Schlagwort: Krise

28 und 29

Kurz vor Mitternacht.
Draußen ist es warm kalt gewesen. Die Luft wusste nicht, ob sie uns beißen oder streicheln wollte. Komisch, dieser Winter.

Beim Besuch noch kurz vorm Einschlafen, stehe ich jetzt aufgedreht in meiner Küche und weiß nicht ein noch aus. NakNak* rumpelt sich grunzend in der Küchenbankkurve zum Hundeschlafball zusammen. Ich öffne das Fenster und lasse sie dunkle Stille auf meine Front treffen.

Wir haben über unsere Zukunftskreisel gesprochen. Was wir gerne würden und was alles könnten, was ja, was nein und was eine Entscheidung bedeuten könnte.
Und, weshalb manche Optionen überhaupt nur da sind. Sie hatte sehr recht, als sie sagte, man müsse nicht immer alles können, was man in der Zukunft vielleicht braucht. Und, dass viel der Hartz fear in unseren Überlegungen eine Rolle spielt.
Dass wir schon viel Zeit verloren haben. Dass wir mit einem Studium, egal von was, von dem abkämen, was wir könnten.

Da wirds dann neblig. Was wir können.
Wir können von vielem ein bisschen. Nichts spezialisiert.
Wir müssten in die Kunst, in der Kunst bleiben, in der Kunst wachsen und ausreifen. Unter Bedingungen, die uns den Raum lassen.
Und wir müssten dran bleiben. Immer weiter machen.
Das ist so fragil. So Hartz 4. Und damit nicht, was wir wollen.
Auf der anderen Seite: Niemand will Hartz 4. Niemand. Jemals.

Wenn es das Kafka-Einsteinmodell wird, ist es wohl gut. Morgens Obstkisten stapeln, nachmittags auf Papier explodieren.

Zehn vor 12.
Als ich auf mein Handy schaue, erinnere mich daran, dass ich meine Sprachlernlektion mit Duolingo noch nicht gemacht habe.
Zwei Minuten vor Mitternacht bin ich fertig. Den 143 sten Tag in Folge Norwegisch, seit ein paar Tagen auch Dänisch.
Als die kleinen Lingot-Schatztruhen vor mir auf und ab hüpfen, erinnere ich mich an die Motivation, diese Sprache zu lernen. Überhaupt eine weitere Fremdsprache richtig ordentlich zu lernen. Sie kam auch aus der Hartz fear und dem Spüren, dass sich das Leben in Deutschland, in Europa, in der EU, auf diesem Planenten in den nächsten Jahren sehr verändern wird. Für die meisten ist das Teil unseres Hangs zur Katastrophisierung. Bitte schön, sollen sie es denken. Aber die Sicherheit, die Beruhigung, die brauchen wir doch. Und uns reicht kein “da mach dir mal keine Sorgen, das wird schon alles werden”, wir brauchen konkrete Ideen, was wir dann machen. Wo wir dann hingehen, worauf wir uns in uns und aus uns heraus verlassen können. Und das ist im Moment so verdammt wenig.

Wir haben keinerlei Ersparnisse, keinen Beruf erlernt, der nicht in 10 Jahren obsolet ist. Wir kosten, ohne wertzuschöpfen. Das ist die Realität. Völlig losgelöst von uns persönlich oder dem, was andere Menschen subjektiv empfinden. Wir sind kein gesellschaftliches Element, das gesellschaftliche, politische, ökonomische, wirtschaftliche Krisen überstehen kann, weil es noch auf etwas anderes als den bloßen Überlebenstrieb setzen kann.
Für viele Leute, mit denen wir darüber sprechen und denen wir das so sagen, klingt das nach traumabedingten Selbstwertkomplexen. Nach “sich nichts zu trauen”. Nach “die schönen Seiten nicht sehen”. Nach “der Zukunft nicht trauen”.  Nach Katastrophisierung eben. Also etwas, das man von sich schieben muss, weil es zu schlimm ist, Angst macht, am Ende keine Antwort hat. In ihnen anders resoniert, als in uns, die wir wissen, wovon wir da reden.

Deshalb gehen wir so oft aus Gesprächen über unsere Zukunftskreisel und fühlen uns dumpf, orientierungslos, planlos. Versuchen, uns an die kleinsten Schritte zu halten, versuchen wirklich, von Tag zu Tag zu leben, zu denken, zu arbeiten, weil uns nur das als jetzt relevant benannt wird. Und einige Zeit später können wir es dann nicht mehr aushalten. Diese Kontextlosigkeit des Tag für Tag, die sich auftut, wenn man nicht auf eine klar definierte Zukunft, einen Zweck des eigenen Machens hinwirkt.

Dann versuchen wir das weiter. Und weiter. Und aus Kontextlosigkeit wird Sinnlosigkeit. Wird Bedeutungslosigkeit. Wird Verzichtbarkeit. Wird das Moment, in dem wir uns vor uns selbst ekeln, weil wir um unser selbst weiterleben und machen. Müssen. Sollen. Obwohl es uns weder braucht, noch wünscht, noch will. Dieses Leben. Dieses Alles. Nie, weil es so ist.

Das ist ein Trigger. Eine Lage, ein Headspace, könnte man so sagen, in dem wir uns wieder in sadistischer Quälerei befinden.
“Sei am Leben, bleib am Leben, damit ich dich quälen kann. Du lebensunwertes Drecksvieh. Geh weg, ich mag dich kaputt. Bleib hier, ich will dich kaputt machen. Für nichts und wieder nichts anderes als das Moment des Leidens. Mach mir eine Freunde – versuch mir zu entkommen. Du kannst mir nicht entkommen, denn ich bin die Macht. Ich hasse dich, ich brauche dich. Stirb endlich. Steh auf. Beweg dich. Mach was, ich will es kaputt machen.“

Und das ist das Tor zur Hölle einfach. Das auszuhalten und wie eine abgekapselte Eiterbeule, die zu berühren unvermeidbar ist, durch den Alltag zu tragen, in dem das niemand sieht, niemand versteht, niemand aus eigener Erfahrung mitfühlen kann – das ist grauenhaft. Wirklich.
Und für uns Realität.

Das heißt nicht, dass wir das nicht von unserem Leben heute unterscheiden können. Wir sehen sehr wohl die Unterschiede. Sehen unsere Selbstbestimmung, sehen und fühlen, dass wir auch geschützt, bestärkt und in Teilen getragen werden. Wir wissen, dass es nicht das selbe ist. Aber die Notgefühle, die Ohnmachtsgefühle, die Bitterkeit der Wahrheiten um uns selbst herum, die sind die Gleichen und es gibt keinen anderen Grund außer Vermeidung, Nichtanerkennung oder wohlmeinender Ignoranz, uns zu sagen, dass das ja gar nicht sein muss. Dass es ja auch ganz anders sein könnte. “Wenn nur…”

Ich weiß nicht, ob man als außenstehende Person, die das jetzt liest bis hier hin überhaupt folgen konnte.
Nun ist es 4 Uhr morgens. NakNak* atmet ihren Schlaf ein und aus. Der Kühlschrank summt. Ich fühle mich allein. Einsam. Und endlich auch müde. Vielleicht musste mal so aufgeschrieben werden. Für nichts und wieder nichts. In all seiner Sinnlosigkeit.
Mir bedeutet es etwas.
Das ist ja immerhin was.

shutdown

Dieses Jahr versuchte ich mich zu entspannen. Ganz dringend sehr schnell Ruhe zu finden und Kraft zu tanken, für all die Dinge, die zu tun sind. Allein mit meinen Büchern sein, zeichnen, das Hörbuch, das wir schon länger geschenkt bekommen hatten, anhören, Kekse essen, lange Runden mit NakNak* machen.
Nichts davon hat bis jetzt wirklich zu Entspannung geführt.

Am Morgen bin ich noch müde, denn Traumascheiß kennt keine Feiertage oder den Moment, in dem man nicht mehr nachtritt, weil jemand schon am Boden liegt. Mittags bin ich fertig mit den Nerven, weil ich noch keine Ferienroutine habe. Da sitze ich in der Küche und weiß: Ich habe Dinge zu tun – kann Dinge tun, die ich in der Schulzeit nicht tun kann – und weiß nicht wo wie womit wann anfangen. Und fange dann gar nichts an. Bleibe sitzen und starre Brandflecken in die Luft bis NakNak* kommt und mich nervt, damit wir rausgehen.

Draußen ist es kalt und nass. Draußen ist Weihnachten und ich laufe an Häusern vorbei, die entweder voll mit Familie sind oder leer, weil alle bei der Familie oder Freund_innen sind. Ich muss uns eingestehen, dass wir es nicht schaffen unseren Freund zu besuchen. Muss andere, hellwach überreizte Ichs hinter mir daran erinnern, dass wir keine Familie haben, zu der wir fahren wollen.
Merke, wie mir die zwei Wochen Ferien zu wenig sind, für das Ausmaß an Ruhe und Alleinseinbedarf, der direkt neben dem Wunsch steht, mit all dem nicht allein sein zu müssen. Der neben dem Wissen steht, dass wir das auch nicht müssen. Neben dem wiederum die Klarheit ist, dass genau das nicht aushaltbar ist, weil es zu viel erfordert und abverlangt.

Nach 3 Tagen weint es einfach aus mir raus und ich merke meinen Selbsthass wie etwas, das von meinen Schultern klettert, um mir durch Augen, Nase, Mund und Ohren in den Kopf hineinzukommen. Alles ist dicht, jeder zusätzliche Reiz zu viel. Meine Tränen brennen mir Schneisen ins Gesicht und es gibt nichts, das macht, dass es aufhört. Ich würde sagen, das ist ein Nervenzusammenbruch. Von nichts. Denn ich weiß nicht, woher es kommt.

Ich will, dass es aufhört. Das weiß ich schon. Ich weiß auch, dass es ein so traumanaher Gedanke ist, dass es gute Chancen auf einen alltagstriggerscheiß Zustand gibt, der latent mit dem Alltag mitschwingt. Aber ich weiß auch: ich bin gerade nicht im Flashback. Ich bin real überreizt von all dem Alles in einer Zeit, in der ich sehr viel Nichts brauche. Doch sobald ich zur Ruhe komme, kriecht das Trauma wieder hoch.

Ph und: “das Trauma” wie das klingt. Viel zu weich, um diesen baumstammdicken Schmerzreiz, der mir senkrecht durch den Rumpf schießt, um in der Mitte angekommen, eine schrille Kaskade nach der anderen loszutreten, zu beschreiben.
Es ist ein Horrorloop. Einer, bei dem es nicht reicht bei der Telefonseelsorge anzurufen, oder der Therapeutin zu schreiben, oder mit dem Begleitermenschen zu sprechen.

Es ist eine Ecke von “nichts hilft”, der man nur wahrnehmend zunicken, aber keinesfalls um Halt ersuchen darf, weil man sie erkannt hat.
“Nichts hilft” ist das Medusenhaupt der Traumascheiße. Du darfst wissen, dass du das gerade fühlst und es dich gerade anschaut, aber du musst die Augen schließen und warten. Augen zu und durch_über_leben. Du weißt nicht, wie lange das dauert und wie schlimm es noch wird, aber irgendwann geht es nicht mehr darum, was hilft, sondern, dass es vorbei ist. Das traumatisierende Moment, genauso wie das Loophole aus PTBS-Symptomatik und dem Dauerlauf der Kompensation dessen. Irgendwann kommt es bei uns immer und es ist immer eine Frage von Zeit und Raum. Der Shutdown. Das Moment, in dem nichts mehr rein und nichts mehr rauskommt.

Es hat keinen Sinn dagegen anzukämpfen. Es vielmehr so, dass dieser Zustand etwas für uns erkämpft, in dem er uns zum Aufhören zwingt.
Also hören wir auf, mehr als die Basis zu wollen oder zu müssen.
Mehr von uns zu fordern, als weiter am Leben zu bleiben.

durchaushalten

Der Regen schneit in aller Unförmigkeit auf uns runter, als wir durch den Wald nach Hause laufen. Sie könnte schreien vor Schmerzen, doch wieder ist es das Fehlen einer konkreten Quelle, die einen Ausdruck dessen unlogisch macht. Die Haut ist taub. Kalt, aufgerissen, feucht unter Kleidung. Weh tut es darunter.

„Es ist ja kein Aufgeben von allem“, sagt sie und argumentiert uns in eine Mauer hinein. „Wir sind viele, ja, aber das allein bedeutet doch nichts weiter. Außer Arschkarte halt.“.

Sie hat zuletzt am Wochenende mehr als 2 Stunden geschlafen. In unser beidaller Blut schwimmen Medikamente, die man nicht ins Klo entsorgen darf.

Klausurenphase. Zweifelzeit. Beklommenheit.

Während die Schritte unter uns in Matsch und Regenwasser verwinden, denken wir einander mit Gefühlen und Wahrheiten zu. Wissen, der Schlafmangel verzerrt alles. Die Not hat keinen Platz, dort wo wir sind. Wissen, wo wir sind, hätten wir nie hingemusst.

Wir laufen weiter. Nach Hause. Zu Tee am Küchenfenster und Klausurenvorbereitung auf dem Schoß. In unsere Festung des Durchaushaltens.

Fundstücke #43

Am Abend liege ich im Bett und komme nicht umhin zu spüren, dass es mich gibt.
Mich, meine Krise, mein Ge.Denken, meine Muskeln, die wie mit glühender Lava gefüllte Weintrauben an meinen Knochen hängen.

Ich liege da und denke darüber nach wie das so ist.
Wie weh es tut und doch kein Schmerz ist, den ich anderen zufügen kann.

Es ist dieser Punkt, den ich als turning point kenne und fürchte.
Ein Bein steht im Lauf der Dinge. Arbeitet. Funktioniert. Kreiert. Ist offen und reagibel.
Und ein Bein steht in der Stasis. Ist dumpf. Existiert. Nimmt für wahr, doch keinen Anteil an dem was passiert.

“Wir haben jetzt keine Zeit für eine suizidale Krise. Wir haben noch Hausaufgaben, eine Buchrezension und andere Dinge zu tun.”, sagt es im Innen und ich merke, wie sie versuchen sich aus dem Treibsand zu strampeln. Sie streiten sich über Freitod und ich bin froh, dass die Menschen um mich herum sie nicht hören, sehen, fühlen können wie ich.
Wie absurd das ist, denke ich und möchte lachen, aber es kommt nur weinen heraus, das mir noch absurder vorkommt.

Und wieder denke ich, dass die Linderung meines Leidens unter dem was ist, einem Eigentlich folgt, für das ich mich entscheiden kann. Muss. Soll. Darf.
Eigentlich geht es um Assoziationsprozesse dissoziierten Materials früherer Traumatisierungen.
Eigentlich geht es um Überforderung durch die Schule.
Eigentlich geht es um schwierige Lebensverhältnisse.
Eigentlich sind wir einfach nicht passend für diesen Lauf der Dinge.

Es gibt so viele Eigentlichs, die sein könnten, dass wir damit überfordert werden, überhaupt nur einen Schritt zu tun. Eine Entscheidung zu treffen. Eine Entscheidung zu treffen, sich zu entscheiden.

Es zieht in alle Richtungen.
Und wir ziehen uns in alle Richtungen.
Von mitten rein bis so weit raus, dass es uns nicht mehr gibt.

Jetzt in eine depressive Episode zu rutschen, ergibt so viel Sinn.
Neuronaler Selbstschutzkrisenüberlebensschlaf – ich kann ihn so nachvollziehen.

Selbstverständlichkeiten

Selbstverständlich reagieren wir auf Ansprache.
Selbstverständlich machen wir mit. In diesem Leben. Dieser Welt. Diesem Lauf der Dinge, in dem wir sind, obwohl wir nie wählen konnten, ob wir darin sein wollen.
Selbstverständlich, denn wir sind ja da.
Und wenn man schon mal da ist, dann gibt es auch keine Zweifel mehr daran zu haben, was man wie wann für wen ist.
Oder?

Ich habe heute Nacht davon geträumt, wie meine Freunde von jemandem getötet wurden, der mir in meinem Haus aufgelauert hat.
In diesem Traum sagte ich, was ich meinen Freunden immer sage, wenn sie wissen, dass etwas auf mich zukommt, das schwierig, gefährlich, bedrohlich ist.
“Ich krieg das schon hin. Ist ok.”.
Sie haben das wohl nicht gehört, oder verstanden oder schlicht nicht geglaubt und wurden entsprechend vor meinen Augen abgeschlachtet, weil sie mir in das Haus gefolgt sind.
Alles was ich ab dann noch für sie übrig hatte war Wut, Hass, Aggression, den Willen das Stück Welt um mich herum zu zerstören, um es gleich mit mir zu machen.
In meinem Traum tötete ich dann aus Versehen auch noch die Person, die mir aufgelauert hatte und wachte von meinen eigenen Geräuschen auf.

Den Rest der Nacht verbrachte ich zwischen Hass und Selbst_Mordlust auf dieses Leben.
Dieses Sein, diesen unbeachteten Zwang reagieren zu müssen und doch nie den gleichen Zwang auf gehört und verstanden werden ausüben zu können.
Diese Arroganz der Einweltigen, die eigene Realität als selbstverständlich und ohne jeden Zweifel gesehen und geteilt haben zu wollen.  Diesen Anspruch an uns, uns selbst in ihre Welt einzuordnen und zwar dort, wo sie uns sehen und sein lassen können.

Es ist unser Thema seit wir nicht mehr bei der Herkunftsfamilie leben und massiv verstärkt, seit wir ausgestiegen sind.
Wir gehören nicht dazu. Wir sind kein Teil dieser Gesellschaft. Kein Mitmensch wie alle anderen auch. Und zwar nicht, weil wir uns dazu entscheiden und das so geil finden ständig und in allen Aspekten weder Fisch noch Fleisch, eingekeilt zwischen Baum und Borke zu sein, sondern weil wir nicht in der Lage sind, das was ist, als alleinig gegeben anzunehmen.

Das ist wichtig. Es ist keine Wahl. Wir sind keiner dieser bunten Glitzerleute, die normal langweilig finden und sich in Abgrenzung dessen wer weiß wie special selbstdarstellen und nach ein paar Jahren die Krise kriegen, weil sie merken, wie sehr sich diese Normalität nicht ändern darf, weil sie dann nicht mehr special sind.

Wir erleben uns fremd, weil wir uns fremd sind. Weil uns die Konstruktionen um Wert und Welt der Menschen, mit denen wir heute jeden Tag zu tun haben, fremd sind.
Für uns ist es harte Arbeit jeden Tag neu zu akzeptieren und hinzunehmen, dass wir von heutigen Gegenübern als Mensch gesehen und gedacht werden.
Zu akzeptieren und hinzunehmen, dass wir entsprechend behandelt werden, ohne gefragt zu werden, ob wir das überhaupt mitmachen wollen oder es unserem Selbstbild entspricht.

Es gehört zu dieser Welt und diesem Lauf der Dinge, dass wir in unserem (früheren) Sein nicht akzeptiert und gnadenlos, 24/7, seit inzwischen 14-15 Jahren, ignoriert und missachtet werden. Für uns gehört es dazu den Zweifel über das eigene Menschsein, das eigene Sein überhaupt, weder frei und konsequenzlos artikulieren noch leben zu dürfen.
Denn sich nicht als Mensch zu fühlen in schwierigen Zeiten oder zumindest den Zweifel an der eigenen Menschlich- und Zugehörigkeit zu dieser Welt nicht ausblenden zu können in besseren Zeiten, müssen wir uns verbieten.
Vor den einen, weil sie es als narzisstischen Zug deuten, vor den anderen, weil sie es als von Täter_innen eingeredet sehen und vor den nächsten, weil sie uns mit ihrem Mitleid quälen. Und vor den ganz nächsten, weil sie uns sowieso am liebsten tot sehen wollen, weil wir sie mit unseren ständigen Zweifeln an allem, was sie täglich umgibt und ihr Weltbild ausmacht, stören und verängstigen.

Die bittere Erkenntnis ist, dass wir es hingenommen haben in unserer Präsenz gedeutet und vereinnahmt zu werden.
Dass es unser Fehler war, dem nicht von Anfang an vehement zu widersprechen bzw. in unserem Zweifel an der Richtigkeit sichtbarer zu sein.
Unser Fehler war, den Übergriff für selbstverständlich zu halten.
Für den Preis den es eben hat, wenn man sich wünscht Begleitung, Hilfe, Unterstützung, Miteinander in diesem Hier und Jetzt zu haben.

Unser Fehler war der Illusion aufzusitzen, wir könnten wirklich völlig unabhängig von dem was und wer oder wie wir sind, mit Menschen zu tun haben und in ihre Gesellschaft hineinwachsen, wie ein Fahrrad, das in einen Baum hineingewachsen wird.

Der Fehler war den Zweifel auszublenden, weil die Illusion so schön aussieht.

Differenzen

Der Mond ist zu hell, meine Hände und Füße zu kalt. Mein Körper stirbt und seine Fallgeschwindigkeit durchrauscht mein Gehör wie eine Steilküstenbrandung.
Ich stehe auf, wärme mich, veratme, was nie Geschichte war und imaginiere mir ein Wolkenschloß, das mich vor etwas beschützt, das weder Wort noch Gesicht hat.

Später sitze ich am Tisch eines Betreuungsbüros und erlebe einen dieser Flashbacks. Diese Flashbacks, die niemand ernst nimmt, weil es ja kein “echter Traumaflashback” ist.
Wie traumatisch kann es denn gewesen sein. Man wollte uns ja nie was Böses. Manches muss man ja auch mal differenzierter betrachten.

Sturm und Drang toben durch meinen Oberkörper. “Freiheit! Freiheit!”, krakeelt ein bunthaariges Innen auf der Brücke zwischen meinen Hirnhälften stehend.
Ich bin abgelenkt. Vergesse meine Ordentlichkeitsperformance, verliere den Gesprächsfaden und fühle mich zu schwach um nach ihm zu greifen.
Ich merke, wie man mir nichts versprechen kann. Ich merke, wie man mir nichts versichern kann.

Ich merke, wie groß die Brocken und Krümel sind, die aus mir herausbrechen und ins Inmitten krachen.
Zwischendurch denke ich, wie sehr ich das alles nicht mehr kann und nicht mehr will. Wie sehr ich nur will, dass einfach alles läuft, ohne dass es mich braucht.

Mit einem zweiten Termin in der Tasche, fahre ich nach Hause und frage mich, ob ich feige, müde oder wirklich so am Ende bin, dass es anders nicht weitergehen kann.
Und dann komme ich nach Hause und lache so unwillkürlich los, dass ich mich übergebe.
Weil der Witz einfach so geil ist.

Ich und am Ende.
Auf welchem Planeten – seit wann? Wer um alles in der Welt würde mir das bescheinigen? Mir erlauben, wirklich so erschöpft, zerbittert und ausgehöhlt zwischen Können und Wollen zu sein, wie ich mich wirklich fühle.

Ist doch alles okay.
Ist doch nur ne Phase.
Hört ja auch alles immer wieder auf. Hats ja immer.

Es ist ja immer irgendwie weiter gegangen.
Wir schaffen das schon.

Wir habens ja immer geschafft.
Da muss man nicht groß differenzieren.

Fundstücke #36

Immer wieder mal kommen solche Phasen, in denen “Alpträume”, Flashbacks, allgemein intrusives Erleben ein Thema sind.
In diesen Phasen schlafen wir schlecht, wachen aus einer Mischung aus unterschiedlich quälenden Erlebensqualitäten auf, müssen über den Tag verteilt , etwas halten oder umgehen, das zeitver.rückt ist.

Wir wissen, dass es Phasen sind. Wir wissen, dass es auch wieder aufhört.
Es geht schneller, wenn wir darüber sprechen. Es tut mehr weh, wenn wir darüber sprechen. Und dann geht es doch nicht schnell genug, weil das, was man darüber sagen kann, meist doch nur ein aus der Kehle gequetschter Laut ist, der sich echter anfühlt, als jedes Wort, das man aus ihm zu formen versucht.

Wenn wir uns vornehmen, in der Therapie darüber zu sprechen, dann erscheint mir immer alles ganz klar.
Hingehen, was sagen, wieder weggehen.
Und dann sind wir da und es ist, als gäbe es nichts zu sagen. Oder lauter Dinge, die eigentlich nichts sind. Oder Dinge, die man lieber zeigen will, statt sie mit dem eigenen Blick anzufassen und über die Zunge im eigenen Mund nach draußen zu tragen.

Und dann ist da das Problem, dass wir (Rosenblätter) das Erinnerte häufig nicht mit einem Kontext verknüpfen können.

Wir haben uns das immer so leicht vorgestellt. Damals.
Man erinnert sich an etwas – kann das vielleicht sogar planen oder so hübsch in Phasen aufteilen, wie es die kranke Kasse oder Klinikkonzepte mitunter darstellen – und dann ist es bewusst und dann schaut man, dass man das irgendwie gut in sich verpackt bekommt und fertig aus.
Dann ist die Dissoziation in Assoziation umgewandelt und damit der erste Schritt zum Integrationsprozess angestoßen. Den Rest macht das Gehirn von allein – wir sind nur noch dazu da, es dabei möglichst nicht zu stören, sondern mit passendem Verhalten zu unterstützen.

Tatsächlich bin ich seit inzwischen Monaten in so einer Phase des spontan unwillkürlichen Erinnerns und habe erst in der letzten Therapiestunde den Faden zur Frage gefunden, welche Haltung ich, zu dem was ich erinnere, überhaupt einnehmen will.
Das Paradoxe ist ja, dass ich weiß, dass es irgendwie mit mir zu tun hat, denn ich erinnere es. Ich könnte nichts erinnern, wäre nichts von mir dabei gewesen.
Ich weiß aber nicht, was genau, wie, wo, durch wen, warum. Und stoße deshalb immer wieder an den Zweifel, ob es überhaupt Erinnern ist, was da mit mir passiert.

Es könnte ja auch ein einfacher Alptraum sein. Zu viele komische Bücher, zu viele komische Blogs gelesen, zu viele komische Filme gesehen. Zu viele verdrängte komische Phantasien. Sowas gibts – das steht in Büchern, in Blogs, in Filmen und ich kanns mir gut vorstellen.

Ich schaffe es inzwischen, nicht mehr stundenlang implodiert bis ins Kleinste im Bett zu liegen und die in mir wirkenden Empfindungen zu durchleiden, ohne mich davor schützen zu können.
Ich schaffe es, mich aufzurichten, das Licht anzumachen, NakNak* zu streicheln, aus dem Bett zu klettern und mich ans Küchenfenster zu setzen. Ich spiele Candy Crush und sage mir, was ich tun kann. Was alles geht. Was ich alles entscheiden kann.
Ich lüge mich an und spiele mir selbst eine Souveränität im Leben dieses Lebens vor, die ich nicht habe. Die Zettelberglandschaft auf meinem Küchentisch, die sich aus Kassenzetteln, Jobcenter-, Betreuungs- und anderen wichtigen Korrespondenzen zusammensetzt, zeigt mir das gnadenlos auf.

Irgendwann gehe ich zurück ins Bett und zwinge mich mit dem Weckerklingeln aufzustehen. Auch wenn das bedeutet am Ende nur 2-3-4-5 Stunden Schlaf zur Erholung gehabt zu haben. Die Tagesstunden werden schließlich gebraucht, um wenigstens zu versuchen dem Selbstbeschiss zu entsprechen.

Meine Selbstfürsorge basiert auf Beschiss und ich weiß das.
Ich lüge, wenn ich nach innen gebe, dass ich mich darum kümmere, dass wir in Sicherheit sind. Ich lüge, wenn ich nach inne gebe, dass wir sicher sind.
Niemand ist sicher, wenn si_er sich nicht vor sich selbst beschützen kann. Wo “Ich” so ein wackeliger Begriff ist, wo “Sicherheit” so relativ anzusetzen ist, wo die Fähig- und Fertigkeiten sich kompetent kümmern zu können, so unsicher abrufbar sind – da geht es nicht ohne Lug und Betrug.

Vorgestern gab es eine weitere Spitze um unsere Lebensverwaltung. Da ging es um Bafög und ergänzende Hartz 4 – Leistungen und uns, die sich zwischen angesägten Leimholzplatten, Vierkanthölzern und Sägespanschnee befanden.
Inzwischen ist klar, dass die Betreuerin erneut eine für unseren Fall unzutreffende Informationsbasis erstellt hat, die wir berichtigen müssen, um strukturell den Status zu halten, den wir haben. Es ist wie immer und wie immer ist es zu viel.
Und wie immer, wenn ich unsere Absprachen um Selbstschädigung berührt sehe, rief ich unsere Therapeutin an. Wie immer überrumpelte ich sie damit und erneut kam es darüber zu Missverständnissen und Verletzungen.

Ich merkte, wie sehr es mich zum Bahnhof zog. Wie weit weg jemand von uns wollte, um nie wieder zurück zu kommen. Um irgendwo anzukommen, wo es all das nicht mehr gibt. Weder meine Überforderung, noch meinen Selbst.Beschiss für den sie sich lohnen soll.

Am nächsten Tag entschuldigte ich mich bei der Therapeutin dafür, dass ich sie überrumpelt hatte. Mehr für mich als für sie, denn für mich war klar, dass sie mich nicht verletzt hätte, wäre sie nicht so spontan mit meiner unserer Not konfrontiert gewesen. Für mich wurde nur einmal mehr klar, dass sie nicht diejenige ist mit der ich sprechen kann, wenn es mir so geht, wie es mir ging.

Wann immer unsere Lebensverwaltung der Auslöser ist, sprechen die Menschen mit uns über eben jene Lebensverwaltung. Wir reden nicht darüber, dass wir nicht weglaufen müssen. Ich werde nicht von außen daran erinnert, atmen zu können, Dinge zu dürfen, sicher zu sein. Für mich setzt sich niemand ans Küchenfenster, zeigt mir bunte Farben und den Selbstzweck des Lebens.
Ich erwarte das von niemandem und fordere das auch nicht ein. Ich kann mir selbst machen, nicht den Kopf zu verlieren – aber das kostet Zeit, Kraft und nicht zuletzt auch Körper. Was wiederum bedeutet, das von mir immer weniger zu verlangen ist, denn mehr als ich habe, kann ich nicht geben.

Ich hatte die Therapeutin aufgefordert mir aufzuzählen, wozu wir das hier alles durchkämpfen. Wozu das alles sein soll.
Nicht, weil ich das nicht weiß oder, weil wir uns darüber noch keine Gedanken gemacht haben, sondern weil es mir fern, klein, unbedeutend und wahrhaftig gelogen erschien. Und noch immer erscheint.

Denn ich habe nie entschieden vor der Familie* wegzulaufen. Ich habe mich nie gegen die Lebensqualität entschieden, aus der heraus ich entstanden bin.
Ich, K., das monströse Kampfrosenblatt, hatte nie eine Familie. Ich weiß, wie meine Eltern aussehen, weil ich eine Hand voll Fotos aus den 80er und 90er Jahren besitze, die meine Familie* zeigen. Ich weiß, dass ich zur Schule gegangen bin, weil ich Zeugnisse besitze. Ich weiß, dass es mich gibt, weil es Entitäten gibt, die darüber bestimmen, was mit mir passiert, seit ich mich als mich denken kann.
Ich beginne zu einem Zeitpunkt, in dem übergriffige und/oder inkompetente Helfer_innen die zentrale Achse des Alltagsgeschäfts sind. Ich beginne aktiv dort, wo es nicht mehr möglich ist, wegzugehen, weil es nichts mehr gibt, wo man hingehen könnte. Außer die ewigen Jagdgründe.

Ich habe mich immer dafür entschieden nicht einzuknicken. Ich bin nie hingefallen, hab nie nachgegeben, hab nie aufgehört festzuhalten. Nie.
Obwohl ich bis heute nicht weiß, warum. Meine Grundhaltung für dieses Leben und mein Wirken dafür, hat keinen bewusst ursächlichen Kontext für mich. Ich weiß, dass es wichtig für uns alle ist, dass ich tue, was ich tue. Ich weiß, dass es uns das Leben gerettet hat und bis heute tut.
Doch der Ursprung dafür liegt an einem Punkt, den ich nicht begründen kann. Weder mir, noch anderen Menschen.

Ich weiß nicht, wie klar es für Außenstehende wird, wie bedrohlich und kontextlos, unverbunden und haltlos ich mich in der Folge fühle, wenn mir dann in solchen Momenten auch noch der für mich in die Zukunft gerichtete Grund fehlt. Wie das ist, wenn man weder weiß warum man ist, noch, weshalb man bleibt.
Bleiben will.

Unsere Therapeutin sagt an der Stelle oft, ich würde mich dagegen wehren, die Opferschaft anderer Innens als meine anzuerkennen. Weil Opfer ja schwach seien und das nicht mit meiner Stärke  zu vereinbaren sei.
Dass sie diejenige ist, die mich in dem Zusammenhang als stark bezeichnet, habe ich ihr schon oft gesagt.
Sie folgt dem Ansatz, der der Idee folgt, dass der Grund zu bleiben und für mich und uns weiterzukämpfen, quasi automatisch bewusst wird, wenn mir nur klar ist, wogegen man sich entschieden hat. Wovor man geflüchtet ist.

In meinem Fall ist das leider nicht anwendbar und auch das habe ich schon oft gesagt.
Ich treffe meine Entscheidung selten bis nie negativistisch. Also, dass ich mich für Dinge entscheide, weil ich gegen andere Dinge bin. Ich entscheide mich für Dinge, weil ich diese Dinge möchte. Mehr ist da nicht und mehr war da auch nie. Mehr brauche ich in der Regel auch nicht.

Ich muss nicht selbst erfahren haben, wie es ist Gewalt zu erleben, um anzuerkennen, dass jemand sie nicht (mehr) erfahren möchte.
Für mich hat die Familie* noch nie eine größere Rolle gespielt als die, ein nervenaufreibend zu kompensierender Nullpunkt in unserer Lebensverwaltung und –perspektive zu sein.
Eine Waise zu sein, deren Eltern noch leben, ist ein struktureller Gau, wenn man behindert ist. Dennoch habe ich nie den Wunsch gehabt, doch bitte deshalb keine Waise mehr zu sein oder ein besseres/anderes Verhältnis zu ihnen zu haben – sondern den Wunsch leichter bestehende Behinderungen kompensieren zu können, arbeiten zu können, mich und uns selbstbestimmt versorgen zu können.

Am Ende geht es mir in meinem Wirken immer nur darum, das “nicht aufgeben”, “nicht hinfallen”, “nicht loslassen”, “nicht nachgeben” weniger schwer für mich zu machen.

Ich bin egoistisch damit und ich weiß, dass ich Glück damit habe, dass genau das mein Anteil an diesem Inneren der H. C. Rosenblatt ist.
Es gibt andere Innens, deren Wirken besteht in der Zerstörung des Körpers, unserer Bindungen und Werte – deren Wirken wird weitaus stärker sanktioniert als meins. Die dürfen ihren Egoismus nicht im Ansatz so ausleben wie ich und manchmal tut mir das leid für sie.
Sie würden viel besser in solche Argumentationslogiken der Therapeutin passen und könnten sich viel besser auseinandersetzen mit den Themen “Abwertung von Schwäche bzw. Opferschaft” oder “die Familie* bevorzugen, weil hier gerade so viel überfordernder Scheiß läuft”.

Stattdessen höre ich mir das an, frage mich, ob ich in den letzten Jahren nicht schon oft genug gesagt habe, dass das für mich nicht passt, beantworte mir die Frage mit: “Ja, offensichtlich nicht, sonst würde sie ja nicht schon wieder damit ankommen” und falle in ein Loch, denn plötzlich fühle ich mich ihr fern, fremd und unverbunden. Als hätten wir niemals etwas miteinander geteilt oder wären je verbunden gewesen.
Dann warte ich eine Weile, stoße meine Gedanken wie Bergsteigerpickel in den wabbelweichen Haufen aus allen mit ihr gemachten Erfahrungen und schlage mein Zelt auf einer Schicht Fatalismus auf. Ich erzähle mir, wie ich jederzeit aufhören kann, mit ihr zu arbeiten. Wie ich jederzeit aufgeben könnte, wenn ich nur wollte, obwohl ich weiß, dass ich es nicht kann und nie konnte.

Wieder lüge ich mich an und wieder merke ich, dass es das Beste für uns alle ist, das zu tun.

Ich habe der Therapeutin gesagt, was ich sagen konnte und beendete das Gespräch mit der Gewissheit, dass mein Erinnern nutzlos ist, weil es ohne Kontext ist.
Die Therapiearbeit braucht diesen Kontext. Ich kann ihn nicht liefern.

Ich gehöre zu einem anderen Ende dieses Lebens und dieses Ende gehört im Moment nicht zur Therapie.
An meinem Ende passiert nur eine Phase.

Phasen sind irgendwann auch wieder vorbei.
Man muss sie nur durch.stehen.

eine Normale™, werden wir ja eh nie werden

Halb 8 kam die Sperrmüllabfuhr und zermalmte den Möbelleichenberg vor unserer Haustür.
Ich lag im Bett und hörte zu. Dachte darüber nach, noch schnell einige der noch gut funktionierenden Möbel hinzustellen und blieb doch still und unbewegt.
Es hätte mich gefreut, die ganze Bude leer zu haben. Weg mit all dem Scheiß, an dem die Familie* klebt. Weg mit all dem, was nun bei uns ist, weil es für andere Müll war. Weg damit. Raus. Raus. Raus.

Wir kennen Menschen, die haben so etwas schon mal gemacht. Zwei sogar schon mehrmals. Sie haben ihre Wohnungen geräumt und erst wieder gefüllt, als sie das Geld und das gute Gefühl dazu hatten. Sie haben aber auch ihre Kontaktlisten gelöscht, sich die Haare abrasiert und versucht sich zu töten.
Da bekam die leere Wohnung eine völlig andere Bedeutung.

Mir macht so radikales Durchgreifen eher Angst, aber ich kenne auch, wie befreiend es sich anfühlt. Dinge loswerden, Menschen loswerden, so viel von sich loswerden, dass man sich leichter ver.halten kann.

Wir haben noch immer ein Regal von H..
Der H. die uns durch den Ausstieg brachte und dann unbemerkt vergaß.
Wir haben noch Möbel von der Familie*.
Die wir seit der suizidalen Krise letztes Jahr, um diese Zeit, um Unterstützung bitten wollen, weil uns alles zu viel ist. Was wir nicht tun, weil es uns zu anstrengend ist. Ja – genau:  es ist uns zu anstrengend. Nicht: wir sind uns zu viel wert/wir haben uns von ihnen befreit/wir haben sie überwunden
Realitäten, Baby.

Ich merke, dass wir instabil genug sind für radikales Durchgreifen im eigenen Leben. Merke, wie wir kurz davor sind, uns abzusetzen, wegzulaufen, hinzuschmeißen, scheiße zu schreien und uns tot zu lachen.
Nicht, weil alles schlimm ist. Nur, weil es alles so viel größer ist, als alles, was wir geben können.

Wir haben es bis jetzt in diesem Jahr nicht geschafft uns die Hilfen zu holen, die wir uns selbst versprochen hatten, als alles brannte und vielleicht hätten wir uns die Kraft für die Hilfen, die wir versucht haben, sparen sollen. Wären wir im Mai schon zur Radtour aufgebrochen, statt in die Klinik zu gehen, wäre vieles und alles anders gekommen.
Zumindest würden wir weniger stark davon überzeugt sein, dass wir nirgendwo mehr hinkönnen und zu verquert für die stationäre Traumatherapielandschaft Deutschlands sind. Es würde sich weniger anfühlen, als gäbe es für uns keinen doppelten Boden und damit keine Hoffnung für das, worum wir uns kümmern wollten.

Vor ein paar Tagen dachte ich darüber nach, ob es dumm war die Dissoziation des Alltags therapeutisch aufzulösen.
Würden wir heute noch so funktionieren wie 2006, 2007, 2008, hätten wir schon versucht zu gehen, doch wüssten nicht so konkret wie jetzt, warum eigentlich. Wir wären durch die Klinikzeit gegangen, hätten keine Kraft für die Radtour gehabt und alles wäre anders gekommen.

Ich glaube auch, dass wir leichter durch die Schulzeit bis jetzt gegangen wären. Wir hätten den Anfall gehabt, hätten eine Hand voll Tavor eingeworfen, einen Spritzer Neurocil draufgegeben und hätten durchgeschlafen bis zum nächsten Schultag. Und dann wären wir wieder hingegangen.
Heute sind wir so offen und wund, dass das nicht mehr geht. Wir merken jetzt, wenn etwas weh tut. Wir sind so sicher, dass wir uns vor Schmerz schützen können. Und wir wissen jetzt, dass wir uns den Schmerz, die Überforderung, die permanente Überlastung nicht einbilden.

Das ist ein Schach und manchmal ein Schachmatt.
Egal, wie viele Menschen uns noch sagen, dass es nicht so ist und von uns locker kompensierbar wäre, würden wir nur nicht so furchtbar viel unnötigen Quatsch im Kopf haben.

Das erinnert mich an unsere Freundin C. , die bei sich zu Hause Kisten über Kisten mit Steckern Stöpseln, Kabeln, Verschlüssen, Dosen und und und hat und von allen Menschen immer wieder gesagt bekommt, es sei unnötiger Scheiß.
Bis man dann dieses eine bestimmte Kabel braucht.

Später am Tag, säge ich Vierkanthölzer zurecht, die als Tischbeine die Arbeitsplatte in der Küche und die im Arbeitszimmer stützen sollen und merke, dass, was mich so bedrückt, die Wiederholung eines Dramas ist.
Genau wie wir 2002/2003 noch nicht erfahren konnten, ob unsere DIS jemals komplett auflösbar (“heilbar”) ist – können wir heute nicht erfahren, ob Autismus etwas ist das, wenn schon nicht “heilbar”, so doch auflösbar im Sinne von verdünnbar, erleichterbar für uns ist.

Wir können alle Menschen verstehen, die sich diese Frage nicht stellen, weil sie sich weder krank noch kaputt oder dysfunktional erleben. Wenn wir gut durch die Tage gekommen sind, stehen wir auch an diesem Punkt und engagieren uns dafür, in unserem Funktionieren als üblich/normal anerkannt zu sein.
Wenn wir gut durch die Tage gekommen sind, haben wir ja gerade frisch erlebt, dass es geht.
Doch wenn wir so sehr wie in den letzten Wochen (und Monaten und seien wir ehrlich – dem Jahr seit dem Überleben durch stationäre Krisenintervention) immer wieder und wieder ganz bewusst merken, wie schwer und auch erschwert es ist, Tage überhaupt als solche wahrzunehmen und dann auch noch gut durch sie hindurch zu kommen, dann ist es nicht einfach, sich nicht permanent als dysfunktional und minderwertig zu erleben.

Erst 3 – 4 Jahre nach der Diagnosestellung der DIS, wurden wir vollständig darüber informiert, was die DIS eigentlich für eine Diagnose ist. Die Krise folgte auf dem Fuß – auffangen konnte uns nur das letztlich selbstzerstörerische Engagement einer Einzelperson und der Selbstbetrug, den wir an die Heilungsberichte von Menschen, die anders viele waren, als wir es sind, konstruiert hatten.
Und danach: Zeit und Umgangsroutine
Und danach: die Therapie mit der Therapeutin, die wir jetzt haben und in der es noch immer okay ist, weder die Angst vor der Prognose, noch die Realität, die diese Diagnose mitbringt, aushalten zu können.

Die Akzeptanz ist bis heute jedoch nicht vollständig gelungen. Wir ringen uns bis heute eine Toleranz ab, die es anderen ermöglicht mit uns zu arbeiten und umzugehen – doch, die für uns ein aktiven und immer schwelenden Kampf um das eigene Selbst und seine Definitionen bedeutet.
Und das nach inzwischen 13 Jahren.

Heute liegen auf unserem Lesestapel einige Bücher über Autismus und immer immer immer geht es um autistische Kinder. Um Eltern, die ihre Kinder lieben und wollen, dass sie ein gutes Leben haben. Es geht um Therapie – und Fördermöglichkeiten für autistische Kinder und manchmal auch um die Zukunft dieser Kinder als Jugendliche und Erwachsene.
Noch nirgendwo konnte ich etwas über die Lebensrealität traumatisierter Autist_innen lesen. Nirgendwo etwas darüber, wie spät mit Autismus diagnostizierte traumatisierte Menschen verarbeitet haben, was sich ihnen für Wahrheiten und Bitternisse offenbaren.
Wer unter der Unwiederbringlichkeit des Autismus leidet, scheinen laut meiner schlauen Bücher vor allem die Eltern zu sein. Insbesondere die Eltern, die sich um ein normales™ Kind betrogen fühlen oder denen eingeredet wird, sie hätten etwas falsch gemacht bzw. sie wären falsch.

Uns fällt es schwer, diese Kapitel zu lesen. Nachwievor gibt es wenige Erinnerungen an die eigene Kindheit und auf keine davon verlassen wir uns als faktische Wahrheit. Wir wissen nicht, wie auffällig oder unauffällig wir waren. Sehen aber über die Auseinandersetzung, wo Spuren unserer Erziehung und Sozialisierung “autistisches” Verhalten deckeln und sehen uns erneut damit konfrontiert, was für eine Hölle es gewesen sein muss könnte, ein Kind in dieser Familie und diesen früheren Lebensumgebungen zu sein.

Ich fühle mich um die Möglichkeit betrogen, fragen zu können, was ich für ein Kind war. Ich fühle mich um die Chance betrogen,  festzustellen, dass alles nur eine Folge von Missverständnissen war und ich doch eigentlich – in Wahrheit und echt – geliebt wurde. Und jetzt auch vermisst werde. Und mit Sorge bedacht, ob ich denn wirklich gut zurecht komme. Ob ich denn wirklich gut versorgt bin. Ob man mit der Frage, ob es mir gut geht, an mich denkt.
Und zwar nicht, weil man sich gesellschaftlich konventionell dazu verpflichtet fühlt, sich diese Frage zu stellen, weil man uns kennt, sondern weil man mich gemacht und nicht getötet hat.

Ich fühle mich um die Option einer Heilung betrogen.
Das tun nicht alle Rosenblätter und erst recht nicht alle anderen von uns. Aber ich tus.
Nicht, weil ich Krankheit schlimm finde und auch nicht, weil ich glaube, dass eine Heilung bedeutet, ein schönes Leben zu haben.
Ich habe ein Leben, das schön genug ist. Doch genau dieses Leben enthält einen Schmerz, den ich nur schwer in seiner erdrückenden Masse veräußern kann. Vor allem dann, wenn er als selbstgemachte Kopfgeburten abgetan und durch Ignoranz zu kurieren dargestellt wird. Noch dazu von Menschen, die ihn weder selbst kennen noch verstehen.

Ich erwarte nicht, dass andere Menschen verstehen, uns heilen oder versorgen oder ein Nest bauen, das unser Sarg werden darf.
Aber ich merke, dass es die häufig nicht einmal so bewussten Erwartungen anderer Menschen sind, die mir den Wunsch nach Heilung, nach “nicht so sein, wie ich bin” auslösen und mich abgekämpft und einsam mit der täglichen Niederlage zurücklassen.
Unsere Schwierigkeiten mit Behinderungen und Problemen ihrer Kompensation, werden immer und immer als so beweglich und veränderbar betrachtet. Als könnten wir uns dafür entscheiden, ob wir traumatisiert und autistisch sind. Als müssten wir das nur mal kurz vergessen und schon wäre alles kein Problem mehr.

Ich glaube nicht, dass diese Menschen merken, was sie für eine Verführung damit auslösen. Wie sehr ich mir wünsche, es ginge einfach ganz genauso. Als wäre es nur eine Frage wie stark, wie widerständig und kraftvoll wir uns dagegen entscheiden, traumatisiert und autistisch und darunter leidend zu sein. Wie groß das Potenzial einer dissoziativen Aufspaltung in uns wird, wenn ich mich in, für unseren Organismus toxisch stressvollen Lebenslagen, dagegen entscheide, zu sein, wer und was und wie ich bin. Wie wir, was und wer wir sind.

Ich glaube nicht, dass sie merken, wie sehr ich mich jeden Tag dagegen entscheide, darunter zu leiden, dass ich leide.
Dass sie merken, wieviel Kampf schon passiert ist, bis ich mir von ihnen anhören kann, es sei nicht genug oder der falsche Kampf gewesen.

Meine Konsequenz aus diesem Empfinden ist, den Kontakt mit mir unselbstverständlich zu machen.
Mit allen Folgen, die es für uns als Einsmensch haben kann.
Was nicht viele sind, denn ich bin nur eine_r von vielen.

Schwund ist immer.
Und Eine, eine Normale™, werden wir ja eh nie werden.

Störend

Ich hatte mich gefragt, wie sich der Begriff “emotionale Störung” wohl entwickelt hat, aber mein Leben ist im Moment deprimierend genug und so ersparte ich mir die Recherche. Doch erinnerte ich, wie meine Lehrerin in unserem Nachgespräch sagte, dass sie bemerkt hätte, dass wir nicht bei uns waren – nicht zentriert und eher “überwältigt von den Emotionen”, die in dem Moment in uns herrschten.

Ich versuchte ihr zu erklären, dass es nicht um ein Überwältigtsein von Gefühlen geht, wenn wir erleben, was sie von außen miterlebte, sondern um eine Art Zerfall von Welt und Sein, der für uns unaushaltbar ist.
Wie nachvollziehbar das jetzt war, weiß ich nicht und letztlich ist es auch nicht relevant in unserem Kontakt.
Aber ich fand es interessant meine eigene Beschreibung im Nachhinein noch einmal anzusehen und zu begreifen, dass es tatsächlich nie nur um Emotionen geht oder darum, dass uns Kompetenzen fehlen, mit Emotionen umzugehen.

Weder bei selbstverletzendem Verhalten, weder bei der Essstörung noch in irgendeinem anderen Moment, in dem uns unterstellt wurde (und bis heute wird) nur unseren Willen und Wunsch durchsetzen zu wollen, geht es darum frustriert darüber zu sein, dass es nicht geht, sondern um Überwältigtsein, Überforderung, Haltlosigkeit – unterm Strich: Not und tief greifende Trigger für Erinnerungen an frühe Erfahrungen der Haltlosigkeit, die verknüpft ist mit Todes- bzw. Vernichtungsangst und der Auflösung des Selbst.

Überwältigende Gefühle allein sind kein Problem für uns. Klar fuchteln wir dann ein bisschen und reden tagelang darüber, was diese Gefühle verursacht hat – es passiert etwas mit uns, wenn wir etwas Überwältigendes erfahren haben, ganz klar – aber wir können drüber reden, weil wir es erfassen konnten. Es gab einen Kontext, es gab uns und es gab eine Verbindung, die uns ermöglicht hat, die Überwältigung nicht nur zu erfahren, sondern auch einzuordnen.

Wenn wir zerfallen, wie am Dienstag, bleibt das aus.
Wir fuchteln nicht – wir schimpfen und schreien oder schlagen um uns (und verletzen uns dabei) – werden wir dann auch noch angefasst, verletzen wir vielleicht auch noch andere. Es gibt einen unterschiedlich umfassenden Zugriff auf die Erinnerung an die Situation und es gibt natürlich auch das Erkennen von stark in uns waltenden Gefühlen – es gibt aber keinen Willen zur Macht, keinen Frust über ausbleibende Optionen andere Menschen zu dominieren und auch keinerlei Gefühle, die über soziale Interaktion oder soziale (Wert-)Bindungen entstanden sind, die berührt werden.
Sehr wohl aber gibt es Not, Ohnmacht, Todes- und Vernichtungsangst. Das Gefühl weder selbst zu sein, noch als im Sein erkannt zu werden. Das kann man dissoziiert nennen – man könnte aber auch von einer Verschmelzung bis zur Selbstauflösung sprechen.

Wir haben ein Emotions-Mischungs-Problem. Eine Störung, die auftritt, wenn wir große Gefühle, mit großer kontextueller, räumlicher und zeitlicher Irritation vereinen müssen. Ich denke, dass alle Menschen irgendwann vor solchen Problemen stehen – ich nehme es aber so wahr, dass der gesellschaftliche Konsens dessen, wie groß genau eine Irritation auf den benannten Achsen sein kann/darf bis sie diese Störung in Menschen verursacht bzw. zum Problem wird, nicht mit unserer Einschätzung dessen, was “groß” ist, übereinstimmt.

Frust empfinde ich, wenn Menschen mir sagen, dass sie unsere Schwierigkeiten so verstehen, dass Dinge und Umstände für uns anders sind, als für andere Menschen, obwohl ich versuche ihnen klar zu machen, dass wir kein grundlegend anderes Erfassen von Dingen und Umständen haben, sondern viel mehr Sortierungs- und Prioritisierungsprobleme haben.
Für uns ist ein Tisch ein Tisch – das ist er aber erst, wenn es die Erkenntnis von Existenz über Tischplatte (mit ihren spezifischen Eigenschaften) und Tischbeinen (mit jeweiligen anderen Eigenschaften) unter den unterschiedlichen äußeren Einflüssen des Raumes (und manchmal auch der Zeit) zur Erkenntnis der Verbundenheit dieser Teile miteinander zur Erkenntnis der Abgrenzung vom Rest ihrer Umgebung geschafft haben.

Wir haben hier schon öfter darüber geschrieben, was wir meinen, wenn wir sagen “wir sehen viel” oder “wir nehmen viel wahr”. Viele Menschen haben das so gelesen, als würden wir sagen sagen wollen: “Wir sehen viel mehr als andere Menschen”. Tatsächlich aber sehen wir natürlich nicht “mehr” als andere Menschen – sehr wohl aber sehen wir in “mehr einzelnen Schritten” als andere Menschen und merken, welche Konstruktionsprozesse es braucht, bis wir orientiert und in Kenntnis gesetzt sind.

Frust empfinde ich, wenn ich merke, dass es egal ist, ob wir die Kraft aufbringen Menschen diesen Umstand mitzuteilen, oder nicht. Frust empfinde ich, wenn mir zu hoher Anspruch unterstellt wird, weil ich so viele Informationen einfordere, wie ich brauche und nicht nur so viele, wie andere glauben, dass ich sie brauche oder noch schlimmer: was andere Menschen glauben, was sie an meiner Stelle bräuchten und entsprechend gewähren.

Ich frage mich, ob eine emotionale Störung ist, wenn sich jemand von meinen Emotionen gestört fühlt. Wenn jemand denkt, meine Gefühle und Gedanken, meine Einschätzungen und Bewertungen eines Umstandes wären der Situation unangemessen, weil si_er sie nicht nachvollziehen kann. Und will.

Manchmal denke ich, dass ich es auch nicht nachvollziehen wollen würde, wäre es nicht so ein schon immer bestehender Bestandteil unseres Lebens.

Für uns ist das Umunsherum ein Wirbelsturm in einer Legotonne. Wir brauchen Zeit, Kraft und dieses eine Moment ohne Angst, um die Dinge und Menschen in ihrer Zusammensetzung, ihren Beziehungen zu- und miteinander zu erkennen. Die einzige immer in uns waltende Emotion (von der ich mir nicht einmal sicher bin, ob es eine Emotion ist) ist Angst (zu sterben).
Verändern sich Dinge, werden wir in unseren Annahmen irritiert, bekommen wir zu wenig Zeit, zu wenig Raum, krümelt uns auseinander, worin sich andere Menschen tritt- und selbst.sicher bewegen. Wem würde das keine Angst machen?

Seit einem Jahr scannen wir unsere Probleme auf die Schnittstellen von DIS und Autismus und verzweifeln an manchen Tagen darüber, wie sehr wir selbst unsere Probleme unterkomplexisiert haben, um bestehende Belastungen überhaupt auszudrücken. Um diese kleine Box der Psychotherapie nicht zu sprengen, um in Kliniken nicht mehr Aufwand zu bereiten, als eh schon durch die DIS-Diagnose entsteht, um Helfer_innen bei Hoffnung für uns zu halten. Um wenigstens etwas zu haben, anstatt allein mit dem zu bleiben, was jederzeit und jederorts in uns wirkt – egal wie positiv unsere Grundeinstellung ist, wie hoffnungsvoll wir in die Tage sehen, egal wie wir uns ernähren, egal welche Pillen wir essen usw. usw. usw..

Erinnert hat mich der “Befund” des Arztes am Dienstag daran.
Wie lange hatte ich die Idee, es würde uns viel besser gehen, wären wir nicht hochbegabt. Und wie lange hat es gedauert, bis ich diese Idee als ableistischen Bullshit identifiziert hatte.
Es ging bei uns nie um einen Geist, der zu viel Freizeit hat und uns Quatsch in den Kopf produziert, an dem wir dann leiden. Es ging immer wieder um Menschen, die unsere komplexe Problematik auf den kleinsten gemeinsammöglichen Diagnoseschlüssel, auf die allgemeingültigste Phrase, auf ein linear aufgebautes Naturgesetz eindampfen – und uns, die dabei mitgemacht haben. Aus Angst zu sterben. Aus Angst allein bleiben zu müssen.

Es geht nicht darum, dass andere Menschen zu dumm sind für unsere Probleme. Es geht darum, dass sie uns nicht verstehen können oder wollen. Das ist etwas anderes.
Das ist jedoch genau das, was uns nie zugestanden wird. Der Umstand wirklich genau so un- und missverstanden zu werden, wie wir das herausanalysieren.

Die wenigsten Menschen halten sich für normal. Doch die meisten Menschen halten ihre Art sich der Welt und sich selbst zu widmen für normal und damit für genau die Art “wie man das nun einmal so macht”.

Wir machen es anders.
Bei uns funktioniert es anders.

Vielleicht ist das schon alles, was stört.

Fundstücke #35

Seit etwas über einer Woche gehen wir mit kalten Händen und Füßen ins Bett. Zittern ein bisschen, rollen uns hin und her, stehen dann irgendwann doch auf, um die Körnerkissenschuhe und die Wärmflasche warm zu machen.

Wir essen genug, wir bewegen uns genug – es ist nur das Weiche im Körperinneren, das sich tot stellt.
So ist jedenfalls unser Erkenntnisstand im Moment, denn so wie es derzeit bei uns läuft, ist für uns auffällig, dass wir leichter als sonst auseinanderfallen. Dass es immer weniger braucht, um uns zu verwirren, zu verunsichern und innere Tode zu sterben.

Am Montagabend gingen wir ins Bett und standen noch zwei Mal auf, weil die Körnerkissen erkaltet waren. Um 7 ging der Wecker zur Schule.
Wir standen auf, folgten dem Tagesplan, motivierten uns zur Schule, in dem wir uns zeigten, dass wir nur Fächer haben würden, die uns liegen und wenig Stress bedeuten.
Wir kamen pünktlich zur Bahn – und die verspätete sich.

In der Schule kamen wir dann dennoch okay pünktlich an – nämlich zu dem Zeitpunkt, an dem unsere Mitschüler_innen die Tische umstellen sollten. So standen wir in dem Raum und wurden von der Lehrerin rausgeschickt, wegen des Krachs.
Sie holte uns nach einer Weile, die wir in der Flurhalle standen, in einen Raum rein, der nicht mehr unser Klassenraum war.
Wir wussten nicht, wo wir uns hinsetzen sollten und als wir uns für einen der einzelnen Tische entschieden hatten, kam die Information, dass wir einen Test schreiben würden.

Niemand hatte uns Bescheid gesagt. Trotz nerviger WhatsApp-Gruppe und ausgetauschten Telefonnummern, hatte es niemand geschafft uns mitzuteilen, was in der letzten Woche, die wir wegen des Krampfanfalls  verpasst hatten, unterrichtet und angekündigt wurde.

Das Nächste, das ich erinnere, ist mein Blick von unten auf die Linde im Schulhof, während der über uns hinwegfliegende Hubschrauber meinen Kopf mit seinem Krach zerschmetterte. Dann, wie niemand von unseren Notfallkontakten kommen konnte. Dann, wie mir Fragen gestellt wurden. Dann, wie wir durch einen von Röhrenleuchten durchgeflackerten Flur gefahren wurden.

Und dann das:
tweet

Da war der Pfleger, der uns genug Raum gab, uns langsam zu erholen und der Arzt, der uns später in den Arztbrief schreiben würde: “Verhaltens- und emotionale Störung bei leichter Intelligenzminderung” und eine “Intensivierung der Psychotherapie” vorschlägt.
Er ist Team “Du und deine Reaktionen sind das Problem – nicht deine Lebensbedingungen” und auch sonst ist er ein Arschloch, das ich zu hauen mindestens überlegen würde, sollte ich ihn jemals treffen, wenn ich mich nicht gerade so abgrundtief schlecht fühle, wie ich das nach so einem Krampfanfall tue.

Wir werden untersucht und dürfen auf unsere Ergebnisse im Ambulanzempfangsbereich warten. Das Telefon fräst sich 15 Mal durch unser Gehör. Viele Menschen schauen uns an, schauen wieder weg. Die sogenannten schwer- und schwerstbehinderten Menschen verhalten sich rücksichtsvoller und ich mag sie, obwohl mich ekelt, dass einer nach Urin riecht und ein anderer erkältet herumschnoddert.

Wir mussten ins Krankenhaus, weil die Schule die Verantwortung nicht übernehmen konnte. Im Krankenhaus macht man ein bisschen Standardzauber und teilt uns mit, dass ein Taxischein von der Krankenkasse nicht finanziert wird. Wir laufen also in die Stadt zur Straßenbahn. Übergeben uns in eine Grünanlage und reden uns ein, dass es nur die Anstrengung ist und kein Hirntumor, den man schon wieder übersehen hat. Wir merken mit jedem Schritt durch die spätsommerliche Stadt, dass die Verantwortung für uns weh tut und verstehen, warum sie niemand für uns mittragen will.

In der Fußgängerzone sehen wir unsere gesetzliche Betreuerin und ihren Mann. Erinnern uns daran, dass sie letzte Woche noch einen Antrag auf Verlängerung des Hartz stellen wollte. Wir schauen bei der Sparkasse vorbei und erfahren, dass der Antrag entweder nicht bewilligt wurde oder vielleicht auch noch gar nicht gestellt wurde.
Wir steigen in die Bahn. Steigen in unsere Wohnung und erinnern uns, dass die Rauchmelderwartung heute ist.

Ich will heulend zusammenbrechen, aber mein Zusammenbrechscharnier ist im Laufe der letzten Stunden von dem Eis in meinen Gliedmaßen erstarrt. Darum putze ich die Wohnung bis die Wartungsperson kommt.
Dann esse ich Ananasstücke, die mir die offenen Stellen im Mund (die ich mir von was weiß ich woher geholt habe) ausbrennen und schreibe unserer Lehrerin zurück, dass sie ruhig jetzt schon zu uns kommen kann, um NakNak* zu bringen.

Sie erzählt uns, dass wir geschimpft haben, bevor der Anfall kam und ich freue mich darüber. Ich finde es gut, dass wir laut geworden sind, statt uns ein weiteres Gliedmaß anzuschlagen. Sie zeigt auf, wie alle einfach so davon ausgegangen sind, dass wir Bescheid wissen.
Wir reden lange, finden Ideen so etwas in der Zukunft zu verhindern und treffen weitere Absprachen.  Unsere Mitschüler_innen müssen damit leben, dass wir wütend auf sie sind, wenn sie sich ignorant verhalten, auch wenn sie das nicht mit Absicht tun.
Ich muss damit leben, die zu sein, die wütend über ihr Verhalten ist, weil sie es, egal, wie sie es beleuchtet, nicht versteht.

Später telefonieren wir mit Renée und ich merke, wie sich der Stachelpanzerbuckel eines anderen Innens auf meinem Rücken langsam auflöst.

Am frühen Abend gehe ich mit warmen Körnerkissen und der Wärmflasche ins Bett und merke, dass die Fastleiche unter meiner Haut schreit, ohne einen Ton zu veräußern.

Diese Woche dürfen wir in der Schule noch fehlen. Dann sind Herbstferien.

Wir haben 3 Wochen für Leichenbergung und uns mehr unterstützenden Strukturaufbau.