so ist das Jetzt

Einen letzten Blick werfe ich noch ins tiny Einsiedel und lasse ihn wieder raushuschen, bevor ich die Tür verschließe. Zwei Wochen sind um, jetzt geht es nach Hause. Es ist kurz vor 6 Uhr morgens, die Luft feucht und kühl. Die Schafe verabschieden mich nicht, sie knuspern irgendwo in der Wiese. Der Hahn kräht mir nach, der Fahrtwind greift nach meinen nun kurzen Haaren.
Ob ich denn bald mal wieder was blogge, hat mich jemand gefragt. Und ob es bald wieder eine neue Podcastfolge gibt, vor zwei Wochen.

Das hat mich berührt. Und kurz gedrückt. Denn nach Podcastfolgen wurde schon gefragt, wenn mal was ausfiel oder nicht im Monatsrhythmus kam. Aber nach mir, uns, dem Schreiben noch nie. Ein kleiner warmer Punkt. Die Frage, das Gefühl. Jemand er.wartet.
Ein kleiner Flash trifft mich, als ich mich durch eine Baustelle schlängle, vorbei an einem schlafenden Bagger im Sandbett neben einem Materialhaufen. Ich werde erwartet. Vom Partner. Zu Hause, woanders. Wo mein Krempel ist, mein Dreck, die kleine Kammer, die ich neulich zum Aufnahmeraum umgestaltet habe. Da gibt es einen Ort, zu dem ich nach Hause komme. Der kleine warme Punkt schmilzt einen großen kalten an, ich fliege einen Hügel runter und habe weiße Knöchel vom Festhalten. So ist das Jetzt also.

Ich habe mein Manuskript fertig und bin sehr zufrieden. Es ist der dritte Anlauf gewesen; weniger persönlich, viel authentischer. Ein Widerspruch an der Oberfläche; ein Witz, wenn meine Einleitung so bleibt, wie jetzt. Ich bin jeden Tag mit dem Fahrrad gefahren, außer ein Mal, da hats geregnet und ich war müde vom Denken und Fühlen in Wörtern.
Jetzt beginnt die Bearbeitungsphase. Ein Lektorat, der Einband, die Werbetexte, vielleicht muss ich Zuschüsse einwerben, um die Druckkosten zu decken. Auch lustig, wie ich bei der Arbeit aus der Projektbetreuung ausgestiegen bin, weil es mir zu viel wurde und nun mein eigenes Projekt betreue. Typisch.

Ich bin froh um mein Arbeitsuniversum. Meine Möglichkeiten zum Eskapismus. Denn auf Twitter gehts um die schlimmen Dinge. Die Pandemie, die niemand mehr ernst nimmt und die Pandemie, von der noch zu viele glauben, sie komme nicht. Eine terf, der eine Bühne für ihre menschenfeindliche Drecksscheiße geboten wird, weil man immer noch nicht kapiert hat, dass „cancel culture“ eine Unterstellung mit bösartigen Absichten ist. Aus den USA kommt eine Horrornachricht nach der anderen, seit in vielen Staaten der selbstbestimmte Schwangerschaftsabbruch und Bildung über sexuelle Vielfalt praktisch verboten und die medizinische Versorgung von trans* Personen massiv begrenzt unterlassen wird. Dystopisch, denke ich jeden Tag mindestens ein Mal. Realität, weiß ich, in anderen Ländern auf anderen Kontinenten. Ich lese, wem alles in Hass begegnet wird, kann der Gewalt nie ein Gegengewicht sein, versuche es natürlich doch.

Ich fahre durch den Grünstreifen, alles ist vertrocknet und glänzt doch im Morgentau. Wir werden alle sterben, denke ich. Vielleicht an einem Sommer mit durchgehend 43 °C oder Durst. Ich halte an, puhle meine plastikfreie Edelstahlflasche aus der Stofftasche auf meinem Rücken und trinke das teuer entkalkte und aufbereitete Trinkwasser aus dem Hahn des Hauses neben dem tiny Einsiedel. Einschrumpeln wie Apfelringe werden wir; der Planet wird unser Dörrofen, die Erdatmosphäre unsere Frischeverpackung, hmmmmm.

Am Bahnhof flattern noch Partyreste umher. Der Bäcker hat noch zu, der Bahnsteig ist voll. Querdödel machen Querdödel-Scheiß, ich bin zu erschöpft für Blutdruck darüber. Bescheuerte, dämliche Kackwichser bekloppte, denke ich. Dreckspisser, Arschlöcher, miese ignorante …
Mein Zug fährt ein, ich setze mich hin, spüre dem Gewicht meines Rucksacks auf dem Schoß nach. Erst mal nach Hause, denke ich. Da wartet mehr auf mich. Wichtigeres. Schöneres.
Warmes.

 

der Himmel ist über den Lebenden

Der Himmel beginnt, wo die Erde aufhört. Kannst du das fühlen?
Wie deine Füße die Erde berühren, aber nicht die Erde sind.
Wo du dich mit dem Planeten verbindest, ohne ein Teil von ihm zu werden.
Wie leicht es ist, den Kontakt herzustellen.
Du musst nichts Besonderes machen, merkst du das?
Fühl mal, wie das einfach passiert.“

Ich höre ihnen zu. Spüre, wie sie spüren. Wie sie sich der Welt versichern und ineinander halten. „Sie sind frei beweglich“, das hat die Therapeutin stark betont. Ich bin steif und wund. Sitze im Zug nach Hause von einer Stunde, die so schlimm entgleist ist, wie lange nicht mehr. Ich habe keine Angst mehr, aber die Angst hat mich. Schrille Todesangst. So hochfrequent, dass sie kein heftiger Ausschlag ist, keinen Krater schlagend in mir wirkt, sondern wie eine gleißende Schnur alles durchdringt. Alle Energie ist in der Angst. Da ist nichts mehr übrig, um zu sagen: Ich habe Angst. Nichts mehr, um zu weinen, nach jemandem zu greifen, die Augen zu öffnen und Trost in der Omnipräsenz des Himmels und der Schwerkraft zu finden.

Es ist vorbei, sage ich mir am ersten Bahnsteig. Die Therapie. Ich stecke meine Nase in eine der Bäckertüten. Der süße Duft des Brotes krabbelt in mich hinein, bis ich nicht mehr einatmen kann. Als zwei junge Menschen auf mich zukommen, greife ich nach meiner Maske. Fühle die Scham, wie einen Sog in die Tiefe. „Do you speak English?“ Ich nicke und werde zum Streckengeleit. Sie kommen aus der Ukraine. Wollen nach Bremen. Die Bahn hat viele Baustellen und Verspätungen. Wir setzen uns zusammen. Sie sind tief müde, ich blute aus Wunden, die niemand sehen kann, der Zug fährt durch den Sonnenschein.

Auf der letzten Etappe wird eine 3G-Kontrolle angekündigt. Ich frage die beiden Menschen, ob sie die Corona Warnapp kennen, ob sie einen Test gemacht haben oder einen Impfnachweis besitzen. Nein, nein, nein, scheiße. Sie sind Schwarze Menschen. Die Angst, die bei den Worten „checking your verification“ in ihnen hochkriecht, ist ein Sturm, der nur von ihrer Haut bedeckt wird. Ich sage, dass meine Station gleich kommt, dass ich aber bleiben kann, wenn sie meine Unterstützung in der Situation wollen. Sie sagen ja, ich bleibe. Warte. Schreibe an meine Kolleg_innen, ob sie wissen, ob geflüchtete Menschen 3G erfüllen müssen, um zu einer Unterkunft zu kommen. Schreibe dem Partner. Warte. Die Unruhe zieht mich leer, bis ich ins Handeln falle.
Ich laufe den Kontrolleuren in die falsche Richtung entgegen. Der Krach im Zug ist wie ein Meer ohne Oberfläche. Als ich zurückkomme, palavert ein Coronaclown unsinniges Zeug mit einem anderen Coronaclown. Zum ersten Mal seit Pandemiebeginn ist mir so jemand in meiner Umgebung nützlich, denn sie werden sich nicht beschweren, wenn zwei Leute neben ihnen möglicherweise nicht geimpft oder getestet sind.

Und dann läuft alles ganz unspektakulär. Der Kontrolleur schickt seine Sicherheitsleute weiter und sagt mir, dass er eine Ausnahme macht, bevor er, ohne das Wort an die beiden Leute zu richten, weitergeht. Ich übersetze, teile meine Nummer und die Masken, die ich heute nicht mehr brauche. Wir trennen uns an meiner Station, ich wünsche ihnen alles Gute, ohne jede Vorstellung, was das sein könnte.

„Der Himmel ist alles, was du fühlen kannst, wenn du einfach so dastehst.“
„Sterben wir alle?“
„Ja. Und jetzt leben wir, merkst du das?
Der Himmel ist über den Lebenden.“

weglaufen

Die quadratischen Wegplatten, die Seite an Seite den Weg in ein Besser, Schöner, Richtiger pflastern könnten, liegen schief. Schwimmen in Zeitlupe auf der Erde, verschieben sich wie tektonische Platten. Formen Pfade, zu eckig für schöne Schlängel, in deren Kurven man schneller werden könnte.
Ihre Füße stecken in Schuhen, die genau auf die Steine passen. Wie eine Maschine, ein Panzer vielleicht, könnte sie Halt finden und gehen. Weggehen. Nicht: Rennen wie ein waidwundes Reh. Panisch. Von Schmerz gesteuert, von Todesangst getrieben. Nicht, wie sie über 4 Spuren Bundesstraße rennt, für eine Stunde Ruhe inmitten von Autolärm, sondern einfach nur gehen. Geradeaus. Woanders hin. Um laufen zu lernen.

Sie fällt daran auseinander. An der Arbeit, die es macht, sich die Platten geradezurücken. Die Pfade zu finden und abzulaufen, die Anstrengung nicht zu zeigen, nicht zu fühlen, zu akzeptieren als diesem Leben zugehörig wie Atmen. An der Überzeugung herein.fallen zu können, würde sie es versuchen. Sie könnte fallen, auf dem Rücken landen und er wüsste es. Dann wäre es aus.

Sie belächeln, wie sie von der obersten Treppenstufe aufs Rad klettert. Sie kennt sie nicht, spürt nichts. Fährt los. Weg. Jeden Tag fährt sie weg. Und kommt immer wieder zurück. Denn es heißt ja „von zu Hause weglaufen„.

Fundstücke #77

Da war dieser Post, in dem aufgeklärt wurde. Wieder einmal dachte ich: Das ist übergriffig. Deine Aufklärung hier, die ist gewaltvoll.
Und scrollte weiter. Wie ein Passant, der nicht in eine Schlägerei eingreift, nicht beisteht, namenloser Zeuge bleibt.

Ich kläre nicht auf. Glaube nicht an Unwissenheit als Grund für falsches Verhalten und problematische Meinungen. Jedenfalls nicht so sehr wie ich an Unbewusstsein über Zusammenhänge und daran, dass man bestimmte Sachverhalte nicht in ihren Zusammenhängen verstanden und in sich integriert hat, glaube.

Ich glaube ans Lernen. Nicht an Bildung.
Und ich merke, dass es genau das ist, was mich immer weiter scrollen, weiter mein eigenes Ding machen, weiter irgendwie nicht in eine Reihe stellen lässt mit Menschen, die meine Themen haben.

 

Beweise

Beweise.
Heiliger Gral in einer Welt, in der die Anklage einem Urteil gleicht.
In dieser Welt kann man von Beweisen so schwer geschädigt werden, dass das eigene Leben keinen Sinn, weil keinen Wert mehr zu haben scheint. Einen Beweis zu erlangen, kann die Suche nach der einen alles oder jemand vernichtenden Waffe werden. Er ist damit immer auch Werkzeug der Gewalt, obwohl selbst nichts weiter als Gegenstand der Deutung.

In der Wissenschaft wird nicht bewiesen, in der Wissenschaft werden Theorien belegt oder widerlegt.
Dies nicht zu anzuerkennen, nicht zu respektieren – ja, nicht einmal anzunehmen, ist der erste Schritt die Gewalt des einen Systems auf ein anderes zu übertragen.

Beweise haben nichts mit der Wahrheit zu tun.

Fundstücke #73

WhatsApp auf, “Entschuldige dich, Arschloch”, löschen, schließen. Augen zu. Atmen. Zittern. Vor Angst vor Wut vor dem Kontrollverlust, den ich entlang meiner Knochen von mir weggieße. Heiß glühend, weiß, bis alles wieder starr und steif ist.  Ich schließe die Tür zu meinem Büro, kühle mich mit Tränen ab, die hinter meinen Augen bleiben.

“Andererseits – für so einen kleinen Zettel mal eben 200€ kriegen. Andere arbeiten dafür einen halben Tag.” Wichser Arschloch verpiss dich aus meinem Leben Was bist du für ne miese Sau ich box dir die Fresse weich

Ich bin geblieben. Kontrolliert. Sachlich. Konnte nicht deutlicher sagen, dass es nicht vergleichbar ist. Weil: offensichtlich war es das ja doch. Einen Folgeantrag an den Fonds sexueller Missbrauch zu schreiben und ein halber Arbeitstag. Fuck you shithead. Fuck you very much. Du hast keine Ahnung.

Du hast sowas von keine Ahnung.

 

 

Und warum hab ich überhaupt was davon gesagt.

Fundstücke #72

Woche 8 nach dem Umzug, ich durchsuche die Kartons auf denen “Unterlagen” steht. In Niedersachsen braucht es einen Sachkundenachweis, ich habe den bereits erbracht. Vor 11 Jahren oder so, bei einem Tierarzt, den ich zuletzt vor … hm … 5 Jahren aufgesucht habe?
In der Praxis findet man mich nicht mehr, sie können mir den Beweiszettel nicht nochmal zukommen lassen. Uff.

Aber ey – 11 Jahre, wer hebt schon 11 Jahre irgendwelche Quatschzettel auf? – sprachs und wühlte sich durch bald 20 Jahre alte Klinik- und Jugendhilfeberichte la li la

Zwei Boxen fallen mir in die Hände. Die eine voller Kleinigkeiten mit dem alten Namen drauf. Schülerausweis, Schwebi-Ausweis, ein Stück von dem Handtuch. Mir kommt es vor wie ein creepy Totenschrein, aber ich weiß auch, dass es das nicht ist. Irgendjemand lebt da drin, muss noch da drin bleiben. Im Dunkeln, allein, sicher vor Heute, Hier und mir. Der übliche Vieleshit, wenn man so will, aber ich bin ja grad nicht Viele. Das legt sich wie eine zweite Schutzhaut um mich drum, nichts von all diesem staubigen, grauen Schrunz kann mich wirklich anfassen.
Es ist alles wie doppelt und dreifach fern. Vor allem die zweite Box.

Hier ein Zertifikat über irgendein Handywerksdings – ach ja ach ja die Handwerksphase, dachts und fühlte wie ein erinnertes Geräusch versucht, sich durch den Kopf zu fressen. Nothing to see here la li la

Diese bescheuerte Rumgetänzel, dieses dumpfe Sichselbstverweigern dummdummdudumm du dumm dumm dumm

Ich finde den Zettel nicht, denke darüber nach, ob und wie wir weiter ausräumen, einräumen, Möbel bauen wollen. Wir. Denn da ist es eben doch. Die Wahrheit über mich. Dieses beschissene Vielesein. Ich kann mich denken hier und jetzt, aber wie ich etwas tue, das über Augen zu und lalala hinausgeht, beinhaltet die Anderen wie die Luft in meinen Lungen.
Die Anderen und ihren Scheiß.
Ihren g’ttverdammten Traumascheiß.

Fundstücke #71

“Das Kind hat überlebt”,  hatte die Therapeutin gesagt. Montag. In unserer Therapiestunde.
Erst später kam das bei mir an. Also, so richtig.

Und jetzt fällt mir immer mehr auf, wie selbstverständlich in mir ist, dass die Gewalterfahrungen der anderen in einem eigenen Leben, einer eigenen Zeit stattgefunden haben und irgendwie immer an dem Punkt der völligen Zerstörung bzw. Dissoziation geendet haben. Haben müssen, denn alles Danach bin ja ich, sind wir, die Rosenblätter.
Obwohl wir erst Jahre nach ihnen da waren.

Wieder so ein Widerspruch, von dem ich spüre, dass er irgendetwas in mir machen sollte, aber nicht tut.