Überraschung

Überraschung ist eine Grundemotion, die ich erst im Zusammenhang mit der Autismusdiagnose näher erforscht habe. In meiner Traumatherapie ging es nie um Überraschung. Es ging um mein Kontrollbedürfnis, meine Ängste. Mein kompensierendes Vermeidungsverhalten. Überraschung und Schockerleben waren dabei nie Thema. Mir war selbst überhaupt nicht klar, dass ich Todesängste habe, wenn ich überrascht werde. Dass ich Überraschung vermeide, weil sie mir Angst macht. Dass ich Kontrollgefühle vor allem dafür brauche, um mit meiner Angst vor der Todesangst auf eine Art umzugehen, die unauffällig ist. Angepasst. Nicht peinlich. Sondern ruhig, rational, beherrscht, bewortbar. So, dass mich niemand verletzt.

Man kann Überraschung nicht vermeiden. Aber man kann die Wahrscheinlichkeit dafür absehen. Mustererkennung hilft dabei. Aktives Dauerscannen, traumareaktive Hypervigilanz. Katastrophisieren. Permanente Reaktionsbereitschaft. Hold-the-line-Modus, wann immer Quellen für Unvorhersehbares in der Nähe sind. Anderen Menschen mitteilen, dass man Überraschungen – auch die lieb gemeinten – nicht mag, nicht möchte, nicht schätzt.

*

Die Sonne schien. Die Wärme im Auto bildete eine Glocke um mich.
Ich faltete den Brief zusammen und versuchte, meinen Partner anzurufen. Keine Antwort. Bubi legte den Kopf auf die Rückbank und beobachtete das Treiben auf dem Parkplatz. Der Verlust meines Arbeitsplatzes, die Lüge der Vertrauten hinter der Ermutigung, mich um meine Gesundheit zu kümmern, schwemmte über mich hinweg. „Wusst ichs doch“, stand auf jedem Stachel, der sich aus meiner Panzerhaut schob, um alles Panische vom Jetzt abzutrennen.
Nach der Angst, die Härte. Der Haken aus Stahl, der die Unwürdigkeit jeder Form von Zutrauen und Glauben an die Aussagen anderer Menschen, bestätigt.
Als ich nach Hause fahre, kommt die Trauer. Die Trauer um eine Zukunft, um die ich seit Dezember ringe. Auch das also, kaputt. Kein Kind, kein Job, keine Kraft, keine Hoffnung.
Es hätte so anders werden sollen.
Auf dieses Ist bin ich nicht genug vorbereitet.

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Überraschungen gehören zu dem, was ich als Alltagsterror empfinde. Sie sind der trauma-re.aktivierende Bestandteil meines Lebens mit anderen Menschen, mit dem ich am häufigsten konfrontiert werde. Nicht, weil Menschen nie tun, was ich sage oder will, sondern, weil Menschen für mich nicht eindeutig vorhersehbar tun, was sie sagen; sagen, was sie tun, und es meistens ein unausgesprochenes Rätsel ist, warum, wozu und welchem logischen Schluss folgend sie es tun oder sagen.
Und es ihnen egal ist.
Sie mich nicht trösten. Selten beruhigen. Die wenigsten sich die Arbeit machen, sich mir zu erklären. Nur manche nah genug an mich herantreten, um mich zum Teil ihres Er.Lebens zu  machen.

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Mein Partner liest den Brief. Atmet ein und sagt: „Ja, scheiße.“
Ich weine, weil ich begreife, dass ich mich nicht verlesen oder in meiner negativen Annahme geirrt habe.

Sie haben mich angelogen. Alle.
Und weil ich ihnen geglaubt habe, wähnte ich mich in einer Sicherheit, die mir jetzt, ohne jede Vorbereitung, ohne jede Chance auf Widerrede, Beeinflussung oder Zugang zu Verständnis, genommen ist.

Ab jetzt er.lebe ich parallel. Gespalten. Gleichzeitig in unterschiedlichen Dimensionen.

*

Überraschung, Schock, ist ein zentrales Element vieler Traumatisierungen.
Wer überrascht wird, kann sich nicht selbstwirksam erleben. Es gibt kein Kontrollgefühl. Keine Sicherheit über die eigene Existenz.
Überraschung kann nur Spaß bereiten, wenn dieses Sicherheitsgefühl grundlegend da ist. Ich habe dieses Gefühl nie. Selbst dann nicht, wenn ich viel Kontrolle habe.
Jede Überraschung rührt direkt an ein Gefühl von realer Existenzbedrohung.
Und jedem Gefühl der Bedrohung folgt die Dissoziation.

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Ich scanne den Brief und plane die Einberufung aller nötigen Helfer_innen.
Bahne ein Gespräch beim Verlag an.
Speichere die erste Stellensuche auf der Webseite der Arbeitsagentur.

Spüre, wie sie das letzte Jahr resümiert.
Beobachte, wie er versucht abzuschätzen, ob unsere Kraft für psychiatrische Krisenintervention und ihre erwartbar problematischen Folgen reicht.
Höre ihr beim Sprechen ins Mikrofon zu, während die Hände einer anderen vereinzelte Kröten aus Eimern hervorholt.
Registriere Kämpfe um Essen, Schlafen, Lebenswillen und ‑ziele. Notiere ihre Gewinner und Verlierer.

Als ich einen Tag früher als gedacht von meiner Menstruationsblutung überrascht werde, fühlt es sich an, als würde mir ein knöcherner Schalter im Inneren umgelegt werden.
Mein Partner sagt, es nutze nichts, wenn wir beide traurig seien. Ich spüre hinter mir alles zusammenbrechen und im Melt der letzten Tage versinken.

*

Die Blätter einer Rose sind als sogenannte „Fiederblätter“ angeordnet. Ein Fiederblatt besteht aus mehreren Einzelblättern und trägt so zu einer stabilen Form der Pflanze, aber auch ihrer Gesamtfläche zur Fotosynthese bei. Fällt eines ab, gibt es genug andere. Zum Überleben des Organismus braucht es nur eins. Im Winter nicht einmal das.

Draußen beginnt der Frühling.
Ich organisiere an einem Sommer für mich.
Gestalte Ideen und Pläne für mögliche Verläufe im Herbst.
Den Winter in mir drin, blende ich dabei aus.
Ich weiß, dass er von alleine endet.

*

Das Mismatch mit meiner Umwelt über Überraschungen verlangsamt meine Verarbeitungsmöglichkeiten. Um den Kontakt zu meinen Mitmenschen nicht zu verlieren, kann ich mich nicht auf die Überraschung konzentrieren, sondern muss mich auf das fokussieren, was sie mir anbieten.
Die überraschende Nachricht von meiner Kündigung bedeutet für sie, dass wir über Kündigung und Arbeit sprechen – nicht über die Überraschung. Den Verrat. Den erschreckenden Verlust des Sicherheitsgefühls. Die unerwartete Unmöglichkeit aller Pläne für die Zukunft, die zum Sicherheitsgefühl über die Gegenwart führten. Wir reden nicht über Angst. Meine Todesängste sind einfach undenkbar für sie. Und übertrieben, als ich sie andeute.

Ich kann mir nicht vorstellen, wie die Zukunft aussieht, weil ich nicht weiß, was dort möglich ist und was nicht. Man erwartet von mir ein Grundvertrauen in das Leben, das ich nicht habe. Ich kann nicht „einfach mal sehen“, „einfach mal abwarten, was sich ergibt“. Wenn ich nicht weiß, was ich sehen soll oder muss oder könnte, dann (vorher)sehe ich da nichts. Und wer nichts (vorher)sieht, kann von allem, was dann passiert, nur überrascht werden.

Das ist der absolute Horror.

klebriger Fokus

Und wieder sitze ich meiner Therapeutin gegenüber und esse.
Es ist 12 Uhr, wir wollen arbeiten, mein Treibstofftank ist leer.

Ich habs gewusst, ich hatte einen Timer und ein safe food dabei und hab’s trotzdem nicht gemacht. Mein Fokus hat noch an einer Aufgabe geklebt, die ich unterbrechen musste, um zu ihrer Praxis zu laufen. Der Timer ist an mir vorbeigeflogen. Ich weiß nicht, wie ich zur Praxis gekommen bin. Aber ich weiß, dass ich darauf geachtet habe, dass ich so pünktlich da sein würde, dass ich die Aufgabe noch zu Ende bringen konnte, damit ich vor der Therapie aufhören kann, daran zu denken.
Meine Therapeutin fragt, ob ich im Hyperfokus war. Ich verneine.
Das Wort finde ich ungünstig. Es legt eine Übertriebenheit nahe, eine Obsession, die ich nicht hatte und bewusst auch noch nie erlebt habe.

Ich verstehe meine Aufmerksamkeit als Folge einer Verklebung. Als „klebrigen Fokus“. Ich gehe durch die Welt und habe so etwas wie geistig adhäsionsfreudige Fäden, die sich an Themen, Dingen, Leuten, Stimmungen, Gefühlen, Gedanken, Geräuschen … allem Möglichen anheften, bis es fertig ist. Fertig erfasst, fertig verstanden, fertig verlaufen, abgeschlossen, vergangen. Ich kann nur bedingt steuern, woran sie sich anheften, und überhaupt nicht, wie lange. Und ziemlich sicher bin ich mir, dass meine Fadenklebrigkeit mitunter sehr viel stärker ist, als die vieler meiner Mitmenschen. Manchmal habe ich den Eindruck, sie hätten nur Post-it-Klebezettel-Klebrigkeit, während es bei mir die Art Leim ist, die man bei Fehlern innerhalb eines kleinen Zeitfensters zwar noch korrigieren kann, aber nicht ohne eine erhebliche Macke zu produzieren.
Bin ich stabil und gut drauf, hat dieser Leim etwas mehr Flexibilität – bin ich drauf wie im Moment, kann davon keine Rede sein.

Nach der Stunde denke ich weiter darüber nach.
Essen ist eine andere Aufgabe, als das, was ich noch fertig machen wollte. Und etwas anderes als Therapiearbeit. Sie hat mit weder mit dem einen noch dem anderen zu tun. Solche Wechsel bereiten mir immer Schwierigkeiten. Das sind die „Gleiswechsel“, von denen ich in „Starre unterscheiden“ geschrieben habe. Je komplexer die neue oder auffolgende Arbeit ist, desto schwerer ist so ein Wechsel für mich.
Und Essen ist ultrakomplex für mich. Da sind 28 Jahre Essstörungsmurks, diffus erinnerter Traumashit, Sensorik und Unverträglichkeiten mysteriöser Natur mit einem kaum vorhersehbaren Lauf der Dinge zusammenzubringen. Klar bringe ich für einen solchen Gleiswechsel tendenziell eher nicht die Kraft auf, meine Aufmerksamkeitsfäden von etwas anderem abzureißen – vor allem nicht, wenn die noch gar nicht „fertig sind“ und sich noch gar nicht von allein auf meine Körperwahrnehmung geheftet haben.

Ich denke aber auch an die Leute bei Instagram, die von einem Hyperfokus sprechen, wenn sie sich obsessiv zügellos rücksichtslos intensiv in Dinge einarbeiten. Und die paar Leute, die dazusagen, welchen Preis so ein Zustand hat, wenn man aufgrund einer Neurodivergenz dazu neigt. Und darüber, dass ein sogenannter Hyperfokus sich auch auf destruktive oder unsinnige, unproduktive, überhaupt nicht nützliche Dinge legen kann, die das gesamte Umfeld (über)belasten, habe ich bisher nur eine Person reden hören.

Dann kommen Erinnerungen an meine Eltern auf. Meine Mutter, die mir nicht glaubt, dass ich sie nicht gehört habe, weil mein Gehör in Ordnung ist. Mein Vater, der mich durch die Luft wirft und verprügelt, weil ich nicht gehört habe, dass er mir gesagt hat, was ich noch erledigen soll. Oder, weil ich etwas erst fertig machen wollte, bevor ich tat, was er wollte. Oder, weil es ihm zu lange gedauert hat, bis ich etwas so fertig hatte, dass ich selbst auch das Gefühl hatte, dass es fertig war. Oder, weil ich, während ich tat, was er mir aufgetragen hatte, nicht hörte, dass er oder meine Mutter oder andere Autoritätspersonen mit mir gesprochen haben.
Ich kann nicht wissen, wann ich früher immer dissoziiert habe und wann meine Kapazitäten zur Verarbeitung von Reiz-Input zu fragmentiert waren, weil „meine klebrigen Fäden“ ausschließlich auf einer Sache lagen. Aber ich finde es eine bemerkenswerte Redundanz in meinem Leben, dass auch mein Mann inzwischen aufgegeben hat, mich zu rufen, weil ich ihn einfach nicht höre, wenn ich nicht darauf eingestellt bin, ihn hören zu müssen.
Und, dass zu dieser Redundanz gehört, dass ich in diesen Momenten überhaupt gar nicht hyper bin, sondern einfach ich selbst. Entspannt, selbst.sicher, beschäftigt.

Ich nenne es „hold the line“, wenn ich weiß, dass ich spontan für alles Mögliche mit aufmerksam sein muss. Andere autistische Menschen nennen es „Servicemodus“. „Mom on the spectrum“ hatte zu dem Thema neulich einen Livestream bei YouTube. Dort wurde es als Überlebensstrategie besprochen.
Wenn ich im „hold the line“-Modus bin, dann ist es, als würde ich mit beiden Händen jeweils ein Büschel dieser klebrigen Fäden festhalten, auffächern und auf mögliche Ansprachequellen richten.
Das hat ganz eigene Konsequenzen. Meistens die, dass das, was ich eigentlich machen möchte, gar nicht richtig oder nur unter großer Anstrengung funktioniert. Vernünftig laufen, zielgerichtet und selbst.bewusst sprechen, feinmotorisch tätig sein, rechnen, Entfernungen abschätzen, mich örtlich zurechtfinden, sensorischen Input diskriminieren, andere Menschen sozial „lesen“, Dinge aus dem Kurzzeitgedächtnis abrufen, zum Beispiel. Wie auch – ich halte ja wichtige Kanäle belegt, über die ich den Datendown- und ‑upload meiner Lebensinteraktion erledige.

Polly Samuel hat das unter dem Namen Donna Williams schon 1996 in ihrem Buch „Autism, An Inside-Out Approach“ mit einer Metapher, ähnlich wie meine mit den klebrigen Fäden, beschrieben. Für sie war Autismus eine gemischte Tüte einander bedingender und beeinflussender Verarbeitungsprozesse. Sowohl sensorisch als auch psychisch und emotional. So betrachtet, war meine Lage nicht nur: „Ich hatte da ein Ding, das ich fertig haben wollte, und Essen vor dem Termin war keine Priorität.“
Sondern: Ich war in der Stadt, in der Bücherei, da darf man nicht essen. Dort war es ruhig genug, dass ich mit meinen Noise-Cancelling-Kopfhörern ohne Anstrengung meine Aufgabe machen konnte und auch den „Gleiswechsel“ in die nächste Aufgabe, nämlich den Weg zur Praxis, anstoßen konnte. Aber die Aufgabe war noch nicht fertig (meine klebrigen Fäden hatten sich noch nicht vollständig gelöst). Ein Büschel klebte noch daran, während ich mit dem Rest losmusste. Entsprechend fragmentiert war meine Wahrnehmung des Weges, entsprechend stressend waren Lärm, Leute, Umgebungsfaktoren wie Wind, Licht, Temperatur, Gerüche und Zeitdruck. Was wiederum mein Konzept über meinen Tagesablauf berührt hat. Ich wusste ja, warum ich die Aufgabe fertig haben wollte. Sie jetzt nicht passend fertig zu haben, bedeutete, dass ich mir nicht sicher darüber sein konnte, was nach der Therapiestunde passieren würde. Das bedeutete für mich noch mehr Stress und auch Angst, die reguliert werden muss. Dadurch stieg das Risiko, noch früher noch müder vom Tag zu werden als eingeplant und entsprechend noch viel mehr Stress zu erleben, weil die Verarbeitung des Inputs immer anstrengender und fragmentierter wird. Also noch mehr, wofür ich eigentlich „alle meine Fäden“ zur Kompensation brauchen würde.
Ich war in einem Verarbeitungsdelay und wusste, dass meine Möglichkeiten, das aufzuholen, an dem Tag sehr begrenzt waren. Und in all dem Stress und der aufbrandenden Angst zu essen, hätte meinen Delay, meinen „geistigen Stau“, nur eskaliert. Obwohl es Teil meines Tagesplans war, obwohl ich weiß, dass es wichtig ist, obwohl ich weiß, dass Therapiearbeit ohne Energie eher belastend als hilfreich ist.

Gleichzeitig, war es keine bewusste Entscheidung von mir, das Essen auszulassen. Vielmehr wurde die Handlungskette fragmentiert und der Punkt „Essen“ wurde zu einer Information mit unvollständigem Bezug. Genauso wie der Timer, der mich zum Essen prompten sollte. Ich konnte damit nichts anfangen. Ich habe ihn wahrgenommen, habe gewusst, dass es wichtig ist – aber wofür, wieso und wann und wie ich das umsetzen muss/kann/soll/darf, war für mich nicht mehr beisammen. Die Sache, die ich noch fertig machen wollte, und der nächste Termin hingegen waren mir noch klar. Also habe ich sie weiterverfolgt.
An der Stelle finde ich außerdem noch wichtig zu erwähnen, dass ich innerlich keinen Konflikt hatte. Keine traumapanischen Inneren, keine strengen Antreiber*innen, keine überhungrigen Kinder. Ich habe mich nicht gegen den Hunger gezwungen oder war eingenommen von Katastrophenszenarien, die passieren könnten, würde ich das nicht fertig machen. Ich habe nur gedacht: „Boah nee, ich will nicht an diese Aufgabe denken, wenn ich in der Therapiestunde sitze, und ich habe heute einen ganzen Tag im ‚hold the line‘-Modus, ich kann nicht noch mehr davon abgeben (ohne Anlass zu tatsächlich begründeten Ängsten vor Katastrophen aller Art zu geben).“

Den inneren Konflikt hatte ich erst, als ich im Therapiesetting und bei mir selbst ankam. Die Aufgabe fertig war, der Termin lief und der Tag für mich geistig wieder in überschaubare Ordnung zusammenrückte. Da kam das Hungergefühl wie eine Abrissbirne, während ich eigentlich etwas anderes zu tun hatte.
Und jemand anderes auch. Meine Therapeutin nämlich. – Sowas stresst und ängstigt mich unheimlich tief. Da kommen die Kinderängste raus, die brettharten Bestimmer*innen, der Druck, der Zwang, die Not, die Wirrheit, weil sich keine mögliche Lösung aus mir selbst heraus wirklich sicher anfühlt. Dann wird gekreiselt, gehasst, gekämpft, gequält, gelitten und ich fühle mich dem immer noch schneller ausgeliefert als lösungserfahren kompetent. Obwohl ich schon öfter (immer in Krisenzeiten) wenige Minuten nach Beginn der Stunde essen, trinken, zur Toilette gehen, unbequeme Sachen umziehen oder herausfordernde Momente auf dem Weg zur Praxis besprechen musste. Meine Therapeutin hat mir immer vermittelt, dass das in Ordnung ist, weil auch das dazu beiträgt, dass die Arbeit hilfreich ist.
Doch auch in diesen Momenten greift die Adhäsionsfreudigkeit meiner Geistesfäden. Die liegen im Therapietermin überwiegend auf dem Thema der Stunde, nicht beim Ankommen im Kontakt zu meiner Therapeutin, die erst einmal meinen aktuellen Zustand abfragt. Also muss ich wieder Fäden abreißen … die nächste Wolke fragmentierter Informationen verarbeiten … hinnehmen, dass auch das Thema der Stunde in Teilen oder komplett fragmentiert, bei mir ankommt … hoffen, dass ich in der Folge genug Ruhe habe, zu prozessieren … und gleichzeitig wissen, dass ich diese Ruhe immer nur dann habe, wenn ich ganz mit mir allein bin. Ohne „meine Fäden“ zu kontrollieren.

Wenn meine Therapeutin mir eine gute Erfahrung ermöglicht, passiert das meistens schon in einem Moment, in dem ich fragmentiert wahrnehme und innerlich kampfkreisle. Dann kann es sein, dass ich höre und kapiere: „Okay, ich kann hier essen“, aber alles andere, was zu einer Sicherheitserfahrung gehört, ist unter Umständen noch gar nicht bei mir angekommen, sondern sickert in Momenten wie diesem hier, wenn ich davon schreibe (allein und abgeschirmt in meinem Büro), nach. In der Situation bin ich nicht dazu fähig, einzuschätzen, in was für einer Lage ich gerade bin. Welche Emotionen in mir wirken. Ob ich gerne da bin oder nicht. Ob mir schmeckt, was ich esse. Obwohl ich räumlich und zeitlich absolut orientiert bin. Was mir dann klar ist, mache ich bis es fertig ist. Und dann geht es weiter mit dem einen nächsten Ding.

„Ach Frau Rosenblatt, wo fangen wir denn da an?“, hat meine Therapeutin in der Stunde an einer Stelle geseufzt, an der ich sie ein wenig in diese Dynamik habe blicken lassen. Stellt sich raus, dass ich tatsächlich mit komplexen Abläufen arbeite, erheblichen mental load in meinen sozialen Kontakten jongliere und die Folgen meiner Traumatisierungen das alles sehr stark stören und immer behindern.
Egal, wo man da anfängt, ist es komplex und schwer.
Aber um ehrlich zu sein, bin ich im Moment auch froh, dass meine aktuelle Krise meine Kompensation so sichtbar macht. Es ist heute viel leichter für mich, mit meiner Therapeutin darüber zu sprechen. Es ist mir trotzdem noch peinlich, vor ihr zu essen oder zuzugeben, an was für basalen Stellen ich gerade nicht gut zurechtkomme. Aber es ist leichter für mich, meine geistigen Fäden von diesen Gefühlen und Ängsten abzutrennen, bevor sich alle gleichzeitig drauflegen und gar nichts mehr bei mir ankommen kann.

der Friseurinnentermin

Als ich eintrete, beschlägt meine Brille.
Im Raum hallen Föhn, Wasser und Schritte. Die Gespräche darin tauchen auf und ab wie die Köpfe von Wellen auf offener See. Es ist ein Termin nach einem Termin, der vierte Tag ohne vertraute Routinen. Am Morgen wurde mein Zahn versorgt, die taube Wange hängt noch ein wenig. Das ist alles nicht ideal, aber die Alternative ist es auch nicht.

Lange kann ich das nicht mehr halten. Diese Atmung, die ich nach unten erzwinge, damit sie weder zu schnell noch zu offensichtlich ist. Die Spannung im Rücken, damit sich nicht irgendwas spontan aufrichtet, die Arme hochreißt und in die Luft greift. Oder in mein Gesicht, in meine Haut, mein Fleisch, meine Haare. Die Härte im Nacken und was auch immer ich da an meinen Ohren mache, damit mir die Geräusche weniger laut erscheinen.
Als ich meine Brille abnehme, damit die Friseurin meine Haare waschen kann, bemerke ich, dass ich, was auch immer ich da mache, auch immer noch halte, um weniger zu sehen. Doch als mir die Massagefunktion des Sessels in den Rücken boxt, ist es mir zu wenig. Da merke ich, wie ich mich in diesen Kontakt reindrehen will, damit er mir richtig wehtut. Es soll nicht nur so angedeutet sein, sondern richtig. Ich bitte die Friseurin, die Funktion auszuschalten. Über einen verzweifelten Druck hinweg liege ich auf diesem Stuhl und denke mich als flachen Stein, über den ein ganzer Fluss hinwegfließt.

Ich bin nicht gerne beim Friseur. Ich mag das alles nicht. Der Fokus auf mich, das angefasst werden am Kopf, das Reden über das, was man wie will, die merkwürdigen Komplimente, die Luft, die Geräusche, die Gerüche, das Kitzeln der abgeschnittenen Haare, die es doch unter den Umhang schaffen.
Aber ich liebe Autowaschanlagen. Ich mag das Durchfahren durch einen lauten, nassen Stinketunnel, dessen Wuschelstrukturen rhythmisch drehend alles vom Auto spülen, was nicht so schön ist und das Abtrocknen der letzten feinen Tropfen.
Also versuche ich mir das Ganze als Fahrt durch eine Waschanlage zu verkaufen. Das klappt ganz gut, bis ich mich im Spiegel sehe und merke, dass alles, was ich will, Schmerz, Hass und kaputt sein ist. Wie ich mir die Haare ausreißen, meine Zähne in mein Fleisch schlagen, ich mich zerstampfen und auseinanderreißen würde, wäre ich nicht in diesem Käfig aus Muskelstahl und Versteckhaut.

Meine Alltagsschicht ist ganz profan. Ganz die bald vierzigjährige Trine Dumpfbeutel ist mein einziges Thema, dass ich bitte nicht wieder einen Bob haben will, weil „nur das bei mir aussieht“. Ich bin fett, I know, aber kann ich bitte nicht deshalb immer so einen Raschelvorhang am Kopf behalten müssen? Wenn Sie mich schon anfassen und mit stinkendem Klebezeugs belästigen müssen, kann ich bitte wenigstens mal was anderes als sonst haben? Was Kurzes, was zum Spielen, was zum in Ruhe lassen …
Ich bin richtig peinlich. Und das Gespräch mit der Friseurin verläuft so, dass ich bei ihren ersten Schnitten heulen könnte, weil ich mir sicher bin, dass ich den Laden wieder mit einer bob-artigen Situation auf dem Kopf verlasse.

Es dauert eine Weile und ich merke, dass das wieder so einer „dieser Momente“ ist. Eigentlich bin ich richtig fertig. Total erschöpft und froh mich selbst gewissermaßen blind und taub machen zu können. Wenn ich will, kann ich es mir auch noch total egal machen. Einfach ganz desensibilisiert dafür sein, was passiert und das Ereignis verstreichen lassen.
Und gleichzeitig will ich genau das ja insgesamt weniger nötig machen. Ich möchte nicht mehr täglich von meinem durch die Länge der Haare allein schon unübersehbaren Haarausfall in Sorgen über meine Fertilität geraten. Ich möchte den permanenten Zug auf meiner Kopfhaut vom Zopf nicht mehr haben und die ständige Geräuschkulisse vom Reiben der Haare über die Kleidung auch nicht. Und der schmerzhafte Haare-kämm-Krampf nach dem Schwimmen – es wäre angenehmer ohne.
Ich muss mich nur trauen, das haben zu dürfen. Mich nur anstrengen, das so zu bekommen, wie ich das möchte. Mehr nicht. Ich muss jetzt nur in die Situation rein und dranbleiben und mich kümmern. Die Spannung halten. Die Angst balancieren. Den Traumascheiß von der Waage kippen und mit Realität ersetzen. Alles, was ich tun muss ist, das Leben anzufassen, dessen Berührung ich selbst gerade kaum aushalten kann.

Dafür nehme ich dann Anlauf. Beobachte die Friseurin. Versuche mir zu erklären, was sie macht und was ihr nächster Schritt sein könnte. An einem Punkt merke ich, dass sie nach einer anderen Schere sucht und mein Haar erneut befeuchten muss. In dem Moment wiederhole ich, was die Person neben mir vor 10 Minuten gesagt hat: „Zeigst du mir mal hinten? Die Länge an der Seite gefällt mir schon gut.“
Ab da geht es ganz leicht. Ich kann aus den Gesprächen in der Luft die Teile herausfischen, die mir nutzen. Die Friseurin versteht mich und schneidet mir keinen Bob, sondern was Kurzes mit was Längerem. Wenn ich jetzt alle 5 bis 6 Wochen wiederkomme, muss ich nichts mehr erklären, sondern nur „bitte nachschneiden“ sagen. Das kann ich ja üben.

Draußen ist es so kalt, dass ich mich dran anlehnen kann.
Der Dauerzug ist weg. Mein Kopfbereich erscheint mir konturierter in meinem geistigen Bild von meinem Körper. Jetzt ausruhen. Zurück in den Bereich, der alles zusammenhält. Statt mit der ganzen Hand mit einer Fingerspitze im Leben stehen. Das ist okay. Fürs Leben muss man Kraft haben. Um Kraft zu schöpfen, muss man sich welche er.holen.

weiter

Diesmal wache ich von meinem eigenen Geräusch auf. Bubi ist nicht gekommen. Ich höre seine tiefen Atemzüge im Dunkeln.
Ich weiß, dass dieses Zeitfenster jetzt wichtig ist. Es ist der Grauraum zwischen dem, was ich als „sich reinfallen lassen“ empfinde und dem, was ich als „diszipliniertes dran arbeiten, dass es weggeht“ einordne. Aufstehen, laufen, schütteln, etwas trinken, eine Notiz machen. Uhrzeit, Aufwachgrund, Wie leicht ist es, sich von schwierigen Gefühlen, Gedanken, Handlungsimpulsen zu trennen?, Was ist ok?
Das Bett aufschütteln. Prüfen, ob ich Licht haben will oder nicht.

Mein aktuelles „aus Scheiß aufwach-Protokoll“ fühlt sich vertraut soldatisch an. Ich mache es einfach. Benutze es, um emotional unberührt zu bleiben. Jetzt, hier um 4 Uhr irgendwas, gibt es nichts daran zu lösen oder zu besprechen oder zu prozessieren. Es geht darum, dass ich keine weitere Symptomkaskade auslöse, indem ich darüber nachdenke.
Ich atme. Bubi kommt irgendwann doch zu  mir und lässt mich seine weichen Ohren befühlen. Die Nacht ist still, manchmal kommen Geräusche vom Dach. Irgendwann schlafe ich wieder ein, als wäre nichts gewesen.
Am nächsten Morgen werde ich mir erzählen, dass das deshalb so gut geklappt hat, weil ich nicht so ein Geschiss drum gemacht hab. Weil man solche Symptome auch einfach mal nur zur Kenntnis nehmen kann, sie protokolliert, abheftet und den Deckel zumacht.

Am selben Morgen werde ich zurück an die Ordnung meiner Lebenskrise gehen und eine gewisse Dankbarkeit für meine emotionale Abflachung haben. Die Angst, die ich um Weihnachten, Neujahr, Anfang Januar noch hatte, weil ich sämtliche Lebensentwürfe in Scherben vor mir empfand, spüre ich nicht mehr. Dass sie da ist, weiß ich. Meine Gedanken sind alle noch gleich. Der Zug hinter allem, was ich tue, ist von Angst angetrieben. Aber das Gefühl ist weg.
Auch das ein relevanter Grauraum. Wenn ich jetzt einfach wieder zur Arbeit gehen würde, würde es funktionieren. Bis zur nächsten überraschenden Übererschöpfung.
Man kommt lange hin ohne psychisches Feedback. Ohne Gefühl für die eigenen Gefühle.

Ich werde aber in nächster Zeit nicht wieder arbeiten. Nicht so wie in den letzten Jahren. Meine Disziplin, meine dissoziativen Gewohnheiten, umzulenken, ist gerade meine Arbeit. Es ist prima, wenn ich nicht jeden Flashback, nicht jedes Erinnerungsfragment in voller Breitseite erfasse. Es taugt nicht als Informationsquelle und ohne Begleitung meiner Therapeutin fühle ich mich nicht sicher, damit überhaupt irgendwas zu machen. Also kommt der Deckel drauf, bis Zeit dafür ist.
Nicht prima hingegen ist, nicht zu spüren, dass ich hungrig oder satt bin. Zeit zu verpassen, weil ich meine Timer nicht aktiviere und in Einzelaufgaben versinke. Wenn ich mich von der Welt nur umspülen lasse, statt zu interagieren. Mich zu beteiligen. In Kontakt zu gehen und sei es noch so kurz, belanglos oder schlicht beknackt.

Die gute Dissoziation aufs Bettschränkchen, die schlechte ins Skill-Kröpfchen, das ist der Marschbefehl. So funktionierts.
Nicht gut, nicht schlecht – weiter.

die Nachwirkungen

„Mir ist Professor Doktor im Traum erschienen“, sagt mein Mann und reibt sich mit der Hand durchs müde Gesicht. „Gut oder schlimm?“ – „Schlimm“.
Wir sitzen auf dem Sofa und merken, dass die ganze Sache doch sehr heftig nachwirkt. Dass wir ein gewaltvolles Gespräch hatten. Dass ein Stachel stecken geblieben ist und sich nicht durch das konstruktive Ende löst.

Mein Mann hat eine Vergangenheit als Krankenpfleger. Seine Einsichten in Krankenhausabläufe und die Dinge, die Behandler_innen tun, wenn (Wider)Wille, Macht und Befähigung zusammenkommen, sind erschütternd.
Und bringen mich dazu, über meine Einsichten neu nachzudenken.

Meine Erfahrungen mit Machtmissbrauch im Behandlungskontext erstrecken sich von der Pflegeperson, die einen Behandlungsplan ausfüllte und behauptete, ich hätte das getan, bis zu Behandler_innen, die mir sagten, sie würden mich auch einfach in die Familie entlassen können, wenn ich nicht mitmache (und artig bin). Die Ärztin, die den Klinik-GAU 2016 ausgelöst hatte, war in der Reihe eigentlich noch harmlos. Da hat man mich einfach in totaler Not allein gelassen und mir vermittelt, ich hätte sowohl die Not als auch die Entlassung selbst zu verantworten. Das ist im Grunde Alltagsgewalt für chronisch kranke Menschen. Ein Klassiker. Der Klassiker für Menschen mit seltener Erkrankung oder zusätzlicher Behinderung.

Mein Mann kennt andere Geschichten. Schlimmere. Geschichten, aus denen übergriffiger Paternalismus spricht. Behandlungsverweigerung. Verschleierung von Tatsachen.
Geschichten, die sich in unserem Fall, in der Klinik, in dem Szenario, in dem wir da sind, mit einer Leichtigkeit umsetzen ließen, sodass weder wir noch irgendjemand anders im Raum irgendetwas davon mitbekommen würden.

Es dauert nicht lange, da sind wir beim Thema „Vertrauen“.
Haben wir bisher hauptsächlich Vertrauen in die Profession aufbringen müssen, so müssen wir jetzt jemandem vertrauen, die_r unseren Wunsch persönlich möglicherweise doch für unangemessen hält und zusätzlich auch noch die Möglichkeiten (die Macht) hat, die Erfüllung dessen zu sabotieren.
Wir haben keine Kontrollmöglichkeiten. Wir haben überhaupt nichts, womit wir uns im Verlauf der gesamten Zeit zu 100 % darüber versichern können, dass unsere Behandler_in wirklich für uns und unser Anliegen ist. Wir sind gezwungen, ihren Aussagen zu glauben und unseren Eindruck immer wieder damit abzugleichen. Und Eindrücke können täuschen.

Und Täuschung – denken, alles ist gut, und dann stellt sich raus, dass plötzlich ganz global und bis ins Existenzielle rein überhaupt gar nichts gut ist – da sind mein Mann und ich sehr empfindlich. Da haben wir beide wunde Punkte und schmerzende Stellen. Wir nehmen sehr weite Umgänge in Kauf, um da nicht berührt zu werden.

Daneben bringt die Situation Verarbeitungsimpulse für mich selbst und mein ganzes Helfer_innen-Thema mit. Denn jetzt beobachte ich meinen Mann in der Belastung, mit der ich vom 15. bis ins 30. Lebensjahr weitgehend allein war.
Ich sehe jetzt, wie brutal es ist, anzunehmen, irgendwas davon wäre von ihm selbst ausgelöst gewesen. Oder, dass er nur irgendwie lieber, passender, angenehmer hätte sein müssen. Er war in dem Gespräch richtig gut. Da war überhaupt nichts falsch oder zu viel. Und hätte es einen unsichtbaren doppelten Boden auf sozialer Ebene gegeben, dann hätte er ihn gesehen und beachtet. Er ist da nicht so tüfflig wie ich.

Und ich sehe eine Angewiesenheit, die ich in Bezug auf meine Situationen immer für überzogen hielt, weil ich sie in Teilen als traumareaktiv verstärkt eingeordnet – also abgewertet – habe.
Klar, unsere Behandlung heute ist etwas anderes, als meine Traumatherapie früher. Andererseits war es zwischen 2002 und 2016 auch so, dass ich mit der DIS-Diagnose nicht ohne Weiteres in jede x-beliebige Klinik oder zu Behandler_innen jedweder Profession gehen konnte. Jedenfalls nicht ohne erhebliches Risiko der Falschbehandlung mit allen Konsequenzen.
Für mich ist es bis heute so, dass ich angewiesen sein mit kindlich sein gleichstelle. Und meine Kindlichkeit abwehren und unterdrücken muss, weil sie für mich Traumanähe bedeutet. Und zwar nicht geordnet mit nachvollziehbaren Tathergängen oder Szenen, die beschreibbar sind, sondern unkontrollierbar und fragmentiert mit Flashbacks, Zustandswechseln, Ängsten und allem, was Körper in diesem Zusammenhang machen.

Die reale, faktische Angewiesenheit von Patient_innen generell habe ich bisher nur abstrakt betastet. Als ich zum Beispiel recherchierte, ob ich die Klinik anzeigen oder verklagen könnte. Oder als ich recherchiert habe, wie meine so frühe DIS-Diagnose und die Behandlung in der KJP damals rechtlich abgedeckt war. Ob meine Eltern hätten klagen können.
Und natürlich jedes Mal, wenn ich versuchte, die Situationen zu analysieren.
Ich weiß, dass meine Texte darüber oft so gelesen werden, als hätte ich durch die klare Zuordnung der Macht auch eine klare Zuordnung von Opferschaft und in der Folge eine eindeutige Selbstpositionierung. Für mich ist das nicht so.
Ich arbeite nicht mit dem Schema „Macht = Täter_in = Böse/Schuldig = Schlecht = jedes Recht auf Annahme, Fürsorge … Menschlichkeit verloren“ und entsprechend auch nicht mit dem Schema „Ohnmacht = Opfer = Lieb/Unschuldig = Gut = ausschließlich Recht auf Annahme, Fürsorge … jedes Recht auf Menschlichkeit“
Für mich ist Gewalt keine dichotome Sache. Also etwas, bei dem es ausschließlich 2 Seiten, Aspekte, Urteile oder Bewertungen geben kann.

Das heißt nicht, dass ich mich nie als Opfer von irgendwas wahrgenommen hätte. Das heißt vor allem, dass ich mich nie ausschließlich als Opfer wahrgenommen habe. Obwohl ich es in manchen Situationen möglicherweise doch ziemlich eindeutig war.
Und mir heute bewusst zu machen, dass ich meine Selbstpositionierung in Bezug auf den Klinik-GAU zum Beispiel oder frühere Behandlungskontexte an der falschen Stelle vorgenommen habe – nämlich in diesen furchtbaren Gesprächen und nicht schon an dem Punkt, an dem ich aufgrund meiner Angewiesenheit überhaupt in diese Gespräche geraten bin –, das ist gerade sehr erhellend für mich.

Ich konnte und kann auch heute – genau wie mein Mann und andere Menschen – überhaupt nichts anderes machen, als in Kontakt zu gehen. Selbst wenn ich die Phrase „Wenn was ist, melden Sie sich“ nicht als Kontakt-/Beziehungsangebot eingeordnet hätte. Selbst wenn ich nie geglaubt hätte, dass sich, wenn ich dann komme, Wege und Möglichkeiten finden würden. In dieser Konstellation war auf die Behandler_innen zuzugehen und zu sagen, was ist, das Einzige, was ich aktiv einbringen konnte.
Und das ist keine gewaltvolle Handlung. Vielleicht ist es eine Reizung. Eine Herausforderung. Eine Überraschung. Eine Unbequemlichkeit. Etwas, das unerwartet (Arbeits‑)Kraft erfordert. Ja, vielleicht ist es auch eine Art „zu nahe treten“ gewesen. Oder eine Überforderung. Aber zu keinem Zeitpunkt war es etwas, das meine Angewiesenheit „genullt“ hat. Nur weil ich etwas sagen konnte, war ich nicht ermächtigt.
Kein stummes oder passives Opfer gewesen zu sein, bedeutet nicht, Tatverantwortung übernehmen zu müssen.

Dass die Ärztin (und ihre Chefin sowie alle ihre Kolleg_innen) hingenommen haben, dass mir der GAU überhaupt passierte und ich mich im Nachgang als tatverantwortlich empfunden habe, ist schon eine sehr spezielle Verweigerung der Anerkennung des Machtverhältnisses. Und eine Abwehr jeglicher Mitverantwortung für meinen Zustand zu dem Zeitpunkt.
Wäre meine ambulante Therapeutin nicht eingesprungen, hätte ich mich noch am gleichen Tag suizidiert und die ganze Sache wäre zu einer Schuldfrage geworden. Was ja noch weiter vom eigentlichen Problem weggeführt hätte.

Am Ende muss man anerkennen, dass eine Behandler_in-Patient_in-Beziehung eine Beziehung ist, die bestimmte Beziehungsfähig- und ‑fertigkeiten erfordert.
Komplextrauma passiert in Beziehung und beeinflusst diese Fähig- und -fertigkeiten.
Mein Autismus beeinflusst massiv, wie ich in Beziehung trete und wie ich sie gestalte.
Meine Angewiesenheit und die Ermächtigung meiner Behandler_innen führen zu einer Beziehung, die effektiv nur von einer Seite gestaltet werden kann. Und das ist nicht meine Seite.

Für mich ist es krass, so über den Klinik-GAU bzw. die Ärztin und ihre Team-Eminenz zu denken. „Sie_r war (in dem Moment) einfach nicht fähig, verantwortlich mit der Situation bzw. dem, was sie von mir gehört/verstanden hat, umzugehen. Sie hat inkompetent gehandelt.“
Dabei hatte ich exakt den gleichen Gedanken in Bezug auf Professor Doktor im Zusammenhang mit meinem Mann. Und hatte 0,0 Skrupel oder Zweifel oder Angst dabei, sondern eher Ärger. Enttäuschung. Denn aufgrund ihrer Kompetenzen hatten wir sie ja als Behandler_in ausgesucht.

Jetzt lassen wir es weiter wirken.
Überlegen, ob wir wirklich da bleiben.
Ich muss mich mit einem Inneren befassen, das sagt: „Nee Fräulein, du bleibst da jetzt – du hast dir das selbst eingebrockt, du frisst das jetzt.“ und einem anderen, das sagt: „Ja ja traumabedingte Vermeidung – du willst dich ja gar nicht stellen. So kommst du nie vorwärts.“
Und ich muss mich damit befassen, dass uns das auch in einer anderen Praxis passieren kann. Dass wir letztlich gar nichts machen können, um das zu verhindern – außer wir meiden Kontakt. Machen uns stumm. Sind passiv, wenn uns etwas belastet oder verletzt, was in der Behandlung passiert. Dann wird uns solch ein Gespräch nicht passieren. Aber schützen vor Schmerz, Belastung oder Not kann es uns auch nicht.
Wenn das passiert, sind wir immer Opfer. Es sind immer die Be.Handelnden und ihre (Beziehungs)Kompetenzen, die darüber bestimmen.

Das Vertrauen, das wir aufbringen müssen, ist enorm.

nicht sicher ist sicher

Das feuchte Knirschen unter meinen Schritten hallt in der leeren Straße. Die Kälte greift in mein Gesicht. Ich flirre. Die Krankschreibung in meiner Tasche ist glatt und zart. Der Tag erst kurz von der Sonne beschienen.

Es ist also wieder da. Die Somatisierungsstörung. Die Schlafstörung. Die PTBS.
Ich bin so richtig, so eindeutig erheblich, krank.
Ich fühle mich besiegt. Geschlagen im doppelten Sinne.
Nix mehr mit tapfer. Mit „Ist schwer, aber geht schon“.

Ich weiß, dass das mein Ding ist. Niemanden belasten. Drüber reden, aber schon immer drauf achten, dass die komplette Breitseite, der Umfang, die konkrete Bedeutung der Diagnosen und der Behinderung, durch optimistische Offenheit, ironischen Witz und alltagsübliche Bagatellisierung, verschleiert bleibt. Meine Traumasache vermeide ja nicht nur ich. Zum „So-tun-als-ob Trauma und Behinderung nichts weiter bedeuten müssen“, gehört mehr als die Vermeidung einer traumatisierten und behinderten Person.
Es macht etwas mit mir, zu merken, dass meine Hausärztin diese Breitseite nicht von mir benannt haben muss, um sie zu erfassen. Meine Verwundbarkeit als ihre Patientin wird mir bewusster und sofort greift die Triggermechanik. Sofort bin ich geistig wieder beim Klinik-GAU, emotional im seelischen Hochmoor. Und genauso schnell vakuumiere ich mich davon weg. Werde steif, strenge mich an. Konzentriere mich auf das, was sie sagt, bohre mir die Gegenwart in den Kopf wie ein Betonfundament. Als ich die Praxis verlasse, merke ich den Wechsel. Den Switch zurück in die compliant Patientin, die besser weder dem eigenen Gefühl über die eigene Lage glaubt, noch weiß, was denn jetzt wirklich angemessen, okay, sicher, richtig ist. Das ist Klinik-GAU-Modus. Psychiatrie-Hannah. Klapsleichen verdrängen und mitmachen so gut es irgendwie geht-Rosenblattsalat.

Ich habe mich lange nicht mehr so rosenblättrig gefühlt. Und dieses Wiederaufbrechen meines Selbstgefühls ist es, was mir gerade den Rest gibt. Meine Arbeitsfähigkeit ist kaputt. Meine Lebensziele wahrscheinlich nicht mehr erreichbar. Und jetzt ist auch das, dieser psychische Kongruenzerfolg, überhaupt nicht festgeschrieben.

Jede Krise ist eine Herausforderung an die persönliche Resilienz.
Und Resilienz ist überhaupt nicht einfach „trotzdem weitermachen“ zu können, wie man sich das heute in Kurzvideos und KI-generierten Webseitenzusammenfassungen erzählen lassen kann. Resilienz zeigt sich in der Fähigkeit, sich anpassen zu können. Resilient ist, wer anders weitermachen kann, ohne auf etwas von sich verzichten zu müssen.
Was auch immer an mir resilient ist – meine Psyche ist es also definitiv nicht. Nichts von mir habe ich je so freigiebig aufgegeben, verdrängt, vermieden, verleugnet, kategorisch abgetrennt wie mich selbst.
Ich habe immer weitergemacht, weil ich nicht weiß, was ist, wenn ich nicht weitermache. Wie mein Tag dann aussieht. Wie sich das anfühlt, in echt nicht irgendwas weiterzumachen. Ich stelle mir das wie ein reflexloses Leben vor. Also ein schon allein biologisch unmögliches Leben.

Krisen sind transformierend. In solchen Phasen gibt es keine Möglichkeit zu wissen, wie was wird. Ich kann mir jetzt keinen Plan machen. Nur Ziele setzen, deren Erreichen überhaupt nicht sicher ist.
Ich glaube, darin zeigt sich letztlich Resilienz – darin, dass man sich in einer Krise Ziele setzt, auf die hin man weitermacht. Obwohl man sie vielleicht nie erreicht oder sie erreicht, aber nie sicher sein kann, dass sie bleiben. Damit okay zu sein, diesen Umstand hinnehmen und aushalten zu können – vor sich selbst vertreten und durchsetzen zu können mit allem, was man in sich hat – das ist eine ganz individuelle Kraftanstrengung. Dafür bemüht man etwas in sich, das vielleicht lediglich ein biologischer Trieb ist, aber vielleicht doch auch das, woraus Seele besteht.

Ich fühle diese Kraft im Moment nicht.
Ich bin müde. An manchen Stellen sehr hoffnungslos. Die meisten Dinge, für die ich mich gerade anstrenge, machen mir zuweilen extreme Angst. Obwohl ich gleichzeitig oft den Eindruck von Sinn- oder Bedeutungslosigkeit habe.

Es gibt aber auch Gutes.
Das ist nicht meine erste Krise. Bisher bin ich früher oder später einfach wieder in die Kraft gekommen, mir Ziele zu setzen und damit zurechtzukommen, dass ich mich selbst in Sicherheitsgefühle reinlügen muss, um mich dem Lauf der Dinge wieder neu, anders, zu übergeben.

Als ich wieder zu Hause bin und ein Tee meinen Bauch entspannt, hört das innere Flirren auf. Ich schaue auf die schmelzende Schneedecke auf dem Feld vor meinem Fenster und bin mir sicher, dass es nicht so bleibt wie jetzt.
Bisher ist nichts geblieben, wie es war.

Krise

„Wie habe ich früher Situationen wie diese gelöst?“
Für mich gibt es auf diese Frage eine Antwort.
Seit ich Krisen nicht einfach nur überlebe. Durchstehe. Mich halt einfach durchkämpfe. Seit ich „Konzentrier dich doch auf die schönen Dinge“ als Verführung in die Vermeidung erkannt habe. Das ist wichtig dazu zu sagen. Denn wer sich durch die Krise dissoziiert, kann hinterher oft kaum sagen, was da eigentlich genau war und was geholfen hat. Eine durchdissoziierte Krise bietet keinen Raum zur Aus- und Weiterentwicklung von Fähigkeiten der Selbstberuhigung bzw. Stabilisierung. Eher das Gegenteil. Dazu später mehr.

Jetzt gerade ist bei mir Krise.
Schon länger. Viele Ereignisse haben mich getroffen, manche sehr. Von keinem konnte ich mich wirklich erholen. Keins davon war selbstbestimmt oder in Form und Folgen beeinflussbar oder sicher vorherzusehen.
Mein Körper reagiert. Magenschleimhautentzündung, Blasenentzündung, Trigeminusschmerzen, Schlafprobleme, Albträume, Ängste und Depression – meine Gedanken finden sichereren Tritt auf traumawahren Wegen, als im uneindeutigen Dickicht des Hier und Jetzt. Ich esse und trinke auf Verdacht, meine Wahrnehmung dafür ist praktisch kaum noch vorhanden. Es hat keinen Sinn mehr, mich auf Signale von Überreizung zu scannen. Ich muss einfach drauf klarkommen, dass mir von jetzt auf gleich der innere Akku zur Kompensation ausgehen kann und mir aktiv in Erinnerung halten, wie ich mich in solchen Momenten verhalte. Wie ich mich schütze, wenn mir das außerhalb von zu Hause passiert. Was ich machen muss, wenn mir niemand Hilfe oder Unterstützung anbietet.

Seit März 2025 geht es mir öfter schlecht als gut. Da war der Konflikt, der entstand, weil es mir seit Sookies Tod öfter schlecht als gut ging.
Und immer war da etwas, das mich getragen hat. Das Schwimmen. Das Handballspielen. Bubi. Mein Mann. Freund*innen. Die Selbsthilfegruppe. Das Schreiben. Die Arbeit. Die Möglichkeit, mit meiner Therapeutin immer wieder neu zu sortieren und aufzuarbeiten. Die Natur. Das Fotografieren. Die Handarbeit. Die Ziele für mein Leben.

Jetzt bin ich einfach müde. Kann keinen Sport machen, solange ich Medikamente brauche. Kann die mentale Kraft, die es für meine Arbeit braucht, nicht mehr aufbringen, weil ich sie benötige, um den Kontakt zu meinem Mann und meinen Freund*innen zu navigieren. Um meine Routinen der Körper- und Haushaltspflege aufrechtzuerhalten. Mich selbst als Körper in Zeit und Raum einordnen zu können. Mich für die Arbeit in der Therapie zu befähigen. Zu bemerken, wann ich Dinge über die Welt und mich denke, die heute zu unwahrscheinlich sind, um sie als relevant für heutige Entscheidungen einzuordnen.

Früher hätte es mir geholfen, mich abzuschießen, wie ich in der Kinder- und Jugendpsychiatrie abgeschossen wurde. Zwei Tavor, drei Zop abends, Neuroleptika morgens. Tavor drübergestreuselt, wenn nötig. Das ging. Sookie trieb mich trotzdem noch raus und hielt mich im Rhythmus ihrer Bedürfnisse.
Heute habe ich die Erinnerungen an Fixiersituationen. An Gewalterfahrungen, für die ich betäubt worden bin. Ich kann die dumpfe Abgeschossenheit haben, aber irgendwann kommt das Erinnern eben auch dazu. Nicht immer. Nie immer. Aber sicher irgendwann.
Es ist keine echte Option mehr, um innerlich auf „Pause“ zu klicken. Mal kurz sicher daran gehindert zu sein, nicht ständig in unklare Zukünfte oder unvorhersehbare Entwicklungen hineinzuorakeln, um sich möglichst gut darauf einzustellen. Wenigstens nicht geschockt überrumpelt überrascht zu werden.
Es war auch nie wirklich eine Option, um sich zu beruhigen.
Es ist nur ein Abschuss. Ein eindeutiger Kontaktabbruch mit bestimmbarem Anfang.

Am Ende hat mir aber immer Kontakt geholfen.
Vor allem Kontakt, der stabil ist. Vorhersehbar. Klar. Eindeutig in Form und Intention. Geregelt. Strukturiert.
Nicht: liebevoll, fürsorglich, nah, helfend, „mich sehend“, „mich verstehend“.
Sondern: präsent, orientiert daran, was tatsächlich ist und was nicht (oder sehr unwahrscheinlich), (selbst)sicher, verbindlich in Bezug auf Absprachen und das kontinuierlich zu jedem Zeitpunkt.

Gerade jetzt brauche ich Kontakte zu Menschen, die sagen, was sie meinen. Die aussprechen, was sie denken, möchten, wünschen, befürchten, bezweifeln, überlegen, wollen.
Genau jetzt sind witzige Doppeldeutigkeiten, „nicht so gemeinte Sprüche“, Metaphern, die implizite Schlüsse erfordern, oder hilflose Phrasen („Das wird schon“) ein Problem. Sie erfordern zu viel mentale Leistung von mir, um sie als die Bindungsverstärker zu erkennen, die sie für manche Menschen sind. Ich kann nicht mehr so tun, als könnte ich „viben“. Einfach „spüren, dass ich gut aufgehoben bin“, einfach „wissen, dass ich nicht allein bin“. Ich kann es mir nicht mehr leisten, anderen Menschen nicht zu sagen, dass sie mich möglicherweise an Verabredungen erinnern müssen, um die ich selbst gebeten habe. Ich muss darum bitten, dass sie mich an meine eigenen Vorhaben erinnern. Ich kann nicht mehr so tun, als bräuchte ich keinen graphischen Ablaufplan für meine Tagesstruktur. Keine Timer für mentale Gleiswechsel. Als wäre Alltag nicht die harte Arbeit, die Alltag für mich ist.

Diese Angewiesenheit ist ein unfassbar starker Trigger für mich.
Dieses ständige Verschleiern und Verharmlosen meiner Kompensationsleistung gehört schon immer zu meinem Leben. Die Unaufrichtigkeit, die damit einhergeht, ist dermaßen groß, dass wirklich gar kein Mensch, mich selbst, eingeschlossen, auch nur im Ansatz ahnen kann, wie ich bin, leiste ich sie nicht.
Krisensituationen oder krisenhafte Phasen wie jetzt sind entsprechend immer multifaktoriell. Da gibt es die Notwendigkeit der mentalen und psychischen Regeneration, die am besten mit körperlicher Aktivierung und psychotherapeutisch begleiteter Verarbeitung erreichbar ist – beides erfordert jedoch Kompensationsleistung, für die eine erhebliche Menge mentaler Kraft notwendig ist. Man wird ja nicht in die Schwimmhalle gebeamt. Da ist es nicht still. Man muss den Schrankcoin bekommen. Man muss sich umziehen. Das Wasser ist nass. Man spürt es überall am Körper. Damit der Sport psychisch aktiv wirkt, braucht es eine gewisse Anstrengung über mindestens 20 Minuten. Das Wasser rinnt in Tropfen über die Haut, wenn man rausgeht. Da sind andere Menschen. Man muss sich wieder umziehen. Nach Hause fahren … Das Gleiche bei der Therapie. – Diese so wichtigen Ressourcen erfordern von mir Ressourcen und die Leistung, sie zielgerichtet und effizient einzusetzen. Kann ich diese Leistung nicht erbringen, brauche ich Menschen, die mir helfen. Und da sitzt ein Trauma, das mehr Kontinuität hat als jede Misshandlungserfahrung in meinem Leben.
Ich sage Menschen nie, wobei ich wirklich Hilfe brauche. Ich sage, dass ich welche brauche und versuche dann herauszufinden, was sie mir (ohne Gegenleistung) anbieten wollen. Und damit arbeite ich dann. Ich halte mich fern von ihnen als Person, kläre Abhängigkeiten und Konsequenzen und tue im Zweifel auch so, als ob selbst die Dinge, die überhaupt nicht helfen, total helfen würden. Diese „besser als nichts“-Strategie ist total dumm. Und besser als nichts. Und Kontakt.
Die typische Gleichzeitigkeit von Vermeidung und Konfrontation, Funktion und Freeze.

Und so merkwürdig und kontraintuitiv wie das auch klingen mag: Das ist ein Fortschritt.
Weil ich es so mache, dissoziiere ich nicht mehr komplett, sondern spezifisch in Krisenphasen. Ich bin nicht mehr innerlich komplett kaltgestellt, weiß nichts, fühle nichts, will nichts, brauche nichts außer Abschaltung und Fremdbestimmung. Ich weiß, was ich wann wieso und wo fühlen müsste und passe mein Verhalten entsprechend an. Ich weiß, was ich üblicherweise wollen würde, bräuchte und worum ich mich kümmern muss, um sicher und in Kontakt zu sein, und konzentriere mich darauf.
Ich habe gerade keine Ahnung über mein Innenleben. Wer was wie findet, fühlt, einordnet, dies das. Das heißt, dass ich kein psychisches Feedback darüber bekomme, was meine Verhaltensanpassung und meine Konzentration für mich selbst bedeutet oder in mir auslöst. Aber ich weiß, was ich tue. Wofür ich es tue. Wann und wie ich es tue. Ich kann mir ein Protokoll anlegen, mich selbst beobachten und über diese Beobachtungsdaten nachvollziehen, wann wieder psychisches Feedback kommt. Und in welcher Form.
Das bedeutet: Ich bin jetzt, an dem Punkt, an dem man mich vor gut 20 Jahren verortet hat, was meinen Grad der Beeinträchtigung durch meine dissoziative Störung betrifft. Was, soweit ich das aus Klinikberichten von anderen Menschen mit DIS entnehme, bis heute so als Standard vorausgesetzt wird.

Ich muss diese Krise nicht „einfach überleben“. Jetzt kann ich tatsächlich anwenden, was in Selbsthilfebüchern steht. Und aus meinen Erfahrungen lernen.

*

Es hilft mir gerade, das alles aufzuschreiben.
Ich fürchte im Moment oft, dass meine ganze Anstrengung für alles, was mir in den letzten 14 Jahren wichtig war, umsonst gewesen ist. Dass ich mir was vorgemacht habe. Dass ich nichts davon schaffe. Dass meine Entscheidung für das Leben lächerlich, anmaßend und letztlich nur Ausdruck dessen war, was an mir das Abstoßendste ist.
Ich denke gerade oft so, als hätte sich in den letzten Jahren an mir selbst und meinen Möglichkeiten überhaupt nichts verändert. Als hätte ich meine Therapeutin für nichts und wieder nichts angestrengt, Strukturen beansprucht, ohne ihnen etwas zurückzugeben, mich in diese Welt gebohrt, obwohl ich doch ganz sicher weiß, dass sie mich nicht haben will.

In Wahrheit ist die Welt, das Universum, der Lauf der Dinge voll von Dingen, die ungewollt sind. Sie gehören dazu. Genauso wie die Leute, die nicht aus allem, was ihnen gegeben wird, etwas machen, das direkt wieder zurückfließen kann. Meine Therapeutin hätte sich auch für andere Menschen so angestrengt wie für mich. Ich habe Fortschritte gemacht. Ich habe die gleichen Wünsche ans Leben wie die meisten anderen Menschen auch. Manchmal ist es Glück, manchmal ist es Zufall, nur selten ist es ein komplett eigener Verdienst, dass sie sich erfüllen.
Ich muss nicht einfach irgendwie durch und weiter und nochmal und weiter und nicht nachlassen.

Ich kann hier sitzen, mit Bubis ruhigem Schlafatmen im Rücken, in der unaufgeregten Ländlichkeit um unser Haus herum und wissen, dass ichs aufgeschrieben hab. Dass da jetzt Worte sind statt wirre Impulse, die sich dann und wann zu Gedanken formen. Kann mich kurz darauf konzentrieren, dass mich das beruhigt. Ich muss diese Arbeit nicht nochmal machen. Sie steht hier. Ich kann den Link teilen und damit etwas von mir selbst. Ich kann damit Kontakt herstellen.

Fundstücke #93

Der Großteil meiner Traumatherapie bestand und besteht bis heute darin, meine eigenen Grenzen empfinden, einordnen, anerkennen und bewahren zu lernen. Immer wieder und auf allen Achsen ist das relevant. Manchmal, weil ich mit bestimmten Grenzen nicht aufgewachsen bin. Manchmal, weil mir Grenzen nicht erklärt oder aufgezeigt wurden (und werden). Manchmal, weil mir bestimmte Hinweise (etwa von meinem Körper) nicht oder nur unter bestimmten Umständen eindeutig interpretierbar gesendet werden.
Die eigenen Grenzen zu er.kennen und wahren zu können, ist eine unglaublich schwierige und vielschichtige Arbeit, wenn man sie bewusst vornehmen muss. Und meistens ist es eine eher nicht so tolle Erfahrung, mit eigenen Grenzen konfrontiert zu werden. Jedenfalls nicht für mich.

Es gibt Traumawahrheiten, die mich bis heute einigermaßen leistungsstark durchs Leben bringen. Im Text über den „Ich bin erwachsen-Kniff“ habe ich eine davon bereits beschrieben.
Was mich nun beschäftigt, ist die Frage, was man dem entgegensetzt. Und wozu. Und zu welchem Preis.
In der Aufarbeitung meines letzten Burnouts wurde mir beispielsweise klar, dass ich mich in vielen Lebensbereichen in Leistung quäle, weil es sich für mich sicherer anfühlt, schmerzerfüllt und ich-los zu leisten. Und zwar, weil ich generell eher selten Erfahrungen mache, in denen Schmerzfreiheit und Ich-Gefühl gleichzeitig bestehen. Es macht mir Angst, keinen Schmerz oder dissoziative Selbstempfindung zu haben. Weil das sehr eindeutige Grenzerleben von „gleich/jetzt geht hier gar nichts mehr“ so viel vertrauter und eindeutiger ist.
Hinzu kommt, dass es in Bezug auf meine Leistungsfähigkeit kaum einen Unterschied zwischen Traumawahrheit und Er.Lebenserfahrung gibt. Wenn ich nicht mehr kann, kann ich wirklich nicht mehr und bin wirklich existenziell gefährdet.

Was überhaupt nicht hilft, dieses Thema zu verändern, ist anzunehmen, ich hätte eine Intuition, ein Wissen ohne Denken, das mich schützen könnte, würde ich nur darauf hören.
Ja, ich gehöre zu den intellektualisierenden Menschen. Das kann ein intuitives Wahrnehmen von Gefühlen und „rohen Impulsen“ erschweren oder auch verhindern. Und gerade in Bezug auf Komplextrauma ist Intellektualisierung häufig ein Mittel, funktionellen Freeze aufrechtzuerhalten, um zu überleben. In diesem Zusammenhang wird Intellektualisierung als reiner Abwehr-(zum Schutz)‑Mechanismus verstanden. Als Option, sich vor großen Unkontrollierbarkeiten zu schützen oder sich die Illusion von Kontrollierbarkeit über Unkontrollierbares zu bereiten. In Bezug auf das Er.Leben chronisch traumatisierender Lebensumstände, halte ich diese Annahme für richtig.

In Bezug auf alltägliches Erleben hingegen nicht.
In meinem Alltag hat meine Intellektualisierung eher die Funktion, mir zwischenmenschlichen Kontakt und allgemeine Orientierung zu ermöglichen. Da sind meine Gefühle nicht unterdrückt oder abgewehrt, sondern primär reine, rohe, ungefilterte Körperempfindungen und -funktionen, die ich erst durch die intellektuelle Erfassung und Einordnung als solche identifizieren kann.

Ich weiß nicht, wie viel da dran ist, aber meine Annahme aktuell ist, dass dieses Moment etwas ist, bei dem andere Menschen auch einfach wieder schneller sind als ich und deshalb gar nicht bewusst merken, dass auch sie Gefühle nicht einfach mal eben so „einfach spüren“ und „einfach so wissen“. Ich stelle mir das so vor wie einen Arbeitsprozess, der durch Üben immer schneller wird und immer weniger gezieltes Nachdenken über einzelne Schritte erfordert und irgendwann mehr Körpererinnerung als bewusst angesteuertes Geschehen ist.
Und da gibt es einen Anknüpfungspunkt.
Viele autistische Menschen haben Schwierigkeiten damit, Abläufe zu lernen und erlernte Abläufe sicher im Gedächtnis zu behalten. In der wissenschaftlichen Literatur wird das mit „Defiziten im prozeduralen Gedächtnis“ beschrieben und teilweise erwähnt, um zu erklären, warum autistische Menschen den Erwartungen nicht-autistischer Menschen manchmal gar nicht entsprechen [1]. Etwa, wenn sie akademisch/schulisch schlecht performen, aber in ihrem Spezialgebiet jedes noch so kleine Detail beschreiben können. Oder, wenn sie sich nicht die Schuhe binden, aber jeden Dialog eines Films aufsagen können. Das Ding dabei ist, dass diese Aufgaben jeweils wenig bis nichts miteinander zu tun haben. Um sich die Schuhe binden zu können, müssen Auge und Hand koordiniert werden, während gleichzeitig der Handlungsablauf Schritt für Schritt abgerufen, abgeglichen und ausgeführt werden muss. Und das ja in der Regel eingebettet in einen größeren Handlungsablauf (etwa das Haus verlassen). Um einen Dialog (oder reine Informationen) zu speichern, reicht es, einen Kanal zu öffnen (etwa nur das Hören oder nur das Sehen) und den Input innerlich/geistig abzubilden. Der Aufwand dafür, die Kraft, die dieser Vorgang erfordert, ist ein ganz anderer, weil der Prozess (und auch das prozessierende Hirnareal) ein anderes ist.

Ich lerne am besten, wenn ich erlebe. Wenn ich mich physisch konkret mit dem Lerninhalt befassen kann oder beim Lernen physisch aktiv(iert) sein kann. Große Gefühle aktivieren. Schmerz aktiviert. Stimming aktiviert.
Ich habe für manche Alltagshandlungen redundante Lieder bzw. Reime im Kopf. Zum Anziehen zum Beispiel „Kopf, Schulter, Knie und Fuß“ oder den Reim mit dem Häschen beim Schuhe binden (obwohl ich gar nicht nach der „Hasenmethode“ binde). Unterdrücke ich dieses „geistige Singen“ (etwa, weil ich von mir erwarte, mich gefälligst nicht mehr wie ein Kleinkind zu verhalten), wird die Handlung zum Krampf. Mir fallen die Bestandteile ein, aber nicht mehr die Reihenfolge, und es dauert ewig. Bin ich dann auch noch in einer Situation, die nicht typisch für diese Handlung ist, besteht durchaus die Möglichkeit, dass ich es gar nicht hinkriege. Obwohl ich es schon unzählige Male geschafft habe.

Die geistige Energie, die ich für diese physischen Abläufe aufbringe, ist genauso groß wie bei psychischen Prozessen. Da passiert wenig „einfach so“ oder ohne eine Art „Überbrückung durch anderweitige Aktivierung“. Die Dissoziation ist eines dieser wenigen „einfach so“-Dinge. Wahrscheinlich, weil sie kein aktiver (bewusster) psychischer Prozess, sondern ein biologischer Reflex ist. Wenn etwas zu gefährlich, zu flutend, zu reizend ist, dann musste ich noch nie aktiv darüber Bescheid wissen.
Und machen wir uns doch ehrlich: Im Grunde wäre es doch auch scheiß egal, ob ich weit vorher schon weiß, dass irgendetwas zu viel für mich ist – meine Mitwelt teilt meine Wahrnehmung gar nicht. Ist überhaupt gar nicht darauf ausgelegt, dass irgendwas generell langsamer, weniger intensiv oder sonstwas ist. Entweder ich mache mit oder nicht. Entweder ich mache den Job oder nicht. Entweder ich leiste wie gewünscht, erwartet, erhofft oder nicht. Entweder ich funktioniere/leiste passend oder nicht.
Und jedes „Nicht“ in dieser Aufzählung führt zu Isolation. Zu einem „nicht dabei“, „nicht dazu“, „nicht mit“, „nicht auch“. Und in der logischen Konsequenz dann eben auch zur Notwendigkeit, mich immer bis auf die letzte Rille zu verausgaben, um meine Bindungs- (und also Sicherheits‑)bedürfnisse zu erfüllen.
Natürlich gibt es Verhandlungsspielraum, natürlich ist das alles nicht „schwarz oder weiß“ – aber irgendwann eben doch. Immer. In Bezug auf alles und alle.

Klar ist das total traurig. Und beschämend für unsere Gesellschaft, die so ja gar nicht sein will. Und dann irgendwann eben doch ist. Aber wiederkehrende Burnouts zu verhindern und meine Grenzen doch besser wahren zu lernen, ist im Hinblick darauf doch einfach hohl.
Oder?
Ich könnte effizientere Fürsorgeentscheidungen treffen, wenn ich mehr darüber wüsste, was ich innerhalb meiner Grenzen leisten kann – und wem das wann wie in welchem Zeitraum auch genug ist. Wer mir entgegenkommt, wenn ich nicht weiter kann. Wer mich bei „banalem Kleinscheiß“ unterstützt, auch wenn ich in „hyperkomplexem Metakram“ überlegen bin.
Und wenn es bei Grenzberührung nicht tatsächlich immer auch implizit um Leben und Tod ginge. Oder diese meine Beobachtung/Einordnung nicht mit einer Traumareaktion gleichgesetzt werden würde, die ich nur wegen meiner intellektuellen Fähigkeiten so benennen kann. Man muss nicht gut intellektualisieren können, um zu merken, dass man ein echtes, so richtig großes, Problem hat, wenn man keine Ver.Bindung zu anderen Menschen hinkriegt oder sich nie sicher sein kann, wie lange bestehende Ver.Bindungen halten. Wegen Grenzen.

[1] https://www.researchgate.net/publication/353658929_Autismus_Ein_Uberblick_uber_Lernvoraussetzungen_und_Fordermassnahmen

harte Scheiße

„Und? Können Sie sich an alles erinnern? Hoffentlich nicht.“ Sie, meine Ärztin, die einzige, die mich öfter als ein Mal untersucht hat, lacht. Nervös? Angespannt? Unsicher? Sie lacht mich nicht aus, das weiß ich. Aber mitlachen, sich mit ihr dafür entscheiden, Schwere zu nehmen und nicht weiter darüber nachzudenken, dazu bin ich noch gar nicht fähig. Und jetzt, zwei Tage später, auch nicht bereit.

In meinem Körper sitzen Schmerz und Betäubung dicht zusammen, mir ist schwindelig und stundenlang schlecht. Ich bin verwirrt, dass diesmal alles anders ist als beim letzten Mal und niemand versichert mich darüber. Heute frage ich mich, ob ich diesen Bedarf überhaupt formuliert habe. Bin daneben aber auch sehr sicher, dass es ohnehin weder Zeit noch Raum gegeben hätte, ihm zu entsprechen.
Niemand sagt mir die Namen der Medis, mir fehlen damit Abgleichdaten aus meinen Behandlungserfahrungen. Nur zufällig verhindere ich, dass mir etwas gegeben wird, worauf ich allergisch bin.
Ich bin mir sicher, dass es auch damit zu tun hat, dass die Person nicht so gut Deutsch sprechen und verstehen kann, wie ich es für dieses Unterfangen brauche. Doch auch diesmal sprechen wir, mein Mann und ich, das nirgendwo an. Wir nehmen an, dass sie ihr Bestes gibt, zu lernen und zu üben. Sind grundsätzlich auch einverstanden damit, uns nicht ganz auf sie zu verlassen und auch selbst Verantwortung zu übernehmen. Das für mich wichtige Sicherheitsgefühl entsteht so nicht.
Und ganz eigentlich sollten wir nicht damit einverstanden sein müssen. Die Verantwortung ist eigentlich gar nicht bei uns. Wir sind schließlich hier, gerade weil wir nicht darin ausgebildet sind, diese Verantwortung zu übernehmen.

Ich bin dazu noch in einer Situation mit Menschen, die mir vermitteln: „Körper sind halt keine Maschinen, da ist nicht immer alles gleich. Alles kann unterschiedlich sein. Man kann das nicht vergleichen.“ Ich verstehe deutlich, dass mir damit eine Selbsterfahrung abgesprochen wird, die offenbar nur auf meinem Planeten existiert. Und schweige.

Der ganze Eingriff ist ein Desaster.
Ich habe Schmerzen, die ich so massiv nicht haben sollte. Bis in Bereiche, die von der Quelle weit entfernt sind.
Die Ärztin, die mir später wünscht, dass ich mich an nichts davon erinnere, wollte ich dabei haben. Ich hatte darum gebeten, weil ich diesmal nicht dissoziiert sein wollte. Ich wollte bei mir bleiben und für mich da sein. Sie war da und hielt meine Hand als Anker. Bis sie losließ, aufstand und sich an der Schmerzzufügung beteiligte.
Weil es nötig war.
Denn unterbrechen kann man das alles nicht. Nicht, um mir zu sagen, was los ist. Nicht, um mir zu erklären, wofür genau das nötig ist. Nicht, um mich auf alles andere neben dem Schmerz vorzubereiten. Nicht, um mich durchatmen zu lassen. Nicht, um meinen Konsens abzufragen.

Die Abläufe brechen erst, als ich nicht mehr sprechen, meinen Körper nicht mehr als meinen empfinden und zielgerichtet ansteuern kann. Und dann greift die Angst. Das Gesamtbild, das die Beteiligten von mir haben, fragmentiert noch weiter. Aus einem Körperbereich in Ultraschall und OP-Lampe wird eine menschliche Blackbox, in der nichts mit nichts zu tun hat. Die Gewalterfahrung, von der ich berichtet habe – eine Randnotiz. Die dissoziative Störung, die ich erwähnt hatte – keine Information, die mit dem Geschehen hier verknüpft wird. An mir wird gerüttelt und geklopft, jemand drückt mir Laute ins Gehör, die ich nicht als Worte identifizieren kann. Ich verstehe, dass sie Kontakt mit mir wollen – und kann nicht zusammenbringen, wieso. Sie stehen doch schon mitten in mir drin. Sie sind mir doch schon so viel zu nah, dass ich sie gar nicht mehr als individuelle Wesen, sondern als grenzenlos vermischte Schmerz.Reizquellen wahrnehmen kann. Selbst als ich meinen gehobenen Daumen, meinen sensorischen Raumteiler zwischen mir und anderen Menschen, sehe, entsteht bei mir kein Gefühl von Raum und Zeit, Grenzen und Bezug. Es wird kalt und rauh in meinem Gesicht, ich werde weiter mit lauten Geräuschen überschüttet. Und während ich weder außerhalb noch innerhalb von mir schwebe, steigt ein Kinderinnen aus meinem Bauch und lächelt und nickt und sagt Ja zu allem, bis sie aufhören.
Es ist mein Mann, der ihm hilft, indem er uns abschirmt. Wie ein Wellenbrecher den hilflosen Anweisungen Druck und Anspruch nimmt. Ammoniak und Leute von mir fernhält. Mir durch konstanten Druck auf Hand und Oberkörper den Anker gibt, den ich brauche, um mich selbst im eigenen Tempo ordnen zu können. Soweit ich das in dem halbsedierten Zustand schaffe. Es wird noch bis zum Abend dauern, bis ich mir sicher darüber bin, dass mein Körper wirklich und auf allen Achsen mein Körper ist.

Bis wir die Station für einen Kreislauf-Spaziergang verlassen, werde ich noch dreimal gefragt: „Geht es Ihnen gut?“ und jedes Mal schlucke ich meine Verwirrung über die Unbestimmtheit der Frage und Verzweiflung über die Not des Antwortdrucks runter. Jedes Mal verliere ich meine Selbstkontrolle an eine unterwürfige Kraft, die mich gnadenlos an den Rand meines Selbst.Bewusstseins drückt.
Als wir dann zum Abschlussgespräch der Ärztin gegenüber sitzen, habe ich nichts mehr zu teilen. Ich glaube nicht mehr, dass jemand meine Fragen, meine Verwirrungen und meine Verängstigung schon mal gar nicht, überhaupt begreift. Bin mir sicher, von einer Illusion über Aufgehobenheit, Sicherheit und Miteinander aufgeweckt worden zu sein. Ich glaube nicht mehr daran, dass Kontakt- und Sprechangebote wirklich für mich da sind. Vielmehr wirken sie jetzt wie eine Falle.

Zu Hause merke ich, dass meine körpernahe Kleidung nass ist. Gesicht, Hände und Füße sind kalt. Ich kann meine Augen nicht fokussieren. Der Rest Frühstück in meinem Rucksack schmeckt immer noch nach Körperflüssigkeiten statt Brot und Apfel. Die schwere Decke löst Angst aus. Ich gehe ins Bett und halte die Luft zwischen den Atemzügen an, bis ich einschlafe.
Später kann ich mit einer neuen Begleiterin sprechen.
Als wir auflegen, ist mir warm.

Am nächsten Tag wischt sich mein Mann Tränen aus den Augen, als er sagt, dass zu sehen, wie tief dieser Traumascheiß sich reingefressen hat, einfach harte Scheiße ist.

Nicht-Entscheidungen

Am Ende bleibt die Frage, ob ich das darf.
„Darf ich meine dissoziativen Fähigkeiten nutzen? Darf ich Innere, die an Situationen wie diese gewöhnt sind, nicht orientieren, obwohl ich das könnte? Darf ich zurück in das so vertraute Sprechen, Denken und Fühlen von ‚Ich bin nicht die anderen Inneren‘? Darf ich solche Situationen so hinkriegen, wie ich sie hinkriegen kann, obwohl das für andere möglicherweise unangenehm ist und negative Eigenschaften von mir impliziert?“

Als ich von der Klinik nach Hause gehe, ist mein Tag gelaufen und vorbestimmt. Alles musste schnell gehen. Ich hatte keine Vorbereitungszeit, keine Alltagsplanung, keine Assistenz oder Begleitung für 4 Stunden Zug- und anderthalb Stunden Autofahren, Klinikbetrieb, Untersuchung, Gespräch, Termine machen, Medikamentenplan, Auslandsbestellung, Arbeitskommunikation, gesunde Ernährung, körperliche Auslastung und sich nicht stressen. Ich musste da durch. Nichts ums Verrecken, klar, aber … am Ende einer Kette, die ich aus Furcht, dass sie niemand versteht, nicht aussprechen will – schon.

Also bin ich ins Auto und weiß jetzt nicht über die gesamte Strecke, ob da alles richtig lief. Saß im Zug, ohne da zu sein. Joggte übers Gelände, um rechtzeitig da zu sein, nur, um ohne ganzes Ich anzukommen. Machte keine Sozialperformance, keine Bezugsgesten, griff einigermaßen wahllos nach Krankenhausfloskeln, um sie in die entsprechende Leere zu sprenkeln. Ich stimmte einer Untersuchung zu, die ich nicht wollte und brachte keinerlei Widerstand gegen den Wechsel auf. Nur in den Transitionsphasen, der flirrenden Auflösung zwischen zwei Aufgaben, versuchte ich, meinen starren, zeitweise sprachlosen Zustand zu entspannen. Mit gemischtem Erfolg. Einerseits kann ich mich daran erinnern und davon erzählen, andererseits kann ich nicht einordnen, was das für eine Erfahrung war. Wie sie sich angefühlt hat. Kann nicht gut sagen, ob und wenn ja, wie sich der Bezug zu den Menschen, mit denen ich im Kontakt war, verändert hat.

Das, dieser schwebende diffuse Zustand, ist mir sehr vertraut. Es ist, als könnte ich mich willkürlich entscheiden, ob dieses Geschehen wahr oder unwahr, real oder irreal, echt oder falsch, wichtig oder unwichtig, relevant oder irrelevant, gut oder schlecht war. Mit ein bisschen, ein ganz klein wenig Anstrengung sogar, ob tatsächlich ich es erlebt habe oder nicht.
Es ist eine Bewertungsentscheidung, aber auch eine Bezugsentscheidung. Will ich annehmen und mit mir in Bezug setzen, was passiert ist, oder nicht? Kann ich annehmen und in mein Bild von mir und der Welt integrieren, was ich erlebt habe, oder nicht?
Eine DIS entwickelt sich entlang von solchen Fragen und Zuständen. Unbewusst, blitzschnell, routiniert. Immer mit dem Ziel des Schutzes und der Bewahrung dessen, worum man sich sicher wähnt.
Dass es sich in diesem Moment weder unbewusst blitzschnell noch routiniert abwickelt, ist ein Therapieerfolg und Zufall. Diese Situation war krass, aber nicht extrem. Meine Reaktion war dissoziativ, aber nicht durchgehend. Ich konnte mich regulieren, konnte mich beobachten und mein Verhalten abgleichen, obwohl ich nicht ausgeglichen war und entsprechend auch nicht alle Informationen aus meiner Selbst- und Umweltbeobachtung ankamen.
Und zufällig war es eine neue Erfahrung. Eine neue Selbsterfahrung. Ich kenne mich hart und durchfunktionierend, aber nicht, um etwas für mich (allein) zu erreichen, das über die Rettung meines Lebens hinausgeht. Ich will Klimmbimm aus der Abteilung für Lebensgestaltung – das ist ziemlich weit aus dem Rahmen heraus, den ich für mein Handeln üblicherweise stecke. Für mich bedeutet das eine Lernherausforderung. Da sind neue Informationen, die mit bestehenden Informationen zusammengebracht werden müssen. Eigenschaften, die ich bisher noch nicht an mir wahrgenommen habe. Oder nicht wahrnehmen wollte oder konnte oder durfte. Eigenschaften, die ich selbst bewerten oder in ihrer Beschaffenheit erkunden kann.

So entstanden die Fragen am Anfang des Textes.
Ich erkunde und merke: Es ist schwierig.
Ich finde das Bild von Inneren, die andere Innere vorschieben, weil ihnen etwas zu viel ist, ungünstig, um zu illustrieren, wie Dissoziation in Momenten von Überforderung wirkt. Gleichzeitig habe ich aber doch genau das gemacht oder zugelassen?

Ich finde das Bild deshalb ungünstig, weil sich darin Aktiva und Passiva verbergen.
Innens, die schaffen, was ich nicht schaffe will, sind keine passiv vorgeschobenen Sacksäcke ohne Willen, Stimme oder Kompetenz. Ich, die_r von Dingen überfordert ist, entscheide in so einem Moment nicht, dass oder welches Innen lieber da sein soll, sondern verharre viel eher in einer Haltung, die ich ohnehin schon habe. Ich treffe in so einem Moment eine Nicht-Entscheidung.

Genauer: eine in traumatischen Erfahrungen eingeübte Nicht-Ich-Entscheidung und halte so sehr an meiner Vermeidungshaltung fest, dass es zu einem Wechsel meines Selbstzustandes kommt. „Ich will nicht, ich will nicht, ich will nicht – hm, und eigentlich … hab ich ja auch nicht, war ja auch nicht ich, ist alles gar nicht war nichts, war nie …“ – so kann man sich das vorstellen. Und Uneindeutigkeit hilft dabei. Wenn von vornherein nicht so klar ist, wie was war, dann kann ich mit einer solchen Nicht-Entscheidung etwas Unmögliches schaffen: sowohl beteiligt sein, als auch nicht beteiligt sein. Da sein, mitmachen, zustimmen – und gleichzeitig nicht mal wirklich existieren, mich bezuglos, körperlos, selbstlos, ichlos erleben. Zumindest in meiner Vorstellung, meinem inneren Bild von mir, in dem von mir präferierten Selbstzustand. Mein Bild von mir als eine_r von vielen, als eine_r, die_r Körper, Geist und Seele mit anderen tauschen kann, weil der Bezug dazu fluide, fragil, fragmentiert und praktisch jederzeit aufhebbar ist. Ohne Nachdenken. Ohne Anstrengung. Reflexhaft. Zuverlässiger als jede andere Selbsterfahrung.
Das ist so leicht, dass ich mich nicht wirklich dafür entscheiden muss. Ich muss das nicht wollen. Ich muss nur genug nicht wollen. Nur genug Angst haben, Ich zu sein. Nur genug verwirrt, entsetzt, überrascht, überfordert, angeekelt oder sensorisch geflutet sein.
Und nichts dagegen tun. Nicht in Kontakt gehen. Bezug ignorieren. Zeit als relative Konstante ignorieren. Traumalogischen Annahmen folgen. Skills nicht anwenden. Re-Orientierungsmaßnahmen nicht einleiten.
Nichts davon reflektieren, herausfordern, infrage stellen. Nichts systematisch erfassen, erkennen und verändern. Kurz: sehr aktiv, sehr passiv sein – als hätte ich keine andere Wahl. Als würde ich nicht aus traumareaktiver Vermeidungsgewohnheit reagieren, sondern in einer echten Bedrohungssituation sein.

Vielleicht war das Hinnehmen eines Wechselerlebens ein Rückfall. Vielleicht ein Versuch der Selbstregulation. Vielleicht konnte ich in diesem Moment einfach mal nicht die stets gegen die Krankheit anarbeitende Person sein. Vielleicht hats mir nicht ins Selbstbild gepasst, mich so ergeben hingegossen zu erleben, während ich doch so eine selbstbestimmte, erwachsen eigenverantwortliche Sache tue und will und ermöglicht bekomme. Vielleicht war mir der leichteste Weg einfach nur recht, weil an dem Tag insgesamt so wenig leicht war. Vielleicht konnte ich den Bezug auch einfach nicht halten. Vielleicht wollte ich kurz einfach nicht glauben, dass ich selbstbestimmt, erwachsen und eigenverantwortlich bin, weil es in dem Moment einfach scheiß schwer war und mich überfordert hat.
Letztlich ist es unbestimmbar für mich. Die Situation ist vorbei, sie wird sich wahrscheinlich nicht eins zu eins wiederholen. Ich habe alle Möglichkeiten, ähnliche Erfahrungen anders zu gestalten. Andere Entscheidungen zu treffen.

Aber die Unsicherheit bleibt.
Das Gefühl, etwas falsch zu machen, wenn ich Dissoziation nicht verhindere.
Die Idee, Innere zu quälen oder in Desorientierung zu halten, nur weil es für mich gerade praktischer, leichter, effizienter ist.
Das Wiederaufgreifen der Vermeidungsgewohnheit, die mit dem inneren Konzept von mir neben anderen Ichs einhergeht. Darf ich das nutzen, wenn ich mit allem anderen (erstmal) nicht weiterkomme?
Und wer soll es mir erlauben? Wer verbieten?
Wie kommt es, dass ich denke, es wäre falsch?