Kategorie: Die Helfer_Innen und die Hilfe

mit freundlichen Grüßen, eine “vermeidende ANP”

Nach manchen Therapiestunden mache ich mir Sorgen darüber, ob wir ~das~ jemals ~richtig~ hinkriegen werden.
Vor allem nach Stunden, wie den letzten, in denen das Vermeiden wieder deutlich spürbar als Verb im Raum stand nicht als das Ich, das in dem Moment da war.

Ich weiß nicht, ob wir unsere Kaputtness irgendwie falsch eingeordnet haben oder auch dort wieder Vermeidung eine Rolle spielt. Vielleicht ist das so, vielleicht ist aber auch der Umstand, dass wir viele Jahre lang als ein zusammenhängendes System gesehen und angesprochen (und entsprechend therapiert) wurden ein Faktor dabei.

Auf der “Fakt-Seite” ist mir klar, dass der strukturelle Aufbau der anderen Funktionssysteme in uns nicht sehr anders ist als der von uns Rosenblättern. Es gibt Innens, die das Trauma direkt an sich erlebten, Innens, die es beobachteten, Innens, die versuchten es zu kommunizieren, Innens, die amnestisch für das Trauma sind und allgemein eher einen Fokus auf die Aufrechterhaltung dessen haben, was sie als funktional und dem eigenen Überleben dienlich oder notwendig einordnen. Und ja, letztere sind bei uns in der Regel die, die – wie ich – mit enormen Fremdheitsgefühlen gegenüber anderen Innens zu kämpfen haben.

Und das ist die Basis. Damit ist noch nicht einmal gemeint, was andere Innens machen oder mögen oder wollen oder finden. Oder, was sie erlebt haben. Es ist schon furchtbar fremd und fern, dass sie da sind – so furchtbar und fremd, dass man es vermeidet, sie genauer zu erspüren.

Das ist die “Fühl-Seite”. Die, auf der ich mich jeden Tag damit konfrontieren muss, dass ich den Impuls einen Schritt zurückzugehen, auszuweichen, mich wegzuducken oder dem Gefühl eines Kontrollverlustes nachzugehen, unterdrücken oder umleiten muss, weil ich ja damit vermeide.
Mir passieren gruselige Dinge an und mit mir selbst – aber Angst haben darf ich nicht davor, denn das bin ja alles ich. Ich erlebe mich so oft so viel kleiner, zarter, durchlässiger, als ich bin – aber das darf mir nicht das Herz in die Hose rutschen lassen, mich ohnmächtig und schutzlos fühlen lassen, denn das bin ja alles ich – das ist ja alles mein Gefühl zu irgendwas und aber in Wahrheit ist ja alles ganz anders.
In Wahrheit bin ich erwachsen und kann meine Dinge tun. Nichts kann mich treffen. Mich berührt gar nichts – außer dieses fremde, in mir drin wühlende Sein der anderen. Und das soll ich irgendwie genuin in mich reinbringen. Dass das in Wahrheit alles gar nicht fremd ist, sondern ich. Obwohl es sich nicht so anfühlt.

Dabei soll ich sonst alles so machen, wie es sich für mich richtig anfühlt. Grenzen beachten, schauen was geht und was nicht. Bei allen möglichen Dingen soll ich das so machen – nur nicht, wenn es um mich und mein Gefühl für mich und meine Vergangenheit geht. Da ist, was sich für mich richtig anfühlt “Vermeidung” und damit die Aufrechterhaltung der Dissoziation. Und also, so fühlt es sich manchmal an, die Sabotage der gesamten Therapie.

Wie ungerecht das ist, habe ich in den letzten Therapiestunden verstanden. Einfach, weil ich es zum ersten Mal mit einem Innen tun hatte, dessen innerer Kosmos absolut nachvollziehbar, ja sogar nach-, mit-, ichlich fühlbar für mich ist. Und die Therapeutin ihm im gleichen spezifisch konfrontativen Ton wie mir sagte, es würde vermeiden, als sei das eine aktive Tätigkeit und nicht der Reflex als den sowohl ich als auch das Innen das erleben.

Für mich ist es nicht mehr die Art von Reflex, die aus Todesangst heraus greift. Das ist vielleicht ein Unterschied. Ich bin nicht so jung wie dieses andere Innen, lebe in unserem Alltag, mir fehlen die Erinnerung an unser Erwachsenwerden nicht. Meine Angst zu sterben ist eine andere als die dieses Innens.
Der Mechanismus hinter unserer Vermeidung ist aber der gleiche: Wir wissen nicht wie wir leben sollen, wenn wir nicht tun, was wir tun oder sind, wie wir sind.

Jedes Mal, wenn ich versucht habe Erinnerungen oder Sein anderer Innens als meines anzunehmen, hatte ich das Gefühl zu lügen und nach einigen Tagen des Aushaltens dessen, bin ich zerfallen. Ob ich wollte oder nicht, ob ich mich tiefenspecial darauf eingelassen habe, dass das alles ich bin und alles zu mir gehört und la la la Es hat mich verdisst, mir fehlten einige Tage und erst irgendwann Monate später in irgendeiner anderen Therapiestunde merkte ich an irgendeiner Kleinigkeit, dass mir die Erinnerungen und Bezüge, die ich doch annehmen wollte, komplett fehlen. Ja, dass ich manchmal nicht einmal mehr weiß, worum es grob dabei ging und in welchem Zusammenhang ich versucht habe, das anzunehmen.

Das ist jedes Mal ein Moment von Versagen für mich. Und jedes Mal denke ich an die ganze Zeit, in der wir schon arbeiten, die ganze Kraft, die es sowohl mich und uns als auch die Therapeutin gekostet hat und möchte im Boden versinken vor Scham.
Obwohl ich weiß, dass das – genau das – das ist, was die DIS zu einer Diagnose macht und, dass es so etwas wie eine Entscheidung zur Vermeidung oder Dissoziation nicht gibt. Ich weiß das und ich ziehe viel Kraft, die Therapie überhaupt weiter zu machen daraus, denn diese “Krankheit” ist ein Zustand. Die Diagnose bezieht sich auf die Zustände und die Desintegration dessen in einer einzelnen Person – ich bin ein Zustand. Ein Ich-Zustand. Die anderen sind ein anderer Ich-Zustand – von mir oder von jemand, die_n es jetzt vielleicht noch gar nicht gibt, weil da einfach nichts genug miteinander verbunden ist, um Selbst zu sein.
Zustände sind veränderlich. Ich kann mich ändern. Ich will mich verändern. Ich weiß nur nicht, wie ich “anders sein” machen muss oder kann. Als Tätigkeit.

Es ist ungerecht das auszublenden, nur weil es nicht der gleiche Lerninhalt ist, wie der mit dem Innens, die nie etwas anderes als Gewalt und Not erlebt haben, zu kämpfen haben.
Ich lerne hier auch gerade, wie man ohne Todesangst haben zu müssen, lebt.

Buchrezension “I’m a queerfeminist cyborg, that’s okay”

Dieser Text enthält unbeauftragte Werbung.
Als Teil des Verlagskollektives haben wir das Buch als Freiexemplar erhalten,
jedoch nicht an dessen Umsetzung und Veröffentlichung mitgearbeitet.
Mika Murstein verwendet das Pronomen “mer” für sich, also verwenden wir es in diesem Text auch.

ein Backstein
In jeder Hinsicht ist die 462 Seiten mächtige Gedankensammlung von Mika Murstein, in der unter anderem die Verhältnisse von Be_Hinderung und Geschlecht, von Klassismus und Ableismus, Netzaktivismus und Empowerment besprochen und mit den Diskursen unserer Zeit in Zusammenhang gebracht werden, ein Backstein.

zuweilen erschlagend
Leser_innen jenseits netzaktivistischer Auseinandersetzungen und queerfeministischer Ansichten, dürften Schwierigkeiten haben, sich in Form und Struktur dieser in Text gegossenen Gedankenlandschaft zurecht zu finden. Ja, auch sich selbst zu finden oder in Beziehung zu setzen.
Auch der Satz des Buches und die Sprache, die zwischen amerikanischen wie deutschen Neologismen und Eigennamen springt, erfordern eine sehr hohe intrinsische Lese- und Verständnismotivation, sowie Fähig- und Fertigkeit sich daran anzupassen.

one brick at a time
Murstein leitet und strukturiert mers Gedankengänge von mers eigenen Er_Lebenserfahrungen ab und nterfüttert diese überwiegend mit Theorien und Texten anderer, in Deutschland nicht breit besprochener Aktivist_innen, wobei der Spagat zwischen “zugänglich machen” und “eigenen Punkt machen”, mal mehr mal weniger griffig und allgemein verständlich funktioniert.
Über verschiedenste Aspekte des Er.Lebens zeigt die_r Autor_in auf, wie tief und weitreichend verzweigt ableistische Annahmen, Erzählungen und Handlungen in der Gesellschaft und ihren Strukturen wirken.

Bereits nach wenigen Seiten ist klar: Wo Ableismus beginnt, beginnen auch Klassismus, Rassismus, Sexismus und immer wieder die Aufgabe, sich selbst darin zu verorten, obwohl jedes dieser *ismen mehr oder weniger gezielt zur Ausgrenzung führt und führen soll.
So findet man sich nach einiger Lesezeit in einem vielschichtigen, dicht an dicht gesetztem Gedankengebäude wieder.

Aufbaumaterial
Selbst von Ausschlüssen, aufgrund von Ableismus und/oder anderen Diskriminierungsformen, betroffenen Menschen, erscheinen die eigenen Erfahrungen oft unkonkret und daher auch unbewortbar. Murstein gibt mit “I’m a queerfeminist cyborg, that’s okay” Beispiel und Grundlage in Worte und Diskussion zu kommen.
Mers Perspektive auf die Themen und Strukturen unserer Zeit, zeigen Wege und Formen des Aktivismus und was darin möglich und nötig ist, aber auch darüber hinaus noch sinnvoll sein könnte.

another brick in the wall
Dieses Buch ist für behinderte Cyborgs, für Schwarze be_hinderte Menschen, für Arme mit Behinderung, für Leute, die dazulernen wollen, für weiße cis Feminist_innen, für Allys … für alle, die das eigene Gedankengebäude zu Inklusion, Netzaktivismus, social justice und die Gleichberechtigungsdiskurse unserer Zeit erweitern oder umbauen wollen, aber auch Anteil an der Dokumentation der Gegenwart be_hinderter und mehrfach marginalisierter Menschen nehmen wollen.

„I’m a queerfeminist cyborg, that’s okay“ ist im linken, unabhängigen Verlagskollektiv „Edition Assemblage“ erschienen, das sich als Plattform für die Stimmen und Perspektiven mehrfachmarginalisierter Personen.gruppen versteht.
Ihr könnt der Edition Assemblage Rückenwind geben und ihr aktuelles Crowdfunding unterstützen, um Bücher wie dieses auch in Zukunft zu veröffentlichen.

der Song, das Jetzt, das tote Kind

Als ich mein Rad abstelle, setzt einige Meter neben mir der Song “Sweat” ein. Inner Circle, 1992. Sommerhit. Mir schießen Tränen in die Augen. Das Kind, das diesen Sommer erlebt hat, wird von uns seit dem Antrag auf Namensänderung zu Grabe getragen. Jeden Tag einen Millimeter weiter.
Die Sonne scheint. Ich mache meine Beine hart und versuche mein inneres Wanken innen zu lassen. Hier und jetzt in dieser Stadt wohnen wir. Damals war damals. Heute ist heute, ist hier und jetzt. Aaahaa haa haa

Seit der Unterschrift auf dem Zettel stelle ich mir vor, was wir mit dem alten Namen machen. Wir werden ihn nicht verlieren. Und natürlich ist auch die Idee, etwas von uns, das uns, das wir früher, zum Beispiel 1992, waren, zu beerdigen absurd. Das geht nicht, wird nie gehen. Und trotzdem werden wir das tun. Wir müssen das tun. Irgendwie fühlt sich das sicherer an. So, wie die ewige Ruhe, die wir uns an der Stelle einfach wünschen und anders vielleicht auch gar nicht herstellen können.

Und ja, es ist auch wie etwas endlich wirklich sterben zu lassen, an dem wir so lange und immer und immer und immer noch fest gehalten haben. Weil wir uns eben doch seit 17, 18 und in ehrlichster Wahrheit dann doch schon seit mehr als 25 bis vielleicht sogar 27 Jahren mit der Idee bescheißen, irgendwann würde doch alles wieder gut, wieder heil, wieder so, dass man es ohne Zweifel, Zögern, Zagen leben kann. Ohne alles das, was irgendeine Form der Ruhe verhindert.

Es ist Realität, dass wir zu viel in der Herkunftsfamilie gelassen haben, um heute sagen zu können, es sei einfach nur ein Namenswechsel. Das ist einfach nicht. Es ist auch Kapitulation. Eine Kapitulation vor der Tatsache, dass wir niemals in unserem Leben erfahren werden, wer das war. Wer dieses Kind war, das nur 14, vielleicht noch ein bisschen 15 Jahre alt werden konnte und dann da bleiben musste. Für immer. Schlicht und einfach unrettbar.
Nicht nur abdissoziiert und irgendwie verschüttet, sondern wirklich wie das Stück Seele, das man opfern muss, weil sich das Leben zu retten manchmal eben doch so viel kostet.

1992 waren wir 6 Jahre alt. Die Erinnerungen mit dem Song haben einen Sommer mit dichter Wärme, klebrige Teerwürste, Straßenplatten, das Fahren auf der Rückbank eines Autos sich drin. Luft, die nach Staub, nach Gräsern und Zigarettenrauch riecht. Und das überfordernde Angstkippeln zwischen einstürzendem Weinen und vibrierender Steifheit, die sich dagegen auflehnt, an der Aaaaah-Stelle des Songs.
Der Gedanke als 6 jähriges Kind mit so einem Kampf um, gegen, mit Emotionen belastet zu sein, macht mich fertig.

Nicht, weil es ist oder vielleicht war, sondern, weil es wirklich niemals Trost, niemals wieder gut, niemals ganz wieder heil geben wird. Nicht, weil die Wunde so groß ist, sondern weil das Kind schon tot ist. Schon länger, als wir uns das eingestehen wollten. Kinder wie dieses kriegt man mit keiner Traumatherapie wiederbelebt. Solche Kinder setzen sich nicht aus den Erinnerungsplittern zusammen, die man sich Stück für Stück zusammenerinnert.
Die sind tot. Gestorben. Abgenippelt. Verreckt. Abgekratzt. Ausgehaucht. Zu Ende.
Egal, wie toll man um ein Leben danach aufgearbeitet hat.

Die Musik stoppt.
Ich gehe zur Sparkasse. Die Fotokopie des Geburtseintrags im Standesamt der Geburtsstadt kostet 10 Euro, die wir an dem ganzen Wasser im Gesicht vorbei überweisen. Der Geburtsort verbindet uns mit der Mutterfrau genauso wie der Geburtseintrag. Wieso ist sie nicht einfach allein geblieben, so wie sie da allein drin steht. Keine Antwort. Jemals. Irgendwie geht es uns ja auch überhaupt nichts an. Es war ihre Entscheidung, wir waren noch nicht, das Kind damals auch einfach nur da. Zufällig quasi mit aus Versehen reingeschliffen.

Jetzt gehe ich durch meine Heutestadt und schwappe bei jedem Schritt aus dem Kopf auf die Brust auf den Boden ins Hier von 2019. In mir drin rascheln Federn. “Deshalb heißt es ‘Trauerjahr’ und nicht ‘Trauermoment’, mein Herz.”.
Ich denke, dass da was dran ist und verstehe, wieso ich über alles das gerade so vergleichsweise großzügig weinen kann. Denn das Leben danach ist ja auch immer nur Leben, und doch ein anderes Leben. Ein anderes Vorsichhinleben. Man muss alles ein erstes Mal machen. Ein neues weiteres erstes Mal, in dem man tut, was man immer tut, während alles anders ist. Neu. Fremd. So noch nie gewesen.

Das bewusste Loslassen der Hoffnung auf einen Originalzustand, so wie das Kind, das war, bevor wir uns in die Erwachsenheit überlebt haben, ist so noch nie gewesen. Das Gefühl seine unsichtbare Leiche auf uns drauf durch die Gegend zu tragen, während wir darüber nachdenken, wo wir es beerdigen, auch nicht.

Es ist ein zweites Danach.
Ein gutes. Ein wichtiges. Aber auch eins, in dem wieder etwas Unersetzbares für immer fehlt.

„how autism feels from the inside“

„Sometimes, like, you make plans, but, again, these promises and plans always go into chaos.
Its like – I think according, like, to Nietzsche, that life you think has one circle, but no, there are added circles to extra added circles, which create chaos. And than you – its sort of like you’re drowning.“

Ja, „like you’re drowning“, als würde man ersticken. Die Welt verliert alles Licht, jede Richtung, jeder Kontext verliert sich in Mustern, Kreisen, Ebenen. Als würde man das Sterben leben. Ohne Sinn, ohne Halt. Und dann kickt die Traumascheiße. Die Erinnerung daran, wie das war, als man kurz davor war zu ertrinken. Als man kurz vor dem Ersticken war. Als Leben um das Sterben, das beinahe, das ersehnte, das unkontrollierbare Sterben kreiselte.
Und dann ist es bei uns kein Tagtraum, sondern das Leben von jemand anders. Ein anderer kleiner extra hinzugefügter Kreisel, der die Lücken schließt, Kontexte verbindet, die Zeit, den Moment, das Alles festhält und in sich zu etwas verbindet, das er_lebbar ist.

Behinderungen sind nicht sekundär. Nicht für uns. Wir sind die Behinderung, unser Menschsein ist auch, behindert zu sein. Ist wir sein. Deshalb sagen wir „behinderte Menschen“.

Ich mag, wie unsere Perspektive, der Perspektive von Jordan in dem Film, einen kleinen Kreisel hinzufügt und die Verbindung die self advocacy ist. Kein Chaos.

das L.-Gefühl und die Erkenntnis vielleicht nie mit K. darüber reden zu können

Letzte Nacht war ich zu Hause.
In meinem vom Heuschnupfenmedikament ausgelösten Traum hatte ich mich wieder in L. einweisen lassen.
Auf die Station, in der wir etwas über ein Jahr gelebt haben.

Da war Frau R., die immer noch so weich und so unaufdringlich war. Kein Stück gealtert. Ein Pfleger wurde durch einen unserer Heutelehrer ersetzt, der ihm sehr ähnlich ist. Sonst war alles wie damals. Der holzige Kaffee-Sterilitätsgeruch, der Klingelton vom Stationstelefon. Die Enge, die Nebengeräusche, die blaue Tür mit den kleinen dicken Glasfenstern drin.

Wir waren erwachsen und trotzdem willkommen.
Und K. war auch noch da.
K., die damals schon vor uns da war und erst nach uns entlassen worden war. Mit der wir so gern in Kontakt geblieben wären, aber doch zuletzt 2004 telefonieren konnten. Und mit der wir auch in dem Traum nicht sprechen konnten, weil sie ständig umgeben von anderen Leuten war und nicht in Ruhe mit uns sein konnte.

Es war einer der Träume, die weh tun und über die man heulend aufwachen würde, wäre das Grundgefühl nicht so ein schönes. Mir wurde bewusst, dass wir dieses L.-Gefühl hatten. Dieses Zuhauseseingefühl und gleichzeitig die schon damals durchaus bewusste Bitterkeit darüber, wie abgefuckt die eigene Lage bitte ist, wenn man sich in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie zu Hause, sicher und wohl fühlt.

Ich weiß nicht, wieso ich im Traum da war. Merkte auch, wie es mir von Tag zu Tag dort schlechter ging als vorher.
Und ich weiß noch, dass ich mich zum Aufwachen entschieden hatte, weil ich nicht zulassen wollte, dieses gute Grundgefühl mit meinem Schlechtergehen zu vermischen.

Jetzt wo der Traum zu Ende ist, würde ich ihn gern nochmal zurückspulen und ihn mir Bild für Bild ansehen, um mir das L.-Gefühl in hauchdünnen Scheibchen rauszuschneiden.
Gleichzeitig bin ich kurz davor nach K. zu googlen. Ich frage mich, ob sie noch lebt und wenn ja, wie. Ich würde sie gern treffen und fragen, ob sie auch ein L.-Gefühl hat. Ob sie Frau R. manchmal auch vermisst. Ob sie heute auch weder Skip-Bo noch Phase 10 oder Uno spielen kann, ohne an den Küchentisch neben dem Stationskabuff zu denken. Ob sie noch raucht und wenn ja, ob sie manchmal noch mit Kaffee und Kippe innere Wahrheiten auf Collegeblöcke schreibt, so wie wir miteinander, egal wie kalt es draußen war. In der Raucherecke des Innenhofs, wo der Boden mit rauen Gummiplatten ausgelegt war und ein seltsames Gehgefühl machte.
Ich würde gerne wissen, ob sie sich zu Hause gefühlt hat.
Und ob sie, so wie wir heute, ein selbstgewähltes sicheres Zuhause hat.

Ich habe K.s Nachnamen vergessen.
Und meiner ist bald ein anderer.

der formale Antrag auf Vor- und Nachnamensänderung

Die Sonne schien, NakNak* wuselte mit uns im Bett herum, als das Telefon klingelte.
“Unsere Standesbeamtin” war dran. Einige Tage nachdem wir schon dachten sie würde sich nicht melden, weil unsere Begründung nicht ausgereicht hat.
Wir vereinbarten einen Termin, keine zwei Stunden später. Kamen an, saßen rum, traten ein und stellten den formalen Antrag auf Änderung des Vor- und Zunamens. Bei Ausstellung des neuen Personalausweises würde auch der Künstler_innenname eingetragen werden.
Jetzt ist es nur noch ein Führungszeugnis und eine Kopie des Geburtseintrags, dann werden wir anders heißen. Wenn alles glatt geht bereits auf dem Abschlusszeugnis.

Wir kamen aus dem Rathaus, machten gleich einen Termin für das Führungszeugnis, völlig Banane nächste Woche, da sind wir gar nicht da. Kauften uns ein Brötchen, obwohl wir gar nicht hungrig waren. Auch interessant so ein Übersprung in der Schüssel.

Unsere Behördenkrambetreuerin sagte erst am Montag, dass das ja alles auch kathartisch werde würde.
Der Abschluss, der Umzug, der neue Name. Große Befreiung, als weg, alles raus. Neuanfang, weiße Weste trallala
Sie weiß nicht so viel über strukturelle Dissoziation, vielleicht hat sie es deshalb als etwas Positives erwähnt.
Für uns ist genau das eher zu verhindern. Alles hier lassen, ganz neu im neuen Zuhause starten, alles loslassen, bei 0 anfangen. Das hatten wir schon oft und jedes Mal ist ein neues Alltagssystem aufgetaucht, das keinen oder nur spezifisch Bezug zum Vorher hatte.

Sicherlich, wird sich das jetzt heute nicht so wiederholen. Wir sind abgesichert, gestützt, gehalten, sind in uns so viel konsistenter als früher, wir denken nicht, dass es diesmal zu so einer Spaltung kommt, aber mitdenken müssen wirs.
Deshalb haben wir bereits jetzt Monatsmülltüten. Ein Mal im Monat schmeißen wir kreuz feldein weg, was wir nur behalten, weil wir es nicht ersetzen können. Oder weil wir denken, man könne uns verübeln, dass wir es nicht behalten. Oder weil wir denken, unsere Herkunftsfamilie würde das mitbekommen.
Alles weg damit, warten, nachfühlen, merken: Alles ist wie immer, alles ist an seinem Platz.

Das könnten wir nach dem Umzug noch nicht so schnell sagen, denn dort muss alles erst einmal an den richtigen Platz gelebt werden. Deshalb machen wir es jetzt. So lange bis nur noch da ist, was uns das Gefühl gibt, dass alles okay ist. Denn genau das werden wir im neuen Zuhause brauchen. Nicht mehr, nicht weniger.
Ein Vorgehen, das nicht lauter HALLO GESUNDES VORGEHEN brüllen könnte. Nicht antidissoziativer wirken könnte.

Und der neue Name?
Wir haben den alten schon weggeschmissen. Schon vor 19 Jahren.
Er ist eine Hülle, die das Außen auf uns drauf wirft, uns aber nie benennt. Uns schmerzt, nie nutzt.
Wir heißen nun schon seit Jahren für alle ‘Hannah’, das muss sich nicht ändern, nur weil ein neuer Ausweisname da ist. Alles bleibt gleich, alles bleibt an seinem Platz.

Außer der Schmerz.
Der bleibt im Standesamt der Stadt aus der wir wegziehen.

oh scheiße

Zwischen zwei Abgaben und einer überschrittenen Deadline war der Krampfanfall. In der Schule. Das haben wir lange vermeiden können, aber Notenvergabezeit ist Stresszeit, keine Zeit für einen Schritt nach dem anderen.

Die Lehrer_innen, die da waren, wussten viele Dinge nicht so recht. Entschieden für einen Notarzt. Der kam und britzelte uns seine Neonkleidung ins Hirn. Schob den Pulli am Handgelenk hoch und sagte: “Oh scheiße.”.
Und irgendwie war das gut. Es hat sich gut angefühlt, dass er das so gesagt hat. Oh scheiße, dieses Handgelenk ist einfach mal zu einem Drittel Suizidversuchsnarbengewebe und das andere auch.
Oh scheiße oh scheiße oh scheiße das alles. Dass das so ist, dass das so nötig war, dass es nie anders ging, dass man es für immer sehen wird. Oh scheiße, dass man da keinen Puls mehr fühlen kann, aber, wenn man sich Mühe gibt, unsere Not vor 18, 17, 16, 15 Jahren.

Oh scheiße, das Leben ist so fragil, aber gleichzeitig kannst du dein Blut aus dem Handgelenk wie aus einem Springbrunnen hüpfen sehen und doch nicht daran sterben. Das Leben ist nicht zwangsläufig, was man erlebt und trotzdem alles, was man leben kann. Und oh scheiße, wie schlimm das manchmal ist.

Ich mochte den Notarzt. Er hat mein Nochnichtwiedersprechenkönnen nicht zu brechen versucht. Hat alles angekündigt, hat uns allein gelassen, nachdem die Lage gesichert war.
Er hat die Scheiße gesehen und daran geglaubt, dass wir damit umgehen, damit leben können.

Das war toll, denn so ist das Leben auch.
Zeit, Prozess.
Scheiße in der Vergangenheit und Umgang damit für immer.

eine Woche

Ich brachte NakNak* zu C., damit sie nicht mit nach Berlin kommen musste.
Dachte zwischen Augenauf- und zuschlag daran, wie viel besser und sicherer es für uns wäre, könnten wir sie mitnehmen. Spürte eine Ängstlichkeit, verwischte sie mit einer Augenbewegung. Berlin ist ein Moloch. Wir haben da keine eingeübten Routen, keine festen Bezugspersonen, die NakNak* kennt. Wenn wir da umfallen, gibt es da noch jemanden, die_r sie einfach zu sich mitnimmt.

C. hat sich ein Exemplar von “aufgeschrieben” gewünscht und eine Widmung. Es ist allen gewidmet, das steht da drin, aber alle sind nicht alle, die sich davon auch bewidmet fühlen. Vielleicht ist da eine Ebene, die wir noch nicht so richtig verstehen. Ich vertröste sie und mache mir einen Knoten in den Anfang dieser Forschungsreise.
Fahre nach Hause. Übe das Vorlesen der Kapitel. Denke, dass es gut wird. Arbeite an einer Abgabe weiter, für die ich am Samstag keine Zeit und am Sonntag keine Kraft haben werde.

Im Zug schreibe ich Schuldinge, höre Musik, denke an R. und das, woran wir gerade therapiearbeiten.
In Berlin scheint die Sonne auf meinen dicken Körperversteckpullover. Tempelhofer Feld, Vögel, gutes Sprechen, Erklären, Überlegen am Nachwachshaus, an anderen Projekten. So haben wir uns das immer gewünscht. Diese Konspiration ums Nachwachshaus. Wie früher. Auf dem Boden sitzen und Aspekte durchsprechen. Fragen aufstellen, lösen, neue finden, dabei auf etwas rumkauen. Damals Zigaretten, heute süße Früchte. Zeit vergessen, Prozess werden.

Dann das Kind. Das Essen. Das noch mehr Sprechen. Schön wie eine Wand, in die man sich einwickeln kann. Wissen: Ja, das können wir auch hinkriegen. Ein Kind. Nicht trotz allem, sondern, weil das allem zum Trotz nichts fremdes ist. Es ist nur für und mit jemandem sein, um dessen Verstehen und Ver_Sorgen man sich länger einseitig bemühen muss. Vielleicht. Noch ein Knoten an einen Forschungsgedanken, dann die Lesung und Verlagsvorstellung.

Kurz ist da Nervosität, dann nicht mehr. Aufgabe, Menschen, Sprechen, Reagieren, Freuen, Wiedererkennen. Im Laden ist es schön, riecht nach Kaffee. Man schaut aus dem Fenster und sieht Menschen, die sich dicht an dicht auf die Wiese im Park gesetzt haben. Wir werfen den Ablauf durcheinander, das passt zu unserem Verlag und wieder weiß ich, dass wir da einen guten Platz gefunden haben. Wir machen, was alle machen, aber wir machen es anders und es ist weder schlimm noch destruktiv. Wir sind nicht mehr allein damit so zu sein und das ist, was uns da auf dem Bühnchen vor dem Fenster vor der Wiese mit den Menschen in der Sonne sitzen bleiben lässt.
Wir sind nicht allein. Yori ist auch da und es ist gut, obwohl so viele Leute uns ansehen und anhören.

Das sind zu viele Gefühle auf einmal und wir wissen bis heute nicht, ob wir uns gut gefühlt haben. Was wir da gefühlt haben außer diesem Willkommensein im Andersseinmachen und der Erleichterungsfreudenverwirrung darüber, dass Menschen, die wir kennen, unser Buch gekauft haben um es zu lesen, obwohl wir sie gar nicht darum gebeten haben.

Im Zug nach Hause übe ich Mathe. Integralrechnung olé olé. Am Donnerstag ist der Klausurtermin für die Vornote des Abschlusses. Nach der Klausur zu Prüfungsbedingungen am Montag, nach der MTD-Klausur und dem Rest der Probeprüfung. Vor den restlichen Abgaben und Probeprüfungen. Noch 2 Wochen dann sind 2 Wochen Ferien und eine davon werden wir beim Freund sein. Endlich. Schnell einen Knoten an diese Forschungsrichtung um Vermissen eines Menschen und dem immer noch fremdneuen Wunsch nach seiner Anwesenheit an der Seite. Zurück zu Mathe.

Die Probeprüfung lief gut und wir danach nach Hause, vorbei an gegen den Stadtlärm anbrüllenden Vögeln und gefällten Bäumen. Der Planet stirbt und wir werden eine gute Note in Gestaltung auf dem Zeugnis haben olé olé

Wir schlafen bis halb 6, fahren zur Therapie. Erinnern uns an die Lesung, wollen davon erzählen, aber was wissen wir selbst nicht so richtig. R. ist in der Stunde, wir gehen raus und haben eine aufgekratzte Stelle am Arm, die brennt und nervt bis Donnerstag.
Da schreiben wir die Arbeiten, kommen nach Hause und finden einen Brief von ihr, in dem sie ihre Zeit beschreibt. Damit haben wir nicht gerechnet.

Eine Woche ist vergangen. Dieser Text ein Knoten.

Weltautismustag #4

Der vierte Weltautismustag mit dem Wissen um den eigenen Autismus.

Was kann ich dazu schreiben. Eigentlich nichts. Wir sind nicht nur autistisch. Ich denke, dass an so einem Tag nur die sprechen sollten, die ausschließlich das sind. Autist_innen.
Ich weiß, woher ich diesen Gedanken habe und weiß, dass ich ihn nicht haben muss. Er ist trotzdem da und wirkt. Dieser Text ist ein Versuch daran vorbei zu kommen.
Denn es ist unser „nicht ausschließlich autistisch“-sein, das die Diagnose so lange verunmöglicht hat und es auch heute noch erschwert, als auch autistische Person verstanden und anerkannt zu werden.

Es gibt enorm große Schnittmengen zwischen Autismus und dissoziativen Störungen (aufgrund traumatischer Erfahrungen). Sich auf gleich zwei so umfassenden Spektren verorten zu wollen, ist eine Herausforderung und nachwievor sind wir damit (gefühlt) völlig allein.

Durch unsere schulische Ausbildung haben wir viel Raum, uns damit auseinanderzusetzen, worin unsere Lern.Be.hinderungen und unsere Kompensationsstärken liegen. Wir haben gelernt, dass wir eine Stärke für Details und Analysen hochkomplexer Zusammenhänge haben, gleichzeitig jedoch Schwierigkeiten so schnell Verbindungen herzustellen – und beizubehalten – wie in der Schule und auch manchmal im Alltag erforderlich.

Wir bewegen uns geistig wie sozial nie im großen Ganzen – sondern immer im präzise durchanalysierten und scharf beobachteten Moment. Wir können darin mehr aufnehmen als andere Menschen, viele Verläufe und Möglichkeiten gleichzeitig berechnen, abwägen, einordnen, können sie aber oft nicht als das kommunizieren, was hinter unseren Analyseergebnissen (und entsprechendem  Re_Agieren) steht.
Wir können sehr gut schreiben und gut sprechen, etwas für andere Menschen verständlich zu sagen jedoch, raucht uns sehr schnell, sehr tiefgreifend aus.
Wir sind konsequent wie eine Guillotine im freien Fall, wenn wir uns etwas vorgenommen haben und gleichzeitig ohne jede Struktur, was ebenjene Vorhaben bzw. ihre Umsetzung angeht.

Die Gegensätzlichkeiten und Widersprüche in unserer Interaktion und Kommunikation sind in einer Linie mit der Art, wie wir gestrickt sind und das ist eine merkwürdig guttuende Erkenntnis.
Wir sind “geistig behindert” und gleichzeitig hochbegabt. Kriegen nichts auf die Kette und haben gleichzeitig das Potenzial sogar mehr zu können bzw. zu schaffen, als viele andere Menschen.
Wir sind eine Person, ein Einsmensch, und gleichzeitig viele. Viele Seelen, viele Leben, in einem Körper.leben.

(Diese) Gleichzeitigkeit mitzudenken, zu erleben und zu empfinden ist, was uns ausmacht.
Ob das eine rein autistische Geschichte ist, wissen wir nicht. Die Dinge, die wir in den letzten Jahren über Autismus gelesen haben, befassten sich nicht bzw. wenn, dann eher am Rande mit solchen Aspekten.
Meistens ging es um autistische Kinder. Um autistische Kinder in der Schule, im Defizit, im Zentrum der Angst vor sozialem und ökonomischen Abstieg der Eltern. Es ging um neuere Studien zur genetischen Grundlage des Autismus, um mögliche Risikofaktoren während Schwangerschaft, Geburt und frühster Kindheit.

Zur Lage und Lebensqualität komplex traumatisierter Autist_innen oder autistischer Menschen, die komplex traumatisiert wurden, haben wir noch immer keine Veröffentlichung gefunden. Keine, außer unserer eigenen, von denen wir bis heute nicht so recht wissen, ob sie nachvollziehbar, sinnig, ~wertvoll, konstruktiv für irgendetwas oder irgendwen nutzbar sind.

Am Weltautismustag wird in Amerika nachwievor die (von Autist_innen scharf kritisierte) Organisation “Autismspeaks” beworben, die ein Puzzleteil als Logo hat. Die Ironie ist groß. Sagt man doch auch über Leute, die viele sind, sie wären innerlich ein Haufen auseinandergerupfter Teile, die zusammen ein Ganzes ergeben.
In unserem vierten Jahr mit Autismusdiagnose und dem inzwischen siebzehnten Jahr DIS-Diagnose denken wir beides gleichzeitig in uns und fühlen uns damit isoliert. Weggerupft.

Wir sehen nachwievor keine Inklusion von autistischen Menschen in der Traumaforschung und von anerkannt traumatisierten Menschen in der Autismusforschung.
Wir sehen nicht, dass sich Traumaspezialist_innen für die Neurodivergenz und ihre Auswirkungen auf das Gelingen oder Nichtgelingen von Traumatherapie interessieren. Sich fort- und weiterbilden, sich dazu entscheiden, anzunehmen, dass auch behinderte* Menschen von Traumatherapie profitieren können, wenn man es ihnen ermöglicht.
Wir sehen nicht, dass der institutionellen Pflege und Versorgung von autistischen Menschen die Idee von Selbstermächtigung innewohnt. Sehen noch bei viel zu wenigen Menschen das Bewusstsein dafür, dass man bei bestimmten Heil-, Hilfe- und Förderungs.be.handlungen das Potenzial einer grundfesten Traumatisierung autistischer Menschen mitbedenken muss.

Wir sehen nur einen Haufen Puzzlestücke, die sich hier und da um einzelne Aspekte klumpen, die letztlich nicht den Menschen dienen, um die es geht.
Und wissen auch in diesem vierten Jahr der Auseinandersetzung nicht, ob mehr Awareness das Einzige ist, das gebraucht wird, um das zu verändern.

mutig ist okay

Eingerahmt von Übersprungsgeräuschen dachte ich, wie mutig unsere Therapeutin eine Email vorlas, die wir beide erhalten hatten. Von jemandem von uns.
Das ist neu in seiner Altheit. Und erschlagend in seiner Realität.
Dinge wie Anfang der 2000er zu tun, als wäre nichts anders – als hätten wir auch heute noch keinen privaten, einzig von uns allein einsehbaren Emailaccount – bedeutet Teenager-Innens. Bedeutet die Notwendigkeit von Mut.

Bedeutet zu lernen, dass es noch immer Internetcafés gibt. Dass man ein Mailpostfach nicht verliert, nur weil man es zuletzt vor 14 Jahren benutzt hat. Dass ein Ich noch genauso rasend ablehnen und das eigene in den Ohren rauschende Blut gegen eine fremde Verzweiflung pressen kann wie früher.
Als. wäre. nichts. passiert.

Es ist nicht überraschend passiert. Wir wollten das. Wollen das.
Aber.
Und.

Irgendwie – nicht so.
Ich will diese Party machen können von der ich in einem Quatschratgeber für Vielemenschen gelesen habe.
Ich will hingehen – Vorhang auf – tadaa ach da bist du ja – komm rein altes Haus, hier isses richtig geil. Im Vergleich zu dem woher du kommst. Nimm dir Kuchen, halt die Nase in die Sonne, das Leben gibt heute einen aus!
Aber so läuft das nicht bei uns. So lief das noch nie.
Schon weil wir diesen Vorhang nicht haben. Eher einen Schleimblobb aus Nebel, Angst und Dunkelheit, der dann und wann Gedanken, die auch gut Einbildungen sein könnten oder Gefühle, die genauso gut Übersprungshumbug sein könnten, durchlässt. Bevor wir wissen: Ah das ist ein Innen – bevor wir in diese achtsame Mutigkeit von unserer Therapeutin kommen, exerzieren wir das Falsememory-Einmaleins und unsere Diagnosensammlung durch, obwohl wir wissen wie völlig Banane das ist und auch wie destruktiv.
Und: wie selber Anfang der 2000er, dem inneren “Ich habe sicher einen Hirntumor und werde bald tot sein”-Zeitalter.

Der Therapeutin zuzuhören und zu denken: “mutig”, war irgendwie gut. In fact, war das mein klarster Gedanke in der ganzen Stunde und als sie am Ende sagte, dass es okay war, dachte ich: “mutig ist okay” und das war irgendwie gut. Merkwürdig entwickelt, seltsam dissig eingebaut, aber irgendwie … gut.

Gut wie ein . am Ende eines Satzes.