Schmerzen

War es die Mandel-OP mit 15 oder die Blinddarmentzündung mit 16, ich weiß es nicht mehr. An einem Punkt meiner medizinischen Vita jedenfalls begriff ich, dass ich Schmerzen nicht denke, wie ich Gefühle denke. Dass ich mit meinen Gedanken zwar beeinflussen kann, wie mich etwas schmerzt, jedoch nicht, dass etwas schmerzt.

Mit dem vertieften Wissen um meine Alexithymie weiß ich, dass der Weg vom passierenden Schmerz zum begriffenen Schmerz, dem Verstehen und Einschätzen eines Schmerzerlebens, für mich weder intuitiv noch linear ist.
In der Regel fühle ich dauernd irgendwas und manches davon tut mir auch weh – ist aber kein Schmerzreiz im klassischen Sinne, sondern ein Gefühl aus einer oder mehreren Emotionen heraus.
Und manchmal fühle ich einen Schmerz und halte ihn für ein Gefühl, das ich noch nicht genügend prozessiert habe, um es zu erkennen.

Lange dachte ich, dass meine Gewalterfahrungen und meine Tendenz zur überwiegend kognitiven Herangehensweise an emotionale Vorgänge der Hauptgrund dafür sind, meine Körpererfahrungen im Allgemeinen nur im Extrem sicher wahrnehmen und einordnen zu können. Gewalterfahrungen, die auch Erfahrungen von Todesnähe sind, erweitern die Skala zur Einordnung von Schmerz erheblich und wenn diese Schmerzerfahrung zum Mittel werden, weil sie so häufig sind, bekommt man im späteren Leben ein Problem.
Vor allem eines, das mit Dissoziation zu tun hat, denn die Verknüpfung von Schmerz und Trauma wird früher oder später zu einem Trigger von (unkontrolliertem) Erinnern an ebenjene Schmerzerfahrung und damit etwas, das man so gut es geht zu vermeiden versucht. In meinem Fall war das eine weitere Schicht Dissoziation in Form von Handlungs(sub)systemen, die, wie ich, einfach nicht mehr dran denken und in ihrem Funktionieren weder große Sensitivität noch Kompetenz entwickeln, mit Schmerz anders als mit üblichen Gedanken und Gefühlen umzugehen.
Wichtig ist mir dazuzuschreiben, dass ich keineswegs schmerzunempfindlich bin oder mich gefährlichen Situationen aussetze, weil ich keinen Begriff von Schmerz und deshalb Verletzung habe. Ich bin eher schmerzunverständlich. Und das hat sowohl mit dem dissoziativen Wahrnehmen meiner Selbst und meiner Umwelt, aber auch meinem autistischen Prozessieren dessen, was ich von der Umwelt und mir selbst (meinem Körper inklusive) wahrnehme, zu tun.

Ich brauche viele Informationen über mein Erleben, bis ich es Begriffen zuordnen und abgleichen, erkennen und begreifen kann – um dann bedarfsgerecht handeln zu können.
Bei oberflächlichen Wunden, Knochenbrüchen, Verstauchungen, Verbrennungen, Abschürfungen, Quetschungen der Haut zum Beispiel bietet mir der Anblick viele Abgleichspunkte. Je weiter die versehrte Stelle vom üblichen Anblick abweicht, desto sicherer kann ich die bei mir eingehenden Signale a) dieser Stelle und ihrem Zustand zuordnen, b) sie als Schmerz erkennen und c) differenzieren, was hilft und was nicht.
Anders ist es bei Schmerzen, die durch Prozesse im Körperinneren entstehen.
Ich bin in meinem Körper- und Emotionsempfinden nicht viel anders als Kinder. Auch sie lokalisieren viele Organschmerzen und (emotionales) Unwohlsein als Bauchschmerzen oder mehr oder weniger wortlose Diffusion. Mein Add-on als erwachsene traumafolgenbewusste Person ist da einzig der Zusatz: „Ist vermutlich ein Flashback“, denn oft ist es das tatsächlich. Ein Flashback, also in meiner Übersetzung für mich: ein unklarer Gedanke, ein uneindeutiges Gefühl, unkontrolliert erinnert, vermutlich aus einem Zusammenhang mit traumatischen Erfahrungen.

Die Einordnung von Schmerz als einem Flashback zugehörig ist, auch wenn das nach sehr wenig klingt und, wenn man länger darüber nachdenkt, auch einigermaßen tragisch, ein Therapieerfolg. Denn vorher war da nur Diffusion. Uneindeutigkeit. Unklarheit. Hilflosigkeit und Ohnmacht, die ihrerseits wieder Erinnerungsprozesse triggernd wirkten.
Ich halte das für wenig, weil ein Flashback keinerlei Informationen über den Schmerz selbst enthält, sondern lediglich über eine mögliche Ursache, die unmöglich von mir überprüft werden kann. Und für tragisch, weil auch ein Flashback nicht das Gegenteil von diffus ist.

Jedoch – es ist ein Anfang. Eine erste grobe Kategorie.
Es ist hilfreich, wenn man sich nicht ständig fragen muss, ob man aktuell noch Täter_innenkontakt hat oder nicht, weil man sich nach wie vor immer wieder völlig zerstört an_fühlt. Es ist hilfreich, wenn man nicht mehr oder weniger stumm, starr, wirr in einer hausärztlichen Praxis oder schlimmer einer Notaufnahme landet und nicht recht weiß: Asthmaattacke – Herzinfarkt – Panikattacke – Erinnerung an das Gefühl, das ein erwachsener Mensch auf einem Kinderkörper auslöst?

Mehr als eine erste grobe Kategorie ist es jedoch nicht und hier enden meiner Ansicht nach die Möglichkeiten dessen, was mir die Traumatherapie an hilfreichem im Umgang mit meinen Schwierigkeiten der Interpretation bisher geboten hat.
Ich brauche nicht mehr zu lernen, dass ich Empfindungen haben darf und auch nicht, dass meine medizinischen oder sozialen Bedarfe berechtigt und in Ordnung sind. Ich muss mich nicht von in der Form von täter_innenidentifizierten oder -loyalen Innens emanzipieren, dass ich mir Schmerz eingestehen kann oder ein Leiden darunter. Viel mehr brauche ich ein Umfeld, in dem es in Ordnung ist, dementsprechend auch zu leben.

Mir ist gestern, während wir im Auto zum medizinischen Bereitschaftsdienst der nächsten Klinik fuhren, aufgefallen, dass wir nie einfach nur medizinische Hilfe in Anspruch nehmen, nie einfach nur mit unserem „Privattrauma“ in Kontakt mit Mediziner_innen gehen. Immer sitzen auch die unprofessionellen, inkompetenten, emotional verletzenden, psychisch gewaltvollen Sprüche und Handlungen von Vorbehandler_innen mit im Wartezimmer. Mischen sich in die Art und Weise, wie man über den eigenen Körper, das eigene Erleben des Befindens und den Verlauf des Problems oder einer Krankheit spricht und beeinflussen auch, wie man aufnimmt, was die aktuell behandelnde Person sagt und macht.
Ich leide derzeit an einer Nierenbeckenentzündung, infolge eines verschleppten Harnwegsinfektes. Das ist eine Information, die ich einordnen kann und die mir hilft den Schmerz, den ich seit Wochen (Monaten) für eine Mischung aus Rückenschmerzen, Flashbacks und sehr viel selber schuld hielt, nicht nur emotional richtig einzuordnen, sondern auch in meinem Körper.
Diese Einordnung hat mir außerdem ermöglicht, eine gemeinsame Sachebene mit der Behandler_in zu finden, auf der ich viele der Fragen, die sich dadurch bei mir ergeben haben, stellen und beantwortet haben konnte. Das ist ein völlig anderes Verhältnis und eine völlig andere Basis für meine Behandlung. Denn auf einer Sachebene geht es nicht um meine Gefühle und auch nicht um mein Trauma, meine Erfahrungen mit medizinischem Gaslighting oder die inkompetenten Behandler_innen, mit denen ich schon zu tun hatte, sondern um die Ordnung und Beurteilung der vorliegenden Informationen. Eine von vielen Menschen sekundär vor der sozialen Versorgung wertgeschätzte Seite in der Auseinandersetzung mit Körper und Befinden.

Die Medizin unserer Gesellschaft wird häufig mit Aufgaben der sozialen Versorgung konfrontiert, ohne dieser in Ausbildung oder Ressourcen nachkommen zu können. Gleichzeitig gilt in vielen Praxen und Krankenhäusern Effizienz vor Effektivität, Quantität vor Qualität, was oft zur Folge hat, dass für die Krankheitserklärung nach der Krankheitsentdeckung oft wenig und besonders bei weniger gravierenden Erkrankungen gar kein Raum bleibt. Diese Auseinandersetzung erleben auch Menschen ohne Komplex_Trauma in der Biografie oft als entmenschlichend, kalt, lieblos, wenig wertschätzend und übertragen diesen Umgang in gewisser Weise auch auf ihren Umgang mit der Krankheit. So wird die Behandlung zur Vernichtung der Krankheit und damit gewissermaßen zur Wiederherstellung eines Menschen, der mitfühlende Zuwendung wirklich braucht, aber nicht mehr bei Mediziner_innen suchen muss, nur weil diese die Menschen sind, mit denen sie_r gerade zu tun hat. Die erfolgreiche Behandlung endet für die meisten Menschen mit einer bestätigten Erfahrung ihrer Intuition über ihr Körpergefühl.

Für mich ist sie das Ende einer umfassenden Recherche über meine Erkrankung, ihrer Behandlung und sämtlichen Aspekten, die mir anzeigen, was ich wann wie fühlen könnte und welche Empfindungen wann was bedeuten könnten. Ich kann aus mir selbst und intuitiv nicht unbedingt sagen, ob es mir besser oder schlechter geht, nachdem ich Medikamente bekommen habe und kann Veränderungen im Schmerzerleben oder dessen Position nicht ohne genug Zeit zur Prozessierung der Empfindung selbst mitteilen. Viele Informationen über meine Erkrankung bieten mir allerdings einen mehr oder weniger engen Rahmen, von dem ich mein Empfinden abgrenzen kann bzw. innerhalb dessen ich mein Empfinden abgleichen kann. Es ist eine Hilfe wie etwa eine Speisekarte im Restaurant.

Eine Hilfestellung, die viele Behandler_innen aus Gründen, die in der Regel mehr mit Macht denn ärztlicher Für_Sorge zu tun haben, nicht von sich aus geben und mich aufgrund meiner Behinderung in einer Situation verhaften, die mich für Falschdiagnosen und Falschbehandlung geradezu prädestiniert. Und, die mein Verhältnis zu Schmerzen und Krankheit im Allgemeinen ähnlich stark beeinflusst wie die Gewalterfahrungen in meiner Kindheit, Jugend, im jungen Erwachsenenalter.

Mit allen Konsequenzen.

Masking

Das Thema „Masking“ begegnet uns bereits länger immer wieder. Insta-Kacheln mit Listen, wie Masking aussieht, was es bedeutet, Tweet-Ketten darüber, was das ist und welche Funktion es hat, das scrolle ich inzwischen einfach weiter, denn ich weiß schon Bescheid. Ja ja, das Versteckspiel unter den Anderen, das Anpassen und Verunauffälligen in einer Welt, in der unerwünscht ist, was anders ist lalila I did that dance with my DIS, my Traumascheiß, my Me, my Life, my Everything

Es ist kein Thema mehr für mich, weil ich das Sackgassengefühl nicht mehr aushalten kann.
Weil ich merke, dass es im Internet Reichweite generiert, man sich mit solchen Aufklärungsposts auch selbst gut generieren kann, aber im analogen Leben außerhalb der Bubble niemand davon redet, darüber nachdenkt, es einfach immer wieder verschlämmt wird vom Wogen des Mainstreams. Alle Leute maskieren. Alle haben deshalb Probleme. Bumms.

Ich kann gut damit leben. Ich bin stolz auf alles, was ich wegmaskiert bekomme. Wenn ich  mich im Griff habe und eine_r von vielen bin. Wenn ich keinen Stress kriege, weil es mich gibt, denn darauf bricht es sich ja immer wieder runter.
Vielleicht ist das ein Fehlschluss. Eingebrannt in einer Kindheit, in der man weder erwartet, noch erhofft, noch erwünscht war, sondern an_genommen wie etwas, zu dem man einfach irgendwie kommt. Wie Einkaufswagenchips. Oder Kugelschreiber mit Werbung drauf.
Aber nein. Ich weiß schon, dass es bei negativen Reaktionen auf mein im Allgemeinen gut wegmaskiertes Geheimnis, meine verborgenen Makel, meine unterdrückte Lästigkeit gar nicht um mich geht. Nichts Persönliches ist und praktisch nie so brutal böse, so schmerzhaft zerstörerisch gemeint ist, wie es in mir wirkt. Ich weiß aber auch, dass alle, die nicht mein Leben hatten, 24/7 Zeter und Mordio schreien würden, würden sie erfahren, was ich erfahre, spüren, was ich spüre. Sie wären empört, persönlich beleidigt, gedemütigt, gekränkt, würden Rache und Vergeltung planen. Oder maskieren und die Luft anhalten bis jemand Nahes kommt, fragt, was los ist und sich in eine Tränenlache verwandeln.

Viele Menschen kennen die Geschichte von den Vielen, die Viele sind, weil ihnen die Maske zur zweiten Haut, zum zweiten, dritten, vierten Ich geworden ist. Viele autistische Menschen haben das gleiche Problem. Vielleicht nicht so, dass sie eine DIS entwickeln, aber schon so, dass sie eine Identitätskonfusion erleben. Nicht mehr sicher wissen, wie sie denn eigentlich sind, wenn sie einfach nur so sind. Nicht angepasst, nicht irgendwas unterdrückend, nicht irgendwas von sich an sich reißend, bis es tief ins Innere gedrängt ist, damit es niemand sieht.
Und auch so, dass sie, genau wie ich als Viele, kaum Erfahrung mit diesem unmaskierten, freien, einfach so passierenden Ich haben. Und folglich natürlich kaum Selbst_Sicherheit, wenig Kompetenz und Erfahrungswissen mit sich selbst haben. Was eine Überforderung sein kann, mindestens aber eine Herausforderung, die Kraft zur Bewältigung erfordert. Vor allem, wenn das überwiegend heimlich, allein_verantwortlich und ohne jede Ermutigung, Unterstützung, Versicherung von außen passieren muss.

Im alltäglichen Allgemeinleben ist mein behindertes Erleben eine Privatsache. Sie ist intim. Ich bin empfindlich und streng mit den Menschen, mit denen ich Aspekte davon teile. Ich erwarte von ihnen, dass ihnen das klar ist. Erwarte eine bestimmte Sprache, ein bestimmtes Mindset. Sonst kann ich sie nicht als meine Vertrauten, meine Nahen, meine Gemögten an mich heranlassen. Sie müssen begreifen, dass sie meine Bubble sind. Mein safer space. Meine Version vom Leben unter den Anderen, neben dem es zu keinem Zeitpunkt, in keinem Aspekt irgendetwas Leichtes, Einfaches, Ungefährliches, Unproblematisches gibt.

Ich kann nichts, wirklich nichts, einfach machen wie sie. Außer existieren. Und wäre dies eine allgemein positiv anerkannte Daseinsform hätte ich sie bereits als die meine angenommen.

Mein maskiertes Leben ist gut. Ich kann viele Dinge er_schaffen, kann viele Kontakte haben, kann viele Fähig- und Fertigkeiten aus_entwickeln, die mir das Leben erleichtern und bereichern. Einzig nicht gegönnt bleibt mir, dass ich vergesse, dass es nicht echt ist. Nicht einfach so, nicht natürlich. Immer wieder gibt es Situationen, in denen ich daran erinnert werde und jedes Mal ist es mir der Untergang einer Welt. Ja, einer Traumwelt, aber einer die alle anderen um mich herum mit mir teilen. Einer, in der ich etwas lebe, was sich alle Menschen wünschen.

Und das ist mein Problem mit Masking. Dass ich es will und nicht hinkriege. Dass ich wirklich nichts dagegen habe und mir kaum eine Anstrengung zu viel dafür ist, aber immer wieder mit Kometengeschwindigkeit auf den Boden der Tatsachen knalle. Wegen Dingen, die so banal sind wie Einkaufswagenchips, Kugelschreiber mit Werbung drauf, ein TÜV-Prüfer, der mich nicht zur Prüfung zulassen will, weil ich behindert bin.

Erwachsene

„Das Erwachsensein als Schutzschild“, denke ich und verlasse das Gebäude, in dem ich ein Kindsein beobachtet habe. Die Sonne scheint, die Wärme bewegt sich wie ein Malstrom durch die Steine der Stadt. Ich hole Sommer nach, stelle mich in eine Eisschlange, telefoniere währenddessen mit Renée. Reiße mir den eingebildeten ausgedachten erinnerten Schmerz aus dem Fühlen, esse, höre zu. Bis zum nächsten Morgen schütze ich mich mit Erwachsensein, verbringe keine Stunde mit mir allein und stopfe so viel Heute und Morgen in mein Jetzt, dass ich mich sicher fühle. Starr und steif. Konzentriert und fokussiert. Unter Kontrolle. Über mich.

Wieder zu Hause wartet noch mehr Erwachsenenleben. Und Fahrschulunterricht. Der letzte vor der theoretischen Prüfung. Der erste, der wirklich vergeudete Zeit gewesen wäre, wäre es nicht so wichtig gewesen, mich zusammenzureißen, bis ich ein kompaktes, undurchdringliches Paket Erwachsenheit bin.
Ich fange einen Brief an meine Therapeutin an, dann den nächsten. Dann weiß ich nicht mehr, was ich ihr schreiben will. Ich gehe ins Bett, träume von einem Schrei, der so still ist, dass er mich taub und steif in den Morgen staksen lässt.

Jemand erneuert unsere Regenrinne, andere bergen unsere Terrasse aus dem Gras-Moos-Löwenzahn-Wald hinter dem Haus. Wir fahren mit dem Partner und den Hunden weg. Ich muss die neue Brille anpassen lassen, er mit den Hunden eine Runde gehen. In der Innenstadt ist Flohmarkt und Wahlkampf. Es gibt Tenniskellen mit SPD-Logo an der ungünstigsten Stelle der Straße und Dorfgekumpel am CDU-Stand. Ich bin zu erwachsen, um mich dazwischen zu stellen und zu schreien, ob hier noch alle ganz bei Trost sind.
„Wie scheiße sind wir Erwachsenen eigentlich immer. Was stimmt nicht mit uns“, denke ich während kleine Finger über den weichen Fleecestoff streichen, aus dem ich uns eine neue Schlafhose nähen werde.

Neben dem Stoffladen steht ein Pavillon unter dem die Nazi-Partei skandiert. Ich höre nur irgendwas mit „Heimat“, „Blut“ und „Boden“, vielleicht auch „Heimat“, „gut“ und „Boden“. Lauter höre ich das Raunen der Leute darum herum. Und wie eine Frau zu einem kopfschüttelnden Mann sagt: „Ach, ich find eigentlich ganz gut, was die machen“, als wären wir in einer Zirkusshow, einer Spaßveranstaltung, auf einem verdammten Kinderspielplatz.

Am nächsten Tag ist Kommunalwahl. Am Abend analysiert der Partner die ersten Ergebnisse aus unserem Dorf.
Etwa 1 % Prozent unserer Nachbarn hat die Nazis gewählt.
1 Tropfen Motoröl kann bis zu 600 Liter Wasser verunreinigen.

Warum sind manche Erwachsenen so scheiße.

Fundstücke #78

„Kalte Wärme“ will ich es nennen, tatsächlich ist mir aber nur warm unter meinem morgenkalten von Radfahrschweiß feuchtem Körperspeck, den ich eingeschlossen im Bahnhofsklo trocken tupfe und dann in frische, zivile Kleidung stecke.
Wir sind zum Bahnhof geradelt, das sind 18 Kilometer. Es war neblig, feucht, kühl, wundervoll. Dort angekommen sahen wir die Zugausfälle und hörten außer den Durchsagen: nichts. Ok, das stimmt nicht, aber es tat nicht weh und so hört sich das Restnichts eines Bahnhofs ohne ständige An-, Ab- und Durchfahrt für mich an. Schmerzlos.

Ich twittere das und registriere dann den Gedanken, dass das vielleicht zu intim war. Danach, dass diese Einschätzung einer alten Perspektive entspringt, die nie genauso zu meinem Alltag gehörte. Ich werde nicht ständig beobachtet und beurteilt. Niemand teilt mir zu, wo ich anfange, ob und wenn ja bis wohin meine Intimsphäre reicht und wenn ich etwas von mir mit.teile, dann ist das prinzipiell in Ordnung, denn ich bin keine Ressource, die jemandem gehört.
Später frage ich mich, ob es an meinem PMDS liegt, dass mir so scheiß egal ist, wer diesen Gedanken hatte und wieso. Ob ich gerade brutal vermeide und zarte Versuche von Kinderinnens und – Jugendlichen, sich ein Bild vom Heute, meinem Heute, zu machen zerschmettere – oder daran, dass diesem Gedanken, auch diesem fremdvertrauten Kindergefühl der ständigen Beobachtung, Kontrolle, Überwachung, eine Angst zugrunde liegt, auf die ich einfach keinen Bock habe. Like: Wirklich keinen Bock, keinen Nerv, keine Zeit, weil mein Heute tausend andere, viel nützlicher mit Angst befühlbare Dinge enthält.
Und ja, weil ich meine Angst nutzbar haben will. Es ist meine Angst, mein Schmerz, meine Gefühle, meine Gedanken, alles meins und ich kann mir aussuchen, was ich damit anfangen will. Manchmal nur theoretisch, fein, aber meistens auch praktisch.

Ich hatte immer Angst vor meiner Angst, weil sie der Grund für viele Kontrollthemen in meinem Leben ist. Entweder ich musste kontrolliert werden, weil ich Angst hatte oder weil ich „allen“ Angst gemacht habe. Mich als Behältnis, als Quelle der Angst zu kontrollieren war der Umgang, der irgendwie immer möglich war, die Nutzbarkeit meiner Angst eine Idee, die ich erst umsetzen konnte, als ich begriff, dass ich dieses hin und her aus Angst für mein ganzes Leben hielt, statt einen Teil davon. Einen nutzbaren Teil. Einen von mir für mich nutzbaren Teil. 

Ja, da wäre ich nie hingekommen, hätte ich mich meinen Kinderinnens und Jugendlichen immer so gewidmet, wie ich das jetzt mache. Abwehrend, abwertend, ungeduldig, vermeidend. Aber ich frage mich auch, warum ich mich ihnen widmen soll, wenn sie sich auch mir widmen könnten. Besonders, wenn sie schon wissen, dass sie Kinder in einem Erwachsenenleben sind. Dass 2021 ist. Dass heute ein anderes Heute ist. Denn durch dieses Wissen treffen sie eine Entscheidung, wenn sie in ihrem früheren Erleben bleiben. Jedenfalls theoretisch. Dass das viel mit Gewohnheit, Unbewusstsein und einem unfassbar großen Lernprozess zu tun hat, weiß ich auch. Aber.
Wer sich mir in den Kopf und in die Gefühle hängen kann, um mein Überleben zu retten, obwohl es nicht mal im Ansatz gefährdet ist, kann sich mein Leben auch angucken und checken, dass alles anders ist.

So wie S., der sich im Zug neben mich setzt und so etwas wie Gedanken wie ein Echolot an mich richtet, um zu prüfen, ob immer noch alles ist, wie beim letzten Mal: Alles ok.

weglaufen

Die quadratischen Wegplatten, die Seite an Seite den Weg in ein Besser, Schöner, Richtiger pflastern könnten, liegen schief. Schwimmen in Zeitlupe auf der Erde, verschieben sich wie tektonische Platten. Formen Pfade, zu eckig für schöne Schlängel, in deren Kurven man schneller werden könnte.
Ihre Füße stecken in Schuhen, die genau auf die Steine passen. Wie eine Maschine, ein Panzer vielleicht, könnte sie Halt finden und gehen. Weggehen. Nicht: Rennen wie ein waidwundes Reh. Panisch. Von Schmerz gesteuert, von Todesangst getrieben. Nicht, wie sie über 4 Spuren Bundesstraße rennt, für eine Stunde Ruhe inmitten von Autolärm, sondern einfach nur gehen. Geradeaus. Woanders hin. Um laufen zu lernen.

Sie fällt daran auseinander. An der Arbeit, die es macht, sich die Platten geradezurücken. Die Pfade zu finden und abzulaufen, die Anstrengung nicht zu zeigen, nicht zu fühlen, zu akzeptieren als diesem Leben zugehörig wie Atmen. An der Überzeugung herein.fallen zu können, würde sie es versuchen. Sie könnte fallen, auf dem Rücken landen und er wüsste es. Dann wäre es aus.

Sie belächeln, wie sie von der obersten Treppenstufe aufs Rad klettert. Sie kennt sie nicht, spürt nichts. Fährt los. Weg. Jeden Tag fährt sie weg. Und kommt immer wieder zurück. Denn es heißt ja „von zu Hause weglaufen„.

Autismus und Dissoziation – Resilienz ist keine Eigenschaft

Wir wurden gestern auf dieses Video von Dr. Mike Lloyd von der CTAD Clinic in Großbritannien aufmerksam gemacht.
Er geht in dem Video ganz allgemein darauf ein, dass Menschen selbstverständlich sowohl autistisch als auch dissoziativ sein können und was das für die Aussage „Wo DIS da Trauma (durch (organisierte (Rituelle)) Gewalt)“ bedeutet.

Zwei Aspekte des Videos finde ich bemerkenswert.
Der Erste ist mir gerade zu schwer er.greifbar und ich gehe später noch einmal umfassender darauf ein – vorerst so viel: Er bestätigt meine Aussage, dass in dieser Welt, unserer von überwiegend neurotypischen ausschließlich für neurotypische Menschen gemachten Lebensumgebung jede einzelne Aktion, jede Interaktion, jede Kommunikation, jedes Erlebnis jeder Art für autistische Menschen mit höherer Wahrscheinlichkeit traumatisch ist als für neurotypische Menschen.
Das ist für mich insofern schwierig als dass es Traumawahrheiten so alt wie ich selber in mir bestätigt („Die Welt will mich töten“/“Es ist (zu) gefährlich zu leben (Ich sollte es besser gar nicht erst versuchen.)“/“Ich bin 24/7 bei egal was ich mit wem wie wo warum mache, möchte, will gefährdet.“/“Zu leben bedeutet Schmerz – Mit anderen Menschen zu leben bedeutet Agonie, die niemand sieht, niemand versteht, niemand nachfühlt, niemand glaubt.“)
Und es bestätigt eine Verklemmung, die wir in Bezug auf uns selbst als sowohl von Gewalt traumatisierte Person als auch autistische Person in der Selbstvertretung erleben, weil wir von anderen Vielen oft als Vertretung von Menschen, die Viele sind gedacht werden: Wir können unsere bis heute bestehende Gefährdung der Traumatisierung durch unser autistisches Er_Leben in dieser Welt nicht ausdrücken, ohne möglicherweise zu schmälern, was Menschen, die ausschließlich durch Gewalt traumatisiert wurden, berichten und fordern.

Und wir können entstandene Traumatisierungen, die etwas mit unserem autistischen Er_Leben und anderen Menschen zu tun hatten, nicht ausdrücken, ohne dass diese Menschen als Gewalttäter_innen an uns gedacht werden, mit aller Bewertung, die dieser Rolle gemeinhin zukommt. – Ja, wir können verstehen, dass es besonders hier im Blog oft auch schwer ist zu differenzieren, was wir wann mit Gewalt meinen, wann geht um Macht und wann um Überlegenheit, Gewalt im Sinne von „Auf die Fresse/die Seele/die Identität“ bliblablö – aber
Bottomline bleibt: Wir trauen uns nicht unserem autistischen Er_Leben den Raum in Bezug auf unsere Traumatisierung zu geben und auch hier darüber zu schreiben, weil wir Angst vor der Instrumentalisierung durch Leute haben, die die Erzählung von Vielen, die (organisierte (Rituelle)) Gewalt erlebten delegitimieren wollen, aber auch weil wir nicht den Eindruck entstehen lassen wollen, dass es so etwas wie „ursachenlose DIS“ oder „in einem Menschen selber begründete Traumata“ gibt.

*

Okay, zweiter Punkt: Resilienz.
Dr. Llyod sagt in dem Video, dass es für autistische Menschen schwerer ist zu Hilfe zu kommen und damit implizit auch: Resilienz zu entwickeln. Dabei finde ich bemerkenswert, dass er ausschließlich andere Menschen bzw. die Ver_Bindung zu anderen Menschen als Resilienzfaktor bzw. Quelle von Hilfe zu betrachten scheint, was ich mir spontan nur damit erklären kann, dass er ein neurotypischer Mensch ist. Denn ja, vermutlich sind andere Menschen für die meisten neurotypischen Menschen einfach das Go-To in all times for everthing. Für Freude, für Trauer, für Gemeinsamkeit, für Trost, für Beruhigung, für Versorgung…
Und derart eingebunden, verbunden miteinander Belastendes, Schwieriges, potentiell Traumatisches durchleben zu können, ohne verletzt zu werden oder zu bleiben, begründen sie mit einer persönlichen Eigenschaft. Resilienz nämlich. Dabei ist sie doch nur vorhanden, wenn diese Verbindung überhaupt besteht – unter anderem, weil es genau auch diese Verbindung zu anderen Menschen braucht, um ein selbst, eine Identität und also eine Verbindung zu sich selbst zu entwickeln und diese stabil zu er_halten.
Die neurotypische Erzählung von Resilienz unterschlägt also gewissermaßen, ihren Grundstoff: Bindung
Und in der Folge auch die Fähig- und Fertigkeiten, die zur neurotypischen Bindungserstellung und -pflege erforderlich ist.

So kann der Eindruck entstehen, autistische Menschen seien einfach nicht resilient vor belastenden Ereignissen und deshalb eher gefährdet traumatisiert zu werden. Was in dem Moment widerlegt ist, wenn man autistische Menschen nach ihren Quellen von Trost, Beruhigung, emotionaler Versorgung und ihren Arten des Mit_Teilens fragt – und diese als gleichermaßen wirkend wie den interpersonellen Kontakt neurotypischer Menschen miteinander bewertet.

Resilienz ist keine persönliche Eigenschaft, die man erlernt oder entwickelt. Sie ist etwas, das sich aus dem kongruenten Interagieren mit der direkten Mitwelt ergibt und ich glaube, dass das etwas ist, das neurotypische Menschen von autistischen – aber auch anders neurodivergenten Menschen! – lernen können und auch müssen, um zu verstehen, wie man (besser) unterstützen im Notfall, aber auch (besser) verstehen kann im allgemeinen Alltag.

Dazu ist erforderlich was auch Dr. Lloyd in dem Video tut: Wertschätzen und Integrieren, was autistischen Menschen, die sich als Viele erleben aus eigener Perspektive mitteilen. Einerseits weil die Studienlage sehr dünn ist, andererseits aber auch, weil selbst Studien mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht von den Menschen gemacht worden sind, die mit dem Thema der Studie leben. Es also immer gewisse „Übersetzungsverluste“ gibt und damit auch einfach nie „alles auf dem Tisch ist“, was wichtig zu wissen und zu verstehen ist.

Eltern, die ihre Kinder hassen

Diesmal ist es kein Schnelldurchlauf, sondern eine Zeitlupe und das Quietschen meiner Nackenmuskeln. Gedämpfter Straßenlärm, das Atmen der Therapeutin mir gegenüber.
„Meine Eltern hassen mich.“ „Ich glaub, er wollte mich umbringen.“ So schieben sie sich zusammen. Sie von links aus der Sitzung mit der Autismustherapeutin, er von weiter weg aus der Traumatherapie. Keine Kinder mit großen feuchten Augen, die einem das Mitleid aus dem Herzen zapfen wie den Sirup aus dem Baum, sondern bodenlos hoffnungslose, verdreckte, abstoßende … Ichs in einem Zeit-Raumempfinden von vor über 20 Jahren.
Ich bin so weit weg, dass ich sie wahrnehme aber nicht spüre. Sie bleiben Fremde für mich. Sind Einheimische in einer Welt, die ich nur begleitet aufsuche, um zu vermitteln, dass ES vorbei ist und DAS DA nicht wieder passiert. Jedenfalls nicht so. Nie wieder so.

Diesmal habe ich keine Feldnotizen. Kriege meine Gedanken nicht um die Dimension ihrer Not, weil es nicht um Mangel geht, sondern um etwas, das über das Tabu der Gewalt an sich hinaus geht.
Gegen Hass kann man nichts machen. Der ist nicht in Liebe zu verwandeln. Nicht einmal in achtsame Zuwendung oder Fürsorge. Hass ist absolut, deshalb kann man aus ihm heraus so einfach gewaltvoll sein. Braucht fast so wenig Anstrengung wie aus Ignoranz oder Todesangst.
Und ja, was anderes sollte ein Kind über die Motive von jemandem denken, der es praktisch zu zerreißen versuchte, als dass es um einen Tötungsversuch ging?

Elternschaft ist ein Status, kein Zustand.
Liebe, Achtsamkeit, die Fähig- und Fertigkeiten sich selber zu regulieren, um die eigenen Kinder zu begleiten, Fürsorge, Mitgefühl, Geduld – ja nicht einmal das Interesse am Mensch „Kind“ sind nicht einfach so da, nur weil man ein Kind geboren und es am Leben erhalten hat. Am Ende sind alle Eltern einfach nur Leute, die sich an jemanden gewöhnen, den sie selbst gemacht bzw. für immer in ihr Leben eingeladen haben. Sie bedeuten für ihre Kinder nichts, weil sie Eltern sind, sondern weil sie überlegen sind und mit jeder ihrer Entscheidung für oder gegen den liebevollen, achtsamen, interessierten, fürsorglichen Umgang eine Entscheidung über das Über_Leben treffen. Wenn Eltern hassen sind ihre Kinder nicht nur machtlos, wie es Kinder nun einmal sind. Dann sind sie ausschließlich über die Gewalt an sie gebunden, denn das ist alles, was Hass will und braucht. Dann ist das eigene Kindsein kein Zustand, sondern ein Status, der keinerlei Bedeutung für das Leben mit den Eltern hat. Es macht dann also weder einen Unterschied noch ein Kind zu sein, noch das Kind dieser Eltern zu sein. Man könnte auch ihre Haustür, ein Stück Klopapier, der Biomüll von letzter Woche sein.

Ich kann mich nicht erinnern schon mal davon gelesen zu haben. Hassende Eltern.
Natürlich wird das oft unterstellt, wenn jemand das eigene Kind getötet hat. Oder anderen zum Töten überlassen hat. Oder sich einfach nicht gekümmert hat. Es ist so leicht zu glauben, dass man nur tötet, was man hasst. So viel leichter als sich Mörder_innen zu widmen. Gewalttäter_innen. Leuten, die getötet haben, ohne so richtig klar zu haben, warum eigentlich.
Wir leben in einer Zeit in der Mütter nicht bereuen dürfen Kinder bekommen zu haben. Wo soll da der Raum für das Thema „Hass auf die eigenen Kinder“ herkommen? Wie soll das kein Tabu bleiben?

Und dann bin da auch ich selbst. Die_r mit dieser kindlichen Wahrheit in Kontakt geht und weiß, dass es für immer eine innere, eine vielleicht ausschließlich traumalogische Wahrheit bleibt, weil wir nie den Tag erleben werden, an dem sie uns sagen: „Ja, wir hassen dich.“ oder „Nein, wir hassen dich nicht.“

Noch so eine Opfersache mit der man Ende völlig allein zurückbleibt.

Willen wollen

Die Regenjacke klebt auf der feuchten Haut, dem feuchten Shirt. „Hat wohl aufgehört zu atmen“, denke ich. „Letzte Dinge für die Radtour“, denkt es mir und schwimmt zwischen Früher und Heute, wie ein Korken mit eigenem Sein.

Ich bin zu dick für Sportsachen, zu dick für Outdoorsachen, ärgere mich darüber, dass ich mich nicht mehr ok fühle und die Mitarbeiterin im Laden mir auf die kurz einärmelten Arme guckt, als hätten die irgendwas damit zu tun.
Es soll schön werden. Ein letztes Mal wollen wir mit NakNak* länger unterwegs sein. Sie spüren, uns spüren, ein gemeinsames Heute haben, das wir nicht mit Arbeit, dem Partner, Bubi, dem tagein Dies tagaus Das teilen müssenkönnensollten. Und so werfe ich mir die tote Jacke wieder auf die Schultern und gehe in einen anderen Laden.
Die Pandemie ist hier vorbei, ich lerne Seitenstraßen kennen, die ich noch nie entlang gelaufen bin.

Angekommen merke ich ihre Aufmerksamkeit auf mir. Warten vielleicht, ob ich mich gleich wieder zu dick und also falsch finde, Er_Warten, ob ich an dem inneren Weinen ertrinke oder mich im Heute halten kann. Ob ich weiter will oder schneller aufgebe. Ob ich weiß, dass etwas zu wollen grundsätzlich falsch ist.

„Das kann ich dir zeigen“, denke ich und stürze mich in die Flut von Zeug und Reiz. Finde ein Oberteil in meiner Größe, gehe in die Umkleidekabine. Spüre meinem Willen nach, merke, wie banane es ist, so etwas wie Willen an etwas so serviertem wie Konsum als in Ordnung markieren zu wollen. Frage mich, ob es wichtig ist so niedrig anzusetzen und ob das überhaupt wirklich niedrig ist oder nur leichter als so etwas Krasses wie sich selber zu wollen – in dieser Gesellschaft, dieser Welt, diesem Heute – durchzusetzen.
Sie ist mir so nah, dass ich sie im Spiegel sehe, ihre Aufmerksamkeit in meine tropft. Ich merke, dass sie mich beobachtet, weil sie sich nicht ertragen kann. Ihre Verletzung, ihren Schmerz, ihren Willen. Das Inferno hinter sich, von dem ich nur Konturen erahne.

„Ist ok“, denke ich. „Ich bin hier und wo ich bin ist es vorbei.“

Behinderung #1 – das medizinische Modell von Behinderung – #DisabilityPrideMonth

Als Behinderung wird von vielen Menschen eine (unheilbare, chronische) Krankheit, eine „Fehlbildung“ des Körpers oder „abweichende“ kognitive Leistungsfähigkeiten eingeordnet. Diese Einordnung wird von uns behinderten Aktivist_innen und auch in den wissenschaftlichen Disziplinen, die sich (im weitesten Sinne) „mit Behinderung befassen“ als „medizinisches Modell von Behinderung“ bezeichnet.

Dieses Modell ist überholt, zweifelsfrei jedoch weiterhin die häufigste Sichtweise.
Das Kernmerkmal dieses Modells ist die Verortung der Behinderung in dem betroffenen Individuum selbst. Dies hat zwei Folgen.
1. Die Behinderung wird zu einer medizinischen Kategorie. Das macht die Behinderung zu etwas, das sich aus einem Defekt ergibt, den man objektiv (also ohne Bezug zur behinderten Person, dem Individuum) anschauen und bewerten kann und der, weil er dauerhaft besteht, als schicksalhaft hinzunehmen eingeordnet wird. Auch die Ursachen von Behinderung werden beim Individuum gesucht (und in aller Regel auch gefunden, aber dazu irgendwann mal wieder mehr).
2. Das Forschungsinteresse zu Behinderung orientiert sich an medizinischem Wissen (um die Krankheit, die als der Behinderung zugrunde liegend gesehen wird) und strebt eine größtmögliche Objektivität an. Die Relativität von Behinderung wird im medizinischen Modell so gut wie nie gesehen.

Das bedeutet: Wer Menschen als erst dann als behindert einordnet oder von ihnen geschilderte Umstände als sie wirklich behindernd anerkennt, wenn diese eine medizinische Diagnose und Prognose darüber haben, tut dies auf Basis des sogenannten „medizinischen Modells von Behinderung“. Dies bedeutet wiederum, dass es immer weiter einen Bedarf an Diagnosestellung und also Pathologisierung von als abweichend eingeordneten Menschen gibt. Und dass so natürlich auch weiter nur eine Profession unserer Gesellschaft dazu ermächtigt wird, die Fähig- und Fertigkeiten von Menschen überhaupt (in ihrem Wert) einzuschätzen, was sich als ein sich selbsterhaltendes System ohne jede wirklich konstruktiv nutzbare Funktion außerhalb von sich selbst darstellt. Denn ein Arzt wirkt rund um Diagnose und Abweichungskorrektur – nicht um Fragen der Lebensqualität, der Teilhabe oder die Inklusion, der als abweichend eingeordneten Menschen.

Wer sich am medizinischen Modell von Behinderung orientiert, kann gar nicht anders als behinderte Menschen als besonders, anders, krank, defekt, fehlgebildet oder -entwickelt – also ganz grundlegend abweichend einzuordnen und sie so ganz eindeutig von der Norm, also der Mehrheit der Menschen, auszugrenzen.

Sackgasse

„I’m blue da ba dee da ba daa…“ Im Intro von Iron Man 3 läuft dieser Song. Sommer 1999. Die Hitze strahlt von den Häuserwänden, Summertime Sadness. Mein Geschwist ist mir nah, mag diesen Song auch. Die Erinnerung ist wie ein schlafwarmes Bett an einem Morgen dem ein anstrengender Tag folgt. Ich möchte drin bleiben, möchte zurück in diese Nähe, möchte dieses Stück Erinnerung ohne Gewalt ausbreiten und über alles Schlimme der Zeit legen – und mache mir die Realität damit umso schmerzhafter.

Ich google mein Geschwist. Finde es bei Instagram, Facebook, Soundcloud. Merke, wie ich in die Profilbilder krabbeln und jeden Millimeter befühlen will. Wer bist du? Wie bist du? Hast du mich noch lieb? Hab ich dich verlassen oder war ich einfach nur nicht da?
Du erwachsener Mensch, dem ich so fremd sein muss wie er mir.

Wir leben schon lange ohne Kontakt zueinander und das, was fehlt, weil wir keinen Kontakt haben, ist nichts, was unser Leben zer_stört. Es geht schon. Ist nicht schön, ist nicht, was wir je wollten, ist, was wir tun mussten, um nicht noch mehr zu schaden.
Punkt.

Daneben orientieren wir ein Innen aus den Jahren vor dem Sommer 1999. Das heißt, wir versuchen es und verdrehen uns dabei in Zeitgefühlen und Ohnmacht vor dessen Rigidität.
Wieder träume ich von Kindern, die sich das Selbst aus der Hülle schreien. Von Luftnot, von Schmerzen im Körper und Druck auf den Kopf, Davon, dass ich losmuss, schnell, dringend, jetzt sofort, um etwas zu tun, das ich nicht richtig kann. Weiß, dass das Erinnerungen an mein Leben – das Ist dieses Innens – sind. Und kriege es doch nicht zueinander. Es ist vorbei, aber nicht zu Ende. Nicht gut und vielleicht nie wieder gut.

Das ist relevant. Das bedeutet etwas, das kann nicht losgelassen werden. Hier haben wir etwas gemeinsam. Wir können nicht einfach hinnehmen, wenn schwierige Dinge einfach ungelöst bleiben sollen. Und wir haben beide das Problem, dass wir nicht wissen, wie man das schafft. Wie kann man so ein ignorantes Arschloch sein, so ein abgestumpftes Herz, so ein klitzekleiner Geist … ~ so~ sein, dass man Unfertiges einfach liegen lässt. Einfach nicht mehr versucht es zu lösen, zu ordnen, zu verstehen. Einfach … puff … halt nicht.
Es ist ein Mysterium.

Und damit eine Sackgasse.

„And everything is blue for him
And himself and everybody around
‚Cause he ain’t got nobody to listen (to listen, to listen, to listen)…“