„Conni steht mit ihrer Therapeutin in der Demo“, schießt es mir in den Kopf.
Und ich gehe.
Wende dem Jahnplatz, wo ich schon so oft gegen Rechts, gegen Rassismus, gegen Gewalt an Frauen, für Frieden, Freiheit, Klimaschutz und gutes Miteinander gestanden habe, den Rücken zu und lasse mich von Sookies Asche anziehen. Für mich ist erstmal Schluss mit Zeichen setzen. Ich bin müde. Unendlich traurig und bitter. Wünsche mir einen weichen, warmen Körper, der sich an mich lehnt und mir meinen Körper als Weltenteil fühlbar macht. Wünsche mir Sookie und dass das kleine Bisschen Glauben an das Gute und Richtige jedes Moments heil bleibt.
Dann gehts wieder. Gefühlswelle abgeflaut. Licht im Inneren wieder an.
Später feiern wir unsere schöne Freundin S. mit all ihren Freund_innen.
Reden lang und tief über die Kinder- und Jugendhilfe, Reden und Schweigen in Therapien, über unerfüllten Kinderwunsch und dessen Behandlung, über tote Embryonen und lebende Kinder vernachlässigender, kranker, hilfebedürftiger Eltern. „Conni hat keinen Lebensbereich, in dem nie mal keine Hilfe nötig war“, zischt es leise und scharf in mir, als ich tief in der Nacht zum Himmel raufschaue. Mein Puls drückt unangenehm schnell von meinem Bauch in den Hals. Das Atmen ist schwierig. Über die Übung, aus der Angst zu gehen, schlafe ich ein.
S. fragt mich morgens zwischen Abendentfernung und Frühstücksvorbereitung, wie es mir denn geht. „Ich habe alles. Nicht wie geplant oder gewollt, aber alles, was geht, ist da. Es ist gut. Es ist wirklich gut.“, antworte ich ohne zu zögern. „Das ist schön“, antwortet sie. „Conni wird für immer als Bedarfsfall erinnert“, streift mich kurz und fies. Wir lächeln einander an, räumen weiter und werden in andere Themen verwickelt.
Die Heimfahrt ist warm. Es wird geerntet. Noch zwei Wochen, dann fährt der Partytrecker wieder bei uns lang, weil der Ernteerfolg mit Alkohol konserviert werden muss. Man weiß ja nie, wie der Winter wird.
Zu Hause ist meine Menschenbatterie leer.
Mein Kopf prozessiert weiter, was die Bundesregierung da gemacht hat. Die „Reformen“. Und die Hitze. Die Arbeit. Die Themen. Das inzwischen tatsächlich körperlich schmerzende Vermissen von Sookie.
Dann entdecke ich eine Made im Flur. Gehe schlafen. Finde am nächsten Morgen noch mehr.
„Conni kriegt ihre Essstörung nie weg“ spüre ich jemanden aus meinem Hinterkopf gegen meinen Magen boxen. Verbringe den Morgen mit Ekel, Flashbacks und Skills, um eine Krankmeldung zu schaffen und die Wohnung auf links zu drehen.
Am Ende finde ich das verlassene Fressnest eines Kinderinnens. Räume, wische, desinfiziere, mache eine Notiz für die nächste Therapiestunde. Fahre mit Herzrasen und Druck auf der Brust in die Praxis meiner Hausärztin. Hole die AU ab, verabschiede mich ohne Redetermin. Am Donnerstag zu reden, ist mir früh genug.
„Conni braucht professionelle Hilfe zum Leben“, ätzt es mich an und sticht in meinem Magen herum.
„Nicht nur Conni“, antworte ich, „Nie nur Conni.“
„Langsam, klar, immer wieder gleich“, denke ich und schaue APunkt an. Ich beobachte, wie sie mich, den Raum und jede Bewegung durch die Fransen ihrer Gesichtsbehaarung beobachtet. Bleibt ihre Aufmerksamkeit länger bei mir, reiche ich ihr ein Stück Fleischsnack.
„Langsam, klar, immer wieder gleich.“
In meinem Kopf habe ich vier Bildschirme an. Auf dem ersten ist der Ablauf unseres Trainings. Ich komme an, alle Hunde werden sanft und ruhig begrüßt. Sind APunkt und ich allein, kommen wir runter. Machen den Moment langweilig. Nur sitzen, gucken, sein. APunkt braucht eine Weile, bis sie gezielt mit mir in Kontakt geht.
Kontakt, das hieß bei APunkt anfangs Kontakt zum Snack, und flutsch – schnell wieder weg. Alles im Blick, nichts im Fokus. Dann hat sie bemerkt, dass ich immer das Gleiche mache. Inzwischen beobachtet sie mich beim Hantieren mit den Snacks. Schaut mich sogar direkt an. Und dann regnet es Snackstücke. Jeder Blick in den Bereich meiner Mimik und Gestik ist ein Hauptgewinn. Alle 5 Gewinne darf ich einige Zentimeter näher an sie heran. Trennen uns nur noch anderthalb Meter, kommt sie inzwischen auch zu mir. Nimmt sich erst schnell und geduckt die Stückchen von meinem Knie, dann macht sie einen Schritt zu mir hin. Letztes Mal hat sie sich abgelegt. Ruhig geatmet. Alles im Blick gehabt, doch mich beobachtet.
Dann zeige ich ihr das Geschirr. APunkt lässt sich anziehen, es aber auch über sich ergehen. Das muss anders werden. Sie soll wissen, dass sie an einem Signal vom Menschen erkennen kann, dass sie für einen Spaziergang angezogen wird. Sie soll wissen, dass ihr Signal für Nicht-einverstanden-sein, von Menschen akzeptiert wird (wenn es keine Ausnahmesituation ist). Sie soll wissen, dass sie beim An- und später auch Ausziehen des Geschirrs mitmachen kann. Und dass es Snacks regnet, wenn sie es macht.
APunkt ist nicht damit aufgewachsen, dass Menschen etwas von ihr wollen. Dass Menschen mit ihr zusammen sein, Dinge tun, erleben wollen. APunkt hat gelernt, dass Entfernung und schnelles Reagieren auf alles das Beste für sie ist. Sie hat es so gut gelernt, dass ihr Körper das manchmal auch ohne sie entscheidet.
APunkt ist bald 3 Jahre alt. Aus einer Vermehrungssituation durch animal hoarding. Sie wurde aufgenommen und bis jetzt einfach nicht vermittelt. Wer nimmt auch einen Hund, von dem man nur den Strubbelpo im Busch erkennt?
Ich trainiere mit ihr, wie ich mit Sookie trainiert habe. Wissend, dass ich es mit einem hochreaktiven Hütehund zu tun habe, der nicht die sorglose Neugier eines Welpen hat, aber genauso verwirrbar ist von zu vielen zu neuen Dingen.
Also sitzen wir da auf 3 bis 4 Quadratmetern und üben, dass APunkt ihren Kopf durch die große Öffnung ihres Sicherheitsgeschirrs steckt. Von allein, in Richtung Snackstück. Zwei Mal war sie schon fast durch. Dann war wieder was. Irgendein Geräusch im Haus. Ein Vogel vorm Fenster, eine unerwartete Berührung des Geschirrs in ihrem Gesicht, das Geräusch, das die Schnallen auf dem Boden machen. Und wir fangen wieder mit der Nasenspitze in der Mitte der Öffnung an.
„Langsam, klar, immer gleich. Ausatmen, tief einatmen. Und weiter“, denke ich mir dann und schaue auf den zweiten Bildschirm in meinem Kopf. „Langsam beeilen“ steht da neben einem Bild von einer senkrechten schwarzen Linie auf weißem Grund. Wenn ich angespannt oder selbst erschreckt von einem der Geräusche im Haus bin, wackelt sie. Ich muss sie gerade atmen. Auch meine lockeren Schultern ziehen sie glatt beim Ausatmen.
APunkt kann sich nicht lange konzentrieren. Nach etwa 10 Minuten mit dem Geschirr stresst sie mein Angebot. Ich lege es hinter mich. Nehme wieder etwas mehr Abstand ein. Wenn APunkt noch Kontakt möchte, muss sie kommen. Was sie meistens auch tut. Gab es Gewitter, wurden wir unterbrochen oder eine_r von uns beiden hatte einen komischen Tag, dann nicht. Dann mache ich meine Ende-Geste und lasse sie wieder raus. Alle werden nochmal begrüßt, wer mag, lässt sich streicheln. APunkt kommt inzwischen auch ganz selbstverständlich wieder dazu. Immer bekommt sie Snackstückchen.
Manchmal sprechen wir noch länger mit S., dem Menschen, der APunkt gerettet hat. Der Hof ist schön, das Leben wuselig, die Arbeit viel. Es gibt immer etwas, worüber wir kurz oder lang, seicht oder intensiv schnacken. Dafür brauche ich den dritten Bildschirm in meinem Kopf. Ich muss jetzt schnell sein. Unklarheiten weitgehend unhinterfragt, unergründet, unkommentiert lassen. Akzeptieren, dass wir nicht immer über die gleichen Dinge in der gleichen Struktur sprechen können. Dieser innere Bildschirm ist ein Transkript des Gesprächs. In den folgenden Stunden, wird mein Versteh-Gehirn es lesen.
Auf dem vierten Bildschirm ist mein Tetris der Unmöglichkeiten.
Da gibt es die Blöcke „APunkt“. Ihre Reaktivität, die Unsicherheit, der Umstand, dass man ihr Verhalten nur bedingt vorhersehen kann. Dann ist da mein Kinderwunsch mit seinen hundert Blöcken aus Orga, Kraftfressern, Gefühlen und ganz eigenen Dringlichkeiten. Und die feste Klarheit darum, auf gar keinen Fall gleichzeitig einen Säugling und einen Neuhund versorgen zu wollen. Neben der neuen Arbeit, für die ich 4 Stunden am Tag nicht zu Hause bin. Und der anderen Arbeit. Und der Verlagsarbeit. Und meinen Projekten.
Da ist auch noch meine Trauer um Sookie, die ich nach wie vor nur bedingt an mich heranlassen kann. Und meine ganz allgemeinen Wünsche an einen neuen Hund in meinem Leben. Die Wünsche meines Mannes an einen neuen Hund in seinem Leben. Unser alter Oppahund Bubi.
Und da ist die Bedarfslage von S.. Die Nützlichkeit, die mein Hundeverstand in dieser Situation hat. Die Frustration, die so improvisierte Trainingsumgebung und übliche Rückschläge mit sich bringen.
Und das, was ich von mir in APunkt gespiegelt empfinde. Obwohl diese Zeiten nun wirklich schon länger vorbei sind.
Seit Wochen fahre ich regelmäßig zu APunkt. Auf jedem Hin- und jedem Rückweg schüttle ich die Tetrisblöcke auf dem vierten Bildschirm durch und versuche zu erkennen, wie sie ineinandergreifen könnten. Es funktioniert einfach nicht.
Nicht ohne die Zukunft zu kennen.
Und so sind wir alle, APunkt, S. und ich, gerade im gleichen Nimbus. Angewiesen auf die gleiche langsame, klare Kontinuität des „und weiter“, auf das man sich so ungern einlässt, wenn es so viele große, drückende, treibende, wirbelnde, ziehende, schreckende, lockende „Ja aber“s oder „und was wenn?“s oder „vielleicht so?“s gibt.
Es ist anstrengend. Es ist eine Übergangsphase, eine Transition.
Wir werden alle irgendwie, irgendwo, irgendwann ankommen. Das ist sicher.
Vielleicht werde ich mir diesen kernigen kleinen Strubbelkobold, der APunkt auch ist, tatsächlich nicht mit nach Hause nehmen können. Aber Langsamkeit, Klarheit und Vorhersehbarkeit durch immer gleiche Anforderungen und Belohnungen, kann ich ihr geben. Damit kann sie anfangen, ihre generelle Pauschalreaktion auf alles und alle zu verändern. Und mit jemand anderem nicht bei 0, sondern vielleicht schon bei 1 in Sachen Hund-Mensch-Kommunikation anfangen.
Das ist definitiv. Da ist Bewegung drin. Es verändert sich etwas.
Es ist und wird.
Am Abend fahre ich auf eine schwarze Wand zu. Die durstigen Bäume knarzen im Wind, der auch das Auto auf der gesamten Seite beaufschlagt. Das Gewitter kracht in der Ferne. Seine Blitze stempeln sich auf die knubbelige Wolkendecke. Ich versuche, an den wedelnden Scheibenwischern vorbeizuschauen, während ich fahre.
„Transformation“, denke ich, und löse die Umklammerung meiner Finger ums Lenkrad. „Es ist gut. Es ist richtig.“ Und dann merke ich, wie es beides hat. Erleichterung und Hingabe, aber auch Übergabe und diese spezielle Entschlossenheit, die Mut und Handlungsbereitschaft manchmal mit sich bringen.
Seit der unerwarteten Kündigung habe ich nach Arbeit gesucht. Wochenlang ging es zwischen meinem Mann und mir kaum um etwas anderes als Geld, meine Fähig- und Fertigkeiten, wer was einbringen kann, dass wir dies und das und jenes machen, nicht vergessen, hinkriegen müssen. Während ich an manchen Tagen definitiv noch arbeitsunfähig war. Traumakrank. Teils schwer leidend unter Symptomen, von denen ich gehofft hatte, sie würden nie wieder so viel Raum einnehmen. Nie wieder so stören.
Und dann fand ich eine Stelle, die perfekt zu mir passt. Hatte ein Bewerbungsgespräch, das sehr gut verlief. Hatte eine gewisse Quasi-Zusage. Aber der Prozess musste gestoppt werden. Interne Gründe. 5 Wochen Aufschub. Wenns gut ginge.
Meine Krankenversicherung muss ich behalten, aber ich bin ja auch Ehefrau. Ehefrau gehört zum Ehemann, Familienversicherung woanders, dies, das. Das war der nächste Klops im Dauerthemenbrei mit meinem Mann. Und in all dem hat meine Behinderung immer wieder im Weg gestanden und wurde doch irgendwie nicht so recht beachtet. Bis jetzt bin ich mir nicht sicher, ob es überhaupt ein best practice-Szenario für „Ehebürokratie, in der eine Person eine rechtliche Betreuung zur Vertretung vor Behörden hat“ gibt. Alle Welt hält ja den Ehemann für die Vertretung der Ehefrau (vor Behörden). 🤡
Dazwischen passierte der Wildwasser-Fachtag mit dem Einwurf eines Betroffenen, Peer-Beratung müsse bezahlt werden. Den ich wie gewohnt abwehrte, weil ich keinen Hintergrund in Sozialer Arbeit oder Sozial- oder irgendeiner anderen Pädagogik habe. Das gehört ja irgendwie zur allgemeinen Ausstattung der Selbstvertreter_innen, die man bei solchen Veranstaltungen auf Bühnen sieht. Profession zum Hinterverstecken und ernstgenommen werden und eigene Betroffenheit direkt daneben, damit niemand von den Betroffenen sagen kann, da würden ja nur Profis über Betroffene sprechen.
Und dann bahnte sich das nächste Gespräch einer Person, die sich als Viele erlebt, an, und wieder kam eine E-Mail von jemandem mit der Frage, ob wir mal zusammen auf die Hilfe gucken könnten, da passe etwas nicht. Und ich sagte natürlich nicht: „Nein, geh weg, ich möchte bitte sehr gerne hier in meiner zähen Arbeitssuche sein, die mir meine allgemeine Wertlosigkeit aufzeigt“, sondern erarbeitete eine Analyse am Montag, telefonierte am Donnerstag und merkte am Freitag, dass mein Konto fast leer ist und perspektivisch nur von meinem Mann aufgefüllt werden kann.
„Irgendwie wirds schon gehen“, das weiß ich, und alle sagen es mir immer wieder. Während ich weiß, wie es geht, wenn Jobcenter oder Arbeitsamt tragende Rollen im Leben einnehmen, selbst wenn man kein Geld von dort bekommt, und merke, wie sich die alte Hartz fear ihre Bahn durch mein bröseliges Arbeitsselbstbild fräst.
Und dann tickt die Uhr. Und ich denke, dass nichts kaputtgehen wird, wenn ich mal frage. Durch ein „Geht nicht“ würde sich nichts ändern. Also erzähle ich am nächsten Mittwoch von den Kontakten und Gesprächen, der Arbeit, die ich da so mache. Dann und wann. Nicht viel, nicht immer, nie in tragender Rolle, aber auch nie anteilslos. Und frage, ob es dafür vielleicht eine Struktur geben kann. Eine Möglichkeit des Abgleichs mit einer Fachperson und der Rückversicherung für mich, die Erfüllung eines Bedarfs, für den man zufällig vielleicht eh schon immer mal eine Lösung finden wollte.
Und es wird lebendig. Da kommt kein Nein. Aber Ideen. Viele.
Und am Freitag, morgens, direkt nachdem ich aufgewacht bin, kommt ein Ja.
Und dann der Termin, an dem ich meine Kundschaft beim Jobcenter nach 21 Jahren auflöse.
Mit einer wackeligen Unterschrift auf einer Veränderungsmitteilung ist es zu Ende. Wackelig, weil ich kurz hirnverdreht bin und ansetze, mit meinem alten Namen zu unterschreiben. Kurz eingesunken in die Erinnerung an das senfige Gelbgrün unterm Neonröhrenlicht des Bielefelder Muffelflurs, in dem ich den ersten Antrag auf ALG 2 unterschrieben hatte. Ganz genauso verwirrt und unsicher darüber, was genau die Unterschrift jetzt bedeutet. Ob das jetzt alles so richtig ist oder nachher wieder Ärger gibt und sich jemand – meine Betreuerin oder mein Mann – nochmal da melden muss, um zu sagen: „Äh jaha, äh – hier, das ist alles falsch. Das hat Frau Rosenblatt n bisschen falsch verstanden und Quatsch ausgelöst. Bitte wieder richtig machen.“
Die Mitarbeiterin lächelt und gibt mir einige Zettel mit, auf denen alles erklärt ist.
Ich schwanke zu meinem Auto, als wäre es ein Ufo, und versuche, Schritt zu halten mit den viel zu schnell ineinanderklappenden Gedankengebäuden in meinem Kopf. Die Hitze im Auto drückt sich deutlich gegen meine Haut, als ich die Zettel durchlese und mit der Veränderungsmitteilung abgleiche. „Ich bin da echt raus“, denke ich und höre mich ein merkwürdiges Geräusch machen, während R. und A. drauf und dran sind, den Wagen zu starten, um ihre Energie abzuleiten. Ich beschließe, dass es Zeit für eine richtige Reorientierung in meine Erwachsenheit wird, und fahre erstmal tanken. Dann einkaufen.
Zu Hause videotelefoniere ich mit meinem Mann, als ich eine E-Mail zum gestoppten Bewerbungsverfahren entdecke. „Manchmal geht es doch schneller, als man denkt“, beginnt die Nachricht. Und es folgt das zweite Ja, das mir einen Schwung Geigen in den Himmel hängt, als würde das unendliche Platzangebot dort auch richtig genutzt werden wollen.
Inzwischen kann man die Luft schneiden. Ich warte noch auf meine Gefühle. Brüte über den Ereignissen des Tages, als wären sie Eier mit besonders dicker Schale.
Am Abend fahre ich in das Gewitter. Zu Menschen, die mich zu etwas eingeladen haben, das ganz ganz früher, bevor alles kaputtgegangen ist, ein wichtiges Ding für Z. und andere Innere war. Zu jemandem, der mich dabei haben mag, wenn etwas Besonderes bei ihr_m passiert.
Ganz viel später ist die Luft feucht und lau. Steigt als Dampf vom Asphalt und wabert in die Wiesen. Da fahre ich neben dem Sonnenuntergang nach Hause und merke, dass es ohne mich weint, weil es bei jemandem angekommen ist.
Und diesmal definitiv ganz anders „irgendwie gehen“ wird.
„Sei da ruhig klarer – denk nicht so viel an ‚Was denkt sie jetzt, was denkt sie jetzt, was denkt sie jetzt?‘.“
Mein Mann und ich sitzen auf der Couch. Krisensitzung, nach Achsbruch Autismus, Trauma, Kommunikation.
Ich bin seit Tagen niedergeschlagen, belastet, erinnert, unzufrieden mit mir. Ich muss etwas klären, doch bin hin- und hergeworfen von Wichtigkeiten und Relevanzen, Erinnerungen und Ängsten.
Es geht um etwas, das mir wichtig ist. Deshalb ist der Rahmen, in dem ich darüber nachdenke und fühle, extrem groß. Am dritten Tag wurde es mir zu groß, zu belastend. Ich merkte, wie sich das Zeitfenster für angemessene Lösungskommunikation schloss und ich immer mehr Spannung in mir sammelte. Zeit für eine Sitzung mit meinem Mann.
Mit ihm werden Situationen wie diese pragmatisch lösbare Kommunikationsherausforderungen, wie er sie jeden Tag bei seiner Arbeit und manchmal auch mit mir im Alltag hat. Er ist im Training, ich bin empfangsbereite Satellitenanlage, wenn er mir etwas davon vermittelt.
Durch seine Brille bekommt die Lage eine Art bewusste Untiefe. „Die Situation für dich sieht so aus, für sie andere Person sieht sie wahrscheinlich so aus. Was ihr verhandeln müsst, ist dies; was du bisher nicht klar genug vermittelt hast, ist das. Du könntest es so formulieren; du könntest auch das schreiben. Soll ich dir einen Aufschlag formulieren oder einen von dir anschauen oder willst du ab hier allein weitermachen?“
Mir tut das gut. Aus dem Wurschtelwust in meinem Kopf wird eine strukturierte Reaktionslandschaft auf Hypothesenbasis. Ich weiß ja nicht, ob er recht hat. Aber ich weiß ja auch nicht, ob ich recht habe, und traue mich gar nicht erst, überhaupt eine Hypothese zu entwickeln – weshalb ich in Stress spirale, dissoziiere und Faden und Form, Bezug und Kontaktsicherheit komplett verliere.
Das ist die Bruchstelle der Achsen.
Autismus und Kommunikation sind bereits schwierig. Auch schwierig zu kommunizieren.
Ich gerate dabei oft in die Situation, mich selbst zu erklären, statt die Kommunikationsprobleme. Denn es geht nicht immer nur um Wörter, Aussprache, Mimik und Gestik. Für mich geht es meistens um Bezug und Kontext. Warum sagt jemand dies und das; wozu bekomme ich diese und jene Information; weshalb und wofür macht mir jemand dies und das ganz besonders deutlich klar?
Gespräche mit nicht-autistischen Menschen sind für mich eine meist unklar begrenzte, uneindeutig bezugnehmende und in der Regel erst später in ihrem Ziel (manchmal auch Sinn und Zweck) nachvollziehbare Abfolge von Transitionen. Schon während die andere Person spricht, mache ich mehrere Dinge gleichzeitig: Geräusch von Wort unterscheiden, Worte verstehen und als Sätze in mir abbilden und begreifen – und dann merken, dass darin in der Regel nicht auch „drinsteht“, worum es der Person geht oder worauf sie sich bezieht oder reagiert. Also rufe ich mir in Erinnerung, was ich oder eine evtl. weitere Person im Gespräch gesagt hat, und überlege, ob davon etwas passen könnte. Ist die Person fertig mit Sprechen, bin ich meistens gerade fertig mit der Analyse des Sprachpakets. Was ich darauf antworte, eher nicht.
Manchmal geht das, was ich eigentlich sagen möchte, im wahrsten Sinne „lost in Transition zwischen Rede und Antwort“.
Und da greift die traumabedingte Dissoziation. Die nächste Achse. Die schützende Maske. Das reaktive Vorzeigen von bezogenem Kontaktverhalten. Ich konzentriere mich ausschließlich auf das, was die andere Person gesagt hat, und rate das beste hoffend oder faktisch orientiert abschätzend die Antwort. Ich bin nicht mehr bei mir, ich bin nicht mehr bei meinem Thema und kann selbst in der Rückschau nicht mehr sagen, worüber ich nachgedacht, was ich empfunden oder als Idee verfolgt habe. Es ist ein Nimbus, ein weißes Rauschen. Mein Körper antwortet. Ein anderes Innen. Irgendwas, das passt, dem Gegenüber ein gutes Gefühl macht, mit größter Wahrscheinlichkeit keinen Konflikt auslöst und inhaltlich die Funktion des Gesprächs bedient. Und dann beginnt das Gegenüber zu antworten. Und damit beginnt eine weitere Transitionsphase zum nächsten Sprechakt.
Das erschöpft. Es führt sehr oft dazu, dass ich ich-fremde Gespräche führe, wenn diese weder reiner Informationsaustausch noch oberflächliches Kontakten sind. Und der Hintergrund ist komplex.
Ich habe auditive Verarbeitungsstörungen, muss Bezug immer wieder konkret gesagt bzw. aufgezeigt bekommen, weil ich ihn nicht implizit „lesen/erfassen“ (und im Arbeitsgedächtnis halten) kann, und ich habe bis heute Angst, verletzt zu werden, weil ich nicht schnell genug (performativ „richtig“/wie vom Gegenüber gewünscht oder gewohnt oder erwartet) reagiere.
Gespräche sind bis heute nicht neutral für mich. Es sind neben jeder Bedürfniserfüllung immer auch Triggersituationen, mit denen ich je nach Inhalt, Kontext, Rahmen strukturell reaktiv dissoziierend umgehe.
Nach dem Gespräch, das ich nun mit meinem Mann besprach, lag ich abends im Bett und wurde Stückchen für Stückchen mit Fragmenten des Gesprächs konfrontiert. Die Verarbeitung setzte ein und zunehmend wurde mir selbst bewusst, dass wir weder über das geplante Thema gesprochen haben, noch, dass durchgehend ich gesprochen habe. Obwohl mir das so wichtig war. Ich so dankbar über das Interesse und die Bereitschaft der Personen war, mit mir zu sprechen. Obwohl es keine Gefahr gab. Ich selbst habe überhaupt nichts von meiner Angst gespürt. Habe in dem Kontakt überhaupt nichts von meinem Stress und der Reaktivität gemerkt.
Und wie fast immer in solchen Momenten haben es meine Gegenüber auch nicht gemerkt. Sie fanden das Gespräch gut. Sie haben mich als im Kontakt erlebt – faktisch betrachtet haben sie das ja auch. Nur eben doch auch nicht.
In einem Gespräch mit dem Begleitermenschen im Rahmen der Autismusdiagnostik habe ich dafür das Bild von einem Spiegelkabinett gefunden. Weil es mir oft so erschien, als würden die Menschen in meinem Leben immer mit einem Bild von mir sprechen. Also ihrer Wahrnehmung von mir und dem, was sie davon abgeleitet haben. Während ich sie nie sehen kann und meistens eher mit einer Idee von ihnen arbeite, die ich aus den Analysen dessen, was sie mir sagen, entwickle.
Das war das Problem, das ich in der Therapie damals als besonders belastend empfand. Es kam mir vor, als würde meine Therapeutin intensiv nach mir suchen – angestrengt auf ihr Bild von mir schauen – und ich nicht einmal ihre Spiegelung finden können, obwohl mir jedes Signal, jeder Reiz von ihr überdeutlich spürbar war.
Mir ist damals bewusst geworden, wie viel von meinen „Erkennungsproblemen“ überhaupt nicht oder eher subtil wahrnehmbar sind. Und wie groß die Rolle der DIS dabei ist. Ein autistischer Mensch ohne DIS oder extremen Maskierungswillen wäre damit auffälliger. Diese Art des Auffälligseins war aber nicht nur in meiner Herkunftsfamilie ein ernstes Problem, sondern auch überall sonst. Selbst in Kontexten, in denen meine Sicherheit und Fürsorge professionell sichergestellt wurden. Nirgends, in keinem Kontakt mit anderen Menschen, ist es für mich rückhaltlos, bedingungslos, konsequenzlos möglich, irgendetwas davon nicht zu verstecken oder zu verschleiern. Und zwar nicht, weil die Welt böse ist oder ich da irgendetwas Spezielles an mir habe, sondern weil es umfassend ANDERS ist. Weil man sich dem immer nur annähern kann und eine gewisse Lücke, einen Bereich der Inkompatibilität, stehen lassen und akzeptieren muss. Sowohl ich als auch meine Mitmenschen. In der Metapher vom Spiegelkabinett ist es der Umstand, dass ich mich mit anderen Menschen als in einem Spiegelkabinett erlebe – und sie das nicht auch tun. Ihre Wahrnehmung funktioniert anders als meine.
Und während ich das jeden Tag und immer immer immer merke – und sie nicht, ist es eine irritierende Sache, wenn ich es offenbare. Manche fühlen sich dann manipuliert. Als würde ich ihnen die Wahrnehmung von mir absprechen oder in Frage stellen. Als wolle ich ihnen unterstellen, sie würden sich gar nicht für mich interessieren oder würden mir absichtlich schaden wollen. Es gibt Menschen, die können solche Gefühle und Gedanken dann mit Worten ausdrücken. Sie sind neugierig, wollen verstehen, Beziehung, Kontakt bewahren. In meiner sozialen Welt sind das die absoluten Ausnahmen. Einhörner sozusagen.
Und es gibt Menschen, die können das nicht. Oder wollen es nicht. Oder halten es für einen Teil ihrer professionellen Abgrenzung, noch mehr Abstand zu mir herzustellen und sich praktisch völlig unsichtbar für mich zu machen. Es gibt Menschen, die sich verunsichert fühlen, wenn ich ihnen davon berichte. Die sich fragen, was an unserem Kontakt echt ist. Authentisch. Und ver.trauen mir dann einfach nicht mehr. Gehen also auch aus dem Kontakt. Das ist die häufigste Erfahrung, die ich mit der Offenlegung dieser Gesprächserfahrung gemacht habe. Entsprechend wenig öffne ich mich.
Doch diesmal nicht.
Diesmal habe ich es mitgeteilt und mehrere gute Erfahrungen gemacht.
Die Gesprächspartner haben es gehört und verstanden. Wir haben eine praktische Lösung gefunden.
Mein Mann hat mich verstanden und mir genau die Hilfestellung gegeben, die ich brauchte.
Meine Therapeutin hat mich verstanden und mich bestärkt, meine inneren Prozesse auf Möglichkeiten der Entlastung und Prävention zu erforschen.
Keiner der auslösenden Faktoren ist davon berührt. Es wird mir wieder passieren. Und es wird wieder schlimm für mich sein. Aber es bleibt nicht mehr so schlimm.
Ich sitze im Auto und halte meinen inneren Blick auf dem Symbol für „Pause“. Ein Kreis mit zwei parallelen Strichen. Grau bei Deaktivierung, hellgrün bei Aktivierung. Er ist grün, ich kann mich frei und mühelos bewegen. Sicher Autofahren. Ohne Anstrengung Wörter formen. Keine 5 Minuten vorher konnte ich kaum die Augen offenhalten, meine Arme heben, irgendeinen Muskel gezielt anspannen und halten. Crazy shit.
Vor 22 Jahren konnte ich mich noch nicht so manipulierenüberzeugenaustricksenreinlegen … Glauben, dass die objektive Realität der Gegenwart gleichzeitig mit meiner subjektiven Realitätswahrnehmung existieren kann. Ich hatte noch keine Kontrollerfahrungen. Kein aktives, bewusstes, ich-liches Selbststeuerungserleben. Mir sind die Dinge passiert. Sie haben etwas mit mir gemacht, das meiste davon habe ich weder konkret und zeitgleich wahrgenommen, noch verstanden, noch umfänglich mit mir in Bezug setzen können.
Die Landschaft fliegt an mir vorbei. Das Halten der Imagination kostet mich überhaupt keine Energie. Der Flashback hat keinen Einfluss mehr auf mein Selbst- und Umweltempfinden. Ich bin in der Lage, Energie in die Anpassung an meine Mitwelt zu stecken.
Später wird mir bewusst, wie lang 22 Jahre eigentlich sind. Ich denke darüber nach, ob der Umstand, dass ich es jetzt kann, dieses hilfreiche Imaginieren, mich selbst umfassend reorientieren, stabilisieren, bedeutet, dass die letzten 22 Jahre in Therapie unnütz waren. Nicht hilfreich. Ineffizient.
Oder ob sie wichtig waren, um eine Chance zu bekommen, die Dinge zu erlernen und zu trainieren, die damals als meine Fähig- und Fertigkeiten vorausgesetzt wurden. Einfach, weil man damals noch weniger als heute durchdrungen hat, was es konkret bedeutet, wenn Selbst- und Weltbezug massiv fragmentiert sind.
Ich bin am Ziel. Steige aus, bewege mich absichtlich raumgreifend und aktivierend. Die Lücken zwischen Tätigkeiten sind für mich inzwischen weniger Kluft als Spalt. Ich bemerke sie, ich bemerke meinen Stress in der Transition und Neuausrichtung, aber ich kenne meine Schrittweite. Meine Sprungkraft. Meine Anlaufbedarfe. Und die andere Seite. Meistens. Und wenn nicht, dann, dass ich mit dem Unbekannten interagieren kann. Es passiert mir nicht mehr. Es passiert mit mir. Das macht mich nicht souverän und stark, selbstsicher und unverletzbar, wie ich mir das früher immer und heute noch manchmal wünsche, aber selbst.bewusst.
Die Luft berührt mich, der Boden hält mich, meinen Schritten folgen Geräusche.
Ich habe Angst zu fallen, unerwartet berührt zu werden, mich in meinen Annahmen über den Ort, an dem ich bin, zu täuschen. Und ich gehe weiter. Ich. Nicht jemand wie ich, oder etwas, das so tut, als sei es ich oder mein Körper, gelenkt von etwas, das eher theoretisch ein Ich sein könnte, oder eine formlose Präsenz, umgeben von ferngesteuerter, komplett eigenimpulsloser Masse.
Es ist erstaunlich irrelevant für diese Tätigkeit, wer ich eigentlich bin. Und wie ich beschaffen bin. Und was ich kann. Oder wie ich es kann. Ich erlebe die Augen der Täter_innen immer noch auf mir und oft genug suche ich Versicherung mit ihrem Blick auf mich. Aber ich kann mich inzwischen auch sehen. Kann mir mehr Augen leihen als die der Menschen, die mich verletzt haben.
Ich gehe hier einfach lang. Bin Teil des Moments wie der Laternenpfahl, der Absperrungspoller, der Straßenverkehr, die Tauben auf Futtersuche. Nichts davon ist egal, aber nicht alles relevant für mein Überleben. Mir passiert nichts mehr. Ich passiere Laterne, Poller, Tauben. Die Eindrücke kommen, wirken und flachen wieder ab.
Meine Angst ist ein paralleles Rauschen unter der allgemeinen Harmlosigkeit der Welt. Der rote Rand um die eitrigen Traumastellen in mir. Ich kann sie umgehen. Und ich kann mich nähern. Ich kann sie berühren, verschieben, manchmal auflösen, wenn ich mich gehalten fühle. Kontextualisiert. Bezogen. Verortet. Eindeutig positioniert, beauftragt, ver.antwort.bar.
Wenn die Umstände stimmen, ist es keine Manipulation, kein Selbstbeschiss, kein Trickbetrug an meiner Wahrnehmung, dass beides da ist. Die Angst, verletzt zu werden zu sterben und die allgemeine Ungefährlichkeit des Lebens.
Vor 22 Jahren stimmten die Umstände noch nicht für mich. Ich habe mich in Lug und Betrug an mir selbst gezwungen, weil ich weder die Welt noch mich selbst genug wahrnehmen und begreifen konnte. Ich kannte die Welt als Gefäß, in dem meine Qual, mein Leiden, mein Schmerz, meine Angst passieren. Als randlose Schale, in der ich hin- und hergeschleudert wurde. Ohne Anfang, ohne Ende, ohne Bedeutung, ohne Ziel und dadurch auch immer wieder, fast immer, ohne mich in mir selbst.
Ich musste glauben, dass irgendwas irgendwas bewirkt – ich hatte nie die Chance zu beobachten, wie irgendwas irgendwas bewirkt. Ich musste annehmen, was mir irgendwer über irgendwas erzählt – egal, was davon stimmte oder nicht, ich habe es sowieso sehr wahrscheinlich weder ganz aufgenommen, noch verstanden, noch den Sinn erfasst. Ich selbst konnte mir nie Quelle von Stabilität oder Kongruenz oder Klarheit sein. Was ich wahrnahm und einordnete, entpuppte sich immer wieder als Trittfalle ins Bodenlose, die Dissoziation.
Wieder fliegt Landschaft an mir vorbei. Meine Kopfhörer halten das Dröhnen des Zuges von mir fern. Mein Körper wackelt. Ich fahre zu einem Therapietermin. Bin eindeutig und klar in meinem Ziel der Stunde. Sicher darüber, was ich dafür und dagegen tun kann, um es zu erreichen. Der Raum ist für mich eindeutig und klar. Meine Optionen für und gegen die Zusammenarbeit sind sowohl mir als auch meiner Therapeutin klar.
Es ist der einzige Raum in meinem Leben, in dem das so ist. Der einzige, in dem diese Umstände in Bezug auf alle Aspekte bestehen. Es ist der Raum in meinem Leben, in dem ich glauben kann, dass ich etwas mache, um etwas zu erreichen, weil ich weiß, dass ich es auch nicht erreichen kann oder nicht sofort oder anders als ich dachte. Ein Kontakt, in dem es tatsächlich immer weitergegangen ist, obwohl ich sehr lange sehr oft darin gestorben bin. Wo immer alles wiederkam, was verschwunden, fragmentiert, dekontextualisiert war, weil nichts – auch ich nicht – verschwunden bleiben musste.
Ich erfahre von den Sparplänen der Bundesregierung.
Rutsche in Scham und Ärger, gleite über einen Schmierfilm von Angst und kann mich letztlich nur an meinem Glauben an die allgemeine Kontinuität festhalten. „Es ist nicht egal, aber jetzt gerade nicht relevant.
Wenn es relevant wird, kann ich immer noch prüfen, ob es mich töten wird. Es gibt Gleichzeitigkeit. Es gibt die Gefahr und die unspektakuläre Existenz.“ Innerlich greife ich in das Knäul aus Information und Gefühl und trenne es wie einen Wurzelballen, den ich in zwei Töpfe lege. Nicht egal links, aktuell nicht relevant rechts. Ich lege einen Deckel drauf und schiebe sie in ein Regal meines Hinterkopfes, das meinem Bücherregal im Büro ähnelt.
Ich mache große, weite Schritte durch die Bahnhofshalle.
Als ich hier vor 22 Jahren ausgestiegen bin, wäre mir diese Imagination gefährlich vorgekommen. Wie ein Angriff auf das, was mich am meisten schützt: meine Todesangst. Jetzt macht es mich handlungsfähig. Interaktionsbereit. Stabil. Selbst zur Quelle einer Ordnung. Crazy shit.
Überraschung ist eine Grundemotion, die ich erst im Zusammenhang mit der Autismusdiagnose näher erforscht habe. In meiner Traumatherapie ging es nie um Überraschung. Es ging um mein Kontrollbedürfnis, meine Ängste. Mein kompensierendes Vermeidungsverhalten. Überraschung und Schockerleben waren dabei nie Thema. Mir war selbst überhaupt nicht klar, dass ich Todesängste habe, wenn ich überrascht werde. Dass ich Überraschung vermeide, weil sie mir Angst macht. Dass ich Kontrollgefühle vor allem dafür brauche, um mit meiner Angst vor der Todesangst auf eine Art umzugehen, die unauffällig ist. Angepasst. Nicht peinlich. Sondern ruhig, rational, beherrscht, bewortbar. So, dass mich niemand verletzt.
Man kann Überraschung nicht vermeiden. Aber man kann die Wahrscheinlichkeit dafür absehen. Mustererkennung hilft dabei. Aktives Dauerscannen, traumareaktive Hypervigilanz. Katastrophisieren. Permanente Reaktionsbereitschaft. Hold-the-line-Modus, wann immer Quellen für Unvorhersehbares in der Nähe sind. Anderen Menschen mitteilen, dass man Überraschungen – auch die lieb gemeinten – nicht mag, nicht möchte, nicht schätzt.
*
Die Sonne schien. Die Wärme im Auto bildete eine Glocke um mich.
Ich faltete den Brief zusammen und versuchte, meinen Partner anzurufen. Keine Antwort. Bubi legte den Kopf auf die Rückbank und beobachtete das Treiben auf dem Parkplatz. Der Verlust meines Arbeitsplatzes, die Lüge der Vertrauten hinter der Ermutigung, mich um meine Gesundheit zu kümmern, schwemmte über mich hinweg. „Wusst ichs doch“, stand auf jedem Stachel, der sich aus meiner Panzerhaut schob, um alles Panische vom Jetzt abzutrennen.
Nach der Angst, die Härte. Der Haken aus Stahl, der die Unwürdigkeit jeder Form von Zutrauen und Glauben an die Aussagen anderer Menschen, bestätigt.
Als ich nach Hause fahre, kommt die Trauer. Die Trauer um eine Zukunft, um die ich seit Dezember ringe. Auch das also, kaputt. Kein Kind, kein Job, keine Kraft, keine Hoffnung.
Es hätte so anders werden sollen.
Auf dieses Ist bin ich nicht genug vorbereitet.
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Überraschungen gehören zu dem, was ich als Alltagsterror empfinde. Sie sind der trauma-re.aktivierende Bestandteil meines Lebens mit anderen Menschen, mit dem ich am häufigsten konfrontiert werde. Nicht, weil Menschen nie tun, was ich sage oder will, sondern, weil Menschen für mich nicht eindeutig vorhersehbar tun, was sie sagen; sagen, was sie tun, und es meistens ein unausgesprochenes Rätsel ist, warum, wozu und welchem logischen Schluss folgend sie es tun oder sagen.
Und es ihnen egal ist.
Sie mich nicht trösten. Selten beruhigen. Die wenigsten sich die Arbeit machen, sich mir zu erklären. Nur manche nah genug an mich herantreten, um mich zum Teil ihres Er.Lebens zu machen.
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Mein Partner liest den Brief. Atmet ein und sagt: „Ja, scheiße.“
Ich weine, weil ich begreife, dass ich mich nicht verlesen oder in meiner negativen Annahme geirrt habe.
Sie haben mich angelogen. Alle.
Und weil ich ihnen geglaubt habe, wähnte ich mich in einer Sicherheit, die mir jetzt, ohne jede Vorbereitung, ohne jede Chance auf Widerrede, Beeinflussung oder Zugang zu Verständnis, genommen ist.
Ab jetzt er.lebe ich parallel. Gespalten. Gleichzeitig in unterschiedlichen Dimensionen.
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Überraschung, Schock, ist ein zentrales Element vieler Traumatisierungen.
Wer überrascht wird, kann sich nicht selbstwirksam erleben. Es gibt kein Kontrollgefühl. Keine Sicherheit über die eigene Existenz.
Überraschung kann nur Spaß bereiten, wenn dieses Sicherheitsgefühl grundlegend da ist. Ich habe dieses Gefühl nie. Selbst dann nicht, wenn ich viel Kontrolle habe.
Jede Überraschung rührt direkt an ein Gefühl von realer Existenzbedrohung.
Und jedem Gefühl der Bedrohung folgt die Dissoziation.
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Ich scanne den Brief und plane die Einberufung aller nötigen Helfer_innen.
Bahne ein Gespräch beim Verlag an.
Speichere die erste Stellensuche auf der Webseite der Arbeitsagentur.
Spüre, wie sie das letzte Jahr resümiert.
Beobachte, wie er versucht abzuschätzen, ob unsere Kraft für psychiatrische Krisenintervention und ihre erwartbar problematischen Folgen reicht.
Höre ihr beim Sprechen ins Mikrofon zu, während die Hände einer anderen vereinzelte Kröten aus Eimern hervorholt.
Registriere Kämpfe um Essen, Schlafen, Lebenswillen und ‑ziele. Notiere ihre Gewinner und Verlierer.
Als ich einen Tag früher als gedacht von meiner Menstruationsblutung überrascht werde, fühlt es sich an, als würde mir ein knöcherner Schalter im Inneren umgelegt werden.
Mein Partner sagt, es nutze nichts, wenn wir beide traurig seien. Ich spüre hinter mir alles zusammenbrechen und im Melt der letzten Tage versinken.
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Die Blätter einer Rose sind als sogenannte „Fiederblätter“ angeordnet. Ein Fiederblatt besteht aus mehreren Einzelblättern und trägt so zu einer stabilen Form der Pflanze, aber auch ihrer Gesamtfläche zur Fotosynthese bei. Fällt eines ab, gibt es genug andere. Zum Überleben des Organismus braucht es nur eins. Im Winter nicht einmal das.
Draußen beginnt der Frühling.
Ich organisiere an einem Sommer für mich.
Gestalte Ideen und Pläne für mögliche Verläufe im Herbst.
Den Winter in mir drin, blende ich dabei aus.
Ich weiß, dass er von alleine endet.
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Das Mismatch mit meiner Umwelt über Überraschungen verlangsamt meine Verarbeitungsmöglichkeiten. Um den Kontakt zu meinen Mitmenschen nicht zu verlieren, kann ich mich nicht auf die Überraschung konzentrieren, sondern muss mich auf das fokussieren, was sie mir anbieten.
Die überraschende Nachricht von meiner Kündigung bedeutet für sie, dass wir über Kündigung und Arbeit sprechen – nicht über die Überraschung. Den Verrat. Den erschreckenden Verlust des Sicherheitsgefühls. Die unerwartete Unmöglichkeit aller Pläne für die Zukunft, die zum Sicherheitsgefühl über die Gegenwart führten. Wir reden nicht über Angst. Meine Todesängste sind einfach undenkbar für sie. Und übertrieben, als ich sie andeute.
Ich kann mir nicht vorstellen, wie die Zukunft aussieht, weil ich nicht weiß, was dort möglich ist und was nicht. Man erwartet von mir ein Grundvertrauen in das Leben, das ich nicht habe. Ich kann nicht „einfach mal sehen“, „einfach mal abwarten, was sich ergibt“. Wenn ich nicht weiß, was ich sehen soll oder muss oder könnte, dann (vorher)sehe ich da nichts. Und wer nichts (vorher)sieht, kann von allem, was dann passiert, nur überrascht werden.
Und wieder sitze ich meiner Therapeutin gegenüber und esse.
Es ist 12 Uhr, wir wollen arbeiten, mein Treibstofftank ist leer.
Ich habs gewusst, ich hatte einen Timer und ein safe food dabei und hab’s trotzdem nicht gemacht. Mein Fokus hat noch an einer Aufgabe geklebt, die ich unterbrechen musste, um zu ihrer Praxis zu laufen. Der Timer ist an mir vorbeigeflogen. Ich weiß nicht, wie ich zur Praxis gekommen bin. Aber ich weiß, dass ich darauf geachtet habe, dass ich so pünktlich da sein würde, dass ich die Aufgabe noch zu Ende bringen konnte, damit ich vor der Therapie aufhören kann, daran zu denken.
Meine Therapeutin fragt, ob ich im Hyperfokus war. Ich verneine.
Das Wort finde ich ungünstig. Es legt eine Übertriebenheit nahe, eine Obsession, die ich nicht hatte und bewusst auch noch nie erlebt habe.
Ich verstehe meine Aufmerksamkeit als Folge einer Verklebung. Als „klebrigen Fokus“. Ich gehe durch die Welt und habe so etwas wie geistig adhäsionsfreudige Fäden, die sich an Themen, Dingen, Leuten, Stimmungen, Gefühlen, Gedanken, Geräuschen … allem Möglichen anheften, bis es fertig ist. Fertig erfasst, fertig verstanden, fertig verlaufen, abgeschlossen, vergangen. Ich kann nur bedingt steuern, woran sie sich anheften, und überhaupt nicht, wie lange. Und ziemlich sicher bin ich mir, dass meine Fadenklebrigkeit mitunter sehr viel stärker ist, als die vieler meiner Mitmenschen. Manchmal habe ich den Eindruck, sie hätten nur Post-it-Klebezettel-Klebrigkeit, während es bei mir die Art Leim ist, die man bei Fehlern innerhalb eines kleinen Zeitfensters zwar noch korrigieren kann, aber nicht ohne eine erhebliche Macke zu produzieren.
Bin ich stabil und gut drauf, hat dieser Leim etwas mehr Flexibilität – bin ich drauf wie im Moment, kann davon keine Rede sein.
Nach der Stunde denke ich weiter darüber nach.
Essen ist eine andere Aufgabe, als das, was ich noch fertig machen wollte. Und etwas anderes als Therapiearbeit. Sie hat mit weder mit dem einen noch dem anderen zu tun. Solche Wechsel bereiten mir immer Schwierigkeiten. Das sind die „Gleiswechsel“, von denen ich in „Starre unterscheiden“ geschrieben habe. Je komplexer die neue oder auffolgende Arbeit ist, desto schwerer ist so ein Wechsel für mich.
Und Essen ist ultrakomplex für mich. Da sind 28 Jahre Essstörungsmurks, diffus erinnerter Traumashit, Sensorik und Unverträglichkeiten mysteriöser Natur mit einem kaum vorhersehbaren Lauf der Dinge zusammenzubringen. Klar bringe ich für einen solchen Gleiswechsel tendenziell eher nicht die Kraft auf, meine Aufmerksamkeitsfäden von etwas anderem abzureißen – vor allem nicht, wenn die noch gar nicht „fertig sind“ und sich noch gar nicht von allein auf meine Körperwahrnehmung geheftet haben.
Ich denke aber auch an die Leute bei Instagram, die von einem Hyperfokus sprechen, wenn sie sich obsessivzügellosrücksichtslos intensiv in Dinge einarbeiten. Und die paar Leute, die dazusagen, welchen Preis so ein Zustand hat, wenn man aufgrund einer Neurodivergenz dazu neigt. Und darüber, dass ein sogenannter Hyperfokus sich auch auf destruktive oder unsinnige, unproduktive, überhaupt nicht nützliche Dinge legen kann, die das gesamte Umfeld (über)belasten, habe ich bisher nur eine Person reden hören.
Dann kommen Erinnerungen an meine Eltern auf. Meine Mutter, die mir nicht glaubt, dass ich sie nicht gehört habe, weil mein Gehör in Ordnung ist. Mein Vater, der mich durch die Luft wirft und verprügelt, weil ich nicht gehört habe, dass er mir gesagt hat, was ich noch erledigen soll. Oder, weil ich etwas erst fertig machen wollte, bevor ich tat, was er wollte. Oder, weil es ihm zu lange gedauert hat, bis ich etwas so fertig hatte, dass ich selbst auch das Gefühl hatte, dass es fertig war. Oder, weil ich, während ich tat, was er mir aufgetragen hatte, nicht hörte, dass er oder meine Mutter oder andere Autoritätspersonen mit mir gesprochen haben.
Ich kann nicht wissen, wann ich früher immer dissoziiert habe und wann meine Kapazitäten zur Verarbeitung von Reiz-Input zu fragmentiert waren, weil „meine klebrigen Fäden“ ausschließlich auf einer Sache lagen. Aber ich finde es eine bemerkenswerte Redundanz in meinem Leben, dass auch mein Mann inzwischen aufgegeben hat, mich zu rufen, weil ich ihn einfach nicht höre, wenn ich nicht darauf eingestellt bin, ihn hören zu müssen.
Und, dass zu dieser Redundanz gehört, dass ich in diesen Momenten überhaupt gar nicht hyper bin, sondern einfach ich selbst. Entspannt, selbst.sicher, beschäftigt.
Ich nenne es „hold the line“, wenn ich weiß, dass ich spontan für alles Mögliche mit aufmerksam sein muss. Andere autistische Menschen nennen es „Servicemodus“. „Mom on the spectrum“ hatte zu dem Thema neulich einen Livestream bei YouTube. Dort wurde es als Überlebensstrategie besprochen.
Wenn ich im „hold the line“-Modus bin, dann ist es, als würde ich mit beiden Händen jeweils ein Büschel dieser klebrigen Fäden festhalten, auffächern und auf mögliche Ansprachequellen richten.
Das hat ganz eigene Konsequenzen. Meistens die, dass das, was ich eigentlich machen möchte, gar nicht richtig oder nur unter großer Anstrengung funktioniert. Vernünftig laufen, zielgerichtet und selbst.bewusst sprechen, feinmotorisch tätig sein, rechnen, Entfernungen abschätzen, mich örtlich zurechtfinden, sensorischen Input diskriminieren, andere Menschen sozial „lesen“, Dinge aus dem Kurzzeitgedächtnis abrufen, zum Beispiel. Wie auch – ich halte ja wichtige Kanäle belegt, über die ich den Datendown- und ‑upload meiner Lebensinteraktion erledige.
Polly Samuel hat das unter dem Namen Donna Williams schon 1996 in ihrem Buch „Autism, An Inside-Out Approach“ mit einer Metapher, ähnlich wie meine mit den klebrigen Fäden, beschrieben. Für sie war Autismus eine gemischte Tüte einander bedingender und beeinflussender Verarbeitungsprozesse. Sowohl sensorisch als auch psychisch und emotional. So betrachtet, war meine Lage nicht nur: „Ich hatte da ein Ding, das ich fertig haben wollte, und Essen vor dem Termin war keine Priorität.“
Sondern: Ich war in der Stadt, in der Bücherei, da darf man nicht essen. Dort war es ruhig genug, dass ich mit meinen Noise-Cancelling-Kopfhörern ohne Anstrengung meine Aufgabe machen konnte und auch den „Gleiswechsel“ in die nächste Aufgabe, nämlich den Weg zur Praxis, anstoßen konnte. Aber die Aufgabe war noch nicht fertig (meine klebrigen Fäden hatten sich noch nicht vollständig gelöst). Ein Büschel klebte noch daran, während ich mit dem Rest losmusste. Entsprechend fragmentiert war meine Wahrnehmung des Weges, entsprechend stressend waren Lärm, Leute, Umgebungsfaktoren wie Wind, Licht, Temperatur, Gerüche und Zeitdruck. Was wiederum mein Konzept über meinen Tagesablauf berührt hat. Ich wusste ja, warum ich die Aufgabe fertig haben wollte. Sie jetzt nicht passend fertig zu haben, bedeutete, dass ich mir nicht sicher darüber sein konnte, was nach der Therapiestunde passieren würde. Das bedeutete für mich noch mehr Stress und auch Angst, die reguliert werden muss. Dadurch stieg das Risiko, noch früher noch müder vom Tag zu werden als eingeplant und entsprechend noch viel mehr Stress zu erleben, weil die Verarbeitung des Inputs immer anstrengender und fragmentierter wird. Also noch mehr, wofür ich eigentlich „alle meine Fäden“ zur Kompensation brauchen würde.
Ich war in einem Verarbeitungsdelay und wusste, dass meine Möglichkeiten, das aufzuholen, an dem Tag sehr begrenzt waren. Und in all dem Stress und der aufbrandenden Angst zu essen, hätte meinen Delay, meinen „geistigen Stau“, nur eskaliert. Obwohl es Teil meines Tagesplans war, obwohl ich weiß, dass es wichtig ist, obwohl ich weiß, dass Therapiearbeit ohne Energie eher belastend als hilfreich ist.
Gleichzeitig, war es keine bewusste Entscheidung von mir, das Essen auszulassen. Vielmehr wurde die Handlungskette fragmentiert und der Punkt „Essen“ wurde zu einer Information mit unvollständigem Bezug. Genauso wie der Timer, der mich zum Essen prompten sollte. Ich konnte damit nichts anfangen. Ich habe ihn wahrgenommen, habe gewusst, dass es wichtig ist – aber wofür, wieso und wann und wie ich das umsetzen muss/kann/soll/darf, war für mich nicht mehr beisammen. Die Sache, die ich noch fertig machen wollte, und der nächste Termin hingegen waren mir noch klar. Also habe ich sie weiterverfolgt.
An der Stelle finde ich außerdem noch wichtig zu erwähnen, dass ich innerlich keinen Konflikt hatte. Keine traumapanischen Inneren, keine strengen Antreiber*innen, keine überhungrigen Kinder. Ich habe mich nicht gegen den Hunger gezwungen oder war eingenommen von Katastrophenszenarien, die passieren könnten, würde ich das nicht fertig machen. Ich habe nur gedacht: „Boah nee, ich will nicht an diese Aufgabe denken, wenn ich in der Therapiestunde sitze, und ich habe heute einen ganzen Tag im ‚hold the line‘-Modus, ich kann nicht noch mehr davon abgeben (ohne Anlass zu tatsächlich begründeten Ängsten vor Katastrophen aller Art zu geben).“
Den inneren Konflikt hatte ich erst, als ich im Therapiesetting und bei mir selbst ankam. Die Aufgabe fertig war, der Termin lief und der Tag für mich geistig wieder in überschaubare Ordnung zusammenrückte. Da kam das Hungergefühl wie eine Abrissbirne, während ich eigentlich etwas anderes zu tun hatte.
Und jemand anderes auch. Meine Therapeutin nämlich. – Sowas stresst und ängstigt mich unheimlich tief. Da kommen die Kinderängste raus, die brettharten Bestimmer*innen, der Druck, der Zwang, die Not, die Wirrheit, weil sich keine mögliche Lösung aus mir selbst heraus wirklich sicher anfühlt. Dann wird gekreiselt, gehasst, gekämpft, gequält, gelitten und ich fühle mich dem immer noch schneller ausgeliefert als lösungserfahren kompetent. Obwohl ich schon öfter (immer in Krisenzeiten) wenige Minuten nach Beginn der Stunde essen, trinken, zur Toilette gehen, unbequeme Sachen umziehen oder herausfordernde Momente auf dem Weg zur Praxis besprechen musste. Meine Therapeutin hat mir immer vermittelt, dass das in Ordnung ist, weil auch das dazu beiträgt, dass die Arbeit hilfreich ist.
Doch auch in diesen Momenten greift die Adhäsionsfreudigkeit meiner Geistesfäden. Die liegen im Therapietermin überwiegend auf dem Thema der Stunde, nicht beim Ankommen im Kontakt zu meiner Therapeutin, die erst einmal meinen aktuellen Zustand abfragt. Also muss ich wieder Fäden abreißen … die nächste Wolke fragmentierter Informationen verarbeiten … hinnehmen, dass auch das Thema der Stunde in Teilen oder komplett fragmentiert, bei mir ankommt … hoffen, dass ich in der Folge genug Ruhe habe, zu prozessieren … und gleichzeitig wissen, dass ich diese Ruhe immer nur dann habe, wenn ich ganz mit mir allein bin. Ohne „meine Fäden“ zu kontrollieren.
Wenn meine Therapeutin mir eine gute Erfahrung ermöglicht, passiert das meistens schon in einem Moment, in dem ich fragmentiert wahrnehme und innerlich kampfkreisle. Dann kann es sein, dass ich höre und kapiere: „Okay, ich kann hier essen“, aber alles andere, was zu einer Sicherheitserfahrung gehört, ist unter Umständen noch gar nicht bei mir angekommen, sondern sickert in Momenten wie diesem hier, wenn ich davon schreibe (allein und abgeschirmt in meinem Büro), nach. In der Situation bin ich nicht dazu fähig, einzuschätzen, in was für einer Lage ich gerade bin. Welche Emotionen in mir wirken. Ob ich gerne da bin oder nicht. Ob mir schmeckt, was ich esse. Obwohl ich räumlich und zeitlich absolut orientiert bin. Was mir dann klar ist, mache ich bis es fertig ist. Und dann geht es weiter mit dem einen nächsten Ding.
„Ach Frau Rosenblatt, wo fangen wir denn da an?“, hat meine Therapeutin in der Stunde an einer Stelle geseufzt, an der ich sie ein wenig in diese Dynamik habe blicken lassen. Stellt sich raus, dass ich tatsächlich mit komplexen Abläufen arbeite, erheblichen mental load in meinen sozialen Kontakten jongliere und die Folgen meiner Traumatisierungen das alles sehr stark stören und immer behindern.
Egal, wo man da anfängt, ist es komplex und schwer.
Aber um ehrlich zu sein, bin ich im Moment auch froh, dass meine aktuelle Krise meine Kompensation so sichtbar macht. Es ist heute viel leichter für mich, mit meiner Therapeutin darüber zu sprechen. Es ist mir trotzdem noch peinlich, vor ihr zu essen oder zuzugeben, an was für basalen Stellen ich gerade nicht gut zurechtkomme. Aber es ist leichter für mich, meine geistigen Fäden von diesen Gefühlen und Ängsten abzutrennen, bevor sich alle gleichzeitig drauflegen und gar nichts mehr bei mir ankommen kann.
Als ich eintrete, beschlägt meine Brille.
Im Raum hallen Föhn, Wasser und Schritte. Die Gespräche darin tauchen auf und ab wie die Köpfe von Wellen auf offener See. Es ist ein Termin nach einem Termin, der vierte Tag ohne vertraute Routinen. Am Morgen wurde mein Zahn versorgt, die taube Wange hängt noch ein wenig. Das ist alles nicht ideal, aber die Alternative ist es auch nicht.
Lange kann ich das nicht mehr halten. Diese Atmung, die ich nach unten erzwinge, damit sie weder zu schnell noch zu offensichtlich ist. Die Spannung im Rücken, damit sich nicht irgendwas spontan aufrichtet, die Arme hochreißt und in die Luft greift. Oder in mein Gesicht, in meine Haut, mein Fleisch, meine Haare. Die Härte im Nacken und was auch immer ich da an meinen Ohren mache, damit mir die Geräusche weniger laut erscheinen.
Als ich meine Brille abnehme, damit die Friseurin meine Haare waschen kann, bemerke ich, dass ich, was auch immer ich da mache, auch immer noch halte, um weniger zu sehen. Doch als mir die Massagefunktion des Sessels in den Rücken boxt, ist es mir zu wenig. Da merke ich, wie ich mich in diesen Kontakt reindrehen will, damit er mir richtig wehtut. Es soll nicht nur so angedeutet sein, sondern richtig. Ich bitte die Friseurin, die Funktion auszuschalten. Über einen verzweifelten Druck hinweg liege ich auf diesem Stuhl und denke mich als flachen Stein, über den ein ganzer Fluss hinwegfließt.
Ich bin nicht gerne beim Friseur. Ich mag das alles nicht. Der Fokus auf mich, das angefasst werden am Kopf, das Reden über das, was man wie will, die merkwürdigen Komplimente, die Luft, die Geräusche, die Gerüche, das Kitzeln der abgeschnittenen Haare, die es doch unter den Umhang schaffen.
Aber ich liebe Autowaschanlagen. Ich mag das Durchfahren durch einen lauten, nassen Stinketunnel, dessen Wuschelstrukturen rhythmisch drehend alles vom Auto spülen, was nicht so schön ist und das Abtrocknen der letzten feinen Tropfen.
Also versuche ich mir das Ganze als Fahrt durch eine Waschanlage zu verkaufen. Das klappt ganz gut, bis ich mich im Spiegel sehe und merke, dass alles, was ich will, Schmerz, Hass und kaputt sein ist. Wie ich mir die Haare ausreißen, meine Zähne in mein Fleisch schlagen, ich mich zerstampfen und auseinanderreißen würde, wäre ich nicht in diesem Käfig aus Muskelstahl und Versteckhaut.
Meine Alltagsschicht ist ganz profan. Ganz die bald vierzigjährige Trine Dumpfbeutel ist mein einziges Thema, dass ich bitte nicht wieder einen Bob haben will, weil „nur das bei mir aussieht“. Ich bin fett, I know, aber kann ich bitte nicht deshalb immer so einen Raschelvorhang am Kopf behalten müssen? Wenn Sie mich schon anfassen und mit stinkendem Klebezeugs belästigen müssen, kann ich bitte wenigstens mal was anderes als sonst haben? Was Kurzes, was zum Spielen, was zum in Ruhe lassen …
Ich bin richtig peinlich. Und das Gespräch mit der Friseurin verläuft so, dass ich bei ihren ersten Schnitten heulen könnte, weil ich mir sicher bin, dass ich den Laden wieder mit einer bob-artigen Situation auf dem Kopf verlasse.
Es dauert eine Weile und ich merke, dass das wieder so einer „dieser Momente“ ist. Eigentlich bin ich richtig fertig. Total erschöpft und froh mich selbst gewissermaßen blind und taub machen zu können. Wenn ich will, kann ich es mir auch noch total egal machen. Einfach ganz desensibilisiert dafür sein, was passiert und das Ereignis verstreichen lassen.
Und gleichzeitig will ich genau das ja insgesamt weniger nötig machen. Ich möchte nicht mehr täglich von meinem durch die Länge der Haare allein schon unübersehbaren Haarausfall in Sorgen über meine Fertilität geraten. Ich möchte den permanenten Zug auf meiner Kopfhaut vom Zopf nicht mehr haben und die ständige Geräuschkulisse vom Reiben der Haare über die Kleidung auch nicht. Und der schmerzhafte Haare-kämm-Krampf nach dem Schwimmen – es wäre angenehmer ohne.
Ich muss mich nur trauen, das haben zu dürfen. Mich nur anstrengen, das so zu bekommen, wie ich das möchte. Mehr nicht. Ich muss jetzt nur in die Situation rein und dranbleiben und mich kümmern. Die Spannung halten. Die Angst balancieren. Den Traumascheiß von der Waage kippen und mit Realität ersetzen. Alles, was ich tun muss ist, das Leben anzufassen, dessen Berührung ich selbst gerade kaum aushalten kann.
Dafür nehme ich dann Anlauf. Beobachte die Friseurin. Versuche mir zu erklären, was sie macht und was ihr nächster Schritt sein könnte. An einem Punkt merke ich, dass sie nach einer anderen Schere sucht und mein Haar erneut befeuchten muss. In dem Moment wiederhole ich, was die Person neben mir vor 10 Minuten gesagt hat: „Zeigst du mir mal hinten? Die Länge an der Seite gefällt mir schon gut.“
Ab da geht es ganz leicht. Ich kann aus den Gesprächen in der Luft die Teile herausfischen, die mir nutzen. Die Friseurin versteht mich und schneidet mir keinen Bob, sondern was Kurzes mit was Längerem. Wenn ich jetzt alle 5 bis 6 Wochen wiederkomme, muss ich nichts mehr erklären, sondern nur „bitte nachschneiden“ sagen. Das kann ich ja üben.
Draußen ist es so kalt, dass ich mich dran anlehnen kann.
Der Dauerzug ist weg. Mein Kopfbereich erscheint mir konturierter in meinem geistigen Bild von meinem Körper. Jetzt ausruhen. Zurück in den Bereich, der alles zusammenhält. Statt mit der ganzen Hand mit einer Fingerspitze im Leben stehen. Das ist okay. Fürs Leben muss man Kraft haben. Um Kraft zu schöpfen, muss man sich welche er.holen.
Diesmal wache ich von meinem eigenen Geräusch auf. Bubi ist nicht gekommen. Ich höre seine tiefen Atemzüge im Dunkeln.
Ich weiß, dass dieses Zeitfenster jetzt wichtig ist. Es ist der Grauraum zwischen dem, was ich als „sich reinfallen lassen“ empfinde und dem, was ich als „diszipliniertes dran arbeiten, dass es weggeht“ einordne. Aufstehen, laufen, schütteln, etwas trinken, eine Notiz machen. Uhrzeit, Aufwachgrund, Wie leicht ist es, sich von schwierigen Gefühlen, Gedanken, Handlungsimpulsen zu trennen?, Was ist ok?
Das Bett aufschütteln. Prüfen, ob ich Licht haben will oder nicht.
Mein aktuelles „aus Scheiß aufwach-Protokoll“ fühlt sich vertraut soldatisch an. Ich mache es einfach. Benutze es, um emotional unberührt zu bleiben. Jetzt, hier um 4 Uhr irgendwas, gibt es nichts daran zu lösen oder zu besprechen oder zu prozessieren. Es geht darum, dass ich keine weitere Symptomkaskade auslöse, indem ich darüber nachdenke.
Ich atme. Bubi kommt irgendwann doch zu mir und lässt mich seine weichen Ohren befühlen. Die Nacht ist still, manchmal kommen Geräusche vom Dach. Irgendwann schlafe ich wieder ein, als wäre nichts gewesen.
Am nächsten Morgen werde ich mir erzählen, dass das deshalb so gut geklappt hat, weil ich nicht so ein Geschiss drum gemacht hab. Weil man solche Symptome auch einfach mal nur zur Kenntnis nehmen kann, sie protokolliert, abheftet und den Deckel zumacht.
Am selben Morgen werde ich zurück an die Ordnung meiner Lebenskrise gehen und eine gewisse Dankbarkeit für meine emotionale Abflachung haben. Die Angst, die ich um Weihnachten, Neujahr, Anfang Januar noch hatte, weil ich sämtliche Lebensentwürfe in Scherben vor mir empfand, spüre ich nicht mehr. Dass sie da ist, weiß ich. Meine Gedanken sind alle noch gleich. Der Zug hinter allem, was ich tue, ist von Angst angetrieben. Aber das Gefühl ist weg.
Auch das ein relevanter Grauraum. Wenn ich jetzt einfach wieder zur Arbeit gehen würde, würde es funktionieren. Bis zur nächsten überraschenden Übererschöpfung.
Man kommt lange hin ohne psychisches Feedback. Ohne Gefühl für die eigenen Gefühle.
Ich werde aber in nächster Zeit nicht wieder arbeiten. Nicht so wie in den letzten Jahren. Meine Disziplin, meine dissoziativen Gewohnheiten, umzulenken, ist gerade meine Arbeit. Es ist prima, wenn ich nicht jeden Flashback, nicht jedes Erinnerungsfragment in voller Breitseite erfasse. Es taugt nicht als Informationsquelle und ohne Begleitung meiner Therapeutin fühle ich mich nicht sicher, damit überhaupt irgendwas zu machen. Also kommt der Deckel drauf, bis Zeit dafür ist.
Nicht prima hingegen ist, nicht zu spüren, dass ich hungrig oder satt bin. Zeit zu verpassen, weil ich meine Timer nicht aktiviere und in Einzelaufgaben versinke. Wenn ich mich von der Welt nur umspülen lasse, statt zu interagieren. Mich zu beteiligen. In Kontakt zu gehen und sei es noch so kurz, belanglos oder schlicht beknackt.
Die gute Dissoziation aufs Bettschränkchen, die schlechte ins Skill-Kröpfchen, das ist der Marschbefehl. So funktionierts.
Nicht gut, nicht schlecht – weiter.
„Mir ist Professor Doktor im Traum erschienen“, sagt mein Mann und reibt sich mit der Hand durchs müde Gesicht. „Gut oder schlimm?“ – „Schlimm“.
Wir sitzen auf dem Sofa und merken, dass die ganze Sache doch sehr heftig nachwirkt. Dass wir ein gewaltvolles Gespräch hatten. Dass ein Stachel stecken geblieben ist und sich nicht durch das konstruktive Ende löst.
Mein Mann hat eine Vergangenheit als Krankenpfleger. Seine Einsichten in Krankenhausabläufe und die Dinge, die Behandler_innen tun, wenn (Wider)Wille, Macht und Befähigung zusammenkommen, sind erschütternd.
Und bringen mich dazu, über meine Einsichten neu nachzudenken.
Meine Erfahrungen mit Machtmissbrauch im Behandlungskontext erstrecken sich von der Pflegeperson, die einen Behandlungsplan ausfüllte und behauptete, ich hätte das getan, bis zu Behandler_innen, die mir sagten, sie würden mich auch einfach in die Familie entlassen können, wenn ich nicht mitmache (und artig bin). Die Ärztin, die den Klinik-GAU 2016 ausgelöst hatte, war in der Reihe eigentlich noch harmlos. Da hat man mich einfach in totaler Not allein gelassen und mir vermittelt, ich hätte sowohl die Not als auch die Entlassung selbst zu verantworten. Das ist im Grunde Alltagsgewalt für chronisch kranke Menschen. Ein Klassiker. Der Klassiker für Menschen mit seltener Erkrankung oder zusätzlicher Behinderung.
Mein Mann kennt andere Geschichten. Schlimmere. Geschichten, aus denen übergriffiger Paternalismus spricht. Behandlungsverweigerung. Verschleierung von Tatsachen.
Geschichten, die sich in unserem Fall, in der Klinik, in dem Szenario, in dem wir da sind, mit einer Leichtigkeit umsetzen ließen, sodass weder wir noch irgendjemand anders im Raum irgendetwas davon mitbekommen würden.
Es dauert nicht lange, da sind wir beim Thema „Vertrauen“.
Haben wir bisher hauptsächlich Vertrauen in die Profession aufbringen müssen, so müssen wir jetzt jemandem vertrauen, die_r unseren Wunsch persönlich möglicherweise doch für unangemessen hält und zusätzlich auch noch die Möglichkeiten (die Macht) hat, die Erfüllung dessen zu sabotieren.
Wir haben keine Kontrollmöglichkeiten. Wir haben überhaupt nichts, womit wir uns im Verlauf der gesamten Zeit zu 100 % darüber versichern können, dass unsere Behandler_in wirklich für uns und unser Anliegen ist. Wir sind gezwungen, ihren Aussagen zu glauben und unseren Eindruck immer wieder damit abzugleichen. Und Eindrücke können täuschen.
Und Täuschung – denken, alles ist gut, und dann stellt sich raus, dass plötzlich ganz global und bis ins Existenzielle rein überhaupt gar nichts gut ist – da sind mein Mann und ich sehr empfindlich. Da haben wir beide wunde Punkte und schmerzende Stellen. Wir nehmen sehr weite Umgänge in Kauf, um da nicht berührt zu werden.
Daneben bringt die Situation Verarbeitungsimpulse für mich selbst und mein ganzes Helfer_innen-Thema mit. Denn jetzt beobachte ich meinen Mann in der Belastung, mit der ich vom 15. bis ins 30. Lebensjahr weitgehend allein war.
Ich sehe jetzt, wie brutal es ist, anzunehmen, irgendwas davon wäre von ihm selbst ausgelöst gewesen. Oder, dass er nur irgendwie lieber, passender, angenehmer hätte sein müssen. Er war in dem Gespräch richtig gut. Da war überhaupt nichts falsch oder zu viel. Und hätte es einen unsichtbaren doppelten Boden auf sozialer Ebene gegeben, dann hätte er ihn gesehen und beachtet. Er ist da nicht so tüfflig wie ich.
Und ich sehe eine Angewiesenheit, die ich in Bezug auf meine Situationen immer für überzogen hielt, weil ich sie in Teilen als traumareaktiv verstärkt eingeordnet – also abgewertet – habe.
Klar, unsere Behandlung heute ist etwas anderes, als meine Traumatherapie früher. Andererseits war es zwischen 2002 und 2016 auch so, dass ich mit der DIS-Diagnose nicht ohne Weiteres in jede x-beliebige Klinik oder zu Behandler_innen jedweder Profession gehen konnte. Jedenfalls nicht ohne erhebliches Risiko der Falschbehandlung mit allen Konsequenzen.
Für mich ist es bis heute so, dass ich angewiesen sein mit kindlich sein gleichstelle. Und meine Kindlichkeit abwehren und unterdrücken muss, weil sie für mich Traumanähe bedeutet. Und zwar nicht geordnet mit nachvollziehbaren Tathergängen oder Szenen, die beschreibbar sind, sondern unkontrollierbar und fragmentiert mit Flashbacks, Zustandswechseln, Ängsten und allem, was Körper in diesem Zusammenhang machen.
Die reale, faktische Angewiesenheit von Patient_innen generell habe ich bisher nur abstrakt betastet. Als ich zum Beispiel recherchierte, ob ich die Klinik anzeigen oder verklagen könnte. Oder als ich recherchiert habe, wie meine so frühe DIS-Diagnose und die Behandlung in der KJP damals rechtlich abgedeckt war. Ob meine Eltern hätten klagen können.
Und natürlich jedes Mal, wenn ich versuchte, die Situationen zu analysieren.
Ich weiß, dass meine Texte darüber oft so gelesen werden, als hätte ich durch die klare Zuordnung der Macht auch eine klare Zuordnung von Opferschaft und in der Folge eine eindeutige Selbstpositionierung. Für mich ist das nicht so.
Ich arbeite nicht mit dem Schema „Macht = Täter_in = Böse/Schuldig = Schlecht = jedes Recht auf Annahme, Fürsorge … Menschlichkeit verloren“ und entsprechend auch nicht mit dem Schema „Ohnmacht = Opfer = Lieb/Unschuldig = Gut = ausschließlich Recht auf Annahme, Fürsorge … jedes Recht auf Menschlichkeit“
Für mich ist Gewalt keine dichotome Sache. Also etwas, bei dem es ausschließlich 2 Seiten, Aspekte, Urteile oder Bewertungen geben kann.
Das heißt nicht, dass ich mich nie als Opfer von irgendwas wahrgenommen hätte. Das heißt vor allem, dass ich mich nie ausschließlich als Opfer wahrgenommen habe. Obwohl ich es in manchen Situationen möglicherweise doch ziemlich eindeutig war.
Und mir heute bewusst zu machen, dass ich meine Selbstpositionierung in Bezug auf den Klinik-GAU zum Beispiel oder frühere Behandlungskontexte an der falschen Stelle vorgenommen habe – nämlich in diesen furchtbaren Gesprächen und nicht schon an dem Punkt, an dem ich aufgrund meiner Angewiesenheit überhaupt in diese Gespräche geraten bin –, das ist gerade sehr erhellend für mich.
Ich konnte und kann auch heute – genau wie mein Mann und andere Menschen – überhaupt nichts anderes machen, als in Kontakt zu gehen. Selbst wenn ich die Phrase „Wenn was ist, melden Sie sich“ nicht als Kontakt-/Beziehungsangebot eingeordnet hätte. Selbst wenn ich nie geglaubt hätte, dass sich, wenn ich dann komme, Wege und Möglichkeiten finden würden. In dieser Konstellation war auf die Behandler_innen zuzugehen und zu sagen, was ist, das Einzige, was ich aktiv einbringen konnte.
Und das ist keine gewaltvolle Handlung. Vielleicht ist es eine Reizung. Eine Herausforderung. Eine Überraschung. Eine Unbequemlichkeit. Etwas, das unerwartet (Arbeits‑)Kraft erfordert. Ja, vielleicht ist es auch eine Art „zu nahe treten“ gewesen. Oder eine Überforderung. Aber zu keinem Zeitpunkt war es etwas, das meine Angewiesenheit „genullt“ hat. Nur weil ich etwas sagen konnte, war ich nicht ermächtigt.
Kein stummes oder passives Opfer gewesen zu sein, bedeutet nicht, Tatverantwortung übernehmen zu müssen.
Dass die Ärztin (und ihre Chefin sowie alle ihre Kolleg_innen) hingenommen haben, dass mir der GAU überhaupt passierte und ich mich im Nachgang als tatverantwortlich empfunden habe, ist schon eine sehr spezielle Verweigerung der Anerkennung des Machtverhältnisses. Und eine Abwehr jeglicher Mitverantwortung für meinen Zustand zu dem Zeitpunkt.
Wäre meine ambulante Therapeutin nicht eingesprungen, hätte ich mich noch am gleichen Tag suizidiert und die ganze Sache wäre zu einer Schuldfrage geworden. Was ja noch weiter vom eigentlichen Problem weggeführt hätte.
Am Ende muss man anerkennen, dass eine Behandler_in-Patient_in-Beziehung eine Beziehung ist, die bestimmte Beziehungsfähig- und ‑fertigkeiten erfordert.
Komplextrauma passiert in Beziehung und beeinflusst diese Fähig- und -fertigkeiten.
Mein Autismus beeinflusst massiv, wie ich in Beziehung trete und wie ich sie gestalte.
Meine Angewiesenheit und die Ermächtigung meiner Behandler_innen führen zu einer Beziehung, die effektiv nur von einer Seite gestaltet werden kann. Und das ist nicht meine Seite.
Für mich ist es krass, so über den Klinik-GAU bzw. die Ärztin und ihre Team-Eminenz zu denken. „Sie_r war (in dem Moment) einfach nicht fähig, verantwortlich mit der Situation bzw. dem, was sie von mir gehört/verstanden hat, umzugehen. Sie hat inkompetent gehandelt.“
Dabei hatte ich exakt den gleichen Gedanken in Bezug auf Professor Doktor im Zusammenhang mit meinem Mann. Und hatte 0,0 Skrupel oder Zweifel oder Angst dabei, sondern eher Ärger. Enttäuschung. Denn aufgrund ihrer Kompetenzen hatten wir sie ja als Behandler_in ausgesucht.
Jetzt lassen wir es weiter wirken.
Überlegen, ob wir wirklich da bleiben.
Ich muss mich mit einem Inneren befassen, das sagt: „Nee Fräulein, du bleibst da jetzt – du hast dir das selbst eingebrockt, du frisst das jetzt.“ und einem anderen, das sagt: „Ja ja traumabedingte Vermeidung – du willst dich ja gar nicht stellen. So kommst du nie vorwärts.“
Und ich muss mich damit befassen, dass uns das auch in einer anderen Praxis passieren kann. Dass wir letztlich gar nichts machen können, um das zu verhindern – außer wir meiden Kontakt. Machen uns stumm. Sind passiv, wenn uns etwas belastet oder verletzt, was in der Behandlung passiert. Dann wird uns solch ein Gespräch nicht passieren. Aber schützen vor Schmerz, Belastung oder Not kann es uns auch nicht.
Wenn das passiert, sind wir immer Opfer. Es sind immer die Be.Handelnden und ihre (Beziehungs)Kompetenzen, die darüber bestimmen.
Das Vertrauen, das wir aufbringen müssen, ist enorm.