Kategorie: Innenansichten

Schale

Ich fühle mich geschält. Wie diese Kartoffeln im Glas, nur dass der Zug, in dem ich sitze, das Glas ist und in kein Supermarktregal passen würde. Aber ich. Ich fühle mich so klein geschält, dass ich froh bin um diese große Hülle. Es ist Dienstagabend, reichlich spät, denn wieder hat mein Zuganschluss in Minden nicht geklappt. Wieder warten wir im Dunkeln, im Kalten, im Alleinen zwischen zwei Welten und sind dabei selbst weder fest noch flüssig.

NakNak* atmet auf meinen Schoß, in ihrem Fell wuseln die Anderen wie Flöhe auf der Suche nach Nähe, Wärme, Halt. Alles ist schwer, sogar an meinen Wimpern hängen Senklote.
Als wir aus dem vorletzten Zug aussteigen wollen, spricht mich eine Person an. Ich reagiere nicht, bin verzehrfertige Kartoffel-klein. Denke, soll er sich große Leute suchen, um zu sprechen. Er winkt mir zu, tritt näher an mich heran. Ich höre zu. Dann doch. Weil ich mich ohne Schale einfach nicht abgrenzen kann. Und weil ich keine Kraft mehr habe. Für Widerspruch, für meine eigenen Grenzen, für nichts und niemanden. „Wobei würde der Hund denn assistieren?“ fragt die Person und ich höre wieder weg. Dafür – für all das, was an dieser Situation falsch ist – habe ich erst recht keine Kraft. „Das ist eine extrem private Frage.“. Sagt eine andere. Dann hält der Zug und wir steigen aus.

Es ist kalt. Es ist dunkel. Ich bin allein.
Und trotzdem gibt es Dinge, die total privat sind.
Und eine andere, die noch eine Schale hat. Oder ist.

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Irgendwann in meinem Leben will ich es schaffen, dass Leute sehen, wenn wir mit einer Akku-Ladung zwischen 5 und 10 Prozent versuchen, dieses Ding namens „Alltagsleben“ geschissen zu kriegen.

10% fühlen sich für mich gerade an wie 100%. Weil ich die meiste Zeit mit 2% rummache.
Vielleicht wirke ich deshalb nicht so schlapp. Ich habe keine Ahnung.
Und eh – wie verwirrend ist das alles. Von allen Seiten wird mir angetragen, doch zu machen und zu tun und werden und zu sein, doch was ich tue ist entweder das Falsche machen, nicht zur richtigen Zeit machen oder irgendwie nicht nachvollziehbar oder „Das musst du selber entscheiden, ich kann dir nur sagen, was ich denke“. Uff. Ja was denn nun. Darf ich, was ich will oder soll ich „das Richtige“ machen?

Ich weiß es wirklich nicht. Denke so oft: Du hast keine Ahnung.
Und verkrieche mich hinter der Härte von K., die macht, was wir wollen, wie wir können, so lange bis von 10 noch 0.2% übrig sind. Weil ich nicht weiß und merke, niemand sonst weiß, aber meint oder glaubt oder wünscht oder will oder findet.

Plötzlich sind da wieder Dinge zu sagen wichtig wie: „Du bist nicht, was du tust.“, „Wenn dir jemand irgendetwas sagt, das dich nominalisiert, dann ist es sehr wahrscheinlich emotional übergriffiger Mist“, „Es ist okay, nicht zu entsprechen.“, „Streiche alles, was dir von anderen angetragen wird, auf die wenigen Dinge zusammen, mit denen du konkret etwas anfangen, verändern, beenden kannst.“

Jetzt Abstand machen können, ohne persönlich zu kränken, ohne irgendwelche Dinge zu verkomplizieren. Einfach ein Fenster ins Jetzt ritzen, durchklettern und nahtlos hinter sich verschließen. Ganz leise. Damit es nicht auffällt, kommentiert wird, bewertet oder zu einer Eigenschaft erklärt wird. Das wär gut. Kurz mal weg sein für eine Weile. Nur kurz. Eine Woche vielleicht. Ohne, dass das was bedeutet oder bewirkt oder erklärt oder gerechtfertigt oder irgendwie mit irgendwas aufgeladen werden muss.

Einfach nur so. Eine Woche nicht sprechen. Nicht außen sein müssen. Nur dem Ladebalken nachspüren. Merkwürdig, was das plötzlich für ein Privileg ist.

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Es war das Wort „Kinderzimmer“.
Erst in einer Therapiestunde, in der es DARUM ging und ich der Therapeutin und einem Innen dabei zugehört habe und dann bei der Anhörung am Freitag nochmal.
In dem Gespräch mit der Therapeutin hatte es mich stutzig gemacht, aber irgendwie Sinn ergeben. Das Innen, das mit ihr gesprochen hat, hatte ein Kinderzimmer. War ja ein Kind. Ist es ja jetzt noch.
Bei der Anhörung fiel das Wort auch und hebelte mich irgendwie neben den Inhalt.

Heute morgen hab ich mich gefragt, wieso und die Antwort kam dann jetzt.
Ich hatte nie ein Kinderzimmer. Ich hatte Wohngruppenzimmer und Klinikzimmer und dann 2-Zimmer-Küche-Bad.

DAS DA ist wo passiert, wo es mich auf mehreren Ebenen nicht gab.
Ich war nie Kind und ich war nie das Kind, dem DAS DA passiert ist. Geschweige denn dort, denn meine Zimmer hießen „die 4“, „im 3er“ oder „das, wo vorher X drin war“. Das entfernt die Gewalt, die da passiert ist, für mich doppelt.

Und da ist es wieder. Das Ding, das dazu verleitet von Vielen zu denken, sie hätten unterschiedliche Realitäten oder Welten in sich. Tatsächlich sind es die verschiedenen Lebensabschnitte, die zu eigenen Er_Lebenswelten werden, weil sie nicht miteinander verbunden und integriert sind.
Ich weiß, dass ich mal ein Kind war. Ich weiß, dass nicht nur den Anderen DAS DA passiert ist.
Aber so habe ich das nicht erlebt. So fühlt sich das nicht an.
Und toll ist das auch nicht für mich.

Man könnte ja denken: „K. die Dancefloorqueen im Vermeidungstanz, ist doch sicher total froh darum“. Aber so ist es nicht. Ich empfinde das als Verlust. Es macht mich traurig, ich habe das Gefühl, dass mir da mehr fehlt als die Erinnerung an eine Gewalterfahrung. Ein Kinderzimmer haben ist ja nicht nur das, was man darin erlebt. Es ist ja auch, was man selbst darin macht und auch, was es für den sozialen Status bedeutet, ein eigenes Zimmer zu haben bzw. ein Zimmer zu haben, in dem man Kinderkram, also eigenen Kram haben kann. Und vielleicht auch irgendwie so etwas wie eine eigene Welt haben kann? Kinderkram ist kleiner als Erwachsenenkram. Bunter. Schriller. Wenn ein Raum damit gefüllt ist bzw. insgesamt an die Bedürfnisse eines Kindes angepasst, dann gibt es nochmal ganz andere Optionen der Selbst_Erfahrung, als in der Welt, in der alles auf Erwachsene (Körper) ausgerichtet ist.

Tja. Dissoziative Amnesie.
Again: Kein ausgestanzter Shit, der ausschließlich das Schlimme wegnimmt.

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3 Dinge, die mir jetzt durch den Kopf schwirren.

Erstens, die Frage der einen Person bei der Anhörung: „Wollen Sie sich eigentlich wirklich daran erinnern? Wie geht man denn damit um?“
Zweitens, die Frage danach, was ich mir denn für meine Zukunft wünsche.
Und Drittens, die Erkenntnis, dass ich, wir Rosenblätter, unerwartet von unserem eigenen Traumading eingeholt wurden.

Zu allem würde ich gerade unheimlich gern alle meine Gedanken aufschreiben, Aber wofür. Ich hab das alles hier schon tausend Mal hingeschrieben. Vielleicht nicht so schmissig wie ich das jetzt, einen halben Liter Cola im Bauch und noch eine Menge Gilmore Girls-Schwung unter der Haut hinfetzen könnte, aber doch eben schon mal gesagt. Und trotzdem schreibe jetzt manches davon auf.

Ich will mich nicht erinnern, ich tus aber dauernd. Und niemals ist es eine Wahl. Eine Wahl ist, die Erinnerung einzuordnen. Sich zu widmen, sie in Bezug zu mir zu setzen.
Es geht mir besser wenn ich zulasse, dass es Erinnerungen sind. Deshalb wähle ich die Arbeit daran, damit, an mir, an meinen Möglichkeiten des Umgangs.
Ich verstehe, wo die Frage herkam. Verstehe auch, dass so einiges im Leben von Vielen so erscheint als gäbe es die Option, dass sich die einen für dies und die anderen für das entscheiden können. Tatsächlich bedeutet Vielesein aber, dass sich immer alle für alles gleichzeitig entscheiden. Selbst dann, wenn die einen etwas machen, was die anderen nicht wollen, so machen die, die es nicht wollen ja eben doch genau das, was die anderen wollen. Weil alle Eine_r sind. Es gibt nie entweder oder. Es gibt immer Leben mit innerem Widerspruch. Mal laut, mal leise, mal mit guten, mal mit unangenehmen Konsequenzen.
Ich will mich nicht erinnern. Aber es erinnert sich. Und mich und die anderen. Ich habe keine Wahl – nur Umgangsmöglichkeiten. Manchmal denke ich, dass das sogar gut ist. Denn wenn es mich zum Umgang bringen kann, dann bringt mein Umgang vielleicht an irgendeiner anderen Stelle irgendwas. Zum Beispiel, dass andere Leute in der gleichen Lage sehen, dass man das überleben kann. Obwohl es sich meistens nicht so anfühlt und der Sache, dem Leben in dieser Zeit, dieser Gesellschaft, auch nicht immer wirklich so richtig doll wert erscheint.

Womit wir beim Zweiten wären. Zukunft.
Sie hat gefragt, was ich mir für mich wünsche und ich hatte meinen ersten Gedanken und dachte, wie scheiße bin ich eigentlich. Was für eine egoistische oberflächliche Person. Ich schreibe das nicht hier auf, werde auch nicht mit jemandem darüber reden, es ist peinlich und bescheuert.
Aber – da war ein Wunsch und er ging über bloßen Überlebenswillen hinaus. Weit hinaus.
Und was bedeutet das? Sind wir im Leben angekommen? Sind wir fertig mit dem Überlebendsein? Bereit für die Phase, in der man nicht mehr permanent am seidenen Faden hängt, weil da einfach endlich mal sowas ist wie Lebens_Raum, in dem man sich selbst an einer Zeitachse entlang verortet und entsprechend irgendwie anfängt sowas wie Visionen für sich zu entwickeln?
Was ist das für eine Zukunft, in die ich uns das reingewünscht hab? Ist das eine, für die sich das alles gelohnt hat? Das ganze Kämpfen ums Über_Leben?

Und schlussendlich: Kämpfen ums Überleben
Es ist spät, gibt jetzt keine Brücke mit Tüll drauf und Schwänen drunter, dieser Aspekt kommt jetzt einfach so. Bumms.
Die Anhörung lief gut, wir haben geredet und wir wurden gehört.
Exakt wie in jedem Hilfeplangespräch, jedem Erstgespräch für eine Therapie, jedem ersten Beratungstermin in den Jahren von 2001 bis 2012.
Wir haben uns eine Über-uns-Reden-Routine antrainiert und wir haben das vergessen. Oder verdisst oder wollten nicht glauben, dass uns das nochmal einholen könnte. Aber es hat und zwar gründlich. Nicht in allen Aspekten, aber es hätte mir früher auffallen können und das ist es nicht.
Ich ärgere mich und jede_r die_r mir hier drunter schreibt oder irgendwann mal sagt, dass ich nicht so einen hohen Anspruch an mich, uns, stellen soll, kriegt von mir Pickel an den Arsch geflucht.
Denn was außer der Anspruch an mich, an uns, soll es denn sein, der uns zu irgendwas hinbringt?

Niemand stellt Ansprüche an uns. Niemand erwartet von uns „gesund“ zu werden. Niemand erwartet so richtig von uns, dass wir „weiter“ kommen. Alle sind immer froh und freuen sich mit uns, wenn wir mal was schaffen. Wenn wir weiter kommen, obwohl nicht so wirklich kommuniziert ist, was das eigentlich konkret bedeuten soll.
Mir kommt es manchmal so vor, als ob der Umstand, dass wir da sind, dass wir noch leben, dass wir in Kontakt gehen und bleiben irgendwie genau das von uns erwartete Optimum ist. Und ja, vielleicht ist das an manchen Tagen und in manchen Aspekten auch alles, was wir erfüllen können und wollen, aber ganz sicher nicht in Bezug auf alles.
An uns werden bestimmte Forderungen einfach nicht gestellt. Niemand erwartet von uns, dass wir bestimmte Dinge einfach mal sagen. Niemand stellt sich hin und sagt: „Ja ja Rosenblatt das ist deine Lebensgeschichte, was ist mit deiner Gewaltgeschichte?“ N I E M A N D und wir sind selber schuld. Beziehungsweise, wir produzieren das selber mit. Seit Jahren. Weil es schützt. Weil es dafür sorgt, dass man neben Erwachsenwerden mit komischer Skandalkrankheit und bizarrer Symptomatik ohne familiäre oder monetäre Sicherheiten inmitten von verantwortungsscheuen und/oder lichterloh brennenden Erwachsenen nicht auch fühlen, „sehen“, spüren muss, was sich da alles mitbewegt, wenn man mehr als „3 Wochen in XY gewohnt, Suizidversuch, Klapse“ sagt.

Wir arbeiten uns seit Jahren daran ab, einerseits unseren Schutz durch unser Rosenblättersein zu behalten und gleichzeitig eben nicht mehr rumzueiern und Dinge auszusprechen. Und gleichzeitig ist da niemand die_r das von uns erwartet. Es ist keine Bedingung in der Therapie, es ist nur klug, es genau hier nicht zu tun, es ist kein Teil irgendeines unserer Kontakte.
Und das ist toll, bitte versteht das nicht als Aufruf, die ihr das lest und ihr wisst, wer ihr seid.
Es ist nur so, dass durch so einen Nichtanspruch auch das Gefühl entsteht, dass es unwichtig ist, was da passiert. Aber das ist es nicht, denn es quält. Es ist da, es will gesagt werden, oft genug ist auch alles dazu da. Wissen, Gedanken, Sicherheit, Vertrauen – das ganze Paket – aber dann fehlt ein Anfang. Oder ein Anfangsatz. Oder Wörter insgesamt. Dann ist da die Dissoziation oder aber – wie jetzt bei dieser Anhörung – einfach keinerlei Alternative zu dem eingeübten Sprechen, von dem man weiß, dass es genug Informationen sind, um einem „keine Anforderungen“-Anspruch gerecht zu werden.

T. hat später am Telefon etwas Gutes gesagt. Nämlich, dass es nicht um Vollständigkeit geht. Ich glaube das ist wirklich gut. Tröstet auch. Nimmt Druck und löst das Gefühl irgendwie nicht gut genug mitgemacht zu haben, weil man andere relevante Aspekte nicht eingebracht hat.
Andererseits ist es  auch wieder ein Keine-Erwartungen-Anspruch, der damit erfüllt wird und damit auch wieder etwas, das mir das Gefühl gibt von mir, von uns, sei ja auch nichts zu erwarten. Nicht mal so etwas, wie die eigenen Lebenserfahrungen in wenigstens annähernder Gänze aussprechen zu können. Nicht mal das.

Und das ist knallbitter.
Denn am Ende dieser Gedankenkette sitze ich da und denke: „Okay, niemand erwartet was von mir. Wieso bin ich hier. Was mach ich das hier. Wozu das alles.“ Die ganze Bindungstraumakette einmal rauf und runter. Suizidmambo Nr. 5.

Und gleichzeitig hab ich jetzt diese Idee bewusst, wie es in einer okayen Zukunft sein könnte. Und den Anspruch an mich, an uns, aus uns selbst heraus genau da zu hinzukommen, wo wir dann sein wollen. Obwohl das niemand von uns erwartet.

Damit jetzt ins Bett. Schlafen für morgen, weitermachen für viele weitere Morgens. Morgene. Zukunft.

 

12

U., unsere Buchbinderei-Lehrerin, hat mich gefragt, wie Wien war und später dachte ich darüber nach, ob ich im Blog eigentlich darüber geschrieben hatte. Und konnte mich nicht dran erinnern.
Ich weiß nicht, ob es an den Anstrengungen und der Erschöpfung liegt, dass es mir so fern vorkommt. Das Schreiben ist gerade keine “die Intuition laufen lassen”-Routine, es ist echte Arbeit, richtiges sich an die Tastatur schleifen und alles Wortartige festhalten.

Ich hab mich gefragt, ob ich keine Themen mehr habe, ob die Steady-Unterstützung mehr Druck auslöst, ob die zunehmende Bekanntheit des Blogs mich bremsen. Aber nein, das ist es alles nicht.
Es ist die Redundanz. Ich kotze mich selber damit an, seit Jahren immer das Gleiche zu schreiben und es damit zu banalisieren noch lange bevor andere Leute überhaupt verstanden haben, was ich ausdrücken will oder analysiert habe. Und gleichzeitig – wir müssen hier ja nicht ständig unsere Analysen teilen oder irgendwelche Debattenbeiträge schreiben – ist es die neue Bewusstheit für uns.
Seit wir den Freund im Leben haben, versuchen wir uns vorzustellen, wie wir auf ihn wirken, wie das, was wir tun aussieht, ob es nachvollziehbar ist oder komplett w.irr wirkt.
Uns fallen dabei immer mehr Bereiche im Leben auf, die schwierig sind. Aspekte des Alltags für die wir nicht mehr so umfänglich amnestisch sind und deshalb in ihrer Problematik für uns bewusster werden. Ich weiß, dass es schwer zu glauben ist für manche Leute, die uns hier, zum Teil schon seit Jahren, lesen, aber wir Rosenblätter er.leben vielleicht 25- 40% des Alltags und davon nicht einmal alles direkt im Sinne von “als selbst er_lebt”.
Zu merken, wie viel da noch ist, ist heftig. Das war nie anders und hat eigentlich nie den Schrecken verloren.
Und jetzt merken wir noch dazu, wie viel da noch sein könnte, würden wir nicht so phobisch sein. Wäre unsere Phobie nicht so tief in uns hineingewebt, dass sie wie ein unwillkürlicher Reflex funktioniert.

Da tauchen immer wieder Themen auf, die wir hier gar nicht aufschreiben können, weil es uns wegreißt, sobald wir nur dran denken. Der Abstand ist noch nicht da. Und wenn er mal da sein wird, dann werden wir merken, dass wir wieder im rosenblattschen Analysemodus landen, der uns wieder wie jemand wirken lässt, die_r alles schon durch hat. Das ist unglaublich frustrierend. Und ja auch nicht nie dagewesen.

Wir wollens anders hinkriegen. Machen Dinge anders als sonst.
Das beansprucht uns. Deshalb fallen manche Dinge weg. Zum Beispiel ein Reisebericht oder ein Einblick da hinein, wie das ist, aus “aufgeschrieben” zu lesen und so anspruchsvolle Themen zu bearbeiten, während man allein, im Ausland, schon ziemlich weit erschöpft nach Schulabschluss, Umzug und viel Arbeit, ist.

Es ist Prozess. Mein, unser Frust am Blog, an uns auch. Das alles.
Verdammte Axt.

9

Nightwish. Klapskindjahre. Es ist jetzt 16 Jahre her.
Und dann: wir hier in dieser großen Wohnung ganz allein, der Freund flauscht NakNak* nach dem Spaziergang, wir können hier schalten und walten, wie wir wollen.
Das ist alles be.merk.würdig.

Wie er seine CD’s durchwühlt, die bunten Haare im Gesicht, in meinem Schlafanzug, mein Abendbrot für den Freund und mich auf dem Herd. Er ist älter geworden, hat aufgehört zu rauchen, will im Frühling nicht mehr raus raus raus weglaufen. Seine Spannung ist eine andere als damals und doch noch immer irgendwie verloren. Er beobachtet mich und wackelt den Kopf mit dem Takt der Musik. Wartet auf mein Unbehagen über die Lautstärke. Ich deute auf das Umunsherum und sage ihm, dass auch um dieses Haus herum nicht viel ist. Wir wissen beide nicht, was das genau bedeutet, nur, dass es für jetzt okay ist.

Die Klapsmusik in laut anhören. Das bricht etwas auf, ohne, dass ich sagen könnte was. Es macht einen Unterschied, ob man sich in dem Raum zwischen zwei Kopfhörern versteckt oder eine Wohnung zu eben diesem Raum macht. Zu dem Raum für sich allein.

 

6

Geschafft, was geschafft werden musste. Danach Sims 3.
Das war wichtig und gut wie immer. Runterfahren, absolute Redundanz, Vorhersehbarkeit, ein Ablauf nach dem anderen, 100% Erfolgsgarantie. Soziale Interaktion, die keine ist, aber doch so wirkt.
Sims 3 zu spielen, ist Stimming für uns. Die schwere Decke dabei auf den Beinen, NakNak* im Sessel neben uns. Für einige Stunden ganz allein. So gehts.

Uns gehts nicht gut gerade. Aber es – das Leben, der Lauf der Dinge – geht gut. Es ist kein Stillstand. Nur langsamer. Mit mehr Schlafen, mehr Ruhe, mehr langsam, mehr eins nach dem anderen, damit der Salat kein Feuer fängt.

2

Zweiter Tag, wieder sehr spät.
Ich wäre gern davon überzeugt, heute etwas geschafft zu haben, aber es geht noch nicht.
Da ist etwas Unterbittliches. Genauer: Jemand, die_r unerbittlich mehr von mir erwartet, als meine Entspannung, mein Ausruhen. Dabei gehört das genauso zur Arbeit, wie das unentwegte Produzieren.

Da wird kein konkreter Anspruch formuliert. Deshalb denke ich an ein Kinderinnen, das nie verstanden hat, womit es konfrontiert war oder ein Täter_innenintrojekt. Also auch wieder ein Kinderinnen, das nie verstanden hat, womit es konfrontiert war. Nur anders.
Ach ach, es ist immer so kompliziert.

1

Im November wird wieder geschrieben.
Ich denke, dass es mir gut tun würde, jeden Tag etwas aufzuschreiben. Egal was. Hauptsache Wort.
In der letzten Zeit kommen wir nicht viel zum Schreiben, selbst dann nicht, wenn wir Zeit dafür haben. Die Ruhe fehlt. Das Sitzen auf der Essbank, mit dem Rücken zum Bullergeddo, den Füßen in den Kniekehlen.

Und die Konsistenz. Wir sind umgezogen und der Zug ist noch zu spüren.
Wir arbeiten zu viel, ich spüre die Erschöpfungsdepression und habe nur „Jetzt noch ganz schnell hiermit fertig werden – losloslos“ dagegen in petto. Jeden Tag etwas aufschreiben, das würde etwas Stabilität bedeuten. Vielleicht. Das tägliche Zeichnen hat diese Stabiltät nicht gebracht. Im Gegenteil. Sie hat aufgezeigt, dass wirklich 3 Jahre vergangen sind ohne, dass ich das Zeichnen geübt oder weiterentwickelt habe. Es zeigt mir mehr Arbeit, die vor mir liegt. Vielleicht ist das die wahre Challenge hinter dem Inktober. Das zu merken und nicht frustriert allen Murks im Mülleimer zu versenken, das restliche Zeichengedöns gleich hinterher.

Ich probiere das mit dem täglichen Schreiben.
Da ist ein angefangenes Buchprojekt und ein Loch, wo mal guttuende Routine war.

Kongruenz

„Dieser Monat wird der Wahnsinn“, das denke ich seit Januar oder Februar.
Ich denke das in vollem Bewusstsein über alle Implikationen des Wortes „Wahnsinn“ und doch auch in vollem Bewusstsein darum, dass mir einfach kein anderes Wort dazu einfällt. Und schon beim Aufschreiben dieses Satzes beginnt in mir eine Bewegung darum, die Schlimmheit dieser Ohnmacht zu spüren, ihr so hilflos gegenüber zu stehen. Wächst da eine weitere Schicht Anspruch an mich, gefälligst nicht so zu sein. So hilflos. Vor all dem.
Es ist ja gewählt, es ist ja gewollt, in Wahrheit ist es von mir gemachte Ohnmacht, eingebildete Ohnmacht, lieber als angenommene Verantwortung-Ohnmacht. Und doch auch nicht. Denn am Ende zählt nicht, was „in Wahrheit“ ist, sondern, was in uns passiert. Und das ist Ohnmachtsgefühl. Egal wovor eigentlich genau.

Nach dieser langen, dichten, schönen Woche in Wien fahren wir nach Hause und wissen einmal mehr, was wir alles schaffen können. Wir können durch die Fremde laufen, stundenlang auf Beton in Barfußschuhen. Können ohne NakNak*, ohne irgendjemand anders an unserer Seite sein. Wir schaffen es, „den Faden zu halten“ zu unseren Leuten, ohne sie zu sehen, zu hören, zu lesen, mit ihnen zu sprechen. Wir fühlen sie und können sie uns auch dann als zu uns gehörend einordnen, wenn wir gerade nicht bei ihnen sind. Das ist viel. Enorm viel. Objektkonstanz. Wow.

Und gleichzeitig fühlen wir aber auch die anderen. Innen. Und zwar konstant. Selbst dann, wenn unsere Grenzen und Kapazitäten schon weit ausgereizt sind und uns eigentlich in die Schmerzlosigkeit des Funktionierens, der Euphorie, des einzig Reagierens hineindissoziiert haben müsste.
Die beschriebene Ohnmacht hat genau damit zu tun. Und mit ihnen.
Damit, dass wir ohnmächtig vor ihrer Existenz sind. Sie sind da und wirken in unser Er_leben hinein und es gibt nichts, was wir dagegen tun können. Nicht einmal „dagegen sein“, denn wir wollen das ja. Merken ja selbst, wie viel mehr da ist, wenn beides da ist – wir und sie –

aber

Wir merken, was für ein Wahnsinn das alles ist.
Dass wir tun, was wir tun, obwohl sie und alles von ihnen da ist und obwohl nicht zuletzt auch sie ja überhaupt ein Grund dafür sind, tun zu können, was wir können und letztlich genau das zu tun, was wir tun.
Aber auch, dass wir es tun. Dass wir das tun und nichts anderes. Zum Beispiel auf Wände starren und uns im Muster der Tapete oder den Geräuschen aus uns selbst zu verlieren. Oder uns zu betäuben oder uns wegzugeben.

Was für ein Wahnsinn ist das, keine 2 Millimeter hinter sich eine traumaschleimige Hölle brodeln zu haben und gleichzeitig mit der Banalität des Hier und Jetzt zu verwachsen.
Ja, ich könnte das auch einfach „Widerspruch“ nennen, aber das ist es nicht. Hier spricht niemand jemandem zuwider. Wir er_leben hier keinen Widerspruch, sondern uns. Und ja, wir sind wahnsinnig.

Wir können nichts dafür, dass Wahnsinn und wahnsinnig sein für die meisten Menschen etwas schlechtes ist. Dass es mit Freiheitsentzug, mit Isolation bestraft wird. Wir können auch nichts dafür, dass wir gerade nur so unser Amlebensein ertragen können.
Ja, nein, ich schreibe nicht „Ich kann gerade nur am Leben sein, wenn ich mich überarbeite, überreize, zu viel mache. Ich brauche meine Vermeidung gerade so sehr.“, ich schreibe, dass wir sind, so wie wir sind. Dass es ist, wie es (für uns) ist und wir spüren, dass es wahrhaftig ist.

Wir stellen Kongruenz her.
Nicht mit dem Außen, mit dem Innen. Und das geht.
Es ist der Wahnsinn, wir fühlen uns ohnmächtig davor. Und es geht.