support options/fatal communication errors – Brücken bauen

Ismene hat unter dem letzten Artikel eine Situation geschildert und daraus die Frage abgeleitet, ob das der richtige Umgang mit meinem „Apfel“ wäre. Meine Antwort wurde dann sehr lang und ich denke, dass es gut als Teil 2 zum letzten Text funktioniert, weil sich viele Leute am Ende meiner Texte fragen, was denn besser wäre.
Also:

Es ist insofern nicht richtig übertragen, weil in dem Beispiel etwas geklappt hat, was mir oft nicht gelingt: Du konntest klarmachen, wie du dich, weshalb, wie fühltest und was das für dich bedeutete – so, dass die Leute klar hatten: „Ah, für Iseme bedeutet das Fenster einen Trigger, deshalb fühlt sie_r sich so und so. Weil wir nicht schaden wollen, helfen wir, indem wir den Trigger beseitigen.“

Für mich braucht es keinen Fokus auf mich und meine Gefühle oder die Bedeutung des Apfels für mich, deshalb erwähne ich sie nicht und das verwirrt die meisten Leute. Das wäre in dieser Krankenhauszimmer-Situation so gewesen, als ob ich auf das Fenster deute und sage: „Das ist ein Fenster.“ Und in aller Regel will ich auch nur das sagen: „Hier ist ein Fenster.“ /“Das ist ein Apfel.“ – nicht mal „Ich, Hannah, viele, so und so, sehe einen Apfel.“ sondern einfach nur: „Apfel. Da.“

Der „richtige Umgang“ in so einer Situation wird immer versucht, darüber habe ich einen Zweifel. Wenn Informationen fehlen, dann werden sie eingeholt. In der Regel mit Fragestellungen, die auf meinen Bezug zum Objekt abzielen: „Was ist mit dem Apfel?“, „Was bedeutet der für dich?“, „Soll ich oder jemand oder willst du etwas damit machen und wenn ja, wozu?“

Für mich ergeben sich aus diesen Fragen unzählig viele Informationen über die Leute, die sie stellen und die Notwendigkeit, mich spontan auf eine unvorhersehbare Anzahl von möglichen Gesprächsverläufen einstellen zu müssen. Und das in einem Kontakt (und damit in Erwartungen an mein Verhalten bzw. an meine soziale Performance), den ich überhaupt nicht wollte – aber in dem Moment auch nicht wählen kann (was sich für mich dann oft traumabedingt, wie aufgezwungen anfühlt), denn sie fluten mich ja mit ihrer Schilderung und Erwartungen, obwohl es für mich um etwas völlig anderes ging.
Und ich habe dann genau zwei Optionen:
1. Brücken bauen, bis ich nicht mehr kann, was mein goldenes Ticket in den autistic burn out ist, weil es enorm viel Kraft und geistige Kapazität zieht
2. Aufhören und weggehen

Der „richtige Umgang“ muss also, wenn der Kontakt bestehen bleiben soll oder muss, weil es Abhängigkeitsverhältnisse gibt, Brücken zu bauen sein. Einander suchen und finden. Sich gegenseitig Möglichkeiten etablieren, um einander zu verstehen.
Das Problem: Für die meisten Leute sind genau diese flutenden Fragen ihr Stil Brücken zu bauen.
Sie bonden über den sozialen Zusammenhalt, das Gefühl, das sie kriegen, wenn sie merken: „Ah, die Person will mich erreichen, sie will mich verstehen. Sie hat mich lieb, sie will mir nicht schaden…“ Das sind große Gefühle, sehr stark. Für manche Leute bestehen die kommunikativen Brücken praktisch nur aus diesen Gefühlen. Und noch mehr Leute brauchen die Aussicht auf diese Gefühle, um überhaupt anzufangen, eine zu bauen.

Bei uns entstehen diese Gefühle aber erst, wenn wir eine Brücke zu bauen geschafft haben. Und eine Weile gut nutzen konnten. Und die andere Person sie genauso oder annähernd genauso nutzt wie wir. Und wenn wir gemerkt haben, dass sie stabil bestehen bleibt, auch wenn sich das emotionale oder soziale Verhältnis verändert hat. Einfach, weil wir uns erst dann überhaupt in dem Kontakt orientieren können.
Wir brauchen von der anderen Person die Information, dass sie sieht oder begreift, worauf wir uns beziehen.
Also nicht die Spiegelung der eigenen Wahrnehmung: „Aha, du zeigst mir einen Apfel“, sondern die Rückmeldung über das Verstandene: „Da ist ein Apfel.“
Sonst keine Brücke. Beziehungsweise nur das Stück, was wir von unserer Seite gebaut haben, das ins Leere geht und meistens nicht einmal wertgeschätzt wird, obwohl es mit einiger Mühe gebaut wurde.

Je wichtiger uns der Kontakt ist, desto elaborierter sind unsere Brücken. Und da wir es zwar mit vielen neurodiversen, aber doch neurotypisch kommunizierenden Leuten zu tun haben, sind unsere Brücken in der Regel sowas wie eine sechsspurige Autobahn, die so viele Spuren hat, weil wir auf jede Eventualität, jede Spielart, jeden Dialekt, jede Grammatik des Miss_Verstehens gefasst sein und diese zu kompensieren bereit sein müssen. Während unsere Gesprächspartner_innen alles über den Trampelpfad nebendran klären. Undifferenziert, gequetscht, diffus, häufig in Bezügen, die wir nicht nachvollziehen können, in einer Sprache, die wir uns erst übersetzen müssen.

Was ist da der richtige Umgang? Ich kann Menschen nicht abzwingen, dass sie meinen Brücken-Stil übernehmen und ich habe nichts davon, wenn sie über meine unnützen Brückenstücke lobhudeln, als funktioniere Kommunikation wie Olympia. Ich kann ihnen immer nur sagen, dass sie mich nicht verstehen und hoffen, dass sie verstehen, dass das weder bedeutet, dass ich sie scheiße finde noch, dass mich das beim ersten, zweiten oder dritten Mal schon richtig krass trifft, fertig macht, kränkt, verletzt, beleidigt (weil ich den Anspruch habe, dass sie es immer gleich sofort packen müssen).
Mein richtiger Umgang kann nur sein aufzuhören, wenn ich merke, dass es anfängt mich zu verletzen oder zu erschöpfen.

Und der Umgang der Leute?
Keine Ahnung.
Ich merke am Begleitermensch, dass kleinschrittige, vorsichtige, achtsame Hartnäckigkeit hilft. Aufrichtiges Interesse an dem was ich sage und Anerkennung des Unpersönlichen in dem, was ich meine. Und klar viel Kraft. Es kostet richtig viel Kraft und offensichtlich einen totalen Ausbruch aus der kommunikativen Routine, sich auf diesen anderen Stil des Brückenbaus einzulassen und selbst zu versuchen, ob man entweder einen gemeinsamen Freestyle oder ein gemeinsam genutztes Schema (also eine hilfsmittelbasierte Kommunikation) hinkriegt.

Es erfordert auch eine andere Zielsetzung mit uns in Kontakt zu sein. Wir haben nicht die gleichen emotionalen Erwartungen an soziale Kontakte wie die meisten Menschen. Es ist total ok für uns (und oft auch sehr viel sachdienlicher für den Vertrauensaufbau), nur Sachdaten auszutauschen, Eindrücke zu übermitteln, damit die andere Person Kenntnis davon hat, also einander „upzudaten“. Ehrlich gesagt sind 97 % unserer Gespräche genau solche Gespräche und wir sind damit zufrieden, solange wir nicht auch noch die individuelle Bedeutungsebene erraten sollen. Wenn die wichtig ist, muss man uns das sagen und erklären. Und zwar von sich aus, denn wir wissen oft nicht, wann wir genau danach fragen müssten.

Was uns auch guttut ist, mit uns über die gemeinsame Kommunikation zu reden, wenn ihr Gegenstand nicht mehr wichtig ist. Zum Beispiel: Wie hat es geklappt, als wir letzte Woche unseren Wochenplan besprochen haben? Hast du bei der letzten Streitklärung etwas vermisst? Reicht es dir, wenn dir einmal sage, dass ich dich mag oder brauchst du das regelmäßig? Wenn ja, regelmäßig alle zwei Tage oder eher anlassbezogen? Welche Anlässe eignen sich für dich? Mich hat neulich verwirrt, dass wir alles so durcheinander gemacht haben – hatten wir da eine Absprache, die ich vergessen habe?

Auch das wieder total anstrengend für Leute, die alles irgendwie immer erraten oder intuitiv richtig aus der Hüfte schießen, aber eins kann ich ganz klar versichern: Es ist noch viel viel anstrengender, mich im Overload ertragen zu müssen oder mit mir zu streiten, weil ich nicht merke, dass ich etwas nicht verstehe und andersherum die andere Person etwas von mir nicht versteht, ohne zu verstehen was.

Dass wir in der Regel ganz genau, ganz konkret, fast dinglich, meinen, was wir sagen, ist der einzige Hinweis, den wir geben können, damit andere ihre Brücken in unsere Richtung bauen. Ob sie den beachten oder nicht, liegt leider nicht mehr in unserer Hand.

fatal error/language pack „neurotypisch“ failed – der Apfel

Irgendwann ist es nur noch der Gedanke: Weil ihr einfach dumm seid.
Als Wochen vergangen, das gegenseitige Unverständnis unüberbrückbar, das Ende meiner Worte erreicht ist. Ja, da denke ich Fuck you all, ihr seid zu dumm, ihr rafft es einfach nicht, ich kann nicht mehr. Ende. Schluss. Dann eben nicht. War ja klar. Sowieso.
In meinem Rücken Leute, die ihre Unsicherheit ausdrücken, ja auch keine Ahnung haben und aber hier und aber da, allen geht es ja immer schlecht, nie hat man Zeit sich sicher zu werden und man weiß auch nicht. Das wollte man auf jeden Fall nicht und ja, danke für die Info, ich war auch nicht dafür da.

Der Fehler liegt nie bei den anderen, schlimmer noch, nie hat irgendjemand irgendetwas falsch gemacht, ich hab einfach Pech, irgendwie irgendwo falsch abgebogen und man kriegt es nicht mehr klar, weil keiner kapiert und ich einfach nicht mehr kann, nicht mehr weiß, aber soll und muss, weil sonst keiner will und sich einredet, ja eigentlich in Wahrheit auch nicht zu können.
Gruppen, andere Menschen und ich, das ist eine Geschichte, die für mich immer immer immer wieder mit dem Gefühl endet, für alles verantwortlich zu sein, an allem schuld zu sein, alles aus mir selbst heraus klären zu müssen, obwohl alle was von zwei Seiten sagen. Aber ich bin die Seite, die was sagt. Vermutlich, weil ich selbst einfach am allerdümmsten bin. Die andere Seite schweigt. Vor Angst erstarrt irgendwo zitternd und total verwirrt und hat ja keine Ahnung flatter flatter armes Mäuschen. Das Böse bin ich. Aggressiv, immer nur wütend, gefährlich.

Dass ich auch nicht verstehe, nicht verstehe, wie man nicht verstehen kann, obwohl ich schon alles gesagt hab – ich nicht verstehe, wie die meisten Leute mich verstehen, was von dem, was ich sage oder schreibe, ja blabla scheinbar versickert das irgendwie immer oder ist einfach zu konkret, mit zu viel autistischer Grammatik, was weiß ich. Wer redet kann kein Kommunikationsproblem haben, richtig? Jemand, die_r so viele Wörter kennt, von so vielen Leuten gehört wird, kann doch kein Problem mit Verständnis haben.

Verstehen bedeutet für die meisten Leute aber etwas anderes als für mich. Sie reden von emotionalem Verstehen. Von ei ei, wenn man sagt, dass etwas weh tut oder geteilten Emotionen oder schlicht einem Zuhause im anderen. Und ich meine, dass, wenn ich von einem Apfel rede, die andere Person versteht, dass ich von einem Apfel rede.
Nicht von Apfelmus, nicht darüber, wie ich Äpfel oder diesen einen Apfel finde, nicht, dass ich einen oder diesen Apfel will, nicht, dass der Apfel mich stört, dass er mich triggert und auch nicht, dass jemand den Apfel essen soll oder ich ein mega Rezept für Apfelkuchen kenne, weil ich die geilste Person unter der Sonne bin.

Die meisten Leute können ihre Missverständnisse mit einem einfachen Trick lösen, um sich selber aus ihrer Rolle in einem Konflikt rauszudrehen: Ich-Botschaften.
Weil die meisten Leute in den meisten Fällen irgendwelche emotionalen Sozialkonflikte haben und vornehmlich sagen wollen: „Ich mag dich, ich will dich nicht vernichten“, ist es wichtig und nötig, dass die einander sagen, was sie wie gehört haben und was das bei ihnen ausgelöst hat.
In meinen Konflikten, ist das eine Strategie, die mir nur Energie frisst, weil sie mich zwingt, die ganze Zeit immer und immer wieder zu sagen: Ja, fein, aber hier, es geht um einen Apfel. Nicht um dich, nicht um mich, ich habe hier ein Ding und ich bin deshalb in Gefühlen, weil ihr mich komplett aufraucht in dem Versuch mir mitzuteilen, wie lieb ihr seid, wie toll ihr mich findet, was in Bezug auf diese Sache hier eigentlich alles nur schlimmer macht, weil ihr mir total widersprüchlich erscheint. Ja, ihr habt mich lieb und wollt mir nicht schaden, warum hört ihr dann nicht einfach, dass es um diesen fucking APFEL geht?! Warum zur Hölle hilft mir dann niemand von euch? Warum bin ich denn jetzt hier der Arsch, „hab den Konflikt gewählt“, warum fühlt es sich denn für mich an, als würde ich mich eurer Zuneigung nicht würdig erweisen, weil ich sage, dass ich da etwas habe, das mit euren Gefühlen zu mir überhaupt nichts zu tun hat?

Am Ende solcher Konflikte reden Leute schlecht über mich oder machen mich zum Opfer meines Traumas, behaupten, ich wäre nicht konfliktfähig, entwerten meine Arbeit und so manche haben mir jeden Weg in andere Gruppen verwehrt.
Und ich bleibe mit der erneut bestätigten Traumawahrheit, dass jeder Space ein safe Space ist, wenn ich nicht (mehr) drin bin, zurück. Nicht, weil ich meine Trigger nicht klarkriege, nicht weil mich keiner mag, sondern nur, weil ich kein Emo-Verständnis will und das keiner kapiert.

Und weil der Apfel für niemanden außer mir überhaupt relevant ist.

die Besteck-Theorien

Dieser Text ist als Audiopodcast der Selbsthilfereihe „Was helfen könnte“ auf vielesein.de erschienen.

Einige be.hinderte Menschen in der Community verwenden die Redewendung: „Ich habe keine Löffel für Tätigkeit XY“ oder „Mir fehlen heute die Löffel dafür“. Damit beziehen sie sich auf die „Spoon-Theory“ von Christine Miserandino, in der Löffel als eine Art Energie-Einheit betrachtet werden. Ein Löffel gleich eine Tätigkeit oder vielleicht auch zwei Tätigkeiten oder zwei Löffel für eine Tätigkeit. Manche teilen noch ein in kleine und große Löffel, doch halten wir an dieser Stelle fest: Es geht um die individuellen Energieressourcen, mit denen man morgens aufwacht und die zur Verfügung stehen, um den Tag zu schaffen.

Viele chronisch erkrankte Menschen leben mit Fatigue, also einer Erschöpfung, die bei vielen von ihnen auch nicht durch mehr Schlaf oder einen längeren Urlaub aufhört. Ihr Leben erfordert also kontinuierliches Energiemanagement und die ständige Prüfung, wie viele Spoons, also wie viele Energie-Einheiten in etwa noch verfügbar sind.

Ich habe kurz nach unserer Autismusdiagnose von dieser Theorie erfahren und hielt sie erst für ein praktisches Tool, um meine Ressourcen greifbarer zu machen. Doch zwei Dinge erwiesen sich für mich als problematisch. Erstens: Die meisten Menschen kennen weder diese Theorie noch Erschöpfungszustände, wie ich sie oft erlebe.
Erschöpfung ist auch nicht gleich Erschöpfung. Die chronische Fatigue von zum Beispiel Menschen mit MECFS ist eine andere als meine, die sich durch die Verschränkungen von Autismus und chronischer Traumafolgestörung ergeben. Und erst recht andere als die von Menschen, die Vollzeit lohnarbeiten, um sowohl davor als auch danach noch unbezahlt hauszuarbeiten.

Das zweite Problem war und ist für mich, dass ich durch meine, tja erschwerte? wenig ausgeprägte? von mir nicht eindeutig genug interpretierbare? Tiefenwahrnehmung des Körpers im Grunde kein Konzept darüber habe, wie viel oder wenig ich mich körperlich belasten kann oder sollte. Für die allgemeine Bestimmung meiner Erschöpfung bin ich auf für andere Menschen extreme Signale angewiesen: Motorische Ausfälle (unsicherer oder versteifter Gang, Dinge fallen mir aus der Hand, ich kann keine Schleifen mehr binden oder Knöpfe zu machen), dissoziative Krampfanfälle, Unfähigkeit Gehörtes zu verstehen und zu verarbeiten, extreme Wahrnehmung von Geräuschen, Ausfall des Sichtfeldes, das Gefühl, dass es entlang meiner Knochen summt, das Gefühl meine Haut würde brennen. Sowas.
Das Problem dabei ist, dass es extreme Signale sind, die auf extreme Erschöpfung und extreme Stresslevel deuten. Sie dienen also nur dazu mir zu sagen: „Du bist erschöpft. Du bist gestresst.“ aber nicht, wie viel Energie da mal war oder wie viel noch da ist. Und sie sagen mir auch nichts über meine psychische oder geistige Erschöpfung oder ihren Anteil an der von mir als körperlich interpretierten Erschöpfung.

Ich merke durchaus auch, wann ich einen guten Tag habe und wann nicht, doch auch das leite ich über das Level des Schmerzes ab, mit dem ich morgens aufwache und dem Level der Schmerzhaftigkeit der Morgentoilette. Eigentlich sollte ich morgens (bzw. generell) aber nie Schmerzen haben, sondern mich neutral mit Tendenz fühlen. Jedenfalls ist das meine Vorstellung davon, was man braucht oder zumindest als Erfahrungswissen über eigene Befindlichkeiten haben sollte, um die eigenen Energiereserven einschätzen zu können.

Also, die Spoons waren es nicht.

Dann habe ich von der „Fork-Theory“ gehört und da kamen wir der Sache schon näher.
Die Fork-Theory hat sich der Ehemann von Jenrose ausgedacht. Im Englischen gibt es die Phrase: „Stick a fork in me, I’m done“ mit der man ausdrückt, dass man mit etwas fertig ist. Nun kann man sich vorstellen, wie oft man den Stich einer Gabel ertragen kann und was es bedeutet, wenn der Stich von einer Heugabel, einer Fonduegabel oder einem Kunststoffgöffel kommt.

Dass mir die Welt und das Leben darin weh tut, ist etwas, das ich sage und empfinde, seit ich denken kann.
Nicht, weil es immer ultra schlimm ist und mein Leben nur aus Elend und Not besteht, sondern weil es so ist. Egal wie entspannt ich bin, egal wie schön alles ist, unter allem liegt immer eine diffuse Decke von Schmerz, die nicht zu lokalisieren und auch nicht näher zu beschreiben ist. Und alles was zusätzlich auf mich zukommt – und sei es, dass ich morgens aufwache und das Licht eines fantastischen Tages, der nur auf mich wartet um mich mit Nektar und Vogelgesang zu liebkosen, wahrnehme – trägt etwas zu diesem Schmerzteppich bei.

Ich habe eine Weile darüber nachgedacht, ob ich wirklich jeden Reiz, jeden Stressor in mich stechende Gabeln übersetzen möchte. Denn nicht jeder für mich aversive Reiz ist auch für andere Menschen als möglicherweise aversiv glaubhaft oder wenigstens nachvollziehbar. Und nicht alles, was mir weh tut, ist für mich ausschließlich unangenehm. Sex und Sport zum Beispiel. Oder die Hunde streicheln. Oder die ballerscharfe Knoblauchcreme mit krachenden Chips essen.
Im Kontext der Vermittlung meiner Belastung hingegen ist diese Übersetzung nützlich, weil sich jede_r schon einmal mit einer Gabel gestochen hat und/oder auch gestochen wurde. Es ist damit vielleicht nicht immer passend in Bezug auf ganz konkrete Eindrücke und Wahrnehmungen, aber auf eine allgemeine Beschreibung der Lage. Zum Beispiel so: „Ich habe gerade 6 Gabeln in mir, ich kann nicht noch mit ins Kino.“ oder „Der Arbeitstag bedeutete heute 4 Gabelstiche und eine ist noch drin, lass mich die erst rausnehmen/die Stelle versorgen, dann können wir einkaufen gehen.“

Das vermittelte Bild ist vielleicht total krass für viele, die das Schmerzerleben von Stressoren nicht teilen, aber ich merke viel Kongruenz.
Außerdem ist es so vielleicht auch leichter für Außenstehende zu verstehen, warum man in manchen Momenten sehr große Schwierigkeiten hat, auf Kraftquellen oder Energiereserven zuzugreifen. Wenn man weiß, dass jemand gerade eine Heugabel im Oberschenkel hat oder hatte, dann würde man von der Person nicht erwarten, joggen zu gehen oder sich am Sonnenschein zu erfreuen. Heilung und Regeneration braucht individuell viel Zeit und dieses Konzept ist manchmal leichter über ein Bild der körperlichen Verletzung zu kommunizieren, weil diese Erfahrung universeller ist, als die von Stress- und Reizverarbeitung. Das ist auch traurig, aber das ist nun einmal gerade der Stand in unserer ableistischen Gesellschaft.

2019 hat Terry Masson der Spoon-Theory noch die „Knife-Theory“ hinzugefügt.
Das Messer im Besteckkasten wird hier als das letzte verfügbare Mittel betrachtet.
Es ist hocheffizient, aber enorm energieaufwendig zu nutzen. Mit einem Messer ist praktisch alles zu schaffen – vor allem durch entweder (unumkehrbare) Zerstörung oder (hihi) einschneidende Veränderungen.

Auf so ein metaphorisches Messer zurückgreifen zu müssen, weil man wirklich am Ende ist, bedeutet nach außen hin für viele behinderte Menschen eine verlängerte oder auch überhaupt erst möglich gemachte Phase der Funktionalität, auf Kosten der Möglichkeiten für längerfristige Funktionalität.

Als Beispiel kann ich hier unsere Zeit der Ausbildung anführen, als wir noch nicht überwiegend zu Hause gearbeitet haben.
Am Montag hatte ich genug Energie, um gut zur Schule zu kommen und bis 10 halb 11 einigermaßen mitkommen zu können. Das waren anderthalb bis 2 Unterrichtblöcke und eine Pause mit Raumwechsel. Dann bin ich auf den letzten Energieschlucken nach Hause gekommen und musste ausruhen bis abends, um noch ein bisschen nachzuarbeiten und zu bloggen, zu schreiben, mit Freund_innen zu sprechen oder zu kochen. Am Dienstag habe ich dann vielleicht genauso lange durchgehalten, konnte dann abends aber nur noch zwischen kochen oder bloggen entscheiden. Mittwoch hatte ich dann schon in der Straßenbahn Sorge, ob ich die erste Stunde überhaupt schaffe und hatte Geld für ein Taxi nach Hause dabei. Ab mittags lag ich mit Chips und Brause im Bett – ohne irgendwas anderes als mich berieseln zu lassen, zu können. Donnerstag hab ich mich dafür fertig gemacht und gedacht, ich reiße mich gut zusammen, während ich mich, metaphorisch gesprochen, mit den letzten verfügbaren Messern zerschnetzelt habe. Ich habe kaum noch etwas mitgekriegt, geschweige denn prozessiert, was in der Schule passiert ist und wie ich jeweils immer wieder nach Hause kam, ob ich NakNak* wirklich richtig gut versorgt habe, was, wann wie viel ich gegessen und getrunken habe, ob ich meine Medis genommen habe, ob ich Termine wahrnahm, ob mich irgendjemand um irgendwas gebeten hat – blank. Keine Ahnung. Freitags das gleiche von vorn. Nur mit Schmerzen, die durch nichts irgendwie zu erleichtern waren. Und in der Regel ebenfalls kompletter Amnesie für den Tag, oft genug auch noch für das ganze Wochenende danach.
Das erste Ausbildungsjahr hat mich wirklich so extrem überfordert, dass die Spaltung zum schulfunktionalen Alltagssystem, aus der Schulzeit in Kindheit und Jugend, endlich richtig Sinn ergab. Hier also die Verschränkung mit der DIS: Es geht um toxischen Stress, der nicht reguliert werden kann und das Gefühl von Lebensbedrohung auslöst, der nicht ausgewichen werden kann. Und, um den Bogen zum Besteckkasten zurückzuschlagen, auch mit unterschiedlichen Anpassungsstrategien begegnet wird.

Ich, Hannah, ehemals „die Rosenblätter“, bin definitiv eine Gabelstich-Reaktion mit stabiler Löffelstrategie.
Mein Energiemanagement ist effizient, wenn es darum geht, soziale Kommunikation zu schaffen und deshalb eher ineffizient in Bezug auf meine Arbeit oder Hobbys. Das Energiemanagement des Schulsystems basiert komplett auf der Messerstrategie. Es ist kaum etwas für soziale Bindung da oder für die Verarbeitung im Sinne einer „Ver-Ich-lichung“ dessen, was um sie herum passiert. Im Grunde hacken sie sich mit einer Machete durch den Reizdschungel und sind ansonsten unverbunden mit dem, was das eigentlich bedeutet.
Für uns relevant zu wissen, weil wir über dieses Konzept besser überlegen können, wie wir Kontakt etablieren und neue Strategien ermöglichen können. Außerdem ist es relevant, weil wir so nicht mit falschen Vorstellungen an sie herantreten. Wir müssen annehmen, dass sie so etwas, auf den ersten Blick vielleicht erst einmal ineffizientes, wie einen Löffel nicht etablieren können, weil ein ganz anderes Prozessempfinden vorliegt, aber auch ganz andere Erwartungen an die eigene Selbstwirksamkeit. Außerdem dürfen wir nicht voraussetzen, dass sie selbst spüren, was ihr Energieverbrauch für uns bedeutet.

Ähnliche Auseinandersetzungsprozesse wünsche ich mir auch im Außen. Nicht nur bei mir, bei uns, sondern auch für alle anderen Menschen, die immer oder auch nur zeitweise sehr darauf angewiesen sind, dass man ihre Belastung, ihre Erschöpfung gut genug nachvollziehen kann, um ihnen nicht ständig und immer mehr abzuverlangen, als sie eigentlich wirklich gut, ohne selbst schaden zu nehmen, können und schaffen.

May the Besteck-Theory become your new tool!

Nachklapp: #rC3 – Barrierefreiheit – Quo vadis?

Kennt ihr die Erkrankung Myalgische Enzephalomyelitis/das Chronic Fatigue Syndrome? Oder den kongenitalen Nystagmus? Details über Autismus oder die Gliedergürtelmuskeldystrophie? Wisst ihr, wie man mit einer dissoziativen Identitätsstörung lebt? Die Panelistinnen nehmen euch mit zu einem Ausflug in ihr Leben und besprechen dabei Unterschiede und Gemeinsamkeiten, ihre jeweilige Lebensqualität sowie ihre Bedürfnisse für eine echte Teilhabe am Leben.

die letzten Stunden des Jahres

Am Vormittag ruft der Begleitermensch an.
Wir sprechen über meine Emotionsverwirrung. Über meine Wut, die eine andere ist, als Außenstehende zu erwarten scheinen. Über mein Überarbeiten, um mir das Gefühl von Kontrolle zu erhalten und darüber, dass ich, deren Magen ein unendlich großer, unendlich unempfindlicher Ballon ist, zum dritten Mal in diesem Jahr Gastritis habe.
Einen Tee in der Hand höre ich ihm beim Denken zu und schaue auf die letzten Stunden des Jahres, die von wenigen Autos und vielen Rabenvögeln auf dem wintergrünen Feld begleitet werden. Er fragt, was helfen würde und ich lasse etwas los. Vielleicht ein Stück Maske, die mich flexibler darstellt als ich bin. „Na, wenn sie noch da wäre, würde das helfen. Wenn wir einen ordentlichen Übergang machen könnten. Wenn es nicht so eine Situation wäre, in der wir uns zu großen Teilen für eine neue Arbeitsbeziehung entscheiden müssten, weil die Situation mit ihr alles schlimmer macht, als es müsste.“ antworte ich. „Du abartiges Mistvieh, jämmerliches Heulbaby bescheuertes“, antwortet es mir von innen.
Die Dynamik meiner geistigen Starre ist so verlässlich wie eindeutig. Ich wollte nie, dass wir nicht mehr miteinander arbeiten, sie hat das entschieden, ich habe maskiert, kompensiert, so getan, als wäre die Veränderung etwas, womit ich Schritt halten kann, denn ich bin ja kein Heulbaby, ich bin ja erwachsen, von mir kann man erwarten, dass ich Schritt halte, mich bewege, mitgehe, dem Strudel der Veränderungen folge, wie ein Grashalm im Wasser. Dass es mich und meine Kraft zersetzt, dass ich leide, wird angenommen, weil Scheiden schmerzt, nicht, weil sich damit mein ganzes Leben auf allen Ebenen verändert und ich für die Neuanpassung so unfassbar viel mehr aufbringen muss, als in mir ist.
Dass es nicht mehr so wird, wie es mal war, ist gerade in mir angekommen und passt zum Jahreswechsel, wie die Farben in einer perfekten Komposition. Aber die Akzeptanz dessen ist nicht gleich der Akzeptanz ihrer Wirkungen. Die überfluten mich, schieben mich in immer größere, immer drängendere Arbeitsprojekte, während meine Leistungsfähigkeit spürbar abnimmt. Ich verliere mehr Zeit, beobachte mich öfter, verliere häufiger den Faden in der eigenen Organisation. Das ist inakzeptabel, macht mich inakzeptabel, bringt uns in Gefahr, noch mehr zu verlieren als eine Arbeitsbeziehung.

Eine Stunde später schreibe ich einen Termin meinen Kalender. Dann merke ich, dass der Partner und die Hunde nicht da sind. Ein letzter Einkauf und eine Hunderunde stand noch auf seinem Zettel.
Ich lese die Diskussion unter dem letzten Blogartikel und frage mich, wie dick die Haut wirklich ist, die das Außermir vor meinem Leiden unter Missinterpretation und nicht erkannten Verbindungsversuchen schützt. Dann fange ich an zu putzen.
Wäsche zu machen, den Abwasch abzutragen, zu saugen, zu wischen, während der Partner Brühe für etwas kocht, das man „Hot Pot“ nennt. Es funktioniert wie ein Fondue. Man gart kleine Stücken Gemüse oder auch Fleisch und Tofu in würziger Brühe, die man dann mit einem kleinen Kescher herausfischt und mit verschiedenen Soßen isst. Sehr lecker.

Nach dem Essen schauen wir Filme, dann spielen wir Phase 10 und erzählen uns, was 2020 gut war.
Draußen knallt ab und zu eine verirrte Eigenverantwortung, halb 12 öffnen wir den Sekt. Wir haben Wunderkerzen und einander. Dass wir uns nicht infiziert haben, ist unter den Top 3 der besten Dinge, die passiert sind.

Warum es als Viele nicht unsolidarisch ist, bei sich selbst sogenannte „false memories“ anzunehmen.

Als aktivistisch agierende_r Üb.erlebende_r von Gewalt hört man immer wieder, dass „die Opfer“ doch wenigstens untereinander solidarisch sein sollen, weil sich sonst nie etwas ändert.
Das hatten wir während der Produktion der 8. Vielzimmerwohnung ständig im Hinterkopf.
In dieser Episode sprechen wir über „falsche Gedächtnisinhalte“, die False Memory-Foundation, die False Memory-Bewegung und wissenschaftliche Daten zur Thematik. Für manche Menschen heißt das übersetzt, dass wir über den Feind gesprochen haben. Den gemeinsamen Feind, der nichts anderes im Sinn hat, als Menschen wie uns zu diskreditieren, uns der Lüge zu bezichtigen, uns unser Leid abzusprechen und als Gewinner aus dem Ring zu gehen.
Eine total schwierige Episode.

Auch, weil unsere Solidarität mit anderen Menschen, die Gewalt üb.erlebt haben, weder bedingungs- noch grenzenlos ist. Dies aber oft von uns erwartet wird.
Wir sind schon lange genug dabei um zu wissen, dass man von früheren Gewaltopfern vor allem deshalb Solidarität fordert, weil man annimmt, dass Opferschaft in irgendeiner Form homogen sei und man entsprechend als Personengruppe funktionieren könne – und eben dies auch sein müsste, um gesellschaftlich wie gesellschaftspolitisch etwas zu bewegen.
Gleichzeitig reden und schreiben wir auch schon lange genug, warum das eine falsche Annahme ist und Gewalt als in unsere Gesellschaft hinein funktionalisiert ignoriert. Meine Gewalterfahrungen als weißes Kind sind ganz profund und ohne jeden Raum für auch nur ein einziges „Ja, aber“ andere, als die eines schwarzen Kindes oder die eines behinderten Schwarzen Kindes oder die eines Kindes aus der Oberschicht. Diese Unterschiede – diese Achsen, auf denen Menschen leben, von Gewalt betroffen werden und sind – definieren maßgeblich ihre Perspektiven auf die Gewalt und auch ihre politischen wie gesellschaftlichen Forderungen diese zu verfolgen, zu bestrafen, zu verhindern, zu transformieren. Dies zu vereinheitlichen und einen Konsens zur Bedingung für Veränderungen zu machen, ist Gewalt. Zum einen auf der abstrakten Ebene, weil es dem Machterhalt derer dient, die davon profitieren und zum anderen auf der konkreten Ebene, weil es extrem begrenzt, was wer wie wann und an welcher Stelle fordern, aber auch bewirken kann.

Wir sind solidarisch mit Menschen, die zu Opfern wurden, weil wir Gewalt für Unrecht halten. Nicht, weil sie Opfer waren oder sind.
Denn: Wann ist ein Opfer ein Opfer? – Wenn ein_e Richter_in das juristisch anerkennt? Wenn man der Erzählung einer Geschichte glaubt? Wenn man etwas erlebt hat, das global ohnmächtig gemacht hat? Wer bestimmt, wann wer wieso global ohnmächtig war oder sich so wahrgenommen hat? Opferschaft hat so viele Definitionen, so viele soziale wie politische Implikationen – man macht unfassbar viele Aussagen über einen Menschen, wenn man ihn als Opfer bezeichnet, aber nicht alle treffen zu. Nicht alle sind angemessen. Viele widersprechen einander sogar oder sind gänzlich fiktional und/oder basieren ausschließlich auf Konstrukten, die man sich aus vielen Quellen, sowohl bewusst als auch unbewusst kreiert hat.

Dies erscheint vielen Menschen, die sich als Opfer einordnen, als Verrat. Als würden wir ihnen ihre Leiden nicht glauben oder vertreten, es gäbe bestimmte Gewaltformen gar nicht. Oder als würden wir Opfer unserer Solidarität nicht für würdig halten.
Das trifft aber nicht zu.
Was wir sagen ist, dass Gewalt nicht nur ist, wenn Täter_innen Menschen zu Opfern machen, sondern dass Gewalt etwas ist, das alle Menschen immer machen und also alle Menschen immer Täter_in und Opfer sind. Und zwar auf so vielen Achsen, dass es unlogisch ist, Opferschaft ausschließlich auf einer Ebene zu definieren und auch nur auf dieser Solidarität zu üben.
Das ist überhaupt niemals eine Aussage darüber, wie unfassbar schlimm oder nicht, egal oder nicht, real oder nicht die Gewalterfahrungen und -taten einzelner Menschen waren oder sind. Es ist lediglich eine Aussage darüber, dass Gewalt alle Menschen immer betrifft.

Dieser Annahme folgen wir konsequent, indem wir Solidarität von allen Menschen fordern und uns in erster Linie auf Gewalt als Instrument der Macht und Macht als stets und ständig umkämpfte Grundressource unserer Gesellschaft konzentrieren.

An der Stelle endet in der Regel jede Diskussion, jede Auseinandersetzung, die wir in der aktivistischen Community führen können. Denn da geht es meistens um ganz konkrete Fragen der Versorgung, der Gesetzgebung, der Strafe, der Anerkennung, der Wiedergutmachung und Entschädigung – und zwar wieder in einem Gewaltkontext, der als solcher niemals angepackt wird, weil man einfach nicht anerkennen will, dass man mit diesen Instrumenten von Gewalt profitiert. Man will das einfach nicht so sehen. Man will Recht und Gesetz, Verwaltung und staatliche, soziale, politische Ordnung für naturgegeben und also unproblematisch halten.
Das ist sie aber nicht. Sie ist das Ergebnis von Macht durch Gewalt und nichts daran ist unproblematisch. Es ist nur für eine Mehrheit der Menschen nicht zum Nachteil, was keine Aussage über die Richtigkeit ist.

Wir haben nach der Veröffentlichung der Podcastepisode auch die Rückmeldung bekommen, dass es erstaunt, dass wir in Bezug auf unsere Erinnerungen unter anderem auch sogenannte „false memories“ annehmen. Diese Haltung hat sich ebenfalls aus dieser Annahme herausentwickelt.
Wir müssten extrem ablehnen, dass wir in den letzten 18 Jahren möglicherweise nicht nur gut und richtig, sondern auch falsch behandelt wurden, dass wir Erlebtes falsch erinnern, aber auch Falsches als erlebt erinnern, wären wir darauf angewiesen, objektiv und zu absolut 100 % Opfer geworden zu sein. Das sind wir aber nicht.
Wir beziehen kein OEG, wir werden zu keinem Zeitpunkt jemanden anzeigen und beim FSM konnten wir alles darlegen, was wir wissen und annehmen und glauben und die Entscheidung über die Glaubhaftigkeit dessen abgeben. Wenn wir uns also täuschen oder getäuscht wurden oder in 20 Jahren erforscht würde, wie man unser Störungsbild auch ohne Trauma durch Gewalterfahrung entwickeln kann, dann haben wir uns weder allein getäuscht noch in irgendeiner Form von einem Status profitiert, der uns nicht zusteht.
Für uns ist das in Ordnung so. Für uns, ganz individuell, ist das entlastend. Wir können uns so ermöglichen, uns ganz auf uns zu konzentrieren. Wir können uns anschauen, was uns belastet und warum und wie genau. Und dann können wir daran arbeiten, es zu verändern. Sogenannte „false memories“ sind keine absichtlich vorgetragene Lügen oder Zeichen für böse Absichten und wir finden es wichtig, dass das endlich auch mal in der Community ankommt.

So viele Viele zerreißen sich oft jahrelang darüber, was von ihrer Erinnerung wahr ist und was nicht. Oft für Autoritäten, die sich für sie als Individuen überhaupt nicht interessieren oder aus einer internalisierten Abwehrhaltung den Annahmen gegenüber, die sie selbst in Bezug auf Opfer haben. Und das ist ein so kraftraubender, so unnötiger Nebenschauplatz.

Es gibt im Leben viele Dinge, die man als wahr oder unwahr einordnen kann. Die Anwesenheit dieser beiden Größen schließt allerdings weder Widerspruch noch Unbeweisbarkeit aus. Es gibt Dinge über die wir heute, hier und jetzt in unserer Lebenszeit nur sagen können, dass es sie gibt und vielleicht noch was sie auszeichnet, aber nicht, ob sie wahr sind oder nicht. Zudem muss man manchmal auch einfach genug Demut aufbringen, sich einzugestehen, dass kein System über sich selbst hinaus wahre Aussagen treffen kann, weil jedes System Wahrheit für sich selbst – und auch nur für sich selbst funktional – definiert.
Welchen Wert und welche Funktionen hat Wahrheit also für uns? Für uns als System „Individuum“, für unser direktes Umfeld und jenes, das uns verwaltet, weil es die Macht dazu hat?

Wir haben festgestellt, dass wir für uns allein, für unser Leben als Individuum, keine objektive Wahrheit brauchen, sondern Strategien nicht unter unseren Wahrheiten zu leiden. Das schließt die Akzeptanz der Möglichkeit, sogenannte „false memories“ zu haben zwingend mit ein und hat uns ermöglicht, diesen unerträglichen Nebenschauplatz zu verlassen.
Eine Strategie, der sich alle berauben, die sich der Thematik verweigern, nur weil sie vom „Feind“ kommt bzw. von ihm missbraucht wird, um Gewalt auszuüben oder zu legitimieren oder zu leugnen.

Kein Schicksal, keine Herzensgüte

„Haben Sie sich gestritten?“, fragt meine Neurologin auf der Suche nach einem Grund für das Ende der Therapie. „Nein, gar nicht“, antworte ich, „Das ist ja das schlimme. Das wär ja einfach.“
Weiter hinten tobt es. Ist wütend, obwohl es überhaupt keinen Sinn hat.

Zwei Tage vorher hatten wir mit der Therapeutin telefoniert. Das war so verabredet, weil ich mit der Wut nicht zurechtkam. Fürchtete, an einem nicht vorhersehbaren Punkt, die Ohnmacht hinter der Wut als unaushaltbar zu empfinden. Weiß, dass ich mich kümmern muss. Verantwortung übernehmen muss. Was in meinem Fall bedeutet, genau nicht zu tun, was das bindungszerstörte Innere will: Dissoziation, Trennung, Vernichtung bis (es) nicht.s mehr ist.
Sie hatte eine lange E-Mail von uns bekommen und war nicht darauf vorbereitet, dass ich mich damit befasst haben würde. Dass ich nicht zulassen würde, dass wir darüber reden. Dass ich ihr keinen Raum für eine Verdrehung unserer Beziehung geben würde – und uns keinen für eine Reinszenierung.

Ich sagte ihr, dass ich glaube, dass sie uns das, was die Inneren sich, uns, von der Auseinandersetzung wünschen, nicht geben kann, selbst wenn sie wollte, weil sie noch zu nah dran ist und ich, Hannah, die funktionale Helfertraumaschale, gar nicht nah genug dran bin. Und dass wir nichts von einer Auf.arbeit.ung mit ihr haben, wenn sie nicht mehr mit uns arbeiten will.
Therapie ist Beziehung, Beziehung ist Arbeit, Arbeit war die Grundlage unseres Kontaktes. Sie hat uns genauso wenig wie viel einen Gefallen damit getan, mit uns zu arbeiten, wie es mir, uns, Kraft gekostet hat, mit ihr zu arbeiten. Es ist ihr Job und meine Existenz. Kein Schicksal, keine Herzensgüte – mein Versuch unser AmLebensein aushaltbar zu machen und all die Unterstützung und Begleitung, die sie bieten konnte. Nicht mehr, nicht weniger und davon vieles, was ich als Erfahrungswissen nie verlieren möchte, gerade weil es kein Geschenk von ihr, sondern das Ergebnis meiner, unserer, Arbeit, unseres Mutes, unserer Anstrengungen ist.

Um einen Rahmen zu spannen, schlug ich vor, in einem halben Jahr einen Termin für einen Abschied zu vereinbaren. Wir sollen sie anrufen, um ihn zu vereinbaren und sind damit wieder die Person, von der alles ausgeht, die vorgeblich alles in der Hand hat, obwohl völlig klar ist, dass das nicht stimmt.

Ich glaube nicht, dass ich diejenige sein werde, die sie in 6 Monaten anruft.

Die Welt ist voller Paralleluniversen

„Und, ich sag mal so, ich habs ja auch nicht alleine beendet.“
Noch eine Woche später habe ich den Satz der Therapeutin im Kopf und merke mein Schweigen dazu wie einen Korken zwischen den Inneren und mir. Sie hats alleine beendet. Sie war diejenige, die nicht mehr konnte oder vielleicht auch nur wollte. Sie war das und sie fängt an, sich die Geschichte umzuerzählen. Mir ist egal warum und wofür. Dass sie es tut, ist für die Inneren ein unverzeihlicher Verrat, für mich die traurige Bestätigung einer Angst, die ich, seit wir anfingen mit ihr zu arbeiten, als diffuses Feld empfand und nie berührte, um den Kontakt mit ihr etablieren und funktionalisieren zu können.

Ich habe nicht darauf reagiert, weil unsere Sprechzeit auf 30 Minuten begrenzt war. Weil wir ihr nichts mehr geben wollen, über dessen Bedeutung wir mit ihr reden müssen. Weil sie jede Reaktion von uns umerzählen wird. Ob bewusst oder unbewusst. Sie wird nicht uns hören, sondern, was sie hören muss und dank ihrer Position hören kann. Sie vermeidet für sich und deshalb uns.
Es ist das gleiche wie vor 4 Jahren, wie vor 5 Jahren, wie vor 8, 13, 15, 19, 22 Jahren, obwohl wir längst nicht mehr die gleiche.n sind und das ist noch das schlimmste von allem.

Am 8. Tag nach dem Satz spreche ich mit Dr. H. darüber.
„Sie ist also ausgestiegen“, hatte er gesagt, als ich ihm vom Ende der Therapie mit ihr erzählt hatte. Ich hatte an eine Zugfahrt gedacht, die sie für sich beendet hat und gemerkt, dass das gut erklären könnte, weshalb ihre Perspektive auf das Ende zwangsläufig eine andere sein muss. Wenn man aussteigt, tut man etwas anderes als die, die den Ausstieg machen. Man denkt an andere Dinge, sieht andere Dinge, findet sich in völlig neue Kontexte ein, als die Leute im Zug und auch der Zug selbst.
Die Welt ist voller Paralleluniversen und sie hat unsers verlassen.

Diesmal sprach ich mit ihm über den Wunsch, dass sie das versteht. Am Ende musste ich einsehen, dass ich von ihrem Verstehen nichts habe außer einen Konsens über meinen Schmerz. Was wertlos ist, weil sie ihn weder ungeschehen machen noch lindern noch ausgleichen oder transformieren kann, wenn sie nicht mehr mit mir verbunden ist.
Ich musste einsehen, dass wir einen Aspekt unserer Traumatisierung wiederholen. Dass wir von ihr das gleiche Verstehen wünschen, wie wir es uns von allen an uns gescheiterten Therapeut_innen vorher gewünscht haben, wie wir es uns von den Erwachsenen in unserer Kindheit und Jugend gewünscht haben, wie manche von uns es sich immer noch von den Täter_innen wünschen, die uns auch Eltern waren.

Alles, was ich tun kann, ist uns vor ihrer Erzählung zu schützen. Den Abstand zwischen uns real werden und ihr die Wahrheit zu lassen, die sie gerade oder vielleicht auch für immer braucht. Ich habe nichts mehr mit ihr zu tun. Es ist nicht mehr relevant, was sie im Kontakt mit mir braucht, wir haben einfach keinen mehr, der auf aktuellem Geschehen, aktueller Verantwortlichkeit beruht, sondern auf dem Umstand lange miteinander zu tun gehabt zu haben. Eine gemeinsame Geschichte, die deshalb weder ihre noch meine ist.

der dritte Sprechstundentermin

Im Zug gehe ich meine Gesprächspunkte noch einmal durch. „Guten Tag“ – „Guten Tag. Die Versichertenkarte bitte“ – „Ja, hier.“ – „Danke, nehmen Sie schon mal Platz.“ – „So. Ja. Was führt Sie denn zu mir?“ – „Ich suche eine neue Therapeutin für mich“ …
In meinem Kopf ist das Gespräch schon da. Ich weiß, was ich sagen muss und halte mich an diesem Wissen fest, damit meine Angst darum, dass dieses Gespräch anders laufen wird, so lange wie möglich unterdrückt bleibt.
Ich habe wirklich Angst. Das fällt mir während dieser Fahrt zum ersten Mal ganz bewusst auf. Es ist keine Furcht. Keine Sorge. Es ist Angst mit allem Zipp und Zapp.

Wir fahren eine neue Station in Hannover an, ich kenne mich dort nicht aus, konnte keinen begleiteten Testvorlauf machen. Von da aus fahren wir mit dem Bus weiter, ich kenne das System der Busfahrer in Hannover nicht. Weiß nicht, ob sie ein Stationsansagesystem haben, ob es Baustellen gibt, ob ich Empfang für mobiles Internet und GPS habe, wo ich aussteigen muss. Werden die Stationen, an denen niemand ein- oder aussteigt, vielleicht überfahren und die Ansage – so es denn eine gibt – und ich sie verstehen kann – kommt falsch? Wie erfahre ich, ob der Bus vielleicht ganz ausfällt? Was, wenn ich es nicht erfahre und die Strecke laufen muss? Dann verspäte ich mich. Kann ich dann noch bei der Therapeutin klingeln? Oder besser anrufen und sagen, dass ich später komme? Was, wenn ich keinen Empfang da habe? Ich schwitze und zittere gleichzeitig.
Bis ich vor der Praxistür stehe, werde ich nicht ein Mal dazu kommen zu prüfen, ob ich das hier eigentlich wirklich will, oder mache, weil ich muss, weil nicht wollen eine Option ist, die ich nicht wählen kann, weil ich nicht weiß wie man sie lebt.

Es ist der dritte Termin über die zentrale Terminvergabestelle und der vierte Kontakt mit einer fremden Person, die Psychotherapie anbietet, seit die Therapie mit der bisherigen Therapeutin zu Ende ist.
Ich bin pünktlich. Habe die Busfahrt geschafft, die Praxis gefunden. Die Tür geht auf, ich trete einer Welle entgegen, in deren Wasser ich die nächste dreiviertel Stunde rumschwimme. Ich finde Halt in meiner Vorbereitung, kann die Satzteile, die die Therapeutin sagt, erkennen und daran ableiten, wo im Verlauf des Gespräches wir sind. Trotzdem denke ich die ganze Zeit an den Film „Titanic“ und daran, dass ich bei der bisherigen Therapeutin irgendwann immerhin eine Tür hatte, auf die ich klettern konnte, wenn mich das schwimmen erschöpft hat.

„Was haben Sie denn für Beschwerden?“, fragt sie, „Ich habe keine Beschwerden, nur Symptome“ antworte ich und merke keine Sekunde später, wie ich wieder in eine Sprachfalle tappte, die ich schon ganz genau kenne. Jetzt zieht auch noch mein Selbsthass an mir und jede weitere Frage, jeder noch so banale Punkt wird schwieriger. Krankheiten, Medikamente, frühere Diagnosen, das plötzliche Ende der letzten Therapie.
Da kommt die Wut wieder. Die Wut auf die Therapeutin, auf die Umstände, die Wut auf mich, für alles und alle immer Verständnis und Mitgefühl zu haben, außer für meine Wut, keine Unfähigkeit nicht mehr zu wollen, meine Überforderung und Angst, dass das für immer so bleibt. Das hier ist aber nicht der Ort und auch nicht der Zeitpunkt darüber zu reden. Bald. Irgendwann.
Vielleicht kann es einen Termin mit der letzten Therapeutin geben, in dem wir darüber reden können. Über meine Wut und meine Überforderung damit, anderen Menschen die Frage zu beantworten, warum sie unsere Arbeit beendet hat.

„Wie sind Sie aufgewachsen?“, fragt sie. Ich weiß es nicht.
Und ich weiß einfach nicht, wie ich diese Frage beantworten soll. Welches Aufwachsen meint sie denn? Und welche Qualitäten beschreibt man denn für ein Aufwachsen? Ich weiß nicht, wonach ich in meinem nebligen Erinnern fischen soll und verstehe generell einfach nicht, wozu diese Frage wichtig ist. Ich habe ihr bereits gesagt, dass ich mich nicht an meine Kindheit und Jugend erinnere bzw. dass sich das, was ich erinnere, nicht wie von mir erlebt anfühlt. Wofür also die Frage nach dem Aufwachsen?
„Und wie war die Beziehung zu ihrer Mutter?“, fragt sie. Da merke ich, wie fremd mir vorkommt überhaupt eine Mutter zu haben. Dass ich eine Beziehung haben könnte, aber keine mehr habe, nachdem ich jahrelang versucht habe eine zu entwickeln und die, die sie zu mir hat zu verstehen.
Ich löse mich auf. Es ist zu viel, ich bin am Ende. Der Termin aber auch.

Sie gibt uns alle nötigen Zettel mit. Ein PTV 11-Formular, einen Konsiliarbericht, eine ärztliche Notwendigkeitsbescheinigung. Sogar eine Vorlage zum Antrag auf Leistungen über das Kostenerstattungsverfahren.
Als ich draußen bin, weine ich. Vielleicht vor Erleichterung. Mit diesen Zetteln habe ich alles, was ich für das Kostenerstattungsverfahren brauche. Vielleicht hab ichs jetzt geschafft. Vielleicht kann ich mich bald ganz darauf konzentrieren, ob die Therapeutin mit Kapazitäten und ohne Kassensitz, die wir gefunden haben, gut zu uns passt.
Vielleicht kann ich bald verarbeiten, was diese Termine bei mir aufgewühlt haben. Vielleicht kann es bald nicht mehr weh tun, dass es so ist, wie es ist.

der Thread zu sozialem Maskieren und Authentizität

Disclaimer: Ich arbeite seit einiger Zeit an einem Comic über Alexithymie. Darin beschreibe ich, was bei mir passiert, wenn ich versuche, ganz ohne Hilfe mit Überforderung im sozialen Kontext zurechtzukommen. Als ich die Skizzenseite schrieb, fiel mir auf, dass ich es in dem Comic nicht schaffen werde, in aller Tiefe über einzelne Dinge zu schreiben. Deshalb habe ich einen Thread geschrieben.
Damit er leichter lesbar ist und weniger Fehler enthält, teile ich ihn hier noch einmal in leicht überarbeiteter Form.

Ich möchte noch ein paar Worte zu einem Aspekt, den ich in meinem Comic aufgeschrieben habe, mit euch teilen.
Ein #Thread über soziales Maskieren als autistische Person und dessen Rezeption.

Ich kann nicht mehr sprechen wie ich selber. Dann benutze ich Wörter von Leuten aus dem Fernsehen oder aus Büchern oder meinen Gemögten.

Ich wurde als Jugendliche_r immer wieder als „falsche Schlange“, als manipulativ und hinterlistig bezeichnet, weil meine Strategie im Kontakt mit anderen Menschen daraus bestand, sie praktisch 1 zu 1 in Mimik, Gestik, Sprache und Inhalten zu spiegeln. Das wurde von manchen als Versuch mich aufzuwerten eingeordnet und von manchen einfach nur als unaufrichtig und nicht authentisch.
Ich selbst habe das nie absichtlich und überlegt gemacht, sondern reflexhaft aus der Überforderung heraus, die soziale Interaktion und Kommunikation bei mir (bis heute) auslöst
Als erwachsene Person ist von diesem „Spiegelverhalten aus Überforderung“ bei mir nur noch die Echolalie übrig. Das heißt: Ich wiederhole Gesagtes oder Phrasen, manchmal auch ohne, dass diese in den Gesprächsinhalt oder die emotionale Lage passen. Ich empfinde das in der Regel als Reflex wie Blinzeln, eher selten wie Brechreiz also mit etwas Kontrollrahmen.
Weil das negativ bewertet wird im schlimmsten und Besorgnis (die zu mehr Interaktion und Kommunikation führt, was mehr Belastung bedeutet) auslöst im besten Fall, ziehe ich mich eher zurück und vermeide inhaltlich profunde Unterhaltungen, wenn es mir nicht gut geht.

Ich kann mir ableiten, wann welche Probleme zu welchen Problemen, führen und wer wie viel Einblick und Begreifen meiner Kommunikationsprobleme hat. Fremde haben meist gar kein Begreifen – wollen aber in der Regel auch nicht mit mir sprechen, sondern mit dem Bild, das sie sich von mir gemacht haben. In so einem Kontakt kann ich skripten (also auf vorher überlegte Sätze/Unterhaltungen zurückgreifen, was auch echolalisches Verhalten ist) ohne jedes Problem und habe auch keine Angst davor, dann zu „papageien“. Deshalb wirke ich vor Fremden oft total entspannt, selbstsicher, stark, eloquent. Bei Menschen, mit denen ich mich aber verbinden will, will ich authentisch sein, will ich verstanden werden, will ich verstehen und gemocht werden.

Ich brauchte viel Traumaarbeit, um mir den Wunsch, das grundmenschliche Bedürfnis, nach Kontakt und Ver_Bindung zu anderen Menschen überhaupt zu erlauben und meine Angst davor zu regulieren. Ich gehe bis heute dennoch nie unbelastet und entspannt in Kontakt.
Das bedeutet, dass mein Stresspegel nie bei 0 ist, ich also immer irgendwie schon von Anfang an in der Kompensation, in der Maske, bin. Ich verberge meine Anspannung und damit auch mich selbst. Selbst vor meinen engsten Liebsten bin ich also gar nicht „authentisch“ und „echt“.

Als ich jung war, war das mein sozialer Tod unter Gleichaltrigen. Denn obwohl sie meine Behinderung nicht erkannt/gekannt haben, haben sie sie über dieses Ding sofort wahrgenommen und darauf reagiert – und würden das bis heute tun.
Heute hilft mir manchmal die Erinnerung daran, dass niemand anders ein Anrecht auf „mein wahres Selbst“ hat als ich.
Es ist in meinem Fall logisch und bei anderen Menschen – die vielleicht ähnlich maskieren, auch wenn sie nicht autistisch sind – möglicherweise der einzige Schutz vor unerwünschtem Zugriff von außen oder vielleicht auch ein Verhalten, das mit anderen Absichten aufgezwungen wurde.

Ich halte es für wichtig, sich den Anspruch an Authentizität vor allem an behinderte und anders marginalisierte Menschen genau anzuschauen. Weil ich zum Beispiel schon mehrfach erlebt habe, was die Folge meines ganz eigenen Selbstseins ist: sozialer Ausschluss, Ekel vor mir, Angst vor mir, allgemeine Besonderisierung, Unverständnis, Pathologisierung, Befremdung – und auch: Enttäuschung und Vertrauensverlust. Für manche Gemögte stellt sich die Frage, warum ich mich vor ihnen „verstelle“ oder Dinge nicht so ausdrücke, wie ich es intuitiv möchte. Sie fragen sich, ob ich ihnen nicht genug vertraue, ob ich ihnen nicht glaube, dass sie mir aufrichtig wohlgesonnen sind und und und.

Das Problem: Ich kann Menschen nur schwer lesen. Ich müsste rückhaltlos glauben, dass mir jemand wohlgesonnen ist und diese Fertigkeit ist mir kaputt traumatisiert worden. Ich kanns einfach nicht. Es hat mich zu oft schon fast um- oder in Lebensgefahr gebracht, das zu tun.
Und zweitens ist man nicht deshalb „ganz man selbst“, weil andere das gern so wollen, sondern weil man es einfach ist.
Es ist auch authentisch in mir drin, also Teil meines Selbst, eben nicht einmal vor sehr nahen Menschen nicht zu kompensieren.

Ich habe schon oft darüber nachgedacht, ob es für manche Menschen eine Bedrohung ist, die eigene Nichtauthentizität im sozialen Kontakt nicht zu problematisieren, sondern als logische Folge des Anspruchs an Authentizität bzw. an Verhalten, das der Norm entspricht, zu sehen. Aber das lässt sich in unserer Gesellschaft so nicht gut erfragen und herausfinden.
Und deshalb endet der Thread hier.