inside burning

„Also ich weiß, das ist nicht so – aber man sieht es dir gar nicht an.“ Meine neue Kollegin lehnt sich auf die Schreibtischplatte und bewegt einen Kugelschreiber zwischen ihren Händen. Ich bin zu sehr auf den Aktenordner in meiner Hand konzentriert, um sofort zu antworten. Wir sitzen im Sekretariat zwischen Ablagestapeln und Ordnerbergen, die thematisch sortiert liegen, begrenzt von Kistendeckeln, Kartons und Archivboxen auf Rollbrettern. Die Luft ist dick, die andere Kollegin kann die Klimaanlagenluft nicht vertragen. Alle paar Minuten kommen Kollegen und legen neue Sachen ab, fordern Abzeichnungen an, fragen nach Zetteln, bekommen Zettel, bringen anderen Kollegen weitere Zettel mit.

Ich habe meine Qualifizierung geschafft. Habe deshalb Leerlauf und darf Ordner umheften, die ins Archiv kommen. Ein klarer Ablauf, eine eindeutige Tätigkeit mit unübersehbarem Ergebnis. – Die einzige Insel, die ich bei diesem Arbeitgeber habe. Mit dem Pinch, dass ich der Konversation mit den Mitarbeiterinnen kaum aus dem Weg gehen kann. Die Themen sind typisch für Burnout-Büros. Alle sind unzufrieden, alle haben Streit oder schwelende Konflikte über organisatorische Lösungen, alle haben Angst, etwas falsch zu machen und jemanden zu verärgern, der gar nicht vor Ort ist – ja nicht einmal einen Körper hat. Niemand ist autonom in irgendeinem Aspekt der Tätigkeit. Alles ist vorgegeben, niemand kann sich im Großen und Ganzen erkennen oder verorten. Niemand hat je eine Arbeit abgeschlossen, ein Thema beendet, einen Prozess begonnen und auch integriert.
Ich werde hier zugrunde gehen und spüre das ganz genau.
Entsprechend klar bin ich in dieser Probezeit. Verlange klar eingrenzbare Aufgaben. Markiere eindeutig, welche Aufgabe ich für welchen Prozess beginne und wie das Ende aussieht. Wenn ich mich einschleuse, wird mein Kittel zum Panzer. Da werden Erwartungen drangepappt und Ansprüche hingehängt – wenn ich mich ausschleuse, bleibt der ganze Kram am Kittel in meinem Spind. Ich nehme nichts außer dem massiven Energiedefizit mit von dieser Arbeit und das ist schon zu viel. Denn das sieht man einfach nicht.

Das sieht schon mein Mann nicht, der sich lustig darüber macht, dass ich um 21 Uhr im Bett sein will, wenn ich um 6 Uhr am nächsten Morgen aufstehen muss – obwohl ich doch fast 3 Stunden Mittagsschlaf mache, wenn ich von den popeligen 4 Arbeitsstunden zurückkomme. Wie soll es die Kollegin sehen, die mich ausschließlich bei der Arbeit erlebt? Sie erleben mich nicht im Meltdown. Ich selbst erlebe meine Meltdowns kaum, weil die Dissoziation mich schützt. Sie hören das Quietschen meiner Nackenmuskulatur nicht. Zwinkern das Brennen in den Augen nicht weg. Haben nicht meinen Stress aufgrund von zu viel oder zu wenig Informationen. Ja, das hat keine spezifische Form, kein eindeutiges Aussehen, also sieht man da auch nichts.

Doch was mache ich mit dieser Aussage? Ist es ein Lob? Manche Menschen denken, dass es ein Lob ist, wenn jemand eine Behinderung oder eine Anstrengung unsichtbar kompensiert.
Ist es eine Kritik? Sehr unwahrscheinlich. Bisher hat nur meine Therapeutin mal auf ihre eventuell-vielleicht-könnte-das-anders-sein-als-es-ist-Art hauchzart markiert, dass es vielleicht ganz gut wäre, würde ich in unseren Gesprächen weniger verstecken, was da ist.
Ist es eine Aufforderung? Wozu genau?
Es ist müßig.
Die Kollegin ist nicht behindert und kennt mich nicht. Ich habe nicht die Kapazität und auch nicht die Motivation, näher auf sie einzugehen. Ich hätte nichts davon und weiß das sehr genau.

Trotzdem zeckt es mich.
Die Selbstverständlichkeit, mit der sie einen mir unbekannten Maßstab benutzt, um ihren Eindruck von mir einzuordnen. Das mir unbekannte Grenzverständnis, mit dem sie mich an dieser Stelle überhaupt betrachtet. Die Sicherheit, mit der sie davon auszugehen scheint, es sei für mich relevant oder für die Situation angemessen, mir zu sagen, dass sie nicht sieht, wie es für mich ist, dort zu arbeiten. Ganz in der Ferne schimmert das häufig als Entschuldigung verkleidete, nachgeschobene Inspirationsthema. Die Markierung als „gute Behinderte“, weil man entgegen aller Widrigkeiten so gut nicht behindert wirken kann. Diese für mich so komplette Irre von Menschen, die leider auch heute noch überwiegend unberührt von dem Themenkreis sind. Und immer noch glauben, es wäre respektvolles Handeln, wenn man behinderte Menschen für ihr Leben unter nicht oder nicht dauerhaft behinderten Menschen lobt.

Ich spüre auch die vertraute Zange zwischen meinem traumabedingten, überwiegend todesängstlichen Wunsch, unsichtbar zu sein, nicht aufzufallen, niemals irgendwo anzuecken, nichts auszulösen, niemanden zu berühren oder gar zu bewegen – ja, im Grunde so sehr und umfassend nicht zu sein, dass es mich gar nicht mehr gibt – und der Realität, dass ich das einfach nie schaffe. Egal, ob sehr angestrengt oder nicht. Es funktioniert einfach nicht. Immer mache ich irgendetwas, bin ich irgendwie, möchte ich etwas oder auch nicht und immer sende ich damit etwas. Oder werde als Sender_in eingeordnet.
Diese Zange aus Leben und Tod, Trauma und Prozess, ist das Kernproblem von Traumafolgestörungen. Immer schwebt man zwischen Sein und (lieber) Nicht (mehr) Sein. Entweder man geht all in Traumaüberleben und versteckt sich, entzieht sich allen Kontakten und Berührungspunkten mit der Welt – und fühlt sich sicher, weil man das einfach gut (aushalten) kann (und beschissen auf eine vertraute Art) – oder man verkörpert die eigene Lebendigkeit. Geht in Kontakt und bleibt und spürt mit allen Sinnen und gestaltet und prozessiert jede Regung, Bewegung, Veränderung. Und lernt Sicherheit als etwas mit vielen Facetten kennen und akzeptieren.

Ich habe mich fürs Leben entschieden. Das macht die Zange nicht weg. Besonders solche Momente bringen mich immer wieder hinein. Ich möchte leben. Arbeiten, genauer: teilgeben gehört für mich dazu. Doch da sind auch meine Grenzen. Die Realität, dass ich gewissermaßen bereits 70% meiner Kräfte dafür aufbringe, allein um meine Lebendigkeit zu prozessieren. Umweltreize zu verarbeiten. Zeit und Prozesse nachzuvollziehen. Kommunikation zu begreifen und zu gestalten. Andere Menschen kommen in dieser Anstrengung nicht vor. Mich für andere Menschen zu kompatibilisieren, mit ihnen zu sein, für sie zu sein, das muss ich aus den übrigen 30% herstellen. Die 30%, die ich auch für die Arbeit brauche. Für Spontanes. Für Besonderes. Für Extras.
Es gibt für mich keine Chance, nicht zu merken, dass es bei den meisten Menschen anders ist. Dass jemand wie meine Kollegin eher 30% für sich braucht und 70% für alles andere. Oder wieder andere Menschen sogar nur 10% für sich und 90% für alles andere aufwenden – ganz unabhängig davon, ob das ihrem Bedarf entspricht oder nicht – und damit ohne schlimme Folgen leben können.

Ich hingegen spüre im Moment sehr deutlich, dass ich eigentlich – ganz eigentlich in Wahrheit wirklich – gar nicht arbeiten sollte. Ich habe die Erschöpfungsdepression im letzten Sommer noch gar nicht wirklich überwunden. Habe die retraumatisierende Erfahrung im Dezember noch nicht richtig verkraftet. Und bin so voller Scham darüber, dass ich gerade primär deshalb arbeite, damit ich deshalb nicht ans Sterben, ans umfassende Nichtsein, denke.
Ich greife nach dem Leben, damit es mich hält. Trägt. Stützt. Und grundsätzlich ist das doch ein guter Move. Ich hätte ja auch komplett verkrumpeln können. Eingeigelt in mir selbst verbleiben können. Traumawahrheiten statt Lebensrealitäten annehmen können. Die Folge ist jedoch Kontakt auf Kraftkredit. Den kann ich nur mit Schlaf und relativer Isolation abbezahlen. Etwas, das mir selbst nicht sonderlich gefällt, weil es mir manchmal sehr traumanah erscheint. „An“ für andere Menschen sein, weil es nicht anders überlebbar ist – „Aus“ für sich selbst sein, weil es nicht anders überlebbar ist – so ist jede traumatische Lebensphase bei mir gewesen.
Am Ende kann es auch sein, dass es mich genau deshalb zeckt, wenn die Kollegin sagt, dass man es mir gar nicht ansieht. Ohne es zu wissen, sagt sie mir damit ja auch, dass man ES nie gesehen hat. Nie hat sehen können.
Und das ist schon krass. Schmerzhaft. Traurig.

Fundstücke #95

Als würde sie an einer verkrusteten Wundoberfläche kratzen. So fühlt sich das an. Unzufrieden mit dem knusprigen Deckel, allein interessiert an meiner wunden Stelle. Meinen Fragen an sie. Einem Moment von Überlegenheit, weil sie darüber viel mehr weiß als ich. Sie weiß, dass ich eigentlich immer noch gar nichts weiß. Und dass das etwas ist, was ihr Macht über mich gibt. Sie kann mich Schmerzen fühlen lassen, die sie nicht berühren und sie kann mich damit allein lassen.

So aufgeschrieben klingt es, als würde es nur um Macht gehen. Kontrolle. Und einfach nur so draufgeschaut, erinnere ich mich selbst darin an meine Therapeutin, die in der ganzen Zeit unserer Arbeit 4 Mal zum Ausdruck gebracht hat, dass es für sie weder irrelevant noch emotional neutral ist, dass sie manches in meinem Inneren bis heute nicht so richtig überblicken kann. Zumindest was genau diese Dynamiken betrifft. Immer wieder stehen „Schweigegebote?“, „Redeverbote?“, „schlechte Geheimnisse?“, „Scham?“, „Angst vor Konfrontation?“ im Raum und selten kann ich dazu irgendetwas sagen. Wenn ich ihr etwas nicht sagen will, dann meistens, weil ich unser bereits anstrengendes Sprechen nicht überanstrengend für mich werden lassen will. Ich will nicht mehr vor ihren Augen und doch unsichtbar dissoziieren. Für die anderen Innens will ich, kann ich, diesbezüglich nicht sprechen.

Sie, die andere Innere, kommt mir in ihrem Tun eher verspielt vor. Frech. Provozierend vielleicht. „Mal gucken, was passiert, mir kann ja nichts passieren“-sicher. „Was macht ihr, wenn ich das mache?“-neugierig. „Und das? Was, wenn ich das mache?“-beobachtend. Und immer unerwartet, bis heute nicht wirklich von mir selbst vorhersehbar, „Paff!“- unerreichbar weit für mich im Innen verschwindend. Und gleichzeitig ist sie ausströmend. Eine unkontrollierbare Emotionsblutung, die Schweres leicht, Unmögliches möglich, Gefährliches harmlos erscheinen lässt.
Ich weiß ganz genau, wenn sie da war. Sich selbst in ein Thema, einen Gedanken, eine Auseinandersetzung reingemischt hat. Es gibt hinterher immer Probleme. Nerviges Hin und Her im Innen, manchmal auch im Außen. Uneinsheit. Unstimmigkeit. Ungereimtheit. Einen Dammbruch am Rande der Komfortzone. Ein Stück harte Kruste, das die Wunde nicht mehr ganz bedeckt.

Ich glaube, dass sie zuletzt vor etwa 20 Jahren an unserer Therapiearbeit und anderen Lebensbestandteilen aktiv beteiligt war. Aktiv as in „da und beeinflussend“, aber auch as in „ununterdrückt, unabgewürgt von Rosenblätterbuschwurzeln“. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mich tatsächlich gezielt gegen dieses Einblutenlassen „aus dieser inneren Ecke“ entschieden habe und keine einzige Therapiestunde, keinen Betreuungstermin, generell überhaupt gar keine Kontakte mit anderen Menschen mehr so gestaltet habe, dass es passieren könnte. An uns kam einfach niemand mehr vorbei.
Alle haben die gleichen Rosenblätter kennengelernt. Keine Kinderinnens, keine jugendlichen Inneren. Alle haben die gleiche biographische Erzählung bekommen, wie wir sie in Kliniken und Heimen eingeübt haben. Die gleichen Erklärungen übers Vielesein bekommen und viel Nebel darüber, was davon auf mich zutrifft und was nicht. Und das konsequent. Auch das ist Vielesein.

Man kann sich als Viele gegeneinander entscheiden. Bestimmen, was wie vermieden wird. Was wie beschützt wird. Es ist eins der unbesprochenen Spezialgeheimnisse, wie wir einander herstellen, wenn es nicht Gewalt ist, die uns zu Keimen zersprengt und verstreut, um irgendwann als irgendwer neu zu wachsen. Man braucht nur vermeiden, sich dieser Entscheidung bewusst zu werden, zu sein, zu bleiben. Nur sehr intensiv, ohne jede Kommunikation mit sich oder der Welt, entscheiden, dass es nun so ist. Wo keine Kommunikation ist, kann keine Brücke sein. Kein Weg, kein Pfad, kein Bild, kein Zeichen, keine Sicht, keine Idee. Ohne Kommunikation keine Verbindung. Assoziation. Ohne Verbindung kein gemeinsamer Prozess.
Das ist die Rolle von Schweigen im ganzen Dissoziationsthema.

Ich will nicht darüber reden, weil sich innere Pfade ergeben, auf denen Innere zu mir gelangen können. Ich will nicht darüber reden, weil es meine Entscheidungen aufhebt. Ich will nicht darüber reden, weil ich meine geistigen Kapazitäten auf mich und mein Gegenüber aufteilen muss. Und immer wieder Grenzen dabei spüre. Zeitliche, räumliche, kapazitäre. Emotionale. Traumabedingte. Meine.
Das besprochene Trauma oder auch das Besprechen des Traumas ist nicht so schlimm. Meine Auflösung ist es. Meine Verwandlung vom verwundeten Selbst zum abreißbaren Wundverschluss ist es. Bisschen witzig, weil es ein Egoding übers Egosein ist, aber auch bisschen tragisch, weil es sich auch nach Verbindung anfühlt, die nicht kommunizierbar ist. Jedenfalls nicht besser als so, wie es jetzt hier steht.

APunkt

„Langsam, klar, immer wieder gleich“, denke ich und schaue APunkt an. Ich beobachte, wie sie mich, den Raum und jede Bewegung durch die Fransen ihrer Gesichtsbehaarung beobachtet. Bleibt ihre Aufmerksamkeit länger bei mir, reiche ich ihr ein Stück Fleischsnack.

„Langsam, klar, immer wieder gleich.“
In meinem Kopf habe ich vier Bildschirme an. Auf dem ersten ist der Ablauf unseres Trainings. Ich komme an, alle Hunde werden sanft und ruhig begrüßt. Sind APunkt und ich allein, kommen wir runter. Machen den Moment langweilig. Nur sitzen, gucken, sein. APunkt braucht eine Weile, bis sie gezielt mit mir in Kontakt geht.
Kontakt, das hieß bei APunkt anfangs Kontakt zum Snack, und flutsch – schnell wieder weg. Alles im Blick, nichts im Fokus. Dann hat sie bemerkt, dass ich immer das Gleiche mache. Inzwischen beobachtet sie mich beim Hantieren mit den Snacks. Schaut mich sogar direkt an. Und dann regnet es Snackstücke. Jeder Blick in den Bereich meiner Mimik und Gestik ist ein Hauptgewinn. Alle 5 Gewinne darf ich einige Zentimeter näher an sie heran. Trennen uns nur noch anderthalb Meter, kommt sie inzwischen auch zu mir. Nimmt sich erst schnell und geduckt die Stückchen von meinem Knie, dann macht sie einen Schritt zu mir hin. Letztes Mal hat sie sich abgelegt. Ruhig geatmet. Alles im Blick gehabt, doch mich beobachtet.
Dann zeige ich ihr das Geschirr. APunkt lässt sich anziehen, es aber auch über sich ergehen. Das muss anders werden. Sie soll wissen, dass sie an einem Signal vom Menschen erkennen kann, dass sie für einen Spaziergang angezogen wird. Sie soll wissen, dass ihr Signal für Nicht-einverstanden-sein, von Menschen akzeptiert wird (wenn es keine Ausnahmesituation ist). Sie soll wissen, dass sie beim An- und später auch Ausziehen des Geschirrs mitmachen kann. Und dass es Snacks regnet, wenn sie es macht.

APunkt ist nicht damit aufgewachsen, dass Menschen etwas von ihr wollen. Dass Menschen mit ihr zusammen sein, Dinge tun, erleben wollen. APunkt hat gelernt, dass Entfernung und schnelles Reagieren auf alles das Beste für sie ist. Sie hat es so gut gelernt, dass ihr Körper das manchmal auch ohne sie entscheidet.
APunkt ist bald 3 Jahre alt. Aus einer Vermehrungssituation durch animal hoarding. Sie wurde aufgenommen und bis jetzt einfach nicht vermittelt. Wer nimmt auch einen Hund, von dem man nur den Strubbelpo im Busch erkennt?

Ich trainiere mit ihr, wie ich mit Sookie trainiert habe. Wissend, dass ich es mit einem hochreaktiven Hütehund zu tun habe, der nicht die sorglose Neugier eines Welpen hat, aber genauso verwirrbar ist von zu vielen zu neuen Dingen.
Also sitzen wir da auf 3 bis 4 Quadratmetern und üben, dass APunkt ihren Kopf durch die große Öffnung ihres Sicherheitsgeschirrs steckt. Von allein, in Richtung Snackstück. Zwei Mal war sie schon fast durch. Dann war wieder was. Irgendein Geräusch im Haus. Ein Vogel vorm Fenster, eine unerwartete Berührung des Geschirrs in ihrem Gesicht, das Geräusch, das die Schnallen auf dem Boden machen. Und wir fangen wieder mit der Nasenspitze in der Mitte der Öffnung an.
„Langsam, klar, immer gleich. Ausatmen, tief einatmen. Und weiter“, denke ich mir dann und schaue auf den zweiten Bildschirm in meinem Kopf. „Langsam beeilen“ steht da neben einem Bild von einer senkrechten schwarzen Linie auf weißem Grund. Wenn ich angespannt oder selbst erschreckt von einem der Geräusche im Haus bin, wackelt sie. Ich muss sie gerade atmen. Auch meine lockeren Schultern ziehen sie glatt beim Ausatmen.

APunkt kann sich nicht lange konzentrieren. Nach etwa 10 Minuten mit dem Geschirr stresst sie mein Angebot. Ich lege es hinter mich. Nehme wieder etwas mehr Abstand ein. Wenn APunkt noch Kontakt möchte, muss sie kommen. Was sie meistens auch tut. Gab es Gewitter, wurden wir unterbrochen oder eine_r von uns beiden hatte einen komischen Tag, dann nicht. Dann mache ich meine Ende-Geste und lasse sie wieder raus. Alle werden nochmal begrüßt, wer mag, lässt sich streicheln. APunkt kommt inzwischen auch ganz selbstverständlich wieder dazu. Immer bekommt sie Snackstückchen.

Manchmal sprechen wir noch länger mit S., dem Menschen, der APunkt gerettet hat. Der Hof ist schön, das Leben wuselig, die Arbeit viel. Es gibt immer etwas, worüber wir kurz oder lang, seicht oder intensiv schnacken. Dafür brauche ich den dritten Bildschirm in meinem Kopf. Ich muss jetzt schnell sein. Unklarheiten weitgehend unhinterfragt, unergründet, unkommentiert lassen. Akzeptieren, dass wir nicht immer über die gleichen Dinge in der gleichen Struktur sprechen können. Dieser innere Bildschirm ist ein Transkript des Gesprächs. In den folgenden Stunden, wird mein Versteh-Gehirn es lesen.

Auf dem vierten Bildschirm ist mein Tetris der Unmöglichkeiten.
Da gibt es die Blöcke „APunkt“. Ihre Reaktivität, die Unsicherheit, der Umstand, dass man ihr Verhalten nur bedingt vorhersehen kann. Dann ist da mein Kinderwunsch mit seinen hundert Blöcken aus Orga, Kraftfressern, Gefühlen und ganz eigenen Dringlichkeiten. Und die feste Klarheit darum, auf gar keinen Fall gleichzeitig einen Säugling und einen Neuhund versorgen zu wollen. Neben der neuen Arbeit, für die ich 4 Stunden am Tag nicht zu Hause bin. Und der anderen Arbeit. Und der Verlagsarbeit. Und meinen Projekten.
Da ist auch noch meine Trauer um Sookie, die ich nach wie vor nur bedingt an mich heranlassen kann. Und meine ganz allgemeinen Wünsche an einen neuen Hund in meinem Leben. Die Wünsche meines Mannes an einen neuen Hund in seinem Leben. Unser alter Oppahund Bubi.
Und da ist die Bedarfslage von S.. Die Nützlichkeit, die mein Hundeverstand in dieser Situation hat. Die Frustration, die so improvisierte Trainingsumgebung und übliche Rückschläge mit sich bringen.
Und das, was ich von mir in APunkt gespiegelt empfinde. Obwohl diese Zeiten nun wirklich schon länger vorbei sind.

Seit Wochen fahre ich regelmäßig zu APunkt. Auf jedem Hin- und jedem Rückweg schüttle ich die Tetrisblöcke auf dem vierten Bildschirm durch und versuche zu erkennen, wie sie ineinandergreifen könnten. Es funktioniert einfach nicht.
Nicht ohne die Zukunft zu kennen.
Und so sind wir alle, APunkt, S. und ich, gerade im gleichen Nimbus. Angewiesen auf die gleiche langsame, klare Kontinuität des „und weiter“, auf das man sich so ungern einlässt, wenn es so viele große, drückende, treibende, wirbelnde, ziehende, schreckende, lockende „Ja aber“s oder „und was wenn?“s oder „vielleicht so?“s gibt.

Es ist anstrengend. Es ist eine Übergangsphase, eine Transition.
Wir werden alle irgendwie, irgendwo, irgendwann ankommen. Das ist sicher.
Vielleicht werde ich mir diesen kernigen kleinen Strubbelkobold, der APunkt auch ist, tatsächlich nicht mit nach Hause nehmen können. Aber Langsamkeit, Klarheit und Vorhersehbarkeit durch immer gleiche Anforderungen und Belohnungen, kann ich ihr geben. Damit kann sie anfangen, ihre generelle Pauschalreaktion auf alles und alle zu verändern. Und mit jemand anderem nicht bei 0, sondern vielleicht schon bei 1 in Sachen Hund-Mensch-Kommunikation anfangen.
Das ist definitiv. Da ist Bewegung drin. Es verändert sich etwas.
Es ist und wird.

die persönlichen Auswirkungen, ein Nachklapp

Ich habe ungewöhnlich viel Zuspruch auf meine Textreihe zu dem Reel bekommen.
Zu einem Aspekt möchte ich noch etwas nachtragen. Die persönlichen Auswirkungen solcher Reels auf mich.

Seit inzwischen zwei Jahren sitze ich an meinem neuen Buch und versuche zu vermitteln, wie es für mich war, Anfang der 2000er mit einer Diagnose konfrontiert zu sein, die damals schon sehr eng mit organisierter Ritueller Gewalt verknüpft war. Als 16-Jährige_r. Komplett allein. Anderthalb Jahre fast durchgehend geschlossen untergebracht.
Wie sich das ausgewirkt hat, in praktisch allem Selbstausdruck und auch jeder Selbstauskunft über mich missverstanden zu werden, weil die Menschen, die mir zugehört haben, immer auch den Filter des Unbekannten, Mysteriösen, Gefährlichen organisierter Ritueller Gewalt und die Folgen von Folter und gezielter Manipulation darübergelegt haben. Ungewollt wurde ich über Jahre von Therapeut_innen über praktisch jede Selbsterkenntnis, die ich über mich gewann, auch falsch verstanden, weil diese andere Ursachen oder Wirkungsprinzipien hinter meiner Wahrnehmung und Einordnung, Kontaktaufnahme und Schwierigkeiten annahmen als ich oder als auch tatsächlich vorlagen.
Das war für mich als erwachsen werdende Person zuweilen extrem isolierend und verwirrend. Es hatte Anteile von „Therapeut_innen reden mir was ein“ und „Ich habe aber auch wirklich Teile dessen erlebt, was mit dem Begriff der organisierten Rituellen Gewalt beschrieben wird – aber nicht so.“

Ich habe dann das gesamte Hilfesystem verlassen und eine Therapeutin für mich gesucht, die bereit war, mehr Fokus darauf zu legen, wie ich akut im Leben klarkommen kann. Und habe in der Therapeutin, mit der ich noch heute arbeite, so jemanden gefunden. Mein Hintergrund ist nicht irrelevant, aber ich merke, dass sie nicht erst daran denkt, was Täter_innen davon haben könnten, dass ich etwas nicht oder weniger gut kann, sondern daran, wie ich mich fühle, wenn ich versuche, etwas zu können; was ich mir vorstelle, wie ich etwas können müsste, sollte, gerne würde; welche Dinge tatsächlich akut gegenwärtig beeinflussen, dass ich bestimmte Dinge hinkriege oder auch nicht.
Es geht um mich. Meinen Bezug zu mir und der Welt, in der ich bin.
Es geht nicht darum, mit irgendwem in mir über DAS DA zu reden oder darum, mich anzeigefit zu kriegen oder darum, meine Lebendigkeit und Kraft zum Ätschibätsch gegen Täter_innen werden zu lassen. Ich habe in unseren probatorischen Sitzungen den Wunsch geäußert, eine eigene Erzählung über mein Leben und mich hinkriegen zu können, und das ist bis heute eins meiner Therapieziele.

Ich bin davon überzeugt, dass ich ohne diese Fokusverschiebung und ohne die kontinuierliche Wiederkehr zur ganz gegenwärtigen Pragmatik des Alltagslebens als etwas, das gelernt und verstanden werden muss, niemals bemerkt hätte, dass ich wiederkehrende Schwierigkeiten und Überforderungen erlebe, die mit der DIS und der Natur meiner Gewalterfahrungen in Kindheit, Jugend und jungem Erwachsenenleben allein nicht mehr erklärbar sind.
Ich hätte auch nie gemerkt, dass meine Therapeutin sich kommunikativ total um unsere Arbeit und mich bemüht, aber an manchen Stellen, die weder sie noch ich richtig fassen und begreifen konnten, einfach nicht weiterkam, obwohl alles in Ordnung schien.

Heute beobachte ich häufig, dass es diesen Punkt in der therapeutischen, betreuerischen, helferischen Kommunikation sehr oft geben kann. Und dass das einer der Punkte ist, an denen meine Analysefähigkeit sehr hilfreich wirken kann.
Mich hat sie damals in die Autismusambulanz gebracht. An den Wunsch zu hinterfragen: Ist es meine Hochbegabung, mein Hintergrund von organisierter Gewalt oder Autismus oder ADHS oder etwas, das dem sehr ähnelt, mir aber noch nicht bekannt ist?
Das ist eine Aufgabe, die manche Menschen einfach nur mit Intuition oder Bauchgefühl angehen. Ich nicht. Ich bin durch die Testung, die Literatur, die Betroffenenberichte, die Studien, die Theorien gegangen und habe das systematisch mit dem Diagnostiker, dem Begleitermenschen, dem Facharzt und meiner Therapeutin durchgearbeitet.
Ich wollte nicht mehr nur mit Theorien über mich arbeiten. Ich war damals schon so gut gestärkt, dass ich auch nicht mehr das Gefühl hatte, man könne über mich auch nur in Annahmen und Ideen, Theorien und man weiß ja nicht nachdenken. Ich war in dem Gefühl angekommen, dass ich tatsächlich passiere und wirke. Und wenn etwas passiert und wirkt, kann man es beschreiben. Und in seinem Wirken analysieren. Die Kommunikation und Interaktion systematisch erfassen und beurteilen.
Man kann mich objektiv eindeutig einordnen, ohne mein subjektives Erleben in Frage zu stellen.

Für mich war die Phase der Autismusdiagnostik das erste Mal, dass ich mich nicht durch Filter hindurch diagnostiziert erlebt habe. Meine Eltern hatten keine Möglichkeit, mich und ihr Leiden unter mir darzustellen, meine Therapeutin kam erst später dazu. Wir sprachen nicht nur in einem Psychologenbüro, sondern auch an Orten, wo ich mich wohlfühlte, und in Alltagssituationen, die mich überforderten. Alles war wichtig für die Diagnostik und alles wurde Thema – lange bevor wir irgendeinen Test durchgeführt haben.

Mir wurde damals klar, wie komplex diese Arbeit war. Und wie komplex die Intersektionen sind, in denen ich mich bewege. Wie schnell andere Menschen darin an kognitive Grenzen kommen, die für mich etwas anders verlaufen. Ich wurde damals sehr ermutigt, meine ganz eigene Haltung dazu wahr- und einzunehmen. Und eben nicht anzunehmen, nur weil andere zu ihren schnellen, weniger komplexen Filtern und Vorannahmen greifen, um damit umzugehen, sei das die Vorgehensweise, die ich mir besser auch antrainiere, obwohl ich darunter leide.
In gewisser Hinsicht habe ich mein Leiden damals so exakt gemapped wie nie zuvor. Einfach, weil ich es überhaupt auch mal verstanden und, wenngleich in Details weiterhin dissoziiert, so doch umfassend genug als auch objektiv erklärbar und mit meinem subjektiven Erleben verbunden begriffen habe.

Wenn ich heute dann Medien sehe, die dem Leben als autistischer Mensch oder als komplex traumatisierter Mensch ebenjene Vagheit, jene Übersubjektivierung zuschreiben, macht das natürlich etwas mit mir.
Da reagiere ich sowohl kognitiv stark drauf – und möchte, dass alle wissen, dass das faktisch alles nicht stimmt – als auch emotional. Da bin ich zurückversetzt in jede Sitzung, in der ich, wie ich heute weiß, Belastungssituationen kommuniziere, die entstanden, weil ich autistisch bin, aber nicht so leicht lösbar sind, weil ich auch komplex traumatisiert bin – und die Therapeutin mich fragt, ob mir der Mann mit der Satansmaske befohlen hat, dass es mir nie gutgehen soll. Übertrieben formuliert.

Es sind solche Therapiesitzungen, solche als Jugendliche im Grunde aufgezwungenen Kommunikationssituationen, die mich sehr lange begleitet und verletzt haben. Ich kompensiere bis heute in jeder Therapiestunde die Angst, sie wiederzuerleben. Ich wünsche sie absolut niemandem.

Wenn wir als Community zulassen, dass Diagnosen als vage, beliebig nutzbare Labels benutzt werden, um subjektive Erfahrungen zu benennen, dann werden wir es nie schaffen, solche Gewaltsituationen in Hilfekontexten überhaupt erkennbar zu machen. Wenn wir Autismus zur Identität verklären und in seiner genetischen Komponente negieren, wenn wir denken: „Och, die armen Therapeut_innen, die habens so schwer, wenn sie zu ORG, DIS oder Autismus arbeiten – die Therapie darf öffentlich nicht als etwas besprochen werden, das auch von Vorurteilen oder falschen Annahmen, Verschwörungsgläubigkeit oder Affinität zum Unbekannten oder Spirituellen flankiert sein kann“, dann erklären wir uns aus meiner Sicht einverstanden damit, dass anderen Betroffenen exakt die Quälerei und in manchen Situationen praktisch Folter passiert, wie mir als Jugendliche und junge Erwachsene.

Ich bin nicht damit einverstanden.
Es war schlimm. Es wirkt bis heute. Es war damals wie heute verhinderbar.
Es war Gewalt, für die sich bis heute niemand bei mir entschuldigt hat. Es war Leid, das ich juristisch nicht anerkennen lassen kann. Niemand der Beteiligten hat je Wiedergutmachung angeboten. Oder Aufarbeitung. Jedes Bemühen darum verläuft in Schweigen.
Das geht nur, weil das Stigma wirkt. Und wir als Gesellschaft uns durch viele Kanäle gegenseitig vermitteln, dass das so klargeht.
Obwohl es das absolut nicht tut.

das Reel – die Einleitung

Das Gesicht einer weißen Person mit Brille und grauer Kopfbedeckung füllt die Hälfte des Handydisplays. Darüber steht schwarz unterlegt: „Autistische und nicht-autistische Identitäten in unserem DIS-System“. Sie sagt: „ORG missbraucht ja vor allem Bindung, die menschliche Bindung … missbraucht oder … führt dazu, dass diese Bindung unerträglich werden kann … auch (…) der Körper unerträglich werden kann … Von daher finden wir das als absolut naheliegend, dass ORG Autismus produziert. Menschengemachter Autismus. Und das ist bei uns so im System. Wir haben eben viele Anteile, die im Alltag ganz normal funktionieren und auch in der Bindung gut sind. „Ich mein, wir haben ja als Psychologin auch gearbeitet, wir waren da auch sehr empathisch, mit Patienten, und wir haben aber auch Anteile, die eben auch sehr stark autistische Züge haben.“
Ich sehe das Reel 2 Minuten nach Veröffentlichung und schreibe: „Entschuldige – das ist Unsinn.“ Sie antwortet: „aus eurer Sicht.“
Im Verlauf veröffentlicht die Person in ihrem Account „Seelenstrukturen“ eine Story nach der anderen. Fügt Erklärungen hinzu, ergänzt und wiederholt sich inhaltlich. Zieht eine Supervisionssitzung mit E. Nijenhuis, eine Onlinebefragung unter Menschen, die sich als Viele erleben, einen psychologischen Ratgeber aus der Kategorie Lebenshilfe zu Neurodivergenz und allein den Titel „Gewalt erleiden“ von Tabea Koepp als Argumentation heran.
Am Abend bin ich mir gänzlich unsicher, was die Person eigentlich möchte. Sie schreibt, das sei ihre Hypothese, auch als studierte Person. Dann, dass es ihre persönliche Wahrnehmung sei. Am nächsten Morgen, dass es beides gleichzeitig sei. Inzwischen hat das Video 24 Kommentare, die meisten argumentieren gegen ihre Aussagen.

Ich denke darüber nach, ob ich hier darüber schreiben möchte.
Auf so ein Reel mit Richtigstellung und Einordnung zu reagieren, macht es unter Umständen relevanter, als es ist.
Unter dem Schlagwort „ORG“, also „organisierte rituelle Gewalt“, gibt es unheimlich viele Inhalte ohne jede faktische Grundlage, und praktisch immer wird die dissoziative Identitätsstörung (kurz DIS) mindestens erwähnt. Manchmal entsteht dabei der Eindruck, die Themenlage sei so diffus und unklar, so subjektiv und komplex, dass im Grunde alle alles jederzeit behaupten können, ohne Konsequenzen durch Falsifizierung erwarten zu müssen. Sagen ja alle nur ihre Meinung, ihre ganz persönlichen Ansichten.
Ein Kommunikationsverhalten, das mich verärgert, weil es jede Forschungs.Arbeit, jedes Ringen um Fakten, jede Anstrengung für allgemeine Klarheit abwertet und unsichtbar macht.
Und meine Solidarität gegenüber anderen Gewaltüb.er.lebenden untergräbt.
Denn nicht nur wirre Skeptiker_innen und False-Memory-Fans verbreiten Unsinn über ORG und DIS, sondern auch Menschen, die sich als Betroffene zeigen, und Fachpersonen, die Aussagen dazu schon qua Grundstudium und Ausbildung mindestens differenzierter einordnen können sollten. Das führt bei mir dazu, dass ich mich unter anderen Vielen oder in  Räumen, in denen diese Themen diskutiert werden, auf überhaupt keine Aussagen verlasse, die ich nicht sofort mit Quellen und Fakten überprüfen kann. Alles bleibt Behauptung oder These bis zum Beleg. Und das bedeutet eine ständig zu haltende Kontaktschwebe. Ich gehe nie näher dran, entferne mich aber auch nicht, denn es kann ja sein, dass stimmt, was mir erzählt wird. Das ist extrem anstrengend. Macht keinen Spaß. Und bringt mir letztlich nur eine gewisse Sicherheit darüber, dass ich weder aus Autoritätsrespekt noch aus Peer-Solidarität heraus von Unsinn, Falschinformation oder (gezielt) gestreuten Phantasieszenarien ausgehe. Und sie womöglich hier oder im Podcast oder in Vorträgen oder im direkten Kontakt weitergebe – und schwer erkrankten Menschen, von denen ein nicht unerheblicher Anteil mehrfachdiskriminiert ist, schade.

Dies – die Realität, dass Falschbehauptungen, Desinformation und Ausgedachtes erheblich schaden – ist für mich jedoch auch Anlass, zu reagieren. Und mich dann eben doch hinzusetzen und einen Text zu schreiben, der im Gegensatz zu Inhalten in social media Netzwerken, kostenlosen Blogplattformen oder Telegramgruppen, zukunftssicher zitierbar ist und einen direkten Kontakt zu mir als Diskutant ermöglicht.
Weil so viele Aspekte drinstecken, teile ich den Text auf.

drüber sprechen

„Und was genau soll man denn sagen, hm? Hm? Was solls denn bitte sein? Datenausgabe, emotionaler Tieftauchgang ins Drama der gequälten Seele, detaillierte Selbstauskunft – was zum Fick soll es denn sein, worüber man da reden soll?“ Es scheppert zwischen meinen Synapsen. Das dicke Seil um meinen Magen strafft sich. R. ist in Hochform, vibriert unter meiner Haut wie eine frierende Biene.
Wir hatten das Thema schon. Oft. Wirklich richtig oft. Das Schweigen der Opfer, die Ermutigung der Überlebenden, auszusprechen, was sie bedroht hat, die Anhörungen, die Frage, wer wann wozu genau eigentlich zuhört. Jedes Mal habe ich diese kleine Flipperkugel aus Titan in mir drin, die sich tobend gegen jede Wand schmeißt, als gäbe es dafür Punkte. Und jedes Mal baue ich ihr in Gedanken eine Art Durchknall-Labyrinth. „Nur weil dich niemand verstanden hat, als du geredet hast, heißt das nicht, dass das für alle gilt“ – Batsch – „Wenn niemand etwas sagt, wird ES für unsagbar gehalten.“ – Knall – „Worüber nicht geredet wird, bleibt unverändert.“ – Peng – Meine Phrasenkartei reicht, um ihr einen Sarg sicheren Raum zu zimmern. Irgendwann kann ich nicht mehr sagen, ob ich taub für sie bin oder sie mir gegenüber still.

Dann taumle ich mit Felice durch Bielefeld. Die erzählen, davon, dass sie noch nie in Worten über das gesprochen haben, was ich hier und immer ES nenne. Und ich teile mit ihr und allen, die uns später hören werden, dass ich vor allem über DAS, was Helfer_innen getan haben, spreche.
Später frage ich mich, ob ich da gelogen habe. Weil ich eigentlich nie darüber spreche, sondern vor allem darüber hinweg. Mit Substantiven wie Fixierung, Zwang(smedikation), Übertragung, Verstrickung, Projektion, Machtmissbrauch und anderen großen Phraselboxen, die für Lesende und Zuhörende greifbarer, anschlussfähiger, in autoritären Kontexten wie Akademik, Beruf und Behandlung besser einfügbar sind. Unbeeindruckt von Behandler_innen, die sich und ihre helfende Tätigkeit für richtig gut und fern jeglicher Gewalt halten. Mein Faktenwissen stützt mich. Ich brauche keine Ermutigung, keine Ermunterung und dank meiner Veröffentlichungsmöglichkeiten hier und im Podcast auch keine Erlaubnis, auszudrücken, was für ein bodenlos grausamer Zusammenhang sich aus Hilfe ergeben kann. Und warum es wichtig ist, sich damit zu befassen. Sowohl als Üb.er_lebende von Gewalt als auch als Mensch, der von sich selbst annimmt, das nie und nimmer je getan zu haben oder tun zu werden.

Wenn ich mit Helfer_innen spreche, die das Thema berührt, spreche ich auch nie ganz aus, was ich erlebt habe. Wenn es darum geht, Hilfe für jemanden zu reflektieren oder zu verbessern, dann würde ich damit Raum einnehmen, der für andere hergestellt wurde. Wenn es darum geht, Strukturen zu reflektieren oder zu verbessern, dann ist das Risiko hoch, dass meine Erfahrungen (unabsichtlich) bagatellisiert oder anders nicht angemessen beantwortet werden.
In der Realität ist es so: Ich teile meine Betroffenheit von (Helfer)Gewalt mit und meine Gegenüber reagieren darauf, als wäre das eine Art Outing. Radikale Offenlegung. Voll krass. Mutig. Und die Offenheit! – Und ich lasse das so stehen. Wir können Sinnvolleres tun, als darüber zu reden, dass eine Er.Lebensrealität zu teilen keineswegs Selbstoffenbarung ist. Dass es ihre Stigmatisierung von Opferschaft ist, die es ihnen mutig erscheinen lässt, sie sichtbar zu machen. Wir können uns auf unseren gemeinsamen Nenner konzentrieren und miteinander arbeiten. Und der gemeinsame Nenner ist nie DAS DA. Der gemeinsame Nenner ist, etwas dagegen tun zu wollen. ES als etwas aktiv und pragmatisch Verhinderbares verstehen zu wollen.

Ich finde mein zum Opfer von Helfergewalt geworden sein nicht peinlich. Ich schäme mich nicht dafür und halte nichts davon, jene gewaltvollen Helfer_innen für ihr zum_zur Täter_in geworden sein zu beschämen.
Ich weiß – und weiß, dass es alle Helfer_innen wissen –, dass es moralisch, ethisch, menschlich falsch ist, Menschen zu verletzen, die Hilfe brauchen. Es braucht mich und meine Erfahrungen überhaupt nicht ausbuchstabiert präsentiert, um darüber ins Gespräch und in den Prozess zu kommen. Deshalb kostet es mich so wenig Kraft. Deshalb kann ich mich in diesen Zusammenhängen ganz leicht bewegen. Ich kann über meine Erfahrungen sprechen, ohne über meine Erfahrungen zu sprechen. Lügen, ohne zu lügen. Verstecken vor aller Augen. Vermeiden, ohne zu vermeiden.

Und ja, das trägt überhaupt nicht dazu bei, dass ich überhaupt mal „richtig“ drüber spreche. Aber wenn mein wütendes Titanbienchen R. eins absolut offenlegt, dann ist es die blanke Überforderung vor so einem Unterfangen. Denn, was heißt denn „richtig drüber reden“ genau? Sie hat da auf jeden Fall einen Punkt. Gehts um die W-Fragen? Gehts um Gefühle, die ich damals gar nicht wahrnehmen konnte? Gedanken, die ich gar nicht als Gedanken fassen konnte? Was genau für ein Zauber soll denn passieren, wenn man sagt, was genau war? Und kriegt man von der Therapeutin einen Smiley-Stempel ins Therapiehausaufgabenheft, wenn mans richtig gemacht hat, oder wer genau bewertet eigentlich die Richtigkeit des Ausgesprochenen? Auf welcher Grundlage? Und wie genau ist genau?
Und das alles mal beiseite und rein in die Realität – wer geht in die Therapiestunde oder den Beratungstermin und befindet sich nicht in einer Gesprächssituation? Also einer beiderseits zu organisierenden Interaktion und Kommunikation? Niemand nirgendwo jemals würde in Kontakt treten mit: „Und dann hat mir einer die Schulter ausgekugelt – man, war ich froh, dass die mich eh sedieren wollten.“ Und zwar nicht aus Freundlichkeit oder Rücksicht, sondern, weil zum Reden und Schweigen über Gewalt einfach immer auch die Kommunikation von Kontext gehört. Etwas, das mich extrem anstrengt und häufig auch überfordert. Bis ich fertig damit bin, ist eine Therapiestunde einfach mal um. Und ich frage mich hinterher manchmal: „Hab ich da jetzt eigentlich drüber geredet oder nicht?“

Helfergewalt ist genauso komplex traumatisierend wie Gewalt in der Familie. Heim, Klapse, Knast sind einfach stigmatisiert und Familie nicht. Niemand hinterfragt, warum sie_r in eine Familie gekommen ist. Das macht den Kontext entdeckbar. Eroberbar. Deutbar. Heim, Klapse, Knast sind bereits definiert. In Bezug darauf gibt es selten Zweifel über Bezug und Kontextualisierung. So wenig, dass es mir oft widersinnig erscheint, überhaupt die Kraft aufzubringen, um meine Bezogenheit, den Zusammenhang meiner Verwundung, überhaupt zu benennen. Vor allem in der Psychotherapie, wo der Kontext faktisch weitgehend gleich ist.

„Es ist schwierig“, schreibe ich auf die Phrasenkiste, die ich für mich baue. „Es interessiert ja so jetzt akut auch niemanden“ – Bäm – „Windmühlenkampf“ – Bumm – „Was solls, geht auch ohne“ – Wumms.

„Die Wahrheit ist doch, dass niemand von den Beteiligten richtig mit mir darüber reden will.“

Gespräche im Spiegelkabinett

„Sei da ruhig klarer – denk nicht so viel an ‚Was denkt sie jetzt, was denkt sie jetzt, was denkt sie jetzt?‘.“
Mein Mann und ich sitzen auf der Couch. Krisensitzung, nach Achsbruch Autismus, Trauma, Kommunikation.
Ich bin seit Tagen niedergeschlagen, belastet, erinnert, unzufrieden mit mir. Ich muss etwas klären, doch bin hin- und hergeworfen von Wichtigkeiten und Relevanzen, Erinnerungen und Ängsten.
Es geht um etwas, das mir wichtig ist. Deshalb ist der Rahmen, in dem ich darüber nachdenke und fühle, extrem groß. Am dritten Tag wurde es mir zu groß, zu belastend. Ich merkte, wie sich das Zeitfenster für angemessene Lösungskommunikation schloss und ich immer mehr Spannung in mir sammelte. Zeit für eine Sitzung mit meinem Mann.

Mit ihm werden Situationen wie diese pragmatisch lösbare Kommunikationsherausforderungen, wie er sie jeden Tag bei seiner Arbeit und manchmal auch mit mir im Alltag hat. Er ist im Training, ich bin empfangsbereite Satellitenanlage, wenn er mir etwas davon vermittelt.
Durch seine Brille bekommt die Lage eine Art bewusste Untiefe. „Die Situation für dich sieht so aus, für sie andere Person sieht sie wahrscheinlich so aus. Was ihr verhandeln müsst, ist dies; was du bisher nicht klar genug vermittelt hast, ist das. Du könntest es so formulieren; du könntest auch das schreiben. Soll ich dir einen Aufschlag formulieren oder einen von dir anschauen oder willst du ab hier allein weitermachen?“
Mir tut das gut. Aus dem Wurschtelwust in meinem Kopf wird eine strukturierte Reaktionslandschaft auf Hypothesenbasis. Ich weiß ja nicht, ob er recht hat. Aber ich weiß ja auch nicht, ob ich recht habe, und traue mich gar nicht erst, überhaupt eine Hypothese zu entwickeln – weshalb ich in Stress spirale, dissoziiere und Faden und Form, Bezug und Kontaktsicherheit komplett verliere.

Das ist die Bruchstelle der Achsen.
Autismus und Kommunikation sind bereits schwierig. Auch schwierig zu kommunizieren.
Ich gerate dabei oft in die Situation, mich selbst zu erklären, statt die Kommunikationsprobleme. Denn es geht nicht immer nur um Wörter, Aussprache, Mimik und Gestik. Für mich geht es meistens um Bezug und Kontext. Warum sagt jemand dies und das; wozu bekomme ich diese und jene Information; weshalb und wofür macht mir jemand dies und das ganz besonders deutlich klar?
Gespräche mit nicht-autistischen Menschen sind für mich eine meist unklar begrenzte, uneindeutig bezugnehmende und in der Regel erst später in ihrem Ziel (manchmal auch Sinn und Zweck) nachvollziehbare Abfolge von Transitionen. Schon während die andere Person spricht, mache ich mehrere Dinge gleichzeitig: Geräusch von Wort unterscheiden, Worte verstehen und als Sätze in mir abbilden und begreifen – und dann merken, dass darin in der Regel nicht auch „drinsteht“, worum es der Person geht oder worauf sie sich bezieht oder reagiert. Also rufe ich mir in Erinnerung, was ich oder eine evtl. weitere Person im Gespräch gesagt hat, und überlege, ob davon etwas passen könnte. Ist die Person fertig mit Sprechen, bin ich meistens gerade fertig mit der Analyse des Sprachpakets. Was ich darauf antworte, eher nicht.
Manchmal geht das, was ich eigentlich sagen möchte, im wahrsten Sinne „lost in Transition zwischen Rede und Antwort“.

Und da greift die traumabedingte Dissoziation. Die nächste Achse. Die schützende Maske. Das reaktive Vorzeigen von bezogenem Kontaktverhalten. Ich konzentriere mich ausschließlich auf das, was die andere Person gesagt hat, und rate das beste hoffend oder faktisch orientiert abschätzend die Antwort. Ich bin nicht mehr bei mir, ich bin nicht mehr bei meinem Thema und kann selbst in der Rückschau nicht mehr sagen, worüber ich nachgedacht, was ich empfunden oder als Idee verfolgt habe. Es ist ein Nimbus, ein weißes Rauschen. Mein Körper antwortet. Ein anderes Innen. Irgendwas, das passt, dem Gegenüber ein gutes Gefühl macht, mit größter Wahrscheinlichkeit keinen Konflikt auslöst und inhaltlich die Funktion des Gesprächs bedient. Und dann beginnt das Gegenüber zu antworten. Und damit beginnt eine weitere Transitionsphase zum nächsten Sprechakt.

Das erschöpft. Es führt sehr oft dazu, dass ich ich-fremde Gespräche führe, wenn diese weder reiner Informationsaustausch noch oberflächliches Kontakten sind. Und der Hintergrund ist komplex.
Ich habe auditive Verarbeitungsstörungen, muss Bezug immer wieder konkret gesagt bzw. aufgezeigt bekommen, weil ich ihn nicht implizit „lesen/erfassen“ (und im Arbeitsgedächtnis halten) kann, und ich habe bis heute Angst, verletzt zu werden, weil ich nicht schnell genug (performativ „richtig“/wie vom Gegenüber gewünscht oder gewohnt oder erwartet) reagiere.
Gespräche sind bis heute nicht neutral für mich. Es sind neben jeder Bedürfniserfüllung immer auch Triggersituationen, mit denen ich je nach Inhalt, Kontext, Rahmen strukturell reaktiv dissoziierend umgehe.

Nach dem Gespräch, das ich nun mit meinem Mann besprach, lag ich abends im Bett und wurde Stückchen für Stückchen mit Fragmenten des Gesprächs konfrontiert. Die Verarbeitung setzte ein und zunehmend wurde mir selbst bewusst, dass wir weder über das geplante Thema gesprochen haben, noch, dass durchgehend ich gesprochen habe. Obwohl mir das so wichtig war. Ich so dankbar über das Interesse und die Bereitschaft der Personen war, mit mir zu sprechen. Obwohl es keine Gefahr gab. Ich selbst habe überhaupt nichts von meiner Angst gespürt. Habe in dem Kontakt überhaupt nichts von meinem Stress und der Reaktivität gemerkt.
Und wie fast immer in solchen Momenten haben es meine Gegenüber auch nicht gemerkt. Sie fanden das Gespräch gut. Sie haben mich als im Kontakt erlebt – faktisch betrachtet haben sie das ja auch. Nur eben doch auch nicht.

In einem Gespräch mit dem Begleitermenschen im Rahmen der Autismusdiagnostik habe ich dafür das Bild von einem Spiegelkabinett gefunden. Weil es mir oft so erschien, als würden die Menschen in meinem Leben immer mit einem Bild von mir sprechen. Also ihrer Wahrnehmung von mir und dem, was sie davon abgeleitet haben. Während ich sie nie sehen kann und meistens eher mit einer Idee von ihnen arbeite, die ich aus den Analysen dessen, was sie mir sagen, entwickle.
Das war das Problem, das ich in der Therapie damals als besonders belastend empfand. Es kam mir vor, als würde meine Therapeutin intensiv nach mir suchen – angestrengt auf ihr Bild von mir schauen – und ich nicht einmal ihre Spiegelung finden können, obwohl mir jedes Signal, jeder Reiz von ihr überdeutlich spürbar war.
Mir ist damals bewusst geworden, wie viel von meinen „Erkennungsproblemen“ überhaupt nicht oder eher subtil wahrnehmbar sind. Und wie groß die Rolle der DIS dabei ist. Ein autistischer Mensch ohne DIS oder extremen Maskierungswillen wäre damit auffälliger. Diese Art des Auffälligseins war aber nicht nur in meiner Herkunftsfamilie ein ernstes Problem, sondern auch überall sonst. Selbst in Kontexten, in denen meine Sicherheit und Fürsorge professionell sichergestellt wurden. Nirgends, in keinem Kontakt mit anderen Menschen, ist es für mich rückhaltlos, bedingungslos, konsequenzlos möglich, irgendetwas davon nicht zu verstecken oder zu verschleiern. Und zwar nicht, weil die Welt böse ist oder ich da irgendetwas Spezielles an mir habe, sondern weil es umfassend ANDERS ist. Weil man sich dem immer nur annähern kann und eine gewisse Lücke, einen Bereich der Inkompatibilität, stehen lassen und akzeptieren muss. Sowohl ich als auch meine Mitmenschen. In der Metapher vom Spiegelkabinett ist es der Umstand, dass ich mich mit anderen Menschen als in einem Spiegelkabinett erlebe – und sie das nicht auch tun. Ihre Wahrnehmung funktioniert anders als meine.

Und während ich das jeden Tag und immer immer immer merke – und sie nicht, ist es eine irritierende Sache, wenn ich es offenbare. Manche fühlen sich dann manipuliert. Als würde ich ihnen die Wahrnehmung von mir absprechen oder in Frage stellen. Als wolle ich ihnen unterstellen, sie würden sich gar nicht für mich interessieren oder würden mir absichtlich schaden wollen. Es gibt Menschen, die können solche Gefühle und Gedanken dann mit Worten ausdrücken. Sie sind neugierig, wollen verstehen, Beziehung, Kontakt bewahren. In meiner sozialen Welt sind das die absoluten Ausnahmen. Einhörner sozusagen.
Und es gibt Menschen, die können das nicht. Oder wollen es nicht. Oder halten es für einen Teil ihrer professionellen Abgrenzung, noch mehr Abstand zu mir herzustellen und sich praktisch völlig unsichtbar für mich zu machen. Es gibt Menschen, die sich verunsichert fühlen, wenn ich ihnen davon berichte. Die sich fragen, was an unserem Kontakt echt ist. Authentisch. Und ver.trauen mir dann einfach nicht mehr. Gehen also auch aus dem Kontakt. Das ist die häufigste Erfahrung, die ich mit der Offenlegung dieser Gesprächserfahrung gemacht habe. Entsprechend wenig öffne ich mich.

Doch diesmal nicht.
Diesmal habe ich es mitgeteilt und mehrere gute Erfahrungen gemacht.
Die Gesprächspartner haben es gehört und verstanden. Wir haben eine praktische Lösung gefunden.
Mein Mann hat mich verstanden und mir genau die Hilfestellung gegeben, die ich brauchte.
Meine Therapeutin hat mich verstanden und mich bestärkt, meine inneren Prozesse auf Möglichkeiten der Entlastung und Prävention zu erforschen.
Keiner der auslösenden Faktoren ist davon berührt. Es wird mir wieder passieren. Und es wird wieder schlimm für mich sein. Aber es bleibt nicht mehr so schlimm.

KI wird uns alle töten (wahrscheinlich)

Ich habe wieder das Podstock-Festival besucht.
Es war toll, hat Spaß gemacht und war wie immer mein Flauschtankpunkt.
Am letzten Tag gab es eine kleine Diskussionsrunde zum Thema der sogenannten „künstlichen Intelligenz“. Auslöser war ein Click-Adventure, das Teddy für Esel für ihren Podcast erstellt hatte. Toby, ein langjähriger Fan der „Esel und Teddy Show“ und ebenfalls Podcaster, hatte jeden Spaß an der Folge verloren, als klar wurde, dass das Adventure KI-generiert war.
Die Diskussion sollte Positionen klären. Ausloten: Wo stehen wir da eigentlich miteinander?
Mir war die Runde zu kurz. Und Jörn hat am Montag in seinem feinen Podcast auch noch seine Gedanken zu KI geteilt. Jetzt teile ich meine Gedanken hier.

Mir geht es wie Toby, wenn ich erfahre, dass etwas, das ich im weitesten Sinne mit Kunst verbinde, „mit Hilfe von KI“ entstanden ist. Der Spaß am Produkt ist sofort weg.
Und nicht nur das. Auch die Annahme, dass es bei der Funktion des Produktes um einen gezielten Kontaktversuch mit mir geht, wird enttäuscht. Ich fühle mich zum Konsumenten degradiert. Zum Vernutzungsendpunkt. Aufgrund meiner sinnlichen Täuschungsfähigkeit sogar missbraucht, wenn es um Videos geht, die sehr realistisch und emotional aktivierend sind. Und ich erlebe mich als Mitmensch ausgeklammert, ausgeschlossen, egalisiert, wenn es um den Akt der Produktion geht.

Hintergrund dieser Empfindungen ist mein Leben mit Behinderung, als Person im Kreativbetrieb, welcher heute im kommerziellen Bereich weitgehend digitalisiert ist.
Weil ich mit einer Behinderung lebe, war der kreative Bereich für mich gewissermaßen schon immer einfach „gebucht“. Da wird Leistung einfach anders bewertet und Anpassung eher individualisiert als in anderen Arbeitsbereichen. Bisher galt dort oft: Gut Ding will Weile haben. Die Muße muss kommen und angemessen wirken können, nicht alles ist Handwerk. Wenn etwas wirklich schön werden soll, dann funktioniert Zeitdruck nicht, sondern Auftrags- und Versorgungssicherheit. Raum. Zeit. Prozess. Kommunikation.

Diese Auffassung verändert sich seit der Industrialisierung immer mehr. Seit Maschinen Dinge produzieren, wird anders über Produktionszeit gedacht. Als schnell gilt heute zum Beispiel nicht mehr die Erstellung eines Logos oder einer Wortmarke in einer Woche, sondern innerhalb weniger Stunden, wenns denn nicht in wenigen Minuten geht.
Ich habe schon mit einer Wochendeadline Probleme. Ich kann nicht jeden Tag die gleiche Anzahl Stunden in die Erstellung von Entwürfen, Einarbeitung von Verbesserungen oder Änderungen stecken. Habe nicht immer die gleichen Kapazitäten für die Entschlüsselung von Kundenkommunikation und das, was passiert, wenn die Adobe Creative Cloud, mein Hauptwerkzeugkasten, ihren Nutzer_innen mit dem neuen Update auch neue Funktionen und Ansprüche an deren Fähigkeiten aufdrängt.

Ich bin nicht nur in meiner Arbeitsfähigkeit stark begrenzt, sondern auch in meinen Lebensfähig- und ‑fertigkeiten. Daraus ergeben sich meine Grenzen der Produktivität. „KI“ wird mir diesbezüglich als etwas angeboten, das meine Grenzen erweitern könnte. Hinterfragt wird dabei nie, ob ich das überhaupt möchte. Ob meine Langsamkeit eventuell Vorteile hat oder Prozesse begünstigt, die unter anderen Umständen gar nicht erst entstehen würden.
Da ich langsam bin, entstehen für meine Kund_innen und ihre Mitarbeitenden freie Zeiträume. Manchmal entstehen so Räume zur Prüfung des Gesamtprojektes. Zeit und Raum dafür, die Kommunikation für mich leichter zu gestalten. Detaillierte Fehlersuchen zu begleiten. Entspannte Feierabende. Kürzere Listen für Tages-To-dos. Raum für Orgakram, der sonst zu kurz kommt. Solange meine Grenzen der Geschwindigkeit mit den Grenzen des Produktionsdrucks meiner Auftraggeber_innen zusammenpassen, kann die Zusammenarbeit gut gelingen. – Weil keine Grenzen überschritten werden müssen.
Das, was aktuell alles als „Künstliche Intelligenz“, kurz KI, bezeichnet wird, verschiebt diese Grenzen extrem durch eine scheinbar mühelose, verlustfreie und ständig bereitstehende Produktionsbereitschaft. Der Produktionsdruck erhöht sich bereits allein durch die inzwischen allgemeine Kenntnis von der Technologie, über die es heißt, sie könnte alles immer, schneller und besser. Denn wozu sich an Tageszeiten, menschlichen Grenzen und strukturellen Bedingungen orientieren, wenn etwas immer und überall von jedem gemacht werden kann? So ist ja im Grunde jede Konvention, jede Grenze obsolet – und hat ja eh auch immer hart genervt, wenn man nicht nur ableistisch, sondern auch ehrlich ist.

Auch was meine Grenzen bedingt sowie die grundlegende Motivation hinter meiner Arbeit bleiben vom Angebot, meine Arbeitsweise mit „KI“ zu ergänzen oder zu verändern, gänzlich ignoriert.
Wenn ich offensichtlich ineffiziente Arbeitsabläufe präferiere, dann ist das für viele nicht behinderte Menschen unverständlich oder schnell mit meiner Behinderung erklärt. Da gibt es die Annahme, ich wäre einfach nicht anpassungsfähig. Oder könnts halt einfach nicht. Da müsste irgendwie viel für mich angepasst werden oder extra sein.
Ob ich vielleicht einfach gerne jeden Schritt meiner Produktion selbst machen oder sehen möchte, weil es mir ein Genuss ist, verstehen in meiner Branche oft nur noch die älteren Menschen, die nie digitale oder mechanische Abkürzungen zur Verfügung hatten und ihre Arbeit einfach leidenschaftlich gerne gemacht haben. Ich scanne freudig stundenlang Dokumente. Ich klicke klaglos auch tage- und wochenlang Kästchen an. Es befriedigt mich enorm, aufzuräumen, zu sortieren, zu ordnen, mir Ordnungen auszudenken, zu kontrollieren und durchzusetzen, Effizienzstudien zu machen, Testreihen anzulegen, Abgleiche vorzunehmen, abzuzählen oder drei bis fünf immergleiche Handgriffe zu tun. Das sind alles Dinge, die überschaubar sind. Vorhersehbar. Und heutzutage nun leider auch weitgehend automatisierbar.
Aufgrund dieser Automatisierbarkeit verkommen Arbeiten dieser Art zu „nix“. Waren es mal „geringfügige Arbeiten“ oder „leichte Tätigkeiten“, sind sie inzwischen fast überall komplett im Aufgabenkatalog von Maschinen verschwunden. Für Menschen bleibt nur noch, was die Maschine nicht kann. Das betrifft häufig Sonderfälle, Ausnahmen und spezielle oder komplexe Konstellationen. Das wiederum führt dazu, dass Arbeit im technischen Service etwa extrem anspruchsvoll wird. Hat man vor wenigen Jahren noch primär dazu angeleitet, ein Gerät aus- und wieder einzuschalten, hat man es jetzt überwiegend mit Kund_innen zu tun, die anstrengende Probleme haben. Auch hier also ein Schauplatz, der mich als behinderte Person bei der Arbeitssuche betrifft.

In der Kunst und freien Arbeit in der Text- bzw. Buchbranche hingegen liegt der Wert für mich nicht im Produkt, sondern in der Produktion (mit anderen Menschen). Ich selbst mache auch noch die in den Augen anderer Menschen bekloppteste Kleinteil-Wurschtelarbeit in der Regel deshalb, weil ich mich selbst dabei fühlen kann, wie ich etwas tue, das etwas ist. Ich mag das Gefühl. Selbst dann, wenn mir dabei langweilig wird oder ich merke, dass ich damit jetzt nicht gerade die ganz großen Schrauben der Welt bewege. Solange ich nicht als Verbesserungstool einer Maschine benutzt oder ökonomisch als weniger wertvoll behandelt werde, bin ich zufrieden. Einfach, weil ich mich als ich selbst erleben kann, während ich in Kontakt mit anderen Menschen bin. Etwas, das für mich aufgrund meiner Behinderung einen extrem hohen Stellenwert hat. Ich bin nicht gut im sozialen Einblenden. Ich halte oberflächliches Geplänkel nicht lange durch. Ich verpasse soziale Hinweise, verletze manchmal unabsichtlich, irritiere praktisch immer mit irgendwas – all das rückt sehr in den Hintergrund, wenn ich mit Menschen zusammen an etwas arbeiten kann. Wenn unsere Kommunikationen einen gemeinsamen Bezugspunkt hat.

Diesen kommunikativen Aspekt von Produktion finde ich in allen Auseinandersetzungen mit „KI“ unterbeleuchtet und auch unterschätzt. Denn was bei der Erstellung KI-generierten Inhalten passiert, ist sowohl gewisse Abtrennung vom Selbst bei der Produktion als auch von anderen Menschen bei ihrer Anbahnung.
Benannt wird häufig, dass Menschen verdummen, wenn sie sich Wissen nicht mehr durch Selbst.Erfahrung aneignen, sondern stets kurzfristig leihen und ohne Anspruch auf Aneignung nutzen. Diese sogenannte Verdummung allein verhindert aber nicht, dass Menschen ein erfülltes Leben führen können.
Was aber dazu führt, ist Vereinzelung und die konstante Überschreitung natürlicher Grenzen. Die bei „digital verdummten“ Menschen immer enger werden, obwohl sie immer kompetenter erscheinen. Und zwar, weil sie nicht mehr kooperieren. Und die Lust dazu oder die Einsicht in die Sinnhaftigkeit dessen immer weiter abnimmt. „Ich kann was nicht, ich weiß was nicht – ich frag mal ChatGPT, bevor ich ein Gespräch oder Treffen mit jemandem anstoße, die_r es mir sagen, mir beibringen kann.“ – das ist der Pfad weg von anderen Menschen und zusätzlich auch von sich selbst. Über die Erkenntnis, dass man selbst ungenügend ist oder etwas weder weiß noch kann, hinaus passiert in der Person nur noch die Wahrnehmung des Unwillens, sich mit anderen Menschen dazu auszutauschen, (neu) zu lernen oder etwas dafür zu tun, dass Lernverhalten und soziale Kooperation stattfinden.
Die KI-gestützte Wissens- oder Kunst- oder Textproduktion funktioniert in diesen Fällen kompensierend. Nicht perfekt, aber besser als nichts – und alles, was man früher, in vordigitalen Zeiten, als selbstverständliche Arbeit verrichtet hat. Hauptsache, es ist was da. Das hilft enorm dabei, das Unwohlsein über die eigene Unzulänglichkeit oder Unfähigkeit zu überdecken.

In meiner Welt ist „Hauptsache, es ist was da“ das Stück, das mir zeigt, was ich kann, was ich noch lernen oder üben muss, aber auch, ob meine verfügbaren Ressourcen reichen. Es ist eine erste Markierung an dem, was ein Bezugspunkt werden kann. Es ist niemals genug, um als fertig eingeordnet zu werden. Oder eben: genug.
Ich verstehe, dass Menschen unterschiedliche Ansprüche an ihre Produkte und Werke haben. Nicht jedes Gebrauchsobjekt muss die Qualität eines Meisterstücks haben. Aber wenn der Anspruch so weit runtergeht, dass etwas nur aussehen oder wirken muss, als sei es ein Gebrauchsobjekt, dann ist das ein Problem. Dann verkennen wir den kommunikativen Wert der Dinge, die uns umgeben und Wirkung auf uns haben.
Teddy beschrieb zum Beispiel, dass er auch mal ein Bingo „mit KI“ generiert hat, weil er jemandem eine Freude machen wollte. Er konnte es schön machen, konnte jemandem auch eine Freude machen – aber Zeit und groß Gedanken oder Energie hat er nicht dafür aufgebracht. Das sind zwei einander widersprechende kommunikative Signale. „Ich mache gerne was für dich, du bist ja mein_e Freund_in“ einerseits und „Ich mache das nicht selbst, nicht investiert, nicht mit echter Aufmerksamkeit (Ich räume dem Akt keinen oder nur sehr wenig Platz neben meinen eigenen Interessen ein)“ andererseits.

Kommunikative Signale wirken immer. Vor allem, wenn wir sie einmal bewusst wahrgenommen haben.
Als Mensch im Kreativbetrieb und in der Textproduktion spüre ich aktuell hauptsächlich das Signal der Ablehnung und Abwertung. „Nein, dich frag’ ich nicht – ich frag’ die Maschine, die mir eine Antwort ohne Profession und ausgebildete Perspektive errechnet.“, „Mit dir red’ ich nicht – ich lass’ mir lieber was erzählen, das wie etwas wirkt, das jemand wie du sagen würde.“, „Ach, das, womit du Stunden verbringen würdest, bevor du es (aufgrund deiner Expertise und Fachkenntnis) für fertig hältst – ist mir 10 Minuten wert, weil ich es am Ende eh gar nicht weiter beachte und entsprechend eigentlich gar nicht wertschätze. (Ich will hier eigentlich nur verdecken, dass ich’s für unnötig halte.)“

Die Abwertung der Dinge und unserer Bezug nehmenden Kommunikation schreitet voran. Und damit wird uns KI meiner Ansicht nach töten.
Wer die starre Heuristik dem fluiden Prozess menschlichen Miteinanders vorzieht, wird über kurz oder lang nicht mehr angemessen auf Gefahren und Herausforderungen reagieren können, die über längere Zeit nicht eindeutig sind. Sei es, weil wir einander einfach zu lange vermitteln, dass weder wir einander wirklich wichtig sind, noch die Dinge, die wir einander geben und zeigen – oder sei es, weil es zu lange dauert, bis genug Menschen an den relevanten Stellen verstanden haben, dass Intelligenz wenig mit korrekter Faktenwiedergabe zu tun hat.
Ich spreche hier nicht davon, dass man verhindern muss, dass „der KI“ „zuviel“ Macht gegeben wird oder dass man sie nur als Werkzeug betrachten darf. Ich bin der Ansicht, dass wir besonders LLMs (also ChatGPT und ähnliche Apps und Komponenten) und Mediengeneratoren in ihrer Wirkung als Gegenspieler zu unserer zwischenmenschlichen Kommunikation begreifen müssen. Und entsprechend begrenzt einsetzen.

Da wir allerdings in der Endphase des Turbokapitalismus leben – und das auf einem Planeten, der diese Phase wahrscheinlich nicht auf eine Art überleben kann, die vereinbar ist mit dem menschlichen Leben – wird eine solche Entscheidung extrem erschwert.
Viele Menschen sind sogar überzeugt, man könne „der KI“ heute nicht mehr entkommen. Und bitte allein diese Formulierungen. „Wir kommen da nicht mehr drumrum“, „Wir können uns dem nicht entziehen“ – würden wir so über etwas sprechen, von dem wir das Gefühl haben, es wäre wirklich gut für uns?
Die für mich logische Reaktion auf solche Aussagen ist Alarmierung.
Doch gesamtgesellschaftlich sehe ich diese Reaktion nicht.
Ich sehe Besorgnis über den Ressourcenverbrauch der Datenzentren und ableistische Argumentation gegen die Nutzung. Aber Angst darüber, wie einverstanden die Menschen damit erscheinen, sich mit immer mehr Müll und langfristig unnützlichem Kram, eingebettet in eine nicht zur Kooperation und gegenseitigen Ver.Bindung führenden Kommunikation, zu umgeben – die sehe ich nicht.

Und das kann ich wirklich nicht verstehen. Wie können wir das nur zulassen? Liegt es daran, dass nicht-autistische, nicht behinderte Menschen so wenig Probleme damit haben, sozial passend zu kommunizieren? Ist da die Ansicht: „Och das kriegt man schon schnell genug wieder hin“? Was ist da los? Woher kommt dieses mir schlafwandlerisch anmutende Einverständnis in die gegenseitige Isolation für leere, lose, unnütze Müllproduktion?
Ich habe viele Ideen dazu, nicht alles, werde ich mir im Leben wohl erklären können.
Sicher bin ich mir aber darüber, dass Menschen an KI und ihren Folgen sterben werden, wenn sich das Nutzungs- und Anspruchsverhalten nicht verändert. Einfach, weil das schon jetzt passiert und im Hinblick auf das, was nötig ist, um KI bereitzustellen (Wasser, Strom, Hardware zum Beispiel), eine Frage der Zeit ist.
Es ist nur noch nicht klar, ob es uns irgendwann wirklich alle erwischt.

Überraschung

Überraschung ist eine Grundemotion, die ich erst im Zusammenhang mit der Autismusdiagnose näher erforscht habe. In meiner Traumatherapie ging es nie um Überraschung. Es ging um mein Kontrollbedürfnis, meine Ängste. Mein kompensierendes Vermeidungsverhalten. Überraschung und Schockerleben waren dabei nie Thema. Mir war selbst überhaupt nicht klar, dass ich Todesängste habe, wenn ich überrascht werde. Dass ich Überraschung vermeide, weil sie mir Angst macht. Dass ich Kontrollgefühle vor allem dafür brauche, um mit meiner Angst vor der Todesangst auf eine Art umzugehen, die unauffällig ist. Angepasst. Nicht peinlich. Sondern ruhig, rational, beherrscht, bewortbar. So, dass mich niemand verletzt.

Man kann Überraschung nicht vermeiden. Aber man kann die Wahrscheinlichkeit dafür absehen. Mustererkennung hilft dabei. Aktives Dauerscannen, traumareaktive Hypervigilanz. Katastrophisieren. Permanente Reaktionsbereitschaft. Hold-the-line-Modus, wann immer Quellen für Unvorhersehbares in der Nähe sind. Anderen Menschen mitteilen, dass man Überraschungen – auch die lieb gemeinten – nicht mag, nicht möchte, nicht schätzt.

*

Die Sonne schien. Die Wärme im Auto bildete eine Glocke um mich.
Ich faltete den Brief zusammen und versuchte, meinen Partner anzurufen. Keine Antwort. Bubi legte den Kopf auf die Rückbank und beobachtete das Treiben auf dem Parkplatz. Der Verlust meines Arbeitsplatzes, die Lüge der Vertrauten hinter der Ermutigung, mich um meine Gesundheit zu kümmern, schwemmte über mich hinweg. „Wusst ichs doch“, stand auf jedem Stachel, der sich aus meiner Panzerhaut schob, um alles Panische vom Jetzt abzutrennen.
Nach der Angst, die Härte. Der Haken aus Stahl, der die Unwürdigkeit jeder Form von Zutrauen und Glauben an die Aussagen anderer Menschen, bestätigt.
Als ich nach Hause fahre, kommt die Trauer. Die Trauer um eine Zukunft, um die ich seit Dezember ringe. Auch das also, kaputt. Kein Kind, kein Job, keine Kraft, keine Hoffnung.
Es hätte so anders werden sollen.
Auf dieses Ist bin ich nicht genug vorbereitet.

*

Überraschungen gehören zu dem, was ich als Alltagsterror empfinde. Sie sind der trauma-re.aktivierende Bestandteil meines Lebens mit anderen Menschen, mit dem ich am häufigsten konfrontiert werde. Nicht, weil Menschen nie tun, was ich sage oder will, sondern, weil Menschen für mich nicht eindeutig vorhersehbar tun, was sie sagen; sagen, was sie tun, und es meistens ein unausgesprochenes Rätsel ist, warum, wozu und welchem logischen Schluss folgend sie es tun oder sagen.
Und es ihnen egal ist.
Sie mich nicht trösten. Selten beruhigen. Die wenigsten sich die Arbeit machen, sich mir zu erklären. Nur manche nah genug an mich herantreten, um mich zum Teil ihres Er.Lebens zu  machen.

*

Mein Partner liest den Brief. Atmet ein und sagt: „Ja, scheiße.“
Ich weine, weil ich begreife, dass ich mich nicht verlesen oder in meiner negativen Annahme geirrt habe.

Sie haben mich angelogen. Alle.
Und weil ich ihnen geglaubt habe, wähnte ich mich in einer Sicherheit, die mir jetzt, ohne jede Vorbereitung, ohne jede Chance auf Widerrede, Beeinflussung oder Zugang zu Verständnis, genommen ist.

Ab jetzt er.lebe ich parallel. Gespalten. Gleichzeitig in unterschiedlichen Dimensionen.

*

Überraschung, Schock, ist ein zentrales Element vieler Traumatisierungen.
Wer überrascht wird, kann sich nicht selbstwirksam erleben. Es gibt kein Kontrollgefühl. Keine Sicherheit über die eigene Existenz.
Überraschung kann nur Spaß bereiten, wenn dieses Sicherheitsgefühl grundlegend da ist. Ich habe dieses Gefühl nie. Selbst dann nicht, wenn ich viel Kontrolle habe.
Jede Überraschung rührt direkt an ein Gefühl von realer Existenzbedrohung.
Und jedem Gefühl der Bedrohung folgt die Dissoziation.

*

Ich scanne den Brief und plane die Einberufung aller nötigen Helfer_innen.
Bahne ein Gespräch beim Verlag an.
Speichere die erste Stellensuche auf der Webseite der Arbeitsagentur.

Spüre, wie sie das letzte Jahr resümiert.
Beobachte, wie er versucht abzuschätzen, ob unsere Kraft für psychiatrische Krisenintervention und ihre erwartbar problematischen Folgen reicht.
Höre ihr beim Sprechen ins Mikrofon zu, während die Hände einer anderen vereinzelte Kröten aus Eimern hervorholt.
Registriere Kämpfe um Essen, Schlafen, Lebenswillen und ‑ziele. Notiere ihre Gewinner und Verlierer.

Als ich einen Tag früher als gedacht von meiner Menstruationsblutung überrascht werde, fühlt es sich an, als würde mir ein knöcherner Schalter im Inneren umgelegt werden.
Mein Partner sagt, es nutze nichts, wenn wir beide traurig seien. Ich spüre hinter mir alles zusammenbrechen und im Melt der letzten Tage versinken.

*

Die Blätter einer Rose sind als sogenannte „Fiederblätter“ angeordnet. Ein Fiederblatt besteht aus mehreren Einzelblättern und trägt so zu einer stabilen Form der Pflanze, aber auch ihrer Gesamtfläche zur Fotosynthese bei. Fällt eines ab, gibt es genug andere. Zum Überleben des Organismus braucht es nur eins. Im Winter nicht einmal das.

Draußen beginnt der Frühling.
Ich organisiere an einem Sommer für mich.
Gestalte Ideen und Pläne für mögliche Verläufe im Herbst.
Den Winter in mir drin, blende ich dabei aus.
Ich weiß, dass er von alleine endet.

*

Das Mismatch mit meiner Umwelt über Überraschungen verlangsamt meine Verarbeitungsmöglichkeiten. Um den Kontakt zu meinen Mitmenschen nicht zu verlieren, kann ich mich nicht auf die Überraschung konzentrieren, sondern muss mich auf das fokussieren, was sie mir anbieten.
Die überraschende Nachricht von meiner Kündigung bedeutet für sie, dass wir über Kündigung und Arbeit sprechen – nicht über die Überraschung. Den Verrat. Den erschreckenden Verlust des Sicherheitsgefühls. Die unerwartete Unmöglichkeit aller Pläne für die Zukunft, die zum Sicherheitsgefühl über die Gegenwart führten. Wir reden nicht über Angst. Meine Todesängste sind einfach undenkbar für sie. Und übertrieben, als ich sie andeute.

Ich kann mir nicht vorstellen, wie die Zukunft aussieht, weil ich nicht weiß, was dort möglich ist und was nicht. Man erwartet von mir ein Grundvertrauen in das Leben, das ich nicht habe. Ich kann nicht „einfach mal sehen“, „einfach mal abwarten, was sich ergibt“. Wenn ich nicht weiß, was ich sehen soll oder muss oder könnte, dann (vorher)sehe ich da nichts. Und wer nichts (vorher)sieht, kann von allem, was dann passiert, nur überrascht werden.

Das ist der absolute Horror.

klebriger Fokus

Und wieder sitze ich meiner Therapeutin gegenüber und esse.
Es ist 12 Uhr, wir wollen arbeiten, mein Treibstofftank ist leer.

Ich habs gewusst, ich hatte einen Timer und ein safe food dabei und hab’s trotzdem nicht gemacht. Mein Fokus hat noch an einer Aufgabe geklebt, die ich unterbrechen musste, um zu ihrer Praxis zu laufen. Der Timer ist an mir vorbeigeflogen. Ich weiß nicht, wie ich zur Praxis gekommen bin. Aber ich weiß, dass ich darauf geachtet habe, dass ich so pünktlich da sein würde, dass ich die Aufgabe noch zu Ende bringen konnte, damit ich vor der Therapie aufhören kann, daran zu denken.
Meine Therapeutin fragt, ob ich im Hyperfokus war. Ich verneine.
Das Wort finde ich ungünstig. Es legt eine Übertriebenheit nahe, eine Obsession, die ich nicht hatte und bewusst auch noch nie erlebt habe.

Ich verstehe meine Aufmerksamkeit als Folge einer Verklebung. Als „klebrigen Fokus“. Ich gehe durch die Welt und habe so etwas wie geistig adhäsionsfreudige Fäden, die sich an Themen, Dingen, Leuten, Stimmungen, Gefühlen, Gedanken, Geräuschen … allem Möglichen anheften, bis es fertig ist. Fertig erfasst, fertig verstanden, fertig verlaufen, abgeschlossen, vergangen. Ich kann nur bedingt steuern, woran sie sich anheften, und überhaupt nicht, wie lange. Und ziemlich sicher bin ich mir, dass meine Fadenklebrigkeit mitunter sehr viel stärker ist, als die vieler meiner Mitmenschen. Manchmal habe ich den Eindruck, sie hätten nur Post-it-Klebezettel-Klebrigkeit, während es bei mir die Art Leim ist, die man bei Fehlern innerhalb eines kleinen Zeitfensters zwar noch korrigieren kann, aber nicht ohne eine erhebliche Macke zu produzieren.
Bin ich stabil und gut drauf, hat dieser Leim etwas mehr Flexibilität – bin ich drauf wie im Moment, kann davon keine Rede sein.

Nach der Stunde denke ich weiter darüber nach.
Essen ist eine andere Aufgabe, als das, was ich noch fertig machen wollte. Und etwas anderes als Therapiearbeit. Sie hat mit weder mit dem einen noch dem anderen zu tun. Solche Wechsel bereiten mir immer Schwierigkeiten. Das sind die „Gleiswechsel“, von denen ich in „Starre unterscheiden“ geschrieben habe. Je komplexer die neue oder auffolgende Arbeit ist, desto schwerer ist so ein Wechsel für mich.
Und Essen ist ultrakomplex für mich. Da sind 28 Jahre Essstörungsmurks, diffus erinnerter Traumashit, Sensorik und Unverträglichkeiten mysteriöser Natur mit einem kaum vorhersehbaren Lauf der Dinge zusammenzubringen. Klar bringe ich für einen solchen Gleiswechsel tendenziell eher nicht die Kraft auf, meine Aufmerksamkeitsfäden von etwas anderem abzureißen – vor allem nicht, wenn die noch gar nicht „fertig sind“ und sich noch gar nicht von allein auf meine Körperwahrnehmung geheftet haben.

Ich denke aber auch an die Leute bei Instagram, die von einem Hyperfokus sprechen, wenn sie sich obsessiv zügellos rücksichtslos intensiv in Dinge einarbeiten. Und die paar Leute, die dazusagen, welchen Preis so ein Zustand hat, wenn man aufgrund einer Neurodivergenz dazu neigt. Und darüber, dass ein sogenannter Hyperfokus sich auch auf destruktive oder unsinnige, unproduktive, überhaupt nicht nützliche Dinge legen kann, die das gesamte Umfeld (über)belasten, habe ich bisher nur eine Person reden hören.

Dann kommen Erinnerungen an meine Eltern auf. Meine Mutter, die mir nicht glaubt, dass ich sie nicht gehört habe, weil mein Gehör in Ordnung ist. Mein Vater, der mich durch die Luft wirft und verprügelt, weil ich nicht gehört habe, dass er mir gesagt hat, was ich noch erledigen soll. Oder, weil ich etwas erst fertig machen wollte, bevor ich tat, was er wollte. Oder, weil es ihm zu lange gedauert hat, bis ich etwas so fertig hatte, dass ich selbst auch das Gefühl hatte, dass es fertig war. Oder, weil ich, während ich tat, was er mir aufgetragen hatte, nicht hörte, dass er oder meine Mutter oder andere Autoritätspersonen mit mir gesprochen haben.
Ich kann nicht wissen, wann ich früher immer dissoziiert habe und wann meine Kapazitäten zur Verarbeitung von Reiz-Input zu fragmentiert waren, weil „meine klebrigen Fäden“ ausschließlich auf einer Sache lagen. Aber ich finde es eine bemerkenswerte Redundanz in meinem Leben, dass auch mein Mann inzwischen aufgegeben hat, mich zu rufen, weil ich ihn einfach nicht höre, wenn ich nicht darauf eingestellt bin, ihn hören zu müssen.
Und, dass zu dieser Redundanz gehört, dass ich in diesen Momenten überhaupt gar nicht hyper bin, sondern einfach ich selbst. Entspannt, selbst.sicher, beschäftigt.

Ich nenne es „hold the line“, wenn ich weiß, dass ich spontan für alles Mögliche mit aufmerksam sein muss. Andere autistische Menschen nennen es „Servicemodus“. „Mom on the spectrum“ hatte zu dem Thema neulich einen Livestream bei YouTube. Dort wurde es als Überlebensstrategie besprochen.
Wenn ich im „hold the line“-Modus bin, dann ist es, als würde ich mit beiden Händen jeweils ein Büschel dieser klebrigen Fäden festhalten, auffächern und auf mögliche Ansprachequellen richten.
Das hat ganz eigene Konsequenzen. Meistens die, dass das, was ich eigentlich machen möchte, gar nicht richtig oder nur unter großer Anstrengung funktioniert. Vernünftig laufen, zielgerichtet und selbst.bewusst sprechen, feinmotorisch tätig sein, rechnen, Entfernungen abschätzen, mich örtlich zurechtfinden, sensorischen Input diskriminieren, andere Menschen sozial „lesen“, Dinge aus dem Kurzzeitgedächtnis abrufen, zum Beispiel. Wie auch – ich halte ja wichtige Kanäle belegt, über die ich den Datendown- und ‑upload meiner Lebensinteraktion erledige.

Polly Samuel hat das unter dem Namen Donna Williams schon 1996 in ihrem Buch „Autism, An Inside-Out Approach“ mit einer Metapher, ähnlich wie meine mit den klebrigen Fäden, beschrieben. Für sie war Autismus eine gemischte Tüte einander bedingender und beeinflussender Verarbeitungsprozesse. Sowohl sensorisch als auch psychisch und emotional. So betrachtet, war meine Lage nicht nur: „Ich hatte da ein Ding, das ich fertig haben wollte, und Essen vor dem Termin war keine Priorität.“
Sondern: Ich war in der Stadt, in der Bücherei, da darf man nicht essen. Dort war es ruhig genug, dass ich mit meinen Noise-Cancelling-Kopfhörern ohne Anstrengung meine Aufgabe machen konnte und auch den „Gleiswechsel“ in die nächste Aufgabe, nämlich den Weg zur Praxis, anstoßen konnte. Aber die Aufgabe war noch nicht fertig (meine klebrigen Fäden hatten sich noch nicht vollständig gelöst). Ein Büschel klebte noch daran, während ich mit dem Rest losmusste. Entsprechend fragmentiert war meine Wahrnehmung des Weges, entsprechend stressend waren Lärm, Leute, Umgebungsfaktoren wie Wind, Licht, Temperatur, Gerüche und Zeitdruck. Was wiederum mein Konzept über meinen Tagesablauf berührt hat. Ich wusste ja, warum ich die Aufgabe fertig haben wollte. Sie jetzt nicht passend fertig zu haben, bedeutete, dass ich mir nicht sicher darüber sein konnte, was nach der Therapiestunde passieren würde. Das bedeutete für mich noch mehr Stress und auch Angst, die reguliert werden muss. Dadurch stieg das Risiko, noch früher noch müder vom Tag zu werden als eingeplant und entsprechend noch viel mehr Stress zu erleben, weil die Verarbeitung des Inputs immer anstrengender und fragmentierter wird. Also noch mehr, wofür ich eigentlich „alle meine Fäden“ zur Kompensation brauchen würde.
Ich war in einem Verarbeitungsdelay und wusste, dass meine Möglichkeiten, das aufzuholen, an dem Tag sehr begrenzt waren. Und in all dem Stress und der aufbrandenden Angst zu essen, hätte meinen Delay, meinen „geistigen Stau“, nur eskaliert. Obwohl es Teil meines Tagesplans war, obwohl ich weiß, dass es wichtig ist, obwohl ich weiß, dass Therapiearbeit ohne Energie eher belastend als hilfreich ist.

Gleichzeitig, war es keine bewusste Entscheidung von mir, das Essen auszulassen. Vielmehr wurde die Handlungskette fragmentiert und der Punkt „Essen“ wurde zu einer Information mit unvollständigem Bezug. Genauso wie der Timer, der mich zum Essen prompten sollte. Ich konnte damit nichts anfangen. Ich habe ihn wahrgenommen, habe gewusst, dass es wichtig ist – aber wofür, wieso und wann und wie ich das umsetzen muss/kann/soll/darf, war für mich nicht mehr beisammen. Die Sache, die ich noch fertig machen wollte, und der nächste Termin hingegen waren mir noch klar. Also habe ich sie weiterverfolgt.
An der Stelle finde ich außerdem noch wichtig zu erwähnen, dass ich innerlich keinen Konflikt hatte. Keine traumapanischen Inneren, keine strengen Antreiber*innen, keine überhungrigen Kinder. Ich habe mich nicht gegen den Hunger gezwungen oder war eingenommen von Katastrophenszenarien, die passieren könnten, würde ich das nicht fertig machen. Ich habe nur gedacht: „Boah nee, ich will nicht an diese Aufgabe denken, wenn ich in der Therapiestunde sitze, und ich habe heute einen ganzen Tag im ‚hold the line‘-Modus, ich kann nicht noch mehr davon abgeben (ohne Anlass zu tatsächlich begründeten Ängsten vor Katastrophen aller Art zu geben).“

Den inneren Konflikt hatte ich erst, als ich im Therapiesetting und bei mir selbst ankam. Die Aufgabe fertig war, der Termin lief und der Tag für mich geistig wieder in überschaubare Ordnung zusammenrückte. Da kam das Hungergefühl wie eine Abrissbirne, während ich eigentlich etwas anderes zu tun hatte.
Und jemand anderes auch. Meine Therapeutin nämlich. – Sowas stresst und ängstigt mich unheimlich tief. Da kommen die Kinderängste raus, die brettharten Bestimmer*innen, der Druck, der Zwang, die Not, die Wirrheit, weil sich keine mögliche Lösung aus mir selbst heraus wirklich sicher anfühlt. Dann wird gekreiselt, gehasst, gekämpft, gequält, gelitten und ich fühle mich dem immer noch schneller ausgeliefert als lösungserfahren kompetent. Obwohl ich schon öfter (immer in Krisenzeiten) wenige Minuten nach Beginn der Stunde essen, trinken, zur Toilette gehen, unbequeme Sachen umziehen oder herausfordernde Momente auf dem Weg zur Praxis besprechen musste. Meine Therapeutin hat mir immer vermittelt, dass das in Ordnung ist, weil auch das dazu beiträgt, dass die Arbeit hilfreich ist.
Doch auch in diesen Momenten greift die Adhäsionsfreudigkeit meiner Geistesfäden. Die liegen im Therapietermin überwiegend auf dem Thema der Stunde, nicht beim Ankommen im Kontakt zu meiner Therapeutin, die erst einmal meinen aktuellen Zustand abfragt. Also muss ich wieder Fäden abreißen … die nächste Wolke fragmentierter Informationen verarbeiten … hinnehmen, dass auch das Thema der Stunde in Teilen oder komplett fragmentiert, bei mir ankommt … hoffen, dass ich in der Folge genug Ruhe habe, zu prozessieren … und gleichzeitig wissen, dass ich diese Ruhe immer nur dann habe, wenn ich ganz mit mir allein bin. Ohne „meine Fäden“ zu kontrollieren.

Wenn meine Therapeutin mir eine gute Erfahrung ermöglicht, passiert das meistens schon in einem Moment, in dem ich fragmentiert wahrnehme und innerlich kampfkreisle. Dann kann es sein, dass ich höre und kapiere: „Okay, ich kann hier essen“, aber alles andere, was zu einer Sicherheitserfahrung gehört, ist unter Umständen noch gar nicht bei mir angekommen, sondern sickert in Momenten wie diesem hier, wenn ich davon schreibe (allein und abgeschirmt in meinem Büro), nach. In der Situation bin ich nicht dazu fähig, einzuschätzen, in was für einer Lage ich gerade bin. Welche Emotionen in mir wirken. Ob ich gerne da bin oder nicht. Ob mir schmeckt, was ich esse. Obwohl ich räumlich und zeitlich absolut orientiert bin. Was mir dann klar ist, mache ich bis es fertig ist. Und dann geht es weiter mit dem einen nächsten Ding.

„Ach Frau Rosenblatt, wo fangen wir denn da an?“, hat meine Therapeutin in der Stunde an einer Stelle geseufzt, an der ich sie ein wenig in diese Dynamik habe blicken lassen. Stellt sich raus, dass ich tatsächlich mit komplexen Abläufen arbeite, erheblichen mental load in meinen sozialen Kontakten jongliere und die Folgen meiner Traumatisierungen das alles sehr stark stören und immer behindern.
Egal, wo man da anfängt, ist es komplex und schwer.
Aber um ehrlich zu sein, bin ich im Moment auch froh, dass meine aktuelle Krise meine Kompensation so sichtbar macht. Es ist heute viel leichter für mich, mit meiner Therapeutin darüber zu sprechen. Es ist mir trotzdem noch peinlich, vor ihr zu essen oder zuzugeben, an was für basalen Stellen ich gerade nicht gut zurechtkomme. Aber es ist leichter für mich, meine geistigen Fäden von diesen Gefühlen und Ängsten abzutrennen, bevor sich alle gleichzeitig drauflegen und gar nichts mehr bei mir ankommen kann.