Schlagwort: Selbstfürsorge

hier ist ein guter Ort

Ich gehe aus der Stunde und hab sie dabei.
Ich hatte am Ende gezogen. Wollte nicht gehen. Nicht so. Nicht jetzt. Nicht so. Hatte geredet, über Belanglosigkeiten, um daneben weiter in Anwesenheit der Therapeutin nach einem Ort zu suchen, an dem sie bleiben können. Einfach, damit ich sie nicht mitnehmen muss. Nicht jetzt, nicht so.
Ich bin noch nicht bereit, habe keinen Plan, keine Idee, keine Genehmigung von Innen für meine Reflexe. Nein, deine Vermeidungssuppe ess ich nicht, sagt R. und versperrt mir den Lösungsweg.

Ich habe keine Angst. Rede mir gut zu. Gehe auf S. Zehenspitzen durch den Abend.
Ihr Gestank drängt meine Suche an. Ich merke, wie nicht bereit ich bin. Wie ich kotzen will und nicht kann, wie ich weinen will und nicht kann, wie ich in die Praxis zurück will und nicht kann. Wie ich mehr Sicherheit, mehr Unterstützung möchte und nicht bekommen kann. Wie ich auf mich allein gestellt bin und mit jedem Moment, das Gewicht auf mir mehr wird.

Und dann, wie es wieder leicht wird. Wie ich aus der „Hannah-K. lässt sich ein“-Hülle rausschlüpfe und in die „Hannah-K. kriegt das schon hin“-Hülle reingehe. Wie ich den Impuls, mich gnadenlos zu überessen umschiffe, wie ich meine Mails checke, den nächsten Tag plane, den Sprachkurs mache, ein Video gucke, mich umdrehe und in die Leere meines Ich denke, bis ich einschlafe.

Am Morgen danach, das Gefühl des Versagens. Es geht mir gut, ihnen geht es schlecht, wir haben keinen Ort für sie, wir haben sie nur benannt. Innens und ihre Geschichten hochzuspülen und dann nichts mit ihnen zu machen, war noch nie hilfreich. Entweder wir, ich, versuchen sie zu fühlen und mit uns zu verbinden oder wir lassen sie im Schwan verschwinden. Für immer. Integration oder Dissoziation.
Zwischenschritte sind extrem schwer für uns. Die Woche zwischen den Stunden ist zu lang, wenn wir sie nicht irgendwo unterbringen bzw. mehr Abstand zwischen uns herstellen.
In der Zeit werde ich überschwemmt von Erinnerungen, mit denen ich allein bleiben muss. Manchmal, weil sie auszusprechen oder in irgendeiner anderen Form nach Außen zu bringen, das sichere Therapiesetting erfordert, manchmal, weil es Dinge sind, die nichts mit der Gewalt zu tun haben, sondern mit dem Lebenszeitraum, in dem es michuns noch nicht gab. Und ich nicht weiß, was es auslöst, wenn ich über diese Dinge spreche. Innerlich wie äußerlich. Falsche Nachfragen sind genauso gefährlich für mich, wie die falsche spontane Idee oder Frage oder darauf folgende Erinnerung.
Gefährlich, weil ich nie sicher vorhersagen kann, wann es mich raushaut. Aus meinem eigenen Er_Leben. Wann kann ich nicht mehr kompensieren. Wann greifen meine Strategien nicht mehr. Das weiß ich erst, wenn es zu spät ist. Ich bin nicht triggerfrei. Ich kann nur besser alltagsdissoziieren als andere von uns. Das macht mich nicht belastbarer als sie.

Ich schreibe der Therapeutin eine E-Mail mit einer Idee, noch während ich mit R. verhandle und dann auch sie wieder ganz deutlich spüre. Erneut gegen Brechreiz anatme, mich häuten, weg- in weißes Nichts – laufen will, denke: „Das ist mir zu viel so allein.“ und NakNak* auf meinem Schoß seufzt, während sie den Kopf auf die Tischplatte legt. Es ist mir zu viel, dass das Leben einfach so weitergeht und ich sie, die Anderen, bei mir habe.

Mit dem Klick auf den Sendebutton ist das alles wieder weg. Sie, R., die Erinnerungen.
Es ist Alltag. „Hannah-K.-kommt-klar“-Hülle. Ich kaufe Brötchen zum Frühstück und denke „Wenn ich das jetzt nicht aufschreibe, dann ist es für immer weg. Ich kann wählen, was mir wegfällt. Wer mir wegfällt. Welche Spuren ich mir lege, um in einer Woche wieder da zu sein, wo ich jetzt bin. Ich kann meine Hülle wählen. Zufall ist nicht zuverlässig.

Hier ist ein guter Ort für die „Hannah-K.-setzt-sich-mit-den-Anderen-auseinander“-Hülle.“

Notfallkontakte

„Falls mir was passiert.“ Damit leitet der Freund im letzten Sommer eine Aufzählung von 5 Kontakten ein, die wir nach oben in den WhatsApp-Himmel fliegen lassen.
Falls ihm was passiert, passiert uns auch was. Ob wir seine Kontakte dann anrufen können, wissen wir nicht einmal, weil: Was, wenn es weh tut? Was, wenn ihm was passiert und es uns weh tut.
Ein so erschreckender Gedanke, dass wir uns dem nicht mehr nähern.
Die Kehrseite der Katastrophierungsmedaille.

4 Monate später.
Wir sitzen im Wartezimmer der kieferchirurgischen Praxis. Wir werden gleich sediert, um behandelt werden zu können. Harmlos. Aber was, wenn uns dabei doch etwas passiert?
U., die neben uns sitzt und mit uns das Wartezimmer-TV belächelt, weiß nicht mal, wo wir jetzt wohnen. Den Freund hat sie nie getroffen. Sie, die uns seit so vielen Jahren Untersützer_in ist, kennt nur unsere Ausnahmesituationen. Wenn uns etwas passiert, ist sie da, wem aber außer ihr etwas passiert, wenn uns etwas passiert, kann sie gar nicht abschätzen.

Neujahrsmorgen.
Der Nebel ums Haus gibt mir ein Gefühl von Grenzenlosigkeit und hilft mir, mehr „Waswärewenns“, als die gefährlichsten anzunehmen.
Ich setze ein neues bullet journal auf.

3 Wochen später.
Ich ziehe einen Grafikrahmen auf und tippe die Notfallkontakte des Freundes hinein.
Ich ziehe einen Grafikrahmen auf und tippe unsere Notfallkontakte hinein.
Der Drucker streikt, ich kann sie nicht ins journal einkleben und greifbare Option werden lassen.

Am Tag danach fährt der Freund nach Berlin.
Wenn ihm was passiert, gibt es 2 von unseren 5 Notfallkontaktpersonen, die ihn überhaupt mal gesehen haben.

An dem Tag merke ich, dass wir in einer dieser Personen wohl eine Freundin haben.
Die erste, die uns einfach so ins Leben reingewachsen ist.

Fundstücke #67

Das Jahr geht zu Ende und es fühlt sich nicht danach an.
Alles ist anders, neu, komisch, schön, anstrengend. 2018 hat viel mit sich gebracht. Vieles verändert. Auch mich. Uns.
Wir hatten zu wenig Zeit für uns allein, mit uns allein, um alles zu integrieren, alles zu er.fassen und zu halten. Und vielleicht ist das die Essenz von Reichtum.

Das nächste Jahr steht bereits zur Hälfte fest und so beruhigend wie das ist, so sehr setzt es uns unter Druck.
Es ist keine Planung, die uns strukturiert und vorbereitet, um weniger Angst zu haben. Es ist der Versuch zu greifen, was da kommt. Das ist etwas anderes als sonst und so schwer zu kommunizieren in seiner gesamten Belastung.

Wir bemühen uns darum glücklich zu sein, dankbar, demütig und merken doch: Glück und Zufriedenheit ist Arbeit und irgendwann ist man einfach müde. Denn Energie ist begrenzt und wir ziehen unsere Kraft nicht aus Glück und Zufriedenheit, sondern aus Schlaf, guter Ernährung, Sport, Alleinzeit, der Möglichkeit zu schreiben, um sich selbst zu verstehen, zu verorten, zu spüren.

Das müssen wir 2019 wieder mehr machen. Egal wie egoistisch das wirkt, egal, wer sich das anders wünscht und warum.
Das ist auch eine Erkenntnis, die bestätigt. Wir sind nicht selbstbezogen, weil wir daraus einen sozialen Vorteil haben. Wir sind es, weil es für uns der Weg zu anderen Menschen und dem Leben selbst ist.

Ich glaube, dass das etwas ist, das wir den Menschen in unserem Leben zumuten müssen. Glaube, dass wir uns in einem Zutrauen üben müssen, in dem wir annehmen, dass die Menschen uns vertrauen. Was merkwürdig ist, denn das haben wir noch nie gemacht: Geglaubt, dass man uns glaubt; darauf vertraut, dass man uns vertraut.

Mal sehen wie das wird.
Im Jahr 2019.

über reine Nervensachen, Traumastille und gedrückt werden

“Alles Nervensache”, denke ich und schiebe uns durch den Verkehr.
Ich habe Schmerzen und das, was Alltags ist, strömt zäh_flüssig mit mir wie einem Korken draufdrin dem Tick-Tack nach.

Später zu Hause eingeklemmt zwischen Schrank und Wand denke ich: “Ja, alles Nervensache” und erinnere mich an die eine Gruppentherapie vor was weiß ich nicht wie vielen Jahren. Wo eine Person versucht hatte zu erklären, wie sehr es weh tun kann, depressiv zu sein und die Therapeutin fragte, was genau denn da weh tun würde.

Das ist mein Schmerz im Alltag, denk ich. Das ist der gleiche Schmerz, wie der, der mich quält, wenn ich so runter bin – weil der Zug rumpelt, Leute reden, atmen, Kleidung bewegen, Zeitungen, Handtaschen oder Rucksäcke durchkruscheln, weil sich alles bewegt, Aufmerksamkeit, Reaktion und Einordnung verlangt. Wenn einfach nur die Welt passiert und der Platz dafür in sich drin, nicht mehr gepolstert ist.

Nachdem wir in Biologie etwas über Zellkerne gelernt hatten, hab ich sie mir dann manchmal in das Wortbild vom “Laufen auf dem Zahnfleisch” eingebaut und mir gedacht, dass es vielleicht deshalb wehtut, weil die Zellkerne wie Legosteine da liegen und es dann natürlich weh tun muss, wenn man drauftritt.

Ich bin im Moment nicht depressiv. Eigentlich gehts mir und uns sogar ganz gut.
Was es irgendwie noch schlimmer macht, dennoch mit diesem Schmerz konfrontiert zu sein und einen Umgang haben zu müssen. Wäre da eine Depression, dann würde die Kraft für mehr als die Wahrnehmung dessen fehlen. Wir würden liegen, schlafen und wenn wir erwachen, die Augen zuhalten und uns in einem weißen Nebel bewegen, der neben der Zeit passiert.

Ich habe gelesen, dass es dem Schmerzgedächtnis scheiß egal ist, welcher Ursache ein Schmerz ist.
Und habe mich an den Schmerz erinnert, den ich mit Traumastille verbinde. Das ist die Stille, die sich ausbreitete, wenn der letzte Schlag, der letzte Stoß, der letzte Druck auf den Körper zum Ende kam und dann nichts mehr passierte. Die Zeit zwischen dem Moment, in dem die gewaltausübende Person ihren Verdrängungsschängel zu einem Spruch, einer Anweisung, irgendeinem weiteren groben Über_Griff machte und dem, in dem sie ihn machte.

Manchmal habe ich einen Schmerz als überkrasses Geräusch oder geblendet oder verbrannt werden wahrgenommen. Auch diese Art von Schmerz ist Traumastille für mich.
Ich kann bis heute nicht sagen, was genau da weh getan hat. Oder wie sich dieses überkrasse Geräusch für mich angehört hat oder welchen Ursprungs die Blendung war, die ich da empfunden habe.

Heute weiß ich, dass das eine Nervensache ist. War.
Das Nervensystem von Klein_Kindern ist nicht das von Erwachsenen. Gerade vor ein paar Tagen konnten wir das bei der anderthalb Jahre alten Tochter von Freund_innen miterleben. Sie stolperte, tat sich weh – doch drückte den Schmerz als Schmerz erst fast 10 Sekunden später aus.
Was war es in den 10 Sekunden, bevor sie zu weinen begann und bei ihrer Mutter Erleichterung davon suchte?
Ich glaube, da war es noch Nervensache. Also: alles mögliche. Alles Nervenmögliche.
Es hätte auch geblendet werden oder auditiv überflutet werden sein können. Das Gehirn prüfte noch nach Einordnungsmöglichkeiten, während das Empfinden schon längst da war.

Manchmal denke ich, dass das vielleicht mein, unser chronisches Schmerzproblem heute ist.
Die Nervensache ist so oft nur rudimentär eingeordnet worden, dass sie bis heute eine Nervensache ist.

Als die Gewalt passiert ist, war ja mehr als nur Schmerz da. Es tut eben nicht nur weh, miss.be.handelt zu werden. Es ist auch einfach nur grob, dumpf, vielleicht auch mal mit einer Quetschung oder einem Druck verbunden. Manchmal sind da auch noch Komponenten die körperliche Resonanzen mit sich bringen, wie Angst, Horror, Ekel, Beschämung oder Demütigung. Der peinsame Cringe, den man hat, wenn man vor anderen bloßgestellt wird, kann das gleiche Reißen im Zwerchfell sein, das entsteht, wenn man mit aller Macht gegen einen Brechreiz, ein panisches Erstickungsgefühl oder schlichtes Schock-raus-schreien angehen soll muss.

Manchmal hilft es uns, Anspannung zu veratmen. Dann denke ich mir, dass meine Nerven zittern und wackeln, weil sie so unter Spannung stehen, dass auch das banalste kleinste sie ganz zwangsläufig berühren muss – und mir dann einmal mehr Schmerzen bereitet.
Ich atme den Bauch raus und drücke mit dem Daumennagel in die Rille zwischen Oberlippe und Nase.
Die Geschichte mit dem Gedanken ein Baum zu sein, ist auch gut dafür.

Noch mehr hilft es uns Druck zu fühlen. Schwere Decken oder zwischen Wand und Schrank gedrückt sein. Oder NakNak* auf dem Schoß haben. Oder NakNak*, die sich an unseren Oberkörper drückt.
Das ist scheinbar eindeutig genug für unser Gehirn. Es dauert keine zwei Sekunden bis das Schmerzempfinden nachlässt, wenn wir so “gedrückt” werden. Aus Nervensache wird Drucksache. Wird Wort, wird Zeit und Raum, wird eigener Körper und damit Entlastung.

Ich finde das erstaunlich.
Auch, weil ich dann manchmal einfach anfangen muss zu weinen und nicht weiß, ob ich vielleicht schon vorher hätte einfach zu weinen versuchen sollen oder nicht. Ob mir die Welt und ihre Reize vielleicht eigentlich gar nicht wehgetan haben, sondern sie mich traurig gemacht hat. Oder, ob sich da gerade noch ein Traumafizzel mit verarbeitet hat und es als eine Art nachträgliche Affektabfuhr passiert.

“Alles reine Nervensache”, das wird oft gesagt, wenn man meint, etwas sei nichts Ernstes, Dringendes gar Be_Drängendes und daher beherrschbar oder auch kontrollierbar. Manche Menschen sagen so etwas, um andere Menschen mit ihren Empfindungen allein zu lassen, denn die eigenen Nerven hat man eben nun einmal nur für sich.

Auch das ist etwas, das in mir Traumastille-Schmerz macht.
Denn es erfordert schon etwas jemandem von so unbestimmten Dingen zu erzählen. Vertrautheit, Nähe und die Annahme im Schmerz an.erkannt und verstanden zu werden.
Mir kommt das wie eine Anbahnung vor.

So wie wir es brauchen zu wissen, dass wir nach der Arbeit oder der Schule nichts mehr machen müssen, das Handy greifbar ist und der Schrank stabil steht, um uns in den wohltuenden Druck zu begeben, brauchen manche anderen Menschen, eben diese sozialen Flauschigkeiten, um gedrückt zu werden und das auszuhalten.

Für uns werden reine Nervensachen erst dadurch zu etwas, das beeinflusst werden kann.
Für andere sind es andere Menschen.

Irritierend wie sich je die Annahme entwickeln konnte, Menschen mit Schmerzen jeder Art unberührt (ungedrückt) zu lassen (außer sie wünschen sich das so), sei eine gute Idee.

Fundstücke #61

Als der Wecker klingelt, baut er sich selbst in mein ZwischendenZeiten ein.
Ich öffne die Stundenplan-App auf dem Handy. Die erste Stunde fällt aus, wir können noch eine Stunde schlafen.

Ich schlafe nicht, ich flashbackintrusioniere bis der Wecker ein zweites Mal klingelt. Jemand richtet uns auf. Trinkt Wasser. Wir loben es fürs Anziehen der Strickjacke. Rufen Ansporn und Versicherung von einer Zuschauertribüne jenseits von ihm. Oder ihr?

Als es aus dem Bett klettert, denke ich noch, dass wir es schaffen können. Kaffee, Beerenbrei, Dusche, Ranzen schnappen und los. Kurvendiskussion üben, den Lehrer um Hilfe bei der Photoshophausaufgabe bitten, Wirtschaft lernen, KeineAngstvorderWirtschaftslehrerinhaben trainieren.
Als ich im Bad stehe und mich nicht ausziehen kann, weiß ich, dass wir es nicht schaffen. Nicht jetzt. Wir sind heute nicht schnell genug. Nicht genug genug für Schulhier, Straßenbahnda oder MitdemFahrradunterwegs.

Das kann ich der Schulsekretärin nicht sagen. Der kann ich nur sagen: „Ich kann heute nicht kommen“ und hoffen, dass es nicht sehr schlimm ist. Denn noch mehr Dramen rund um die Schule packe ich einfach nicht mehr.

Jetzt sind wir also hier und haben Zeit.
Und ich merke, dass ich gern darüber reden würde und wie fremd mir das selbst vorkommt. Ich wollte nie darüber reden. Über Symptome, ja okay, aber doch nicht über diese Momente, in denen ich merke, das Zeit für uns manchmal gar nichts prozesshaftes ist. Die Momente, in denen ich mich nicht zum Duschen ausziehen kann, weil ich die Angstsicherheit habe, dass mich jemand dabei beobachtet, dirigiert, mich auf eine Art miss.be.handelt, die unsichtbar ist – obwohl obwohl obwohl

Ich habe gerade keinen Zusammenbruch. Keine heftige Krise. Ich brauche jetzt keinen Igelball oder geistigen Dreh in Heute zurück. Ich bin im Heute.

Heute bedeutet, die Dinge nicht mehr zu erleben. Heute bedeutet, die Dinge zu erinnern.
Manchmal ist das nicht genug Unterschied.
Nicht genug genug.

<!–kaskadierende Traumascheiße–>

disclaimer: Für uns sind Gleichsetzungen mit Maschinen und ihren Funktionen okay. Das gilt nicht für alle Menschen, die mit Traumafolgen leben.

Wenn ich versuche Menschen zu erklären, was Vielesein ist und wie es bei uns funktioniert, greife ich gerne auf folgendes Bild zurück.

Gegeben sei ein Mensch als Computer.
Es gibt Inputkanäle (Tastatur, Maus, USB und sonstige Anschlüsse für Kamera und Mikrophon, CD/Diskettenlaufwerke) und Outputkanäle (Bildschirm, Drucker, Lautsprecher). Es gibt ein Gedächtnis (die Festplatte), es gibt Verarbeitungssysteme (Prozessoren und der ganze Kladderadatsch, der mit dazu gehört). Es gibt verschiedene Selbst-Schutzmechanismen (mechanisch: die Kühlung, digital: Codeangaben, die Prozesse beenden, die zu lange dauern oder zu viel abverlangen).
Es gibt bestimmte grundlegende Dinge, die gegeben sein müssen (Strom, Unversehrtheit, Code, der wenigstens Hardware und Betriebssystem richtig zusammenbringt (Informatiker_innen, die ihr das lest, bitte nehmt das jetzt einfach so hin  ^__^’ ).

Menschen, die in ihrem Leben wohl auch schwierige und belastende Erfahrungen gemacht haben, jedoch nicht davon traumatisiert wurden, finden in ihrem Betriebssystem (ihrem Erfahrungsschatz, ihren Fähig-und Fertigkeiten) Möglichkeiten damit umzugehen, ohne Umbaumaßnahmen an sich vornehmen zu müssen.
Sie kommen mit einem Laufwerk zurecht, teilen sich dies aber zuweilen auf in “privat” und “Arbeit” oder in “allein”, “mit Freund_innen”, “unter Kolleg_innen”, “mit Freizeitpartner_innen”.
Der Bedarf an Rechenleistung und Speicherkapazität war und ist immer vom Gesamtsystem zu leisten gewesen. Auch in Momenten, die schwierig waren.

Die Kommunikation von Hardware und Software wird bei diesen Menschen kontinuierlich verbessert, Schwerpunkte der Nutzung/Belastung von In- und Outputkanälen werden von individueller Rechnungsleistung im Zusammenspiel mit der Ansprache ausgebildet. Sprich: Wenn ein Mensch eher der visuelle Typ ist, dann verbessert sich die Kommunikation zwischen Dateninputkanal “Tastatur” und Datenoutputkanal “Bildschirm” im Laufe seines Lebens zu einer insgesamt stabilisierenden Säule der Funktionalität des Gesamtsystems.

Mir wird zunehmend bewusst, dass es bei uns insgesamt anders läuft.
Da sind sensorische Quirks, wie die automatisch gemeinsame Nutzung von Lautsprecher und Bildschirm (die Synästhesie, die wir im Zusammenhang von Geräuschen und Farben/Formen erleben), eine generell instabile Inputkanalisation und die scheinbar willkürlichen Funktionen des Selbstschutzes, die das System immer wieder zum Absturz bringen, chronisch überlasten oder In- und Outputkanäle zusätzlich dysfunktional werden lassen.
Und das ist nur die Hardwarekomponentenseite.

Das Gehäuse hat Risse, hier und da fehlen Schrauben, manches baumelt an Kabeln, von denen man nicht so richtig weiß, wo sie eigentlich hinführen und wann sie was genau machen. Eigentlich braucht unser Gehäuse ein Gehäuse, aber die Schadensberichte kommen nur dann wann im Rechenzentrum an und werden noch seltener auch (richtig) verarbeitet. Es ist ein Glücksfall, wenn der Output dessen gelingt  und eine Sensation, wenn ein anderes System (ein anderer Mensch) es aufnimmt und versteht (und helfen kann/hilft).

Das Innere – also uns – beschreiben wir so:
Es gibt mehrere Laufwerke. Auf jedem Laufwerk ist ein eigenes Betriebssystem (ein System von Innens) installiert.
Das bedeutet: Jedes Laufwerk hat eigene Funktionsbereiche, die auf spezifische Art und Weise auf In- und Outputkanäle zugreifen; um eingehende Daten aufzunehmen und entsprechend der zur Verfügung stehenden Software (Fähig- und Fertigkeiten) darauf zu reagieren.
Zum Beispiel gibt es auf dem Laufwerk “Rosenblätter” die Software “Hannah C. Rosenblatt”, die Zugriff auf die zentrale Wörtersammlung des Laufwerks hat, gut mit dem Outputkanal “Tastatur” (den Fingern) kommunizieren kann, jedoch an anderen Aufgaben scheitert, wenn sie nicht mit anderen Komponenten auf dem Laufwerk zusammenarbeitet.

Jedes Laufwerk hat sich im Zuge überlebensnotwendiger Umbauarbeiten entwickelt.
Aufgrund des frühen Alters konnte es so keine insgesamt stabilisierenden Säulen entwickeln. Die Ausbildung der verschiedenen Laufwerke und Betriebssysteme ist die tragende Säule des Gesamtsystems.
Diese Aufteilung verteilt die notwendige Rechenleistung zur Ausführung bestimmter Tätigkeiten und Funktionen auf ein leistbares Maß, das jedoch gleichzeitig erfordert andere Prozesse anzuhalten und als sekundär einzuordnen.

Als für die Aufrechterhaltung des Systems sekundär eingeordnet sind Dateninputs traumatisierender Erfahrungen.
Dank dieser Einordnung hatte das System im Moment der Eingabe die Möglichkeit den Betrieb aufrecht zu erhalten und die Daten in ursprünglich als Zwischenspeicher bereitgestellte Laufwerke zu geben.
Da die schiere Datenmenge das System nicht nur akut, sondern auch nachhaltig überforderte – und in unserem Fall 21 Jahre lang immer wieder derartig überfordernde Mengen auf uns einströmten – wurde aus dem Zwischenspeicher ein Laufwerk. Und noch eins. Und noch eins. Und noch eins. Und …

Ein Laufwerk herzustellen wurde nie von einer Software initiiert. Die gesamte Ausentwicklung war von Anfang an im Rechenzentrum als zur Verfügung stehende Möglichkeit angelegt. In der letzten Instanz denken wir jedoch, dass es einer zufällig passenden Konstellation von Faktoren geschuldet ist, dass diese Möglichkeit vor einer anderen aktiviert wurde.

Als Computer könnten wir so sehr lange leben, ohne je mit Dysfunktionalität rechnen zu müssen.
Doch sind wir leider, trotz aller bis hier hin passierenden Ähnlichkeiten, keine Maschine.

Eine Maschine hat keine Triebe. Sie existiert, weil sie existiert und fertig.
Sie stellt keine Fragen, die sie nicht auch beantworten kann. Jede Maschine – selbst eine, die etwas macht, was sie nicht kann! – greift auf eine für diesen Fall hinterlegte Option zurück.

Wir jedoch stürzen ab, wenn wir das versuchen. Denn sowohl unsere Struktur als Funktions-System, als auch als Speicher-(Verarbeitungs)System sind so wenig miteinander vernetzt, dass es wenig bis nichts gibt, was für diesen Fall hinterlegt ist.
Wer sowohl Apple, als auch Linux als auch Windows-Produkte gleichzeitig verwendet, kann unser Dilemma verstehen.
Grundsätzlich funktioniert alles – nur nicht miteinander.
Es braucht zusätzliche Software, die die Kommunikation aller Produkte ermöglicht – doch selbst das funktioniert oft nicht, weil es von Grund auf nicht vorgesehen ist, jemals mit einem anderen Betriebssystem zusammen zu arbeiten.

Was man sich im realen Alltag außerhalb dieser von mir beschriebenen Metapher überlegen und kontrollieren kann, können wir nicht.
Wir stecken gemeinsam in diesem klapprigen Gehäuse, teilen uns Input- und Outputkanäle und funktionieren auch heute noch, nach vielen Jahren Therapie und Bewusstseinsarbeit, weitestgehend autark nebeneinander her, ohne sofort zu merken, wann wir die jeweils anderen Laufwerke und Komponenten überlasten oder beschädigen.

Der Grund dafür liegt jedoch nicht allein in unserer Konstruktion. Es liegt auch an der versprengten, unvollständigen, unsortierten Datenbank auf spontan hingerotzten Laufwerken.

Der Vorteil, den Menschen mit nur einem Laufwerk haben, ist der kurze Dienstweg, den das Rechenzentrum überall hin hat.
Es braucht nur eine Anweisung pro Funktion und gibt auch nur zwei Rückmeldungen darauf: 1 oder 0 (“Check” oder “Fehlermeldung”).
Unser Rechenzentrum muss immer erstmal überlegen, welches Laufwerk es denn wohl braucht, um eine Anweisung richtig zu adressieren. Und kann dann nicht davon ausgehen, dass die Daten zur Ausführung der Funktion auch auf diesem Laufwerk hinterlegt sind, denn nicht immer liegt die Software auch da, wo die zur Ausführung benötigten Daten liegen. Es braucht also eine Extraanweisung. Also: extra Rechenzentrumsarbeit, die unter Umständen auch ins Blaue führen kann, weil es ein ewiges Ratespiel ist, mit einer unsortierten Datenbank umzugehen.

Je weniger Rechenkapazität – etwa durch ungünstige Umgebungsfaktoren und mangelhafte Versorgung, oder ein Laufwerk, das gerade völlig frei dreht und wer weiß was für ein Ding am Laufen hat – desto weniger Anweisungen werden ausgegeben,
Je weniger Angaben, desto wahrscheinlicher ist das Ausbleiben von Funktionen. Also: Funktionalität, die gezielt angestoßen wird und entsprechend als kontrolliert, selbst gemacht, selbst gewollt, zielgerichtet wahrgenommen und ausgeführt wird.

Für das menschliche Gehirn ist die Dissoziation (die Auftrennung von Daten) nur ein Zwischenschritt. Sie wird zu keinem Zeitpunkt dazu benutzt endgültige Lösungen zu kreieren oder überhaupt “produzierend tätig zu sein”.
Dissoziation passiert, um kurzzeitig Platz für Berechnung und Ordnung zu sorgen. Platt gesagt. Sehr platt gesagt.

Die menschliche Aufnahmefähigkeit übersteigt die Fähigkeit zur Verarbeitung immer um ein gewisses Maß. Niemand, kein einziger Menschen auf der Welt, dissoziiert nicht. Niemand nimmt die Welt 1:1 genauso wahr, wie die Sinne (die Inputkanäle) sie aufnehmen und ins Gehirn leiten. Schon deshalb nicht, weil diese Daten mehrfach umgewandelt werden müssen, um überhaupt interpretierbar und damit abgleichbar (assoziierbar=… erinnerbar) gemacht werden zu können.

Das bedeutet im Kontext mit dem Vielesein, was unsere umgangssprachliche Bezeichnung für die dissoziative Identitätsstruktur, die wir bei uns sehen, ist, dass unser derzeitiges Sein und Funktionieren eine Art chronifizierte Zwischenlösung ist. Also sowas wie der Pflegenotstand in Krankenhäusern und Altenheimen: eigentlich solls nicht so sein, aber wenns nicht so wäre, würde die ganze Schose in sich zusammenbrechen und jemand wäre in Lebensgefahr.

 

Weshalb ich das jetzt noch einmal so lang und breit aufschreibe.
Ich wünsche mir gerade so eine Maschine zu sein. Eine, der ich vielleicht selbst ins Zentrum schreiben könnte: Bitte jetzt keine Links (Verbindungen/Assoziationen) erstellen.

Es ist ein scheiß Dilemma. Jedes Mal neu.
Ich weiß, dass es gut ist, wenn ich Dinge erinnere, wenn ich mehr in Kontakt komme mit dem, was ich in der Metapher als “anderes Laufwerk” bezeichnen würde. Ich weiß, dass es vielleicht das einzige ist, das bei uns noch genauso so läuft wie zu dem Zeitpunkt unserer, meiner, Geburt, wenn der Prozess der Zusammenführung von dissoziierten Daten aus den vielen verschiedenen Winkeln und Nischen passiert.

Und: Ich bin neugierig auf das Ergebnis davon. Ich will wissen wie das ist, wenn wir zusammen ein Maß an Kompatibilität und Zusammenarbeit erreicht haben, das weniger energieaufwendig, weniger komplex, mehr Wissen als Raten ist.

Wenn M. eine Webseite schreibt, dann teilt sie sich das auf. Eine Datei enthält die bloßen Informationen und eine die Anweisungen, wie diese Informationen aussehen sollen und wo sie positioniert werden sollen.
Im Zuge des letzten Übungsprojekts dachte ich, dass ich genauso so lebe und funktioniere. Alles, was ich tue ist das Rausbringen von Informationen. Genau so, dass es Instanzen mit bestimmten Übersetzungsfähig- und fertigkeiten interpretieren und aufnehmen können.
Ich bin wie eine funktionale HTML-Datei. Um mehr als das grundlegend nötige (überlebenswichtige) zu übertragen, brauche ich einen ergänzenden Link zu einer CSS (einem cascading stylesheet) um meine Informationen in ihren Kontexten erscheinen zu lassen.

Im Moment bin ich mit kaskadierender Traumascheiße verlinkt.
Ich kann nichts dagegen tun, dass, was ich äußere oder tue, davon beeinflusst und im gewissen Maße auch davon definiert wird, was aus diesem Datenknäul kommt.
Ich verwandle mich von einer ~neutralen~ Datenausgabequelle zu etwas, das mich verändert und damit auch das gesamte Laufwerk in seiner Kommunikation sowohl intern als auch extern beeinflusst und in der Funktionalität auf eine neue Art beschränkt wie erweitert.

Das geht über das Erleben eines Triggers hinaus.
Ein Trigger kommt und geht. Ein Trigger kommt für mich meistens von Außen und hat für mich in der Regel nur noch mehr Dissoziation zur Folge.
Ein Trigger ist kein gesetzter Link für mich, sondern eher das Signal vor meiner Abschaltung, die ich selbst nicht kontrollieren kann.

Ein Link zu Traumascheiße ist wertvoller als ein Trigger – obwohl beides mit der krassen Überflutung von Reizdaten einher geht und beides etwas ist, was außerhalb meines direkten Einflussbereichs liegt.

In HTML kann man Kommentare setzen. Das sieht so aus: <!—Hier kommt rein, was kommentiert wird –>.
Wenn man das in einen Text schreibt, zeigt der Browser den kommentierten Teil nicht an.

Ich möchte mein Dilemma an dem Traumascheiß lösen und habe ich mir überlegt, es mit dieser Kommentarfunktion zu versuchen.
Ich will mich nicht verschließen, aber ich will nicht auch nicht von etwas verändern lassen, das zum Einen schon längst vorbei ist, zum Nächsten nicht aus mir selbst heraus auf mich einwirkt und zum Anderen nachwievor völlig wirr und unsortiert ist.

Ich finde, dass das eine gute Zwischenlösung für mich ist. Eine, die nichts komisch verwachsen lässt, weil sie der Verarbeitung ihren Raum lässt und gleichzeitig aber auch eine Verbindung bestehen lässt, die wenn nicht jetzt, so doch zu einem anderen Zeitpunkt für mich (und andere) nützlich sein könnte.

vom Schluss machen und Kontrolle

Wir schauten auf die vielen kleinen Zettel vor uns, auf denen jeweils eine Sache steht, die bei uns gerade zu tun ist. Viele kleine Zettel. Viele Dinge. Alle irgendwie gleich laut auf uns einbrüllend, gleich wichtig, gleich dringend und sowieso schon eigentlich hätte würde wenn seit gestern schon hätte müsste erledigt gewesen worden sein.
“Was davon könnte ihnen denn Kraft geben, wenn sie es schaffen?”, fragte der Begleitermensch und gab noch ein bisschen Hilfestellung mit seinen Ideen zur Einordnung der Dinge. Wir entschieden uns für aufräumen. Platz schaffen. Sauber machen.
Und es war gut so.

Wir sortierten Kram und fuhren zum Wertstoffhof. Dort stopfte ein Bagger Elektroschrott der Klasse X tiefer in die Mulde, während direkt neben mir drei Männer ein Sofa und zwei Sessel in einen Container mit Sperrmüll hievten. Irgendwo klirrte es und eine Plastikplane flog über den Boden. Ein Mann in orange trug einen Krug aus Messing wie ein Baby im Arm von den Containern weg. Der Begleitermensch fragte, wie es mir ginge, ich sähe so wehmütig aus und ich überlegte, ob ich wehmütig war.
Nein, eigentlich nicht. Ich mag entrümpeln. Dinge rausschmeißen, Kompromisse beenden, Schluss machen, die Scheidung einreichen von Dingen, die nur noch da sind, weil ich sie nicht weit genug wegtragen kann. Ich mag es, wenn ich einmal mehr über etwas nicht so tun muss, als wäre es nutzbar, nützlich, gut und wichtig.

Doch dort auf dem Hof wurde mir klar, wie normal es ist, dass Dinge kaputt gehen und nicht mehr behalten werden. Es ist so normal, dass man große Sammelstellen dafür einrichtet, damit die Dinge recycelt oder vollständig vernichtet werden können. Es ist niemandes schuld. Niemand schafft es alles für immer und immer zu nutzen. Kaputt können Dinge auch dann sein, wenn sie nicht danach aussehen.

Mir wurde klar, wie nicht normal es ist, sich noch immer mit den Handtüchern abzutrocknen, die Oma uns geschenkt hatte, als wir irgendwas zwischen 12 und 15 Jahre alt waren. Wie nicht normal es ist, diesen Stapel CDs und Bücher, den wir der der Familie* geklaut haben und die x Pullover und Shirts, die uns die Mutterfrau aus dem eigenen Kleiderschrank gegeben hat, noch immer zu besitzen und im üblichen Fundus des Wohnraumgerümpels kreisen zu haben. Wie nicht normal es ist, so wenig ganz eigenes zu besitzen – so weniges, bei dem es nicht um die Art Kompromiss geht, die Un_Funktionalitäten ausgleicht.
Und: wie nicht normal es ist, den Gedanken nicht ertragen zu können, irgendetwas von diesen Gegenständen in so einem Container landen zu lassen.

Später saugte ich durch die Wohnung und räumte meine Kassettensammlung um. Mir fiel ein, wie meine Eltern meine sehr umfangreiche Kassettensammlung entsorgt hatten, nachdem ich das erste Mal weggegangen war. Es waren unheimlich schöne Hörspiele darunter, die meisten wurden seit den 80ern nicht wieder aufgelegt. Es war ein unwiederbringlicher Verlust und die Kränkung durch ihren Umgang mit unserem Schatz war enorm. Es war ja nicht nur schön sie anzuhören – die Sammlung war eines der Dinge, die wir heute als Spezialinteresse bezeichnen würden. Wir haben sie gern gehört und gesammelt, auswendig gelernt und die Hüllen sortiert. Dass diese Sammlung damals bei ihnen geblieben war, war ein Grund weshalb wir uns (neben vielem anderen) damals noch einmal dafür entschieden hatten zurückzugehen.
Für sie war es kein Ding die Kiste wegzuschmeißen. Sie haben mit uns Schluss gemacht und das war ihr Ausdruck dafür. Vielleicht. Was weiß ich.

Am Abend hatte ich die Wohnung aufgeräumt, ein paar Dinge aus dem Büro auf den Dachboden getragen und einen Plan für die kommenden Tage überlegt.
Es geht mir jetzt besser. Aus der Anlage, die wir besitzen seit wir 16 sind, klingt “Der kleine Vampir auf dem Bauernhof” und die Kassettenschublade ist einmal mehr neu sortiert. Zum ersten Mal seit inzwischen Monaten fühle ich mich nicht wie ein wirres Bündel aus Affekt und Panik, sondern als hätte ich etwas unter Kontrolle. Nicht mich. Doch immerhin die Dinge, die ich bei mir habe.

Erwartungen haben

Wir fuhren die Landstraße entlang und sahen das Auto, das uns keine 20 Sekunden später rammen würde, dem Fahrzeug vor uns ausweichen. Dann ein Knall. Rauch. Schmerzen, die sich vertraut und dennoch unangenehm ausbreiteten.
Das war vor ein paar Jahren. Ein Autofahrer war zu schnell unterwegs und hatte die Kontrolle über sein Auto verloren, weil er niesen musste.

Ich weiß noch, dass ich eher genervt als panisch “Scheiße” dachte. Dass ich den Aufprall, den Schmerz und die Notwendigkeit sich an den Erste Hilfe-Kurs, der schon länger her war, zu erinnern, erwartete. Und ich weiß noch, wie sehr ich mich dafür gehasst hatte, nicht handeln zu können. Wie ich mich dabei beobachtete von einem Baby-Sein verdrängt zu werden und um ein Leben zu schreien, das als solches gar nicht richtig bewusst ist.
Wie erbärmlich und wehleidig ich mir vorkam, meine Bewegungen so abzuzirkeln, dass es möglichst wenig weh tat.

Dieses Ereignis war keine traumatische Erfahrung für mich.
Ich hatte den Aufprall erwartet. Wusste zwar nicht, ob ich ihn überleben würde, ging aber davon aus, dass ich ihn auch überleben könnte. Ich hatte Schmerz erwartet. Wusste zwar nicht, welchen und in welchem Ausmaß, wusste aber, dass mein Körper schon viele Schmerzarten “weggesteckt” hatte.
Ich hatte erwartet, dass Ersthelfer_innen kommen würden. Sie kamen.
Ich hatte erwartet, dass andere Menschen mir ansehen können würden, dass mir dieser Unfall passiert war und mit mir darüber sprechen würden. Und sie konnten. Und sie sprachen. Manchmal auch mit mir.

Die Erwartungen, mit denen Menschen durchs Leben gehen, sind wichtig. Zu erwarten, dass bestimmte Dinge passieren, spielt maßgeblich in ihre Bewertung und in die Entscheidungen, die man trifft ein.
Erwartungen entstehen aus Erfahrungen mit Dingen, die passieren.

Die Lebenserfahrungen, die ein Mensch durchgemacht hat, helfen sich ein Bild von der Welt und sich selbst zu machen.
Je kongruenter und vielfältiger diese Bilder sind, desto besser sind Menschen davor geschützt, Abweichungen oder Widersprüche als irritierend oder nachhaltig verwirrend, verunsichernd oder sogar tiefgreifend schockierend, lebensbedrohlich und unaushaltbar zu erleben.

Das heißt nicht, dass jede_r schon einmal einen Autounfall gehabt haben muss, um den nächsten gut zu verarbeiten.
Das heißt, dass es hilft einen Autounfall gut zu verarbeiten, wenn man beispielsweise schon einmal Schmerzen hatte (diese Wahrnehmungsqualität und mögliche Umgänge damit kennt), schon einmal davon gehört hat oder einen gesehen hat und erlebt, dass dieses Wissen bzw. diese und ähnliche Erfahrungen auch bei den Menschen im direkten Umfeld vorhanden sind.

Es hilft, vieles zu erwarten. Je mehr man erwartet, desto mehr kann davon bestätigt werden. Wird von 50 Erwartungen eine enttäuscht, sind da immer noch 49, die bestätigt werden. Und obwohl menschliche Gehirne darauf ausgerichtet sind, sich besonders die Enttäuschungen, Schmerzen oder andere weniger angenehme Dinge zu merken und besonders zu verarbeiten, so sind es die angenehmen Erfahrungen und Bestätigungen, die diese Einordnung überhaupt erst möglich machen.

Man kann sich bestätigte Erwartungen wie einen Stoff vorstellen, der dem Gehirn Futter und Arbeitsanlass zugleich ist. Ein Gehirn, das in schöner Regelmäßigkeit leichte Arbeiten zu verrichten hat und dabei immer gut versorgt wird, kommt mit einem Zeitraum härterer Arbeit besser zurecht, als eines, das durchgehend überfordert ist und mangelhaft versorgt.

„Erwartung“, das ist ein Wort, das heute einen fast negativen Beigeschmack hat, weil es oft mit “Anspruch” übersetzt wird.
Eine Erwartung zu haben, sagt aber mehr über innere Er_Lebens:qualitäts:gewohnheiten aus, als darüber, was man im Zusammenhang mit dem Außen als legitim oder gerechtfertigt einordnet.

Wenn ich zum Beispiel erwarte, dass ich etwas sehe, wenn ich die Augen öffne, dann hat das etwas damit zu tun, dass ich mein Leben lang immer sehen konnte, sobald ich sie geöffnet hatte.
Wenn ich aber in einem dunklen Raum sitze, dann ist etwas sehen zu wollen ein Anspruch, den ich erhebe, weil mir die Gewohnheit meines Sehens legitim erscheinen lässt, auch hier etwas zu sehen.

Das heißt: Anspruch ist von Erwartung nicht zu trennen – es handelt sich aber um zwei unterschiedliche Dinge.
Und das ist wichtig im Hinterkopf zu haben, wenn man sich damit auseinandersetzt, warum manche Erfahrungen traumatisch sind und manche nicht. Und warum ein und dasselbe Ereignis für die eine Person traumatisch war und für eine andere nicht.
Und warum es für Menschen, die bereits als Säugling oder Kleinkind immer wieder Gewalt erfahren haben, noch einmal schwieriger ist, sich im Lebensalltag danach zurechtzufinden. Selbst dann, wenn sie keine posttraumatischen Belastungen im Sinne einer PTBS oder ähnliches erleben.

 


 

Der Autounfall, den ich zu Beginn schildere, war eine krasse Irritation für mich. Der Schmerz, die Hilflosigkeit und die Idee jetzt gleich sofort zu sterben, jedoch nicht. Schließlich bin ich 16 Jahre lang immer unfallfrei in Autos mitgefahren, hatte aber auch immer wieder Situationen erlebt, in denen ich mit unvorhersehbaren, unausweichlichen, unbeeinflussbaren Schmerzen, Todesangst und globaler Hilflosigkeit konfrontiert war.

Waren meine Gewalterfahrungen in dem Moment also ein Schutzfaktor von dem Autounfall traumatisiert zu werden?
Keine Ahnung – in jedem Fall haben sie mich davor bewahrt, diese Empfindungen bzw. Wahrnehmungsqualitäten gleichermaßen krass irritierend zu empfinden, wie den Umstand, dass da ein Auto in das Auto hineinfährt, in dem ich sitze.

Die Person, die damals das Auto gefahren hatte, hatte diesen Erfahrungshintergrund nicht. Und soweit ich das mitgekriegt habe, hatte sie erheblich  mehr mit der Verarbeitung des Unfalls zu kämpfen, als ich. Für sie muss es sowohl um den Aspekt “da ist ein Auto in mein Auto gefahren – das ist aber gar nicht üblich” als auch “ich fühle etwas, womit noch nie oder bisher nur ein zwei Mal konfrontiert war” gegangen sein. Wenn nicht noch um mehr, denn sie war zum Zeitpunkt des Unfalls erwachsen, weiß, abliert,  Elter eines Kindes, aufgrund des Berufs für mich in gewisser Hinsicht verantwortlich …

Die Person hat, soweit ich das weiß, diese Erfahrung am Ende doch gut verarbeitet.
Aber nehmen wir mal an, es wären für sie sehr viele Erwartungen an sich und die Autofahrt und eintreffende Ersthelfer und spätere Versorgungsinstanzen enttäuscht worden.

Nehmen wir mal an, es wäre ein Unfall auf der Route 66 mitten in der Wüste gewesen. Anderer Autofahrer tot (enttäuschte Erwartung: Menschen, mit denen man zu tun hat, leben), die Person selbst hat überlebt (enttäuschte Erwartung: ich sterbe jetzt).
Sie muss sich allein aus dem Auto befreien (enttäuschte Erwartung: wenn ich Hilfe brauche, bekomme ich sie).
Muss allein zu Menschen kommen, die helfen könnten und dafür sorgen, dass sie dies auch tun (enttäuschte Erwartung: wenn mir etwas passiert, wird jemand kommen/sehen, dass ich Hilfe brauche).

Da es keine Zeug_innen außer ihr für den Unfall gibt, ist sie die einzige Person auf der Welt von der sie sicher weiß, wie das ist, auf der Route 66 einen schweren Autounfall gehabt und überlebt zu haben. (enttäuschte Erwartung: ich bin nicht allein mit dem Wissen darum, dass es so etwas gibt und wie sich das anfühlt und wie genau diese Situation war)

Nehmen wir an, die Person lebt allein und hat eine gesellschaftliche Rolle inne, die bestimmte Anforderungen an sie legitimiert (weil es normalisiert ist diese zu haben).
Ist die Person ein Mann, können diese Anforderungen sein, allgemein “hart”, “taff”, “stark” zu sein (nicht verweichlicht wie eine Frau – wer wie eine Frau ist, ist kein “richtiger Mann”).
Ist die Person eine Frau, kann die Anforderung sein, aus dem Umstand sich allein um Hilfe bemüht zu haben, eine emanzipatorische Kraft zu entwickeln (welche die Erfahrung auf fast magische Weise in ihren Auswirkungen verwandelt (weil wer sich selber ganz toll stark um sich kümmert, ist ja fast schon ein ganz toll starker Mann und damit besser als eine “richtige Frau”) oder aus anderen Gründen bitteschön die Klappe über irgendwelche Gefühle zu halten.
Ist die Person behindert, arm, rassiert oder schon älter oder jünger, kann die Anforderung sein, sich in seinen Reaktionen und Kompensationsformen der (weißen, ablierten, ökonomisch unabhängigen mittelalten) Norm anzupassen, um überhaupt als NORMaler Mensch an.erkannt zu werden, der in der Lage ist bestimmte Gefühle oder Belastungen zu erleben.

Nehmen wir an, dass die Person diesen Anforderungen nicht entsprechen kann und in der Folge nicht mit anderen Menschen über die gemachte Erfahrungen sprechen kann. (enttäuschte Erwartung: Ich muss nicht allein mit der Erfahrung bleiben und muss sie nicht allein aus eigener Kraft verarbeiten)

Man soll ja keine Rezepte zu psychischen Belastungen schreiben. Doch wenn man eines suchen würde, so würde man es in dieser angenommenen Konstellation finden. Und zwar nicht nur, weil dieser Person etwas passiert ist, das außergewöhnlich war und vielleicht außergewöhnlich schrecklich, sondern, weil sie allein damit bleibt und diese Erfahrung mit einem gestressten (also auf eine spezifische Art zu funktionieren gezwungenem) Gehirn zu verarbeiten, das eine Menge enttäuschter Erwartungen zu verdauen hat.


 

Kommen wir mal weg von einzelnen Erfahrungen und gehen über zu Menschen, deren Erwartungen immer auch ein Szenario der Todesangst, Hilflosigkeit und wie auch immer gearteten Versehrung (die mit Schmerzen vom Körper gemeldet werden) beinhalten.

Wie gesagt speisen sich Erwartungen aus der Gewohnheit bestimmter Er_Lebens:qualitäten.
Wer immer wieder erlebt, dass schöne Situationen in schreckliche kippen, ohne, dass es vorher konkrete oder absehbare oder erkennbare Hinweise darauf gibt oder auch immer wieder mit bizarren sozialen Konstellationen konfrontiert wird oder auch immer wieder tiefgreifend im eigenen Verstehen von sich selbst und der Welt um sich herum verunsichert wird, hat am Ende andere Erwartungen an den Lauf der Dinge, als eine Person, bei der das nicht passiert.

Es kann normal werden, sich auf nichts verlassen zu können, außer darauf, dass viele und regelmäßig auch jede Erwartung enttäuscht wird.
Denn dafür sind Erwartungen wichtig.
Für das Zu- und Vertrauen in sich und die Welt, die Menschen um sich herum, den Lauf der Dinge, den man jeden Tag beobachten kann. Kann man die eigene Umgebung nicht abschätzen – nicht zuverlässig erwarten, was wann warum und wie und mit welchen eventuell absehbaren Folgen passiert, gibt es weder Chance noch Anlass über das Hier und Jetzt hinaus zu denken oder zu planen.

Erwartungen sind jedoch eine Art kleine Idee von Zukunft.
Und die Zukunft als konstante Idee ist, neben vielen anderen Dingen, etwas, das Menschen ganz konkret am Leben hält.

Menschen würden verhungern, hätten sie nicht (aufgrund vieler Erfahrungen des Sattseins und Sattwerdens) die Idee, dass sie nach (also in der Zukunft) dem Verzehr von etwas keinen Hunger mehr haben. Besonders Menschen als Wesen mit extrem langer Nesthockdauer, hätten keinen Anlass zur Fortpflanzung oder Nachwuchsversorgung, zu allgemein angenehmer sozialer Interaktion und ergo verstehbarer Kommunikation, hätten sie kein Verständnis von Ursache und Wirkung im Sinne einer Entwicklung, die über einen Moment oder mehrere einzelne Momente hinausgeht.

Wir halten also fest: es ist für Menschen schon ziemlich vorteilhaft einen breiten Blick auf die Zukunft in der Gegenwart wahrnehmen und als wahrscheinlich annehmen (erwarten) zu können.
Umgekehrt muss es also auch ziemlich ungünstig sein, wenn man so gewachsen ist, dass der Zukunftsblick nicht weiter als einige Minuten oder vielleicht Stunden oder Tage reicht, weil mehr einfach nicht verlässlich vorhersehbar (bestätigend erwartbar) ist.

Das Risiko für Menschen mit komplexer Traumatisierung durch zum Beispiel Gewalt in der Familie oder Krieg (also einem langen Zeitraum in chaotischen Umständen, die nicht selbst beeinflusst oder verlassen werden können), eine Problematik, wie eine Essstörung, eine Sucht oder eine chronische Suizidalität zu entwickeln, ist 7 Mal so hoch, wie für Menschen die diese Erfahrungen nicht gemacht haben. Aus Gründen, die genau damit zu tun haben, dass bestimmte Erwartungen anzustellen nicht möglich war.

Diese Menschen haben manchmal über Jahrzehnte nicht die Möglichkeit gehabt, ihrem Gehirn das Planen und Erwarten über einen langen Zeitraum hinweg anzutrainieren. Und was Gehirne nicht trainieren, das verlernen sie oder lernen es nie. Solche Gehirne lernen “überleben und kompensieren” statt “überleben und spezialisieren” – ganz ganz ganz grob gesagt.
Ganz grob gesagt, weil natürlich auch traumatisierte Gehirne sich ausspezialisieren.
Nur eben an anderen Schaltstellen, die wiederum eine Ausentwicklung von zum Beispiel Süchten oder ähnlichem zu begünstigen scheinen – aber das Leben in der “Misshandlungsfamilie” oder anderen schwierigen Umfeldern, akut immer wieder gerettet und gesichert haben.

 


 

Ich habe diesen Artikel angefangen, weil ich mich im Moment viel mit meiner Zukunft auseinandersetze und merke, wie fremd sich das anfühlt.
Es erscheint mir nicht verlässlich, dass passiert, was ich mir überlege – es erscheint mir aber überhaupt und das ist der bemerkenswerte Aspekt.
Es erscheint mir möglich auch in einem Jahr noch zu leben. In zwei Jahren noch Wünsche und Ideen zu haben. Es ist mir greifbar, heute, morgen, nächste Woche, in zwei Monaten… noch daran arbeiten können, dass ich in zwei oder drei oder 10 Jahren etwas tun kann.

Es ist eine Annahme, die sich aus einer Erwartung, die ich ohne es zu merken habe, weil das, was sie beinhaltet eine Konstante in meinem jetzigen Leben ist. Ich habe ein relativ unangreifbares Jetzt und Heute und Morgen und nächste Woche.
Erschien mir vor 4-5 Jahren die Abschiedsworte meiner Therapeutin “Wir sehen uns nächste Woche” einigermaßen schräg, weil nicht zuverlässig, verabschiedete ich mich vor ein paar Wochen selbst sehr bewusst mit den Worten: “Tschüss – bis nächste Woche”.

Weil mir diese nächste Woche sehr zuverlässig erschien. Weil ich sehr klar hatte und auch mit einem gewissen aktiven Rückgriff auf meine in den letzten Jahren entwickelte Er_Lebens:qualitäts:gewohnheit fühlen konnte: Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass ich nächste Woche noch lebe und hier ankomme und etwas sagen kann und etwas arbeiten kann. Sehr viel höher als, dass das nicht der Fall ist.

Das geht über einen bloßen Lernerfolg hinaus. Ein Lernerfolg war, dass ich überhaupt für jede Woche einen Termin vereinbarte. Denn einerseits machen das viele Therapeut_innen so (und ist es ja auch allgemein bei Leuten, die Leute über einen langen Zeitraum behandeln oder betreuen oder sonstwie begleiten wollen, so, dass sie lieber regelmäßige als spontane Treffen machen) – andererseits hatte ich auch schon die Erfahrung gemacht, dass die Termine nicht konstruktiv oder sonstwie hilfreich sind, wenn ich einfach irgendwie so eventuell vielleicht in einen Termin reinstolpere.

Was da jetzt besteht, ist, denke ich, das Ergebnis von Neuroplastizität.
Ich muss nicht mehr intensiv aus einer fest verankerten, weil x-fach bestätigten, Unsicherheit heraus darüber nachdenken, wie sehr ich darauf vertrauen kann, dass meine Annahme richtig ist, in der nächsten Woche noch am Leben zu sein und den Termin auch wahrnehmen zu können.
Irgendwie denke ich einfach, dass das so ist.
Einfach so. Kurzer Dienstweg. Automatische Annahme. Normalisierte Erwartung, dass das auch so eintreten wird.

Emotional ist sowas natürlich nachwievor “gefährlich” und mein traumatisiertes Gehirn erinnert mich auch immer wieder daran, dass Erwartungen enttäuscht werden können. Es hat einen Grund, weshalb ich der Therapeutin “Tschüss – bis nächste Woche” sagte und einen Grund, weshalb ich mir dessen ganz bewusst bin: Ich bekam ziemlich bald darauf Angst, sie könnte die Behandlung jetzt beenden. Könnte nächste Woche nicht mehr da sein – oder ich könnte nächste Woche nicht mehr da sein. Und überhaupt: nächste Woche – wie konnte ich denken, das sei ein überschaubarer, eingrenzbarer Zeit_Raum?!

Ich spürte, wie sich kompensatorische Dynamiken warmliefen. Wie mein Denken umklappte und mir den Horizont bis auf das akute Hier und Jetzt verdunkelte.
Daneben spürte ich aber auch, wie ich das spürte. Wie ich merkte, dass mein Funktionieren sich von jetzt auf gleich verkürzte, verknappte, wie sich in mir etwas ganz klein zusammenschrumpelte, hart machte, ängstlich anspannte und in dieses schreckliche rein reaktive Sein zu balancieren versuchte.

Ich konnte das als Unterschied wahrnehmen. Als etwas, dass so irgendwie aber eigentlich gar nicht sehr so üblich ist. Merkwürdig überraschenderweise. Irritierenderweise. Das will ich jetzt aber lieber so, wie sonst auch – weise.
Oh G’tt oh G’tt, was passiert mit mir-weise.

Die Oh G’tt oh G’tt, was passiert mit mir-Schleife aber, kenne ich. Die kenne ich schon ziemlich gut. Ich habe mich vielseitig und lange damit auseinandergesetzt, was mit mir los ist und glücklicherweise habe ich dazu einige Antworten gefunden, die mir valide und brauchbar sind.
Ich weiß, dass mir bestimmte Dinge Angst machen.
Ich weiß, dass das Bewusstsein jederzeit sterben zu können bzw. nicht mehr zu sein oder Menschen nicht mehr im Leben zu haben, in mir drin ganz besonders gut ausgebaute Reizautobahnen haben, die ganz gerne mal benutzt werden, um 100% sicher zu gehen, dass ich auch ganz wirklich echt und absolut sicher weiß, dass das passieren kann (oder: “WIRD!!11!1”, wie es das mir ins Hirn schreit) und eventuell vielleicht mein Leben bedroht.

Und ich weiß, dass gerade weil es diese Autobahnen gibt – ich noch etwas warten muss, bis das, was da im Volvo auf der Landstraße noch unterwegs ist, auch bei mir angekommen ist. Ich weiß, dass es die Zukunft gibt und ich kann sie er_warten.

In dem Fall der Angst darum, dass die Therapeutin die Behandlung beenden würde oder nächste Woche nicht mehr da sein könnte, ging es darum auf das Gefühl zu warten, das man hat, wenn man sich auf die Kontinuitäten der Vergangenheit besinnt.
Es hat mich beruhigt zu wissen, dass sie uns immer Bescheid gesagt hat, wenn ein Termin mal ausfallen muss (und das nie etwas mit uns zu tun hat) und wie selten das war. Wie viele Wochen wir uns schon kennen, weil wir uns so viele Wochen schon getroffen haben.
Es hat aber auch beruhigt zu erinnern, wie oft wir das schon überstanden haben, wenn Therapeut_innen nicht mehr da waren. Wegen uns oder wegen was auch immer.
Und es hat beruhigt zu wissen, dass ich schon sehr oft hätte sterben können, es aber nicht tat. Wie oft ich überhaupt am Tag denke: “Jetzt sterbe ich” oder “Jetzt könnte ich sterben” – aber dann doch nichts passiert.

Meine kleinen Volvofahrgedanken helfen mir die Autobahnfahrgedanken in ein Verhältnis zu setzen. Sie helfen mir zu planen und Zukunft als feste Größe einzubeziehen. Selbst dann, wenn sie mir gerade sehr unsicher, unkonkret, undenkbar oder auch unvorstellbar erscheint.
Aber ich muss sie abwarten. Ich muss dafür sorgen, dass sie überhaupt losfahren und ankommen können.
Wie das gut klappt, habe ich auch schon gelernt.

Ich brauche einen guten Warteraum.
Was ich in solchen Momenten nicht ertragen (und generell nicht gebrauchen) kann ist eine Umgebung, die mich und meine Autobahngedanken bestätigt oder verstärkt. Sei es durch Unzuverlässigkeit oder Unübersichtlichkeit oder fehlende Möglichkeiten mich in Bezug auf irgendwas selbst_wirksam zu erleben.

So nutzt es mir nichts von 10 Leuten in meinem Leben zu hören, dass ich mich jederzeit melden kann, wenn ich etwas brauche – doch niemanden davon auch wirklich akut erreichen kann.
Es hilft auch weniger “mich abzulenken” als mich “perspektivisch umzulenken”. Kein Wortspiel – ganz richtiger Ernst.
Ich fange heute in solchen Momenten kein Projekt mehr an, das mich absorbiert und 5 Wochen später (schön am Krisenpunkt vorbei) wieder ausspuckt – ich beginne etwas, das mir hilft eine Sicht auf mein Jetzt und mein Nachher zu stärken. Zum Beispiel hilft es mir, mich damit zu befassen, wie ich es gerne hätte – erlaubt auch als völlig zusammengesponnene Utopie.

Gerade in Bezug auf “Ich könnte sterben oder die Therapeutin bricht den Kontakt ab” hilft mir eine Utopie um Volvofahrgedanken anzustoßen.
Denn die Idee für immer und ewig niemals getrennt von der Therapie bzw. der Therapeutin zu sein, kommt mir lächerlich vor – obwohl sich in dem Fall die Angst der Kontakt könnte unerwartet enden, dann erledigt hätte.
Genauso wie mir der Gedanke missfällt, ich könnte sie und die therapeutische Arbeit mein Leben lang brauchen.

Wichtig ist mir da, das Ganze nicht in eine Imaginationsgeschichte zu drehen.
Imaginationen sind mir etwas total Intimes – etwas, was ich nicht gut mitteilen kann – eine Angst vor Beziehungsabbruch oder Todesangst hingegen will ich mitteilen können. Sie zum Anlass oder Teil einer Imagination zu machen, bedeutet für mich, dass ich niemals mit der Therapeutin darüber reden kann, als sei das real da. Vielleicht bin ich da komisch – aber es gehört zu unseren Therapiebedingungen, dass wir nur über Dinge sprechen, die uns real da und echt und wahrhaftig sind.

Andere Aspekte eines “guten Warteraums” ist die Zeit als greifbar erlebbares Ding, das beobachtbar ist und die Relationen der Dinge, die uns sicher erscheinen. Straßenbahnen sind dafür gute Werkzeuge. Es gibt sie – in einer gewissen Variation – und sie fahren – ebenfalls mit einer gewissen Variation der Zuverlässigkeit. Man kann Straßenbahnen gut zugucken und merken, dass alles irgendwie geht. Manchmal auch: vorbei geht.
Sowas beruhigt mich. Und wenn ich beruhigt bin, bummeln die Volvofahrgedanken langsam in mein Denken.

Früher habe ich nicht auf diese Gedanken gewartet. Ich musste lange daran arbeiten sie zu erkennen und gleichermaßen ernstzunehmen wie die Gedanken, die mir schrill den Alarm gemacht haben.
Doch heute – nach vielen Erfahrungen von Momenten, in denen ich sie bemerkte – erwarte ich sie.

Und in ihrer Ankunft – darin wurde ich noch nie enttäuscht.

 

*Text als PDF zur freien Weitergabe

körperlich

Die Luft schmeckt nach einem Gewitter, als ich das Rad abschließe und ein letztes Mal tief einatme.
Ein erstes Mal Fitnessstudio und gucken was geht.

Erstmal gehts rein. Das ist ein erster Schritt und der ist wichtig. Fühlt sich schon sehr sportlich an. Und nach dem Stück Schokolade, das in unseren Gewohnheiten ein enges Verhältnis zu Sportlichkeit hat. Sport und Schokolade sind ein Paar. Auf ewig miteinander verbunden. Unter unserer Haut.
Das kann ich verstehen. Bestimmt ist es da kuschlig.

Jetzt schreibe ich hier quatschig und hab doch einen Rumms-Grund dafür überhaupt etwas aufzuschreiben.
Aber so ist das. Man kann den ganzen Tag rumgeikeln. Witze machen und sich Quatschgeschichten ausdenken. Alltag leben und Facetten erkunden. Und es passiert nichts. Man ist da und es ist wie es ist.
Und dann steht man da in den coolen Sportsachen, ist voller Elan zu tun, was man in Fitnessstudios so tut und dann fragt der Trainer: “Hast du irgendwas Körperliches? Irgendwelche alten Bänderrisse, schwierige Knochenbrüche, Metallstifte im Knochen … sowas irgendwie?”.

Und es ist ein Rumms. Eine dieser Watschen, die so unvermittelt kommen, dass die Wirkung erst Stunden später richtig ankommt.
Nämlich, als ich verschwitzt und schwindelig aus dem Studio laufe und beginne mich nach Innen zu reorientieren, weil der Zustand ein Erinnern antriggert.
Danach fahre ich durch die schwüle feuchte Luft und denke: “Ich hätte auch sagen können, dass ich ein Bänderdings erinnere, mit dem ich aus einer Vergewaltigung zurückgeblieben bin.”. Und dann mache ich einen Witz. Hätte hätte Fahrradkette. höhöhö

Was weiß ich, was wir alles hatten. Gar nichts weiß ich davon. War nie mit irgendwas nach irgendwas bei einem Arzt oder hab mich groß darum gekümmert, wie was heilt oder nicht heilt. Ich habe das einfach immer alles vergessen.
“Vergessen” – ja ja. Ich weiß, es ist eigentlich mehr verdrängt oder auch verdisst. Was weiß ich.
Es ist ja nicht so, dass es Menschen, die zu Opfern wurden, so irre schwer gemacht wird, gar nie an irgendetwas anderes zu denken, als das, was ihnen passiert ist. Oder womit sie aus der Erfahrung hervorgingen.
Es ist ja nicht so, dass Opferschaftserfahrungen per default angenommen und also ganz üblich in Alltagsgespräche einfließen.

Es ist ja nicht so, dass die Folgen von Gewalt und vielleicht auch gerade sexualisierter Gewalt als auch körperliche Langzeitfolgen allgemein besprochen werden. Jedenfalls ist das in der therapeutischen Literatur, die wir dazu bisher gelesen haben, eher nicht so der Fall.
Klar, wird da das eine oder andere Späterdrunterleiden auch als körperlich betrachtet. Aber ich spreche nicht von Essstörungen, Selbstverletzung oder Sportsucht. Ich spreche von Dammrissen, Analfissuren, Bänderrissen, Steißbeinbrüchen, ausgerenkten Hüften und so weiter und so weiter, die vielleicht gar nicht mal so funktional unbeeinträchtigend heilen.

Und trotzdem funktioniert es sich einfach so weiter. Man schüttelt sich aus der geschundenen Haut in eine zweite hinein. Streift sie sich über und hofft, dass sich die Falten schnell glätten.
Man sieht es uns nicht an. Die Folgen der Gewalt in unserem Leben, sind wie die waberweiche Flatterfisselei, die mit dem Begriff “Psyche” bezeichnet wird: auf den ersten Blick nicht zu sehen.
Dass es selten mehr als diesen ersten Blick gibt, gehört auch dazu.

Denn irgendwann kommt er immer. Der Moment, in dem ein Handgelenk aus dem Pulli ragt. Ein Shirt verrutscht. Ein Gespräch so intensiv wird, dass man von Geplänkel zu Themen kommt. Und dann ist etwas zu sehen.
Und dann kommt das Moment, in dem wir uns entscheiden müssen, wie wir damit umgehen und welchen Umgang wir anderen uns gegenüber erlauben wollen.

Denn ja – ich vergesse es. Vergesse mein Hüftding. Mein Bänderding. Mein Steißbeinding. Mir ist das ja auch nicht passiert, sondern meinen Mitbewohner_innen. Meinen Inneren. Meinen Kleinen, denen ich das irgendwie abnehmen will und deshalb so tue, als sei es auch mir passiert. Das ist eine schöne Geschichte, denke ich. Mich würde das irgendwie trösten. Wenn jemand sagt: “Was du erlebt hast, hab ich auch erlebt. Du bist nicht allein.”

Denn allein fühlen wir uns oft damit. Mit all dem. Gerade in so einem Moment wie in dem Fitnessstudio.
Wo ich merke, dass es hinter mir und unter meiner Haut rappelt und zappelt, weil wir von so vielen angeguckt werden. Weil der Körper angeguckt wird und dem eigentlich nur eins folgen kann: Stress und zwischenmenschliche Triggerfallen

Jemand will ein Kompliment machen und in meinem Kopf denkt es in Unterwerfungsschleifen. Jemand will ermuntern und von irgendwo quellen magersüchtiger Ehrgeiz und Versagensangst hoch. Jemand denkt, wir merken es nicht mit Blicken ausgezogen zu werden und eine ganze Kaskade spult sich auf, dem “passend” zu begegnen.
Daneben Schreie im Hals, ein Pulsdonner im Ohr und diffuse Abwehrbewegungsimpulse. Einfach so. Ohne Kontext. Ohne die Möglichkeit eines Anknüpfungspunktes nach Außen. Alles, was ich da erlebe und merke, er_wieder_erlebt sich in mir drin. Bei uns da drinnen. Im Inmitten. Einer Insel so fern von Menschen, Zeit und Raum, dass man sich nur einsam und allein fühlen kann. Bis es vorbei ist.

Dann ist da wieder Alltag. Was weiß ich. Tüdelüt. Lauf der Dinge.
Wo ich so leicht reinschlüpfen kann, weil es nie mehr als ein erster Blick ist, den ich zulasse.
Weil ich hingehe, mache und wieder weggehe.

Und wenn ich einen Mitgliedsvertrag über 12 Monate abschließen soll, obwohl ich nur 6 will, dann komme ich auch nicht wieder.

Sprechverbote und “täterloyale” Innens

Eine weitere Frage war, wie mit “täterloyalen” Anteilen/Innens umzugehen sei. Und was man tun solle, wenn sie zu sprechen verbieten.

Auch hier würde ich damit anfangen den Begriff “täterloyal” genauer anzusehen. Und zu fragen, wer diesem Innen/Anteil dieses Wort zugeteilt hat. Und warum. Denn es deutet ja auf zweierlei hin:
1. “nicht in Raum und Zeit orientiert” (siehe: “Wann ist jemand als Täter_in zu bezeichnen und wann vielleicht besser nicht”)
und 2. “nicht opfer- oder zeugenloyal” (also spezifisch (wert)gebunden)

Wir sehen es oft, dass Innens, die sich einer Psychotherapie kritisch gegenüberstellen oder überhaupt auch nur irgendwas, was ein anderer Teil des Systems zu akzeptieren und integrieren versucht, ablehnen, sofort als “täterloyal” oder (eigentlich fast noch schlimmer) “noch im Trauma” verortet werden.
Das ist ein gewaltvolles Vorgehen und sollte nicht passieren.
Weder von Außen, noch von Innen.

Innens/Anteile sind Selbst- und/oder Seinszustände einer Person.
Ich stelle hier nicht zur Diskussion inwiefern man hier von “es sind Menschen” oder “es sind Persönlichkeiten” sprechen könnte, sollte oder müsste.
Was man erforscht hat und immer wieder sieht ist, dass Menschen mit komplexen dissoziativen Traumafolgestörungen diese Zustände als “sehr anders” und manchmal auch als so sehr anders, dass man denkt/glaubt/überzeugt ist/denken könne, es wäre “jemand anders”, erleben und beschreiben.
Und, dass Außenstehende diese Veränderungen ebenfalls beobachten/wahrnehmen können. Und zwar immer wieder.

In unseren Texten über und aus uns selbst, beschreiben wir unsere Sicht auf uns selbst und stehen dabei auch nur für uns und unser Er_Leben.
In diesem Text nehme ich zeitweise die Perspektive einer außenstehenden Person ein, die sowohl “Viele” sieht, als auch “Eine_n mit verschiedenen Anteilen”.
Im Folgenden verwende ich “Innens” synonym für “Anteile”.

Innens mit Adjektiven zu belegen kann verlockend sein. Gerade wenn es um ein System mit vielen Innens geht, erscheinen definierende Begriffe hilfreich, um einen Überblick zu behalten. Doch was ist das für ein Vorgehen? Es ist sortierend und ordnend. Es ist ein- bis maximal zweidimensional.
Innens jedoch sind Zustände. Mehrdimensional erlebte Zustände, wie das Sein im Leben selbst.

Mit einem Begriff wie “täterloyal” legt man etwas fest. Loyalität ist jedoch keine unveränderliche/unbewegliche/starre Eigenschaft. Loyalität ist das Ergebnis einer Bindung an Werte und/oder Personen oder auch Institutionen. Es ist eine Art Erfahrungsergebnis.
Das bedeutet, dass so etwas wie Loyalität nur durch die Dimension der Zeit, der Bewegung… in einer Richtung und der Ausdehnung (Entwicklung) möglich ist.
Entsprechend: 4 Dimensionen, die nicht dann aufhören zu wirken, wenn ein System in Therapie geht oder für einen Ausstieg/Kontaktabbruch entscheidet.

Persönlich bemühen wir uns darum einander zu beschreiben, wenn wir mitteilen wollen, wer oder was wir sind bzw. als wen oder was wir uns selbst sehen und/oder wahrnehmen. Das kann sprachlich anstrengend und frustrierend sein, hat sich jedoch als weit weniger verstümmelnd und auf lange Sicht die Innenarbeit erleichternd herausgestellt.

So beschreiben wir Innens in etwa so:
– Heidi
– erlebt sich
– als X Jahre alt
– ordnet sich Geschlecht * zu
– findet A, B, C wichtig
– macht D, E, F,
– will G, H, I,
– hat Absprache J, K, L, zugestimmt
– lehnt Absprache M, N, O ab
– schlägt Absprache P vor
(- hat Geschichte XY)

Durch dieses Muster können wir einander besser in unseren Gemeinsamkeiten und Unterschieden erkennen.
Wir können sehen, dass wir manchmal die gleichen Ziele haben, obwohl wir einander als fremd und autark erleben und unterschiedliche Motivationen haben, diese Ziele zu erreichen. Vor allem aber können wir uns über die Grenzen eines Gut-Böse-Dyadismus hinweg bewegen.
Trotz unterschiedlicher Wertbindungen und Ansichten können wir zusammenarbeiten und so Raum für einander eröffnen.
Manchmal auch Räume, in denen wir uns die wahren Loyalitäten (im Sinne von Wert_Bindungen) von Innens näher ansehen können.

Wir haben festgestellt, dass wir keine wirklich “täterloyalen” Innens unter uns haben. Sehr wohl aber abhängige, absolut gehorsame, unterworfene Innens, die keinen Widerstand gegenüber Gewalt ausübenden Personen und ihren Forderungen aufbringen oder aufgebracht haben und damit okay sind.
Manchmal, weil sie dissoziiert sind von der Not, die mit der Unterwerfung einher ging und manchmal, weil sie die Not für wichtig/notwendig halten.

Der Begriff “Loyalität” beschreibt eine freiwillig eingenommene Haltung gegenüber Werten und damit einhergehend auch Menschen oder Institutionen, die diese Werte vertreten.
Nun ist zu fragen, wie viel Freiwilligkeit möglich ist, wenn Menschen in Situationen sind, in denen die (auch nur vorgetäuschte oder affektiv reaktiv vorgenommene) Werteübernahme belohnt wird. Zum Beispiel damit nicht zu sterben, nicht verletzt zu werden, nicht (mehr) gequält zu werden. Oder damit Anerkennung von einer sozialen Gruppe zu erfahren und eine bessere Lebensqualität genießen zu dürfen.

Ich halte es für wichtig bei der Kontaktaufnahme mit Innens, die sich an Werte gebunden fühlen, die von Menschen vertreten wurden/werden, die zu Täter_innen wurden, nicht “das Opfer im täterloyalen Innen” zu suchen. Auch dieses Vorgehen kann sich wieder nur im Täter-Opfer-Dyadismus bewegen und damit verstümmelnd wirken.

Der Weg zu einer Kontaktaufnahme und einem Austausch kann schwierig sein.
Früher konnten wir uns überhaupt nur schwer vorstellen, welche Möglichkeiten wir, außer den Gesprächen mit der Therapeutin und unseren eigenen Tagebuchaufzeichnungen, noch haben könnten, um einander zu begegnen und kennenzulernen.
Inzwischen hat sich die aufrichtige Auseinandersetzung mit “unseren Themen” als übliche Alltags- und Freiheitspraxis bewährt.

Wann immer wir Dinge tun, ob das nun Projekte sind oder alltägliche Notwendigkeiten, tun wir das mit aktivem Bewusstsein darum, aus welchen Gründen und für welche (höheren) Ziele wir sie tun. Daraus entsteht immer wieder ein innerer Austausch darüber, in welcher Zeit, in welchem Raum, aufgrund welcher Privilegien oder Limits, welchen Vorwissens und aus welchen Überzeugungen heraus, wir tun, was wir tun (weil wir es heute tun können).
So entsteht eine gewisse Verankerung in der Gegenwart bei gleichzeitig hoher Transparenz der Werte und Motivationen, die wir in dem Moment vertreten.

So entsteht aber auch Arbeit. Arbeit an Angst, an Irritation, an Desorientierung und auch neuen gemeinsamen Zielen aufgrund geteilter Werte.
Es vergeht kein Tag mehr, an dem wir uns nicht damit auseinandersetzen, was manche Innens als verboten, als falsch, als schlimm oder gefährlich erleben bzw. einordnen. Und sei es nur, dass es darum geht, ob wir eines der fünf Grundbedürfnisse dieses Körpers erfüllen dürfen/können/sollten/möchten – oder nicht.

Das ist etwas, das wir lange nicht so durchgehend gemacht haben.
Oft, weil die Kraft gefehlt hat oder der Mut. Manchmal, weil es Ängste gab, die durch nichts und von niemandem gelöst wurden. Lange auch, weil die Vermeidung nicht aufgegeben werden konnte. Und häufig auch, weil der Alltag insgesamt so überfordernd war, dass die etablierten Mechanismen der Dissoziation das Alltagsbewusstsein erneut stark fragmentierten.

Über diese Auseinandersetzung kommen wir nicht mehr umhin eine gewisse Konsequenz in unserem Handeln und Re_Agieren zu entwickeln.
Eine, die nach Außen manchmal als “kompliziert” oder “anstrengend” wahrgenommen wird und uns in soziale Situationen bringt, die von Isolation geprägt ist. Letztlich jedoch konnten wir in den letzten Jahren auch die Erfahrung machen, dass soziale Isolation oder anders ausgedrückt “Dinge anders als andere zu machen” bei aller Not daran, erheblich leichter zu er_tragen ist, wenn es im Innen eine große Kongruenz um die Richtigkeit/Okayheit dessen gibt.

In einem Fall, in dem eine Kongruenz nicht hergestellt werden kann – zum Beispiel wenn Innens eine Therapie ablehnen oder Sprechverbote durchsetzen wollen – entsteht ein Konflikt, den man sich näher ansehen muss.
Es hilft nicht, wenn man Systeme zum “Sprechen trotz Verbot” ermutigt, weil man den hier vertretenen Wert nicht hinterfragt.

Innens, die Werte und Wollen von Menschen (weiter) vertreten, die ihnen (oder dem Körper) Gewalt angetan haben, tun das immer aus Gründen. Und die meisten dieser Gründe haben etwas mit Wert- und sozialen Bindungen zu tun.

Gerade bei Sprechverboten haben wir uns angewöhnt zu fragen, worüber genau wir nicht sprechen sollen.
Einfach schon um klar zu machen, dass es viele Dinge gibt, die man im Laufe eines Tages aussprechen könnte. Man könnte über das Wetter sprechen, aber auch über Dinge, die man früher einmal erlebt hat.
Manchmal bewegt sich schon durch das Aufzeigen der vielen möglichen Optionen, die heute in diesem Leben in relativer Freiheit existieren, etwas bei den Innens. Manchmal ist das nur Irritation. Zum Beispiel wenn sie sich selbst noch in einer Situation verorten, die von Zwang und Gefahr geprägt ist.
Manchmal ist das aber auch Neugier auf Worte. Gerade dann, wenn ein Innen nicht mehr Worte kennt, als jene die es früher gehört hat oder die vom ihm zu sagen verlangt wurden.

Durch unsere Frage danach, was genau wir nicht aussprechen sollen, gehen wir in Kontakt mit diesen Innens. Das ist etwas, dass sie oft nicht kennen.
Innens, die immer wieder durch Appelle, Verbote, Drohungen, Mahnungen, “Slogans”, Ein-Satz-Konstruktionen allgemein auffallen, kennen den Dialog häufig nicht. Sie sind (nicht immer!) das Ergebnis von Situationen, in denen keine Resonanz, kein Mit- oder Nachdenken über die eventuell vorliegenden Gefühle und Absichten der anderen Person, möglich oder erlaubt war.

Sie haben oft etabliert “wie es läuft” – nämlich eingleisig. Eine Person sagt was, die andere Person folgt ihr. Egal, worum es geht, egal, wie die Lage konkret ist, egal, wie das eigene Befinden oder die eigenen Fähigkeiten sind. Antworten, eigene Gedanken, eigene Gefühle, eigene Werte waren oft irrelevant. Und also oft nicht einmal selbst bewusst gemacht oder erforscht – geschweige denn Neugier darauf entwickelt/erlaubt.

Hier kommt der Aspekt der Mehrdimensionalität von Innens allgemein wieder ins Spiel.
Selbst wenn sie ein- oder zwei dimensional erscheinen, so sind sie es doch häufig nicht. (Ausgenommen hier  evtl. States und andere dissoziative Fragmente des Ich oder Selbst) Ihnen nur entsprechend ihrer Erscheinung zu begegnen, bringt sie um die Chance sich gänzlich zu erfassen oder eine Idee von einer Gänze zu entwickeln. Und also auch sich selbst als entwicklungsfähig zu erleben.

Kontaktaufnahmen und Einladungen zum Dialog sind jedoch nicht alles.
Man kann sich das in der Wirkung vielleicht gut übertragen auf die eigenen Reaktionen auf Werbeprospekte und Emails mit Einladungstexten: nicht alles möchte man beantworten, manches erscheint krude und potenziell betrügerisch und manchmal hat man schlicht keine Nerven für irgendetwas mehr, als das eigene. Ähnlich kann es Innens gehen, denen zwar viel daran gelegen ist sich und den eigenen Vorstellungen Raum zu verschaffen, jedoch nicht gelernt haben, dass es Antworten, (Wider-) Worte oder Rückfragen geben kann. Miteinander.

Miteinander kann man auch über konkretere Wege als Worte herstellen.
Bei uns funktioniert konkretes Handeln/Machen am besten. Dinge, die einer gewissen Planung bedürfen, eine Finanzierung für Materialien und auch bestimmte Fähig- und Fertigkeiten erfordern, binden relativ viel von unserer insgesamt zur Verfügung stehenden Aufmerksamkeit und Energie.

Zu Beginn war davon nicht viel da. Wir hatten (und haben heute noch manchmal) nur sehr kurze Konzentrationsspannen und eine geringe Frustrationstoleranz. Doch die Wiederholung hat sich gut ausgewirkt.

Standen wir früher sehr lange im Laden für Bastelbedarf und trafen dann Entscheidungen, die wir bereuten, weil sie sich zu Hause als nicht passend herausstellten, tauschen wir uns heute zu Hause schon aus, wissen auf wessen Meldungen wir warten müssen, wissen, wer uns daran erinnern muss, dass wir etwas tun (wollen), das wir besser nicht tun sollten… Wir wissen, was uns erwartet, wenn wir nicht auf alle diejenigen warten, die irgendwie – und sei es nörgelnd, schimpfend, drohend am Rand stehend – mitbekommen haben, dass wir überhaupt etwas tun wollen.

Und wir wissen, wann es nur im Chaos enden kann Dinge zu tun. Vor allem Dinge, die Menschen, die uns früher verletzt und ausgebeutet haben, nicht gut heißen würden oder könnten. Allein schon, weil wir bestimmt haben, sie zu tun.
Darum hilft es uns insgesamt ein bisschen mehr, als nur tiefenpsychologische oder psychoanalytische Literatur zur eigenen Diagnose bzw. Traumafolgen insgesamt zu lesen.

Mit einem Verstehen der inneren Vorgänge kann man sich sicher fühlen und glauben, dass das alles irgendwie schon klappt, wenn man solche Innens einfach nur gekonnt überzeugt oder sie sehen/spüren/mit_erleben lässt, wie frei man heute ist und wie überholt und evtl. unnötig ihre Wortbeiträge sind.
Mit dem Verständnis der körperlichen Reiz-Reaktionsmöglichkeiten aufgrund der geleisteten Anpassung an toxischen Stress jedoch gibt es einen weiteren Weg zum Begreifen der Perspektive und eigenen tatsächlich vorhandenen Handlungsoptionen.

Zum Beispiel haben wir verstanden, dass uns unser Alltag an vielen Stellen überreizt und überfordert. Heute erheblich weniger als früher und doch genug, um zu sehen, dass die Bereitschaft unseres Körpers in einen traumaassoziierten Zustand zu fallen (also in eine der drei Richtungen von Flucht, Kampf oder Starre) nachwievor besteht. Und wir also schauen müssen, dass wir, so oft es geht, aktiv das mittlere Erregungslevel zu erreichen bzw. zu halten versuchen.
Dieses fühlt sich für uns wie folgt an:

– wir können gut zwischen Vordergrund und Hintergrund trennen
– wir sind motorisch sicher
– wir können Kontexte erkennen

– wir können kreativ sein
– wir können planvoll handeln
– wir können uns mit mittlerer Anstrengung verbal mitteilen (und erleben die Sprache mit dem was wir sagen wollen kongruent)

– wir können uns Texten widmen, die sowohl Worte als auch Zahlen beinhalten
– wir können Sachverhalte herleiten und verstehen (lernen)
– wir haben weniger Probleme uns auszurechnen, wie es anderen Menschen geht

Im Hyperarousel (Übererregung) tendieren wir zu Wechseln (was in der Stress-Trias vielleicht bedeutet “Fähig zu Kampf oder Flucht trotz Starre”).
Darüber verliere ich schnell mein Alltagsbewusstsein. Erlebe mich und meine Umwelt eher fragmentarisch, wenn überhaupt.
Wir haben insgesamt die Tendenz sehr schnell sehr viel körperliche Energie aufzubauen und dann doch an geistige Beschäftigung oder Navigation zu verlieren. So hat sich in der Vergangenheit oftmals eine schwierige Mischung aus massiver Erschöpfung und körperlicher Übererregung entwickelt. (Was als Trigger für Innens aus früheren Gewaltsituationen wirkt und Wiederholungen des Erlebten durch die eigene Hand zur Folge haben kann)

Im Hypoarousel (Untererregung) tendieren wir ebenfalls zu Wechseln, verbleiben dort jedoch meistens in einer Art stumpf stillen Starre.
Es gibt nichts, was die Aufmerksamkeit zieht, es gibt kein konsistentes Ich, kein Wir.
Ohne äußere Unterstützung dauert so ein Zustand eine ganze Weile. Währenddessen tun wir aber auch nichts.

Für uns ist es hilfreich um diese drei Level zu wissen. Zu wissen, wann wir sie erreicht haben. Zu wissen, dass sie im Rahmen unserer neuro-biologischen Reaktions.Möglichkeiten liegen.
Auflösend und entwicklungsfördernd haben sich jedoch die Schritte erwiesen, die uns unsere Beeinflussungsmöglichkeiten dieser Zustände zu begreifen und erleben möglich gemacht haben. Gerade in der Auseinandersetzung mit Innens, die schwierige Forderungen an uns stellten/stellen.

Uns stresst es sehr, wenn die Therapeutin will, dass wir mit ihnen Kontakt gehen. Gerade, wenn es Angst vor diesen Innens gibt. Gerade, wenn es um Innens geht, die nicht nur im Innen wirken, sondern auch nach außen aktiv sind.
Das sind die klassischen drei Engel für Traumascheiße: Überforderung, Stressschleifen aus Selbstverletzung, Selbsthass, Desorientierung um eigene Freiheiten und das Gefühl der Alternativlosigkeit/Ohnmacht/Hilflosigkeit

Es ist für uns besser uns an die Dinge zu erinnern, die uns entspannen, stärken und beweglich  machen. Und konkreter: die Handlungen, die uns entspannen, stärken und beweglich machen.
Was klingt wie eine sinnlose Phrase ist: “Mach doch einfach öfter mal einen Spaziergang/ Sport/ fernöstliche Bewegungsdinger/ Gartenarbeit/*”
Es klingt wie ein Hohn, wenn man da steht mit dem Schrei im Kopf, dem Puls im Hals und dem Gefühl, dass es nie wieder aufhören wird – aber am Ende ist es ein Schritt, den man machen kann. Und dann noch ein Schritt und dann noch ein Schritt.
Oder, wenn man nicht laufen kann, ein Anschieben und dann noch ein Anschieben. Oder eine Hantel hoch, dann die andere. Oder, wenn man gar nichts von allein bewegen kann, eine Hand (eine Körperseite) stimulieren lassen, dann die andere.

Bilaterale Stimulation finden Gehirne megageil. Es entspricht ihrem täglichen Reizverarbeitungsworkflow und wenn man etwas tut, das zufällig genau das viel fordert und ansonsten eher nicht viel daneben, dann können Kapazitäten für mehr frei werden. Mehr Empfinden. Mehr Beweglichkeit (seelisch wie körperlich). Mehr Gefühl für die eigenen Kräfte.

Wir haben, durch unsere Hündin und das Glück eines Wanderwegs auf einem Stück unseres Schulwegs, jeden Tag etwa 10 Kilometer nur für uns und bilaterale Stimulation. Auf diesen 10 Kilometern haben wir unsere inneren Konferenzen und den freien, ruhigen (immer gleichen also vorhersehbaren) Raum für Innens, die noch nie Bewusstseinsräume dafür frei haben konnten, dass es sowas gibt. Bewegung, Licht, die Option zu gehen oder stehen oder sich hinzusetzen oder ein Tier (NakNak*) zu beobachten (ohne etwas tun zu müssen) oder unter sicherer Anleitung zu berühren, zu füttern, Wasser anzubieten oder den Boden unter sich zu fühlen oder Fotos zu machen oder Bäume, Blätter, Früchte anzusehen, anzufassen… oder in Kontakt/Dialog mit etwas/jemand aus dem Inneren zu sein.

Was klingt wie eine dieser furchtbaren rettungsromantischen Szenen in Filmen um Menschen, die zu Opfern wurden, ist für unsere Innenarbeit jeden Tag sehr wichtig. Es reicht nicht solche Erfahrungsräume mal hier und mal da zu haben. Wir brauchen das jeden Tag. Manchmal auch öfter. Einfach, weil wir nicht nur ein Mal im Leben erfahren haben, dass die Welt zerbrechen kann und plötzlich gar nichts mehr ist, wie man glaubt, dass sie es sei.

Wir wissen nicht, wie viel davon von Innens wahrgenommen wird, die Sprechverbote oder andere Limitierungen durchsetzen wollen.
Wir wissen aber, dass viele andere Innens – nicht zuletzt wir, die wir im Alltag aktiv sind – es wahrnehmen und erstarkt daraus hervorgehen. Manchmal auch soweit erstarkt, dass wir über die wahrgenommenen Forderungen aus dem Innen in der Therapie sprechen können.
Und dann darüber sprechen können, von wem wir das wahrnehmen. Und wann.
In der Folge können wir beobachten, ob Aspekte unseres Alltags als Auslöser funktionieren und wie wir sie sichern können.
Manchmal hat es schon geklappt, dass sich solche Innens auch selbst in die Gespräche über ihre Forderungen einbringen konnten.

Überwiegend aber setzen wir auf Entschärfung der Notwendigkeit für Forderungen nach Schweigen.
Wir machen unsere Therapie nicht, um Menschen oder Geheimnisse (Ereignisse) zu verraten, sondern um zu verstehen, welche Ereignisse und Menschen für uns bzw. einzelne Innens so wichtig/dramatisch/grauenhaft/abstoßend/erhebend/befriedigend/* waren, dass das Viele sein sich daraus entwickelt hat bzw. entwickeln musste.
Das ist ein wichtiger Dreh.
Wir machen die Therapie und unser Leben nicht für andere Menschen oder in Richtung anderer Menschen und Werte. Es geht primär nicht darum etwas nach Außen zu bewirken, sondern nach Innen. Was dann auch Aus.Wirkungen nach Außen haben kann, aber nicht muss.

Die andere Seite von Sprechverboten sind also nicht nur die im System, die sich dadurch begrenzt und in Not fühlen, sondern auch die, zu denen nicht zu sprechen gefordert wird.
Unsere Therapeutin erinnert uns immer wieder daran, dass wir nichts aussprechen müssen, was von innen verboten ist oder zu viel Kraft erfordert rauszubringen. Uns hilft das in Balance zu bleiben und nicht aus Versehen oder aus einer inneren Rücksichtslosigkeit heraus Grenzen zu überschreiten, die anderen Innens wichtig sind. Aus Gründen, die wir uns vorgenommen haben zu verstehen.

Für uns ist auch wichtig, dass die Therapeutin wie ein Blinddarm unserer Schilderungen funktioniert.
Existent aber nicht agierend.

Unsere Erfahrungen hatten schon genug Aus.Wirkungen auf uns und unser Er_Leben. In der Vergangenheit und in unserer Gegenwart und vermutlich auch noch ein ganzes Stück in unsere Zukunft hinein. Für uns wäre es unerträglich, würde die Therapeutin einer anderen Person von unseren Erfahrungen erzählen. Nicht nur, weil es ein Bruch unserer Absprachen wäre.
Es wäre auch eine Weitergabe der Gewalt und Not, die wir durch unser Überleben und Verarbeiten zu transformieren versuchen.

Wir wollen etwas aus den Erfahrungen machen und benutzen die Therapie als Raum, sie innerhalb bestimmter Grenzen von Zeit, Raum, emotionaler Beteiligung und Begleitung, zu veräußern und kontrolliert wieder in uns aufzunehmen, um eine Verarbeitung vorzunehmen.
Würde die Therapeutin sie nehmen und mit anderen Menschen teilen, wäre das Gewalt an uns. Auch, wenn wir das nie erfahren würden. (Vielleicht mag man an dieser Stelle einmal kritisch darüber nachdenken, was es bedeutet, wenn wir als Betroffene Bücher von Therapeut_innen lesen, in denen Erfahrungen ihrer Klient_innen geschildert werden. Wir sehen dort einen gewaltvollen Umgang mit Gewaltüberlebenden/-erfahrenen, der nicht kritisiert oder skandalisiert wird, weil “Hilfe” und gute Absichten mit im Spiel sind.)

In diesem Text schreiben wir sehr selbstverständlich von Psychotherapie als Raum zur Auseinandersetzung mit Erfahrungen und dem Inneren.
So ganz selbstverständlich ist es jedoch für viele nicht in Therapie zu gehen oder sein oder zu bleiben.
Geschweige denn überhaupt einen guten Platz für sich zu finden und so lange, wie er gebraucht wird, behalten zu dürfen.

Persönlich kommt es für uns nicht mehr in Frage, über Erfahrungen und Innens/Inneres zu sprechen, wenn wir ohne psychotherapeutisches Back-up sind.
Für manche Betroffene “reicht” eine gute seelsorgerische Begleitung oder eine psychologische Beratung oder eine (sozial-)pädagogische Begleitung.
Für uns geht das nach diversen Helfersystemcrashs und mehr Bewusstsein um die enormen Kraftaufwendungen, die es für diese Formen der Begleitung oft braucht, nicht mehr.

Auch das ist ein wichtiger Aspekt im Umgang mit Innens, die Limits durchsetzen wollen, die früher einmal wichtig waren.
Sie werden ihre Forderungen verstärken, je mehr sie spüren, dass das System als ganzes überlastet ist.
Und ja, es kann überlasten hochmotivierte, jedoch nicht gut aus- fort- und weitergebildete Begleiter_innen im Leben zu haben. Die keine Super-, Inter- oder Fallsupervision in Anspruch nehmen. Die strukturell bedingt nicht einmal ansatzweise kontinuierlich und zuverlässig da sein können. Die eine eigene Gewaltgeschichte nicht genug reflektiert und transformiert haben.

Dabei ist es irrelevant, dass “man ja sonst niemanden hat”. Dabei ist auch irrelevant, dass die Person “doch ihr Bestes gibt und das ja noch nie jemand vorher getan hat”. Dabei ist auch irrelevant, dass “man doch schon viel Schlimmeres durchgestanden hat”.
Zu viel ist zu viel und wenn es eins gibt, worauf man zu achten anfangen muss, wenn sich irgendetwas verändern soll, dann ist das an genau dem Punkt achtsam zu sein.

Ein Trauma ist niemals das Ereignis selbst.
Es ist das Zuviel, dass dieses Ereignis bedeutet (hat).

Innens, die toben und fordern zu tun, was sich für sie vielleicht sogar als lebensrettend ausgewirkt hat, können beim Umgang mit allem Zuviel, dass das Leben heute bietet, die besten Verbündeten sein, die man sich auf dem Weg der Verarbeitung vorstellen und wünschen kann.

Wenn man mit Ihnen Bündnisse eingeht.

*Text als PDF zur freien Weitergabe