der Thread zur #PluralAcceptanceWeek 2020

Disclaimer: Die #PluralAcceptanceWeek ist eine Awarenessveranstaltung von „Plurals“ für „Plurals“, wobei als „Plural“ definiert wird, wer sich als Mehrere/Viele erlebt. Das meint Menschen mit dissoziativer Identitätsstörung aber auch Menschen mit z. B. Ego States o. Ä. und Menschen, die sich selbst mehr oder weniger absichtlich zu Vielen machen oder gemacht wurden, als sie erwachsen waren. Etwa durch intensives Rollenspiel, Drogenkonsum oder Konditionierung. Die Abgrenzung dazu ist uns wichtig. Es gibt dazu einige Debatten und viele Streite, von denen manche in Foren, Blogs, Twitterthreads und Facebookposts nachzulesen sind. Wir persönlich lehnen es ab, „selbstgemachtes“ Vielesein mit unserem traumabedingt entwickeltem Vielesein gleichzusetzen und zu akzeptieren. Wer dazu forschen will: Die Schlagworte sind „Tulpas“ und „endogenic Systems“.

Zur Webseite der Plural Awareness Week: pluralevents.org


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Für alle, die hier neu sind, „Ein Blog von Vielen“ und das Podcast „Viele-Sein“ noch nicht kennen oder nie Zeit haben, mal da reinzulesen/hören, hier ein Kurzabriss zu uns. Wir sind eine nicht binäre Person und verwenden sowohl Plural als auch Singular-Pronomen zum Namen „Hannah“. Wir sind 34 Jahre alt und gehen seit bald 18 Jahren mit der Diagnose der dissoziativen Identitätsstörung um. Ja – richtig gerechnet – seit wir 16 Jahre alt sind.
DIS war nicht unsere erste Diagnose. Wir waren erst als allgemein anpassungsgestört, dann als persönlichkeitsgestört
dann als schizoid, dann als mutistisch, dann als Borderline Syndrom-erkrankt, dann wieder als schizophren, irgendwann immer auch als depressiv und (akut) suizidal diagnostiziert. Bis wir 16 waren, hatten wir x verschiedene Einrichtungen, Therapeut_innen, Psycholog_innen „durch“. Die DIS-Diagnose war dann erst einmal nichts, worauf wir uns einlassen konnten und wollten. „Aha, jetzt also multiple Persönlichkeit ja geil schönen Dank!“

Wobei wir das so ausformuliert nicht gedacht haben, weil wir von dem ganzen popkulturellen Ding um „multiple Persönlichkeiten“ und den Verschwörungskladderadatsch noch nichts wussten. Aber wir wussten, dass mit der Diagnose auch ein Zerstörungsgrad kommuniziert wird und das passte nicht zu dem, wie wir uns wahrnahmen. An dieser Stelle beginnt unser eigentlicher Thread zur #PluralAcceptanceWeek.

Wie fühlte sich unser Vielesein damals für uns an und wie heute?

Antwort: Gar nicht eigentlich. Für uns gab es nie eine Zeit, in der niemand anderes auch in unserem Leben mitgemischt hat. Da war immer jemand, die_r mit_reagiert, mit_fühlt, mit_denkt, Infos teilt, abfragt … fremd und vertraut nah ist. Wir bemerk(t)en nicht jede Amnesie, konnten uns nicht als widersprüchlich (handelnd, Aussagen treffend) reflektieren und einen Hauch unserer posttraumatischen Belastungssymptomatik, haben wir eigentlich immer nur auf der Intensivstation oder einer geschlossenen Psychiatriestation nach einem Suizidversuch gespürt.
Wir sind nie mit den Armen in der Luft im Kreis gerannt und waren ganz aus dem Häuschen, dass da irgendwelche Anderen sind und dass die ganz anders sind als wir einzelnen jeweils. Gleichzeitig hat es uns total erschüttert, dass Äußere uns sehen und erkennen konnten. Und mit „erschüttert“ meine ich hier „traumatisiert“.
Wir haben uns seziert und mikroskopiert gefühlt, empfanden viele Grenzen übertreten, jedweder Privatheit im eigenen Sein beraubt und als Allgemeingut der Klinik behandelt. Wir konnten uns entsprechend gar nicht akzeptieren – wir gehörten ja gar nicht uns und sollten so wie wir sind ja gar nicht bleiben, sondern „Eine“ werden und alle da (in der Klinik damals) würden dafür sorgen. Vielleicht kriegt ihr grad eine Ahnung, was für ein Horror die 1,5 Jahre dort für uns waren. Was für ein Trauma.

Mit unserer Volljähigkeit endete der Klapse-Einrichtungskreisel und das hat bei der Akzeptanz der Diagnose und uns selbst als Viele extrem geholfen. Wir konnten unreglementiert Medien konsumieren und endlich auch das Internet nutzen. So kamen wir zu erklärten Fachartikeln,zu Berichten anderer Viele, zu Foren, zu Mailinglisten (wisst ihr noch – hach damals…) und zu Menschen, die schon viel mehr über sich verstanden haben. Wir mochten viel davon nicht und das war auch total hilfreich, denn etwas nicht zu mögen ist ja schon mal mehr als das Nichts, das man fühlt, wenn man praktisch durchgehend dissoziiert. So haben wir früh abgelehnt uns als „Multi“ oder klassisch „multiple Persönlichkeit“ zu bezeichnen. Wir sind einfach nicht „mehrfach“, sondern mehrere. Unterschied. Wir lehnen es auch ab, über uns zu sagen, wir wären entstanden, weil wir die Gewalt unserer Kindheit, Jugend und frühen Erwachsenheit nicht anders ertragen hätten. Wir haben sie ertragen müssen, egal, ob wir Viele geworden wären oder nicht. Es ist nie eine Wahl gewesen.

In dem Buch, das wir gerade schreiben, bezeichnen wir unser Vielesein als traumabedingte Entwicklungsstörung. Man weiß heute, dass Persönlichkeit nicht angeboren ist, sondern entwickelt wird und das von vielen äußeren wie inneren Faktoren abhängig ist, damit ein kongruentes Ich-Erleben daraus wird. Wir waren vermutlich schon als Kleinkind Viele, weil wir bereits in dem Alter dem toxischen Stress ausgeliefert waren, der ein Trauma auszeichnet. Wir haben keinen unzerstörten Persönlichkeitskern, weil wir nie irgendeinen Kern haben entwickeln können. Das ist der für uns über die Diagnose kommunizierte Zerstörungsgrad.
Stell dir mal vor, wie das ist, wenn du rausfindest, dass dir ein wesentliches Merkmal der menschlichen Existenz im Grunde fehlt bzw. bei dir nicht „richtig“ entwickelt ist. Wer würde das einfach akzeptieren? Wir waren von all dem maximal überfordert und haben immer wieder nur Psychologie und Psychiatrie als Anlaufstellen dafür gehabt – mit aller Konsequenz für die Klaps-Trauma-Verwicklungen, die sich daraus ergeben. Ein Grund, weshalb wir Peer-to-Peer-Konzepte so wichtig finden.
Wir haben 2007 zuletzt die Gewalt erfahren, mit der wir aufwachsen mussten. Mit dem Ende der Gewalt begann für uns die eigentliche Symptomatik. Flashbacks, somatoforme Dissoziation, Funktionsausfälle, mehr und mehr Bewusstsein für biografische wie Alltagsamnesien und die Unkontrollierbarkeit von Wechseln zu Innens, die sich und damit unser aller Körper schädigen, plötzliche Angstattacken, Essstörungen, eine Palette an Vermeidungstänzen, die unfassbar energieintensiv war… Wir mussten erst einmal akzeptieren, dass das alles da war, weil wir Viele sind und nicht, weil wir viele Probleme haben. Und darüber entwickelte sich dann langsam mehr Diagnoseakzeptanz. Unsere damalige Therapeutin hat sich als Brücke angeboten. Wenn ihr X etwas über sich erzählt, hat sie es Y erzählt und Y hat es für alle aufgeschrieben. Das haben wir so lange gemacht, bis wir das nicht mehr wollten, weil wir uns von der Therapeutin nicht abhängig machen wollten. Wir haben Wege gefunden, uns selbst Brücken zu bauen. Das Blog von Vielen ist dabei die einzige, die wir konsistent erhalten haben bis heute.

Psychisches Leiden wird in unserer Gesellschaft extrem individualisiert. Sich mit dem Vielesein auseinander zu setzen wird häufig auch als individueller Prozess gesehen, der ausschließlich etwas mit einem_einer selbst zu tun hat. Für uns war und ist bis heute aber wichtig zu sehen, dass wir aufgrund unserer gewaltkulturell geprägten Gesellschaft Viele geworden sind. Es braucht nicht nur die von Täter_innen ausgeübte Gewalt, um Viele zu werden – es gibt die Ebene derer, die nicht geholfen, nicht getröstet, nicht geschützt haben und auch die sind in uns eingeschrieben, als „Innens“, wie wir uns Innere nennen. Andere nennen sich „Innenpersonen“, „Anteile“ oder „Alters“. Wir sind also gezwungen, auch diese Ebene in uns zu akzeptieren, wollen wir uns als Ganzes akzeptieren – obwohl sie außen als maximal inakzeptabel gilt.
Hier komme ich an den Kern unserer Akzeptanzproblematik. Wir sind bereit uns selbst zu akzeptieren, wie wir sind. Seit 2015 sind wir auch mit ASS (Autismus-Spektrum-Störung) diagnostiziert. Ab da wurde _so viel_ für uns besser und begreifbar, weil wir mit einem anderen Modell konfrontiert wurden. Nämlich dem der Neurodiversität. Manche Gehirne können so, manche so. Kurz gesagt. Sehr kurz. Sorry.
Wir ordnen unser autistisches Vielesein heute als Entwicklungsergebnis ein, wie unsere Körperhöhe, unsere Haarfarbe, unsere Gewebestruktur.
Wir sind halt so und nicht anders. Und ja, wir könnten enorm viel Energie aufbringen und uns auf die Ursache dieser Entwicklung konzentrieren, aber das kann und darf niemals ein individueller Akzeptanzprozess sein! Wir weigern uns, uns selbst darzustellen als Verkörperung der Gewalt. Wir verkörpern uns. Unser Leben, unsere Entwicklungsmöglichkeiten nach der Gewalt und das zu akzeptieren ist für uns eine völlig andere Kiste. Viel logischer, viel eindeutiger.
Wir kämpfen nicht mehr darum, von anderen Menschen als Viele akzeptiert zu werden, sondern als Mensch und merken: Das ist der viel krassere Kampf, denn der Umgang unter Menschen ist weitaus häufiger entmenschlichend (und gewaltvoll) als sie es bemerken.
Wir merken: Unsere Dissoziation trennt nur uns voneinander – die Dissoziation, die diese Gesellschaft als Menschen voneinander trennt ist viel viel tiefer, viel viel schlimmer und noch viel viel weniger als Fakt akzeptiert, als wir es uns je angetan haben.

Bei jeder Awareness/Acceptence-Aktion muss man sich fragen, wo sie hinführen soll. Wir mussten uns das auch in Bezug auf unser Vielesein fragen. Versprochen wurde uns mehr Lebensqualität, mehr individuelle Freiheit, Selbstbestimmung – alles Dinge, die man selbst gar nicht herstellen kann und die aus einem_einer allein heraus auch gar nicht funktionieren. Ich weiß gar nicht, ob es in diesem Thread klappt die Dimension des Dramas aufzuzeigen, das sich für uns über Jahre aufgetan hat, und wir mit aller Macht zu akzeptieren versucht haben, weil wir dachten: Wir müssen uns als Kern all unserer Probleme und entsprechend auch all unserer Problemlösungen akzeptieren, weil wir nur so unser Vielesein akzeptieren und nur so überhaupt einen Fuß in die Tür zum unbelasteteren Leben kriegen.

Wir waren Anfang/Mitte 20 als wir anfingen zu merken, dass wir keinerlei Selbst- und Lebenskonzept hatten und Ende 20 als wir begriffen, dass, egal welches Konzept wir entwickeln, darin, egal wie sehr wir uns akzeptieren oder nicht, ob die Diagnose weiter besteht oder nicht, überhaupt niemals die Freiheit, Selbstbestimmung und Lebensqualität drin sein wird, wie wir sie uns wünschen, weil wir arm, schwerbehindert und weder hetero noch cis sind. Die Selbstakzeptanz als Ticket ins Normaloland war damit abgebrannt. Und zwar nachhaltig.
Wir begannen darüber nachzudenken, warum wir uns zur Akzeptanz gezwungen fühlten und merkten, dass wir es taten, weil es immer wieder als Bedingung für unsere Trauma_Heilung formuliert wurde.
Nun ist es aber so, dass wir gar nicht heilen wollen, sondern verarbeiten. Wir wollen Integrität. Wollen unsere Geschichte in uns haben, ohne auf Äußere angewiesen zu sein und wollen bewusst mit unseren Erfahrungen sein, um sie wie alle anderen Lebenserfahrungen auch nutzen zu können. Etwas, zu dem wir jetzt noch nicht umfänglich fähig sind. Wir müssen unsere innere Mechanik verstehen, um sie zu nutzen – wir müssen sie nicht akzeptieren und oft denken wir auch: „Ey, bloß nicht akzeptieren, was da läuft, sonst wollen wir es vielleicht nicht anpassen oder verändern.“
Weil Sprache und Re_Framing uns viel möglich macht, sprechen wir heute eher von „Annahme des eigenen Vieleseins“ als von „Akzeptanz des eigenen Vieleseins“. Darin steckt für die Traumaphobischen von uns die Möglichkeit sich über das Konzept der Theorie und der theoretischen Auseinandersetzung zu widmen und für andere von uns eine Geste der Vereinnahmung. Also die Erlaubnis mit uns und unserem Sein zu machen, was wir wollen und wie wir das wollen und können und dürfen – in dieser Gesellschaft zum jetzigen Zeitpunkt.

sich im Schmerz zu Hause fühlen

Tag 4 mit einem Körper-Gefühl-Flashback, der nicht aufhört.
Wenn ich einschlafe oder zur Ruhe komme, wird es schlimmer. Will ich einen Gedanken konstruieren oder gar festhalten, zerreißt etwas in mir.

Die Sonne scheint, der Wind fährt mal sachte mal ordentlich über die Haut. Die Kätzchen sind zuweilen so aktiv, dass es aus der Scheune rumpelt. Gisela und/oder Bert sitzen mit großer Ausdauer in ihrem Nest. Die Hunde kommen und gehen, zum Schmusen oder zum Spielen. Die Pflanzen wachsen, blühen, tragen Früchte oder Samenkapseln. Eine der Staudenbestellungen im Frühling ist jetzt angekommen. Kleine Babystrubbel, die am Wochenende ihre Füße in unseren Garten stecken können. Heute Nachmittag werden wir zusehen, wie jemand junge Schleiereulen beringt. Alles ist so toll.

Und alles ist so furchtbar, denn mein Körper signalisiert mir akut bedrohlichen Schmerz. Und Schmerz. Und Schmerz. Er ist so durch_dringend, dass es mich verwirrt, wie einfach ich mich gleichzeitig aber bewegen kann. Wie ich doch lebe, wie doch alles geht und niemand da ist, der mir das antut. Wie es keine Quelle für dieses Empfinden gibt, außer meiner Erinnerung bzw. “Erinnerung”. Wohler würde ich mich damit fühlen es “Gedanken” zu nennen, aber ja blabla Vermeidungstanz nein, das machen wir jetzt nicht, aber doch, es fühlt sich stimmiger an.

Ich habe noch nicht viel gemacht, um den Flashback zu beenden, aber das heißt nicht, dass ich es nicht anders will.
Auf eine verwirrend fremde Art fühlt es sich kongruent an, diesen Schmerz zu erleben. In all seiner Furchtbarkeit und in aller Not, die er bedeutet. Ich weiß, dass ich ihn nicht verdient habe, weiß auch, dass stimmt, was die Therapeutin an Tag 0 des Flashbacks sagte: “Schmerz ist Schmerz”.
Er ist eine Konstante.
In all dem, was dieser Flashback mit sich bringt – Bilder, Gedankenfetzen, Impulse, Informationsbrocken, die mir wie zufällig in den Sinn kommen und ab und zu sogar Sinn ergeben – ist er da und ein eindeutiger Ausgangspunkt. Viel eindeutiger als HeuteHierjetzt, obwohl – ja, mega merkwürdig – wir da durchaus einige andere starke Ausgangspunkte haben. Aber die tun nicht weh, die sind nur da.

Andererseits ist genau das die Tücke. Sich im Schmerz zu Hause fühlen, sich darin sicher und klar fühlen, ist so alt. Übersetzt: so früh(kindlich).

die Puppe

Als ich durch das Zimmer schaue und überlege, welches kleine Nähprojekt einfach und erfolgversprechend sein könnte, fällt mein Blick auf unsere Baby Born Puppe. „Dir kann man echt nichts, aber auch gar nichts in die Hand geben. Alles machst du kaputt.“
Ich will nähen, weil es mir gerade hilft, Erinnerungen an schwierige Erfahrungen zu distanzieren. Und die Kinderinnens. Ich kann das immer noch nicht mit einer hübschen Idee von einem super sicheren Ort ganz für sie allein und seit einer Weile versuchen wir auch, sie nicht einfach immer wieder in das weiße Nichts des Schwans zu schieben, also eiere ich durch den Alltag. Tue kleine erfolgversprechende Dinge, arbeite mich müde und zufrieden und hoffe auf Nächte, die verkraftbar sind.

„Was hast du denn mit dem Ding gemacht?“
Die Puppe klappert, als ich sie hochnehme. „Du sollst mich angucken, wenn ich mit dir rede!“ Ich halte sie fest, verlasse das Schlafzimmer und die Erinnerung. Ich schaue aus dem Fenster und denke daran, dass ich später noch die Pflanzen gießen muss.
„Eigentlich mache ich gar nicht immer alles kaputt“ denke ich und bleibe ein bisschen länger in dem Gefühl des Schaffens, das der Garten in uns auslöst. Es hat sich schon viel darin verändert und das unter anderem deshalb, weil der Freund nicht glaubt, dass man uns nichts in die Hand geben kann.

Ich google nach Schnittmustern für Puppenkleidung und finde eins, das für Anfänger_innen geeignet ist. Die Puppe, die nie einen Namen hatte und nie mehr als ein Trainingsgerät für die Tätigkeiten war, die allgemein erwartet wurden, liegt in meinem Schoß und starrt in die Luft. Sie ist ziemlich verstaubt und dreckig. Auf dem Kopf sind Farbstreifen, die Kuppe eines Zeigerfingers fehlt, nachdem Fingernägelschneiden daran geübt wurde.

Während der Drucker röchelnd und ächzend das Schnittmuster aus sich rauswürgt, gehe ich in die Küche, wo die Nähsachen stehen. Sie wiegt vielleicht 400 Gramm und besteht komplett aus Kunststoff. Als ich sie aus dem selbstgestrickten Pullover friemele, klappert sie wieder. „Was hast du denn mit dem Ding gemacht?“
„Ja, was soll ich damit gemacht haben, du Arsch. Vermutlich habe ich damit gespielt. Mit diesem 100% Kunststoffscheiß, der doch ganz logisch irgendwann irgendwie auf jeden Fall kaputtgehen musste.“ Ich schüttle sie nochmal. Und nochmal. Und nochmal sehr kräftig. Es ist schon so lange her und immer noch so eine ungerechte Kackscheiße. „Arschloch bescheuertes“, denke ich und lege die halbnackte Figur auf den Küchentisch. Ich leuchte in die Löcher auf ihrer Rückseite und sehe, dass es Kreuzschlitzschrauben sind, die sie zusammenhalten .

Der Drucker ist längst fertig. Draußen zwitschert die Sperlingsgang, die Sonne scheint. Mir ist schlecht und ungreifbarer Erinnerungsmüll wabert mir entgegen wie eine Algenpest aus der Hölle. Ich schraube die Puppe auf und finde das Stück Plastik sofort. Einer der stabilisierenden Pfeiler im Korpus war offensichtlich nicht gut genug mit der Schale verklebt. Das war unmöglich unsere Schuld. Egal, was wir mit der Puppe gemacht hätten, wäre das passiert. Wir hätten sie natürlich auch nie anrühren können, klar. Aber das wäre sicherlich auch wieder als Zeichen von Undankbarkeit, Gefühlskälte oder was weiß ich gedeutet worden. „Beknacktes, dämliches Scheißarschloch.“ denke ich und schraube die Teile wieder zusammen. „Für die 4 Schrauben hats bei dir dann nicht gereicht. Aber sie zu schlagen und fertig zu machen schon. Das war drin.“

Wie sie so da liegt, macht mich fertig. So steif und starr, nackt und einfach nur präsent, weiter nichts. Man kann alles mit ihr machen. Alles, was man will. Sie wird nie irgendetwas sagen, nie irgendetwas ausdrücken, immer nur da sein und starren und Plattform für alles mögliche sein.
In einer Anwandlung fange ich an, sie sauberzumachen. Das hat etwas von Heilmachen und fühlt sich merkwürdig an. Ich bin gegenüber toten Gegenständen nicht fürsorglich, merke aber, dass ich hier gerade etwas Fürsorgliches tue, das ich so konkret nach innen nicht tun kann.

Einen Tag später sind Hose und Shirt fertig.
1992 ist 28 Jahre her. Unsere Baby Born Puppe klappert nicht mehr.

Maskenpflicht und Todesangst

Maskenpflicht.
Finden wir gut, wichtig, überfällig.
Und anstrengend, überfordernd, triggernd.

Für uns gibt es an der Stelle keine Diskussion. Kein “Ich will eine Ausnahmeregelung für mich, weil…” versus “Es muss auch andere Wege geben.”, denn es gibt andere Wege und in Kombination mit einer allgemeinen Maskenpflicht steigert sich deren Effizienz.

Ein Problem, das ich habe, ist, dass wir Gewalterfahrungen gemacht haben, an die wir erinnert werden, wenn wir etwas im Gesicht haben bzw. haben sollen und andere Leute uns dabei anschauen.
Und Asthma. Das obendrauf.  Jede Irritation der üblichen Atmung (die schon nicht “normal” ist, weil Asthma zu chronischer Hyperventilation durch unbewusste Anpassung der Atmung an die Erkrankung führen kann) bringt uns aus dem Tritt und damit einen Schritt näher an eine Attacke oder die Überblähung.
Und widersprüchliche Informationen. Hier lese ich dies, hier lese ich das, der Freund, der Krankenpfleger war, sagt jenes und draußen im Laden, auf der Straße passiert noch ganz anderes.
Und Autismus. Die Pandemie hat unsere Wochenroutinen zerstört. Wir brauchten und brauchen Zeit, um das zu realisieren und zu prozessieren. Und Kraft, um neue Routinen zu entwickeln, die sich nicht unsicher anfühlen, weil sie ja nur einen Übergang schaffen. Für uns ist die Pandemie aber eigentlich kein Übergang, sondern der Anfang von etwas Neuem, auf das wir uns nicht vorbereiten konnten, zu dem wir uns nicht entscheiden konnten, das wir in seinem Umfang und seiner Bedeutung für uns noch gar nicht erfassen können. Wir müssen uns davon lösen anzunehmen, dass wir bald wieder montags in der Schule Bücher binden und abends die Therapeutin sehen, dienstags mit C. arbeiten, beim Bäcker “unser Brot” kaufen und ein süßes Teilchen essen, während wir mit NakNak* auf dem Schoß im Zug nach Hause sitzen. Das ist alles vorbei. Es wird so sehr lange nicht mehr passieren. Selbst dann nicht, wenn alle schon fertig sind mit Lockdown und Abstand halten. Wir werden zu den letzten gehören, die sich ohne Ansteckungssorge in Bus und Bahn, Supermarkt oder Arztpraxis begeben können. Jetzt ist alles anders. Wir müssen uns daran anpassen und das kostet uns Kraft.  Der Übergang ist eigentlich nur die Zeit, die wir brauchen, um das zu akzeptieren.

Wir schauen uns deshalb genau an, was wir warum wie verändern sollen. Letzte Woche war eine Maske zu tragen noch freiwillig, jetzt soll es eine Pflicht sein. Wo die Masken für alle herkommen sollen, ist unklar. Zu lernen wie man eine Maske richtig und sicher trägt, pflegt und desinfiziert, gehört nicht zur Pflicht, wird auch nicht breit kommuniziert. Für mich sieht das nicht effizient aus. Eher wie etwas, das mir Kraft wegfrisst, die ich zum Ausgleich der Folgen der Ineffizienz brauche. Auch wie etwas, mit dem weiterhin konsequent zwischen “gesund” und “krank”, “arm” und “reich”, “be.hindert” und “be.hinderungen problemlos kompensieren können”, getrennt wird.

Es sieht mir auch nach etwas aus, das meine Probleme der Anpassung individualisiert und damit auch alle Verantwortung und weiter auch Schuld für mögliches Scheitern und dadurch eventuell entstehende Gefährdung Dritter. Und ja, sicherlich sind all die Dinge, die mir das Tragen einer Maske erschweren individuell – dass es mir schwerfällt eine zu tragen, ist es jedoch nicht. Damit sind aktuell eine ganze Menge Menschen konfrontiert und überfordert.
Es gibt im Moment so wenig, das hilft, sich anzupassen. Sich irgendwie einzufinden. Alle, die ich kenne, wurschteln sich irgendwie da durch, können gar nicht so richtig sagen, was ihnen hilft und was nicht. So oft enden unsere Gespräche mit der Feststellung, dass es ist, wie es ist, wir es akzeptieren und gucken müssen, wie wir durchkommen. Sie enden nie damit, dass wir mehr als symbolisch zusammenstehen müssen. Nie damit, dass man einander sagt, dass man Angst hat zu sterben. Man tröstet sich nicht. Man redet nicht über den Tod und die Angst davor. Immer noch nicht. Man redet darüber, wo man Masken kaufen kann. Dass man eine positive Einstellung haben muss. Dass es anderen viel schlechter geht. Dass man sehen wird, wie sich das alles entwickelt.

Die Angst ist für uns in allem. Unsere Gewalterfahrungen waren mit Todesangst verbunden. Jede Asthmaattacke ist mit Todesangst verbunden. Jeder Routinenbruch ist für uns mit der Angst verbunden, die Welt könnte zerbrochen sein und wir dadurch in Lebensgefahr. Eine Maske, eine Abstandsregel, eine Desinfektionsvorschrift berührt diese Angst nicht, eigentlich lenkt sie nur davon ab, verschiebt den Schwerpunkt der Vermeidung. Man hat einen Gesprächspunkt mehr, durch den man einander nicht sagen muss: “Ich weiß, dass du Angst hast, ich habe auch Angst. Mein Umgang damit ist…”

Wir trainieren uns das Tragen einer Maske jetzt an. Aus Gründen, die weniger mit Corona als damit zu tun haben, dass wir es für eine relevante Fertigkeit halten, eine Maske im Gesicht tolerieren zu können.
5 Minuten-YouTube-Video = 5 Minuten Maske im Gesicht aushalten. Das geht. Die Erinnerungen kommen, mit dem Ende des YouTube-Videos, enden auch sie. Imagination ist nichts anderes als gezielte Dissoziation. Es ist okay, sich durch die Tragezeit einer Maske zu dissoziieren. Es ist okay, Angst zu haben. Die Tragezeit ist begrenzt. Ihr Ende kann man sich deutlich machen, ihren Anfang kann man sich deutlich machen. Man kann kontrollieren, wann und wo und warum man sich ihr aussetzt. Und, ob es das wert ist. Die eigentliche Angst ist immer da. Ob mit oder ohne Maske, die triggert, die Atmung erschwert, den Ausnahmecharakter der Gesamtsituation extrem unterstreicht.

Gegen die Angst hilft nicht, sich gegen eine Maske zu entscheiden oder einfach nicht mehr rauszugehen (wenn man diese Option überhaupt (wirklich) hat). Gegen die Angst hilft nur Beruhigung, durch Sicherheit(sgefühl), durch Versorgung aller Bedürfnisse.
Wie immer.

hier ist ein guter Ort

Ich gehe aus der Stunde und hab sie dabei.
Ich hatte am Ende gezogen. Wollte nicht gehen. Nicht so. Nicht jetzt. Nicht so. Hatte geredet, über Belanglosigkeiten, um daneben weiter in Anwesenheit der Therapeutin nach einem Ort zu suchen, an dem sie bleiben können. Einfach, damit ich sie nicht mitnehmen muss. Nicht jetzt, nicht so.
Ich bin noch nicht bereit, habe keinen Plan, keine Idee, keine Genehmigung von Innen für meine Reflexe. Nein, deine Vermeidungssuppe ess ich nicht, sagt R. und versperrt mir den Lösungsweg.

Ich habe keine Angst. Rede mir gut zu. Gehe auf S. Zehenspitzen durch den Abend.
Ihr Gestank drängt meine Suche an. Ich merke, wie nicht bereit ich bin. Wie ich kotzen will und nicht kann, wie ich weinen will und nicht kann, wie ich in die Praxis zurück will und nicht kann. Wie ich mehr Sicherheit, mehr Unterstützung möchte und nicht bekommen kann. Wie ich auf mich allein gestellt bin und mit jedem Moment, das Gewicht auf mir mehr wird.

Und dann, wie es wieder leicht wird. Wie ich aus der „Hannah-K. lässt sich ein“-Hülle rausschlüpfe und in die „Hannah-K. kriegt das schon hin“-Hülle reingehe. Wie ich den Impuls, mich gnadenlos zu überessen umschiffe, wie ich meine Mails checke, den nächsten Tag plane, den Sprachkurs mache, ein Video gucke, mich umdrehe und in die Leere meines Ich denke, bis ich einschlafe.

Am Morgen danach, das Gefühl des Versagens. Es geht mir gut, ihnen geht es schlecht, wir haben keinen Ort für sie, wir haben sie nur benannt. Innens und ihre Geschichten hochzuspülen und dann nichts mit ihnen zu machen, war noch nie hilfreich. Entweder wir, ich, versuchen sie zu fühlen und mit uns zu verbinden oder wir lassen sie im Schwan verschwinden. Für immer. Integration oder Dissoziation.
Zwischenschritte sind extrem schwer für uns. Die Woche zwischen den Stunden ist zu lang, wenn wir sie nicht irgendwo unterbringen bzw. mehr Abstand zwischen uns herstellen.
In der Zeit werde ich überschwemmt von Erinnerungen, mit denen ich allein bleiben muss. Manchmal, weil sie auszusprechen oder in irgendeiner anderen Form nach Außen zu bringen, das sichere Therapiesetting erfordert, manchmal, weil es Dinge sind, die nichts mit der Gewalt zu tun haben, sondern mit dem Lebenszeitraum, in dem es michuns noch nicht gab. Und ich nicht weiß, was es auslöst, wenn ich über diese Dinge spreche. Innerlich wie äußerlich. Falsche Nachfragen sind genauso gefährlich für mich, wie die falsche spontane Idee oder Frage oder darauf folgende Erinnerung.
Gefährlich, weil ich nie sicher vorhersagen kann, wann es mich raushaut. Aus meinem eigenen Er_Leben. Wann kann ich nicht mehr kompensieren. Wann greifen meine Strategien nicht mehr. Das weiß ich erst, wenn es zu spät ist. Ich bin nicht triggerfrei. Ich kann nur besser alltagsdissoziieren als andere von uns. Das macht mich nicht belastbarer als sie.

Ich schreibe der Therapeutin eine E-Mail mit einer Idee, noch während ich mit R. verhandle und dann auch sie wieder ganz deutlich spüre. Erneut gegen Brechreiz anatme, mich häuten, weg- in weißes Nichts – laufen will, denke: „Das ist mir zu viel so allein.“ und NakNak* auf meinem Schoß seufzt, während sie den Kopf auf die Tischplatte legt. Es ist mir zu viel, dass das Leben einfach so weitergeht und ich sie, die Anderen, bei mir habe.

Mit dem Klick auf den Sendebutton ist das alles wieder weg. Sie, R., die Erinnerungen.
Es ist Alltag. „Hannah-K.-kommt-klar“-Hülle. Ich kaufe Brötchen zum Frühstück und denke „Wenn ich das jetzt nicht aufschreibe, dann ist es für immer weg. Ich kann wählen, was mir wegfällt. Wer mir wegfällt. Welche Spuren ich mir lege, um in einer Woche wieder da zu sein, wo ich jetzt bin. Ich kann meine Hülle wählen. Zufall ist nicht zuverlässig.

Hier ist ein guter Ort für die „Hannah-K.-setzt-sich-mit-den-Anderen-auseinander“-Hülle.“

der Song, das Jetzt, das tote Kind

Als ich mein Rad abstelle, setzt einige Meter neben mir der Song “Sweat” ein. Inner Circle, 1992. Sommerhit. Mir schießen Tränen in die Augen. Das Kind, das diesen Sommer erlebt hat, wird von uns seit dem Antrag auf Namensänderung zu Grabe getragen. Jeden Tag einen Millimeter weiter.
Die Sonne scheint. Ich mache meine Beine hart und versuche mein inneres Wanken innen zu lassen. Hier und jetzt in dieser Stadt wohnen wir. Damals war damals. Heute ist heute, ist hier und jetzt. Aaahaa haa haa

Seit der Unterschrift auf dem Zettel stelle ich mir vor, was wir mit dem alten Namen machen. Wir werden ihn nicht verlieren. Und natürlich ist auch die Idee, etwas von uns, das uns, das wir früher, zum Beispiel 1992, waren, zu beerdigen absurd. Das geht nicht, wird nie gehen. Und trotzdem werden wir das tun. Wir müssen das tun. Irgendwie fühlt sich das sicherer an. So, wie die ewige Ruhe, die wir uns an der Stelle einfach wünschen und anders vielleicht auch gar nicht herstellen können.

Und ja, es ist auch wie etwas endlich wirklich sterben zu lassen, an dem wir so lange und immer und immer und immer noch fest gehalten haben. Weil wir uns eben doch seit 17, 18 und in ehrlichster Wahrheit dann doch schon seit mehr als 25 bis vielleicht sogar 27 Jahren mit der Idee bescheißen, irgendwann würde doch alles wieder gut, wieder heil, wieder so, dass man es ohne Zweifel, Zögern, Zagen leben kann. Ohne alles das, was irgendeine Form der Ruhe verhindert.

Es ist Realität, dass wir zu viel in der Herkunftsfamilie gelassen haben, um heute sagen zu können, es sei einfach nur ein Namenswechsel. Das ist einfach nicht. Es ist auch Kapitulation. Eine Kapitulation vor der Tatsache, dass wir niemals in unserem Leben erfahren werden, wer das war. Wer dieses Kind war, das nur 14, vielleicht noch ein bisschen 15 Jahre alt werden konnte und dann da bleiben musste. Für immer. Schlicht und einfach unrettbar.
Nicht nur abdissoziiert und irgendwie verschüttet, sondern wirklich wie das Stück Seele, das man opfern muss, weil sich das Leben zu retten manchmal eben doch so viel kostet.

1992 waren wir 6 Jahre alt. Die Erinnerungen mit dem Song haben einen Sommer mit dichter Wärme, klebrige Teerwürste, Straßenplatten, das Fahren auf der Rückbank eines Autos sich drin. Luft, die nach Staub, nach Gräsern und Zigarettenrauch riecht. Und das überfordernde Angstkippeln zwischen einstürzendem Weinen und vibrierender Steifheit, die sich dagegen auflehnt, an der Aaaaah-Stelle des Songs.
Der Gedanke als 6 jähriges Kind mit so einem Kampf um, gegen, mit Emotionen belastet zu sein, macht mich fertig.

Nicht, weil es ist oder vielleicht war, sondern, weil es wirklich niemals Trost, niemals wieder gut, niemals ganz wieder heil geben wird. Nicht, weil die Wunde so groß ist, sondern weil das Kind schon tot ist. Schon länger, als wir uns das eingestehen wollten. Kinder wie dieses kriegt man mit keiner Traumatherapie wiederbelebt. Solche Kinder setzen sich nicht aus den Erinnerungsplittern zusammen, die man sich Stück für Stück zusammenerinnert.
Die sind tot. Gestorben. Abgenippelt. Verreckt. Abgekratzt. Ausgehaucht. Zu Ende.
Egal, wie toll man um ein Leben danach aufgearbeitet hat.

Die Musik stoppt.
Ich gehe zur Sparkasse. Die Fotokopie des Geburtseintrags im Standesamt der Geburtsstadt kostet 10 Euro, die wir an dem ganzen Wasser im Gesicht vorbei überweisen. Der Geburtsort verbindet uns mit der Mutterfrau genauso wie der Geburtseintrag. Wieso ist sie nicht einfach allein geblieben, so wie sie da allein drin steht. Keine Antwort. Jemals. Irgendwie geht es uns ja auch überhaupt nichts an. Es war ihre Entscheidung, wir waren noch nicht, das Kind damals auch einfach nur da. Zufällig quasi mit aus Versehen reingeschliffen.

Jetzt gehe ich durch meine Heutestadt und schwappe bei jedem Schritt aus dem Kopf auf die Brust auf den Boden ins Hier von 2019. In mir drin rascheln Federn. “Deshalb heißt es ‘Trauerjahr’ und nicht ‘Trauermoment’, mein Herz.”.
Ich denke, dass da was dran ist und verstehe, wieso ich über alles das gerade so vergleichsweise großzügig weinen kann. Denn das Leben danach ist ja auch immer nur Leben, und doch ein anderes Leben. Ein anderes Vorsichhinleben. Man muss alles ein erstes Mal machen. Ein neues weiteres erstes Mal, in dem man tut, was man immer tut, während alles anders ist. Neu. Fremd. So noch nie gewesen.

Das bewusste Loslassen der Hoffnung auf einen Originalzustand, so wie das Kind, das war, bevor wir uns in die Erwachsenheit überlebt haben, ist so noch nie gewesen. Das Gefühl seine unsichtbare Leiche auf uns drauf durch die Gegend zu tragen, während wir darüber nachdenken, wo wir es beerdigen, auch nicht.

Es ist ein zweites Danach.
Ein gutes. Ein wichtiges. Aber auch eins, in dem wieder etwas Unersetzbares für immer fehlt.

Fundstücke #66

Als ich in den Abend mit seiner lauen Luft hinaustrete, fällt es mir auf. Das jetzt ist ein Abend mit mir allein. Morgen, im Zug nach Frankfurt, zusammen mit vielen Fremden, bin ich allein.

Jetzt bin ich schon müde, morgen früh werd ich es noch sein, morgen abend wieder. Ich habe Zeit für mich und doch nur Müdigkeit zwischen Auge und Lid.

Die ganze Woche war ich unter Strom. Gleichstrom in der Schule, Wechselstrom wann immer nötig. Oder, abgenötigt. In der Therapiestunde war es um Strom gegangen. Der früher. Damals. Früher. Vielleicht so weit in der Vergangenheit, dass das Ereignis vom Lauf der Dinge längst kleingemahlen und versandet ist. Wer weiß das schon. Mir ist das nicht passiert. Damals.

Heute ist mir das passiert. Montagabend. Mein Körper, der mich einmal mehr verriet, dem es egal ist, was ich denke, will und wünsche, der reagierte einfach. Wie früher, wie immer, wie logisch nachvollziehbar, wenn man versteht, worauf er sich bezieht.

Als ich nach Hause kam, war NakNak* da und das durchschießende Zucken im Arm wurde zu einem kaum greifbaren Simmern am Knochen entlang. Ich aß, trank, kroch unter die schwere Decke, stellt mir vor, aus unruhigen Träumen als Pflanze mit Wurzeln bis 20.000 Meilen unter dem Meer zu erwachen. Geerdet.

Aufgewacht war ich aber flirrig. Wach wach überwach mit schweren Gliedern und blindem Geist. Reaktiv. Im Hyperarousel ab dem ersten Augenaufschlag.

Für die Schule war das gut. Nicht denken, – machen, das wird einfach mehr belohnt. Die Druckfahne von „aufgeschrieben“ ist jetzt endgültig bei der Druckerei. Frei_gegeben. Ab jetzt geht nichts mehr. Außer da dadurch. Mit dem Arsch auf Grundeis. Gut, wenn man nicht alles von dem mitkriegt, was es macht. Dieses mutig sein.

Zu Hause ist es still und kühl. Die Heizung ist schon wieder kaputt. Aus der Therme tropft Wasser, für die Vermietergesellschaft ist das noch kein Notfall. Dass mir kalt wird, ist und bleibt. Dass ich so nicht allein sein sollte, mit mir, dem Strom und dem, was ich denken könnte, weil die Erinnerung gerade da ist wie ein Neugeborenes- nackt, hilflos, ein Bündel voller Bedürfnisse, die weder Aufschub erlauben, noch Zeit zum Verstehen lassen – das hat keinen Platz.

Ich hatte keine Zeit etwas aufzuschreiben. Keine Haut für mich selbst. Immer war da jemand oder etwas. Jetzt bin ich allein, jetzt schreibe ich Dinge auf. Jetzt müsste jemand da sein.

28 und 29

Kurz vor Mitternacht.
Draußen ist es warm kalt gewesen. Die Luft wusste nicht, ob sie uns beißen oder streicheln wollte. Komisch, dieser Winter.

Beim Besuch noch kurz vorm Einschlafen, stehe ich jetzt aufgedreht in meiner Küche und weiß nicht ein noch aus. NakNak* rumpelt sich grunzend in der Küchenbankkurve zum Hundeschlafball zusammen. Ich öffne das Fenster und lasse sie dunkle Stille auf meine Front treffen.

Wir haben über unsere Zukunftskreisel gesprochen. Was wir gerne würden und was alles könnten, was ja, was nein und was eine Entscheidung bedeuten könnte.
Und, weshalb manche Optionen überhaupt nur da sind. Sie hatte sehr recht, als sie sagte, man müsse nicht immer alles können, was man in der Zukunft vielleicht braucht. Und, dass viel der Hartz fear in unseren Überlegungen eine Rolle spielt.
Dass wir schon viel Zeit verloren haben. Dass wir mit einem Studium, egal von was, von dem abkämen, was wir könnten.

Da wirds dann neblig. Was wir können.
Wir können von vielem ein bisschen. Nichts spezialisiert.
Wir müssten in die Kunst, in der Kunst bleiben, in der Kunst wachsen und ausreifen. Unter Bedingungen, die uns den Raum lassen.
Und wir müssten dran bleiben. Immer weiter machen.
Das ist so fragil. So Hartz 4. Und damit nicht, was wir wollen.
Auf der anderen Seite: Niemand will Hartz 4. Niemand. Jemals.

Wenn es das Kafka-Einsteinmodell wird, ist es wohl gut. Morgens Obstkisten stapeln, nachmittags auf Papier explodieren.

Zehn vor 12.
Als ich auf mein Handy schaue, erinnere mich daran, dass ich meine Sprachlernlektion mit Duolingo noch nicht gemacht habe.
Zwei Minuten vor Mitternacht bin ich fertig. Den 143 sten Tag in Folge Norwegisch, seit ein paar Tagen auch Dänisch.
Als die kleinen Lingot-Schatztruhen vor mir auf und ab hüpfen, erinnere ich mich an die Motivation, diese Sprache zu lernen. Überhaupt eine weitere Fremdsprache richtig ordentlich zu lernen. Sie kam auch aus der Hartz fear und dem Spüren, dass sich das Leben in Deutschland, in Europa, in der EU, auf diesem Planenten in den nächsten Jahren sehr verändern wird. Für die meisten ist das Teil unseres Hangs zur Katastrophisierung. Bitte schön, sollen sie es denken. Aber die Sicherheit, die Beruhigung, die brauchen wir doch. Und uns reicht kein “da mach dir mal keine Sorgen, das wird schon alles werden”, wir brauchen konkrete Ideen, was wir dann machen. Wo wir dann hingehen, worauf wir uns in uns und aus uns heraus verlassen können. Und das ist im Moment so verdammt wenig.

Wir haben keinerlei Ersparnisse, keinen Beruf erlernt, der nicht in 10 Jahren obsolet ist. Wir kosten, ohne wertzuschöpfen. Das ist die Realität. Völlig losgelöst von uns persönlich oder dem, was andere Menschen subjektiv empfinden. Wir sind kein gesellschaftliches Element, das gesellschaftliche, politische, ökonomische, wirtschaftliche Krisen überstehen kann, weil es noch auf etwas anderes als den bloßen Überlebenstrieb setzen kann.
Für viele Leute, mit denen wir darüber sprechen und denen wir das so sagen, klingt das nach traumabedingten Selbstwertkomplexen. Nach “sich nichts zu trauen”. Nach “die schönen Seiten nicht sehen”. Nach “der Zukunft nicht trauen”.  Nach Katastrophisierung eben. Also etwas, das man von sich schieben muss, weil es zu schlimm ist, Angst macht, am Ende keine Antwort hat. In ihnen anders resoniert, als in uns, die wir wissen, wovon wir da reden.

Deshalb gehen wir so oft aus Gesprächen über unsere Zukunftskreisel und fühlen uns dumpf, orientierungslos, planlos. Versuchen, uns an die kleinsten Schritte zu halten, versuchen wirklich, von Tag zu Tag zu leben, zu denken, zu arbeiten, weil uns nur das als jetzt relevant benannt wird. Und einige Zeit später können wir es dann nicht mehr aushalten. Diese Kontextlosigkeit des Tag für Tag, die sich auftut, wenn man nicht auf eine klar definierte Zukunft, einen Zweck des eigenen Machens hinwirkt.

Dann versuchen wir das weiter. Und weiter. Und aus Kontextlosigkeit wird Sinnlosigkeit. Wird Bedeutungslosigkeit. Wird Verzichtbarkeit. Wird das Moment, in dem wir uns vor uns selbst ekeln, weil wir um unser selbst weiterleben und machen. Müssen. Sollen. Obwohl es uns weder braucht, noch wünscht, noch will. Dieses Leben. Dieses Alles. Nie, weil es so ist.

Das ist ein Trigger. Eine Lage, ein Headspace, könnte man so sagen, in dem wir uns wieder in sadistischer Quälerei befinden.
“Sei am Leben, bleib am Leben, damit ich dich quälen kann. Du lebensunwertes Drecksvieh. Geh weg, ich mag dich kaputt. Bleib hier, ich will dich kaputt machen. Für nichts und wieder nichts anderes als das Moment des Leidens. Mach mir eine Freunde – versuch mir zu entkommen. Du kannst mir nicht entkommen, denn ich bin die Macht. Ich hasse dich, ich brauche dich. Stirb endlich. Steh auf. Beweg dich. Mach was, ich will es kaputt machen.“

Und das ist das Tor zur Hölle einfach. Das auszuhalten und wie eine abgekapselte Eiterbeule, die zu berühren unvermeidbar ist, durch den Alltag zu tragen, in dem das niemand sieht, niemand versteht, niemand aus eigener Erfahrung mitfühlen kann – das ist grauenhaft. Wirklich.
Und für uns Realität.

Das heißt nicht, dass wir das nicht von unserem Leben heute unterscheiden können. Wir sehen sehr wohl die Unterschiede. Sehen unsere Selbstbestimmung, sehen und fühlen, dass wir auch geschützt, bestärkt und in Teilen getragen werden. Wir wissen, dass es nicht das selbe ist. Aber die Notgefühle, die Ohnmachtsgefühle, die Bitterkeit der Wahrheiten um uns selbst herum, die sind die Gleichen und es gibt keinen anderen Grund außer Vermeidung, Nichtanerkennung oder wohlmeinender Ignoranz, uns zu sagen, dass das ja gar nicht sein muss. Dass es ja auch ganz anders sein könnte. “Wenn nur…”

Ich weiß nicht, ob man als außenstehende Person, die das jetzt liest bis hier hin überhaupt folgen konnte.
Nun ist es 4 Uhr morgens. NakNak* atmet ihren Schlaf ein und aus. Der Kühlschrank summt. Ich fühle mich allein. Einsam. Und endlich auch müde. Vielleicht musste mal so aufgeschrieben werden. Für nichts und wieder nichts. In all seiner Sinnlosigkeit.
Mir bedeutet es etwas.
Das ist ja immerhin was.

8

Zwei Tage Alltag und schon ist der Schädel zu klein für die Sitze des Gedankenkarussells, die so weit ausschwingen, dass man denken könnte, sie wollten ganz woanders hin, als da, wo ich bin.

In der Schule sind sie bei der Arbeit, bei der Arbeit in der Schule, in der Freizeit in der Therapie. Therapie haben wir diese Woche nicht und ich merke, dass das ungünstig ist. Nicht, weil ich so viel zu sagen hätte, aber doch, weil genau das so ist. Ich habe nichts zu sagen, doch erinnere Fragment um Fragment mehr, das wir nach der letzten Stunde unterdrückt hatten. “Jetzt nich”, das hab ich zu sagen und das ist sehr wirkmächtig. Aber ohne eine Idee von einem anderen, vielleicht besserem Zeitpunkt, ist es einfach gezwungen, immer wieder anzufragen. Immer wieder aufzutauchen, anzustoßen, weggeschleudert zu werden.

Der bessere Zeitpunkt wäre der, an dem ich etwas sagen könnte. Eine Therapiestunde wäre ein möglicher Raum, in dem ich etwas sagen könnte. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger. Es wäre etwas. Das wäre gut.

von Zeitfenstern und Nichts

Seit etwas mehr als einer Woche summt es in unserem Körper.
Wir schlafen entweder nicht oder 3-4 Stunden, die sich wie das Aufladen eines sterbenden Akkus anfühlen. Etwas entlädt sich und damit uns in der Nacht mit seiner Angst, Anspannung und unkontrollierbarem Drang raus weg weg weg zu wollen.
Wobei das so richtig auch nicht ist. Neulich hatten wir eine Nacht, in der es okay war. Nach einigen Nächten mit Bedarfsmedikationsbetäubung ging es dann mal gut. Das war Montag. Dann war Therapie, dann Dienstag und gestern sind wir dann auch einmal wieder zur Schule gegangen.
Wir sind hyperarouselproduktiv wie zuletzt – ja, letztes Jahr um diese Zeit. Und vorletztes Jahr. Und damals als wir eigentlich 24/7 in latenter Todesangst waren.

Gestern hatten wir nur einen Unterrichtsblock mit einem Pflichtfach. Bester Einstieg eigentlich. Fremdsprache, später am Tag, danach frei. Die Sonne hat geschienen.
Und dann war es eine unvertretene Vertretungsstunde in einem der Räume, die wir so sehr hassen, weil sie uns körperlich weh tun. Kein Teppich, die PC’s stehen auf dem Tisch, sodass die Lüftung von links und rechts direkt vom Kopf läuft. Kein_e Aufsichtsperson, viele Schüler_innen viele Stimmen. Nichts zu tun, außer der spontanen Selbstentladung entgegen wirken.

Ich kann es nur als Balanceakt beschreiben. Obwohl es überhaupt nicht um Balance geht. Wir sind ungern im Nullpunktbereich, wo es in keine Seite ausschlagen darf, um ja nicht hinzufallen.
Es geht um klar bleiben. Selbst bleiben.
Es ist schwierig für mich zu merken, wie sehr es uns angreift und einfach total leer zieht, wenn die Schule so läuft. Obwohl sie nicht schief lief oder irgendetwas richtig Krasses passiert ist. Das wär ja toll gewesen, dann würde ich jetzt nicht hier am Donnerstagmorgen sitzen und gegen meine Ver.Zweiflung anschreiben, die meinen Gefühlen des “Heute die Schule (schon wieder) nicht schaffen können werdens” folgen.

Der Stapel der zu erledigenden Dinge hat sich verkleinert. Wir haben unsere Abgabetermine eingehalten, haben Absprachen pünktlich eingehalten, haben so etwas wie Tagesroutine etabliert. Alles in unserem kleinen Heuteheute läuft. Die Basis steht.
Die Zweifel in so einer Phase der inneren Zerschossenheit beziehen sich nicht mehr darauf, wie wir denn jemals leben sollen in der Zukunft. Es geht nicht mehr darum, ob das jetzt unser Leben für immer ist, sondern, ob das etwas ist, das als Phase immer und immer Teil der Er_Lebensrealität bleiben wird.
Ist unsere Produktivität nur eine Schale? Show? So getan als ob? Oder ist es diese manchmal so spontan und bodenlos erscheinende Überforderung von allem, was über die Basis und das kleine Heuteheute hinaus geht?

Oder sind wir produktiv und trotz erheblichen Schlafmangels und teils heftigen Zuständen der Desorientierung durch unkontrolliertes Erinnern stabil, gerade weil wir diese Basis inzwischen haben?
Vielleicht haben wir inzwischen auch einfach fein gelernt ein produktives Mitglied der Gesellschaft zu sein, das die Kaputtheiten im Privaten hat, aber im Öffentlichen läuft und läuft und läuft? Und also nur dann ins Öffentliche geht, wenn alles läuft?

In unserer Klasse ist eine Person, die mit einer Panikstörung umgeht. Sie fehlt noch öfter als wir. Wir haben sie nie gefragt, ob sie so eine Angstschleife hat, zu fehlen und dann Angst zu haben wiederzukommen, weil sie ja gefehlt hat und den verpassten Stoff eventuell gar nicht mehr aufholen kann. Und also noch länger fehlt und noch mehr verpasst bis es überhaupt keinen Sinn mehr hat überhaupt zu kommen. Was dann wieder hilft zurück zu kommen, weil es ja sowieso völlig egal ist.
Das ist nämlich etwas, wogegen wir dauernd ankämpfen. Neben dem ganzen anderen Kladderadatsch.

Da ist keine Angst für Nichtleistung bestraft zu werden. Da ist die Angst diese Leistung niemals mehr erbringen zu können, weil das dafür vorgesehene Zeitfenster vorbei ist.
Bei uns mischt sich das gerade sehr ungut zusammen, denn wir arbeiten mit noch desorientierten Innens, die uns genau jetzt summen und brummen lassen, weil sie auch nach 15-20 Jahren nicht wissen, dass ihre Zeitfenster vergangen sind. Dass ES vorbei ist.

Es gibt einen Unterschied zwischen der Herausforderung im Rahmen eines Schuljahrs bestimmte Lernziele zu erreichen und der Herausforderung, vor der manche von uns als 12, 13, 14 Jährige.s standen, auf den Punkt und ohne jede Möglichkeit von Aufschub, Zögern, Zurückweichen oder Verweigerung etwas zu leisten, selbst dann wenn der Akku, der Geist, die Seele leer war.
Das Problem ist die Nichtkonsequenz.
Wie bringen wir denn nach innen, dass da jetzt gerade nichts passiert? Wie beschreibt man denn Nichts?
Wie spürt man Nichtversehrung nach?

Jede Wahrnehmung ist das Ergebnis der neuronalen Einordnung einer Veränderung am oder im Körper, die zurückgemeldet wurde. Man fühlt Dinge, weil die Haut der Finger die Dinge berührt haben und das etwas macht. Druck, Hautzellabrieb, Temperaturveränderung, Lageveränderung und und und. Man fühlt auch emotionale Dinge nur deshalb, weil die körperliche Reaktion immer eine mehr oder weniger große Veränderung des Hormoncocktails ist, der verschiedene Vorgänge im Körper anstößt oder verhindert.

Aber Nichts macht ja nichts.
So bleibt man dann zurück auf Allgemeinplätzen wie der eigenen Körperlichkeit, der eigenen Lage und der direkten Umgebung.

Da will man gleich das Reorientierungsglöckchen läuten, weil sich das doch total anbietet, aber gerade das tut es nicht. Desorientierte Innens sind nicht nur in der Zeit desorientiert, sie sind es auch in sich und uns, ihn ihrem Status, ihrem Fühlen, ihrem Werten und ihren Befähigungen.
Die, mit denen wir im Moment arbeiten, können gerade gar nichts.
Weil da Nichts ist.

Nichts, was sie wieder_er.kennen. Nichts, was sie selbst machen. Nichts, das ihnen zeigt wer oder was sie sind, oder sein könnten oder sollten. Das ist keine Wahl, die sie treffen und ich merke das sehr deutlich. Sie sind keine Antagonist_innen meines kleinen Lebensglücks heute. Können es schon nicht sein, weil sie das weder sehen noch als solches erkennen oder bewerten können. Es hat nichts mit ihnen zu tun, ist Nichts für sie. Vielleicht bin auch ich, sind wir Rosenblätter, Nichts für sie. Das weiß ich gar nicht.

Aber in dem Zustand kann ich sie gut verstehen gerade.
Denn ich schaue auch auf Nichts, wenn ich nicht irgendetwas mache, das in irgendeiner Form mit Leistung zu tun hat. Ich weiß, wir werden heute nicht nichts machen. Wir werden Behördendinge erledigen, liegen gebliebene Zettelage abarbeiten, werden unseren Lehrer_innen eine Email mit der Bitte um Übersendung der Unterrichtsinhalte schicken und schauen, was wir heute und morgen davon zu Hause schaffen.
Ich könnte es gleichermaßen weder ertragen noch integrieren was gerade an und in mir alles los ist.

Aber ich konnte inzwischen die Erfahrung machen, das wo sich ein Zeitfenster schließt, ein anderes aufgeht.