Kurznotiz zum Autism Pride Day

Es wird besser. Zumindest das Hören und Verstehen.
Schlechter wird nur das Sehen und Begreifen. Ich bin schnell geblendet – ein bewölkter Himmel vor der Sonne reicht im Moment schon, um mir weh zu tun. Dass meine Arbeit überwiegend daraus besteht auf helle Bildschirme zu schauen, bedeutet, dass nicht mehr nur meine Haut brennt und summt, sondern auch der Großteil meines Gesichts von einem breiten drückenden Schmerzband dominiert wird.
Aber ich kann mich zusammenhalten. Alles gut. Arbeit läuft, Haushalt klappt, Beziehung funktioniert. Konzentrationsübungen und Ablenkungen helfen. Machen nichts weg, aber verhindern die komplette Talfahrt. Mehr sollen sie ja auch nicht.

In der letzten Woche war Autistic Pride Day.
Da dachte ich darüber nach, einen Text darüber zu schreiben, wie sehr ich auf eine allgemeine Anerkennung meines Autismus angewiesen bin, um den gleichen Pride-Moment zu haben, wie ich ihn in Bezug auf mein nicht-binär-Sein und Pansexualität haben kann.
Und wie komisch das eigentlich ist.
Über nicht-binär-sein oder Pansexualität macht kaum wer abfällige Witze oder schreibt gezielt ausgrenzende Gesetze – das wird einfach ignoriert. Mein Pride-Moment darüber zu sein, wie ich in Bezug auf Sexualität und geschlechtliche Identität bin, ist sicher, weil ihn mir niemand nehmen will.
Aber in Bezug auf meinen Autismus stört mich genau diese Ignoranz. Dieses im Moment, zumindest so von mir wahrgenommene, komplett allein damit sein. Dieses Ungesehensein. Und das Gefühl auch erst dann auf ein anerkennendes Gesehenwerden bestehen zu können, wenn er mich nicht mehr so behindert wie jetzt. Was auch wieder total unsinnig ist, weil meine Symptomatik ja gerade jetzt im Moment ziemlich unübersehbar ist – und trotzdem nicht gesehen wird.

Es ist schwierig.
Vielleicht will ich nur aufn Arm, wo alles irgendwie egal ist.

Skill Regression

Das klingt wie ein langsamer Prozess. Jeden Tag ein bisschen weniger Skill. Tatsächlich aber ist es jeden Tag ein weiterer Skill, eine weitere Fähig- oder Fertigkeit, die ich nicht mehr zuverlässig abrufen kann. Die mich einfach verlässt und vielleicht, vielleicht aber auch nicht, wiederkommt.

Dazu gehören sichtbare Dinge – ich fahre im Moment so Auto, als hätte ich erst eine Fahrstunde gehabt – die sich aus dem Verschwinden unsichtbarer Dinge ergeben – ich komme mit der Reizverarbeitung nicht hinterher. Kann meine sozialen und meine Verhaltens-Skripte weder schnell genug aussuchen, noch prüfen, noch sicher mit der aktuellen Kommunikation und Situation in Einklang bringen.
Ich bin im Moment überwiegend wieder auf dem Stand der selbstleeren Reflexantworten aus der allgemeinen Satzbausteinkiste, sobald ein bislang nicht näher definierter Punkt überschritten ist. Und wann der überschritten ist, entscheidet der Punkt von sich aus.
Wieder prozessiere ich die Situationen und Gespräche des Tages mit stundenlanger, manchmal tagelanger Verspätung.

Ich kann keine Probleme lösen, weil ich die geistige Zusammenstellung der dazugehörenden Komponenten und Möglichkeiten nicht hinbekomme. Stellt mir jemand eine Wie-Frage, leert sich mein Denken, statt dass sich das für mich eher übliche Gedankengebäude aufbaut, in dem ich mich sonst bewege. Je nach Dringlichkeit der Frage breitet sich die Leere bis ins Sprechenkönnen aus und ich komme nicht einmal mehr an meine Phrasenkiste heran. Da ist einfach nichts mehr.

Skill Regression kenne ich bisher nur aus massiven depressiven Episoden.
So empfinde ich mich aber gerade nicht. Ich fühle mich nicht erschöpft und auch nicht depressiv.
Eher verwirrt und ängstlich. Isoliert auch. Mir ist oft langweilig, aber meine offenen Arbeiten sind zu schwer.

Mein Auto ist schon seit Wochen in der Werkstatt. Schwimmen oder ausgedehnte Spaziergänge sind entsprechend abhängig davon, wie ich das Angebot meines Partners mich immer zu fahren, in Einklang bringen kann mit seinem Wunsch nach Ausschlafen und nicht lange auf ich warten müssen. Das ist eine Wie-Frage. Ich schaffe es nicht, sie zu lösen. Mein Partner gibt mir keine Vorgaben, um meine Freiheit nicht einzugrenzen. Also passiert gar nichts. Die Häute in unserem Haushalt sind zu dünn für Streit darüber, wie belastend Strukturlosigkeit für mich ist. Und jedem Streit folgt eine Wie-Frage.

Ich würde gern den Begleitermenschen kontaktieren. Aber mit dem bin ich im Konflikt, weil wir immer nur Kontakt haben, wenn es mir schlecht geht und es sich zunehmend, wie ein Mitleidskontakt anfühlt. Auch wenn er vielleicht keins empfindet. Für mich entsteht dennoch die immer empfangende Rolle und die möchte ich nicht haben.
Jetzt wäre es gut, wenn ich einfach nur empfangen müsste. Aber es würde auch diese Rolle stärken.
Wie-Frage von the horizon, also passiert gar nichts.

Ich versuche mich selber damit zu trösten, dass es noch nicht so schlimm ist, dass ich nicht ständig nach außen so zerfalle, wie ich es innerlich bin. Als die neue Fahrlehrerin zum Beispiel dachte, es wäre eine gute Idee mich mit einem anderen Auto als sonst üben zu lassen. Als die neue Fahrlehrerin in dem neuen Auto passiv-aggressiv auf ihre Enttäuschung über mein schlechtes Fahren reagierte. Als ich in der Fahrstunde eine Panikattacke bekam, weil ich tatsächlich schon vor mir sah, dass sie mir wehtun würde. Als mein Partner nach dieser Fahrstunde sagte, ich sollte es abhaken. Als ich nach Hause kam und Sookie tatsächlich immer noch tot war.

Es ist ein Trost, von dem ich weiß, dass er mich nicht wirklich tröstet, sondern nur versichert.
Aber hey – wenigstens das?

Prozess

Der Lauf der Dinge.
Eine Bewegung. Prozess aus Prozessen für Prozesse, mit bei an in und um Prozesse herum. Ich könnte ihn „das Leben“ nennen, doch dieses Wort erscheint mir oft zu aufgeladen. Das Leben geht weiter – der Lauf der Dinge mäandert und hat das Leben in sich. Er wandelt, schlängelt, drückt, zieht, trägt, hält, wiegt, entwickelt und vergeht. Und mehr. Es ist immer mehr.

Als wir uns für das Leben entschieden, entschieden wir uns auch für die Hingabe zum Lauf der Dinge. Ich finde oft Trost in der Vorstellung, dass meine Existenz wie eine kleine Luftblase in diesem großen, universellen Strom fließt. Egal, wie einsam ich mich fühle – ich weiß, dass ich ins Universum gehöre. In die große weltliche Gemeinschaft all dessen, was lebt.
Aber Sookie lebt jetzt nicht mehr. Ihre Reise im großen Strom hat sie an einen Punkt getragen, den ich noch nicht erreicht habe – obwohl wir beide einander so nah waren. Ab jetzt ist nichts von dem, womit ich mich in der Welt bewege, womit ich sie erfahre und einschätze, anwendbar, wenn es um Sookie geht. Und das verunsichert mich.

In den letzten Wochen hatte ich oft Gedanken und Fragen, die nicht sicher zu beantworten sind. So etwas ist für mich immer sehr ungünstig, weil ich nicht aufhören kann, darüber nachzudenken. Nach einem Weg für eine Antwort zu suchen. Über mögliche Lösungen aus den Konflikten, die dabei entstehen, auszusteigen oder sie zu befrieden.
Und jeden Tag gibt es Dinge, die ich zum ersten Mal ohne Sookie mache. Jeden Tag werde ich daran erinnert, dass ich diese Fragen noch nicht sicher beantwortet habe. Weil sie nicht zu beantworten sind. Jeden Moment bewege ich mich in einem Zweig des Laufs der Dinge, der ganz grundsätzlich neu ist. Fremd. Verunsichernd. Während alles unbeirrt weiterströmt, weil auch dieser Prozess, der gerade mit mir passiert, dazugehört.

Ich bringe gerade viel Kraft dafür auf, in dieser meiner Transformation niemanden zu stören. Die Menschen, mit denen ich heute überwiegend zu tun habe, kennen mich nicht ohne den Boden unter den Füßen, den Sookies Anwesenheit mir gegeben hat. Sie sollen nicht merken, wie viel größer, wie viel unsicherer, wie viel anstrengender jeder meiner Schritte jetzt ist. Sie sollen nicht wissen, dass ich sie nicht als meinen Boden, meine erste feste Basis im Leben empfinde, sondern eher wie günstig liegende Trittsteine. Haltestangen. Lose Taue, deren Enden mich unvorhergesehen streifen und aus schierem Glück in der Lage sind, mich dann und wann in Kontakt zu bringen.

Ich versuche mich nicht mit Arbeit zu betäuben. Und auch nicht mit dem ständigen Input aus Podcasts, wissenschaftlichen Artikeln und Instagram-Reels, der mich üblicherweise im Kontakttraining hält. Das fällt mir im Moment sogar ganz leicht, denn es gibt gerade nicht viel, das hängenbleibt, umfassend verarbeitet wird oder mich mit dem Gefühl von tieferem Sinn erfüllt.
Ich bin sehr verlangsamt in der Reizverarbeitung, muss länger als sonst darüber nachdenken, wie ich fühle oder welche Gedanken ich in bestimmten Situationen hatte. Sehr ungünstig in einer Fahrschulstunde. Problematisch für eine Partnerschaft. Unpraktisch in der ersten Woche am neuen Arbeitsplatz. Nachteilig für Gruppenprojekte, den Podcast, meine Ehrenämter. Gefährlich für meinen Schutzmantel aus So-tun-als-ob.

 

die „Therapiefalle“ – Therapie nach traumatischen Erfahrungen mit (Trauma)Therapie

In diesem (englischsprachigen) Video wird eine zwischenmenschliche Dynamik zwischen Therapeut_in und Patient_in beschrieben, die ich selbst schon erlebt habe – und heute als retraumatisierend einordne.
/ Kurz für alle, die das Video nicht anschauen wollen: Komplex traumatisierte_r Patient_in kommt in Therapie und bringt sich bindungstraumatisiert in die Beziehung ein – (komplex traumatisierte_r) Therapeut_in reagiert darauf mit persönlicher Abwehr. Es entsteht eine Wiederholung unguter Bindungsmuster, individuelle Verletzung, die_r Therapeut_in beendet die Behandlung – die_r Patient_in wird in negativen Selbstbildern und Traumawahrheiten bestätigt und kommt später ein Mal mehr bindungstraumatisiert in eine psychotherapeutische Beziehung.
Wie kommt man raus aus diesem Muster? – Man geht ins Gespräch darüber. Sowohl für sich als auch miteinander. /

*

Für mich ist dieses Video zu sehen bzw. diese Dynamik als tatsächlich stattfindend und problematisch von einem Behandler beschrieben zu erleben, sehr validierend.
Denn als ich zuletzt in so einer Situation war, dachte ich vor allem, dass ich mich nicht genug angestrengt hätte. Dass ich das unfassbar böse Monster in mir nicht genug mit Liebsein und Mitmachen verborgen hätte. Nicht genug Kommunikationsarbeit geleistet hätte. Dass ich nie genug und gleichzeitig immer zu viel bin. Das sind meine klassischen Märchen aus dem Traumascheißeland und in der Situation wurden sie durchgehend bestätigt.
Damals habe ich diese Bestätigung vordergründig aus dem Umstand des Behandlungsendes wahrgenommen – heute kann ich den Machtmissbrauch, der vorher schon passiert war, und die Komponente von persönlicher Abwehr meiner Versuche (Bindungs-)Sicherheit für mich herzustellen auch erkennen.

Trotzdem ist noch etwas übrig. Ein weiterer Klebehaken von zwischenmenschlichem Trauma könnte man sagen. Denn in solchen Situationen ist alles sehr persönlich. Man hat damals zwar auf mein Verhalten reagiert, aber in diesem Verhalten war ich ja drin und darüber konnte sich die Therapeutin weitgehend sicher sein. Sie selbst war durch Verhalten mir gegenüber hingegen verdeckt. Das wurde als therapeutisch notwendig, als professionell (von sich selbst) distanziert gerahmt. Ihr Status bzw. was allgemein damit verbunden wird, hat ihr einen Schutz gewährt, der mir nicht gewährt wurde – und der ihr bis zuletzt geholfen hat, nicht persönlich zu spüren oder mit sich persönlich zu assoziieren, war sie mir (in Zusammenarbeit mit ihren Kolleg_innen) angetan hat.

Auch ihre Präsenz als relevante Kraft in dem Kontext war verdeckt, da sich diese Erfahrung in einem Klinikkontext ereignete.
Institutionen funktionieren aufgrund von Strukturen, die individuelle Verantwortung und Leistung diffus verteilen. In der Folge wird auch individuelles Fehlverhalten diffus und gewaltvolles oder professionell unangebrachtes Behandeln nicht eindeutig erkennbar. Es gibt keine Chance für irgendwen mehr als die internen Hierarchien wirklich eindeutig erkennen und benennen zu können. So wird jede_r Patient_in zur potenziellen Störungsquelle, die – aus egal welchen und egal wie oder wofür relevanten Gründen – sowohl mit strukturellen Mitteln (wie z. B. arbiträren Regeln darüber, in welchem Selbstzustand sie wen um welche Art des Kontaktes oder der Unterstützung bitten dürfen) als auch mit persönlich durchgesetzter Macht kontrolliert bzw. abgewehrt werden muss.

Ich weiß, dass ich, wenn ich das so aufschreibe, oft nicht sehr verständlich bin für viele Lesenden. Oder Abwehr provoziere, weil diese Dynamiken von Verantwortungsdiffusion und Kontrolle in Hilfe- und Behandlungskontexten weder offen und eindeutig erkennbar noch offen und ehrlich besprechbar sind, wenn man drin ist. Oder sehr darauf angewiesen. Beruflich oder persönlich.

Für mich ergibt sich aus dieser Gemengelage von Nichtverstehen und Abwehrimpuls eine weitere Ebene, die diese Erfahrung zu einer traumatisierenden Erfahrung gemacht hat.
Denn – Traumawissen 101 – es ist nie nur das Ereignis selbst, was traumatisiert, sondern auch alles davor und danach.
Meine damalige Angewiesenheit wurde von Anfang an infrage gestellt, weil man basierend auf meinen Texten hier diverse Projektionen auf mich hatte und diese scheinbar zu keinem Zeitpunkt als solche reflektiert hat. Meine Belastung wurde ignoriert, weil man sie nicht verstanden hat bzw. mir die Schuld daran gab. Hätte ich mich nicht „so wichtig genommen“ (und einfach alles hingenommen, wie es war, weil das war ja schon immer so), wäre ja alles easy gewesen.

Als die Behandlung beendet war, konnte ich aufgrund meiner dissoziativen Struktur und der Dekompensation auf einem sehr grundlegenden Level nicht richtig vermitteln, was in mir vorging. Welche Art soziales Trauma sich für mich wiederholt hat. Wo es weh getan hat. Woran es erinnert hat. Mein Bedarf an Trost, Fürsorge, Wieder.Gutmachung und Versicherung war spürbar für mich – aber nicht stillbar, weil mein Bezug zu anderen Menschen ein Mal mehr und um eine weitere Ebene erschwert wurde und mein Bezug zu mir selbst durch die erneut bestätigten Traumawahrheiten über mich massiv angstbesetzt war.
Ich habe mich, so gut ich konnte, durch diese Phase hindurch dissoziiert und das wiederum von meinem Umfeld sehr unterstützt. Schließlich brauchte ich diese Berufsausbildung, diesen Schulabschluss, diese Arbeit. Diese so wundervoll überfordernde Lebenserfahrung, die von dem chronischen Stress, den behinderte Menschen unter weniger oder gar nicht behinderten Menschen haben, durchgehend flankiert wurde und mich insgesamt ganz ok stabil gehalten hat. Denn so funktioniert die DIS und der Vermeidungstanz, der dazu gehört.

*

Ich denke in der letzten Zeit viel darüber nach, weil ich in der Therapie vermehrt mit jugendlichen Anteilen arbeite, die mein Leben vor dem Bruch durch stationäre psychiatrische Behandlungen und instabile Wohnverhältnisse bestimmt haben.
Immer wieder muss ich Ängste regulieren. Immer wieder Annahmen über die Erwartungen meiner Therapeutin an mich prüfen. Bis heute gibt es keine Therapiestunde ohne vorheriges Aufblitzen von Panik, etwas vergessen zu haben, wozu sie mich befragen könnte. Oder Panik, gerade weil ich mir keine Sorgen darüber mache, in irgendeiner Form nicht gut genug vorbereitet zu sein oder gut genug mitzumachen. Sie haben kaum andere Erwartungen an die Traumatherapie als die angelogen, überfordert, beschämt oder verwirrt zu werden und in ihrer Hilflosigkeit ignoriert zu werden. Manche warten bis heute darauf, dass die Therapeutin sie damit überrascht, dass beim nächsten Mal eine familientherapeutische Sitzung stattfinden wird – ob sie wollen oder nicht.

Ich weiß, dass die psychiatrische Behandlung, die ich als Jugendliche erhalten habe, auch ein massives Bindungstrauma im Zusammenhang mit meiner Herkunftsfamilie bedeutet hat.
Da meine Herkunftsfamilie gewaltvoll war, konnten wir das bisher nicht wirklich breit ausdrücken und versorgen. Die Anteile, die darunter leiden, kann ich nicht halten. Die Anteile, die dieses Leiden verdecken, sind bis heute der Meinung, dass die Realität nicht echt ist. Und die Anteile, die es überstanden haben, bin ich.

Und für mich ist es bitter.
Zu wissen, dass ich die bin, die es kann – die Therapie kann, die mit Menschen umgehen kann, deren Beruf der Kontakt mit mir ist – eröffnet mir selbst eine Perspektive auf mich als Traumafolge.
Was ohnehin schon nicht sonderlich toll ist, denn ich möchte Lebensfolge sein. Erlebnisergebnis. Erfahrungsschatz.
Tatsächlich aber bin ich das Beste, was danach möglich war – und das war nicht genug, um nicht verletzt zu werden.

*

Dr. Lloyd betont in dem Video, wie wichtig der Anteil der Arbeit ist, die Therapeut_innen an sich tun, um solche Dynamiken nicht entstehen zu lassen. Das bestätigt mich darin, dass die Therapeutin, die mich damals verletzte, tatsächlich einfach nicht gut gearbeitet hat. Sie kann ein guter Mensch sein und ihr Handeln sogar gut gemeint haben, aber gut gemacht hat sie es nicht. Denn es ist schwer. Es ist leicht, diese Arbeit nicht gut zu machen. Wie in dem Video gesagt, sind auch Therapeut_innen nur Menschen.
In meiner Therapie ging und geht es bis heute aber um meine Menschlichkeit. Meine Art Mensch zu sein, meine Gedanken und Gefühle, meine Konzepte von Umwelt und Selbst aufgrund meiner menschlichen Bauart. Darüber reden wir die ganze Zeit. Die liegt immer frei und ungeschützt in dem Kontakt. Egal, wie gut oder schlecht ich als Patient_in mitmache, mich einlasse, die Regeln befolge oder Projektionen bestätige.
Und auch das ist, was für manche Therapeut_innen sehr schwer im Bewusstsein zu halten ist. Wenngleich ihnen ihre Verantwortung sehr klar ist. Auch wenn sie Richtlinien einhalten und ethisch korrekte Behandlungsentscheidungen treffen. Der Kern all dieser Vorgaben und Anforderungen ist immer der Umstand, dass ihre Arbeit mit anderen Menschen immer inmitten dieser Menschen passiert. Egal, welche Diagnose, egal wie groß der Leidensdruck. Niemand kann da schneiden, wo Psychotherapie wirkt.

*

Diese Erfahrung ist jetzt acht Jahre her. Die Therapeutin arbeitet immer noch da.
Ich kann wohl davon ausgehen, dass sie in den vergangenen Jahren nie an diese Zeit gedacht hat. Bin mir sehr sicher, dass sie bestreiten würde, etwas getan zu haben, das mich verletzt hat.
Es ist ein loses Ende für mich und ich frage mich immer öfter, ob ich je darüber hinwegkomme.

ganz schnell in Zeitlupe

Das war die fürchterlichste Woche seit Langem.
Fahrschulprüfung verkackt, weiterhin nicht schwanger geworden, Hund eingeschläfert.

Und jetzt ist mein Urlaub zu Ende.
Meine letzten Lohnarbeitstage im Verlag verbringe ich mit Dingen, die mir hoffnungslos erscheinen. Wer kauft Bücher, wenn 3 Paprikas 6 € kosten? Wer liest Bücher über Klassenkampf, wenn niemand mehr die Zeit, die Kraft, eine Vorstellung davon hat, wie es wäre, wenn alles anders ist?

Ich mache Gymnastik in meinen Bildschirmpausen. Meine Wohnung ist aufgeräumt. Es ist still im Haus. Mein Partner ist in Trauer. Liegt vermutlich im Bett, Bubi am Körper, die Gedanken sumpfdumpf traurig kreiselnd.

Ich bin im Hier und Jetzt, eingewickelt in eine Dissoziation, die ich eigentlich nur dann merke, wenn ich genauer hingucke. Dann fällt mir auf, schräg alles ist. Wie viel Nichts ich gerade fühle.

Mit einer Leichtigkeit, die ich mir immer gewünscht habe, kann ich gerade zwischen Arbeitsschritten wechseln. Hier schreiben, da Versandzettel ausdrucken, falten, zurück zum Blog, dann auf einen Anruf wegen Verlagsdingen warten, währenddessen Mittagessen kochen, zwischendurch Wäsche zusammenlegen, kurz unterbrochen von Handgriffen im Vorbeigehen. Nichts hat mehr eine Reihenfolge, nichts ist nachvollziehbar. Everything is all at once.
In Zeitlupe.
Ganz schnell.

der Meltdown in der Fahrstunde

„Eine schwierige Seite von Selbsterkenntnis ist, dass sie nicht alle teilen. Nur weil man selbst etwas über sich verstanden hat, haben das nicht auch alle anderen.“ Mit diesem Gedanken verließ ich die Schwimmhalle und lief zum Auto. Darin hatte ich anderthalb Stunden zuvor mit meiner Therapeutin telefoniert, nachdem ich meinen ersten öffentlichen Meltdown seit 2016 hatte. Während meiner vorletzten Fahrschulstunde vor der Prüfung.

*

Es ist schwierig offen damit zu sein, dass ich „so etwas“ habe. Meltdowns. Oder, wie es andere Menschen nennen: Ausraster. Nervenzusammenbrüche. Durchdrehen. Keine Beherrschung über mich. Es gibt viele Aspekte in meinem Leben, in denen Kontrollverlust eine Rolle spielt und jeder davon ist belegt mit Scham und einer sich darunter kristallisierenden Schicht Selbsthass.

Ein Meltdown ist scheiße. Es ist scheiße für alle um mich herum, wenn er passiert, weil er passiert – nicht wegen all der Dinge, die dazu führen, dass er passiert. Die sind nämlich immer mein Problem. Mein ganz persönliches, mein hochindividuelles Problem. So wird es mir jedenfalls oft von den direkt Betroffenen gerahmt. Klar, die hatten ja Angst. Vor mir. Vor dem Unbekannten. Die waren ja überfordert. Mit mir. Dem Unbekannten. Den Konsequenzen. Den unbekannten. Sie erleben sich nicht als Teil der Umstände, die zum Meltdown geführt haben, warum sollten sie also annehmen, sie hätten etwas damit zu tun?

Im schlimmsten Fall wollten sie mir nichts Böses, wollten nur helfen. Das ist für mich wirklich der allerschlimmste aller Fälle. Denn Menschen, die aus guten Absichten heraus handeln, können manchmal nicht annehmen, dass ihre Handlung vielleicht nicht gut ist.
Menschen können ihre guten Absichten nur mit viel Nähe vermitteln. Man muss einander sehr nahe stehen, um sich gegenseitig so wahrzunehmen und zu erleben, dass die Absichten eine relevante Rolle spielen. Menschen, die davon ausgehen, dass ich erkennen könnte, wie gut sie mir gegenüber eingestellt sind, gehen auch von dieser Nähe aus. Dieser gegenseitigen Perspektive, diesem gegenseitigen Verstehen. So nah komme ich Menschen in der Regel aber nicht, denn es kostet mich enorm viel Kraft. Die ich auch nicht lange aufbringen und halten kann. Die Absichten anderer Menschen werden dadurch zu Anmerkungen zur Übersetzung – nicht zum Rahmen der Grundhandlung, bildlich gesagt. Eine Lebensrealität, die die meisten Menschen einfach nicht teilen. Nicht verstehen.

Manchmal kommt es mir vor, als wäre ich der einzige Mensch, der sich diese Annahmen aktiv denkt, aktiv im Bewusstsein hält, aktiv in die möglichen Antworten, Reaktionen und Optionen der Interaktion einarbeitet. Der einzige Mensch mit einem inneren Regal voller Skriptphrasen für Menschen, die es gut mit mir meinen und von mir via Sprache vermittelt bekommen müssen: „Ich weiß, dass du es gut mit mir meinst.“ Gerade nach einem Meltdown im sozialen Nahraum denke ich das und muss aufpassen, nicht in die Strudel jugendlicher Verzweiflungspaniken zu geraten. Dadrin denke ich nämlich auch, dass das nie aufhört. Dass ich gefährlich bin, mich fernhalten sollte. Dieses Vorhaben von Kontakt lassen sollte. Dass ich es nicht verdient habe, nach all den Chancen zuvor. Dass es ich es in Wahrheit vielleicht auch nie verdient, sondern immer nur geklaut habe. Dass ich nie genug bin und immer zu viel.

Dass ein Meltdown mir passiert wie ihnen, erleben die von mir oft überraschend und schmerzlich getroffenen Menschen nicht. Dass ich erst im Nachhinein und das nach einigen Stunden Analyse und Durcherzählen der Situation, selbst weiß, was die Anzeichen waren (und das eigentlich nur, wenn es um Situationen geht, die nicht zu weit von meinem Alltagsgeschehen weg sind) – und dies nicht bedeutet, dass ich den nächsten Meltdown abwenden kann – entspricht einfach nicht der Er_Lebensrealität der meisten Menschen.
Weil ich die Quelle ihrer Überforderung bin, weil ich ihre Wahrnehmung der Situation bestimmt habe, nehmen sie an, ich hätte über mich bestimmen können. Das ist ein Irrtum. Aber den Täter*innen Tätigen spricht man so etwas nicht gern zu. Ohnmacht. Angst. Hilflosigkeit. Vor sich selbst. Denn würde man das tun, dann würde das Schuldkonzept nicht mehr funktionieren. Verantwortung wäre schwieriger zu klären. Wieder.Gutmachung und Reparation müsste ein gegenseitiger Prozess sein. Alle wären Teil des Vorhers, des Geschehens und des Nachhers.

Ich habe zuletzt als Jugendliche auch andere Menschen im Meltdown verletzt. Bevor sich mehrere Erwachsene auf mich draufgeworfen haben, um mich mein Verhalten zu unter.brechen.
Inzwischen passieren die meisten meiner Meltdowns unsichtbar. Vor dem Computer, bei der Arbeit, manchmal im Laden, manchmal am Bahnhof. Deswegen unterscheide ich zwischen dem „öffentlichen Meltdown“ und „den anderen“.
Heute verletze ich mich nur noch selbst, denn eine erwachsene Person, die schreit, wird nicht angefasst. Ich kann mich selbst regulieren. Auch mit Selbstverletzung. Eine erwachsene Person, die man abstoßend, gruselig, gewaltvoll, ängstigend findet, lässt man alleine, um sich selbst zu schützen. Auch wenn es bedeutet, mich in einem schlimmen Zustand gewissermaßen zu verlassen, ist das für mich das Beste.
Wer mich in so einem Moment anders einordnet – sagen wir frech, enttäuschend unvernünftig, uneinsichtig, „in Wahrheit ganz kontrolliert/ganz bewusst um die Umstände“, narzisstisch motiviert, den eigenen Vorteil abzuringen – redet in der Regel weiter auf mich ein, kommt möglicherweise noch körperlich auf mich zu und/oder begrenzt meine Möglichkeiten mich zu bewegen oder die Situation zu beeinflussen. Diese Menschen merken nicht, dass sie mich in dem Moment sensorisch fluten und so gewissermaßen foltern. Meine Grenzen nicht nur berühren, sondern komplett ignorieren. Dass sie mir eine Einsicht abzwingen wollen, die ich nicht habe oder falsch finde. Dass sie ein Verhalten von mir fordern verlangen, das meinem Willen und mir zuwiderläuft. Sie meinen es nur gut. Oder haben Recht. In ihrer Logik, ihrer Wahrnehmung des Moments bin ich das Problem, weil ich ihre Hilfe, ihre Annäherung abwehre, mit der doch wieder alles gut werden könnte.

*

Es fällt mir schwer, aber ich habe einen aushaltbaren Punkt gefunden, seit ich meine „Zusammenbruch-Symptomatik“ als „Not-Aus“, das aktiviert wird, weil ich mich zu lange nicht traue, das „Stopp-Aus“ oder gar das „Ich fühle mich nicht mehr gut-Aus“ zu aktivieren, einordne. Niemand hat die Kontrolle, über das körpereigene „Not-Aus“. Darin bin ich anderen Menschen gleich. Alle Menschen haben so einen Punkt. Nur die Wege dahin sind unterschiedlich und unterschiedlich beeinflussbar.

Mein Wissen um mich und meine „Not-Aus“-Symptomatik hilft mir, eine Grenze zu anderen Menschen zu ziehen. Ob „nicht sprechen“, „nicht fühlen“, Krampfanfälle, Shutdowns oder Meltdowns – sie haben nichts mit den Personen um mich herum zu tun. Ich erlebe diese Symptome nicht, wegen der Leute und deren reiner Personality. Die Symptome sind keine sozialen Botschaften. Sie sind Körperreaktionen auf extremen Stress. Die Leute können es mir nur leichter oder schwerer machen, damit umzugehen. Und leider machen es sich Menschen, die einander nicht gut (genug) verstehen, ziemlich zuverlässig schwerer.
Und je älter ich werde, desto schwerer fällt es anderen Menschen, überhaupt in Betracht zu ziehen, dass ich mich nicht immer „zusammenhalten kann“. Die Lebenserfahrung ist ja eigentlich, dass man immer weniger von Dingen überrascht, erschreckt, erfreut, aufgeregt, empört, überanstrengt, überreizt … wird. Bei mir ist das scheinbar nicht so. Nicht wirklich. Eher habe ich manchmal den Eindruck, dass ich nach wie vor viele Situationen wie ganz neue Situationen erlebe. So, als ob ich sie noch nie zuvor erlebt hätte. Was ich ja – außer in dem äußert unwahrscheinlichen Fall, dass ich in einer Zeitschleife festhänge, in der doch alles exakt gleich wiederholt wird – auch wirklich so nie zuvor erlebt habe. Die wenigsten Situationen sind genau gleich. Es ist immer etwas anders. Entsprechend ist mein Stresslevel einfach immer etwas erhöht. Denn wo eine Abweichung ist, ist die zweite, dritte, vierte in der Regel nicht weit. Und auf jede reagiere ich gewissermaßen.

Seit Jahrzehnten lasse ich Menschen mit der Aufzählung von Abweichungen in Ruhe. Ich teile meine Beobachtungen nicht mehr. Lasse mir nicht anmerken, ob sie mich beunruhigen oder erfreuen. Ich habe in Kliniken trainiert, sie passieren und ohne Urteil ziehen zu lassen – bis ich gemerkt habe, dass ich das nur kann, wenn ich depersonalisiert bin. Ich habe verstanden, dass die meisten nicht-autistischen Menschen Abweichungen nicht von Unterschieden trennen und generell einfach mit sehr viel mehr Unschärfe zurechtkommen können als ich.
Ich schaffe viel Anpassungsleistung durch die Hinnahme und Kompensation dieser Umstände. Aber auch ein Gefühl falscher Sicherheit bei anderen im Kontakt mit mir. Ein Grund, weshalb Menschen von meinen Meltdowns und anderen Kontrollverlusten überrascht werden. Sie kommen für sie unerwartet. Aus heiterem Himmel. Sie haben keine Chance auf meine Selbsteinsicht und so auch nie auf mein Verständnis für die Dinge, die ich erlebe.
Andererseits wollen sie sie auch gar nicht haben. Sie können damit ja im überwiegenden Teil ihres Lebens gar nichts anfangen. Wozu also drum bemühen? Ich würde sie andersherum vermutlich auch nicht haben wollen, wäre ich nicht ständig und in allen Aspekten mit ihnen konfrontiert.

*

Zwei Dinge waren in dem Gespräch im Auto vor der Schwimmhalle passiert. Zwei hilfreiche Dinge.

Meine Therapeutin hat uns zu unserer Verletzung befragt. Ich war aus dem Fahrschulauto gestiegen und hatte mit der flachen Hand gegen eine Metallkonstruktion geschlagen. Das Hämatom ist etwa 2 2-Euro-Stücke groß und drückt auf die Sehnen vom kleinen und dem Ringfinger der Hand. Es tat immer noch weh und wurde im Inneren vor allem als Strafe gerahmt.
Das Interesse meiner Therapeutin hat das beendet. Eine Strafwunde wird nicht beachtet. Eine verdiente Verletzung nicht ver.sorgt. Böse Mädchen werden nicht gefragt, obs (noch) wehtut.

Außerdem hat sie jemandem, die_r es hören musste, gesagt, dass sie nicht glaubt, dass diese Situation mit mehr Anstrengung abzuwenden gewesen sei.
Für mich war das im Kontakt mit ihr versichernd – für das Innen erlösend. Mit diesem Gefühl von sozialer Klarheit in dem Kontakt, entstand genug Kraft und Sicherheitsgefühl bei mir, um mich in die lösungsorientierte Kommunikation mit der Fahrschule einzubringen. Ich konnte von missachteten Grenzen und verlorenem Vertrauen in den Fahrlehrer sprechen und akzeptieren, dass er um sich selbst kreist in seiner Überraschung und Überforderung. Durch die Versicherung meiner Therapeutin wurde der Kontakt zum Fahrlehrer (und der Fahrschulchefin) nicht zur einzigen Quelle von Wahrheit über die Situation. Ich wurde auch von jemandem gehört und das verlief nicht im Stummen, Uneindeutigen ohne jede Bedeutung.
Die Grenze zwischen den anderen Menschen und mir war wieder hergestellt, es entstand ein Gefühl von Ordnung und Klarheit. Wir haben eine Lösung gefunden, wie wir die letzte Fahrstunde vor der Prüfung machen und wann der Fahrlehrer und ich uns wiedersehen, um darüber zu sprechen. Wir werden uns vermutlich beide entschuldigen, ein Eis essen und wieder versichert darüber sein, dass wir einander wirklich nie Böses wollten. Und mit dieser Feststellung von Offensichtlichkeiten werden wir, befriedigt über die Bestätigung unserer Wünsche an die soziale Umwelt, auseinandergehen.

das Wiedersehen

21 Jahre und eine Handvoll Zeitspaghetti.
So lange haben wir uns nicht gesehen. Wobei wir uns nie zuvor gesehen haben.
Und doch standen wir da am Bahnhof in den Armen der anderen, wie man das am Bahnhof oft sieht. Wenn der Lauf der Dinge zweier Menschen zu einem gemeinsamen Strom wird und sie sich in wirbelnd strudelnden Gefühlen halten. So standen wir auch da. Z.s Freundin C. und ich.

Wir waren Klapsfreundinnen mit Fastaussicht auf Draußenfreund_innenschaft, aber dann passierte alles Aber und wir verloren uns. Bis wir uns wiederfanden, aber nicht halten konnten. Bis wir es dann endlich doch konnten.

Ich lebe mit dem Bild von mir als fürchterlicher Teenager. Eingebildet, rücksichtslos, übergeschnappt, gemeingefährlich. Sehr unreif. Sehr affektgetrieben. Unsozial im Allgemeinen, berechnend und kalt im Speziellen. Im Grunde so, wie ich mich bis heute fürchte und bekämpfe zu sein oder zu wirken.
Dass wir bis auf J. und C. keine Freund_innen hatten und auch in der Kindheit für ein halbes Jahr nur eine L. eine Rolle spielte, war für mich immer darin begründet. Heute kann ich diese Freund_innen alle als mir ähnlich neurodivergent und im familiären Bereich verletzt erkennen.
Kommen ein Auti und ein_e ADHSler_in in ’ne Bar, gehen sie mit einer Start-up-Idee oder einem Heiratstermin wieder raus – das klingt nach einem Gag, ist aber keiner. Nicht wirklich. In meinem Leben ist das der rote Faden für fast alle meine Kontakte und Freund_innenschaften. Schade, dass ich das erst mit 30 gelernt und verstanden habe. Und mir erst heute so wirklich richtig anzunehmen traue. Schade auch, weil ich mit meinem Bild, meiner Erzählung von mir auch immer meine damaligen Freund_innen schlecht gedacht habe. Wie bekloppt, wie grundkrank, wie niedrig muss ein Selbstbewusstsein sein, um gerne mit mir Zeit verbracht zu haben – das tut sich doch niemand mit Rückgrat an, niemand, dem alle Uhren richtig ticken.

In meinem Lauf der Dinge ist das Bedauern darüber drin. So umarmte ich C. mit einer Entschuldigung in Gedanken und dem Gefühl des „Kurz vorm Auseinanderfallens“ von Z., die ob der Umstände des Wiedersehens so gut wie gar nicht klarkam. Ihre Freundin, sah noch aus wie ihre Freundin, war – ist – ihre Freundin, aber nicht so. Die 22 Jahre mit Zeitspaghettirändern haben sie groß und erwachsen gemacht. Zeitliche Orientierung mit dem Vorschlaghammer.

Wir haben 3 Stunden durchgehend gesprochen. Abriss Biografie seit 2002, Abriss Therapieweg bis heute. Ist heute alles gut? Besser? Anders? Wie gewollt? Wann hat man angefangen zu wollen? Will man müssen oder nicht? Was ist jetzt wichtig? Kurzer Check, ob wir einander vergleichen – gegenseitige Versicherung, dass diese Phase jeweils vorbei ist. Erleichterung. Gut fühlen. Eis essen. Verabschieden, mit Ideen, wie wir uns öfter sehen können.

Ich glaube, C. ist heute 36. Ich 37. Wir hatten die gleiche Psychologin in der Klinik.
Und heute begegnen wir uns in fast verwundertem Stolz darüber, dass wir überhaupt noch leben. Als hätten wir nur Glück gehabt, obwohl wir beide wissen, dass wir hart dafür arbeiten mussten und diese Arbeit nicht als „für immer fertig getan“ betrachten können.

Im Zug merke ich erst, wie voll und wie vermischt ich bin und was ich aufschreiben muss, damit ich es nicht verliere. Meine Therapeutin kriegt es ab. Ich hoffe noch im Rahmen und spüre der Abwesenheit von Angst dabei nach.
Es hat sich wirklich unfassbar viel verändert. Seit 2002, aber auch seit 2012 und 2015 und 2017 und 2020 …

Wut und Traumawahrheit

„Wut hat etwas mit den eigenen Grenzen zu tun“.
Noch eine Woche später hänge ich daran fest wie im Knäuel dicker, zähklebriger Seile. Einfarbig. Im Halbdunkel zunehmender Erkenntnis. Ich habe Angst.
Das kenne ich nämlich. Wut als Auslöser. Nachdenken über Wut als Einstieg in kreiselnde Kaskaden aus Traumashit und Kontrollverlust, an dessen Ende nur Erschöpfung und Dissoziation stehen.
Dabei kann ich gut wütend sein. Allein. Für mich. Ich kann sie fühlen, ich kann sie einordnen. Alles kein Problem – solang es um mich geht und ich das Problem bin. Dann nämlich kenne ich mich aus, weiß, was zu tun ist, fühle mich halbwegs kongruent.

Wut als Reaktion auf die Berührung, Irritation, Verletzung eigener Grenzen – das ist schwierig.
Schon Grenzen zu haben, ist wirklich schwierig für mich. Nicht mehr so viel wie früher, aber es gibt noch genug Momente im Verlauf einer Woche, im Zuge von sozialen Kontakten, körperlicher oder geistiger Umtriebigkeit, in denen ich es zum Kotzen finde, dass ich nicht einfach alles immer gleichzeitig kann. Einfach immer verfügbar sein und mitmachen, das ist der Modus, den ich, den wir, auch heute noch ständig anstreben. Obwohl wir ihn noch nie erreicht haben und vermutlich, sehr wahrscheinlich, auch nicht erreichen werden.
Menschen sind begrenzt. Das macht Grenzverletzungen so schlimm und zuweilen auch traumatisch. Wenn der äußere Rand von etwas verletzt wird, verliert, was auch immer dahinter ist, an Schutz. Keinen vollumfänglichen Schutz zu haben, ist ein Problem. Ein unter Umständen lebensbedrohliches Problem.

Die Gewalt, in der ich aufgewachsen bin und auch die Gewalt, in der ich heute als autistischer Mensch, noch immer lebe, verzerrt mein Verhältnis zur Wahrnehmung dieser Bedrohung und auch meine Bewertung dieses Problems.
Das ist die Abzweigung zu Themen wie Narzissmus, Ideen von Omnipotenz, aber auch gnadenloser Selbstzerstörung aus Selbsthass. Denn viele Täter_innen vermitteln ihren Opfern, dass ihre Grenzen ein Problem sind. Ein Anlass, ein Grund, eine Rechtfertigung, eine Eigenschaft, die es zu verlieren gilt. Und vor allem Kinder, deren Eltern die Täter_innen sind, haben keine andere Möglichkeit, als das zu glauben. Sie übernehmen die Perspektive des Außen auf sich und versuchen eine Kongruenz herzustellen. Nicht weil sie Opfer sind oder noch nicht sehr schlau, sondern weil sich so Identität und Selbstbild entwickeln. So machen Menschen das. Ohne Feedback vom Rand ihrer Selbst, gibt es keine Kenntnis darüber. Und ohne Kenntnis keine Meinung, kein Wert – keinen Ansatz für eine eigene Haltung oder eigene Wünsche an sich. Ohne berührte, gespürte, erklärte und verstandene Grenzen gibt es also auch keine Möglichkeit des Wissens darüber. Und ohne Wissen darum gibt es weniger Selbstverständnis, was dann wiederum zu einem Problem wird, wenn man in soziale Interaktion und Kommunikation geht. Dann ist es nämlich ganz praktisch, eine Idee von sich zu haben, um eine Idee von anderen Menschen zu bekommen und sich ihnen grenz-wahrend, verständnisvoll und konfliktarm zu nähern.

Ich gehöre zu den Menschen, denen oft vermittelt wurde, Dinge zu können.
Meine Hochbegabung gepaart mit meinem (Überlebens)Willen, die Dinge richtig zu machen, hat mich für viele Menschen älter und reifer, allgemein kompetenter wirken lassen, als ich war. Ich wurde sehr oft extrem überfordert, habe sehr oft sehr viel zu wenig Unterstützung, Anleitung oder Führung beim Erlernen neuer Dinge, beim Lösen von Problemen und dem Prozessieren von Selbst_Erfahrungen bekommen. Das war in meiner Kindheit, Jugend, jungen Erwachsenenzeit für viele Menschen – Betreuer_innen, Behandler_innen, Freund_innen wie Täter_innen gleich – einfach ein sehr kongruenter Umgang mit mir.
Selbstverständlich war Wut als Reaktion auf Grenzverletzungen wie diese dann immer ein massives Problem. Und hatte aus Sicht der Menschen um mich herum, immer nur mit mir selbst zu tun. Wurde als Ausdruck von Undankbarkeit vor dem Geschenk der Aufmerksamkeit, die man „den Reiferen“ / „den Cleveren“/ „den Verständigeren, mit denen man so gut reden kann, weil sie alles so tiefgreifend verstehen“ gibt, angenommen und entsprechend bestraft. In der Traumaklinik genauso wie in der Wald- und Wiesenklapse. In meiner Familie* genauso wie in meiner Familie°. In meinem Freundeskreis genauso wie in fremden Kontexten.

Es ist eine elendige Situation, wenn man so leben muss. Wissend, dass man eben nicht alles immer kann. Aber doch muss, weil es der einzige Weg, der einzige Anlass für andere Menschen ist, mit einem_einer in Kontakt zu gehen. Ob nun gewaltvoll oder nicht. Die Kontaktbedürfnisse verschwinden ja nicht, nur weil Kontakt auch gefährlich sein kann. Sie nehmen vielleicht ab oder richten sich auf ungefährliche Dinge, aber da bleiben sie und müssen befriedigt werden.

Wie umfassend, wie zuweilen sogar quälend weit über die eigenen Grenzen der Kontakt mit anderen Menschen für mich ist, habe ich erst nach der Autismusdiagnose und der Aufarbeitung des Klinik-GAU wirklich verstanden. Da gab es so eine Wutsituation ja auch. Und damit meine ich nicht den Meltdown im Büro der Oberärztin, sondern die Wochen davor. In denen ich, die_r sowieso massiv in der Krise war, mich noch dazu verpflichtet hatte, wenigstens annehmbare_r Patient_in zu sein. Mit zu wenig Ruhe, mit zu viel Menschenkontakt, zu viel Anpassung an Sozialperformances, die weder Sinn noch Nutzen für mich hatten und – klar, selbstverständlich, so ist mein Leben – so viel Kraft für Selbsterklärung, Wissensvermittlung und Barrierenkompensation.
Ich war die ganze Zeit in dem Modus, der mir schon als ganz kleines Kind das Leben gerettet und mir die Anpassung an lebensfeindliche Umfelder ermöglicht hat – und ich hatte das bemerkt. Und als Problem erkannt, denn niemand würde eine Klinik für Psychosomatik als allgemein lebensfeindlich einordnen. Da sollte es mir ja besser gehen, ich sollte behandelt werden, ich sollte Hilfe erhalten.
Dieser Widerspruch ist die berührte Grenze.
Ich brauche eindeutige Verhältnisse. Brauche Klarheit. Dann fühle ich mich sicher. An dem Aufenthalt war überhaupt nichts klar – außer, dass ich das Problem war. Und das kannte ich ja schon. Indem ich meine Behandlungszeit damit verbrachte, meine Grenzen niederzuschleifen und mich dafür zu hassen, wenn ich Widerstände von innen spürte (bzw. den Hass an den Innens zelebrierte, die ihren Widerstand auch nach außen hätten tragen können), stellte ich Kongruenz für mich her. Klarheit. Sicherheitsgefühle. Ich bewahrte andere Grenzen in mir. Kann ja nicht angehen, dass meine Traumawahrheiten über mich selbst falsch sind. Ich muss mich (meine Grenzen) verletzen. Es muss wehtun. Das gehört dazu. (Denn das Umfeld verletzt sie ja auch.)

Wut als Schutzreaktion anzunehmen, fällt mir also noch schwer, weil diese Perspektive viele Traumawahrheiten in Frage stellen würde.
Das Monster in mir wäre vielleicht keins. Das unwürdige Viech in mir vielleicht doch, was meine Therapeutin seit Jahren sieht. Selbst mein Selbsthass wäre nichts weiter als ein Schutzschild vor dem ableistischen Hass, den andere mir gegenüber ausgelebt haben.

Und wie soll ich dann weiterleben?

gut und schwierig

NakNak* lebt weiter.
Letzte Woche waren wir darauf eingestellt und vorbereitet, sie einschläfern zu lassen. Sie hat einfach so gut wie nicht mehr geschlafen. War nicht mehr nur abends, sondern auch tagsüber und nachts unruhig. Ob vor Schmerzen oder demenziell bedingter Umtriebigkeit, war nicht auszumachen.
Für uns war damit eine der Checkboxen, die wir für uns gesetzt hatten, erfüllt: Fehlender Tag-Nacht-Rhythmus, ein ganz typischer Status bei Demenz
Sie hat Schmerzen, die wir nur geraten lindern können – das ist eine weitere Checkbox, die schon länger erfüllt ist.

Wir wissen, dass sie nicht mehr das beste Leben hat. Ihre Persönlichkeit ist dem täglichen Abspulen bestimmter Routinen gewichen, sie ist zu einer Hündin geworden, die sich mal mehr mal weniger diffus zwischen Reiz und Reaktion bewegt, ohne, dass etwas davon hängen bleibt.
Sie quält sich nicht. Aber die Grenze dahin ist zart und fragil.

Für uns wäre es okay gewesen, sie einschläfern zu lassen.
Für den Partner nicht.
Also nochmal eine Stufe weiter. Jetzt bekommt sie ein stark beruhigendes Schmerzmittel. Es wirkt. Es geht. Es ist kein Garant für durchgeschlafene Nächte und ihr Gang wird davon unsicher. Spaziergänge mit Bubi und mir sind damit nicht mehr möglich. Ihre Welt ist auf den Garten und das Haus zusammengeschrumpft. Was erbärmlich klingt, aber das Haus ist groß und der Garten auch.
Es ist nur nicht mehr frei.
Sie, die mir zu so vielen Freiheiten verholfen hat, ist jetzt nicht mehr frei.
Das belastet mich und löst viele Gefühle aus, die ich bislang nicht benennen kann.

Ich hätte gerne, dass sie bald stirbt, weil ich es nicht so lange aushalten will. Auf ihren Tod bin ich viel besser vorbereitet als auf so eine langgezogene Phase von „Eigentlich ist alles scheiße, aber noch nicht scheiße genug“, in der auch noch Scham und Schuld zum Thema werden, weil meine Zuneigung und meine Verantwortungsübernahme in Frage gestellt werden könnten.
Wie sehr liebt man sein Tier, wenn man es töten lassen will, weil es nicht mehr funktioniert? Wahre (Tier)Liebe ist aufopfernd – Wie kann man nur jemandem den Tod wünschen? – Diesen Quatsch habe ich im Kopf, obwohl er nur dafür sorgt, dass ich mich schlecht fühle.

Es ist anstrengend, mich selbst immer wieder daran zu erinnern, dass Aufopferung auch zu „Vertäterung“ führt und das eine der Gewaltlogiken ist, die Liebe zu einer gefährlichen Angelegenheit macht. NakNak* fordert keine Aufopferung von mir ein oder zwingt sie mir durch ihre Existenz ab – Leute, die wollen, dass ich mich erst dann gut fühle, wenn es ihr gut geht, tun das.
So funktioniert Fühlen aber nicht. Gefühle entstehen und passieren und wirken in mir. Sie werden vielleicht beeinflusst oder in ihrem Entstehen von außen ausgelöst – aber ihre Wirkung, ihre Gestalt und ihre Folgen passieren immer in mir – völlig unabhängig vom Außen. Es ist ein unerfüllbarer Anspruch, mich erst dann gut zu fühlen, wenn sie sich gut fühlt. Niemand kann das jemals immer erfüllen. Vor allem nicht, wenn es um Tiere geht, in deren Gefühlswelt man als Mensch nie einen authentischen Einblick haben kann.

Ich liebe NakNak*. Und ich finde es gut, wenn sie nicht mehr lange lebt.
In meiner Vorstellung von NakNak*s Gedankenwelt gibt es eine ähnliche Gleichzeitigkeit: Sie lebt gerne und hätte gerne, dass ihre chronischen Schmerzen, die sie jeden Tag den ganzen Tag in unterschiedlicher Intensität hat, für immer aufhören.
Niemand würde sie dafür verurteilen oder mangelnde Leidensbereitschaft vorwerfen, könnte sie das vermitteln, wie wir Menschen uns das vermitteln. Aber mir als ihrer Halterin wird das vorgeworfen. Vielleicht. Implizit. Und sei es nur von diesem Kopfquatsch, den ich weiter oben beschrieb.

Im Moment geht es ihr besser. So gut, dass sie am Freitag sogar ums Haus gerannt ist. Dass sie den Partner morgens aus dem Bett bellt. Dass sie mit Bubi interagiert, als wäre alles tutti.

Es ist gut und schwierig, weil es gut ist.
Es ist gut und schwierig, weil es schwierig ist.

Angst – Eine Anregung zur Auseinandersetzung nach komplexer Traumatisierung

Cover des E-Books „Angst, Eine Anregung zur Auseinandersetzung nach komplexer Traumatisierung“, schwarz weiß - Abrisskante einer strukturierten Folie ähnlich wie Gaffa-TapeAngst als Konstante

Wer in globaler Unsicherheit lebt und auf.wächst, erlebt Angst nicht nur als belastende Ausnahme.
Unter solchen Lebensumständen ist sie immer da.
Sie gehört immer dazu. Zum Leben. Zum Selbst.

Diese Art von Angst und die Beziehung zur Angst, die sich daraus ergeben kann, ist oft nicht hinterfragt oder bewusst wahrgenommen. Man hat einfach immer diese eine kontinuierliche Schicht in sich und den eigenen Entscheidungen, Empfindungen, Ideen und täglichen Handlungen, die wie unnachgiebiges Gummi wirkt.
Manchmal erscheint es, als würden dadurch alle Gefahren einfach abprallen – manchmal, als würde sie eine.n nie (zu weit) gehen lassen.
Manchmal verwechselt man sogar Angst mit Intuition. Also einer Fähigkeit, die sich aus schnellen Rückschlüssen und In-Beziehung-setzen von verschiedenen Informationen sowie Projektion ergibt. Man glaubt, es das Beste, das einzig Richtige Angst zu haben.

Im Leben vieler bereits in der Kindheit komplex traumatisierter Menschen ist Angst als Konstante erlernt. Und zwar nicht in Ergänzung oder in Abgrenzung zu Sicherheitsgefühlen oder Gefühlen von Geborgenheit, sondern an ihrer statt oder vor allem anderen.
Wer erst Angst erfährt und dann Sicherheit, erlernt Angst als Ausgangsmoment. Als das Normal, das verändert wird durch Sicherheit. Wer erst Sicherheit erfährt, erlernt Angst als Ausnahme. Was zuerst und am häufigsten da ist, gewinnt gewissermaßen den Status des normalen Allgemeinzustandes bei Menschen. Ausnahmen bleiben so lange Ausnahmen, bis sie normal und als solches integriert sind. Also als tatsächlich auch sich selbst und dem Leben in dieser Welt zugehörig wahrgenommen und eingeordnet werden kann.

Angst als funktionsrelevante Konstante bei Menschen, die sich als Viele erleben

Menschen, die sich als Viele erleben, sind häufig in gewisser Weise abhängig davon, Angst zu haben. Ihre Identitätsstruktur ist in vielen Aspekten biologisch abhängig von hohen Cortisolwerten, bestimmte Persönlichkeitszustände stellen sich ohne Angst in einem bestimmten Grad gar nicht erst ein. Viele exekutive Funktionen erfordern einen biologischen Jumpstart, den nicht gleichermaßen angstvoll aufgewachsene Menschen als profunde Panikattacke einordnen würden.
Das sind Aspekte, derer sich Betroffene oft erst bewusst werden können, wenn sich ihre äußeren – permanent angsteinflößenden – Lebensumstände verändert haben. Zu diesen Veränderungen gehören stabile Wohnverhältnisse, stabile soziale Bezüge und persönliche Freiräume, die die individuelle Selbstentfaltung sowie den Selbstausdruck ermöglichen.

Diese Veränderungen zu wollen, kann Angst auslösen. Solche Veränderungen zu wünschen, kann Angst auslösen. Veränderungen wie diese können dazu führen, dass Angst als einziger Selbstbezug bestehen bleibt, weil es keinerlei alternative Verarbeitungskompetenzen gibt. Übersetzt kann das bedeuten: Wenn sich so basale Dinge verändern, kann es sein, dass es kein Innen/keinen Anteil/keine Innenperson gibt, die diese Veränderungen anders als mit Panik beantworten kann.

Angst als zuverlässige Ressource

Die Angst muss in dem Fall als Ressource angenommen werden, weil die betroffene Person nichts anderes verfügbar hat. Es ist dem Menschen häufig ganz faktisch nicht möglich, auf etwas anderes zurückzugreifen. Der Anteil/das Innen/die Innenperson, die diese Zeit der Veränderungen er.trägt muss wertgeschätzt, akzeptiert und als kompetent genug begleitet werden, zu neuen Sicherheiten zu finden als die, dass die Angst (und damit auch sie selbst) da ist.

Die Annahme, Angst sei ausschließlich schrecklich und belastend, muss dafür überprüft werden.

Folgende Fragen könnten dabei hilfreich sein:
Was wäre, hätte ich gerade keine Angst?
Wäre ich da?
Wäre das sicher?

Wie würde ich die Situation einordnen, würde sie mir keine Angst machen?
Wer wäre ich in dieser oder ähnlichen Situationen, wenn ich keine Angst hätte?

Was ermöglicht mir die Angst?
Was erlaubt mir meine Angst?

Angst als versicherndes Element

Viele Menschen, die in ständiger Angst aufgewachsen sind und damit auch weite Teile ihres Erwachsenenlebens damit aufgebaut und ausgestaltet haben, benutzen ihre Angst unbewusst (im Sinne von unabsichtlich) auch als Werkzeug, weil sie nach komplexer Traumatisierung häufig traumalogisch planen. Das betrifft sowohl Menschen, die sich als Viele erleben, als auch Menschen, die ein weitgehend kongruentes Selbst- und Umwelterleben haben und komplex traumatisiert sind.
Viele dieser Menschen haben gewissermaßen lieber Angst als etwas anderes, weil sie in Angst für sich selbst vorhersehbarer funktionieren und sich dadurch ein Gefühl von Kontrolle (und Selbst_Versicherung) herstellen können. Sie fühlen sich erst sicher, wenn sie Angst haben, weil sie dann wissen, was sie wie tun müssen, um zu überleben.

In manchen Hilfe- und Helferbeziehungen müssen Klient_innen/Patient_innen Angst haben und (überzeugend belastend) kommunizieren, weil sie sonst kein verbindliches Beziehungsangebot bekommen. Wer sich erst in Angst sicher fühlt, wird in solchen Beziehungen darin bestärkt, Angst als bestimmendes Element des Selbst- und Umweltempfindens aufrechtzuerhalten – um mögliche Ängste vor Beziehungsabbruch, Ängste vor (positiven) Veränderungen (und damit einhergehender Konfrontation mit eigenen Kompetenzdefiziten) zu vermeiden oder weiterhin verdrängt (dissoziiert) zu lassen.

Solche Dynamiken wirken in der Regel konträr zu vereinbarten Behandlungszielen bzw. Hilfeplänen und müssen entsprechend gründlich aufgearbeitet werden, wenn sie sich entwickelt haben.
Aufgrund der kapitalistischen Grundstrukturen vieler Hilfe- und Behandlungsangebote findet eine solche Aufarbeitung jedoch selten statt und es kommt häufig zum befürchteten Beziehungsabbruch durch vorzeitige Beendigung der Behandlung/Maßnahme.
Erneut kann in so einem Fall eine traumalogisch existenzielle Angst bestätigt werden und in späteren Hilfe- und Behandlungsbeziehungen verstärkt wirken. Und zwar einerseits als versichernd („Es macht mir Angst – also bin ich sicher“) als auch behindernd („Ich habe Angst, dass es sich wiederholt – ich lasse so wenig wie möglich Veränderung zu.“)

Angst als Teil des Lebens akzeptieren und integrieren

Es kann hilfreich sein, dem eigenen komplex traumatisierten Empfinden von Angst anerkennend zu begegnen. Angst ist wie alle anderen Primäraffekte (Freude, Trauer, Ärger, Überraschung und Ekel) überlebenswichtig und Teil jeder einzelnen alltäglichen Interaktion und Kommunikation.
Es gibt keinen Grund zur Annahme, es gäbe so etwas wie ein angstfreies Leben außer einem falschen Verständnis von Angst sowie dem Leben selbst.

Wer komplex traumatisiert ist, hat Angst oft als Kernelement der eigenen Lebendigkeit im Selbstbild, weil das eigene Überleben selten bis nie als grundlegend gesichert wahrgenommen werden konnte. In dieser Zeit der (so empfundenen) Lebensbedrohung war es nicht möglich, sich die eigene Angst als hilfreich, unterstützend, schützend, funktionell systemrelevant bewusst zu machen und sie gezielt zu beachten oder so zu modulieren, dass sie andere Primäraffekte unterstützt oder verstärkt.

In einer Lebenssituation, in der andere Grundemotionen auch oder vermehrt oder in neuen, ungewohnten Kontexten zu fühlen und zu modulieren geübt werden können, ist Angst für viele Betroffene ein stabiler Ausgangspunkt. Auch wenn es von Außenstehenden vielleicht erst einmal nicht nachvollziehbar ist oder sogar kontraproduktiv erscheint.
Mit der Angst im Selbst, der Angst im Bauch, im Nacken, im Rücken … haben Gewaltüberlebende manchmal eine Art „unsichtbare_n Begleiter_in“, den einfach loszulassen mit Gefühlen von existenzieller Bedrohung einhergehen kann. Nicht zuletzt, weil sie als Teil des Selbst, der mit ihnen die Gewalt überlebt hat, empfunden wird. Diesen Umstand zu akzeptieren, kann die gleiche Arbeit erforderlich machen, wie sie zur Traumaverarbeitung nötig ist.

 

Download als PDF
Download als EPub

Hannah einen Kaffee spendieren.