Schlagwort: Trauma

22072020 – 18 Jahre Psychotherapie

Auf meinen langen Thread zur Akzeptanz unseres Vieleseins am Samstag wurde ich gefragt, ob die lange Zeit der Therapie üblich sei bzw. wie lange man mit der dissoziativen Identitätsstörung (DIS) in Behandlung ist. Unsere Antwort – dieser Thread.*
Die kurze Antwort ist: Entweder lange oder kurz. Oder gar nicht.
Die Realität: Es kommt drauf an. Eine psychotherapeutische Behandlung ist etwas, wofür man sich entscheiden muss. Noch vor allem anderen. Für viele Viele braucht es da nicht viel, weil die PTBS-Symptomatik zu
erheblichem Leidensdruck führt und dem praktisch ausschließlich in psychologisch/psychiatrisch professionalisierten Kontexten begegnet wird. Heißt: Wenn du merkst, dass du an etwas trägst, wirst du sehr schnell hören: „Ouw – da geh mal lieber zu nem Profi mit.“
Viele Viele landen dann oft in diesen Kontexten, weil sie sich Leidenslinderung versprechen bzw. diese versprochen wird. Ich will damit nicht sagen, dass das falsch ist oder ausschließlich problematisch, aber für uns ist das ein Faktor, der die Länge der Behandlung mitbestimmt.
Gäbe es andere Räume, in denen man sich der eigenen Geschichte und sich selbst halbwegs save, beforscht und studiert widmen kann, würden wir nicht von einer Behandlung, sondern einer Auseinandersetzung, einem Lernprozess sprechen, der zu Leidenslinderung führt. Also Entwicklung.
So. Das zur Vorrede und Klärung. In unserem langen Thread hatte ich zu Beginn geschrieben, dass wir seit 18 Jahren mit der Diagnose umgehen. Das habe ich aus genau dem Grund so geschrieben. Wir waren 1,5 Jahre in der Klinik, die diese Diagnose gestellt hat – dann verging einige Zeit, in der es wieder eine andere Diagnose gab und dann wieder Gewurschtel um Wohnort und Gedöns – wir waren in der Zeit „in Behandlung“, die mehr oder weniger für die Verwaltung unseres Lebens gebraucht wurde. Also Eingliederungshilfen-Begründung und Kindergeldansprüche. Ums Vielesein ging es nicht und so oder so war die Therapie damals ausschließlich eine lebenserhaltende Maßnahme. Wir waren im Täterkontakt, wurden also noch regelmäßig gequält und ausgebeutet – sollten aber bitte deshalb doch keinen Suizid machen, nur weil uns niemand da raushilft.
Bis wir wirklich richtig am Vielesein selbst arbeiten konnten, vergingen 6 Jahre. So lange hat es von „einer Behandlerin sagen, dass wir in organisierte Gewalt verwickelt sind“ bis „Wir erarbeiten für den Ausstieg nötige Fertig- und Fähigkeiten und wenden diese ohne jede weitere
professionalisierte Unterstützung, gesetzliche Hilfe, staatlichen Schutz an, obwohl wir uns akuter Lebensgefahr befinden“.
Waren die 6 Jahre Behandlungszeit? Für uns schon, denn wir haben in der Zeit Entwicklungen gemacht – obwohl diese keine direkte Leidenslinderung brachte.
Konkret am Vielesein – an der Erforschung und dem Verstehen unserer inneren Mechanik, konnten wir aber auch danach noch gar nicht arbeiten. Denn nach dem Ausstieg begann die richtig krasse Symptomatik. Wir gingen in den nächsten 5 Jahren durch eine immer wieder unterbrochene Phase der Stabiliserung. Intervalltherapie in der Klinik – 8 bis 12 Wochen damals noch, nach 1,5 Jahren Wartezeit. Dann raus – wo es dann erst unsicher, später völlig klar war, dass wir keinen ambulanten Traumatherapieplatz bekommen. Wir haben immer wieder mit psychologischer Frauenberatung und persönlichem Engagement Einzelner (und dem Risiko der Verwicklung, zu der es dann auch kam, mit all ihrem zerstörerischen, weil retraumatisierendem Potenzial) überbrücken müssen. Und immer wieder war der Zirkel: Semistabil aus der Klinik, absolut instabil in die Überbrückung, um einen Suizid zu verhindern und völlig zerbröselt wieder in die Klinik. Ein Kreisel, den viele komplex traumatisierte Menschen kennen und nicht alle auch überleben. Ein Umstand von dem noch viel zu wenig Menschen wissen.

Erst 2012, also 10 Jahre nach der Diagnosestellung der DIS und 8 Jahre nachdem sie bestätigt wurde – nach 22 Erstgesprächen, die allesamt total schmerzhaft und schwierig waren, haben wir unsere jetzige Therapeutin getroffen. Die vorletzte auf der Liste. Die vorletzte Hoffnung.

Im ersten Jahr haben wir einander kennengelernt. Das war unfassbar anstrengend, weil wir versuchten eine Bindung zu etablieren, die wir kaum ertragen konnten. Im zweiten Jahr haben wir überhaupt erst realistisch erreichbare Therapieziele entwickeln können. Im dritten Jahr kam unsere Autismusdiagnose. Und seitdem haben wir überhaupt erst Zugang zu der therapeutisch wirksamen Ebene der Gesprächstherapie bekommen. Und dann ging es aber steil bergauf. In den letzten 5 Jahren haben wir viel Funktionalität erlangt, sind in uns stabil, haben erhebliche Symptomveränderungen (im Sinne von „ist weniger geworden oder auch weniger belastend geworden“) und haben einige biografische Lücken füllen können. Jetzt sind wir an dem Punkt, an dem wir die Dinge, die in der Fachliteratur zur Traumabehandlung empfohlen wird, auch machen können.
Warum habe ich diesen Schwiff gemacht? Weil es ihn in der Behandlungserzählung von Vielen NIE gibt. Immer wird an dem Punkt angefangen, wo Stabilität, innere Konsistenzen und Belastbarkeit bereits gegeben sind. Nie da, wo sie überhaupt erst entwickelt werden müssen. (Davon erzählen die Vielen dann oft ungehört – in Blogs, in Foren, in Selbsthilfegruppen – als quälendes Zweifelgewühl, ob sie diese Therapie überhaupt richtig machen, davon profitieren, ob es überhaupt etwas bringt…)
Manche Menschen sind komplex traumatisiert und dann ist die Behandlungszeit vielleicht genau die kassenfinanzierte Langzeittherapie ein Mal im Leben. Manche Menschen – und ich behaupte, dass das die meisten Vielen sind – brauchen sehr viel mehr als 120 kompetent durchgeführte Behandlungsstunden, weil viele als selbstverständlich angenommene Fähig- und Fertigkeiten, auf denen die unfassbar ableistisch konstruierte Psychotherapie aufbaut, ohne dies offen kritisch zu hinterfragen oder allgemein anpassbar zu gestalten, in ihnen (noch) gar nicht (aus)entwickelt sind (oder in anderer Form da sind, als bei der Mehrheit der Menschen, für die diese Behandlung konstruiert wurde).
Das ist ein anderer Thread, ja, gehört hier aber unbedingt dazu.
Sprechen können – ist eine Notwendigkeit in der Gesprächstherapie. Fragt mal komplex traumatisierte Menschen deren Muttersprache nicht Deutsch ist, wie lange sie so „in Behandlung“ sind. (Regelmäßig) zur Therapie kommen können – ebenfalls super notwendig. Fragt mal, wie barrierefrei erreichbar die psychotherapeutischen Praxen in der Regel so sind. Und was passiert, wenn man zum Beispiel wegen exekutiver Dysfunktion, Panikattacken oder innerer (wie äußerer) Verbote nicht regelmäßig kommen _kann_. Wie lang sich die Behandlungszeiten (und die Suche nach einem Behandlungsplatz) dann ziehen.
Ich bringe das an, weil mir wichtig ist, dass allen klar wird, dass wir so lange in Behandlung sind, weil wir uns die Behandlungsfähig- & fertigkeiten erst erarbeiten mussten – und nicht, weil man als Viele generell so derbe krass zerstört ist, dass da fast gar nichts mehr geht.
Die Psychotherapie an sich braucht grundlegende Überarbeitung und mehr Konzepte für behinderte Menschen. Die Kassenfinanzierung bzw. ihre Grundlage muss sich verändern. Wir Patient_innen haben oft Bedarfe, die nicht von einer Diagnose allein kommuniziert werden können.
Wir müssen angehört werden. Wir brauchen Repräsentanz, die über die seit Jahrzehnten wiedergekäuten Existenzbeweise unserer Lebensrealitäten hinaus geht. Und wir brauchen die Normalisierung der Auseinandersetzung mit sich selbst und der eigenen Geschichte. Nur so kann es nicht mehr erschrecken oder zu Mitleid führen, wenn jemand wie wir schreibt, dass sie_r seit 18 Jahren mit einer Diagnose umgeht. Und nur so kann man verhindern, dass das überhaupt irgendjemand von sich sagen muss. 
Danke fürs Lesen 🙂
*Für die Veröffentlichung hier habe ich Fehler und Quirks ausgebessert, die im Originalthread sind.
Alles kursiv gehaltene sind neue Anmerkungen.

der Thread zur #PluralAcceptanceWeek 2020

Disclaimer: Die #PluralAcceptanceWeek ist eine Awarenessveranstaltung von „Plurals“ für „Plurals“, wobei als „Plural“ definiert wird, wer sich als Mehrere/Viele erlebt. Das meint Menschen mit dissoziativer Identitätsstörung aber auch Menschen mit z. B. Ego States o. Ä. und Menschen, die sich selbst mehr oder weniger absichtlich zu Vielen machen oder gemacht wurden, als sie erwachsen waren. Etwa durch intensives Rollenspiel, Drogenkonsum oder Konditionierung. Die Abgrenzung dazu ist uns wichtig. Es gibt dazu einige Debatten und viele Streite, von denen manche in Foren, Blogs, Twitterthreads und Facebookposts nachzulesen sind. Wir persönlich lehnen es ab, „selbstgemachtes“ Vielesein mit unserem traumabedingt entwickeltem Vielesein gleichzusetzen und zu akzeptieren. Wer dazu forschen will: Die Schlagworte sind „Tulpas“ und „endogenic Systems“.

Zur Webseite der Plural Awareness Week: pluralevents.org


Diesen Thread auf Twitter nachlesen

Für alle, die hier neu sind, „Ein Blog von Vielen“ und das Podcast „Viele-Sein“ noch nicht kennen oder nie Zeit haben, mal da reinzulesen/hören, hier ein Kurzabriss zu uns. Wir sind eine nicht binäre Person und verwenden sowohl Plural als auch Singular-Pronomen zum Namen „Hannah“. Wir sind 34 Jahre alt und gehen seit bald 18 Jahren mit der Diagnose der dissoziativen Identitätsstörung um. Ja – richtig gerechnet – seit wir 16 Jahre alt sind.
DIS war nicht unsere erste Diagnose. Wir waren erst als allgemein anpassungsgestört, dann als persönlichkeitsgestört
dann als schizoid, dann als mutistisch, dann als Borderline Syndrom-erkrankt, dann wieder als schizophren, irgendwann immer auch als depressiv und (akut) suizidal diagnostiziert. Bis wir 16 waren, hatten wir x verschiedene Einrichtungen, Therapeut_innen, Psycholog_innen „durch“. Die DIS-Diagnose war dann erst einmal nichts, worauf wir uns einlassen konnten und wollten. „Aha, jetzt also multiple Persönlichkeit ja geil schönen Dank!“

Wobei wir das so ausformuliert nicht gedacht haben, weil wir von dem ganzen popkulturellen Ding um „multiple Persönlichkeiten“ und den Verschwörungskladderadatsch noch nichts wussten. Aber wir wussten, dass mit der Diagnose auch ein Zerstörungsgrad kommuniziert wird und das passte nicht zu dem, wie wir uns wahrnahmen. An dieser Stelle beginnt unser eigentlicher Thread zur #PluralAcceptanceWeek.

Wie fühlte sich unser Vielesein damals für uns an und wie heute?

Antwort: Gar nicht eigentlich. Für uns gab es nie eine Zeit, in der niemand anderes auch in unserem Leben mitgemischt hat. Da war immer jemand, die_r mit_reagiert, mit_fühlt, mit_denkt, Infos teilt, abfragt … fremd und vertraut nah ist. Wir bemerk(t)en nicht jede Amnesie, konnten uns nicht als widersprüchlich (handelnd, Aussagen treffend) reflektieren und einen Hauch unserer posttraumatischen Belastungssymptomatik, haben wir eigentlich immer nur auf der Intensivstation oder einer geschlossenen Psychiatriestation nach einem Suizidversuch gespürt.
Wir sind nie mit den Armen in der Luft im Kreis gerannt und waren ganz aus dem Häuschen, dass da irgendwelche Anderen sind und dass die ganz anders sind als wir einzelnen jeweils. Gleichzeitig hat es uns total erschüttert, dass Äußere uns sehen und erkennen konnten. Und mit „erschüttert“ meine ich hier „traumatisiert“.
Wir haben uns seziert und mikroskopiert gefühlt, empfanden viele Grenzen übertreten, jedweder Privatheit im eigenen Sein beraubt und als Allgemeingut der Klinik behandelt. Wir konnten uns entsprechend gar nicht akzeptieren – wir gehörten ja gar nicht uns und sollten so wie wir sind ja gar nicht bleiben, sondern „Eine“ werden und alle da (in der Klinik damals) würden dafür sorgen. Vielleicht kriegt ihr grad eine Ahnung, was für ein Horror die 1,5 Jahre dort für uns waren. Was für ein Trauma.

Mit unserer Volljähigkeit endete der Klapse-Einrichtungskreisel und das hat bei der Akzeptanz der Diagnose und uns selbst als Viele extrem geholfen. Wir konnten unreglementiert Medien konsumieren und endlich auch das Internet nutzen. So kamen wir zu erklärten Fachartikeln,zu Berichten anderer Viele, zu Foren, zu Mailinglisten (wisst ihr noch – hach damals…) und zu Menschen, die schon viel mehr über sich verstanden haben. Wir mochten viel davon nicht und das war auch total hilfreich, denn etwas nicht zu mögen ist ja schon mal mehr als das Nichts, das man fühlt, wenn man praktisch durchgehend dissoziiert. So haben wir früh abgelehnt uns als „Multi“ oder klassisch „multiple Persönlichkeit“ zu bezeichnen. Wir sind einfach nicht „mehrfach“, sondern mehrere. Unterschied. Wir lehnen es auch ab, über uns zu sagen, wir wären entstanden, weil wir die Gewalt unserer Kindheit, Jugend und frühen Erwachsenheit nicht anders ertragen hätten. Wir haben sie ertragen müssen, egal, ob wir Viele geworden wären oder nicht. Es ist nie eine Wahl gewesen.

In dem Buch, das wir gerade schreiben, bezeichnen wir unser Vielesein als traumabedingte Entwicklungsstörung. Man weiß heute, dass Persönlichkeit nicht angeboren ist, sondern entwickelt wird und das von vielen äußeren wie inneren Faktoren abhängig ist, damit ein kongruentes Ich-Erleben daraus wird. Wir waren vermutlich schon als Kleinkind Viele, weil wir bereits in dem Alter dem toxischen Stress ausgeliefert waren, der ein Trauma auszeichnet. Wir haben keinen unzerstörten Persönlichkeitskern, weil wir nie irgendeinen Kern haben entwickeln können. Das ist der für uns über die Diagnose kommunizierte Zerstörungsgrad.
Stell dir mal vor, wie das ist, wenn du rausfindest, dass dir ein wesentliches Merkmal der menschlichen Existenz im Grunde fehlt bzw. bei dir nicht „richtig“ entwickelt ist. Wer würde das einfach akzeptieren? Wir waren von all dem maximal überfordert und haben immer wieder nur Psychologie und Psychiatrie als Anlaufstellen dafür gehabt – mit aller Konsequenz für die Klaps-Trauma-Verwicklungen, die sich daraus ergeben. Ein Grund, weshalb wir Peer-to-Peer-Konzepte so wichtig finden.
Wir haben 2007 zuletzt die Gewalt erfahren, mit der wir aufwachsen mussten. Mit dem Ende der Gewalt begann für uns die eigentliche Symptomatik. Flashbacks, somatoforme Dissoziation, Funktionsausfälle, mehr und mehr Bewusstsein für biografische wie Alltagsamnesien und die Unkontrollierbarkeit von Wechseln zu Innens, die sich und damit unser aller Körper schädigen, plötzliche Angstattacken, Essstörungen, eine Palette an Vermeidungstänzen, die unfassbar energieintensiv war… Wir mussten erst einmal akzeptieren, dass das alles da war, weil wir Viele sind und nicht, weil wir viele Probleme haben. Und darüber entwickelte sich dann langsam mehr Diagnoseakzeptanz. Unsere damalige Therapeutin hat sich als Brücke angeboten. Wenn ihr X etwas über sich erzählt, hat sie es Y erzählt und Y hat es für alle aufgeschrieben. Das haben wir so lange gemacht, bis wir das nicht mehr wollten, weil wir uns von der Therapeutin nicht abhängig machen wollten. Wir haben Wege gefunden, uns selbst Brücken zu bauen. Das Blog von Vielen ist dabei die einzige, die wir konsistent erhalten haben bis heute.

Psychisches Leiden wird in unserer Gesellschaft extrem individualisiert. Sich mit dem Vielesein auseinander zu setzen wird häufig auch als individueller Prozess gesehen, der ausschließlich etwas mit einem_einer selbst zu tun hat. Für uns war und ist bis heute aber wichtig zu sehen, dass wir aufgrund unserer gewaltkulturell geprägten Gesellschaft Viele geworden sind. Es braucht nicht nur die von Täter_innen ausgeübte Gewalt, um Viele zu werden – es gibt die Ebene derer, die nicht geholfen, nicht getröstet, nicht geschützt haben und auch die sind in uns eingeschrieben, als „Innens“, wie wir uns Innere nennen. Andere nennen sich „Innenpersonen“, „Anteile“ oder „Alters“. Wir sind also gezwungen, auch diese Ebene in uns zu akzeptieren, wollen wir uns als Ganzes akzeptieren – obwohl sie außen als maximal inakzeptabel gilt.
Hier komme ich an den Kern unserer Akzeptanzproblematik. Wir sind bereit uns selbst zu akzeptieren, wie wir sind. Seit 2015 sind wir auch mit ASS (Autismus-Spektrum-Störung) diagnostiziert. Ab da wurde _so viel_ für uns besser und begreifbar, weil wir mit einem anderen Modell konfrontiert wurden. Nämlich dem der Neurodiversität. Manche Gehirne können so, manche so. Kurz gesagt. Sehr kurz. Sorry.
Wir ordnen unser autistisches Vielesein heute als Entwicklungsergebnis ein, wie unsere Körperhöhe, unsere Haarfarbe, unsere Gewebestruktur.
Wir sind halt so und nicht anders. Und ja, wir könnten enorm viel Energie aufbringen und uns auf die Ursache dieser Entwicklung konzentrieren, aber das kann und darf niemals ein individueller Akzeptanzprozess sein! Wir weigern uns, uns selbst darzustellen als Verkörperung der Gewalt. Wir verkörpern uns. Unser Leben, unsere Entwicklungsmöglichkeiten nach der Gewalt und das zu akzeptieren ist für uns eine völlig andere Kiste. Viel logischer, viel eindeutiger.
Wir kämpfen nicht mehr darum, von anderen Menschen als Viele akzeptiert zu werden, sondern als Mensch und merken: Das ist der viel krassere Kampf, denn der Umgang unter Menschen ist weitaus häufiger entmenschlichend (und gewaltvoll) als sie es bemerken.
Wir merken: Unsere Dissoziation trennt nur uns voneinander – die Dissoziation, die diese Gesellschaft als Menschen voneinander trennt ist viel viel tiefer, viel viel schlimmer und noch viel viel weniger als Fakt akzeptiert, als wir es uns je angetan haben.

Bei jeder Awareness/Acceptence-Aktion muss man sich fragen, wo sie hinführen soll. Wir mussten uns das auch in Bezug auf unser Vielesein fragen. Versprochen wurde uns mehr Lebensqualität, mehr individuelle Freiheit, Selbstbestimmung – alles Dinge, die man selbst gar nicht herstellen kann und die aus einem_einer allein heraus auch gar nicht funktionieren. Ich weiß gar nicht, ob es in diesem Thread klappt die Dimension des Dramas aufzuzeigen, das sich für uns über Jahre aufgetan hat, und wir mit aller Macht zu akzeptieren versucht haben, weil wir dachten: Wir müssen uns als Kern all unserer Probleme und entsprechend auch all unserer Problemlösungen akzeptieren, weil wir nur so unser Vielesein akzeptieren und nur so überhaupt einen Fuß in die Tür zum unbelasteteren Leben kriegen.

Wir waren Anfang/Mitte 20 als wir anfingen zu merken, dass wir keinerlei Selbst- und Lebenskonzept hatten und Ende 20 als wir begriffen, dass, egal welches Konzept wir entwickeln, darin, egal wie sehr wir uns akzeptieren oder nicht, ob die Diagnose weiter besteht oder nicht, überhaupt niemals die Freiheit, Selbstbestimmung und Lebensqualität drin sein wird, wie wir sie uns wünschen, weil wir arm, schwerbehindert und weder hetero noch cis sind. Die Selbstakzeptanz als Ticket ins Normaloland war damit abgebrannt. Und zwar nachhaltig.
Wir begannen darüber nachzudenken, warum wir uns zur Akzeptanz gezwungen fühlten und merkten, dass wir es taten, weil es immer wieder als Bedingung für unsere Trauma_Heilung formuliert wurde.
Nun ist es aber so, dass wir gar nicht heilen wollen, sondern verarbeiten. Wir wollen Integrität. Wollen unsere Geschichte in uns haben, ohne auf Äußere angewiesen zu sein und wollen bewusst mit unseren Erfahrungen sein, um sie wie alle anderen Lebenserfahrungen auch nutzen zu können. Etwas, zu dem wir jetzt noch nicht umfänglich fähig sind. Wir müssen unsere innere Mechanik verstehen, um sie zu nutzen – wir müssen sie nicht akzeptieren und oft denken wir auch: „Ey, bloß nicht akzeptieren, was da läuft, sonst wollen wir es vielleicht nicht anpassen oder verändern.“
Weil Sprache und Re_Framing uns viel möglich macht, sprechen wir heute eher von „Annahme des eigenen Vieleseins“ als von „Akzeptanz des eigenen Vieleseins“. Darin steckt für die Traumaphobischen von uns die Möglichkeit sich über das Konzept der Theorie und der theoretischen Auseinandersetzung zu widmen und für andere von uns eine Geste der Vereinnahmung. Also die Erlaubnis mit uns und unserem Sein zu machen, was wir wollen und wie wir das wollen und können und dürfen – in dieser Gesellschaft zum jetzigen Zeitpunkt.

08072020

Ich gehe mit den Hunden raus. In zwei bis zweieinhalb Stunden kommt die Betreuerin zu uns nach Hause und wir versuchen auf/er/ge/klärt auseinander zu gehen.
Es gab Schwierigkeiten.

Kommunikationsschwierigkeiten.
Traumafolgestörungen.

Ich habe mich vor einigen Jahren für eine freiwillige Betreuung entschieden, weil die Behördenangelegenheiten zu damals noch Eingliederungshilfe und Jobcenter immer wieder dazu geführt haben, dass ich nicht sicher und versorgt war.
Viele Menschen denken: “Ja, Behördenpost versteht eh niemand, da würde ich mir auch gern jemanden holen, die_r das für mich macht.” Bei mir geht es aber nicht nur um Behördenpost. Es geht darum Anträge zu stellen, Antragsmöglichkeiten erklärt zu bekommen, die Auswirkungen und alternative Möglichkeiten erklärt zu bekommen. Es geht darum, dass jemand den Überblick hat und eingreift, bevor ich ohne Geld und deshalb möglicherweise ohne Wohnung und also ohne Schutz bin.

Es geht darum, dass ich Hilfe dabei habe, meine Finanzen so zu strukturieren und diesbezügliche Verpflichtungen abzuklären, dass ich Projekte wie das Blog oder das Podcast machen kann und gleichzeitig auch jede Woche beruhigt Lebensmittel einkaufen.

Es geht auch darum, dass ich jemanden an der Seite habe, die_r mich vor Behörden und anderen Stellen vertritt. Termine mit fremden Menschen an fremden Orten, zu denen ich in der Regel auch meine Assistenzhündin nicht dabei haben darf (weil öffentliche Gebäude keine öffentlichen Orte sind) stressen mich oft so sehr, dass ich nicht mehr sprechen und gehörtes nicht verarbeiten kann. Ich brauche jemanden, die_r dabei war, um mir alles eins zu eins nachzuerzählen und zu erklären, wenn ich mich wieder reguliert habe.

Diese Aufgaben erfordern viel erfolgreiche Kommunikation im Kontakt.
Ein Fehler, und sei er noch so banal im Rückblick, kann sich wie eine Laufmasche auswirken und das Bündnis zerstören.
Das ist uns hier passiert und es war nicht zu verhindern, weil man Behinderungen nicht nur mit Enthinderungen begegnen muss, sondern auch mit Strukturen, in denen man alle eigenen Fähig- und Fertigkeiten, sinnhaft einbringen kann.

In Deutschland gibt es diese Strukturen nicht.
Das frustriert mich oft, triggert mich noch öfter in altes Empfinden von Ohnmacht und Ausgeliefertsein und manchmal schaffe ich es nicht rechtzeitig, zu kommunizieren, was meine Worte und Gesten sagen und was sie nicht aus.sagen sollen.
Und manchmal denke ich auch einfach nur: “Warum the fuck bin ich eigentlich dauernd die Person, die (sich) erklärt und aufklärt und sagt. “Ja kein Problem, Sie haben es ja nicht böse gemeint”? – Nein, diesmal behalte ich meine Kraft und suche mir eine andere Person fürs Team.”

sich im Schmerz zu Hause fühlen

Tag 4 mit einem Körper-Gefühl-Flashback, der nicht aufhört.
Wenn ich einschlafe oder zur Ruhe komme, wird es schlimmer. Will ich einen Gedanken konstruieren oder gar festhalten, zerreißt etwas in mir.

Die Sonne scheint, der Wind fährt mal sachte mal ordentlich über die Haut. Die Kätzchen sind zuweilen so aktiv, dass es aus der Scheune rumpelt. Gisela und/oder Bert sitzen mit großer Ausdauer in ihrem Nest. Die Hunde kommen und gehen, zum Schmusen oder zum Spielen. Die Pflanzen wachsen, blühen, tragen Früchte oder Samenkapseln. Eine der Staudenbestellungen im Frühling ist jetzt angekommen. Kleine Babystrubbel, die am Wochenende ihre Füße in unseren Garten stecken können. Heute Nachmittag werden wir zusehen, wie jemand junge Schleiereulen beringt. Alles ist so toll.

Und alles ist so furchtbar, denn mein Körper signalisiert mir akut bedrohlichen Schmerz. Und Schmerz. Und Schmerz. Er ist so durch_dringend, dass es mich verwirrt, wie einfach ich mich gleichzeitig aber bewegen kann. Wie ich doch lebe, wie doch alles geht und niemand da ist, der mir das antut. Wie es keine Quelle für dieses Empfinden gibt, außer meiner Erinnerung bzw. “Erinnerung”. Wohler würde ich mich damit fühlen es “Gedanken” zu nennen, aber ja blabla Vermeidungstanz nein, das machen wir jetzt nicht, aber doch, es fühlt sich stimmiger an.

Ich habe noch nicht viel gemacht, um den Flashback zu beenden, aber das heißt nicht, dass ich es nicht anders will.
Auf eine verwirrend fremde Art fühlt es sich kongruent an, diesen Schmerz zu erleben. In all seiner Furchtbarkeit und in aller Not, die er bedeutet. Ich weiß, dass ich ihn nicht verdient habe, weiß auch, dass stimmt, was die Therapeutin an Tag 0 des Flashbacks sagte: “Schmerz ist Schmerz”.
Er ist eine Konstante.
In all dem, was dieser Flashback mit sich bringt – Bilder, Gedankenfetzen, Impulse, Informationsbrocken, die mir wie zufällig in den Sinn kommen und ab und zu sogar Sinn ergeben – ist er da und ein eindeutiger Ausgangspunkt. Viel eindeutiger als HeuteHierjetzt, obwohl – ja, mega merkwürdig – wir da durchaus einige andere starke Ausgangspunkte haben. Aber die tun nicht weh, die sind nur da.

Andererseits ist genau das die Tücke. Sich im Schmerz zu Hause fühlen, sich darin sicher und klar fühlen, ist so alt. Übersetzt: so früh(kindlich).

der neue Lebenstag

Vor einem Jahr hat die Standesbeamtin unsere Namensurkunde erstellt. Diesen Tag feiern wir nun als unseren Geburtstag.

Man kann eine Geburt an vielem festmachen und vielleicht ist es merkwürdig, einen bürokratischen Akt damit zu verbinden, doch ist es die Bürokratie, die uns immer wieder an die Herkunftsfamilie gebunden hat und immer wieder zu binden versucht.
Seit einem Jahr haben wir unsere Geburtsurkunde, haben wir eine Namensänderungsurkunde. Den Grundstock für das eigene bürokratische Ich, das erste Blatt im eigenen Familienstammbuch.
Jetzt gibt es nicht mehr die Person, die von den Eltern benannt wurde, sondern uns, die wir uns selber benennen, die ihre Kinder benennt, die ihren Ehestatus beurkundet, die irgendwann stirbt und dann vielleicht noch jemanden hat, die_r die Sterbeurkunde dazuheftet. Es ist nicht die Scheidung von der Familie, die wir für uns wollen und vom Staat fordern, aber immerhin ein signifikanter Abbruch vom Familien°stammbaum. Ein Ableger, der sich die Umgebung zur Weiterentwicklung selbst ausgesucht hat.

Manchmal kommt mir das auch wie ein Verrat an dem Kind der Eltern vor. Als hätten wir es verlassen und aufgegeben. Wir versuchen gar nicht erst, uns dieses Empfinden zu beruhigen oder wegzumachen. Es stimmt ja. Es ist ja ganz real nie eine echte Lösung aus und von dem, was unseren Geburtsnamen so problematisch für uns (ge)macht (hat) gewesen, sondern ein Kompromiss, eine Möglichkeit, für die wir uns entscheiden konnten, um die Lösungs- und Er_Lebenswege zu erschließen, die sich ergeben, wenn man sich nicht mit jeder Ansprache direkt in Verbotsdruck oder dem Gefühl der absoluten Grenzübertretung befindet.

Wir sind heute nicht frank und frei, glücklich und zufrieden mit allem, was die Namensänderung bedeutet. Aber franker und freier, glücklicher und zufriedener als wir es vorher waren.
Wir haben das Gefühl, eine Entwicklung angestoßen zu haben, die vorher nicht möglich war. Das Begreifen, dass wir nichts mehr für das Kind tun können, sondern nur noch für die erwachsene Person, die es geworden ist.

internationaler Kindertag

Heute ist internationaler Kindertag.
Ich habe darüber nachgedacht, wie man Kinder sieht. Und, wie man sich selbst als Kind sieht.

In dem außerordentlich guten Film „The Tale“ wird deutlich, welche Erzählung die erwachsene Person, die von ihrem Reitlehrer sexualisiert misshandelt wurde, von sich selbst in dieser ihrer Kindheit hatte.
Sie beginnt die Geschichte von sich als „reife junge Frau“, die gewollt (begehrt?) war und kann erst durch ein Foto von sich in dem Alter erkennen, wie jung sie noch war. Wie kind_lich.

Ich habe dieses Bild von mir nicht. Ich war nie jünger als 16 und nie anders als so beladen mit Alleinverantwortung, Pflichten und Anforderungen an „angemessenes Verhalten“, wie ich das heute bin. Kind waren und sind immer die anderen. Es gibt aus meinen Lebensjahren 16 bis 18 nur die Porträts, die man in meine Klapsakten gelegt hat, damit die Polizei mich finden kann, wenn ich „abgängig“ sein sollte. Da bin ich blass und habe rötliches Haar. Ich sehe weder so aus, wie ich mich gefühlt habe, noch jugendlich, geschweige denn kindlich.
Meine Kindlichkeit damals, kann ich heute am ehesten noch aus meiner Un_Reife ableiten. Aus der Unerfahrenheit im Leben nach der Gewalt in der Herkunftsfamilie. Es war ein neues Leben. Ich war dieses neue Leben.

Vor einiger Zeit haben wir uns mit der Therapeutin zusammen Fotos aus unserer Einsmensch-Kindheit angeschaut. Die Therapeutin sagte, man könne schon in den Babyfotos sehen, dass wir das sind. Für mich ist das ein unaushaltbarer Gedanke. Dieses Baby soll ich geworden sein, ich soll dieses Baby gewesen sein. Nein, nein, das kann nicht sein – das würde ja bedeuten, dass ich irgendwann mal global abhängig war und sich gefälligst mal richtig anzustrengen ein völliges Quatschkonzept ist, vor dem man logischerweise überfordert zusammenbrechen muss. Dass ich mal weder sprechen, noch laufen, noch kauen konnte, noch für Dinge verantwortlich war, weil man mir keine Macht über Dinge zusprach. Das würde ja bedeuten, dass es mal eine Zeit in meinem Leben gab, in dem ich nicht an allem (selber) schuld war, nicht krank, durchgeknallt und der Gesellschaft tendenziell eher unzumutbar.

Ich glaube, dass man immer das eigene Kind ist und alle Menschen immer die Kinder ihrer Zeit bleiben, was ihren Blick auf andere Kinder beeinflusst. Dass ich mich selbst als Jugendliche geboren erlebe, bedeutet, dass ich eine Offenheit für Kinder habe, die ihnen viel Raum lässt, sie selbst zu sein. Ich sehe nicht mich in ihnen, sondern sie. Und dafür brauche ich keine spezielle Spezialhaltung und pädagogisches Fachwissen oder irgendeinen esoterischen Dreh, nach dem sich meine Seele für ihre Seele öffnet und trallalala. Es ist mir einfach eigen und macht es mir sehr leicht, respektvoll und achtsam mit Kindern zu sein.
Und das, obwohl ich so eine bekloppte Irre bin. So eine gefährliche „psychisch kranke“ Person. So jemand, „bei der_m man ja nie sicher sein kann“. So jemand, „wo man ganz genau gucken muss“.

Ah Mist – in die Falle getappt – nicht „obwohl“.
Weil.

die Puppe

Als ich durch das Zimmer schaue und überlege, welches kleine Nähprojekt einfach und erfolgversprechend sein könnte, fällt mein Blick auf unsere Baby Born Puppe. „Dir kann man echt nichts, aber auch gar nichts in die Hand geben. Alles machst du kaputt.“
Ich will nähen, weil es mir gerade hilft, Erinnerungen an schwierige Erfahrungen zu distanzieren. Und die Kinderinnens. Ich kann das immer noch nicht mit einer hübschen Idee von einem super sicheren Ort ganz für sie allein und seit einer Weile versuchen wir auch, sie nicht einfach immer wieder in das weiße Nichts des Schwans zu schieben, also eiere ich durch den Alltag. Tue kleine erfolgversprechende Dinge, arbeite mich müde und zufrieden und hoffe auf Nächte, die verkraftbar sind.

„Was hast du denn mit dem Ding gemacht?“
Die Puppe klappert, als ich sie hochnehme. „Du sollst mich angucken, wenn ich mit dir rede!“ Ich halte sie fest, verlasse das Schlafzimmer und die Erinnerung. Ich schaue aus dem Fenster und denke daran, dass ich später noch die Pflanzen gießen muss.
„Eigentlich mache ich gar nicht immer alles kaputt“ denke ich und bleibe ein bisschen länger in dem Gefühl des Schaffens, das der Garten in uns auslöst. Es hat sich schon viel darin verändert und das unter anderem deshalb, weil der Freund nicht glaubt, dass man uns nichts in die Hand geben kann.

Ich google nach Schnittmustern für Puppenkleidung und finde eins, das für Anfänger_innen geeignet ist. Die Puppe, die nie einen Namen hatte und nie mehr als ein Trainingsgerät für die Tätigkeiten war, die allgemein erwartet wurden, liegt in meinem Schoß und starrt in die Luft. Sie ist ziemlich verstaubt und dreckig. Auf dem Kopf sind Farbstreifen, die Kuppe eines Zeigerfingers fehlt, nachdem Fingernägelschneiden daran geübt wurde.

Während der Drucker röchelnd und ächzend das Schnittmuster aus sich rauswürgt, gehe ich in die Küche, wo die Nähsachen stehen. Sie wiegt vielleicht 400 Gramm und besteht komplett aus Kunststoff. Als ich sie aus dem selbstgestrickten Pullover friemele, klappert sie wieder. „Was hast du denn mit dem Ding gemacht?“
„Ja, was soll ich damit gemacht haben, du Arsch. Vermutlich habe ich damit gespielt. Mit diesem 100% Kunststoffscheiß, der doch ganz logisch irgendwann irgendwie auf jeden Fall kaputtgehen musste.“ Ich schüttle sie nochmal. Und nochmal. Und nochmal sehr kräftig. Es ist schon so lange her und immer noch so eine ungerechte Kackscheiße. „Arschloch bescheuertes“, denke ich und lege die halbnackte Figur auf den Küchentisch. Ich leuchte in die Löcher auf ihrer Rückseite und sehe, dass es Kreuzschlitzschrauben sind, die sie zusammenhalten .

Der Drucker ist längst fertig. Draußen zwitschert die Sperlingsgang, die Sonne scheint. Mir ist schlecht und ungreifbarer Erinnerungsmüll wabert mir entgegen wie eine Algenpest aus der Hölle. Ich schraube die Puppe auf und finde das Stück Plastik sofort. Einer der stabilisierenden Pfeiler im Korpus war offensichtlich nicht gut genug mit der Schale verklebt. Das war unmöglich unsere Schuld. Egal, was wir mit der Puppe gemacht hätten, wäre das passiert. Wir hätten sie natürlich auch nie anrühren können, klar. Aber das wäre sicherlich auch wieder als Zeichen von Undankbarkeit, Gefühlskälte oder was weiß ich gedeutet worden. „Beknacktes, dämliches Scheißarschloch.“ denke ich und schraube die Teile wieder zusammen. „Für die 4 Schrauben hats bei dir dann nicht gereicht. Aber sie zu schlagen und fertig zu machen schon. Das war drin.“

Wie sie so da liegt, macht mich fertig. So steif und starr, nackt und einfach nur präsent, weiter nichts. Man kann alles mit ihr machen. Alles, was man will. Sie wird nie irgendetwas sagen, nie irgendetwas ausdrücken, immer nur da sein und starren und Plattform für alles mögliche sein.
In einer Anwandlung fange ich an, sie sauberzumachen. Das hat etwas von Heilmachen und fühlt sich merkwürdig an. Ich bin gegenüber toten Gegenständen nicht fürsorglich, merke aber, dass ich hier gerade etwas Fürsorgliches tue, das ich so konkret nach innen nicht tun kann.

Einen Tag später sind Hose und Shirt fertig.
1992 ist 28 Jahre her. Unsere Baby Born Puppe klappert nicht mehr.

tapp tapp tapp IST DAS DING AN?!

Ich hatte heute morgen mal wieder so einen weitgeteilten und belikten Tweet in der Timeline, in der jemand wollte, dass endlich mal alle Leute kapieren, was Trigger eigentlich für ne schreckliche Sache sind und, dass man das nicht leichtfertig daherreden soll, wenn man davon keine Ahnung hat.
Solche Forderungen habe ich so oft in meiner Timeline, dass sie mir zum Trigger geworden sind. In Wut, in Abwehr, in die Gedanken daran, wie viel Traumaedukation von Nichtpsycholog_innen es noch braucht, damit das endlich aufhört und dem folgend das Gefühl, dass es nie genug sein wird und wir dieser Forderung für immer und immer ausgesetzt sein werden.

Argh.

Es kommt bei mir anders an, wenn man fordert, diesen Sprech sein zu lassen, weil (extreme) Rechte diese Begrifflichkeit für sich benutzen, um Menschen, die Gefühle haben, zu demütigen. Das ist für mich etwas anderes, weil es dabei darum geht, wie wir miteinander leben und reden wollen. Wollen wir uns über unsere Sprache von denen abgrenzen (und uns andere Worte überlegen, um Leute zu demütigen) oder wollen wir sie uns aneignen, um ihnen die Wirkmacht zu nehmen?

In meiner Community merke ich, dass Leute, die diese Begrifflichkeit nur für traumatisierte Menschen “genehmigen” wollen bzw. nur von ihnen zu füllen erlauben, versuchen etwas am Miteinander zu schrauben, ohne klar zu machen, worum es ihnen geht. Da wird nicht darüber gesprochen, warum es schwierig ist, wenn die Allgemeinheit mit “jetzt bin ich aber getriggert” meint, dass sie irritiert, beleidigt oder gestresst im Sinne von abgenervt ist, sondern eine Schlimmskala aufgemacht. “Für mich (für Menschen wie mich) ist getriggert sein schlimmer als für dich (Menschen wie die, als die ich dich jetzt einfach mal eben so ohne Nachfragen oder nähere Kenntnis einordne), weil ich hab ein echtes Trauma (und du nicht)”.
So was kotzt mich an. Like so richtig, wirklich echt. Weils Gewalt ist.
Gewalt, die Leute ausüben, weil sie glauben, ihre Erfahrungen legitimieren das. Und manchmal auch, weil sie sich darauf verlassen können, dass ihre kleine soziale Bubble sie in dieser Haltung legitimiert.

Hier denke ich oft, dass ein Fehler auch daraus entsteht, dass sich kaum jemand wirklich die Zeit nimmt, sich “Trauma” wie etwas zu widmen, das man auch objektiv anschauen kann, obwohl und gerade weil es so viel Subjektives darin gibt. Ja, “wir traumatisierten Menschen” denken alle, dass wir so spezielle kleine Schneeflöckchen sind und bei allen ist alles anders und individuell und bliblablö, aber es gibt ganz grundfeste Gemeinsamkeiten. Die Mechanik des Traumas wird nicht jedes Mal neu für alle frisch traumatisierten Menschen erfunden. Man kann sich heute aus einem so unfassbar großen Fundus an Informationen aller möglichen Fachrichtungen informieren – man negiert damit erst einmal nicht das subjektive Erleben der Menschen, die damit leben.

Ich glaube, dass ich ohne meine subjektive Traumaerfahrung und mein Leben mit den Folgen heute, aber auch mit dem Wissen, dass ich dazu habe, nicht erkennen könnte, dass die Forderung nach Triggerwarnungen, nach “Hört auf, “getriggert” nicht im Traumakontext zu sagen” und diesem ganzen Salat, der dann oft daraus entsteht, ganz klassisches Vermeidungs- und Kontrollverhalten ist. Ich will nicht bewerten, ob das schlechtes Verhalten ist, oder klar geht, aber ich will bewerten, wie “meine Community” darauf reagiert. Nicht hilfreich, nämlich. Zumindest nicht, was den Umgang mit traumatisierten Menschen in der eigenen Clique angeht.
Es hilft 0 – absolut gar nicht, like wirklich nicht, jeden möglichen Trigger aus dem Leben eines Menschen, egal, ob traumatisiert oder nicht, rauszuhalten, zu markieren oder zu policen. Das ist Vermeidung. Das ist PTBS. Das ist das Gegenteil von Verarbeitung und damit auch das Gegenteil von Heilung, Möglichkeiten zur Heilung und Weiterentwicklung – also Leben.

Ihr wisst, dass es jetzt kommt, weil es an dieser Stelle seit Jahren immer wieder geschrieben wird:
LEBEN TRIGGERT

Niemand von uns wäre auf der Welt, würde fühlen, denken, handeln, träumen, wünschen, fordern können, gäbe es nicht in uns allen gleich das Reiz-Reaktionsprinzip als Grundlage aller Entwicklung.
Ja, “wir Traumatisierten” haben durch unsere Erfahrungen da ein Feature. Ja, ein kack Feature, das in aller Regel weh tut und stört und alles kompliziert macht und viel Aufmerksamkeit zieht. Aber wir haben da nichts Komisches, Besonderes oder irgendwas, was nur aus dem Blickwinkel der Psychologie betrachtet werden darf, weil sie das so hübsch für sich durchprofessionalisiert hat.

Wenn “wir traumatisierten Menschen” unser Trauma in einer Community thematisieren oder in einer Gruppe, dann geht es doch eigentlich immer um die Frage, wie wir miteinander leben und umgehen wollen. Es geht um Fragen des gegenseitigen Verstehens, der Grenzenachtung, es geht um die Frage, wer einspringen kann, wenn ich wegen Flashback, Schmerzattacke, Angst, Nichtgepennt, Disso-Tag etc. ausfalle, es geht um Fragen des Rückhalts, es geht um Fragen der Akzeptanz untereinander. Es geht um unfassbar anstrengende Kommunikation.
Und darauf haben viele einfach keinen Bock – there I said it.

Grad in meiner alternativen Bubble, wo Plena immer irgendwie länger sind als geplant, schleicht sich das immer wieder rein. Man hat schon so viel darüber zu reden, wie man Sexismus unterbindet, Rassismus nicht reproduziert und Klassismus aushebelt, dass Ableismus und Saneismus weder von allen als reflektiert vorausgesetzt, noch über Umgänge verhandelt werden kann. Also fällts weg. Man wartet auf Ansagen. Reagiert aus Unsicherheit mit “Ja ok, du bist ja marginalisiert, ich nicht, du gibst vor, ich folge – ich helf dir, damit alle anderen auch folgen (ich coole Sau)”

Argh.

Ich werd hier jetzt nicht hinschreiben, was ihr oder wir oder alle machen müssen.
Da beginnen die Aushandlungsprozesse, die wir meiner Ansicht nach in der Community und in der Welt insgesamt brauchen. Was ich sage is: Mach deine Hausaufgaben. Reflektier dich in deinen Forderungen alle.

Leben triggert. Es ist im Grunde ein suizidaler Akt, sich dem zu entziehen.

micdrop

Maskenpflicht und Todesangst

Maskenpflicht.
Finden wir gut, wichtig, überfällig.
Und anstrengend, überfordernd, triggernd.

Für uns gibt es an der Stelle keine Diskussion. Kein “Ich will eine Ausnahmeregelung für mich, weil…” versus “Es muss auch andere Wege geben.”, denn es gibt andere Wege und in Kombination mit einer allgemeinen Maskenpflicht steigert sich deren Effizienz.

Ein Problem, das ich habe, ist, dass wir Gewalterfahrungen gemacht haben, an die wir erinnert werden, wenn wir etwas im Gesicht haben bzw. haben sollen und andere Leute uns dabei anschauen.
Und Asthma. Das obendrauf.  Jede Irritation der üblichen Atmung (die schon nicht “normal” ist, weil Asthma zu chronischer Hyperventilation durch unbewusste Anpassung der Atmung an die Erkrankung führen kann) bringt uns aus dem Tritt und damit einen Schritt näher an eine Attacke oder die Überblähung.
Und widersprüchliche Informationen. Hier lese ich dies, hier lese ich das, der Freund, der Krankenpfleger war, sagt jenes und draußen im Laden, auf der Straße passiert noch ganz anderes.
Und Autismus. Die Pandemie hat unsere Wochenroutinen zerstört. Wir brauchten und brauchen Zeit, um das zu realisieren und zu prozessieren. Und Kraft, um neue Routinen zu entwickeln, die sich nicht unsicher anfühlen, weil sie ja nur einen Übergang schaffen. Für uns ist die Pandemie aber eigentlich kein Übergang, sondern der Anfang von etwas Neuem, auf das wir uns nicht vorbereiten konnten, zu dem wir uns nicht entscheiden konnten, das wir in seinem Umfang und seiner Bedeutung für uns noch gar nicht erfassen können. Wir müssen uns davon lösen anzunehmen, dass wir bald wieder montags in der Schule Bücher binden und abends die Therapeutin sehen, dienstags mit C. arbeiten, beim Bäcker “unser Brot” kaufen und ein süßes Teilchen essen, während wir mit NakNak* auf dem Schoß im Zug nach Hause sitzen. Das ist alles vorbei. Es wird so sehr lange nicht mehr passieren. Selbst dann nicht, wenn alle schon fertig sind mit Lockdown und Abstand halten. Wir werden zu den letzten gehören, die sich ohne Ansteckungssorge in Bus und Bahn, Supermarkt oder Arztpraxis begeben können. Jetzt ist alles anders. Wir müssen uns daran anpassen und das kostet uns Kraft.  Der Übergang ist eigentlich nur die Zeit, die wir brauchen, um das zu akzeptieren.

Wir schauen uns deshalb genau an, was wir warum wie verändern sollen. Letzte Woche war eine Maske zu tragen noch freiwillig, jetzt soll es eine Pflicht sein. Wo die Masken für alle herkommen sollen, ist unklar. Zu lernen wie man eine Maske richtig und sicher trägt, pflegt und desinfiziert, gehört nicht zur Pflicht, wird auch nicht breit kommuniziert. Für mich sieht das nicht effizient aus. Eher wie etwas, das mir Kraft wegfrisst, die ich zum Ausgleich der Folgen der Ineffizienz brauche. Auch wie etwas, mit dem weiterhin konsequent zwischen “gesund” und “krank”, “arm” und “reich”, “be.hindert” und “be.hinderungen problemlos kompensieren können”, getrennt wird.

Es sieht mir auch nach etwas aus, das meine Probleme der Anpassung individualisiert und damit auch alle Verantwortung und weiter auch Schuld für mögliches Scheitern und dadurch eventuell entstehende Gefährdung Dritter. Und ja, sicherlich sind all die Dinge, die mir das Tragen einer Maske erschweren individuell – dass es mir schwerfällt eine zu tragen, ist es jedoch nicht. Damit sind aktuell eine ganze Menge Menschen konfrontiert und überfordert.
Es gibt im Moment so wenig, das hilft, sich anzupassen. Sich irgendwie einzufinden. Alle, die ich kenne, wurschteln sich irgendwie da durch, können gar nicht so richtig sagen, was ihnen hilft und was nicht. So oft enden unsere Gespräche mit der Feststellung, dass es ist, wie es ist, wir es akzeptieren und gucken müssen, wie wir durchkommen. Sie enden nie damit, dass wir mehr als symbolisch zusammenstehen müssen. Nie damit, dass man einander sagt, dass man Angst hat zu sterben. Man tröstet sich nicht. Man redet nicht über den Tod und die Angst davor. Immer noch nicht. Man redet darüber, wo man Masken kaufen kann. Dass man eine positive Einstellung haben muss. Dass es anderen viel schlechter geht. Dass man sehen wird, wie sich das alles entwickelt.

Die Angst ist für uns in allem. Unsere Gewalterfahrungen waren mit Todesangst verbunden. Jede Asthmaattacke ist mit Todesangst verbunden. Jeder Routinenbruch ist für uns mit der Angst verbunden, die Welt könnte zerbrochen sein und wir dadurch in Lebensgefahr. Eine Maske, eine Abstandsregel, eine Desinfektionsvorschrift berührt diese Angst nicht, eigentlich lenkt sie nur davon ab, verschiebt den Schwerpunkt der Vermeidung. Man hat einen Gesprächspunkt mehr, durch den man einander nicht sagen muss: “Ich weiß, dass du Angst hast, ich habe auch Angst. Mein Umgang damit ist…”

Wir trainieren uns das Tragen einer Maske jetzt an. Aus Gründen, die weniger mit Corona als damit zu tun haben, dass wir es für eine relevante Fertigkeit halten, eine Maske im Gesicht tolerieren zu können.
5 Minuten-YouTube-Video = 5 Minuten Maske im Gesicht aushalten. Das geht. Die Erinnerungen kommen, mit dem Ende des YouTube-Videos, enden auch sie. Imagination ist nichts anderes als gezielte Dissoziation. Es ist okay, sich durch die Tragezeit einer Maske zu dissoziieren. Es ist okay, Angst zu haben. Die Tragezeit ist begrenzt. Ihr Ende kann man sich deutlich machen, ihren Anfang kann man sich deutlich machen. Man kann kontrollieren, wann und wo und warum man sich ihr aussetzt. Und, ob es das wert ist. Die eigentliche Angst ist immer da. Ob mit oder ohne Maske, die triggert, die Atmung erschwert, den Ausnahmecharakter der Gesamtsituation extrem unterstreicht.

Gegen die Angst hilft nicht, sich gegen eine Maske zu entscheiden oder einfach nicht mehr rauszugehen (wenn man diese Option überhaupt (wirklich) hat). Gegen die Angst hilft nur Beruhigung, durch Sicherheit(sgefühl), durch Versorgung aller Bedürfnisse.
Wie immer.

Autismus, Trauma, Kommunikation #8

Ich hing gestern gut 6 Stunden im Support meines Webhosters, um die E-Mail-Adresse, die ich hier seit Jahren verwende, um über Blog, Podcast und darüber hinaus erreichbar zu sein, zu retten.
Es war das Ende einer langen Kette von Miss- und Unverständnissen, die ich in diesem Text nicht weiter ausbreiten will, unter anderem, weil sie nicht sind, die mich belasten oder jetzt, einen Tag später endlich meine Erschöpfung von allem spürend, auch unfassbar schmerzlich berühren.

Worüber ich hier schreiben will ist, warum es mich so schmerzt. Warum es ein Trigger für uns ist. Was genau der Punkt ist, wo sich Autismus und Trauma bei uns so vermischen, das die zwischenmenschliche Kommunikation und Interaktion in jeder Situation eine retraumatisierende sein kann.

Im Blog von Vielen haben wir die Textkategorie „Die Helfer_innen und die Hilfe“.
Entstanden ist sie aus der Erkenntnis, dass Helfer_innen und Hilfe schaden können. Aber auch aus dem Wunsch zu erfassen, was uns hilft und wieso. In dieser Kategorie finden sich auch Texte aus der Zeit vor der Autismusdiagnose, in der wir dachten, dass wir einfach unverständlich sind. In der wir dachten: „Wir machen das halt einfach immer falsch mit dieser Hilfe. Wir müssen die richtigen Worte finden, wir müssen uns genau abgucken, wie andere sich verhalten, damit sie Hilfe bekommen und wir müssen das nachmachen (, um dann zu merken, dass wir selbst das noch falsch machen, weil unser Blick auf Menschen dazu führt, dass wir die falschen Verhaltensweisen in falschen Reihenfolgen kopieren).“

Missverständnisse zu vermeiden, den richtigen Eindruck zu vermitteln, das Richtige im richtigen Moment zu sagen, oder zu verschweigen, war in meiner Kindheit über.lebenswichtig. Dabei  außerhalb der familiären Gewaltkontexte immer wieder zu scheitern, zum Beispiel in der Schule, im Hort, im Sportverein, in Chor und Band und was wir nicht alles noch besuchten, ist das Eine.
Es bestätigte die Traumawahrheit, dass niemand hilft, niemand glaubt und auch niemand versteht. Das AußerhalbderFamilie wurde mir immer wieder als unwürdig, falsch, schlecht, dumm dargestellt und so erschien die Botschaft auch valide.
Diese Dynamik beschreiben viele Menschen, die als Kinder in gewaltvollen Familien, in Sekten und organisierten Gewaltkontexten, auswachsen mussten. Es gibt ein Außen auf das du nicht zählen kannst und es gibt ein Innen, das immer für dich da ist – die Familie/Sekte/Gruppe/die Anderen.

Als autistisches Kind hatte ich das nicht.
Autismus greift in jede Interaktion und in jede Kommunikation hinein. Die gleichen Miss- und Unverständnisse, die ich im Außen erlebte, erlebte ich auch im Innen. Nur dort in seinen Auswirkungen erheblich brutaler, einfach schon, weil ich ein Kind war. Abhängig auf allen Ebenen und dadurch schlicht nicht in der Lage, überhaupt meiner Sicht auf die Dinge die Be_Achtung einzufordern, die nötig ist, um Miss- und Unverständnisse aufzuzeigen oder zu klären.

Wer durch ein Minenfeld laufen muss, aber nicht, wie alle anderen Leute auf Merkmale der Minen achtet, wird verletzt. Ganz zwangsläufig. Und so – auf diese Art gehen wir durchs Leben. Immer wieder und wieder und wieder und wieder. Ohne, dass unsere Gesprächpartner_innen das merken. Ohne, dass wir ihnen das immer so begreiflich machen können, dass sie sich nicht als Person gekränkt, bedrängt, abgewertet oder irritiert erleben. Ohne, dass sie uns den Schmerz nehmen oder uns trösten können. Ohne, dass sie ~ einfach mal eben so, ohne jede Anleitung und Herumprobieren und der dazu nötigen Konsequenz ~ etwas dagegen tun können.

Nun ist die Metapher natürlich nicht ganz passend. Die Merkmale einer einzelnen Mine kann man auswendig lernen. Man kann sich zwingen, sich selbst gegenüber brutal restriktiv dazu bringen immer, zu jeder Zeit auf den Boden zu schauen und auf Minen zu achten. Zwischenmenschlichkeit ist aber kein fester Gegenstand. Kommunikation verläuft nicht immer gleich, nicht immer vorhersehbar. Interaktion wird von so einer großen Zahl von Faktoren beeinflusst, dass sie einfach nicht in allem immer berechnet oder angenommen werden kann. Schon gar nicht von einem Kind, das zusätzlich dazu noch in einem sozialen Umfeld aufwächst, das unvorhersehbar und immer unnachvollziehbar in Gründen und möglichen Konsequenzen absichtlich irreführend kommuniziert.

Was sich für uns aus diesem Umstand (und vielleicht noch anderen, bisher nicht bekannten Faktoren) entwickelt hat, ist, dass es für uns ein Außerhalbvonuns, ein AußerhalbderFamilie und das InderFamilie gibt.
„Autismus“ als Wort kommt laut Wikipedia von altgriechisch „autós“ – also „selbst“. Die meisten Autist_innen, die ich bisher kennenlernen durfte, kennen diese Trennung von sich. Es gibt sie und gibt alle anderen. Und immer stehen dahinter ähnlich schwierige Kommunikations- und Interaktionserfahrungen. Ich persönlich sehe das nicht darin begründet, dass alle Menschen speziell autistischen Menschen gern das Leben zur Hölle machen wollen, sondern darin, dass die meisten Menschen eben nicht autistisch sind oder die autistische Wahrnehmung und Einordnung nicht von sich selbst kennen und also nicht nachvollziehen und also nicht beachten können.
Das macht Autismus für mich zu einer Behinderung, die noch einmal mehr als bei anderen Behinderungen, nicht als etwas Individuelles angenommen und behandelt werden darf, da auch nicht autistische oder anders neurodivergente Menschen in ihrer Kommunikation mit autistischen Menschen die Barrieren der Kommunikation und Interaktion zu kompensieren gezwungen sind.

Die im wahrsten Sinne des Wortes herrschende Ansicht ist allerdings eine andere und so ergibt sich für mich eine immer wieder auftauchende Dynamik der Traumatisierung (s. „seelische Verwundung“) in meinem Alltag, die sich auch noch einmal verschärft hat, seit ich weiß, dass ich autistisch bin.
Meine Bemühungen um Verstehen und Verstandenwerden passieren in aller Regel einseitig, weil mein autistisch sein als meine Behinderung angenommen wird. Etwas, das ich überwinden muss, um mit nicht autistischen und anders als ich neurodivergenten Menschen in einander verstehender Kommunikation „richtig“ zu funktionieren. Ich werde da mit etwas auf eine Art allein gelassen, die im Umfang ihrer Implikationen für mich unermesslich ist. Die Welt – das Außerhalbvonmir – ist damit eine nie versiegende Quelle von Schmerz, von Überforderung, von Not, von Ohnmacht und Hilflosigkeit und gleich meiner mich jahrelang quälenden Misshandlungsfamilie in ihrer Anmutung.

Und das tut weh.
Das tut wirklich weh und ist im Ausmaß nicht zu beschreiben.

Denn auch wenn ich weiß, dass ich am glücklichsten allein bin; dass ich weiß, dass ich mir selbst am meisten Vergnügen bereite und auch sonst immer und immer alles irgendwie auch allein schaffe (mich durch alles durch dissoziieren kann) so will ich doch auch vertrauen können, andere Perspektiven als meine er_leben, von anderen lernen, meine Kräfte schonen, indem ich Herausforderungen mit Unterstützung anderer Menschen bewältige und so weiter und so fort. Ich will leben. Nicht überleben.

Missverständnisse bedeuten für mich oft, von jetzt auf gleich völlig auf mich allein gestellt über_leben zu müssen. Sie sind mir Trigger für Erinnerungen an Vergangenes und reales Jetztgeschehen gleichzeitig und weil das so ist, hat dieser Text keine Punchline am Ende, die zu einem Like oder einem Klick auf den Share-Button führt, sodass mehr autistische traumatisierte Leute davon lesen können. Es ist wieder einfach nur gesagt. Aufgeschrieben. Ums zu sagen. Zu erklären. Zu zeigen, dass es passiert und dass es weh tut und ich nichts dagegen tun kann, weil grad einfach alles so ist, wie es ist und ich mittendrin bin und nichts und niemand – weder mein Wissen zu Trauma, Autismus, Menschen und ihrem Ableismus, noch irgendjemand, der helfen will, helfen kann.
Denn der Schmerz passiert in mir allein und alles andere ist Außerhalbvonmir.