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von Freiräumen und der Frage, was man mit der Vergangenheit macht

Es ist ein bisschen so, als würde man Muskeln ansteuern, die noch gar nicht da sind, als die Therapeutin fragt: “Geht es ein bisschen darum, was sie damit machen? Mit ihrer rituellen Vergangenheit..?”.

Ich weiß, worum es geht. Weiß, es ist die Dissoziation, die mir alles Gesagte, Mit.geteilte und Erinnerte in dieser Stunde fremd und fern erscheinen lässt. Weiß, es geht um mich. Weiß, es geht um meine Vergangenheit.
Aber ja: Ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll.

Was soll ich denn auch anfangen mit einem Tier, das um sich beißt. Mit einem Kind, dass blind vor Panik an Türen kratzt. Mit einem Selbst, das weder Ich noch Nichtich ist. Mit Innens, für die alles außerhalb dieses einen Ists nichts außer Lug und Trug ist.
So eine Truppe ist der Stoff aus dem abgefahrene Road-Trip-Filme sind, aber mein Leben hat keine Räume für sie.

Wir bemühen uns allgemein darum allen Innens ihre Räume zu geben und zu lassen.
Bei uns meint das nicht, dass wir schauen, dass alle von uns ihre Außenzeit haben oder bestimmte Dinge haben dürfen – es meint eher, dass wir soziale wie asoziale Räume schaffen und freihalten, in denen es nicht zwingend ist, dass ausschließlich versorgungs-, schul-, therapie-, freundschafts-, produktivitäts-, oder gewaltfunktionale Systeme bzw. Innens aktiv sind.

Wir sind darin inzwischen ganz gut und durch die Unterstützungen, die wir erhalten, können wir diese Räume auch stabil halten und ausbauen. So ist es nicht mehr schlimm für mich, wenn wir zu Hause auseinanderfallen. Wir sind dort sicher, haben dort alles was wir brauchen, um mit den Konsequenzen der Anwesenheit dieser Innens umzugehen.

Aber das ist vielleicht genau mein Knackpunkt. So gehe ich mit den Anderen in meinem Leben um. Ich mache ihnen Räume, in denen ich das Chaos, die Not, die Unruhe und zuweilen auch Zerstörung, die sie mitbringen oder verursachen, kontrolliert passieren lassen und wieder bereinigen kann.
Ich gehe nicht mit ihnen um. Ich gehe mit den Folgen ihrer Anwesenheit um und das ist so ziemlich genau mal gar nichts anderes, als das, was ich schon immer mit ihnen mache. Heute mache ich das therapeutisch wertvoll und nenne meine Amnesie bzw. das depersonalisierte Erleben, das ich durch ihre Anwesenheit habe, “Freiraum für die Anderen in meinem Leben”.

Das ist nicht gut. Weiß ich. Aber was soll ich denn sonst machen?
Ich merke, dass wir zu wenig adhäsive Eigenschaften für einander haben. Es ist nicht wie in meinem Funktionssystem, wo sich die anderen mehr oder weniger oft zeitgleich – immer jedoch inhaltlich immer zu 100% auf meiner Ebene bewegen. Wir sind füreinander erkennbar, wir haben Kontakt – hatten ihn, bevor wir ihn gezielt gesucht haben. Wenn ich etwas entscheide, dann tue ich das inzwischen automatisch auch irgendwie mit ihnen. Unsere Kluft ist nicht zu, aber sie ist leicht zu überqueren.

Diese meine, unsere “rituelle Vergangenheit” mit der wir uns in der Therapiestunde befasst haben, ist nicht nur etwas, das nicht mir passiert ist, es ist auch noch Innens passiert, mit denen ich damals wie heute nur wenig mehr als Leben und Körper teile.
Das klingt für manche Menschen vielleicht nach viel, für mich ist das jedoch nicht mehr als das, was ich mit meinen Nieren zu tun habe: Ich weiß, dass sie zur gleichen Zeit wie ich geboren wurden und eine lebenswichtige Funktion haben – aber bei unserem nächsten Umzug werden sie mir keine Kiste packen können.

Vielleicht geht es am Ende nur um Akzeptanz? Anerkennung und fertig?
Wir teilen uns die Kenntnis um etwa 6qm Überlebens.zeit_los.raum.
In gewisser Weise teilen wir uns also einen Traumakrümel.

Ich hab nicht diesen ganzen Therapiequatsch mitgemacht, um jetzt noch zu glauben, dass ich mich nicht damit beschäftigen muss, was ihre Perspektive auf meinen Entstehungsort ist. Ich habe aber auch genug Therapiequatsch mitgemacht um zu wissen, dass es mehr als einen Traumakrümel braucht, um eine Perspektive zu verstehen oder mehr Kontakt aufzubauen.

Will ich mich also immer noch nicht damit auseinandersetzen? Vermeidung? ANP-typisches Schutz-Mimimi?

Ja. Nein. Vielleicht.
Alles.

Ich weiß, was ich machen muss. Ich weiß, wie das geht. Wir haben genug Werkzeug uns zu befassen. Wir haben eine gute Therapeutin. Was mir fehlt ist Bezug und eine Idee, wo es hingehen soll.
Ich weiß nicht, was ich verstehen muss, um diese Innens zu verstehen. Ich weiß nicht, was sie verstehen und vielleicht auch können müssen, um mich zu verstehen. Ich weiß nicht, welche Freiräume ich diesen Innens geben muss und wie wir diese dann absichern könnten.

Wir hatten und haben triftige Gründe für ihr Exil so fern im Innen, wie es nur geht.
Für sie kann es noch keine Zeit geben, sich frank und frei in der Welt zu bewegen, ohne uns zu gefährden.

Vielleicht klingt es fies und ist super selbstschädigend und gewaltvoll, aber im Moment denke ich oft, dass ich auch gut damit zurecht kommen würde, sie als so in der Zeit verloren zu akzeptieren, wie sie sind.
Wir haben viele Innens, die das sind. Wir haben sie mit Schutzimaginationen im weißen Rauschen des Inmitten beerdigt und wissen: Was als therapeutisches “in Sicherheit bringen” passiert ist, wird nie als das therapeutische Töten anerkannt werden, dass es auch war.

Nicht alle können reorientiert und für den Alltag nach der Gewalt funktionalisiert werden.
Und Innens, die aus Spaß an der Freude erhalten bleiben, gibt es nicht.

Etwas, was die Frage der Therapeutin berührt hat, ist für mich auch die Frage danach, was ich mit unserer Vergangenheit mache. Im Moment mache ich nichts anderes damit, als sie zum Forschungsobjekt zu machen.
Sie ist das Ziel vieler Fragen und der Grund für Krisen, die auf die Antworten folgen.
Ich mache diese Therapie nicht, um “meine Vergangenheit zu verarbeiten” – ich will eine Vergangenheit haben und muss dafür therapeutisch arbeiten.

Vielleicht auch, um damit klar zu kommen, dass ich nichts mehr mit etwas machen kann, das schon längst vorbei ist.

Überforderung

“So ein kleines Zeltpäckchen hatten wir noch nie im Arm”, dachte ich und wappnete mich für den Weg nach Hause.
Das nächste, was ich wirklich erinnere, ist ein Sanitäter, der mich anspricht. Ich bin nicht weit weg von zu Hause, bin bei mir, bin ganz da. Ich bin da und lebe. Ich könnte zurück auf mein Rad klettern und zu meinem Abendessen fahren. Es wäre okay für mich. Das, was gerade passiert, ergibt keinen Sinn für mich. Die Fragen, die Zahlen, das Piepen des Sauerstoff-Pulsdings an meinem Finger.

Wir fahren ins Krankenhaus und warten eine Weile. Dann kommt ein Arzt und fragt, wie es mir geht. Ich sage “Besser, danke.”, obwohl ich mich frage, was er denn meint. Was von all dem, was in mir vor sich geht, geht denn gerade mit mir?

Ich würde gerne jemanden anrufen und lass es dann bleiben. Jemand hat F. abgesagt. Das Smartphone ist plötzlich nichts weiter als ein Hafen, der von niemandem benutzt wird.

Haben Sie das öfter – Ja
Kennen Sie die Auslöser – Ja
Oh hm. Ja gut. Können Sie denn jetzt nach Hause – Ja

Ich werde entlassen und fahre zu NakNak*, die auf ihr Abendessen wartet.

Als mich das scharfe heiße Curry endlich richtig aus der Dissoziation reißt, ärgere ich mich darüber, dass ich dem Arzt den Auslöser nicht genannt habe. Es ist legitim unter Überforderung zusammenzubrechen. Scheiß egal, ob es eine emotionale oder physische Überforderung ist. Irgendwann bricht auch der stabilste Balken.

Wir brauchen Urlaub. Und emotionale Entlastung.
Die Freiheit und den Mut manchen Menschen in unserem Leben zu sagen, dass wir sie nicht länger tragen können. Dass wir im Moment ein zerbrochener Balken sind.

Hoffnung

“Sag mal K. – worum geht es dir eigentlich?”, fragt sie mich aus einem zusammengedrückten Gesicht. Das Schleimpfeifen aus meiner Lunge führt meinen rasselnden Atem an wie eine unbeirrbare Vorhut. Dieser Spaziergang ist schon viel zu lang für mich. Die Luft zu dicht, um die Flügel in meinem Oberkörper anzuheben.
Hinter uns grollt ein Wärmegewitter den Berg hinauf, den wir gerade bestiegen haben.

Ich drücke mein Gesicht zusammen, wie ihres und frage, was sie denn mit “eigentlich” meint. Frage sie, was sie denn glaubt für wie viele Eigentlichs ich neben dem, was ich, was wir, so mühsam rausbringen, noch Kraft aufbringen würde.
Wieder bin ich da, wo ich mich frage, ob sie mich für dumm hält, oder heimlich doch nicht glaubt, dass es schwer für mich ist zu sprechen, obwohl ich es tue. Ärgere mich darüber, weil es ineffizient und doch wieder eine Etappe ist.

“Brauchst du jetzt ein Eigentlich von mir, weil dir nicht klar ist, was ich dir gesagt hab oder willst du “den einen schlimmen Aspekt” wissen?” Ich bleibe stehen, hebe die Arme über den Kopf und versuche mich zu weiten.
Sie beobachtet mich. Ich merke, wie ihr jemand ins Gesicht springen will.
Sie fragt: “Gibt es denn mehr als einen schlimmen Aspekt?” und es ist als würde sie mich mit einem Fingerpieks einen Abgrund runterschubsen.

Antworten, die Fragen sind. Sie weiß das. Ich hab ihr das schon so oft gesagt. Warum macht sie das trotzdem.

Ich wühle nach meinem Notfallspray und dem Wasser in meinem Rucksack. Sage nichts mehr, bis wir zu Hause sind. Das Cortison treibt uns an, wir werden schneller als sie. NakNak* läuft voraus. Hält bei jedem Donner inne.
Ich fühle mein Trauma unter meiner Haut. Merke, wie da etwas wühlt, kämpfen will, doch nicht durch meine Haut aus Stein kommt. Das schnelle Gehen fühlt sich falsch an. Die Bewegung ist jetzt, aber nicht in Einklang zu bringen mit dem, was ich wie eine Hülle den Berg hinunter trage.

Unsere Gemögte spricht weiter auf mich ein, doch es kommt mir eher vor, als würde sich mich mit Wörtern abduschen, als mit mir zu kommunizieren. Sie perlen von mir ab, bedeuten nichts außer sich selbst. Versickern spurlos in der Zeit, brauchen weder mich noch sie.

Als wir in der Küche sitzen und dem Donner über dem Haus zuhören, fragt sie, ob es immer noch um die Akzeptanz geht, DAS DA erlebt zu haben. Ich sage “Nein” und denke: “Aber vielleicht doch.”

“Ich verlier die Hoffnung, M.”, sage ich. “Darum gehts mir.”
Sie streichelt NakNak* die Ohren. “Die Hoffnung worauf?”. “Dass wir alles aufgelöst kriegen.”
Es donnert. Draußen raschelt Birkengeblätt im Gewitterwind.

“Ich will Frieden machen mit dem ganzen Scheiß. Ich will es leichter haben. Ich will, dass sich alles auflöst und kein Problem mehr ist.”. Ich nerve mich selbst mit dem was ich sage. Höre auf zu reden. Es kommt mir sinnlos vor.

M., die uns schon lange, mich immerhin seit ein paar Jahren kennt, schweigt mit mir den Moment in die Breite.
Mit einem langen Schluck trinkt sie ihr Glas aus.

“Ich hab noch keine Klientin gehabt, deren Wunden von Hoffnung allein geheilt wurden.”

kreiseln

Gestern Abend bekamen wir eine Email zur Scholarship-Aktion von Ironhack und Kleiderkreisel.
Gute Nachrichten. Irgendwie.
Wir haben 2000€ zugesprochen bekommen – für ein Bootcamp, das 6500€ kostet.

Klassischer LOL-Shit, also.
Irgendwie ist es super – doch ganz praktisch kein echter Gewinn.
Außer für die Firma – bei der dürften nun einige Absagen eintrudeln und am Ende dafür sorgen, dass von den ursprünglich geplanten 100.000€ gar nicht mehr so viel ausgegeben werden muss. Kann.

Mich nervt das.
Ich bin seit Wochen genervt von genau den Gedankenkreiseln, mit denen ich mich beschäftige. Nichts ist eindeutig. Nichts ist fest. Nichts ist klar. Alles besteht nur aus Chancen auf Chancen und eventuell ja vielleicht mal sehen, kommt Zeit kommt Rat, alles bisschen Ja bisschen Nein.
Nach unserem Abschneiden für die Aktion war ja schon klar, dass wir keine Kandidatin für das Vollstipendium sind – umso schlimmer trifft es dann irgendwie keine richtige Absage zu bekommen, sondern eine, die keine ist, aber doch wie eine funktioniert, weil unsere Lebensumstände nicht passig sind.

Ich mach mir Sorgen über das nächste Jahr und das, was danach kommt. Abschluss, Studium – oder doch noch eine Ausbildung? Kriegen wir dann noch Bafög? Was wenn nicht? War dann alles umsonst? Einfach bewerben und gucken? Was kommt da auf uns zu? Hach wär schon geil so ein duales Studium – aber was wenn wir wieder mehr Inklusionsversuchskaninchen als üblich Lernende_r sind? Geht sowas überhaupt in Teilzeit? Und wenn wir doch erstmal aussetzen und wie geplanwünscht den AT wandern? Aber das ist doch Wasser auf die Ablehnungsmühlen vom Bafög-Amt. Nein, diesmal geben wir der Müdigkeit nicht nach – diesmal machen wir weiter. Diesmal machen wirs fertig. Fertiger Beruf. Am Besten einer, der Geld einbringt und nicht für eine Fingerübung eines web/pc-affinen Millenials gehalten wird. Irgendwas Geiles. IT, Elektrotechnik, Medieninformatik, Maschinenbau… Aber was wenn … Aber man könnte ja … Und wenn..?

Das kann ich gerade nicht abschalten, kann es seit Monaten nicht abschalten.
Einerseits – Andererseits – Hoffnung – Realität – Erfahrung – mutiges Vorwärtsspinnen – Enttäuschung – Aufklärung – Einerseits – Andererseits
So geht mir das den ganzen Tag. Und manchmal, wenn ich müde davon bin und mich ohnmächtig, scheiße, unwürdig und weltballastofflich fühle, dann kommt der Traumaschleim hoch.

Ich würde gerne etwas entscheiden, damit wir etwas verfolgen können, statt uns wieder einmal so aufzufasern wie immer, wenn es nicht genug Halt, nicht genug Richtung und Klarheit gibt.
Die Einen machen Bücher, die Anderen lernen Dinge wie Programmieren und Roboterbau, die nächsten recherchieren duale Studiengänge – ich mach mir Sorgen, überesse mich an 7 von 7 Tagen, finde mich in diesem Körper inzwischen so abstoßend, wie meine Gefühle von Überforderung an all dem gutbeschissenem, das uns passiert, wir erleben und haben und und und

Vielleicht brauche ich nur längere Pausen.

Mehr Nichtsmüssen, mehr Zeit die Zeit zu fühlen und mich wieder mit ihr zu verbinden.
Vielleicht muss ich auch einfach nur wieder jeden Tag 20-30km Fahrrad fahren.

Manchmal hilft es ja, wenn man sich kleine neue Routinen in den Alltag einbaut.

Fundstücke #61

Als der Wecker klingelt, baut er sich selbst in mein ZwischendenZeiten ein.
Ich öffne die Stundenplan-App auf dem Handy. Die erste Stunde fällt aus, wir können noch eine Stunde schlafen.

Ich schlafe nicht, ich flashbackintrusioniere bis der Wecker ein zweites Mal klingelt. Jemand richtet uns auf. Trinkt Wasser. Wir loben es fürs Anziehen der Strickjacke. Rufen Ansporn und Versicherung von einer Zuschauertribüne jenseits von ihm. Oder ihr?

Als es aus dem Bett klettert, denke ich noch, dass wir es schaffen können. Kaffee, Beerenbrei, Dusche, Ranzen schnappen und los. Kurvendiskussion üben, den Lehrer um Hilfe bei der Photoshophausaufgabe bitten, Wirtschaft lernen, KeineAngstvorderWirtschaftslehrerinhaben trainieren.
Als ich im Bad stehe und mich nicht ausziehen kann, weiß ich, dass wir es nicht schaffen. Nicht jetzt. Wir sind heute nicht schnell genug. Nicht genug genug für Schulhier, Straßenbahnda oder MitdemFahrradunterwegs.

Das kann ich der Schulsekretärin nicht sagen. Der kann ich nur sagen: „Ich kann heute nicht kommen“ und hoffen, dass es nicht sehr schlimm ist. Denn noch mehr Dramen rund um die Schule packe ich einfach nicht mehr.

Jetzt sind wir also hier und haben Zeit.
Und ich merke, dass ich gern darüber reden würde und wie fremd mir das selbst vorkommt. Ich wollte nie darüber reden. Über Symptome, ja okay, aber doch nicht über diese Momente, in denen ich merke, das Zeit für uns manchmal gar nichts prozesshaftes ist. Die Momente, in denen ich mich nicht zum Duschen ausziehen kann, weil ich die Angstsicherheit habe, dass mich jemand dabei beobachtet, dirigiert, mich auf eine Art miss.be.handelt, die unsichtbar ist – obwohl obwohl obwohl

Ich habe gerade keinen Zusammenbruch. Keine heftige Krise. Ich brauche jetzt keinen Igelball oder geistigen Dreh in Heute zurück. Ich bin im Heute.

Heute bedeutet, die Dinge nicht mehr zu erleben. Heute bedeutet, die Dinge zu erinnern.
Manchmal ist das nicht genug Unterschied.
Nicht genug genug.

Fundstücke #58

„Das ist bestialisch“, hatte die Therapeutin dazu gesagt. Und während ich mich unter dem Gefühl der Kongruenz durch ihren Ausdruck von Abscheu und Abgrenzung entspannte, fiel mir auf, wie praktikabel das Mittel der Entmenschlichung ist. Nicht nur heute, wo es eine tückische Entlastung ist, menschlicher Gewalt den Wortmantel der Unmenschlichkeit anzulegen, sondern auch früher, wo sich die Energie der Gewalt ihre Bahn durch Selbst und Sein eines Kindes brach und keine als menschlich akzeptierte Eigenschaft hinterließ.

Es ist tückisch, denn es bestätigt die Ablehnung des Ausmaßes der Folgen für das Kind, in der es die Gewalt als etwas wahrnimmt, das nie aus einer gemeinsamen Basis kam.
Doch genau das stimmt nicht.
Und das ist das Problem.

Menschen, die Gewalt ausüben, durchdringen und versehren eine Entität, die sich im günstigsten Fall darüber nie Gedanken machen musste. Das ist ein Schmerz, den Menschen vermeiden, sobald sie geboren sind und durch viele soziokulturelle Praxen und Technologien im Laufe des Lebens immer sicherer nicht zu erleben versuchen.
Warum sollte ein Mensch einem anderen Menschen diesen Schmerz zufügen? Was sollte denn jemand von etwas haben, das niemand will?

Zwischenmenschliche Gewalt wird heute so vielfältig erklärt und analysiert. Da gibt es Machtanalysen, da gibt es Pathologisierung, da gibt es Räume voller Fragezeichen und individueller Erzählungen von Menschen, die über ihre eigene Täter_innenschaft reflektieren.
Hinterher. Wenn ES vorbei ist und die Gewalt_Hinterbliebenen versuchen sich selbst und die Welt, in der sie passieren, in dem wieder zu finden, was ihnen geblieben ist: Leib, Leben, Da_Sein.

Das Geständnis vom Monster im Innen, den Tieren unter uns, dem Biest unter der Haut, das die Welt zerstören kann, haben wir nie abgelegt, um einen Selbsthass auszudrücken oder um mehr als eine, mal mehr mal weniger nah, wahrgenomme Zerstörungs- bis Tötungsenergie zu benennen.
Diese Innens/Anteile/Energien nehmen wir so wahr und wissen, dass es Menschen gibt, die diese Wahrnehmung wenigstens in dem Moment geteilt haben, in dem sie sich davon bedroht gefühlt haben. Vielleicht, weil da eine Facette von Menschlichkeit – menschlicher Überrestigkeit – spürbar war, die nicht mit dem eigenen Wahrnehmen und Erleben von Menschlichkeit in Einklang zu bringen war.

Es ging auch nie darum anderen Menschen die Angst zu breiten, die wir vor uns selbst haben und uns selbst von eben jener Angst abzutrennen, indem wir uns als etwas positionieren, das nie mit ihnen zusammen passiert.

Heute denke ich, dass es dem Kind, das ichwir einmal waren, damals schon klar war, dass ein Mensch, dem so viel zerstört wurde, einen anderen Rahmen übrig hat. Ein anderes Funktionieren. Eine andere Art des Lebens.
Ein unmenschliches Leben. Nicht: ein schlechteres Leben, nur: ein unmenschliches

Es gibt die Idee in der Erklärung wie sich Identitätsstrukturen ausentwickeln und -gestalten, dass es fixe Ideen bzw. mehr oder weniger reflexhaft assoziierte Identifikationen sind, die dazu führen, dass man in manchen Vielen Roman- oder Fantasiefiguren findet. Unter anderem Monster, Tiere, Bestien.

Eine Therapeutin vertrat uns gegenüber aber auch schon die Ansicht, dass diese von uns als unmenschlich wahrgenommenen Innens der Versuch war/ist, die Identität und die Zerstörungsintension der Täter_innen uns gegenüber zu erklären und abzuwehren. Am Ende: dass wir aufhören müssten, uns und dadurch jene, die an uns zu Täter_innen wurden, zu verkleiden.
Als wäre das alles eine schiefgegangene Scharade. Ein Eskapismus, eine Flucht vor einer Realität, die wir uns kreiert haben, weil uns die gegebene nicht gefallen hat.
Nicht, weil es das war, was wir noch aus dieser Realität danach machen konnten.
Diese Flucht in Aspekte der Realität, die so vielen Menschen in unserem damaligen Kinderleben scheinbar verborgen war.

Wir selbst schreiben oft von Dissoziation als trennendes Element. Jedoch merke ich gerade, wo DAS DA in mir arbeitet und wie ein auf leichter Flamme vor sich hin wirkendes Geblubber auch da sein kann, dass es manchmal auch um Verschmelzung geht.
Verschmelzung mit Dingen, die von der Gesellschaft, der Realität, dem Leben, das von so vielen Menschen abkürzungshalber „Normalität“ genannt wird, getrennt passieren.
Mit dem Moment, in dem jemand „wie ein Tier“ rast, wütet, Gewalt ausübt (… leidet …) – und doch ein Mensch ist, der menschliches tut (… erlebt).

Nur nicht mehr als solcher akzeptiert wird.
Von allen anderen um ihn herum.

Als würde die Menschlichkeit der Täter_innen als Bestie verkleidet, um sie und ihre Tat zu verstecken.
Abzutrennen. Zu Dissoziieren.
Als sei nur so ein Urteil zu fällen oder eine Einordnung zu treffen. Als könne man der Gewalt und ihren Folgen nur so begegnen.

Mit Gewalt durch Aberkennen der Zugehörigkeit zur Menschenheit.
Einem unveränderlichen, unbeeinflussbaren, unwählbaren Merkmal.

<!–kaskadierende Traumascheiße–>

disclaimer: Für uns sind Gleichsetzungen mit Maschinen und ihren Funktionen okay. Das gilt nicht für alle Menschen, die mit Traumafolgen leben.

Wenn ich versuche Menschen zu erklären, was Vielesein ist und wie es bei uns funktioniert, greife ich gerne auf folgendes Bild zurück.

Gegeben sei ein Mensch als Computer.
Es gibt Inputkanäle (Tastatur, Maus, USB und sonstige Anschlüsse für Kamera und Mikrophon, CD/Diskettenlaufwerke) und Outputkanäle (Bildschirm, Drucker, Lautsprecher). Es gibt ein Gedächtnis (die Festplatte), es gibt Verarbeitungssysteme (Prozessoren und der ganze Kladderadatsch, der mit dazu gehört). Es gibt verschiedene Selbst-Schutzmechanismen (mechanisch: die Kühlung, digital: Codeangaben, die Prozesse beenden, die zu lange dauern oder zu viel abverlangen).
Es gibt bestimmte grundlegende Dinge, die gegeben sein müssen (Strom, Unversehrtheit, Code, der wenigstens Hardware und Betriebssystem richtig zusammenbringt (Informatiker_innen, die ihr das lest, bitte nehmt das jetzt einfach so hin  ^__^’ ).

Menschen, die in ihrem Leben wohl auch schwierige und belastende Erfahrungen gemacht haben, jedoch nicht davon traumatisiert wurden, finden in ihrem Betriebssystem (ihrem Erfahrungsschatz, ihren Fähig-und Fertigkeiten) Möglichkeiten damit umzugehen, ohne Umbaumaßnahmen an sich vornehmen zu müssen.
Sie kommen mit einem Laufwerk zurecht, teilen sich dies aber zuweilen auf in “privat” und “Arbeit” oder in “allein”, “mit Freund_innen”, “unter Kolleg_innen”, “mit Freizeitpartner_innen”.
Der Bedarf an Rechenleistung und Speicherkapazität war und ist immer vom Gesamtsystem zu leisten gewesen. Auch in Momenten, die schwierig waren.

Die Kommunikation von Hardware und Software wird bei diesen Menschen kontinuierlich verbessert, Schwerpunkte der Nutzung/Belastung von In- und Outputkanälen werden von individueller Rechnungsleistung im Zusammenspiel mit der Ansprache ausgebildet. Sprich: Wenn ein Mensch eher der visuelle Typ ist, dann verbessert sich die Kommunikation zwischen Dateninputkanal “Tastatur” und Datenoutputkanal “Bildschirm” im Laufe seines Lebens zu einer insgesamt stabilisierenden Säule der Funktionalität des Gesamtsystems.

Mir wird zunehmend bewusst, dass es bei uns insgesamt anders läuft.
Da sind sensorische Quirks, wie die automatisch gemeinsame Nutzung von Lautsprecher und Bildschirm (die Synästhesie, die wir im Zusammenhang von Geräuschen und Farben/Formen erleben), eine generell instabile Inputkanalisation und die scheinbar willkürlichen Funktionen des Selbstschutzes, die das System immer wieder zum Absturz bringen, chronisch überlasten oder In- und Outputkanäle zusätzlich dysfunktional werden lassen.
Und das ist nur die Hardwarekomponentenseite.

Das Gehäuse hat Risse, hier und da fehlen Schrauben, manches baumelt an Kabeln, von denen man nicht so richtig weiß, wo sie eigentlich hinführen und wann sie was genau machen. Eigentlich braucht unser Gehäuse ein Gehäuse, aber die Schadensberichte kommen nur dann wann im Rechenzentrum an und werden noch seltener auch (richtig) verarbeitet. Es ist ein Glücksfall, wenn der Output dessen gelingt  und eine Sensation, wenn ein anderes System (ein anderer Mensch) es aufnimmt und versteht (und helfen kann/hilft).

Das Innere – also uns – beschreiben wir so:
Es gibt mehrere Laufwerke. Auf jedem Laufwerk ist ein eigenes Betriebssystem (ein System von Innens) installiert.
Das bedeutet: Jedes Laufwerk hat eigene Funktionsbereiche, die auf spezifische Art und Weise auf In- und Outputkanäle zugreifen; um eingehende Daten aufzunehmen und entsprechend der zur Verfügung stehenden Software (Fähig- und Fertigkeiten) darauf zu reagieren.
Zum Beispiel gibt es auf dem Laufwerk “Rosenblätter” die Software “Hannah C. Rosenblatt”, die Zugriff auf die zentrale Wörtersammlung des Laufwerks hat, gut mit dem Outputkanal “Tastatur” (den Fingern) kommunizieren kann, jedoch an anderen Aufgaben scheitert, wenn sie nicht mit anderen Komponenten auf dem Laufwerk zusammenarbeitet.

Jedes Laufwerk hat sich im Zuge überlebensnotwendiger Umbauarbeiten entwickelt.
Aufgrund des frühen Alters konnte es so keine insgesamt stabilisierenden Säulen entwickeln. Die Ausbildung der verschiedenen Laufwerke und Betriebssysteme ist die tragende Säule des Gesamtsystems.
Diese Aufteilung verteilt die notwendige Rechenleistung zur Ausführung bestimmter Tätigkeiten und Funktionen auf ein leistbares Maß, das jedoch gleichzeitig erfordert andere Prozesse anzuhalten und als sekundär einzuordnen.

Als für die Aufrechterhaltung des Systems sekundär eingeordnet sind Dateninputs traumatisierender Erfahrungen.
Dank dieser Einordnung hatte das System im Moment der Eingabe die Möglichkeit den Betrieb aufrecht zu erhalten und die Daten in ursprünglich als Zwischenspeicher bereitgestellte Laufwerke zu geben.
Da die schiere Datenmenge das System nicht nur akut, sondern auch nachhaltig überforderte – und in unserem Fall 21 Jahre lang immer wieder derartig überfordernde Mengen auf uns einströmten – wurde aus dem Zwischenspeicher ein Laufwerk. Und noch eins. Und noch eins. Und noch eins. Und …

Ein Laufwerk herzustellen wurde nie von einer Software initiiert. Die gesamte Ausentwicklung war von Anfang an im Rechenzentrum als zur Verfügung stehende Möglichkeit angelegt. In der letzten Instanz denken wir jedoch, dass es einer zufällig passenden Konstellation von Faktoren geschuldet ist, dass diese Möglichkeit vor einer anderen aktiviert wurde.

Als Computer könnten wir so sehr lange leben, ohne je mit Dysfunktionalität rechnen zu müssen.
Doch sind wir leider, trotz aller bis hier hin passierenden Ähnlichkeiten, keine Maschine.

Eine Maschine hat keine Triebe. Sie existiert, weil sie existiert und fertig.
Sie stellt keine Fragen, die sie nicht auch beantworten kann. Jede Maschine – selbst eine, die etwas macht, was sie nicht kann! – greift auf eine für diesen Fall hinterlegte Option zurück.

Wir jedoch stürzen ab, wenn wir das versuchen. Denn sowohl unsere Struktur als Funktions-System, als auch als Speicher-(Verarbeitungs)System sind so wenig miteinander vernetzt, dass es wenig bis nichts gibt, was für diesen Fall hinterlegt ist.
Wer sowohl Apple, als auch Linux als auch Windows-Produkte gleichzeitig verwendet, kann unser Dilemma verstehen.
Grundsätzlich funktioniert alles – nur nicht miteinander.
Es braucht zusätzliche Software, die die Kommunikation aller Produkte ermöglicht – doch selbst das funktioniert oft nicht, weil es von Grund auf nicht vorgesehen ist, jemals mit einem anderen Betriebssystem zusammen zu arbeiten.

Was man sich im realen Alltag außerhalb dieser von mir beschriebenen Metapher überlegen und kontrollieren kann, können wir nicht.
Wir stecken gemeinsam in diesem klapprigen Gehäuse, teilen uns Input- und Outputkanäle und funktionieren auch heute noch, nach vielen Jahren Therapie und Bewusstseinsarbeit, weitestgehend autark nebeneinander her, ohne sofort zu merken, wann wir die jeweils anderen Laufwerke und Komponenten überlasten oder beschädigen.

Der Grund dafür liegt jedoch nicht allein in unserer Konstruktion. Es liegt auch an der versprengten, unvollständigen, unsortierten Datenbank auf spontan hingerotzten Laufwerken.

Der Vorteil, den Menschen mit nur einem Laufwerk haben, ist der kurze Dienstweg, den das Rechenzentrum überall hin hat.
Es braucht nur eine Anweisung pro Funktion und gibt auch nur zwei Rückmeldungen darauf: 1 oder 0 (“Check” oder “Fehlermeldung”).
Unser Rechenzentrum muss immer erstmal überlegen, welches Laufwerk es denn wohl braucht, um eine Anweisung richtig zu adressieren. Und kann dann nicht davon ausgehen, dass die Daten zur Ausführung der Funktion auch auf diesem Laufwerk hinterlegt sind, denn nicht immer liegt die Software auch da, wo die zur Ausführung benötigten Daten liegen. Es braucht also eine Extraanweisung. Also: extra Rechenzentrumsarbeit, die unter Umständen auch ins Blaue führen kann, weil es ein ewiges Ratespiel ist, mit einer unsortierten Datenbank umzugehen.

Je weniger Rechenkapazität – etwa durch ungünstige Umgebungsfaktoren und mangelhafte Versorgung, oder ein Laufwerk, das gerade völlig frei dreht und wer weiß was für ein Ding am Laufen hat – desto weniger Anweisungen werden ausgegeben,
Je weniger Angaben, desto wahrscheinlicher ist das Ausbleiben von Funktionen. Also: Funktionalität, die gezielt angestoßen wird und entsprechend als kontrolliert, selbst gemacht, selbst gewollt, zielgerichtet wahrgenommen und ausgeführt wird.

Für das menschliche Gehirn ist die Dissoziation (die Auftrennung von Daten) nur ein Zwischenschritt. Sie wird zu keinem Zeitpunkt dazu benutzt endgültige Lösungen zu kreieren oder überhaupt “produzierend tätig zu sein”.
Dissoziation passiert, um kurzzeitig Platz für Berechnung und Ordnung zu sorgen. Platt gesagt. Sehr platt gesagt.

Die menschliche Aufnahmefähigkeit übersteigt die Fähigkeit zur Verarbeitung immer um ein gewisses Maß. Niemand, kein einziger Menschen auf der Welt, dissoziiert nicht. Niemand nimmt die Welt 1:1 genauso wahr, wie die Sinne (die Inputkanäle) sie aufnehmen und ins Gehirn leiten. Schon deshalb nicht, weil diese Daten mehrfach umgewandelt werden müssen, um überhaupt interpretierbar und damit abgleichbar (assoziierbar=… erinnerbar) gemacht werden zu können.

Das bedeutet im Kontext mit dem Vielesein, was unsere umgangssprachliche Bezeichnung für die dissoziative Identitätsstruktur, die wir bei uns sehen, ist, dass unser derzeitiges Sein und Funktionieren eine Art chronifizierte Zwischenlösung ist. Also sowas wie der Pflegenotstand in Krankenhäusern und Altenheimen: eigentlich solls nicht so sein, aber wenns nicht so wäre, würde die ganze Schose in sich zusammenbrechen und jemand wäre in Lebensgefahr.

 

Weshalb ich das jetzt noch einmal so lang und breit aufschreibe.
Ich wünsche mir gerade so eine Maschine zu sein. Eine, der ich vielleicht selbst ins Zentrum schreiben könnte: Bitte jetzt keine Links (Verbindungen/Assoziationen) erstellen.

Es ist ein scheiß Dilemma. Jedes Mal neu.
Ich weiß, dass es gut ist, wenn ich Dinge erinnere, wenn ich mehr in Kontakt komme mit dem, was ich in der Metapher als “anderes Laufwerk” bezeichnen würde. Ich weiß, dass es vielleicht das einzige ist, das bei uns noch genauso so läuft wie zu dem Zeitpunkt unserer, meiner, Geburt, wenn der Prozess der Zusammenführung von dissoziierten Daten aus den vielen verschiedenen Winkeln und Nischen passiert.

Und: Ich bin neugierig auf das Ergebnis davon. Ich will wissen wie das ist, wenn wir zusammen ein Maß an Kompatibilität und Zusammenarbeit erreicht haben, das weniger energieaufwendig, weniger komplex, mehr Wissen als Raten ist.

Wenn M. eine Webseite schreibt, dann teilt sie sich das auf. Eine Datei enthält die bloßen Informationen und eine die Anweisungen, wie diese Informationen aussehen sollen und wo sie positioniert werden sollen.
Im Zuge des letzten Übungsprojekts dachte ich, dass ich genauso so lebe und funktioniere. Alles, was ich tue ist das Rausbringen von Informationen. Genau so, dass es Instanzen mit bestimmten Übersetzungsfähig- und fertigkeiten interpretieren und aufnehmen können.
Ich bin wie eine funktionale HTML-Datei. Um mehr als das grundlegend nötige (überlebenswichtige) zu übertragen, brauche ich einen ergänzenden Link zu einer CSS (einem cascading stylesheet) um meine Informationen in ihren Kontexten erscheinen zu lassen.

Im Moment bin ich mit kaskadierender Traumascheiße verlinkt.
Ich kann nichts dagegen tun, dass, was ich äußere oder tue, davon beeinflusst und im gewissen Maße auch davon definiert wird, was aus diesem Datenknäul kommt.
Ich verwandle mich von einer ~neutralen~ Datenausgabequelle zu etwas, das mich verändert und damit auch das gesamte Laufwerk in seiner Kommunikation sowohl intern als auch extern beeinflusst und in der Funktionalität auf eine neue Art beschränkt wie erweitert.

Das geht über das Erleben eines Triggers hinaus.
Ein Trigger kommt und geht. Ein Trigger kommt für mich meistens von Außen und hat für mich in der Regel nur noch mehr Dissoziation zur Folge.
Ein Trigger ist kein gesetzter Link für mich, sondern eher das Signal vor meiner Abschaltung, die ich selbst nicht kontrollieren kann.

Ein Link zu Traumascheiße ist wertvoller als ein Trigger – obwohl beides mit der krassen Überflutung von Reizdaten einher geht und beides etwas ist, was außerhalb meines direkten Einflussbereichs liegt.

In HTML kann man Kommentare setzen. Das sieht so aus: <!—Hier kommt rein, was kommentiert wird –>.
Wenn man das in einen Text schreibt, zeigt der Browser den kommentierten Teil nicht an.

Ich möchte mein Dilemma an dem Traumascheiß lösen und habe ich mir überlegt, es mit dieser Kommentarfunktion zu versuchen.
Ich will mich nicht verschließen, aber ich will nicht auch nicht von etwas verändern lassen, das zum Einen schon längst vorbei ist, zum Nächsten nicht aus mir selbst heraus auf mich einwirkt und zum Anderen nachwievor völlig wirr und unsortiert ist.

Ich finde, dass das eine gute Zwischenlösung für mich ist. Eine, die nichts komisch verwachsen lässt, weil sie der Verarbeitung ihren Raum lässt und gleichzeitig aber auch eine Verbindung bestehen lässt, die wenn nicht jetzt, so doch zu einem anderen Zeitpunkt für mich (und andere) nützlich sein könnte.

Fundstücke #57

Im Nachhinein merke ich, dass ich immer dachte, es gäbe so etwas wie eine Grenze des unkontrollierten Erinnerns. So, als wäre ein “nicht richtig aufwachen und in eine desorientierte Gewalt-Wiederleben-Schleife sinken” das obere Ende dessen, was unverarbeitete Erfahrungen mit sich bringen.
Vielleicht ist meine letzte Nacht auch nicht wirklich eine Steigerung dessen.
Vielleicht ist es insgesamt unsinnig Symptomatiken zu skalieren, wenn es doch mehr meine Gefühle dazu sind, die ich skalieren will, damit sie mir gleichzeitig greifbar und entfernt von mir sind.

Dieses “Einsinken” ist grauenhaft. Mir ist dabei nicht klar, dass ich etwas erinnere bzw. erlebe, was längst vorbei ist. Selbst “Ich” ist mir in dem Moment nicht so klar. “Einsinken” ist wie eine Art Ohrwurm der Sinne, der mich total absorbiert, sich aufdrängt und nicht weggeht bis irgendein unbestimmtes Moment ihn unterbricht.
Aber wenn es einmal unterbrochen ist, dann ist es das auch.
Ich fühle mich scheiße, aber ich weiß, dass ich da bin, wo ich bin und was ich tun kann.

Heute Nacht bin ich aus etwas aufgewacht, dass ich mit “Ekel5000” überschreiben will.
Ich weiß nicht wovor, ich habe keine Bilder dazu, keine Gedanken – nur Ekel und einen drückenden, stauchenden, stiebenden Wust aus einander widersprechenden Impulsen und Körper_Reaktionen.

Jetzt einige Stunden später denke ich, ob ich vielleicht das unterbrechende Moment war, denn ich bin aufgewacht, weil ich mich übergeben musste und das auch rückhaltlos tat, als wäre ich selbst das andere Ende dessen, was sich zusammenreißt, hart macht, verdichtet – sich von mir abtrennt und so viel Platz wie möglich frei, leer, dissoziationsnebelweiß lässt.

Normalerweise erdet und beruhigt es uns insgesamt chaotische Bettsituationen aufzulösen.
Für manche Innens ist es bis heute gut “Spuren zu vernichten” oder “alles wieder gut zu machen”. Für mich ist es das Gefühl etwas tun zu können, das mir hilft. Ich mag die Muster, die sich für mich auftun, wenn ich etwas tun kann, das mit dem Alltag zu tun hat. Und sei es das Bettzeug abzuziehen, zu waschen, neu zu beziehen und zu lüften.
Es ist Alltag. Heute-Alltag. Ich-Alltag.

Und diesmal hätte ich die ganze Zeit kotzen können. Über mich, über die Situation, darüber, dass meine Bettwäsche nicht nur mit einem Handgriff, sondern einer ganzen Menge Handgriffe zu wechseln ist, darüber wie meine Haare über die Ohren rascheln – alles, was den noch so kleinsten Widerstand in mir aufmachte, brachte dieses “Ekel5000”- Ding mit sich.
Das ist, was es anders macht. Und schlimmer.

Üblicherweise sind es ja genau diese kleinen Widerstände und die Möglichkeit sie durchzusetzen, was es mir ermöglicht mehr und mehr Orientierung aufzubauen. Sie mit diesen Gefühlen und Impulsen beantwortet zu kriegen, hat mir diese Möglichkeiten genommen. Mehr als das zu erleben und auszuhalten, ging nicht und es hat bis in den frühen Morgen gedauert, bis ich an dem Punkt war, an dem aus mir heraus keine Widerstände mehr kamen. Nicht, weil ich sie aktiv unterdrückt hatte, sondern, weil da einfach keine mehr waren.

Für mich hatte das nicht nur so eine Ebene des Aufgebens, sondern irgendwie auch von Entfernung zu dem, was wir seit Jahren machen und wollen. Wir wollen diese unkontrollierten Momente nicht mehr, also machen wir therapeutisches Resilienzen pflegen, hören nicht auf mit ständiger Orientierung, mit Verankerung, mit klaren Bewegungen weg von dem, was uns nicht gut tut und stärkt.
Das loslassen zu müssen, um Erleichterung zu empfinden, verwirrt mich noch immer. Es ergibt keinen Sinn und widerspricht allen Erfahrungen, die ich bisher im Umgang mit solchen Situationen gemacht habe.

Vielleicht geht es am Ende wieder nur um meine komischen Kontrollquirks, das weiß ich gerade nicht, aber es ist eine neue Ebene der Unkontrolle und eine Konfrontation mit Erinnerungsfragmenten, die ich in der Form noch nicht hatte.

Es verunsichert mich.

und wenn es funktioniert, ist es merkwürdig

NakNak* geht es nicht sehr gut im Moment.
Über die Weihnachtsferien hat sie Gewicht verloren und ist insgesamt ziemlich schlapp. Die Lymphknoten unter ihren Ohren sind seit inzwischen 4 Wochen geschwollen. Doch Fieber hat sie nicht.
So eine Kombination ist immer kacke.

Am Montag waren wir beim Tierarzt, der von einer Tierärztin vertreten wurde.
Und seitdem erlebe ich merkwürdige Zeitanomalien.
Bis “Sie denken sicher auch an etwas Tumoröses”, passierte alles im Schnelldurchlauf. Wie sie NakNak* abtastet, anschaut, abhört, mit Hilfe einer Assistentin ein paar Röhrchen Blut abnimmt. Zack Zack zack. Schwusch an mir vorbei.
Dann überlege ich, ob ich an “etwas Tumoröses” denke und merke: nein, eigentlich denke ich an gar nichts. NakNak*s Zustand ist für mich nicht einzuordnen. Also ordne ich ihn unter “jemanden um Hilfe bitten” ein und hoffe, dass mir geholfen wird, einzuordnen, was mit ihr los ist.

Die folgenden Sätze der Tierärztin quellen wie zäher Brei auf den Untersuchungstisch der Praxis. Worauf meine wie Schnellfeuer daneben auf den Boden klappern. “Lyyyyyyyyyyyyymphdrüüüüüüüüüüüüüseeeeeeeeeeennnnnkreeeeeeeeeeeeeeeebs” “AchdasglaubichejetztnichtgleichIsdochrechtseltensowas”.

Dann laufen wir nach Hause und telefonieren uns schon auf dem Weg Unterstützung zusammen. Müssen noch ein paar Stunden auf die ersten Blutergebnisse warten. Schrödingers Zeitverlauf. Es sind nur ein paar Stunden – es fühlt sich nach Tagen an. Und als wir die Assistentin am Telefon haben, die uns sagt, was der Tierarzt über die Ergebnisse denkt, kommt kaum an, was sie uns mitteilt, so schnell ist das Gespräch wieder vorbei.

NakNak*s Leberwerte sind schlecht.
Aber das Internet sagt, dass das eigentlich genau so eine Wabbelinformation wie geschwollene Lymphknoten ohne Fieber sind. Es ist das “alles kann, nichts muss”, des großen Blutbildes.
Immerhin: eine der üblichen Zeckenkrankheiten ist es nicht und auch sonst ist alles im Rahmen.

Am Dienstag merke ich ein Kinderinnen, unter meiner Haut, als ich NakNak* aus den Augenwinkeln beobachte, die mich nicht beobachtet, obwohl ich gerade mit Lebensmitteln rummache. “Ist sie tot?”. Ich lege meinen Blick auf unsere Hündin und suche die Bewegung ihres Brustkorbs. “Nein.”, antworte ich und merke, wie wir einander im Innen kreuzen. Wie ihre Frage meine Angst ist und meine Beobachtung ihre Beruhigung.
Es ist total merkwürdig.

In den nächsten Stunden ist es immer wieder mal da. “Ist sie tot?” – “Nein.” – “Oke gut.”.

Als wir uns zum Schlafen hinlegen, fällt es in mich hinein und ich bin kurz davor loszuheulen, weil mich das Bild eines Hundewelpen überschwemmt, der neben mir im Bett verwest.
“Ist sie tot?” – “Nein. Ich höre ihren Atem.” – “Oke gut.”

Am Mittwochmorgen ist NakNak* fitter. Während wir unser Aufwachwasser trinken, stupst sie uns mit ihrem Spieltau im Maul an. Ein Zeitlupenschnelldurchlaufmoment. Eine Stunde später fällt sie uns fast sie Treppen runter und hängt wie ein nasser Sack auf unserem Schoß.
Die Schule tobt um uns herum. Alles ist viel viel scheiße verdammt nochmal so viel zu viel für eine erste Schulwoche. Auf unserem Schoß und unter unserem Pult ist Zeitlupe. Wir lassen NakNak* in Ruhe. Fordern nichts. Lassen sie da_sein. Denken, zu Hause allein hätte sie unnötig viel mehr Stress.

Auf dem kürzeren Nachhauseweg dreht sie wieder auf. Rennt, spielt, geikelt mit Stöckchen durchs Gebälk.
Am Abend sitzt sie als Küchenbodenpatrouille neben uns, während wir das Abendessen bereiten. Ich fange an, mich bewusst in den Gedanken reinzusteigern, dass sie wahrscheinlich nur irgendeinen Quirk hat, der von allein wieder weggeht und, dass der Ultraschall und die Biopsie am Freitag nichts Besonderes zeigen werden.

“Und wenn es schlimm ist?” – “Dann lösen wir unser Versprechen sein.” – “Oke gut.”

Der Donnerstag ist ein Schlauch voller Hektik und Vielviel, das uns nicht erreicht, weil wir durch einen Tunnel mit Schneckentempolimit durchsuppen.
“Hat sie Schmerzen?” – “Ich bin mir nicht sicher” – “Ich auch nich.” – “Wenn wir uns sicher sind, fahren wir zur Tierarztpraxis, okay?” – “Oke.”

Es funktioniert.
Und es ist surreal merkwürdig.
Das alles.

anders. und weiter nichts.

“Wir haben abends noch lange über deinen Text diskutiert.”, erzählt sie mir. “Darüber was wir in der Situation mit der Nachbarin gemacht hätten und so.”.
Wir geraten in ein Gespräch über Normen und Angst vor dem Fremden. Ich klemme mich zwischen die Feuerlöwin und sie, versuche die körperlose Verwunderung in meinen Händen nicht fallen zu lassen.

Wie leicht ihr das fällt Bescheid zu wissen. Dinge einfach so anzunehmen, nach denen wir gezielt suchen müssten, selbst, wenn wir nach Überlegen und Analysieren, ahnen oder wissen, was es ist.

Später sitzen wir in der Straßenbahn nach Hause. Beobachten zwei Menschen, die sich angucken und küssen, obwohl die eine Person die andere immer wieder grob anfasst, zwickt, Abwehrbewegungen umgeht. Beide lachen die ganze Zeit.

Nein, wir wissen nie einfach so, was irgendwer warum wann wie braucht. Ob von uns oder von irgendwem.
Nein, wir sind keine Selbstbestimmungshippies, die Normen und Grenzen für überflüssigen Killefit halten. Oder spießig und grundsätzlich schlecht.
Aber wir wissen, dass Selbstbestimmung nur so viel Wirkmacht entfalten kann, wie man Raum für sie freilässt. Dass wir nur dann etwas verstehen können, wenn sich jemand oder etwas entfalten kann. Und dass wir bestimmen können, was wir verstehen wollen.

Nazis wollen wir zum Beispiel nicht verstehen. Zumindest im Moment nicht. Vielleicht ändert sich das irgendwann. Aber bis dahin bekommt kein Nazi von uns Platz zur Entfaltung.

Wir wissen: wenn wir uns verdichten, nicht verstehen wollen, dann sollten wir keine Entscheidungen treffen, Urteile fällen, Ratschläge geben und das, was wir denken auch nicht als “Meinung” bezeichnen. Denn mehr als ein Erahnen von Zusammenhängen, die uns verwirren und zu ungezielten, meist reaktiven Re_Aktionen verleiten, können wir dann nicht von uns erwarten.

Als wir aus der Bahn treten, hat die Interaktion der beiden Personen einen Lautstärkepegel erreicht, vor dem unsere Verwirrung über die beiden über uns zusammenschlägt wie Wellen an der See. Es ist weder Zeit noch Raum irgendetwas von diesen Menschen zu verstehen. Was in meinen Haaren kleben bleibt, ist nur ein weiteres dieser Menschenrätsel, das in uns das Gefühl auslöst deutungsdumm zu sein. Grundlegend unfähig jemals zu der Art intuitiver Sicherheit unserer Freundin zu kommen, wenigstens zu glauben, dass wir wissen, was gerade die normative Richtschnur des Moments und darüber hinaus ist.

“Wenn ihr die Menschen verstehen wollt, macht ihr etwas anders als die meisten.”, sagt die andere Freundin am Telefon. Ich beobachte Hannah’s Tränen an meinen Wimpern und streichle ihre Hand mit NakNak*s Fell unter den Fingerspitzen. “Es ist anders. Weiter nichts.”.
Wir fragen nicht nach.
Anders und weiter nichts, das reicht als Einordnung.