Schlagwort: Trauma

„hey there – look at my butt – whoohoo“*

Vor Kurzem wurden wir darauf aufmerksam gemacht, dass eine Veranstaltung der „Rhein-Main-Skeptiker“ bei der auch L. Benecke von der „Satanic Panic reloaded“ sprechen würde, nach vielstimmigem Protest von Opferschutzorganisationen und Gewaltbetroffenen abgesagt wurde.
An sich schon ein Ereignis – doch kurz darauf veröffentlichte die Betreiberin M. Kreusel von „Blumenwiesen“ (einer schon lange laufenden Webseite zu Themen rund um Traumafolgen und Persönlichkeitsstörungen) einen offenen Brief (bei Facebook) an M. Huber (ihres Zeichens Pionierin auf dem Gebiet der Traumaforschung und Psychotherapeutin) und unterstellte ihr persönlich, „die Aufklärung“ zu stören.

Interessant ist an der ganzen Geschichte eigentlich nichts, wäre da nicht der von allen Parteien als Begründung für das eigene Handeln herangezogene Opferschutz.
Und wäre es nicht genau das, was damals in den 80er Jahren überhaupt zur ersten sogenannten „Satanic Panic“ geführt hat.

Keine Ahnung, worum es dabei ging? Kein Problem – die Times hat eine Retrospektive dazu veröffentlicht:

 

Interessanterweise sprechen manche Journalist_innen heute auch von einer „moral panic“, wenn es darum geht, was damals passiert ist. Hier in Deutschland würde man von einer „Massenhysterie“ sprechen. Wenn man misogyn ist. Ich nenne es „logische Folgen von systematischem Versagen sämtlicher Strukturen“.

Logisch deshalb, weil sexualisierte Gewalt in den 80er Jahren noch ein viel größeres Tabu, noch viel mehr mit Sexualität verknüpftes Thema war und es schlicht keinen etablierten, an Kindern, an Medien, an dem Rechtssystem erprobten Umgang mit Fällen (organisierter) sexualisierter Gewalt an Klein.Kindern gab.

Es war eine von Gefühlen und (eigenen Opferschaftserfahrungen) geleitete Welle, die diese Lücken damals aufzeigte (und die Weiterentwicklung anstieß) und es sind selbst ernannte „Skeptiker“, die bis heute, aller Forschung, aller Weiterentwicklung und aller bisher geschehener Rechtsprechung zum Trotz, immer noch verbreiten, dass Meldungen über (organisierte (rituelle)) Gewalt an Kindern „skeptisch“ zu begegnen sei. Was in ihrer Welt soviel heißt wie Einzelpersonen und Betroffene, die dazu seit Jahren und Jahrzehnten forschten, arbeiten und aufklären, bloßzustellen, zu beschämen und sich ihnen ergo gewaltvoll gegenüber zu verhalten. Weil man ja die „echten Opfer schützen“ will.

Für mich wirkt das, als hielte es jemand für schlau ein Haus anzuzünden, um zu verhindern, dass sich da drin jemand am Herd verbrennt.
Und es ist ein Verhalten, dass mich an das „Oh, my, God Becky – look at her butt – Its so big„- Meme erinnert.

Das Meme der beiden weißen jungen Frauen, die den Po einer schwarzen Frau auf eine abwertende, herablassende Art kommentieren. Ganz so, wie man das eben tut, wenn man sich kolossal überlegen fühlt, aufgrund von wirkmächtigen Strukturen wie Rassismus in dem Beispiel.

Nun kommentiert L. Benecke nicht den Körper von Personen, auf die sie offensichtlich aus Gründen von ableistischer bzw. saneistischer Haltung herabsieht, sondern die Personen als Ganzes. Etwas, das man als professionell arbeitende Psychologin vielleicht mal reflektiert oder eher nicht auch noch aufzeichnen lässt.
Schon der Umstand, das eigene „Aufklärungsprogramm“ auf Füße zu stellen, die in den 80ern und 90ern vielleicht noch Halt gefunden hätten, in den 2010er Jahren, aber nicht mehr, zeigt vor allem das: Selbstüberschätzung durch Blasendynamik. Denn sie spricht in keinem Fall für die Opfer von Gewalt, oder „die Wissenschaft“, sondern für Selbstversicherung vor Leuten in ihrer Privilegienblase. Weiße Akademiker(_innen), die sich selbst aufgrund ihrer Meinungen und Werte als nicht so dumm/verblendet/beeinflusst sehen, wie „die Anderen“. Die Spinner, die Verschwörungstheoretiker, die Nichtwissenschaftler, die Kranken, die Verrückten, die ihres Respektes, ihrer Achtung nicht würdigen Leute.

Hier wollen also Leute, die sich gewaltvoll gegenüber anderen Leuten verhalten, etwas für die Opfer von Gewalt tun. Ja herzlichen Dank, ich verzichte. Egal, wie „fundiert“ ist, was sie formulieren. Egal, wie richtig und wichtig Zweifel und rationale, wissenschaftliche Prüfung bestimmter Aspekte ist.
Wenn das nur passiert, um sich selbst zu versichern und andere Menschen runterzumachen, dann geht es nicht darum, was ~wirklich~ passiert ist oder um den Schutz Gewalt.üb.erlebender, sondern um das, was Gewalt von jeher in diese Welt bringt und darin hält.

Aus dem Grund ist der offene Brief von Webseitenbetreiberin Kreusel so irritierend wie symptomatisch für die Folgen des Opferschutzversuchs der Skeptiker.
Man sollte ja meinen, dass jemand, die_r Verschwörungstheorien gegenüber skeptisch ist, erkennt, wenn sie_r selbst eine produziert bzw. vertritt. Aber nein, offensichtlich verschwören und spinnen in dieser Blase tatsächlich immer nur „die anderen“ auf Kosten Dritter.

Eine nachwievor verbreitete Lüge ist zum Beispiel die, dass es so etwas wie „falsche Erinnerungen“ gibt.
Hier werden zwei völlig verschiedene Komplexe miteinander vermischt und dank einer Medienlandschaft, die es seit Jahren nicht schafft, die bereits geleistete Forschung dazu zu kommunizieren, der False Memory-Truppe und nun auch noch „Skeptikern“ immer weiter am Leben gehalten.
Wie in der Retrospektive der Times beschrieben, ist es nicht schwer – und war es speziell in den 80ern und 90ern nicht schwer, wo es die Erfahrungsgrundlage einfach noch nicht gab – durch bestimmte Fragestellungen und Behandlungsmethoden Menschen dazu zu bringen, bestimmte Dinge als erinnert zu äußern.
Das macht diese Dinge aber nicht zu Erinnerungen. Weder richtigen/echten noch falschen/unechten.

Das aufzuklären passt anscheinend irgendwie nie in einen Skeptiker- oder False Memory-Vortrag von einer Stunde und mehr, zu wohlig anscheinend das Gefühl sich schon seit gut 40 Jahren als letzte Bastion des Rationalen zu inszenieren und sich darin gegenseitig zu bestärken.

In ihrem Brief gibt sich Kreusel als Betroffene zu erkennen, die etwas gegen Behandlungsmethoden machen möchte, die sogenannte „falsche Erinnerungen“ fördern und deshalb die Skeptiker und Vorträge wie die von L. Benecke unterstützt – aber Leuten wie M. Huber, die seit Jahrzehnten an vorderster Front daran arbeiten, dass es vernünftige, passende, bedarfsgerechte Behandlungen für Opfer von Gewalt jeder Art gibt, vorwirft, die Aufklärung zu stören bzw. verhindern zu wollen.

Eine interessante Entscheidung ist das. Sich lieber an weiße Beckys hängen, als an Leute, die allen Widrigkeiten zum Trotz in bald 40 Jahren eine Datenlage erschaffen haben, die erheblich viel schmerzhaftere Schlüsse zulassen als den, dass es „die satanistische Weltverschwörung“ gar nicht gibt und, dass es Menschen gibt, die fabulieren oder lügen, um sich selbst (vor gewaltvoll handelnden Therapeut_innen und Bezugspersonen, also: Autoritäten) zu schützen.

Als Gewaltbetroffene, die mit schwerwiegenden Folgen der Gewalt lebt, ist es ungleich schmerzlicher für mich miterleben zu müssen, wie sich hier um etwas bemüht wird, das zu genau nichts führt, was es mir leichter macht kompetente Traumatherapeut_innen zu finden; was es mir ermöglicht unterscheiden zu können, welche Behandlungsmethoden eigentlich mehr wie Folter auf mich wirken könnten oder, was es mir ermöglicht klar und sicher einordnen zu können, welche Rückschlüsse ich aus meinen Erinnerungen und der Art wie ich erinnere, ziehen kann, ohne fürchten zu müssen, dabei Fehlschlüsse zu machen.

Als Gewaltbetroffene brauche ich niemanden mehr, die_r mir sagt, dass ich niemandem vertrauen kann.
Ich brauche niemanden mehr, die_r mir sagt, dass ich nicht einmal mir selbst vertrauen kann.
Ich weiß schon immer, dass es niemals ich bin, die irgendetwas davon hat, wenn Leute mich für ihre Privilegien und deren Erhalt miss.ge.brauchen oder instrumentalisieren.
Ich weiß, dass die Welt kompliziert ist und niemand jemals da sein wird, die_r sie mir zeigt, wie sie „in Wirklichkeit ist“.

Das sind Wahrheiten, zu denen ich durch meine Gewalterfahrungen gekommen bin und wie sie viele andere Gewaltüberlebende auch in sich tragen. Niemand von uns braucht Skeptiker, False Memory oder inkompetente Psychotherapeut_innen, um uns durch eine („DIE EINZIG WAHRE!!!“) Erklärung der Welt zu schützen.

Aber sie miss.brauchen uns Überlebende, um sich selbst in ihrem gewaltvollen Handeln zu legitimieren und das ist, worauf jeder von Gewaltbetroffenen initiierte Widerstand meiner Ansicht nach fußen sollte.

 

*

** Dieser Text wurde editiert nachdem wir darauf hingewiesen wurden, dass rassistische Diskriminierung nicht in der Form mit ableistischer bzw. saneistischer Diskirminierung gleichzusetzen ist, da sich die ableistische bzw. saneistische Diskriminierung für rassistische diskriminierte Personen als etwas zusätzlich wirkendes und also verstärkend greift.

 

„how autism feels from the inside“

„Sometimes, like, you make plans, but, again, these promises and plans always go into chaos.
Its like – I think according, like, to Nietzsche, that life you think has one circle, but no, there are added circles to extra added circles, which create chaos. And than you – its sort of like you’re drowning.“

Ja, „like you’re drowning“, als würde man ersticken. Die Welt verliert alles Licht, jede Richtung, jeder Kontext verliert sich in Mustern, Kreisen, Ebenen. Als würde man das Sterben leben. Ohne Sinn, ohne Halt. Und dann kickt die Traumascheiße. Die Erinnerung daran, wie das war, als man kurz davor war zu ertrinken. Als man kurz vor dem Ersticken war. Als Leben um das Sterben, das beinahe, das ersehnte, das unkontrollierbare Sterben kreiselte.
Und dann ist es bei uns kein Tagtraum, sondern das Leben von jemand anders. Ein anderer kleiner extra hinzugefügter Kreisel, der die Lücken schließt, Kontexte verbindet, die Zeit, den Moment, das Alles festhält und in sich zu etwas verbindet, das er_lebbar ist.

Behinderungen sind nicht sekundär. Nicht für uns. Wir sind die Behinderung, unser Menschsein ist auch, behindert zu sein. Ist wir sein. Deshalb sagen wir „behinderte Menschen“.

Ich mag, wie unsere Perspektive, der Perspektive von Jordan in dem Film, einen kleinen Kreisel hinzufügt und die Verbindung die self advocacy ist. Kein Chaos.

Buchrezension: “Lavendelmädchen, Der Kampf um mein Leben nach dem Missbrauch”

Dieser Text enthält unbeauftragte Werbung.
Das Buch wurde uns unaufgefordert zugesendet.
Die Verwendung der Begriffe “sexueller Missbrauch” und “missbraucht” wird hier aus dem Respekt vor der betroffenen Person verwendet, die diese Begrifflichkeiten vermutlich als passend erlebt.

 

 

Ein irreführender Titel
Nach der Lektüre von Diana Volkmanns Buch “Lavendelmädchen” wird klar: Es ist ein Buch über den Kampf um ihr Leben während des von ihr so benannten Missbrauchs und nach ihrem Versuch, sich das Leben zu nehmen.

Auf 236 Taschenbuchseiten erzählt die Autorin von der Gewalt in ihrem Kinder- und Jugendleben. Von Eltern, die sie scheinbar grundlos bei der Oma lassen, die sie sowohl körperlich als auch psychisch misshandelt und ihrerseits zulässt, dass der Onkel sie sexuell missbraucht, während die Tante sich überhaupt nicht dazu verhält. Von Schulfreund_innen, denen sie nichts sagt, von Erwachsenen, die familiäre Zugehörigkeit über die individuelle Selbstbestimmung stellen und so dazu beitragen, die Gewalterfahrungen nicht zu beenden.

Das Wort als Zeuge
Wie so viele andere Betroffene sexualisierter Gewalt im persönlichen Nahfeld hat auch Diana bereits direkt nach dem ersten Übergriff versucht, sich helfen zu lassen. Sie hat sich das Schweigen nicht wie einen Mantel angezogen und erst 10 Jahre später abgestreift. Diesen Umstand der absoluten Ohnmacht durch ein soziales Umfeld, in dem Gewalt, Schweigen und Ignoranz durch Unbewusstheit für die Realität der Gewalt, die Kindern auch in den besten, normalsten, unauffälligsten Familien passieren kann, kann dieses Buch gut begreifbar machen.
Es wird klar, dass diese Geschichte aufzuschreiben auch die Funktion einer Zeug_innenschaft erfüllt, in dem es für alle sichtbar macht, was damals niemand sehen konnte und wollte.

Mut zur Offenheit – trotzdem
Volkmann möchte mit der biografischen Erzählung anderen Betroffenen Mut vermitteln, die eigene Geschichte zu teilen – auch entgegen ihrer eigenen Erfahrung des Unglaubens und der sozialen Verschwörung von Erwachsenen, die aus ihrem Leiden noch persönlichen Vorteil gezogen haben.
Eine breite Diskussion zum Thema hält sie für wichtig, um zu Opfern gewordenen Menschen zu helfen von den Wunden, die physisch wie psychisch auch noch lange nach der Gewalterfahrung wirken, zu heilen.

Die Autorin selbst arbeitet seit 2017 die eigenen Erfahrungen in einer Traumatherapie auf.
Leider beschreibt sie in “Lavendelmädchen, Der Kampf um mein Leben nach dem Missbrauch” den Kampf um adäquate Behandlung im deutschen Gesundheitssystem nicht.
Auch werden andere Aspekte des Lebens nach der Gewalt, die neben dem Beziehungsleben mit ihrem Freund “David” und der Arbeitsfähigkeit stehen, nicht näher beleuchtet.

Für alle, die es nicht fassen können
Wie viele andere Bücher von Betroffenen sexualisierter Gewalt und anderer Misshandlungsformen in der Kindheit, ist auch dieses Buch eines, von dem vor allem Menschen profitieren, die Schwierigkeiten damit haben, zu verstehen, wie es kommen kann, dass Kinder über Jahre hinweg ausgenutzt, gedemütigt, verletzt, gequält werden, ohne dass jemand hilft.
Selbst betroffene Menschen werden sich und Teile der eigenen Geschichte in Volkmanns Bericht finden, jedoch nicht mehr als die Verbundenheit in der Erfahrung für sich daraus ziehen können.

5

“…so show me family
(Hey) all the blood that I will bleed
(Ho) I don’t know where I belong
(Hey) I don’t know where I went wrong
(Ho) but I can write…”
(“Hey Ho”, the Lumineers)

Man kann es nicht als neue Geschichte bezeichnen, wahrlich nicht. Eine der Figuren in „Grindelwalds Verbrechen“. Es ist einfach wieder ein „besonderer Junge“, nach dem gegriffen wird. Ein weißer Junge mit schwerer Geschichte. Ein Junge, der krasse Dinge passieren lassen kann. Vor allem, wenn er ~Emotionen~ hat. Es ist mehr Budenzauber, ja. Mehr soziale Verwicklung und ach… das Bad in der Zauberwelt – das ist einfach toll.

Und dann sind da die Parallelen.
Der Junge ist kein Junge. Es ist ein Mann, der als Junge gesehen und gedacht wird, weil er seine Kraft und damit einen profunden Teil seiner Selbst nicht im Griff hat. Dessen Suche und Kampf um sich selbst und seine Geschichte von so vielen Leuten erzählt, gedacht … gemacht wird, dass er selbst nur glauben, doch nie wissen kann. Und obwohl er ahnt, dass er gerade – erneut – misshandelt und ausgenutzt wird, bleibt. Und folgt.

“Ein Obskurus entsteht nur in einem Klima extremer Einsamkeit und Gewalt” – oder so ähnlich, erklärt der junge Dumbledore, das große schwarze Ding, das regelmäßig ausbricht und mehr oder weniger gezielt alles um sich herum zerstört. Und tötet. “Hätte er nur Geschwister gehabt, die ihn mochten oder einen Freund… Er braucht so jemanden, das kann schon alles verändern…”

Wieder schrieb Rowling also eine Geschichte über Täterintrojekte bzw. Traumafolgen.
Und wieder kriegts mich.
Diesmal anders. Auch anders, als bei der Geschichte um Lord Voldemort in den Harry Potter-Bänden.

Ich kenne diese schwarze krasse Macht in mir drin. Und ich weiß, dass sie aus einem Klima extremer Gewalt, tiefster Einsamkeit, Verlassenheit, Not kommt. Weiß, dass sie schon verletzt und zerstört hat.
Ich weiß, dass sie kontrollierbar ist. Ich weiß, dass es keine kontextlose Naturgewalt ist, die unberechenbar und übermächtig ist.
Ich weiß aber auch, mit wieviel extremer Gewalt und Ablehnung ich sie in mir drin halte. Weder anspreche, noch bewege, noch wirklich glaube, dass ich sie halten kann, sollte sie versuchen sich ernsthaft nach außen hin auszudrücken.

Niemand entwickelt eine so tiefgreifende Spaltung von Selbst und Sein, gäbe es keine Kräfte, die brechend auf sie einwirken. Das ist das eine.
Das andere ist, dass das kein Leben ist, sondern ein Zustand.
Ein Zustand, der weh tut, obwohl kein Blut fließt. Ein Zustand, der nicht nur das Früher fragmentiert, sondern auch das Heute und dadurch auch jede Idee an die Zukunft.
Das geht in Beschreibungen des Viele-Seins wie “Wir leben alle in diesem Haus und das Haus ist der Körper” unter. Ja, man lebt, von mir auch in einem Haus. Aber die Zimmer in diesem Haus sind das Ergebnis langjährigen Bohrens, Reißens, Schlagens, Kratzens, Ätzens, Brennens… letztlich: Verdrängens dessen, was vorher da war. Und zwar jedes Zimmer. Nicht nur das der Räume, in denen die krasse Todeswolke drin ist.

Ich ging aus dem Film und fragte mich, ob Credence Barebone (der junge Mann mit dem Obscurial in sich) deshalb von J. K. Rowling erfunden wurde, weil es weißen verletzten Männern leichter zu glauben ist, dass man sie besser nicht kränkt oder verletzt, weil sie eine scheiß gnadenlose Wolke des Todes in sich tragen.
Nach dem ersten Teil (“Fantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind”) hatte ich mich schließlich auch gefragt, ob sie ihn als Jungen erdacht hat, um der Misshandlung, der er ausgesetzt war, in ihrer realen Krassheit und Schlimmheit glaubwürdiger zu machen, um sein Rotz und Wasser heulen und die spätere Totaleskalation nicht als irrational (oder – ding dong – “hysterisch”) erscheinen zu lassen.

Wäre Credence eine Frau oder eine Person anderen Geschlechts, hätte das Publikum die Gewalt konkreter miterleben müssen – und die Verführung faschistoider Kräfte wäre viel weniger subtil passiert. Grindelwald hätte eine Frau sexuell verführt oder in irgendeiner anderen Form sowohl emotional als auch strukturell an sie gebunden. Ein Versprechen von einer Zukunft in Würde durch Geschichte und Identität, wäre dann niemals Thema gewesen.

Das mag irrelevant für die Filme sein – die sind ja nun einmal wie sie sind – es ist aber nicht irrelevant für mich. Denn aufgrund dieser Tatsache fällt auch dieser Film wieder als etwas raus, das ich für meine eigene Auseinandersetzung nutzen kann.
Denn mir wird keine Todeswolke im Inneren geglaubt. Nicht, weil es Todeswolken in Menschen nicht gibt, sondern weil die Annahme von zerstörerischem Gewaltpotenzial nachwievor an Männer oder als männlich eingeordnete Menschen herangetragen wird. Und eben nicht an Menschen wie mich, die mit einer viel höheren Wahrscheinlichkeit in ebenjenem Klima der Gewalt aufwachsen und dadurch – entsprechend der Logik der Entstehung von Todeswolken aka Obskurialen aka Täter_innenintrojekten – erheblich viel wahrscheinlicher auch so ein Ding entwickeln.

Auf dem Weg nach Hause dachte ich darüber nach, dass ich nur Kämpferinnenfiguren kenne, die sich ihre Kraft und auch ihre Zerstörungsenergien in irgendeiner Form entwickelt haben. Keine war einfach so krass stark und Beherrscherin ihrer eigenen Kräfte. Sie haben alle hart trainiert, sind schonungslos gegen sich selbst angetreten oder waren, ohne es zu wissen, einfach schon immer eine Halbgöttin und deshalb “von Natur aus” interessiert an Kampf und Krassgedöns.
Erst recht kenne ich keine einzige nicht binäre Person, die einfach so mit ihrer Todeswolke konfrontiert war und dann genauso einfach so dagegen angehen konnte.

Das ist auch Einsamkeit. Keine Vorbilder zu haben, die die Fragmente einer Zukunft auffüllen und überbrücken helfen könnten. Das ist auch Verlassenheit. Wenn man weiß: Eigentlich gibt es Selbsthilfegruppen, Foren und Treffs, in denen man Leute, die das schon hinter sich haben oder auch auf dem Weg sind, treffen und fragen könnte – aber nicht für sich selbst. Weil man “zu politisch” ist. Weil man zu wenig hilfe_bedürftig ist. Weil man einfach schon viel zu viel über sich und die eigenen Erfahrungen verstanden hat, um mit dieser Thematik noch als die Person gesehen und anerkannt zu werden, die man – trotz alle dem und so viel erfolgreicher Arbeit – auch noch ist: Eine Person, die vor manchen Aspekten der Gewalt- und Traumafolgen einfach so derartig überfordert ist, dass sie nichts anderes _kann_, als mit Gewalt alles in sich niederzuknüppeln, was nicht anders beherrschbar ist.

Das ist auch Not.
Denn wo Gewalt ist, ist immer auch Not.

“Love we, need it now
Let’s hope, for some
‚Cause oh, we’re bleedin‘ out”

von der Mietklage zur Grundrechtslage

Heute morgen kam eine Email mit der Nachricht, dass die Mietklage gegen uns fallengelassen wurde.
Wunderbar ist das zum Einen, will ich schreiben. Denn es ist wunderbar, dass wir uns in den nächsten letzten Monaten in dieser Wohnung nicht darum streiten müssen wie viel es denn kosten darf. Unser Wohnen. Der Schutz vor den Elementen und Ort, an dem wir unsere Schätze bewahren.

Doch da ist auch der Stich, den die Klage selbst verursachte. Die Erinnerung daran, dass auch dieser Schutz, dieses Grundrecht auf Wohnen einfach keine Selbstverständlichkeit ist. Im Kapitalismus ist es das sowieso nicht. Nur Besitz schützt vor Inanspruchnahme, doch auch Besitz ist ein beweglicher Begriff.

Für uns eröffnet sich darüber immer wieder diese Wunde der Erfahrung nichts zu haben, nichts zu besitzen, doch besessen zu werden und von jemandem gehabt zu sein. Nicht, weil dies das Thema unserer Traumatisierung war, sondern, weil der ganz normale, alltäglich und von so so vielen Menschen gelebte Adultismus, diesen Aspekt der Traumatisierungen gleichermaßen verdeckt wie ermöglicht hat.

Als die Klage vor einigen Wochen plötzlich in unserem Briefkasten lag, waren wir sofort wieder in einem Zwie_Spalt zwischen der Frage, wieso man uns nicht vor so einem Brief schützt, der an einem Freitag bei uns landet und zu diesem Zwecke besser bei der Betreuung landen sollte und der Notwendigkeit Ressourcen frei zu machen, um eine juristisch gebildete Person zu finden, die uns in der Angelegenheit vertritt.
Ein Spalt hat zwei Seiten und eine tiefe Kluft dazwischen. Und in dieser Kluft fühlten wir uns wie das Kind, das wir einmal waren. Unbeweglich, weil rechtlos. Ungehalten, weil infrage steht, ob der Boden auf dem man steht, als der eigene überhaupt gesehen und benutzt werden darf. Gezwungen aufzusehen, weil in einer Kluft zu stehen naturgemäß bedeutet, unten zu stehen.

Dieses Gefühl ging schnell wieder vorbei. War mehr Echo und Erinnerung daran, dass schwierige, komplizierte, anstrengende Dinge einfach immer wieder diese Wirkung auf uns haben, aber mehr auch nicht.
Wirkung ohne Bestimmung könnte man sagen.
Denn in den letzten Jahren haben sich Mietklagen wie die mit der wir konfrontiert waren, in unserem Bullergeddo gehäuft. Hier wohnt man in guter Lage. Ruhig, nah an der Universität, alles ist ohne Auto erreichbar, die Wohnungen sind weder hässlich noch absolut dysfunktional.
Es ist einfach nur eine Wohnsiedlung, die in den späten 20ern bis Ende der 30 Jahre gebaut wurde und heute an allen Ecken und Enden teils hoffnungslos überaltert ist. Sie ist teuer aufrechtzuerhalten und dennoch überwiegend nur billig zu vermieten. Das ist eine Zwickmühle für Konzerne, denen die Geldgewinne über die Wohnqualität und Mieterwünsche gehen.

Das Drama des Bullergeddo ist weder neu noch aktuell irgendwie special. Seit sozialer Wohnungsbau nicht mehr gefördert wird und die Siedlung eben diesem Aktienunternehmen gehört, steigt die Miete von Jahr zu Jahr, während die Instandhaltungs- und Sanierungsmaßnahmen, sowie jede zusätzliche Dienstleistungen kontinuierlich (vor allem qualitativ) abnehmen.

Für uns ist der Zerfall der einst als “Gartenstadt” bezeichneten Siedlung vor allem an den verschwindenden Gärten zu sehen. Wie um zu beweisen, dass sie die Gegend wirklich nur noch als Geldmaschine und sonst gar nichts sehen, werden hier große alte völlig gesunde Bäume, die Lebensraum für die paar Vögel, die sich hier noch tummeln, sind, einfach weggeschnitten. Anfang des Jahres blutete hier eine geköpfte Birke wochenlang aus, kurze Zeit später mussten völlig intakte Apfelbäume im Hinterhof dran glauben. Letzte Woche haben sie einen prächtigen wunderbar herbststrahlenden Spitzahorn zerteilt.
Mit den Bewohner_innen der Siedlung wird sowas nicht besprochen. Wieso auch. Die wohnen ja nur hier.

Ende letzten Jahres haben wir Mieter_innen eine Initiative begonnen. Wir haben uns getroffen und einander unsere bösen Briefe gezeigt. Einige waren da schon mit ihren ersten Klagen auf Mietzahlungen beschäftigt, während sie in Wohnungen leben, die seit teils 30 Jahren weder modernisiert noch an den Standard angepasst wurden, dem entsprechend sie zahlen sollen. Die meisten leben von Grundsicherung oder der Rente, die man nach einem langen Arbeitsleben als Arbeiter_in eben bekommt.

Unser Fall spielte damals noch gar keine Rolle. Offenbar gibt es nicht so viele Wohnungen in der Siedlung wie unsere, in der wir eine Toilette in der Wohnung und einen sanitären Katastrophenfall mit Dusche einmal übern Gang ohne Möglichkeit abzuschließen oder zielgerichtet zu heizen, haben. Unsere Wohnung ist keine Standardwohnung, deshalb wird unser Fall auch weiterhin keine Rolle spielen.

Doch was, wenn wir umziehen. Wir planen unseren Umzug im Sommer 2019.
Was wird dann passieren?
Wird es so wie im Nachbarhaus, wo sich jetzt in der fancy aussanierten Wohnung, in der bis letztes Jahr noch die COPD-Nachbarin allein gelebt hat, 3 Student_innen zusammen einmieten mussten, weil es als Einzelperson im Studium unmöglich ist diese Wohnung zu finanzieren?
Oder vermieten sie die Bude so wie sie jetzt is? Mit dem Rauchgeruch von der Nachbarin drunter auf dem Dachboden und im Schlafzimmer, der Hellhörigkeit, die jedes Gespräch mithörbar macht, mit dem Fenster das nicht richtig schließt und der vom Vormieter eingeschlagenen Glasfenstertür, die nie ausgetauscht wurde. Mit den Raumtüren, die man nicht abschließen kann, weil die Schlüssel schon vor Jahrzehnten verloren gingen, mit der Therme, die hätte ausgetauscht werden müssen, aber nie ausgetauscht wurde, weil die Handwerkerauftragsvergabe nicht etwa eine Person macht, sondern ein Servicecenter irgendwo in Dortmund, das sich für Maßnahmen, die eine Wertsteigerung bedeuten würden, nicht zuständig fühlt.

Wie können wir potenzielle Nachmieter_innen warnen?
Wie wär das damals für uns gewesen, wenn uns jemand bewusst gemacht hätte, dass diese Wohnung – so gut und ideal ihre Lage auch ist – ein echt harter Kompromiss ist, den wir eingehen, weil wir arm sind und keine Alternativen mehr haben?
Es wär grausam gewesen. Denn wir hatten uns nicht für diese Wohnung entschieden, weil wir dachten: “Och hier isses doch nice – hier will ich sein.”, sondern, weil zwischen Wohnungsbesichtigungstermin und letztem Miettag der letzten Wohnung noch zwei Wochen lagen und die Alternative die Straße gewesen wäre. Denn mit Hund wird man eben nicht überall geduldet. Auch nicht im Obdachlosenheim.

Wie können wir solidarisch mit unseren Nachbar_innen bleiben, wenn wir hier nicht mehr wohnen?
Einige sind in einem Klageverfahren. Eine Vertreter_in der Siedlung strebt eine Musterklage an. Sie hält es für eine gute Idee zu sagen, hier würde mit Drogen gedealt und das Umfeld sei gar nicht so toll und überhaupt wär hier gar nichts so toll, dass man so viel zahlen solle. Und die ganzen alten Leutchen hier – die hätten doch ihr Leben lang hart gearbeitet, da verbiete sich doch sie rauszuwerfen.

Ist eine mögliche Argumentationslinie, natürlich – es ist einfach nicht unsere.
Wie sollten wir uns also verhalten? Diskutieren? – Jetzt ist das möglich, aber wenn wir weggezogen sind, was dann?

In unserer Stadt findet man die billigsten Wohnungen derzeit dort, wo der Bus ein, zwei Mal die Stunde kommt und man etwa eine Stunde einplanen muss, um in die Innenstadt zu kommen. Von dort sind wir hier hingezogen damals. Nicht, weil es dort so furchtbar war, aber weil wir gemerkt haben, dass wir keinerlei Teilhabe ohne Abhängigkeit von Leuten, die uns fahren können haben konnten. Uns ging es sehr schlecht, wir waren isoliert und ohne jeden Input für Lebensgestaltung und –erfahrung. Hier sind wir total aufgeblüht.

Wir wissen nicht, ob man sich mehr dafür einsetzen muss, dass Siedlungen mit günstigen Wohnungen besser mit der Stadt verbunden werden, oder ob man gegen die Privatisierung von Wohnraum insgesamt vorgehen muss oder beides oder noch ganz etwas anderes.
Aber wir wissen: Es geht hier nicht darum, wer wie toll oder nicht toll wohnt – es geht darum, dass man für etwas, dass das eigene Überleben sichert, bezahlen muss und das in dieser Gesellschaft so verdammt normal ist, dass man sich in Fragen nach Wohnqualität durch Parkett und Mieterhöhung wegen einer neuen Bushaltestelle vor der Haustür, ergießt, statt in der Frage wie man das grundlegend anders gestalten kann.

Wenn man so will ist es das, was uns das Bewusstsein um die eigenen traumatischen Erfahrungen des Besessen und Gehabtseins heute klar macht. Wohnen ist genauso wie essen, schlafen, ausscheiden, miteinander und Selbst sein ein Grundrecht, das niemals Besitzgegenstand einer anderen Person/Instanz sein darf.
Egal, wie normalisiert das ist. Egal, welche *ismen dahinter stehen.

Es ist heilt uns, zu beobachten wie Menschen einander solidarisieren und für ihre Grundrechte kämpfen.
Vielleicht ist muss es Teil unseres Bewusstseins für diese Heilung sein, diese Solidarisierung aufrecht zu erhalten und mit.zu.teilen.
Zum Beispiel mit einem Text, wie diesem.

„Glücklich“ – mit Innenkindern tanzen

 

Es war einer der Filme, die wir vielleicht im Kino gesehen haben. Damals.
1999 – 2000 vielleicht sogar von einer Videokassette 2001. Die Neuverfilmung von Pünktchen und Anton.
Den Soundtrack hatten wir auf Kassette. Dann nicht mehr. Damals konnten wir erst nur das wichtigste, später was noch da war, mitnehmen.

Seitdem haben wir die Filmmusik gesucht. Hatten irgendwann 2005~6 eine Benachrichtigungseinstellung bei Ebay eingerichtet und letzte Woche war sie dann da. Die Mitteilung, dass der Soundtrack – wohlbemerkt nicht das Hörspiel zum Film, damit wurde und wird man bis heute immer regelrecht zugeschüttet – von dem Wiederverkäufer als Artikel eingestellt wurde.

 

Ich hätte nie gedacht, dass es mal wichtig werden würde, sich solche Inseln des Banalen näher zu bringen.
Die Geschichte des Films ist für uns irrelevant. Was uns treibt ist der Film, den die Musik im Kopf gemacht hat. Der Film, den frühere von uns in den Stunden und Tagen, Wochen und Wochen des Dauerschleifehörens gehabt haben. Manchmal, ganz manchmal noch mit einem der Geschwiste drin.
Die Farben, die Köstlichkeit der unterschiedlichen Töne.

Nun läuft die Musik durch das Büro und Tränen aus meinem Kopf. Weil es SO SCHÖN ist. Und weil ich so eine Glücklichkeit fühlen kann, die sich richtig an meine Körperränder drückt und alles kribbeln macht. Ich merke, dass das nicht meine Glücklichkeit ist. Aber ich merke das erste Mal ein aufrichtig glückliches Kinder~prä-Teen~innen und hallo wie krass gut ist das.  Ich kann seinen Film sehen, es wird so zum Teil meines Musikfilms. Es lässt mich seine buttrigsüße Leichtigkeit einer Zeit fühlen, von der ich nicht viel mehr als schale Bitterkeit und den Geschmack von Blut erwartet hätte. Da ist so viel Unschuld mit Träumen von Tanzen und Musik machen, Singen und Malen, fern von allen und allem, ganz beimit sich. So viel Versunkenheit, die nichts von ihrer Tiefe spürt, weil es kein Maß braucht.
Schön.
Eins.fach schön.

Das merke ich daneben auch. Dass es allein ist.
Nichts anderes, als das weiß und lebt. Da sind einige kleine Erinnerungen an das Geschwist, an Musik und das hellgelbe Glitzern des eigenen Glücks.
Ein schönes Da_sein eigentlich.

Und jetzt sitzen wir also hier. Wir beidalle. Eine Ladung Rosengeblätt und ein glitzeriges Früher.
Ich merke, dass es grad nicht darum geht diesem Kinderinnen zu sagen, dass heute heute ist, sondern mit ihm mitzugehen. Mitnach zu fühlen. Mitjetzt zu sein. Ein bisschen zu tanzen, ein bisschen zu singen.
Das hat so gar nichts von der Situation, Kinderinnens aus dem Elend des Früher zu holen oder ihnen klarzumachen, dass wir sie heute gar nicht brauchen. Quasi ihnen ihre Restigkeit bewusst zu machen. Es geht viel mehr darum, uns klar zu machen, dass es auch diese Reste gibt.

Ganz banale, schöne Reste eines Glücks.

 

Autismus, Trauma, Kommunikation #5

Das sozial mit Anstrengendste für uns ist die Wiederholung. Schlimmer noch: die Wiederholung von Wiederholungen. Am Schlimmsten: die Wiederholung von Dingen, die etwas mit gemachten Gewalterfahrungen zu tun haben.

Wir haben oft das Gefühl, uns zu wiederholen und wiederholen zu müssen, weil wir von anderen Menschen nicht oder nur teilweise, oft auch gar nicht verstanden werden.
Missverständnisse sind nur so zu lösen, das verstehen wir – und doch, es frisst einfach so viel Zeit und Kraft und Sicherheitsgefühl.

Besonders in der Traumatherapie und in nahen Beziehungen erleben wir es als belastend und merken, dass es manchmal diese Belastung ist, die an empfindlichsten Punkten fressen und zu Instabilität beitragen, dass wir bestimmte Dinge, immer wieder sagen müssen.

Für viele neurotypische Menschen bedeutet es keine Wiederholung, wenn sie das gleiche, was sie wörtlich ausgedrückt haben, auch noch in Taten und allgemeinem Gebaren kommunizieren. Im Gegenteil, die meisten Menschen glauben anderen Menschen eine Gefühlslage oder innere Haltung erst dann, wenn sie Gesagtes auch noch in irgendeiner Form selbst miterleben. Etwa, wenn sie Tränen sehen, nachdem jemand gesagt hat: „Ich bin traurig“ oder, wenn aus allem Verhalten und Denken ein Leiden abzuleiten ist.

Wir erleben das als Wiederholung und oft genug auch als Fakeübertreibung von uns selbst, wenn wir so etwas machen, um andere Menschen unsere Gefühle oder Haltungen zu kommunizieren. Denn für uns reicht es in der Regel, etwas ein Mal auf eine Art etwas gesagt zu haben.

In diversen Therapiesettings und besonders in Klinikkontexten jedoch, haben wir die Erfahrung gemacht, dass sich permanent zu wiederholen – sei es mit Themen, die man immer wieder bespricht, um am Ende doch wieder mit dem gleichen Ergebnis nach Hause zu gehen, oder mit Verhalten – nötig ist, um bestimmte Hilfen und Unterstützungen nicht nur mal hier und mal da, sondern kontinuierlich und so lange wie nötig, gewährt zu bekommen.

Doch nicht nur in diesen Kontexten ist das so.
Wir beobachten die gleiche Dynamik bei Twitter, in Podcasts und in Blogs. Bei Konferenzen, Tagungen und Fortbildungen. In Plena, in Debatten, auf der ganzen Welt.
Eine Person(engruppe) wird erst dann gehört und ernstgenommen, ihr wird erst dann geglaubt, wenn sie jahrelang und immer und immer und immer wieder das Gleiche sagt und tut und macht.
Das heißt: wenn sie sich nicht oder nur innerhalb bestimmter Grenzen bewegt und auch selbst nicht weiterentwickelt. Eine Person muss für andere Personen ihre Botschaft und ihr Fordern immer und zu jeder Zeit verkörpern, sonst wird sie nicht gehört, (angeblich) nicht verstanden und niemand beschäftigt sich mit ihr.

Und andersherum brauchen viele Menschen auch immer wieder eine Wiederholung der Bestätigung von anderen Menschen, um sich wahrgenommen zu fühlen.

Menschen funktionieren wohl so. Anders ist uns die Wiederholung der Konstruktion von Echokammern nicht zu erklären. Eine Familie ist eine Echokammer, eine Beziehung ist eine Echokammer, Freund_innen, Facebook, Fernsehen, die Gesellschaft einbeiniger Dackelfreunde ist eine Echokammer.
Wir können uns das nur so erklären, dass neurotypische Menschen solche Räume immer wieder erschaffen, weil es sie nicht fertig macht, sich ständig zu wiederholen und sich immer wieder mit den gleichen Dingen zu beschäftigen.

Uns macht das fertig, denn für uns ergibt es keinen Sinn. Wenn wir etwas gesagt haben, dann meinen wir in der Regel auch genau das und nichts anderes. Und zwar so lange, bis wir etwas anderes darüber sagen.
Es ergibt keinen Sinn außer der Verdeutlichung oder manchmal auch Verständlichmachung noch mehr Kanäle zum Transport einer Botschaft zu verwenden und das immer wieder.

Wir haben lange gegen das Gefühl ankämpfen müssen, unsere Schwierigkeiten übertrieben dramatisch auszudrücken und zu kommunizieren, indem wir alles zur Verfügung stehende genutzt haben, um uns und unsere Gefühle der Todesangst verständlich zu machen.
Verstärkt wurden diese Falschgefühle von Menschen, die ihre Reaktion darauf mit „Ja, aber…“ eingeleitet oder mit schlichter Abwehr reagiert haben. Also: uns gesagt haben, wir würden lügen oder übertreiben, oder theatralisch, weil hysterisch sein.

Besonders da ist für uns ist an der Stelle bis heute eine Falle.
Wir haben einen Hang zu Katastrophisierung. Sehen in Dingen, die schief laufen, sehr schlimme Dinge und finden es unaushaltbar verunsichernd und ängstigend – nicht, weil nicht alles nach unseren Wünschen abläuft, sondern weil es für uns ungeheuer anspruchsvoll ist, kognitiv und emotional so flexibel zu sein, sich auf Schiefgegangenes einzustellen. Insbesondere dann, wenn wir vorher nicht besprochen haben, was wir machen, wenn etwas schief geht. Egal, wie unwahrscheinlich ein Schiefgehen sein mag – wir brauchen das, um mit dem sofort ablaufenden Katastrophenszenario in unserem Kopf umgehen zu können.

Sich spontan auf fremde, unerwartete, schiefgegangene Dinge umzustellen, geht für uns nur mit Hilfe von Außen. Wir kriegen es allein nicht hin, ohne auf Kompensationsverhalten wie Dissoziation zurückzugreifen bzw. in die Dissoziation zu rutschen, weil wir uns sofort überfordern. Das ist, was uns Angst macht.
Denn das ist, was sich für uns jedes Mal wie Sterben anfühlt, weil wir die Kontrolle verlieren, darüber in Erinnern an Nahtoderfahrungen getriggert werden und nichts, aber auch gar nichts tun können, um etwas daran zu verändern. Weil wir in diesen Momenten tatsächlich zu 100% überfordert und unfähig sind und eben nicht nur in einem traumahistorischen Wiederleben einer Situation, in der wir auch real zu 100% überfordert waren stecken, aus dem wir uns rausorientieren können.

Mit jedem Ding, auf das wir uns nicht einstellen konnten, spüren wir gnadenlos und brutal, wie sehr wir der Welt und ihrem Lauf der Dinge unterlegen sind und erleben es auch immer wieder als eine hoffnungslose, (durch die Traumabrille zusätzlich auch oft lebensbedrohliche) und furchtbare Situation in der wir aus der Welt geschleudert werden. Egal, wie sehr wir uns mit ihr verbinden oder an ihr festhalten. Egal, wie sehr wir „realistisch drauf schauen“. In solchen Momenten schauen wir nicht auf das gleiche Ding, wie andere Menschen und merken, dass wir nicht im Ansatz mehr als unsere Gefühle von Überforderung und Angst kommunizieren können.

So etwas ist der furchtbarst mögliche Moment um zu merken: Meine Ölmolekülaugen, mein Ölmolekülgehirn kriegt es nicht hin zu sehen und zu bewegen, was andere sehen – ich kann meine Gefühle und Haltungen nicht verändern, denn ich kann mich nur auf eine von mir so wahrgenommene Katastrophe beziehen – andere Menschen und ihre Sicht können mich nicht erreichen. Es ist faktisch unmöglich.

An der Stelle greifen bei uns dann die Anpassungsmechanismen der Traumatisierungen unserer Kindheit. Wir werden dumpf, depersonalisieren, wechseln zu Innens, die in er Lage sind, ohne jede eigene Beteiligung auf Ansprache zu reagieren, Verhalten zu spiegeln und – dank jahrelanger Trainings in der Familie*° und in Kliniken – weder auszurasten, noch sonst wie „typisch autistisch“ (what ever that means) auffällig zu sein.

Wir sind in unserer Entwicklung in der Pubertät auffällig geworden. Wurden in unserer Wiederholung der Kommunikation tagtäglich empfundener Todesangst (aufgrund von wiederholter Traumatisierung und autistischer Er_Lebensart und -weise) drastisch und radikal. Es kam zu selbstverletzendem Verhalten und parasuizidalen Gesten. Am Ende zu mehr und mehr Suizidversuchen.

Für uninformierte und unachtsame, vielleicht auch einfach schlecht ausgebildete und auch schlicht ignorante Mediziner_innen und Therapeut_innen, ist so ein Verhalten selbstverständlich keine Wiederholung. Sie sehen quasi die letzte Fassung – das extreme Ende und machen mit ihrer Diagnose nichts weiter als eine Benennung eines Akutzustands. Doch es ist ebenjene Diagnose, die für uns in der Folge zum angenommenen Normalzustand wurde.

Das mussten wir erst einmal verstehen und akzeptieren, um zu verstehen, warum wir so viele Helfer_innen als nutzlose Arschlöcher empfunden haben, die uns einfach nicht verstanden oder schlimmer noch: verstanden und trotzdem nicht reagiert und geholfen haben.

Daneben steht natürlich noch die patriarchale Geschichte der Hilfen und Medizin.
Hysterie heißt heute „histrionische Persönlichkeitsstörung“ und bedeutet nichts anderes als „Frau, die irrational überreagiert (um irgendwas zu kriegen, was ihr nicht zusteht oder, weil sie nicht kriegt, was sie glaubt, dass es ihr zusteht)“. Das ist wichtig nicht zu vergessen: Als Person, die als Frau eingeordnet wird, ist sich zu wiederholen gleichermaßen nötig wie verhängnisvoll.
Wir haben in der Hinsicht den Scheißejackpot deluxe schon mit 14 Jahren im Leben gehabt.

Denn das Geschlecht, dem wir zugeordnet werden schließt für viele Personen, besonders im medizinisch psychiatrischen Bereich vieles aus. Unser Autismus wurde erst mit 30 diagnostiziert – der Autismus unseres Geschwists, das ein anderes Geschlecht hat, im Grunde bereits im Kindergarten.
Und wir haben nicht erheblich viel anders gemacht oder gelebt als eben jenes Geschwist. Wir waren nur eben nicht jenes Geschwist oder andere Menschen, die schneller gehört und richtig verstanden wurden.

Mit 14 galten wir als theatralisch.
Nicht als (typisch für viele Autist_innen) katastrophierend, aufgrund der Erfahrung sehr schnell, sehr tiefgreifend überfordert zu sein mit bestimmten Dingen.
In unserem Leben war diese äußere Rezeption, dieses Missverständnis unseres Inneren, eine krasse Weichenstellung. Und ja, die Folgen dessen waren dramatisch. Weitaus dramatischer als nötig.
Und wir können das bis heute nicht gut loslassen. Können das bis heute nicht vergessen, weil wir wissen, dass diese Menschen absolut keinen Einblick da hinein haben, wie sehr wir in den nachfolgenden Jahren darunter gelitten haben, was sie an uns verbockt hatten.

Heute sind wir unter Menschen, denen gegenüber wir uns nicht mehr als einmal wiederholen müssen.
Wenn sie uns beim ersten Mal nicht verstehen, dann sagen sie uns das und wir versuchen gemeinsam einander zu verstehen.
Das ist so entlastend und gut für uns, dass wir kaum noch Momente haben, in denen wir denken, wir wären ihnen sehr fern. Wir merken, das unser Ölmolkülsein manchmal die Ursache für Missverständnisse sind, merken aber auch, dass unsere Wassermolkülmitmenschen verstehen und reflektieren, dass es um Missverständnisse und nicht „Rosenblättereigene Meeh-Eigenschaften“ geht, wenn etwas mit uns irgendwie nicht gut zueinander passt.

Sie haben uns gehört, als wir ihnen gesagt haben, dass wir sie lieben, sie mögen, gern mit ihnen arbeiten, gern mit ihnen Zeit verbringen, dass sie ein guter, wichtiger, angenehmer Teil unseres Lebens sind, der uns wichtig ist.
Wir müssen es ihnen nicht immer und immer wieder sagen. Und wenn doch, dann sagen sie uns das.
Das bedeutet für uns viel mehr Kraft für gemeinsame Dinge und Raum, um neue Dinge zu erkunden und zu probieren.

Auch und besonders in der Therapie, ist das zu einem Faktor geworden, der unsere Kurve steil nach oben hat gehen lassen. Wir müssen unserer Therapeutin nicht mehr x-mal versuchen irgendetwas klar zu machen. Sie hört sich das einmal an und nimmt an, was dann kommt. Auch wenn unser Verhalten (unsere Performance) nicht alles von uns mit nach außen trägt.

Man sollte meinen, dass das selbstverständlich ist. Kein_e Patient_in sollte in die Situation kommen immer alle Symptome zu zeigen oder zu benennen, damit die_r Therapeut_in oder Mediziner_in auch wirklich glaubt und mitdenkt, dass bestimmte Schwierigkeiten und dazu gehörige Gefühle und Gedanken, Konflikte und Probleme auch wirklich da sind und passend hilft/behandelt/unterstützt.
Aber dem ist nicht so. Es gibt Behandler_innen, die permanente Wiederholung einfordern, um sich selbst in der Haltung zu und der Diagnose für die_n Patient_in zu versichern und auch vor Dritten im eigenen Vorgehen zu legitimieren.

So zu behandeln ist unprofessionell und ein Merkmal schlechter Therapeut_innen. Unabhängig davon, ob man wie wir enorm darunter leidet diese Wiederholungsarbeit immer wieder leisten zu müssen, oder nicht.

 

 

*Diese Textreihe soll (nach nochmaliger Überarbeitung und Ergänzung mit Grafiken und Hinweisen zu weiterführender Literatur) ein analoges Zine werden.
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Autismus, Trauma, Kommunikation #2

Im Deutsch-Kommunikationsunterricht lernten wir das Kommunikationsmodell von Schulz von Thun kennen.
Demnach enthält jede Botschaft 4 Ebenen:

  • die Sachinformation
  • eine Beziehungsinformation
  • einen Appell
  • eine Selbstkundgabe.

Paul Watzlawik lernten wir in diesem Unterricht auch kennen. Seine 5 pragmatischen Axiome (nicht nötig zu beweisende Grundsätze) lauten:

  • man kann nicht nicht kommunizieren
  • jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt
  • Kommunikation ist immer Ursache und Wirkung
  • menschliche Kommunikation bedient sich analoger und digitaler Modalitäten
  • Kommunikation ist symmetrisch oder komplementär

Für uns ist nie ein Problem gewesen zu erfassen, was was ist. Wir können sehr wohl Appelle von Sachinformationen unterscheiden. Aber einen Appell, eine Selbstkundgabe und eine Beziehungsinformation in Gestalt einer Sachinformation wie “Deine Klamotte ist ganz schön verdreckt” zu finden, kommt uns vor wie ein Kreativitätswettbewerb. Denn woraus soll man das denn ableiten und wieso sollte jemand das sagen, aber eigentlich etwas anderes wissen lassen wollen?

Wir kommen über so etwas in Stress, der mit Unlogik zu tun hat. Wir kennen sehr wohl den Sinn von Lügen und Betrügen, auch von Verschleiern und ironischer Verzerrung zum Zweck des Witzes.
Warum man die Prinzipien der Lüge allerdings auf die normale Alltagskommunikation mit mehr oder weniger nahen Personen anwendet, verstehen wir bis heute nicht.

Das ist alles etwas anderes, wenn man in machtungleichen Situationen steckt.
Uns ist schon klar, warum Menschen auf der Arbeit oder unter weniger nahen Mitmenschen öfter prosozial lügen oder ihre Forderungen in Sozialverträglichkeitskostüme quetschen. Das verstehen wir als das was nötig ist, um in Gewaltkultur zu überleben. Also: sehr logisch.
Allerdings: eine logische Folge, die sich aus einem für uns unlogischen Moment ergibt, besonders, seit wir keine Gewalt wie früher mehr erfahren

Bleiben wir bei prosozialem Lügen. Also lügen, um Konflikte zu vermeiden, die entstehen könnten, wenn man die Wahrheit sagt.

In unserer Familie° war lügen und täuschen und besonders verschleiern, essenziell. Jede_r belügt jede_n und der Appell ist immer – jedes Mal, wenn jemand das Wort an dich richtet – : das wird nicht benannt, das wird nicht infrage gestellt, das wird mit allen Menschen so gemacht, die nicht zur Familie* gehören.

Wir haben einander vorgelogen, uns zu lieben, uns vorgelogen, eine normale Familie° zu sein, uns vorgelogen, tippitoppi in Ordnung zu sein und da niemand je die Wahrheit gesagt hat, haben wir bis heute keine Sicherheit darüber, ob wir uns eigentlich vielleicht doch nur gehasst haben. Ob diese Familie° vielleicht am Ende nur davon zusammengehalten wird, dass man sich nur unter potenzieller Lebensgefahr aus dem Zement, den prosoziales Lügen erschafft, herausbewegen kann.

Oder, wie wir heute annehmen: rausbröselt, wenn man das Konzept nur nachahmt, statt intuitiv gestützt mitmacht und verinnerlicht.

Heute ist uns klar, dass wir sehr lange auf eine Auflösung gewartet haben, an die in unserer Familie° niemals jemand auch nur kurz einen Gedanken verschwendet hat. Denn das ist, wie es Menschen in gewaltvollen Kontexten manchmal bis zum Schluss aushalten: die Lüge wird zur Realität. Gar nicht mal wirklich zur Wahrheit, aber doch zur Realität und damit unhinterfragbar und unandersdenkbar.

Das ist schon der ganze Zauber hinter dem Phänomen, das viele Gewaltüberlebende aus zwischenmenschlichen Gewaltkontexten beschreiben: wie sie plötzlich zur persona non grata werden, nachdem sie die Gewalt aufgezeigt haben. Zwischenmenschliche Gewalt in Familien (und in Institutionen wie Heimen, Klinken und Gefängissen) ist nur möglich mit einem engen zementartigen Lügen- und Täuschungskonstrukt, das Realität (geworden) ist.

Wem die Lüge klar ist, wem klar ist, das man hier widersprüchliche Dinge miteinander austauscht, der_dem ist das völlig offensichtlich. Für uns war es immer völlig klar, dass wir das mitmachen müssen, weil es sonst Probleme gibt – für uns mit der Dissoziation im Leben sogar doppelt: entweder wir verlieren Zeit und Selbst, oder wir werden Gewalt erfahren, wenn wir nicht mitmachen.

Was wir – und manche von uns noch – geglaubt haben ist, dass sich das alles auflösen wird. Irgendwann würden wir sicher erfahren, wieso das so wichtig ist. Wieso wir das machen müssen. Wieso das überhaupt alle Leute machen. Wieso in der Schule alle einander anlügen, wieso im Hort, wieso in Filmen und Romanen… .
Wir dachten, als ältere Person würden wir das alles durchschauen können. Und als das nicht passierte, wir aber immer mehr darunter litten uns und alles und alles und alles nicht richtig ausdrücken zu können, sind wir da rausgefallen. Nicht, weil wir so mega stark für uns eingetreten sind. Wir konnten einfach nicht mehr.
So banal ist das.

Heute kennen wir den Begriff des “autistic burnout” und denken, dass in der Zeit unserer Adoleszenz, in der sich so viel gleichzeitig in uns, aber auch unserem Leben in der Familie*° veränderte, auch das zu dem beigetragen hat, was uns mit 14~15 das erste Mal in eine Psychiatrie brachte: die Erschöpfung etwas unauassprechliches Aussprechen zu wollen, während gleichzeitig schon die ganz banale Alltagskommunikation eine massive Kompensationsleistung erforderte.

Wir selbst haben keinen enorm stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, finden wir. Wir sind keine edelweißen Stolzritterlein, die für Liebe und Gerechtigkeit das Löwenherz pochen lassen. Aber lügen und betrügen tun wir nicht. Wir sind im allgemeinen nicht mal gute Partner_innen, um Überraschungen vorzubereiten oder Geheimnisse und Heimlichkeiten bei uns zu lassen.

Zum Einen, weil es anstrengend ist. Eine Lüge muss immer gleich sein, man muss herausfinden, wen man wie belügen kann – dafür muss man sehr sehr gut Perspektiven übernehmen können und alle Eventualitäten der Aufdeckung zu erkennen in der Lage sein. Und dann muss man das Ergebnis der Lüge auch noch gut oder wenigstens okay genug finden, um das alles auf sich zu nehmen. Und dann muss man auch noch verdrängen, dass man das Ergebnis nur durch Lüge hat und nicht, weil man darum gebeten oder verhandelt hat.

Zum Anderen, weil es unlogisch ist.
Etwas wünschen oder zu wollen halten wir für menschlich. Das kann nerven und unbequem sein, ja – und das kann total schwer auszuhalten sein (besonders wenn traumatische Erfahrungen damit verknüpft sind), ja – aber grundsätzlich sehen wir darin nicht das soziale Sprengmaterial, was die meisten neurotypischen Menschen darin sehen.

Entsprechend kommunizieren wir direkt das, was wir wollen oder wünschen. Oder denken oder glauben. In der Regel, ohne noch andere Dinge zu denken oder mitzumeinen, die wir damit für andere vielleicht auch noch kommunizieren.

Ein Beispiel ist der Kuchen-und Kerzen-Vorfall an unserem Geburtstag dieses Jahr.
J. wollte uns mit brennenden Kerzen auf dem Kuchen vor unserer Wohnungstür überraschen. Und wir sagten ihm, er könne ja schon mal hochgehen – wir müssten grad einmal die Wäsche machen.

Im sozialen Code, den er uns dann erklärte, hätten wir sofort unsere Freude ausdrücken und ihm danken müssen. Er hätte sich und seine Überraschung dann gewertschätzt gefühlt und sich auch gefreut.
Für uns hingegen wäre das unlogisch und unaufrichtig gewesen. Denn wir waren mit der Wäsche beschäftigt und hätten nur das Gesicht verzogen, die Stimme verknörgelt und gesagt, dass wir uns freuen, obwohl wir uns noch gar nicht richtig gefreut hätten.
Vor einigen Jahren hätten wir das auch noch gemacht, um zu verhindern, dass uns was passiert. Genau wie früher, genau wie immer dann, wenn wir heute ganz besonders angepasst und unauffällig unter Leuten sein wollen.

So aber machten wir die Wäsche fertig, öffneten uns für die Kuchen- und Kerzensituation und fühlten in aller Ruhe nach, ob wir uns freuen oder (noch) nicht. Für uns war das schön und kongruent mit dem eigenen Inneren. J. hingegen, musste uns seine Gefühle und Gedanken dazu mitteilen – wir haben sie in dem Moment weder erkannt noch erahnt.
Nicht, weil wir keinen Begriff von Höflichkeit oder Konvention haben, sondern weil das einfach so war in dem Moment. Da war die Wäsche, da war die Überraschung, da war die Spontanität und alles – da war kein Moment für eine schnelle Metaanalyse unserer Situation. Und erst recht war dort nicht die Absicht ihm zu sagen, dass er und seine Überraschung weniger wichtig oder relevant ist, als das, was wir gerade tun. Wir hatten die Absicht unsere Wäsche zu machen und ihn das wissen zu lassen. Nicht mehr, nicht weniger.

Es sind schnelle Analysen und Berechnungen, die uns im Alltag mit fremden Menschen oder vor Filmen ermöglichen solche Momente zu umgehen bzw. bestimmte Dinge zu decodieren.
Aber das ist enorm energieintensiv.

Und: oft „lohnt“ es sich für uns nicht einmal, diese Energie immer wieder aufzubringen.

Autismus, Trauma, Kommunikation #1

Vor einigen Jahren haben wir eine Artikelreihe zum Thema Schweigen und Reden geschrieben.
In diesem Text, der vielleicht auch eine Reihe wird, wird es um Kommunikation gehen, denn das ist unser eigentlicher Dreh- und Angelpunkt, wie wir heute wissen.

Wir haben schon immer das Problem positiver Diskriminierung, unserer Ausdruckweise und sprachlichen Fähigkeiten betreffend, weil es das Missverständnis „Sprache“ = „Kommunikation“ gibt.

Wir sind sehr gut mit Sprache. Unser Wortschatz ist groß, unsere Metaphersammlung beeindruckend für viele Menschen. Wir lernen gerne und schnell Sprachen. Sprechen flüssig, moduliert und lang.
Wir sind allerdings eher mittelprächtig in der Kommunikation dessen, was wir eigentlich aussprechen wollen und eher untermittelprächtig gut in der Rezeption dessen, was uns andere Menschen kommunizieren wollen.

Denn Sprache ist Muster. Also: Grammatik und Wörter. Sprache ist lernbar. Das kann man sich einprägen, einüben. Sprache findet sich überall.
Kommunikation allerdings, erfordert auch das, was als Intuition bezeichnet wird, weil der Lernprozess unbewusst und basierend auf neurologischem Feedback passiert. Menschen bringen einander Kommunikation bei, ohne zu wissen, dass sie das tun oder wie genau sie das tun.

Besonders in unserer Ausbildung mit dem Schwerpunkt auf Medien und Kommunikation merken wir: den Kernpunkt einer kommunikativ intendierten Aktion, kann uns niemand erklären.
Man kann uns sagen, was was macht und wie was wirkt, aber wieso und woran sich das jeweils festmacht nicht. Eben, weil es hier um so tief verinnerlichte und durch die alltäglich bestätigte Funktion als nicht nötig zu hinterfragende Dinge geht, dass dort oft ein Ende der Selbstreflektion beginnt.

Unser Problem liegt an genau dem Punkt.

Während wir lange dachten, die Lösung aller Kommunikationsprobleme wäre eine Perfektion von Sprache und Timing, trugen wir durch diese Bemühungen immer weiter dazu bei, dass Menschen uns nicht glauben, dass wir sie oft nicht verstehen und uns nicht richtig ausdrücken können.
Zusätzlich gehen wir mir traumabedingter Sprachlosigkeit um.

Unsere Fragestellung an andere Menschen ist also oft: Wie müssen wir etwas sagen, damit du uns verstehst?
Und so viele Menschen können darauf keine Antwort geben, denn sie selbst sehen die eigenen Kommunikationstechniken nicht. Sie wissen nicht, worauf sie wie reagieren, weil sie sich das nie fragen mussten oder gefragt wurden. Selbst Menschen, die mit studiertem Blick auf Kommunikation schauen, könnten den für uns fraglichen Punkt nicht benennen.

Und während viele Menschen an der Stelle annehmen, dass wir uns darüber erhöhen und überlegen fühlen, weil wir einen sogenannten „blinden Fleck“ bei vielen Menschen gefunden haben, sind wir tatsächlich oft einfach nur verzweifelt und zuweilen auch zutiefst hoffnungslos, jemals ganz und gar erkannt und verstanden zu werden.

Früher waren wir in der Theorie verhaftet, wir würden Menschen einfach nicht genug vertrauen, um sie nah genug an uns heran zu lassen, um eine intime, im Sinne von vertraute oder innige, Kommunikation aufzubauen. Jedes unserer Sprech-, Sprach-, und Kommunikationsprobleme lag damit allein bei uns. Wir sind die mit dem traumatisierten Gehirn, mit den zu schlecht entwickelten Abgrenzungs- und Reorientierungsfähigkeiten – wir sind die, die nicht zwischen Bedrohung und zugeneigtem Miteinander unterscheiden können.

Die Rolle anderer Menschen beschränkte sich damit auf den „Sei lieb zu mir-Imperativ“ und damit auch den Anspruch, für uns bitte niemals auch als Bedrohung verstehbar oder sichtbar zu sein.
Eine fiese, aber leider übliche Falle, in die Menschen tappen, die versuchen mit traumatisierten Menschen umzugehen.

Man möchte den traumatisierten, vielleicht auch leidenden, Menschen nicht noch mehr leiden machen und schon gar nicht immer wieder an die Traumatisierung erinnern. Sobald das Konzept von Triggern verstanden ist, will man Trigger nicht mehr. Man will sie um jeden Preis verhindern, obwohl alles – das komplette Leben von Anfang bis Ende – komplett triggerbasiert ist.
Das Leben ist eine einzige Kette von Reiz-Reaktionsmustern. Sich Triggern zu verwehren, heißt sich dem Leben zu verwehren. Sich dem Leben zu öffnen, bedeutet sich für Umgangs- und Reaktionsmöglichkeiten zu öffnen.

Obwohl wir uns immer wieder dagegen gesperrt haben von anderen Menschen auf diese Art „geschont“ zu werden, waren wir da immer wieder drin. Und immer wieder waren es unsere Kommunikationsrezeptionsprobleme, die am Ende dafür gesorgt haben, dass wir Menschen nicht verstanden haben, die so mit uns umgegangen sind. Für uns haben sie einfach dauernd Dinge gesagt und gemacht, die für uns völlig irrational, unbegründet und unlogisch waren. Wir konnten sie nie durchschauen, konnten sie nie einschätzen. Egal, wie oft sie uns nicht miss.be.handelt oder ausgebeutet haben – in diesem Faktor haben sie sich einfach nicht von den Menschen unterschieden, die das mit uns gemacht haben und damit waren sie für uns eben doch nie „ganz anders als die Täter_innen“.

Je mehr wir an die Grenzen unserer kommunikativen Fähigkeiten kamen, desto mehr gewann die Psychosomatik als Kommunikationsmittel an Bedeutung. Und je mehr dagegen antherapiert wurde, desto stärker wurde der Druck auf uns, doch endlich die richtige Sprache, das richtig Timing, die richtige Sozialperformance herauszufinden, um dann die_r richtige_r Patient_in, die_r richtige_r Klient_in zu werden, um dann als Belohnung nicht mehr zu sterben zu wollen, weil das Leiden so unaushaltbar war.

Wir konnten das nicht lösen und heute merken wir, was für ein großer Anteil das für uns an der Traumatisierung durch Helfer_innen war und potenziell immer noch ist. Denn die wenigsten Behandler_innen und Helfer_innen kennen sich mit Autismus aus oder trauen autistischen Menschen so viel Innenleben zu, dass sie traumatisiert werden könnten.
Obendrauf kommt noch der Ausschluss von autistischen Menschen in der neurologischen Traumaforschung, aufgrund ihrer Neurodivergenz. Also: (möglichen) Aspekten ihrer Behinderung.

Inzwischen gehen wir ins dritte Jahr mit der Autismusdiagnose und skyrocken seitdem auf der Entwicklungskurve.
Wir sind in einer glücklichen Beziehung, sind auf dem Weg in eine passende Arbeitsform, können unsere Gesprächtherapie zu 95% nutzen und haben das Gefühl, dass der Boden auf dem wir stehen einer ist, der uns trägt. An 4 von 7 Tagen einer Woche gehen wir mit Grundglückszufriedenheit ins Bett und können Traumascheiße vor der Haustür bündeln.
Das wäre nicht der Fall, wenn wir nicht den Hang dazu hätten, Menschen so zuzuhören, wie wir das tun.

Für viele Menschen sind Sätze wie: „Tun Sie, was Ihnen gut tut.“, „Wir arbeiten hier so lange zusammen, wie es hilfreich ist.“ oder „Vertrauen Sie auf ihre Einschätzungen. Sie sind die_r Expert_in für sich selbst.“ nichts mehr als Phrasen.
Besonders dann, wenn das Verzweiflungslevel so hoch ist, dass Behandler_innen oder Helfer_innen zu Retter_innen in der Not werden. Also eine gewisse Abhängigkeit aufgebaut wird.

Für uns konnten solche Sätze als Jugendliche auch nur dumpfer Blablascheiß sein, denn selbst wenn wir nach unseren Einschätzungen gegangen wären, was wär dann passiert? Wunderheilung? Spontanrettung? Wer hätte uns genommen als chronisch suizidale Jugendliche? Das Heim hatte uns schon abgeschoben und in der geschlossenen Psychiatrie sagt man uns dann sowas, obwohl so so klar ist, dass man am Ende der Fahnenstange angekommen ist und mehr als das Ende aller Alternativen – und damit auch des eigenen Lebens (unter Menschen und relativer Nähe der Gesellschaft) – nicht mehr da ist.

Und auch an der Stelle: Wenn man schon nicht kongruent kommunizieren kann, was belastet und schwierig ist – wie soll man kommunizieren, was man sich entlastender und einfacher vorstellt? Insbesondere dann, wenn man als ultraintelligent und deshalb als befähigt und deshalb als stark (mächtig!) und deshalb auch gerne mal als frech, anmaßend, arrogant eingeordnet (und gemaßregelt) wird.

Unsere Therapeutin sagt keine Dinge, auf die wir nicht in irgendeiner Form auch mit einer Frage zurück kommen können. Wir müssen uns nicht an ihr orientieren, sondern an den Themen, die wir besprechen. Nicht jede.s abwesende oder undefinierbare Gefühl, Wort oder Idee ist gleich unsere Traumavermeidungsstrategie oder dissoziiertes Trauma. Nicht jede Unfähigkeit ist gleich eine traumabedingte Unfähigkeit.
Im Nachhinein denken wir manchmal, dass sie die erste Therapuetin ist, die uns nicht einfach nur predigt doch endlich mal Trauma von Welt zu differenzieren, sondern sich auch für unsere Differenzierungen interessiert.

Denn die sind ja immer schon da gewesen. Zum Einen in uns selbst – viele sein ist das Ergebnis von Differenz durch Unverbindung (also Dissoziation statt Assoziation) – und zum Anderen in dem, wie wir den Lauf der Dinge und seine Bestandteile wahrnehmen – denn wir nehmen mehr Details und breitere Komplexe als klare (bewusste) Informationen auf (was mit unserer Neurodivergenz zu tun haben kann, und durch die unter verschiedenen Bedingungen reproduzierbare Bewusstheit und Benennbarkeit von traumabedingter Hyperviglianz zu unterscheiden ist).

Wir hätten eine weitere Verzweiflungsrunde über die von uns angenommene Sprechunfähigkeit gedreht, hätten wir mit der Therapeutin damals, zum Zeitpunkt der ersten Autismusüberlegungen, nicht schon über 2 Jahre lang gemerkt, dass wir grundsätzlich total gut miteinander arbeiten können, aber da immer noch diese eine Stelle des Unverständnisses blieb.
Die sich ja dann auch noch einmal in der Musik- und Kunstschule wiederholte.

Fortsetzung folgt

über reine Nervensachen, Traumastille und gedrückt werden

“Alles Nervensache”, denke ich und schiebe uns durch den Verkehr.
Ich habe Schmerzen und das, was Alltags ist, strömt zäh_flüssig mit mir wie einem Korken draufdrin dem Tick-Tack nach.

Später zu Hause eingeklemmt zwischen Schrank und Wand denke ich: “Ja, alles Nervensache” und erinnere mich an die eine Gruppentherapie vor was weiß ich nicht wie vielen Jahren. Wo eine Person versucht hatte zu erklären, wie sehr es weh tun kann, depressiv zu sein und die Therapeutin fragte, was genau denn da weh tun würde.

Das ist mein Schmerz im Alltag, denk ich. Das ist der gleiche Schmerz, wie der, der mich quält, wenn ich so runter bin – weil der Zug rumpelt, Leute reden, atmen, Kleidung bewegen, Zeitungen, Handtaschen oder Rucksäcke durchkruscheln, weil sich alles bewegt, Aufmerksamkeit, Reaktion und Einordnung verlangt. Wenn einfach nur die Welt passiert und der Platz dafür in sich drin, nicht mehr gepolstert ist.

Nachdem wir in Biologie etwas über Zellkerne gelernt hatten, hab ich sie mir dann manchmal in das Wortbild vom “Laufen auf dem Zahnfleisch” eingebaut und mir gedacht, dass es vielleicht deshalb wehtut, weil die Zellkerne wie Legosteine da liegen und es dann natürlich weh tun muss, wenn man drauftritt.

Ich bin im Moment nicht depressiv. Eigentlich gehts mir und uns sogar ganz gut.
Was es irgendwie noch schlimmer macht, dennoch mit diesem Schmerz konfrontiert zu sein und einen Umgang haben zu müssen. Wäre da eine Depression, dann würde die Kraft für mehr als die Wahrnehmung dessen fehlen. Wir würden liegen, schlafen und wenn wir erwachen, die Augen zuhalten und uns in einem weißen Nebel bewegen, der neben der Zeit passiert.

Ich habe gelesen, dass es dem Schmerzgedächtnis scheiß egal ist, welcher Ursache ein Schmerz ist.
Und habe mich an den Schmerz erinnert, den ich mit Traumastille verbinde. Das ist die Stille, die sich ausbreitete, wenn der letzte Schlag, der letzte Stoß, der letzte Druck auf den Körper zum Ende kam und dann nichts mehr passierte. Die Zeit zwischen dem Moment, in dem die gewaltausübende Person ihren Verdrängungsschängel zu einem Spruch, einer Anweisung, irgendeinem weiteren groben Über_Griff machte und dem, in dem sie ihn machte.

Manchmal habe ich einen Schmerz als überkrasses Geräusch oder geblendet oder verbrannt werden wahrgenommen. Auch diese Art von Schmerz ist Traumastille für mich.
Ich kann bis heute nicht sagen, was genau da weh getan hat. Oder wie sich dieses überkrasse Geräusch für mich angehört hat oder welchen Ursprungs die Blendung war, die ich da empfunden habe.

Heute weiß ich, dass das eine Nervensache ist. War.
Das Nervensystem von Klein_Kindern ist nicht das von Erwachsenen. Gerade vor ein paar Tagen konnten wir das bei der anderthalb Jahre alten Tochter von Freund_innen miterleben. Sie stolperte, tat sich weh – doch drückte den Schmerz als Schmerz erst fast 10 Sekunden später aus.
Was war es in den 10 Sekunden, bevor sie zu weinen begann und bei ihrer Mutter Erleichterung davon suchte?
Ich glaube, da war es noch Nervensache. Also: alles mögliche. Alles Nervenmögliche.
Es hätte auch geblendet werden oder auditiv überflutet werden sein können. Das Gehirn prüfte noch nach Einordnungsmöglichkeiten, während das Empfinden schon längst da war.

Manchmal denke ich, dass das vielleicht mein, unser chronisches Schmerzproblem heute ist.
Die Nervensache ist so oft nur rudimentär eingeordnet worden, dass sie bis heute eine Nervensache ist.

Als die Gewalt passiert ist, war ja mehr als nur Schmerz da. Es tut eben nicht nur weh, miss.be.handelt zu werden. Es ist auch einfach nur grob, dumpf, vielleicht auch mal mit einer Quetschung oder einem Druck verbunden. Manchmal sind da auch noch Komponenten die körperliche Resonanzen mit sich bringen, wie Angst, Horror, Ekel, Beschämung oder Demütigung. Der peinsame Cringe, den man hat, wenn man vor anderen bloßgestellt wird, kann das gleiche Reißen im Zwerchfell sein, das entsteht, wenn man mit aller Macht gegen einen Brechreiz, ein panisches Erstickungsgefühl oder schlichtes Schock-raus-schreien angehen soll muss.

Manchmal hilft es uns, Anspannung zu veratmen. Dann denke ich mir, dass meine Nerven zittern und wackeln, weil sie so unter Spannung stehen, dass auch das banalste kleinste sie ganz zwangsläufig berühren muss – und mir dann einmal mehr Schmerzen bereitet.
Ich atme den Bauch raus und drücke mit dem Daumennagel in die Rille zwischen Oberlippe und Nase.
Die Geschichte mit dem Gedanken ein Baum zu sein, ist auch gut dafür.

Noch mehr hilft es uns Druck zu fühlen. Schwere Decken oder zwischen Wand und Schrank gedrückt sein. Oder NakNak* auf dem Schoß haben. Oder NakNak*, die sich an unseren Oberkörper drückt.
Das ist scheinbar eindeutig genug für unser Gehirn. Es dauert keine zwei Sekunden bis das Schmerzempfinden nachlässt, wenn wir so “gedrückt” werden. Aus Nervensache wird Drucksache. Wird Wort, wird Zeit und Raum, wird eigener Körper und damit Entlastung.

Ich finde das erstaunlich.
Auch, weil ich dann manchmal einfach anfangen muss zu weinen und nicht weiß, ob ich vielleicht schon vorher hätte einfach zu weinen versuchen sollen oder nicht. Ob mir die Welt und ihre Reize vielleicht eigentlich gar nicht wehgetan haben, sondern sie mich traurig gemacht hat. Oder, ob sich da gerade noch ein Traumafizzel mit verarbeitet hat und es als eine Art nachträgliche Affektabfuhr passiert.

“Alles reine Nervensache”, das wird oft gesagt, wenn man meint, etwas sei nichts Ernstes, Dringendes gar Be_Drängendes und daher beherrschbar oder auch kontrollierbar. Manche Menschen sagen so etwas, um andere Menschen mit ihren Empfindungen allein zu lassen, denn die eigenen Nerven hat man eben nun einmal nur für sich.

Auch das ist etwas, das in mir Traumastille-Schmerz macht.
Denn es erfordert schon etwas jemandem von so unbestimmten Dingen zu erzählen. Vertrautheit, Nähe und die Annahme im Schmerz an.erkannt und verstanden zu werden.
Mir kommt das wie eine Anbahnung vor.

So wie wir es brauchen zu wissen, dass wir nach der Arbeit oder der Schule nichts mehr machen müssen, das Handy greifbar ist und der Schrank stabil steht, um uns in den wohltuenden Druck zu begeben, brauchen manche anderen Menschen, eben diese sozialen Flauschigkeiten, um gedrückt zu werden und das auszuhalten.

Für uns werden reine Nervensachen erst dadurch zu etwas, das beeinflusst werden kann.
Für andere sind es andere Menschen.

Irritierend wie sich je die Annahme entwickeln konnte, Menschen mit Schmerzen jeder Art unberührt (ungedrückt) zu lassen (außer sie wünschen sich das so), sei eine gute Idee.