vom Funktionieren – Teil 2, „Grenzen“, Punkt 2

„Viele komplex traumatisierte Menschen mit DIS operieren nur mit dem existenziellen Extrem. „Ich habe X gemacht und das hat funktioniert (Ich lebe noch)“ oder „Ich habe X gemacht und das hat nicht funktioniert (Ich bin irgendwie/seelisch/innerlich gestorben, als ich X gemacht habe)“. Fokus und Maßstab ist (manchmal auch erst am Ende einer traumalogischen Überzeugungskette) fast immer das subjektive Erleben von Todesangst oder Lebensbedrohung.“
An dieser Stelle zweigt mein zweiter Punkt ab. Grenzwahrnehmung als Auslöser für Dissoziation und ihre funktionelle Relevanz für die Person als Ganzes.

Die dissoziative Identitätsstruktur (mit kPTBS) ist eine richtig fiese Bitch, wenn die Sache mit dem Überleben (dem tatsächlichen existenziellen Extrem) vorbei ist. Denn wenn sie nicht mehr wirklich gebraucht wird, dann ist es ihre Struktur und Funktionalität, die sich selbst aufrechterhält und erklärt. Und zwar sehr oft über das Erleben von Grenzen.

In einem Vortrag zum Leben mit DIS habe ich ein Mal auf den Film „Alles steht Kopf“ zurückgegriffen. Dort gibt es zu Beginn nur genau einen Knopf zur Reaktion auf äußere Reize (Grenzen etwa), den der Charakter „Freude“ bedienen kann. Ich beschrieb mein Erleben so, als hätten meine Gefühlscharaktere jeweils einzelne Büros und nicht einen gemeinsamen Raum, in dem alle Reaktionsträger (also die Gefühle) das Gleiche sehen und über die gleiche Knopf- und Schalterarmatur re.agieren. Und dass nicht alle immer Strom haben, geschweige denn sicher immer Bild- und Tonübertragung. Ich beschrieb mein Erleben so, als hätte sich in meinem Aufwachsen allein „Angst“ zu einer konstant kompetenten Figur entwickeln können. Aber nicht so wie in dem Film, ständig zitternd und nervös, sondern eher wie ein schneller, starker Geheimagent, der, ohne dass es jemand weiß, auch der Drahtzieher jeder Operation ist. Also einerseits alles bestimmt und andererseits alles ausführt.
Also auch den anderen „Gefühlen“ in mir „den Strom abstellt“, sodass sie überhaupt keine Reaktionsoption haben – und im Nachgang sich selbst darstellt, als hätte es ohne sein Eingreifen tödlich enden können. Das Pult mit dem „Angst“ re.gierte beschrieb ich in dem Vortrag als sehr professionell, das Pult der anderen „Gefühle“ als jeweils mit einem, vielleicht auch zwei Knöpfen ausgestattet.
Um das gesamte Erleben und Sein eines Menschen mit DIS zu beschreiben, ist diese Metapher natürlich viel zu unterkomplex. Ich habe sie auch nicht gewählt, um das zu beschreiben, sondern, um das Missverhältnis der Reaktionskompetenz abhängig vom emotionalen Status zu illustrieren.

Ich zum Beispiel konnte nicht eine einzige Emotion ohne Beimischung von Angst bzw. später dann aktives Beruhigen von Angst empfinden. Und zwar nicht, weil ich im Kern ein ängstlicher Mensch war oder mich bewusst alles Mögliche an traumatische Erfahrungen erinnerte und mir Angst machte, sondern weil ich ohne Angst nicht inter.agiere. Ich bin bis heute nicht immer und schnell über meine Gefühle klar, wenn keine Angst oder Körperempfindungen, die zu Angst gehören, dabei sind.
In der Auseinandersetzung mit meinem chronisch dissoziativen „In-der-Welt-sein“ habe ich dann geschlossen, dass Angst meine funktionelle Basis für die Interaktion mit dem Außen zu sein scheint. Denn selbst jetzt, nach der Integrationsleistung von zwei nach außen interagierenden Alltagssystemen zu einem (den Rosenblättern) – bis hin zu mir, Hannah, bin ich/funktioniere ich nicht als ein Ich, wenn Angst nicht gleichzeitig auch aktiviert ist.
Ist alles fun and games oder überwiegend eine andere Emotion präsent, erlebe ich mehr oder weniger starke Dissoziation. – Und manchmal holt mich genau das wieder „mehr zurück“ bzw. „entdissoziiert“ – bzw. noch ganz viel richtiger – reaktiviert meinen Hannah/Alltags/andere Menschen-Funktionsmodus. Denn so manches dissoziative Erleben ist einfach ängstigend.

Zurück zum Grenzerleben. Betrachten wir die DIS weniger als umfassende Schutzreaktion (vor der Erinnerung an traumatische Erfahrungen) und mehr als das Ergebnis desintegrierter Funktionsmodi (aufgrund der Art und Weise, wie eine Person aufgewachsen ist bzw. sich entwickeln konnte), fällt es leicht, davon auszugehen, dass es auch unterschiedliches Grenzerleben und entsprechend unterschiedliche Grenzkompetenzen gibt. Um das Bild vom Beginn nochmal zu bemühen, könnte man sich vorstellen, dass jedes Innen oder auch jedes (Unter/Sub)System von jemandem mit DIS ein anderes „Gefühlebüro“ im Kopf hat, bei dem jeweils andere Emotionen im Missverhältnis zueinander stehen. Systeme innerer Jugendlicher und Kinder zum Beispiel basieren bei mir zum Beispiel viel eher auf Neugier, Freude, Bindungsbedürfnis (Liebe), Wut, Ekel und Überraschung (Schock). Ihre Grundlage ist komplett anders und entsprechend auch ihre Funktionalität.

Ich als Kommunikator_in/Alltagsperson/hauptsächlich „frontender“ Anteil bin nach wie vor auf die Hilfe Außenstehender und viel aktiven Prozess angewiesen, um berührte oder verletzte Grenzen zu erkennen, in ihrer Bedeutung zu begreifen und realistisch einzuordnen, gerade weil ich primär angstbasiert funktioniere. Angst bremst den Frontallappen aus – den braucht man aber, um sich (und andere) zu reflektieren. Ich nehme manche Dinge bedrohlicher wahr, als sie sind, weil ich ohne Katastrophisierung über jeden Kontakt gar nicht erst sicher interagieren kann. Im Konfliktfall kostet es mich enorme Kraft, nicht in vermeidendes Verhalten zu rutschen oder auf meine Rechte oder Ansprüche zu verzichten, nur weil ich kompetenter darin bin, die Folgen dessen zu kompensieren. Und sehr oft überstrahlt genau dieser Kraftaufwand, den ich erst seit der Therapie betreibe, noch zusätzlich, dass ich den Konflikt überhaupt als Grenzthema begreife.

All dieses Wissen und Verständnis über mich bedeutet übrigens nicht automatisch auch, dass ich die Kompetenz habe, meine Grenzen zu kommunizieren, einzufordern, dass andere Menschen sie wahren und bedenken, oder sie zu vertreten. Dieses Wissen bedeutet nur, dass ich mich inzwischen häufiger mit weniger Angst selbst erleben und reflektieren konnte. Wissen allein befähigt nicht zum Handeln.
Aktuell erlebe ich es so, dass ich von meinem direkten Umfeld befähigt werden muss, um meine Grenzkompetenzen zu trainieren und zu modulieren. Wenn ich es mit Menschen zu tun habe, die primär mit ihrem Bild von mir bzw. ihrer Idee von mir interagieren, bin ich nicht in einem befähigenden Umfeld. Genauso wenig, wenn ich es mit Menschen zu tun habe, die von meiner angstbasierten Funktionalität profitieren. Etwa weil sie bei gemeinsamen Aufgaben wissen, dass ich zur Not halt alles allein mache (bevor wir beide sterben) und sich entspannt zurücklehnen.

Entsprechend ist meine Idee von meinem Funktionieren. Ich halte es nicht für eine Dysfunktion, wenn ich es nicht schaffe, den richtigen Menschen im allgemein angemessenen Zeitraum, passend zu vermitteln, wenn ich etwas nicht möchte, mit etwas nicht einverstanden bin oder den Umgang mit mir respektlos oder grenzverletzend empfinde. Im Hinblick auf meine traumabedingt entwickelten Fähig- und Fertigkeiten zum Überleben ist genau das mein Funktionieren.
Und hier lohnt es sich meiner Ansicht nach, sich selbst nicht nur als „System“ einzuordnen, sondern als der Organismus, der man ist als Mensch. Auch als sogenanntes „gemachtes/programmiertes“ DIS‑System. In dem Zusammenhang ist es meiner Meinung nach sogar besonders wichtig, die Depersonalisierung, der Gewalterfahrung nicht als Natur des eigenen Selbst anzunehmen. So nach dem Motto: „Sie haben mich wie einen Apparat benutzt, also bin ich jetzt einer (und werde wohl nie etwas anderes, ohne mich selbst zu verlieren).“

Die Anpassung an bestimmte Lebensumfelder ist nie die passive, ich-lose Reaktion, zu der manche Viele und auch so manche Literatur zum Thema ebenjene Funktionalität v.erklärt.
Passiv zu sein, kann aber durchaus Folge aktiver Prozesse (Funktionen) sein. Etwa im Kontakt mit der eigenen Familie oder Menschen, denen man eine gewisse Autorität (Macht) zuschreibt, nie zu widersprechen. Da denken viele Viele von sich, dass sie sich immer einfach ergeben und alles mit sich machen lassen. Praktisch selbst komplett verschwinden. Es mag traumatische oder extrem stressende Momente geben, in denen es zu einer kompletten Selbstaufgabe kommt. So etwas sieht dann aber von außen nicht aus wie ein Familienausflug, bei dem sich eine Person einfach komplett übernimmt, weil sie es in dem Kontext nicht schafft, eine Pause einzufordern. Sie mag von sich denken, sie sei kaputt, weil sie es nicht hinbekommt – was sie aber aus Sicht anderer Innerer schafft, ist, keinen Konflikt auszulösen (was aus Gründen evtl. sogar ganz gut ist). Sie hat den Eindruck, sich immer im Stich zu lassen – andere Innere fühlen sich aber vielleicht genau davon beschützt.

Die Funktionalitäten, mit denen die meisten Menschen mit DIS nach der Gewalt bzw. in weniger stressenden Zusammenhängen, zu kämpfen haben, sind oft genau die, die sie während ihres Lebens in ständig drohender Lebensgefahr gar nicht bewusst miterlebt haben. Die ihr Selbstbild in Frage stellen. Die manchmal mehr, manchmal weniger zur tatsächlichen Realität passen. Ich zum Beispiel habe mir meinen Hirntumor (ein unfassbar ängstigendes Ding btw) gewünscht, weil ich mich in der Zeit der Diagnosestellung oft total enthemmt, absolut frei und offen in aus meiner Perspektive todesgefährlichen Kontakten mit anderen Menschen erlebt habe. Ich hab einfach eine geraucht mit denen! Hab Musik gemacht – vor anderen Leuten! – Die mich angeguckt haben!!!
Heute sind das für mich die klassischen DIS‑Stories. Da habe ich andere Innere (andere Funktionssysteme) miterlebt, weil das allgemeine Erregungsniveau nicht mehr für eine spontane Dissoziation gereicht hat. Unser aller Funktionsgrundlage – Stress – hatte sich verändert. Aber unsere Funktionen nicht. Ich wusste nicht, empfand es nicht als zu mir gehörend, nicht mal als im möglichen Rahmen meiner Fähig- und Fertigkeiten, auch so im Leben sein zu können.
Für mich war jeder Moment, in dem ich andere Innere (andere Funktionsmodi von mir selbst) wahrgenommen habe, ein Extrem. Ein Grenzerleben, an dem ich „zerbreche“ oder manchmal auch innerlich „sterbe“ (dissoziiere). Ich habe auf diese Selbstwahrnehmung genauso reagiert, wie auf die Wahrnehmung von Grenzen von außen: angstbasiert, überlebensorientiert, vermeidend. – Die Inneren, die ich damals wahrgenommen habe, hingegen, konnten zunehmend weniger mit anderen Menschen umgehen. Seit der Zeit der Diagnosestellung ist vor anderen Menschen zu singen, ein Instrument zu spielen oder zu tanzen, kaum noch drin. Weder diese Inneren noch ich erreichen heute, unter den Bedingungen, in denen wir jetzt leben, mit dem Stressniveau, der Lebensbedrohung und so weiter, das Funktionsniveau, das wir jeweils früher hatten.

Manche Menschen würden das als Dysfunktionalität einordnen. Etwas, das früher ging, geht heute nicht mehr – Maschine kaputt. Ich ordne es heute eher als Baustelle ein. Anpassung an neue Funktionsgrenzen in progress. Ich muss umlernen, welche Ängste wann wie berechtigt und für den Rahmen funktionell sind – die anderen Inneren müssen umlernen, dass ihr Handeln mehr Bedeutungsumfang hat, als den, Dinge zu machen, weil sie sie können und schon immer gemacht haben. Wir beidalle nutzen hier die Anpassungsfunktion unseres menschlichen Organismus. Die ohne Grenzempfinden gar nie ausgeführt werden kann, jedoch bei mir anders erlebt wird, als bei diesen Inneren. Was wir also voneinander an Grenzkompetenz erwarten können, ist total unterschiedlich. Ich kann mich sehr darauf verlassen, dass diese Inneren wissen, wie man singt und tanzt. Aber auf gar keinen Fall, dass sie genauso sicher wissen, wer ihnen warum mit welchem Motiv dabei zusieht oder von ihnen verlangt, zu singen und zu tanzen.
Sie wiederum können sich bei mir total darauf verlassen, dass ich soziale Situationen vermeide, die uns in Lebensgefahr bringen könnten – jedoch nicht, dass ich über angstvolles Vermeiden, Analysieren und Katastrophisieren hinaus großartig irgendwie handlungsfähig bin.

Es ist wichtig, von diesem unterschiedlichen Funktionieren aufgrund unterschiedlichen Grenzerlebens zu wissen. Nicht nur für uns als Viele in einem Menschen_er.Leben, sondern auch für unsere Helfer_innen und Behandler_innen. Wer uns nicht kennenlernt, wie wir uns kennenlernen, wird uns überfordern. Wer annimmt, jedes Gespräch, jede gemeinsame Erfahrung würde von allen Inneren gleich erfasst, eingeordnet und (für) wahr_genommen, ähnlich erlebt und in Bezug zu sich begriffen werden, oder träfe auf die gleichen Kompetenzen, hat Vielesein, das Kernproblem der dissoziativen Identitätsstruktur, nicht verstanden und wird Fehler machen. Vielleicht auch richtig schlimme, richtig schwere Fehler.
Wenn Viele über sich sagen, dass sie alle innen unterschiedlich sind, dann ist praktisch nie gemeint, dass der eine Bonbons  mag und der andere sie hasst. Und auch nicht immer, dass die einen Gewalt erlebt haben und die anderen nicht. Meistens referenzieren wir auf grundlegend andere Fähig- und Fertigkeiten (Kompetenzen) zur Interaktion und Kommunikation, Weltbilder, Erklärungsmodelle vom Funktionieren der Welt und ihrer Bewohner sowie Konzepte von sich selbst. Wir sprechen von umfassend voneinander abweichenden Funktionsmodi, die bei manchen teilweise, bei anderen wiederum (noch) gar nicht aufeinander abgestimmt sind. Davon, dass wir gleichzeitig funktional und dysfunktional sind – weil unser Organismus unter verschiedenen Bedingungen unterschiedlich funktioniert und unterschiedlich viel oder wenig kongruente Bewusstseinsbildung dazu ermöglicht. Davon, dass wir uns plötzlich selbst erfahren und uns das absolut an unsere Grenzen bringt. Und oft auch einfach weit darüber hinaus.

Fundstücke #98

„Wieder so ein Selbstgespräch“, denke ich. In mir schließen sich die Schotten, während ich den Kontakt in Echtzeit analysiere. Ich lese keine Aufmerksamkeit für mich. Kein Warten auf eine Reaktion von mir. Die Person erwartet nicht einmal, dass ich mich beteilige. „Aber sie fühlt sich im Kontakt, oder? Das ist kein förmlicher Kontakt. Hier wird überhaupt auf gar keine Form geachtet. Keine Grenzen des Anstands, den Fremde füreinander haben. Keine Grenzen des Respekts, den Freund*innen füreinander aufbringen. Wow – warte – ist das – was ist das hier?“ und wie in einer Art innerer Zeitlupe merke ich, wie das Wasser steigt. Die Flut kommt. Meine Verwirrung, fremde Ängste und Hilflosigkeitsgefühle. Erinnerungsflocken und unwillkürliche Reaktionen darauf.
Wer auch immer sich gerade hinter den Schotten verbirgt, war total schlau.

Ich hingegen ziehe mein Training durch. Pragmatische Orientierung, Klärung der Fakten. Missachtete Grenzen erwähnen, aber weder deren Verletzung noch deren Relevanz für mich betonen, um die Kontaktfläche so schmal und flach zu halten wie möglich.
Die Flut, in der ich mich ertrinkend fühle, ist für mein Gegenüber so sehr nicht real, wie sie für mich noch nicht differenzierbar ist. Ich bin von allen Seiten bedrückt, mein Gegenüber fühlt sich entlastet. Geklärt, geordnet, frei von allem, was mich in den nächsten Tagen, vielleicht auch Wochen, noch bewegt. Ich spüre schon jetzt jemand Inneres einen Mopp schwingen und darauf bestehen, nie wieder mit irgendwem Kontakt aufzunehmen. „Immer diese Scheiße hier! Nur wegen … DARGH!“ die Grenze der Aussprechbarkeit ist erreicht.

Ich akzeptiere. Kanns mir leisten. Ich kann den Kontakt loslassen. War dafür vielleicht von Anfang an nie wirklich relevant. Für manche Menschen ist man einfach besser Projektionsfläche als irgendetwas anderes. Ich kenne das schon. Heute schmerzt das anders. Früher dachte ich noch, dass es nur mit mir zu tun hätte. Heute tut mir weh, dass es keinen Schutz dafür gibt. Dass es leider zum Leben mit Menschen dazu gehört.

Trotzdem muss ich wissen, was das war. Brauche Vibes, Einschätzung von außen, Abgleich, Meinung von anderen und hole sie mir auch ein. Bin erleichtert, als mir niemand absolute Übersichtlichkeit, Klarheit, Eindeutigkeit der Situation bescheinigt. Beruhigt, als sich kein grober oder offensichtlicher Fehler von mir abzeichnet, sondern ein Komplex, in dem ich von Anfang an wenig Optionen hatte.
Das hilft. Beruhigt die Wogen der Flut, lenkt ihre Energien um, stützt mich.

Die innere Debatte verändert sich von „nie wieder mit irgendwem irgendwas zu tun haben“ zu „Okay, heute erstmal nicht und morgen können wir in Ruhe abwägen“ zu „Ja, aber mein Mann ist ja nicht ‚irgendwer‘“ -„Und meine Freund*innen übrigens auch nicht …“ bis wir irgendwann einig sind, erst einmal nur genau dieser einen Person keinen Zugang mehr zu uns zu geben. Weil wir das können. Grenzen nicht nur haben und übertreten lassen, sondern auch überlegt und bewusst wieder herstellen. Und Entscheidungen darüber treffen, ob wir sie mitteilen oder nicht.

Am Ende fühle ich mich, als hätte ich eine Gartenarbeit geschafft. Weirdly proud und froh, dass es geschafft ist.

inside burning

„Also ich weiß, das ist nicht so – aber man sieht es dir gar nicht an.“ Meine neue Kollegin lehnt sich auf die Schreibtischplatte und bewegt einen Kugelschreiber zwischen ihren Händen. Ich bin zu sehr auf den Aktenordner in meiner Hand konzentriert, um sofort zu antworten. Wir sitzen im Sekretariat zwischen Ablagestapeln und Ordnerbergen, die thematisch sortiert liegen, begrenzt von Kistendeckeln, Kartons und Archivboxen auf Rollbrettern. Die Luft ist dick, die andere Kollegin kann die Klimaanlagenluft nicht vertragen. Alle paar Minuten kommen Kollegen und legen neue Sachen ab, fordern Abzeichnungen an, fragen nach Zetteln, bekommen Zettel, bringen anderen Kollegen weitere Zettel mit.

Ich habe meine Qualifizierung geschafft. Habe deshalb Leerlauf und darf Ordner umheften, die ins Archiv kommen. Ein klarer Ablauf, eine eindeutige Tätigkeit mit unübersehbarem Ergebnis. – Die einzige Insel, die ich bei diesem Arbeitgeber habe. Mit dem Pinch, dass ich der Konversation mit den Mitarbeiterinnen kaum aus dem Weg gehen kann. Die Themen sind typisch für Burnout-Büros. Alle sind unzufrieden, alle haben Streit oder schwelende Konflikte über organisatorische Lösungen, alle haben Angst, etwas falsch zu machen und jemanden zu verärgern, der gar nicht vor Ort ist – ja nicht einmal einen Körper hat. Niemand ist autonom in irgendeinem Aspekt der Tätigkeit. Alles ist vorgegeben, niemand kann sich im Großen und Ganzen erkennen oder verorten. Niemand hat je eine Arbeit abgeschlossen, ein Thema beendet, einen Prozess begonnen und auch integriert.
Ich werde hier zugrunde gehen und spüre das ganz genau.
Entsprechend klar bin ich in dieser Probezeit. Verlange klar eingrenzbare Aufgaben. Markiere eindeutig, welche Aufgabe ich für welchen Prozess beginne und wie das Ende aussieht. Wenn ich mich einschleuse, wird mein Kittel zum Panzer. Da werden Erwartungen drangepappt und Ansprüche hingehängt – wenn ich mich ausschleuse, bleibt der ganze Kram am Kittel in meinem Spind. Ich nehme nichts außer dem massiven Energiedefizit mit von dieser Arbeit und das ist schon zu viel. Denn das sieht man einfach nicht.

Das sieht schon mein Mann nicht, der sich lustig darüber macht, dass ich um 21 Uhr im Bett sein will, wenn ich um 6 Uhr am nächsten Morgen aufstehen muss – obwohl ich doch fast 3 Stunden Mittagsschlaf mache, wenn ich von den popeligen 4 Arbeitsstunden zurückkomme. Wie soll es die Kollegin sehen, die mich ausschließlich bei der Arbeit erlebt? Sie erleben mich nicht im Meltdown. Ich selbst erlebe meine Meltdowns kaum, weil die Dissoziation mich schützt. Sie hören das Quietschen meiner Nackenmuskulatur nicht. Zwinkern das Brennen in den Augen nicht weg. Haben nicht meinen Stress aufgrund von zu viel oder zu wenig Informationen. Ja, das hat keine spezifische Form, kein eindeutiges Aussehen, also sieht man da auch nichts.

Doch was mache ich mit dieser Aussage? Ist es ein Lob? Manche Menschen denken, dass es ein Lob ist, wenn jemand eine Behinderung oder eine Anstrengung unsichtbar kompensiert.
Ist es eine Kritik? Sehr unwahrscheinlich. Bisher hat nur meine Therapeutin mal auf ihre eventuell-vielleicht-könnte-das-anders-sein-als-es-ist-Art hauchzart markiert, dass es vielleicht ganz gut wäre, würde ich in unseren Gesprächen weniger verstecken, was da ist.
Ist es eine Aufforderung? Wozu genau?
Es ist müßig.
Die Kollegin ist nicht behindert und kennt mich nicht. Ich habe nicht die Kapazität und auch nicht die Motivation, näher auf sie einzugehen. Ich hätte nichts davon und weiß das sehr genau.

Trotzdem zeckt es mich.
Die Selbstverständlichkeit, mit der sie einen mir unbekannten Maßstab benutzt, um ihren Eindruck von mir einzuordnen. Das mir unbekannte Grenzverständnis, mit dem sie mich an dieser Stelle überhaupt betrachtet. Die Sicherheit, mit der sie davon auszugehen scheint, es sei für mich relevant oder für die Situation angemessen, mir zu sagen, dass sie nicht sieht, wie es für mich ist, dort zu arbeiten. Ganz in der Ferne schimmert das häufig als Entschuldigung verkleidete, nachgeschobene Inspirationsthema. Die Markierung als „gute Behinderte“, weil man entgegen aller Widrigkeiten so gut nicht behindert wirken kann. Diese für mich so komplette Irre von Menschen, die leider auch heute noch überwiegend unberührt von dem Themenkreis sind. Und immer noch glauben, es wäre respektvolles Handeln, wenn man behinderte Menschen für ihr Leben unter nicht oder nicht dauerhaft behinderten Menschen lobt.

Ich spüre auch die vertraute Zange zwischen meinem traumabedingten, überwiegend todesängstlichen Wunsch, unsichtbar zu sein, nicht aufzufallen, niemals irgendwo anzuecken, nichts auszulösen, niemanden zu berühren oder gar zu bewegen – ja, im Grunde so sehr und umfassend nicht zu sein, dass es mich gar nicht mehr gibt – und der Realität, dass ich das einfach nie schaffe. Egal, ob sehr angestrengt oder nicht. Es funktioniert einfach nicht. Immer mache ich irgendetwas, bin ich irgendwie, möchte ich etwas oder auch nicht und immer sende ich damit etwas. Oder werde als Sender_in eingeordnet.
Diese Zange aus Leben und Tod, Trauma und Prozess, ist das Kernproblem von Traumafolgestörungen. Immer schwebt man zwischen Sein und (lieber) Nicht (mehr) Sein. Entweder man geht all in Traumaüberleben und versteckt sich, entzieht sich allen Kontakten und Berührungspunkten mit der Welt – und fühlt sich sicher, weil man das einfach gut (aushalten) kann (und beschissen auf eine vertraute Art) – oder man verkörpert die eigene Lebendigkeit. Geht in Kontakt und bleibt und spürt mit allen Sinnen und gestaltet und prozessiert jede Regung, Bewegung, Veränderung. Und lernt Sicherheit als etwas mit vielen Facetten kennen und akzeptieren.

Ich habe mich fürs Leben entschieden. Das macht die Zange nicht weg. Besonders solche Momente bringen mich immer wieder hinein. Ich möchte leben. Arbeiten, genauer: teilgeben gehört für mich dazu. Doch da sind auch meine Grenzen. Die Realität, dass ich gewissermaßen bereits 70% meiner Kräfte dafür aufbringe, allein um meine Lebendigkeit zu prozessieren. Umweltreize zu verarbeiten. Zeit und Prozesse nachzuvollziehen. Kommunikation zu begreifen und zu gestalten. Andere Menschen kommen in dieser Anstrengung nicht vor. Mich für andere Menschen zu kompatibilisieren, mit ihnen zu sein, für sie zu sein, das muss ich aus den übrigen 30% herstellen. Die 30%, die ich auch für die Arbeit brauche. Für Spontanes. Für Besonderes. Für Extras.
Es gibt für mich keine Chance, nicht zu merken, dass es bei den meisten Menschen anders ist. Dass jemand wie meine Kollegin eher 30% für sich braucht und 70% für alles andere. Oder wieder andere Menschen sogar nur 10% für sich und 90% für alles andere aufwenden – ganz unabhängig davon, ob das ihrem Bedarf entspricht oder nicht – und damit ohne schlimme Folgen leben können.

Ich hingegen spüre im Moment sehr deutlich, dass ich eigentlich – ganz eigentlich in Wahrheit wirklich – gar nicht arbeiten sollte. Ich habe die Erschöpfungsdepression im letzten Sommer noch gar nicht wirklich überwunden. Habe die retraumatisierende Erfahrung im Dezember noch nicht richtig verkraftet. Und bin so voller Scham darüber, dass ich gerade primär deshalb arbeite, damit ich deshalb nicht ans Sterben, ans umfassende Nichtsein, denke.
Ich greife nach dem Leben, damit es mich hält. Trägt. Stützt. Und grundsätzlich ist das doch ein guter Move. Ich hätte ja auch komplett verkrumpeln können. Eingeigelt in mir selbst verbleiben können. Traumawahrheiten statt Lebensrealitäten annehmen können. Die Folge ist jedoch Kontakt auf Kraftkredit. Den kann ich nur mit Schlaf und relativer Isolation abbezahlen. Etwas, das mir selbst nicht sonderlich gefällt, weil es mir manchmal sehr traumanah erscheint. „An“ für andere Menschen sein, weil es nicht anders überlebbar ist – „Aus“ für sich selbst sein, weil es nicht anders überlebbar ist – so ist jede traumatische Lebensphase bei mir gewesen.
Am Ende kann es auch sein, dass es mich genau deshalb zeckt, wenn die Kollegin sagt, dass man es mir gar nicht ansieht. Ohne es zu wissen, sagt sie mir damit ja auch, dass man ES nie gesehen hat. Nie hat sehen können.
Und das ist schon krass. Schmerzhaft. Traurig.

Fundstücke #95

Als würde sie an einer verkrusteten Wundoberfläche kratzen. So fühlt sich das an. Unzufrieden mit dem knusprigen Deckel, allein interessiert an meiner wunden Stelle. Meinen Fragen an sie. Einem Moment von Überlegenheit, weil sie darüber viel mehr weiß als ich. Sie weiß, dass ich eigentlich immer noch gar nichts weiß. Und dass das etwas ist, was ihr Macht über mich gibt. Sie kann mich Schmerzen fühlen lassen, die sie nicht berühren und sie kann mich damit allein lassen.

So aufgeschrieben klingt es, als würde es nur um Macht gehen. Kontrolle. Und einfach nur so draufgeschaut, erinnere ich mich selbst darin an meine Therapeutin, die in der ganzen Zeit unserer Arbeit 4 Mal zum Ausdruck gebracht hat, dass es für sie weder irrelevant noch emotional neutral ist, dass sie manches in meinem Inneren bis heute nicht so richtig überblicken kann. Zumindest was genau diese Dynamiken betrifft. Immer wieder stehen „Schweigegebote?“, „Redeverbote?“, „schlechte Geheimnisse?“, „Scham?“, „Angst vor Konfrontation?“ im Raum und selten kann ich dazu irgendetwas sagen. Wenn ich ihr etwas nicht sagen will, dann meistens, weil ich unser bereits anstrengendes Sprechen nicht überanstrengend für mich werden lassen will. Ich will nicht mehr vor ihren Augen und doch unsichtbar dissoziieren. Für die anderen Innens will ich, kann ich, diesbezüglich nicht sprechen.

Sie, die andere Innere, kommt mir in ihrem Tun eher verspielt vor. Frech. Provozierend vielleicht. „Mal gucken, was passiert, mir kann ja nichts passieren“-sicher. „Was macht ihr, wenn ich das mache?“-neugierig. „Und das? Was, wenn ich das mache?“-beobachtend. Und immer unerwartet, bis heute nicht wirklich von mir selbst vorhersehbar, „Paff!“- unerreichbar weit für mich im Innen verschwindend. Und gleichzeitig ist sie ausströmend. Eine unkontrollierbare Emotionsblutung, die Schweres leicht, Unmögliches möglich, Gefährliches harmlos erscheinen lässt.
Ich weiß ganz genau, wenn sie da war. Sich selbst in ein Thema, einen Gedanken, eine Auseinandersetzung reingemischt hat. Es gibt hinterher immer Probleme. Nerviges Hin und Her im Innen, manchmal auch im Außen. Uneinsheit. Unstimmigkeit. Ungereimtheit. Einen Dammbruch am Rande der Komfortzone. Ein Stück harte Kruste, das die Wunde nicht mehr ganz bedeckt.

Ich glaube, dass sie zuletzt vor etwa 20 Jahren an unserer Therapiearbeit und anderen Lebensbestandteilen aktiv beteiligt war. Aktiv as in „da und beeinflussend“, aber auch as in „ununterdrückt, unabgewürgt von Rosenblätterbuschwurzeln“. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mich tatsächlich gezielt gegen dieses Einblutenlassen „aus dieser inneren Ecke“ entschieden habe und keine einzige Therapiestunde, keinen Betreuungstermin, generell überhaupt gar keine Kontakte mit anderen Menschen mehr so gestaltet habe, dass es passieren könnte. An uns kam einfach niemand mehr vorbei.
Alle haben die gleichen Rosenblätter kennengelernt. Keine Kinderinnens, keine jugendlichen Inneren. Alle haben die gleiche biographische Erzählung bekommen, wie wir sie in Kliniken und Heimen eingeübt haben. Die gleichen Erklärungen übers Vielesein bekommen und viel Nebel darüber, was davon auf mich zutrifft und was nicht. Und das konsequent. Auch das ist Vielesein.

Man kann sich als Viele gegeneinander entscheiden. Bestimmen, was wie vermieden wird. Was wie beschützt wird. Es ist eins der unbesprochenen Spezialgeheimnisse, wie wir einander herstellen, wenn es nicht Gewalt ist, die uns zu Keimen zersprengt und verstreut, um irgendwann als irgendwer neu zu wachsen. Man braucht nur vermeiden, sich dieser Entscheidung bewusst zu werden, zu sein, zu bleiben. Nur sehr intensiv, ohne jede Kommunikation mit sich oder der Welt, entscheiden, dass es nun so ist. Wo keine Kommunikation ist, kann keine Brücke sein. Kein Weg, kein Pfad, kein Bild, kein Zeichen, keine Sicht, keine Idee. Ohne Kommunikation keine Verbindung. Assoziation. Ohne Verbindung kein gemeinsamer Prozess.
Das ist die Rolle von Schweigen im ganzen Dissoziationsthema.

Ich will nicht darüber reden, weil sich innere Pfade ergeben, auf denen Innere zu mir gelangen können. Ich will nicht darüber reden, weil es meine Entscheidungen aufhebt. Ich will nicht darüber reden, weil ich meine geistigen Kapazitäten auf mich und mein Gegenüber aufteilen muss. Und immer wieder Grenzen dabei spüre. Zeitliche, räumliche, kapazitäre. Emotionale. Traumabedingte. Meine.
Das besprochene Trauma oder auch das Besprechen des Traumas ist nicht so schlimm. Meine Auflösung ist es. Meine Verwandlung vom verwundeten Selbst zum abreißbaren Wundverschluss ist es. Bisschen witzig, weil es ein Egoding übers Egosein ist, aber auch bisschen tragisch, weil es sich auch nach Verbindung anfühlt, die nicht kommunizierbar ist. Jedenfalls nicht besser als so, wie es jetzt hier steht.

nur da sein

„Bist du Conni? Heißt du so?“, die Stimme meiner Freundin hüllt meinen Kopf ein. „Nein“, antworte ich  und halte mein warmes Gesicht in den aufkommenden Wind. Er streicht über meine Kopfhörer und bedeckt ihre Reaktion ein wenig. „Ah, ich dachte, wegen dem Text … Wieso denn dann Conni?“
Es ist ein so kurzer Moment, wie die Kluft breit ist, die ich in dem Moment fühle. Sie ist genug Freundin, um von diesem Blog zu wissen. Meinem kuriosen Doppelleben als komische Internetpflanze und seltsames Alltagsgewächs, vom Trauma und meinem Zeugs, vielen Dingen, die ich mache, möchte, überlege und teile. Und gleichzeitig so fern, dass sie weder Conni-Memes noch ihre Eigenschaft, Realitäten aufzuzeigen, kennt. Und in der Folge natürlich erst recht nicht, warum meine „inneren ~Kritiker_innen~“ genau diese Memes benutzen, um mich zu verletzen.

Ich erkläre ihr, dass Conni üblicherweise in den Kindergarten geht, eine Pizza bäckt, Mama hilft oder einen Wackelzahn hat. Weil Conni, ein weißes, blondes Mädchen mit lieben Eltern und Kinderzimmer im Einfamilienhaus, ein ganz normales Leben lebt. Wo alles gut ist, wenn ein Problem oder eine Besonderheit anfängt, und wieder gut ist, wenn es überstanden ist.
Menschen, die nie wie Conni gelebt haben und nie wie Connis Eltern leben werden, haben irgendwann angefangen, ein Meme mit dieser Figur zu erschaffen. „Conni hat eine Angststörung“ war der erste Titel, den ich davon mitbekommen habe. Und die Bitternis, diese schlichte Satire darin, hat mich damals sehr bewegt.
Denn natürlich lebt Conni kein normales Leben. Sie ist fiktiv. Ihre Lebensumstände sind statisch, damit dreijährige Kinder sie überblicken und wiedererkennen können. Und gleichzeitig hat niemand Schwierigkeiten damit zu erkennen, dass Titel wie „Conni und die Pille danach“ oder „Conni kriegt ’nen Räumungsbescheid“ eine Normalität beschreiben, wie sie nicht von allen Menschen gleich überblickt und wiedererkannt wird. Alle wissen, dass es Normalitäten gibt, die nicht alle Menschen teilen. Alle wissen, dass es Normalitäten gibt, die man nicht in Pixibüchern abgebildet findet. Aus Gründen.
„Und wenn ich mich so fühle – so alienmäßig, weil ich gerade wieder mal in einer Situation bin, die nur deshalb überhaupt entstanden ist, weil bei mir alles ein bisschen viel anders als bei Conni gelaufen ist –, dann reiben es mir andere Innens manchmal auf diese Art richtig rein.“ Ich lächle, damit sie nicht hört, wie ich mich damit fühle, mich ihr dazu mitzuteilen. Beobachte eine große Hummel in der Distelblüte vor mir. Dann die dunklen Wolken am Horizont.
Unser Gespräch versickert. Mein Aliengefühl, mein Kluftempfinden macht etwas mit ihr, das ich nicht richtig verstehe. Und eigentlich wollte sie sowieso etwas anderes von mir. Warum sie nach dem Text gefragt hat, weiß auch nur sie. Wir verabschieden uns, als ich einen Totengräber zwischen den Ringelblumen um meine Tomatenpflanzen entdecke.

Für mich ist der Text wichtig, um mich selbst darin zu versichern, dass ich nicht unnormal bin. Um mich zu stärken mit meinem eigenen Handeln. Dem Offenlegen meiner Normalität, meiner Realität mit eben all dem. Mit so einer zufälligen Situation, Behandler_innen beim Eintreten für die eigene Sache zu sehen und sich sehr bewusst darüber zu sein, dass man Teil dieser Sache ist. Mit der Realität, schon seit der Jugend immer wieder auf professionelle Hilfe angewiesen zu sein. Lange Zeit die Freundin im Freundeskreis gewesen zu sein, der immer irgendwas fehlt. Mit einer Erkrankung, die so komplex und vielschichtig ist, dass so etwas wie „Heilung“ im Sinne von „und dann ist alles (weitgehend) (wieder) gut“ nicht sicher prognostizierbar ist.
Es ist wichtig für mich, mir selbst immer wieder zu zeigen, dass ich ein normaler Teil der Gesellschaft und der Welt bin. Behindert, chronisch krank normal.

Reformen und politischer Diskurs wie aktuell zum EFZG (Entgeltfortzahlungsgesetz), den Kürzungen in der Eingliederungshilfe, dem BGG (Behindertengleichstellungsgesetz) und den Kürzungen in der Gesundheitsversorgung (inklusive der Kürzungen der Psychotherapie) betreffen mich zu 100 %, wie alle anderen Menschen in Deutschland. Aber aufgrund meiner Behinderung und meiner chronischen Erkrankung einfach stärker. Und das auch nicht nur auf der alltagspraktischen Ebene. Der Ebene, auf der man mit genug privilegierten Allies, pragmatischer Kreativität und bürokratischer Hartnäckigkeit wenigstens kämpfen kann. Sondern auch auf der Ebene, die den eigenen Platz in der Welt, in Gesellschaft und Gemeinschaft betrifft. Genau da, wo es bei mir jedes Mal wieder einschlägt und eine Kluft treibt. Triggert. Da, wo jeder Witz über Behinderungen hinschlägt, wo jede „nicht so gemeinte“-Bemerkung über unveränderbare Unzulänglichkeiten reinrieselt. Genau da, woher kommt, was gestern zufällig auch in der Neuen Westfälischen stand – da, wo die „erschütternde Hasswelle“ gegen Menschen mit Behinderungen herkommt.
Diese „Reformen“ werden Menschenleben kosten, weil man politisch gewollt und durchgesetzt, den Lebensrealitäten behinderter und (chronisch) erkrankter Menschen keine lebenswerte Qualität sichern will. Man will Bedürftigkeit, (temporäre) (Mehr)Bedarfe und (temporäre oder dauerhafte) (wie auch immer umfassende) Angewiesenheit bestrafen – und dazu noch alle, die helfend, unterstützend, lindernd, begleitend – MENSCHLICH – zugewandt darauf reagieren. So erscheint es mir jedenfalls. Ich kann nur Ableismus als Begründung dafür erkennen. Denn selbst Profitgier hat ihre Wurzeln in Ableismus. In der Abwertung der Normalität von Behinderung und Angewiesenheit.

Ich bin diesem politischen Willen und Agieren ausgeliefert.
Aber meinem eigenen Handeln nicht.
Ich muss diese Wertverschiebung nicht hinnehmen. Auch nicht in mir drin. Ich kann sie beobachten, ich kann mit ihr umgehen. Kann Worte dafür finden, sie teilen und zum Weltenteil machen. Vor allem, wenn ich mich so fühle, als wäre das, was ich geben kann (und damit auch ich selbst), nicht gewollt, weil ich Unterstützung, Begleitung, Assistenz brauche, um Anteil zu geben.
Ich verstehe, dass das beim Lesen hier manchmal verwirrt. Wie man manchmal über längere Zeit denkt, dass ich das hier alles für andere aufschreibe. Wie Statements oder Mahnmale. Aber sehr oft sollen meine Worte hier auch nur mir etwas bedeuten und für andere einfach nur da sein.

Nie nur Conni

„Conni steht mit ihrer Therapeutin in der Demo“, schießt es mir in den Kopf.
Und ich gehe.
Wende dem Jahnplatz, wo ich schon so oft gegen Rechts, gegen Rassismus, gegen Gewalt an Frauen, für Frieden, Freiheit, Klimaschutz und gutes Miteinander gestanden habe, den Rücken zu und lasse mich von Sookies Asche anziehen. Für mich ist erstmal Schluss mit Zeichen setzen. Ich bin müde. Unendlich traurig und bitter. Wünsche mir einen weichen, warmen Körper, der sich an mich lehnt und mir meinen Körper als Weltenteil fühlbar macht. Wünsche mir Sookie und dass das kleine Bisschen Glauben an das Gute und Richtige jedes Moments heil bleibt.
Dann gehts wieder. Gefühlswelle abgeflaut. Licht im Inneren wieder an.

Später feiern wir unsere schöne Freundin S. mit all ihren Freund_innen.
Reden lang und tief über die Kinder- und Jugendhilfe, Reden und Schweigen in Therapien, über unerfüllten Kinderwunsch und dessen Behandlung, über tote Embryonen und lebende Kinder vernachlässigender, kranker, hilfebedürftiger Eltern. „Conni hat keinen Lebensbereich, in dem nie mal keine Hilfe nötig war“, zischt es leise und scharf in mir, als ich tief in der Nacht zum Himmel raufschaue. Mein Puls drückt unangenehm schnell von meinem Bauch in den Hals. Das Atmen ist schwierig. Über die Übung, aus der Angst zu gehen, schlafe ich ein.

S. fragt mich morgens zwischen Abendentfernung und Frühstücksvorbereitung, wie es mir denn geht. „Ich habe alles. Nicht wie geplant oder gewollt, aber alles, was geht, ist da. Es ist gut. Es ist wirklich gut.“, antworte ich ohne zu zögern. „Das ist schön“, antwortet sie. „Conni wird für immer als Bedarfsfall erinnert“, streift mich kurz und fies. Wir lächeln einander an, räumen weiter und werden in andere Themen verwickelt.

Die Heimfahrt ist warm. Es wird geerntet. Noch zwei Wochen, dann fährt der Partytrecker wieder bei uns lang, weil der Ernteerfolg mit Alkohol konserviert werden muss. Man weiß ja nie, wie der Winter wird.
Zu Hause ist meine Menschenbatterie leer.
Mein Kopf prozessiert weiter, was die Bundesregierung da gemacht hat. Die „Reformen“. Und die Hitze. Die Arbeit. Die Themen. Das inzwischen tatsächlich körperlich schmerzende Vermissen von Sookie.

Dann entdecke ich eine Made im Flur. Gehe schlafen. Finde am nächsten Morgen noch mehr.
„Conni kriegt ihre Essstörung nie weg“ spüre ich jemanden aus meinem Hinterkopf gegen meinen Magen boxen. Verbringe den Morgen mit Ekel, Flashbacks und Skills, um eine Krankmeldung zu schaffen und die Wohnung auf links zu drehen.
Am Ende finde ich das verlassene Fressnest eines Kinderinnens. Räume, wische, desinfiziere, mache eine Notiz für die nächste Therapiestunde. Fahre mit Herzrasen und Druck auf der Brust in die Praxis meiner Hausärztin. Hole die AU ab, verabschiede mich ohne Redetermin. Am Donnerstag zu reden, ist mir früh genug.
„Conni braucht professionelle Hilfe zum Leben“, ätzt es mich an und sticht in meinem Magen herum.
„Nicht nur Conni“, antworte ich, „Nie nur Conni.“

APunkt

„Langsam, klar, immer wieder gleich“, denke ich und schaue APunkt an. Ich beobachte, wie sie mich, den Raum und jede Bewegung durch die Fransen ihrer Gesichtsbehaarung beobachtet. Bleibt ihre Aufmerksamkeit länger bei mir, reiche ich ihr ein Stück Fleischsnack.

„Langsam, klar, immer wieder gleich.“
In meinem Kopf habe ich vier Bildschirme an. Auf dem ersten ist der Ablauf unseres Trainings. Ich komme an, alle Hunde werden sanft und ruhig begrüßt. Sind APunkt und ich allein, kommen wir runter. Machen den Moment langweilig. Nur sitzen, gucken, sein. APunkt braucht eine Weile, bis sie gezielt mit mir in Kontakt geht.
Kontakt, das hieß bei APunkt anfangs Kontakt zum Snack, und flutsch – schnell wieder weg. Alles im Blick, nichts im Fokus. Dann hat sie bemerkt, dass ich immer das Gleiche mache. Inzwischen beobachtet sie mich beim Hantieren mit den Snacks. Schaut mich sogar direkt an. Und dann regnet es Snackstücke. Jeder Blick in den Bereich meiner Mimik und Gestik ist ein Hauptgewinn. Alle 5 Gewinne darf ich einige Zentimeter näher an sie heran. Trennen uns nur noch anderthalb Meter, kommt sie inzwischen auch zu mir. Nimmt sich erst schnell und geduckt die Stückchen von meinem Knie, dann macht sie einen Schritt zu mir hin. Letztes Mal hat sie sich abgelegt. Ruhig geatmet. Alles im Blick gehabt, doch mich beobachtet.
Dann zeige ich ihr das Geschirr. APunkt lässt sich anziehen, es aber auch über sich ergehen. Das muss anders werden. Sie soll wissen, dass sie an einem Signal vom Menschen erkennen kann, dass sie für einen Spaziergang angezogen wird. Sie soll wissen, dass ihr Signal für Nicht-einverstanden-sein, von Menschen akzeptiert wird (wenn es keine Ausnahmesituation ist). Sie soll wissen, dass sie beim An- und später auch Ausziehen des Geschirrs mitmachen kann. Und dass es Snacks regnet, wenn sie es macht.

APunkt ist nicht damit aufgewachsen, dass Menschen etwas von ihr wollen. Dass Menschen mit ihr zusammen sein, Dinge tun, erleben wollen. APunkt hat gelernt, dass Entfernung und schnelles Reagieren auf alles das Beste für sie ist. Sie hat es so gut gelernt, dass ihr Körper das manchmal auch ohne sie entscheidet.
APunkt ist bald 3 Jahre alt. Aus einer Vermehrungssituation durch animal hoarding. Sie wurde aufgenommen und bis jetzt einfach nicht vermittelt. Wer nimmt auch einen Hund, von dem man nur den Strubbelpo im Busch erkennt?

Ich trainiere mit ihr, wie ich mit Sookie trainiert habe. Wissend, dass ich es mit einem hochreaktiven Hütehund zu tun habe, der nicht die sorglose Neugier eines Welpen hat, aber genauso verwirrbar ist von zu vielen zu neuen Dingen.
Also sitzen wir da auf 3 bis 4 Quadratmetern und üben, dass APunkt ihren Kopf durch die große Öffnung ihres Sicherheitsgeschirrs steckt. Von allein, in Richtung Snackstück. Zwei Mal war sie schon fast durch. Dann war wieder was. Irgendein Geräusch im Haus. Ein Vogel vorm Fenster, eine unerwartete Berührung des Geschirrs in ihrem Gesicht, das Geräusch, das die Schnallen auf dem Boden machen. Und wir fangen wieder mit der Nasenspitze in der Mitte der Öffnung an.
„Langsam, klar, immer gleich. Ausatmen, tief einatmen. Und weiter“, denke ich mir dann und schaue auf den zweiten Bildschirm in meinem Kopf. „Langsam beeilen“ steht da neben einem Bild von einer senkrechten schwarzen Linie auf weißem Grund. Wenn ich angespannt oder selbst erschreckt von einem der Geräusche im Haus bin, wackelt sie. Ich muss sie gerade atmen. Auch meine lockeren Schultern ziehen sie glatt beim Ausatmen.

APunkt kann sich nicht lange konzentrieren. Nach etwa 10 Minuten mit dem Geschirr stresst sie mein Angebot. Ich lege es hinter mich. Nehme wieder etwas mehr Abstand ein. Wenn APunkt noch Kontakt möchte, muss sie kommen. Was sie meistens auch tut. Gab es Gewitter, wurden wir unterbrochen oder eine_r von uns beiden hatte einen komischen Tag, dann nicht. Dann mache ich meine Ende-Geste und lasse sie wieder raus. Alle werden nochmal begrüßt, wer mag, lässt sich streicheln. APunkt kommt inzwischen auch ganz selbstverständlich wieder dazu. Immer bekommt sie Snackstückchen.

Manchmal sprechen wir noch länger mit S., dem Menschen, der APunkt gerettet hat. Der Hof ist schön, das Leben wuselig, die Arbeit viel. Es gibt immer etwas, worüber wir kurz oder lang, seicht oder intensiv schnacken. Dafür brauche ich den dritten Bildschirm in meinem Kopf. Ich muss jetzt schnell sein. Unklarheiten weitgehend unhinterfragt, unergründet, unkommentiert lassen. Akzeptieren, dass wir nicht immer über die gleichen Dinge in der gleichen Struktur sprechen können. Dieser innere Bildschirm ist ein Transkript des Gesprächs. In den folgenden Stunden, wird mein Versteh-Gehirn es lesen.

Auf dem vierten Bildschirm ist mein Tetris der Unmöglichkeiten.
Da gibt es die Blöcke „APunkt“. Ihre Reaktivität, die Unsicherheit, der Umstand, dass man ihr Verhalten nur bedingt vorhersehen kann. Dann ist da mein Kinderwunsch mit seinen hundert Blöcken aus Orga, Kraftfressern, Gefühlen und ganz eigenen Dringlichkeiten. Und die feste Klarheit darum, auf gar keinen Fall gleichzeitig einen Säugling und einen Neuhund versorgen zu wollen. Neben der neuen Arbeit, für die ich 4 Stunden am Tag nicht zu Hause bin. Und der anderen Arbeit. Und der Verlagsarbeit. Und meinen Projekten.
Da ist auch noch meine Trauer um Sookie, die ich nach wie vor nur bedingt an mich heranlassen kann. Und meine ganz allgemeinen Wünsche an einen neuen Hund in meinem Leben. Die Wünsche meines Mannes an einen neuen Hund in seinem Leben. Unser alter Oppahund Bubi.
Und da ist die Bedarfslage von S.. Die Nützlichkeit, die mein Hundeverstand in dieser Situation hat. Die Frustration, die so improvisierte Trainingsumgebung und übliche Rückschläge mit sich bringen.
Und das, was ich von mir in APunkt gespiegelt empfinde. Obwohl diese Zeiten nun wirklich schon länger vorbei sind.

Seit Wochen fahre ich regelmäßig zu APunkt. Auf jedem Hin- und jedem Rückweg schüttle ich die Tetrisblöcke auf dem vierten Bildschirm durch und versuche zu erkennen, wie sie ineinandergreifen könnten. Es funktioniert einfach nicht.
Nicht ohne die Zukunft zu kennen.
Und so sind wir alle, APunkt, S. und ich, gerade im gleichen Nimbus. Angewiesen auf die gleiche langsame, klare Kontinuität des „und weiter“, auf das man sich so ungern einlässt, wenn es so viele große, drückende, treibende, wirbelnde, ziehende, schreckende, lockende „Ja aber“s oder „und was wenn?“s oder „vielleicht so?“s gibt.

Es ist anstrengend. Es ist eine Übergangsphase, eine Transition.
Wir werden alle irgendwie, irgendwo, irgendwann ankommen. Das ist sicher.
Vielleicht werde ich mir diesen kernigen kleinen Strubbelkobold, der APunkt auch ist, tatsächlich nicht mit nach Hause nehmen können. Aber Langsamkeit, Klarheit und Vorhersehbarkeit durch immer gleiche Anforderungen und Belohnungen, kann ich ihr geben. Damit kann sie anfangen, ihre generelle Pauschalreaktion auf alles und alle zu verändern. Und mit jemand anderem nicht bei 0, sondern vielleicht schon bei 1 in Sachen Hund-Mensch-Kommunikation anfangen.
Das ist definitiv. Da ist Bewegung drin. Es verändert sich etwas.
Es ist und wird.

definitiv ganz anders „irgendwie“

Am Abend fahre ich auf eine schwarze Wand zu. Die durstigen Bäume knarzen im Wind, der auch das Auto auf der gesamten Seite beaufschlagt. Das Gewitter kracht in der Ferne. Seine Blitze stempeln sich auf die knubbelige Wolkendecke. Ich versuche, an den wedelnden Scheibenwischern vorbeizuschauen, während ich fahre.
„Transformation“, denke ich, und löse die Umklammerung meiner Finger ums Lenkrad. „Es ist gut. Es ist richtig.“ Und dann merke ich, wie es beides hat. Erleichterung und Hingabe, aber auch Übergabe und diese spezielle Entschlossenheit, die Mut und Handlungsbereitschaft manchmal mit sich bringen.

Seit der unerwarteten Kündigung habe ich nach Arbeit gesucht. Wochenlang ging es zwischen meinem Mann und mir kaum um etwas anderes als Geld, meine Fähig- und Fertigkeiten, wer was einbringen kann, dass wir dies und das und jenes machen, nicht vergessen, hinkriegen müssen. Während ich an manchen Tagen definitiv noch arbeitsunfähig war. Traumakrank. Teils schwer leidend unter Symptomen, von denen ich gehofft hatte, sie würden nie wieder so viel Raum einnehmen. Nie wieder so stören.
Und dann fand ich eine Stelle, die perfekt zu mir passt. Hatte ein Bewerbungsgespräch, das sehr gut verlief. Hatte eine gewisse Quasi-Zusage. Aber der Prozess musste gestoppt werden. Interne Gründe. 5 Wochen Aufschub. Wenns gut ginge.
Meine Krankenversicherung muss ich behalten, aber ich bin ja auch Ehefrau. Ehefrau gehört zum Ehemann, Familienversicherung woanders, dies, das. Das war der nächste Klops im Dauerthemenbrei mit meinem Mann. Und in all dem hat meine Behinderung immer wieder im Weg gestanden und wurde doch irgendwie nicht so recht beachtet. Bis jetzt bin ich mir nicht sicher, ob es überhaupt ein best practice-Szenario für „Ehebürokratie, in der eine Person eine rechtliche Betreuung zur Vertretung vor Behörden hat“ gibt. Alle Welt hält ja den Ehemann für die Vertretung der Ehefrau (vor Behörden). 🤡

Dazwischen passierte der Wildwasser-Fachtag mit dem Einwurf eines Betroffenen, Peer-Beratung müsse bezahlt werden. Den ich wie gewohnt abwehrte, weil ich keinen Hintergrund in Sozialer Arbeit oder Sozial- oder irgendeiner anderen Pädagogik habe. Das gehört ja irgendwie zur allgemeinen Ausstattung der Selbstvertreter_innen, die man bei solchen Veranstaltungen auf Bühnen sieht. Profession zum Hinterverstecken und ernstgenommen werden und eigene Betroffenheit direkt daneben, damit niemand von den Betroffenen sagen kann, da würden ja nur Profis über Betroffene sprechen.
Und dann bahnte sich das nächste Gespräch einer Person, die sich als Viele erlebt, an, und wieder kam eine E-Mail von jemandem mit der Frage, ob wir mal zusammen auf die Hilfe gucken könnten, da passe etwas nicht. Und ich sagte natürlich nicht: „Nein, geh weg, ich möchte bitte sehr gerne hier in meiner zähen Arbeitssuche sein, die mir meine allgemeine Wertlosigkeit aufzeigt“, sondern erarbeitete eine Analyse am Montag, telefonierte am Donnerstag und merkte am Freitag, dass mein Konto fast leer ist und perspektivisch nur von meinem Mann aufgefüllt werden kann.

„Irgendwie wirds schon gehen“, das weiß ich, und alle sagen es mir immer wieder. Während ich weiß, wie es geht, wenn Jobcenter oder Arbeitsamt tragende Rollen im Leben einnehmen, selbst wenn man kein Geld von dort bekommt, und merke, wie sich die alte Hartz fear ihre Bahn durch mein bröseliges Arbeitsselbstbild fräst.

Und dann tickt die Uhr. Und ich denke, dass nichts kaputtgehen wird, wenn ich mal frage. Durch ein „Geht nicht“ würde sich nichts ändern. Also erzähle ich am nächsten Mittwoch von den Kontakten und Gesprächen, der Arbeit, die ich da so mache. Dann und wann. Nicht viel, nicht immer, nie in tragender Rolle, aber auch nie anteilslos. Und frage, ob es dafür vielleicht eine Struktur geben kann. Eine Möglichkeit des Abgleichs mit einer Fachperson und der Rückversicherung für mich, die Erfüllung eines Bedarfs, für den man zufällig vielleicht eh schon immer mal eine Lösung finden wollte.
Und es wird lebendig. Da kommt kein Nein. Aber Ideen. Viele.
Und am Freitag, morgens, direkt nachdem ich aufgewacht bin, kommt ein Ja.
Und dann der Termin, an dem ich meine Kundschaft beim Jobcenter nach 21 Jahren auflöse.

Mit einer wackeligen Unterschrift auf einer Veränderungsmitteilung ist es zu Ende. Wackelig, weil ich kurz hirnverdreht bin und ansetze, mit meinem alten Namen zu unterschreiben. Kurz eingesunken in die Erinnerung an das senfige Gelbgrün unterm Neonröhrenlicht des Bielefelder Muffelflurs, in dem ich den ersten Antrag auf ALG 2 unterschrieben hatte. Ganz genauso verwirrt und unsicher darüber, was genau die Unterschrift jetzt bedeutet. Ob das jetzt alles so richtig ist oder nachher wieder Ärger gibt und sich jemand – meine Betreuerin oder mein Mann – nochmal da melden muss, um zu sagen: „Äh jaha, äh – hier, das ist alles falsch. Das hat Frau Rosenblatt n bisschen falsch verstanden und Quatsch ausgelöst. Bitte wieder richtig machen.“
Die Mitarbeiterin lächelt und gibt mir einige Zettel mit, auf denen alles erklärt ist.
Ich schwanke zu meinem Auto, als wäre es ein Ufo, und versuche, Schritt zu halten mit den viel zu schnell ineinanderklappenden Gedankengebäuden in meinem Kopf. Die Hitze im Auto drückt sich deutlich gegen meine Haut, als ich die Zettel durchlese und mit der Veränderungsmitteilung abgleiche. „Ich bin da echt raus“, denke ich und höre mich ein merkwürdiges Geräusch machen, während R. und A. drauf und dran sind, den Wagen zu starten, um ihre Energie abzuleiten. Ich beschließe, dass es Zeit für eine richtige Reorientierung in meine Erwachsenheit wird, und fahre erstmal tanken. Dann einkaufen.

Zu Hause videotelefoniere ich mit meinem Mann, als ich eine E-Mail zum gestoppten Bewerbungsverfahren entdecke. „Manchmal geht es doch schneller, als man denkt“, beginnt die Nachricht. Und es folgt das zweite Ja, das mir einen Schwung Geigen in den Himmel hängt, als würde das unendliche Platzangebot dort auch richtig genutzt werden wollen.
Inzwischen kann man die Luft schneiden. Ich warte noch auf meine Gefühle. Brüte über den Ereignissen des Tages, als wären sie Eier mit besonders dicker Schale.
Am Abend fahre ich in das Gewitter. Zu Menschen, die mich zu etwas eingeladen haben, das ganz ganz früher, bevor alles kaputtgegangen ist, ein wichtiges Ding für Z. und andere Innere war. Zu jemandem, der mich dabei haben mag, wenn etwas Besonderes bei ihr_m passiert.

Ganz viel später ist die Luft feucht und lau. Steigt als Dampf vom Asphalt und wabert in die Wiesen. Da fahre ich neben dem Sonnenuntergang nach Hause und merke, dass es ohne mich weint, weil es bei jemandem angekommen ist.
Und diesmal definitiv ganz anders „irgendwie gehen“ wird.

Gespräche im Spiegelkabinett

„Sei da ruhig klarer – denk nicht so viel an ‚Was denkt sie jetzt, was denkt sie jetzt, was denkt sie jetzt?‘.“
Mein Mann und ich sitzen auf der Couch. Krisensitzung, nach Achsbruch Autismus, Trauma, Kommunikation.
Ich bin seit Tagen niedergeschlagen, belastet, erinnert, unzufrieden mit mir. Ich muss etwas klären, doch bin hin- und hergeworfen von Wichtigkeiten und Relevanzen, Erinnerungen und Ängsten.
Es geht um etwas, das mir wichtig ist. Deshalb ist der Rahmen, in dem ich darüber nachdenke und fühle, extrem groß. Am dritten Tag wurde es mir zu groß, zu belastend. Ich merkte, wie sich das Zeitfenster für angemessene Lösungskommunikation schloss und ich immer mehr Spannung in mir sammelte. Zeit für eine Sitzung mit meinem Mann.

Mit ihm werden Situationen wie diese pragmatisch lösbare Kommunikationsherausforderungen, wie er sie jeden Tag bei seiner Arbeit und manchmal auch mit mir im Alltag hat. Er ist im Training, ich bin empfangsbereite Satellitenanlage, wenn er mir etwas davon vermittelt.
Durch seine Brille bekommt die Lage eine Art bewusste Untiefe. „Die Situation für dich sieht so aus, für sie andere Person sieht sie wahrscheinlich so aus. Was ihr verhandeln müsst, ist dies; was du bisher nicht klar genug vermittelt hast, ist das. Du könntest es so formulieren; du könntest auch das schreiben. Soll ich dir einen Aufschlag formulieren oder einen von dir anschauen oder willst du ab hier allein weitermachen?“
Mir tut das gut. Aus dem Wurschtelwust in meinem Kopf wird eine strukturierte Reaktionslandschaft auf Hypothesenbasis. Ich weiß ja nicht, ob er recht hat. Aber ich weiß ja auch nicht, ob ich recht habe, und traue mich gar nicht erst, überhaupt eine Hypothese zu entwickeln – weshalb ich in Stress spirale, dissoziiere und Faden und Form, Bezug und Kontaktsicherheit komplett verliere.

Das ist die Bruchstelle der Achsen.
Autismus und Kommunikation sind bereits schwierig. Auch schwierig zu kommunizieren.
Ich gerate dabei oft in die Situation, mich selbst zu erklären, statt die Kommunikationsprobleme. Denn es geht nicht immer nur um Wörter, Aussprache, Mimik und Gestik. Für mich geht es meistens um Bezug und Kontext. Warum sagt jemand dies und das; wozu bekomme ich diese und jene Information; weshalb und wofür macht mir jemand dies und das ganz besonders deutlich klar?
Gespräche mit nicht-autistischen Menschen sind für mich eine meist unklar begrenzte, uneindeutig bezugnehmende und in der Regel erst später in ihrem Ziel (manchmal auch Sinn und Zweck) nachvollziehbare Abfolge von Transitionen. Schon während die andere Person spricht, mache ich mehrere Dinge gleichzeitig: Geräusch von Wort unterscheiden, Worte verstehen und als Sätze in mir abbilden und begreifen – und dann merken, dass darin in der Regel nicht auch „drinsteht“, worum es der Person geht oder worauf sie sich bezieht oder reagiert. Also rufe ich mir in Erinnerung, was ich oder eine evtl. weitere Person im Gespräch gesagt hat, und überlege, ob davon etwas passen könnte. Ist die Person fertig mit Sprechen, bin ich meistens gerade fertig mit der Analyse des Sprachpakets. Was ich darauf antworte, eher nicht.
Manchmal geht das, was ich eigentlich sagen möchte, im wahrsten Sinne „lost in Transition zwischen Rede und Antwort“.

Und da greift die traumabedingte Dissoziation. Die nächste Achse. Die schützende Maske. Das reaktive Vorzeigen von bezogenem Kontaktverhalten. Ich konzentriere mich ausschließlich auf das, was die andere Person gesagt hat, und rate das beste hoffend oder faktisch orientiert abschätzend die Antwort. Ich bin nicht mehr bei mir, ich bin nicht mehr bei meinem Thema und kann selbst in der Rückschau nicht mehr sagen, worüber ich nachgedacht, was ich empfunden oder als Idee verfolgt habe. Es ist ein Nimbus, ein weißes Rauschen. Mein Körper antwortet. Ein anderes Innen. Irgendwas, das passt, dem Gegenüber ein gutes Gefühl macht, mit größter Wahrscheinlichkeit keinen Konflikt auslöst und inhaltlich die Funktion des Gesprächs bedient. Und dann beginnt das Gegenüber zu antworten. Und damit beginnt eine weitere Transitionsphase zum nächsten Sprechakt.

Das erschöpft. Es führt sehr oft dazu, dass ich ich-fremde Gespräche führe, wenn diese weder reiner Informationsaustausch noch oberflächliches Kontakten sind. Und der Hintergrund ist komplex.
Ich habe auditive Verarbeitungsstörungen, muss Bezug immer wieder konkret gesagt bzw. aufgezeigt bekommen, weil ich ihn nicht implizit „lesen/erfassen“ (und im Arbeitsgedächtnis halten) kann, und ich habe bis heute Angst, verletzt zu werden, weil ich nicht schnell genug (performativ „richtig“/wie vom Gegenüber gewünscht oder gewohnt oder erwartet) reagiere.
Gespräche sind bis heute nicht neutral für mich. Es sind neben jeder Bedürfniserfüllung immer auch Triggersituationen, mit denen ich je nach Inhalt, Kontext, Rahmen strukturell reaktiv dissoziierend umgehe.

Nach dem Gespräch, das ich nun mit meinem Mann besprach, lag ich abends im Bett und wurde Stückchen für Stückchen mit Fragmenten des Gesprächs konfrontiert. Die Verarbeitung setzte ein und zunehmend wurde mir selbst bewusst, dass wir weder über das geplante Thema gesprochen haben, noch, dass durchgehend ich gesprochen habe. Obwohl mir das so wichtig war. Ich so dankbar über das Interesse und die Bereitschaft der Personen war, mit mir zu sprechen. Obwohl es keine Gefahr gab. Ich selbst habe überhaupt nichts von meiner Angst gespürt. Habe in dem Kontakt überhaupt nichts von meinem Stress und der Reaktivität gemerkt.
Und wie fast immer in solchen Momenten haben es meine Gegenüber auch nicht gemerkt. Sie fanden das Gespräch gut. Sie haben mich als im Kontakt erlebt – faktisch betrachtet haben sie das ja auch. Nur eben doch auch nicht.

In einem Gespräch mit dem Begleitermenschen im Rahmen der Autismusdiagnostik habe ich dafür das Bild von einem Spiegelkabinett gefunden. Weil es mir oft so erschien, als würden die Menschen in meinem Leben immer mit einem Bild von mir sprechen. Also ihrer Wahrnehmung von mir und dem, was sie davon abgeleitet haben. Während ich sie nie sehen kann und meistens eher mit einer Idee von ihnen arbeite, die ich aus den Analysen dessen, was sie mir sagen, entwickle.
Das war das Problem, das ich in der Therapie damals als besonders belastend empfand. Es kam mir vor, als würde meine Therapeutin intensiv nach mir suchen – angestrengt auf ihr Bild von mir schauen – und ich nicht einmal ihre Spiegelung finden können, obwohl mir jedes Signal, jeder Reiz von ihr überdeutlich spürbar war.
Mir ist damals bewusst geworden, wie viel von meinen „Erkennungsproblemen“ überhaupt nicht oder eher subtil wahrnehmbar sind. Und wie groß die Rolle der DIS dabei ist. Ein autistischer Mensch ohne DIS oder extremen Maskierungswillen wäre damit auffälliger. Diese Art des Auffälligseins war aber nicht nur in meiner Herkunftsfamilie ein ernstes Problem, sondern auch überall sonst. Selbst in Kontexten, in denen meine Sicherheit und Fürsorge professionell sichergestellt wurden. Nirgends, in keinem Kontakt mit anderen Menschen, ist es für mich rückhaltlos, bedingungslos, konsequenzlos möglich, irgendetwas davon nicht zu verstecken oder zu verschleiern. Und zwar nicht, weil die Welt böse ist oder ich da irgendetwas Spezielles an mir habe, sondern weil es umfassend ANDERS ist. Weil man sich dem immer nur annähern kann und eine gewisse Lücke, einen Bereich der Inkompatibilität, stehen lassen und akzeptieren muss. Sowohl ich als auch meine Mitmenschen. In der Metapher vom Spiegelkabinett ist es der Umstand, dass ich mich mit anderen Menschen als in einem Spiegelkabinett erlebe – und sie das nicht auch tun. Ihre Wahrnehmung funktioniert anders als meine.

Und während ich das jeden Tag und immer immer immer merke – und sie nicht, ist es eine irritierende Sache, wenn ich es offenbare. Manche fühlen sich dann manipuliert. Als würde ich ihnen die Wahrnehmung von mir absprechen oder in Frage stellen. Als wolle ich ihnen unterstellen, sie würden sich gar nicht für mich interessieren oder würden mir absichtlich schaden wollen. Es gibt Menschen, die können solche Gefühle und Gedanken dann mit Worten ausdrücken. Sie sind neugierig, wollen verstehen, Beziehung, Kontakt bewahren. In meiner sozialen Welt sind das die absoluten Ausnahmen. Einhörner sozusagen.
Und es gibt Menschen, die können das nicht. Oder wollen es nicht. Oder halten es für einen Teil ihrer professionellen Abgrenzung, noch mehr Abstand zu mir herzustellen und sich praktisch völlig unsichtbar für mich zu machen. Es gibt Menschen, die sich verunsichert fühlen, wenn ich ihnen davon berichte. Die sich fragen, was an unserem Kontakt echt ist. Authentisch. Und ver.trauen mir dann einfach nicht mehr. Gehen also auch aus dem Kontakt. Das ist die häufigste Erfahrung, die ich mit der Offenlegung dieser Gesprächserfahrung gemacht habe. Entsprechend wenig öffne ich mich.

Doch diesmal nicht.
Diesmal habe ich es mitgeteilt und mehrere gute Erfahrungen gemacht.
Die Gesprächspartner haben es gehört und verstanden. Wir haben eine praktische Lösung gefunden.
Mein Mann hat mich verstanden und mir genau die Hilfestellung gegeben, die ich brauchte.
Meine Therapeutin hat mich verstanden und mich bestärkt, meine inneren Prozesse auf Möglichkeiten der Entlastung und Prävention zu erforschen.
Keiner der auslösenden Faktoren ist davon berührt. Es wird mir wieder passieren. Und es wird wieder schlimm für mich sein. Aber es bleibt nicht mehr so schlimm.

crazy shit

Ich sitze im Auto und halte meinen inneren Blick auf dem Symbol für „Pause“. Ein Kreis mit zwei parallelen Strichen. Grau bei Deaktivierung, hellgrün bei Aktivierung. Er ist grün, ich kann mich frei und mühelos bewegen. Sicher Autofahren. Ohne Anstrengung Wörter formen. Keine 5 Minuten vorher konnte ich kaum die Augen offenhalten, meine Arme heben, irgendeinen Muskel gezielt anspannen und halten. Crazy shit.

Vor 22 Jahren konnte ich mich noch nicht so manipulieren überzeugen austricksen reinlegen … Glauben, dass die objektive Realität der Gegenwart gleichzeitig mit meiner subjektiven Realitätswahrnehmung existieren kann. Ich hatte noch keine Kontrollerfahrungen. Kein aktives, bewusstes, ich-liches Selbststeuerungserleben. Mir sind die Dinge passiert. Sie haben etwas mit mir gemacht, das meiste davon habe ich weder konkret und zeitgleich wahrgenommen, noch verstanden, noch umfänglich mit mir in Bezug setzen können.

Die Landschaft fliegt an mir vorbei. Das Halten der Imagination kostet mich überhaupt keine Energie. Der Flashback hat keinen Einfluss mehr auf mein Selbst- und Umweltempfinden. Ich bin in der Lage, Energie in die Anpassung an meine Mitwelt zu stecken.
Später wird mir bewusst, wie lang 22 Jahre eigentlich sind. Ich denke darüber nach, ob der Umstand, dass ich es jetzt kann, dieses hilfreiche Imaginieren, mich selbst umfassend reorientieren, stabilisieren, bedeutet, dass die letzten 22 Jahre in Therapie unnütz waren. Nicht hilfreich. Ineffizient.
Oder ob sie wichtig waren, um eine Chance zu bekommen, die Dinge zu erlernen und zu trainieren, die damals als meine Fähig- und Fertigkeiten vorausgesetzt wurden. Einfach, weil man damals noch weniger als heute durchdrungen hat, was es konkret bedeutet, wenn Selbst- und Weltbezug massiv fragmentiert sind.

Ich bin am Ziel. Steige aus, bewege mich absichtlich raumgreifend und aktivierend. Die Lücken zwischen Tätigkeiten sind für mich inzwischen weniger Kluft als Spalt. Ich bemerke sie, ich bemerke meinen Stress in der Transition und Neuausrichtung, aber ich kenne meine Schrittweite. Meine Sprungkraft. Meine Anlaufbedarfe. Und die andere Seite. Meistens. Und wenn nicht, dann, dass ich mit dem Unbekannten interagieren kann. Es passiert mir nicht mehr. Es passiert mit mir. Das macht mich nicht souverän und stark, selbstsicher und unverletzbar, wie ich mir das früher immer und heute noch manchmal wünsche, aber selbst.bewusst.

Die Luft berührt mich, der Boden hält mich, meinen Schritten folgen Geräusche.
Ich habe Angst zu fallen, unerwartet berührt zu werden, mich in meinen Annahmen über den Ort, an dem ich bin, zu täuschen. Und ich gehe weiter. Ich. Nicht jemand wie ich, oder etwas, das so tut, als sei es ich oder mein Körper, gelenkt von etwas, das eher theoretisch ein Ich sein könnte, oder eine formlose Präsenz, umgeben von ferngesteuerter, komplett eigenimpulsloser Masse.
Es ist erstaunlich irrelevant für diese Tätigkeit, wer ich eigentlich bin. Und wie ich beschaffen bin. Und was ich kann. Oder wie ich es kann. Ich erlebe die Augen der Täter_innen immer noch auf mir und oft genug suche ich Versicherung mit ihrem Blick auf mich. Aber ich kann mich inzwischen auch sehen. Kann mir mehr Augen leihen als die der Menschen, die mich verletzt haben.
Ich gehe hier einfach lang. Bin Teil des Moments wie der Laternenpfahl, der Absperrungspoller, der Straßenverkehr, die Tauben auf Futtersuche. Nichts davon ist egal, aber nicht alles relevant für mein Überleben. Mir passiert nichts mehr. Ich passiere Laterne, Poller, Tauben. Die Eindrücke kommen, wirken und flachen wieder ab.

Meine Angst ist ein paralleles Rauschen unter der allgemeinen Harmlosigkeit der Welt. Der rote Rand um die eitrigen Traumastellen in mir. Ich kann sie umgehen. Und ich kann mich nähern. Ich kann sie berühren, verschieben, manchmal auflösen, wenn ich mich gehalten fühle. Kontextualisiert. Bezogen. Verortet. Eindeutig positioniert, beauftragt, ver.antwort.bar.
Wenn die Umstände stimmen, ist es keine Manipulation, kein Selbstbeschiss, kein Trickbetrug an meiner Wahrnehmung, dass beides da ist. Die Angst, verletzt zu werden zu sterben und die allgemeine Ungefährlichkeit des Lebens.

Vor 22 Jahren stimmten die Umstände noch nicht für mich. Ich habe mich in Lug und Betrug an mir selbst gezwungen, weil ich weder die Welt noch mich selbst genug wahrnehmen und begreifen konnte. Ich kannte die Welt als Gefäß, in dem meine Qual, mein Leiden, mein Schmerz, meine Angst passieren. Als randlose Schale, in der ich hin- und hergeschleudert wurde. Ohne Anfang, ohne Ende, ohne Bedeutung, ohne Ziel und dadurch auch immer wieder, fast immer, ohne mich in mir selbst.
Ich musste glauben, dass irgendwas irgendwas bewirkt – ich hatte nie die Chance zu beobachten, wie irgendwas irgendwas bewirkt. Ich musste annehmen, was mir irgendwer über irgendwas erzählt – egal, was davon stimmte oder nicht, ich habe es sowieso sehr wahrscheinlich weder ganz aufgenommen, noch verstanden, noch den Sinn erfasst. Ich selbst konnte mir nie Quelle von Stabilität oder Kongruenz oder Klarheit sein. Was ich wahrnahm und einordnete, entpuppte sich immer wieder als Trittfalle ins Bodenlose, die Dissoziation.

Wieder fliegt Landschaft an mir vorbei. Meine Kopfhörer halten das Dröhnen des Zuges von mir fern. Mein Körper wackelt. Ich fahre zu einem Therapietermin. Bin eindeutig und klar in meinem Ziel der Stunde. Sicher darüber, was ich dafür und dagegen tun kann, um es zu erreichen. Der Raum ist für mich eindeutig und klar. Meine Optionen für und gegen die Zusammenarbeit sind sowohl mir als auch meiner Therapeutin klar.
Es ist der einzige Raum in meinem Leben, in dem das so ist. Der einzige, in dem diese Umstände in Bezug auf alle Aspekte bestehen. Es ist der Raum in meinem Leben, in dem ich glauben kann, dass ich etwas mache, um etwas zu erreichen, weil ich weiß, dass ich es auch nicht erreichen kann oder nicht sofort oder anders als ich dachte. Ein Kontakt, in dem es tatsächlich immer weitergegangen ist, obwohl ich sehr lange sehr oft darin gestorben bin. Wo immer alles wiederkam, was verschwunden, fragmentiert, dekontextualisiert war, weil nichts – auch ich nicht – verschwunden bleiben musste.

Ich erfahre von den Sparplänen der Bundesregierung.
Rutsche in Scham und Ärger, gleite über einen Schmierfilm von Angst und kann mich letztlich nur an meinem Glauben an die allgemeine Kontinuität festhalten. „Es ist nicht egal, aber jetzt gerade nicht relevant.
Wenn es relevant wird, kann ich immer noch prüfen, ob es mich töten wird. Es gibt Gleichzeitigkeit. Es gibt die Gefahr und die unspektakuläre Existenz.“ Innerlich greife ich in das Knäul aus Information und Gefühl und trenne es wie einen Wurzelballen, den ich in zwei Töpfe lege. Nicht egal links, aktuell nicht relevant rechts. Ich lege einen Deckel drauf und schiebe sie in ein Regal meines Hinterkopfes, das meinem Bücherregal im Büro ähnelt.
Ich mache große, weite Schritte durch die Bahnhofshalle.
Als ich hier vor 22 Jahren ausgestiegen bin, wäre mir diese Imagination gefährlich vorgekommen. Wie ein Angriff auf das, was mich am meisten schützt: meine Todesangst. Jetzt macht es mich handlungsfähig. Interaktionsbereit. Stabil. Selbst zur Quelle einer Ordnung. Crazy shit.