Autismus und DIS, Die Helfer_Innen und die Hilfe, DIS?, Innenansichten

Trauma, Trigger, Volvo fahren

Neulich stand ich mit einer Freundin in einem Laden. Aus den Lautsprechern dudelte “This Love” von den Maroon 5. Ein Song aus dem “Dragostei din tei-Sommer”. Dem Sommer, in dem wir 18 wurden und wussten, dass wir nie wieder einfach mal eben so in eine Psychiatrie abgeschoben werden konnten. Der Sommer, in dem wir zwischen neuen Betreuer_innen, Lebensperspektiven und erneutem Kontakt zu Menschen, die uns ausgenutzt haben, standen.

Für mich war er wieder da. Komplett mit den klebrigen Händen, dem zuckenden Augenlid und dem inneren Drive, den man hat, wenn man versucht sich dazu zu zwingen nichts zu essen, nichts zu verraten, nichts falsch zu machen – und trotzdem das Moment relativ greifbaren Schutzes und Schönen zu verinnerlichen.

Vor ein paar Jahren hätte ich nicht so darüber schreiben können wie heute. Mein Flashback – mein unkontrolliertes, spontanes Erinnern (Assoziieren) – hätte sogar aus dem „im Nachhinein darüber reden“ heraus mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit weitere spontane Erinnerungsprozesse katalysiert. Oder, wie man auch sagen kann, “angetriggert” oder “ausgelöst” oder “angestoßen” oder “angemacht”.
Mehr bedeutet “Trigger” nicht. Nur: “Ding, das macht, das was passiert”.

“Flashbacks” werden oft auch als “Wiedererleben” bezeichnet. Meistens werden sie auch unter “Erinnern” bzw. “Assoziieren” mitgemeint.

Erinnern ist normal. Flashbacks sind normal.
Einmal den Macarena anhören und zack: Flashback in den Sommer, als die halbe Welt einen peinlichen Tanz zu überwiegend unverständlichem „Gesang“ machte.
Für manche Menschen ist dieser Song ein Trigger in Erinnerungsprozesse an den Spaß daran – für andere an schwierige bis traumatische Erfahrungen in dem Sommer.

Heute hilft uns in Momenten wie neulich einfach nur auszudrücken oder mitzuteilen, dass wir uns erinnern.
Einfach nur so. Ohne groß weiter auf das einzugehen, woran genau oder sich dem sonst wie zu nähern. Alle Menschen um uns herum kennen Flashbacks – viele kennen nur das Wort dazu nicht. Sie nennen das manchmal auch “sich zurückversetzt fühlen” oder wie gesagt: “erinnern” und erwarten auch keine näheren Worte zu dem, was es in mir macht. Es hilft uns, wenn Menschen dann sagen: “Ah ja kenne ich auch…” ebenfalls ohne groß daran hängen zu bleiben.

Uns ist das wichtig geworden. Denn der allgemeine Umgang mit dem Thema Trauma und dem Umgang mit traumatisierten Menschen ist häufig geprägt von Furcht, (Über)Vorsicht und gerade bei Menschen, bei denen Erinnern in zwei Richtungen kompliziert ist, manchmal auch mit der Idee “alles (von früher) rauszukriegen” bzw. dabei helfen zu wollen.
Wir brauchen unsere Art zu erinnern und gleichzeitig auch (noch) nicht erinnern zu können (und/oder als von sich selbst erlebt zu erinnern) normalisiert.

Einfach, weil wir erheblichen Schaden daran genommen haben, dass viele Betreuer_innen, Freund_innen und Verbündete unser Erinnern besonders gemacht haben. Zum Einen hat uns “alles rauskriegen” und “alles explizit aussprechen” müssen/sollen immer wieder nur überflutet, überfordert und in der Folge immer tiefere Spaltungen verursacht und zum Anderen, ist es selten eine Erinnerung selbst, die uns hilft etwas zu verstehen oder aufzulösen, sondern die Auseinandersetzung mit der Perspektive, die wir auf eine Erinnerung einnehmen können.

Wir leben mit einer dissoziativen Amnesie, die weite Teile von Kindheit und Jugend betreffen. Da sind Brocken und Krümel, aber keine zusammenhängenden Stränge. Keine spontanen und konkreten Antworten auf Wann, Wer, Warum, Wo…? möglich.
Das heißt übersetzt soviel wie: Das damals Erlebte ist nicht zusammenhängend abgespeichert worden. Warum auch immer.
Es gibt Modelle, die sagen, dass manche unaushaltbare/schwere/schlimme Dinge einfach zu schrecklich sind, um sie in ihrer Gänze in sich aufnehmen zu wollen (bzw. bewusst haben zu wollen) und es gibt das Modell um toxischen Stress, der es neurologisch unmöglich macht die üblichen Reizverarbeitungs- und Re-Assoziationsvorgänge vorzunehmen.

Letzteres ist das Modell an dem wir uns orientieren. Zum Einen, weil wir uns bis heute nicht als jemanden erleben, di_er sich für oder gegen Wahrnehmung oder Bewusstsein entscheidet und zum Anderen, weil wir insgesamt einfach nicht sehr viel mit tiefenpsychologischen und psychoanalytischen Modellen anfangen können.

Was ist toxischer Stress?
Der Stress, der macht, dass man weder lernen, noch denken, noch aufnehmen kann. Der Stress, den man erleben kann, wenn man in einer lebensbedrohlichen Situation ist oder glaubt in einer zu sein (ohne Hilfe in Aussicht zu haben oder zu erhalten/ohne sich selbst in Sicherheit bringen zu können).
Toxischer Stress ist also auch nicht gleich „Gewalt erfahren“. Dieses Stresslevel können auch Menschen haben, wenn sie Gewalt ausüben, Gewalt beobachten, Gewalt miterleben oder auch „nur“ glauben gleich Gewalt zu erfahren/beobachten/miterleben oder auch selbst ausüben zu sollen/müssen/zu wollen (!).

Wenn Menschen mit diesem Level an Stress (egal wodurch konkret ausgelöst) aufwachsen, passt sich ihre gesamte Biologie an diesen Umstand an.
Denn Stress ist ein Nervengift, ähnlich wie Alkohol. Mal hier und mal da ein moderates klitzebisschen in guter Gesellschaft ist kein Problem – jeden Tag bis ins Blackout rein, hat erhebliche Schäden zur Folge. Und der Körper gewöhnt und passt sich daran an.

Wie Menschen, die regelmäßig viel trinken, bei kleinen Dosen nicht mehr betrunken werden, kann bei chronisch mit toxischem Stress konfrontierten Menschen die Empfindlichkeit für bestimmte Hormone und Neurotransmitter nachlassen, die üblicherweise Dinge rückmelden wie “körperliche Nähe/Sex wär mal wieder gut”, “Ich hab genug gegessen” oder auch “Ich bin grad nicht so gut versorgt” und viele andere.
Doch nicht nur Hormone wirken dann anders. Auch die vielen kleinen und großen Helferlein, die für Reiz.Verarbeitungsprozesse gebraucht werden, werden nicht mehr in der Menge produziert und/oder auf den Weg gebracht und/oder aufgenommen.

Was für spätere Erinnerungsprozesse schwierig ist, aber auch gerade im Fall von Klein_Kindern bedeutet, dass beispielsweise auch das Hirn.Wachstum verlangsamt bis verunmöglicht wird. Es gibt Studien, die physische Löcher in Gehirnen von schwer misshandelten und vernachlässigten Kleinkindern mit diesen ausbleibenden Prozessen in Verbindung bringen.

Warum habe ich jetzt diese Stressschleife gemacht?
Weil Stress auch später, wenn die Gewalt vorbei ist, noch eine Rolle spielt. Der gute Stress (das “mittlere Erregungslevel”) wird gebraucht, um Verarbeitungsprozesse anzutriggern – der auf das Erleben von toxischem Stress konditionierte Körper reagiert darauf aber manchmal nicht so, dass das auch wirklich passiert.

Und hier komme ich zu einem wirklich wichtigen Ding in der ganzen Trauma-Sache.
Es ist etwas anderes, ob man von Geburt an bis man erwachsen ist mit toxischem Stress zurecht kommen muss, oder ob man damit als Berufssoldat_in, als Polizist_in, als Rettungssanitäter_in oder während eines einmaligen Erlebnisses konfrontiert ist.

Es verändert nichts am Leiden darunter selbst.
Oder daran, wie ernst man das nehmen muss.
Oder wer wie viel Hilfe mehr oder weniger verdient hat.
Aber es verändert den Rahmen innerhalb dessen die betreffenden Personen ganz real damit umgehen können.

Eine Person, die sich in ihrem Leben immer als selbstwirksam, umgeben von hilfreichen, freundlichen, liebevollen Menschen und in grundsätzlich guter Versorgung erleben konnte, entwickelt völlig andere Fähig- und Fertigkeiten um mit toxischem Stress umzugehen, als eine Person, bei der das alles nicht oder nicht ausreichend vorlag.

Es braucht für viele schon in der Kindheit misshandelte Menschen lange Phasen der (Re-)Sensibilisierung für Üblichkeit im Vergleich zu Unüblichkeit.
Das haben wir vor ein paar Texten und in unserem Podcast zu Energieproblemen mit der Entdeckung der Langeweile gemeint. Wir haben (grob überschlagen) 4 Jahre voller Nichts bzw. Wenig mit Ausschlägen ins Viel(zu Viel) gebraucht, um überhaupt eine Idee davon zu entwickeln wie sich “nicht gestresst/angespannt den Überfall/die Überforderung/die Überflutung vorhersehen wollend/überachtsam sein” anfühlt.

Und erst jetzt in den letzten paar Jahren haben wir die Fertigkeiten, um uns selbst zur Entspannung und Beruhigung zu befähigen. Was nachwievor nicht heißt, dass wir diese Fähigkeiten dann auch immer wirklich nutzen können, aber unsere Trefferquote hat einen klaren Aufwärtstrend.
Und das hilft beim Umgang mit Flashbacks jeder Art.
Denen, die kommen und wieder gehen und denen, die kommen und weitere unkontrollierte Prozesse anstoßen.

Wenn wir mit Menschen darüber sprechen, was eine posttraumatische Belastung.störung zu einer Belastung macht, dann fangen wir immer mit der Unkontrolle an.
Damit wie das ist, wenn man sich erinnert, ohne sich das vorzunehmen, geschweige denn zu wollen. Wie das ist, wenn man urplötzlich an einer noch nicht verheilten Wunde berührt wird, ohne, dass man sich dieser Wunde als einer solchen bewusst ist oder weiß, welcher Umgang damit gut tut oder schadet.

Denn das bedeutet der Begriff “Trauma”: “Wunde” oder auch “Verletzung”.
Nicht mehr, nicht weniger.
“Trauma” bedeutet nicht: “Krieg” oder “sexueller Miss.ge.brauch” oder “Vergewaltigung” oder “Hassnachrichten übers Internet” oder “Stalking”.
Ein Trauma ist niemals ein Ereignis oder ein Verb. Niemals. Unter keinen Umständen oder irgendwelchen perspektivischen Definitionsansätzen.

Krieg ist Krieg.
Krieg kann zu Traumatisierungen in und an den Menschen, die ihn üb.er(ge)lebt haben verursachen.
Krieg ist deshalb aber immer noch kein Trauma. Krieg ist ein Ereignis. Ein unter Umständen auch traumatisierendes Ereignis.
Aber auch das ist es nicht in 100% der Fälle.

Nur 33% der Menschen, die Krieg erlebten, haben kurze Zeit später eine akute posttraumatische Belastungsreaktion auf dieses Ereignis. Ein weiteres Drittel erlebt eine verzögerte Belastungsreaktion.
Ein Drittel zeigt diese Reaktion jedoch nicht.
Obwohl es in 100% der Fälle ist ein sicherlich belastendes Lebensereignis, das die Menschen geprägt und verändert hat ist.

Es ist ein meiner Ansicht nach gefährlicher Fehlschluss, aus belastenden/prägenden Lebensereignissen
a) auf ein Trauma
b) mit tiefgreifenden Folgen wie zum Beispiel einer PTBS oder anderen Traumafolgediagnose
c) umfassende Hilfe- und/oder Rettungsbedarfe (also anhaltend globale Ohnmacht der betroffenen Person)
zu schließen.

Denn.
Das ganze Ding hat vier Achsen.
1. Die Subjektive
Die Wunde, das Trauma, das nur die Person, die damit lebt überhaupt selbst spüren und definieren kann. Und niemand sonst. Auch nicht die Personen, die dabei waren. Oder die Personen, die ähnliches einmal erlebt haben. Oder die Personen, die Menschen mit ähnlichen Erfahrungen behandeln.

2. Die sogenannt “Objektive” (der Behandler_innen aus Psychiatrie, Medizin und Psychotherapie)
Die Belastungsreaktion, die aus beobachteten Verhaltensweisen und interpretierten Schilderungen abgeleitet und mit einer Diagnose bewortet wird. Die dann entsprechend behandelt wird.

3. Die der Verbündeten/der Freund_innen/der Begleiter_innen
Die Auswirkungen auf Alltag und soziale Beziehungen innerhalb der gemeinsamen Kontexte. Mit all dem, was diese Personen für richtig und wichtig halten.

4. Die Strukturelle
Die Ebenen der Gesellschaftsordnung, ihrer Bürokratien und Versorgungsmöglichkeiten. Die Rechtsprechung, die Politik, die gemeinsamen Werte.

Wenn man so wie wir das Thema Trauma als Spezialthema im Leben hat, stößt man sich oft an bestimmten Art, wie das Thema aufgenommen wird.
So ärgere ich mich sehr, wenn Menschen nur Soldat_innen oder Unfallopfern das Erleben posttraumatischer Belastungen zugestehen, weil sie zum Beispiel Aktivist_innen, die 24/7 gestalkt und beschimpft, gedemütigt und bedroht werden, keine Todesängste oder Lebensbedrohungsgefühle in der Situation zugestehen können.

Das verärgert mich, denn: es ist niemals die Art eines Ereignisses selbst, die sich traumatisierend auswirkt.

Wenn Jonas noch nie irgendwas Schlimmes passiert ist – Jonas aber urplötzlich von einem Hund angesprungen und abgeleckt und gekratzt wird – und sich nicht wehren kann und glaubt, er würde jetzt sterben und er keine Hilfe kriegt – und ihm später noch von allen gesagt wird, da wär ja nix gewesen (ihm also auch kein Trost zuteil wird) – stehen die Chancen nicht schlecht, dass Jonas Verarbeitungsprobleme bekommt, die auch darin münden können, dass dieses Ereignis eine offene Wunde für ihn bleibt.

Traumatisierungen entstehen durch mehrere Faktoren, die zwar ein paar Dinge immer gemeinsam haben (Todesangst, Hilflosigkeit, Ohnmachtsgefühle, keine Hilfe, kein Trost, keine Möglichkeit/Fähigkeit der Selbstwirksamkeit währenddessen und/oder danach) – aber eben doch nicht immer alles.

Zum Beispiel spielt die körperliche Bedrohung bzw. Versehrung nicht immer eine Rolle. Manchmal ist das Ereignis selbst auch gar nicht das verletzende Moment, sondern ein Konflikt um einen nicht erfüllten Auftrag und die daran geknüpften Erwartungen von sozialer Isolation oder gesellschaftlichem Statusverlust.
Deshalb wirken und arbeiten zum Beispiel Soldaten- und Rettungssanitätertruppen immer wie eine Art Familie – man weiß wie viel leichter die Verarbeitung der selbst ausgeübten Gewalt bzw. der Anblick von schrecklichen Szenen fällt, wenn man offen sagen kann: “Das war echt schrecklich für mich”, ohne ausgeschlossen zu werden und allein damit bleiben zu müssen.

Ich ärgere mich aber auch, wenn von PTBS betroffene Menschen in allen anderen Menschen, die gerade durch schwierige Zeiten gehen oder eine ähnliche Erfahrung gemacht haben wie sie selbst, die gleiche Belastung/Störung/“Krankheit” sehen bzw. “diagnostizieren”, mit der sie leben.
Eine Traumafolge.störung ist keine persönliche Eigenschaft und zeigt sich niemals in der traumatischen Situation selbst, sondern immer danach.
Deshalb heißt es “post (also: “nach”) traumatische Belastungsstörung”.
Ich wünsche mir da häufig etwas mehr Abgrenzung und Differenzierung – kann aber natürlich auch sehen, dass es den Menschen, die sowas machen, manchmal auch darum geht ein Bindungsmoment auszudrücken. Also zu sagen: “Ich finde etwas von mir und meinen Erfahrungen, in der Person und ihrem Umgang mit schwierigen Dingen.”.
Warum man sowas dann nicht gleich sagt, entzieht sich meinem Verständnis.

Auch problematisch finde ich, wenn ich Angehörige oder Verbündete von traumatisierten Menschen sehe, die übergriffig und sachunverständig “helfen” (wollen) und nicht reflektieren (können/wollen), dass sie mit reinstem Gewissen echte Gewalt ausüben.
Hier geht es immer wieder um die Grundannahme, dass die traumatisierte Person  immer und in ausnahmlos allem hilflos, ohnmächtig ausgeliefert ist und jemanden/etwas außerhalb von sich braucht, um klar zu kommen.

Vielleicht ist das eine kontroverse Äußerung jetzt aber: In den meisten Fällen ist diese Annahme der totale Bullshit.
Ja – viele Personen, die mit PTBS und anderen Traumafolgediagnosen leben, erleben sich auch bestimmten Symptomen gegenüber erstmal hilflos und haben das Gefühl das würde nie wieder aufhören und es gäbe da keine Hoffnung und ach überhaupt ist doch so oft alles wie damals als sie wirklich gar nichts tun konnten und ihr Leben bedroht war.
Aber: was gibt es alles neben diesem Empfinden?

Meiner Ansicht nach müssen sich Verbündete und Angehörige sehr klar machen, dass genau sie immer neben diesem Empfinden stehen müssen. DANEBEN – nicht mittendrin!

Eine der Anpassungen an das Leben in chronisch toxischem Stress kann sein, die Überforderung immer und überall zu erwarten. Das heißt immer eher davon auszugehen in einer Pfütze zu ertrinken, als nasse Füße zu kriegen.
Wenn eine Person aber nicht mehr in Kontexten lebt, in denen diese Erwartungen lebensrettend sind, dann wird es Zeit zu schauen, welche anderen Erwartungen sich wahrscheinlicher erfüllen werden.

Um beim Pfützenbeispiel zu bleiben, kann es sein, dass eine Person bei Regen nicht rausgeht, oder unkontrollierbare Panikattacken hat, wenn es regnet oder sie an einer Pfütze vorbei gehen muss. Eine verbündete Person tut dann gut daran, weder die Person über die Pfütze zu tragen, noch über die Erfahrungen der Person mit zum Beispiel Beinahertrinken zu reden, noch sich selbst in die Pfütze zu schmeißen um dessen Harmlosigkeit zu beweisen.

Wir haben sowas nie als hilfreich erlebt. Im Gegenteil.
Uns über eine Pfütze zu tragen, bedeutet uns abzuerkennen, dass wir das selbst schaffen könnten (wenn wir es wollten). Im Moment des angetriggerten Erinnerungs- und Reaktionsprozesses über die unverarbeitete Erfahrung dahinter zu sprechen hilft nicht, diese als vergangen einzuordnen (dazu komme ich gleich nochmal).

Und Verbündete, die sich selbst zum Maßstab der “wirklichen” oder “echten” oder “eigentlichen” Realitäten machen, sind keine Verbündeten, sondern eine Gefahrenquelle. Denn da wirkt etwas, das sich um etwas in der verbündeten Person dreht – und nicht um die Situation oder den Wunsch jemandem zu helfen, um der Person selbst Willen, sondern für sich selbst.
Sowas ist gefährlich. Ohne Mist.

Wenn:
– dir jemand nur hilft, weil si_er es nicht ertragen kann, dass es dir schlecht geht oder du bestimmte Erfahrungen gemacht hast
– dir nur hilft, wenn du bestimmte Verhaltensauflagen, die dir (zu) viel Kraft abverlangen und/oder nicht einmal dir selbst (auch) nutzen, einhältst
– nur dann für dich da ist, wenn du hinterher in irgendeiner Form eine Dankbarkeit zeigst
– von dir hören will, dass nur diese Person dir wirklich richtig und eigentlich als einzige richtig gut hilft
– dir die eigene Wahrnehmung von Dingen als krank, verzerrt oder grundlegend immer und bezüglich allem als falsch beschreibt

dann: Abstand einnehmen!

Wenn man mit Belastungen lebt, die bestimmte Situationen macht, in denen man sich (immer wieder) extrem hilflos fühlt (weil man eine frühere extreme Hilflosigkeit wiedererlebt), dann ist es total verführerisch, sich auf Personen einzulassen, die sicher und ruhig und furchtlos und mächtig wirken.
Aber es sind nicht die Personen, die dich davor schützen jemals wieder an Schlimmes zu erinnern oder es wiederzuerleben, die die “guten Verbündeten” sind.

Die Guten sind jene, die dich vor einer solchen Situation fragen, was dir helfen könnte, dich in einer Situation des Wiedererlebens daran zu erinnern, dass das früher Geschehene vorbei ist und du heute, hier und jetzt Möglichkeiten hast, die du früher in der erinnerten Situation nicht hattest. Es sind die, die sich für deine neuen Erfahrungen und veränderten Erwartungen interessieren.

Die guten Verbündeten haben so viel Abstand zu dir, dass ihre Fähig- und Fertigkeiten kein Ersatz für deine Unfähig- und Fertigkeiten sind – stehen aber so nah, dass sie hören, was du als Ersatz gebrauchen könntest (und dir helfen, diesen Ersatz zu entwickeln oder aufzutreiben).
Die guten Verbündeten wissen nicht alles – sind aber bereit mit dir zusammen zu lernen und zu erkunden.

Die guten Verbündeten nehmen dich grundsätzlich als Person mit eigenem Kosmos, der okay ist wie er ist, an.
Gibt es diese Grundannahme nicht passieren Fehler.

Als ein gerade gegenüber Menschen mit retrograder bzw. dissoziativer Amnesie passierender Fehler-Klassiker ist beispielsweise die “Du musst dich an alles genau erinnern”-Katharsis-Idee nachwievor weit verbreitet und führt immer wieder zu unnötigem Leiden.
Wir haben selbst lange daran geglaubt und uns darüber mehrfach fast zugrunde gerichtet, weil wir nach Außen entsprechen wollten und durch den Anspruch an sich geglaubt haben, es sei uns “in Wahrheit” möglich uns zu erinnern. Wir müssten uns nur anstrengen, müssten nur ehrlich sein, müssten nur aufrichtig sein, müssten nur stärker sein, um mit den Gefühlen umgehen zu können.

Die Amnesie, mit der wir leben, funktioniert aber nicht so, dass wir sie bewusst spüren. Wir wissen nicht, was wir nicht erinnern. Entsprechend haben wir keinen konkreten Raum innerhalb dessen wir uns überlegen können, ob wir uns jetzt erinnern wollen oder nicht.
Was wir entscheiden können ist, ob wir die Auseinandersetzung vermeiden oder nicht.
Das ist etwas anderes und hat mit der Amnesie an sich erstmal wenig zu tun.

Das Vermeiden der Auseinandersetzung mit traumatischen Erfahrungen ist eine typische Reaktion von traumatisierten Menschen.
Eine total schlaue Reaktion ist das, weshalb sie sich in der menschlichen Evolution auch schon fantastillionen mal bewährt hat. Es ist einfach schlau Dinge zu meiden, die weh tun oder potenziell lebensbedrohlich sind. Es gäbe weniger Menschen gäbe es dieses Muster nicht.

Viele Menschen, die ein posttraumatisches Reiz- und entsprechend auch Stressverarbeitungsproblem haben, meiden bestimmte Dinge oder Umstände, weil sie sie in unkontrollierte Erinnerungsprozesse bringen könnten, ohne, dass sie diesen Vorgang beeinflussen können.
Wir haben das sehr lange als “Ich vermeide Trigger” bezeichnet, wissen heute aber, dass das eigentlich falsch gesagt ist. Denn Trigger kann man nicht vermeiden.

Leben triggert. Alles triggert alles.

Es ist nie nur ein bestimmtes Symbol oder eine bestimmte Aussage, die ein Erinnern bei uns auslöst und uns schwierige Dinge wiedererleben lässt. Erinnern ist ein multifaktor-needed Prozess.
In entspannter Grundstimmung sind wir viel weniger leicht in unkontrollierte Prozesse zu triggern, als in der ängstlichen Grundhaltung jetzt gleich sofort könnte uns ein Trigger von der Seite anspringen. Wenn wir etwas tun, von dem wir genau und sicher wissen wann, wie, wo und wofür wir etwas tun, sind wir auch nicht so einfach darüber zu verwirren, ob wir gerade soviel können, wie damals als… oder so viel wie heute als Person im Alter von… mit Auftrag X zum Zweck Y, aufgrund der Fähigkeit …

Sind wir ängstlich, verwirrt, auf vielen Ebenen irgendwie zu irgendwas gezwungen oder verpflichtet, können/dürfen/sollen wir die Situation nicht aktiv mit.bestimmen, weil irgendeine evtl. schwierige Konsequenz droht oder drohen könnte, stehen wir schon mit anderthalb Beinen im Flashback und kein Triggervermeidungsversuch der Welt kann da irgendwas verhindern.

Wir fordern die Menschen, die mit uns zu tun haben immer wieder dazu auf, einfach ganz normal/üblich mit uns umzugehen, weil es uns Angst macht, wenn die Menschen um uns herum Angst haben. Auch Angst davor uns aus Versehen einem Trigger auszusetzen oder etwas zu tun, dass uns traurig macht oder ängstlich oder was auch immer.

Es ist das schlimmste für uns, wenn außenstehende Menschen Angst vor unseren Traumafolgeproblemen haben. Denn das bedeutet, dass wir nicht mehr nur für uns die Verantwortung für den Umgang damit tragen müssen, sondern auch für sie. Und das bedeutet für uns: Menschen meiden (um sie davor zu schützen) oder ihnen gegenüber verschweigen, dass wir damit leben (was nicht geht, denn wir sind viele und das wirkt sich früher oder später einfach immer irgendwie aus).

Viele Menschen glauben, dass sich traumatisierte Menschen einigeln und isolieren, weil sie sich schuldig fühlen, dass ihnen passiert ist, was ihnen passiert ist.
Für manche viele Menschen kann das stimmen.
Wir haben uns nie deshalb isoliert. Wir fühlen uns bis heute nicht schuldig, dass Dinge passiert sind. Schuld spielt für uns einfach keine eigene Rolle.

Wir haben uns isoliert, weil viele Menschen in unserer Umgebung Angst vor dem hatten, was uns passiert ist und aus dieser Angst heraus die wildesten, manchmal auch gewaltvolle, Ideen dazu hatten (und umgesetzt haben), uns davon zu „befreien“ oder zu „heilen“.
Das war uner anderem der erwähnte “Du musst dich an alles erinnern und aussprechen”-Fail.

An der Stelle vermischten sich die Idee, dass wir als Viele nicht normal und auch üblich sind, wie wir sind und die eigenen angstauslösenden Schlüsse über die Wirk.Mächtigkeit dessen, was uns passiert ist. Die Person sah uns als kaputt und krank und dachte, unser Vermeidungsverhalten fuße auf Schweigegeboten und dem Verbot sich zu erinnern, damit wir keine Strafanzeige erstatten.

Zu keinem Zeitpunkt hat uns die Person mal gefragt, ob wir überhaupt eine Strafanzeige stellen wollten (überhaupt, was wir wollten) oder sich damit befasst, wie Viele sein überhaupt entsteht oder sich darüber informiert, wie sich Traumafolge.störungen überhaupt entwickeln. In ihrer Vorstellung funktionierte ein Trauma wie eine Infektion mit etwas, das man mit Konfrontation allein bekämpfen kann. Also quasi wie ein Gegensatzpaar, das sich gegenseitig ausgleicht und dadurch alles normalisiert.
Wir schwiegen und litten eher passiv-reaktiv vor uns hin – also mussten wir ihrer Ansicht nach reden und aktiv ins Kämpfen/Angreifen kommen.

Das endete darin, dass wir Angst davor bekamen, in ihrer Anwesenheit zu erinnern, weil die Person aus jedem von ihr miterlebtem Flashback eine stundenlange Aktion der Konfrontation und Aussprache machte, bei der in uns immer mehr und mehr völlig desorientierte Innens angestoßen wurden, die ihrerseits keine Chance bekamen zu sehen, dass “ihre Zeit” schon längst vorbei war und die Gewalt, die uns da gerade passierte, eine völlig andere war.

Die Person hat uns am Ende, glaube ich, nicht mehr als “Hannah, die schwierige Erfahrungen gemacht hat” gesehen, sondern als “wegzumachende, schwierige Erfahrung, die Hannah als gemacht nicht akzeptieren will, weshalb sie sie vermeidet, weshalb man sie ihr 24/7 sagen und verlangen muss, dass sie sie ausspricht, damit sie sie endlich akzeptiert und loslässt”.

Needless to say, dass wir ziemlich gelitten haben, oder?
Im Rückblick hatten wir damals aber noch Glück. Es war nur eine “Freundin” und kein_e Behandler_in. Auf der Suche, die dann bei unserer jetzigen Therapeutin endete, hatten wir ein Vorgespräch bei einer Psychoanalytikerin, die diese invasive Konfrontation als Therapie an uns verbrochen hätte, hätten wir nicht schon gewusst, dass uns diese Form der Auseinandersetzung nur schadet.

Aber wie ist das denn nun mit dem Erinnern und Vergessen und Verdrängen und Trauma und Amnesie und Verarbeiten?
Wie kommt es, dass wir uns heute kaum an die Kindheit erinnern, aber trotzdem sagen können, dass wir schwere Gewalterfahrungen gemacht haben?
Wie kann es sein, dass wir von Erinnerungen gequält werden, aber gleichzeitig eigentlich gar keine haben?
Und: sind Erfahrungen überhaupt eigentlich wirklich “vergessbar”?

In diesem Blog haben wir schon viele Bilder für diese Fragen gefunden, deshalb denke ich mir kein neues mehr aus und bleibe bei einem Klassiker:
Alltägliche Erfahrungen zu machen ist üblicherweise wie eine Überlandfahrt in einem geräumigen Volvo.
Es passen viele Schnick-Schnack-Informationen in den Kofferraum hinein, man hat die Ruhe und Gelassenheit mal aus dem Fenster zu sehen und Ähnlichkeiten festzustellen. Man kann Freund_innen und Bekannten davon erzählen, weil man ein Fotoalbum anlegen konnte, auf das man auch später immer wieder zurückgreifen kann.

Eine traumatische Erfahrung ist eine Überschallreise in einer winzigkleinen Schutzkapsel.
Es passt nur der eigene Körper (das eigene Ich) hinein und man ist froh, dass man lebendig wieder heraus kommt. Man hat eine Zilliarde Informationsschnipsel, die man ungeordnet und zusammenhanglos in eine Rumpelkammer schaufelt, weil man selbst nicht mehr weiß, was jeweils wozu gehört. Es ist ein so extremes Ereignis, dass man davon ausgehen muss: Niemand wird verstehen, was ich davon erzähle. Oder auch selbst weiß: “Würde mir jemand so schreckliches/krasses und/oder unzusammenhängendes Zeug erzählen, ich würde ihn für bekloppt halten/nicht gut verstehen/nicht zuhören wollen.”.

In unserem Fall kommt dazu, dass wir die Informationsschnipsel, die uns manchmal aus der “Rumpelkammer” vor die Füße rutschen, meistens nicht einmal mit uns jeweils in Verbindung bringen, sondern mit jemand anderem. Zum Beispiel einem anderen Innen. Oder einer völlig außenstehenden Person. Oder einem Film, den wir denken gesehen zu haben. Oder einem abgefahrenen Traum.

Erinnerungen sind immer das, was ein Gehirn aus Reizrohmaterial und vorhandenen (bereits verarbeiteten und eingeordneten) Reizinformationen macht.
Das ist der Grund weshalb 50 Leute das gleiche Ereignis auf 50 verschiedene Arten beschreiben.
50 Perspektiven, 50 Er_Lebenshintergründe, 50 verschiedene Reizverarbeitungsbefähigungen, 50 verschiedene Erinnerungen.

Schon allein deshalb lehnen wir es ab von Erinnerungen auf Wahrheiten zu schließen und sehen an der Stelle auch das Gerangel zwischen False Memory- Anhänger_innen und Traumatherapeut_innen und Justiz kritisch.

Wir sehen unsere Erinnerungen als Hinweis auf unsere Perspektive auf ein Ereignis, bei dem wir dabei waren.
Nicht mehr und nicht weniger.
Für uns ist nicht relevant, was damals “wirklich” passiert ist. Als Handlung bzw. als äußeres Geschehen – relevant ist, wie wir das üb.er(ge)lebt haben, denn das ist, womit wir heute leben und worauf die heutigen Erfahrungen immer wieder auftreffen.
Denn die Rumpelkammer bzw. das Fotoalbum in dem Bild sind das Gedächtnis.

Das Gedächtnis spielt nicht nur eine Rolle, um sich aktiv an Dinge zu erinnern – es ist auch von zentraler Bedeutung neue Dinge einzuordnen und sich selbst zu verorten und in Kontexte zu setzen. Hat man ein hübsch sortiertes Fotoalbum des eigenen Lebens, braucht es ein zwei Schritte und man weiß wer man ist, was man kann, welche Erwartungen lebensrettend sind und welche eher unwahrscheinlich eintretend. Man hat ein relativ kongruentes Bild von sich in Bezug auf die eigene Um- und Mitwelt.

Hat man eine wilde Mischung aus Fragmenten in eine Rumpelkammer gestopft, sieht die Lage ganz anders aus. Da wird geraten, grob und schnell entschieden/”eingeordnet” und aufgepasst, dass einem da nicht alles auf einmal wieder rauspurzelt (denn das wäre der Flashback, den man unbedingt vermeiden will).

Man denkt immer, man könne das eigene Gedächtnis gezielt und alleinig benutzen, weil man gemeinhin annimmt, Erinnerungen wären immer nur die Dinge, die man beworten kann. Also die man beschreiben und erzählen kann.
Tatsächlich greift man aber schon dann auf das Gedächtnis zu, wenn man aufwacht und guckt, wo man ist. Wenn man ein Plakat anguckt und weiß: das ist ein Plakat. Wenn man aufs Klo geht und sich die Hosen runterzieht. Wenn man Hunger hat und zu einem Lebensmittel statt einem Backstein greift.

Spätestens jetzt sollte jede_r verstanden haben, was ich meine, wenn ich schreibe: Leben triggert
Trigger sind in 100% der Lebensfälle wichtig und richtig und gut für uns, denn sonst wären wir tot.

Die Erinnerungen, die wir beworten können aber, sind uns gerahmter und bewusster als die, die wir jeden Tag on the daily turn vornehmen. Das hat mit der Gewohnheit zu tun, aber auch damit, dass die Assoziationswege viel kürzer sind. Gegenstände und ihre Namen haben einen Weg – Erfahrungen, die mit körperlichen Empfindungen, emotionalen Vorgängen, sozialen Beziehungsgeflechten und eventuell einem extrem ungewöhnlichen Charakter zu tun haben, nehmen viele Wege ein.

Wir können das an der Struktur, die wir für Lautsprache entwickelt haben, auch ganz gut ablesen.
Wir haben uns das Sprechen in Clusterstrukturen beigebracht – also bewussten Assoziationsketten (aktiv gesammelter und eingeprägter Wörter im Zusammenhang sozialer Interaktion).
So steht das Wort “Baum” im Raum “Natur” der im Raum “draußen” passiert.
Im Raum “Baum” stehen “Borke”, “Laub”, die verschiedenen Namen von Bäumen, jeweils umgeben von den Worten, die man benutzt um ihre Merkmale zu beschreiben und und und…
Angebunden an den Raum “Baum” ist der Raum zu Wörtern um eigene Empfindungen im Kontext des Baumes auszudrücken.
Dieser Raum ist einer auf den wir auch von anderen Worträumen aus zugreifen können. Denn das Empfinden eines Baumes oder die Reaktion auf einen Baum ist zwar besonders – Empfinden und Reagieren an sich ist aber etwas, das in Bezug auf andere Dinge oft ähnlich ist. Wir können beeindruckt von einem Baum sein, aber auch von einem Bäumchen oder einem Ast oder einem Wasserfall oder einem Gefühl oder einem Gedanken.

Das macht den Raum “Empfindungen” zu etwas das uns ganz nah ist und nicht viele Schritte braucht – den Raum “draußen” hingegen aber zu etwas, das wir nur kontextabhängig mal brauchen und entsprechend auch immer erstmal finden müssen (weil wir immer erst vom klitzekleinen ins kleine ins mittlere ins große ins Gesamtbild gehen).

Im Fall von alltäglichen Erinnerungen gibt es so viele kleine Dinge, die den meisten Menschen nicht bewortet werden, weil sie so üblich sind.
Erinnerungen an krasse überfordernde fragmentarisch aufgenommene Erfahrungen können oft nicht bewortet werden, weil erst durch die Verknüpfung mit alltäglicheren Erfahrungen ein Zugang zu Worten und damit ein gezielt ansteuerbarer Weg entsteht.
Da spielt auch mit hinein, dass Lautsprache evolutionär betrachtet noch neumodischer Schnickschnack ist und sich in einer Hirnregion befindet, die nicht so fix bedient wird, wie jene, die es schon länger gibt.

Ein Punkt übrigens, weshalb Sprechen für alle Menschen in gewisser Weise auch anstrengend ist. Es ist ein energieaufwendiges Ding dieses Gehirnstück. Und Sprechen an sich ist auch eine motorisch recht lernintensive Sache (hat schon einen Grund weshalb Menschen von Geburt bis in die Kindheit dafür so ihre Zeit brauchen).
Gibt man dieser Anstrengung noch die Schwierigkeit hinzu traumafolgebedingte Aspekte (und die eigenen Reaktionen darauf) kompensieren zu müssen, kommt man auf eine krasse Energiebedarfsbilanz.
Just for the record.

Wir erleben unsere Erinnerungsprobleme manchmal wie das Spiel “das verrückte Labyrinth”.
Jedes Innen hat eigene Zugriffe und Ordnungen in der von uns allen genutzten Rumpelkammer und bringt jeweils eigene Erfahrungsschnipsel mit ein. Dadurch verändert sich immer wieder das ganze Bild und auch die jeweils möglichen Zugänge zu mehr Informationen.

Das bedeutet, dass auf unsere Schnipselsammlung bis heute noch keine geordnete Sammlung trifft, sondern immer wieder nur mal hier ein Schnipsel und mal da einer.

Wir funktionieren nachwievor so, als würde jeder Moment des Lebens wie die lebensgefährliche Fahrt in der Überschallkapsel passieren.
Denn so sind wir aufgewachsen. Unsere Reaktion auf die Anforderungen des Lebens war es viele kleine Ichs in eine Kapsel zu setzen und auf dem Weg wenn (überlebens)nötig welche rauszuschmeißen.
Einen Volvo zur gemütlichen Überlandfahrt hatten wir nur ganz selten zur Verfügung. So selten, dass wir uns mit seiner Benutzung noch gar nicht so gut auskennen. Deshalb gehen wir heute nochmal zur Fahrschule. Quasi.
Oh man… vielleicht ist diese Metapher doch etwas schräg. Sorry. ^^

Also “Fahrschule” meint an der Stelle die Therapie.
Wir holen in der Therapie keine verdrängten Erinnerungen hervor. Wir versuchen uns Innens alle an einen Tisch (auf ein gemeinsames Stresslevel) zu kriegen, um zu schauen, wer welchen Überschallflug wann durchgemacht hat, um eine Idee zu bekommen, welche Schnipsel wozu gehören.
Um dann eine gemeinsame Erinnerung als solche erfahrbar zu machen. Und als gemeinsam selbst gemacht zu begreifen. Und als beendet und vergangen zu begreifen. Und an einen Platz in der Rumpelkammer zu stellen, wo man sie sicher und stabil gelagert erreichen kann, ohne ständig irgendetwas anderes umzuschmeißen.

Es geht also nicht um eine Tiefenwanderung zur Ergründung von Wahrheiten aus den Tiefen der Seele.
Es geht uns darum überhaupt erstmal richtig zu schnallen, was da los war, welche Innens beteiligt waren und was ihre Perspektive für unser Leben heute bedeutet.

“Verdrängung” ist so ein Begriff aus der Tiefenwanderungsszene. Wir haben nie irgendwas verdrängt, um uns nicht zu erinnern.

Um uns nicht zu erinnern, haben wir nie irgendwas gemacht. Wir konnten nie mehr machen als schlicht zu überleben bzw. dem Impuls folgen alles mögliche zu tun, um das eigene Leben zu retten bzw. nicht zu gefährden. Dazu gehört damals wie heute auch Vermeidungsverhalten.
Wir haben da den Begriff des „Vermeidungstanze“ für bestimmte Schlängeleien, wenn wir Angst davor haben die Kontrolle zu verlieren oder an etwas zu rühren, das möglicherweise sehr weh tut, ohne, dass wir uns selbst dann helfen können.

Wir haben da aber auch das Bewusstsein um Momente, in denen es nur Vermeidungsverhalten ist, was uns davor bewahrt im Alltag an Funktionalität zu verlieren.
Weshalb wir durchaus verstehen, wie es heute nun dazu kommt, dass der Traumabegriff so oft verwässernd benutzt wird.

Würde man sich umfassend damit auseinandersetzen, was Traumatisierungen (über lange (Entwicklungs)Zeiträume) bedeuten und auch, was es bedeutet, wenn Menschen genau das eben nicht tun, könnte man zu der Erkenntnis und darüber vielleicht sogar an einen emotionalen Einblick dahin kommen, wie tatsächlich (posttraumatisch) belastend es ist, eine (komplex) traumatisierte Person zu sein.

Und das muss man erstmal aushalten können.
Und wollen.

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Autismus und DIS, DIS?, Innenansichten

Körper haben – Körper sein

“Jede Gewalt trifft einen Körper.”. Das stellt Jan Philipp Reemtsma in seiner Gewaltanalyse heraus.
Es ist einer der Sätze, die uns am meisten dabei helfen, sowohl mit der Erfahrung der Gewalt an uns, als auch ihren Folgen umzugehen.

Denn, nicht für alle, doch genügend von uns, ist der Körper, den wir uns teilen, der kleinste gemeinsame Nenner.
Wir alle benutzen ihn. Manche versorgen ihn. Manche erleben sich durch ihn. Manche erleben sich in ihn eingehüllt. Manche sehen sich von ihm behindert. Für manche ist es eine quälende Abhängigkeit von einem Verräter mit ihm zu tun zu haben.
Für viele ist der Körper Mittel zum Zweck. Sprachrohr, Werkzeug, Zahlungsmittel.
Für manche ist er Zeuge und Zeugnis zugleich.

Eine der Spaltungen, die Gewalt immer mit sich bringt, ist die Trennung von Selbst und Erscheinung. Also von Ich und Körper.
Das ist keine bewusste Trennung. Keine Idee, der gefolgt wird. Es ist, was in Gewalt ausübenden Personen passiert, um überhaupt Gewalt ausüben zu können und von Personen, die zu Opfern werden, in sich hineingespiegelt wird.

Menschen, die Gewalt ausüben, konzentrieren sich nicht auf das Individuum an sich. Sie sind häufig nicht einmal ganz auf sich selbst als Individuum konzentriert. Wenn man so will, handelt es sich bei Gewalt um eine Art “aus der Balance sein”. Nicht bei sich oder dem Gegenüber sein, nicht im Lot, in der Mitte – an dem Punkt sein, an dem das eigene Handeln mit möglichen Konsequenzen in Kontext gesetzt wird/werden kann.

Manche Menschen entscheiden sich bewusst dagegen. Manche Menschen tun das nicht (mehr). Manche Menschen haben das noch nie getan und sind dissoziiert von dem Wissen um die Möglichkeit oder die Erfahrung dessen.

In einem Beispiel könnte jemand jemanden verletzen und glauben (wirklich glauben!): “Ich habe nie jemanden verletzt – ich habe immer nur meinen Punkt klar gemacht und durchgesetzt.”. Die Verbindung von “Punkt klarmachen und durchsetzen” zu “jemanden verletzten” kann Menschen, die Gewalt ausgeübt haben fehlen. Und zwar nicht weil sie bewusst ihr Opfer entmenschlichen oder sich selbst als Übermensch wahrnehmen und anderer Menschen Kosmen dazu ausblenden müssen, sondern, weil sie schon in der Situation selbst von dem Kontext der Menschlichkeit, der Situation, Zeit und Raum in all seinen Facetten dissoziiert sind und nur ihr stärkstes Gefühl, ihr stärkster Affekt, ihr eigenes Sein noch wahrgenommen wird/ werden kann.

Das schreibe ich hier nicht aus dem Blauen.
So geht es uns immer wieder, wenn wir Gewalt ausüben. Das kann verbale Gewalt genauso wie diskriminierende Praxis meinen, hat aber in der Vergangenheit auch schon körperliche Gewalt bedeutet.
Absichtlich zu verletzen ist neu für uns. Doch selbst dann, wenn wir jemandem absichtlich weh tun wollen, geht es nie um das Ich oder den Körper der Person, die wir treffen wollen. Es geht um uns und darum, dass wir in uns etwas befried(ig)en, das in uns akut dominant ist und (scheinbar) keinen inneren Widerstand oder Einspruch erfährt.

Körper und Ich der Person sind jedoch die Präsenz mit der wir es dann zu tun haben. Sie kriegen es ab und behalten die Abdrücke unseres Handelns in sich, nur, weil sie in dem Moment präsent sind. Niemals, weil sie sind.
Das muss man als von Gewalt ge.betroffene Person erst einmal verstehen.

Doch sich selbst als etwas zu begreifen, das nicht man selbst ist – sondern das, was andere (außenstehende) Menschen wahrnehmen, ist eine schwierige Angelegenheit. Es fordert die Fähigkeit/Fertigkeit, die Perspektive einer außenstehenden Person einzunehmen und sich von dem zu trennen (zu dissoziieren?) was man von sich selbst weiß und wahrnimmt. Man muss sich überlegen können, was eine andere Person wahrnehmen und denken könnte.
Welche Informationen sie aufnehmen kann und welche Rückschlüsse ihr möglich sind oder sein könnten.

Für uns ist das eine einzige große Rechenaufgabe. Ein Flussdiagramm, das wir in uns aufbauen und analysieren, um zu verstehen, was in dem Kontakt und Gespräch mit einer Person gerade passiert. Das Gegenüber zu verstehen ist für uns also eine grundsätzlich bewusste anstrengende Angelegenheit, die auf spezifische Schablonen des Begreifens zurückgreift. Denn wir sind viele. Meine Schablonen sind andere, als die eines Kinderinnen oder eines Teenagerinnens oder eines Innens, das sich dem aktuellen Jahr nicht bewusst ist.
Und! Die Schablonen des Gegenübers kennen wir nicht. Wir wissen nie auf welchen Hintergrund und welchen eventuell dissoziativen Zustand die Informationen fallen, die diese Person aufnimmt.

Deshalb ist Reemtsmas Formulierung für uns sehr hilfreich.
Zu verstehen: Unter Umständen sind/waren wir einfach nur ein Körper, der grad da ist/war – und nichts weiter.
Zu begreifen:  Wir haben keine Beobachtungs- oder Rechenfehler gemacht – da war ein Mindset im Gegenüber dominant, das vermutlich unheimlich begrenzt ausgerichtet und funktional war. Es gibt Dinge, die kann man nicht berechnen/vorhersehen.

An uns selbst zu reflektieren: Auch wir erleben diese Form der Dissoziation bzw. die Fragmentierung eines Gegenübers in Einzelteile, die wir dann auch noch hierarchisieren und in ihren Bedeutungen für die Person bzw. ihre Lebensrealität diskriminieren. Was dann überhaupt erst möglich macht, dass wir in die Situation kommen, das etwas in uns so stark wird, dass kein Raum mehr für anderes bleibt.
Was dann wiederum vielleicht als Gewalt bei der Person ankommt, ohne, dass wir uns dessen bewusst sind oder an.erkennen (können), dass es Auswirkungen dessen in/an der Person hat.

Wir haben also mit Awarenessarbeit an uns und unserer Mitwelt angefangen. Bewusstseinsarbeit.
Bewusst werden. Bewusst wahrnehmen. Bewusst sein. Bewusst bleiben. Bewusst entscheiden. Bewusst (am und im Leben) bleiben.

Viele Therapieangebote beinhalten Achtsamkeits- und Entspannungstrainings, um diese Arbeit an und mit sich selbst anzustoßen.
Für uns war das allerdings a) nie so wirklich klar, b) nicht machbar in Gruppensettings und c) war/ist unsere Wahrnehmung so fragmentiert/dissoziativ, dass die Bewortung  vieler Eindrücke massiv erschwert war/ist

Unser Zugang war die politische Auseinandersetzung. Themen. Fragen. Die konkrete Interaktion zwischen uns und der Welt.
Uns tun Menschen gut, die Lust an und mit Diskursen haben. Für die es wichtig ist, viel Zeit für Analysen und Reflektion freizumachen. Menschen, denen Verstehen genauso wichtig ist wie uns.

In politischen Kontexten liegt zudem auch eher wenig Augenmerk auf individuellen Eigenschaften. Der Mensch wird “Individuum” genannt und doch nur in größeren abstrakten Zusammenhängen als Teil des Ganzen betrachtet. Das ist ein Problem, das politischer Diskurs hat – uns aber die Tür öffnete, unser Viele-Sein als funktionierendes System zu betrachten.

Der Körper als unser Staat.
Die Systeme (von denen wir damals wussten) als Bundesländer (mit eigenen Regierungen).
Die Absprachen um Suizidalität, Selbstversorgung, Selbstschutz (nach innen und außen) und Hilfen/Bündnismanagment als das Grundgesetz.
Die innere Konferenz als dauernde Einrichtung.

Nach einer Weile aber sahen wir die gleichen Probleme der (“)Demokratie(”) außen, auch im Innen und spürten die Wiederholung der Gewalt an unserer Körperlichkeit, als Gewalt am Inneren.
So verließen wir das Stellvertreter_innen-Modell und trennten uns von der Hierarchie, durch die Informationen, Forderungen und Ideen es schaffen müssen, um eventuell vielleicht von allen aufgenommen zu werden.

Denn so läuft es in der Form der Demokratie, in der man in Deutschland leben muss.
Du musst deine Ideen und Forderungen jemandem erzählen und der (sigh) muss sie weiter nach oben geben. Vielleicht in eine Partei. Die sagt dann vielleicht: “Unterstützen wir – tragen wir weiter bis an die Spitze unserer Parteihierarchie.”. Die Partei sagt aber vielleicht auch: “Nee is Quatsch.”. Dann muss man weiter suchen. Oder einen Brief oder eine Petition schreiben, in der die Idee direkt zu den Entscheider_innen gelangt. Eventuell. Wenn Grund dazu besteht. Aus der Sicht der Menschen, um die Entscheider_innen herum.
Eine Idee oder politische Forderung einzubringen ist leicht. Aber die Person, welche die Idee hatte oder an der Forderung gearbeitet hat, spielt am Ende gar keine Rolle. Häufig spielt nicht einmal mehr die Idee/Forderung selbst eine Rolle, sondern das, was sich davon versprochen wird.

Was beim Handling eines ganzen Landes mit mehreren Millionen von Einwohner_innen noch sinnvoll sein kann (eventuell vielleicht), ist für uns im Staate “Einsmensch” nicht sonderlich hilfreich.
Die meisten von uns kennen nur das eigene System wirklich so, dass sie überhaupt in der Lage sind miteinander in Kontakt zu sein (und zu bleiben). Andere Systeme wurden und werden nachwievor selten aus direktem oder indirektem Mit_Erleben erfahren und mehr aus der Rekonstruktion eines Tages bzw. vergangener Tage, Wochen, Monate, Jahre abgeleitet.

Das heißt: Dass da andere (Systeme) sind und Dinge nach Außen tun, wissen wir Rosenblätter, die hier schreiben, meistens nur durch schon entstandenen Schaden oder awkward Momente, in denen Menschen Wissen oder Können oder Kenntnisse voraussetzen, die wir nicht haben.
Oder durch amnestische Löcher, die einem Muster folgen, das man rekonstruieren kann.

Das bedeutet für uns, dass wir die Kommunikation nicht hierarchisch sondern anarchistisch un.strukturieren.
Gerade, weil wir im Außen schon genug beschnitten und eingeordnet werden und selbst noch immer auf dem Weg sind das Bewusstsein darum zu haben und zu halten, was uns da jeweils abgeschnitten wird, sodass wir selbst gar nicht richtig zum Zug kommen, wenn es darum geht uns gänzlich irgendwo mit irgendwas einzubringen.

Denn das ist ein weiteres Problem der Demokratie, in der wir leben müssen. Selbst wenn es um unsere Themen geht, geht es nicht um unsere Leben. Geschweige denn um uns als die, die wir sind. Immer gibt es Begriffe, die uns mitmeinen, doch nur selten sind wir persönlich gemeint.
In dieser Demokratie tragen alle eine Verantwortung, die niemand persönlich nimmt, weil niemand persönlich angesprochen und einbezogen wird.
Und das ist ein Problem.

Das ist ein Problem, das wir in unserem kleinen Rahmen oft hatten und mit dem wir immer immer immer wieder rechnen müssen.
Innens, die sich an alle Absprachen halten, weil sie glauben, dass man das eben tun muss – nicht, weil sie selbst etwas davon haben könnten.

Viele-Sein funktioniert bei uns wie Wasser oder Soße.
Es ist die maximale Anpassung, das Umschlängeln und in alle Richtungen auseinanderwachsen. Das große Rhizom, der widerständige Löwenzahn. Immer kommt irgendwer an irgendwas vorbei. Überlebt unter schwierigsten Bedingungen und bringt sich selbst ein, um sich – in unserem Fall wortwörtlich – systematisch an die Gegebenheiten anzupassen.

Wenn wir im Innern eine Hierarchie aufbauen, entwickelt sich in 100% der Fälle eine andere Funktionsweise daran vorbei, um alles von der Hierarchie abgeschnittene zu erhalten.

Der Weg beginnt also im Konflikt, der die Abtrennung bewirkt.
Der Gewalt im Innen.
Die man von Außen übernommen hat.

Für uns ist es eine heilsame Erfahrung gewesen, bewusst zu bekommen, dass das Innen immer um Vollständigkeit und Kongruenz bemüht ist. Obwohl die Grenzen so weich, die Bereitschaft zur tiefgreifenden Dissoziation immer da und die Wahrnehmung generell eher fragmentarisch ist.
Immer ist da der Wunsch nach Erfassen von Kontexten, Verstehen, Begreifen. Nach “das alles irgendwie klar zu sehen”.
Wir erleben das als gemeinsamen Resilienzfaktor und sehen in dem Zusammenhang auch die Hochbegabung als etwas, das uns vermutlich bis heute überhaupt ermöglicht noch Therapiearbeitsbereitschaft aufzubringen.

Und das ist, wie wir es heute schaffen uns innerlich zu organisieren.
Wir erleben einander in Banden, Kollektiven, Systemen. Sehen: jede Gruppe bzw. jeder Verbund hat einen Fokus oder einen Aspekt des gemeinsamen Lebens im Blick oder im Griff.
Wir erwarten von keinem Innen mehr “funktionsferne Inhalte oder Tätigkeiten” anzunehmen bzw. auszuüben.

Heißt zum Beispiel: wir erwarten von Kinderinnens nicht, dass sie sich als die erwachsene Person sehen, die sie nach Außen durch die körperliche Erscheinung darstellen.
Unser Weg ist viel mehr der, ihnen die Wahlmöglichkeit zu geben, das Konzept von “erwachsene Person” zu verstehen und sich daran so zu beteiligen, wie sie das können oder wollen.
Das bedeutet nicht, dass wir okay damit sind, wenn Kinderinnens nach außen agieren – aber es bedeutet, dass wir okay damit sind, ihnen unser erwachsenes Handeln im Außen nach innen transparent zu machen, damit sie sich mit diesem Handeln verbunden fühlen können. Also: sich selbst als “beteiligt an erwachsene Person-sein” zu erleben.

Eine Hierarchie wäre an der Stelle hinderlich.
Zum Beispiel wäre ein Kinderinnensverbot in einer Selbsthilfegruppe so eine Hierarchie.
Es spricht einem Kinderinnen ab, eine für die Gruppe (das Sein, das mit dem Außen zu tun hat) hilfreiche oder gute oder nützliche Quelle zu sein und zwingt den erwachsenen (oder erwachseneren) Innens einen Konflikt auf – an dem sich vorbei sich erneut etwas vorbeischlängeln muss, um erhalten zu bleiben.
Eine Erlaubnis bzw. eine allgemeine Toleranz bzw. eine grundsätzlich libertäre Haltung zu Kinderinnens ermöglicht einen viel großen Durchfluss zwischen Innen und Außen.

Wir erwarten von einander Bereitschaft sich diesem Durchfluss zu widmen. Sich dafür zu öffnen, dass wir, obwohl wir uns anders wahrnehmen, akzeptieren, dass wir alle miteinander – so getrennt und fremd wir einander auch erleben – in einem Körper sind.
Ob wir wollen oder nicht. Ob wir das glauben oder nicht.
Das ist unsere Arbeits- und Lebenshypothese.

Zugegeben: wir haben dafür eine flache Akzeptanz. Wir akzeptieren, dass andere Menschen uns als Körper sehen und mit uns so umgehen, wie man mit Körpern umgeht. Doch wir selbst sind meistens einfach nur wir. Das was in anderen Menschen, das eine Ich ist.
Alles darüber hinaus wird schwierig und sehr individuell.

Das heißt auch: manche von uns akzeptieren vollständig, dass wir alle miteinander zu tun haben und also auch miteinander verbunden und so abhängig von (bedingungsloser) Solidarität untereinander sind. Manche aber können auch nur die Verbindung zueinander anerkennen und entsprechend andere Schlüsse ziehen. Zum Beispiel den, dass man einander beherrschen (also: trennen bzw. getrennt halten) muss.

Wiederum haben manche von uns eine stärkere Verbindung zur Körperlichkeit (und/oder Äußerem) und weniger zur Innerlichkeit. Und auch unter jenen gibt es manche, die die Verbindung von Körper und Innen akzeptieren können, obwohl es sich nicht so anfühlt (und dann in solidarisches Re_Inter_Agieren gehen) und manche nur akzeptieren können, dass sie etwas akzeptieren sollen, obwohl sie es nicht so erleben (Anpassung an Gewalt (as in “Anspruch, der das subjektive Empfinden abschneidet”).

Alles ganz schön kompliziert.
Und der Körper ist irgendwie immer mittendrin. Als Raum, als Fläche, als Organismus mit eigenen Gesetzmäßigkeiten.

So war es wohl auch kein Zufall, dass die Essstörung und selbstverletzendes Verhalten den Anfang unseres Weges raus aus der Gewalt markierten.
Doch zu sagen: “Ja klar, misshandelte Menschen haben eh auch ein höheres Risiko dafür” ist an der Stelle falsch.

Essstörungen schlendern nicht durch Gegend und gucken sich die besonders empfänglichen Menschen aus, in denen sie sich für die nächsten Jahre einnisten.
Essstörungen können sich dort gut entwickeln wo die Trennung von Erscheinung und Sein besteht. Das können konkret körperlich misshandelte Menschen sein, aber auch Menschen, die permanent von Körperlichkeit ohne Geist und Seele (Bildern von Körpern in 2D) umgeben sind.
Obwohl letzteres eine arg strapazierte Theorie ist, so ist es unübersehbar, wie sehr der Anstieg der Mediennutzung (bzw. dem Ausmaß dessen, in dem man medialer Präsenz ausgesetzt ist) mit dem Anstieg der von Essstörungen betroffenen Menschen korreliert.

Wie man es auch dreht, hat man es in beiden Szenarien mit Dissoziation zu tun. Einer Trennung. Einer Kluft.
Essstörungen werden oft benutzt, um eine subjektive Balance (wieder) herzustellen.  Es geht also um einen Versuch der Kongruenz.
Und ist das nicht großartig?
Da ist ein Problem – und da ist ein Versuch es aus eigener Kraft zu lösen. Aus einem Impuls heraus, der ganz klar nur zum Ziel hat etwas rund zu machen. Sinn zu schaffen. Das Leben weiter zu machen.

Im Fall von Essstörungen,  aber auch selbstverletzendem Verhalten, fällt es Außenstehenden natürlich schwer das Ausmaß der Schädigungen in einen Kontext mit dem Versuch von etwas Gutem oder Gesunden zu sehen. Und doch. Der ursprüngliche Impuls bemüht sich um Verbindung – nicht um weitere Trennung bzw. Verluste durch Anspruch an Trennung.

Ich erinnere den Anfang meiner Essstörung nicht mehr sehr gut. Aber ich erinnere mich an die Momente, in denen mir der Gedanke, irgendwann ganz leicht und dann nicht mehr so (über- und dauer-) angestrengt zu sein, über sehr schwierige Stunden und Tage geholfen hat.
Auch an die Momente, in denen es mich beruhigt hat zu wissen, dass ich sowohl das nette Miteinander am Esstisch als auch das beruhigte (stille) Innere haben kann, wenn ich mich nach dem Essen übergebe.
Auch an die Moment, in denen ich die Krämpfe vom Abführmittel dankbar annahm, weil ich wusste woher sie kamen. Und wusste, dass ich sie selbst verursacht hatte. Weil ich das so wollte.

Mir ging es nie wirklich darum schön zu sein, beliebt zu sein oder besser zu sein, als ich war (und bin). Mir ging es darum ein schöneres, besseres Leben zu haben. Eines, in dem beliebt und schön zu sein etwas ist, worum mir Gedanken zu  machen, ich überhaupt Kraft und Fähigkeiten habe.

Meine Essstörung war/ist daneben auch eine (chronisch) suizidale Geste.
Ich wollte/will anders leben, weil das, womit ich 24/7 lebe zuweilen einfach unaushaltbar ist. Anstrengend. Schwer. Einsam.

Der Murks ums Essen hat mir aber auch ermöglicht viele Fertigkeiten zu entwickeln, die mir als fehlend früher gar nicht erst anerkannt wurden. Unser Problem mit Zahlen und Schrift zum Beispiel.

Wir haben Probleme damit Inhalte zu erfassen, wenn Texte/Inhalte so ausgedrückt sind. Als Gymnasiastin bekommt man mit so einer Macke spätestens im Biologie-, Chemie-, Physik- und Matheunterricht ab Klasse 8 ein ernsthaftes Problem. So wie ich.
Das Abwiegen, Ausrechnen und in Kontext setzen meines Lebensmittel- Mikro- und Makronährstoffinputs mit meinem Output und Verbrauch, hat mir jedoch geholfen ein, zwei Strategien zu entwickeln, es besser zu kompensieren.

Dazu kamen soziale Skills wie gezieltes Verheimlichen und Täuschen.
Dazu noch die Verbesserung der Motorik auch unter großem Stress und/oder Umgebungslärm, durch exzessives Sport treiben bei jeder Gelegenheit.

War ich vor der Essstörung eine Person die weird rumstolperte und unter den Lügen anderer Menschen litt, weil sie selbst nicht verstand, weshalb nicht die Wahrheit gesagt wurde, wurde ich unter der Essstörung zu einer Person, die wie ein Soldat mit beiden Füßen auf dem Boden steht und rundum gesichert ist.

Das war nicht schön. Aber es war besser. Und es war/ist großartig zu spüren, dass man sich Dinge selbst besser machen kann.

Selbstverletzendes Verhalten war bei uns schon als Kind dokumentiert.
Was mit Nägel kauen im Kindergarten begann, entwickelte sich bis zu Verletzungen, die wenns schlimm gelaufen wäre, nur noch mit Hauttransplantaten hätten versorgt werden können.
Erst seit dem traumainklusiven Therapieansatz verstehen wir dieses Verhalten als unsere Form der inneren Kommunikation und Selbsthilfe mit posttraumatischer Belastungsreaktion (also auch: dissoziativem Erleben, Unter- und Übererregungszuständen).

Bis dahin war es ein einfach irgendwie notwendiges Ding. Und manchmal auch das Üben für den Ernstfall, denn – so hart das jetzt auch klingt:  um sich die Pulsadern aufzuschneiden, braucht es ein bestimmtes Set an Fähig- und Fertigkeiten. Einfach nur Not reicht nicht, wenn man sicher gehen will.

Ich bin mir heute nicht sicher, wie sehr das Außen und seine Reaktion auf unser Verhalten für uns wichtig waren.
Es ist ja nicht so, dass die Menschen nett und lieb, verständnisvoll und übermäßig hilfreich reagieren, wenn sie mit Selbstschädigungen und/oder “krankhaftem” Essverhalten konfrontiert sind.
Wie die Suizidalität war es eine undankbare, freche Geste sich nicht normal zu verhalten. Derart auffällig zu sein. Und alle alle alle haben uns immer nur gesagt, wir sollten doch damit aufhören. Selbstverständlich, ohne sich damit auseinanderzusetzen, was sie da eigentlich von uns verlangen. Und wofür. Und für wen.

Erst in den letzten Jahren – also etwa 17 Jahre nach Beginn der Essstörung und noch mehr Jahren der Selbstverletzung – sind wir an dem Punkt, unsere Belastungen durch die direkte Umwelt und die sozialen Kontexte, in denen wir uns bewegen, auszudrücken und aktiv mit- bzw. umgestalten zu wollen.
Es hat in unserem Fall keinen Sinn gegen Verhalten anzusteuern – wir sehen unser Verhalten heute als Re- und Interaktion auf bzw. mit dem, was uns umgibt und weniger als individuellen Ausdruck, der wie ein Ausrufezeichen in der Landschaft steht und auf seine Entdeckung und Beachtung wartet.

Wir haben das schon oft hier geschrieben: Wir sind kein passives, eher ätherisches Wesen, das sich subtil und zart durch die Welt bewegt.
Waren wir noch nie.
Entsprechend ist uns auch heute sehr wichtig, dass unsere Essstörung, genauso wie selbstverletzendes Verhalten oder rigide Verhaltensmuster, niemals als stiller, passiv-aggressiver Appell an unsere Umwelt verstanden wird, sondern als das, was es für uns ist: akute Selbsthilfe und der Versuch des Ausgleichs tiefgreifender Dissoziation.

Hat der Körper dadurch Schaden genommen? Ja.
Und doch: es ist nicht die gleiche Art Versehrung, wie jene, die uns durch die Gewalt in Familie* und Familie° passierte und auch nicht der Schaden, mit dem umzugehen heute am meisten Raum einnimmt.

Die Zähne sind kaputt, der Stoffwechsel einer, der auf eine ausgelassene Mahlzeit mit sofortigem Reptilien-Stoffwechsel reagiert. Wir vermuten, dass unser Herzquirk etwas mit der Kombination aus Medikamenten und Mangelernährungswirtschaft zu tun hat. Außer an Gesicht, Hals und Füßen gib es keine Körperregion ohne Narben.

Und doch erleben wir das nicht als schlimm oder denken an der Stelle irgendwas mit hätte würde wenn… Diese Dinge sind geschehen, weil wir uns dafür entschieden haben. Das ist vielleicht schwer anzunehmen, gerade, wenn man uns als die abhängige Person in der Art vermeidbaren Not sieht, die wir waren.

Aber: ein anderer Schaden sind Nervenschäden durch die Gewalt früher.
Wir können nicht fühlen, ob und wann wir pinkeln müssen. Es gibt mehrere Stellen am Körper, die einfach taub sind, als wäre Lokalanästhesie gespritzt worden.

Wir wissen nicht, ob man da was machen kann oder ob das jetzt einfach unser Normal ist. Und ganz sicher, ob es nicht vielleicht doch nur ein Wahrnehmungsverlust durch dissoziative Phänomene ist oder nicht, sind wir auch nicht.
Denn niemand traut sich da ran. Die einen, weil sie keine Ahnung von Trauma haben, die anderen, weil sie keine Ahnung von Medizin haben. Und beiden Parteien ist gemeinsam, dass sie weder Ressourcen noch Mehrwert daran haben irgendetwas daran zu ändern und zu helfen.

Für uns bedeutet das: keine Chance auf auch nur einen einzigen Tag, an dem wir den Genitalbereich des Körpers einfach nur so in seinem üblichen Funktionieren wahrnehmen können, ohne kurz daran erinnert zu werden, das manche von uns dort verletzt wurden.
Es bedeutet auch, niemals einfach nur mit dem Haustürschlüssel in der Hosentasche rausgehen zu können. Wir leben als wären wir inkontinent, obwohl wir es nicht sind.

Und wir erleben daran immer wieder innere Gewaltwiederholungen.
Täter_innenintrojekte, die Kinderinnens anschreien, demütigen, quälen. Immer wieder hochquellende Überzeugungen und Wahrheiten aus Gewalterfahrungen. Und das nur, weil da eine Nervenrückmeldung nicht passiert oder ankommt oder richtig interpretiert wird oder umgesetzt wird.
Also etwas, was sehr weit außerhalb eigenen Willens und Wollens liegt.

Auch das ist etwas, das den Körper für uns zu etwas macht, das uns fremd und autark erscheinen lässt. Manchmal ist da die Idee, dass er auch ohne uns einfach funktionieren könnte und sowieso immer macht, was er will. Egal, wie wir dazu stehen.
Es hat sich aber als gut herausgestellt sich zu widmen und zu beobachten.
Denn trotz aller Autarkie, die so ein Körper hat, reagiert auch er oft genug einfach nur auf die Bedingungen unter denen er funktionieren soll.

Das ist inzwischen unsere Verbindung zu ihm. Unsere Gemeinsamkeit, die wir erforschen und mit bzw. an der wir arbeiten.

Was macht was – was fühlt sich wie wann wo an – wie gut funktioniert X unter Umstand A, B, C – welche Leistungen sind wann zu erwarten…
So gehen wir heute vor und lernen uns dabei sogar untereinander besser kennen.

Heute können wir essen und wissen, was wann in welchen Konstellationen als innere Resonanz zu erwarten ist.
Was alles sein kann, wenn sich sehr anorektisch/bulimisch strukturierte Innens deutlich bemerkbar machen. Was es braucht, damit ihr Einsatz für uns nicht nötig ist.
Wir können Sport machen und merken, wann er gut tut, wann er Ventil für Anspannung ist und wann wir in den Bereich kommen, eine Leistung zu erbringen, die wir an anderen Stellen nicht schaffen.

Was noch schwierig ist, ist körperlich-soziale Interaktion.
Wir meiden es anderen Menschen die Hand zu geben oder einander zu umarmen. Erleben Friseur_innenbesuche oder Termine bei Mediziner- und Physiotherapeut_innen als sehr anstrengend bis unaushaltbar unangenehm (schmerzhaft). Sport in der Gruppe, körperliche Nähe oder Sex mit einem Menschen ist ein einziger Kraftakt.
Bei diesen Dingen gibt es für uns (zu) viele Dinge, die wir berechnen und zu viele Reize, mit denen wir umgehen müssen.

Hinzu kommt der Aspekt der Übung bzw. der Gewöhnung und manchmal auch der Bedeutung der Interaktion.
Wenn ich eine Begrüßung oder Verabschiedung in ihrer Bedeutung für mich unterstreichen will, dann sage ich, dass ich gern die Hand geben möchte.
Wenn wir in einer Beziehung sind, in der Sex eine soziale und körperlich befriedigende Rolle spielt und da eine gewisse Regelmäßigkeit entsteht, dann gibt es weniger zu berechnen. Wir können uns darauf einstellen und das Kraftpaket dafür vorbereiten bzw. auch mit einen Zugewinn an Wohlbefinden und Kraft rechnen.

Aber alles, was nur dann und wann mal vorkommt und/oder keinen erkennbaren Sinn hat ist schwierig.
Und das hat sich in den letzten Jahren auch nicht verändert. Egal, wie viele Erlebensqualitäten und andere Rohdaten des körperlichen Empfindens in Zusammenwirken mit unserem Re_Agieren wir gesammelt haben – manches ist wie es ist und unser Umgang damit kann dann erst mal nur Trial and Error sein.

Doch auch darüber haben wir schon viel gelernt.
Körper können viel ertragen. Sind sehr belastbar. Aber auch nur bis zu einem bestimmten Punkt.
Und diese Punkte für uns allein herauszufinden ist nachwievor manchmal spannend, aber auch schlimm.

Es gibt Innens, die durch tiefe Täler gingen, als sie feststellten, dass sie sich niemals hätten körperlich wehren oder die vernichtende Rache ausüben können, die sie sich vorstellen. Viele von uns nähern sich dem Begreifen der körperlichen (wie kognitiven und seelischen) Überforderungen mit denen sie konfrontiert wurden.
Manche Innens loten noch heute aus, wie viel größer und stärker das ist, was sie heute be.nutzen können, um Dinge zu tun. Muskulöse Beine, eine kräftige rechte Hand, eine geschickte linke. Augen, die mit einer Brille unterstützt werden. Zähne, die saniert wurden. Ein Mund ohne wunde oder offene Stellen.

Wie sich die Feindschaft und Kriege mancher Innens mit dem Körper dabei entwickeln, können wir nur schwer beurteilen.
Wir leiden alle mehr oder weniger stark unter dem Umstand, dass der Körper mit Krampfanfällen auf (nerven)systemische Überlastung reagiert. Es ist schwierig diesen Schutzmechanismus nur als solchen zu sehen und sich nicht in negativen Gefühlen dazu zu verstricken.
Durch das Engagement für Inklusion und Menschenrechte, haben wir oft die Gelegenheit an uns zu reflektieren, wie ableistisch wir uns selbst gegenüber häufig noch sind. Gerade in Bezug auf das Symptom, das unsere Schwierigkeiten häufig auch zu einer sozialen Schwierigkeit macht.

Aber: wir sind davon weg, es als psychischen Ausdruck für irgendetwas zu sehen und machen mehr Fortschritte mit dem Modell die Anfälle als Reaktion auf etwas anzunehmen. Das macht uns auch den Zugang zum sozialen Umgang mit dieser Behinderung leichter.

Körper haben – Körper sein, heißt dieser Text, denn für uns sind das die Punkte, die wir inzwischen verstanden haben.
Auch in Bezug auf die Gewalt und wie sie möglich wurde.

Heute erleben wir eine Debatte um Menschenhandel und denken an Fleischmarkt. An Körperhandel. Und daran, wie logisch es ist, dass Menschen so miteinander umgehen, gehen sie doch mit allen anderen Lebewesen, Ressourcen und Gedanken/Kulturgut auch so um.
Es ist moralisch und ethisch falsch – und doch passiert es.

Meistens nicht einmal, weil die jeweiligen Körper sind wie und/oder wer sie sind, sondern weil sie sind. Weil sie Körper sind, sind sie anfassbar, präsent, etwas, das Resonanz in einem anderen Körper auslösen kann.

Wir haben verstanden, dass wir für Familie* und Familie° vermutlich von Anfang an nur Körper waren und bis heute auch nur einen Körper hätten, wären wir bei ihnen geblieben.

Jetzt arbeiten wir daran zu spüren wie das ist auch ein Körper zu sein.
Für uns und für andere.

 

*Text als PDF zur freien Weitergabe

Autismus und DIS, Die Helfer_Innen und die Hilfe, DIS?, Innenansichten, Lauf der Dinge

Therapie

Hingehen. Machen. Wieder weggehen. So einfach hätten wir das gern. Therapie.
Dieses Ding, das 15 von 30 Jahren ein Teil unseres Lebens ist und wirklich alles. Nur nicht so einfach.

Als 14~15 Jährige Jugendliche saß ich erstmals regelmäßig vor einer Psychologin. Oder einer psychologischen Beraterin, das weiß ich nicht mehr genau.
Es hat nichts gemacht. Nur gekostet.
Und zwar meine Kraft. Meine Zeit.
Weil meine direkte soziale Umgebung selbiges nicht für mich freimachen wollte oder aufbringen konnte.
Das denke ich heute als Erwachsene. Die davon ausgeht, dass es sich um eine Verlegenheitslösung handelte.
Huch, latent suizidales Mädchen, das sich selbst verletzt. Da muss man doch was tun.

Wer was tun musste, waren wir.
Hingehen, machen, wieder weggehen. Weiter machen wie bisher. Denn nichts konnte sich verändern, nur weil wir in uns allein etwas veränderten.

Wir sprachen sehr lange nicht davon in Therapie oder psychiatrischer Behandlung zu sein.
Erst als wir mit den Eltern im Auto durch die Pforte der Uniklinik mit kinder- und jugendpsychiatrischer Station fuhren, fragte ich mich, ob das, was die Mutterfrau so sauber mit “Klinik” beschrieb, die Irrenanstalt, die Klapse, die Ballerburg sei.

Heute erinnere ich dieses Gefühl des Verrats und der Verwirrung.
Denn für mich war es, als würde ich mit einem Mal zwischen zwei Welten stehen. Zwischen “Ist schon alles okay, die Klinik ist eine Hilfe” und “Nichts ist okay, ab heute bist du irre.”. Es war wie ein Film mit logischem Fehler. Dem man folgt und entgegenbrüllt: “Hallo wie unrealistisch!”
Denn alle haben das gewusst. Alle. Nur wir nicht.
Wir haben mitgemacht. Haben an uns machen lassen. Unserem Leben. Unserem Sein. Unserem Werden.

Therapie ist jeder gelenkte Prozess. Irgendwie. Auf eine Art.
Psychotherapie ist ein von psychiatrischer, psychologischer, manchmal auch psychoanalytischer Deutungs- und Definitionsmacht gelenkter Prozess.
Da haben Menschen beobachtet, Schlüsse gezogen und Verfahren entwickelt.
Da haben befähigte Menschen beobachtet, Schlüsse gezogen und Verfahren entwickelt. Weiße Menschen. Männer. Altehrwürdigen Normen und Annahmen folgen und entsprechen könnende Menschen haben beobachtet, Schlüsse gezogen. Wissenschaft konstruiert und Verfahren definiert.

Therapie ist, was die Schüler_innen dieser Menschen davon in den gemeinsamen Prozess mit ihren Patient/Klient_innen einbringen.
Patient/Klient_innen, die ab dem Moment der Diagnose, ab dem pathologisierenden Moment ihres Leidens vieles, manchmal sogar nichts mehr von dem sind, was die sind, die sie umgeben. Noch bei Verstand. Ganz bei Trost. Ganz dicht. Wie jede_r andere. Befähigt. Selbstbestimmt.

Es hat der Menschenheit keinen Gefallen getan, der zwischenmenschlichen Begegnung, an der man wächst, versteht und einander bereichert und unterstützt, diesen Überbau der Deutungshoheiten und Mächte zu geben.
Es ist nicht gut, so viele manchmal unvereinbare und allzu oft sogar persönlich unversöhnbare Schulen und Lehren zu haben.
Denn jemand, di_er jemanden sucht, um sich und die eigenen Schwierigkeiten zu verstehen, zu verändern, loszuwerden oder zu heilen, braucht eigentlich das Wissen aus allen vergangen Prozessen. Aus allen verschiedenen Grundannahmen. Aus allen verschiedenen Beobachtungen und Schlüssen.
Sonst bleibt die Selbstbestimmung unmöglich.

Als Jugendliche in der Familie, in der ich damals lebte, war Selbstbestimmung kein Begriff für mich. Und doch hatte ich es vermisst, nicht selbst auch eine Entscheidung treffen zu dürfen. Selbst bestimmen zu dürfen, wie ich mich meiner Suizidalität und all dem, was da plötzlich alles mit und in mir passierte, widmen möchte.
Ich hatte keine Angst zu sterben. Ich hatte Angst davor das, was mich da immer wieder überrollte, mein Leben lang aushalten zu müssen. Während ich nicht wusste was da eigentlich war, wieso das immer wieder passierte – warum keine meiner Anstrengungen half.

Ich war damals sehr konkret in meinem Fokus. Gegenwart. Hier und jetzt war alles schrecklich und was ich wollte, waren Lösungen für nichts anderes als das. Die Erwachsenen in meiner Umgebung waren in der Zukunft und all dem, was sein könnte, würde, wenn… Wenn das so weiter geht, nimmt das kein gutes Ende… Würde man sie nicht in die Klinik bringen, dann…

Rückblickend denke ich immer noch, dass man uns mehr mit einem wochenlangen Wandertrip, einem Projekturlaub oder ähnlichem geholfen hätte.
Raus aus der Familie*. Raus aus der Familie°. Raus aus dem Schulstress. Raus aus dem Brei der Routinen und Gewohnheiten, in ein Umfeld, in dem nicht nur eine oder zwei (Gewalt)Komponenten anders waren.

Ich habe meine Wellen der Suizidalität und Nöte aus dem Nichts heraus, erst über 2 Jahre nach der ersten Einweisung in psychiatrische Kontexte selbst verstanden. Erst mit der richtigen Diagnose und in einem sehr viel weniger hierarchischem Umfeld hatte ich überhaupt ein Wort dafür.
“Wiedererleben”. “Flashback”.
Und selbst mit diesem Begriff dafür dauerte es noch einmal 2 fast 3 Jahre bis uns die objektive Ebene dieses Erlebens zugänglich wurde. Die Kontextualisierung mit dem Thema “Trauma” passierte. Bis wir, bis ich begriffen hatte, dass nicht ich die Quelle für die Not bin, sondern, das, was mir, was uns passiert ist.

Ich weiß nicht, wie das heute ist. Was heute in Kinder- und Jugendpsychiatrien der Behandlungsstandard ist. Ob und wie dort über die Diagnosen aufgeklärt wird. Ob die Möglichkeit besteht sich selbst zu diagnostizieren und darüber in Austausch zu gehen.
Das hätte ich gut gefunden.

Wenn ich meine Theorie der tausend Hirntumore mit jemandem hätte teilen können, als ich noch minderjährig war. Oder meine Idee von einer durch die Medikamente entwickelte Veränderung der Hirnchemie. Oder die damals alles bestimmende Angst, die sich darum drehte, dass es meine Bestimmung sei immer wieder so sehr zu leiden, ohne, dass ich oder irgendjemand anders es beenden kann. Dass es mein Leben sei zu leiden, weil ich nur dafür geboren wurde.
Jedes Gespräch darüber hätte mehr bewirkt als das Schweigen oder vorsichtige Nebelfahrtenkommando um das, was mit mir war.

Auch hier  finde ich es wieder. Die Komplikation durch unsere Kommunikations- und Interaktionsprobleme. Wir haben die Menschen, die nach Familie* und Familie° am meisten Macht über uns und unser Leben hatten, so oft nicht gut genug verstanden, sodass wir nicht wirklich effektiv dazu beitragen konnten ein stabiles und zutrauensvolles Bündnis aufzubauen.
Niemand geht auf Menschen oder Dinge ein, die unklar, schwammig, flüchtig sind. Niemand.
Und doch nennt man das bei Menschen, die als krank bezeichnet werden “Behandlungsverweigerung”, “fehlende Krankheitseinsicht” oder schlimmer noch “(bindungs)unfähig” (oder “persönlichkeitsgestört” as in “gestört von der kaputten, kranken, falschen Persönlichkeit(sstruktur)”).

Natürlich sehen wir, dass manche auch einfach nichts festlegen wollten. Kinder- und Jugendpsychiatrie ist an vielen Stellen nicht viel mehr als Kaffeesatz lesen und mit Modellen aus der Erwachsenenpsychiatrie übersetzen. Und doch gibt es universelle Begriffe. Gibt es etwas, womit gearbeitet wird.
Und das sind meistens irgendwelche Grundannahmen oder Ideen, die sich in Behandler_innen entwickeln, wenn sie sich mit ihren Patient/Klient_innen befassen und auseinandersetzen.

Das sollte man vermitteln können. Und zwar so, dass eine Kommunikation darüber entsteht.
Und sich daraus ein Prozess entwickeln kann.
Das geht. Das geht immer. Nicht nur in der Psychotherapie, sondern auch in der Betreuung, der Freund_innenschaft, der liebevollen Partner_innenschaft, der Elternschaft, der Pat_innenschaft, der Beratung, der kollegialen Zusammenarbeit.
Wenn etwas geht, dann kann man es machen. Einfach so.
Das braucht keine Erlaubnis. Eigentlich. (Außer klar: wenn es jemandem schadet/gewaltvoll ist)

Und wenn doch, dann ist die Umgebung prozessfeindlich und damit keine, in der man sich länger bewegen sollte, wenn man sich weiter_entwickeln möchte.
Denn Leben ist Prozess. Immer und überall, in alle möglichen Richtungen.

Hierarchie jedoch ist statisch. Gewalt, Macht, Hoheit ist ein statisches Ding.
Es kann weder sich noch andere Dinge in Veränderungen hinein bewegen. Es kann lediglich Machtbereiche wieder_herstellen und festigen.
Was manchmal hilft, jedoch nie über gewisse Punkte hinausgeht.

Wir erleben uns oft allein mit dieser Sicht auf Psychiatrie und ihre Wissenschaften. Auf Macht und Gewalt.
Erleben uns wütend ohnmächtig in den Momenten, in denen wir sehen, wie viele Menschen sich selbst so wenig selbstwirksam erleben, dass sie Orte der Macht und Propheten der Wahrheit produzieren. Im Fall von (traumatisierten) Menschen, die schwer leiden: Kliniken und Praxen (für Psychotherapie) und Behandler_innen, deren Ansichten und Theorien unantastbar sind.

Ohnmächtige Wut hat einen großen Anteil an unseren Erfahrungen mit stationärer Therapie gehabt. Heute bin ich dankbar dafür, dass mir zu Zeiten, in denen wir immer wieder in Kliniken entsorgt wurden, nicht bewusst war, wie sehr diese Konstellationen und Gefühle, die reale Unterwerfung und globale Auslieferung, dem ähnelten, was wir in der Familie* und der Familie° üb.er(ge)lebt haben.
Heute frage ich mich, ob ich das überlebt hätte, wäre es mir bewusst gewesen. Und antworte mir mit “Nein”.

Wäre es mir bewusst gewesen, hätte ich geglaubt, es gäbe keine anderen Facetten der Welt, des Lebens, des Prozesses, des mich-selbst-wahrnehmens und Er_lebens.
Ich hätte weiterhin geglaubt, dass ich Autoritäten brauche, die mir sagen, was richtig ist und was falsch. Wer oder was ich bin. Was ich darf und kann, und wozu ich bin. Wie mein Leben sein sollte, wie meine Ansichten sein sollten, um ernstgenommen zu werden. Wie ich re- und inter.agieren sollte, um angehört und respektiert zu werden. Ich würde immer noch denken, dass es falsch ist Fragen zu stellen und alternative Wege zu gehen.

Mein Leben würde sich darum drehen, Autoritäten zu entsprechen, die mich glücklich und zufrieden zu machen versprechen.
Statt darum, herauszufinden, was ich brauche und tun kann, um mir selbst einlösbare Versprechen zu machen. Um mir selbst das Leben zu bereiten, dass ich leben will und kann und möchte.
Mein Leben wäre darauf gerichtet, mich ein Leben lang wie eine für hässlich, störend, gefährlich befundene Hecke zuzuschneiden. Es ginge immer nur um mich. Und niemals um jene, die mich als zuzuschneidend befinden. Oder um die gemeinsamen Umstände, die zu diesem Befund an mir führen.

Ich denke heute, dass wir viel Glück hatten mit unseren Therapeut_innen.
Oft genug hatten wir auch Pech, doch es gab diese drei Frauen, die uns so begegnet sind, wie wir das gebraucht haben, um das Leben als Spektrum voller Möglichkeiten und Optionen zu begreifen – und in gewisser Weise auch: zu ergreifen.
Das war nicht die Oberärztin, die sagte, wenn ich mich nicht anfangen würde zu sprechen und zu essen, würde sie mich rausschmeißen und dann könne ich ja sehen, was mit mir passiert.
Das war nicht der Chefarzt, der mir sagte, dass Kinder ihren Eltern gegenüber verpflichtet seien.
Das war nicht die Therapeutin, die uns über Monate hinweg mit Konfrontationstrainings gequält hat.
Das war nicht die Therapeutin, die wusste, dass wir aus einer Misshandlungsfamilie kamen und nur darüber sprach, was wir lernen müssten, damit ES nicht von uns provoziert wird.

Wir haben so viele Gewalterfahrungen in Kliniken gemacht. Und so wenige Erfahrungen der Aufrichtigkeit, Offenheit, Sensibilität. Des Respekts und der Empathie. Des Versuchs unsere Perspektive einzunehmen und als valide anzuerkennen. Obwohl sie maximal von der der Behandler_innen abweicht.

Da werden wir im Leben nicht drüber wegkommen.
Wir werden niemals die Genugtuung erleben, dass dieses Unrecht in irgendeiner Form aufgedeckt und von der Gesellschaft, die das zugelassen hat, wieder gut gemacht wird. Oder leichter. Oder wenigstens: weniger schlimm.
Denn das ist eine Traumatisierung, die uns nicht von einer Einzelperson(engruppe) angetan wurde. Von unglücklichen Umständen gemacht oder aus unvorhersehbaren Dynamiken heraus, sondern von der neoliberal autoritären Gesellschaft selbst, die solcherart Institutionen nur leise zu kritisieren, jedoch nicht umfassend zu reformieren und umzuwandeln im Stande ist.

Alles was wir tun können ist, zu schauen, wie wir damit leben.
Mit dem Wissen, dass das so ist. Dass das nicht nur uns passiert ist. Dass es bis heute immer wieder in ganz verschiedenen Abstufungen, doch immer dem gleichen Muster folgend, passiert. Jeden Tag. Immer wieder.
Ohne, dass es aussichtsreiche Rechtsmittel und Schadenersatzmöglichkeit für die Betroffenen gibt.

Wir müssen aber auch schauen, wie wir damit Therapie machen. Mit diesen Erfahrungen.
Wie wir heute damit umgehen, mit einer Person in Kontakt zu gehen, die mit einem einzigen Schrieb eine Bewegung auslösen könnte, die uns maximal entrechtet und unterwirft, ohne mit Widerständen oder öffentlichem Skandal rechnen zu müssen.

Wie können wir uns für ein Gegenüber öffnen, von dem wir wissen, dass es ihn gelernt hat – den Blick auf Menschen als Objekt mit diversen Eigenschaften, die man einordnen, berechnen, be.messen kann. Und dem Beruf entsprechend auch muss. Im gewissen Maße.

Welche gemeinsame Ebene können wir finden, um einen konsistenten kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden, der unsere Zusammenarbeit zu tragen in der Lage ist?

Was brauchen wir als Überlebende von Helfer_innengewalt, um Helfer_innen mehr als nur Gewalt und Eigennutz zuzutrauen?

Was macht es uns möglich, in Helfer/Behandler_innen den Menschen zu sehen, der neben dem psychologischen auch einen eigenen Blick (auf uns) hat?

Welche Maßnahmen können wir treffen, um uns vor einer möglichen Absorption im Sinne einer übergriffigen Vereinnahmung zu schützen?
Wie verhindern wir von vornherein eine Abhängigkeit?
Das waren wichtige Fragen für uns. Manche davon sind auch bis heute immer wieder mal Thema.

Für uns hatte sich viel im „Therapie machen“ verändert, als wir uns unsere Suizidalität wieder angeeignet hatten.
Das war 10 Jahre nach dem ersten Suizidversuch und 11 Jahren, in denen wir gegen sie angekämpft, sie uns verboten haben. Letztlich, weil uns niemand helfen oder unterstützen, uns betreuen oder in der Nähe haben wollte, wenn wir suizidal waren.

Sehr lange hatten wir niemanden im Leben, di_er sich uns in diesem Zustand zugemutet hat. Und als wir dann das Glück hatten, eine Therapeutin zu treffen, die das tat, haben wir lange gebraucht um das zu verstehen, zu begreifen, zu glauben. Diesem Glück folgte das Glück, dass wir unsere Intervalltherapie immer mit ihr haben konnten. Und so erleben konnten, dass sie immer irgendwie da war. Auch dann, wenn zwischen unserer Zusammenarbeit viel Zeit lag.

Es gab keine Unterschiede in den Graden, die sie sich unsere Anwesenheit und das Arbeiten mit uns zugemutet hat.
Wenn wir miteinander zu tun hatten, dann war das konstruktiv auf das ausgerichtet, was wir erarbeiten wollten. Und nicht darauf, wie lieb wir sind und wie gut wir uns anpassen können. Wie gut wir gerade Therapie (in einer Klinik) machen können.

Heute denken wir, dass das einer der wichtigsten Etappen in unserer gesamten Therapiezeit war. Diese grundlegende Ausrichtung darauf, was wir für uns erarbeiten wollen – und eben weg von der (sozialen) Performance darum herum. Auch und obwohl wir uns in einem Klinikrahmen zum Arbeiten bewegt haben.
Für uns war es heilsam zu erfahren, dass jemand di_er innerhalb dieses Rahmens arbeitet, eigene Wichtigkeiten erhalten kann. Dass die strukturellen Gegebenheiten eben nicht alleinig die Handlungsmöglichkeiten definieren, sondern auch die Menschen, die darin und damit arbeiten.

Für uns war das das Vorbild zum Umgang mit der chronischen Suizidalität, der Essstörung und all dem anderen Horror, der heute das Hintergrundrauschen unseres Lebens ist, doch damals unser Lebenszentrum war.

Wir kamen nicht auf die Idee, dass die Dinge nebeneinander stehen könnten. Dass man sowohl suizidal als auch valide und ernstzunehmen sein kann. Dass man manche Dinge nicht können kann, aber manche Dinge schon. Dass manche Überzeugungen wichtig sind, manche andere aber auch.

Es wurde uns möglich unsere Schwierigkeiten in Dialog mit den Anforderungen an uns gehen zu lassen.
Und das war ein Ding. Das war eine der anstrengendsten aber wichtigsten Übersetzungsleistungen von außen nach innen, die wir geschafft haben.

Vom Beispiel der Interaktion zwischen Klinikrahmen (Regeln, Strukturen, persönlichen Machtdynamiken) und der Arbeit an und mit Inhalten (Befähigungen, anerkannten Belastungen und Bedürfnissen) – zur Interaktion der Symptome (ausgelöst und getragen von inneren Vorgaben, Strukturen, Machtdynamiken) und den Bereichen, die sie beeinflussen (unser Körper, unser Befinden, unser Leben (in der Zukunft) ).

Bis die Traumatisierung und das Vielesein anerkannt wurde, war die Suizidalität eine Frechheit. Ein anmaßendes Verhalten, das als persönlicher Angriff auf die Welt verstanden und entsprechend abgestraft wurde. Erst mit der Anerkennung der früher immer wieder herbeigeführten Todesnähe und der unverarbeiteten Bedeutung dessen, wurde sie zur logischen Folge. Zur Reaktion, bei der es auch um Selbstermächtigung, um einen jederzeit verfügbaren Not.Ausgang, eine Entscheidung, die uns niemand nehmen darf, geht.

Heute können wir anerkennen, dass jedes unserer potenziell lebensbedrohlichen Symptome etwas ist, das uns an unsere Macht über uns selbst erinnert. Manchmal auch ausübt, wenn wir sie in unserem Leben an irgendeiner Stelle nicht ausüben dürfen und wir darunter leiden.

Einmal an diesem Punkt angekommen, ging es nicht mehr zurück.

Wir haben heute keine Toleranzräume mehr in uns, gewaltvolle Helfer/Behandler_innen (in Kliniken) zu ertragen. Weil wir wissen, dass es geht, ist da kein Raum mehr für Legitimation, sondern nur noch für Anerkennung und die Entscheidung dagegen.
Eine schwierige Entwicklung vielleicht. Denn sie macht es uns vielleicht für immer unmöglich stationäre Hilfsangebote anzunehmen.
Andererseits ist es eine Entwicklung, die darauf fußt sich gegen Dinge zu entscheiden, die nicht gut tun.
Wer weiß.
Wir lassen das nebeneinander stehen.

Es geht auch nicht mehr in Zwangslagen zurück, die um Suizidalität und Hilfen/Unterstützungen/Behandlungen herum aufgebaut werden.
Wir unterschreiben keine “Anti-Suizid-Verträge” mehr. Wir weigern uns zu versprechen, dass wir uns nicht selbst verletzen und immer unseren Teller leer essen. Wir sagen nicht zu, dass wir lieb und artig alles mitmachen, was uns angetragen wird. Wir sichern nicht zu, immer alles so zu machen, wie das von uns erwartet wird, weil man von allen erwartet, was man so erwartet.
Wir erlauben es Behandler_innen nicht mehr, uns zum Gegenstand ihrer Behandlung zu machen.

Nicht weil wir denken, wir hätten eine besondere Behandlung verdient oder weil wir uns für jemanden halten, die besser als Behandler_innen wissen, was gut für uns ist oder sein könnte.
Sondern, weil wir denken, dass man die Folgen (massiver) Unterwerfung nicht innerhalb von Kontexten, die mit (massiver) Unterwerfung einhergehen, behandeln bzw. transformieren kann. Das ist als würde man nasse Pudel unter die Dusche stellen, um sie zu trocknen.

Wir sind Aus_Handelnde geworden.
Wir können anerkennen, warum in der therapeutischen Arbeit manche Absprachen wichtig sind. Und zwar nicht nur, weil sich die Person der_des Therapeut_in damit sicherer fühlt, sondern auch, weil si_er einen Anlass zum Wunsch danach hat, der vielleicht auch gar nicht mal nur in ihr_ihm liegt.

Unser Aus.Handeln mit unserer jetzigen Therapeutin begann damit zu schauen, ob so ein Anti-Suizid-Vertrag oder Nicht-Selbstverletzungs-Gebot von uns verlangt wird, weil man das schon immer so gemacht hat (struktureller Pauschalzwang) oder weil man sich persönlich damit besser fühlt (persönliche (Macht)Aneignung) oder weil man der beruflichen Verantwortung so gut es geht nachkommen will (basale Absicherung der Arbeitsbedingungen auf einer der beiden beteiligten Seiten).
Diese Frage hat zu einem guten Gespräch darum geführt, was wann wie in welchem Ausmaß vielleicht nötig abzusprechen sein könnte.

Wir haben die Absprache, dass wir grundsätzlich suizidal sein dürfen und uns auch suizidieren dürfen – aber vorher versuchen mit ihr darüber zu sprechen um zu schauen, ob das wirklich nötig ist. Das heißt konkret, dass wir uns bei ihr melden, wenn wir merken, dass wir diese Gedanken haben und sie sich für uns sehr greifbar entwickeln.
Wir sind die Manager_innen unserer Suizidalität. Die Therapeutin ist diejenige, die uns unterstützt, wenn wir den Eindruck haben, dass wir von der Suizidalität gemanagt werden.

Das Gleiche gilt für Selbstverletzung. Wir dürfen uns selbst verletzen, sollen aber dafür sorgen, weiterhin mit ihr daran arbeiten zu können, dass es nicht mehr nötig ist. Heißt: schwere Selbstverletzungen, die Infektions- und andere Risiken bedeuten könnten, sollen medizinisch versorgt werden. Es wäre einfach ungünstig an einer Sepsis zu sterben, während man mitten in der Arbeit daran ist, keine mehr zu entwickeln…

Ähnlich ist die Absprache um Kontakte zu Menschen, die zu Täter_innen an uns wurden.
Wenn wir welchen aufnehmen, dann sprechen wir darüber, wer warum, wann wie oft worüber – um zu verstehen, wie es dazu kam und zu prüfen, ob es dann noch sinnvoll ist die Therapie weiter zu machen.
Wir haben es als unheimlich entlastend erlebt, nicht auch die Verantwortung dafür übernehmen zu müssen, wenn diese Menschen Kontakt zu uns aufnehmen oder wir über die strukturellen Abhängigkeiten, in denen wir uns bewegen, mit ihnen in Kontakt kommen.

An der Stelle nehme ich mir die Freiheit diesem sehr langen Text noch einen Absatz hinzuzufügen, der auch gut in den Text zu sogenannten “Täter_innenkontakten” gepasst hätte.
Es gibt diese Art des Kontaktes mit Menschen, die zu Täter_innen wurden, über die strukturellen Gegebenheiten, auf die manche Menschen angewiesen sind. Das begann bei uns damit, dass wir ein Jugendhilfekind waren und ist auch heute noch immer wieder ein Thema, weil wir das behinderte 30 Jahre alte Kind unserer Eltern sind, das sich nicht selbst finanzieren kann. Obwohl es das will. Und trotz noch ganz vieler weiterer Obwohls.

Wir brauchen das Kindergeld. Wir brauchen BAföG. Wir sind eine schwerbehinderte Person, die seit dem 15 Lebensjahr weder lohnarbeiten noch sparen noch mit finanzieller Unterstützung aus der entfernteren Familie rechnen kann. Wir leben nicht von EU-Rente, nicht von Krankengeld. Wir sind nicht verheiratet oder in der Situation auf irgendein Erbe warten zu können. Wir können keine Kredite aufnehmen und ein Antrag auf OEG hat keine Erfolgsaussichten.

Wir waren schon immer da, wovor die meisten Angst haben, wenn es um Trennung vom gewalttätigen Menschen/Umfeld geht und haben bis heute keine einzige Möglichkeit unabhängig von staatlich aufgezwungenem Kontakt zur Familie an Gelder zu kommen.
Das ist unser Normal und das ist schlimm.

Und doch ist es kein Vergleich zu den Jahren, in denen der Kontakt nicht daraus bestand, dass beide Parteien Post über die Ämter jener Städte bzw. der vertretenden Instanzen erhalten, sondern aus Gewalt, die ich hier nicht näher beschreiben will.

Es gibt Behandler_innen, die auf Erfolgsgeschichten hinarbeiten. Die können Menschen mit einem Hintergrund wie unserem natürlich nicht gebrauchen. Denn ein Hintergrund wie unserer bedeutet, dass man sich mit der Krankenkasse streiten können müsste, wenn man keine langen Behandlungspausen riskieren will.
Es bedeutet, eine Lebensrealität kennenzulernen, der eine – der traumatischen sehr ähnlichen! – Ohnmacht mit zuweilen existenziellen Bedrohungen, immanent ist.
Es bedeutet eine Traumatherapie zu machen, während einer der stärksten Trigger auf einer anderen Ebene nicht mit einem lapidaren: “Die Bedrohung ist vorbei – du bist sicher – du bist versorgt – du kannst heute alles selbst bestimmen und erhalten, was du brauchst.” von heutigen Erfahrungen zu trennen ist.

Eine Beobachtung, die wir gemacht haben ist, dass sich die Üblichkeit der individuellen Freiheit, mit der sich die weißen, akademisch gebildeten, gut situierten und umfänglich befähigten Menschen, die sehr oft unsere Behandler_innen waren, umgeben, am Punkt “Hartz 4” oder “Schwerbehinderung” zu einer schmerzhaft ignoranten Grundhaltung wandeln kann.

Natürlich ist nicht von allen Behandler_innen zu erwarten, dass sie sich Menschen mit einem Hintergrund wie unserem auseinandersetzen. Aber wie unaufrichtig ist in der Folge dann ein jedes Engagement für komplex traumatisierte Menschen insgesamt?

Ab einer Behandlungsdauer von über 6 Monaten ist eine Krankheit als chronisch anerkennbar. Jede chronische Krankheit kann, je nach Lebensumständen, als Schwerbehinderung anerkannt werden.
Die Behandlungsdauer von Traumafolgestörungen nach komplexer Traumatisierung? Jahre.
Rein theoretisch hat es also jede_r Behandler_in, di_er nicht nur Kurzzeittherapien mit ihren Patient/Klient_innen macht, eine schwerbehinderte Person vor der Nase.
In der Folge wäre es also ein gar nicht mal so exotischer Schritt sich näher damit zu befassen, was das für die Lebensrealitäten der Klient_innen außerhalb ihrer individuellen Belastungsreaktionen und –umgänge bedeutet. Auch und gerade in Bezug auf strukturelle Hilfen und die damit einhergehenden Abhängigkeiten.

Wir haben uns in den letzten Jahren öfter in der Situation gesehen ein “101 Bürokratie des Lebenserhaltes” geben zu müssen, weil man unsere prekäre Situation nicht nur nicht mitgedacht hat, sondern auch schlicht ignorieren wollte, weil man diese Kontexte als etwas gesehen hat, das ja so nah dran am Individuum gar nicht sein kann.
Wir können anerkennen, dass Menschen, die nicht in diesem Kontext leben, das nicht sehen und verstehen. Akzeptieren, dass man den Patient/Klient_innen die Aufklärungsarbeit zuschiebt und sich dann doch dagegen entscheidet, mit diesem Wissen zu arbeiten, nicht.

Das fließt auch in eine weitere Absprache, die wir mit unserer Therapeutin haben. Dabei geht es darum keine Gewalt in dem Raum auszuüben und/oder dort etwas (oder jemanden) kaputt zu machen.
Das bedeutet für uns beide, alle, dass wir einander nicht schlagen oder sonstwie verletzen – es bedeutet für uns aber auch, dass wir uns auf einer Ebene bewegen, auf der es nicht um Recht, Schuld oder Wahrheit geht, sondern um Beobachtung, Analyse, Verstehen und (Weiter-) Entwicklung.

Uns tut diese Ebene sehr gut.
Vor allem, weil es uns eine ruhige Basis verschafft, von der aus wir uns langsam auch Traumamaterial nähern können.

In diesem Text wäre es vielleicht sinnvoll näher darauf einzugehen, was in der Traumatherapie eigentlich passiert, aber darüber haben andere Menschen schon so viel geschrieben.
Was wir dem noch anfügen können ist, dass “darüber reden” bei uns nicht im Zentrum der Therapie steht. Wir haben nicht das Ziel alles so genau wie möglich zu erinnern, sondern genug zu erinnern, um zu verstehen, zu transformieren und uns weiterzuentwickeln.

Für uns sind Stunden, in denen (desorientierte) Kinderinnens sprechen oder wir konkret über die Erfahrungen sprechen, sehr anstrengend und immer knapp an der Kante von “zu anstrengend”. Dem folgt zu Hause und in den Tagen (manchmal auch Wochen und Monaten) danach eine Phase, in denen dann vermehrt Erinnerungsstücke zusammenkommen – über die wir manchmal sprechen (können, wollen, müssen), manchmal aber auch nicht.
Diese Phase und die Integration dieser Erinnerungen als etwas, das uns allen passiert ist, stellt den Mammutanteil unserer Therapie.
Denn trotz viel intellektuellen Verständnisses um Dissoziation, Trauma und Gewalt und der Anerkennung der eigenen Beteiligung als logischer Fakt, ist die dissoziative Kluft zum emotionalen Begreifen nachwievor an vielen Stellen unüberwunden.

In Therapie zu sein, ist uns übrigens nicht peinlich. Obwohl wir sehen, dass unsere Leistungs- und Belastungsfähigkeit von diesem Umstand abgeleitet wird und nicht von unseren Leistungen bzw. dem Umgang mit Belastungen, sind wir offen damit.
Manchmal, weil wir denken, dass es einfach ein Teil unseres Alltags ist, der zu viel Raum einnimmt, um ihn zu verbergen, meistens jedoch, weil wir nicht einsehen, Kraft für ein Versteckspiel zu Performancezwecken aufzubringen. Wer Menschen nur dann als fähig, kompetent und ernstzunehmen einordnen kann, wenn diese keine Therapie machen oder psychisch unbelastet sind, der hat, denke ich, ein Reflektionsproblem an sich.

Die Stigmatisierung von Menschen, die ihre psychischen Belastungen auf ihre Art zu kompensieren oder transformieren versuchen, ist heute so tief in der Gesellschaft wie noch vor vielen Jahren. Meiner Ansicht nach ist die Antistigmatisierungsarbeit bis heute eher mittelerfolgreich und ich sehe nicht, dass sich das ändern wird, bis sich mehr und mehr Betroffene selbstvertretend äußern, obwohl und trotz all dem, was darauf erst einmal folgen kann.

Für mich persönlich ist es schon ein Stigma als “psychisch krank” bezeichnet zu werden.
Denn ich bin nicht krank. Ich habe mich an Gewalt anpassen müssen und funktioniere nun nach dem Ende dessen nicht mehr kongruent mit meiner Umgebung. Es geht nicht um mich allein – es geht um ein Zusammenspiel von mir und meiner Lebensumgebung.
Der Begriff der Krankheit deckt das in keinster Weise ab – auch dann nicht, wenn da “psychisch” vorsteht.
Trotzdem steckt diese Begrifflichkeit in jeder – wirklich jeder! –  Anti-Stigma-Kampagne von und mit Mediziner_innen.

Ich arbeite nicht an Heilung – niemand kann mich gesund doktern. Ich muss ein (soziales) Umfeld haben, in dem ich Entwicklungsschritte machen kann, die mir helfen, mich in Einklang mit meiner Umgebung zu erleben und meine Erfahrungen zu verarbeiten.

Ich persönlich brauche die Bezeichnung “krank” nicht, um mich in meiner Belastung und meinen Leiden anerkannt zu fühlen. Ich brauche dafür Worte und Gesten, alltägliche Momente und Räume, in denen ich grundsätzlich und mit allem, was da ist, anerkannt werde.

Einer dieser Räume ist die Praxis meiner Therapeutin. Ein anderer die Räume, in denen ich mit dem Begleitermenschen bin. Ein weiterer die Räume, in denen man von meinen Belastungen weiß und sie mitdenkt, wenn man mit mir zusammenarbeitet. Ein nächster ist meine eigene Wohnung.
Gerade diesen Raum so umzugestalten, dass er unseren Bedürfnissen weitestgehend möglich entspricht, hat sehr lange gedauert – aber im Ergebnis sind wir zufrieden.

Uns ist wichtig normal zu sein. Wir wollen, dass so wie wir sind und leben genauso normal ist, wie jedes andere Leben und Sein auch.
Die Belegung unserer Hilfebedarfe mit bürokratischen Aufwendungen und Konstrukten der Pathologie jedoch, machen uns und unser Leben unnormal. Anders. Fremd. Besonders.

Wir kennen Menschen, denen das sehr wichtig ist. Weil das, was sie erlebt haben für sie ganz fremd, anders, unnormal war. Ihnen kommt dieser Umstand des Othering von Hilfe und Leiden sehr zugegen und wir können das anerkennen und akzeptieren.

Dennoch sehen wir: Gewalt ist normal. Leiden ist normal. Belastet sein und Unterstützung brauchen ist normal.
Es gibt keinen Grund für den Ausschluss belasteter und bedürftiger Menschen aus der Norm, außer irrationale Ansteckungs-, Überforderungs- und Fremdheitsängste, die meiner Ansicht nach am besten mit Bewusstseinsarbeit über die Normalität als vielseitiges Spektrum aufgelöst werden können.

Was mich zum letzten Punkt bringt.
Öffentlichkeitsarbeit für Traumatherapie und Betroffeneninitiativen.
Wir engagieren uns inzwischen schon lange bei der Initiative Phönix, die sich für eine Ergänzung der Richtlinien zur Psychotherapie einsetzt und versucht den Interessen komplex traumatisierter Menschen eine Stimme zu geben.

Uns tut diese Arbeit gut. Wir lernen immer wieder etwas Neues und haben unser Verständnis von der strukturellen Ebene um Psychotherapie und Behandlungs- und/oder Hilfenfinanzierung sehr erweitern können.
Doch wir lernen auch: ohne Behandler_innen, die uns unterstützen, geht da noch gar fast nichts und das frustriert uns sehr.

Wir sind durch Zeiten gegangen, in denen wir sehr mit der von uns angenommenen Masse der traumatisierten bedürftigen Menschen gehadert haben, weil wir sie als passiv und kleinklein gedacht haben. Heute haben wir diese Gedanken durchaus immer noch manchmal, aber wir können dem mehr Verständnis entgegenbringen.

Nicht zuletzt, weil wir ja selbst merken, dass es in manchen Kontexten nur ein kleines Blog braucht, um Menschen so sehr zu verunsichern, dass sie nur noch mit Gewalt auf eine_n reagieren können. Was da dann wohl eine ernstzunehmende Bewegung oder andere Aktivitäten von Betroffenen für Betroffene auslösen könnten … Für manche Menschen ist das ein Horrorszenario.
Natürlich bleiben die Betroffenen vor solcherart Verhalten dann lieber in ihren sicheren, meist ja auch hart erkämpften, Räumen und tun nichts oder nur geheimes, anonymisiertes, von hinten durch die Brust ins Aug- iges.

Es ist nicht falsch das zu tun. Aber es ist auch nicht die Art Rückenstärkung, die man manchmal braucht. Gerade dann wenn man, so wie wir, ja nicht einmal als Stellvertreter_in für alle Menschen mit gleichen Problemen auftritt, sondern dazu gemacht wird, weil es nicht denkbar/glaubbar ist, zu tun was wir tun, wie wir das tun.

Mir wäre es manchmal lieb, wenn Menschen zu unseren Texten Abgrenzungen von sich machen. Oder wenn wir davon ausgehen könnten, dass auf Verleumdung oder Hetze gegen uns mehr als aufdringliches Grillenzirpen zu hören ist. Oder wenn wir einfach insgesamt mehr Betroffenenprojekte und Initiativen hätten.
Gleichzeitig wissen wir, wie schwierig das ist.

Und hassen dieses Dilemma.

Umso mehr spornen wir uns dazu an, die Initiative weiterhin zu unterstützen. Es fügt unserer Auseinandersetzung immer wieder so vieles hinzu, das uns hilft konstruktiv an sowohl den Zielen der Gruppe, als auch unseren persönlichen weiterzuarbeiten.

Es ist eine Art gelenkter Prozess.
Und damit irgendwie auch: Therapie

*Text als PDF zur freien Weitergabe

Autismus und DIS, DIS?, Innenansichten, Lauf der Dinge

adultistischer Ableismus und Kinderinnens

Wir haben ein Problem an dem Umgang mit Kindern.
Das macht unsere Texte über Kinderinnens oft zu einer unflauschigen Angelegenheit.
Zu Beginn schreibe ich hier über Außenkinder, um die Abgrenzung aber auch den Bezug zu Innenkindern (Kinderinnens) deutlich erkennbar vorzunehmen.

Ziemlich stark ist in uns die Ablehnung von Kindern als “die Zukunft”.
Und richtig kirre macht uns der west-wohlstandsgesellschaftliche Blick auf Kinder, in dem sie so kostbar sind, dass man sie 24/7 fördern muss, damit sie auch nur den Hauch einer Chance haben, den übersteigerten Erwartungen und Ansprüchen der Generationen vor ihnen in irgendeiner Form nachzukommen.

Kinder können ja nix. Sie sind ja immer gefährdet. Man muss sie schützen. Man muss sie bewahren. Kinder sollen die Erwachsenen mal machen lassen, damit diese ihnen “das Beste” antun können. Damit Erwachsene noch immer mehr Gründe haben, weitere Forderungen als legitimiert einfordern können.
Und selbstverständlich wissen nur Erwachsene, was genau “das Beste” eigentlich ist.

Adultismus ist das Wort dazu.

Adultismus ist ein Kind des Ableismus und gehört also zur Familie der Scheiße-ismen, die das zwischenmenschliche Miteinander unserer Gewaltkultur vollständig durchdrungen haben.
Es geht um Macht und damit auch um Gewalt.en.
Im Falle des Adultismus, geht es um die Macht bzw. die Diskriminierungen, die erwachsene (dezidiert umfänglich befähigte) Menschen über noch nicht erwachsene (also (in der Mehrheit der Fälle) aufgrund des anderen Reifegrades anders umfänglich befähigte) Menschen inne haben und ausüben.

Diese Macht bzw. diese Diskriminierung manifestiert sich in normalisierten Handlungen, gleichzeitig aber auch in Handlungen, die gesellschaftlich abgelehnt werden.
Es ist üblich Kinder einfach so zu einzuordnen und zu reglementieren, ohne sie zu fragen. Und selbst in Familien, die Wert darauf legen, dass die Kinder ihre Grenzen selbst festlegen dürfen, gibt es X Ausnahmesituationen, in denen ebenjene Grenzen aufgeweicht werden, um etwas durchzusetzen, das als “das Beste” für das Kind verstanden wird – ohne, dass das Kind ein Bestes für sich definieren kann oder darf.

An dieser Stelle will ich nicht auf “Ja, aber Kinder können doch noch gar nicht wissen/entscheiden…” eingehen. Denn: Ja mag sein, dass ich keinen Konsens mit einem einjährigen oder dreijährigen Kind über eine Impfung aushandeln kann – aber ich muss mein übergriffiges Handeln nicht damit rechtfertigen, dass ich mehr weiß oder mehr kann, als mein Kind und leugnen, dass ich an der Stelle gerade etwas entschieden habe, weil ich das konnte und wollte und sollte und vom Gesetz zugestanden auch: durfte – und das Kind nicht.
Es ist nur ehrlich und fair, wenn ich an der Stelle transparent um mein Handeln bin und so dem Kind ermögliche (im Rahmen der zu dem Zeitpunkt bestehenden Möglichkeiten) zu erkennen, was da gerade passiert ist, um selbst eine Einordnung vorzunehmen.

Für die Kinder in dieser unserer Gesellschaft gibt so wenig frühe Chancen, die Erwachsenen um sich herum und deren Handeln auch mal scheiße zu finden, ohne selbst sofort um Leib und Leben fürchten zu müssen. Das bedeutet im Umkehrschluss auch, dass Kinder niemals in der Lage sind ganz und gar autark zu meinen oder zu finden oder zu urteilen. Und folglich auch: zu fordern oder zu wollen.
Was im Zusammenspiel mit den wenig geschätzten Fähig- und Fertigkeiten überhaupt erst zu ebenjener Abhängigkeit vom “good will” der sozialen Umgebung führt, die allgemein mit Kindern in Zusammenhang gebracht wird.

Wie gesagt: Wir müssen nicht darüber reden, dass Kinder nicht die 20 Sahnetorten haben können, die sie gerne hätten.
Aber wir müssen darüber reden, aufgrund welcher Machtstrukturen es die erwachsenen Menschen sind, die ihnen diese Sahnetorten verwehren und was das für die Realitäten der Kinder bedeutet.

Aus Kindern, die in adultistischen Umfeldern aufwachsen, werden Erwachsene, die eine spezifische Sicht auf die eigenen Fähig- und Fertigkeiten internalisiert haben und, die sie folglich immer entlang von Autoritäten oder in Abgrenzung zu versagen/scheitern/noch nicht können, definieren.
Ein Marker dafür kann die ständige Ausrichtung auf die Zukunft der eigenen Fähig- und Fertigkeiten sein.
Ein kindliches: “Wenn ich groß bin, dann …”, kann zu einem erwachsenem: “Wenn ich meine Koch- und Backskills als Masterdiplom of the universe schriftlich mit Brief und Siegel hab, dann…”, werden.

Gleiches gilt für die Bewertung eigenen Handelns.
”Wenn Mama/Papa/Lehrer_in/Doktor_in/Richter_in/Bürgermeister_in/Bundeskanzler_in… sagt, was ich gemacht hab, war gut/schlecht, dann… ”.

Adultismus ist ein wichtiges Instrument der Kontrolle über Menschen.
Im Kontext der konkret körperbezogenen Gewalt an Kindern, kommt es so zu einer ganzen Reihe von Diskriminierungsfaktoren, die auch nach der Tat bestehen bleiben und so verhindern können, die strafbare Gewalt durch Erwachsene von der legalisierten/normalisierten Gewalt abzugrenzen.

Aus so miss.be.handelten Kindern, können folglich Erwachsene werden, die zum Einen den adultistisch-ableistischen Blick auf sich internalisiert haben, zum Anderen aber auch eine diffuse Haltung gegenüber der Frage, welches Verhalten wie übergriffig ist und welches Verhalten womit zu legitimieren oder begründen sein könnte.

In der Auseinandersetzung mit Kinderinnens haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Idee vom erwachsenen Menschen eine ist, die einem Kind immer und in jeder Situation überlegen ist. Aufgrund der jeweiligen Fähig- und Fertigkeiten.

Die Schieflage ist uns gefallen, nachdem wir die gleiche Haltung uns gegenüber von Mediziner_innen und anderen Behandler_innen erlebten, die sich uns überlegen fühlten, weil sie diverse Fähig- und Fertigkeiten, als bei uns fehlend oder “krankhaft” eingeordnet hatten.
Nachdem wir in unseren früheren Lebenskontexten festgestellt hatten, dass man uns als weniger wert einordnet, weil wir bestimmte “Leistungen” nicht erbringen konnten.

Diese Parallele mit “Ableismus” beworten zu können, ist etwas, das uns heute sehr stärkt. Denn es gibt uns ein Wort für die Dynamik selbst, ohne näher an die Personen, die so mit uns interagiert haben, herantreten zu müssen.

Mit dem Verständnis des Ableismus haben wir auch ein Werkzeug zur Erkennung von Umfeldern, in denen wir sicher sind, in denen wir wachsen und werden können. In einem Umfeld, in dem wir unsere eigenen Fähig- und Fertigkeiten entwickeln können, ist genauso viel Raum zum Versuchen, wie zum Scheitern.
In Umfeldern, wo unsere Fähig- und Fertigkeiten beobachtet werden, um anhand von Leistungs- und Beurteilungsschemata eingeordnet zu werden, gibt es weder Versuchen noch Scheitern. Dort gibt es eher “Daumen hoch” oder “Daumen runter”, wie damals in Cäsars Arena. Was einer DER Trigger für komplex traumatisierten Menschen ist.

Für einen komplex traumatisierten behinderten /Menschen/ mit Behinderungen ist letzteres Szenario also zwangsläufig wie eine durchgehende Gewalterfahrung(swiederholung).
Denn sowohl die Gegebenheiten, welche die Behinderung letztlich verursacht, als auch die Traumatisierung, die gewisse Anpassungen abverlangt (und ihrerseits zu Gegebenheiten führt, welche Behinderungen (mit)verursachen), erfordern häufig Leistungs- und Beurteilungsschemata, die anders aufgebaut sind, als jene, die an Menschen ohne diese Eigenschaften angelegt werden.

Im Ableismus ist der normale Mensch, dem man mit Respekt und unter Wahrung seiner Würde begegnet, “gesund”, “reif”, “kognitiv umfassend befähigt”, “körperlich voll funktionsfähig”.
Das “gesund”, “reif”, “kognitiv umfassend befähigt” und “körperlich voll funktionsfähig” behinderter Menschen – aber auch von Kindern – ist grundsätzlich ein anderes. Jedoch nicht, weil geforderte Leistungen auf einem anderen Weg erbracht werden – nein. Die Notwendigkeit einen anderen Weg zur Erbringung einer Leistung gehen zu müssen, ist bereits ein Ausschlusskriterium von der Norm.

Mich hat diese Erkenntnis damals schockiert. Nicht zuletzt, weil sie mir damals schon – mit 14/15, als wir zum ersten Mal in einer KJP untergebracht waren – aufzeigte, dass mir die kleine Welt, in der ich lebte, ein Ort ist, der mich wegstößt, isoliert und als noch einmal anders, als ich mich selbst anders erlebte, wegsortiert. Nur, weil meine Art mit dem umzugehen, was mir passiert war, ein anderer Weg war, als der von all den anderen tausenden Menschen, die das Gleiche jeden Tag erlebt haben.

An dieser Stelle ein kurzer Ausschwiff.
Wir haben vor Jahren einmal einen Artikel geschrieben, in dem wir sagten, dass es im “DSM-Rosenblatt” keine Krankheiten gibt, sondern nur Reaktionen.
Heute würden wir sagen, dass wir keine Krankheiten sehen, sondern Reaktionen und spezifisch begründete Wege zum Ziel.
Gesundheit ist ein ableistischer Machtbegriff. Gerade, weil in der Betrachtung dessen, was als “krank” (aber auch “behindert”) gilt, weder die Menschen als grundsätzlich variable Basis, noch ihre Er_Lebenswege als unterschiedlich begehbar anerkannt und angenommen werden.

Hinzu kommt die Problematik, dass kritische Bildung in Psychologie, Psychiatrie und Medizin so leicht zu umgehen ist.
Ans akademische Ziel kommt es sich bequemer, wenn man die eigenen (ableistischen, sexistischen, rassistischen…) Annahmen als gegeben und einzig verifizierbar etabliert.
Das heißt: wenn man sich eine Idee macht und dann nur noch nach Beweisen dafür – und nicht dagegen – sucht.
Kritische Bildung (also eine Idee zu entwickeln und alle Hinweise dafür und/oder dagegen in die Ergebnisse fließen zu lassen) könnte zu Wisssenschaftler-/Behandler_innen führen, die zu arbeitsintensiven Forschungs-/Diagnose- und Behandlungsphasen führen.
Oh Schreck.

Kapitalismus und wirtschaftlich orientierte Räume, wie Krankenhäuser und andere Orte psychiatrisch, psychologischen oder medizinischen (wissenschaftlichen) Wirkens mögen sowas gar nicht.

Aber auch der zwischenmenschliche Wettkampf um Egostreichelei und Reputation spielt eine Rolle.
Turbo-Abi mit 17/18 – im OP-Saal eine Aorta abklemmen mit 25 – tollster Retter aller Zeiten mit 35. Auf dem Klassentreffen mit 40 die Person, die reden kann, wie es vor ein paar Jahrzehnten nur 70 – 80 jährige Rentner_innen konnten. Nach dem Tod eine Institiution für Generationen sein.

Viel ist viel – viel ist aber nicht zwangsläufig “viel Gutes”.
Geschweige denn: “nicht gewaltvoll” im Sinne von “nicht diskriminierend”.
Um viele Patient_innen durchzuschleusen, muss man menschlich wie fachlich bestimmte Aspekte diskriminieren. Das geht nicht anders.
Schwierig ist jedoch, dass es dabei um Menschenleben und Individuen geht. Wenn man daran etwas abschneidet, verstößt man gegen das Prinzip weder Leid noch Schaden an seinen Patient_innen zu machen.
Und sichert sich damit selbst die Arbeit bis zum Ende der Karriere.

“Nachhaltige Gewaltwirtschaft” nennen wir das.

Wer daraus aussteigen will, muss sich selbst zurückstellen. Muss sich auf die Kernelemente des menschlichen Lebens konzentrieren. Muss in der Lage sein, seine Arbeit zu kritisieren, ohne sich selbst dabei gekränkt zu fühlen. Muss sich mit Gewalt und ihren Formen außerhalb von „schlagen, foltern und beschimpfen“ befassen. Muss sich selbst als jemand an.erkennen, di_er Gewalt ausübt, ohne in den reaktiven Täter-Opfer-Dyadismus zu verfallen.
Muss langsam bleiben.

Ausschwiff Ende.

Als mir zum ersten Mal gesagt wurde, ich hätte mich wie ein kleines Kind verhalten, ohne dass ich mich daran erinnern konnte, verfiel ich in den eigenen internalisierten Ableismus: “Ich muss mich mehr zusammenreißen. Besser funktionieren, mich besser kontrollieren, meiner Entwicklung in Richtung “erwachsen sein” stärker nachgehen.”.
Und versagte.

Ich war 16 Jahre alt, in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie und wenn ich eines nicht über mich und mein Leben hatte, dann war es Kontrolle. Und Verstehen. Und Ruhe oder Freiraum mich selbst unter nicht ableistischen Aspekten wahrzunehmen.

Die Diagnose der DIS wurde gestellt, eine Dauermedikation mit Tranquilizern wurde begonnen (diese sollte erst 5 Jahre später enden) und ich (wir) entwickelten alle möglichen Kontrolletti“krankheiten” (eine restriktive Essstörung, neue zwanghafte Anwandlungen, sehr strikte Vermeidungsmoves in der psychotherapeutischen Gesprächstherapie).

Auftauchende Innenkinder waren (sind) für mich der absolute Kontrollverlust. Die Rückmeldung von Außenstehenden darüber, eine nicht nur peinliche, sondern mitunter auch sehr demütigende Situation. Denn wo Außenkinder als nicht kompetent und bestenfalls süß (harmlos) und amüsant gelten, da gelten Kinderinnens wie eine Art Beweis für die “in Wahrheit” bestehende Inkompetenz, Harmlosigkeit und Berechtigung belächelt zu werden, einer gleichzeitig doch erwachsenen Person.

Erst als wir mit einer Therapeutin zusammenarbeiteten, die respektvoll und mit einer grundlegend offenen Haltung – trotz all der ableistischen und anderen Gewaltdynamiken um unsere gemeinsame Arbeit herum! – auf uns alle, die wir Innens in diesem einen Menschen sind, zuging, konnte sich das alles ein bisschen auflösen.
Bei ihr und auch bei der Therapeutin, die heute mit uns arbeitet, hatten wir nie das Gefühl, dass Kinderinnens nichts beitragen können. Oder ein aufreibender Quirk sind, der unnötig Zeit und Raum erfordert. Sie haben uns durch ihren Umgang vorgemacht, welche Sicht wir noch auf sie haben können und wie ein damit kongruenter Umgang aussehen kann.

Das ist so ein Aspekt, den wir oft nicht bewusst bei Behandler_innen (aber auch Verbündeten und sogar selbst Betroffenen) sehen. Es gibt einige, die Liebe und Fürsorge für Kinder(innens) “predigen”, aber Harmlosigkeit und Inkompetenz (die zu leiten/managen/kompensieren ist) dem eigenen Umgang zugrunde legen.
Also adultistische Interaktion vorleben bzw. fordern.

Dazu gehört zum Beispiel die Annahme, dass Kinderinnens nur bestimmte Dinge wollen oder brauchen könnten. Zum Beispiel spielen oder umsorgt werden.
Dazu gehören aber auch Forderungen danach, dass man nur mit erwachsenen Anteilen/Innens zu sprechen verlangt. Oder nur erwachsene Anteile/Innens zu sprechen erlaubt. Oder auf einer Station in einer Klinik verbietet, dass Kinderinnens irgendwo anders als heimlich ausnahmsweise in einzeltherapeutischen Settings sind.

Solche Forderungen sind im Kontext vom Bemühen um den effizienten und reibungslosen Klinikalltagsablauf, unter unmöglichen personellen und anderen strukturellen Gegebenheiten natürlich nachvollziehbar.
Unter dem Aspekt dessen, was Patient_innen mit so schweren Traumafolgestörungen brauchen, um von der Therapie_Zeit zu profitieren, jedoch nicht.

Im Gegenteil offenbaren solche Forderungen ein Verständnis der Dynamiken innerhalb dissoziierter Systeme, das nicht vereinbar ist mit dem, was die Diagnosen letztlich überhaupt erst definiert.
So ist das Verbot irgendwelcher Wechsel bei Menschen, die ihr ganzes Leben mit Wechseln jeder Art gerettet haben und deren Diagnose genau davon gekennzeichnet ist zu wechseln, wie das Verbot zu husten, wenn man Tuberkulose hat: irrational, sinnlos, ableistisch gesagt: strunzendumm.

Und: es reduziert die Personen selbst zur alleinigen Quelle ihrer Probleme und macht die Behandler_innen (und andere umgebende Personen) zu unbeteiligten Dritten und Räume wie Kliniken oder Praxen zu „neutralen“ Orte, die sie niemals sind und niemals werden können!

Doch gerade bei Traumafolgestörungen handelt es sich um Reaktionen auf Umfelder.
Um Anpassungsmechanismen, die nach Umfeldsveränderungen mehr oder weniger plötzlich dysfunktional sind.
In eine Klinik zu gehen bedeutet eine Umfeldveränderung.
In eine Praxis für Psychotherapie zu gehen bedeutet einen Umfeldveränderung.
In eine Selbsthilfegruppe zu gehen bedeutet einen Umfeldveränderung.
Neue Personen bedeuten eine Umfeldveränderung.

Für manche Behandler_in ist die Information, dass auch sie Akteur_innen im Leben(sabschnitt) ihrer Patient_innen sind, mehr oder weniger flash news.
Die sie von sich weisen (müssen).
Weil “professionelle Distanz”.
Statt “Anerkennung zwischenmenschlicher Beziehung in definierten Grenzen”.

Auch an der Stelle taucht manchmal wieder eine adultistisch-ableistische Grundannahme auf: “Jemand di_er als Kind so gelitten hat, dass si_er Kinderinnens entwickelt hat, braucht eine Art der Fürsorge und Nähe, wie sie im Kontext der Behandlung/Pflege unangemessen (“von mir nicht leistbar”) ist.”.

Die bei Außenkindern als notwendig anerkannte bedingungslose Globalfürsorge, wird bei Erwachsenen mit anderen Befähigungen (also Behinderungen oder Krankheiten) zu etwas, das nicht kritisch hinterfragt wird, sondern als mit oder von der Person ausgehende An_Forderung, die angenommen und/oder vorausgesetzt wird.

Das bedeutet für Menschen mit DIS, die (noch) oft zu Kinderinnens wechseln, dass sie nicht als erwachsene (befähigte) Person, die mit kindlicher Strategie auf etwas reagiert, gesehen wird, sondern als Person, die im Kern (auch) noch kindlich ist (oder schlimmer: sein will, weil sie ihr Umfeld kontrollieren oder manipulieren will).

Für uns haben sich Umfelder als hilfreich bewährt, die sich selbst als auch Wechsel/Flashback/Problem auslösende Quelle verstanden haben bzw. verstehen.
Denn ihr Umgang mit diesem Selbstverständnis liefert uns Ideen und Verhaltensblaupausen zum moderaten Umgang bzw. zur alternativen Strategieentwicklung für uns selbst.

Von Menschen, die dysfunktionales Verhalten einzig abstrafen und zu kontrollieren abverlangen, können wir auch nur lernen, unser dysfunktionales Verhalten abzustrafen und zu kontrollieren abzuverlangen.
Von Menschen, die andere Wege (als die eigenen, oder die der Mehrheit der Menschen) zum Ziel für unnormal, krankhaft, falsch, nervig … halten, können wir auch nur das übernehmen.

Von Behandler_innen wird nicht zuletzt deshalb auch ein grundsätzlich wertschätzender, anerkennender, respektvoller Blick bzw. wertschätzende, anerkennende, respektvolle Grundhaltung auf Klient_innen/Patient_innen abverlangt. Da geht es nicht darum einander zu mögen oder gut zu heißen, was die Personen jeweils tun. Da geht es darum, einander nicht zu demütigen oder herabzuwürdigen, weil man ist, wie man ist.

In einem früheren Artikel beschrieben wir Kinderinnens als eine Art innere “apokalyptische Reiter”.
Noch heute betrachten wir sie so.
Wir wissen, dass das Auftauchen eines Kinderinnens bei uns niemals für eine gute innere Gesamtverfassung spricht.
Immer geht es darum, sich (uns) so in Not und Bedrängnis oder innerer Inkongruenz zu erleben, dass ein früherer Zustand eintritt, der nur noch ganz spezifische Strategien zur Aufrechterhaltung des Lebens oder der Kommunikation – und Interaktion möglich macht.
Dieser Zustand ist es den wir mit “Kinderinnen” oder “Innenkind” bezeichnen.

Menschen, die nicht viele sind, können dazu sagen: “Ich fühle mich, als wäre ich wieder ein Kind.” – denn sie erinnern sich daran, wie es war ein Kind zu sein. Sie leben nicht mit einer umfassenden dissoziativen Amnesie für die eigene Biografie und können ihre inneren Zustände weniger fragmentiert erinnern.

Wir jedoch haben vermutlich schon als Kind dissoziiert er_lebt und erinnert. Entsprechend sind solche (erinnerten) Zustände fragmentiert und erlebt.
Durch das Zusammenspiel der fragmentarischen Wahrnehmung und immer wieder nötigen Dissoziation haben sich daraus Ich-Zustände entwickelt. Also etwas, das wir heute als “konsistentes Ich” also “Innens” bezeichnen.

Das bedeutet für uns in der therapeutischen Arbeit, dass wir uns nicht als eine Person, die in manchen Aspekten “unreif/kindlich/weniger befähigt” ist, sehen, sondern als Person, die unterschiedliche Zustände aus Zeiten der relativen Unreife/Kindlichkeit/weniger ausgeprägten Befähigung nicht kongruent und umfassend assoziiert.

Dieser Unterschied ist für uns ein wichtiger Punkt in er Therapiearbeit gewesen.
Denn lange saßen wir einem Missverständnis auf, das uns viele Jahre gekostet hat.
Man sagte uns (teilweise auch einzelnen von uns) immer wieder und wieder, wir müssten die Kinderinnens (aber natürlich auch alle anderen Innens) als Teil von uns akzeptieren und integrieren.
In unserem Verständnis bedeutete dies: Uns damit abfinden, dass wir ein fragmentierter und also immer irgendwie unfähiger, unreifer Mensch sind, der nicht in der Lage ist, jemals irgendwie kontinuierlich befähigt zu sein, wenn wir das nicht endlich mal begreifen.

Nun kann es sein, dass wir aufgrund unseres autistischen Strickmusters einfach sehr anfällig dafür sind, so fatale Missverständnisse über so unkonkrete Sprache zu entwickeln.
Daneben besteht jedoch durchaus auch die Möglichkeit, dass man sich als Behandler_in, gerade bei so diffizilen Diagnosen wie der DIS und DDNOS, die mit ihrem psychoanalytischen Überbau und der ganzen anderen Historie der Deutungshoheiten, sowieso schon immer irgendwie bedeutet, mit einem Bein in der Unglaubwürdigkeit oder dem Skandal zu stehen, lieber einmal mehr zu schwammig/waberig/unkonkret ausdrückt, als zu viel.

Auch hier wieder eine Stelle für flash news: Wo geraten werden muss, da kann falsch geraten werden – und wenn Menschen sich selbst ein Rätsel sind, dann hilft weiteres Rätselraten in 100% der Fälle nicht weiter.

Uns sind Behandler_innen, die das Rückgrat zum Fehler machen haben, in jedem Fall lieber, als “wischiwaschi irgendwie so durchschlängel-Künstler_innen”, denen das eigene Ego und die eigene Reputation am Ende wichtiger ist, als die Ergebnisse der Zusammenarbeit mit ihren Klient_innen.

Heute haben wir Kinderinnens als Marker für unseren allgemeinen Orientierungsstatus und als Informationsträger für bestimmte Strategien in unsere innere Arbeit inkludiert. Das heißt: Wir haben sie nicht als Teil von uns integriert, sondern als Teil dessen, was wir für unser (Über-) Leben zu leisten fähig sind.

Dass wir sie nicht als Teil von uns integriert haben, hat den einfachen Grund, dass wir nachwievor keinen umfassenden Ich bzw. Selbstbegriff haben, der uns alle umfasst, weil neben dem intellektuellen Erfassen von einander, noch kein emotionales/inneres/tieferes Begreifen und “natürliches” (also “unangestrengtes/unbewusstes”) Assoziieren von einander steht.

Wir sind nicht “Eine mit vielen” – wir sind “viele Eine mit vielen”. Ein Selbst haben wir nie entwickelt.
Es hat in unserem Fall also keinen Sinn, Kinderinnens als etwas zu sehen, das sich von einem Kern abgeleitet entwickelt hat und ergo zurück in diesen Kern hineinentwickeln könnte.

Unser Weg ist der, unsere Fähigkeiten jeweils miteinander zu erfassen, zu synchronisieren, miteinander kompatibel zu machen, gut zusammenarbeiten zu lassen und irgendwann vielleicht zu sehen, dass bestimmte Systeme zu einem System verschmelzen. Und dann mit einem anderen. Und dann mit einem nächsten.
Wenn sich daraus dann ein Kern entwickelt – dann können wir über die Anerkennung und Integration von Anteilen in diesen Kern sprechen.
Bis dahin besteht unser Kern aus dem Körper selbst als kleinster gemeinsamer Nenner.

Unsere Art Kinderinnens mit ihren Fähig- und Fertigkeiten in die innere Arbeit und auch Teile des Alltags zu integrieren, sieht wie folgt aus:

– wir analysieren die Situationen, in denen sie aufgetaucht sind, auf mögliche Trigger
– diese Trigger analysieren wir in der Therapie auf Missverständnisse (fehlerhafte Assoziationen traumatischen Materials, die die Ausentwicklung der Zustände zur Folge hatten, die wir heute als Kinderinnens wahrnehmen)

– wir versuchen herauszufinden, wie sie sich verhalten haben, welches Bild sie von sich und der Welt haben
– wir besprechen diese Dinge in der Therapie, um uns ihrer Perspektive anzunähern (um ihre Perspektive auf bestimmte Situationen, allgemein mitbedenken zu können, um Missverständnissen aktiv vorbeugen zu können)

– wir setzen uns mit Ableismus und Adultismus auseinander und arbeiten daran internalisierte Grundannahmen über unsere Fähig- und Fertigkeiten durch konkrete Selbsterfahrung zu revidieren oder zu ergänzen oder zu falsifizieren
– wir folgen Impulsen kindlicher Begeisterung und Neugier bzw. begleiten sie mit der Absicht sie durch unsere erwachsene Außenpräsenz (und damit auch den Rechten und Privilegien, die wir als erwachsene Person haben) zu unterstützen
(Konkreter formuliert: wenn wir merken, dass ein Kinderinnen etwas im Außen spannend findet, dann widmen wir uns dem spannenden Ding gemeinsam und ermöglichen die Auseinandersetzung damit als Person, die das auch darf – nicht weil sie erwachsen ist, sondern, weil man da etwas wahrgenommen hat, das man spannend findet)

– wir schützen unsere Kinderinnens vor adultistischen Übergriffen außenstehender Personen (“Oh wie süß ein Innenkind!”)
– wir schützen unsere Kinderinnens vor der Idee, sie wären “das Kind, dass wir nie sein durften”
– wir bieten unseren Kinderinnens Raum sich auszudrücken (in der Therapie, in der Freizeit, in Bereichen des Alltags, wo wir nur für uns funktionieren und Verantwortung tragen müssen)

– wir öffnen uns für ihre Erfahrungen, als Erfahrungen, die wir gemeinsam gemacht haben, obwohl es sich in den meisten Fällen nicht so anfühlt

Kinderinnens sind kein amüsantes Feature in Menschen, die viele sind.
In vielen Fällen sind autark nach außen agierende Kinderinnens der Grund, weshalb Menschen, die viele sind, überhaupt in psychiatrische Einrichtungen oder Psychotherapie müssen. Daran ist nichts amüsant oder niedlich.

Wir haben ein Kinderinnen, das sich tot stellt, wenn es sich (uns) zu stark von Menschen bedrängt erlebt.
Es gibt ein Kinderinnen, das Dinge erst isst, wenn sie so verfault sind, dass Maden drin rumkriechen.
Wir haben Kinderinnens, die Menschen nur anstarren und darauf warten miss.be.handelt zu werden.

Nichts daran ist süß. Keinem von ihnen hilft es betüddelt  und mit Liebe überschüttet zu werden. Sie brauchen völlig andere Räume und Wege, um sich überhaupt der Idee annähern zu können, dass ihr Er_Leben heute auch ein anderes sein könnte.
Da reicht oft auch nicht unser 10 km Waldwanderweg, auf dem wir uns einander nähern und der Welt bekannt machen.

Bei unseren Kinderinnens geht es um das 24/7 zu haltende Bewusstsein, dass sich (selbst) zu fühlen variabel und innerhalb bestimmter Grenzen von Zeit und Raum passieren kann. Dass Dinge und Erfahrungen einem_einer nicht einfach nur passieren, sondern auch selbst gemacht werden können oder selbst verhindert werden können. Dass es Kontexte gibt, in denen Verantwortung und verschiedene soziale Fertigkeiten eine Rolle spielen.
Adultistischer Ableismus verhindert jedoch genau diese Erfahrungen systematisch.

Deshalb wollen wir nicht, dass irgendjemand unsere Kinderinnens oder das was sie tun, für süß, niedlich oder harmlos hält.
Wir wollen, dass andere Menschen wissen, dass sie befähigt sind.
Dass sie Wege und Ziele kennen.
Dass sie Geschichten und Perspektiven auf den Lauf der Dinge haben.
Genauso wie wir erwachsenen Innens.

Sie haben den gleichen Respekt und den gleichen Anteil der Therapiearbeit verdient, wie wir.

 

* Text als PDF zur freien Weitergabe

Autismus und DIS, Die Helfer_Innen und die Hilfe, DIS?, Innenansichten

innere Bündnisse

Innere Bündnisse sind möglich.

Das ist etwas, das anzunehmen, für möglich zu halten, als umsetzbar zu begreifen für uns sehr schwer war. Und in Bezug auf manche Innens noch immer ist.
Für uns hängt auch hier wieder ein Aspekt der Sprache daran.
Denn eigentlich geht es nicht um Bündnisse, sondern um Assoziation des Eigenen.

Im äußeren Leben mit anderen Menschen, sind Bündnisse von vielen Optionen geprägt.
Wenn ich ein Bündnis zum Erreichen eines Zieles eingehen möchte, dann kann ich mir aus 7 Milliarden Menschen den einen wählen, mit dem ich gerne zusammenarbeiten möchte.
Innere Bündnisse funktionieren nicht so.
Um überhaupt wählen zu können, muss ich lernen was und wozu ich wählen wollen könnte.
Ich muss erkennen, was ist und eine Idee entwickeln, was sein könnte.

Innere Bündnisse sind bei uns immer wieder in Momenten entstanden, in denen es enormen Leidensdruck gab. Meistens, nachdem dissoziative Brüche verschlossen wurden oder das Weiterleben akut in Frage stand. Manchmal haben diese Bündnisse gehalten und günstige Neustrukturierungen des Inneren zur Folge gehabt. Manchmal jedoch gab es neue Strukturen, die selbst einen dissoziativen Bruch an anderer Stelle bedeuteten.

Beispielsweise kam es während unseres äußeren Ausstiegs zur Etablierung der Rosenblätter als Alltagssystem.
Gab es für uns vorher jeweils einzelne lichte Momente in Kliniken, mit Heimerzieher_innen oder (sogenannten) Freund_innen, gab es während des Ausstiegs die gesamte Lebenszeit für uns, durch die innere Zusammenarbeit.
Eine Lebenszeit, in der man “Ausstieg macht” und als gegeben nimmt, dass alle Menschen um eine_n herum, denken, man hätte Gewalt erlebt, ohne sich selbst zu erinnern, geschweige denn für möglich zu halten, dass da irgendwie vielleicht doch was dran sein könnte.

Als System haben wir gut funktioniert.
Wir haben unser Leben gerettet und nachhaltig hilfreich gestaltet.
Wir haben den Schulabschluss gemacht. Haben schwierige Kontakte beendet. Haben uns soweit verselbstständigt, wie wir das konnten und sind ausgestiegen geblieben.
Wir haben nur nicht ganzheitlich gut funktioniert. Für alle von uns. In jedem Aspekt, der für das Leben wichtig ist.

Unser Bündnis hat uns innerhalb unseres Systems gestärkt, doch von den anderen dissoziiert.
Andere Systeme haben wir, wenn überhaupt, als bzw. durch Symptomcluster wahrgenommen. Manche Systeme können wir nachwievor nicht wahrnehmen. Obwohl sie sozusagen auf der gleichen Festplatte laufen wie wir.

Wir haben unser Bündnis damals nicht ganz spontan, aber auch nicht ganz geplant geschlossen.
Mit dem therapeutischen “Sie müssen mit den anderen (Innens) zusammenarbeiten” konnten wir nicht viel anfangen. Denn was genau soll das denn heißen?
Wenn man nicht einmal weiß, was man arbeiten könnte oder können könnte. Oder will. Oder muss. Oder was sich wie auswirkt. Und wie genau das gehen soll “innere Zusammenarbeit”.
Wir hatten zu der Zeit so wenig Gefühl für Zugehörigkeit, Zusammengehörigkeit, Miteinander, emotionale oder geistige Verschmelzung – allein schon im Außen – wie um alles in der Welt sollten wir wissen, was konkret dort von uns nach innen zu übertragen verlangt wurde?

Was wir kannten war Abhängigkeit, ausgeliefert sein, die Hoffnung, dass die Person, die uns sagt, sie würde uns jetzt helfen, uns jetzt auch wirklich hilft. Und wir kannten Zahlungsmodelle. Wenn du X willst, ist Y der Preis dafür. Eine Sicht, die man als Gegenstand von Betreuung und Behandlung genauso schnell internalisiert, wie als Ausbeutungsobjekt.

Heute verstehen wir, warum wir nicht zu der Art euphorischer Opfer-Befreiungskampf-Pose, wie wir sie bei anderen Aussteiger_innen beobachten konnten, fähig waren. Warum wir außer Variationen von Scheiße und Not eigentlich nichts gefühlt haben.
Was wir damals als den Preis der Freiheit eingeordnet haben, würden wir heute Dissoziation nennen. Ohne abzuerkennen, dass diese in gewisser Form der Preis dessen war, wozu wir uns entschieden hatten.

Wieder kann ich nur unterstreichen, wie wichtig konkretes Handeln und Beworten für uns war und ist.
Heute kann ich mich nicht mehr gut daran erinnern, ob und wenn ja wie oft uns reflektiert bzw. gesagt wurde, ob das, was wir mitunter taten, bereits die “innere Zusammenarbeit” war, die uns angeraten wurde.
Wir hatten nicht nur unfähige oder inkompetente Therapeut_innen.
Wir hatten aber oft Therapeut_innen, die uns nicht als so un_befähigt erkannt haben, wie wir waren und auch heute noch sind. Sprech- und Kommunikationsprobleme hatten wir damals wie heute. Und die Momente der kognitiven Dissonanz, die sich bei allen vielen Menschen, die mit uns zu tun hatten (haben), ergeben, gab es auch damals schon.
Nur, dass wir damals noch dachten, alle Therapeut_innen würden sich immer und ausnahmslos reflektieren und kritisch prüfen.

Was ich erinnern kann ist, dass uns erst jetzt in der therapeutischen Arbeit wirklich klar geworden ist, wie genau wir innere Zusammenarbeit machen. Und nach welchem Gefühl wir suchen müssen. Welche Balancen wir suchen und halten müssen. Was genau eigentlich “innere Arbeit” ist.

Für die Definition (Festlegung) dieser Dinge hatten wir früher entweder nie genug Zeit oder nicht genug Kraft.
Oder wir haben es nicht verstanden, weil  man uns waberige, sehr abstrakte Begriffe hingeworfen hat und davon ausging, wir würden damit schon etwas anfangen können, weil wir ja “in Wahrheit schon ziemlich schlau sind”.

Konkret bedeutet “innere (Zusammen)Arbeit” für uns:
– “sich selbst”/ an ein Innen gerichtet (nach)fragen,
– aufmerksam wahrnehmen, welche Resonanzen man in sich bemerkt (Gedanken, Impulse, unwillkürliche Körperbewegungen…)
– sich auf Gefühle und Gedanken einlassen, die sich fremd, aber irgendwie auch nah anfühlen
– eigene Gefühle und Gedanken in Kontexte rechnen, derer man sich nur hypothetisch sicher ist (sein kann, aufgrund von dissoziativer Amnesie)

Ein Beispiel dafür ist unser Wochenplan.
Der Wochenplan funktioniert als unser kleinster gemeinsamer Nenner.
Er bestätigt uns im Lauf der Dinge, der in Wochen, Tage, Stunden und Minuten eingeteilt ist, die sowohl nach außen als auch nach innen zu gestalten sind. Der Plan beinhaltet ausschließlich Aktivitäten zur äußeren Gestaltung, die den Raum für Aktivitäten zur inneren Gestaltung erschaffen bzw. ermöglichen soll.

Zu Beginn habe ich mich gefragt, was ich brauche, um mich zu versichern und zu orientieren.
Meine Antwort war “Sicherheit um Zeit und Raum” und fühlte sich ganz und gar mir zugehörig. Ich bewegte diese Antwort in mir herum und dachte darüber nach, was genau das konkret bedeutet. Denn das sind ja nur drei Wörter. Die kann ich mir in einer unsicheren Situation sagen, aber sie machen mich nicht sicher in Zeit und Raum, nur weil ich sie höre.

In diesem Nachdenken hatte ich weitere Gedanken und Impulse, die sich klar nicht nach mir oder nicht mir zugehörig anfühlten.
Ein Gedanke war, wie gut es wäre, wenn man wüsste was genau man wann wie und wofür machen soll. Ein Impuls war ein Schwanken zwischen aufschreiben wollen und unsicher darüber sein, ob es Bestand haben würde. Ein anderer Gedanke war ein sehr langer Faden aus Hypothesen und strukturierten Beobachtungen darum, wie einerseits flüchtig und unfassbar, doch gleichzeitig sehr kontinuierlich und genormt Zeit (der Lauf der Dinge als Entwicklung, die ist und doch nie (gleich) bleibt) ist.
Einer, der mir sehr nah war, aber doch nicht von mir kam, war eine Art Gedankenspiel darum, was wäre, wenn ich mich sicherer fühlen würde. Da ging es dann plötzlich um Dinge wie basteln, schreiben, malen, spazieren gehen, fotografieren … Freizeitgestaltung (innere Gestaltung).

Da gab mir eine Idee davon, wofür es – abgesehen von meiner seelischen Entlastung – noch gut wäre, insgesamt weniger belastet zu sein und mich schneller sicher zu fühlen: Es könnte noch etwas neben den Dingen, die wichtig sind um nicht zu sterben, geben.
Vielleicht wirkt das schräg. Aber genau das ist Dissoziation.
Ein so eingeschränkter Fokus, ein so kleines Stück Bewusstsein um sich selbst und das eigene Wirken, dass so ganz grundlegende Dinge nicht bewusst sind.

Ich hatte damals kein Gefühl für Zeit als etwas, das passiert.
Zeit und Geschehnisse sind mir passiert.
Das Konzept von Wochen- und Stundenplänen war mir bekannt – aber bewusst er_leben konnte ich sie nie.
Ich begann meine Tage und verlor sie immer wieder. Ständig rollte von irgendwo irgendein Geschehen auf mich zu und forderte mir irgendeine spontane Reaktion ab, die ich nicht vorbereiten oder planen konnte. Immer wieder sah ich mich Menschen gegenüber, die Worte von mir wollten, sich aber nicht darum scherten, ob diese sagen konnten, was ich wollte.
Für mich war es Glückssache, mich und meine eigene Gegenwart als etwas zu erleben, das einen Anfang, eine Richtung und ein Ziel hat.

Ich hatte den Wunsch nach Pausen. Nach Besinnung. Nach “nicht in einem Schlachtfeld sitzen”. Meine Umsetzungsideen dessen waren wiederholte Suizidversuche oder schwere Selbstverletzungen. Mir erschien der Tod wie eine Nacht ausschlafen, ohne Angst vor einem nächsten Aufwachen haben zu müssen.
Was mir damals fehlte war die Assoziation (das “selbst erleben”/ Bewusstsein/ Erinnern können) dessen, was mein Wirken im Alltag immer wieder zur Folge hatte. Nämlich den Freiraum für andere Innens Dinge zu tun, die ihnen wichtig waren.

Als wir dann den Wochenplan etablierten, kam es nicht zu spontanem Miterleben. Natürlich nicht, denn erst einmal hatten wir ja nur aufgeschrieben, was wir wann zu tun hatten. Aber es kam zu einer deutlichen Abnahme des Gefühls dem Lauf der Dinge mehr oder weniger hilflos ausgeliefert zu sein.
Auch wenn es sich für mich in meinem Zeitempfinden so anfühlte, als würde ich permanent von Menschen bedrängt, konnte ich sehen: Das ist nur ein bis zwei Mal die Woche überhaupt möglich (weil wir damals nur ein bis zwei Mal die Woche überhaupt mit Menschen direkt in Kontakt waren).

Das innere Bündnis begann also mit dem Wochenplan als allgemeine Größe – mit der objektiven Sicht auf eine Woche, die wir alle irgendwie jede_r für sich füllen und verplanen.
Für uns eignen sich äußere Dinge wie der Wochenplan gut, um uns und unsere Er_Leben in Verhältnissen wahrzunehmen.

Im Innen ist vieles mehr oder weniger gleich laut, schrill, nötig, wichtig, dringend, jetztgleichsofortig – wir haben nachwievor massive Schwierigkeiten herauszufinden, was wann wie in welcher Abfolge abgearbeitet/angehört/berücksichtigt werden muss. Gerade dann, wenn sich noch unverarbeitete (traumaassoziierte) Dringlich- und Nötigkeiten dazumischen, wird es schwierig.
Zusammen mit dem kompetenten Eindruck und der positiven Diskriminierung als “intelligent”, die immer wieder auf uns liegt, passiert es uns sehr oft, nicht in dieser unserer Desorientierung gesehen und anerkannt zu werden. Gerade dann nicht, wenn es um den ganz unspektakulären Alltag geht, der uns trotz seiner wenig besonderen Beschaffenheit chronisch überfordert und überreizt.

Unser Bündnis zum Wochenplan hatte nicht zum Ziel irgendeine konkret wahrgenommene Not zu beenden. Viel mehr ging es darum, uns insgesamt in ein mittleres Erregungslevel zu bringen, um den Alltag auch wirklich als “alle Tage geschehend” und also “üblich” wahrzunehmen. Und darauf aufbauend zu schauen, welche Aspekte wir selbst wirklich in ihrer Wirkung auf uns beeinflussen können und welche nicht.

Nach einer Weile des kontinuierlichen Aufschreibens und Mitbedenken des Wochenplans, entwickelte sich eine gewisse Sicherheit für das, was um mich herum geschehen ist.
Selbst wenn mir Montag und Dienstag fehlten, so konnte ich am Mittwoch sehen, dass sie passiert waren und was wir als Einsmensch aller Wahrscheinlichkeit nach getan hatten und womit in der Folge an eben jenem Mittwoch zu rechnen sei.

Die Entdeckung des “Nichts zu tun” und der “Nichtnotwendigkeit etwas zu tun” wurde so für uns überhaupt erst möglich.
Denn irgendwann war er da. Der Moment, in dem ich vor dem Plan stand und ganz automatisch (ohne mir das vorzunehmen) nach innen fragte, ob jemand an einer Stelle vergessen hatte irgendwas aufzuschreiben.
Da war aber nichts.
Kein Alarm, keine Not, kein aufgeschobenes MüsstenwirnochmachensonstgibtsÄrger.
Da war nur: Nichts zu tun
und also zum ersten Mal die wahrhaftig ruhige, sichere Situation, in der wir uns als Alltagsteam nach innen richten konnten, um zu fragen, ob wir mal etwas tun wollen, um etwas zu tun, weil es gerade möglich ist.

Wir begannen zu malen, zu schreiben, zu puzzeln. Hörbücher anzuhören. Spazieren zu gehen. Zu spielen.

Daraufhin wurde das nächste innere Bündnis wichtig.
Denn spielen/kreativ sein/ “Muße haben” was (ist) etwas, das wir lernen mussten (und manche von uns nachwievor müssen).
Und zwar durch Wiederholung im sicheren Rahmen und mit genug Zeit, die Erfahrung gut zu verarbeiten, um sie später auch als “selbst gemacht” zu erinnern.

Wir sind durch Jahre gegangen, in denen wir wussten, dass wir die ruhigen Phasen haben und manche Innens sich darüber gut in Zeit und Raum orientieren konnten und wir deshalb immer weniger in StressAlarmallesbrennt-Situationen kamen.
Aber für uns gab es dieses “Extra” auf “Nichts existenziell lebensnotwendiges zu tun” nicht. Unser Bündnis hatte nur für andere Innens greifbare, im Sinne von “selbst gestaltbare”, Erfahrungsräume zur Folge.

Wir schlossen daraufhin Erfahrungsmitteilungsbündnisse und brachten uns damit in Neugier und Interesse für die Erfahrungsqualitäten der anderen Innens bzw. anderer innerer Systeme.
Und folglich auch in die Situation zu spüren: Sie sind da, sie haben Gedanken, Gefühle, Er_Leben und Geschichten.
Entsprechend mussten wir erst einmal ein paar Jahre vermeidungstanzen bis wir an dem Punkt waren, an dem wir uns noch ein bisschen mehr dafür öffnen konnten, damit zu leben und umzugehen, dass es ist wie es ist.

Auch das erscheint von außen vielleicht bizarr und nicht kongruent. Wussten wir doch schon vorher, dass da andere Innens sind.
Dieses Wissen ist aber ähnlich wie das Wissen darum, dass Hochhäuser hoch sind. Wie hoch sie wirklich sind, weiß man erst wenn man auf dem Dach von einem steht.

Heute arbeiten wir in verschiedenen Bündnissen, die auch für uns Rosenblätter etwas ermöglichen.
Für uns ist das Verstehen und Begreifen dessen, was mit und um uns herum passiert sehr wichtig. Bündnisse mit beobachtenden Innens helfen uns, mehr Informationen über Sachverhalte und auch frühere Geschehnisse zu erhalten. Austausche mit Innens anderer Funktionsbereiche (derzeit zum Beispiel der Schule) ermöglichen uns Überblick über unsere Fähig- und Fertigkeiten insgesamt.
Bündnisse mit Innens, die vor uns waren, helfen uns leichter durch schwierige Phasen zu gehen. Denn sie haben diese Phasen oft schon einmal erlebt und wissen mehr darüber, was gut funktioniert und was eher nicht.

Unsere Schwierigkeiten der Bündnisbildung waren (und sind heute noch) die Unkenntnis der anderen Innens bzw. der Systeme “auf denen sie laufen”.
Wie bereits niedergeschrieben, betrachten wir unser Gehirn als Biorechner.
Wir funktionieren so, dass es für verschiedene (frühere) äußere Kontexte, jeweils ein inneres System gibt, das einen immer gleichen inneren Aufbau hat.
E. Nijenhuis beschreibt das in seinen Schriften ziemlich genau (bewortet es allerdings anders).

Es gibt Innens die funktional aber wenig emotional re_agieren. Es gibt Innens, die sozial funktionieren. Es gibt Innens, bei denen traumareaktives Re_agieren zu beobachten ist. Es gibt Innens, die beobachtend teilhaben. Es gibt Innens, die bestimmte Identifikationen vorgenommen haben. Das ist ein Schema und Schemata können nie die 100% eines Individuums abbilden. Und doch können wir an uns sehen, dass es diese von Nijenhuis beschriebenen Sollbruchstellen des Ich/der Persönlichkeit bei uns auf jeden Fall gibt.

An ihnen entlang können wir eine Idee haben, mit was für einem Innen wir es zu tun haben, wenn wir zum Beispiel in einer sozialen Situation bemerken, dass es immer wieder zu Wechseln dahin kommt. Von den wahrgenommenen Eigenschaften eines Innens können wir dann in etwa ableiten, welche Art Zusammenarbeit vielleicht hilfreich oder allgemein überhaupt in Ordnung sein könnte.

Für uns ist es nicht schlimm, einander durch so eine schematische Perspektive zu betrachten. Uns entsteht dadurch kein Abstand zu dem was oder wer wir sind. Andere Menschen erleben das anders und entsprechend ist ihre Herangehensweise zur Bündnisbildung anders.

Insgesamt geht es bei der Bündnisbildung für uns oft um Gewohnheit.
Es ist schwierig für uns, wenn Bündnisse zu nutzen von außen eingefordert wird, wenn diese Gewohnheit noch nicht da ist. Etwa um die Orientierung eines Innen in Zeit und Raum aus eigener Kraft vorzunehmen oder ein Problem zu lösen.

Wenn wir schon länger in Kontakt miteinander sind, dann gibt es bestimmte Probleme nicht mehr – wenn ein Innen in regelmäßigem Kontakt mit unserem Alltag oder den alltagsfunktionaleren Innens ist, dann kommt es eher nicht mehr zu einer Konfusion um Raum und Zeit.
Es kann also für unser Außen ein Marker für bestehende dissoziative Barrieren sein, wenn ein desorientiertes Innen da ist oder überhaupt über ein zu lösendes Problem gesprochen wird. Also für einen Zeitpunkt, in dem orientierende Unterstützung bzw. Auseinandersetzung mit einem Problem gebraucht wird. Vom Außen.

Je üblicher der Kontakt unter uns ist, desto weniger brauchen wir die Brücke über außenstehende Personen oder auch Gegenstände.
Ist der Kontakt noch nicht da, brauchen wir von außen Unterstützung.
Und zwar nicht nur zur Bildung eines Bündnisses, sondern zu vorderst, um eine Idee davon zu bekommen, um was für ein Innen es sich handelt und wie ein hilfreicher Umgang (z. B. mit Desorientierung) aussehen könnte.

Innenansichten, Lauf der Dinge

5 Jahre

Eigentlich brauchen wir gar nichts weiter darüber schreiben.
5 Jahre WordPress – 5 Jahre seit und 9 Jahre seit.
Unserer Zeitreise vom letzten Jahr gibt es nicht viel hinzuzufügen.
Oder?

Nun, eigentlich schon.
Obschon sich das Blog von Vielen selbst nicht in den Inhalten verändert hat, so gab es Veränderungen der Optik und unserer Haltung dessen gegenüber.

Seit letztem Jahr gibt es weniger Beiträge.
Zwischendrin ernsthafte Wünsche alles zu löschen und sich für den in Anspruch genommenen Raum zu strafen.
Unser noch sehr junges Selbstbild als freie Autorin und selbstbestimmte Person, die sich und ihre Themen selbst vertritt, wurde im Laufe des letzten Jahres mehrfach angegriffen, in Frage gestellt, lächerlich gemacht und damit auf eine Art zersetzt, die es für uns schwer macht dran zu bleiben.

Das ist alles nicht neu.
Wir wissen, dass es gerade in unserem Fall nicht schwer ist uns zu verunsichern, zu demütigen, zu kränken. Und auch, uns davon abzubringen, es für eine gute Idee zu halten zu bloggen, sichtbar zu sein und zu bleiben.
An guten Tagen können wir sagen: “Glückwunsch – haste fein gemacht sich an jemandem abzustoßen, der so viel weniger hat, um dich selbst zu erhöhen.”.
An schlechten Tagen können wir dazu weder etwas sagen, noch viel mehr denken als: “Ja… was haben wir denn auch gedacht…”.

Nachwievor finden wir den meisten Rückhalt bei Menschen, die auf ähnlich prekärer Basis und ähnlichen Limitierungen im Leben bloggen bzw. sichtbar sind.
Die Mehrheit versteht unser Dilemma nicht. Vermeidet die Auseinandersetzung, lässt uns allein und spuckt mit Pathologisierungen und victim blaming auf uns.
Man hat sich angewöhnt Menschen zu googlen und von ihrer Arbeit auf sie zu schließen, ohne sich kritisch mit den eigenen Annahmen auseinanderzusetzen.
Und wir können nichts dagegen tun.

Außer vielleicht hippy dippy –08/15-Scheiß zu schreiben und uns einzureden, dass uns das ganz viel weniger Ärger bereiten würde.
Oder den x-ten Text darüber schreiben, wie wichtig es ist, die eigenen Ideen von anderen Menschen zu reflektieren und zu falsifizieren.

Jedes Mal, wenn uns Menschen weniger zutrauen, weil sie in einem Text von vor 2 Jahren gelesen haben, dass wir überlastet sind, dass wir krank sind, dass wir Leiden im Leben haben – jedes Mal wenn Menschen glauben, ein Text könne alles abbilden, was es unserem Leben gibt – dann haben wir verloren.
Und wir haben im letzten Jahr viel und oft verloren.

Selbstvertrauen genauso wie Kraft und Mut sich selbst Texte und Themen zuzutrauen.
Aus dem Hunger nach Worten und Raum für sie, ist Angst davor geworden, etwas zu sagen und keine Kraft mehr für den Schmerz um anderer Leute falsche Annahmen, Beurteilungen und Wertungen zu haben.

Es hat einen Grund weshalb wir mehr und mehr darüber schreiben, mit einer Behinderung zu leben, als darüber, wie wir uns untereinander erleben und fühlen. Dass wir immer weniger übers Viele sein schreiben und darüber, was Traumatisierungen bedeuten.
Wir fühlen uns sicherer.
Die aktivistische Blase ist älter. Das Grundgesetz bestätigt unsere Forderungen.
Wer über das Leben mit einer Behinderung schreibt, ist nicht die Speerspitze einer Blase, die von alten weißen Netzwerken und gewaltvollem (weil pathologisierendem) Diskurs geprägt ist. So wie die Blase derer, die sich seit Jahren und Jahrzehnten mit dem Thema DIS und Gewalt auseinandersetzt.

Wir können das im Moment nicht. Und wenn wir ehrlich sind, wollen wir das vielleicht auch nie wieder.
Wir haben lange auf Rückendeckung, auf Nach- wie Mitmacher_innen gewartet. Hatten gehofft, irgendwann wären wir weniger allein mit diesem Thema, dieser Herangehensweise, diesen Wünschen eine Entwicklung anzustoßen, die von konkret Betroffenen selbst ausgeht.
Vielleicht sind zu ungeduldig.  Das hat ja alles auch Gründe.

Ganz sicher sind wir aber auch zu gekränkt und traumatisiert (im Sinne von “unverarbeitet verwundet”) von dem, was uns aus der etablierten Blase angetragen wurde und immer mal wieder auch wird.

An so einem Jubiläum wie 5 Jahre bloggen auf einer Plattform, sollte ich mich freuen.
Doch was ich in den letzten Jahren daneben noch gefühlt hatte, blieb in diesem Jahr aus: Stolz auf das Geschaffte, ein gutes Gefühl bei dem Geschaffenen, die Überzeugung etwas gemacht zu haben, das okay ist.

Das habe ich nicht mehr. Schon länger nicht mehr.
Und ja, es hat etwas damit zu tun als H.C. Rosenblatt zu schreiben und deshalb als Person XY abgewertet zu werden.
Und nichts dagegen tun zu können.
Ja, überwiegend nicht einmal darin gesehen und verstanden zu werden.

Wenn wir darüber schreiben, das Blog einzustampfen, dann tun wir das nicht, weil wir so dringend hören müssen, dass es für andere wichtig ist, weiter von uns zu lesen. Sondern um aufzuzeigen, dass wir begrenzt sind und vielleicht irgendwann wirklich aufgeben müssen.
Egal, ob das für andere einen Verlust bedeutet oder nicht.
Unser Verlust wäre größer.

Für Menschen wie uns gibt es so wenig Räume, in denen wir uns frei und ohne Urteile oder Wertungen ausdrücken können.
Das Blog von Vielen war unser Raum dafür.
Er begann zu schrumpfen, als wir bemerkten, dass man uns über unsere Texte stalkt und ist seit letztem Jahr auch grundlegend kaputt, weil man etwas in uns zerstört hat, ohne uns zu ermächtigen, etwas nachwachsen zu lassen.

Und trotzdem sind wir noch da. Schreiben immernoch.
Was nicht an großer Kraft und dickem Fell liegt. Wirklich nicht.
Es liegt daran, dass es unser einziger Raum zum Ausdruck ist.
Egal, wie viele Menschen das nicht verstehen oder glauben wollen, weil sie denken, Stift und Papier in einem geheimen Kämmerlein würde das Gleiche ermöglichen können oder, dass wir wer weiß wie eng mit Menschen in Kontakt sind, die uns Austausch ermöglichen.

Wir wissen nicht wie wir weitermachen werden und halten das für einen guten Status.
Denn wir spüren, wie nah wir an “Wir wissen nicht, ob wir weitermachen” sind.

DIS?, Fundstücke, Innenansichten

Fundstücke #48

Es gibt diese Momente nach einer anstrengenden Therapiestunde, in denen ich merke, dass wir akut viel mehr körperliche Verausgabung bräuchten, als es die paar Kilometer auf dem Rad nach Hause hergeben.
Ich merke manchmal, wie Kinderinnens noch nicht damit fertig sind sich zu wehren. Oder immernoch kurz davor sind, ihren früheren Schmerz rauszuschreien. Wenn wir dann damit aus einer Stunde gehen ist das, als hätten sie noch nicht alles gesagt, was sie sagen wollen.

Manchmal entlädt sich die Anspannung darin, dass ich mich spontan übergeben muss und geht dann in mein Geheule darüber ein, dass ihnen passiert ist, was ihnen passiert ist und ich mich damit befassen muss, obwohl es zum Teil grauenhaft ist und es doch niemand von mir verlangen kann, mir das in den Kopf zu tun.

Und manchmal kommt eins zum anderen. Noch dazu.
NakNak* hat eine Blasenentzündung. Der Körper die Mens. Wir kriegen im Moment jeden Tag irgendeine jetzt-gleich-sofort-Email, die von uns irgendein Mitmachen, Entscheiden oder Arbeiten verlangen. Der Betreuerwechsel nervt. Der Begleitermensch kann im Moment nicht so verbindlich sein, wie er will und wir das brauchen. An allen Ecken und Enden schwelt es und wir machen von Tag zu Tag weiter.
Mein Alltag ist im Moment etwas, das die Therapiesunden genauso dringend braucht, wie das Früher das in den letzten Wochen immer Thema ist.

 

Ich hab das noch nie gemacht.
Mir ein Innenkind gegriffen und ihm befohlen etwas zu tun, um sich verdammt nochmal mit dem zu befassen, was mich betrifft.
Ja, ich hab ihm etwas mit “verdammt nochmal” gesagt und ich hab was befohlen.
Nicht “freundlich und ruhig ermuntert”. Nicht “liebevoll würdigend” vor dem innegehalten, was es mit sich herumträgt.

Und es hat geholfen.

Vielleicht kann man das nicht mit allen Kinderinnens machen. Vielleicht konnte ich das überhaupt nur mit diesem einen unserer Kinderinnens machen.
Es hat verhältnismäßig viel Kontakt mit dem Heute. Es weiß viel mehr als ich darüber wie viele Alltage sich in unsere 24 Tagesstunden drängeln.

Mir ist aufgefallen, dass ich es durch das Aussprechen seiner Erfahrungen und die Erfahrungen anderer Innens, inzwischen selber schon wie ein total zerstörtes Huschi zu sehen begonnen hatte. Dass es aber nie war.

Vielleicht war das nur so ein Moment von Gleichheit. Gleiche Belastung auf beiden Seiten. Das Kinderinnen fassungslos und ich ohne Rahmen, der mich hält.

Und am nächsten Morgen fiel mir auf, wie schräg das Außenstehenden erscheinen könnte, wenn ich das erkläre.
Wie es geholfen hat, ein Kinderinnen aufzufordern, mich anzufassen, damit es selbst spürt, dass es nicht unser gemeinsamer Hund ist.

Neulich hatte jemand unter unserem Podcast nach lustigen Momenten des Vieleseins gefragt.
Das war kein lustiger Moment. Aber kurz musste ich schon darüber lachen.

Trotz allem.