Autismus und DIS, DIS?, Innenansichten

Themenwoche “Ableismus”

Seit NakNak*s Diagnose haben wir Themenwoche “Ableismus”.
Und weil wir gerade niemandem all das sagen können, was wir sagen wollen, schütten wir unsere Worte mal wieder hier hin.

Es begann damit, dass wir unsere eigene Behinderung und die damit einhergehenden Begrenzungen gespürt haben.
Das informierende, beratende Gespräch mit dem Tierarzt war wenig informativ und vielleicht zu holterdipolter nach der Diagnose, um beratend zu wirken. Er spricht kein glattes Deutsch und was meistens kein Problem ist, war diesmal, wo es mir um wirklich jeden Aspekt der Erkrankung des Hundes ging, ein Riesenproblem.

Ich konnte den Sinn seiner Worte nicht verstehen. Konnte mich nicht auf einer Ebene mit ihm bewegen und entsprechende Fragen stellen. Was ich aber wichtig finde, wenn es darum geht, was für NakNak* gut und wichtig ist. Sie ist scheiße nochmal so sehr davon abhängig, dass wir gute Entscheidungen für sie treffen. Es ist wichtig, dass wir alles verstehen. Und es klappte einfach nicht. Mein Verstehstress, tickte meine Ohnmachtsgefühle an, ein anderes Innen tauchte auf. Scheiterte. Wir kamen richtig in Stress und sind da ~irgendwie~ raus.
Super Leistung.
Nicht.

Wir wissen, dass in uns in solchen Momenten sehr alter Selbsthass wieder angeht, der teils erlernt und von außen nach innen genommen wurde, sich aber auch aus unserem Anspruch an unser Funktionieren ergibt. Und ich weiß, dass viel von unserem Selbsthass aus den ableistischen Demütigungen in  unserer Kindheit und Jugend kommt. Ich weiß, warum es in meinem Kopf 24/7 dauerschleift, dass ich gefälligst reden soll, wenn man mit mir redet. Dass ich nicht so behindert glotzen soll. Dass ich meinen blöden Arsch hochkriegen soll, um Dinge so zu tun, wie man es mir gesagt hat.
Und trotzdem.
Es ist etwas anderes in so einem Moment.

Da reicht es nicht zu wissen, dass das alles vorbei ist. Dass ich, dass wir Dinge können und bla bla bla – denn in diesem Moment ist da eine Behinderung und sie passiert genau da, wo ichwir und meinunsere Fähigkeiten enden. Und allein aus uns heraus kommen wir da auch nicht drüber.
Und so denken wir uns gerade die Zukunft mit NakNak*, die blind wird und uns immer und konsistent klar und auf sie passend eingestimmt braucht: Wir brauchen Hilfe dabei und niemand raffts.

Und wenn wir daran scheitern, dann sind wir die Person, die ihren Hund weggibt, weil sie nur eine funktionierende Maschine benutzen will.

Stichwort “funktionierende Maschine” – das ist die andere Seite
Seit wir das wissen, fragt uns jede_r die_r davon erfährt, ob man das operieren kann. Wegmachen kann. Aufhalten kann.
Und niemand redet mit uns darüber so, als hielte man es für notwendig, dass wir das machen, oder so, als würde man von uns erwarten, dass wir das machen lassen – sondern EINFACH NUR SO – was ich nicht verstehe.
Alle Menschen in unserem Leben wissen, dass wir uns das nicht leisten können und aus Gründen, die mit unserer Haltung zu Speziezismus zu tun haben, auch nicht wollen. Und trotzdem reden sie mit uns lieber über eine Operation, als darüber, wie (ob) wir uns fühlen, welche Ideen wir haben, was für (ob) Gedanken uns bewegen, was man sich als hilfreich für den Umgang vorstellen könnte.

Meistens weiß ich auch gar nicht, wie ich mich fühle. Denn ich hab Themenwoche Ableimus an NakNak* und daneben noch zig andere Baustellen, die teilweise ihr ganz eigenes Feature in ebenjene Themenwoche einfließen lassen.
Die Menschen sind alle zugewandt und wollen mit uns sein – aber es verletzt so sehr, wie sie es versuchen.

Ich, wir, versuchen NakNak*s Blindheit als etwas zu akzeptieren, das passiert. Als das “Risiko”, das wir eingegangen sind, als wir uns dafür entschieden haben, einen gemeinsamen Weg zu gehen. Nicht als etwas, “wogegen man angehen muss”, was “ja eigentlich nicht so schlimm” oder “eine traurige Sache ist”.
Denn genau diesen Scheiß haben wir mit unseren Behinderungen jeden scheiß verdammten Tag schon für und über uns und unsere Un_Fähigkeiten, x-mal am Tag auf dem Tableau.

Es ist nämlich genau das auch mit unserem Autismus. Weil es “bei uns ja nicht so schlimm ist”, sieht niemand unsere Kommunikationsprobleme und überfordert uns immer wieder. Weil “es ja so eine traurige Sache ist”, bietet man uns manchmal Hilfe an, wo wir gar keine brauchen oder bevorzugt uns schneller mal auf sozialen Ebenen. Weil “man ja dagegen angehen muss”, halten so viele Leute unseren überdurchschnittlichen Lern- und Arbeitszeitraum für legitim und nicht das Ergebnis von Bewusstsein über die Notwendigkeit mehr als andere Menschen kompensieren zu müssen.

Kompensation ist, was die Leute sehen, doch nicht begreifen. Sie sehen einen Rollstuhl und denken: “Ah behindert, weil kann wohl nicht (so gut/lange/weit..) laufen.” und eben nicht: “Ah kompensiert mit dem Rollstuhl die Behinderung, die dadurch entsteht, dass…” und das ist der Punkt.

NakNak* war und ist nachwievor etwas und jemand, die_r uns sowohl Kompensations/Hilfsmittel als auch Begleiter_in ist.
Sie ist nicht wichtig für uns, weil wir behindert sind.
Sie ist, wichtig für uns, weil der Großteil von uns nicht sprechen kann/will bzw. nicht spricht, um zu kommunizieren. Sie ist wichtig, weil sie uns damit geholfen hat eine Routine zu etablieren – und bis heute hilft, diese aufrecht zu erhalten. Sie ist wichtig, weil wir in ihr viele Anhaltspunkte für das eigene Stresslevel haben und ach vieles mehr. Manches haben wir Stefan auf dem Podstock erzählt und manches in dem Text über sie letztes Jahr.

Ihre gesamte Ausbildung basierte auf Sicht bzw. alle Signale/Befehle an sie sind (und manche: auch) Handzeichen.
Aus Gründen, die wir nicht einfach mal eben so umstricken können oder wo man einfach so sagen kann: “Ja ach das wird schon…”. Wir hatten uns dabei schon was gedacht und müssen auch heute noch sagen, dass sich keiner dieser Gründe erledigt hat.
Und nein – es ist auch nicht aufmunternd oder tröstlich oder hilfreich, wenn uns Leute schreiben, dass sie in einer ähnlichen Situation auch dachten, sie würden das nie schaffen, aber dann doch geschafft, weil… Das ist es schon deshalb nicht, weil sich sowas aus der Retrospektive immer leicht sagen lässt und Geschichten vom Nichtgeschaffthaben so gut wie nie erzählt/geteilt werden.

Gerade bei Haustieren ist Nichtgeschaffthaben so eine Sache. Ein Tier aus dem Tierheim zu holen ist Gold, wer vom Züchter abkauft, elitärer Scheißspießer, der einen Designerhund will, der dann doch im Tierheim landet, weil besonders so ne Leute doch alle Versager sind. Tierheimtiere brauchen Retter_innen blablabla Ein Herz für Tiere zeigt sich in bedingungsloser Aufopferung kotzbrechbla

Und in so einer Lage, wie meinunserer?
Wo wir uns sehr wohl auch reflektieren müssen, ob wir mit den Problemen, die NakNak* kriegen wird, langfristig wirklich die richtige Person sind, schmeißen wir sie damit weg oder was? Oder denken wir da nicht vielleicht irgendwie doch so verantwortungsbewusst, wie man das von Haustierhalter_innen erwartet?

In einem anderen Haushalt würde man sie vielleicht operieren können (finanziell) und würde sich mit der Entscheidung nicht herumquälen (weil man ihr Einverständnis dazu nicht einholen kann, aber das nicht problematisch findet). In einem anderen Haushalt würde das Leben vielleicht auch nicht auf die Richtung zugehen, wie bei uns mit Auswander- Berufseinstiegverselbstständigungs- und Familienplanungsüberlegungen – da hätte sie vielleicht noch Zeit sich umzugewöhnen, so lange sie noch sehen kann und ist dann bis zum Lebensende supergechillt und glücklich, weil sich nicht dauernd alles ändert?
In einem anderen Haushalt müsste sie nicht mehr arbeiten. Da wären vielleicht Leute, deren Schwierigkeiten im Alltag anders und nicht so kontinuierlich wie bei uns vorliegen?

Ich würde anders darüber nachdenken, wenn wir in den letzten Jahren mehr Fortschritte an den Stellen gemacht hätten, die NakNak* uns kompensieren hilft. Haben wir aber nicht. Auch aus Gründen. (Die völlig okay sind und andere gemachte Fortschritte deshalb nicht abwerten).

Ich weiß im Moment nicht, wie ableistisch mein Blick auf uns ist. Mache ich gerade zu viel von meinunseren Fähig- und Fertigkeiten abhängig? Unterschätze ich die Fähigkeiten, die NakNak* hat, selbst wenn sie blind ist? Entlang welcher Parameter kann man alternativ entscheiden bzw. auseinandersetzen?

Ich wünsche mir im Moment so sehr meine Anti-Ableismus Timeline in die direkte Nachbarschaft.
Wünsche mir lange Stunden mit Auseinandersetzung und Diskurs darüber, wo es langgehen kann, wenn man die ableistischen etablierten Pfade verlassen will.
Ich hätte gern, dass mich niemand trösten will, sondern auf das stößt, was ich gerade ausblende.
Kein Vermeidungstanz, sondern echte aufrichtige Mit-mir-zusammen-Auseinandersetzung.

Zum Einen um dahin zu kommen, einen Umgang zu finden – zum Anderen aber auch, um selbst in der Situation anzukommen.
Denn eigentlich – emotional – stehen wir (Rosenblätter) da noch in der Praxis und verstehen gar nichts außer: Wir haben keine Ahnung, was wir tun sollen und ob wir dem genug sein können.

Während andere Innens Schule, Alltag und Gedöns weitermachen als wär nichts gewesen und wir uns fragen müssen, ob da überhaupt irgendwas von dem Tierarzttermin angekommen ist.

Die Helfer_Innen und die Hilfe, Innenansichten, Lauf der Dinge

Erwartungen haben

Wir fuhren die Landstraße entlang und sahen das Auto, das uns keine 20 Sekunden später rammen würde, dem Fahrzeug vor uns ausweichen. Dann ein Knall. Rauch. Schmerzen, die sich vertraut und dennoch unangenehm ausbreiteten.
Das war vor ein paar Jahren. Ein Autofahrer war zu schnell unterwegs und hatte die Kontrolle über sein Auto verloren, weil er niesen musste.

Ich weiß noch, dass ich eher genervt als panisch “Scheiße” dachte. Dass ich den Aufprall, den Schmerz und die Notwendigkeit sich an den Erste Hilfe-Kurs, der schon länger her war, zu erinnern, erwartete. Und ich weiß noch, wie sehr ich mich dafür gehasst hatte, nicht handeln zu können. Wie ich mich dabei beobachtete von einem Baby-Sein verdrängt zu werden und um ein Leben zu schreien, das als solches gar nicht richtig bewusst ist.
Wie erbärmlich und wehleidig ich mir vorkam, meine Bewegungen so abzuzirkeln, dass es möglichst wenig weh tat.

Dieses Ereignis war keine traumatische Erfahrung für mich.
Ich hatte den Aufprall erwartet. Wusste zwar nicht, ob ich ihn überleben würde, ging aber davon aus, dass ich ihn auch überleben könnte. Ich hatte Schmerz erwartet. Wusste zwar nicht, welchen und in welchem Ausmaß, wusste aber, dass mein Körper schon viele Schmerzarten “weggesteckt” hatte.
Ich hatte erwartet, dass Ersthelfer_innen kommen würden. Sie kamen.
Ich hatte erwartet, dass andere Menschen mir ansehen können würden, dass mir dieser Unfall passiert war und mit mir darüber sprechen würden. Und sie konnten. Und sie sprachen. Manchmal auch mit mir.

Die Erwartungen, mit denen Menschen durchs Leben gehen, sind wichtig. Zu erwarten, dass bestimmte Dinge passieren, spielt maßgeblich in ihre Bewertung und in die Entscheidungen, die man trifft ein.
Erwartungen entstehen aus Erfahrungen mit Dingen, die passieren.

Die Lebenserfahrungen, die ein Mensch durchgemacht hat, helfen sich ein Bild von der Welt und sich selbst zu machen.
Je kongruenter und vielfältiger diese Bilder sind, desto besser sind Menschen davor geschützt, Abweichungen oder Widersprüche als irritierend oder nachhaltig verwirrend, verunsichernd oder sogar tiefgreifend schockierend, lebensbedrohlich und unaushaltbar zu erleben.

Das heißt nicht, dass jede_r schon einmal einen Autounfall gehabt haben muss, um den nächsten gut zu verarbeiten.
Das heißt, dass es hilft einen Autounfall gut zu verarbeiten, wenn man beispielsweise schon einmal Schmerzen hatte (diese Wahrnehmungsqualität und mögliche Umgänge damit kennt), schon einmal davon gehört hat oder einen gesehen hat und erlebt, dass dieses Wissen bzw. diese und ähnliche Erfahrungen auch bei den Menschen im direkten Umfeld vorhanden sind.

Es hilft, vieles zu erwarten. Je mehr man erwartet, desto mehr kann davon bestätigt werden. Wird von 50 Erwartungen eine enttäuscht, sind da immer noch 49, die bestätigt werden. Und obwohl menschliche Gehirne darauf ausgerichtet sind, sich besonders die Enttäuschungen, Schmerzen oder andere weniger angenehme Dinge zu merken und besonders zu verarbeiten, so sind es die angenehmen Erfahrungen und Bestätigungen, die diese Einordnung überhaupt erst möglich machen.

Man kann sich bestätigte Erwartungen wie einen Stoff vorstellen, der dem Gehirn Futter und Arbeitsanlass zugleich ist. Ein Gehirn, das in schöner Regelmäßigkeit leichte Arbeiten zu verrichten hat und dabei immer gut versorgt wird, kommt mit einem Zeitraum härterer Arbeit besser zurecht, als eines, das durchgehend überfordert ist und mangelhaft versorgt.

„Erwartung“, das ist ein Wort, das heute einen fast negativen Beigeschmack hat, weil es oft mit “Anspruch” übersetzt wird.
Eine Erwartung zu haben, sagt aber mehr über innere Er_Lebens:qualitäts:gewohnheiten aus, als darüber, was man im Zusammenhang mit dem Außen als legitim oder gerechtfertigt einordnet.

Wenn ich zum Beispiel erwarte, dass ich etwas sehe, wenn ich die Augen öffne, dann hat das etwas damit zu tun, dass ich mein Leben lang immer sehen konnte, sobald ich sie geöffnet hatte.
Wenn ich aber in einem dunklen Raum sitze, dann ist etwas sehen zu wollen ein Anspruch, den ich erhebe, weil mir die Gewohnheit meines Sehens legitim erscheinen lässt, auch hier etwas zu sehen.

Das heißt: Anspruch ist von Erwartung nicht zu trennen – es handelt sich aber um zwei unterschiedliche Dinge.
Und das ist wichtig im Hinterkopf zu haben, wenn man sich damit auseinandersetzt, warum manche Erfahrungen traumatisch sind und manche nicht. Und warum ein und dasselbe Ereignis für die eine Person traumatisch war und für eine andere nicht.
Und warum es für Menschen, die bereits als Säugling oder Kleinkind immer wieder Gewalt erfahren haben, noch einmal schwieriger ist, sich im Lebensalltag danach zurechtzufinden. Selbst dann, wenn sie keine posttraumatischen Belastungen im Sinne einer PTBS oder ähnliches erleben.

 


 

Der Autounfall, den ich zu Beginn schildere, war eine krasse Irritation für mich. Der Schmerz, die Hilflosigkeit und die Idee jetzt gleich sofort zu sterben, jedoch nicht. Schließlich bin ich 16 Jahre lang immer unfallfrei in Autos mitgefahren, hatte aber auch immer wieder Situationen erlebt, in denen ich mit unvorhersehbaren, unausweichlichen, unbeeinflussbaren Schmerzen, Todesangst und globaler Hilflosigkeit konfrontiert war.

Waren meine Gewalterfahrungen in dem Moment also ein Schutzfaktor von dem Autounfall traumatisiert zu werden?
Keine Ahnung – in jedem Fall haben sie mich davor bewahrt, diese Empfindungen bzw. Wahrnehmungsqualitäten gleichermaßen krass irritierend zu empfinden, wie den Umstand, dass da ein Auto in das Auto hineinfährt, in dem ich sitze.

Die Person, die damals das Auto gefahren hatte, hatte diesen Erfahrungshintergrund nicht. Und soweit ich das mitgekriegt habe, hatte sie erheblich  mehr mit der Verarbeitung des Unfalls zu kämpfen, als ich. Für sie muss es sowohl um den Aspekt “da ist ein Auto in mein Auto gefahren – das ist aber gar nicht üblich” als auch “ich fühle etwas, womit noch nie oder bisher nur ein zwei Mal konfrontiert war” gegangen sein. Wenn nicht noch um mehr, denn sie war zum Zeitpunkt des Unfalls erwachsen, weiß, abliert,  Elter eines Kindes, aufgrund des Berufs für mich in gewisser Hinsicht verantwortlich …

Die Person hat, soweit ich das weiß, diese Erfahrung am Ende doch gut verarbeitet.
Aber nehmen wir mal an, es wären für sie sehr viele Erwartungen an sich und die Autofahrt und eintreffende Ersthelfer und spätere Versorgungsinstanzen enttäuscht worden.

Nehmen wir mal an, es wäre ein Unfall auf der Route 66 mitten in der Wüste gewesen. Anderer Autofahrer tot (enttäuschte Erwartung: Menschen, mit denen man zu tun hat, leben), die Person selbst hat überlebt (enttäuschte Erwartung: ich sterbe jetzt).
Sie muss sich allein aus dem Auto befreien (enttäuschte Erwartung: wenn ich Hilfe brauche, bekomme ich sie).
Muss allein zu Menschen kommen, die helfen könnten und dafür sorgen, dass sie dies auch tun (enttäuschte Erwartung: wenn mir etwas passiert, wird jemand kommen/sehen, dass ich Hilfe brauche).

Da es keine Zeug_innen außer ihr für den Unfall gibt, ist sie die einzige Person auf der Welt von der sie sicher weiß, wie das ist, auf der Route 66 einen schweren Autounfall gehabt und überlebt zu haben. (enttäuschte Erwartung: ich bin nicht allein mit dem Wissen darum, dass es so etwas gibt und wie sich das anfühlt und wie genau diese Situation war)

Nehmen wir an, die Person lebt allein und hat eine gesellschaftliche Rolle inne, die bestimmte Anforderungen an sie legitimiert (weil es normalisiert ist diese zu haben).
Ist die Person ein Mann, können diese Anforderungen sein, allgemein “hart”, “taff”, “stark” zu sein (nicht verweichlicht wie eine Frau – wer wie eine Frau ist, ist kein “richtiger Mann”).
Ist die Person eine Frau, kann die Anforderung sein, aus dem Umstand sich allein um Hilfe bemüht zu haben, eine emanzipatorische Kraft zu entwickeln (welche die Erfahrung auf fast magische Weise in ihren Auswirkungen verwandelt (weil wer sich selber ganz toll stark um sich kümmert, ist ja fast schon ein ganz toll starker Mann und damit besser als eine “richtige Frau”) oder aus anderen Gründen bitteschön die Klappe über irgendwelche Gefühle zu halten.
Ist die Person behindert, arm, rassiert oder schon älter oder jünger, kann die Anforderung sein, sich in seinen Reaktionen und Kompensationsformen der (weißen, ablierten, ökonomisch unabhängigen mittelalten) Norm anzupassen, um überhaupt als NORMaler Mensch an.erkannt zu werden, der in der Lage ist bestimmte Gefühle oder Belastungen zu erleben.

Nehmen wir an, dass die Person diesen Anforderungen nicht entsprechen kann und in der Folge nicht mit anderen Menschen über die gemachte Erfahrungen sprechen kann. (enttäuschte Erwartung: Ich muss nicht allein mit der Erfahrung bleiben und muss sie nicht allein aus eigener Kraft verarbeiten)

Man soll ja keine Rezepte zu psychischen Belastungen schreiben. Doch wenn man eines suchen würde, so würde man es in dieser angenommenen Konstellation finden. Und zwar nicht nur, weil dieser Person etwas passiert ist, das außergewöhnlich war und vielleicht außergewöhnlich schrecklich, sondern, weil sie allein damit bleibt und diese Erfahrung mit einem gestressten (also auf eine spezifische Art zu funktionieren gezwungenem) Gehirn zu verarbeiten, das eine Menge enttäuschter Erwartungen zu verdauen hat.


 

Kommen wir mal weg von einzelnen Erfahrungen und gehen über zu Menschen, deren Erwartungen immer auch ein Szenario der Todesangst, Hilflosigkeit und wie auch immer gearteten Versehrung (die mit Schmerzen vom Körper gemeldet werden) beinhalten.

Wie gesagt speisen sich Erwartungen aus der Gewohnheit bestimmter Er_Lebens:qualitäten.
Wer immer wieder erlebt, dass schöne Situationen in schreckliche kippen, ohne, dass es vorher konkrete oder absehbare oder erkennbare Hinweise darauf gibt oder auch immer wieder mit bizarren sozialen Konstellationen konfrontiert wird oder auch immer wieder tiefgreifend im eigenen Verstehen von sich selbst und der Welt um sich herum verunsichert wird, hat am Ende andere Erwartungen an den Lauf der Dinge, als eine Person, bei der das nicht passiert.

Es kann normal werden, sich auf nichts verlassen zu können, außer darauf, dass viele und regelmäßig auch jede Erwartung enttäuscht wird.
Denn dafür sind Erwartungen wichtig.
Für das Zu- und Vertrauen in sich und die Welt, die Menschen um sich herum, den Lauf der Dinge, den man jeden Tag beobachten kann. Kann man die eigene Umgebung nicht abschätzen – nicht zuverlässig erwarten, was wann warum und wie und mit welchen eventuell absehbaren Folgen passiert, gibt es weder Chance noch Anlass über das Hier und Jetzt hinaus zu denken oder zu planen.

Erwartungen sind jedoch eine Art kleine Idee von Zukunft.
Und die Zukunft als konstante Idee ist, neben vielen anderen Dingen, etwas, das Menschen ganz konkret am Leben hält.

Menschen würden verhungern, hätten sie nicht (aufgrund vieler Erfahrungen des Sattseins und Sattwerdens) die Idee, dass sie nach (also in der Zukunft) dem Verzehr von etwas keinen Hunger mehr haben. Besonders Menschen als Wesen mit extrem langer Nesthockdauer, hätten keinen Anlass zur Fortpflanzung oder Nachwuchsversorgung, zu allgemein angenehmer sozialer Interaktion und ergo verstehbarer Kommunikation, hätten sie kein Verständnis von Ursache und Wirkung im Sinne einer Entwicklung, die über einen Moment oder mehrere einzelne Momente hinausgeht.

Wir halten also fest: es ist für Menschen schon ziemlich vorteilhaft einen breiten Blick auf die Zukunft in der Gegenwart wahrnehmen und als wahrscheinlich annehmen (erwarten) zu können.
Umgekehrt muss es also auch ziemlich ungünstig sein, wenn man so gewachsen ist, dass der Zukunftsblick nicht weiter als einige Minuten oder vielleicht Stunden oder Tage reicht, weil mehr einfach nicht verlässlich vorhersehbar (bestätigend erwartbar) ist.

Das Risiko für Menschen mit komplexer Traumatisierung durch zum Beispiel Gewalt in der Familie oder Krieg (also einem langen Zeitraum in chaotischen Umständen, die nicht selbst beeinflusst oder verlassen werden können), eine Problematik, wie eine Essstörung, eine Sucht oder eine chronische Suizidalität zu entwickeln, ist 7 Mal so hoch, wie für Menschen die diese Erfahrungen nicht gemacht haben. Aus Gründen, die genau damit zu tun haben, dass bestimmte Erwartungen anzustellen nicht möglich war.

Diese Menschen haben manchmal über Jahrzehnte nicht die Möglichkeit gehabt, ihrem Gehirn das Planen und Erwarten über einen langen Zeitraum hinweg anzutrainieren. Und was Gehirne nicht trainieren, das verlernen sie oder lernen es nie. Solche Gehirne lernen “überleben und kompensieren” statt “überleben und spezialisieren” – ganz ganz ganz grob gesagt.
Ganz grob gesagt, weil natürlich auch traumatisierte Gehirne sich ausspezialisieren.
Nur eben an anderen Schaltstellen, die wiederum eine Ausentwicklung von zum Beispiel Süchten oder ähnlichem zu begünstigen scheinen – aber das Leben in der “Misshandlungsfamilie” oder anderen schwierigen Umfeldern, akut immer wieder gerettet und gesichert haben.

 


 

Ich habe diesen Artikel angefangen, weil ich mich im Moment viel mit meiner Zukunft auseinandersetze und merke, wie fremd sich das anfühlt.
Es erscheint mir nicht verlässlich, dass passiert, was ich mir überlege – es erscheint mir aber überhaupt und das ist der bemerkenswerte Aspekt.
Es erscheint mir möglich auch in einem Jahr noch zu leben. In zwei Jahren noch Wünsche und Ideen zu haben. Es ist mir greifbar, heute, morgen, nächste Woche, in zwei Monaten… noch daran arbeiten können, dass ich in zwei oder drei oder 10 Jahren etwas tun kann.

Es ist eine Annahme, die sich aus einer Erwartung, die ich ohne es zu merken habe, weil das, was sie beinhaltet eine Konstante in meinem jetzigen Leben ist. Ich habe ein relativ unangreifbares Jetzt und Heute und Morgen und nächste Woche.
Erschien mir vor 4-5 Jahren die Abschiedsworte meiner Therapeutin “Wir sehen uns nächste Woche” einigermaßen schräg, weil nicht zuverlässig, verabschiedete ich mich vor ein paar Wochen selbst sehr bewusst mit den Worten: “Tschüss – bis nächste Woche”.

Weil mir diese nächste Woche sehr zuverlässig erschien. Weil ich sehr klar hatte und auch mit einem gewissen aktiven Rückgriff auf meine in den letzten Jahren entwickelte Er_Lebens:qualitäts:gewohnheit fühlen konnte: Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass ich nächste Woche noch lebe und hier ankomme und etwas sagen kann und etwas arbeiten kann. Sehr viel höher als, dass das nicht der Fall ist.

Das geht über einen bloßen Lernerfolg hinaus. Ein Lernerfolg war, dass ich überhaupt für jede Woche einen Termin vereinbarte. Denn einerseits machen das viele Therapeut_innen so (und ist es ja auch allgemein bei Leuten, die Leute über einen langen Zeitraum behandeln oder betreuen oder sonstwie begleiten wollen, so, dass sie lieber regelmäßige als spontane Treffen machen) – andererseits hatte ich auch schon die Erfahrung gemacht, dass die Termine nicht konstruktiv oder sonstwie hilfreich sind, wenn ich einfach irgendwie so eventuell vielleicht in einen Termin reinstolpere.

Was da jetzt besteht, ist, denke ich, das Ergebnis von Neuroplastizität.
Ich muss nicht mehr intensiv aus einer fest verankerten, weil x-fach bestätigten, Unsicherheit heraus darüber nachdenken, wie sehr ich darauf vertrauen kann, dass meine Annahme richtig ist, in der nächsten Woche noch am Leben zu sein und den Termin auch wahrnehmen zu können.
Irgendwie denke ich einfach, dass das so ist.
Einfach so. Kurzer Dienstweg. Automatische Annahme. Normalisierte Erwartung, dass das auch so eintreten wird.

Emotional ist sowas natürlich nachwievor “gefährlich” und mein traumatisiertes Gehirn erinnert mich auch immer wieder daran, dass Erwartungen enttäuscht werden können. Es hat einen Grund, weshalb ich der Therapeutin “Tschüss – bis nächste Woche” sagte und einen Grund, weshalb ich mir dessen ganz bewusst bin: Ich bekam ziemlich bald darauf Angst, sie könnte die Behandlung jetzt beenden. Könnte nächste Woche nicht mehr da sein – oder ich könnte nächste Woche nicht mehr da sein. Und überhaupt: nächste Woche – wie konnte ich denken, das sei ein überschaubarer, eingrenzbarer Zeit_Raum?!

Ich spürte, wie sich kompensatorische Dynamiken warmliefen. Wie mein Denken umklappte und mir den Horizont bis auf das akute Hier und Jetzt verdunkelte.
Daneben spürte ich aber auch, wie ich das spürte. Wie ich merkte, dass mein Funktionieren sich von jetzt auf gleich verkürzte, verknappte, wie sich in mir etwas ganz klein zusammenschrumpelte, hart machte, ängstlich anspannte und in dieses schreckliche rein reaktive Sein zu balancieren versuchte.

Ich konnte das als Unterschied wahrnehmen. Als etwas, dass so irgendwie aber eigentlich gar nicht sehr so üblich ist. Merkwürdig überraschenderweise. Irritierenderweise. Das will ich jetzt aber lieber so, wie sonst auch – weise.
Oh G’tt oh G’tt, was passiert mit mir-weise.

Die Oh G’tt oh G’tt, was passiert mit mir-Schleife aber, kenne ich. Die kenne ich schon ziemlich gut. Ich habe mich vielseitig und lange damit auseinandergesetzt, was mit mir los ist und glücklicherweise habe ich dazu einige Antworten gefunden, die mir valide und brauchbar sind.
Ich weiß, dass mir bestimmte Dinge Angst machen.
Ich weiß, dass das Bewusstsein jederzeit sterben zu können bzw. nicht mehr zu sein oder Menschen nicht mehr im Leben zu haben, in mir drin ganz besonders gut ausgebaute Reizautobahnen haben, die ganz gerne mal benutzt werden, um 100% sicher zu gehen, dass ich auch ganz wirklich echt und absolut sicher weiß, dass das passieren kann (oder: “WIRD!!11!1”, wie es das mir ins Hirn schreit) und eventuell vielleicht mein Leben bedroht.

Und ich weiß, dass gerade weil es diese Autobahnen gibt – ich noch etwas warten muss, bis das, was da im Volvo auf der Landstraße noch unterwegs ist, auch bei mir angekommen ist. Ich weiß, dass es die Zukunft gibt und ich kann sie er_warten.

In dem Fall der Angst darum, dass die Therapeutin die Behandlung beenden würde oder nächste Woche nicht mehr da sein könnte, ging es darum auf das Gefühl zu warten, das man hat, wenn man sich auf die Kontinuitäten der Vergangenheit besinnt.
Es hat mich beruhigt zu wissen, dass sie uns immer Bescheid gesagt hat, wenn ein Termin mal ausfallen muss (und das nie etwas mit uns zu tun hat) und wie selten das war. Wie viele Wochen wir uns schon kennen, weil wir uns so viele Wochen schon getroffen haben.
Es hat aber auch beruhigt zu erinnern, wie oft wir das schon überstanden haben, wenn Therapeut_innen nicht mehr da waren. Wegen uns oder wegen was auch immer.
Und es hat beruhigt zu wissen, dass ich schon sehr oft hätte sterben können, es aber nicht tat. Wie oft ich überhaupt am Tag denke: “Jetzt sterbe ich” oder “Jetzt könnte ich sterben” – aber dann doch nichts passiert.

Meine kleinen Volvofahrgedanken helfen mir die Autobahnfahrgedanken in ein Verhältnis zu setzen. Sie helfen mir zu planen und Zukunft als feste Größe einzubeziehen. Selbst dann, wenn sie mir gerade sehr unsicher, unkonkret, undenkbar oder auch unvorstellbar erscheint.
Aber ich muss sie abwarten. Ich muss dafür sorgen, dass sie überhaupt losfahren und ankommen können.
Wie das gut klappt, habe ich auch schon gelernt.

Ich brauche einen guten Warteraum.
Was ich in solchen Momenten nicht ertragen (und generell nicht gebrauchen) kann ist eine Umgebung, die mich und meine Autobahngedanken bestätigt oder verstärkt. Sei es durch Unzuverlässigkeit oder Unübersichtlichkeit oder fehlende Möglichkeiten mich in Bezug auf irgendwas selbst_wirksam zu erleben.

So nutzt es mir nichts von 10 Leuten in meinem Leben zu hören, dass ich mich jederzeit melden kann, wenn ich etwas brauche – doch niemanden davon auch wirklich akut erreichen kann.
Es hilft auch weniger “mich abzulenken” als mich “perspektivisch umzulenken”. Kein Wortspiel – ganz richtiger Ernst.
Ich fange heute in solchen Momenten kein Projekt mehr an, das mich absorbiert und 5 Wochen später (schön am Krisenpunkt vorbei) wieder ausspuckt – ich beginne etwas, das mir hilft eine Sicht auf mein Jetzt und mein Nachher zu stärken. Zum Beispiel hilft es mir, mich damit zu befassen, wie ich es gerne hätte – erlaubt auch als völlig zusammengesponnene Utopie.

Gerade in Bezug auf “Ich könnte sterben oder die Therapeutin bricht den Kontakt ab” hilft mir eine Utopie um Volvofahrgedanken anzustoßen.
Denn die Idee für immer und ewig niemals getrennt von der Therapie bzw. der Therapeutin zu sein, kommt mir lächerlich vor – obwohl sich in dem Fall die Angst der Kontakt könnte unerwartet enden, dann erledigt hätte.
Genauso wie mir der Gedanke missfällt, ich könnte sie und die therapeutische Arbeit mein Leben lang brauchen.

Wichtig ist mir da, das Ganze nicht in eine Imaginationsgeschichte zu drehen.
Imaginationen sind mir etwas total Intimes – etwas, was ich nicht gut mitteilen kann – eine Angst vor Beziehungsabbruch oder Todesangst hingegen will ich mitteilen können. Sie zum Anlass oder Teil einer Imagination zu machen, bedeutet für mich, dass ich niemals mit der Therapeutin darüber reden kann, als sei das real da. Vielleicht bin ich da komisch – aber es gehört zu unseren Therapiebedingungen, dass wir nur über Dinge sprechen, die uns real da und echt und wahrhaftig sind.

Andere Aspekte eines “guten Warteraums” ist die Zeit als greifbar erlebbares Ding, das beobachtbar ist und die Relationen der Dinge, die uns sicher erscheinen. Straßenbahnen sind dafür gute Werkzeuge. Es gibt sie – in einer gewissen Variation – und sie fahren – ebenfalls mit einer gewissen Variation der Zuverlässigkeit. Man kann Straßenbahnen gut zugucken und merken, dass alles irgendwie geht. Manchmal auch: vorbei geht.
Sowas beruhigt mich. Und wenn ich beruhigt bin, bummeln die Volvofahrgedanken langsam in mein Denken.

Früher habe ich nicht auf diese Gedanken gewartet. Ich musste lange daran arbeiten sie zu erkennen und gleichermaßen ernstzunehmen wie die Gedanken, die mir schrill den Alarm gemacht haben.
Doch heute – nach vielen Erfahrungen von Momenten, in denen ich sie bemerkte – erwarte ich sie.

Und in ihrer Ankunft – darin wurde ich noch nie enttäuscht.

 

*Text als PDF zur freien Weitergabe

Autismus und DIS, DIS?, Innenansichten, Lauf der Dinge

adultistischer Ableismus und Kinderinnens

Wir haben ein Problem an dem Umgang mit Kindern.
Das macht unsere Texte über Kinderinnens oft zu einer unflauschigen Angelegenheit.
Zu Beginn schreibe ich hier über Außenkinder, um die Abgrenzung aber auch den Bezug zu Innenkindern (Kinderinnens) deutlich erkennbar vorzunehmen.

Ziemlich stark ist in uns die Ablehnung von Kindern als “die Zukunft”.
Und richtig kirre macht uns der west-wohlstandsgesellschaftliche Blick auf Kinder, in dem sie so kostbar sind, dass man sie 24/7 fördern muss, damit sie auch nur den Hauch einer Chance haben, den übersteigerten Erwartungen und Ansprüchen der Generationen vor ihnen in irgendeiner Form nachzukommen.

Kinder können ja nix. Sie sind ja immer gefährdet. Man muss sie schützen. Man muss sie bewahren. Kinder sollen die Erwachsenen mal machen lassen, damit diese ihnen “das Beste” antun können. Damit Erwachsene noch immer mehr Gründe haben, weitere Forderungen als legitimiert einfordern können.
Und selbstverständlich wissen nur Erwachsene, was genau “das Beste” eigentlich ist.

Adultismus ist das Wort dazu.

Adultismus ist ein Kind des Ableismus und gehört also zur Familie der Scheiße-ismen, die das zwischenmenschliche Miteinander unserer Gewaltkultur vollständig durchdrungen haben.
Es geht um Macht und damit auch um Gewalt.en.
Im Falle des Adultismus, geht es um die Macht bzw. die Diskriminierungen, die erwachsene (dezidiert umfänglich befähigte) Menschen über noch nicht erwachsene (also (in der Mehrheit der Fälle) aufgrund des anderen Reifegrades anders umfänglich befähigte) Menschen inne haben und ausüben.

Diese Macht bzw. diese Diskriminierung manifestiert sich in normalisierten Handlungen, gleichzeitig aber auch in Handlungen, die gesellschaftlich abgelehnt werden.
Es ist üblich Kinder einfach so zu einzuordnen und zu reglementieren, ohne sie zu fragen. Und selbst in Familien, die Wert darauf legen, dass die Kinder ihre Grenzen selbst festlegen dürfen, gibt es X Ausnahmesituationen, in denen ebenjene Grenzen aufgeweicht werden, um etwas durchzusetzen, das als “das Beste” für das Kind verstanden wird – ohne, dass das Kind ein Bestes für sich definieren kann oder darf.

An dieser Stelle will ich nicht auf “Ja, aber Kinder können doch noch gar nicht wissen/entscheiden…” eingehen. Denn: Ja mag sein, dass ich keinen Konsens mit einem einjährigen oder dreijährigen Kind über eine Impfung aushandeln kann – aber ich muss mein übergriffiges Handeln nicht damit rechtfertigen, dass ich mehr weiß oder mehr kann, als mein Kind und leugnen, dass ich an der Stelle gerade etwas entschieden habe, weil ich das konnte und wollte und sollte und vom Gesetz zugestanden auch: durfte – und das Kind nicht.
Es ist nur ehrlich und fair, wenn ich an der Stelle transparent um mein Handeln bin und so dem Kind ermögliche (im Rahmen der zu dem Zeitpunkt bestehenden Möglichkeiten) zu erkennen, was da gerade passiert ist, um selbst eine Einordnung vorzunehmen.

Für die Kinder in dieser unserer Gesellschaft gibt so wenig frühe Chancen, die Erwachsenen um sich herum und deren Handeln auch mal scheiße zu finden, ohne selbst sofort um Leib und Leben fürchten zu müssen. Das bedeutet im Umkehrschluss auch, dass Kinder niemals in der Lage sind ganz und gar autark zu meinen oder zu finden oder zu urteilen. Und folglich auch: zu fordern oder zu wollen.
Was im Zusammenspiel mit den wenig geschätzten Fähig- und Fertigkeiten überhaupt erst zu ebenjener Abhängigkeit vom “good will” der sozialen Umgebung führt, die allgemein mit Kindern in Zusammenhang gebracht wird.

Wie gesagt: Wir müssen nicht darüber reden, dass Kinder nicht die 20 Sahnetorten haben können, die sie gerne hätten.
Aber wir müssen darüber reden, aufgrund welcher Machtstrukturen es die erwachsenen Menschen sind, die ihnen diese Sahnetorten verwehren und was das für die Realitäten der Kinder bedeutet.

Aus Kindern, die in adultistischen Umfeldern aufwachsen, werden Erwachsene, die eine spezifische Sicht auf die eigenen Fähig- und Fertigkeiten internalisiert haben und, die sie folglich immer entlang von Autoritäten oder in Abgrenzung zu versagen/scheitern/noch nicht können, definieren.
Ein Marker dafür kann die ständige Ausrichtung auf die Zukunft der eigenen Fähig- und Fertigkeiten sein.
Ein kindliches: “Wenn ich groß bin, dann …”, kann zu einem erwachsenem: “Wenn ich meine Koch- und Backskills als Masterdiplom of the universe schriftlich mit Brief und Siegel hab, dann…”, werden.

Gleiches gilt für die Bewertung eigenen Handelns.
”Wenn Mama/Papa/Lehrer_in/Doktor_in/Richter_in/Bürgermeister_in/Bundeskanzler_in… sagt, was ich gemacht hab, war gut/schlecht, dann… ”.

Adultismus ist ein wichtiges Instrument der Kontrolle über Menschen.
Im Kontext der konkret körperbezogenen Gewalt an Kindern, kommt es so zu einer ganzen Reihe von Diskriminierungsfaktoren, die auch nach der Tat bestehen bleiben und so verhindern können, die strafbare Gewalt durch Erwachsene von der legalisierten/normalisierten Gewalt abzugrenzen.

Aus so miss.be.handelten Kindern, können folglich Erwachsene werden, die zum Einen den adultistisch-ableistischen Blick auf sich internalisiert haben, zum Anderen aber auch eine diffuse Haltung gegenüber der Frage, welches Verhalten wie übergriffig ist und welches Verhalten womit zu legitimieren oder begründen sein könnte.

In der Auseinandersetzung mit Kinderinnens haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Idee vom erwachsenen Menschen eine ist, die einem Kind immer und in jeder Situation überlegen ist. Aufgrund der jeweiligen Fähig- und Fertigkeiten.

Die Schieflage ist uns gefallen, nachdem wir die gleiche Haltung uns gegenüber von Mediziner_innen und anderen Behandler_innen erlebten, die sich uns überlegen fühlten, weil sie diverse Fähig- und Fertigkeiten, als bei uns fehlend oder “krankhaft” eingeordnet hatten.
Nachdem wir in unseren früheren Lebenskontexten festgestellt hatten, dass man uns als weniger wert einordnet, weil wir bestimmte “Leistungen” nicht erbringen konnten.

Diese Parallele mit “Ableismus” beworten zu können, ist etwas, das uns heute sehr stärkt. Denn es gibt uns ein Wort für die Dynamik selbst, ohne näher an die Personen, die so mit uns interagiert haben, herantreten zu müssen.

Mit dem Verständnis des Ableismus haben wir auch ein Werkzeug zur Erkennung von Umfeldern, in denen wir sicher sind, in denen wir wachsen und werden können. In einem Umfeld, in dem wir unsere eigenen Fähig- und Fertigkeiten entwickeln können, ist genauso viel Raum zum Versuchen, wie zum Scheitern.
In Umfeldern, wo unsere Fähig- und Fertigkeiten beobachtet werden, um anhand von Leistungs- und Beurteilungsschemata eingeordnet zu werden, gibt es weder Versuchen noch Scheitern. Dort gibt es eher “Daumen hoch” oder “Daumen runter”, wie damals in Cäsars Arena. Was einer DER Trigger für komplex traumatisierten Menschen ist.

Für einen komplex traumatisierten behinderten /Menschen/ mit Behinderungen ist letzteres Szenario also zwangsläufig wie eine durchgehende Gewalterfahrung(swiederholung).
Denn sowohl die Gegebenheiten, welche die Behinderung letztlich verursacht, als auch die Traumatisierung, die gewisse Anpassungen abverlangt (und ihrerseits zu Gegebenheiten führt, welche Behinderungen (mit)verursachen), erfordern häufig Leistungs- und Beurteilungsschemata, die anders aufgebaut sind, als jene, die an Menschen ohne diese Eigenschaften angelegt werden.

Im Ableismus ist der normale Mensch, dem man mit Respekt und unter Wahrung seiner Würde begegnet, “gesund”, “reif”, “kognitiv umfassend befähigt”, “körperlich voll funktionsfähig”.
Das “gesund”, “reif”, “kognitiv umfassend befähigt” und “körperlich voll funktionsfähig” behinderter Menschen – aber auch von Kindern – ist grundsätzlich ein anderes. Jedoch nicht, weil geforderte Leistungen auf einem anderen Weg erbracht werden – nein. Die Notwendigkeit einen anderen Weg zur Erbringung einer Leistung gehen zu müssen, ist bereits ein Ausschlusskriterium von der Norm.

Mich hat diese Erkenntnis damals schockiert. Nicht zuletzt, weil sie mir damals schon – mit 14/15, als wir zum ersten Mal in einer KJP untergebracht waren – aufzeigte, dass mir die kleine Welt, in der ich lebte, ein Ort ist, der mich wegstößt, isoliert und als noch einmal anders, als ich mich selbst anders erlebte, wegsortiert. Nur, weil meine Art mit dem umzugehen, was mir passiert war, ein anderer Weg war, als der von all den anderen tausenden Menschen, die das Gleiche jeden Tag erlebt haben.

An dieser Stelle ein kurzer Ausschwiff.
Wir haben vor Jahren einmal einen Artikel geschrieben, in dem wir sagten, dass es im “DSM-Rosenblatt” keine Krankheiten gibt, sondern nur Reaktionen.
Heute würden wir sagen, dass wir keine Krankheiten sehen, sondern Reaktionen und spezifisch begründete Wege zum Ziel.
Gesundheit ist ein ableistischer Machtbegriff. Gerade, weil in der Betrachtung dessen, was als “krank” (aber auch “behindert”) gilt, weder die Menschen als grundsätzlich variable Basis, noch ihre Er_Lebenswege als unterschiedlich begehbar anerkannt und angenommen werden.

Hinzu kommt die Problematik, dass kritische Bildung in Psychologie, Psychiatrie und Medizin so leicht zu umgehen ist.
Ans akademische Ziel kommt es sich bequemer, wenn man die eigenen (ableistischen, sexistischen, rassistischen…) Annahmen als gegeben und einzig verifizierbar etabliert.
Das heißt: wenn man sich eine Idee macht und dann nur noch nach Beweisen dafür – und nicht dagegen – sucht.
Kritische Bildung (also eine Idee zu entwickeln und alle Hinweise dafür und/oder dagegen in die Ergebnisse fließen zu lassen) könnte zu Wisssenschaftler-/Behandler_innen führen, die zu arbeitsintensiven Forschungs-/Diagnose- und Behandlungsphasen führen.
Oh Schreck.

Kapitalismus und wirtschaftlich orientierte Räume, wie Krankenhäuser und andere Orte psychiatrisch, psychologischen oder medizinischen (wissenschaftlichen) Wirkens mögen sowas gar nicht.

Aber auch der zwischenmenschliche Wettkampf um Egostreichelei und Reputation spielt eine Rolle.
Turbo-Abi mit 17/18 – im OP-Saal eine Aorta abklemmen mit 25 – tollster Retter aller Zeiten mit 35. Auf dem Klassentreffen mit 40 die Person, die reden kann, wie es vor ein paar Jahrzehnten nur 70 – 80 jährige Rentner_innen konnten. Nach dem Tod eine Institiution für Generationen sein.

Viel ist viel – viel ist aber nicht zwangsläufig “viel Gutes”.
Geschweige denn: “nicht gewaltvoll” im Sinne von “nicht diskriminierend”.
Um viele Patient_innen durchzuschleusen, muss man menschlich wie fachlich bestimmte Aspekte diskriminieren. Das geht nicht anders.
Schwierig ist jedoch, dass es dabei um Menschenleben und Individuen geht. Wenn man daran etwas abschneidet, verstößt man gegen das Prinzip weder Leid noch Schaden an seinen Patient_innen zu machen.
Und sichert sich damit selbst die Arbeit bis zum Ende der Karriere.

“Nachhaltige Gewaltwirtschaft” nennen wir das.

Wer daraus aussteigen will, muss sich selbst zurückstellen. Muss sich auf die Kernelemente des menschlichen Lebens konzentrieren. Muss in der Lage sein, seine Arbeit zu kritisieren, ohne sich selbst dabei gekränkt zu fühlen. Muss sich mit Gewalt und ihren Formen außerhalb von „schlagen, foltern und beschimpfen“ befassen. Muss sich selbst als jemand an.erkennen, di_er Gewalt ausübt, ohne in den reaktiven Täter-Opfer-Dyadismus zu verfallen.
Muss langsam bleiben.

Ausschwiff Ende.

Als mir zum ersten Mal gesagt wurde, ich hätte mich wie ein kleines Kind verhalten, ohne dass ich mich daran erinnern konnte, verfiel ich in den eigenen internalisierten Ableismus: “Ich muss mich mehr zusammenreißen. Besser funktionieren, mich besser kontrollieren, meiner Entwicklung in Richtung “erwachsen sein” stärker nachgehen.”.
Und versagte.

Ich war 16 Jahre alt, in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie und wenn ich eines nicht über mich und mein Leben hatte, dann war es Kontrolle. Und Verstehen. Und Ruhe oder Freiraum mich selbst unter nicht ableistischen Aspekten wahrzunehmen.

Die Diagnose der DIS wurde gestellt, eine Dauermedikation mit Tranquilizern wurde begonnen (diese sollte erst 5 Jahre später enden) und ich (wir) entwickelten alle möglichen Kontrolletti“krankheiten” (eine restriktive Essstörung, neue zwanghafte Anwandlungen, sehr strikte Vermeidungsmoves in der psychotherapeutischen Gesprächstherapie).

Auftauchende Innenkinder waren (sind) für mich der absolute Kontrollverlust. Die Rückmeldung von Außenstehenden darüber, eine nicht nur peinliche, sondern mitunter auch sehr demütigende Situation. Denn wo Außenkinder als nicht kompetent und bestenfalls süß (harmlos) und amüsant gelten, da gelten Kinderinnens wie eine Art Beweis für die “in Wahrheit” bestehende Inkompetenz, Harmlosigkeit und Berechtigung belächelt zu werden, einer gleichzeitig doch erwachsenen Person.

Erst als wir mit einer Therapeutin zusammenarbeiteten, die respektvoll und mit einer grundlegend offenen Haltung – trotz all der ableistischen und anderen Gewaltdynamiken um unsere gemeinsame Arbeit herum! – auf uns alle, die wir Innens in diesem einen Menschen sind, zuging, konnte sich das alles ein bisschen auflösen.
Bei ihr und auch bei der Therapeutin, die heute mit uns arbeitet, hatten wir nie das Gefühl, dass Kinderinnens nichts beitragen können. Oder ein aufreibender Quirk sind, der unnötig Zeit und Raum erfordert. Sie haben uns durch ihren Umgang vorgemacht, welche Sicht wir noch auf sie haben können und wie ein damit kongruenter Umgang aussehen kann.

Das ist so ein Aspekt, den wir oft nicht bewusst bei Behandler_innen (aber auch Verbündeten und sogar selbst Betroffenen) sehen. Es gibt einige, die Liebe und Fürsorge für Kinder(innens) “predigen”, aber Harmlosigkeit und Inkompetenz (die zu leiten/managen/kompensieren ist) dem eigenen Umgang zugrunde legen.
Also adultistische Interaktion vorleben bzw. fordern.

Dazu gehört zum Beispiel die Annahme, dass Kinderinnens nur bestimmte Dinge wollen oder brauchen könnten. Zum Beispiel spielen oder umsorgt werden.
Dazu gehören aber auch Forderungen danach, dass man nur mit erwachsenen Anteilen/Innens zu sprechen verlangt. Oder nur erwachsene Anteile/Innens zu sprechen erlaubt. Oder auf einer Station in einer Klinik verbietet, dass Kinderinnens irgendwo anders als heimlich ausnahmsweise in einzeltherapeutischen Settings sind.

Solche Forderungen sind im Kontext vom Bemühen um den effizienten und reibungslosen Klinikalltagsablauf, unter unmöglichen personellen und anderen strukturellen Gegebenheiten natürlich nachvollziehbar.
Unter dem Aspekt dessen, was Patient_innen mit so schweren Traumafolgestörungen brauchen, um von der Therapie_Zeit zu profitieren, jedoch nicht.

Im Gegenteil offenbaren solche Forderungen ein Verständnis der Dynamiken innerhalb dissoziierter Systeme, das nicht vereinbar ist mit dem, was die Diagnosen letztlich überhaupt erst definiert.
So ist das Verbot irgendwelcher Wechsel bei Menschen, die ihr ganzes Leben mit Wechseln jeder Art gerettet haben und deren Diagnose genau davon gekennzeichnet ist zu wechseln, wie das Verbot zu husten, wenn man Tuberkulose hat: irrational, sinnlos, ableistisch gesagt: strunzendumm.

Und: es reduziert die Personen selbst zur alleinigen Quelle ihrer Probleme und macht die Behandler_innen (und andere umgebende Personen) zu unbeteiligten Dritten und Räume wie Kliniken oder Praxen zu „neutralen“ Orte, die sie niemals sind und niemals werden können!

Doch gerade bei Traumafolgestörungen handelt es sich um Reaktionen auf Umfelder.
Um Anpassungsmechanismen, die nach Umfeldsveränderungen mehr oder weniger plötzlich dysfunktional sind.
In eine Klinik zu gehen bedeutet eine Umfeldveränderung.
In eine Praxis für Psychotherapie zu gehen bedeutet einen Umfeldveränderung.
In eine Selbsthilfegruppe zu gehen bedeutet einen Umfeldveränderung.
Neue Personen bedeuten eine Umfeldveränderung.

Für manche Behandler_in ist die Information, dass auch sie Akteur_innen im Leben(sabschnitt) ihrer Patient_innen sind, mehr oder weniger flash news.
Die sie von sich weisen (müssen).
Weil “professionelle Distanz”.
Statt “Anerkennung zwischenmenschlicher Beziehung in definierten Grenzen”.

Auch an der Stelle taucht manchmal wieder eine adultistisch-ableistische Grundannahme auf: “Jemand di_er als Kind so gelitten hat, dass si_er Kinderinnens entwickelt hat, braucht eine Art der Fürsorge und Nähe, wie sie im Kontext der Behandlung/Pflege unangemessen (“von mir nicht leistbar”) ist.”.

Die bei Außenkindern als notwendig anerkannte bedingungslose Globalfürsorge, wird bei Erwachsenen mit anderen Befähigungen (also Behinderungen oder Krankheiten) zu etwas, das nicht kritisch hinterfragt wird, sondern als mit oder von der Person ausgehende An_Forderung, die angenommen und/oder vorausgesetzt wird.

Das bedeutet für Menschen mit DIS, die (noch) oft zu Kinderinnens wechseln, dass sie nicht als erwachsene (befähigte) Person, die mit kindlicher Strategie auf etwas reagiert, gesehen wird, sondern als Person, die im Kern (auch) noch kindlich ist (oder schlimmer: sein will, weil sie ihr Umfeld kontrollieren oder manipulieren will).

Für uns haben sich Umfelder als hilfreich bewährt, die sich selbst als auch Wechsel/Flashback/Problem auslösende Quelle verstanden haben bzw. verstehen.
Denn ihr Umgang mit diesem Selbstverständnis liefert uns Ideen und Verhaltensblaupausen zum moderaten Umgang bzw. zur alternativen Strategieentwicklung für uns selbst.

Von Menschen, die dysfunktionales Verhalten einzig abstrafen und zu kontrollieren abverlangen, können wir auch nur lernen, unser dysfunktionales Verhalten abzustrafen und zu kontrollieren abzuverlangen.
Von Menschen, die andere Wege (als die eigenen, oder die der Mehrheit der Menschen) zum Ziel für unnormal, krankhaft, falsch, nervig … halten, können wir auch nur das übernehmen.

Von Behandler_innen wird nicht zuletzt deshalb auch ein grundsätzlich wertschätzender, anerkennender, respektvoller Blick bzw. wertschätzende, anerkennende, respektvolle Grundhaltung auf Klient_innen/Patient_innen abverlangt. Da geht es nicht darum einander zu mögen oder gut zu heißen, was die Personen jeweils tun. Da geht es darum, einander nicht zu demütigen oder herabzuwürdigen, weil man ist, wie man ist.

In einem früheren Artikel beschrieben wir Kinderinnens als eine Art innere “apokalyptische Reiter”.
Noch heute betrachten wir sie so.
Wir wissen, dass das Auftauchen eines Kinderinnens bei uns niemals für eine gute innere Gesamtverfassung spricht.
Immer geht es darum, sich (uns) so in Not und Bedrängnis oder innerer Inkongruenz zu erleben, dass ein früherer Zustand eintritt, der nur noch ganz spezifische Strategien zur Aufrechterhaltung des Lebens oder der Kommunikation – und Interaktion möglich macht.
Dieser Zustand ist es den wir mit “Kinderinnen” oder “Innenkind” bezeichnen.

Menschen, die nicht viele sind, können dazu sagen: “Ich fühle mich, als wäre ich wieder ein Kind.” – denn sie erinnern sich daran, wie es war ein Kind zu sein. Sie leben nicht mit einer umfassenden dissoziativen Amnesie für die eigene Biografie und können ihre inneren Zustände weniger fragmentiert erinnern.

Wir jedoch haben vermutlich schon als Kind dissoziiert er_lebt und erinnert. Entsprechend sind solche (erinnerten) Zustände fragmentiert und erlebt.
Durch das Zusammenspiel der fragmentarischen Wahrnehmung und immer wieder nötigen Dissoziation haben sich daraus Ich-Zustände entwickelt. Also etwas, das wir heute als “konsistentes Ich” also “Innens” bezeichnen.

Das bedeutet für uns in der therapeutischen Arbeit, dass wir uns nicht als eine Person, die in manchen Aspekten “unreif/kindlich/weniger befähigt” ist, sehen, sondern als Person, die unterschiedliche Zustände aus Zeiten der relativen Unreife/Kindlichkeit/weniger ausgeprägten Befähigung nicht kongruent und umfassend assoziiert.

Dieser Unterschied ist für uns ein wichtiger Punkt in er Therapiearbeit gewesen.
Denn lange saßen wir einem Missverständnis auf, das uns viele Jahre gekostet hat.
Man sagte uns (teilweise auch einzelnen von uns) immer wieder und wieder, wir müssten die Kinderinnens (aber natürlich auch alle anderen Innens) als Teil von uns akzeptieren und integrieren.
In unserem Verständnis bedeutete dies: Uns damit abfinden, dass wir ein fragmentierter und also immer irgendwie unfähiger, unreifer Mensch sind, der nicht in der Lage ist, jemals irgendwie kontinuierlich befähigt zu sein, wenn wir das nicht endlich mal begreifen.

Nun kann es sein, dass wir aufgrund unseres autistischen Strickmusters einfach sehr anfällig dafür sind, so fatale Missverständnisse über so unkonkrete Sprache zu entwickeln.
Daneben besteht jedoch durchaus auch die Möglichkeit, dass man sich als Behandler_in, gerade bei so diffizilen Diagnosen wie der DIS und DDNOS, die mit ihrem psychoanalytischen Überbau und der ganzen anderen Historie der Deutungshoheiten, sowieso schon immer irgendwie bedeutet, mit einem Bein in der Unglaubwürdigkeit oder dem Skandal zu stehen, lieber einmal mehr zu schwammig/waberig/unkonkret ausdrückt, als zu viel.

Auch hier wieder eine Stelle für flash news: Wo geraten werden muss, da kann falsch geraten werden – und wenn Menschen sich selbst ein Rätsel sind, dann hilft weiteres Rätselraten in 100% der Fälle nicht weiter.

Uns sind Behandler_innen, die das Rückgrat zum Fehler machen haben, in jedem Fall lieber, als “wischiwaschi irgendwie so durchschlängel-Künstler_innen”, denen das eigene Ego und die eigene Reputation am Ende wichtiger ist, als die Ergebnisse der Zusammenarbeit mit ihren Klient_innen.

Heute haben wir Kinderinnens als Marker für unseren allgemeinen Orientierungsstatus und als Informationsträger für bestimmte Strategien in unsere innere Arbeit inkludiert. Das heißt: Wir haben sie nicht als Teil von uns integriert, sondern als Teil dessen, was wir für unser (Über-) Leben zu leisten fähig sind.

Dass wir sie nicht als Teil von uns integriert haben, hat den einfachen Grund, dass wir nachwievor keinen umfassenden Ich bzw. Selbstbegriff haben, der uns alle umfasst, weil neben dem intellektuellen Erfassen von einander, noch kein emotionales/inneres/tieferes Begreifen und “natürliches” (also “unangestrengtes/unbewusstes”) Assoziieren von einander steht.

Wir sind nicht “Eine mit vielen” – wir sind “viele Eine mit vielen”. Ein Selbst haben wir nie entwickelt.
Es hat in unserem Fall also keinen Sinn, Kinderinnens als etwas zu sehen, das sich von einem Kern abgeleitet entwickelt hat und ergo zurück in diesen Kern hineinentwickeln könnte.

Unser Weg ist der, unsere Fähigkeiten jeweils miteinander zu erfassen, zu synchronisieren, miteinander kompatibel zu machen, gut zusammenarbeiten zu lassen und irgendwann vielleicht zu sehen, dass bestimmte Systeme zu einem System verschmelzen. Und dann mit einem anderen. Und dann mit einem nächsten.
Wenn sich daraus dann ein Kern entwickelt – dann können wir über die Anerkennung und Integration von Anteilen in diesen Kern sprechen.
Bis dahin besteht unser Kern aus dem Körper selbst als kleinster gemeinsamer Nenner.

Unsere Art Kinderinnens mit ihren Fähig- und Fertigkeiten in die innere Arbeit und auch Teile des Alltags zu integrieren, sieht wie folgt aus:

– wir analysieren die Situationen, in denen sie aufgetaucht sind, auf mögliche Trigger
– diese Trigger analysieren wir in der Therapie auf Missverständnisse (fehlerhafte Assoziationen traumatischen Materials, die die Ausentwicklung der Zustände zur Folge hatten, die wir heute als Kinderinnens wahrnehmen)

– wir versuchen herauszufinden, wie sie sich verhalten haben, welches Bild sie von sich und der Welt haben
– wir besprechen diese Dinge in der Therapie, um uns ihrer Perspektive anzunähern (um ihre Perspektive auf bestimmte Situationen, allgemein mitbedenken zu können, um Missverständnissen aktiv vorbeugen zu können)

– wir setzen uns mit Ableismus und Adultismus auseinander und arbeiten daran internalisierte Grundannahmen über unsere Fähig- und Fertigkeiten durch konkrete Selbsterfahrung zu revidieren oder zu ergänzen oder zu falsifizieren
– wir folgen Impulsen kindlicher Begeisterung und Neugier bzw. begleiten sie mit der Absicht sie durch unsere erwachsene Außenpräsenz (und damit auch den Rechten und Privilegien, die wir als erwachsene Person haben) zu unterstützen
(Konkreter formuliert: wenn wir merken, dass ein Kinderinnen etwas im Außen spannend findet, dann widmen wir uns dem spannenden Ding gemeinsam und ermöglichen die Auseinandersetzung damit als Person, die das auch darf – nicht weil sie erwachsen ist, sondern, weil man da etwas wahrgenommen hat, das man spannend findet)

– wir schützen unsere Kinderinnens vor adultistischen Übergriffen außenstehender Personen (“Oh wie süß ein Innenkind!”)
– wir schützen unsere Kinderinnens vor der Idee, sie wären “das Kind, dass wir nie sein durften”
– wir bieten unseren Kinderinnens Raum sich auszudrücken (in der Therapie, in der Freizeit, in Bereichen des Alltags, wo wir nur für uns funktionieren und Verantwortung tragen müssen)

– wir öffnen uns für ihre Erfahrungen, als Erfahrungen, die wir gemeinsam gemacht haben, obwohl es sich in den meisten Fällen nicht so anfühlt

Kinderinnens sind kein amüsantes Feature in Menschen, die viele sind.
In vielen Fällen sind autark nach außen agierende Kinderinnens der Grund, weshalb Menschen, die viele sind, überhaupt in psychiatrische Einrichtungen oder Psychotherapie müssen. Daran ist nichts amüsant oder niedlich.

Wir haben ein Kinderinnen, das sich tot stellt, wenn es sich (uns) zu stark von Menschen bedrängt erlebt.
Es gibt ein Kinderinnen, das Dinge erst isst, wenn sie so verfault sind, dass Maden drin rumkriechen.
Wir haben Kinderinnens, die Menschen nur anstarren und darauf warten miss.be.handelt zu werden.

Nichts daran ist süß. Keinem von ihnen hilft es betüddelt  und mit Liebe überschüttet zu werden. Sie brauchen völlig andere Räume und Wege, um sich überhaupt der Idee annähern zu können, dass ihr Er_Leben heute auch ein anderes sein könnte.
Da reicht oft auch nicht unser 10 km Waldwanderweg, auf dem wir uns einander nähern und der Welt bekannt machen.

Bei unseren Kinderinnens geht es um das 24/7 zu haltende Bewusstsein, dass sich (selbst) zu fühlen variabel und innerhalb bestimmter Grenzen von Zeit und Raum passieren kann. Dass Dinge und Erfahrungen einem_einer nicht einfach nur passieren, sondern auch selbst gemacht werden können oder selbst verhindert werden können. Dass es Kontexte gibt, in denen Verantwortung und verschiedene soziale Fertigkeiten eine Rolle spielen.
Adultistischer Ableismus verhindert jedoch genau diese Erfahrungen systematisch.

Deshalb wollen wir nicht, dass irgendjemand unsere Kinderinnens oder das was sie tun, für süß, niedlich oder harmlos hält.
Wir wollen, dass andere Menschen wissen, dass sie befähigt sind.
Dass sie Wege und Ziele kennen.
Dass sie Geschichten und Perspektiven auf den Lauf der Dinge haben.
Genauso wie wir erwachsenen Innens.

Sie haben den gleichen Respekt und den gleichen Anteil der Therapiearbeit verdient, wie wir.

 

* Text als PDF zur freien Weitergabe

Autismus und DIS, Die Helfer_Innen und die Hilfe, DIS?, Innenansichten

innere Bündnisse

Innere Bündnisse sind möglich.

Das ist etwas, das anzunehmen, für möglich zu halten, als umsetzbar zu begreifen für uns sehr schwer war. Und in Bezug auf manche Innens noch immer ist.
Für uns hängt auch hier wieder ein Aspekt der Sprache daran.
Denn eigentlich geht es nicht um Bündnisse, sondern um Assoziation des Eigenen.

Im äußeren Leben mit anderen Menschen, sind Bündnisse von vielen Optionen geprägt.
Wenn ich ein Bündnis zum Erreichen eines Zieles eingehen möchte, dann kann ich mir aus 7 Milliarden Menschen den einen wählen, mit dem ich gerne zusammenarbeiten möchte.
Innere Bündnisse funktionieren nicht so.
Um überhaupt wählen zu können, muss ich lernen was und wozu ich wählen wollen könnte.
Ich muss erkennen, was ist und eine Idee entwickeln, was sein könnte.

Innere Bündnisse sind bei uns immer wieder in Momenten entstanden, in denen es enormen Leidensdruck gab. Meistens, nachdem dissoziative Brüche verschlossen wurden oder das Weiterleben akut in Frage stand. Manchmal haben diese Bündnisse gehalten und günstige Neustrukturierungen des Inneren zur Folge gehabt. Manchmal jedoch gab es neue Strukturen, die selbst einen dissoziativen Bruch an anderer Stelle bedeuteten.

Beispielsweise kam es während unseres äußeren Ausstiegs zur Etablierung der Rosenblätter als Alltagssystem.
Gab es für uns vorher jeweils einzelne lichte Momente in Kliniken, mit Heimerzieher_innen oder (sogenannten) Freund_innen, gab es während des Ausstiegs die gesamte Lebenszeit für uns, durch die innere Zusammenarbeit.
Eine Lebenszeit, in der man “Ausstieg macht” und als gegeben nimmt, dass alle Menschen um eine_n herum, denken, man hätte Gewalt erlebt, ohne sich selbst zu erinnern, geschweige denn für möglich zu halten, dass da irgendwie vielleicht doch was dran sein könnte.

Als System haben wir gut funktioniert.
Wir haben unser Leben gerettet und nachhaltig hilfreich gestaltet.
Wir haben den Schulabschluss gemacht. Haben schwierige Kontakte beendet. Haben uns soweit verselbstständigt, wie wir das konnten und sind ausgestiegen geblieben.
Wir haben nur nicht ganzheitlich gut funktioniert. Für alle von uns. In jedem Aspekt, der für das Leben wichtig ist.

Unser Bündnis hat uns innerhalb unseres Systems gestärkt, doch von den anderen dissoziiert.
Andere Systeme haben wir, wenn überhaupt, als bzw. durch Symptomcluster wahrgenommen. Manche Systeme können wir nachwievor nicht wahrnehmen. Obwohl sie sozusagen auf der gleichen Festplatte laufen wie wir.

Wir haben unser Bündnis damals nicht ganz spontan, aber auch nicht ganz geplant geschlossen.
Mit dem therapeutischen “Sie müssen mit den anderen (Innens) zusammenarbeiten” konnten wir nicht viel anfangen. Denn was genau soll das denn heißen?
Wenn man nicht einmal weiß, was man arbeiten könnte oder können könnte. Oder will. Oder muss. Oder was sich wie auswirkt. Und wie genau das gehen soll “innere Zusammenarbeit”.
Wir hatten zu der Zeit so wenig Gefühl für Zugehörigkeit, Zusammengehörigkeit, Miteinander, emotionale oder geistige Verschmelzung – allein schon im Außen – wie um alles in der Welt sollten wir wissen, was konkret dort von uns nach innen zu übertragen verlangt wurde?

Was wir kannten war Abhängigkeit, ausgeliefert sein, die Hoffnung, dass die Person, die uns sagt, sie würde uns jetzt helfen, uns jetzt auch wirklich hilft. Und wir kannten Zahlungsmodelle. Wenn du X willst, ist Y der Preis dafür. Eine Sicht, die man als Gegenstand von Betreuung und Behandlung genauso schnell internalisiert, wie als Ausbeutungsobjekt.

Heute verstehen wir, warum wir nicht zu der Art euphorischer Opfer-Befreiungskampf-Pose, wie wir sie bei anderen Aussteiger_innen beobachten konnten, fähig waren. Warum wir außer Variationen von Scheiße und Not eigentlich nichts gefühlt haben.
Was wir damals als den Preis der Freiheit eingeordnet haben, würden wir heute Dissoziation nennen. Ohne abzuerkennen, dass diese in gewisser Form der Preis dessen war, wozu wir uns entschieden hatten.

Wieder kann ich nur unterstreichen, wie wichtig konkretes Handeln und Beworten für uns war und ist.
Heute kann ich mich nicht mehr gut daran erinnern, ob und wenn ja wie oft uns reflektiert bzw. gesagt wurde, ob das, was wir mitunter taten, bereits die “innere Zusammenarbeit” war, die uns angeraten wurde.
Wir hatten nicht nur unfähige oder inkompetente Therapeut_innen.
Wir hatten aber oft Therapeut_innen, die uns nicht als so un_befähigt erkannt haben, wie wir waren und auch heute noch sind. Sprech- und Kommunikationsprobleme hatten wir damals wie heute. Und die Momente der kognitiven Dissonanz, die sich bei allen vielen Menschen, die mit uns zu tun hatten (haben), ergeben, gab es auch damals schon.
Nur, dass wir damals noch dachten, alle Therapeut_innen würden sich immer und ausnahmslos reflektieren und kritisch prüfen.

Was ich erinnern kann ist, dass uns erst jetzt in der therapeutischen Arbeit wirklich klar geworden ist, wie genau wir innere Zusammenarbeit machen. Und nach welchem Gefühl wir suchen müssen. Welche Balancen wir suchen und halten müssen. Was genau eigentlich “innere Arbeit” ist.

Für die Definition (Festlegung) dieser Dinge hatten wir früher entweder nie genug Zeit oder nicht genug Kraft.
Oder wir haben es nicht verstanden, weil  man uns waberige, sehr abstrakte Begriffe hingeworfen hat und davon ausging, wir würden damit schon etwas anfangen können, weil wir ja “in Wahrheit schon ziemlich schlau sind”.

Konkret bedeutet “innere (Zusammen)Arbeit” für uns:
– “sich selbst”/ an ein Innen gerichtet (nach)fragen,
– aufmerksam wahrnehmen, welche Resonanzen man in sich bemerkt (Gedanken, Impulse, unwillkürliche Körperbewegungen…)
– sich auf Gefühle und Gedanken einlassen, die sich fremd, aber irgendwie auch nah anfühlen
– eigene Gefühle und Gedanken in Kontexte rechnen, derer man sich nur hypothetisch sicher ist (sein kann, aufgrund von dissoziativer Amnesie)

Ein Beispiel dafür ist unser Wochenplan.
Der Wochenplan funktioniert als unser kleinster gemeinsamer Nenner.
Er bestätigt uns im Lauf der Dinge, der in Wochen, Tage, Stunden und Minuten eingeteilt ist, die sowohl nach außen als auch nach innen zu gestalten sind. Der Plan beinhaltet ausschließlich Aktivitäten zur äußeren Gestaltung, die den Raum für Aktivitäten zur inneren Gestaltung erschaffen bzw. ermöglichen soll.

Zu Beginn habe ich mich gefragt, was ich brauche, um mich zu versichern und zu orientieren.
Meine Antwort war “Sicherheit um Zeit und Raum” und fühlte sich ganz und gar mir zugehörig. Ich bewegte diese Antwort in mir herum und dachte darüber nach, was genau das konkret bedeutet. Denn das sind ja nur drei Wörter. Die kann ich mir in einer unsicheren Situation sagen, aber sie machen mich nicht sicher in Zeit und Raum, nur weil ich sie höre.

In diesem Nachdenken hatte ich weitere Gedanken und Impulse, die sich klar nicht nach mir oder nicht mir zugehörig anfühlten.
Ein Gedanke war, wie gut es wäre, wenn man wüsste was genau man wann wie und wofür machen soll. Ein Impuls war ein Schwanken zwischen aufschreiben wollen und unsicher darüber sein, ob es Bestand haben würde. Ein anderer Gedanke war ein sehr langer Faden aus Hypothesen und strukturierten Beobachtungen darum, wie einerseits flüchtig und unfassbar, doch gleichzeitig sehr kontinuierlich und genormt Zeit (der Lauf der Dinge als Entwicklung, die ist und doch nie (gleich) bleibt) ist.
Einer, der mir sehr nah war, aber doch nicht von mir kam, war eine Art Gedankenspiel darum, was wäre, wenn ich mich sicherer fühlen würde. Da ging es dann plötzlich um Dinge wie basteln, schreiben, malen, spazieren gehen, fotografieren … Freizeitgestaltung (innere Gestaltung).

Da gab mir eine Idee davon, wofür es – abgesehen von meiner seelischen Entlastung – noch gut wäre, insgesamt weniger belastet zu sein und mich schneller sicher zu fühlen: Es könnte noch etwas neben den Dingen, die wichtig sind um nicht zu sterben, geben.
Vielleicht wirkt das schräg. Aber genau das ist Dissoziation.
Ein so eingeschränkter Fokus, ein so kleines Stück Bewusstsein um sich selbst und das eigene Wirken, dass so ganz grundlegende Dinge nicht bewusst sind.

Ich hatte damals kein Gefühl für Zeit als etwas, das passiert.
Zeit und Geschehnisse sind mir passiert.
Das Konzept von Wochen- und Stundenplänen war mir bekannt – aber bewusst er_leben konnte ich sie nie.
Ich begann meine Tage und verlor sie immer wieder. Ständig rollte von irgendwo irgendein Geschehen auf mich zu und forderte mir irgendeine spontane Reaktion ab, die ich nicht vorbereiten oder planen konnte. Immer wieder sah ich mich Menschen gegenüber, die Worte von mir wollten, sich aber nicht darum scherten, ob diese sagen konnten, was ich wollte.
Für mich war es Glückssache, mich und meine eigene Gegenwart als etwas zu erleben, das einen Anfang, eine Richtung und ein Ziel hat.

Ich hatte den Wunsch nach Pausen. Nach Besinnung. Nach “nicht in einem Schlachtfeld sitzen”. Meine Umsetzungsideen dessen waren wiederholte Suizidversuche oder schwere Selbstverletzungen. Mir erschien der Tod wie eine Nacht ausschlafen, ohne Angst vor einem nächsten Aufwachen haben zu müssen.
Was mir damals fehlte war die Assoziation (das “selbst erleben”/ Bewusstsein/ Erinnern können) dessen, was mein Wirken im Alltag immer wieder zur Folge hatte. Nämlich den Freiraum für andere Innens Dinge zu tun, die ihnen wichtig waren.

Als wir dann den Wochenplan etablierten, kam es nicht zu spontanem Miterleben. Natürlich nicht, denn erst einmal hatten wir ja nur aufgeschrieben, was wir wann zu tun hatten. Aber es kam zu einer deutlichen Abnahme des Gefühls dem Lauf der Dinge mehr oder weniger hilflos ausgeliefert zu sein.
Auch wenn es sich für mich in meinem Zeitempfinden so anfühlte, als würde ich permanent von Menschen bedrängt, konnte ich sehen: Das ist nur ein bis zwei Mal die Woche überhaupt möglich (weil wir damals nur ein bis zwei Mal die Woche überhaupt mit Menschen direkt in Kontakt waren).

Das innere Bündnis begann also mit dem Wochenplan als allgemeine Größe – mit der objektiven Sicht auf eine Woche, die wir alle irgendwie jede_r für sich füllen und verplanen.
Für uns eignen sich äußere Dinge wie der Wochenplan gut, um uns und unsere Er_Leben in Verhältnissen wahrzunehmen.

Im Innen ist vieles mehr oder weniger gleich laut, schrill, nötig, wichtig, dringend, jetztgleichsofortig – wir haben nachwievor massive Schwierigkeiten herauszufinden, was wann wie in welcher Abfolge abgearbeitet/angehört/berücksichtigt werden muss. Gerade dann, wenn sich noch unverarbeitete (traumaassoziierte) Dringlich- und Nötigkeiten dazumischen, wird es schwierig.
Zusammen mit dem kompetenten Eindruck und der positiven Diskriminierung als “intelligent”, die immer wieder auf uns liegt, passiert es uns sehr oft, nicht in dieser unserer Desorientierung gesehen und anerkannt zu werden. Gerade dann nicht, wenn es um den ganz unspektakulären Alltag geht, der uns trotz seiner wenig besonderen Beschaffenheit chronisch überfordert und überreizt.

Unser Bündnis zum Wochenplan hatte nicht zum Ziel irgendeine konkret wahrgenommene Not zu beenden. Viel mehr ging es darum, uns insgesamt in ein mittleres Erregungslevel zu bringen, um den Alltag auch wirklich als “alle Tage geschehend” und also “üblich” wahrzunehmen. Und darauf aufbauend zu schauen, welche Aspekte wir selbst wirklich in ihrer Wirkung auf uns beeinflussen können und welche nicht.

Nach einer Weile des kontinuierlichen Aufschreibens und Mitbedenken des Wochenplans, entwickelte sich eine gewisse Sicherheit für das, was um mich herum geschehen ist.
Selbst wenn mir Montag und Dienstag fehlten, so konnte ich am Mittwoch sehen, dass sie passiert waren und was wir als Einsmensch aller Wahrscheinlichkeit nach getan hatten und womit in der Folge an eben jenem Mittwoch zu rechnen sei.

Die Entdeckung des “Nichts zu tun” und der “Nichtnotwendigkeit etwas zu tun” wurde so für uns überhaupt erst möglich.
Denn irgendwann war er da. Der Moment, in dem ich vor dem Plan stand und ganz automatisch (ohne mir das vorzunehmen) nach innen fragte, ob jemand an einer Stelle vergessen hatte irgendwas aufzuschreiben.
Da war aber nichts.
Kein Alarm, keine Not, kein aufgeschobenes MüsstenwirnochmachensonstgibtsÄrger.
Da war nur: Nichts zu tun
und also zum ersten Mal die wahrhaftig ruhige, sichere Situation, in der wir uns als Alltagsteam nach innen richten konnten, um zu fragen, ob wir mal etwas tun wollen, um etwas zu tun, weil es gerade möglich ist.

Wir begannen zu malen, zu schreiben, zu puzzeln. Hörbücher anzuhören. Spazieren zu gehen. Zu spielen.

Daraufhin wurde das nächste innere Bündnis wichtig.
Denn spielen/kreativ sein/ “Muße haben” was (ist) etwas, das wir lernen mussten (und manche von uns nachwievor müssen).
Und zwar durch Wiederholung im sicheren Rahmen und mit genug Zeit, die Erfahrung gut zu verarbeiten, um sie später auch als “selbst gemacht” zu erinnern.

Wir sind durch Jahre gegangen, in denen wir wussten, dass wir die ruhigen Phasen haben und manche Innens sich darüber gut in Zeit und Raum orientieren konnten und wir deshalb immer weniger in StressAlarmallesbrennt-Situationen kamen.
Aber für uns gab es dieses “Extra” auf “Nichts existenziell lebensnotwendiges zu tun” nicht. Unser Bündnis hatte nur für andere Innens greifbare, im Sinne von “selbst gestaltbare”, Erfahrungsräume zur Folge.

Wir schlossen daraufhin Erfahrungsmitteilungsbündnisse und brachten uns damit in Neugier und Interesse für die Erfahrungsqualitäten der anderen Innens bzw. anderer innerer Systeme.
Und folglich auch in die Situation zu spüren: Sie sind da, sie haben Gedanken, Gefühle, Er_Leben und Geschichten.
Entsprechend mussten wir erst einmal ein paar Jahre vermeidungstanzen bis wir an dem Punkt waren, an dem wir uns noch ein bisschen mehr dafür öffnen konnten, damit zu leben und umzugehen, dass es ist wie es ist.

Auch das erscheint von außen vielleicht bizarr und nicht kongruent. Wussten wir doch schon vorher, dass da andere Innens sind.
Dieses Wissen ist aber ähnlich wie das Wissen darum, dass Hochhäuser hoch sind. Wie hoch sie wirklich sind, weiß man erst wenn man auf dem Dach von einem steht.

Heute arbeiten wir in verschiedenen Bündnissen, die auch für uns Rosenblätter etwas ermöglichen.
Für uns ist das Verstehen und Begreifen dessen, was mit und um uns herum passiert sehr wichtig. Bündnisse mit beobachtenden Innens helfen uns, mehr Informationen über Sachverhalte und auch frühere Geschehnisse zu erhalten. Austausche mit Innens anderer Funktionsbereiche (derzeit zum Beispiel der Schule) ermöglichen uns Überblick über unsere Fähig- und Fertigkeiten insgesamt.
Bündnisse mit Innens, die vor uns waren, helfen uns leichter durch schwierige Phasen zu gehen. Denn sie haben diese Phasen oft schon einmal erlebt und wissen mehr darüber, was gut funktioniert und was eher nicht.

Unsere Schwierigkeiten der Bündnisbildung waren (und sind heute noch) die Unkenntnis der anderen Innens bzw. der Systeme “auf denen sie laufen”.
Wie bereits niedergeschrieben, betrachten wir unser Gehirn als Biorechner.
Wir funktionieren so, dass es für verschiedene (frühere) äußere Kontexte, jeweils ein inneres System gibt, das einen immer gleichen inneren Aufbau hat.
E. Nijenhuis beschreibt das in seinen Schriften ziemlich genau (bewortet es allerdings anders).

Es gibt Innens die funktional aber wenig emotional re_agieren. Es gibt Innens, die sozial funktionieren. Es gibt Innens, bei denen traumareaktives Re_agieren zu beobachten ist. Es gibt Innens, die beobachtend teilhaben. Es gibt Innens, die bestimmte Identifikationen vorgenommen haben. Das ist ein Schema und Schemata können nie die 100% eines Individuums abbilden. Und doch können wir an uns sehen, dass es diese von Nijenhuis beschriebenen Sollbruchstellen des Ich/der Persönlichkeit bei uns auf jeden Fall gibt.

An ihnen entlang können wir eine Idee haben, mit was für einem Innen wir es zu tun haben, wenn wir zum Beispiel in einer sozialen Situation bemerken, dass es immer wieder zu Wechseln dahin kommt. Von den wahrgenommenen Eigenschaften eines Innens können wir dann in etwa ableiten, welche Art Zusammenarbeit vielleicht hilfreich oder allgemein überhaupt in Ordnung sein könnte.

Für uns ist es nicht schlimm, einander durch so eine schematische Perspektive zu betrachten. Uns entsteht dadurch kein Abstand zu dem was oder wer wir sind. Andere Menschen erleben das anders und entsprechend ist ihre Herangehensweise zur Bündnisbildung anders.

Insgesamt geht es bei der Bündnisbildung für uns oft um Gewohnheit.
Es ist schwierig für uns, wenn Bündnisse zu nutzen von außen eingefordert wird, wenn diese Gewohnheit noch nicht da ist. Etwa um die Orientierung eines Innen in Zeit und Raum aus eigener Kraft vorzunehmen oder ein Problem zu lösen.

Wenn wir schon länger in Kontakt miteinander sind, dann gibt es bestimmte Probleme nicht mehr – wenn ein Innen in regelmäßigem Kontakt mit unserem Alltag oder den alltagsfunktionaleren Innens ist, dann kommt es eher nicht mehr zu einer Konfusion um Raum und Zeit.
Es kann also für unser Außen ein Marker für bestehende dissoziative Barrieren sein, wenn ein desorientiertes Innen da ist oder überhaupt über ein zu lösendes Problem gesprochen wird. Also für einen Zeitpunkt, in dem orientierende Unterstützung bzw. Auseinandersetzung mit einem Problem gebraucht wird. Vom Außen.

Je üblicher der Kontakt unter uns ist, desto weniger brauchen wir die Brücke über außenstehende Personen oder auch Gegenstände.
Ist der Kontakt noch nicht da, brauchen wir von außen Unterstützung.
Und zwar nicht nur zur Bildung eines Bündnisses, sondern zu vorderst, um eine Idee davon zu bekommen, um was für ein Innen es sich handelt und wie ein hilfreicher Umgang (z. B. mit Desorientierung) aussehen könnte.

Die Helfer_Innen und die Hilfe, DIS?

Sprechverbote und “täterloyale” Innens

Eine weitere Frage war, wie mit “täterloyalen” Anteilen/Innens umzugehen sei. Und was man tun solle, wenn sie zu sprechen verbieten.

Auch hier würde ich damit anfangen den Begriff “täterloyal” genauer anzusehen. Und zu fragen, wer diesem Innen/Anteil dieses Wort zugeteilt hat. Und warum. Denn es deutet ja auf zweierlei hin:
1. “nicht in Raum und Zeit orientiert” (siehe: “Wann ist jemand als Täter_in zu bezeichnen und wann vielleicht besser nicht”)
und 2. “nicht opfer- oder zeugenloyal” (also spezifisch (wert)gebunden)

Wir sehen es oft, dass Innens, die sich einer Psychotherapie kritisch gegenüberstellen oder überhaupt auch nur irgendwas, was ein anderer Teil des Systems zu akzeptieren und integrieren versucht, ablehnen, sofort als “täterloyal” oder (eigentlich fast noch schlimmer) “noch im Trauma” verortet werden.
Das ist ein gewaltvolles Vorgehen und sollte nicht passieren.
Weder von Außen, noch von Innen.

Innens/Anteile sind Selbst- und/oder Seinszustände einer Person.
Ich stelle hier nicht zur Diskussion inwiefern man hier von “es sind Menschen” oder “es sind Persönlichkeiten” sprechen könnte, sollte oder müsste.
Was man erforscht hat und immer wieder sieht ist, dass Menschen mit komplexen dissoziativen Traumafolgestörungen diese Zustände als “sehr anders” und manchmal auch als so sehr anders, dass man denkt/glaubt/überzeugt ist/denken könne, es wäre “jemand anders”, erleben und beschreiben.
Und, dass Außenstehende diese Veränderungen ebenfalls beobachten/wahrnehmen können. Und zwar immer wieder.

In unseren Texten über und aus uns selbst, beschreiben wir unsere Sicht auf uns selbst und stehen dabei auch nur für uns und unser Er_Leben.
In diesem Text nehme ich zeitweise die Perspektive einer außenstehenden Person ein, die sowohl “Viele” sieht, als auch “Eine_n mit verschiedenen Anteilen”.
Im Folgenden verwende ich “Innens” synonym für “Anteile”.

Innens mit Adjektiven zu belegen kann verlockend sein. Gerade wenn es um ein System mit vielen Innens geht, erscheinen definierende Begriffe hilfreich, um einen Überblick zu behalten. Doch was ist das für ein Vorgehen? Es ist sortierend und ordnend. Es ist ein- bis maximal zweidimensional.
Innens jedoch sind Zustände. Mehrdimensional erlebte Zustände, wie das Sein im Leben selbst.

Mit einem Begriff wie “täterloyal” legt man etwas fest. Loyalität ist jedoch keine unveränderliche/unbewegliche/starre Eigenschaft. Loyalität ist das Ergebnis einer Bindung an Werte und/oder Personen oder auch Institutionen. Es ist eine Art Erfahrungsergebnis.
Das bedeutet, dass so etwas wie Loyalität nur durch die Dimension der Zeit, der Bewegung… in einer Richtung und der Ausdehnung (Entwicklung) möglich ist.
Entsprechend: 4 Dimensionen, die nicht dann aufhören zu wirken, wenn ein System in Therapie geht oder für einen Ausstieg/Kontaktabbruch entscheidet.

Persönlich bemühen wir uns darum einander zu beschreiben, wenn wir mitteilen wollen, wer oder was wir sind bzw. als wen oder was wir uns selbst sehen und/oder wahrnehmen. Das kann sprachlich anstrengend und frustrierend sein, hat sich jedoch als weit weniger verstümmelnd und auf lange Sicht die Innenarbeit erleichternd herausgestellt.

So beschreiben wir Innens in etwa so:
– Heidi
– erlebt sich
– als X Jahre alt
– ordnet sich Geschlecht * zu
– findet A, B, C wichtig
– macht D, E, F,
– will G, H, I,
– hat Absprache J, K, L, zugestimmt
– lehnt Absprache M, N, O ab
– schlägt Absprache P vor
(- hat Geschichte XY)

Durch dieses Muster können wir einander besser in unseren Gemeinsamkeiten und Unterschieden erkennen.
Wir können sehen, dass wir manchmal die gleichen Ziele haben, obwohl wir einander als fremd und autark erleben und unterschiedliche Motivationen haben, diese Ziele zu erreichen. Vor allem aber können wir uns über die Grenzen eines Gut-Böse-Dyadismus hinweg bewegen.
Trotz unterschiedlicher Wertbindungen und Ansichten können wir zusammenarbeiten und so Raum für einander eröffnen.
Manchmal auch Räume, in denen wir uns die wahren Loyalitäten (im Sinne von Wert_Bindungen) von Innens näher ansehen können.

Wir haben festgestellt, dass wir keine wirklich “täterloyalen” Innens unter uns haben. Sehr wohl aber abhängige, absolut gehorsame, unterworfene Innens, die keinen Widerstand gegenüber Gewalt ausübenden Personen und ihren Forderungen aufbringen oder aufgebracht haben und damit okay sind.
Manchmal, weil sie dissoziiert sind von der Not, die mit der Unterwerfung einher ging und manchmal, weil sie die Not für wichtig/notwendig halten.

Der Begriff “Loyalität” beschreibt eine freiwillig eingenommene Haltung gegenüber Werten und damit einhergehend auch Menschen oder Institutionen, die diese Werte vertreten.
Nun ist zu fragen, wie viel Freiwilligkeit möglich ist, wenn Menschen in Situationen sind, in denen die (auch nur vorgetäuschte oder affektiv reaktiv vorgenommene) Werteübernahme belohnt wird. Zum Beispiel damit nicht zu sterben, nicht verletzt zu werden, nicht (mehr) gequält zu werden. Oder damit Anerkennung von einer sozialen Gruppe zu erfahren und eine bessere Lebensqualität genießen zu dürfen.

Ich halte es für wichtig bei der Kontaktaufnahme mit Innens, die sich an Werte gebunden fühlen, die von Menschen vertreten wurden/werden, die zu Täter_innen wurden, nicht “das Opfer im täterloyalen Innen” zu suchen. Auch dieses Vorgehen kann sich wieder nur im Täter-Opfer-Dyadismus bewegen und damit verstümmelnd wirken.

Der Weg zu einer Kontaktaufnahme und einem Austausch kann schwierig sein.
Früher konnten wir uns überhaupt nur schwer vorstellen, welche Möglichkeiten wir, außer den Gesprächen mit der Therapeutin und unseren eigenen Tagebuchaufzeichnungen, noch haben könnten, um einander zu begegnen und kennenzulernen.
Inzwischen hat sich die aufrichtige Auseinandersetzung mit “unseren Themen” als übliche Alltags- und Freiheitspraxis bewährt.

Wann immer wir Dinge tun, ob das nun Projekte sind oder alltägliche Notwendigkeiten, tun wir das mit aktivem Bewusstsein darum, aus welchen Gründen und für welche (höheren) Ziele wir sie tun. Daraus entsteht immer wieder ein innerer Austausch darüber, in welcher Zeit, in welchem Raum, aufgrund welcher Privilegien oder Limits, welchen Vorwissens und aus welchen Überzeugungen heraus, wir tun, was wir tun (weil wir es heute tun können).
So entsteht eine gewisse Verankerung in der Gegenwart bei gleichzeitig hoher Transparenz der Werte und Motivationen, die wir in dem Moment vertreten.

So entsteht aber auch Arbeit. Arbeit an Angst, an Irritation, an Desorientierung und auch neuen gemeinsamen Zielen aufgrund geteilter Werte.
Es vergeht kein Tag mehr, an dem wir uns nicht damit auseinandersetzen, was manche Innens als verboten, als falsch, als schlimm oder gefährlich erleben bzw. einordnen. Und sei es nur, dass es darum geht, ob wir eines der fünf Grundbedürfnisse dieses Körpers erfüllen dürfen/können/sollten/möchten – oder nicht.

Das ist etwas, das wir lange nicht so durchgehend gemacht haben.
Oft, weil die Kraft gefehlt hat oder der Mut. Manchmal, weil es Ängste gab, die durch nichts und von niemandem gelöst wurden. Lange auch, weil die Vermeidung nicht aufgegeben werden konnte. Und häufig auch, weil der Alltag insgesamt so überfordernd war, dass die etablierten Mechanismen der Dissoziation das Alltagsbewusstsein erneut stark fragmentierten.

Über diese Auseinandersetzung kommen wir nicht mehr umhin eine gewisse Konsequenz in unserem Handeln und Re_Agieren zu entwickeln.
Eine, die nach Außen manchmal als “kompliziert” oder “anstrengend” wahrgenommen wird und uns in soziale Situationen bringt, die von Isolation geprägt ist. Letztlich jedoch konnten wir in den letzten Jahren auch die Erfahrung machen, dass soziale Isolation oder anders ausgedrückt “Dinge anders als andere zu machen” bei aller Not daran, erheblich leichter zu er_tragen ist, wenn es im Innen eine große Kongruenz um die Richtigkeit/Okayheit dessen gibt.

In einem Fall, in dem eine Kongruenz nicht hergestellt werden kann – zum Beispiel wenn Innens eine Therapie ablehnen oder Sprechverbote durchsetzen wollen – entsteht ein Konflikt, den man sich näher ansehen muss.
Es hilft nicht, wenn man Systeme zum “Sprechen trotz Verbot” ermutigt, weil man den hier vertretenen Wert nicht hinterfragt.

Innens, die Werte und Wollen von Menschen (weiter) vertreten, die ihnen (oder dem Körper) Gewalt angetan haben, tun das immer aus Gründen. Und die meisten dieser Gründe haben etwas mit Wert- und sozialen Bindungen zu tun.

Gerade bei Sprechverboten haben wir uns angewöhnt zu fragen, worüber genau wir nicht sprechen sollen.
Einfach schon um klar zu machen, dass es viele Dinge gibt, die man im Laufe eines Tages aussprechen könnte. Man könnte über das Wetter sprechen, aber auch über Dinge, die man früher einmal erlebt hat.
Manchmal bewegt sich schon durch das Aufzeigen der vielen möglichen Optionen, die heute in diesem Leben in relativer Freiheit existieren, etwas bei den Innens. Manchmal ist das nur Irritation. Zum Beispiel wenn sie sich selbst noch in einer Situation verorten, die von Zwang und Gefahr geprägt ist.
Manchmal ist das aber auch Neugier auf Worte. Gerade dann, wenn ein Innen nicht mehr Worte kennt, als jene die es früher gehört hat oder die vom ihm zu sagen verlangt wurden.

Durch unsere Frage danach, was genau wir nicht aussprechen sollen, gehen wir in Kontakt mit diesen Innens. Das ist etwas, dass sie oft nicht kennen.
Innens, die immer wieder durch Appelle, Verbote, Drohungen, Mahnungen, “Slogans”, Ein-Satz-Konstruktionen allgemein auffallen, kennen den Dialog häufig nicht. Sie sind (nicht immer!) das Ergebnis von Situationen, in denen keine Resonanz, kein Mit- oder Nachdenken über die eventuell vorliegenden Gefühle und Absichten der anderen Person, möglich oder erlaubt war.

Sie haben oft etabliert “wie es läuft” – nämlich eingleisig. Eine Person sagt was, die andere Person folgt ihr. Egal, worum es geht, egal, wie die Lage konkret ist, egal, wie das eigene Befinden oder die eigenen Fähigkeiten sind. Antworten, eigene Gedanken, eigene Gefühle, eigene Werte waren oft irrelevant. Und also oft nicht einmal selbst bewusst gemacht oder erforscht – geschweige denn Neugier darauf entwickelt/erlaubt.

Hier kommt der Aspekt der Mehrdimensionalität von Innens allgemein wieder ins Spiel.
Selbst wenn sie ein- oder zwei dimensional erscheinen, so sind sie es doch häufig nicht. (Ausgenommen hier  evtl. States und andere dissoziative Fragmente des Ich oder Selbst) Ihnen nur entsprechend ihrer Erscheinung zu begegnen, bringt sie um die Chance sich gänzlich zu erfassen oder eine Idee von einer Gänze zu entwickeln. Und also auch sich selbst als entwicklungsfähig zu erleben.

Kontaktaufnahmen und Einladungen zum Dialog sind jedoch nicht alles.
Man kann sich das in der Wirkung vielleicht gut übertragen auf die eigenen Reaktionen auf Werbeprospekte und Emails mit Einladungstexten: nicht alles möchte man beantworten, manches erscheint krude und potenziell betrügerisch und manchmal hat man schlicht keine Nerven für irgendetwas mehr, als das eigene. Ähnlich kann es Innens gehen, denen zwar viel daran gelegen ist sich und den eigenen Vorstellungen Raum zu verschaffen, jedoch nicht gelernt haben, dass es Antworten, (Wider-) Worte oder Rückfragen geben kann. Miteinander.

Miteinander kann man auch über konkretere Wege als Worte herstellen.
Bei uns funktioniert konkretes Handeln/Machen am besten. Dinge, die einer gewissen Planung bedürfen, eine Finanzierung für Materialien und auch bestimmte Fähig- und Fertigkeiten erfordern, binden relativ viel von unserer insgesamt zur Verfügung stehenden Aufmerksamkeit und Energie.

Zu Beginn war davon nicht viel da. Wir hatten (und haben heute noch manchmal) nur sehr kurze Konzentrationsspannen und eine geringe Frustrationstoleranz. Doch die Wiederholung hat sich gut ausgewirkt.

Standen wir früher sehr lange im Laden für Bastelbedarf und trafen dann Entscheidungen, die wir bereuten, weil sie sich zu Hause als nicht passend herausstellten, tauschen wir uns heute zu Hause schon aus, wissen auf wessen Meldungen wir warten müssen, wissen, wer uns daran erinnern muss, dass wir etwas tun (wollen), das wir besser nicht tun sollten… Wir wissen, was uns erwartet, wenn wir nicht auf alle diejenigen warten, die irgendwie – und sei es nörgelnd, schimpfend, drohend am Rand stehend – mitbekommen haben, dass wir überhaupt etwas tun wollen.

Und wir wissen, wann es nur im Chaos enden kann Dinge zu tun. Vor allem Dinge, die Menschen, die uns früher verletzt und ausgebeutet haben, nicht gut heißen würden oder könnten. Allein schon, weil wir bestimmt haben, sie zu tun.
Darum hilft es uns insgesamt ein bisschen mehr, als nur tiefenpsychologische oder psychoanalytische Literatur zur eigenen Diagnose bzw. Traumafolgen insgesamt zu lesen.

Mit einem Verstehen der inneren Vorgänge kann man sich sicher fühlen und glauben, dass das alles irgendwie schon klappt, wenn man solche Innens einfach nur gekonnt überzeugt oder sie sehen/spüren/mit_erleben lässt, wie frei man heute ist und wie überholt und evtl. unnötig ihre Wortbeiträge sind.
Mit dem Verständnis der körperlichen Reiz-Reaktionsmöglichkeiten aufgrund der geleisteten Anpassung an toxischen Stress jedoch gibt es einen weiteren Weg zum Begreifen der Perspektive und eigenen tatsächlich vorhandenen Handlungsoptionen.

Zum Beispiel haben wir verstanden, dass uns unser Alltag an vielen Stellen überreizt und überfordert. Heute erheblich weniger als früher und doch genug, um zu sehen, dass die Bereitschaft unseres Körpers in einen traumaassoziierten Zustand zu fallen (also in eine der drei Richtungen von Flucht, Kampf oder Starre) nachwievor besteht. Und wir also schauen müssen, dass wir, so oft es geht, aktiv das mittlere Erregungslevel zu erreichen bzw. zu halten versuchen.
Dieses fühlt sich für uns wie folgt an:

– wir können gut zwischen Vordergrund und Hintergrund trennen
– wir sind motorisch sicher
– wir können Kontexte erkennen

– wir können kreativ sein
– wir können planvoll handeln
– wir können uns mit mittlerer Anstrengung verbal mitteilen (und erleben die Sprache mit dem was wir sagen wollen kongruent)

– wir können uns Texten widmen, die sowohl Worte als auch Zahlen beinhalten
– wir können Sachverhalte herleiten und verstehen (lernen)
– wir haben weniger Probleme uns auszurechnen, wie es anderen Menschen geht

Im Hyperarousel (Übererregung) tendieren wir zu Wechseln (was in der Stress-Trias vielleicht bedeutet “Fähig zu Kampf oder Flucht trotz Starre”).
Darüber verliere ich schnell mein Alltagsbewusstsein. Erlebe mich und meine Umwelt eher fragmentarisch, wenn überhaupt.
Wir haben insgesamt die Tendenz sehr schnell sehr viel körperliche Energie aufzubauen und dann doch an geistige Beschäftigung oder Navigation zu verlieren. So hat sich in der Vergangenheit oftmals eine schwierige Mischung aus massiver Erschöpfung und körperlicher Übererregung entwickelt. (Was als Trigger für Innens aus früheren Gewaltsituationen wirkt und Wiederholungen des Erlebten durch die eigene Hand zur Folge haben kann)

Im Hypoarousel (Untererregung) tendieren wir ebenfalls zu Wechseln, verbleiben dort jedoch meistens in einer Art stumpf stillen Starre.
Es gibt nichts, was die Aufmerksamkeit zieht, es gibt kein konsistentes Ich, kein Wir.
Ohne äußere Unterstützung dauert so ein Zustand eine ganze Weile. Währenddessen tun wir aber auch nichts.

Für uns ist es hilfreich um diese drei Level zu wissen. Zu wissen, wann wir sie erreicht haben. Zu wissen, dass sie im Rahmen unserer neuro-biologischen Reaktions.Möglichkeiten liegen.
Auflösend und entwicklungsfördernd haben sich jedoch die Schritte erwiesen, die uns unsere Beeinflussungsmöglichkeiten dieser Zustände zu begreifen und erleben möglich gemacht haben. Gerade in der Auseinandersetzung mit Innens, die schwierige Forderungen an uns stellten/stellen.

Uns stresst es sehr, wenn die Therapeutin will, dass wir mit ihnen Kontakt gehen. Gerade, wenn es Angst vor diesen Innens gibt. Gerade, wenn es um Innens geht, die nicht nur im Innen wirken, sondern auch nach außen aktiv sind.
Das sind die klassischen drei Engel für Traumascheiße: Überforderung, Stressschleifen aus Selbstverletzung, Selbsthass, Desorientierung um eigene Freiheiten und das Gefühl der Alternativlosigkeit/Ohnmacht/Hilflosigkeit

Es ist für uns besser uns an die Dinge zu erinnern, die uns entspannen, stärken und beweglich  machen. Und konkreter: die Handlungen, die uns entspannen, stärken und beweglich machen.
Was klingt wie eine sinnlose Phrase ist: “Mach doch einfach öfter mal einen Spaziergang/ Sport/ fernöstliche Bewegungsdinger/ Gartenarbeit/*”
Es klingt wie ein Hohn, wenn man da steht mit dem Schrei im Kopf, dem Puls im Hals und dem Gefühl, dass es nie wieder aufhören wird – aber am Ende ist es ein Schritt, den man machen kann. Und dann noch ein Schritt und dann noch ein Schritt.
Oder, wenn man nicht laufen kann, ein Anschieben und dann noch ein Anschieben. Oder eine Hantel hoch, dann die andere. Oder, wenn man gar nichts von allein bewegen kann, eine Hand (eine Körperseite) stimulieren lassen, dann die andere.

Bilaterale Stimulation finden Gehirne megageil. Es entspricht ihrem täglichen Reizverarbeitungsworkflow und wenn man etwas tut, das zufällig genau das viel fordert und ansonsten eher nicht viel daneben, dann können Kapazitäten für mehr frei werden. Mehr Empfinden. Mehr Beweglichkeit (seelisch wie körperlich). Mehr Gefühl für die eigenen Kräfte.

Wir haben, durch unsere Hündin und das Glück eines Wanderwegs auf einem Stück unseres Schulwegs, jeden Tag etwa 10 Kilometer nur für uns und bilaterale Stimulation. Auf diesen 10 Kilometern haben wir unsere inneren Konferenzen und den freien, ruhigen (immer gleichen also vorhersehbaren) Raum für Innens, die noch nie Bewusstseinsräume dafür frei haben konnten, dass es sowas gibt. Bewegung, Licht, die Option zu gehen oder stehen oder sich hinzusetzen oder ein Tier (NakNak*) zu beobachten (ohne etwas tun zu müssen) oder unter sicherer Anleitung zu berühren, zu füttern, Wasser anzubieten oder den Boden unter sich zu fühlen oder Fotos zu machen oder Bäume, Blätter, Früchte anzusehen, anzufassen… oder in Kontakt/Dialog mit etwas/jemand aus dem Inneren zu sein.

Was klingt wie eine dieser furchtbaren rettungsromantischen Szenen in Filmen um Menschen, die zu Opfern wurden, ist für unsere Innenarbeit jeden Tag sehr wichtig. Es reicht nicht solche Erfahrungsräume mal hier und mal da zu haben. Wir brauchen das jeden Tag. Manchmal auch öfter. Einfach, weil wir nicht nur ein Mal im Leben erfahren haben, dass die Welt zerbrechen kann und plötzlich gar nichts mehr ist, wie man glaubt, dass sie es sei.

Wir wissen nicht, wie viel davon von Innens wahrgenommen wird, die Sprechverbote oder andere Limitierungen durchsetzen wollen.
Wir wissen aber, dass viele andere Innens – nicht zuletzt wir, die wir im Alltag aktiv sind – es wahrnehmen und erstarkt daraus hervorgehen. Manchmal auch soweit erstarkt, dass wir über die wahrgenommenen Forderungen aus dem Innen in der Therapie sprechen können.
Und dann darüber sprechen können, von wem wir das wahrnehmen. Und wann.
In der Folge können wir beobachten, ob Aspekte unseres Alltags als Auslöser funktionieren und wie wir sie sichern können.
Manchmal hat es schon geklappt, dass sich solche Innens auch selbst in die Gespräche über ihre Forderungen einbringen konnten.

Überwiegend aber setzen wir auf Entschärfung der Notwendigkeit für Forderungen nach Schweigen.
Wir machen unsere Therapie nicht, um Menschen oder Geheimnisse (Ereignisse) zu verraten, sondern um zu verstehen, welche Ereignisse und Menschen für uns bzw. einzelne Innens so wichtig/dramatisch/grauenhaft/abstoßend/erhebend/befriedigend/* waren, dass das Viele sein sich daraus entwickelt hat bzw. entwickeln musste.
Das ist ein wichtiger Dreh.
Wir machen die Therapie und unser Leben nicht für andere Menschen oder in Richtung anderer Menschen und Werte. Es geht primär nicht darum etwas nach Außen zu bewirken, sondern nach Innen. Was dann auch Aus.Wirkungen nach Außen haben kann, aber nicht muss.

Die andere Seite von Sprechverboten sind also nicht nur die im System, die sich dadurch begrenzt und in Not fühlen, sondern auch die, zu denen nicht zu sprechen gefordert wird.
Unsere Therapeutin erinnert uns immer wieder daran, dass wir nichts aussprechen müssen, was von innen verboten ist oder zu viel Kraft erfordert rauszubringen. Uns hilft das in Balance zu bleiben und nicht aus Versehen oder aus einer inneren Rücksichtslosigkeit heraus Grenzen zu überschreiten, die anderen Innens wichtig sind. Aus Gründen, die wir uns vorgenommen haben zu verstehen.

Für uns ist auch wichtig, dass die Therapeutin wie ein Blinddarm unserer Schilderungen funktioniert.
Existent aber nicht agierend.

Unsere Erfahrungen hatten schon genug Aus.Wirkungen auf uns und unser Er_Leben. In der Vergangenheit und in unserer Gegenwart und vermutlich auch noch ein ganzes Stück in unsere Zukunft hinein. Für uns wäre es unerträglich, würde die Therapeutin einer anderen Person von unseren Erfahrungen erzählen. Nicht nur, weil es ein Bruch unserer Absprachen wäre.
Es wäre auch eine Weitergabe der Gewalt und Not, die wir durch unser Überleben und Verarbeiten zu transformieren versuchen.

Wir wollen etwas aus den Erfahrungen machen und benutzen die Therapie als Raum, sie innerhalb bestimmter Grenzen von Zeit, Raum, emotionaler Beteiligung und Begleitung, zu veräußern und kontrolliert wieder in uns aufzunehmen, um eine Verarbeitung vorzunehmen.
Würde die Therapeutin sie nehmen und mit anderen Menschen teilen, wäre das Gewalt an uns. Auch, wenn wir das nie erfahren würden. (Vielleicht mag man an dieser Stelle einmal kritisch darüber nachdenken, was es bedeutet, wenn wir als Betroffene Bücher von Therapeut_innen lesen, in denen Erfahrungen ihrer Klient_innen geschildert werden. Wir sehen dort einen gewaltvollen Umgang mit Gewaltüberlebenden/-erfahrenen, der nicht kritisiert oder skandalisiert wird, weil “Hilfe” und gute Absichten mit im Spiel sind.)

In diesem Text schreiben wir sehr selbstverständlich von Psychotherapie als Raum zur Auseinandersetzung mit Erfahrungen und dem Inneren.
So ganz selbstverständlich ist es jedoch für viele nicht in Therapie zu gehen oder sein oder zu bleiben.
Geschweige denn überhaupt einen guten Platz für sich zu finden und so lange, wie er gebraucht wird, behalten zu dürfen.

Persönlich kommt es für uns nicht mehr in Frage, über Erfahrungen und Innens/Inneres zu sprechen, wenn wir ohne psychotherapeutisches Back-up sind.
Für manche Betroffene “reicht” eine gute seelsorgerische Begleitung oder eine psychologische Beratung oder eine (sozial-)pädagogische Begleitung.
Für uns geht das nach diversen Helfersystemcrashs und mehr Bewusstsein um die enormen Kraftaufwendungen, die es für diese Formen der Begleitung oft braucht, nicht mehr.

Auch das ist ein wichtiger Aspekt im Umgang mit Innens, die Limits durchsetzen wollen, die früher einmal wichtig waren.
Sie werden ihre Forderungen verstärken, je mehr sie spüren, dass das System als ganzes überlastet ist.
Und ja, es kann überlasten hochmotivierte, jedoch nicht gut aus- fort- und weitergebildete Begleiter_innen im Leben zu haben. Die keine Super-, Inter- oder Fallsupervision in Anspruch nehmen. Die strukturell bedingt nicht einmal ansatzweise kontinuierlich und zuverlässig da sein können. Die eine eigene Gewaltgeschichte nicht genug reflektiert und transformiert haben.

Dabei ist es irrelevant, dass “man ja sonst niemanden hat”. Dabei ist auch irrelevant, dass die Person “doch ihr Bestes gibt und das ja noch nie jemand vorher getan hat”. Dabei ist auch irrelevant, dass “man doch schon viel Schlimmeres durchgestanden hat”.
Zu viel ist zu viel und wenn es eins gibt, worauf man zu achten anfangen muss, wenn sich irgendetwas verändern soll, dann ist das an genau dem Punkt achtsam zu sein.

Ein Trauma ist niemals das Ereignis selbst.
Es ist das Zuviel, dass dieses Ereignis bedeutet (hat).

Innens, die toben und fordern zu tun, was sich für sie vielleicht sogar als lebensrettend ausgewirkt hat, können beim Umgang mit allem Zuviel, dass das Leben heute bietet, die besten Verbündeten sein, die man sich auf dem Weg der Verarbeitung vorstellen und wünschen kann.

Wenn man mit Ihnen Bündnisse eingeht.

*Text als PDF zur freien Weitergabe

Lauf der Dinge

der Traum mit Oma und Opa

In letzter Zeit träume ich oft von nahen Menschen, die mir fremd und fern geworden sind, oder nie wirklich nah waren.
Eins meiner Geschwister. Mein Vater. Oma und Opa. Die Person, die unsere Texte auf Informationen scannt, um sie gegen uns zu verwenden. Die Ärztin vom letzten Versuch stationär Hilfe zu bekommen.

Immer wieder wache ich auf und bin mir nicht sicher, wie ich mich fühle. Meistens summt etwas in mir. Versucht irgendein Gedanke sich zu mir durchzudrängeln, doch bleibt stecken und verwest langsam zwischen Morgenroutine und Arbeitsgedanken.
Heute träumte ich von Oma und Opa.
Die noch leben, aber sicher nicht so, wie in meinem Traum.

Dort lebten sie in ihrer Gartenlaube, umgeben vom Grün ihres Obst und Gemüses. Die Sonne schien, der sandige Boden strahlte ihre Hitze an meine hellen Beine. In dem Traum erzählte mir Oma, wie man einweckt und Kirschen entkernt. Noch im Traum wusste ich, dass es kein Erinnerungstraum ist. Einwecken und Entkernen, überhaupt viele Gartenarbeiten, haben wir uns selbst beigebracht. Jemanden, der sich uns auf den Schoß setzt und die Welt erklärt, hatten wir nicht in unserem Leben.
Und doch. Ich ließ es laufen. Drängte mein Bewusstsein zur Seite und lebte mich aktiv in den Traum hinein.
Nicht weil er so heil und schön war. Mehr, weil es die einzige Möglichkeit für mich ist, etwas mit meinen Verwandten zu tun zu haben, ohne Verluste zu erleben oder mir selbst gegenüber inkonsequent und destruktiv zu sein.

Oma war wieder 50, glaube ich. Sie war so alt, wie ich sie als Kind erlebt haben könnte.
Ich glaube nicht, dass Oma und Opa noch einen Garten haben. Sie sind inzwischen auch um die 70 Jahre alt. Glaube ich.
Ich erinnere weder ihre Geburts- noch sonstige Tage, die ihnen wichtig sind. Das ist, was man dann irgendwann bemerkt. Wie wenig man als Kindjugendliche über seine erweiterte Familie weiß und damit auch über die Beziehung zueinander.
Heute würde mich interessieren, wie Oma über Feminismus denkt. Über die DDR. Über Kapitalismus. Über Freiheit. Über Gewalt. Über sich selbst.

In meinem Traum saß ich im Kirschbaum und hielt ein schweres Glas auf dem Schoß. Mit schwarzem Stift  stand “Kirschen” darauf geschrieben. Mein Blick lag auf dem Schnörkelmuster des Löffelstiels in meiner Hand. Der Löffel selbst war so leicht, dass das Gewicht der säuerlichen Früchte, ihn mir leicht in die Fingerkuppen drückte.
Oma und Opa hätten uns nie mit so einem schweren Glas auf den Baum gelassen. Nie.
Meine Großeltern waren nie so sorglos, wie mein Traum von ihnen. Denke ich zumindest.

Von oben konnte ich auf Omas Kopf gucken und ihre schönen Haare anschauen. Schneckenhausmasermuster. Genau wie mein Haar heute. Mittelhellbuntblond, dicht und naturgewellt.
Oma ist fleischig und präsent. Man kann nicht über sie weggucken. Ihre schönen Haare ziehen meinen Blick immer wieder auf ihren Kopf und immer wieder fängt sie an zu sprechen. Mit mir.
Mein Blick auf die schönen Muster schaltet etwas in Oma an. Geschichten, belanglose Satzhüllen, bunte Wörter, die aus ihr herauspurzeln und das mit-ihr-sein bunt machen.
Das ist eine Erinnerung.

Das merke ich daran, das mein Körper sich auf eine tief vertraute Art entspannt und mein Inneres ganz leicht hinein passt.
Wieder schiebe ich mein Bewusstsein zur Seite.
Mein Bewusstsein darum, dass ich da ein Kinderinnen fühle. Eines, dass wir in der Herkunftsstadt zurückgelassen hatten. Vielleicht sogar in diesem Garten. In einer Situation wie dieser, weil es dem Horror woanders nicht gewachsen war.

Am Ende des Traumes fahre ich, auf dem Fahrradgepäckträger sitzend, mit Opa durch die Gartenanlage. Wir sind Rücken an Rücken und meine staubigen Füße fliegen über den Boden. Ich höre eine Flötenmelodie und schaffe es diesmal nicht mein Wachbewusstsein zu verdrängen.
Es ist eine Melodie aus irgendeinem Film oder so.

Als ich wirklich richtig aufwache, bin ich hin- und hergerissen. Bin traurig über das Ende des Traums, traurig über den Verlust meiner Großeltern, mit denen ich heute, selbst wenn wir wieder Kontakt hätten, nie wieder so sein könnte wie damals. Vor vielleicht 25 Jahren.
Ich bin aber auch glücklich sie geträumt zu haben. Dankbar um die Erlebensqualität, die mir dieses Stückchen Zeit mit ihnen geschenkt hat.

Zum Einen, weil es diese eine gute Erinnerung hervorgeholt hat, zum Anderen, weil das Gefühl in Ordnung und Einklang zu sein, auch noch 2 Stunden später in mir schwingen. Als ich am Küchenfenster sitze und dem Gewitter entgegenschaue, das sich – gerade jetzt, wo ich diesen Text niederschreibe – über mir auslässt.

Und, weil ich mich erinnere, dass es um safe spaces ging.
Die ganzen Jahre bis heute geht es mir und uns immer nur darum safe spaces zu haben und behalten zu dürfen.
Räume, in denen Ausdruck und Sein einfach nur sind und auf eine ähnliche Art losgelöst von größeren Kontexten, wie sie Menschen in anderen Lagen für selbstverständlich nehmen.
Wo wir genauso nicht über unsere Außenwirkungen auf andere nachdenken, wie es die Menschen nicht tun, die uns verletzt haben.
Einfach, weil es mal nicht relevant ist für uns. Weil das nicht lebenswichtig ist. Weil es uns nicht angeht – weder auf die Nerven, noch ans Gemüt, noch ins Gewissen.

Einfach sein. In Worten, Bildern, Tönen. Einfach nur so. Ohne Angst um Leib und Leben.
Und nur dann in Kontakt, wenn es wichtig ist. Oder gewünscht. Oder geteilt.
Als Option – nicht als selbstverständlich zu erwartendes Ding.

Gerade klart sich der Himmel über mir auf und ich frage mich, ob der Fehler der war, dieses Gefühl mit_teilen zu wollen. Die Idee von einem Sein zu teilen, in dem man aufschreibt, was man fühlt, weil man es kann und stehen lässt, weil man möchte, dass es bleibt.
Oder, ob der Fehler war zu glauben, dass andere die Fragilität und Zartheit dessen an_erkennen und für uns sein lassen könnten.
Spätestens wenn wir es ihnen sagen. Und obwohl sie uns sehen und bemerken.

Oma hat mich sein lassen.
Wenigstens das eine Mal, an das ich mich durch den Traum neu erinnern kann.
Ich will das in meinem Heuteleben haben.
Genau das.
Als immer und grundsätzlich verlässlich da.
Ohne Bedingungen. Ohne Preis. Ohne Gefahr.
Von jemandem gesehen und doch gelassen werden.

Ich glaube, das ist ein okayer Wunsch. Ein legitimes Verlangen.
Es ist nichts Besonderes.

Der Fehler beginnt dort, wo es jemand besonders macht.
Weil wir besonders gemacht werden.
Und nicht einfach nur anders.

Lauf der Dinge

Erwartungen und Wörter streichen

Manchmal sind es Parallelen.
Meine Twittertimeline und die Texte, die dort die Runde machen und die Bücher, die ich lese.
Zum Beispiel lese ich zur Zeit “George, Sam und ein ganz gewöhnlicher Montag” von Charlotte Moore und gerade einen Blogtext von Elif, in dem sie_r daran appelliert, bestimmte Begriffe nicht mehr zu nutzen.

Charlotte Moore’s Bericht regt mich auf.
Das ganze Buch ist ableistisch von Anfang bis Ende – doch, was mich stört ist ihre immer wieder pauschalisierende Formulierung dessen, was “die Autist_innen” können und was nicht, wenn sie sich eigentlich auf ihre beiden autistischen Kinder bezieht. Beziehungsweise: auf das, was sie von ihnen wahrnimmt und einordnet.

Der Text von Elif regt mich auch auf.
Es ist ein langer Text mit vielen Referenzen auf 101 Texte, die sich auf einen Nebenschauplatz der Inklusionsbewegung konzentrieren und der ohne sichtbar konsistente Idee darum auftritt, worum es bei inklusions.aktivistischer Kritik an Begriffen bzw. sprachlichen Äußerungen, die entlang ableistischem Menschenbild passieren, geht.

Die Parallele ist der Ärger. Und die ausbleibende Differenzierung von Menschen, die zum Einen nicht konkret selbst betroffen sind und zum Anderen in einer Art mahnend aufklärerischen Fürsprecherschaft auftreten, ohne sich auch an konkret betroffene Menschen zu richten.

Ich denke total oft von Menschen, dass ich sie für dumm halte, weil sie für mich irrationale Sachen tun.
Meine Sprache ist auch ableistisch. Meine Weltsicht ist auch ableistisch.
Wer glaubt, jetzt folgt ein Text in einer Version von “Behinderte /Menschen/ mit Behinderung können auch Arschlöcher sein” liegt falsch.
Das ist nicht meine Art des Aktivismus – ich kann auf jene verzichten, die das brauchen, um m.eine Menschlichkeit an.zu.erkennen.

Was mir wichtig ist, ist nicht zu vergessen, dass Ableismus an sich etwas ist, womit man sich befassen muss.
Ableismus beschreibt eben nicht nur die Wertungen, die mit bestimmten Fähig- und Fertigkeiten bzw. deren Abwesenheit verknüpft sind.
Der Begriff beschreibt auch, dass bestimmte Fähig- und Fertigkeiten als grundsätzlich erwartbar gelten.

Wenn man das verstanden hat und auch nur einmal in irgendeiner Erwartung enttäuscht wurde, kann man sich überlegen, wo die Wertungen in Bezug worauf auch immer eigentlich herkommen. Und dann vieleicht darüber nachdenken, welche Rolle der Umgang mit Enttäuschung und damit einhergehenden Gefühlen und ihren sozial akzeptierten Ausdrücken dabei spielen… und was Diskriminierung damit zu tun hat … und Macht … und kulturelle Alltagspraxis…
la li la hier im Blog schon hundertfach beschrieben.

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Ich lese die Berichte von Eltern autistischer Kinder inzwischen fast gerne. Sie zeigen mir, was neurotypische Eltern von ihren Kindern erwarten. Was neurotypische Menschen von anderen Menschen erwarten. Viele Eltern behinderter/ Menschen/ mit Behinderung schreiben, ohne es zu wollen, ein Zeugnis ihrer Normalitätsvorstellungen (bzw. Normalitätsüberzeugung) und sind damit für mich die bisher brauchbarste Quelle zur Erforschung des Normalitätsbegriffs an sich.

Mein Leben lang habe ich das Gefühl eine einzige Enttäuschung zu sein.
Weil Menschen von mir Fähig- und Fertigkeit erwarten, die ich weder in Gänze nachvollziehen noch erfüllen kann und diese Menschen meine Anstrengungen zu entsprechen, zu einer Art held_innenhaften Kampf (zurück) ins Leben pervertieren.

Heute begegne ich auch zunehmend Menschen, die von mir erwarten, ihnen zu erklären, warum ich nicht möchte, dass sie in meiner Gegenwart verletzend oder abwertend über Menschen sprechen und handeln.
Anstatt, dass sie mir erklären, warum sie es für richtig halten das zu tun.
Es ist einfach nicht üblich sich zu erklären, wenn man sich und seine Sprache für normal und also allgemein erwartbar hält.

Eine Sprachführung, die diskriminierungssensibel ist, gilt heute als sonderlich, abgehoben, erklärungsbedürftig. Sie sollte es aber eigentlich nicht sein.
Eigentlich sollte die allgemeine Erwartung die sein, dass Menschen ein Interesse daran haben, sich so auszudrücken, dass das, was sie sagen auch ist, was sie meinen und vertreten.
Obskur erscheint mir da der Umstand, dass jedoch das glatte Gegenteil der Fall ist.

Deshalb spreche ich nicht mehr davon bestimmte Begriffe zu streichen.
Denn es wird andere Begriffe geben. Nichts wird sich davon verändern. Es wird nur anders aussehen.

Was ich wichtig finde ist, sich mitzuteilen. Auch und vor allem über die Normalität, die man lebt. So wie man sie er_lebt.
Mir fällt es unheimlich schwer, mit eher fremden Menschen zu sprechen, weil ich viele Informationen über sie brauche, um mir zusammenzurechnen, was ich von ihnen erwarten kann. Das ist ein bewusster Prozess mit vielen Strängen und der ist unfassbar anstrengend.
Deshalb treffe ich mich ungern nur für ein zwei Stunden mit anderen Menschen und deshalb habe ich auch keine Angst vor Twittermenschentreffen. Je mehr Er_Leben ich von anderen Menschen erfassen (lesen) kann, desto besser kann ich sie einschätzen und desto klarer kann ich merken, wann eine Erwartung nicht erfüllt wurde.

Wenn in der Lebensrealität einer Person bestimmte Begriffe immer wieder negativ auftauchen, dann werde ich sie ihr und vielleicht niemandem mehr gegenüber erwähnen. Das werde ich aber nicht tun, weil ich es für das Beste halte bestimmte Worte zu verbannen und durch bessere zu ersetzen, sondern, weil ich möchte, dass sich die Person(en) in meiner Gegenwart so wohl wie möglich fühlen bzw. dass manche Dinge konkret benannt werden.
Ich möchte mich schließlich selbst auch wohl fühlen und wissen, worum es bei bestimmten Begriffen im Kern geht.

Ich werde durch meine Wortwahl allein aber nicht weniger ableistisch.
Ich werde es durch das Mit.Erleben vieler verschiedener Er_Lebensrealitäten und – überzeugungen.
Die Fähigkeit zu erfassen, was wer kann und was nicht, kann nur im direkten Miteinander zu einem Ableismus werden, der sich konstruktiv bei der Er_Schaffung von Dingen auswirkt.

Denke ich im Moment jedenfalls.