Schlagwort: Innenansicht

note on: Namensänderung

Ich hab in den letzten Wochen viel geweint. Meistens, weil ich glücklich war, mehr jedoch, weil mich der unangenehme Stress in unserem Leben mein Glück hat weder fassen noch halten lassen.
Um etwas dagegen zu tun, tun wir die Dinge, die zu tun sind.
Zum Beispiel Grenzen setzen, wo viel zu lange keine gesetzt wurden. Pausen einfordern, wo sie nötig sind. Atmen. Spazierengehen. Hausaufgaben. Pausen, wann immer der erste Gedanke daran aufkommt. Dinge passieren lassen, obwohl das Gefühl, dass sie fern ab neben mir herlaufen, genauso unerträglich ist, wie die Zeit, in der alles so schön ist, dass mit alles aus dem Gesicht läuft.

Wir sind im Stress, seit Wochen “an” und ach, ich weiß doch, was uns hilft. Trotzdem habe ich die “mentale To-Do-Liste” erst jetzt so langsam wieder auf einem überschaubaren Level.
Abhaken ist nie schöner als dann, wenn die eigenen Haken im Leben auszugehen drohen.
So waren wir am Montag im Standesamt und machten den ersten Schritt auf den Antrag zur Vor- und Nachnamensänderung.
Von dem ganzen Termin habe ich, neben einem seltsamen Erleichterungsgefühl um Kostensorgen und Erlaubnis solcher Anträge, einen Zettel mit Notizen eines anderen Innen und einen Kommentar einer Sachbearbeiterin mitgenommen.

Nämlich den, dass man triftige Gründe dafür haben muss und diese sehr genau geprüft werden.
Sie schaute mich an, als suchte sie an oder vielleicht auch in mir nach dieser Triftigkeit und das wars dann schon wieder für mich. Jetzt im Nachhinein weiß ich das. Es ist “mein Trigger”. Andere Menschen die Triftigkeit meiner Gründe, die Hintergründe meines So-Seins, So-Handelns, die Wahrheit meiner Worte, aus mir rauswühlen zu spüren. Ich verliere dabei meine Haut, fühle mich schwach, rechtlos und ohnmächtig – selbst dann, wenn die Frage, die Suche, ja von mir aus auch das Wühlen eine wie auch immer gelagerte Notwendigkeit haben.

Vielleicht ist es noch nicht meine Zeit, meine Haut über den neuen Namen – vielleicht überhaupt den Wunsch danach – mit Menschen zu sprechen, wer weiß.
Aber schreiben kann ich darüber. Auch die Begründung für den Antrag kann ich schreiben.

Das ist nun ein neuer Punkt auf der Liste. Aber einer, dessen Auswirkungen schon bekannt sind.
Die Gedankenkreisel um die Realität der Gewalterfahrung. Die Kreisel darum, ob und wie es ist, so viel von sich abzutrennen, um anders weitermachen zu können. Vermutlich nicht viel freier, sicher aber befreiter.
Daneben das Wissen, dass es nie der eigene Name war und nie werden wird, denn die Zeit hat bereits jemand anderen aus uns gemacht. Egal, ob die Gewalt wirklich war oder nicht. Egal egal egal was – wir heißen für niemanden mehr so, wie es in unserem Ausweis steht. Seit Jahren nicht und für alle Jahre, die wir noch haben, soll das so bleiben.

Die Aussicht auf ein Leben ohne dieses eine Erbe, das Eltern ihren Kindern mitgeben, obwohl sie noch nicht tot sind, das macht mich glücklich. Nicht Heuli-glücklich, aber doch schon nah dran.
Wir haben einen ausgesucht, der passt und nicht schon von weitem schreit “Hallo ich bin ein Schutzname!!!”. Das war uns wichtig. Normalität. Obwohl nichts daran normal ist, den eigenen Namen komplett zu ändern.
Obwohl – wer weiß. ES passiert jeden Tag. Hinterlässt jeden Tag Spuren in Seelen, Leben, Identitäten. Vielleicht ist die Notwendigkeit einer Begründung, einer Prüfung auf Triftigkeit eines Wunsches, der letztlich doch auch wieder nur ein Akt der Selbstbestimmung ist, einmal mehr das, was eigentlich unnormal ist.

Denn um mehr geht es nicht.
Selbst.bestimmung.

von Zeitfenstern und Nichts

Seit etwas mehr als einer Woche summt es in unserem Körper.
Wir schlafen entweder nicht oder 3-4 Stunden, die sich wie das Aufladen eines sterbenden Akkus anfühlen. Etwas entlädt sich und damit uns in der Nacht mit seiner Angst, Anspannung und unkontrollierbarem Drang raus weg weg weg zu wollen.
Wobei das so richtig auch nicht ist. Neulich hatten wir eine Nacht, in der es okay war. Nach einigen Nächten mit Bedarfsmedikationsbetäubung ging es dann mal gut. Das war Montag. Dann war Therapie, dann Dienstag und gestern sind wir dann auch einmal wieder zur Schule gegangen.
Wir sind hyperarouselproduktiv wie zuletzt – ja, letztes Jahr um diese Zeit. Und vorletztes Jahr. Und damals als wir eigentlich 24/7 in latenter Todesangst waren.

Gestern hatten wir nur einen Unterrichtsblock mit einem Pflichtfach. Bester Einstieg eigentlich. Fremdsprache, später am Tag, danach frei. Die Sonne hat geschienen.
Und dann war es eine unvertretene Vertretungsstunde in einem der Räume, die wir so sehr hassen, weil sie uns körperlich weh tun. Kein Teppich, die PC’s stehen auf dem Tisch, sodass die Lüftung von links und rechts direkt vom Kopf läuft. Kein_e Aufsichtsperson, viele Schüler_innen viele Stimmen. Nichts zu tun, außer der spontanen Selbstentladung entgegen wirken.

Ich kann es nur als Balanceakt beschreiben. Obwohl es überhaupt nicht um Balance geht. Wir sind ungern im Nullpunktbereich, wo es in keine Seite ausschlagen darf, um ja nicht hinzufallen.
Es geht um klar bleiben. Selbst bleiben.
Es ist schwierig für mich zu merken, wie sehr es uns angreift und einfach total leer zieht, wenn die Schule so läuft. Obwohl sie nicht schief lief oder irgendetwas richtig Krasses passiert ist. Das wär ja toll gewesen, dann würde ich jetzt nicht hier am Donnerstagmorgen sitzen und gegen meine Ver.Zweiflung anschreiben, die meinen Gefühlen des “Heute die Schule (schon wieder) nicht schaffen können werdens” folgen.

Der Stapel der zu erledigenden Dinge hat sich verkleinert. Wir haben unsere Abgabetermine eingehalten, haben Absprachen pünktlich eingehalten, haben so etwas wie Tagesroutine etabliert. Alles in unserem kleinen Heuteheute läuft. Die Basis steht.
Die Zweifel in so einer Phase der inneren Zerschossenheit beziehen sich nicht mehr darauf, wie wir denn jemals leben sollen in der Zukunft. Es geht nicht mehr darum, ob das jetzt unser Leben für immer ist, sondern, ob das etwas ist, das als Phase immer und immer Teil der Er_Lebensrealität bleiben wird.
Ist unsere Produktivität nur eine Schale? Show? So getan als ob? Oder ist es diese manchmal so spontan und bodenlos erscheinende Überforderung von allem, was über die Basis und das kleine Heuteheute hinaus geht?

Oder sind wir produktiv und trotz erheblichen Schlafmangels und teils heftigen Zuständen der Desorientierung durch unkontrolliertes Erinnern stabil, gerade weil wir diese Basis inzwischen haben?
Vielleicht haben wir inzwischen auch einfach fein gelernt ein produktives Mitglied der Gesellschaft zu sein, das die Kaputtheiten im Privaten hat, aber im Öffentlichen läuft und läuft und läuft? Und also nur dann ins Öffentliche geht, wenn alles läuft?

In unserer Klasse ist eine Person, die mit einer Panikstörung umgeht. Sie fehlt noch öfter als wir. Wir haben sie nie gefragt, ob sie so eine Angstschleife hat, zu fehlen und dann Angst zu haben wiederzukommen, weil sie ja gefehlt hat und den verpassten Stoff eventuell gar nicht mehr aufholen kann. Und also noch länger fehlt und noch mehr verpasst bis es überhaupt keinen Sinn mehr hat überhaupt zu kommen. Was dann wieder hilft zurück zu kommen, weil es ja sowieso völlig egal ist.
Das ist nämlich etwas, wogegen wir dauernd ankämpfen. Neben dem ganzen anderen Kladderadatsch.

Da ist keine Angst für Nichtleistung bestraft zu werden. Da ist die Angst diese Leistung niemals mehr erbringen zu können, weil das dafür vorgesehene Zeitfenster vorbei ist.
Bei uns mischt sich das gerade sehr ungut zusammen, denn wir arbeiten mit noch desorientierten Innens, die uns genau jetzt summen und brummen lassen, weil sie auch nach 15-20 Jahren nicht wissen, dass ihre Zeitfenster vergangen sind. Dass ES vorbei ist.

Es gibt einen Unterschied zwischen der Herausforderung im Rahmen eines Schuljahrs bestimmte Lernziele zu erreichen und der Herausforderung, vor der manche von uns als 12, 13, 14 Jährige.s standen, auf den Punkt und ohne jede Möglichkeit von Aufschub, Zögern, Zurückweichen oder Verweigerung etwas zu leisten, selbst dann wenn der Akku, der Geist, die Seele leer war.
Das Problem ist die Nichtkonsequenz.
Wie bringen wir denn nach innen, dass da jetzt gerade nichts passiert? Wie beschreibt man denn Nichts?
Wie spürt man Nichtversehrung nach?

Jede Wahrnehmung ist das Ergebnis der neuronalen Einordnung einer Veränderung am oder im Körper, die zurückgemeldet wurde. Man fühlt Dinge, weil die Haut der Finger die Dinge berührt haben und das etwas macht. Druck, Hautzellabrieb, Temperaturveränderung, Lageveränderung und und und. Man fühlt auch emotionale Dinge nur deshalb, weil die körperliche Reaktion immer eine mehr oder weniger große Veränderung des Hormoncocktails ist, der verschiedene Vorgänge im Körper anstößt oder verhindert.

Aber Nichts macht ja nichts.
So bleibt man dann zurück auf Allgemeinplätzen wie der eigenen Körperlichkeit, der eigenen Lage und der direkten Umgebung.

Da will man gleich das Reorientierungsglöckchen läuten, weil sich das doch total anbietet, aber gerade das tut es nicht. Desorientierte Innens sind nicht nur in der Zeit desorientiert, sie sind es auch in sich und uns, ihn ihrem Status, ihrem Fühlen, ihrem Werten und ihren Befähigungen.
Die, mit denen wir im Moment arbeiten, können gerade gar nichts.
Weil da Nichts ist.

Nichts, was sie wieder_er.kennen. Nichts, was sie selbst machen. Nichts, das ihnen zeigt wer oder was sie sind, oder sein könnten oder sollten. Das ist keine Wahl, die sie treffen und ich merke das sehr deutlich. Sie sind keine Antagonist_innen meines kleinen Lebensglücks heute. Können es schon nicht sein, weil sie das weder sehen noch als solches erkennen oder bewerten können. Es hat nichts mit ihnen zu tun, ist Nichts für sie. Vielleicht bin auch ich, sind wir Rosenblätter, Nichts für sie. Das weiß ich gar nicht.

Aber in dem Zustand kann ich sie gut verstehen gerade.
Denn ich schaue auch auf Nichts, wenn ich nicht irgendetwas mache, das in irgendeiner Form mit Leistung zu tun hat. Ich weiß, wir werden heute nicht nichts machen. Wir werden Behördendinge erledigen, liegen gebliebene Zettelage abarbeiten, werden unseren Lehrer_innen eine Email mit der Bitte um Übersendung der Unterrichtsinhalte schicken und schauen, was wir heute und morgen davon zu Hause schaffen.
Ich könnte es gleichermaßen weder ertragen noch integrieren was gerade an und in mir alles los ist.

Aber ich konnte inzwischen die Erfahrung machen, das wo sich ein Zeitfenster schließt, ein anderes aufgeht.

Einfach – so – Jetzt

Und dann ist da so ein Moment, in den ich meine Nase tief und tiefer reindrücke, um zu prüfen, ob er nicht vielleicht doch verräterisch nach Scheiße riecht.
Doch außer meinen eigenen Anstrengungsschweiß rieche ich nichts, als ich im Zug nach Hause sitze. Die abendrote Oktoberlandschaft fliegt an mir vorbei, NakNak* schläft auf meinem Schoß. Herbstferien. Wir haben so viel Zeit.

Unser Buch hat heute eine ISBN-Nummer bekommen. Ich habe keine Schmerzen, bin weder hungrig noch durstig. Es ist alles okay. Sogar die kleinen Erinnerungskrümel, die seit Wochen mal hier und mal da im Hinterkopf knirschen. Wer hätte gedacht, dass das mal gehen würde. So eine undissoziierte Daseinsform, in der alles okay ist, weil es so ist und nicht, weil man es anders nicht ertragen könnte.

Das misstrauische Schnüffeln könnte ein Faden in die Erinnerung daran sein, wie lange an allem und jedem immer auch irgendeine Falle, Gefahr, Bedrohung klebte. Und auch heute noch klebt. Da sollten wir uns wohl nicht so große Hoffnungen machen.

Aber das ist doch interessant. Die Achtsamkeit, das Bewusst.Sein eines anderen Innens könnte ein Anfang für die Arbeit an oder mit Erinnerungen sein – nicht die Erinnerungen, die ein Innen teilt oder das Gekrümel an Bildern und Gefühlen, die einfach so in meinen Alltag gestreut werden, wie Salz auf Eis.

In der Heimatstadt angekommen, merke ich, wie mir das Jetzt gefällt. Dieses Einfach – so – Jetzt, in dem ich einfach so mit NakNak* zum Fahrradständer gehe, sie in den Anhänger setze, einfach so nach Hause fahre, esse, lese und von dem Faultier umarmt einschlafe und mich auf morgen freue, weil morgen auch vielleicht einfach so – Jetzt sein könnte. Und wie toll das wäre.

Autismus, Trauma, Kommunikation #4

Von Menschen misshandelt zu werden, verändert den Blick der misshandelten Person auf Menschen.
Manchmal ganz pauschal, manchmal ganz spezifisch. Manchmal sehr stark und manchmal nur ein wenig.
Dass das passiert ist keine Entscheidung, sondern Glanzstück menschlicher Evolution.
Es dient der Anpassung, sich sehr genau mit allen möglichen Anzeichen tödlicher Bedrohungen zu befassen und darauf zu reagieren. Zum Beispiel, in dem man die innere Einstellung, die innere Haltung, die innere Bewertung in Bezug auf das, was einmal als (auch konkret versehrende/ traumatisierende) Bedrohung erfahren wurde, verändert.

Viele Menschen, die von Menschen misshandelt, gequält, gefoltert, ausgebeutet wurden, sind Beobachtungsspezialist_innen für das, was andere Menschen tun, sagen, machen – oder genau nicht tun, sagen und machen. Manchen Menschen hilft bei dieser Beobachtung ein erhöhtes Erregungslevel (der Hyperarousel), bei dem durch den entsprechenden Stresshormonspiegel eine zeitweise erhöhte Leistungsbereitschaft gegeben ist. Viele Menschen, die von anderen Menschen misshandelt und sogar davon traumatisiert wurden, erleben andere Menschen als Trigger (Auslöser) für das Erinnern/Wiedererleben an die Misshandlungserfahrung.
So ergibt sich für viele dieser Menschen eine quasi automatische Dauerleistung, wenn sie unter Menschen sind. Und ein entsprechender Energieabfall, wenn die Situation vorbei ist. Manchmal verbunden mit Erinnerungslücken, depressiven Verstimmungen, extremer Müdigkeit und Antriebslosigkeit.

Wir nennen das “Aufregungsachterbahn” und haben viele Jahre unserer Traumatherapie damit zugebracht daraus auszusteigen. Denn dieses (stresshormonbedingte) Energie- auf-und –ab hat bei uns viele ungute körperliche Auswirkungen gehabt. Von Tagen/Wochen/Monaten, in denen wir etwa 3-4 Stunden am Tag “echt” schlafen konnten, zu Tagen/Wochen/Monaten, in denen uns 20 Stunden liegen und “schlafen” noch viel zu wenig war, bis zu Zeiten, in denen dieser krasse Energieabfall sogar zu Suizidversuchen aus “heiterem Himmel” geführt hat, war für uns viel dabei. Geblieben ist uns ein Stoffwechsel, der dazu führt, dass wir sofort sehr viel zunehmen oder sofort sehr viel abnehmen, wenn bei uns irgendwas irgendwie ~traumastressig wird; aber auch, dass wir völlig unberechenbar auf Medikamente reagieren.

Kurzer Einschub dazu: Es gibt die Erzählung, dass verschiedene Innens bei Menschen, die viele sind, verschieden auf Medikamente reagieren. Können wir bestätigen, allerdings alles auf Basis des Erregungslevel bzw. den für das Innen jeweils typische Hormonmix. Wir alle Innens sind unterschiedliche Mixturen – logisch, reagieren wir unterschiedlich auf die Mixtur, die wir uns reintun.
Allerdings ist die Wirkung von Medikamenten auf lange Sicht bei uns dann doch relativ ähnlich und wir vermuten, dass das daran liegt, dass wir als Einsmensch dann eben doch am Ende des Tages irgendwie “durchschnittlich” (also “normal” im Sinne von “traumatisiert und daher erwartbar abweichend”) durchmischt sind.

Warum dieses Trauma 101?
Weil es ebenjenes Beobachten war und ist, dass uns sehr lange nicht als auch autistisch erkennbar gemacht hat.
Die meisten Menschen verbinden mit Autismus die völlige Abwesenheit von Blickkontakt und/oder generellem Interesse an dem, was andere Menschen tun, denken, wollen, fordern.
Autistischen Menschen wird auch oft abgesprochen lernen zu können oder sich in irgendeiner Form anpassen zu können. Genauso wie noch viel zu viele Menschen glauben, autistische Menschen könnten nicht traumatisiert werden, weil sie scheinbar keine Emotionen haben bzw. generell einfach gar kein emotionales Selbst_Erleben haben.

Wenn wir sehr konzentriert und aufmerksam sind für das, was uns jemand sagt, dann schauen wir die Person nicht an. Wenn wir höflich und sympathisch wirken wollen (und die Kraft dafür haben), dann schauen wir einer Person auf den Mund bzw. die Stelle zwischen Nase und Mund.
Wenn wir uns vor einer Person fürchten oder aus irgendeinem Grund irgendwie wissen, dass sie uns gefährlich ist oder sein könnte (das sind für uns besonders Autoritäten oder uns überlegene Personen), machen wir etwas mit unseren Augen, das schwierig zu erklären ist. Wir schauen sie an – aber sehen nichts. Wir wissen nicht, wie das im Spiegel aussieht – vielleicht schielen wir oder drehen sie irgendwie anders merkwürdig? Auf jeden Fall sieht es so aus wie Blickkontakt, ist aber keiner. Wir wissen ganz genau, wie wir das gelernt haben und, dass wir das nicht freiwillig gelernt haben, so wie man vielleicht lernt, ohne Stützräder mit dem Rad zu fahren.

Aufzuwachsen in einer Umgebung, in der das, was Menschen tun, nie vorhersehbar und begreifbar war, hat sicherlich dazu beitragen, dass wir einen gesteigerten Antrieb haben, Anzeichen für Gewalt an uns möglichst vorherzusehen oder zu erahnen bzw. begreifen zu wollen, was da passiert (ist).

Unser Problem: Wir haben das auch bei banalen Alltagsdingen, die 0,0000irgendwas0 mit Gewalt, Angst, Furcht, Trigger oder so zu tun haben.
Anzeichen für die Intension eines Verhaltens erkennen und einordnen zu können, erfordert zwingend die Fähigkeit (und bis zu einem Punkt auch Fertigkeit) sich vorstellen zu können, was die andere Person denkt und also glaubt und fühlt (also auch: ein gewisses Mitfühlen dafür zu haben, was was in einer Person auslösen könnte) Stichwort dazu: “theory of mind” – nicht: “Empathie”

Uns in die Sicht anderer Menschen hinzuversetzen, bedeutet enorm viele Optionen für uns und enorm viele Endergebnisse, die für uns alle gleich wahr, alle gleich realistisch, alle gleich wahrscheinlich und alle gleich relevant erscheinen. Erst mehr Zeit und Ruhe ermöglicht uns, das alles auseinanderzuhalten und zu ordnen.
Und erst Rückfragen, “Testfragen” oder andere aktive  Wahrscheinlichkeitsüberlegungen versichern uns dann am Ende.

Im letzten Text habe ich das schon einmal formuliert und endete damit, dass man sich vorstellen möge, wie es ist, so zu funktionieren und dann in eine Gesprächspsychotherapie zu gehen.

Man kann sich das so vorstellen, dass diese Form der Psychotherapie für uns das Anstrengendste aus allen Welten bereithält und entsprechend irgendwo zwischen “Ich mach das, weil ich Schiss hab, aus Versehen zu sterben, weil ich mich nicht genug um meine “Heilung” kümmere” (also etwas, was wir aus einer gewissen Todesangst~Überlebenschance heraus tun – egal wie anstrengend es ist) und “Ich mach das, weil es keine Alternative zu dieser Form gibt”, rangiert.

Wir arbeiten in der Therapie. Und das machen wir nachwievor mit all der Motivation, die wir angesichts der Alternativen eben aufbringen können. Allerdings haben wir in dieser bei uns ja doch sehr langen Arbeitszeit übermäßig lange eher so “Basiserfolge” gehabt, die durchaus hätten mehr sein können.

Das schreiben wir nicht, weil wir überhöhte Ansprüche an uns stellen. Wir haben nicht die Idee, dass wir schon längst hätten geheilt sein können oder wenigstens mal ein komplett hergestelltes biografisches Erinnern im normalen Rahmen oder nicht mehr viele sein oder oder oder.
Das schreiben wir, weil wir merken, was für eine steile Kurve wir genommen haben, seit die Autismusdiagnose steht, gezielt an Probleme herangegangen wurde und wir dadurch selbst ganz konkret merken: so komplett kaputt und gefühlskalt traumatisiert, wie wir von einigen Therapeut_innen eingeordnet wurden, sind wir überhaupt nicht.  Wir sind ja gar nicht unfähig, dieses tiefenpsychologische Gerede zu verstehen – da war jemand unfähig zu verstehen, dass wir nicht vermeiden (oder sich eine Soziopathie zeigt), wenn wir sagen, dass wir Dinge, die uns Therapeut_innen oder auch Selbsthilfemedien antragen, nicht nachvollziehen können.

Wir sind jahrelang immer wieder darüber gestolpert, dass wir gefragt wurden, was es bedeutet, wenn wir etwas fühlen oder denken oder glauben.
Manchen neurotypischen Menschen hilft diese Formulierung, einen anderen Blick und eine andere Ebene in Bezug auf sich selbst einzunehmen und so ihre Schwierigkeiten anders zu betrachten. Uns hat es einfach nur verwirrt und manchmal auch frustriert, denn es hat dazu geführt, dass wir uns Therapeut_innen massiv unterlegen gefühlt haben, weil sie unserem Verstehen nach etwas zu sehen bzw. um etwas gewusst zu haben schienen, von dem wir weder wussten noch selbst etwas empfanden. Und selbst nach ewiger Auseinandersetzung, Konfrontation und sogar Explorationen traumatischer Erfahrungen (auch nicht für uns allein) auf den gleichen Stand gekommen sind.
Wir haben deutlich gemerkt, dass uns da etwas fehlt – und es wurde immer als Ergebnis der Dissoziation angenommen. „Sie sind dissoziiert, deshalb sind sie getrennt von Gefühlen (für andere)“. Das mag für traumatisierende Situationen (oder Situationen, die daran erinnern aufgrund des erwähnten Stresshormonmixes) stimmen, passt aber nicht mehr in Alltagssituationen.

Nun frage man sich, was das mit uns gemacht hat, nach dem gewaltvollen Leben in Manipulation und permanenter Ansage, man wisse alles von und über uns, ausgerechnet in einem therapeutischen Setting immer wieder in genau diese Verwirrung bzw. dieses Gefühl der Unterlegenheit bzw. „Durchschautheit“ zu kommen.
Richtig: es hat Spaltung gemacht. Dissoziation. Und zwar gründlich.
Wir Rosenblätter sind daraus (und aus anderen negativen Erfahrungen mit Menschen, die (therapeutisch, medizinisch, pflegerisch) helfen wollten oder “geholfen haben”) entstanden. Ein System, dass damit umgehen kann; die Kraft dafür aufbringen kann und trotz aller Kampfverluste einfach immer weiter dahin gehen kann, statt hinzuschmeißen und aufzugeben.

Auf unserem traumatherapeutischen Weg ist also schon mal grundlegend was schief gelaufen.
Ich denk, das können wir ruhig so festhalten und auch entsprechend bitter, enttäuscht, frustriert und zuweilen auch maßlos verärgert darüber sein. So lange wir wollen und müssen.
Denn nicht zuletzt war und ist für uns die Möglichkeit von Psychotherapie immer auch ein Versprechen von Veränderung und Verbesserung. Immer Alternative zu dem, was wir als unaushaltbares Leiden empfunden haben. Es so oft nicht eingelöst bekommen zu haben und das einfach, weil man wahlweise eine (und manchmal auch unsere) Symptomatik oder eine (und doch nie unsere) Persönlichkeit diagnostiziert und behandelt hat, aber nie bis an das Funktionieren als Mensch, der wir sind und der auch dafür ein eigenes Bewusstsein entwickeln musste,  herangegangen ist, ist eine wirklich heftige Erkenntnis. Eine bittere heftige Erkenntnis, mit dessen Schmerzensdimensionen wir mal mehr mal weniger allein sind.

Einen Erkenntnis gebenden Punkt wollen wir hier aufführen.

diagnostische Fragebögen – bzw. das Dilemma um konkrete Nachfragen

Eigentlich sind wir Fragebögen und besonders multiple choice – Fragebögen sehr offen gegenüber.
Die wählbaren Optionen geben bereits die Kategorie der Antwort vor – es fallen enorm viele Antwortoptionen weg.
Bei Sachfragen sind sie also großartig für uns.
Bei emotionalen Fragen sind sie das weniger.

So gibt es in der Klinik, in der wir einige Intervalle mitgemacht haben, einige Fragebögen, die man zu Beginn der Behandlung ausfüllen soll. Darunter ist mindestens einer, der sich auf ein “Vorher” in den Fragen bezieht, das nicht näher definiert ist.
Da sieht eine Frage beispielsweise etwa so aus: Ich mag mich weniger als vorher 1 nein Ich mag mich 2 ja ich mag mich etwas weniger als vorher 3 ja ich mag mich meistens weniger als vorher 4 ja ich hasse mich

Konfrontiert mit der Frage, haben wir Nachfragen (zum Beispiel: Was heißt “Ich mag mich?” Aussehen? Verhalten? Werte? Körper? Können? Was bedeutet hier “Ich” in Bezug auf uns?), die wir uns nicht beantworten lassen können, weil diese Fragen allein zu beantworten vorgesehen sind, zum einen und zum anderen, weil dafür keine Zeit ist. Man hat einen Termin á 50min in der Woche und das wars. Daran zu rütteln ist böse böse und sowieso sinnlos, denn es geht dabei um Geld und nicht um Menschen_sach_verstand.

Die Daten aus dem Fragebogen sollen dazu dienen, am Ende des Aufenthalts einen Therapieerfolg oder –misserfolg zu errechnen. Es geht also einen Scheiß darum, was die Fragen anstoßen oder was man überhaupt “richtig” (im Sinne von “bewusst reflektiert”) beantworten kann, ob Fähig- und Fertigkeiten da sind, die Fragen zu beantworten.
Es geht dabei nicht um das Innenleben und die echte Selbstwahrnehmung der Klient_innen, es geht um Schätzwerte. Also um Kaffeesatzlesen.

In unserem Fall einen Kaffeesatz, unter dem wir ja genau gelitten haben, da es die umfassende dissoziative Problematik war, die es uns verunmöglicht hat, irgendetwas von uns so bewusst wahrzunehmen, dass wir es als eigen und selbstzugehörig empfinden können. Über wessen Selbsthass, Depressionen und Essverhalten – ja sogar dissoziative Symptomatik sollten wir nun Fragen beantworten? Wir lebten alleine – wir konnten nicht mal mehr etwas angeben, das andere über uns und unsere Symptomatik als Einsmensch zurückgemeldet hatten.

Auch wenns jetzt drüber klingt: Das ist echt heftig und in keinster Weise als etwas zu sehen, das man ja vernachlässigen kann, weil es ja am Ende um nichts geht, was mit unseren inneren Themen zu tun hat.
Für uns ging es um etwas und diese Herangehensweise führte für uns zwangsläufig in ein erstes Versagen.

Eins, dass wir schon kurz nach der Autismusdiagose nicht mehr so annehmen wollten. Wir haben an den Rand der Fragebögen geschrieben, haben Bemerkungen dran gemacht, haben uns mit jemandem besprochen, was bei Frage X wohl gemeint sein könnte.
Erst dabei ist uns dann aufgefallen, wie oft wir in diesen Fragebögen jahrelang falsche Angaben gemacht haben, weil wir von völlig anderen Dingen ausgegangen sind.
Aber glücklicherweise war es ja eh nicht so wichtig?
(Glaub ich nicht – will ich nicht glauben.)

Kurzer Schwenk.
Eins unserer Geschwiste ist ebenfalls autistisch. Es hatte größere Schwierigkeiten als wir, frei über Erlebnisse zu erzählen. Auf die Frage: Was gabs im Hort zum Mittagessen?, konnte es keine Antwort formulieren. Auch hier war das multiple choice-Verfahren hilfreich. Auf die Frage: Gab es Nudel, Kartoffeln oder Reis?, konnte es antworten. Wir brauchten dieses Verfahren zu solchen Ereignissen nicht. Wir hatten den Essensplan auswendig gelernt, sobald er unten an der Küchentür hing. Vorbereitung ist alles für uns. Immer. Bei allem. Bis heute kommen wir in Stress sobald wir uns nicht auf Situationen vorbereiten und einstellen können.

Wo wir heute multiple choice Fragen sehr gut gebrauchen könnten, wären Therapiegespräche.
Aber.
Das geht so einfach nicht, denn wo vorgegebene Antwortmöglichkeiten sind, da ist Raum zur Beeinflussung – und zwar weitaus mehr, als ohnehin schon durch die vielen Übertragungsdynamiken entsteht.

Für uns bedeutet es eine Was gab es zum Mittagessen?-Fragesituation ohne ausgehängten Speiseplan, wenn eine Therapiestunde anfängt mit einer offenen Einladung durch die Frage: Und? Wie ist die Lage?
Zu viele Antwortoptionen. Zu viele möglicherweise gemeinten Themenfelder. Zu viele mögliche Perspektiven, die eingenommen werden müssten. Keine Vorbereitungsmöglichkeit.
Wir haben auf solcherlei unkonkrete Fragen also in der Regel keine Antwort. Sagen: Ich weiß nicht. Oder geben eine Wörterantwort, ohne Konsistenz. Und wirken dadurch viel dissoziierter (alltagsamnestischer) als wir sind.

Eine konkrete Frage wäre: Konnten sie in der letzten Woche ausreichend* schlafen? oder Konnten sie in der letzten Woche ausreichend essen und trinken? (*ausreichend natürlich vorher klar definiert)
Für uns wäre es super, würde jede Therapiestunde eine so gestaltete Bestandsaufnahme am Anfang haben.

Denn:
Für uns bedeutet das Geeier auf die Frage, wie es uns denn geht, keineswegs ein erwartbares Ding, auf das wir uns dann doch gezielt vorbereiten könnten. Dadurch, dass wir diese Frage einfach immer irgendwie beantworten und es immer irgendwie klappt, wissen wir noch lange nicht, ob das jetzt die Antwort war, um die es ging. Dabei geht es uns nicht einmal mehr darum, “die richtige Antwort” zu geben. Darum ging es aber lange, als wir die Therapie anfingen, weil wir damals noch dachten, richtige Antworten seien ein Schutz vor Gewalt.

Es bedeutet jedes Mal eine neue Unsicherheitssituation, die zuweilen auch triggern kann.
Und es bedeutet eine Situation, in der uns unser “Ölmolekül”-Sein in Bezug auf die “Wasser”-Therapeutin (s. #3) manchmal sehr schmerzhaft bewusst wird. Wir merken, wie wir ihr Dinge nicht sagen können, weil wir nicht wissen wo anfangen, was ist gefragt, wie wichtig ist was, wofür ist die Antwort wichtig. Wir merken, wie wir in eine Redesperre geraten, die absolut 0 mit Redeverboten oder Schweigegeboten zu tun haben.
Das macht Ohnmachtsgefühle und kratzt total an der Motivation die Therapie weiterzuverfolgen.

In Bezug auf das Sprechen über schwierige Erfahrungen stehen wir vor einem noch größeren Dilemma.
Denn da insbesondere Therapeut_innen, die Menschen mit DIS und anderen Traumafolgeproblemen behandeln, nachwievor immer mal wieder unter Verdacht gestellt werden, sie würden ihren Patient_innen Erinnerungen einreden, ist es komplett ausgeschlossen, dass wir mit unserer Therapeutin nach multiple choice-Vorgehen über Gewalterfahrungen sprechen können.
Eine Nische bietet zwar Kunsttherapie bzw. das Aufmalen von Aspekten, die zwecks Deutungssicherheit nachgefragt werden müssen (Like: Ist das eine Person? Wie heißt diese Person? Was macht diese Person da?) – das kriegen wir jedoch bei weitaus weniger Dingen hin, als wir das bräuchten. Besonders, weil wir einander beim Aufzeichnen schneller gegenseitig mit Material fluten und insgesamt nicht gut tun, als wenn wir in der Therapiesituation selbst sind und uns dort auseinandersetzen.

Jetzt sind wir in einer privilegierten Situation.
Unsere Therapeutin kann sich mehr Zeit für uns nehmen und nimmt sie auch, wenn wir über schwierige Dinge reden wollen. Das ist leider durch nichts anderes zu ersetzen. Wir könnten hier noch das teilen, was wir machen, bevor wir zur Therapie gehen und wie wir uns womit vorbereiten, aber am Ende ist es einfach immer nur dieses Mehr an Zeit und damit auch Mehr an Raum das, was auf uns einströmt, wenn wir uns dafür öffen, zu ordnen und zu kommunizieren, das uns hilft, über das Erlebte zu sprechen.

Es ist auch mehr Raum für Fehler, für “sich nicht gleich zurecht finden”, für “die Reihenfolge erst rausfinden” – was für uns alles in dem Moment, in dem wir beschließen etwas auszusprechen, noch überhaupt nichts mit dissoziativer Fragmentierung zu tun hat oder damit, dass uns gesagt wurde, wir dürften nicht darüber sprechen, sondern damit, dass diese traumatisierenden Erfahrungen manchmal schon vorher völlig überreizend für uns war und an sich schon weder Kontext, noch Reihenfolge, noch Sinn hatte.
Oder, manchmal auch, weil die Orte, an denen etwas passierte, fremd für uns war – und besonders früher war ein Raum für uns schon dadurch fremd und völlig neu, wenn jemand einfach die Lampe verstellt hat oder ähnliches. Das Problem haben wir noch heute, wenn auch in weitaus weniger ängstigenden Dimensionen.

Was außerdem neulich hilfreich war, war eine Bildbeschreibung, die für uns gut funktioniert.
Seit wir uns mit barrierefreier Webgestaltung auseinandersetzen, versuchen wir mehr darüber zu lernen, wie man Bilder für blinde und anders sehbehinderte Menschen beschreibt, damit sie wissen, was alles auf dem Bild zu sehen ist. Das ist für uns eine echte Herausforderung, weil auch dabei sehr viele Details, die wir sehen, vielleicht gar nicht erwähnt werden müssten, um ein Bild zu beschreiben.
Für Erinnerungsbilderbeschreibung gehen wir ähnlich vor. Wir stellen uns vor, dass die Therapeutin diese Bilder nicht sehen kann (und machen damit einen Schritt, den wir vorher nicht gemacht haben, weil wir genau diesen Umstand nicht mit im Bewusstsein hatten – zing: theory of mind).

Dann gehen wir von außen nach innen in das Bild.
Raumbeschreibung, [manchmal schieben sich dann schon die ersten nächsten Bilder dazu]
Distanzierungsatmen, [wenn okay: Idee über Kontext (zu Hause, fremd, bekannt, Ort, wenn bekannt)],
Personenbeschreibung, Distanzierungsatmen, [wenn okay: Idee über Kontext (zu Hause, fremd, bekannt, sozialer Bezug)],
Handlungsbeschreibung, Distanzierungsatmen, [wenn okay: Idee über Kontext (Gefühle, Gedanken, Häufigkeit)].

Für manche Menschen ist so eine schematische Vorgehensweise vielleicht undenkbar, besonders, wenn Bilder und Erinnerungen noch total schwierig zu kontrollieren sind und scheinbar völlig willkürlich aufkommen.
Wir haben das Gefühl mehr Kraft für die nötige Reorientierung zu haben, seit wir so schematisch und unter Beachtung unserer Strukturierungsschwierigkeiten an diese Arbeit herangehen.

Da passiert aber auch eine Dopplung, die wir nicht aus den Augen verlieren dürfen.
Einerseits kommt uns das eigene Erinnern klar und fest und dadurch aussprechbar vor, wenn wir an die Auseinandersetzung damit, wie an ein Arbeitsprojekt angehen – andererseits ist natürlich auch das eine Distanzierungsnummer – aka Vermeidungsdings, das uns das Gefühl gibt, dass wir potenziell vielleicht gar nicht so nah an Gefühle dran müssen, weil wir ja jederzeit aussteigen können.
Es hilft, dass unsere Therapeutin in jedem Distanzierungsatmungsmoment fragt, ob wir weitergehen wollen oder nicht.

Fundstücke #65

„Diese Stadt…“, denke ich und laufe durch den Berliner Hauptbahnhof. Das Klo stinkt nach Scheiße und Putzmitteln, draußen stinkts nach Pisse und Abgasen. Es ist Sonntag, doch diese Stadt kann nicht anders als ums Überleben zu pulsen. Neben mir wird Busladung um Busladung Tourismus angekarrt, der sich einer Umgebung nähert, die dann doch irgendwie unerfassbar bleibt.

Wir sind auf dem Weg zu Programmratstreffen des Verlags, in dem wir gerade arbeiten und unser erstes Buch veröffentlichen werden. Merkwürdig ist das alles. Cool. Und be.merk_würdig.
Da fahren wir hin und treffen Leute, die Dinge machen und toll sind und Bücher schreiben und wer hätte das je gedacht. Das alles.

Wie ruhig wir im Zug nach Berlin sitzen und nicht völlig fertig mit der Welt herauspurzeln. Wie wir die Invalidenstraße hochlaufen und den Boden unter den Füßen als gegeben nehmen, um unsere Betonplattenrillen-Musik-Schritte zu tanzen.
Wer hätte gedacht, dass wir unser Lebensglück mal auch dann noch fühlen können, wenn wir in so einer insgesamt sensorisch überkrassen Situation sind.

Und irgendwann später am Tag und kurz vor Erschöpfungsnulllinie im Kopf, stellen wir unsere Novelle vor, obwohl es sich anfühlt wie ein Film, der durch unseren Kopf projiziert wird. Als die Gruppe applaudiert, drehen sich die Dinge in uns ineinander. Wir werden ein Buch veröffentlichen und es wird so sein wie wir sind. Es darf sein, wie wir unter diesen Menschen sein dürfen und alles ist okay.

„Jeg er glad“, denke ich am Abend, als wir in Hannover aus dem Zug klettern und uns eine weiche Schicht davor schützt das nackte Bündel aufgeschürfter Nervenenden zu sein, das wir früher nach solchen Touren gewesen wären. Früher, vor zwei, drei Jahren. Wir sind müde, deshalb kullern uns die Gedanken in den Sprachen, die wir können durch den Kopf und manchmal müssen wir zwei Mal hinschauen, um sie zu begreifen.

„Ich bin glücklich“, das kann ich dann fühlen. Als warmer Schauer, weil J. uns am Bahnhof abholt und als kurzer Moment, in dem ich ein Freudengefuchtel unterdrücke, weil er sich mit uns über alles freut, was uns freut.
Und weil es okay ist.

Besonders, weil all das okay ist.

Sternschnuppenwünsche

„Schlafen“, denke ich und schaue dem kleinen Flitz am Nachthimmel nach. „Schlafen.“ Nächster Flitz.
Irgendwann höre ich auf, mir Schlaf zu wünschen und setze mich an den Schreibtisch.

Wieso das alles schon wieder so zäh ist, möcht ich mal wissen. Was um alles in der Welt ist denn jetzt schon wieder nicht richtig, irgendwie kaputt, schief gerutscht, angetickt?
Wir schlafen schlecht ein, sind früh wach, aber nicht ausgeschlafen. Manchmal fühle ich mich, als hätten wir die meiste Zeit irgendwie doch mehr der Dunkelheit ins offene Maul geglotzt, als wirklich geschlafen.

Gut, da war der Geburtstag, da ist das Praktikum, da ist J. und das ganze ungewohnte Gute an ihm, da sind die Projekte, die wir jetzt irgendwie halbwegs stabil anfangen, damit wir sie übers nächste Schuljahr locker fertigstellen können. Das ist alles nicht wenig, aber außer dem Umstand, dass wir noch ein Monsterschuljahr vor uns haben und gleichzeitig gerade denken, dass wir am Ende doch eigentlich so gar nichts davon haben, belastet uns nichts.

Ich klemme mich wieder aus dem Klofenster, um den Perseiden nachzuschauen.
„Schlafen“, denke ich. Diesmal ist da kein Flitz am Himmel, aber ein Schwusch von irgendwo weit hinter mir. MIr steigt ein Weinen hoch, kriecht in die Mitte meines Gesichts und lungert unentschlossen da herum, als würde es sich nicht trauen, einfach so rauszulaufen.

„Vielleicht ist es die Müdigkeit, die uns belastet“, denke ich und gehe zurück in unsere letzte Therapiestunde, in der es um Familienwünsche und Zukunftsgedanken ging. Und darum, dass wir uns Sorgen darüber machen, zu all den Kämpfen, wie wir heute schon haben, in Zukunft noch einige mehr kommen. Und darum, dass wir Dinge durchaus können. Auch jene, die uns nicht so zugetraut werden. Darum, dass das für uns nur einfach sehr anstrengend ist. Vielleicht auch: anstrengender als für andere Menschen.

Es ist schwer sich einzugestehen, wie das ist zwischen der Realität und Legitimität eigener Wünsche zu stehen und die Realität der Traumafolgen und Behinderungen darin einbinden zu müssen, weil alles andere der pure Selbstbeschiss und ein Problem für alle Beteiligten werden würde.

Die Müdigkeit ist ein Teil unseres Heute-Lebens und wir müssen sie als Teil des Morgen-Lebens mitdenken. Nicht nur, weil es jetzt schon wieder kurz vor halb 2 ist, sondern weil es immer irgendetwas geben wird, das irgendwie gerade in Bewegung ist, gerade heilt oder unerwartet nochmal weh tut.

Ein letztes Mal schaue ich über den Himmel, um einem letzten Flitz einen Wunsch an den Schwanz zu hängen. Als keiner kommt, wünsche ich mir einfach so, dass ich morgen das Weinenwollen verstehen und jetzt okay im Bett ruhend liegen bleiben kann.
Am Ende muss ja eh immer alles auch einfach mal so gehen.

von Freiräumen und der Frage, was man mit der Vergangenheit macht

Es ist ein bisschen so, als würde man Muskeln ansteuern, die noch gar nicht da sind, als die Therapeutin fragt: “Geht es ein bisschen darum, was sie damit machen? Mit ihrer rituellen Vergangenheit..?”.

Ich weiß, worum es geht. Weiß, es ist die Dissoziation, die mir alles Gesagte, Mit.geteilte und Erinnerte in dieser Stunde fremd und fern erscheinen lässt. Weiß, es geht um mich. Weiß, es geht um meine Vergangenheit.
Aber ja: Ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll.

Was soll ich denn auch anfangen mit einem Tier, das um sich beißt. Mit einem Kind, dass blind vor Panik an Türen kratzt. Mit einem Selbst, das weder Ich noch Nichtich ist. Mit Innens, für die alles außerhalb dieses einen Ists nichts außer Lug und Trug ist.
So eine Truppe ist der Stoff aus dem abgefahrene Road-Trip-Filme sind, aber mein Leben hat keine Räume für sie.

Wir bemühen uns allgemein darum allen Innens ihre Räume zu geben und zu lassen.
Bei uns meint das nicht, dass wir schauen, dass alle von uns ihre Außenzeit haben oder bestimmte Dinge haben dürfen – es meint eher, dass wir soziale wie asoziale Räume schaffen und freihalten, in denen es nicht zwingend ist, dass ausschließlich versorgungs-, schul-, therapie-, freundschafts-, produktivitäts-, oder gewaltfunktionale Systeme bzw. Innens aktiv sind.

Wir sind darin inzwischen ganz gut und durch die Unterstützungen, die wir erhalten, können wir diese Räume auch stabil halten und ausbauen. So ist es nicht mehr schlimm für mich, wenn wir zu Hause auseinanderfallen. Wir sind dort sicher, haben dort alles was wir brauchen, um mit den Konsequenzen der Anwesenheit dieser Innens umzugehen.

Aber das ist vielleicht genau mein Knackpunkt. So gehe ich mit den Anderen in meinem Leben um. Ich mache ihnen Räume, in denen ich das Chaos, die Not, die Unruhe und zuweilen auch Zerstörung, die sie mitbringen oder verursachen, kontrolliert passieren lassen und wieder bereinigen kann.
Ich gehe nicht mit ihnen um. Ich gehe mit den Folgen ihrer Anwesenheit um und das ist so ziemlich genau mal gar nichts anderes, als das, was ich schon immer mit ihnen mache. Heute mache ich das therapeutisch wertvoll und nenne meine Amnesie bzw. das depersonalisierte Erleben, das ich durch ihre Anwesenheit habe, “Freiraum für die Anderen in meinem Leben”.

Das ist nicht gut. Weiß ich. Aber was soll ich denn sonst machen?
Ich merke, dass wir zu wenig adhäsive Eigenschaften für einander haben. Es ist nicht wie in meinem Funktionssystem, wo sich die anderen mehr oder weniger oft zeitgleich – immer jedoch inhaltlich immer zu 100% auf meiner Ebene bewegen. Wir sind füreinander erkennbar, wir haben Kontakt – hatten ihn, bevor wir ihn gezielt gesucht haben. Wenn ich etwas entscheide, dann tue ich das inzwischen automatisch auch irgendwie mit ihnen. Unsere Kluft ist nicht zu, aber sie ist leicht zu überqueren.

Diese meine, unsere “rituelle Vergangenheit” mit der wir uns in der Therapiestunde befasst haben, ist nicht nur etwas, das nicht mir passiert ist, es ist auch noch Innens passiert, mit denen ich damals wie heute nur wenig mehr als Leben und Körper teile.
Das klingt für manche Menschen vielleicht nach viel, für mich ist das jedoch nicht mehr als das, was ich mit meinen Nieren zu tun habe: Ich weiß, dass sie zur gleichen Zeit wie ich geboren wurden und eine lebenswichtige Funktion haben – aber bei unserem nächsten Umzug werden sie mir keine Kiste packen können.

Vielleicht geht es am Ende nur um Akzeptanz? Anerkennung und fertig?
Wir teilen uns die Kenntnis um etwa 6qm Überlebens.zeit_los.raum.
In gewisser Weise teilen wir uns also einen Traumakrümel.

Ich hab nicht diesen ganzen Therapiequatsch mitgemacht, um jetzt noch zu glauben, dass ich mich nicht damit beschäftigen muss, was ihre Perspektive auf meinen Entstehungsort ist. Ich habe aber auch genug Therapiequatsch mitgemacht um zu wissen, dass es mehr als einen Traumakrümel braucht, um eine Perspektive zu verstehen oder mehr Kontakt aufzubauen.

Will ich mich also immer noch nicht damit auseinandersetzen? Vermeidung? ANP-typisches Schutz-Mimimi?

Ja. Nein. Vielleicht.
Alles.

Ich weiß, was ich machen muss. Ich weiß, wie das geht. Wir haben genug Werkzeug uns zu befassen. Wir haben eine gute Therapeutin. Was mir fehlt ist Bezug und eine Idee, wo es hingehen soll.
Ich weiß nicht, was ich verstehen muss, um diese Innens zu verstehen. Ich weiß nicht, was sie verstehen und vielleicht auch können müssen, um mich zu verstehen. Ich weiß nicht, welche Freiräume ich diesen Innens geben muss und wie wir diese dann absichern könnten.

Wir hatten und haben triftige Gründe für ihr Exil so fern im Innen, wie es nur geht.
Für sie kann es noch keine Zeit geben, sich frank und frei in der Welt zu bewegen, ohne uns zu gefährden.

Vielleicht klingt es fies und ist super selbstschädigend und gewaltvoll, aber im Moment denke ich oft, dass ich auch gut damit zurecht kommen würde, sie als so in der Zeit verloren zu akzeptieren, wie sie sind.
Wir haben viele Innens, die das sind. Wir haben sie mit Schutzimaginationen im weißen Rauschen des Inmitten beerdigt und wissen: Was als therapeutisches “in Sicherheit bringen” passiert ist, wird nie als das therapeutische Töten anerkannt werden, dass es auch war.

Nicht alle können reorientiert und für den Alltag nach der Gewalt funktionalisiert werden.
Und Innens, die aus Spaß an der Freude erhalten bleiben, gibt es nicht.

Etwas, was die Frage der Therapeutin berührt hat, ist für mich auch die Frage danach, was ich mit unserer Vergangenheit mache. Im Moment mache ich nichts anderes damit, als sie zum Forschungsobjekt zu machen.
Sie ist das Ziel vieler Fragen und der Grund für Krisen, die auf die Antworten folgen.
Ich mache diese Therapie nicht, um “meine Vergangenheit zu verarbeiten” – ich will eine Vergangenheit haben und muss dafür therapeutisch arbeiten.

Vielleicht auch, um damit klar zu kommen, dass ich nichts mehr mit etwas machen kann, das schon längst vorbei ist.

Überforderung

“So ein kleines Zeltpäckchen hatten wir noch nie im Arm”, dachte ich und wappnete mich für den Weg nach Hause.
Das nächste, was ich wirklich erinnere, ist ein Sanitäter, der mich anspricht. Ich bin nicht weit weg von zu Hause, bin bei mir, bin ganz da. Ich bin da und lebe. Ich könnte zurück auf mein Rad klettern und zu meinem Abendessen fahren. Es wäre okay für mich. Das, was gerade passiert, ergibt keinen Sinn für mich. Die Fragen, die Zahlen, das Piepen des Sauerstoff-Pulsdings an meinem Finger.

Wir fahren ins Krankenhaus und warten eine Weile. Dann kommt ein Arzt und fragt, wie es mir geht. Ich sage “Besser, danke.”, obwohl ich mich frage, was er denn meint. Was von all dem, was in mir vor sich geht, geht denn gerade mit mir?

Ich würde gerne jemanden anrufen und lass es dann bleiben. Jemand hat F. abgesagt. Das Smartphone ist plötzlich nichts weiter als ein Hafen, der von niemandem benutzt wird.

Haben Sie das öfter – Ja
Kennen Sie die Auslöser – Ja
Oh hm. Ja gut. Können Sie denn jetzt nach Hause – Ja

Ich werde entlassen und fahre zu NakNak*, die auf ihr Abendessen wartet.

Als mich das scharfe heiße Curry endlich richtig aus der Dissoziation reißt, ärgere ich mich darüber, dass ich dem Arzt den Auslöser nicht genannt habe. Es ist legitim unter Überforderung zusammenzubrechen. Scheiß egal, ob es eine emotionale oder physische Überforderung ist. Irgendwann bricht auch der stabilste Balken.

Wir brauchen Urlaub. Und emotionale Entlastung.
Die Freiheit und den Mut manchen Menschen in unserem Leben zu sagen, dass wir sie nicht länger tragen können. Dass wir im Moment ein zerbrochener Balken sind.

Hoffnung

“Sag mal K. – worum geht es dir eigentlich?”, fragt sie mich aus einem zusammengedrückten Gesicht. Das Schleimpfeifen aus meiner Lunge führt meinen rasselnden Atem an wie eine unbeirrbare Vorhut. Dieser Spaziergang ist schon viel zu lang für mich. Die Luft zu dicht, um die Flügel in meinem Oberkörper anzuheben.
Hinter uns grollt ein Wärmegewitter den Berg hinauf, den wir gerade bestiegen haben.

Ich drücke mein Gesicht zusammen, wie ihres und frage, was sie denn mit “eigentlich” meint. Frage sie, was sie denn glaubt für wie viele Eigentlichs ich neben dem, was ich, was wir, so mühsam rausbringen, noch Kraft aufbringen würde.
Wieder bin ich da, wo ich mich frage, ob sie mich für dumm hält, oder heimlich doch nicht glaubt, dass es schwer für mich ist zu sprechen, obwohl ich es tue. Ärgere mich darüber, weil es ineffizient und doch wieder eine Etappe ist.

“Brauchst du jetzt ein Eigentlich von mir, weil dir nicht klar ist, was ich dir gesagt hab oder willst du “den einen schlimmen Aspekt” wissen?” Ich bleibe stehen, hebe die Arme über den Kopf und versuche mich zu weiten.
Sie beobachtet mich. Ich merke, wie ihr jemand ins Gesicht springen will.
Sie fragt: “Gibt es denn mehr als einen schlimmen Aspekt?” und es ist als würde sie mich mit einem Fingerpieks einen Abgrund runterschubsen.

Antworten, die Fragen sind. Sie weiß das. Ich hab ihr das schon so oft gesagt. Warum macht sie das trotzdem.

Ich wühle nach meinem Notfallspray und dem Wasser in meinem Rucksack. Sage nichts mehr, bis wir zu Hause sind. Das Cortison treibt uns an, wir werden schneller als sie. NakNak* läuft voraus. Hält bei jedem Donner inne.
Ich fühle mein Trauma unter meiner Haut. Merke, wie da etwas wühlt, kämpfen will, doch nicht durch meine Haut aus Stein kommt. Das schnelle Gehen fühlt sich falsch an. Die Bewegung ist jetzt, aber nicht in Einklang zu bringen mit dem, was ich wie eine Hülle den Berg hinunter trage.

Unsere Gemögte spricht weiter auf mich ein, doch es kommt mir eher vor, als würde sich mich mit Wörtern abduschen, als mit mir zu kommunizieren. Sie perlen von mir ab, bedeuten nichts außer sich selbst. Versickern spurlos in der Zeit, brauchen weder mich noch sie.

Als wir in der Küche sitzen und dem Donner über dem Haus zuhören, fragt sie, ob es immer noch um die Akzeptanz geht, DAS DA erlebt zu haben. Ich sage “Nein” und denke: “Aber vielleicht doch.”

“Ich verlier die Hoffnung, M.”, sage ich. “Darum gehts mir.”
Sie streichelt NakNak* die Ohren. “Die Hoffnung worauf?”. “Dass wir alles aufgelöst kriegen.”
Es donnert. Draußen raschelt Birkengeblätt im Gewitterwind.

“Ich will Frieden machen mit dem ganzen Scheiß. Ich will es leichter haben. Ich will, dass sich alles auflöst und kein Problem mehr ist.”. Ich nerve mich selbst mit dem was ich sage. Höre auf zu reden. Es kommt mir sinnlos vor.

M., die uns schon lange, mich immerhin seit ein paar Jahren kennt, schweigt mit mir den Moment in die Breite.
Mit einem langen Schluck trinkt sie ihr Glas aus.

“Ich hab noch keine Klientin gehabt, deren Wunden von Hoffnung allein geheilt wurden.”

kreiseln

Gestern Abend bekamen wir eine Email zur Scholarship-Aktion von Ironhack und Kleiderkreisel.
Gute Nachrichten. Irgendwie.
Wir haben 2000€ zugesprochen bekommen – für ein Bootcamp, das 6500€ kostet.

Klassischer LOL-Shit, also.
Irgendwie ist es super – doch ganz praktisch kein echter Gewinn.
Außer für die Firma – bei der dürften nun einige Absagen eintrudeln und am Ende dafür sorgen, dass von den ursprünglich geplanten 100.000€ gar nicht mehr so viel ausgegeben werden muss. Kann.

Mich nervt das.
Ich bin seit Wochen genervt von genau den Gedankenkreiseln, mit denen ich mich beschäftige. Nichts ist eindeutig. Nichts ist fest. Nichts ist klar. Alles besteht nur aus Chancen auf Chancen und eventuell ja vielleicht mal sehen, kommt Zeit kommt Rat, alles bisschen Ja bisschen Nein.
Nach unserem Abschneiden für die Aktion war ja schon klar, dass wir keine Kandidatin für das Vollstipendium sind – umso schlimmer trifft es dann irgendwie keine richtige Absage zu bekommen, sondern eine, die keine ist, aber doch wie eine funktioniert, weil unsere Lebensumstände nicht passig sind.

Ich mach mir Sorgen über das nächste Jahr und das, was danach kommt. Abschluss, Studium – oder doch noch eine Ausbildung? Kriegen wir dann noch Bafög? Was wenn nicht? War dann alles umsonst? Einfach bewerben und gucken? Was kommt da auf uns zu? Hach wär schon geil so ein duales Studium – aber was wenn wir wieder mehr Inklusionsversuchskaninchen als üblich Lernende_r sind? Geht sowas überhaupt in Teilzeit? Und wenn wir doch erstmal aussetzen und wie geplanwünscht den AT wandern? Aber das ist doch Wasser auf die Ablehnungsmühlen vom Bafög-Amt. Nein, diesmal geben wir der Müdigkeit nicht nach – diesmal machen wir weiter. Diesmal machen wirs fertig. Fertiger Beruf. Am Besten einer, der Geld einbringt und nicht für eine Fingerübung eines web/pc-affinen Millenials gehalten wird. Irgendwas Geiles. IT, Elektrotechnik, Medieninformatik, Maschinenbau… Aber was wenn … Aber man könnte ja … Und wenn..?

Das kann ich gerade nicht abschalten, kann es seit Monaten nicht abschalten.
Einerseits – Andererseits – Hoffnung – Realität – Erfahrung – mutiges Vorwärtsspinnen – Enttäuschung – Aufklärung – Einerseits – Andererseits
So geht mir das den ganzen Tag. Und manchmal, wenn ich müde davon bin und mich ohnmächtig, scheiße, unwürdig und weltballastofflich fühle, dann kommt der Traumaschleim hoch.

Ich würde gerne etwas entscheiden, damit wir etwas verfolgen können, statt uns wieder einmal so aufzufasern wie immer, wenn es nicht genug Halt, nicht genug Richtung und Klarheit gibt.
Die Einen machen Bücher, die Anderen lernen Dinge wie Programmieren und Roboterbau, die nächsten recherchieren duale Studiengänge – ich mach mir Sorgen, überesse mich an 7 von 7 Tagen, finde mich in diesem Körper inzwischen so abstoßend, wie meine Gefühle von Überforderung an all dem gutbeschissenem, das uns passiert, wir erleben und haben und und und

Vielleicht brauche ich nur längere Pausen.

Mehr Nichtsmüssen, mehr Zeit die Zeit zu fühlen und mich wieder mit ihr zu verbinden.
Vielleicht muss ich auch einfach nur wieder jeden Tag 20-30km Fahrrad fahren.

Manchmal hilft es ja, wenn man sich kleine neue Routinen in den Alltag einbaut.