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der formale Antrag auf Vor- und Nachnamensänderung

Die Sonne schien, NakNak* wuselte mit uns im Bett herum, als das Telefon klingelte.
“Unsere Standesbeamtin” war dran. Einige Tage nachdem wir schon dachten sie würde sich nicht melden, weil unsere Begründung nicht ausgereicht hat.
Wir vereinbarten einen Termin, keine zwei Stunden später. Kamen an, saßen rum, traten ein und stellten den formalen Antrag auf Änderung des Vor- und Zunamens. Bei Ausstellung des neuen Personalausweises würde auch der Künstler_innenname eingetragen werden.
Jetzt ist es nur noch ein Führungszeugnis und eine Kopie des Geburtseintrags, dann werden wir anders heißen. Wenn alles glatt geht bereits auf dem Abschlusszeugnis.

Wir kamen aus dem Rathaus, machten gleich einen Termin für das Führungszeugnis, völlig Banane nächste Woche, da sind wir gar nicht da. Kauften uns ein Brötchen, obwohl wir gar nicht hungrig waren. Auch interessant so ein Übersprung in der Schüssel.

Unsere Behördenkrambetreuerin sagte erst am Montag, dass das ja alles auch kathartisch werde würde.
Der Abschluss, der Umzug, der neue Name. Große Befreiung, als weg, alles raus. Neuanfang, weiße Weste trallala
Sie weiß nicht so viel über strukturelle Dissoziation, vielleicht hat sie es deshalb als etwas Positives erwähnt.
Für uns ist genau das eher zu verhindern. Alles hier lassen, ganz neu im neuen Zuhause starten, alles loslassen, bei 0 anfangen. Das hatten wir schon oft und jedes Mal ist ein neues Alltagssystem aufgetaucht, das keinen oder nur spezifisch Bezug zum Vorher hatte.

Sicherlich, wird sich das jetzt heute nicht so wiederholen. Wir sind abgesichert, gestützt, gehalten, sind in uns so viel konsistenter als früher, wir denken nicht, dass es diesmal zu so einer Spaltung kommt, aber mitdenken müssen wirs.
Deshalb haben wir bereits jetzt Monatsmülltüten. Ein Mal im Monat schmeißen wir kreuz feldein weg, was wir nur behalten, weil wir es nicht ersetzen können. Oder weil wir denken, man könne uns verübeln, dass wir es nicht behalten. Oder weil wir denken, unsere Herkunftsfamilie würde das mitbekommen.
Alles weg damit, warten, nachfühlen, merken: Alles ist wie immer, alles ist an seinem Platz.

Das könnten wir nach dem Umzug noch nicht so schnell sagen, denn dort muss alles erst einmal an den richtigen Platz gelebt werden. Deshalb machen wir es jetzt. So lange bis nur noch da ist, was uns das Gefühl gibt, dass alles okay ist. Denn genau das werden wir im neuen Zuhause brauchen. Nicht mehr, nicht weniger.
Ein Vorgehen, das nicht lauter HALLO GESUNDES VORGEHEN brüllen könnte. Nicht antidissoziativer wirken könnte.

Und der neue Name?
Wir haben den alten schon weggeschmissen. Schon vor 19 Jahren.
Er ist eine Hülle, die das Außen auf uns drauf wirft, uns aber nie benennt. Uns schmerzt, nie nutzt.
Wir heißen nun schon seit Jahren für alle ‘Hannah’, das muss sich nicht ändern, nur weil ein neuer Ausweisname da ist. Alles bleibt gleich, alles bleibt an seinem Platz.

Außer der Schmerz.
Der bleibt im Standesamt der Stadt aus der wir wegziehen.

eine Woche

Ich brachte NakNak* zu C., damit sie nicht mit nach Berlin kommen musste.
Dachte zwischen Augenauf- und zuschlag daran, wie viel besser und sicherer es für uns wäre, könnten wir sie mitnehmen. Spürte eine Ängstlichkeit, verwischte sie mit einer Augenbewegung. Berlin ist ein Moloch. Wir haben da keine eingeübten Routen, keine festen Bezugspersonen, die NakNak* kennt. Wenn wir da umfallen, gibt es da noch jemanden, die_r sie einfach zu sich mitnimmt.

C. hat sich ein Exemplar von “aufgeschrieben” gewünscht und eine Widmung. Es ist allen gewidmet, das steht da drin, aber alle sind nicht alle, die sich davon auch bewidmet fühlen. Vielleicht ist da eine Ebene, die wir noch nicht so richtig verstehen. Ich vertröste sie und mache mir einen Knoten in den Anfang dieser Forschungsreise.
Fahre nach Hause. Übe das Vorlesen der Kapitel. Denke, dass es gut wird. Arbeite an einer Abgabe weiter, für die ich am Samstag keine Zeit und am Sonntag keine Kraft haben werde.

Im Zug schreibe ich Schuldinge, höre Musik, denke an R. und das, woran wir gerade therapiearbeiten.
In Berlin scheint die Sonne auf meinen dicken Körperversteckpullover. Tempelhofer Feld, Vögel, gutes Sprechen, Erklären, Überlegen am Nachwachshaus, an anderen Projekten. So haben wir uns das immer gewünscht. Diese Konspiration ums Nachwachshaus. Wie früher. Auf dem Boden sitzen und Aspekte durchsprechen. Fragen aufstellen, lösen, neue finden, dabei auf etwas rumkauen. Damals Zigaretten, heute süße Früchte. Zeit vergessen, Prozess werden.

Dann das Kind. Das Essen. Das noch mehr Sprechen. Schön wie eine Wand, in die man sich einwickeln kann. Wissen: Ja, das können wir auch hinkriegen. Ein Kind. Nicht trotz allem, sondern, weil das allem zum Trotz nichts fremdes ist. Es ist nur für und mit jemandem sein, um dessen Verstehen und Ver_Sorgen man sich länger einseitig bemühen muss. Vielleicht. Noch ein Knoten an einen Forschungsgedanken, dann die Lesung und Verlagsvorstellung.

Kurz ist da Nervosität, dann nicht mehr. Aufgabe, Menschen, Sprechen, Reagieren, Freuen, Wiedererkennen. Im Laden ist es schön, riecht nach Kaffee. Man schaut aus dem Fenster und sieht Menschen, die sich dicht an dicht auf die Wiese im Park gesetzt haben. Wir werfen den Ablauf durcheinander, das passt zu unserem Verlag und wieder weiß ich, dass wir da einen guten Platz gefunden haben. Wir machen, was alle machen, aber wir machen es anders und es ist weder schlimm noch destruktiv. Wir sind nicht mehr allein damit so zu sein und das ist, was uns da auf dem Bühnchen vor dem Fenster vor der Wiese mit den Menschen in der Sonne sitzen bleiben lässt.
Wir sind nicht allein. Yori ist auch da und es ist gut, obwohl so viele Leute uns ansehen und anhören.

Das sind zu viele Gefühle auf einmal und wir wissen bis heute nicht, ob wir uns gut gefühlt haben. Was wir da gefühlt haben außer diesem Willkommensein im Andersseinmachen und der Erleichterungsfreudenverwirrung darüber, dass Menschen, die wir kennen, unser Buch gekauft haben um es zu lesen, obwohl wir sie gar nicht darum gebeten haben.

Im Zug nach Hause übe ich Mathe. Integralrechnung olé olé. Am Donnerstag ist der Klausurtermin für die Vornote des Abschlusses. Nach der Klausur zu Prüfungsbedingungen am Montag, nach der MTD-Klausur und dem Rest der Probeprüfung. Vor den restlichen Abgaben und Probeprüfungen. Noch 2 Wochen dann sind 2 Wochen Ferien und eine davon werden wir beim Freund sein. Endlich. Schnell einen Knoten an diese Forschungsrichtung um Vermissen eines Menschen und dem immer noch fremdneuen Wunsch nach seiner Anwesenheit an der Seite. Zurück zu Mathe.

Die Probeprüfung lief gut und wir danach nach Hause, vorbei an gegen den Stadtlärm anbrüllenden Vögeln und gefällten Bäumen. Der Planet stirbt und wir werden eine gute Note in Gestaltung auf dem Zeugnis haben olé olé

Wir schlafen bis halb 6, fahren zur Therapie. Erinnern uns an die Lesung, wollen davon erzählen, aber was wissen wir selbst nicht so richtig. R. ist in der Stunde, wir gehen raus und haben eine aufgekratzte Stelle am Arm, die brennt und nervt bis Donnerstag.
Da schreiben wir die Arbeiten, kommen nach Hause und finden einen Brief von ihr, in dem sie ihre Zeit beschreibt. Damit haben wir nicht gerechnet.

Eine Woche ist vergangen. Dieser Text ein Knoten.

Zukunftsmusikdisco

Als ich mich für ein Brot mit Erdbeermarmelade entscheide, wird der Regen in weißen Streifen durch die Luft gewogt. Als sich die Marmelade gerade in das weiche Margarinenbett kuscheln will, kommt die Sonne raus. Es ist hell und strahlend, der rote Bobbel vor mir leuchtet wie ein Stück Theatereingeweide.

Ich lass es liegen. Werd schon nicht verhungern.
Was mach ich jetzt. Nichts mach ich.
Die Langeweile zieht mich vor Netflix. Die Schwangerschaft mit unserem Buch hält uns da. Oder vor dem Wolkehaushalt in die Sims3. Nicht denken, nicht machen. Einfach nur so durchfischeln. Das geht. Meistens. Oft genug.

Die Dinge in unserem Leben jetzt, sind alle nicht spruchreif. So viel Zukunftsmusik, dass mir die Ohren klingeln und der eingeigelte Stummtaubblindverkrümel zu werden, ist oft das einzige, was wirklich hilft.
Alles was wir für diese Zukunft wollen, können wir nicht einfach entscheiden. Wann ausziehen, wann umgezogen sein – der Freund muss mitreden, hat eigene Dinger am Laufen, braucht auch Sicherheiten. Nicht so einfach. Alles muss daran angepasst werden. Das ist wie noch einmal 5 Lautstärkestufen rauf mit der Zukunftsmusik unter der das Knacken und Knirschen unserer Anpassungsprobleme unhörbar werden. Alles eine Frage der Kommunikation. Schwierig so auf die Distanz.

Am Donnerstagmorgen hatte ich Erdbeermarmeladenbrot und abends den Brief mit der Begründung für eine Namensänderung in der Hand. Wir fuhren sehr spät nachts noch mit dem Rad hin, um ihn einzuwerfen, aber dann doch nicht.
Bist du wirklich sicher? wummerte die Zukunft mit grellen Lichtblitzen auf mich ein. Ich bin nicht sicher. Ich bins nicht, ich werds nie sein. Zukunft, das ist die falsche Frage. Es geht nicht darum, wie sicher ich mir bin, es geht darum, wie sicher ich mir bin, damit umgehen zu können, wenn Dinge nicht so richtig klappen. Oder völlig anders als gedacht. Frag mich, wie bereit ich dafür bin, daran zu arbeiten, dass es so wird, wie ich mir das vorgestellt habe. Frag mich nach meiner Kompromissbereitschaft. Frag mich, ob ich dich mögen werd, auch wenn du mir weder grüne Wiesen im Sonnenschein noch Fettlebe mit Zuckerguss zu bieten hast.
Zukunft, wenn du so fragst, dann ich will dich bitten mir aus dem Weg zu gehen. und das hatten wir doch schon so oft. Wir wissen beide, dass das nicht geht.

Am Freitag klebte ich eine Grüffelo-Briefmarke auf den Antrag und warf ihn in einen Briefkasten.
Fuhr nach Hause. Kochte Süßkartoffelsuppe. Draußen regnete es und drinnen fragte ich mich, ob das Buch denn wohl bald fertig gedruckt ist.
Dann schaltete ich den PC ein, um nach Familie Wolke zu sehen.
Um mich herum Zukunftsmusikdisco.

Multi.tasking

“So etwas wie ‘Multitasking’ gibt es nicht.” Sie beobachtet den Blutstropfen, der mir aus einer kleinen Punktionswunde am Daumen quillt und macht mir den Blick schwanken. Schwink schwank.
Ich koche. Beziehungsweise nenne ich es ‘kochen’, aber in Wahrheit mache ich mir nur etwas zu essen. Einen Eimer Salat, einen Trog Blumenkohlauflauf. Dazu den Schmusierest aus der Kanne. Einmal wie immer, wenn es gut werden soll. Nächste Woche.
Neuer Stundenplan, die Therapeutin ist wieder da. Unübersichtlich viele Dinge für die Schule zu tun. Zu schaffen.

“Es gibt nur ‘effiziente Reihenfolgen’.”
Ich hab sie genau vor mir. Groß, schlank, straff. Ein hoher Kragen umringt ihren Hals, ihre Haltung ist klar und gerade. Sie ist nicht Fräulein Rottenmaier, aber irgendwie doch.
“Und was du da treibst, ist NICHT effizient.”
Den Daumen im angesüllerten Taschentuch schiebe ich das Hundefutterfleisch aus dem Schwappbereich des schon laufenden Wasserkochers, verschiebe damit das Schneidbrett und die Auflaufform. Ein Stück Gurke kullert auf den Küchenboden. Semiclean, aber noch nicht geeignet für eine Antibiotikaanzucht. Kriegt NakNak* halt auch noch ein paar pflanzliche Fasern. Wieder was vermultitaskt. Ha!

Ich vergesse den Auflauf zu würzen, angle die Plastikdose für die Fleischreste aus der Spüle, spüre sie wie etwas, das mir aus dem Mageninneren nach außen boxt. Der Daumenstich tut noch weh, blutet aber nicht mehr. NakNak* schmatzt und schiebt ihren Napf durch den Flur. Ich schneide das Gemüse, genieße die Symmetrie der Schnitte, den Geruch der Tomategurkefrühlingszwiebel-Koblauchrest-Mischung. Bin hungrig und eigentlich schon längst satt.

Dann bin ich fertig und auf der Arbeitsplatte steht nur noch die große orange Schüssel mit dem Salat drin.
Alles andere ist weggeräumt, abgewaschen, saubergemacht. Von ihr nehme ich an, weiß es aber nicht. Finde es auch nicht wichtig. Nur beklemmend. Wie sie mir Zeit und Raum klaut, während ich etwas tue, das ist doch scheiße.

Und dann die Stille. Mit der bin ich alleine. Natürlich.
Das darf ich ganz für mich haben. Dieses Nichts, in dem ich und das Essen allein miteinander sind und ich mir doch lieber aus der Haut fahren will. Mit dem Radio auf voller Lautstärke, offenen Fenstern und Windgeschwindkeitsgeräuschen auf beiden Ohren.

“Führerschein machen” schreib ich mir auf, als ich und andere ein PC-Spiel spielend, das Handy checken und durch das Salatkrachen im Mund einen Podcast zu hören versuchen.

die Reibe, die Schule, die Selbst_Verletzung

Es gab Reibekuchen. Das Reiberaspelding steht neben der Spüle. Bereit abgewaschen und wieder in die letzte Ecke gestellt zu werden. Weit weg. Aus dem Blick. Aus dem Sinn.
Als meine Narben noch hart waren, hatte ich beim Rüberstreichen manchmal gedacht, dass ich sie mal als Reiberaspel benutzen könnte. Oder als Waschbrett. Waschbrettbauch, Waschbrettarme, Wäsche würde nie ein Problem für mich sein.
Heute sitze ich in der Küche und denke darüber nach, ob ich mir den Traumascheiß runterratschen könnte, wie das Außen einer Karotte.

Wir sind seit mehr als einer Woche zu Hause. Alleine. Wir haben zu oft weder gesprochen, noch in Worten gedacht. Nicht mal beim Schreiben ehrlich gesagt.
Es tut uns nicht gut. Nicht so. Das alleinsam sein, obwohl man in der Schule sein oder wenigstens etwas für die Schule tun müsste. Wir würden mehr für die Schule machen, müssten wir nicht mehr dahin. Komisch, aber isso.

Heute sind wir in der Schule verabredet, um zur Schule zu gehen, aber keine Schule zu haben. Nur lernen. Keine Schule. Das geht. Glaub ich. Die Starre ist noch nicht wieder da. Ich habe keine Angst, fühle mich nur bedrängt. Unsicher, weil ich nicht weiß, was ich erwarten kann. Neben dem, was ich erwarten muss und mir schon beim Gedanken daran die Überforderungsübelkeit in den Bauch rauschen lässt.

Hätt ich eine Mutti würd ich sie fragen, ob sie mit mir kommt. Mir die Hand hält, mir das Gefühl gibt sicher zu sein. Ganz generisch. Hab ich aber nicht. Nicht mehr und eh nie so. Wär meine Mutter hier, wüsste von all dem, sie würde sagen “Nu komm.” oder “Nu mach” und ihren Kopf in einer vagen Bewegung durch die Luft schwenken wie so ein Weihrauchdings in der katholischen Kirche.

Ich weiß nicht mal wovor ich Angst habe. Niemand da sieht mich so jung und nichtig, hilflos, ohnmächtig, wie ich mich fühle. Sie sehen mich als Erwachsene und gehen entsprechend mit mir um. Sie wissen nicht, dass sie mich damit überfordern. Nicht, weil ich in Wahrheit ein Kind bin, sondern weil mich von einem Kind in vielen Dingen nur das Alter unterscheidet.

Wie oft habe ich mich früher nach solchen Schulverquerungen verletzt, um mich selbst davon zu überzeugen, wie wirklich schwach, verletzbar, grundfest unsicher ich tatsächlich bin. Wie wirklich unerträglich die Dissonanz, die Inkongruenz zwischen dem ist, wie ich auf andere Menschen wirke und dem, wie ich bin.
Komisch, wie ich heute vor allem diese Gefühle von Verletzlichkeit und profunder Eigentlichgarnichtsicherheit aus mir rausschneiden will.

9 Uhr 22. Der Heizungsmensch war da. Die Wohnung wird wieder warm.
In einer halben Stunde muss ich los.
Die Reibe bleibt wo sie ist.

28 und 29

Kurz vor Mitternacht.
Draußen ist es warm kalt gewesen. Die Luft wusste nicht, ob sie uns beißen oder streicheln wollte. Komisch, dieser Winter.

Beim Besuch noch kurz vorm Einschlafen, stehe ich jetzt aufgedreht in meiner Küche und weiß nicht ein noch aus. NakNak* rumpelt sich grunzend in der Küchenbankkurve zum Hundeschlafball zusammen. Ich öffne das Fenster und lasse sie dunkle Stille auf meine Front treffen.

Wir haben über unsere Zukunftskreisel gesprochen. Was wir gerne würden und was alles könnten, was ja, was nein und was eine Entscheidung bedeuten könnte.
Und, weshalb manche Optionen überhaupt nur da sind. Sie hatte sehr recht, als sie sagte, man müsse nicht immer alles können, was man in der Zukunft vielleicht braucht. Und, dass viel der Hartz fear in unseren Überlegungen eine Rolle spielt.
Dass wir schon viel Zeit verloren haben. Dass wir mit einem Studium, egal von was, von dem abkämen, was wir könnten.

Da wirds dann neblig. Was wir können.
Wir können von vielem ein bisschen. Nichts spezialisiert.
Wir müssten in die Kunst, in der Kunst bleiben, in der Kunst wachsen und ausreifen. Unter Bedingungen, die uns den Raum lassen.
Und wir müssten dran bleiben. Immer weiter machen.
Das ist so fragil. So Hartz 4. Und damit nicht, was wir wollen.
Auf der anderen Seite: Niemand will Hartz 4. Niemand. Jemals.

Wenn es das Kafka-Einsteinmodell wird, ist es wohl gut. Morgens Obstkisten stapeln, nachmittags auf Papier explodieren.

Zehn vor 12.
Als ich auf mein Handy schaue, erinnere mich daran, dass ich meine Sprachlernlektion mit Duolingo noch nicht gemacht habe.
Zwei Minuten vor Mitternacht bin ich fertig. Den 143 sten Tag in Folge Norwegisch, seit ein paar Tagen auch Dänisch.
Als die kleinen Lingot-Schatztruhen vor mir auf und ab hüpfen, erinnere ich mich an die Motivation, diese Sprache zu lernen. Überhaupt eine weitere Fremdsprache richtig ordentlich zu lernen. Sie kam auch aus der Hartz fear und dem Spüren, dass sich das Leben in Deutschland, in Europa, in der EU, auf diesem Planenten in den nächsten Jahren sehr verändern wird. Für die meisten ist das Teil unseres Hangs zur Katastrophisierung. Bitte schön, sollen sie es denken. Aber die Sicherheit, die Beruhigung, die brauchen wir doch. Und uns reicht kein “da mach dir mal keine Sorgen, das wird schon alles werden”, wir brauchen konkrete Ideen, was wir dann machen. Wo wir dann hingehen, worauf wir uns in uns und aus uns heraus verlassen können. Und das ist im Moment so verdammt wenig.

Wir haben keinerlei Ersparnisse, keinen Beruf erlernt, der nicht in 10 Jahren obsolet ist. Wir kosten, ohne wertzuschöpfen. Das ist die Realität. Völlig losgelöst von uns persönlich oder dem, was andere Menschen subjektiv empfinden. Wir sind kein gesellschaftliches Element, das gesellschaftliche, politische, ökonomische, wirtschaftliche Krisen überstehen kann, weil es noch auf etwas anderes als den bloßen Überlebenstrieb setzen kann.
Für viele Leute, mit denen wir darüber sprechen und denen wir das so sagen, klingt das nach traumabedingten Selbstwertkomplexen. Nach “sich nichts zu trauen”. Nach “die schönen Seiten nicht sehen”. Nach “der Zukunft nicht trauen”.  Nach Katastrophisierung eben. Also etwas, das man von sich schieben muss, weil es zu schlimm ist, Angst macht, am Ende keine Antwort hat. In ihnen anders resoniert, als in uns, die wir wissen, wovon wir da reden.

Deshalb gehen wir so oft aus Gesprächen über unsere Zukunftskreisel und fühlen uns dumpf, orientierungslos, planlos. Versuchen, uns an die kleinsten Schritte zu halten, versuchen wirklich, von Tag zu Tag zu leben, zu denken, zu arbeiten, weil uns nur das als jetzt relevant benannt wird. Und einige Zeit später können wir es dann nicht mehr aushalten. Diese Kontextlosigkeit des Tag für Tag, die sich auftut, wenn man nicht auf eine klar definierte Zukunft, einen Zweck des eigenen Machens hinwirkt.

Dann versuchen wir das weiter. Und weiter. Und aus Kontextlosigkeit wird Sinnlosigkeit. Wird Bedeutungslosigkeit. Wird Verzichtbarkeit. Wird das Moment, in dem wir uns vor uns selbst ekeln, weil wir um unser selbst weiterleben und machen. Müssen. Sollen. Obwohl es uns weder braucht, noch wünscht, noch will. Dieses Leben. Dieses Alles. Nie, weil es so ist.

Das ist ein Trigger. Eine Lage, ein Headspace, könnte man so sagen, in dem wir uns wieder in sadistischer Quälerei befinden.
“Sei am Leben, bleib am Leben, damit ich dich quälen kann. Du lebensunwertes Drecksvieh. Geh weg, ich mag dich kaputt. Bleib hier, ich will dich kaputt machen. Für nichts und wieder nichts anderes als das Moment des Leidens. Mach mir eine Freunde – versuch mir zu entkommen. Du kannst mir nicht entkommen, denn ich bin die Macht. Ich hasse dich, ich brauche dich. Stirb endlich. Steh auf. Beweg dich. Mach was, ich will es kaputt machen.“

Und das ist das Tor zur Hölle einfach. Das auszuhalten und wie eine abgekapselte Eiterbeule, die zu berühren unvermeidbar ist, durch den Alltag zu tragen, in dem das niemand sieht, niemand versteht, niemand aus eigener Erfahrung mitfühlen kann – das ist grauenhaft. Wirklich.
Und für uns Realität.

Das heißt nicht, dass wir das nicht von unserem Leben heute unterscheiden können. Wir sehen sehr wohl die Unterschiede. Sehen unsere Selbstbestimmung, sehen und fühlen, dass wir auch geschützt, bestärkt und in Teilen getragen werden. Wir wissen, dass es nicht das selbe ist. Aber die Notgefühle, die Ohnmachtsgefühle, die Bitterkeit der Wahrheiten um uns selbst herum, die sind die Gleichen und es gibt keinen anderen Grund außer Vermeidung, Nichtanerkennung oder wohlmeinender Ignoranz, uns zu sagen, dass das ja gar nicht sein muss. Dass es ja auch ganz anders sein könnte. “Wenn nur…”

Ich weiß nicht, ob man als außenstehende Person, die das jetzt liest bis hier hin überhaupt folgen konnte.
Nun ist es 4 Uhr morgens. NakNak* atmet ihren Schlaf ein und aus. Der Kühlschrank summt. Ich fühle mich allein. Einsam. Und endlich auch müde. Vielleicht musste mal so aufgeschrieben werden. Für nichts und wieder nichts. In all seiner Sinnlosigkeit.
Mir bedeutet es etwas.
Das ist ja immerhin was.

24

In dem Fach mit ~dem~ Lehrer wird es eine 3 zum Halbjahresende. Meinen Frust darüber merke ich, wie durch dickes Eis. Ich bin müde. Hatte gestern einen Durchfall-Bauch- und Magenschmerztag mit viel liegen, etwas arbeiten, etwas dissen. Heute morgen kam ich zur Schule und dachte nur: Der kann mich nicht mal, so sehr will ich mir die Probleme mit ihm egal sein lassen.
Es soll mich nicht berühren. Nicht so. Nicht dafür. Es ist so egal.
Er wird es einfach nicht mehr raffen. Ich behalte meine Kraft.

“… Das, was du da hast … diese ~Krankheit ..?” Ich bin eiskalt. Es berührt mich nicht. Es trifft mich. Ich bin kalt kalt kalt. An meinen Rändern stapeln sich die Eiskristalle zu langen spitzen Stacheln, um die Entfernung zwischen ihm und mir zu füllen. “Behinderung” denke ich. “Sag doch einfach Behinderung, meine Fresse, das ist kein böses Wort, bedeutet nichts schlechtes, ist nicht ansteckend. Nenn es einfach beim Namen.”

Nichts. Ich lasse das wegplätschern. Ist egal. So egal.

Die Lehrerin in dem Fach hat mir heute gesagt, dass wir die praktische Prüfung von 6 Stunden in einem Rutsch, in 2 Teile von je 3 Stunden aufteilen. Enthinderung. Wunderbar.
Nachteilsausgleich, was bist du für ne geile Scheiße.

14

“Lassen Sie diesen Tag einmal ganz groß in sich werden.”, sagt die Therapeutin zu ihr und sie bläst ihn auf. Diesen Tag. An dem für sie alles super lief, weil sie gut funktioniert hat. Halb 5 aufzustehen, war für sie kein Problem. Sie weiß ja erst, wenn sie diesen Text liest, dass wir 2 Stunden vor ihrem Aufstehen ins Bett gekommen sind. Nach Stunden voll Rotz und Wasser, Not und Tick-Tack-Stacheln- besetzter Stille, in denen der eine Flashback abebbt und der nächste schon in den Startlöchern steht.

Für sie war es schön viel Zeit, noch schnell für die Klausur in 3 Stunden zu lesen, vor der die andere schon seit 2 Wochen Angst hat, weil sie so gut wie nie im Unterricht ist und ihn zu Hause nicht nacharbeiten kann. Sie fand es toll, endlich mal Zeit für ein langes Frühstück zu haben. Sie mag langes Frühstücken, denn für sie ist es schwammig schöne Wurschtelzeit ohne Grenzerleben. Ein Zeitgefühl, das so nur die Dissoziation entstehen lassen kann, die nötig ist, um Essverbote runterzuwürgen, Negativassoziationen gar nicht erst zu bemerken und auch die Arbeit der Selbst_Organisation, die zur Konstruktion so einer Mahlzeit nötig ist, weder zu bemerken, noch sowie daran beteiligt zu sein.

Sie mochte das duschen, das wir so sehr hassen, weil es einfach alles hat, was aversiv ist. Ich habe keine Vorstellung davon, was für sie daran angenehm sein könnte. Der Krach? Die Hitze, die die eine braucht und die andere ausnutzt? Die Seife, deren Glibsch einfach immer Ekel antriggert?  Das nackt in einem Raum stehen, der so konstruiert ist, dass man die Tür weder hören noch im Blick behalten kann? Der Umstand, dass potenziell jederzeit jemand da rein könnte, weil man nicht abschließen kann und er über den normalen Hausflur zu betreten ist? Oder sind es die Handtücher, die vor 17 Jahren von den Großeltern geschenkt wurden und noch immer nicht losgelassen werden können? Ist es, dass es in unserem Duschraum keinen Fußboden, kein Fensterrollo und weniger als 3 m² Platz gibt?
Oder geht es auch hier darum, dass es sich für sie einfach wie eine Blindfahrt durch Nebel anfühlt, über die sie, ohne es bewusst zu haben, eigentlich so überhaupt keine Kontrolle hat?

Sie beschrieb wie gut die Klausur lief, wie heute einfach alles gut lief und schön war und wie gut es war, nach der Schule eine Stunde schlafen zu können. Wie nötig das war, um in der Therapie sein zu können, weiß sie nicht. Dass sie heute komplett auf Mate-Tee und Koffeintabletten lief, weiß sie nicht. Dass sie maximal unproduktiv in der Schule war, weiß sie nicht. Dass es hier bei uns brennt und schreit und in alle Richtungen rennt, weiß sie nicht.

Nicht, weil sie nicht will. Einfach, weil sie sie ist.
Und nicht wir.

13

Ein Aspekt, der in solchen Situationen auch immer wieder untergeht ist, weshalb wir überhaupt ständig so ein Kanarienvogel werden. Es gibt Menschen, die uns immer wieder antragen, dann doch einfach nichts zu sagen. Und es gibt Menschen, die glauben, dass wir dann immer etwas sagen, weil wir so mutig und stark sind. Oder weil wir ein bisschen Stunk machen wollen. Weil wir Regeln ablehnen und generell keine Autorität anerkennen wollen.

Alles Quatsch und tragisch schlimme Missachtung dessen, was wirklich bei uns vorgeht.

Würden wir keine Verantwortung tragen müssen (aka Würden wir zu anderen Zeiten leben), würden wir keinerlei direkten Kontakt zu anderen Menschen aufnehmen. Selbst dann nicht, wenn wir sehr krank wären oder in irgendeiner anderen Not.

Wir gehen zur Schule, weil wir müssen. Weil man sich die Grundversorgung in unserer Gesellschaft erarbeiten und also verdienen muss. Wir waren in Betreuung, weil wir mussten. Weil man Verantwortung für sich und die eigene Bürokratie begleitet erlernen muss, will man zukünftige Entwicklungen selbst schaffen. Wir haben erste Freund_innenschaften geknüpft, weil wir mussten. Wir brauchten Leute, die bemerkt hätten, wenn man uns wie immer wieder angedroht, getötet hätte.

Heute haben wir Freund_innen, die damit zurecht kommen, überwiegend über dieses Blog, Twitter und Messenger mit uns in Kontakt zu sein. Indirekt also. Sehr selten und meist sehr konkret über eine Sache verbunden auch direkt.

Was uns in unseren heutigen Menschenkontakten immer wieder zum Verhängnis wird ist, dass wir aufrichtig daran interessiert sind die Dinge zu tun, die uns aneinander binden. Wir gehen nicht zur Schule, weil man uns zwingt und dann sitzen wir da unsere Zeit ab und alles ist uns egal. Wir gehen dahin, weil wir gezwungen sind, mit etwas da raus zu gehen. Und um das zu kriegen, müssen wir Lehrer_innen gut zuhören, ihren Anweisungen folgen und in uns so transformieren, dass wir am Ende auch kriegen können, was wir wollen. Den Abschluss.
Wir hören ihnen also zu. Wir sind also aufrichtig daran interessiert, was sie uns sagen. Und wir machen auch wirklich so gut wir können das, was sie uns sagen.

Das ist an sich schon mal irritierend für die meisten Berufschullehrer_innen. So hohe Eigenmotivation und Interesse an der Sache erleben sie nicht oft. Bei manchen habe ich auch den Eindruck, dass sie überhaupt keinen Umgang damit haben, einfach so anerkannt zu sein als jemand, die_r etwas beibringen kann und also auch soll. Dass sie wirklich und echt einfach so anerkannt werden – auch ohne soziales Rumgebuckel, Geschleime oder andere soziale Täuschungsmanvöver – und angesprochen werden wie Leute, an die man ganz selbstverständlich auch Dinge wie bessere, konkretere Erklärungen abverlangt, gerade, weil das ihr Job ist.

Einerseits ist das total traurig und andererseits total normalisiert.
Eine der üblichen Alltagsdissonanzen, die wir wir bis heute nicht verstehen. Status wird über Fähigkeit und Funktion definiert, aber Funktion und Fähigkeit zu fordern, gerade, weil das so ist, ist falsch, gilt als stark und mutig, frech, machtkritisch … manchmal aber auch als naiv und zu belächeln.

Wir kommen über dieses Nichtverstehen nicht hinweg. Vor allem nicht, weil das so besteht und es niemanden stört bzw. von niemandem sonst auch als Dissonanz eingeordnet wird.

Wir geraten immer wieder in solche Momente, weil wir zu spät merken, dass wir wieder mitten drin sind.
Das Klinikding vor inzwischen bald 3 Jahren war so ein Ding. Sehr viele Probleme mit Lehrer_innen, Behördenpersonen und ehemalig als Freund_innen und Gemögte eingeordnete Personen gehen darauf zurück.
Darauf, dass wir sie und ihre Funktionen, ihre Rollen und alles, was sie uns sagen – dass wir unsere gemeinsame Verbindung so ernst nehmen, wie wir denken, dass man sie ernstnehmen muss und also nicht einfach sagen darf: “Ja ok mir egal/Ja ok will ne Autorität sein, obwohl sie_r sagt sie_r will ne Partner_in sein – scheiß egal/Ja ach scheiß was drauf, sind halt Lehrer_innen/Chefs_innen, is halt scheiß Schule/Arbeit…”.

Unser Fehler ist einfach diese Verbindung einzugehen und aufrichtig in dieser Verbindung zu sein.
Wir machen das nie halb oder nur ein bisschen oder mit Intensionen, die wir dann nicht offen aussprechen, weil man dann vielleicht nicht mehr mit uns verbunden sein will. Wenn wir Kontakte eingehen, dann gehen wir richtig rein.

Heute denke ich, dass wir aufgrund dieser Eigenschaft auch nur in den Ausstieg und die Ablösung von der Familie*° gehen konnten. Wir können Dissonanzen nicht ausblenden und weil wir gleichzeitig so sehr in Verbindung mit Menschen gehen, sagen wir ihnen auch, wenn so eine Dissonanz da ist. Nicht, weil wir so hammer mutig sind oder immer Kraft für die Konsequenzen haben, sondern, weil die Dissonanz da ist und es keine geben sollte, wenn alles richtig läuft. Beziehungsweise, alles richtig ist. Und dass alles richtig ist bzw. richtig läuft: das sollte in einer Beziehung/Verbindung doch im Interesse aller sein, sonst hätte sie keinen Sinn. Jedenfalls nicht für uns.

Wir benennen Dissonanzen/Unlogiken/Unstimmigkeiten, weil es solche Dissonanzen sind, die uns quälen, absorbieren und bis heute spalten, wenn wir alleine damit sein müssen. Und, weil wir einfach unser Leben lang genau damit immer allein sind.
Auch dann, und das ist, was uns regelmäßig in depressive Einbrüche bringt, wenn wir anderen Menschen davon erzählen und sie versuchen zu verstehen. In der Regel verstehen sie nämlich nicht oder kommunizieren uns ihr Verständnis immer wieder so, dass wir zu dem Schluss kommen, sie verstünden gar nichts und für uns eine weitere Runde soziale Flauschigkeit für andere Leute eingeläutet wird, damit sie ihre Intension für genug gewertschätzt empfinden plus Alleinigkeit mit dem, worum es eigentlich geht.

Das ist Spaltung. Das ist eine Dissonanz in uns. Denn nach außen flauschen wir, damit wenigstens eine Person okay aus der Situation kommt und nach innen leiden wir und prozessieren etwas, was niemand versteht, niemand sieht und niemand als anstrengende Nebenherarbeit im Alltag mitdenkt.
Wenn wir sagen, dass uns soziale Interaktion über alle Maße anstrengt, dann liegt das auch an genau solchen Nebenherprozessen, die Kapazitäten für Einfühlen, Mitdenken, Sprechen, passende Mimik und Gestik machen, Sinnbilder und Memes erkennen und decodieren, Kontakt zum Eigenen behalten, rauben.

Und wofür das alles?
Ganz runtergedampft und alle soziale Konnotation rausgestrichen: Um in einer Welt zu überleben, die so ist, wie die, in der wir gerade leben.

In früheren Menschenszeiten wären wir ein_e Einzelgänger_in geworden, sobald wir uns die groben Basics zum Überleben angeeignet hätten. Wir brauchen andere Menschen nicht, um uns draußen in der Natur/Wildnis sicher zu fühlen. Wir brauchen andere Menschen nicht, um uns selbst zu spüren. Irgendwie funktionieren wir an der Stelle einfach anders und spüren genauso sicher, dass dieser Wahrnehmung keine traumabedingte Begründung hintersteht.
Wir hassen Menschen nicht. Wir misstrauen ihnen in der Regel, wenn sie auf uns zukommen und so tun, als würden sie uns niemals schaden können oder wollen. Wir sind in dem Misstrauen bestätigt, wenn sie die Möglichkeit, dass das irgendwann, warum auch immer, mal der Fall sein könnte, vehement abstreiten. Aber das ist nicht der Grund weshalb wir von uns annehmen, eigentlich als Einzelgänger_in glücklicher, entspannter, ungespaltener zu sein.

Wir müssten einfach keine Dissoanz mehr ertragen. Und wir müssten damit nicht mehr allein sein, obwohl die Chance auf Mehrsamkeit scheinbar so so so nah ist. Wir würden unsere Dinge machen und wenn wir etwas außerhalb von uns wünschen, dann würden wir es aufschreiben.

Es gäbe keine Verbindungen mit Sollbruchstelle am gegenseitigen Verstehen mehr. Kein “So-tun-als-ob-man sie eigentlich-in-Wahrheit-ja-auch-umgehen-kann-wenn-man-nur… “

Wir wären in Kongruenz mit unserer inneren Aufrichtigkeit über den Kontakt mit anderen Menschen.
Und ja, nein, das sind wir im Moment nicht und waren es noch nie.
Einfach, weil wir in heutigen Menschenzeiten leben und wir uns dafür entschieden haben. Für die Verbindung dazu. Für das Leben. Unser Leben.

Vielleicht hätten wir das nicht machen sollen. Aber jetzt ist es so und vielleicht ist das einfach die Aufgabe, die wir haben. Mit allen Konsequenzen für uns und die Menschen in unserem Leben.

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“Mach dir nicht so viele Gedanken.”, “Mach dir keinen Stress.”, “Reg dich nicht darüber auf.”.
Das sind die Dinge, die uns Menschen zu dem Problem mit dem Lehrer sagen. Und generell zu vielen, den meisten der Probleme, die wir im Leben sehen. Beruf, Zukunft, Lebensausrichtung, die Ordnung unserer Dinge und Handlungen.

So etwas macht einen Schmerz, der immer wieder neu weh tut einerseits und andererseits kaum richtig “echter Schmerz” im Sinne einer emotionalen Verwundung ist. Es ist eher eine, die!, schmerzliche Erinnerung daran, wo die Grenzen zu anderen Leuten verlaufen. Sie verlaufen für uns genau dort, wo Leute annehmen, wir würden uns Gedanken zu Dingen machen, wie man Kuchen backt oder sich selbst eine Frisur macht: zielgerichtet, eine Absicht verfolgend, vielleicht, weil man etwas anderes gerade weder will noch kann oder mag.

Unser Ausdruck von Stress über Dinge entsteht in der Regel erst dann, wenn wir durch die Kommunikation unserer Gedanken zu Dingen als etwas, das frei wählbar und vermutlich die Folge von Vermeidung anderer Optionen sei, merken, dass wir allein mit dem Problem sind. Sicher nicht, weil die Menschen sich dafür entscheiden uns damit allein zu lassen. In der Regel wollen sie ja alle das Beste für uns. Sie sind uns zugewandt und sehen, dass es uns nicht gut geht. Aber sie verstehen uns nicht. Und, sie sehen die Dissonanz zwischen dem, was sie an uns herantragen und dem, was sie sich für uns wünschen nicht. Auch damit sind wir meistens allein.

Wir sind nicht gut in der Lösung von zwischenmenschlichen Problemen. Wir wissen das. Wir merken das. Wir leben schon einige Jahre mit dieser Unfähigkeit und trotz vieler Hilfsmittel und Krücken, die für die andere Partei in der Regel ermöglicht, gute Lösungen zu finden, bleiben wir oft mit dem Wissen zurück, dass wir ein Problem lösen, bei dem wir nichts weiter als ein Kanarienvogel in der Kohlenmine waren.

Wir geraten nie „einfach nur so“ in Schwierigkeiten. Wir zeigen sie auf und werden deshalb als die Problemursache verortet. Schlicht deshalb, weil wir unsere Gedanken nicht „machen“, sondern sie durch all die Fragezeichen und Unstimmigkeiten in der Zwischenmenschlichkeit und der Unmöglichkeit, die Zukunft vorherzusehen, zwangsläufig entstehen.

In ultra autoriären Kontexten hatten wir nie Probleme damit. Darin hatten wir unsere Gedanken und die Spaltung zwischen innen und außen. Wir haben nicht gesagt, was wir denken, haben nie geäußert, was wir uns fragen. Wir haben gehört und gefolgt und am Ende war das Ende. Es gab keine Zukunft, es gab ein Ziel, das ein weiteres Ende sein würde, über das weder nachzudenken, nachzufragen oder sich zu sorgen erlaubt nötig möglich war.

In Momenten wie dem, in dem unsere Therapeutin aus der Sache mit dem Lehrer zum Beispiel etwas macht, das in uns begründet ist; unser Klassenlehrer, dem wir von der Sache erzählten, weil er sagte, wir sollten bei Problemen immer sofort zu ihm kommen und davon erzählen, uns sagt, wir sollen uns weder aufregen noch sorgen; der Begleitermensch schon wieder nicht erreichbar ist, obwohl er uns zugesichert hatte, dass wir in der Schulzeit nicht allein mit solchen Situationen sein müssten,

da ist der Wunsch nach so einem ultra autoritären Kontext wieder da
und ich kann’s verstehen
ja, sogar nachfühlen.

Nicht, weil die Aussicht auf die globale Unterwerfung und Lossagung solcher Problemlagen so toll ist, sondern, weil es weder die real entstehenden zwischenmenschlichen Probleme, noch den Schmerz der Alleinigkeit damit, noch das Spüren der weiterreichenden Konsequenzen dieses Schmerzes gibt.

Es geht ja nicht nur um dieses eine Problem. Sondern auch um die, die da noch kommen werden. Es geht auch darum, immer Kraft für sowas bereit haben zu müssen und niemals vergessen zu dürfen, dass das ein Kraftvorrat ist, der dazu da ist, immer einsetzbar zu sein – egal, wie anstrengend der ganze Rest ist.

Es geht auch um das Gefühl der Isolation. Es gibt Menschen, die mit unserer Selbstbezogenheit wenig mehr als Pathologisierung und Negativbewertung anfangen können. Die meisten brauchen entweder lange oder schaffen es nie zu verstehen, dass wir uns nicht wie sie oder die meisten Leute, über andere Menschen oder die Interaktion mit ihnen spüren. Wir also keinen Wert für uns darin sehen, mit ihnen zu tun zu haben, sondern darin, was konkret wir mit ihnen zu tun haben. Um das etwas näher zu erklären, ein Beispiel.

Eine Person mit der wir befreundet sind, fragt uns, ob wir mit ihr Zeit verbringen. Sagen wir, wir machen eine kleine Radtour. Wir werden uns gut fühlen, weil wir radfahren und sie auch. Weil wir beide das Gleiche tun und einander erzählen können, wie es für uns war. Uns macht daran glücklich, dass wir Rad gefahren sind und, dass wir beide die gleiche Erfahrung gemacht haben und, dass wir einander davon erzählen können. Auch wenn die andere Person es vielleicht nicht so toll fand, so steht für uns nicht das im Vordergrund, sondern die Schönheit der Kongruenz, über die wir uns verbinden können. Wir sind dann nicht glücklich, weil eben genau diese Person da war. Oder weil wir besondere Momente miteinander erlebt haben. Die Gleichheit der Handlung (die planbar, machbar, schaffbar war) erfüllt uns mit Zufriedenheit.

Übertragen auf soziale Problemlagen, wie dem mit dem Lehrer, ist für uns irrelevant, wie er sich fühlt, wenn wir uns schlecht fühlen. Für uns ist seine emotionale oder soziale Bewertung der Situation auch egal. Wir brauchen für uns auch nicht zu wissen, wie es ihm geht, denn uns geht es um das Ergebnis seiner Handlung bzw. einen faktisch existenten Umstand.
Beschäftigen werden wir uns in den nächsten Tagen aber vor allem damit, ihm das klar zu machen, ohne, dass er sich tödlich beleidigt oder missachtet fühlt. Und erst dann können wir vielleicht eventuell zu dem kommen, was für uns eigentlich relevant ist. Ein Problem, das wir nur durch achtsame und sachbezogene, also sehr konkrete, Kommunikation lösen und in der Zukunft verhindern können. Obwohl Schulalltag um uns herum ist, obwohl es für ihn irrelevant ist, obwohl es unbezahlte Mehrarbeit für ihn ist und obwohl es eine Veränderung in seiner Kommunikation bedeutet, von der erst einmal nur wir etwas haben (aber später könnte sich herausstellen, dass alle etwas davon haben – auch er).

Was in der Reihenfolge einfach kräftezehrend für uns ist und auch wieder ganz eigene Unfairheiten mit sich bringt. Denn ihm wird niemand sagen, er solle sich nicht aufregen, sich Gedanken machen, keinen Stress damit haben.
Ihn wird man eher noch bedauern, jemanden wie mich unterrichten zu müssen, obwohl man als Lehrer_in doch so gar nicht darauf vorbereitet wird. Ihm würde man eher noch das Fehlen von eigenen Gedanken dazu entschuldigen, denn, wie hätte er denn je darauf kommen sollen. Niemand würde ihm sagen, er solle sich keinen Stress damit machen, weil man weiß: Er hat eh schon genug unverhinderbaren Stress, weil Lehrer_in zu sein, einfach als stressreicher Job mit enorm vielen Aufgaben gedacht und akzeptiert wird. Und sollte er sich doch Gedanken und Stress machen, dann wird ihm das als Merkmal guten Lehrerseins angetan – nicht als unnötige Selbstsabotage oder Merkmal einer Pathologie der Psyche, wie bei uns.

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