass ist das Nachlassen der Dissoziation bei uns – wie viele Kinderinnens die Situation auch beobachten. Das ist für uns merkwürdiges Verhalten – für alle um uns herum aber ganz normal.
Ich merke, wie ich mich in Angstkreisel hineinsteigern könnte, weil da ja Täter_innenintrojekte sind und die ja böse sind und ich die ja im Grunde eigentlich abtöten muss, weil sie böse sind und scheiße und und und – das aber gar nicht tun muss, weil es trotz der für mich heftigen Merkwürdigkeit irgendwie doch auch völlig in Ordnung ist.
Sie machen nichts anderes als die (anderen) Kinderinnens und die machen nichts anderes als ich, wir Rosenblätter.
Da passiert nichts Besonderes und das ist total besonders. Für uns alle gleich.

Erstaunlich. Merk_würdig.
Schön.

Hartzjahre

Unsere Betreuerin rief am Dienstag an, um uns zu sagen, dass es noch nichts Neues vom Jobcenter gibt.
Das ist, was sie uns seit August bei jedem unserer Termine sagt. “Ich habe den Antrag, die Anfrage, die Nachfrage, die Forderung geschickt – es gab noch keine Rückmeldung.”

So kennen wir das. Diese boden- wie himmellose Weite des Kontaktes mit der Behörde, die uns die Existenz finanziert. Das Gefühl, mit einer Maschine ohne Ohren zu sprechen. Der Eindruck von Haltlosigkeit, der zur Fassungslosigkeit wird, wann immer dann doch eine Antwort kommt, weil es darin nie um uns, sondern um das System Hartz 4 geht.

Wir beziehen seit bald 15 Jahren Hartz 4. Noch nie waren wir mit Untätigkeitsverhalten der Behörde konfrontiert. Der Schweigestrafe. Danach fühlt sich das für uns an und löst Erinnern an traumatische Erfahrungen aus. Die Bodenlosigkeit wird unendlich. Die Haltlosigkeit zu dissoziativem Erleben. Irgendwann geht es nicht mehr um das Geld, mit dem unsere Existenz finanziert wird, sondern um alles. Leben oder Tod.

Trotz der langen Bezugszeit leben wir nicht prekär. Wir sind arm, ja. Aber wir sind gebildet. Und wir kommen nicht aus der Armut. Unser Habitus ist bürgerlich, typisch für die Mittelklasse. Und wir sind weiß.
Unsere Hartzjahre sind für die meisten weißen Mittelklassenleute Unfairjahre. Realhorror. Boah-das-könnt-ich-nicht-Jahre. Und deshalb könnten unsere Hartzjahre gut in ein Buch passen, das im Feuilleton besprochen wird.

Wir Langzeitarbeitslosen, die dem Klischee vom dummen Ekelfaulenzer nicht entsprechen, sind oft diejenigen, die in Zeitungen zu sehen sind. Deshalb sind wir die, mit denen sich “die Leute” noch am ehesten identifizieren können.

Diese Identifikation stellt sich für uns als hinderlich dar.
Denn wir sind nicht durch einen unfairen Schicksalsschlag, durch Nichtanerkennung unserer ausländischen Bildungsabschlüsse oder bereits chancenlose Eltern im Leistungsbezug. Wir sind Opfer von Gewalt gewesen und schwerbehindert.

2005 waren wir 19 Jahre alt und noch 2 Jahre vom Ausstieg entfernt.
Wir wurden ausgebeutet und verletzt. Betreut, behandelt und so davor bewahrt, uns das Leben zu nehmen. Der Antrag auf Hartz 4 wurde nötig, weil Hartz 4 gerade eingeführt worden war. Wir waren noch in der Jugendhilfe, später in der Eingliederungshilfe. Dass wir kaum lebensfähig waren, das war so überdeutlich klar, aber dieses System hatte schon damals keinerlei andere Vorgänge für Leute wie mich, als den der permanenten Prüfung auf Arbeitsfähigkeit.

Immer wieder waren wir damit konfrontiert, keinerlei Wert für diese Behörde zu haben, weil wir keinerlei Arbeitsfähigkeit vorweisen konnten. “Sie arbeiten weiterhin an ihrer Stabilisierung”, sagten meine ständig wechselnden und dadurch zunehmend gesichtslos werdenden Sachbearbeiter_innen für die aktiven Leistungen.

Und wir stabilisierten uns. Stiegen aus. Begannen zu heilen. Wuchsen aus der Opferrolle in die Überlebendenrolle in die Selbstbestimmung hinein, die unsere Kontexte gewähren können.
Arbeitsfähigkeit war und ist immer ein Teil dessen, worauf wir hingearbeitet haben.
Wir erwarten von unserer Umwelt nicht, dass sie einfach alles für uns bezahlt. Dass wir in irgendeiner Form von der Gesellschaft, die zugelassen hat, dass unsere ersten 21 Lebensjahre so passieren konnten, wie sie es taten, aufgefangen und aus_gehalten werden. Wir empfangen keine Leistungen und danken dem Sozialstaat. Wir bekommen Geld und manchmal fühlt es sich wie damals an, als uns die Leute, die uns verletzten und benutzten Geld dafür auf den Tisch legten. “Mach damit was du willst, Fickstück.”

Unsere Hartzjahre waren noch nie wie in unserer Kindheit. Immer nur wie die Ausbeutungskontexte danach.
Einfach ins Leere zu fassen wie jetzt, ist ganz eindeutig Kindheitstrauma_wieder.er.leben Keine Ansprechpartner_in zu haben, die irgendetwas verändern kann. Zuständig, ja sogar in der Pflicht ist, zu antworten und sich zu kümmern. Keine Macht zu haben, selbst etwas an der Lage zu verändern, weil die Abhängigkeit so groß ist. Und einzig die Wahl zu haben, sich vom Wohl und Wehe einer weiteren Instanz, nämlich der Justiz, abhängig zu machen, um eventuell vielleicht – mit ungewissem Ausgang, keinerlei Garantie und möglicherweise unangenehmen sozialen Folgen – zu erwirken, dass da etwas passiert.

Man sagt uns, dass das Eine nichts mit dem Anderen zu tun hat. Erinnert uns daran, dass wir betreut werden, dass wir versorgt sind, auch wenn die Behörde versagt. Versucht, uns die Unterschiede klar zu machen.
Aber darum geht es gar nicht. Das ist nie der Kern unserer Traumatisierungen gewesen. Es ging nie darum, dass uns Menschen verletzt haben oder passiert ist, was passiert ist.
Es geht immer um diese Stille. Diese Leere. Dieses Moment, in dem nichts mehr gespürt werden kann, weil es insgesamt zuviel zu spüren gibt.

Von “unseren Hartzjahren” zu sprechen, bedeutet auch von “unseren Jahren in struktureller Gewalt, die von allen gleichermaßen mitgemacht wird” zu sprechen.
Hartz 4 wird vom Staat finanziert. Wir alle bezahlen Hartz 4. Wir alle bezahlen für die Ausübung struktureller Gewalt durch Jobcenter, Sozial- und Versorgungsämter. Niemand ist unschuldig. Alle sind schuld daran.
Und es ist die gleiche Schuld, wie die an unserem Bluten als Kind, unserer Ausbeutung als Jugendliche_r, der Lebensgefahr, mit der wir bis heute umgehen.

Und, na klar, könnten wir das alles bequemer formulieren. Könnten die Gewalt an uns individualisieren und sagen, dass nur unsere Herkunftsfamilie und Fremde uns verletzt haben. Aber so war es einfach nicht. So ist es einfach nicht.
Gewalt wird gemacht. Auch durch stumme Zeug_innen, die glauben, sie hätten nichts damit zu tun, weil sie weder uns noch die, die an uns zu Täter_innen wurden, kennen.
Das zu benennen, haben wir uns zum Auftrag gemacht. Auch, weil die Menschen in unserem Leben nicht müde werden uns zu sagen, dass sie sehen, wie schlimm das alles ist. Wie unfassbar brutal und ängstigend.
Wir brauchen sie aber nicht nur als mitfühlende Zeug_innen. Die hatten wir schon als Kind. Als Jugendliche. Als junge Erwachsene. Als von-der-Gewalt-Übrige. Und es ist trotzdem passiert. Mit allen Schmerzen, allen körperlichen, wie seelischen Folgen.

Wir brauchen Unterstützer_innen. Brauchen politisches Handeln.
Brauchen, dass die Gewalt an sich anerkannt und in der Konsequenz beendet wird.
Und zwar nicht auf dem leichten Weg durch Reformen mit einem freundlichen Namen, sondern durch die harte, unnachgiebige Debatte um den Wert von Menschenleben, Würde und die Sicherstellung von bedingungsloser Versorgung aller Menschen, mit denen wir zusammenleben. Sei es in unserer Stadt, unserem Bundesland, unserem Land, unserem Staat, unserer Welt.

Wenn es uns wirklich ernst damit ist, niemanden verletzen, demütigen oder sterben lassen zu wollen, dann wird es Wege und Mittel geben, das auch ohne Gewalt zu schaffen. Wenn nicht, dann muss das Grundgesetz umgeschrieben werden. Dann muss sich von der Erklärung der allgemeinen Menschenrechte distanziert werden. Dann braucht es das Bekenntnis zur Täter_innenschaft. Zur Gewalt, zur Zerstörung.

An dieser Stelle darf es kein Spektrum mehr geben, in dem man sich mit Feigenblatt und 3-Affen-Ignoranz positionieren kann. Denn aufgrund genau dieser Optionen entstehen Leben wie unseres. Erfahrungen und Kontexte, in denen normal ist, was wir überlebt haben und so viele andere Menschen Tag für Tag nicht überleben können. Aus genau diesem Umstand heraus, gibt es überhaupt nur die Chance zu glauben, es wäre genug, vor allem auch Langzeit-Hartz4-Überlebenden, zu sagen, dass man sieht und glaubt, wie schlimm das alles ist.
Dass es reicht Kinderschutzkonzepte zu etablieren. Dass es reicht, Seenotrettung nicht zu illegalisieren. Dass es reicht, sich daran zu erinnern, dass wir alle Menschen sind. Dass es reicht, wenn wir nicht die AfD wählen. Dass es reicht, ein Mal am Tag die Tagesschau zu gucken. Dass es reicht, ein absolut zu bewahrendes Existenzminimum für jede_n Einzelne_n zu definieren. Dass es reicht gegen Kapitalismus zu sein.

Das tut es nämlich einfach nicht.
Man muss sich fragen, was man statt der Gewalt will.
Wenn wir unsere Menschen fragen, was sie sich für uns statt Hartz 4 wünschen, dann antworten sie, dass sie uns einen Job wünschen. Geld. Sicherheit. Autonomie. Dass wir leben können wie sie.
Und wir fühlen uns schlecht dabei. Denn wir wollen Sicherheit und Autonomie – aber ohne jede Bedingung dafür erfüllen zu müssen. Wir wollen, was wir schon als Kind so unbedingt gewollt und gebraucht haben – was alle Kinder so unbedingt wollen und für ihr Überleben brauchen: bedingungsloses Miteinander. Fürsorge, Versorgung, Stimulation.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der es das nicht gibt. In der alle jeden Tag in dem Wunsch nach Bedingungslosigkeit enttäuscht werden und manchmal so sehr, dass man sich über kleinste Stückchen davon so sehr freut, dass es eine Welt wird.
Wir finden das traurig. Denken, dass Menschen das besser hinkriegen könnten.
Wenn sie wollten.

Und wenn sie könnten, wie sie wollten.
Bedingungslosigkeit geht aber nur mit Bedingungslosigkeit.
Und genau die gibt es in unserer Kultur, unserem Miteinander gerade nicht.

Wir sind am Arsch.

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