„schwere psychiatrische Erkrankung“

Wir stehen auf dem Gleis, eine Möwe im Wind über dem Baggersee neben uns. Die Sonne scheint und der Zugführer sagt uns, dass wir weiter warten müssen. Weichenstörung, Signalstörung.

Ich falle in mir zusammen. Wir sind auf dem Weg nach Bielefeld zu unserer Neurologin von der wir neben Rezepten auch ein Attest haben wollen, das uns berechtigt in der zweiten Gruppe geimpft zu werden. Wenn man eine „schwere psychiatrische Erkrankung“ hat, geht das. Haben wir jedenfalls gehört. Und wir wollten fragen, ob das wirklich so ist. Und ob das wirklich geht. Weil wenn, dann könnten wir kurz nach dem Partner geimpft werden und dann … wow. Einkaufen und Behandlungstermine wahrnehmen, ohne Sorge ihn umzubringen.

Wie schon beim letzten Mal muss ich auch diesmal gegen Derealisation ankämpfen, noch bevor ich die Reizüberflutung als solche wahrnehme. Die Entwöhnung von Betonbauten und Fliesenhall, von Straßenlärm und Menschengruppen ist krass. Es fühlt sich nicht nach einem Angriff an, eher nach einer Annexion. Nach 4 statt anderthalb Stunden Reise wanke ich durch die Stadt zu K. wo wir schlafen, essen, arbeiten werden. Es summt unter der Haut, brummt im Kopf. Ist das hier eigentlich wirklich?

Später laufen wir durch den botanischen Garten. Machen Fotos, denken nichts. Durchqueren einen Friedhof, denken an den Vater vom Partner und daran wie typisch für unser Leben ist, dass die erste Beerdigung, die wir je besucht haben, die von jemandem ist, den wir uns länger im Leben gewünscht haben.

Irgendwann tun die Füße weh, wir gehen zurück. Ich bin eine diffuse Hannahmasse auf zwei Schmerzpunkten, hab vergessen, die Banane zum Mittag zu essen, schaue zum fünften Mal nach, wieso ich eigentlich hier bin und was meine Anliegen sind. Die Sonne geht unter, ich muss eine kleine Panikwelle veratmen, weil jemandem in mir nicht klar ist, wo wir schlafen und wie wir wieder nach Hause kommen werden. Ist das wohl meine „schwere psychiatrische Erkrankung“?

das mit dem Mitfühlen

Eine Frage einer Teilnehmerin hat mich berührt.
Wir hatten gerade viel über Gefühle und Emotionen gesprochen. Sie fragte, wie das mit dem Mitfühlen ist. Dem „sich in andere Menschen hineinversetzen“.
Ich versuchte zu erklären, dass sich selbst zu fühlen, eigene Gefühle spüren, nicht die gleiche Tätigkeit ist wie „sich in andere Menschen einzufühlen“. Dass das eine ein Prozess und Merkmal des bloßen Am-Leben-Seins – und das andere das Ergebnis sozialer Interaktion im Rahmen der Lebensgestaltung ist.

Erst jetzt, fast einen Tag später, merke ich, wie wichtig diese Frage eigentlich für alle Teilnehmer_innen war, die wie wir, mit diesem einen heimlichen Koffer durchs Leben gehen, in dem Schuld, Scham und Schande darüber steckt, dass man eben nicht einfach immer „aus dem Bauch heraus“ weiß, was bei anderen Menschen los ist. Dass man immer irgendwie drum rum murkeln muss, jeden Menschen wie ein Objekt analysieren und abtasten muss, um schlau aus dessen Innenleben zu werden, ohne sich dabei irgendwie persönlich angezogen zu fühlen oder überhaupt zu erwarten, dass das sicher total spannend und toll zu wissen wäre, weil man damit ja so unfassbar viel anfangen könnte.

Die Person erzählte später, dass sie in der Sonderschule nichts darüber gelernt hat und weil ich einfach bleiben wollte, erwiderte ich nichts weiter darauf. Aber natürlich ist klar, dass über genau diese Dinge, genau dieses Erleben, auch in anderen Schulen nicht gesprochen wird, weil es abweichend, neurodivers, ist.
In unserem heimlichen Koffer stecken Schuld, Scham und Schande, weil es den meisten Menschen anders geht als uns. Weil sie uns beschämen, wenn wir nach Dingen fragen, die offensichtlich, intuitiv, „automatisch klar“ erscheinen. Weil sie uns gefühlskalt und mitleidslos schimpfen, wenn wir nicht sofort in uns unsinnig, weil ineffektiv erscheinenden Sozialinter_Aktionismus fallen. Weil sie uns für Manipulation und Hinterlist bestrafen, wo wir verzweifelt versuchen Sinn zu finden.

Weil neurotypische Menschen so gut wie nie – weder freiwillig noch unfreiwillig – etwas darüber lernen, wie neurodiverse Menschen er_leben und fühlen.

Umso mehr Dankbarkeit habe ich jetzt dafür, dass wir den Workshop machen durften und diese Frage aufkam.

Niemand ist frei.

Es war der stillste Moment in meinem Leben, als ich damals aus dem Haus trat und meinen Haustürschlüssel in den Briefkasten warf.

Ich ging also. Ich ging einfach weg. Nicht obwohl ich wusste, dass nichts und niemand da draußen auf mich wartete, sondern weil ich mir sicher war, dass ich sterben würde, bliebe ich. Nicht, weil meine Eltern es drauf angelegt hätten. Nicht, weil mich die ganze Welt hasste. Nur, weil ich es nicht aushalten würde, so weiterzuleben.

In den folgenden Tagen strolchte ich in der Gegend herum. Ernährte mich von halbvollen Tabletts in der McDonalds-Abgabe, von Zigaretten und Angst. Ich dachte nicht an die Familie, dachte nicht an mich. Zukunft, Vergangenheit, das war alles ein dichter, kloßiger Brei, der mich in eine Gegenwart betonierte, in der ich ausschließlich reagieren konnte.
Ich habs mir nicht leicht gemacht. Es wurde mir nicht leicht gemacht in den Jahren darauf.

Die eigene Familie zu verlassen ist kein Akt der Erleichterung. Kann es gar nicht sein. Vor allem dann nicht, wenn es um Befreiung geht. Freiheit ist nicht leicht. Freiheit ist nicht einfach. Freiheit ist eine Anforderung, eine Aufgabe, der gerecht zu werden sehr viel Zeit, Kraft und Selbst_Bewusstsein abverlangt.
Vielen Menschen ist das nicht bewusst. Vielleicht wird Freiheit deshalb bis heute als Gegenstück von Gefangenschaft gedacht und verhandelt. Tatsächlich aber ist wer Gefangene macht nicht frei, sondern mächtig. Das ist etwas völlig anderes.

Als ich damals ging, wollte ich über meinen Tod bestimmen. Ich war mir sicher, dass ich bald sterben würde. Ich hab mich nie als den Überlebenskämpfer gesehen, zu dem ich in späteren Traumatherapien konstruiert werden sollte, um den anderen meine Funktion leichter integrierbar zu machen. Aber ich war frei. Ich war nicht gefangen in einer Familienideologie, nicht ein.gebunden in schulische Kontexte, in gesellschaftliche Erwartungen (ein Junge im „Mädchenkörper“ ha, damit rechnet doch niemand, also kann auch niemand irgendwas erwarten!), ja, nicht einmal in das allgemeine, lineare, Verständnis von Zeit und Raum.
Hier schlug mich ein Mann, der größer und schwerer war als ich, da hörte ich Männern zu, die von Sozialismus und Globalisierung sprachen. Dazwischen Punk- und Ska-Musik, Rauchen, Kaffee und Radikalisierung zum Babyanarchisten. Ich hatte keinen Anlass, je auf die Uhr zu gucken. Mich anzugucken und zu verstehen, wen oder was ich da sah. Ich hab nie mehr als bloße Freiheitspraxis gemacht, also gelebt. Und so, wie ich lebte, wollte ich auch sterben. So will ich bis heute sterben. Nicht durch irgendeinen Affekt, durch irgendeinen banalen Moment, in dem das Ego von jemandem eine Kränkung in Schläge, eine Machteuphorie in meine Vernichtung umwandelt. Wenn es enden sollte, dann weil ich einfach nicht mehr lebe.

Heute erscheint mir dieser so umfassend dissoziierte Zustand ultimativ einsam und ich kann verstehen, warum wir in den Jahren danach so willig in verschiedene Kontexte der Unfreiheit gingen. Auch ich.
Ohne das Andere gibt es einfach nicht genug Wahrnehmung des Eigenen. Ohne Wahrnehmung des Eigenen gibt es kein Empfinden von Freiheit oder Unfreiheit. Für das Leben in Freiheit braucht es Frieden. Für Frieden braucht es gleich ermächtigtes Miteinander.
Kein Mensch auf dieser Welt lebt in Frieden. Niemand ist frei. Freiheit ist eine Phantasie.
Jedenfalls jetzt.

stabilisierte Instabilität

Zwei Tage später wird mir klar, dass es ok ist. Dass sie Abstand nimmt und nicht dranbleibt. Die Therapeutin mit Kapazitäten ohne Kassenzulassung, die nach dem ersten Ruckeln im Kostenerstattungsverfahren mit der Krankenkasse glaubt, da würde gar nichts gehen.
Ich hätte mich in den Kampf geworfen, weil ich von der Betreuerin, die wir jetzt haben, so gut vertreten werde und ansonsten erodiere. Ich fühle die Jugendlichen, ich fühle die Kinder, ich fühle meine Gedanken und wie ich unter dem Druck der letzten Wochen an Konsistenz verliere. Es ist der perfekte Zeitpunkt für irgendeinen beknackten Bürokratiescheiß, von dem ich mich verletzen lassen kann, um nicht selber zur Klinge greifen zu müssen.
Aber nein, sie steigt aus. Einige Tage nach dem Termin mit der letzten Therapeutin und dem Begleitermenschen, in einem inneren Zustand, den ich weder überschauen, noch sortieren, noch beworten kann.

Sie ist die zweite Person, der ich davon erzähle, dass die Therapeutin uns ein Angebot gemacht hat, unser Kommunikationsproblem anzugehen und die dritte, die uns sagt, dass das doch prima ist und wir das annehmen sollten.
Plötzlich bin ich die Person vor einem Tisch voller Optionen, die nur zugreifen müsste, aber zu keiner Regung fähig ist.

Denn da ist sie wieder. Die Hilfe-Falle.
Mein Zustand jetzt ist mit „stabilisierte Instabilität“ am besten zu beschreiben, ich habe keine eigene, erwachsene, Haltung zur Lage, möchte, dass alles ~einfach irgendwie gut wird~ und keine 2 Millimeter hinter mir passiert alles von Traumawiedererleben bis kalte Ordnung, um möglichst glatt abzuschließen.
Das ist nicht der Zustand, in dem ich mich für irgendeine Hilfe oder Unterstützung oder irgendwas, das mich persönlich betrifft entscheiden kann und sollte. Und gleichzeitig ist es der Zustand, in dem ich Hilfe oder Unterstützung dringend brauche.

Eine Woche später wird klar, dass sie Krankenkasse vielleicht nicht mal die Kosten für die probatorischen Sitzungen bei der privat behandelnden Therapeutin übernimmt und R., die mir nun seit Monaten mit ihrem „Menschen sowieso aber Therapeuten ganz besonders-Misstrauen“ im Ohr, im Hirn, im Sein hängt, wird zu einem glühenden Stahlgerüst entlang meiner Knochen. Unfassbar schmerzhaft, ständig präsent und starr.
Das kenne ich von K., aber meine Lösungsversuche scheitern. Es ist, als wäre da etwas eingerastet, das ich nun wirklich nicht mehr allein frei kriege und meine Motivation nach einer neuen Therapeutin zu suchen, hat ihren Tiefpunkt erreicht.

Ich glaube nicht, dass wir in dieser Zeit jetzt jemanden finden. Ich sehe auch nicht, woher ich noch einmal Kraft nehmen könnte, noch einmal alles zu erklären, noch mal alles zu erzählen, noch mal eine Schicht mehr über R. und damit eins der wichtigsten inneren Systeme zu legen, die kennen zu lernen doch so ein großer Fortschritt war.

Also entscheide ich gar nichts. Dass ich bleibe, ist wichtig und das merke ich auch. Früher wäre schon längst niemand mehr da gewesen. R. hätte geregelt, bis sie nicht mehr kann, dann K., bis das, was durch ihre traumalogische Regelei nötig wird, ein Ich ist, das auch ohne sie funktioniert. Jetzt regle ich, indem ich gar nichts regle und mich auf den Lauf der Dinge verlasse. Not sure if win.

traumabasierte „Entscheidungen“ erkennen und was helfen könnte

Es gibt traumareaktives Verhalten, das man selbst als Entscheidung wahrnimmt.
Man glaubt, man würde sehr rational bewerten, würde das einzig Mögliche Richtige tun; in eine Zukunft handeln, die besser wäre als ~alles~ jetzt. Und dann bleibt man bei Menschen, die eine_n nicht gut behandeln, verlässt von jetzt auf gleich eine Arbeitsstelle, Freund_innen, die Stadt, das eigene Leben. Oder man geht invasiver vor als nötig, wendet körperliche, seelische, psychische, ökonomische, strukturelle Gewalt an und lügt, um die eigene Ohnmacht, Angst, „Schwäche“ so weit von sich zu weisen bis man sie nicht mehr fühlt.

Dieses Verhalten dient der Stress- und Emotionsregulation. Alle Menschen kennen dieses Verhalten von sich, nicht alle haben dazu auch eine komplexe Traumafolgestörung, die es ihnen erschwert, es auch als solches zu erkennen und zu verändern.
Traumareaktive/traumabasierte Entscheidungen werden oft gefällt, um unaushaltbare Gefühle zu beenden vermeiden. Emotionale Betäubung zu  unterbrechen, bedrängende Ohnmachtsgefühle, Verwirrung, Unsicherheit, die an Todesangst erinnert, zu stoppen verdrängen. Häufig werden auch Probleme, die sich durch das Fehlen eigener Werte und Meinungen oder der Angst, diese zu vertreten, ergeben, mit  solchen Entscheidungen gelöst aufgeschoben.
Nicht jede traumabasierte Entscheidung ist deshalb irrational oder falsch – aber sie ist nicht wirklich selbstbestimmt, nicht so frei, wie nicht traumatisierte Menschen entscheiden können und in der Regel dient sie der Kompensation von Problemen – nicht der Lösung.

Traumabasierte Entscheidungen bestätigen so gut wie immer auch Traumawahrheiten. Also die Wahrheiten, Einsichten, Ideen, die man brauchte, um der erlittenen Traumatisierung Sinn und Kontext zu bieten. „Mir wurde XY angetan, weil ich … bin.“, „Alle [Berufsbezeichnung/Geschlecht/äußerliche Eigenschaft/sonstige Zugehörigkeit des_der Täter_in] sind abstoßende Arschlöcher“, „X ist tödlich/Y ist lebensgefährlich“, „Ich habs nicht anders verdient, weil ich …“
Traumawahrheiten sind keine Lügen. Sie sind nur nicht so umfassend, belastbar richtig, wie man sie wahrnimmt – und so manche Traumawahrheit ist als Legitimationsgrund für Gewaltausübung sehr tief ins kollektive Gedächtnis eingegraben. Etwa: „Leute, die X tun, sind selber schuld, wenn dann Y [etwas Schlimmes, Traumatisierendes] passiert.“

Woran erkennt man eine Traumawahrheit?
Sie dreht sich immer (irgendwann in der Argumentationskette) um Leben und Tod, um 100 % richtig/wahr und 100 % falsch/gelogen, um Top oder Flop. Es gibt kein Dazwischen, kein „Moment mal kurz…“, keine Optionen für Gleichzeitigkeit. Sie sorgt dafür, dass man an sich selbst einen anderen Maßstab anlegt als an andere Menschen.
Und was viele Traumawahrheiten noch auszeichnet, ist der Zirkelschluss. Also eine logische Kette, die immer wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurückfindet und sich damit selbst bestätigt. Das ist die Eigenschaft, die viele Traumareinszenierungen anstößt und auch diesen Erfahrungen wiederum Kontext und Logik gibt.

Was kann man tun, wenn man merkt, dass man sich in einer Situation befindet, die zu traumabasierter Entscheidung führen könnte?
Was mir gut hilft ist, zu prüfen, wie erwachsen meine Gefühle und Einschätzungen zu einer Situation gerade sind und wie erwachsen ich mich fühle in Bezug auf das Entscheiden selbst.
Für mich ist ein Marker für „Ich fühle mich erwachsen“, dass ich mich traue, in Betracht zu ziehen, gar keine Entscheidung zu treffen und mir Zeit dafür zu erbitten oder sie mir zuzugestehen. Ich weiß, dass mein erwachsen sein, mein überlegt und rational sein, im vorderen Teil meines Gehirns steckt und dass dort tendenziell Sendepause ist, wenn ich Zeitdruck habe. Also sorge ich für so viel Zeit, wie ich aushalten und vor anderen auch verantworten kann. Das kann ein Zeitraum von 5 Minuten sein, es können aber auch Wochen und Monate sein. Je länger ich mir, uns, Zeit für eine Entscheidung gebe, desto breiter wird das Spektrum dessen, was die Entscheidung für mich, für uns, bedeutet. Aus einer 1 oder 0-Entscheidung wird so eine 1 oder 2 oder 3 oder 4 oder auch gar nix-Entscheidung und dies wiederum erfordert auch mehr Überlegung (Erwachsenheit) von mir und festigt mich in der Situation.
Denn was das Kindliche, Jugendliche, Traumatisierte in mir sehr gut kann, sind 1 oder 0-Entscheidungen. Also die klassische Traumamechanik. Alles, was schnell gehen muss, um das Überleben zu sichern. Die Dinge, mit denen ich heute konfrontiert bin, sind aber Entscheidungen des Lebens. Gestaltungsfragen, wenn man so will. Wenn ich uns mehr Zeit gebe, können sie diesen Unterschied manchmal miterleben, was hilft, wenn es darum geht noch mehr zwischen früher und heute zu unterscheiden.

Was mir auch hilft ist, ist zu prüfen, ob ich Angst vor den Konsequenzen meiner Entscheidungen habe.
Das ist ziemlich tricky, weil oft auch extrem konfrontativ, aber manchmal muss man da durch, weil es nur so weitergeht. Eine Situation kann zum Beispiel sein, dass man sich überlegt eine Beziehungsperson zu verlassen, weil man nicht (mehr) zufrieden ist mit der Beziehung. Dann kann es sein, dass man vor allem kindliche Panik vor dem Beziehungsabbruch spürt – aber auch die erwachsene Überforderung (die Todesängste triggert) vor einem Leben ohne irgendeine Beziehungsperson im Leben.
Und dann hilft es vielleicht zu gucken: Habe ich wirklich keine andere Beziehungsperson in meinem Leben? Wofür genau brauche ich eigentlich eine Beziehungsperson in meinem Leben? Sterbe ich, wenn da keine_r ist oder ist es nicht vielleicht eher so, dass ich aus mir heraus keine Selbstfürsorge oder -versorgung oder Lebensziele und -sinn aufrechterhalten kann/will/werde, weil noch nie alleine gemacht? Das sind schmerzende Fragen und vielleicht geht man mit Antworten aus dem Prozess, die niemand wissen darf, weil es so peinlich ist – aber was sich daraus ergibt, hilft eine reflektierte, informierte Entscheidung zu treffen.

In Bezug auf die kindliche Panik, die man in so einer Situation vielleicht fühlt, nur eine Sache: Man hilft Kindern nicht, wenn man ihnen gibt, was sie wollen, weil sie Todesangst haben – man hilft ihnen, wenn man ihnen die Todesangst nimmt, indem man für Sicherheit sorgt. Und man ist nicht in einer sicheren Situation, wenn sie Todesangst auslöst.

Überforderungsgefühle von erwachsenen Menschen werden selten benannt. Meistens, weil sie mit Schwäche und Unfähigkeit verbunden werden und deshalb auch mit Minderwertigkeit. Überforderung ist aber nichts weiter als ein Marker dafür, dass etwas fehlt. Vielleicht braucht es Fähigkeiten, vielleicht Werkzeug, vielleicht Unterstützung, vielleicht eine Änderung der Aufgabe – alles Dinge, die übrigens in Bezug auf schwierige Erfahrungen den Unterschied zwischen Trauma und „belastendes Lebensereignis“ ausmachen. Überforderung ist das Stück vor Trauma, das zu spüren im Alltag für mich enorm an Wichtigkeit gewonnen hat. Reguliere ich meine Überforderung, reguliere ich das traumatisierende Potenzial von neuen Erfahrungen, neuen Aufgaben, plötzlich eintretenden Sondersituationen.
Auch hier ist es natürlich wichtig wieder zu gucken, was ich wirklich selbst regulieren kann, aber in Bezug auf wichtige, große Entscheidungen, die ich für mich selbst treffe, ist es einfach wichtig, dass ich mir klarmache, dass ich mit Überforderung etwas machen kann und ihr nicht so hilflos ausgeliefert bin wie in früheren traumatisierenden Situationen.

Was möglicherweise noch helfen könnte, ist eine Liste zu haben, auf die man sich in Bezug auf das eigene Leben geeinigt hat. Oder eine Liste mit Dingen, die einem_einer einfallen, wenn man sich fragt, was man im Leben möchte, was man vom Leben möchte oder woraus das eigene Leben bestehen soll. Wichtig dabei: Nicht als „Irgendwann mal in der Zukunft, möchte ich…“ gedacht oder formuliert, sondern ganz konkret, jetzt und hier.
Bei uns steht drauf, dass wir leben wollen, dass dieses Leben nicht mehr wehtun soll und dass wir uns so in unserem Leben auskennen (können) wollen, dass wir darüber erzählen können. Das sind Punkte, die wir uns erarbeitet haben und die wir als Messlatte für alles herannehmen.
Das heißt nicht, dass wir jeden Schmerz vermeiden und auch nicht, dass wir uns zum Beispiel gegen das Schweigen über unser Leben entschieden haben, aber es bedeutet, dass wir uns zum Beispiel auf jeden Fall von Menschen trennen, die uns (wiederholt) verletzen oder unseren Schmerz am Leben nicht ernst nehmen oder erleichtern helfen und auch, dass wir so lange weiter Traumatherapie machen, bis wir uns für uns genug und sicher im eigenen Leben auskennen (und uns das auch nicht gegenseitig erschweren oder verunmöglichen) bzw. so lange wir es aushalten, daran zu arbeiten.

Was noch helfen könnte, ist sich mit jemandem zu beraten, die_r nicht von der Entscheidung betroffen ist. Am besten mit jemand, die_r Traumalogik kennt, versteht, enttarnen kann. Es nutzt überhaupt nichts, wenn mir in einer Situation, in der in mir nur noch traumalogisches Denken passiert und meine Entscheidung eigentlich eine Reaktion ist, eine andere Person mir ihr (untraumatisiertes) Bauchgefühl zur Situation mitteilt. Ja, das kann auch mal passen, aber das hilft mir nicht, von der Reaktion zur informierten, erwachsenen Entscheidung zu kommen.
Ich brauche dann jemanden, die_r mich fragt, was ich fühle, was ich denke, welchen Druck ich spüre und mir anträgt zu prüfen, ob und wenn ja in welchen Aspekten, diese Gefühle wirklich heutig und der Situation angemessen sind. Jemand, die_r emotionale Distanz zu meinem Problem einhält und mir so zeigt, dass das überhaupt möglich ist.

Und, wenn eine andere Person involviert ist, kann es helfen, mit dieser Person über diese Entscheidung zu sprechen.
Manchmal entstehen Dynamiken zwischen Leuten, in denen man sich gegenseitig in Reiz-Reaktions-Dynamiken bringt, die nur mit Konfrontation zu stoppen sind. Und damit meine ich nicht „stoppen, wie einen Zug“, sondern, wie in „innehalten und mal aussprechen, was man gerade denkt und möchte oder will oder eben nicht mehr möchte“. Manchmal merkt man dann, dass man eigentlich die ganze Zeit (traumabasiert) reagiert und gar nicht wirklich macht, was man eigentlich möchte.

Das ist alles nicht einfach, aber machbar. Es ist möglich im üblichen Alltag Entscheidungen zu treffen und Dinge zu verändern. Indem man Entscheidungen trifft, die sich auf die realen konkreten HierHeuteJetzt-Umstände und Fakten beziehen, trifft man eine Entscheidung, die der Heilung oder, anders formuliert, Weiterentwicklung nach dem Trauma, mehr Raum gibt und so direkt dazu beiträgt.

das Gegenteil einer Traumawiederholung

Erst ist es wie immer. Aufstehen, Kaffee, Dusche, hallo Tag, haben wir es heute gut miteinander.
Und dann fahren wir weiter als sonst. Wir biegen nicht ab zum Edeka, sondern fahren geradeaus zum Bahnhof in Nienburg. Alles ist wie immer und wirkt doch wie Pappkulissen. Nichts hat sich verändert und alles ist anders. Auf dem Bahnsteig liegt Streugut, im Zug klingelt das Telefon und mein Jobcentermensch ist dran.

Als ich auflege, zieht sich das Gefühl der Derealisation wie ein Vakuumierbeutel über mich. Aha, das ist also auch alles noch da, aha, aber ja nicht wirklich. Aha aha aha, ah ja Bielefeld Hauptbahnhof, ja ja, aha, hier kann man also auch einfach rumlaufen, aha. Es regnet, von Weitem höre ich Renée mit uns telefonieren. Bank, Arzt, ein Abstecher zu K., gehetzter Aufbruch zum Termin mit Therapeutin und Begleitermensch.
Ich versuche zu fühlen, was ich da eigentlich will. Werde immer wieder zerstäubt von diesem verstörenden Nichtshatsichgeändert und Alleskönntenochdasein. Von kindjugendlicher Panik in eine Helfergewaltsituation zu gehen, von meiner Sorge, nicht im richtigen Moment einfach wieder ganz angeschaltet zu sein und kurz vor knapp weg zu kompensieren, dass ich seelisch entbeint bin.

Und dann kommt alles so anders, dass ich aufhören kann mich zu fragen, was ich eigentlich will, welche Willen der Inneren passen und welche nicht. Ich höre zu, versuche zu verstehen, alles zu sehen, was mir gezeigt wird. Gehe aus dem Termin, ohne einen Hauch des Sturms in mir zu zeigen.
Ich kaufe mein Brot und ein Magazin mit Comicrezensionen. Einfach, weil ich es kann. Laufe am Gleis auf und ab, lasse mich von der Kälte anfassen, sauge am Reizüberfluss, um mich mit dessen Lebendigkeit zu füllen.
Im Zug begreife ich, dass das Gegenteil einer Traumawiederholung nicht ein Himmel voller Geigen ist, sondern Überforderung und Angst vor etwas noch nie gelebtem.

Vorbereitung mit dem Begleitermensch

Ist es eine Angewohnheit oder beobachte ich gerade wie ihre Selbstverletzung aussieht, ich weiß es nicht. Und egal ist es mir eigentlich auch. Wir sind nicht mehr an eine Therapie gebunden, in der es zu den Regeln gehört, Selbst_Verletzungen zu versorgen und zu besprechen.
Sie beißt sich in die Fingerkuppen, quetscht sich die Lippen an den Zähnen taub und beobachtet die Bilder, die wir beide sehen.
Fünf Erwachsene mit Zetteln auf dem Tisch, im Halbkreis vor ihr, das Fenster im Rücken, dessen Licht sie blendet. Ich merke, dass sie voll in ihrem Ding ist und ich nicht. Für mich ist das ein Stummfilm, den ich ähnlich künstlich nachvollziehe, wie sie meinen Heutealltag.
Ich warte auf einen Anruf vom Begleitermensch. Wir sind verabredet, um einen Termin mit der Therapeutin vorzubesprechen. Ich weiß nicht mehr, wieso ich dachte, das wäre eine gute Idee. Weiß nicht mehr, was mein erwachsenes Ziel an dem Termin war. Und als ich darüber nachdenke, was die Ziele der anderen gewesen sein könnten, stoße ich an ihr Trauma und rutsche ab.

Sie fragt ihn, wozu wir den Termin denn machen. Kriegt die Antwort nicht prozessiert. Wackelt zwischen Abwehr dieses Erwachsenen, der diesen Termin ermöglicht hat und Ab_Tasten nach einer Ver_Bindung. Ihr Stress spült mich immer weiter weg und macht es ihr gleichzeitig immer schwerer sich zu halten. Dann fällt mir auf, dass er ihr eine Brücke zu bauen versucht. Das löst mich aus ihrem Erinnerungssturm.
„Was soll denn nicht passieren?“, fragt er. „Sie solln nich so reden und dann hängt alles an mir und ich bin selber schuld, dass es nicht aufhört. Ich weiß, dass es nicht meine Schuld ist. Sie soll nich sagen es ist nicht meine Schuld, aber es ist doch meine Schuld, weil sie wegen mir weg ist.“
Ich merke, dass sie mit ihrer Antwort nicht unbedingt etwas für ihn erklärt, aber ein Stück Brücke zu ihm angelegt hat. Er wird antworten und sich sichtbar machen, da bin ich sicher. Sie werden sich irgendwie verbinden, ohne sich gegen die Therapeutin zu verbünden. Das ist anders und gut. So als ob man etwas mit Kraft und Gewalt stemmen könnte, aber dann eher im richtigen Winkel hebt.

Sie glaubt nicht daran, dass es klappt und ich lasse ihr das, um den Kontakt nicht zu zerstören. Ich glaube selber nicht daran. Weiß, dass ich hingehe, weil ich keine andere Möglichkeit habe, wenigstens für mich irgendetwas an der Sache zu verstehen.

Aber ja, es ist wie die Hilfeplangespräche, die Klinikvisiten, die Patienteninquisitionen zur Besiegelung jedes Abbruchs, der uns mit allem allein gelassen hat. Ohne Halt, ohne Hilfe, ohne Perspektive und viele Male auch zurück in die Gewalt, von der alle wussten, die aber niemand zu beenden fähig oder willens war.

Dass ich verstehen will, ist neu. 2016 Klinikkonfliktrest-neu.
Aber kein Raum für Hoffnung oder Illusion. Am Ende bleiben wir allein und müssen aus uns selber entwickeln, woraus wir Halt und Kraft, sich halten zu können, ziehen. Zu verstehen, warum das so ist, wird mit aller Wahrscheinlichkeit alles noch viel unerträglicher machen. Denn Wissen ist eben nicht gleich Macht.

die Sonnenfinsternis

Einige Wochen nach unserem Kurzverbleib an dem früheren Zuhause fiel es mir wieder ein. Einerseits ganz leicht, als hätte ich es selbst erlebt, andererseits als erzähle ich mir eine Geschichte.

Sie standen auf dem Balkon und guckten durch besondere Brillen in den Himmel, auf die Sonne. Das Licht, das durch die Baumkronen fiel, wurde sichelförmig. J. sagte: „Die Schatten.“ „Das ist die Sonnenfinsternis“, sagte die Mutterfrau. „Nacht ist auch Sonnenfinsternis“, sagte J. und unendliche Leere folgte.

Das war am 11. August 1999. Für einen Moment hatten sich ihre Welten berührt.
J. hat nie wieder etwas gesagt.
Die Bäume stehen immer noch da.

support options/fatal communication errors – Brücken bauen

Ismene hat unter dem letzten Artikel eine Situation geschildert und daraus die Frage abgeleitet, ob das der richtige Umgang mit meinem „Apfel“ wäre. Meine Antwort wurde dann sehr lang und ich denke, dass es gut als Teil 2 zum letzten Text funktioniert, weil sich viele Leute am Ende meiner Texte fragen, was denn besser wäre.
Also:

Es ist insofern nicht richtig übertragen, weil in dem Beispiel etwas geklappt hat, was mir oft nicht gelingt: Du konntest klarmachen, wie du dich, weshalb, wie fühltest und was das für dich bedeutete – so, dass die Leute klar hatten: „Ah, für Iseme bedeutet das Fenster einen Trigger, deshalb fühlt sie_r sich so und so. Weil wir nicht schaden wollen, helfen wir, indem wir den Trigger beseitigen.“

Für mich braucht es keinen Fokus auf mich und meine Gefühle oder die Bedeutung des Apfels für mich, deshalb erwähne ich sie nicht und das verwirrt die meisten Leute. Das wäre in dieser Krankenhauszimmer-Situation so gewesen, als ob ich auf das Fenster deute und sage: „Das ist ein Fenster.“ Und in aller Regel will ich auch nur das sagen: „Hier ist ein Fenster.“ /“Das ist ein Apfel.“ – nicht mal „Ich, Hannah, viele, so und so, sehe einen Apfel.“ sondern einfach nur: „Apfel. Da.“

Der „richtige Umgang“ in so einer Situation wird immer versucht, darüber habe ich einen Zweifel. Wenn Informationen fehlen, dann werden sie eingeholt. In der Regel mit Fragestellungen, die auf meinen Bezug zum Objekt abzielen: „Was ist mit dem Apfel?“, „Was bedeutet der für dich?“, „Soll ich oder jemand oder willst du etwas damit machen und wenn ja, wozu?“

Für mich ergeben sich aus diesen Fragen unzählig viele Informationen über die Leute, die sie stellen und die Notwendigkeit, mich spontan auf eine unvorhersehbare Anzahl von möglichen Gesprächsverläufen einstellen zu müssen. Und das in einem Kontakt (und damit in Erwartungen an mein Verhalten bzw. an meine soziale Performance), den ich überhaupt nicht wollte – aber in dem Moment auch nicht wählen kann (was sich für mich dann oft traumabedingt, wie aufgezwungen anfühlt), denn sie fluten mich ja mit ihrer Schilderung und Erwartungen, obwohl es für mich um etwas völlig anderes ging.
Und ich habe dann genau zwei Optionen:
1. Brücken bauen, bis ich nicht mehr kann, was mein goldenes Ticket in den autistic burn out ist, weil es enorm viel Kraft und geistige Kapazität zieht
2. Aufhören und weggehen

Der „richtige Umgang“ muss also, wenn der Kontakt bestehen bleiben soll oder muss, weil es Abhängigkeitsverhältnisse gibt, Brücken zu bauen sein. Einander suchen und finden. Sich gegenseitig Möglichkeiten etablieren, um einander zu verstehen.
Das Problem: Für die meisten Leute sind genau diese flutenden Fragen ihr Stil Brücken zu bauen.
Sie bonden über den sozialen Zusammenhalt, das Gefühl, das sie kriegen, wenn sie merken: „Ah, die Person will mich erreichen, sie will mich verstehen. Sie hat mich lieb, sie will mir nicht schaden…“ Das sind große Gefühle, sehr stark. Für manche Leute bestehen die kommunikativen Brücken praktisch nur aus diesen Gefühlen. Und noch mehr Leute brauchen die Aussicht auf diese Gefühle, um überhaupt anzufangen, eine zu bauen.

Bei uns entstehen diese Gefühle aber erst, wenn wir eine Brücke zu bauen geschafft haben. Und eine Weile gut nutzen konnten. Und die andere Person sie genauso oder annähernd genauso nutzt wie wir. Und wenn wir gemerkt haben, dass sie stabil bestehen bleibt, auch wenn sich das emotionale oder soziale Verhältnis verändert hat. Einfach, weil wir uns erst dann überhaupt in dem Kontakt orientieren können.
Wir brauchen von der anderen Person die Information, dass sie sieht oder begreift, worauf wir uns beziehen.
Also nicht die Spiegelung der eigenen Wahrnehmung: „Aha, du zeigst mir einen Apfel“, sondern die Rückmeldung über das Verstandene: „Da ist ein Apfel.“
Sonst keine Brücke. Beziehungsweise nur das Stück, was wir von unserer Seite gebaut haben, das ins Leere geht und meistens nicht einmal wertgeschätzt wird, obwohl es mit einiger Mühe gebaut wurde.

Je wichtiger uns der Kontakt ist, desto elaborierter sind unsere Brücken. Und da wir es zwar mit vielen neurodiversen, aber doch neurotypisch kommunizierenden Leuten zu tun haben, sind unsere Brücken in der Regel sowas wie eine sechsspurige Autobahn, die so viele Spuren hat, weil wir auf jede Eventualität, jede Spielart, jeden Dialekt, jede Grammatik des Miss_Verstehens gefasst sein und diese zu kompensieren bereit sein müssen. Während unsere Gesprächspartner_innen alles über den Trampelpfad nebendran klären. Undifferenziert, gequetscht, diffus, häufig in Bezügen, die wir nicht nachvollziehen können, in einer Sprache, die wir uns erst übersetzen müssen.

Was ist da der richtige Umgang? Ich kann Menschen nicht abzwingen, dass sie meinen Brücken-Stil übernehmen und ich habe nichts davon, wenn sie über meine unnützen Brückenstücke lobhudeln, als funktioniere Kommunikation wie Olympia. Ich kann ihnen immer nur sagen, dass sie mich nicht verstehen und hoffen, dass sie verstehen, dass das weder bedeutet, dass ich sie scheiße finde noch, dass mich das beim ersten, zweiten oder dritten Mal schon richtig krass trifft, fertig macht, kränkt, verletzt, beleidigt (weil ich den Anspruch habe, dass sie es immer gleich sofort packen müssen).
Mein richtiger Umgang kann nur sein aufzuhören, wenn ich merke, dass es anfängt mich zu verletzen oder zu erschöpfen.

Und der Umgang der Leute?
Keine Ahnung.
Ich merke am Begleitermensch, dass kleinschrittige, vorsichtige, achtsame Hartnäckigkeit hilft. Aufrichtiges Interesse an dem was ich sage und Anerkennung des Unpersönlichen in dem, was ich meine. Und klar viel Kraft. Es kostet richtig viel Kraft und offensichtlich einen totalen Ausbruch aus der kommunikativen Routine, sich auf diesen anderen Stil des Brückenbaus einzulassen und selbst zu versuchen, ob man entweder einen gemeinsamen Freestyle oder ein gemeinsam genutztes Schema (also eine hilfsmittelbasierte Kommunikation) hinkriegt.

Es erfordert auch eine andere Zielsetzung mit uns in Kontakt zu sein. Wir haben nicht die gleichen emotionalen Erwartungen an soziale Kontakte wie die meisten Menschen. Es ist total ok für uns (und oft auch sehr viel sachdienlicher für den Vertrauensaufbau), nur Sachdaten auszutauschen, Eindrücke zu übermitteln, damit die andere Person Kenntnis davon hat, also einander „upzudaten“. Ehrlich gesagt sind 97 % unserer Gespräche genau solche Gespräche und wir sind damit zufrieden, solange wir nicht auch noch die individuelle Bedeutungsebene erraten sollen. Wenn die wichtig ist, muss man uns das sagen und erklären. Und zwar von sich aus, denn wir wissen oft nicht, wann wir genau danach fragen müssten.

Was uns auch guttut ist, mit uns über die gemeinsame Kommunikation zu reden, wenn ihr Gegenstand nicht mehr wichtig ist. Zum Beispiel: Wie hat es geklappt, als wir letzte Woche unseren Wochenplan besprochen haben? Hast du bei der letzten Streitklärung etwas vermisst? Reicht es dir, wenn dir einmal sage, dass ich dich mag oder brauchst du das regelmäßig? Wenn ja, regelmäßig alle zwei Tage oder eher anlassbezogen? Welche Anlässe eignen sich für dich? Mich hat neulich verwirrt, dass wir alles so durcheinander gemacht haben – hatten wir da eine Absprache, die ich vergessen habe?

Auch das wieder total anstrengend für Leute, die alles irgendwie immer erraten oder intuitiv richtig aus der Hüfte schießen, aber eins kann ich ganz klar versichern: Es ist noch viel viel anstrengender, mich im Overload ertragen zu müssen oder mit mir zu streiten, weil ich nicht merke, dass ich etwas nicht verstehe und andersherum die andere Person etwas von mir nicht versteht, ohne zu verstehen was.

Dass wir in der Regel ganz genau, ganz konkret, fast dinglich, meinen, was wir sagen, ist der einzige Hinweis, den wir geben können, damit andere ihre Brücken in unsere Richtung bauen. Ob sie den beachten oder nicht, liegt leider nicht mehr in unserer Hand.

fatal error/language pack „neurotypisch“ failed – der Apfel

Irgendwann ist es nur noch der Gedanke: Weil ihr einfach dumm seid.
Als Wochen vergangen, das gegenseitige Unverständnis unüberbrückbar, das Ende meiner Worte erreicht ist. Ja, da denke ich Fuck you all, ihr seid zu dumm, ihr rafft es einfach nicht, ich kann nicht mehr. Ende. Schluss. Dann eben nicht. War ja klar. Sowieso.
In meinem Rücken Leute, die ihre Unsicherheit ausdrücken, ja auch keine Ahnung haben und aber hier und aber da, allen geht es ja immer schlecht, nie hat man Zeit sich sicher zu werden und man weiß auch nicht. Das wollte man auf jeden Fall nicht und ja, danke für die Info, ich war auch nicht dafür da.

Der Fehler liegt nie bei den anderen, schlimmer noch, nie hat irgendjemand irgendetwas falsch gemacht, ich hab einfach Pech, irgendwie irgendwo falsch abgebogen und man kriegt es nicht mehr klar, weil keiner kapiert und ich einfach nicht mehr kann, nicht mehr weiß, aber soll und muss, weil sonst keiner will und sich einredet, ja eigentlich in Wahrheit auch nicht zu können.
Gruppen, andere Menschen und ich, das ist eine Geschichte, die für mich immer immer immer wieder mit dem Gefühl endet, für alles verantwortlich zu sein, an allem schuld zu sein, alles aus mir selbst heraus klären zu müssen, obwohl alle was von zwei Seiten sagen. Aber ich bin die Seite, die was sagt. Vermutlich, weil ich selbst einfach am allerdümmsten bin. Die andere Seite schweigt. Vor Angst erstarrt irgendwo zitternd und total verwirrt und hat ja keine Ahnung flatter flatter armes Mäuschen. Das Böse bin ich. Aggressiv, immer nur wütend, gefährlich.

Dass ich auch nicht verstehe, nicht verstehe, wie man nicht verstehen kann, obwohl ich schon alles gesagt hab – ich nicht verstehe, wie die meisten Leute mich verstehen, was von dem, was ich sage oder schreibe, ja blabla scheinbar versickert das irgendwie immer oder ist einfach zu konkret, mit zu viel autistischer Grammatik, was weiß ich. Wer redet kann kein Kommunikationsproblem haben, richtig? Jemand, die_r so viele Wörter kennt, von so vielen Leuten gehört wird, kann doch kein Problem mit Verständnis haben.

Verstehen bedeutet für die meisten Leute aber etwas anderes als für mich. Sie reden von emotionalem Verstehen. Von ei ei, wenn man sagt, dass etwas weh tut oder geteilten Emotionen oder schlicht einem Zuhause im anderen. Und ich meine, dass, wenn ich von einem Apfel rede, die andere Person versteht, dass ich von einem Apfel rede.
Nicht von Apfelmus, nicht darüber, wie ich Äpfel oder diesen einen Apfel finde, nicht, dass ich einen oder diesen Apfel will, nicht, dass der Apfel mich stört, dass er mich triggert und auch nicht, dass jemand den Apfel essen soll oder ich ein mega Rezept für Apfelkuchen kenne, weil ich die geilste Person unter der Sonne bin.

Die meisten Leute können ihre Missverständnisse mit einem einfachen Trick lösen, um sich selber aus ihrer Rolle in einem Konflikt rauszudrehen: Ich-Botschaften.
Weil die meisten Leute in den meisten Fällen irgendwelche emotionalen Sozialkonflikte haben und vornehmlich sagen wollen: „Ich mag dich, ich will dich nicht vernichten“, ist es wichtig und nötig, dass die einander sagen, was sie wie gehört haben und was das bei ihnen ausgelöst hat.
In meinen Konflikten, ist das eine Strategie, die mir nur Energie frisst, weil sie mich zwingt, die ganze Zeit immer und immer wieder zu sagen: Ja, fein, aber hier, es geht um einen Apfel. Nicht um dich, nicht um mich, ich habe hier ein Ding und ich bin deshalb in Gefühlen, weil ihr mich komplett aufraucht in dem Versuch mir mitzuteilen, wie lieb ihr seid, wie toll ihr mich findet, was in Bezug auf diese Sache hier eigentlich alles nur schlimmer macht, weil ihr mir total widersprüchlich erscheint. Ja, ihr habt mich lieb und wollt mir nicht schaden, warum hört ihr dann nicht einfach, dass es um diesen fucking APFEL geht?! Warum zur Hölle hilft mir dann niemand von euch? Warum bin ich denn jetzt hier der Arsch, „hab den Konflikt gewählt“, warum fühlt es sich denn für mich an, als würde ich mich eurer Zuneigung nicht würdig erweisen, weil ich sage, dass ich da etwas habe, das mit euren Gefühlen zu mir überhaupt nichts zu tun hat?

Am Ende solcher Konflikte reden Leute schlecht über mich oder machen mich zum Opfer meines Traumas, behaupten, ich wäre nicht konfliktfähig, entwerten meine Arbeit und so manche haben mir jeden Weg in andere Gruppen verwehrt.
Und ich bleibe mit der erneut bestätigten Traumawahrheit, dass jeder Space ein safe Space ist, wenn ich nicht (mehr) drin bin, zurück. Nicht, weil ich meine Trigger nicht klarkriege, nicht weil mich keiner mag, sondern nur, weil ich kein Emo-Verständnis will und das keiner kapiert.

Und weil der Apfel für niemanden außer mir überhaupt relevant ist.