vom Funktionieren – Teil 1, „Systeme“

Kaum ein Thema wird so häufig in der DIS-(Selbst)Hilfe besprochen wie das des Funktionierens. Ob es darum geht, dass man unter der eigenen Funktionalität leidet; dass man sich dazu wie gezwungen oder automatisiert fühlt zu funktionieren, oder dass man spürt, dass man zunehmend weniger gut funktionieren kann oder auch will – es kommt immer wieder auf.
Ich habe an dem Thema etwa drei Themen und einige Punkte.
Und gleich zu Beginn eine kritische Bemerkung zum Wording.

Auch wenn ich anerkenne, dass man sich im Themenkreis offenbar endgültig darauf geeinigt hat, sich nicht primär als Mensch zu bezeichnen – z. B. als Mensch mit DIS oder als „Viele-Mensch“ –, sondern als „System“, möchte ich hier ausschreiben, warum das ein Problem ist. Vor allem, wenn es um die Auseinandersetzung mit dem Thema der Funktionalität geht.

Soweit ich das überblicken kann, gab es schon immer Menschen mit DIS, die ihre innere Verfasstheit, ihr „Vielesein“, mit Modellen von Systemen beschrieben haben. Manche nannten sich „Bande“, manche „Schwarm“, wieder andere „Truppe“ oder auch „Hausgemeinschaft“. Von einer Person, die sich als „Bienenschwarm“ beschrieb, habe ich einmal gelesen, das Bild würde ihre Rolle als „Host“ (Bienenkönigin) am besten beschreiben und ihr helfen, ihre inneren Kämpfe und Schutzmaßnahmen zu verstehen. Sie hat ganz konkret mit ihrem Wissen über Bienen und deren Organisation gearbeitet, um sich selbst in ihren Fähigkeiten und Grenzen der Funktionalität zu repräsentieren. Die Natur von Bienenvölkern und die Beschaffenheit ihrer Lebensumstände haben in dieser Schilderung eine relevante Rolle gespielt. Das Außen – Wetter, Bedrohungen von Tieren oder Menschen, der Standort der Beute – spielte eine wesentliche Rolle dabei. Es war durchgehend klar, dass die Funktionalität des Schwarms immer im Zusammenspiel mit der Um- und Mitwelt passierte.

Fast forward. 2006 wird „das verfolgte Selbst“ veröffentlicht und mit ihm ein theoretisches, hochabstraktes Modell über die Funktionsweise und -wirkung von (komplex)traumabedingter Dissoziation beschrieben.
Bis 2015 ungefähr war es in den meisten Austauschforen und -chats noch üblich, sich gegen die Einteilung in ANP oder EP auszusprechen, weil es komplexe innere Vorgänge zu stark vereinfacht und bestimmte Aspekte des Er_Lebens mit (und aufgrund einer) DIS verunsichtbart. Bis es irgendwann doch viele einfach angenommen haben. Gerade jüngere Betroffene hatten und haben ihre gesamte Psychoedukation über ihre Erkrankung ausschließlich entlang von diesem Modell. Das war früher stärker noch als heute, als hat man sich entscheiden müssen: Hier der kitschige Individualtüdelüt mit Bienenschwärmchen und Multis im „Zauberwald“ (so hieß mein Forum, I kid you not) und da die klare, wissenschaftliche (wahre, richtige)  Logik der Theorie der strukturellen Dissoziation.
Und klar – was ist denn bitte nicht verführerisch an einer Selbstbezeichnung, die scheinbar wenig emotionalisierbar ist, wenn es Menschen gibt, die Zweifel an der Diagnose über die Emotionalisierbarkeit ihrer Betroffenen (und deren Behandler_innen) schüren?
Wie groß die Anziehungskraft einer Selbstbezeichnung, die mehr Referenz als tatsächliche Identifikation ist, wenn diese nicht erlaubt erscheint? Eine bessere Rampe in die Vermeidung der Erkenntnis, Teil der Welt, der Menschheit und Gesellschaft zu sein – mit allen Konsequenzen, schmerzlich wie wunderbar – gibt es eigentlich nicht.

Welche Rolle Vermeidung und Vermeidungsverhalten bei der Selbstbezeichnung als „System“ spielen, finde ich unübersehbar und gleichzeitig viel zu wenig benannt. Man vermeidet eine Angriffsfläche für False-Memory-Erzählungen. Man vermeidet den ableistischen Vorwurf, aus der eigenen Krankheit eine Identität zu machen. Man vermeidet die Realisation der Traumatisierung der ureigenen Seele und des Leibs als untrennbar von der direkten und indirekten Mitwelt. Man vermeidet die Markierung des eigenen Seins als menschlich. – Als wäre etwas davon gefährlich oder als würde die Vermeidung in irgendeiner Form konstruktiv zur Lösung beitragen. Und nicht etwa Gewalt legitimieren und in ihrer Wirkung normalisieren, was wiederum an ganz anderer Stelle sichtbar wird.
Nämlich dort, wo diese Selbstbezeichnung die Entmenschlichung psychisch erkrankter Menschen erleichtert. Sind ja keine Menschen mehr, die da durch die Kliniken und Praxen tingeln – sind ja „komplexe Systeme“, unlösbare, undurchschaubare Rätsel – wer soll denn dafür Kopf und Zeit haben – in this economy. Was soll da denn menschliche Hilfe bewirken können? Kann ja alles nur ungenügend sein – geht ja gar nicht anders. Mensch und System – wo soll denn die Schnittstelle sein? Wo soll Therapie da ansetzen, wenn nicht bei einer tiefgreifenden Entkernung und Umwandlung vom System hin zum Menschen? Also einer kompletten Umkrempelung, Kernveränderung, Ent-Selbst-ung, wenn man so will. Einer absolut gewaltvollen Anpassungserzwingung. Einer Assimilation.

I know its not that deep für die meisten, die sich „System“ nennen. Aber was, wenn es eben doch so deep ist? Wenn es ausgerechnet die Selbstbezeichnung (aufgrund einer allzu theoretischen, überabstrakten Psychoedukation) ist, die es verhindert, sich selbst tatsächlich und konkret zu begreifen und infolge dessen auch nicht zu merken, wenn sich Gewalt abspielt (und legitimiert oder naturalisiert wird)? Zum Beispiel beim Sprechen (und Schweigen) über die Funktionalität von Menschen mit DIS.

Fundstücke #98

„Wieder so ein Selbstgespräch“, denke ich. In mir schließen sich die Schotten, während ich den Kontakt in Echtzeit analysiere. Ich lese keine Aufmerksamkeit für mich. Kein Warten auf eine Reaktion von mir. Die Person erwartet nicht einmal, dass ich mich beteilige. „Aber sie fühlt sich im Kontakt, oder? Das ist kein förmlicher Kontakt. Hier wird überhaupt auf gar keine Form geachtet. Keine Grenzen des Anstands, den Fremde füreinander haben. Keine Grenzen des Respekts, den Freund*innen füreinander aufbringen. Wow – warte – ist das – was ist das hier?“ und wie in einer Art innerer Zeitlupe merke ich, wie das Wasser steigt. Die Flut kommt. Meine Verwirrung, fremde Ängste und Hilflosigkeitsgefühle. Erinnerungsflocken und unwillkürliche Reaktionen darauf.
Wer auch immer sich gerade hinter den Schotten verbirgt, war total schlau.

Ich hingegen ziehe mein Training durch. Pragmatische Orientierung, Klärung der Fakten. Missachtete Grenzen erwähnen, aber weder deren Verletzung noch deren Relevanz für mich betonen, um die Kontaktfläche so schmal und flach zu halten wie möglich.
Die Flut, in der ich mich ertrinkend fühle, ist für mein Gegenüber so sehr nicht real, wie sie für mich noch nicht differenzierbar ist. Ich bin von allen Seiten bedrückt, mein Gegenüber fühlt sich entlastet. Geklärt, geordnet, frei von allem, was mich in den nächsten Tagen, vielleicht auch Wochen, noch bewegt. Ich spüre schon jetzt jemand Inneres einen Mopp schwingen und darauf bestehen, nie wieder mit irgendwem Kontakt aufzunehmen. „Immer diese Scheiße hier! Nur wegen … DARGH!“ die Grenze der Aussprechbarkeit ist erreicht.

Ich akzeptiere. Kanns mir leisten. Ich kann den Kontakt loslassen. War dafür vielleicht von Anfang an nie wirklich relevant. Für manche Menschen ist man einfach besser Projektionsfläche als irgendetwas anderes. Ich kenne das schon. Heute schmerzt das anders. Früher dachte ich noch, dass es nur mit mir zu tun hätte. Heute tut mir weh, dass es keinen Schutz dafür gibt. Dass es leider zum Leben mit Menschen dazu gehört.

Trotzdem muss ich wissen, was das war. Brauche Vibes, Einschätzung von außen, Abgleich, Meinung von anderen und hole sie mir auch ein. Bin erleichtert, als mir niemand absolute Übersichtlichkeit, Klarheit, Eindeutigkeit der Situation bescheinigt. Beruhigt, als sich kein grober oder offensichtlicher Fehler von mir abzeichnet, sondern ein Komplex, in dem ich von Anfang an wenig Optionen hatte.
Das hilft. Beruhigt die Wogen der Flut, lenkt ihre Energien um, stützt mich.

Die innere Debatte verändert sich von „nie wieder mit irgendwem irgendwas zu tun haben“ zu „Okay, heute erstmal nicht und morgen können wir in Ruhe abwägen“ zu „Ja, aber mein Mann ist ja nicht ‚irgendwer‘“ -„Und meine Freund*innen übrigens auch nicht …“ bis wir irgendwann einig sind, erst einmal nur genau dieser einen Person keinen Zugang mehr zu uns zu geben. Weil wir das können. Grenzen nicht nur haben und übertreten lassen, sondern auch überlegt und bewusst wieder herstellen. Und Entscheidungen darüber treffen, ob wir sie mitteilen oder nicht.

Am Ende fühle ich mich, als hätte ich eine Gartenarbeit geschafft. Weirdly proud und froh, dass es geschafft ist.

Gleichzeitigkeiten

Später denke ich an einen Aspekt aus dem Streit mit meinem Mann.
Da habe ich mich nicht gesehen gefühlt und eine geistige Notiz für das Klärungsgespräch gemacht. Erst mit dem aufgeregten, verletzten Rotstift-Edding: „ICH BIN TRAUMATISIERT – DAS WEIßT DU DOCH!!!!“, dann mit dem mitteldicken Stift: „FÜR MICH SIND DINGE SCHWER, DIE FÜR DICH LEICHT SIND – und ich habe dir gesagt, dass das so ist. Und dass es an meine Kräfte für alles andere geht, mich dem zu stellen!“ und dann mit einem schwarzen Fineliner: „Ich wünschte, du hättest mehr Aufmerksamkeit dafür gehabt, dass ich mit etwas konfrontiert bin, das mich an schlimme, lebensbedrohliche Erfahrungen erinnert und trotzdem einen Umgang erfordert, als wären sie mir nie passiert. Und dafür, dass mich das erheblich Kraft kostet, die an anderer Stelle einfach fehlt. Es fühlt sich an, als wäre dir nur wichtig, dass ich dich sehe, egal, wie viel Kraft ich dafür habe.“

Es gibt nicht mehr so viele Situationen, in denen ich darauf angewiesen bin, mit meiner Traumafolgestörung oder meinem Trauma gesehen zu werden. Und selbst als das noch viel öfter im Alltag der Fall war, habe ich das hauptsächlich dafür gebraucht, um mich selbst zu verstehen und zu begreifen, dass ich traumatisiert wurde.
Ich brauchte das nie, um mich richtig zu fühlen oder sicher in meinen Bedürfnissen oder berechtigt, etwas zu fordern, was mir hilft, klarzukommen. Meine Erfahrungen waren meistens einfach der Ursprung, die Folgen etwas, das da ist, egal ob jemand ihren Ursprung sieht – oder glaubt. Entsprechend leicht ist der Dauerbrenner der Trauma/DIS-Bubble für mich zu überscrollen. Ich habe dieses Thema der Validierung von außen nicht so. Weder in Umfang noch Dringlichkeit.

Aber natürlich passieren mir eben solche Streits. Oder Anträge bei Behörden. Oder medizinische Behandlungstermine. Oder Situationen wie zuletzt mit meiner Arbeitskollegin. Momente, in denen ich mir wünsche, man könnte meine Verletzung, mein Trauma, und ihre Folgen einfach sehen und verstehen und begreifen und akzeptieren und alles, was sie mit sich bringen oder bedeuten, validieren durch Rücksicht und Entlastung.
Dann aber frage ich mich, wie das aussehen würde. Was genau wünsche ich mir denn da? Da ist doch mein Wunsch nicht, als geprügelte 10 jährige sichtbar zu sein oder als sogenanntes „Traumaopfer“. Ich will doch einfach nur nicht irgendwie sein oder aussehen oder wirken müssen, um in dem anerkannt zu werden, was ich äußere, oder zu bekommen, was ich zum Überleben brauche. Keine Performance aufführen müssen, keinen spezifischen Eindruck von mir bei jemandem herstellen. Gewissermaßen herbeimanipulieren, dass ich mit Respekt und Anerkennung meiner Menschlichkeit behandelt werde. Was doch aber etwas ist, das sich alle Menschen wünschen? Und also etwas ist, wofür meine Gewaltbetroffenheit erst einmal irrelevant ist – und also überhaupt nicht zum Thema gemacht werden muss.

Es geht mit sehr viel Gleichzeitigkeit einher, dieses Traumading.
Einerseits wird vielen traumatisierten Menschen nicht geglaubt, dass sie von bestimmten Dingen (re)traumatisiert werden und das Folgen für sie hat – und das ist ein ungeheuer komplexes Folgeproblem; andererseits ist es in Bezug auf die Dinge, die diese Menschen brauchen, komplett egal, ob sie sie bekommen oder erfahren, weil sie traumatisiert wurden oder nicht. Es ist wichtig, dass sie sie bekommen, weil es ihnen sonst schlecht geht. Weil ihr Leben sonst bedroht oder schlicht nicht lebenswert ist.
Der Glaube oder die Anerkennung von anderen Menschen über die gemachten Erfahrungen ist damit gleichzeitig total wichtig und total unwichtig.

Mit meiner geistigen Notiz zu meinem Streit versuche ich, das zu illustrieren.
Erst ist sie für mich überstark emotional, denn hey, aufgrund meiner Erfahrungen haben bestimmte Tätigkeiten oder auch Gegebenheiten in meinem Alltag einen speziellen Charakter für mich und ich will, dass mein Mann das auch anerkennt.
Dann aber wird deutlicher, dass ich dieses Gefühl nicht habe, weil mein Mann mein Trauma nicht mitdenkt, sondern, weil es mein Mann, mein Freund, mein Partner, mein engster Vertrauter ist, der es nicht mitgedacht hat.
Und am Ende ist klar: Ich habe eine Erwartung in Bezug auf meine Erfahrenheit, aber auch in Bezug auf unsere Nähe. Ich erwarte, dass er meine Traumafolgen immer so mitdenkt, wie ich. Dass er die Auswirkungen auf mich ganz genauso bemerkt und berücksichtigt wie ich. Er ist aber nicht ich und denkt es entsprechend nicht immer mit wie ich. Und das enttäuscht mich. Deshalb fühle ich mich nicht gesehen und bin davon verletzt. Ich fühle ihn doch so nah. Aber er ist mir nicht immer so nah. Er ist er. Das muss ich akzeptieren. Wir müssen besprechen und klären, wie wir damit in Zukunft umgehen. Es geht überhaupt nicht um meine Traumatisierung, sondern um etwas, das ich mir kongruent oder sogar synchron wünsche, was einfach nie so sein kann.

Mein Wunsch ist valide. Der ist logisch und okay und gut. UND nicht erfüllbar. Es ist nicht fair, meinem Mann vorzuwerfen, dass er ja gar nicht so ist und empfindet wie ich.
Aber es ist fair von mir, zu sagen: „Hey, das war wegen meiner Gewalterfahrungen ganz schön schwer für mich.“, und zu erwarten, dass er darauf in einer Art und Weise reagiert, die weder mein Empfinden abspricht noch mich als Person abwertet oder abwertend beschreibt, weil er mein Partner ist. Von allen anderen Menschen, die mir weniger nahestehen, kann und muss ich vielleicht auch erwarten, dass sie anders reagieren, um unserem Verhältnis realistisch und fair zu entsprechen.

Und da komme ich zu Postings in der DIS‑Bubble, wo Betroffenen-Soli gefordert wird, weil wir Betroffene sind. Ich finde die Erwartung an andere Betroffene, alles zu glauben, alles kritiklos hinzunehmen, was Betroffene veröffentlichen, unangemessen und in Teilen auch sehr unfair.
Ich bin einfach nicht die andere betroffene Person. Ich habe einfach andere Lebensumstände, andere Herausforderungen, andere Meinungen, weil ich ich bin – nicht, weil ich anderen Betroffenen schaden will oder einzelne Personen nicht mag oder von Konzepten überzeugt bin, die Opferschaft sehr eng und strikt definieren.
Klar wäre es schön, wenn die Kongruenz, die wir auf unseren Diagnosezetteln haben, sich in unseren Er.Lebenweisen und -formen fortsetzen würden. Der Wunsch ist valide. Der ist logisch und okay und gut. UND nicht erfüllbar.

Alle können ihre Enttäuschung darüber ausdrücken und alles. Aber so fair sein, anzuerkennen und zu akzeptieren, dass es Grenzen dieser Übereinstimmungen gibt, müssen wir auch alle sein.
Wenn wir einander nicht in allem zustimmen, dann heißt das nicht, dass wir gegeneinander sind. Wenn ich nicht alles so mache, wie es jemand anderes meiner Betroffenheiten machen würde, dann ist das kein Angriff auf mein Handeln und auch kein Angriff auf meine Person.
Wenn ich nicht alles glaube, was ich sehe oder höre, ist das weder ein Angriff noch keine Solidarität oder Verrat an der Sache. Ich muss niemandem glauben, um angemessen mit der Person umzugehen. Ihre Grenzen zu wahren, sie zu versorgen, sie solidarisch zu unterstützen. Ich muss sie als Mitmensch annehmen, respektieren und ansprechen. Und dazu gehören Zuspruch, empathisches Mitschwingen und Validierung von Bedürfnissen und Bedarfen – aber auch kritische Aufmerksamkeit, das Ansprechen von Fehlern und die Formulierung von Dissens, wenn es welchen gibt. Einander ausschließlich zu bestätigen, ist für mich das Unsolidarischste und im Kern auch Destruktivste, was man einander antun kann, weil es die Realität negiert.

Und wenn Überlebende von Gewalt meiner Meinung nach eins wirklich bedingungslos verdient haben, dann ist das die Realität. In aller Widersprüchlichkeit, aller Brutalität, Schönheit, Komplexität, Irre, Wirre, Unfassbarkeit, Banalität und Wunderfülle.
Wer lange überlebt hat, kann damit Probleme haben, weil Überleben einen ganz strikten, engen Fokus biologisch produziert und psychisch auch erfordern kann. Dann ist man im Leben danach zuweilen sehr lange extrem überfordert von Dingen, die gleichzeitig passieren und nicht passieren, sind und nicht sind. Das ist eine Traumafolge (die sich Opfer mit Täter_innen, die sich gegen weitere Gewaltanwendung entscheiden, übrigens teilen).
Und manchmal passiert bei der Anpassung an das Ende der Gewalt und das übliche Leben nicht genug Unterstützung. Dann kommt es nicht selten vor, dass man sich in anstrengenden oder unangenehmen Situationen traumalogische Erklärungen gibt. Erklärungen, die diesen Anpassungsprozess überleben helfen – aber nicht dazu beitragen, das aktuelle Leben in allen Facetten seiner Realität zu erfassen, zu verarbeiten, anzuerkennen und zu akzeptieren. Und dann landet man bei Überzeugungen und Erwartungen, die keine oder nur wenig Gleichzeitigkeit oder nicht ausschließende Widersprüche zulassen. Das ist eines der großen Probleme, die unsere Trauma/DIS-Bubble meiner Meinung nach einfach hat.

Mein Umgang damit ist offen und ehrlich. Ich bin authentisch darüber, was ich denke, offen für Anpassung durch Diskurs und Debatte – Kommunikation und Miteinander – und firm, wenn es darum geht, Klarheit herzustellen. Ich will keine Heititei-jetzt-ist-alles-besser-als-früher-Realität für Betroffene von Gewalt herstellen. Für mich haben Überlebende mehr verdient.
Sie haben gemeinsame Anstrengung verdient, sie haben Sicherheit trotz und mit Widersprüchen oder Kritik verdient sowie die bedingungslose Annahme als Menschen mit Recht auf globale Unversehrtheit.
Das ist sauschwer. Und man sieht ja am Zustand der Welt, wie schwer es auch nicht oder nicht gleichermaßen traumatisierten und erkrankten Menschen fällt, so miteinander umzugehen – aber auch das muss doch niemanden davon abhalten, sich zu kümmern und füreinander Miteinander anzustrengen.
Find ich.

inside burning

„Also ich weiß, das ist nicht so – aber man sieht es dir gar nicht an.“ Meine neue Kollegin lehnt sich auf die Schreibtischplatte und bewegt einen Kugelschreiber zwischen ihren Händen. Ich bin zu sehr auf den Aktenordner in meiner Hand konzentriert, um sofort zu antworten. Wir sitzen im Sekretariat zwischen Ablagestapeln und Ordnerbergen, die thematisch sortiert liegen, begrenzt von Kistendeckeln, Kartons und Archivboxen auf Rollbrettern. Die Luft ist dick, die andere Kollegin kann die Klimaanlagenluft nicht vertragen. Alle paar Minuten kommen Kollegen und legen neue Sachen ab, fordern Abzeichnungen an, fragen nach Zetteln, bekommen Zettel, bringen anderen Kollegen weitere Zettel mit.

Ich habe meine Qualifizierung geschafft. Habe deshalb Leerlauf und darf Ordner umheften, die ins Archiv kommen. Ein klarer Ablauf, eine eindeutige Tätigkeit mit unübersehbarem Ergebnis. – Die einzige Insel, die ich bei diesem Arbeitgeber habe. Mit dem Pinch, dass ich der Konversation mit den Mitarbeiterinnen kaum aus dem Weg gehen kann. Die Themen sind typisch für Burnout-Büros. Alle sind unzufrieden, alle haben Streit oder schwelende Konflikte über organisatorische Lösungen, alle haben Angst, etwas falsch zu machen und jemanden zu verärgern, der gar nicht vor Ort ist – ja nicht einmal einen Körper hat. Niemand ist autonom in irgendeinem Aspekt der Tätigkeit. Alles ist vorgegeben, niemand kann sich im Großen und Ganzen erkennen oder verorten. Niemand hat je eine Arbeit abgeschlossen, ein Thema beendet, einen Prozess begonnen und auch integriert.
Ich werde hier zugrunde gehen und spüre das ganz genau.
Entsprechend klar bin ich in dieser Probezeit. Verlange klar eingrenzbare Aufgaben. Markiere eindeutig, welche Aufgabe ich für welchen Prozess beginne und wie das Ende aussieht. Wenn ich mich einschleuse, wird mein Kittel zum Panzer. Da werden Erwartungen drangepappt und Ansprüche hingehängt – wenn ich mich ausschleuse, bleibt der ganze Kram am Kittel in meinem Spind. Ich nehme nichts außer dem massiven Energiedefizit mit von dieser Arbeit und das ist schon zu viel. Denn das sieht man einfach nicht.

Das sieht schon mein Mann nicht, der sich lustig darüber macht, dass ich um 21 Uhr im Bett sein will, wenn ich um 6 Uhr am nächsten Morgen aufstehen muss – obwohl ich doch fast 3 Stunden Mittagsschlaf mache, wenn ich von den popeligen 4 Arbeitsstunden zurückkomme. Wie soll es die Kollegin sehen, die mich ausschließlich bei der Arbeit erlebt? Sie erleben mich nicht im Meltdown. Ich selbst erlebe meine Meltdowns kaum, weil die Dissoziation mich schützt. Sie hören das Quietschen meiner Nackenmuskulatur nicht. Zwinkern das Brennen in den Augen nicht weg. Haben nicht meinen Stress aufgrund von zu viel oder zu wenig Informationen. Ja, das hat keine spezifische Form, kein eindeutiges Aussehen, also sieht man da auch nichts.

Doch was mache ich mit dieser Aussage? Ist es ein Lob? Manche Menschen denken, dass es ein Lob ist, wenn jemand eine Behinderung oder eine Anstrengung unsichtbar kompensiert.
Ist es eine Kritik? Sehr unwahrscheinlich. Bisher hat nur meine Therapeutin mal auf ihre eventuell-vielleicht-könnte-das-anders-sein-als-es-ist-Art hauchzart markiert, dass es vielleicht ganz gut wäre, würde ich in unseren Gesprächen weniger verstecken, was da ist.
Ist es eine Aufforderung? Wozu genau?
Es ist müßig.
Die Kollegin ist nicht behindert und kennt mich nicht. Ich habe nicht die Kapazität und auch nicht die Motivation, näher auf sie einzugehen. Ich hätte nichts davon und weiß das sehr genau.

Trotzdem zeckt es mich.
Die Selbstverständlichkeit, mit der sie einen mir unbekannten Maßstab benutzt, um ihren Eindruck von mir einzuordnen. Das mir unbekannte Grenzverständnis, mit dem sie mich an dieser Stelle überhaupt betrachtet. Die Sicherheit, mit der sie davon auszugehen scheint, es sei für mich relevant oder für die Situation angemessen, mir zu sagen, dass sie nicht sieht, wie es für mich ist, dort zu arbeiten. Ganz in der Ferne schimmert das häufig als Entschuldigung verkleidete, nachgeschobene Inspirationsthema. Die Markierung als „gute Behinderte“, weil man entgegen aller Widrigkeiten so gut nicht behindert wirken kann. Diese für mich so komplette Irre von Menschen, die leider auch heute noch überwiegend unberührt von dem Themenkreis sind. Und immer noch glauben, es wäre respektvolles Handeln, wenn man behinderte Menschen für ihr Leben unter nicht oder nicht dauerhaft behinderten Menschen lobt.

Ich spüre auch die vertraute Zange zwischen meinem traumabedingten, überwiegend todesängstlichen Wunsch, unsichtbar zu sein, nicht aufzufallen, niemals irgendwo anzuecken, nichts auszulösen, niemanden zu berühren oder gar zu bewegen – ja, im Grunde so sehr und umfassend nicht zu sein, dass es mich gar nicht mehr gibt – und der Realität, dass ich das einfach nie schaffe. Egal, ob sehr angestrengt oder nicht. Es funktioniert einfach nicht. Immer mache ich irgendetwas, bin ich irgendwie, möchte ich etwas oder auch nicht und immer sende ich damit etwas. Oder werde als Sender_in eingeordnet.
Diese Zange aus Leben und Tod, Trauma und Prozess, ist das Kernproblem von Traumafolgestörungen. Immer schwebt man zwischen Sein und (lieber) Nicht (mehr) Sein. Entweder man geht all in Traumaüberleben und versteckt sich, entzieht sich allen Kontakten und Berührungspunkten mit der Welt – und fühlt sich sicher, weil man das einfach gut (aushalten) kann (und beschissen auf eine vertraute Art) – oder man verkörpert die eigene Lebendigkeit. Geht in Kontakt und bleibt und spürt mit allen Sinnen und gestaltet und prozessiert jede Regung, Bewegung, Veränderung. Und lernt Sicherheit als etwas mit vielen Facetten kennen und akzeptieren.

Ich habe mich fürs Leben entschieden. Das macht die Zange nicht weg. Besonders solche Momente bringen mich immer wieder hinein. Ich möchte leben. Arbeiten, genauer: teilgeben gehört für mich dazu. Doch da sind auch meine Grenzen. Die Realität, dass ich gewissermaßen bereits 70% meiner Kräfte dafür aufbringe, allein um meine Lebendigkeit zu prozessieren. Umweltreize zu verarbeiten. Zeit und Prozesse nachzuvollziehen. Kommunikation zu begreifen und zu gestalten. Andere Menschen kommen in dieser Anstrengung nicht vor. Mich für andere Menschen zu kompatibilisieren, mit ihnen zu sein, für sie zu sein, das muss ich aus den übrigen 30% herstellen. Die 30%, die ich auch für die Arbeit brauche. Für Spontanes. Für Besonderes. Für Extras.
Es gibt für mich keine Chance, nicht zu merken, dass es bei den meisten Menschen anders ist. Dass jemand wie meine Kollegin eher 30% für sich braucht und 70% für alles andere. Oder wieder andere Menschen sogar nur 10% für sich und 90% für alles andere aufwenden – ganz unabhängig davon, ob das ihrem Bedarf entspricht oder nicht – und damit ohne schlimme Folgen leben können.

Ich hingegen spüre im Moment sehr deutlich, dass ich eigentlich – ganz eigentlich in Wahrheit wirklich – gar nicht arbeiten sollte. Ich habe die Erschöpfungsdepression im letzten Sommer noch gar nicht wirklich überwunden. Habe die retraumatisierende Erfahrung im Dezember noch nicht richtig verkraftet. Und bin so voller Scham darüber, dass ich gerade primär deshalb arbeite, damit ich deshalb nicht ans Sterben, ans umfassende Nichtsein, denke.
Ich greife nach dem Leben, damit es mich hält. Trägt. Stützt. Und grundsätzlich ist das doch ein guter Move. Ich hätte ja auch komplett verkrumpeln können. Eingeigelt in mir selbst verbleiben können. Traumawahrheiten statt Lebensrealitäten annehmen können. Die Folge ist jedoch Kontakt auf Kraftkredit. Den kann ich nur mit Schlaf und relativer Isolation abbezahlen. Etwas, das mir selbst nicht sonderlich gefällt, weil es mir manchmal sehr traumanah erscheint. „An“ für andere Menschen sein, weil es nicht anders überlebbar ist – „Aus“ für sich selbst sein, weil es nicht anders überlebbar ist – so ist jede traumatische Lebensphase bei mir gewesen.
Am Ende kann es auch sein, dass es mich genau deshalb zeckt, wenn die Kollegin sagt, dass man es mir gar nicht ansieht. Ohne es zu wissen, sagt sie mir damit ja auch, dass man ES nie gesehen hat. Nie hat sehen können.
Und das ist schon krass. Schmerzhaft. Traurig.

Fundstücke #95

Als würde sie an einer verkrusteten Wundoberfläche kratzen. So fühlt sich das an. Unzufrieden mit dem knusprigen Deckel, allein interessiert an meiner wunden Stelle. Meinen Fragen an sie. Einem Moment von Überlegenheit, weil sie darüber viel mehr weiß als ich. Sie weiß, dass ich eigentlich immer noch gar nichts weiß. Und dass das etwas ist, was ihr Macht über mich gibt. Sie kann mich Schmerzen fühlen lassen, die sie nicht berühren und sie kann mich damit allein lassen.

So aufgeschrieben klingt es, als würde es nur um Macht gehen. Kontrolle. Und einfach nur so draufgeschaut, erinnere ich mich selbst darin an meine Therapeutin, die in der ganzen Zeit unserer Arbeit 4 Mal zum Ausdruck gebracht hat, dass es für sie weder irrelevant noch emotional neutral ist, dass sie manches in meinem Inneren bis heute nicht so richtig überblicken kann. Zumindest was genau diese Dynamiken betrifft. Immer wieder stehen „Schweigegebote?“, „Redeverbote?“, „schlechte Geheimnisse?“, „Scham?“, „Angst vor Konfrontation?“ im Raum und selten kann ich dazu irgendetwas sagen. Wenn ich ihr etwas nicht sagen will, dann meistens, weil ich unser bereits anstrengendes Sprechen nicht überanstrengend für mich werden lassen will. Ich will nicht mehr vor ihren Augen und doch unsichtbar dissoziieren. Für die anderen Innens will ich, kann ich, diesbezüglich nicht sprechen.

Sie, die andere Innere, kommt mir in ihrem Tun eher verspielt vor. Frech. Provozierend vielleicht. „Mal gucken, was passiert, mir kann ja nichts passieren“-sicher. „Was macht ihr, wenn ich das mache?“-neugierig. „Und das? Was, wenn ich das mache?“-beobachtend. Und immer unerwartet, bis heute nicht wirklich von mir selbst vorhersehbar, „Paff!“- unerreichbar weit für mich im Innen verschwindend. Und gleichzeitig ist sie ausströmend. Eine unkontrollierbare Emotionsblutung, die Schweres leicht, Unmögliches möglich, Gefährliches harmlos erscheinen lässt.
Ich weiß ganz genau, wenn sie da war. Sich selbst in ein Thema, einen Gedanken, eine Auseinandersetzung reingemischt hat. Es gibt hinterher immer Probleme. Nerviges Hin und Her im Innen, manchmal auch im Außen. Uneinsheit. Unstimmigkeit. Ungereimtheit. Einen Dammbruch am Rande der Komfortzone. Ein Stück harte Kruste, das die Wunde nicht mehr ganz bedeckt.

Ich glaube, dass sie zuletzt vor etwa 20 Jahren an unserer Therapiearbeit und anderen Lebensbestandteilen aktiv beteiligt war. Aktiv as in „da und beeinflussend“, aber auch as in „ununterdrückt, unabgewürgt von Rosenblätterbuschwurzeln“. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mich tatsächlich gezielt gegen dieses Einblutenlassen „aus dieser inneren Ecke“ entschieden habe und keine einzige Therapiestunde, keinen Betreuungstermin, generell überhaupt gar keine Kontakte mit anderen Menschen mehr so gestaltet habe, dass es passieren könnte. An uns kam einfach niemand mehr vorbei.
Alle haben die gleichen Rosenblätter kennengelernt. Keine Kinderinnens, keine jugendlichen Inneren. Alle haben die gleiche biographische Erzählung bekommen, wie wir sie in Kliniken und Heimen eingeübt haben. Die gleichen Erklärungen übers Vielesein bekommen und viel Nebel darüber, was davon auf mich zutrifft und was nicht. Und das konsequent. Auch das ist Vielesein.

Man kann sich als Viele gegeneinander entscheiden. Bestimmen, was wie vermieden wird. Was wie beschützt wird. Es ist eins der unbesprochenen Spezialgeheimnisse, wie wir einander herstellen, wenn es nicht Gewalt ist, die uns zu Keimen zersprengt und verstreut, um irgendwann als irgendwer neu zu wachsen. Man braucht nur vermeiden, sich dieser Entscheidung bewusst zu werden, zu sein, zu bleiben. Nur sehr intensiv, ohne jede Kommunikation mit sich oder der Welt, entscheiden, dass es nun so ist. Wo keine Kommunikation ist, kann keine Brücke sein. Kein Weg, kein Pfad, kein Bild, kein Zeichen, keine Sicht, keine Idee. Ohne Kommunikation keine Verbindung. Assoziation. Ohne Verbindung kein gemeinsamer Prozess.
Das ist die Rolle von Schweigen im ganzen Dissoziationsthema.

Ich will nicht darüber reden, weil sich innere Pfade ergeben, auf denen Innere zu mir gelangen können. Ich will nicht darüber reden, weil es meine Entscheidungen aufhebt. Ich will nicht darüber reden, weil ich meine geistigen Kapazitäten auf mich und mein Gegenüber aufteilen muss. Und immer wieder Grenzen dabei spüre. Zeitliche, räumliche, kapazitäre. Emotionale. Traumabedingte. Meine.
Das besprochene Trauma oder auch das Besprechen des Traumas ist nicht so schlimm. Meine Auflösung ist es. Meine Verwandlung vom verwundeten Selbst zum abreißbaren Wundverschluss ist es. Bisschen witzig, weil es ein Egoding übers Egosein ist, aber auch bisschen tragisch, weil es sich auch nach Verbindung anfühlt, die nicht kommunizierbar ist. Jedenfalls nicht besser als so, wie es jetzt hier steht.

APunkt

„Langsam, klar, immer wieder gleich“, denke ich und schaue APunkt an. Ich beobachte, wie sie mich, den Raum und jede Bewegung durch die Fransen ihrer Gesichtsbehaarung beobachtet. Bleibt ihre Aufmerksamkeit länger bei mir, reiche ich ihr ein Stück Fleischsnack.

„Langsam, klar, immer wieder gleich.“
In meinem Kopf habe ich vier Bildschirme an. Auf dem ersten ist der Ablauf unseres Trainings. Ich komme an, alle Hunde werden sanft und ruhig begrüßt. Sind APunkt und ich allein, kommen wir runter. Machen den Moment langweilig. Nur sitzen, gucken, sein. APunkt braucht eine Weile, bis sie gezielt mit mir in Kontakt geht.
Kontakt, das hieß bei APunkt anfangs Kontakt zum Snack, und flutsch – schnell wieder weg. Alles im Blick, nichts im Fokus. Dann hat sie bemerkt, dass ich immer das Gleiche mache. Inzwischen beobachtet sie mich beim Hantieren mit den Snacks. Schaut mich sogar direkt an. Und dann regnet es Snackstücke. Jeder Blick in den Bereich meiner Mimik und Gestik ist ein Hauptgewinn. Alle 5 Gewinne darf ich einige Zentimeter näher an sie heran. Trennen uns nur noch anderthalb Meter, kommt sie inzwischen auch zu mir. Nimmt sich erst schnell und geduckt die Stückchen von meinem Knie, dann macht sie einen Schritt zu mir hin. Letztes Mal hat sie sich abgelegt. Ruhig geatmet. Alles im Blick gehabt, doch mich beobachtet.
Dann zeige ich ihr das Geschirr. APunkt lässt sich anziehen, es aber auch über sich ergehen. Das muss anders werden. Sie soll wissen, dass sie an einem Signal vom Menschen erkennen kann, dass sie für einen Spaziergang angezogen wird. Sie soll wissen, dass ihr Signal für Nicht-einverstanden-sein, von Menschen akzeptiert wird (wenn es keine Ausnahmesituation ist). Sie soll wissen, dass sie beim An- und später auch Ausziehen des Geschirrs mitmachen kann. Und dass es Snacks regnet, wenn sie es macht.

APunkt ist nicht damit aufgewachsen, dass Menschen etwas von ihr wollen. Dass Menschen mit ihr zusammen sein, Dinge tun, erleben wollen. APunkt hat gelernt, dass Entfernung und schnelles Reagieren auf alles das Beste für sie ist. Sie hat es so gut gelernt, dass ihr Körper das manchmal auch ohne sie entscheidet.
APunkt ist bald 3 Jahre alt. Aus einer Vermehrungssituation durch animal hoarding. Sie wurde aufgenommen und bis jetzt einfach nicht vermittelt. Wer nimmt auch einen Hund, von dem man nur den Strubbelpo im Busch erkennt?

Ich trainiere mit ihr, wie ich mit Sookie trainiert habe. Wissend, dass ich es mit einem hochreaktiven Hütehund zu tun habe, der nicht die sorglose Neugier eines Welpen hat, aber genauso verwirrbar ist von zu vielen zu neuen Dingen.
Also sitzen wir da auf 3 bis 4 Quadratmetern und üben, dass APunkt ihren Kopf durch die große Öffnung ihres Sicherheitsgeschirrs steckt. Von allein, in Richtung Snackstück. Zwei Mal war sie schon fast durch. Dann war wieder was. Irgendein Geräusch im Haus. Ein Vogel vorm Fenster, eine unerwartete Berührung des Geschirrs in ihrem Gesicht, das Geräusch, das die Schnallen auf dem Boden machen. Und wir fangen wieder mit der Nasenspitze in der Mitte der Öffnung an.
„Langsam, klar, immer gleich. Ausatmen, tief einatmen. Und weiter“, denke ich mir dann und schaue auf den zweiten Bildschirm in meinem Kopf. „Langsam beeilen“ steht da neben einem Bild von einer senkrechten schwarzen Linie auf weißem Grund. Wenn ich angespannt oder selbst erschreckt von einem der Geräusche im Haus bin, wackelt sie. Ich muss sie gerade atmen. Auch meine lockeren Schultern ziehen sie glatt beim Ausatmen.

APunkt kann sich nicht lange konzentrieren. Nach etwa 10 Minuten mit dem Geschirr stresst sie mein Angebot. Ich lege es hinter mich. Nehme wieder etwas mehr Abstand ein. Wenn APunkt noch Kontakt möchte, muss sie kommen. Was sie meistens auch tut. Gab es Gewitter, wurden wir unterbrochen oder eine_r von uns beiden hatte einen komischen Tag, dann nicht. Dann mache ich meine Ende-Geste und lasse sie wieder raus. Alle werden nochmal begrüßt, wer mag, lässt sich streicheln. APunkt kommt inzwischen auch ganz selbstverständlich wieder dazu. Immer bekommt sie Snackstückchen.

Manchmal sprechen wir noch länger mit S., dem Menschen, der APunkt gerettet hat. Der Hof ist schön, das Leben wuselig, die Arbeit viel. Es gibt immer etwas, worüber wir kurz oder lang, seicht oder intensiv schnacken. Dafür brauche ich den dritten Bildschirm in meinem Kopf. Ich muss jetzt schnell sein. Unklarheiten weitgehend unhinterfragt, unergründet, unkommentiert lassen. Akzeptieren, dass wir nicht immer über die gleichen Dinge in der gleichen Struktur sprechen können. Dieser innere Bildschirm ist ein Transkript des Gesprächs. In den folgenden Stunden, wird mein Versteh-Gehirn es lesen.

Auf dem vierten Bildschirm ist mein Tetris der Unmöglichkeiten.
Da gibt es die Blöcke „APunkt“. Ihre Reaktivität, die Unsicherheit, der Umstand, dass man ihr Verhalten nur bedingt vorhersehen kann. Dann ist da mein Kinderwunsch mit seinen hundert Blöcken aus Orga, Kraftfressern, Gefühlen und ganz eigenen Dringlichkeiten. Und die feste Klarheit darum, auf gar keinen Fall gleichzeitig einen Säugling und einen Neuhund versorgen zu wollen. Neben der neuen Arbeit, für die ich 4 Stunden am Tag nicht zu Hause bin. Und der anderen Arbeit. Und der Verlagsarbeit. Und meinen Projekten.
Da ist auch noch meine Trauer um Sookie, die ich nach wie vor nur bedingt an mich heranlassen kann. Und meine ganz allgemeinen Wünsche an einen neuen Hund in meinem Leben. Die Wünsche meines Mannes an einen neuen Hund in seinem Leben. Unser alter Oppahund Bubi.
Und da ist die Bedarfslage von S.. Die Nützlichkeit, die mein Hundeverstand in dieser Situation hat. Die Frustration, die so improvisierte Trainingsumgebung und übliche Rückschläge mit sich bringen.
Und das, was ich von mir in APunkt gespiegelt empfinde. Obwohl diese Zeiten nun wirklich schon länger vorbei sind.

Seit Wochen fahre ich regelmäßig zu APunkt. Auf jedem Hin- und jedem Rückweg schüttle ich die Tetrisblöcke auf dem vierten Bildschirm durch und versuche zu erkennen, wie sie ineinandergreifen könnten. Es funktioniert einfach nicht.
Nicht ohne die Zukunft zu kennen.
Und so sind wir alle, APunkt, S. und ich, gerade im gleichen Nimbus. Angewiesen auf die gleiche langsame, klare Kontinuität des „und weiter“, auf das man sich so ungern einlässt, wenn es so viele große, drückende, treibende, wirbelnde, ziehende, schreckende, lockende „Ja aber“s oder „und was wenn?“s oder „vielleicht so?“s gibt.

Es ist anstrengend. Es ist eine Übergangsphase, eine Transition.
Wir werden alle irgendwie, irgendwo, irgendwann ankommen. Das ist sicher.
Vielleicht werde ich mir diesen kernigen kleinen Strubbelkobold, der APunkt auch ist, tatsächlich nicht mit nach Hause nehmen können. Aber Langsamkeit, Klarheit und Vorhersehbarkeit durch immer gleiche Anforderungen und Belohnungen, kann ich ihr geben. Damit kann sie anfangen, ihre generelle Pauschalreaktion auf alles und alle zu verändern. Und mit jemand anderem nicht bei 0, sondern vielleicht schon bei 1 in Sachen Hund-Mensch-Kommunikation anfangen.
Das ist definitiv. Da ist Bewegung drin. Es verändert sich etwas.
Es ist und wird.

die persönlichen Auswirkungen, ein Nachklapp

Ich habe ungewöhnlich viel Zuspruch auf meine Textreihe zu dem Reel bekommen.
Zu einem Aspekt möchte ich noch etwas nachtragen. Die persönlichen Auswirkungen solcher Reels auf mich.

Seit inzwischen zwei Jahren sitze ich an meinem neuen Buch und versuche zu vermitteln, wie es für mich war, Anfang der 2000er mit einer Diagnose konfrontiert zu sein, die damals schon sehr eng mit organisierter Ritueller Gewalt verknüpft war. Als 16-Jährige_r. Komplett allein. Anderthalb Jahre fast durchgehend geschlossen untergebracht.
Wie sich das ausgewirkt hat, in praktisch allem Selbstausdruck und auch jeder Selbstauskunft über mich missverstanden zu werden, weil die Menschen, die mir zugehört haben, immer auch den Filter des Unbekannten, Mysteriösen, Gefährlichen organisierter Ritueller Gewalt und die Folgen von Folter und gezielter Manipulation darübergelegt haben. Ungewollt wurde ich über Jahre von Therapeut_innen über praktisch jede Selbsterkenntnis, die ich über mich gewann, auch falsch verstanden, weil diese andere Ursachen oder Wirkungsprinzipien hinter meiner Wahrnehmung und Einordnung, Kontaktaufnahme und Schwierigkeiten annahmen als ich oder als auch tatsächlich vorlagen.
Das war für mich als erwachsen werdende Person zuweilen extrem isolierend und verwirrend. Es hatte Anteile von „Therapeut_innen reden mir was ein“ und „Ich habe aber auch wirklich Teile dessen erlebt, was mit dem Begriff der organisierten Rituellen Gewalt beschrieben wird – aber nicht so.“

Ich habe dann das gesamte Hilfesystem verlassen und eine Therapeutin für mich gesucht, die bereit war, mehr Fokus darauf zu legen, wie ich akut im Leben klarkommen kann. Und habe in der Therapeutin, mit der ich noch heute arbeite, so jemanden gefunden. Mein Hintergrund ist nicht irrelevant, aber ich merke, dass sie nicht erst daran denkt, was Täter_innen davon haben könnten, dass ich etwas nicht oder weniger gut kann, sondern daran, wie ich mich fühle, wenn ich versuche, etwas zu können; was ich mir vorstelle, wie ich etwas können müsste, sollte, gerne würde; welche Dinge tatsächlich akut gegenwärtig beeinflussen, dass ich bestimmte Dinge hinkriege oder auch nicht.
Es geht um mich. Meinen Bezug zu mir und der Welt, in der ich bin.
Es geht nicht darum, mit irgendwem in mir über DAS DA zu reden oder darum, mich anzeigefit zu kriegen oder darum, meine Lebendigkeit und Kraft zum Ätschibätsch gegen Täter_innen werden zu lassen. Ich habe in unseren probatorischen Sitzungen den Wunsch geäußert, eine eigene Erzählung über mein Leben und mich hinkriegen zu können, und das ist bis heute eins meiner Therapieziele.

Ich bin davon überzeugt, dass ich ohne diese Fokusverschiebung und ohne die kontinuierliche Wiederkehr zur ganz gegenwärtigen Pragmatik des Alltagslebens als etwas, das gelernt und verstanden werden muss, niemals bemerkt hätte, dass ich wiederkehrende Schwierigkeiten und Überforderungen erlebe, die mit der DIS und der Natur meiner Gewalterfahrungen in Kindheit, Jugend und jungem Erwachsenenleben allein nicht mehr erklärbar sind.
Ich hätte auch nie gemerkt, dass meine Therapeutin sich kommunikativ total um unsere Arbeit und mich bemüht, aber an manchen Stellen, die weder sie noch ich richtig fassen und begreifen konnten, einfach nicht weiterkam, obwohl alles in Ordnung schien.

Heute beobachte ich häufig, dass es diesen Punkt in der therapeutischen, betreuerischen, helferischen Kommunikation sehr oft geben kann. Und dass das einer der Punkte ist, an denen meine Analysefähigkeit sehr hilfreich wirken kann.
Mich hat sie damals in die Autismusambulanz gebracht. An den Wunsch zu hinterfragen: Ist es meine Hochbegabung, mein Hintergrund von organisierter Gewalt oder Autismus oder ADHS oder etwas, das dem sehr ähnelt, mir aber noch nicht bekannt ist?
Das ist eine Aufgabe, die manche Menschen einfach nur mit Intuition oder Bauchgefühl angehen. Ich nicht. Ich bin durch die Testung, die Literatur, die Betroffenenberichte, die Studien, die Theorien gegangen und habe das systematisch mit dem Diagnostiker, dem Begleitermenschen, dem Facharzt und meiner Therapeutin durchgearbeitet.
Ich wollte nicht mehr nur mit Theorien über mich arbeiten. Ich war damals schon so gut gestärkt, dass ich auch nicht mehr das Gefühl hatte, man könne über mich auch nur in Annahmen und Ideen, Theorien und man weiß ja nicht nachdenken. Ich war in dem Gefühl angekommen, dass ich tatsächlich passiere und wirke. Und wenn etwas passiert und wirkt, kann man es beschreiben. Und in seinem Wirken analysieren. Die Kommunikation und Interaktion systematisch erfassen und beurteilen.
Man kann mich objektiv eindeutig einordnen, ohne mein subjektives Erleben in Frage zu stellen.

Für mich war die Phase der Autismusdiagnostik das erste Mal, dass ich mich nicht durch Filter hindurch diagnostiziert erlebt habe. Meine Eltern hatten keine Möglichkeit, mich und ihr Leiden unter mir darzustellen, meine Therapeutin kam erst später dazu. Wir sprachen nicht nur in einem Psychologenbüro, sondern auch an Orten, wo ich mich wohlfühlte, und in Alltagssituationen, die mich überforderten. Alles war wichtig für die Diagnostik und alles wurde Thema – lange bevor wir irgendeinen Test durchgeführt haben.

Mir wurde damals klar, wie komplex diese Arbeit war. Und wie komplex die Intersektionen sind, in denen ich mich bewege. Wie schnell andere Menschen darin an kognitive Grenzen kommen, die für mich etwas anders verlaufen. Ich wurde damals sehr ermutigt, meine ganz eigene Haltung dazu wahr- und einzunehmen. Und eben nicht anzunehmen, nur weil andere zu ihren schnellen, weniger komplexen Filtern und Vorannahmen greifen, um damit umzugehen, sei das die Vorgehensweise, die ich mir besser auch antrainiere, obwohl ich darunter leide.
In gewisser Hinsicht habe ich mein Leiden damals so exakt gemapped wie nie zuvor. Einfach, weil ich es überhaupt auch mal verstanden und, wenngleich in Details weiterhin dissoziiert, so doch umfassend genug als auch objektiv erklärbar und mit meinem subjektiven Erleben verbunden begriffen habe.

Wenn ich heute dann Medien sehe, die dem Leben als autistischer Mensch oder als komplex traumatisierter Mensch ebenjene Vagheit, jene Übersubjektivierung zuschreiben, macht das natürlich etwas mit mir.
Da reagiere ich sowohl kognitiv stark drauf – und möchte, dass alle wissen, dass das faktisch alles nicht stimmt – als auch emotional. Da bin ich zurückversetzt in jede Sitzung, in der ich, wie ich heute weiß, Belastungssituationen kommuniziere, die entstanden, weil ich autistisch bin, aber nicht so leicht lösbar sind, weil ich auch komplex traumatisiert bin – und die Therapeutin mich fragt, ob mir der Mann mit der Satansmaske befohlen hat, dass es mir nie gutgehen soll. Übertrieben formuliert.

Es sind solche Therapiesitzungen, solche als Jugendliche im Grunde aufgezwungenen Kommunikationssituationen, die mich sehr lange begleitet und verletzt haben. Ich kompensiere bis heute in jeder Therapiestunde die Angst, sie wiederzuerleben. Ich wünsche sie absolut niemandem.

Wenn wir als Community zulassen, dass Diagnosen als vage, beliebig nutzbare Labels benutzt werden, um subjektive Erfahrungen zu benennen, dann werden wir es nie schaffen, solche Gewaltsituationen in Hilfekontexten überhaupt erkennbar zu machen. Wenn wir Autismus zur Identität verklären und in seiner genetischen Komponente negieren, wenn wir denken: „Och, die armen Therapeut_innen, die habens so schwer, wenn sie zu ORG, DIS oder Autismus arbeiten – die Therapie darf öffentlich nicht als etwas besprochen werden, das auch von Vorurteilen oder falschen Annahmen, Verschwörungsgläubigkeit oder Affinität zum Unbekannten oder Spirituellen flankiert sein kann“, dann erklären wir uns aus meiner Sicht einverstanden damit, dass anderen Betroffenen exakt die Quälerei und in manchen Situationen praktisch Folter passiert, wie mir als Jugendliche und junge Erwachsene.

Ich bin nicht damit einverstanden.
Es war schlimm. Es wirkt bis heute. Es war damals wie heute verhinderbar.
Es war Gewalt, für die sich bis heute niemand bei mir entschuldigt hat. Es war Leid, das ich juristisch nicht anerkennen lassen kann. Niemand der Beteiligten hat je Wiedergutmachung angeboten. Oder Aufarbeitung. Jedes Bemühen darum verläuft in Schweigen.
Das geht nur, weil das Stigma wirkt. Und wir als Gesellschaft uns durch viele Kanäle gegenseitig vermitteln, dass das so klargeht.
Obwohl es das absolut nicht tut.

das Reel – die Einleitung

Das Gesicht einer weißen Person mit Brille und grauer Kopfbedeckung füllt die Hälfte des Handydisplays. Darüber steht schwarz unterlegt: „Autistische und nicht-autistische Identitäten in unserem DIS-System“. Sie sagt: „ORG missbraucht ja vor allem Bindung, die menschliche Bindung … missbraucht oder … führt dazu, dass diese Bindung unerträglich werden kann … auch (…) der Körper unerträglich werden kann … Von daher finden wir das als absolut naheliegend, dass ORG Autismus produziert. Menschengemachter Autismus. Und das ist bei uns so im System. Wir haben eben viele Anteile, die im Alltag ganz normal funktionieren und auch in der Bindung gut sind. „Ich mein, wir haben ja als Psychologin auch gearbeitet, wir waren da auch sehr empathisch, mit Patienten, und wir haben aber auch Anteile, die eben auch sehr stark autistische Züge haben.“
Ich sehe das Reel 2 Minuten nach Veröffentlichung und schreibe: „Entschuldige – das ist Unsinn.“ Sie antwortet: „aus eurer Sicht.“
Im Verlauf veröffentlicht die Person in ihrem Account „Seelenstrukturen“ eine Story nach der anderen. Fügt Erklärungen hinzu, ergänzt und wiederholt sich inhaltlich. Zieht eine Supervisionssitzung mit E. Nijenhuis, eine Onlinebefragung unter Menschen, die sich als Viele erleben, einen psychologischen Ratgeber aus der Kategorie Lebenshilfe zu Neurodivergenz und allein den Titel „Gewalt erleiden“ von Tabea Koepp als Argumentation heran.
Am Abend bin ich mir gänzlich unsicher, was die Person eigentlich möchte. Sie schreibt, das sei ihre Hypothese, auch als studierte Person. Dann, dass es ihre persönliche Wahrnehmung sei. Am nächsten Morgen, dass es beides gleichzeitig sei. Inzwischen hat das Video 24 Kommentare, die meisten argumentieren gegen ihre Aussagen.

Ich denke darüber nach, ob ich hier darüber schreiben möchte.
Auf so ein Reel mit Richtigstellung und Einordnung zu reagieren, macht es unter Umständen relevanter, als es ist.
Unter dem Schlagwort „ORG“, also „organisierte rituelle Gewalt“, gibt es unheimlich viele Inhalte ohne jede faktische Grundlage, und praktisch immer wird die dissoziative Identitätsstörung (kurz DIS) mindestens erwähnt. Manchmal entsteht dabei der Eindruck, die Themenlage sei so diffus und unklar, so subjektiv und komplex, dass im Grunde alle alles jederzeit behaupten können, ohne Konsequenzen durch Falsifizierung erwarten zu müssen. Sagen ja alle nur ihre Meinung, ihre ganz persönlichen Ansichten.
Ein Kommunikationsverhalten, das mich verärgert, weil es jede Forschungs.Arbeit, jedes Ringen um Fakten, jede Anstrengung für allgemeine Klarheit abwertet und unsichtbar macht.
Und meine Solidarität gegenüber anderen Gewaltüb.er.lebenden untergräbt.
Denn nicht nur wirre Skeptiker_innen und False-Memory-Fans verbreiten Unsinn über ORG und DIS, sondern auch Menschen, die sich als Betroffene zeigen, und Fachpersonen, die Aussagen dazu schon qua Grundstudium und Ausbildung mindestens differenzierter einordnen können sollten. Das führt bei mir dazu, dass ich mich unter anderen Vielen oder in  Räumen, in denen diese Themen diskutiert werden, auf überhaupt keine Aussagen verlasse, die ich nicht sofort mit Quellen und Fakten überprüfen kann. Alles bleibt Behauptung oder These bis zum Beleg. Und das bedeutet eine ständig zu haltende Kontaktschwebe. Ich gehe nie näher dran, entferne mich aber auch nicht, denn es kann ja sein, dass stimmt, was mir erzählt wird. Das ist extrem anstrengend. Macht keinen Spaß. Und bringt mir letztlich nur eine gewisse Sicherheit darüber, dass ich weder aus Autoritätsrespekt noch aus Peer-Solidarität heraus von Unsinn, Falschinformation oder (gezielt) gestreuten Phantasieszenarien ausgehe. Und sie womöglich hier oder im Podcast oder in Vorträgen oder im direkten Kontakt weitergebe – und schwer erkrankten Menschen, von denen ein nicht unerheblicher Anteil mehrfachdiskriminiert ist, schade.

Dies – die Realität, dass Falschbehauptungen, Desinformation und Ausgedachtes erheblich schaden – ist für mich jedoch auch Anlass, zu reagieren. Und mich dann eben doch hinzusetzen und einen Text zu schreiben, der im Gegensatz zu Inhalten in social media Netzwerken, kostenlosen Blogplattformen oder Telegramgruppen, zukunftssicher zitierbar ist und einen direkten Kontakt zu mir als Diskutant ermöglicht.
Weil so viele Aspekte drinstecken, teile ich den Text auf.

drüber sprechen

„Und was genau soll man denn sagen, hm? Hm? Was solls denn bitte sein? Datenausgabe, emotionaler Tieftauchgang ins Drama der gequälten Seele, detaillierte Selbstauskunft – was zum Fick soll es denn sein, worüber man da reden soll?“ Es scheppert zwischen meinen Synapsen. Das dicke Seil um meinen Magen strafft sich. R. ist in Hochform, vibriert unter meiner Haut wie eine frierende Biene.
Wir hatten das Thema schon. Oft. Wirklich richtig oft. Das Schweigen der Opfer, die Ermutigung der Überlebenden, auszusprechen, was sie bedroht hat, die Anhörungen, die Frage, wer wann wozu genau eigentlich zuhört. Jedes Mal habe ich diese kleine Flipperkugel aus Titan in mir drin, die sich tobend gegen jede Wand schmeißt, als gäbe es dafür Punkte. Und jedes Mal baue ich ihr in Gedanken eine Art Durchknall-Labyrinth. „Nur weil dich niemand verstanden hat, als du geredet hast, heißt das nicht, dass das für alle gilt“ – Batsch – „Wenn niemand etwas sagt, wird ES für unsagbar gehalten.“ – Knall – „Worüber nicht geredet wird, bleibt unverändert.“ – Peng – Meine Phrasenkartei reicht, um ihr einen Sarg sicheren Raum zu zimmern. Irgendwann kann ich nicht mehr sagen, ob ich taub für sie bin oder sie mir gegenüber still.

Dann taumle ich mit Felice durch Bielefeld. Die erzählen, davon, dass sie noch nie in Worten über das gesprochen haben, was ich hier und immer ES nenne. Und ich teile mit ihr und allen, die uns später hören werden, dass ich vor allem über DAS, was Helfer_innen getan haben, spreche.
Später frage ich mich, ob ich da gelogen habe. Weil ich eigentlich nie darüber spreche, sondern vor allem darüber hinweg. Mit Substantiven wie Fixierung, Zwang(smedikation), Übertragung, Verstrickung, Projektion, Machtmissbrauch und anderen großen Phraselboxen, die für Lesende und Zuhörende greifbarer, anschlussfähiger, in autoritären Kontexten wie Akademik, Beruf und Behandlung besser einfügbar sind. Unbeeindruckt von Behandler_innen, die sich und ihre helfende Tätigkeit für richtig gut und fern jeglicher Gewalt halten. Mein Faktenwissen stützt mich. Ich brauche keine Ermutigung, keine Ermunterung und dank meiner Veröffentlichungsmöglichkeiten hier und im Podcast auch keine Erlaubnis, auszudrücken, was für ein bodenlos grausamer Zusammenhang sich aus Hilfe ergeben kann. Und warum es wichtig ist, sich damit zu befassen. Sowohl als Üb.er_lebende von Gewalt als auch als Mensch, der von sich selbst annimmt, das nie und nimmer je getan zu haben oder tun zu werden.

Wenn ich mit Helfer_innen spreche, die das Thema berührt, spreche ich auch nie ganz aus, was ich erlebt habe. Wenn es darum geht, Hilfe für jemanden zu reflektieren oder zu verbessern, dann würde ich damit Raum einnehmen, der für andere hergestellt wurde. Wenn es darum geht, Strukturen zu reflektieren oder zu verbessern, dann ist das Risiko hoch, dass meine Erfahrungen (unabsichtlich) bagatellisiert oder anders nicht angemessen beantwortet werden.
In der Realität ist es so: Ich teile meine Betroffenheit von (Helfer)Gewalt mit und meine Gegenüber reagieren darauf, als wäre das eine Art Outing. Radikale Offenlegung. Voll krass. Mutig. Und die Offenheit! – Und ich lasse das so stehen. Wir können Sinnvolleres tun, als darüber zu reden, dass eine Er.Lebensrealität zu teilen keineswegs Selbstoffenbarung ist. Dass es ihre Stigmatisierung von Opferschaft ist, die es ihnen mutig erscheinen lässt, sie sichtbar zu machen. Wir können uns auf unseren gemeinsamen Nenner konzentrieren und miteinander arbeiten. Und der gemeinsame Nenner ist nie DAS DA. Der gemeinsame Nenner ist, etwas dagegen tun zu wollen. ES als etwas aktiv und pragmatisch Verhinderbares verstehen zu wollen.

Ich finde mein zum Opfer von Helfergewalt geworden sein nicht peinlich. Ich schäme mich nicht dafür und halte nichts davon, jene gewaltvollen Helfer_innen für ihr zum_zur Täter_in geworden sein zu beschämen.
Ich weiß – und weiß, dass es alle Helfer_innen wissen –, dass es moralisch, ethisch, menschlich falsch ist, Menschen zu verletzen, die Hilfe brauchen. Es braucht mich und meine Erfahrungen überhaupt nicht ausbuchstabiert präsentiert, um darüber ins Gespräch und in den Prozess zu kommen. Deshalb kostet es mich so wenig Kraft. Deshalb kann ich mich in diesen Zusammenhängen ganz leicht bewegen. Ich kann über meine Erfahrungen sprechen, ohne über meine Erfahrungen zu sprechen. Lügen, ohne zu lügen. Verstecken vor aller Augen. Vermeiden, ohne zu vermeiden.

Und ja, das trägt überhaupt nicht dazu bei, dass ich überhaupt mal „richtig“ drüber spreche. Aber wenn mein wütendes Titanbienchen R. eins absolut offenlegt, dann ist es die blanke Überforderung vor so einem Unterfangen. Denn, was heißt denn „richtig drüber reden“ genau? Sie hat da auf jeden Fall einen Punkt. Gehts um die W-Fragen? Gehts um Gefühle, die ich damals gar nicht wahrnehmen konnte? Gedanken, die ich gar nicht als Gedanken fassen konnte? Was genau für ein Zauber soll denn passieren, wenn man sagt, was genau war? Und kriegt man von der Therapeutin einen Smiley-Stempel ins Therapiehausaufgabenheft, wenn mans richtig gemacht hat, oder wer genau bewertet eigentlich die Richtigkeit des Ausgesprochenen? Auf welcher Grundlage? Und wie genau ist genau?
Und das alles mal beiseite und rein in die Realität – wer geht in die Therapiestunde oder den Beratungstermin und befindet sich nicht in einer Gesprächssituation? Also einer beiderseits zu organisierenden Interaktion und Kommunikation? Niemand nirgendwo jemals würde in Kontakt treten mit: „Und dann hat mir einer die Schulter ausgekugelt – man, war ich froh, dass die mich eh sedieren wollten.“ Und zwar nicht aus Freundlichkeit oder Rücksicht, sondern, weil zum Reden und Schweigen über Gewalt einfach immer auch die Kommunikation von Kontext gehört. Etwas, das mich extrem anstrengt und häufig auch überfordert. Bis ich fertig damit bin, ist eine Therapiestunde einfach mal um. Und ich frage mich hinterher manchmal: „Hab ich da jetzt eigentlich drüber geredet oder nicht?“

Helfergewalt ist genauso komplex traumatisierend wie Gewalt in der Familie. Heim, Klapse, Knast sind einfach stigmatisiert und Familie nicht. Niemand hinterfragt, warum sie_r in eine Familie gekommen ist. Das macht den Kontext entdeckbar. Eroberbar. Deutbar. Heim, Klapse, Knast sind bereits definiert. In Bezug darauf gibt es selten Zweifel über Bezug und Kontextualisierung. So wenig, dass es mir oft widersinnig erscheint, überhaupt die Kraft aufzubringen, um meine Bezogenheit, den Zusammenhang meiner Verwundung, überhaupt zu benennen. Vor allem in der Psychotherapie, wo der Kontext faktisch weitgehend gleich ist.

„Es ist schwierig“, schreibe ich auf die Phrasenkiste, die ich für mich baue. „Es interessiert ja so jetzt akut auch niemanden“ – Bäm – „Windmühlenkampf“ – Bumm – „Was solls, geht auch ohne“ – Wumms.

„Die Wahrheit ist doch, dass niemand von den Beteiligten richtig mit mir darüber reden will.“

Gespräche im Spiegelkabinett

„Sei da ruhig klarer – denk nicht so viel an ‚Was denkt sie jetzt, was denkt sie jetzt, was denkt sie jetzt?‘.“
Mein Mann und ich sitzen auf der Couch. Krisensitzung, nach Achsbruch Autismus, Trauma, Kommunikation.
Ich bin seit Tagen niedergeschlagen, belastet, erinnert, unzufrieden mit mir. Ich muss etwas klären, doch bin hin- und hergeworfen von Wichtigkeiten und Relevanzen, Erinnerungen und Ängsten.
Es geht um etwas, das mir wichtig ist. Deshalb ist der Rahmen, in dem ich darüber nachdenke und fühle, extrem groß. Am dritten Tag wurde es mir zu groß, zu belastend. Ich merkte, wie sich das Zeitfenster für angemessene Lösungskommunikation schloss und ich immer mehr Spannung in mir sammelte. Zeit für eine Sitzung mit meinem Mann.

Mit ihm werden Situationen wie diese pragmatisch lösbare Kommunikationsherausforderungen, wie er sie jeden Tag bei seiner Arbeit und manchmal auch mit mir im Alltag hat. Er ist im Training, ich bin empfangsbereite Satellitenanlage, wenn er mir etwas davon vermittelt.
Durch seine Brille bekommt die Lage eine Art bewusste Untiefe. „Die Situation für dich sieht so aus, für sie andere Person sieht sie wahrscheinlich so aus. Was ihr verhandeln müsst, ist dies; was du bisher nicht klar genug vermittelt hast, ist das. Du könntest es so formulieren; du könntest auch das schreiben. Soll ich dir einen Aufschlag formulieren oder einen von dir anschauen oder willst du ab hier allein weitermachen?“
Mir tut das gut. Aus dem Wurschtelwust in meinem Kopf wird eine strukturierte Reaktionslandschaft auf Hypothesenbasis. Ich weiß ja nicht, ob er recht hat. Aber ich weiß ja auch nicht, ob ich recht habe, und traue mich gar nicht erst, überhaupt eine Hypothese zu entwickeln – weshalb ich in Stress spirale, dissoziiere und Faden und Form, Bezug und Kontaktsicherheit komplett verliere.

Das ist die Bruchstelle der Achsen.
Autismus und Kommunikation sind bereits schwierig. Auch schwierig zu kommunizieren.
Ich gerate dabei oft in die Situation, mich selbst zu erklären, statt die Kommunikationsprobleme. Denn es geht nicht immer nur um Wörter, Aussprache, Mimik und Gestik. Für mich geht es meistens um Bezug und Kontext. Warum sagt jemand dies und das; wozu bekomme ich diese und jene Information; weshalb und wofür macht mir jemand dies und das ganz besonders deutlich klar?
Gespräche mit nicht-autistischen Menschen sind für mich eine meist unklar begrenzte, uneindeutig bezugnehmende und in der Regel erst später in ihrem Ziel (manchmal auch Sinn und Zweck) nachvollziehbare Abfolge von Transitionen. Schon während die andere Person spricht, mache ich mehrere Dinge gleichzeitig: Geräusch von Wort unterscheiden, Worte verstehen und als Sätze in mir abbilden und begreifen – und dann merken, dass darin in der Regel nicht auch „drinsteht“, worum es der Person geht oder worauf sie sich bezieht oder reagiert. Also rufe ich mir in Erinnerung, was ich oder eine evtl. weitere Person im Gespräch gesagt hat, und überlege, ob davon etwas passen könnte. Ist die Person fertig mit Sprechen, bin ich meistens gerade fertig mit der Analyse des Sprachpakets. Was ich darauf antworte, eher nicht.
Manchmal geht das, was ich eigentlich sagen möchte, im wahrsten Sinne „lost in Transition zwischen Rede und Antwort“.

Und da greift die traumabedingte Dissoziation. Die nächste Achse. Die schützende Maske. Das reaktive Vorzeigen von bezogenem Kontaktverhalten. Ich konzentriere mich ausschließlich auf das, was die andere Person gesagt hat, und rate das beste hoffend oder faktisch orientiert abschätzend die Antwort. Ich bin nicht mehr bei mir, ich bin nicht mehr bei meinem Thema und kann selbst in der Rückschau nicht mehr sagen, worüber ich nachgedacht, was ich empfunden oder als Idee verfolgt habe. Es ist ein Nimbus, ein weißes Rauschen. Mein Körper antwortet. Ein anderes Innen. Irgendwas, das passt, dem Gegenüber ein gutes Gefühl macht, mit größter Wahrscheinlichkeit keinen Konflikt auslöst und inhaltlich die Funktion des Gesprächs bedient. Und dann beginnt das Gegenüber zu antworten. Und damit beginnt eine weitere Transitionsphase zum nächsten Sprechakt.

Das erschöpft. Es führt sehr oft dazu, dass ich ich-fremde Gespräche führe, wenn diese weder reiner Informationsaustausch noch oberflächliches Kontakten sind. Und der Hintergrund ist komplex.
Ich habe auditive Verarbeitungsstörungen, muss Bezug immer wieder konkret gesagt bzw. aufgezeigt bekommen, weil ich ihn nicht implizit „lesen/erfassen“ (und im Arbeitsgedächtnis halten) kann, und ich habe bis heute Angst, verletzt zu werden, weil ich nicht schnell genug (performativ „richtig“/wie vom Gegenüber gewünscht oder gewohnt oder erwartet) reagiere.
Gespräche sind bis heute nicht neutral für mich. Es sind neben jeder Bedürfniserfüllung immer auch Triggersituationen, mit denen ich je nach Inhalt, Kontext, Rahmen strukturell reaktiv dissoziierend umgehe.

Nach dem Gespräch, das ich nun mit meinem Mann besprach, lag ich abends im Bett und wurde Stückchen für Stückchen mit Fragmenten des Gesprächs konfrontiert. Die Verarbeitung setzte ein und zunehmend wurde mir selbst bewusst, dass wir weder über das geplante Thema gesprochen haben, noch, dass durchgehend ich gesprochen habe. Obwohl mir das so wichtig war. Ich so dankbar über das Interesse und die Bereitschaft der Personen war, mit mir zu sprechen. Obwohl es keine Gefahr gab. Ich selbst habe überhaupt nichts von meiner Angst gespürt. Habe in dem Kontakt überhaupt nichts von meinem Stress und der Reaktivität gemerkt.
Und wie fast immer in solchen Momenten haben es meine Gegenüber auch nicht gemerkt. Sie fanden das Gespräch gut. Sie haben mich als im Kontakt erlebt – faktisch betrachtet haben sie das ja auch. Nur eben doch auch nicht.

In einem Gespräch mit dem Begleitermenschen im Rahmen der Autismusdiagnostik habe ich dafür das Bild von einem Spiegelkabinett gefunden. Weil es mir oft so erschien, als würden die Menschen in meinem Leben immer mit einem Bild von mir sprechen. Also ihrer Wahrnehmung von mir und dem, was sie davon abgeleitet haben. Während ich sie nie sehen kann und meistens eher mit einer Idee von ihnen arbeite, die ich aus den Analysen dessen, was sie mir sagen, entwickle.
Das war das Problem, das ich in der Therapie damals als besonders belastend empfand. Es kam mir vor, als würde meine Therapeutin intensiv nach mir suchen – angestrengt auf ihr Bild von mir schauen – und ich nicht einmal ihre Spiegelung finden können, obwohl mir jedes Signal, jeder Reiz von ihr überdeutlich spürbar war.
Mir ist damals bewusst geworden, wie viel von meinen „Erkennungsproblemen“ überhaupt nicht oder eher subtil wahrnehmbar sind. Und wie groß die Rolle der DIS dabei ist. Ein autistischer Mensch ohne DIS oder extremen Maskierungswillen wäre damit auffälliger. Diese Art des Auffälligseins war aber nicht nur in meiner Herkunftsfamilie ein ernstes Problem, sondern auch überall sonst. Selbst in Kontexten, in denen meine Sicherheit und Fürsorge professionell sichergestellt wurden. Nirgends, in keinem Kontakt mit anderen Menschen, ist es für mich rückhaltlos, bedingungslos, konsequenzlos möglich, irgendetwas davon nicht zu verstecken oder zu verschleiern. Und zwar nicht, weil die Welt böse ist oder ich da irgendetwas Spezielles an mir habe, sondern weil es umfassend ANDERS ist. Weil man sich dem immer nur annähern kann und eine gewisse Lücke, einen Bereich der Inkompatibilität, stehen lassen und akzeptieren muss. Sowohl ich als auch meine Mitmenschen. In der Metapher vom Spiegelkabinett ist es der Umstand, dass ich mich mit anderen Menschen als in einem Spiegelkabinett erlebe – und sie das nicht auch tun. Ihre Wahrnehmung funktioniert anders als meine.

Und während ich das jeden Tag und immer immer immer merke – und sie nicht, ist es eine irritierende Sache, wenn ich es offenbare. Manche fühlen sich dann manipuliert. Als würde ich ihnen die Wahrnehmung von mir absprechen oder in Frage stellen. Als wolle ich ihnen unterstellen, sie würden sich gar nicht für mich interessieren oder würden mir absichtlich schaden wollen. Es gibt Menschen, die können solche Gefühle und Gedanken dann mit Worten ausdrücken. Sie sind neugierig, wollen verstehen, Beziehung, Kontakt bewahren. In meiner sozialen Welt sind das die absoluten Ausnahmen. Einhörner sozusagen.
Und es gibt Menschen, die können das nicht. Oder wollen es nicht. Oder halten es für einen Teil ihrer professionellen Abgrenzung, noch mehr Abstand zu mir herzustellen und sich praktisch völlig unsichtbar für mich zu machen. Es gibt Menschen, die sich verunsichert fühlen, wenn ich ihnen davon berichte. Die sich fragen, was an unserem Kontakt echt ist. Authentisch. Und ver.trauen mir dann einfach nicht mehr. Gehen also auch aus dem Kontakt. Das ist die häufigste Erfahrung, die ich mit der Offenlegung dieser Gesprächserfahrung gemacht habe. Entsprechend wenig öffne ich mich.

Doch diesmal nicht.
Diesmal habe ich es mitgeteilt und mehrere gute Erfahrungen gemacht.
Die Gesprächspartner haben es gehört und verstanden. Wir haben eine praktische Lösung gefunden.
Mein Mann hat mich verstanden und mir genau die Hilfestellung gegeben, die ich brauchte.
Meine Therapeutin hat mich verstanden und mich bestärkt, meine inneren Prozesse auf Möglichkeiten der Entlastung und Prävention zu erforschen.
Keiner der auslösenden Faktoren ist davon berührt. Es wird mir wieder passieren. Und es wird wieder schlimm für mich sein. Aber es bleibt nicht mehr so schlimm.