Kategorie: DIS?

internationaler Kindertag

Heute ist internationaler Kindertag.
Ich habe darüber nachgedacht, wie man Kinder sieht. Und, wie man sich selbst als Kind sieht.

In dem außerordentlich guten Film „The Tale“ wird deutlich, welche Erzählung die erwachsene Person, die von ihrem Reitlehrer sexualisiert misshandelt wurde, von sich selbst in dieser ihrer Kindheit hatte.
Sie beginnt die Geschichte von sich als „reife junge Frau“, die gewollt (begehrt?) war und kann erst durch ein Foto von sich in dem Alter erkennen, wie jung sie noch war. Wie kind_lich.

Ich habe dieses Bild von mir nicht. Ich war nie jünger als 16 und nie anders als so beladen mit Alleinverantwortung, Pflichten und Anforderungen an „angemessenes Verhalten“, wie ich das heute bin. Kind waren und sind immer die anderen. Es gibt aus meinen Lebensjahren 16 bis 18 nur die Porträts, die man in meine Klapsakten gelegt hat, damit die Polizei mich finden kann, wenn ich „abgängig“ sein sollte. Da bin ich blass und habe rötliches Haar. Ich sehe weder so aus, wie ich mich gefühlt habe, noch jugendlich, geschweige denn kindlich.
Meine Kindlichkeit damals, kann ich heute am ehesten noch aus meiner Un_Reife ableiten. Aus der Unerfahrenheit im Leben nach der Gewalt in der Herkunftsfamilie. Es war ein neues Leben. Ich war dieses neue Leben.

Vor einiger Zeit haben wir uns mit der Therapeutin zusammen Fotos aus unserer Einsmensch-Kindheit angeschaut. Die Therapeutin sagte, man könne schon in den Babyfotos sehen, dass wir das sind. Für mich ist das ein unaushaltbarer Gedanke. Dieses Baby soll ich geworden sein, ich soll dieses Baby gewesen sein. Nein, nein, das kann nicht sein – das würde ja bedeuten, dass ich irgendwann mal global abhängig war und sich gefälligst mal richtig anzustrengen ein völliges Quatschkonzept ist, vor dem man logischerweise überfordert zusammenbrechen muss. Dass ich mal weder sprechen, noch laufen, noch kauen konnte, noch für Dinge verantwortlich war, weil man mir keine Macht über Dinge zusprach. Das würde ja bedeuten, dass es mal eine Zeit in meinem Leben gab, in dem ich nicht an allem (selber) schuld war, nicht krank, durchgeknallt und der Gesellschaft tendenziell eher unzumutbar.

Ich glaube, dass man immer das eigene Kind ist und alle Menschen immer die Kinder ihrer Zeit bleiben, was ihren Blick auf andere Kinder beeinflusst. Dass ich mich selbst als Jugendliche geboren erlebe, bedeutet, dass ich eine Offenheit für Kinder habe, die ihnen viel Raum lässt, sie selbst zu sein. Ich sehe nicht mich in ihnen, sondern sie. Und dafür brauche ich keine spezielle Spezialhaltung und pädagogisches Fachwissen oder irgendeinen esoterischen Dreh, nach dem sich meine Seele für ihre Seele öffnet und trallalala. Es ist mir einfach eigen und macht es mir sehr leicht, respektvoll und achtsam mit Kindern zu sein.
Und das, obwohl ich so eine bekloppte Irre bin. So eine gefährliche „psychisch kranke“ Person. So jemand, „bei der_m man ja nie sicher sein kann“. So jemand, „wo man ganz genau gucken muss“.

Ah Mist – in die Falle getappt – nicht „obwohl“.
Weil.

die Puppe

Als ich durch das Zimmer schaue und überlege, welches kleine Nähprojekt einfach und erfolgversprechend sein könnte, fällt mein Blick auf unsere Baby Born Puppe. „Dir kann man echt nichts, aber auch gar nichts in die Hand geben. Alles machst du kaputt.“
Ich will nähen, weil es mir gerade hilft, Erinnerungen an schwierige Erfahrungen zu distanzieren. Und die Kinderinnens. Ich kann das immer noch nicht mit einer hübschen Idee von einem super sicheren Ort ganz für sie allein und seit einer Weile versuchen wir auch, sie nicht einfach immer wieder in das weiße Nichts des Schwans zu schieben, also eiere ich durch den Alltag. Tue kleine erfolgversprechende Dinge, arbeite mich müde und zufrieden und hoffe auf Nächte, die verkraftbar sind.

„Was hast du denn mit dem Ding gemacht?“
Die Puppe klappert, als ich sie hochnehme. „Du sollst mich angucken, wenn ich mit dir rede!“ Ich halte sie fest, verlasse das Schlafzimmer und die Erinnerung. Ich schaue aus dem Fenster und denke daran, dass ich später noch die Pflanzen gießen muss.
„Eigentlich mache ich gar nicht immer alles kaputt“ denke ich und bleibe ein bisschen länger in dem Gefühl des Schaffens, das der Garten in uns auslöst. Es hat sich schon viel darin verändert und das unter anderem deshalb, weil der Freund nicht glaubt, dass man uns nichts in die Hand geben kann.

Ich google nach Schnittmustern für Puppenkleidung und finde eins, das für Anfänger_innen geeignet ist. Die Puppe, die nie einen Namen hatte und nie mehr als ein Trainingsgerät für die Tätigkeiten war, die allgemein erwartet wurden, liegt in meinem Schoß und starrt in die Luft. Sie ist ziemlich verstaubt und dreckig. Auf dem Kopf sind Farbstreifen, die Kuppe eines Zeigerfingers fehlt, nachdem Fingernägelschneiden daran geübt wurde.

Während der Drucker röchelnd und ächzend das Schnittmuster aus sich rauswürgt, gehe ich in die Küche, wo die Nähsachen stehen. Sie wiegt vielleicht 400 Gramm und besteht komplett aus Kunststoff. Als ich sie aus dem selbstgestrickten Pullover friemele, klappert sie wieder. „Was hast du denn mit dem Ding gemacht?“
„Ja, was soll ich damit gemacht haben, du Arsch. Vermutlich habe ich damit gespielt. Mit diesem 100% Kunststoffscheiß, der doch ganz logisch irgendwann irgendwie auf jeden Fall kaputtgehen musste.“ Ich schüttle sie nochmal. Und nochmal. Und nochmal sehr kräftig. Es ist schon so lange her und immer noch so eine ungerechte Kackscheiße. „Arschloch bescheuertes“, denke ich und lege die halbnackte Figur auf den Küchentisch. Ich leuchte in die Löcher auf ihrer Rückseite und sehe, dass es Kreuzschlitzschrauben sind, die sie zusammenhalten .

Der Drucker ist längst fertig. Draußen zwitschert die Sperlingsgang, die Sonne scheint. Mir ist schlecht und ungreifbarer Erinnerungsmüll wabert mir entgegen wie eine Algenpest aus der Hölle. Ich schraube die Puppe auf und finde das Stück Plastik sofort. Einer der stabilisierenden Pfeiler im Korpus war offensichtlich nicht gut genug mit der Schale verklebt. Das war unmöglich unsere Schuld. Egal, was wir mit der Puppe gemacht hätten, wäre das passiert. Wir hätten sie natürlich auch nie anrühren können, klar. Aber das wäre sicherlich auch wieder als Zeichen von Undankbarkeit, Gefühlskälte oder was weiß ich gedeutet worden. „Beknacktes, dämliches Scheißarschloch.“ denke ich und schraube die Teile wieder zusammen. „Für die 4 Schrauben hats bei dir dann nicht gereicht. Aber sie zu schlagen und fertig zu machen schon. Das war drin.“

Wie sie so da liegt, macht mich fertig. So steif und starr, nackt und einfach nur präsent, weiter nichts. Man kann alles mit ihr machen. Alles, was man will. Sie wird nie irgendetwas sagen, nie irgendetwas ausdrücken, immer nur da sein und starren und Plattform für alles mögliche sein.
In einer Anwandlung fange ich an, sie sauberzumachen. Das hat etwas von Heilmachen und fühlt sich merkwürdig an. Ich bin gegenüber toten Gegenständen nicht fürsorglich, merke aber, dass ich hier gerade etwas Fürsorgliches tue, das ich so konkret nach innen nicht tun kann.

Einen Tag später sind Hose und Shirt fertig.
1992 ist 28 Jahre her. Unsere Baby Born Puppe klappert nicht mehr.

Fundstücke #74

„So will ich nicht sein.“ Das sagt Hannah immer wieder. Obwohl die Situation, in der sie das sagen wollte und auch gesagt hat, schon seit gut 3 Stunden vorbei ist. Draußen regnet es, eine große Fliege versucht sich durch die Schlafzimmerfenster zu bohren. Müdigkeit liegt wie eine Bleischürze auf mir. „So will ich nicht sein.“
Das sagt sie, weil sie nicht verletzen, irritieren, überraschen, überfordern, will. Weil sie „keine Situation entstehen lassen will“.
Ich hatte am Vormittag für unser nächstes Buch aufgeschrieben, wie Hannah entstanden war. Musste weinen, weil ihr keine Traumatisierung mit Todesgeschmodder und dramatische Szenen der Gewalt voranging, sondern einfach nur unsere Angst zu sterben, weil wir von jetzt auf gleich absolut allein auf der Welt waren. In der absoluten Frei_von_heit, wie sie viele Aussteiger_innen erleben, wenn ihre Verbündeten oder, wie in unserem Fall, Behandler_innen, nicht mehr (für sie) da sind oder sein können/wollen/dürfen.

Hannah kann Menschen. Sie ist unsere beste soziale Rechenmaschine und die einzige, die Ver_Bindungen nicht nur ertragen, sondern auch herstellen und gestalten kann. Was unser Leben nach der Gewalt angeht, trägt sie am meisten der Last, die damit einhergeht, es auch zu erhalten. Niemand von uns anderen hat Freund_innen. Niemand von uns kann Menschen. Wir haben Angst und können Menschen aushalten. Manche jedenfalls. Dass unsere Therapie einen anderen Menschen erfordert, war und ist bis heute eine der größten Barrieren der Traumatherapie für uns. Dass wir das Bedürfnis nach menschlicher Nähe, Verbundenheit und Kontakt haben, ist für manche von uns der schlimmste Verrat voreinander. Dass der Freund in unserem Leben ist, liegt an Hannah und ihrem Brückenschlag zwischen ihm und uns.

Warum Hannah so ist, wie sie ist und wir nicht, können wir nicht verstehen. Aber sie ist da und ohne sie wären wir es nicht mehr.

„So will ich nicht sein.“, das fühle ich wie etwas, das von innen durch meinen Kehlkopf nach außen will. Als die Fliege neben dem Lichtkegel der Leselampe landet, rinnt es mir aus den Augen. „Du solltest nie sein“, denke ich in ihre Richtung. Weine fertig, gehe ins Bad, wasche mir das Gesicht.
„Und doch sind wir hier.“

Maskenpflicht und Todesangst

Maskenpflicht.
Finden wir gut, wichtig, überfällig.
Und anstrengend, überfordernd, triggernd.

Für uns gibt es an der Stelle keine Diskussion. Kein “Ich will eine Ausnahmeregelung für mich, weil…” versus “Es muss auch andere Wege geben.”, denn es gibt andere Wege und in Kombination mit einer allgemeinen Maskenpflicht steigert sich deren Effizienz.

Ein Problem, das ich habe, ist, dass wir Gewalterfahrungen gemacht haben, an die wir erinnert werden, wenn wir etwas im Gesicht haben bzw. haben sollen und andere Leute uns dabei anschauen.
Und Asthma. Das obendrauf.  Jede Irritation der üblichen Atmung (die schon nicht “normal” ist, weil Asthma zu chronischer Hyperventilation durch unbewusste Anpassung der Atmung an die Erkrankung führen kann) bringt uns aus dem Tritt und damit einen Schritt näher an eine Attacke oder die Überblähung.
Und widersprüchliche Informationen. Hier lese ich dies, hier lese ich das, der Freund, der Krankenpfleger war, sagt jenes und draußen im Laden, auf der Straße passiert noch ganz anderes.
Und Autismus. Die Pandemie hat unsere Wochenroutinen zerstört. Wir brauchten und brauchen Zeit, um das zu realisieren und zu prozessieren. Und Kraft, um neue Routinen zu entwickeln, die sich nicht unsicher anfühlen, weil sie ja nur einen Übergang schaffen. Für uns ist die Pandemie aber eigentlich kein Übergang, sondern der Anfang von etwas Neuem, auf das wir uns nicht vorbereiten konnten, zu dem wir uns nicht entscheiden konnten, das wir in seinem Umfang und seiner Bedeutung für uns noch gar nicht erfassen können. Wir müssen uns davon lösen anzunehmen, dass wir bald wieder montags in der Schule Bücher binden und abends die Therapeutin sehen, dienstags mit C. arbeiten, beim Bäcker “unser Brot” kaufen und ein süßes Teilchen essen, während wir mit NakNak* auf dem Schoß im Zug nach Hause sitzen. Das ist alles vorbei. Es wird so sehr lange nicht mehr passieren. Selbst dann nicht, wenn alle schon fertig sind mit Lockdown und Abstand halten. Wir werden zu den letzten gehören, die sich ohne Ansteckungssorge in Bus und Bahn, Supermarkt oder Arztpraxis begeben können. Jetzt ist alles anders. Wir müssen uns daran anpassen und das kostet uns Kraft.  Der Übergang ist eigentlich nur die Zeit, die wir brauchen, um das zu akzeptieren.

Wir schauen uns deshalb genau an, was wir warum wie verändern sollen. Letzte Woche war eine Maske zu tragen noch freiwillig, jetzt soll es eine Pflicht sein. Wo die Masken für alle herkommen sollen, ist unklar. Zu lernen wie man eine Maske richtig und sicher trägt, pflegt und desinfiziert, gehört nicht zur Pflicht, wird auch nicht breit kommuniziert. Für mich sieht das nicht effizient aus. Eher wie etwas, das mir Kraft wegfrisst, die ich zum Ausgleich der Folgen der Ineffizienz brauche. Auch wie etwas, mit dem weiterhin konsequent zwischen “gesund” und “krank”, “arm” und “reich”, “be.hindert” und “be.hinderungen problemlos kompensieren können”, getrennt wird.

Es sieht mir auch nach etwas aus, das meine Probleme der Anpassung individualisiert und damit auch alle Verantwortung und weiter auch Schuld für mögliches Scheitern und dadurch eventuell entstehende Gefährdung Dritter. Und ja, sicherlich sind all die Dinge, die mir das Tragen einer Maske erschweren individuell – dass es mir schwerfällt eine zu tragen, ist es jedoch nicht. Damit sind aktuell eine ganze Menge Menschen konfrontiert und überfordert.
Es gibt im Moment so wenig, das hilft, sich anzupassen. Sich irgendwie einzufinden. Alle, die ich kenne, wurschteln sich irgendwie da durch, können gar nicht so richtig sagen, was ihnen hilft und was nicht. So oft enden unsere Gespräche mit der Feststellung, dass es ist, wie es ist, wir es akzeptieren und gucken müssen, wie wir durchkommen. Sie enden nie damit, dass wir mehr als symbolisch zusammenstehen müssen. Nie damit, dass man einander sagt, dass man Angst hat zu sterben. Man tröstet sich nicht. Man redet nicht über den Tod und die Angst davor. Immer noch nicht. Man redet darüber, wo man Masken kaufen kann. Dass man eine positive Einstellung haben muss. Dass es anderen viel schlechter geht. Dass man sehen wird, wie sich das alles entwickelt.

Die Angst ist für uns in allem. Unsere Gewalterfahrungen waren mit Todesangst verbunden. Jede Asthmaattacke ist mit Todesangst verbunden. Jeder Routinenbruch ist für uns mit der Angst verbunden, die Welt könnte zerbrochen sein und wir dadurch in Lebensgefahr. Eine Maske, eine Abstandsregel, eine Desinfektionsvorschrift berührt diese Angst nicht, eigentlich lenkt sie nur davon ab, verschiebt den Schwerpunkt der Vermeidung. Man hat einen Gesprächspunkt mehr, durch den man einander nicht sagen muss: “Ich weiß, dass du Angst hast, ich habe auch Angst. Mein Umgang damit ist…”

Wir trainieren uns das Tragen einer Maske jetzt an. Aus Gründen, die weniger mit Corona als damit zu tun haben, dass wir es für eine relevante Fertigkeit halten, eine Maske im Gesicht tolerieren zu können.
5 Minuten-YouTube-Video = 5 Minuten Maske im Gesicht aushalten. Das geht. Die Erinnerungen kommen, mit dem Ende des YouTube-Videos, enden auch sie. Imagination ist nichts anderes als gezielte Dissoziation. Es ist okay, sich durch die Tragezeit einer Maske zu dissoziieren. Es ist okay, Angst zu haben. Die Tragezeit ist begrenzt. Ihr Ende kann man sich deutlich machen, ihren Anfang kann man sich deutlich machen. Man kann kontrollieren, wann und wo und warum man sich ihr aussetzt. Und, ob es das wert ist. Die eigentliche Angst ist immer da. Ob mit oder ohne Maske, die triggert, die Atmung erschwert, den Ausnahmecharakter der Gesamtsituation extrem unterstreicht.

Gegen die Angst hilft nicht, sich gegen eine Maske zu entscheiden oder einfach nicht mehr rauszugehen (wenn man diese Option überhaupt (wirklich) hat). Gegen die Angst hilft nur Beruhigung, durch Sicherheit(sgefühl), durch Versorgung aller Bedürfnisse.
Wie immer.

Öffentlichkeitsarbeit zu DIS – der bessere Thread

Manchmal will ich zu viel von meinen Texten oder Twitter-Threads.
Dann erwarte ich, dass Leute ein Video schauen und einen langen Thread lesen und sich dann vielleicht auch noch dazu verhalten. Einerseits sehe ich kein Problem in der Erwartung – schließlich erwarten wir alle immer irgendetwas von einander und es gehört dazu, diese nicht immer und vollständig zu erfüllen. Andererseits war mir auszudrücken, was ich auszudrücken versucht habe, wichtig und ich war so glücklich, zu den Gedanken und Worten gekommen zu sein. Deshalb teile ich sie noch einmal hier und habe einige Änderungen und Hinzufügungen fürs Verständnis vorgenommen.

Gesehen hatte ich das aktuelle Video von Mailab, in dem es um Wissenschaftskommunikation ging und Virologen in ihrer Medienpräsenz verglichen wurden. Mai hat darin aufgezeigt, dass ein Problem der Wissenschaftskommunikation immer das ist, dass Wissenschaftler_innen (Forscher_innen, Expert_innen…) immer vom Gegenstand ihrer Forschung sprechen – das “What” und wir Laien aber vor allem an dem “So What”, also der Bedeutung des Forschungsgegenstandes für uns interessiert sind.

Mir hat diese Verdeutlichung Worte für die Parallelen in der Öffentlichkeitsarbeit zum Thema DIS gegeben. So begann ich den Thread:

Kurz noch eins: Ich beziehe mich in diesem Text auf keine spezielle Veröffentlichung oder
Öffentlichkeitsarbeit zur DIS oder will mit diesem Text auf komplizierte Art ausdrücken, dass
jemand alles falsch macht oder schlecht “für uns Multis” ist. Die Ebene, die ich kritisiere
bzw. auf der ich mich abgrenze, ist eine andere und geht über Individuen hinaus.

”Seit Jahren werden Beiträge zum Thema mit „Es ist nicht wie bei Jekyll und Hyde“, „Es ist keine Schizophrenie“, „… sondern durch Gewalt entstanden“ eingeleitet. Dann gibts ein Fallbeispiel, ein Einzelfallportrait, ICD oder DSM werden vorgetragen und illustriert und fertig. Das liegt daran, dass für mehr oft kein Raum ist. Dem „What“ wird Raum in Form von Behandler_innen-Interviews und Studienlage gegeben (es wird also eine Datenlage präsentiert – Zahlen, Abstraktes) und das „So What“ sollen die Betroffenen sein.
Sie verkörpern die „Krankheit“ und damit – entsprechend der Kommunikation – auch immer ihre Ursachen. Also im Fall der DIS, toxischer Stress durch massive (organisierte, Rituelle, sadistische, langanhaltende) Gewalt.

Das Ergebnis dieser Kommunikation ist: „DIS = Krankheit (durch Gewalt)“ oder „Gewalt = DIS = krank“ oder „Gewalt = krank = DIS“
Es kann und wird so nie sein: Gewalt = „schlecht“ oder DIS = eine von vielen möglichen, und in an allen Menschen angelegte Anpassungsreaktion auf toxischen Stress.

Hinzu kommt: Öffentlichkeits/Aufklärungs/Antistigmaarbeit macht man immer für eine Gesellschaft.
In unserer Gesellschaft ist es schlecht, krank zu sein. Wer krank ist, ist mit Ableismus konfrontiert. Wer psychisch krank ist, zusätzlich noch mit Saneismus und das von allen Seiten, in allen Lebensbereichen.
Bereits das Konzept von Aufklärung – und also Aufklärungsarbeit an sich, ist ableistisch und klassistisch, denn in unserer Gesellschaft wird den (so eingeordneten) Kranken die Fähigkeit von Wissen und Wissensvermittlung nicht gleichermaßen zugesprochen, wie (als so eingeordnet) Gesunden. Zusätzlich dazu sind Mittel- und Oberschicht, die durch ihren leichteren Zugang zu Bildung und Aufstiegsmöglichkeiten durch Bildung, praktisch immer diejenigen, die in der Position sind, als Expert_in, Wissenschaftler_in, Forscher_in, Behandler_in…, aufzuklären.
Aufgrund dessen darf angenommen werden, dass ergo in dem vermittelten Wissen selten bis nie auch drin steckt, was diese Position verunsichert oder delegitimiert. Das wiederum macht das vermittelte Wissen für Unterschicht und Präkariat, (dessen Zugehörige, in Relation zu anderen Klassenangehörigen, häufiger die Betroffenen der Forschungsgegenstände sind) praktisch wertlos, denn es wird wie gesagt grundsätzlich sowieso nur das “What” vermittelt, aber das “So what” gebraucht – nach Möglichkeit angepasst an von Klassismus, Sexismus, Rassismus, Ableismus, Saneismus… geprägte Lebensumstände. Und das bleibt eben oft aus.
Karen, 32, promovierte Extraspezialistin an der Hochschule Schabala, knallgesund und gut versorgt, hat halt keine Ahnung, wie es ist, den Krebs, den sie unterm Mikroskop erforscht, zu haben, in dem Gesundheitssystem, der ableistischen Gesellschaft und der Armut, in der Friedrich 57, Frisör in Poppenhusen, lebt.
Dass es diese Unterschiede gibt, bedeutet nicht, dass Karens Forschung schlecht ist oder sie für speziell Friedrichs Leben eine Verantwortung trägt, aber es bedeutet, dass die Aufklärung über ihren Forschungsgegenstand im Blick haben muss, dass es Menschen wie Friedrich gibt und die Kommunikation das “So what” von ihm mitdenken muss.

Beim Thema DIS, ist es nun leider so, dass Popkultur und Verschwörungstheorien schneller als der wissenschaftliche Fortschritt war. Da gab es Filme, Romane, örtlich eingrenzbare Massenpaniken, die Schlagzeilen gemacht haben und entsprechend wilde Meinungsbildung in der Gesellschaft. Das macht heute den Grat zwischen Ableismus normierender (und ableistische/saneistische Normen verstärkender) Krankenschau  und Verständnisvermehrung durch Wissensvermittlung extrem schmal.
Die meisten Menschen, die sich heute aufklärerisch zum Thema äußern, sind engagierte_r Behandler_innen, eloquent und abgesichert (durch ding dong, hohen Bildungsgrad, sicheres Einkommen, Weißsein und einer Menge Freund_innen, die das alles auch haben) oder Journalist_innen, die_r in irgendeiner Form gestützt sind (oder sich so fühlen) (und oft die genannten Merkmale der Privilegierung haben) oder eben “wir Betroffenen”, von denen viele zwar auch Privilegien haben, es aber genau diese Betroffenen in der Regel nicht sind, die sich äußern oder den Druck verspüren, sich zu äußern. Aus meiner persönlichen Perspektive sind es immer eher Betroffene, die weniger privilegiert sind.
Das Problem für uns Betroffene in der Rolle der Aufklärenden ist: Wir gelten als krank. Und viele von uns sind arm. Manche auch behindert. Alle haben wir wenig bis keine Aussicht auf bedingungslosen Schutz vor Täter_innen oder Leuten, die es aus anderen (in der Regel niederen) Gründen in Ordnung finden, uns zu verletzen, zu demütigen, zu verleumden oder zu einem schlechten, für uns in der Regel direkt existenziell bedrohlichen, Ruf zu bringen. Ich persönlich kenne in der DIS-Aufklärung bzw. Öffentlichkeitsarbeit niemanden, die_r das nicht billigend in Kauf nimmt und halte das für ein Problem.
Zum Einen, weil es ungerecht ist – denn das bedeutet, dass unsere Aufklärungsarbeit immer mehr enthält, als die bloße Kommunikation von “What” und “So what”, nämlich auch noch die Kompensation aller Barrieren auf eigene Kosten, eigene Verantwortung und eigene Sicherheiten. Wir können nicht sagen: “Das ist unser Job.” Denn selbst, wenn wir es zu unserem Job machen würden, so ist es doch auch immer unser Leben, um das es geht. Ob wir wollen oder nicht. Mit allen Konsequenzen.
Und zum Anderen, weil mit der Bereitschaft in Kauf zu nehmen, dass Menschen ohne DIS, Menschen mit DIS (oder irgendeiner anderen sogenannten “Erkrankung”) als krank und quasi “übrig von der Gewalt” verstehen, auch alle Dynamiken und Umgänge der Gesellschaft mit eben diesen Eigenschaften aktiviert werden.

Ich für mich bin nicht krank, sondern angepasst an etwas, das zu erleben ich niemandem wünsche. Für mich ist Gewalt nicht unnormal, denn ich kann mich und mein Leben in Bezug zu dem anderer Menschen setzen. Ich sehe: Andere erlebten es auch und sie erleben es noch. Jeden Tag.
Würde ich machen, was übliche Öffentlichkeitsarbeit ist, würde ich die Vermeidungshaltung der Gesellschaft triggern und quasi noch während ich spreche, eigentlich schon nicht mehr sprechen. Und das würde niemandem weiterhelfen. Es würde an diversen Stellen sogar dazu führen, gewaltvolle Praxen zu unterstützen und Gewalt zu legitimieren. Hier wirds natürlich wieder akademisch. Man kann mich an dieser Stelle kritisieren und mir – ganz der eigenen Vermeidungshaltung entsprechend und dem (internalisierten) Ableismus freien Lauf lassend – unterstellen, meine Psychiatrie- und Behandler_innen-Traumata würden mir hier die Objektivität verunmöglichen und entsprechend ginge ich hier zu weit, wenn ich sage, dass es gewaltvoll ist, sich der Kategorien “krank” und “gesund” zu bedienen und entlang ihrer vermeintlich klaren Definitionen zu be.urteilen. Da mir hier Raum und Geduld fehlt diesen Punkt zu erklären, lasse ich nur einen Beleg dafür hier: Für so eingeordnete “Gesunde” gibt es keine geschlossenen Einrichtungen. Niemand, die_r als gesund gilt, muss um Selbstbestimmung, Würde und Glaubwürdigkeit fürchten. Wo und in welcher Form auch immer es so etwas gibt, ist es Gewalt. Punkt.

Die Abwehr einiger meiner Kritiker_innen ergibt sich aus der Annahme, Gewalt sei nicht normal. Es sei nicht üblich, dass Menschen einander unterdrücken, in ihren Freiheiten beschneiden, einander verletzen. “Gewalt ist nicht normal und deshalb sind wir dagegen (– wie wir ja immer gegen alles sind, das nicht normal ist).”

Ich sehe das so: Nur, weil nicht alle Menschen gleichermaßen in Form, Ziel und Ergebnis Gewalt erleben, ist Gewalt unnormal. Nur, weil nicht alle Menschen gleichermaßen angepasst auf ihre Gewalterfahrungen entwickelt sind und leben, sind einzelne Anpassungsformen unnormal – ergo krank.

Auf diesen Annahmen fußen aber viele (für mein Verständnis alle) Antistigma-/Öffentlichkeitsarbeiten. „Gewalt ist unnormal, Krankheit ist unnormal, DIS ist unnormal und auch noch krank, und jetzt kommt hier FilmTextBuch und zeigt euch… äh ja hier macht mal was gegen Gewalt. Guckt was sie anrichtet.“ Ganz ehrlich, für mich ist das, als würde ich eine Doku über nasse Lappen gucken, die mich gegen Wasser positionieren soll. So funktioniert das aber nicht. Ich brauche Wasser zum Leben. Und ja, auch wenn diese Wahrheit nicht gefällt: Wir als Gesellschaft brauchen Gewalt. Nichts, wirklich kein einziger unserer Bereiche im Leben ist frei davon. Selbst, wenn wir uns hinsetzen & ganz gewaltfrei miteinander sein wollen – wir werden welche ausüben oder ausgeübt haben und es nicht einmal gemerkt haben oder als solche einordnen, weil ihr Ergebnis uns nutzt. Diese Wahrheit und all ihre Implikationen sind ein tiefes Tal für alle, die wirklich und aus tiefstem Herzen gewaltfrei leben wollen. Ein sehr tiefes, glaubt mir. Aber es ist real und deshalb muss man das immer mitbedenken.

Ich will weder hier noch anderswo für alle Vielen sprechen, weiß, viele (die meisten, vielleicht auch alle) sehen das anders. Viele, die wir kennen, sehen sich als Ergebnis der Gewalt, als Mahnmal, als in der Verantwortung irgendetwas gegen die Gewalt, die sie überlebten und andere noch überleben müssen, zu tun. Bitte, fein. Aber.
Ich halte mein Vielesein für ein Ergebnis meiner Möglichkeiten der (individuellen) Ressourcenentwicklung in dieser Gesellschaft. Wir sind viele geworden, weil andere Möglichkeiten nicht zur Verfügung standen, Gewalt zu erleben, auszuüben und mitzutragen. Ich wurde, wir wurden nicht zu Brei geprügelt und jetzt probieren wir Brei-Leben. Der Druck unter dem wir zu Vielen wurden, ergab sich aus Widersprüchen. Aus Schmerz während man Schmerzen zufügte, aus Ohnmacht inmitten krasser Machtausübung. Aus Liebe für Leute, von denen man deutlich spürbar existenziell abhängig war. Aus dem Versuch mit Erfahrungen zurecht zu kommen, die für mich, für uns, ganz normal waren, während sie von Unbeteiligten als extreme Ausnahme angenommen werden. Der tiefe Konflikt in einer Gesellschaft zu leben, die sich Vielesein zuweilen fast showartig erklären lässt, gleichzeitig Tatort und Dschungelcamp zelebriert UND behauptet, Gewalt sei zu verurteilen.

Ich für mich sehe in dem Publikum, das ich mit üblicher DIS-Öffentlichkeitsarbeit erreichen kann, kein Publikum, das begreifen kann, was Gewalt überhaupt wirklich ist und wirklich bedeutet. Es reicht für mich nicht im Mindesten zu sagen: „Gewalt (also hier …dings… schlagen, “sexuell missbrauchen”, vergewaltigen und töten) ist schlecht, denn das macht krank, zum Beispiel mit DIS“.
Das „So what“ einer so gestalteten Arbeit würde am Ende also immer heißen: “Weiter so – nur nicht mehr so, dass niemand weiß, dass es sowas wie DIS gibt. Ach und alle sollen Gewalt (also schlagen, „sexuell missbrauchen“, vergewaltigen, töten) schlecht finden. Natürlich.”
Ich halte es für entsprechend verfehlten Aktivismus gegen Gewalt, sich nur um zwischenmenschliche Gewalt und ihre individuellen Folgen zu kümmern. Hartz 4 bedeutet auch Gewalt und hat 0,0 mit Geprügel zu tun. Heimzwang, Zwangseinweisungen in die Psychiatrie, Knastkultur ist auch Gewalt. Wenn dir einer sagt, du darfst nicht aufs Gymnasium, weil irgendjemand sagt, das dürftest du als Person mit Down-Syndrom nicht, dann ist das auch Gewalt. Und wenn eine Gesellschaft auch diese Formen von Gewalt in sich hat und trägt und kultiviert und in keinerweise zulässt, dass sich daran etwas ändert, dann wird sich auch für Menschen, die geschlagen, “sexuell missbraucht”, vergewaltigt und gequält werden bis sie eine DIS oder irgendeinander andere Anpassungsform entwickeln, um zu überleben nichts – aber auch gar nichts verändern.

Der Affront, der mit dem, was ich hier schreibe einher geht, ist natürlich erheblich viel größer als ein Heft, in dem Peter Meier sein Leben mit DIS beschreibt und die Krankenkasse anklagt oder ein Film über das Leben einer Person, die Viele ist und in die Kamera sagt, wie schwer es manchmal ist.
Was ich hier mache, bedeutet jeder Menge Leute an den Karren zu pieseln, weil ich sie und ihre Herangehensweisen nicht nur feiere, sondern auch als gewaltvoll beschreibe und zuweilen sogar gleichsetze mit dem, was sie verurteilen. Das ist unbequem, passt nicht in die ausgekügelt system- und ergo auch gewalterhaltenden Projekte und Projektchen, die sich im Engagement gegen Gewalt entwickeln konnten, aber es ist das, was ich sehe und finde und vertrete. Allein. Natürlich, ich will ja nicht, was alle wollen und ich vertrete nicht, was alle vertreten. Bis jetzt. Wer weiß, was sich daraus entwickeln kann. In manchen Projekten bin ich ja trotz und manchmal sogar wegen meiner (kritischen) Haltung erwünscht.

Die Frage, was man mit der eigenen Öffentlichkeitsarbeit erreichen will, ist für viele: „Ich will, dass die Gewalt aufhört“ oder „Vielesein, soll anerkannt werden“. Ich frage mich, wie man heute noch auf so ein Ziel kommen kann, in einer Welt und Gesellschaft wie unserer.
Was Menschen können, werden sie tun. Immer. Für mich ist immer die Frage, ob sie es auch tun würden, könnten sie anderes tun. Und ergo die Erkenntnis: In dieser Gesellschaft, hier und heute, können sie nicht anders – ohne rauszufallen, wie Leute mit DIS (oft) rausfallen. Und hier sehe ich eine, meine Schnittstelle.
Ich glaube, dass die DIS zu einer Perspektive auf die Gewalt, das Leben und die Gesellschaft führt, die sie selbst nicht entwickeln kann. Und ich glaube, dass meine oft als “Öffentlichkeitsarbeit“ bezeichnete Selbstvertretung daraus besteht, dieser Perspektive Raum zu verschaffen. Nicht mehr, nicht weniger.
Mein „So what“ meint immer alles. Auch die Gesellschaft als immer an der Gewalt beteiligte Instanz in jedem Aspekt des Lebens und das ist viel. Viel zu viel.
Ich werde nicht mehr miterleben, ob und wenn ja, was mein Zeug hier verändert, aber das muss ich auch nicht. Wenn es in der Welt ist, reicht mir das. Das ist schon viel, weil ich dafür bis hierhin überleben musste und damit klarkommen muss, dass es jetzt so ist wie es ist und, dass ich es nicht immer richtig gemacht empfinde, was Leute, wie ich machen, um auf Leben, wie unsere aufmerksam zu machen.
Demut im Aktivismus ist auch wichtig. Schwierig, schmerzlich, entgegen allen Wollens – aber wichtig.“

Danke, dass du bis hierhin gelesen hast.

 

Texte wie diesen zu schreiben, ist Arbeit. Du kannst dazu beitragen, dass ich für diese Arbeit bezahlt werde.
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Dissoziation ist kein One-Size-Pullover – Ostern, 13 Jahre später

Im ersten Jahr, war es, als würde ich wie eine Fliege gegen die Fensterscheiben dotzen, ohne wissen, wieso überhaupt. Wieso ich so viel Energie aufbrachte, wo ich hinwollte, was ich erwartete. Erst einige Zeit später bemerkte ich überhaupt, dass ich das getan hatte.
Wir lebten damals in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Es gab Schokoeier und mehr ruhige Alleinzeit mit den Pflegepersonen. Alles Dunkelbunte brummte von innen gegen meine Haut an.

Nach unserem Entschluss, es nicht „Ausstieg“ zu nennen, sondern „nicht hingehen – nicht mitmachen – DAS DA stumm schalten und weggucken“ zu machen, war es in den ganzen letzten Jahren auch immer genau so. Als liefe ein stumm geschalteter Fernseher in unserem Rücken. Dunkelbunt-TV, wenn man so will. Und mit jeder Distanzierungsübung ihrer Inhalte, rückten auch sie weiter weg. Und weiter. Und weiter. Bis wir sie auch nicht mehr als etwas fühlten, auf das man wirklich mal achten muss, anstatt es als irreal platt zu machen, zu bügeln und in einen Schrank am Anfang des Nirgendwo zu stecken.

In Wahrheit gibt es sie, aber in Wahrheit kann und will niemand etwas mit ihnen zu tun haben. In Wahrheit haben sie unsere Solidarität, unsere Kraft und alle Ressourcen der Welt verdient, aber in Wahrheit brauchen sie sie überhaupt nicht. In Wahrheit brauchen wir endlich wirkliche Ausstiegsbegleitung, aber in Wahrheit sind wir schon seit inzwischen 13 Jahren ausgestiegen.

Durch die aktuelle Situation können wir gut erkennen, dass es wirklich so ist, dass man immer der jeweiligen Situation angepasst dissoziiert. Die Dissoziation funktioniert bei uns nicht wie ein One-Size-Pullover. Hier einmal um die Dunkelbunten rum und fertig ist der Lack für immer und ewig. Es ist mehr wie eine Kaugummiblase, die man sich dann und wann wieder von der Haut puhlen muss, um eine noch größere zu machen, damit alles reinpasst.
Denn, es ist ja auch nicht so, dass diejenigen in der Blase sich nicht bewegen. Dass sie nicht reagieren.
Es ist ja so, dass wir diejenigen sind, die gelernt haben, dass sie und ihre Reaktionen in dieser unserer jetzigen Lebensrealität weder für uns, noch für andere okay sind. Dass sie uns gefährden und dass das, was sie mitbringen so etwas wie das goldene Ticket ins Balla-Land ist.
Wir sind die, die seit 13 Jahren Kaugummi fressen und schon längst automatisiert haben, Löcher zu stopfen, bevor sie die Blase zum Platzen bringen.

Und jetzt? Jetzt brummt es nicht. Jetzt bewegt sich nichts. Es schneit panische Schreie wie Pollenschirmchen ins Innere.
Was machen wir jetzt Was mache ich jetzt Was ist jetzt los Was bedeutet das jetzt Was mach ich jetzt Was machen wir jetzt Was bedeutet das jetzt Was machen wir jetzt Was mache ich jetzt Was ist jetzt los Was bedeutet das jetzt Was mach ich jetzt Was machen wir jetzt Was bedeutet das jetzt

Und ich pflanze Radieschen. Und ich baue einen Schutzwall für die Radieschen, damit die Spatzen sie nicht fressen, wie sie die Salatpflänzchen gefressen haben.
Was machen wir jetzt Jetzt pflanze ich kleine Kräuterpflanzen ein. Was ist jetzt los Jetzt pflanze ich das Bäumchen ein. Was bedeutet das jetzt Ich kann einen Käfer sehen, der durch die Blütendolde krabbelt. Was mache ich jetzt Jetzt rolle ich 50 Meter verknörgelten Gartenschlauch auf, um ihn morgen wieder abzuwickeln, denn ich habe ein Anschlussstück zu kaufen vergessen. Kaugummi Kaugummi Kaugummi

Es ist keine Verankerung im Außen oder in der Gegenwart, es ist die konsequente Verankerung in mir, die_r das Früher, das Alte überhaupt nicht kennt und Zeit spürt, statt sie zu berühren. In Wahrheit mache ich das hier also eigentlich konsequent falsch, in Wahrheit ist es das Einzige, das funktioniert und Funktion wird belohnt.

Was bedeutet das jetzt
Es ist und wird.
Heute säe ich Erbsen aus.

Autismus, Trauma, Kommunikation #8

Ich hing gestern gut 6 Stunden im Support meines Webhosters, um die E-Mail-Adresse, die ich hier seit Jahren verwende, um über Blog, Podcast und darüber hinaus erreichbar zu sein, zu retten.
Es war das Ende einer langen Kette von Miss- und Unverständnissen, die ich in diesem Text nicht weiter ausbreiten will, unter anderem, weil sie nicht sind, die mich belasten oder jetzt, einen Tag später endlich meine Erschöpfung von allem spürend, auch unfassbar schmerzlich berühren.

Worüber ich hier schreiben will ist, warum es mich so schmerzt. Warum es ein Trigger für uns ist. Was genau der Punkt ist, wo sich Autismus und Trauma bei uns so vermischen, das die zwischenmenschliche Kommunikation und Interaktion in jeder Situation eine retraumatisierende sein kann.

Im Blog von Vielen haben wir die Textkategorie „Die Helfer_innen und die Hilfe“.
Entstanden ist sie aus der Erkenntnis, dass Helfer_innen und Hilfe schaden können. Aber auch aus dem Wunsch zu erfassen, was uns hilft und wieso. In dieser Kategorie finden sich auch Texte aus der Zeit vor der Autismusdiagnose, in der wir dachten, dass wir einfach unverständlich sind. In der wir dachten: „Wir machen das halt einfach immer falsch mit dieser Hilfe. Wir müssen die richtigen Worte finden, wir müssen uns genau abgucken, wie andere sich verhalten, damit sie Hilfe bekommen und wir müssen das nachmachen (, um dann zu merken, dass wir selbst das noch falsch machen, weil unser Blick auf Menschen dazu führt, dass wir die falschen Verhaltensweisen in falschen Reihenfolgen kopieren).“

Missverständnisse zu vermeiden, den richtigen Eindruck zu vermitteln, das Richtige im richtigen Moment zu sagen, oder zu verschweigen, war in meiner Kindheit über.lebenswichtig. Dabei  außerhalb der familiären Gewaltkontexte immer wieder zu scheitern, zum Beispiel in der Schule, im Hort, im Sportverein, in Chor und Band und was wir nicht alles noch besuchten, ist das Eine.
Es bestätigte die Traumawahrheit, dass niemand hilft, niemand glaubt und auch niemand versteht. Das AußerhalbderFamilie wurde mir immer wieder als unwürdig, falsch, schlecht, dumm dargestellt und so erschien die Botschaft auch valide.
Diese Dynamik beschreiben viele Menschen, die als Kinder in gewaltvollen Familien, in Sekten und organisierten Gewaltkontexten, auswachsen mussten. Es gibt ein Außen auf das du nicht zählen kannst und es gibt ein Innen, das immer für dich da ist – die Familie/Sekte/Gruppe/die Anderen.

Als autistisches Kind hatte ich das nicht.
Autismus greift in jede Interaktion und in jede Kommunikation hinein. Die gleichen Miss- und Unverständnisse, die ich im Außen erlebte, erlebte ich auch im Innen. Nur dort in seinen Auswirkungen erheblich brutaler, einfach schon, weil ich ein Kind war. Abhängig auf allen Ebenen und dadurch schlicht nicht in der Lage, überhaupt meiner Sicht auf die Dinge die Be_Achtung einzufordern, die nötig ist, um Miss- und Unverständnisse aufzuzeigen oder zu klären.

Wer durch ein Minenfeld laufen muss, aber nicht, wie alle anderen Leute auf Merkmale der Minen achtet, wird verletzt. Ganz zwangsläufig. Und so – auf diese Art gehen wir durchs Leben. Immer wieder und wieder und wieder und wieder. Ohne, dass unsere Gesprächpartner_innen das merken. Ohne, dass wir ihnen das immer so begreiflich machen können, dass sie sich nicht als Person gekränkt, bedrängt, abgewertet oder irritiert erleben. Ohne, dass sie uns den Schmerz nehmen oder uns trösten können. Ohne, dass sie ~ einfach mal eben so, ohne jede Anleitung und Herumprobieren und der dazu nötigen Konsequenz ~ etwas dagegen tun können.

Nun ist die Metapher natürlich nicht ganz passend. Die Merkmale einer einzelnen Mine kann man auswendig lernen. Man kann sich zwingen, sich selbst gegenüber brutal restriktiv dazu bringen immer, zu jeder Zeit auf den Boden zu schauen und auf Minen zu achten. Zwischenmenschlichkeit ist aber kein fester Gegenstand. Kommunikation verläuft nicht immer gleich, nicht immer vorhersehbar. Interaktion wird von so einer großen Zahl von Faktoren beeinflusst, dass sie einfach nicht in allem immer berechnet oder angenommen werden kann. Schon gar nicht von einem Kind, das zusätzlich dazu noch in einem sozialen Umfeld aufwächst, das unvorhersehbar und immer unnachvollziehbar in Gründen und möglichen Konsequenzen absichtlich irreführend kommuniziert.

Was sich für uns aus diesem Umstand (und vielleicht noch anderen, bisher nicht bekannten Faktoren) entwickelt hat, ist, dass es für uns ein Außerhalbvonuns, ein AußerhalbderFamilie und das InderFamilie gibt.
„Autismus“ als Wort kommt laut Wikipedia von altgriechisch „autós“ – also „selbst“. Die meisten Autist_innen, die ich bisher kennenlernen durfte, kennen diese Trennung von sich. Es gibt sie und gibt alle anderen. Und immer stehen dahinter ähnlich schwierige Kommunikations- und Interaktionserfahrungen. Ich persönlich sehe das nicht darin begründet, dass alle Menschen speziell autistischen Menschen gern das Leben zur Hölle machen wollen, sondern darin, dass die meisten Menschen eben nicht autistisch sind oder die autistische Wahrnehmung und Einordnung nicht von sich selbst kennen und also nicht nachvollziehen und also nicht beachten können.
Das macht Autismus für mich zu einer Behinderung, die noch einmal mehr als bei anderen Behinderungen, nicht als etwas Individuelles angenommen und behandelt werden darf, da auch nicht autistische oder anders neurodivergente Menschen in ihrer Kommunikation mit autistischen Menschen die Barrieren der Kommunikation und Interaktion zu kompensieren gezwungen sind.

Die im wahrsten Sinne des Wortes herrschende Ansicht ist allerdings eine andere und so ergibt sich für mich eine immer wieder auftauchende Dynamik der Traumatisierung (s. „seelische Verwundung“) in meinem Alltag, die sich auch noch einmal verschärft hat, seit ich weiß, dass ich autistisch bin.
Meine Bemühungen um Verstehen und Verstandenwerden passieren in aller Regel einseitig, weil mein autistisch sein als meine Behinderung angenommen wird. Etwas, das ich überwinden muss, um mit nicht autistischen und anders als ich neurodivergenten Menschen in einander verstehender Kommunikation „richtig“ zu funktionieren. Ich werde da mit etwas auf eine Art allein gelassen, die im Umfang ihrer Implikationen für mich unermesslich ist. Die Welt – das Außerhalbvonmir – ist damit eine nie versiegende Quelle von Schmerz, von Überforderung, von Not, von Ohnmacht und Hilflosigkeit und gleich meiner mich jahrelang quälenden Misshandlungsfamilie in ihrer Anmutung.

Und das tut weh.
Das tut wirklich weh und ist im Ausmaß nicht zu beschreiben.

Denn auch wenn ich weiß, dass ich am glücklichsten allein bin; dass ich weiß, dass ich mir selbst am meisten Vergnügen bereite und auch sonst immer und immer alles irgendwie auch allein schaffe (mich durch alles durch dissoziieren kann) so will ich doch auch vertrauen können, andere Perspektiven als meine er_leben, von anderen lernen, meine Kräfte schonen, indem ich Herausforderungen mit Unterstützung anderer Menschen bewältige und so weiter und so fort. Ich will leben. Nicht überleben.

Missverständnisse bedeuten für mich oft, von jetzt auf gleich völlig auf mich allein gestellt über_leben zu müssen. Sie sind mir Trigger für Erinnerungen an Vergangenes und reales Jetztgeschehen gleichzeitig und weil das so ist, hat dieser Text keine Punchline am Ende, die zu einem Like oder einem Klick auf den Share-Button führt, sodass mehr autistische traumatisierte Leute davon lesen können. Es ist wieder einfach nur gesagt. Aufgeschrieben. Ums zu sagen. Zu erklären. Zu zeigen, dass es passiert und dass es weh tut und ich nichts dagegen tun kann, weil grad einfach alles so ist, wie es ist und ich mittendrin bin und nichts und niemand – weder mein Wissen zu Trauma, Autismus, Menschen und ihrem Ableismus, noch irgendjemand, der helfen will, helfen kann.
Denn der Schmerz passiert in mir allein und alles andere ist Außerhalbvonmir.

zum Weltautismustag 2020

Weltautismustag.
Wir gehen ins fünfte Diagnosejahr. In der letzten Podcastfolge „Viele-Sein“ haben wir erzählt, was sich alles für uns geändert hat, seit wir dem ersten Verdacht nachgingen.
Wir haben gesagt, dass es uns vorkam, als hätten wir unser Leben lang versucht, mit einem Hammer zu schaffen, was alle mit einem Hammer schaffen, obwohl wir einen Schraubenschlüssel brauchten. In Bezug auf den Weltautismustag erscheint es uns inzwischen, als würde auch in Sachen „Öffentlichkeitsarbeit zu Autismus“ mit den falschen Werkzeugen gearbeitet.

Schon einen einzelnen Tag im Jahr für die Thematik freizumachen ist absurd. Das wirkt wie ein Gedenktag, an Autismus wird aber nicht gestorben, sondern an dem Ableismus, dem Saneismus und der damit begründeten Gewalt, die autistischen Menschen angetan wird. Damit meine ich nicht nur Eltern, die ihren Kindern Bleichmittel einflößen, sie mangelhaft und einseitig ernähren oder direkt töten, sondern auch Konversionstherapien, der Zwang zu Anpassungsleistungen, die weit über die jeweiligen Kompensationsfähig- und -fertigkeitsoptionen gehen und das Verwehren von Teilhabe und Selbstvertretung.

Ironischerweise steht der diesjährige Weltautismustag für Autismus Deutschland e. V. unter dem Motto „I can learn I can work“. Für mich sieht es nicht so aus, als würden große Organisationen, die sich zu den Leben autistischer Menschen äußern, lernen. Denn eigentlich sollte nun, nach so vielen Beiträgen von autistischen Selbstvertreter_innen im Netz, wie auch in Funk und Fernsehen, endlich klar sein, dass auch in Sachen Autismus nichts über uns ohne uns geht.
Doch wie man heute wieder vielfach sieht: Da wurde nichts gelernt.
Immer noch sieht man Puzzleteile, immer noch stehen Erziehungs- und Förderungskonzepte im Vordergrund, nach wie vor geht es überwiegend um autistische Kinder.
Die Lebensrealität autistischer Erwachsener wird unter Aspekten der Produktivität und Anpassungserfolge dargestellt, wiederum oft nur um Spenden zu sammeln oder ins Leere zu klagen – nicht, um zu mobilisieren oder gar politische Bewegungen anzutreiben.

Stichwort politische Bewegung – wir werden oft über den Autismus vereinzelt, wie wir über die DIS vereinzelt werden.
Unsere Erfahrungen werden individualisiert, also zu etwas gemacht, dass allein uns betrifft und nicht auch den Rest der Welt. Die Folge dessen ist, dass unserer Stimme weniger politisches Gewicht gegeben wird. Da heißt es: „Ja, für dich ist XY eine Barriere, aber für die meisten Leute nicht, deshalb ändern wir das nicht. Wir ändern nichts nur wegen einer Einzelperson.“ Der Schritt zu dem Bewusstsein, dass beim Vorliegen einer oder vieler Barrieren nichts wegen einer Einzelperson, sondern wegen der Grundrechte auf freie Entfaltung und Teilhabe für alle Menschen gleich, etwas verändert werden muss, der wird deshalb oft gar nicht möglich.

Auch an der Stelle versagt der Weltautismustag. Dieses Problem kann in einem Tag nicht einmal vollständig erklärt werden, geschweige denn Lösungsprozesse anstoßen – was also soll dieser Tag machen?
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Und zwar nicht für neue interessante Projekte, die (erwachsene) Autist_innen im Lauf des letzten Jahres auf die Beine gestellt haben (so wie „Neuro(r)evolution“ zum Beispiel) oder so etwas, sondern für Organisationen, die ableistische Menschenbilder und saneistische Wohlfahrtsgedanken weiterhin für sich ausnutzen. Und zwar nicht nur auf Kosten der autistischen Menschen, sondern auch deren Familien, Freund_innen und Verbündete. Letztlich also alle Menschen.

Wir entziehen uns dem, was uns in folge von Kritik oft begegnet, nämlich der Anspruch, eine Alternative vorzuschlagen oder es besser zu machen.
Es geht uns nicht um Alternativen zu ableistischer Gewalt oder saneistischen Haltungen – es geht um Ableismus und Saneismus an sich. Es geht darum, dass autistische Menschen nach wie vor nicht als Menschen (wie andere auch) angenommen und akzeptiert werden, einfach nur, weil sie autistisch sind.
Wir glauben nicht, dass es unsere Aufgabe sein muss, Menschen ~der Öffentlichkeit~ zu erklären oder zu zeigen, wie vielfältig Menschen sind. Auch diesem Take liegt ein schlimmes Menschenbild zugrunde, das uns sehr fern liegt.

Wir glauben, dass wir klarmachen müssen, was Menschenrechte sind und was Gleichheit in allen Rechten bedeutet.
Schlimm genug, dass wir annehmen müssen, dass den meisten Menschen nicht ganz und gar klar ist, was das bedeutet und wir jedes Jahr im April ganz besonders daran erinnert werden.

nichts ist wie sonst

Und dann war die Therapeutin in unserem Büro. Psychotherapie übers Internet.
Ich erzählte ihr, dass wir zum ersten Mal eine Podcastaufnahme neu anfangen mussten, weil ich nicht aus einem Gefühl heraus kam. Sorge, Angst, die Therapie und alles, was wir bisher darin erarbeiten konnten durch die Epidemie wieder zu verlieren. Und darüber natürlich grundfeste Panik, dass wieder alles so wird wie früher. Früher, als Suizidalität normal, Angst und Verzweiflung der einzige Motor für alles war. Sie sagte aus dem kleinen Browserfenster, dass man Erlebtes nicht verlieren kann. Dass das für unsere Gewalterfahrungen genauso wie für die Therapieerfahrungen gilt.
Ein beruhigender Gedanke.

Bis ich heute Morgen aufwachte und keinen richtigen Gedanken fassen konnte.
Ich konnte nicht arbeiten, konnte mir keine Meinung bilden, verwirrte mich selbst mit dem, was ich dann aber doch an halbwegs konsistentem Zeug von mir geben konnte.
Bis ich merkte, dass ich die Pizza nicht abholen konnte, weil mich das Wissen um die Veränderung im Ablauf ängstigte. Bis ich gerade verstand, dass ich innerlich so total verklemmt und verdreht bin, weil sich um mich herum alles verdreht und verklemmt.
Es ist echt nicht viel, was sich für uns verändert. Es ist nur das Einkaufen gehen und dass wirklich dauernd das Handy vibriert, weil uns Leute schreiben und es Arbeitschats gibt. Aber das ist für uns, so in der Form, in dem Rahmen und dieser Unmöglichkeit die Dauer einschätzen zu können, schon zu viel. Und selbst, wenn man daran jetzt etwas ändern könnte, wäre diese Änderung ja auch wieder eine neue Änderung.

Und Ostern. Das auch noch. Auch diese Konstante – weg. Auf ein Mal. Jetzt. JETZT kommt da Kontakt zu den Dunkelbunten zustande. Nach 18 Jahren. Jetzt kommt da an: Dinge sind anders und gelten für alle. Auch DIE. Und klar sind die jetzt panisch. Nicht nur irritiert oder verunsichert. Scheißpanisch. Nicht nur, doch sicherlich auch, weil wir ihnen nicht sagen können, was das jetzt bedeutet. Wie das denn jetzt läuft. Und sie können ja auch nicht einfach fragen oder beobachten, was die anderen machen. Sie brauchen Halt. Und den gibts nicht. Für niemanden. ALLE müssen jetzt durch.halten, aus.halten und diesen Zustand Tag für Tag er.tragen.

Es hilft zu wissen, dass wir nichts anders machen als sonst.
Andererseits machen wir gerade alles anders als sonst. Wir sind keine Einzelperson mit Hund mehr. Wir sind ein_e Partner_in in einem Team. Wir leben uns nach wie vor in einer neuen Gegend ein. Wir wachsen in den neuen Namen rein. Wir haben gerade unser erstes gemeinsames Zuhause mit jemanden angefangen. Nichts ist wie sonst.
Außer der Angst.

“Systemsprenger”– vom Glotzfaktor, Gewalt und Realität

Ich wusste, dass es hart wird und ich wusste, dass es auch weh tun wird. “Systemsprenger” gucken.
Der Film ist jetzt bei Netflix verfügbar und wir hatten es nicht geschafft, ihn im Kino anzusehen. Jetzt, gut einen Tag nachdem wir ihn angeschaut haben, sind wir froh darum.
Wir hätten es im Kino nicht ausgehalten.

Schon die Szene am Anfang, an deren Ende Benni, die Hauptperson des Films, allein im Hof wütet – völlig außer sich ist – und alle glotzen. Lachen, höhnen, glotzen.
Nein, der Film ist wohl für niemanden, die_r wenigstens durch Erzählungen um den Zustand der deutschen Hilfe- und Helfer_innenlandschaft weiß, leichte Kost, tröstlich, inspirierend oder in irgendeiner Form angenehm zu sehen. “Systemsprenger ist ganz klar ein Film für alle, die keine Ahnung haben. Für alle, die denken, es gäbe für alles und alle Lösungen oder Orte, an denen Lösungen gefunden werden können. Alle diejenigen, die glauben, es gäbe immer von irgendwoher Mittel und Wege, um eine Antwort auf die Frage zu finden, was man mit Menschen macht, die nicht nur außer sich, sondern auch aus Familie und Gesellschaft raus sind.

Es ist der Glotz-Faktor, der mich auch heute noch beschäftigt.
Ich kann nicht schreiben, dass ich mich easypeasy von dem Film abgrenzen konnte. Das konnte ich nicht, denn ich bin noch lange nicht an dem Punkt, an dem ich meine eigenen Erfahrungen des ängstlichen Angeglotztwerdens verarbeitet habe.
Ich kann das Glotzen bis heute fühlen. Auch dann, wenn ich es nicht will, denn es gibt bis heute Situationen, die mich daran erinnern. Wie das war, nichts gegen die Flashbacks tun zu können, die mich zu einem Risiko für mich und andere gemacht haben. Wie das war, zu wissen, dass niemand auf der ganzen Welt etwas anderes dagegen tun konnte, als mich, uns, “auszuknipsen”, einzusperren und letztlich: zu warten. Wie das war, über Stunden in der 5-Punkt-Fixierung zu liegen und durch eine Scheibe angeglotzt zu werden. Angeglotzt von Hilflosigkeit im Gewaltausübungsauftrag. Angeglotzt von Leuten, die ja auch nichts dafür können. Angeglotzt von Leuten, die sich irgendwann später in der Raucherecke Tränen aus den Augen blinzeln und sagen, dass sie selber auch nicht verstehen. Dass sie selber auch nicht weiter wissen. Dass sie keinen Unterschied zwischen uns sehen, aber übermächtig deutlich spüren. In ihrem Arbeitsauftrag, in den Strukturen, in ihrem eigenen Innern.

Als Erwachsene mit einigen Jahren guter Traumatherapie und Auseinandersetzung mit Gewalt hinter mir, kann ich die Traumaspirale, den Gewalttransit daran erkennen. Weiß, dass es genau diese Situationen sind, die dazu führen, dass man als bereits traumatisiertes Kind oder jugendliche Person re_traumatisiert wird, obwohl doch alle nur helfen (wollen).
Es fällt mir noch heute schwer zu akzeptieren, dass wir diese Erfahrungen auch nie aufarbeiten können werden, wie wir die Gewalt in der Herkunftsfamilie und den Ausbeutungskontexten aufarbeiten können. Du kannst die Gewalt des Systems nicht in genau dem System als Trauma aufarbeiten, ohne das System in irgendeiner Form zu verändern. Die Konvention zu verlassen, Professionalität neu zu definieren und Grenzen aufzuweichen, die gleichzeitig aber so nötig sind.
Was das System als Wunde in dir hinterlässt, kann das System nicht als Wunde behandeln, ohne sich selbst als Verletzenden anzuerkennen. Und genau das kann es nicht, weil es sonst in seiner Hauptfunktion in frage gestellt wäre. Was nicht passieren darf. Ohne das System gibt es ja nur noch Individuen.

“Systemsprenger” wirft bei vielen Menschen die Frage auf, was man mit einem Kind wie Benni macht. Für mich ist das irritierend, denn es wird mit dem Film beantwortet, was man mit solchen Kindern macht und damit aufgezeigt, dass das die falsche Frage ist.
Man muss fragen, was man für Kinder wie Benni macht. Man muss fragen, was man für sie tun kann und darf, während es so vieles zu sollen gibt. Fragen, wie man etwas für sie tun darf und kann und soll und muss.

Aus unserer Auseinandersetzung mit unserem Projekt “das Nachwachshaus” weiß ich: Man soll als (potenzielle_r) Helfer_in/Unterstützer_in immer mehr, als man darf, als man kann, als man will.
Und: Der Bedarf ist größer als in etablierte Rahmen hineinpasst. Eigene, neue Rahmen zu erschaffen, ist aber nicht vorgesehen. Nicht einfach so. Nicht bedingungslos. Schon gar nicht das.

Ich würde diesen Text gern mit einer versöhnlichen Note beenden. Ich bin aber nicht versöhnt mit all dem.
Und ich schreibe das hier auch nicht auf, um irgendjemanden zu trösten oder zu befrieden. Ich bin die_r Letzte an die_n man solche Ansprüche überhaupt richten sollte. Denn ich bin die Person, die Trost bedarf und Wieder_gut_machung ins Leere fordern muss. Die Entschuldigungen und Entschädigungen erwartet und das zu Recht.
Ich hatte als Jugendliche nie die Chance mich gegen Hilfe zu entscheiden, nie die Chance mich vor der Gewalt in diesem Kontext zu schützen. Die Hilflosigkeit und Ohnmacht anderer wurde zu Maßnahmen an und mit mir, die in ihrer Wirkung so nie vorgesehen war und doch eintrat. Mit allen Konsequenzen, die damals wie heute kaum jemand überhaupt sieht und anerkennt.

Ich würde das hier gern lieblich enden lassen, weil ich mir das für mich wünsche. Ich würde gerne schreiben, dass das vergangen ist und nie wieder passiert. Doch das ist nicht die Realität. Weder ist es meine noch die von anderen Menschen, die, so wie sie sind, als “Zerstörer”, als “Sprenger” – und nicht als “Erweiterer”, “Eröffner” eingeordnet und behandelt werden.