vom Funktionieren – Teil 2, „Grenzen“, Punkt 1

Das Wiktionary beschreibt „Funktionalität“ als: „die Fähigkeit eines Produktes oder einer Komponente, bestimmte Aufgaben zu lösen“[1]
Ich liebe, dass dort steht „bestimmte Aufgaben“. Da steht nicht „jederzeit und immer alle Aufgaben“, was in der Regel das ist, was (manche selbsternannt „hochfunktionale“) Menschen mit DIS beschreiben oder von sich erwarten, wenn es um das Thema der Funktionalität geht. Die Beschreibung schafft hier etwas, was viele Viele erst in ihrer Auseinandersetzung lernen, nämlich Abgrenzung.
Das ist eins der Themen, die ich am Thema „Funktionalität“ habe. Grenzen.
Punkt 1 darin ist, wo Menschen ohne DIS die Grenzen von Menschen mit DIS verorten und welche Folgen das haben kann.

Die meisten Menschen mit DIS, die ich kennengelernt habe, werden von anderen Menschen grundsätzlich als fähiger eingeordnet, als sie es tatsächlich sind. Sie werden prinzipiell überfordert, ihre Grenzen entlang von völlig unpassenden oder sogar unangemessenen Konzepten von Limits und Kapazitäten verortet und ihre Fertigkeiten in Bezug auf die Funktionalität für die Gesamtperson stets überbewertet. Und das unter anderem aus folgendem Grund: Menschen mit DIS sind in der Lage, das Totalversagen ihres sozialen Umfeldes auf eine Art und Weise zu kompensieren, die ihrem sozialen Umfeld nichts abverlangt – und ihnen bis in den Kern ihres Selbst einfach alles.

Die Funktionalität von Menschen mit DIS wird auch heute noch leider überwiegend als von der chronischen Dissoziation definiert begriffen. Wenn eine Person mit DIS also etwas nicht kann, ist die Annahme oft, dass es aufgrund der Dissoziation so ist. Und wenn sie etwas ganz besonders gut kann, dann wird es damit erklärt, dass die Dissoziation nicht alles vernichtet bzw. geschützt hat. Dieses Verständnis verzerrt die chronische Dissoziation der Menschen mit DIS zu einer Art „Schrödingers Schädigung“ – sie ist gleichzeitig absolut behindernd und absolut befähigend.
Wenn auch nur eine Person im Hilfesystem einer Person mit DIS dieses Verständnis hat, ist kaum davon auszugehen, dass die Interaktion nicht in irgendeiner Weise überfordernd oder grenzverletzend wird. Denn schon die Zuschreibung der Dissoziation als begrenzend oder definierend kann maximal von dem Selbsterleben der betroffenen Person abweichen und ihre ohnehin von Entwicklungs- und Bindungstraumatisierungen beeinflussten Möglichkeiten zur Selbstwahrnehmung beschränken.
Ich beobachte zum Beispiel oft, dass Menschen mit DIS als „besonders clever“ oder „super fit im Kopf“ wahrgenommen werden. Manche professionell betreuenden Menschen sind bis heute davon überzeugt, dass ohnehin nur kluge Köpfe eine DIS entwickeln können. Was in ganz vielen Betreuungszusammenhängen zu mehr oder weniger bösen Überraschungen führt, weil jemand mit DIS auf den durch solche Zuschreibungen ausgelösten Druck mit dissoziativer Anpassung reagiert. Die Person sagt dann einfach nicht, dass sie ihren Schulabschluss nicht verfolgt. Die Wohnung nicht sauber hält. Sich nicht versorgt. Keinen Schimmer davon hat, was selbstbestimmte Versorgung oder Verortung im Leben mit anderen Menschen bedeutet. Sie entwickelt einfach weiterhin überhaupt keinen interaktiven Bezug zu sich selbst in Raum und Zeit über das Hier und Jetzt der Hilfemaßnahme hinaus. Sie kanns vielfach einfach auch nicht, weil sie im Kontakt mit der Person, die sie als so wahnsinnig klug und begabt (oder anders unpassend etwa ausschließlich als tapfere, starke Person, die überlebt hat) anspricht und sozial überfordert, das Bewusstsein um ihre Schwächen und Unfähigkeiten vermeidet bis hin zur reaktiven Dissoziation. Weil sie so mit Überforderungen umgeht. Egal, ob diese aus realer Lebensbedrohung hervorgeht oder nicht.
Wenn beide Seiten keinen Blick für die realen Unfähigkeiten der Person mit DIS haben, was ist zwingend die logische Folge? Richtig – ein Kollaps. Entweder wird das Bild der betreuenden Person von der Person mit DIS kollabieren oder die Person mit DIS bricht „aus heiterem Himmel“ zusammen (dieses rätselhaft komplexe System 🙄).

Hier also auch eine soziale Dynamik, die dazu führt, weshalb manche Viele annehmen, sie wären total lebensunfähig und bräuchten ihr Leben lang bei allem Hilfe, weil sie dauernd dissoziieren und überhaupt keinen echten Überblick über sich und ihr Leben hätten. Wer nie richtig gesehen (und entsprechend angesprochen) wird, kommt nie in die Lage, sich selbst richtig zu sehen und einen entsprechend angemessenen Anspruch an sich (und das Umfeld) zu entwickeln. Das ist 101-Menschenentwicklung. Basic-Grundlage „Wie werden Menschen“. Null Geheimnis, nixi nada special DIS – nur man-made bzw. Komplex-Trauma und seine Folgen.

Die meisten Menschen mit DIS sind in Verhältnissen aufgewachsen, in denen Grenzen verschoben, ignoriert, verzerrt, missbraucht, instrumentalisiert oder auch einfach nie bewusst existiert haben. Grenzerleben und auch das Handling, also die Kommunikation und das Erweitern oder Einengen von Grenzen, sind so fundamental, dass es zum Selbst- und Umwelterleben ganz natürlich dazugehört. Den meisten Menschen ohne DIS oder andere tiefgreifende dissoziative Störung bzw. Aufwachsen mit dauerhaft toxischem Stresserleben muss niemals in ihrem Leben bewusst gemacht werden, dass es nicht nur die Grenze zwischen Leben und Tod, „an“ und „aus“, „da“ und „weg“ gibt. Woran man sie erkennt und wie man sie in Bezug worauf bewerten kann oder wie mit ihnen umzugehen ist. Zu dem großen Fundus des „ungeschlagenen Lebens“ gehört eine gewisse grundlegende Kenntnis oder auch ein gewisses Konzeptverständnis darüber, das einfach so früh gelernt und integriert ist, dass es keiner weiteren Worte braucht, um sie zu formulieren. Es wird eigentlich nur noch Energie dafür ausgebracht sie zu erhalten oder zu verteidigen. Oder nach bestimmten Krisen neu auszurichten.

Viele komplex traumatisierte Menschen mit DIS operieren nur mit dem existenziellen Extrem. „Ich habe X gemacht und das hat funktioniert (Ich lebe noch)“ oder „Ich habe X gemacht und das hat nicht funktioniert (Ich bin irgendwie/seelisch/innerlich gestorben, als ich X gemacht habe)“. Fokus und Maßstab ist (manchmal auch erst am Ende einer traumalogischen Überzeugungskette) fast immer das subjektive Erleben von Todesangst oder Lebensbedrohung.
Zum Beispiel: „Wenn ich nicht alles für meine Familie gebe, bin ich tot, weil * – also gebe ich alles, immer.“ [und konzentriere alles (Bewusstsein, Konzentration, Energie) so stark auf meine Anpassung an die Vorgabe, alles für meine Familie zu tun, dass Dissoziation einsetzt, ich meinen erbärmlichen körperlichen Zustand überhaupt nicht mehr spüre und auch keine Energie mehr da ist, mich mal zu fragen, ob meine Annahme von Lebensbedrohung überhaupt wirklich stimmt, oder mich für die Lernerfahrung zu öffnen, was das überhaupt bedeutet – welche Funktionalitäten ich ausführe –, wenn ich „alles gebe“].

Um nicht-existenzielle, weniger extreme Grenzen kennenzulernen, mit sich selbst in Bezug zu setzen, zu erforschen und einen Umgang mit ihnen zu trainieren, braucht es nicht nur „weniger Dissoziation“ oder „mehr oder andere Funktionalität“, sondern ein Leben, dessen Realitäten nicht stets und ständig, mit hoher Wahrscheinlichkeit, akut bedrohlich sind. Weder in ihren Existenzen noch ihren Grenzen.
In diesem Zusammenhang muss gerade professionell betreuenden oder behandelnden Menschen eindeutig klar sein, dass „sich halt mal zu irren über das, was ihre Klient_innen können und was nicht“ wirklich überhaupt gar nie banal sein kann. Nicht, weil bei einer Fehleinschätzung immer gleich ganz viel kaputtgehen kann, sondern aus meiner Sicht viel schlimmer, etwas ganz grundlegend Wichtiges für die Selbsteinschätzung (der eigenen Lebendigkeit, Fähigkeiten, Wünsche und so weiter) sich weiterhin nicht oder nur sehr begrenzt entwickeln kann.

Gleiches gilt für Partner_innen, Freund_innen, Mitmenschen anderer Bezüge.
Es ist sehr leicht, einen Menschen mit DIS falsch einzuschätzen. Von der Bewertung bestimmter Situationen oder Zusammenhänge überrascht zu werden. Und schon in dem Moment, in dem die Diagnose und ihre Ursachen vermittelt werden, müssen „Fähig- und Fertigkeiten“ in einer Art und Weise behandelt werden, dass sich jedes spontane Einschätzen verbietet, weil das Risiko für eine falsche Einschätzung einfach sehr hoch ist.
Wenn man so will, ist das vielleicht die erste Grenze von Menschen mit DIS (und anderen dissoziativen Störungen nach (komplex)traumatisierenden Erfahrungen), die man als Außenstehende begreifen und immer wahren muss: Jede Annahme über die Fähig- und Fertigkeiten eines Menschen mit derart unterentwickelten Grenzkompetenzen, so umfassender Dissoziation und resultierend schwerer Störung, ist jederzeit gleichzeitig richtig und falsch. Und daher zu keinem Zeitpunkt verlässlich brauchbar.

Der sichere, kontinuierliche, eindeutige und in jeder Hinsicht tatsächliche Kontakt muss hier zum Ausgleich genutzt werden.

[1] Wiktionary: https://de.wiktionary.org/wiki/Funktionalit%C3%A4t

Hilfe und Verletzung

Ich hab mich schuldig gemacht. So fühlt es sich für mich an.
Im Stich gelassen hab ich jemanden, die_r keine Fürsprache von Menschen hat, die nicht auch ökonomische, berufliche und persönliche Interessen rund um die Person verfolgen. Ich bin Mitwissende_r, aber Nichts außer einen kurzen, schnell abgewürgten Einwand einbringende_r.
Ich fühle mich nicht gut damit. Trage die Sache wie einen Klumpen im Kopf mit mir herum.

Nicht durchgehen lassen sollte ich das. Ansprechen, aufbrechen, aufklären, konfrontieren, nicht locker lassen sollte ich. So jedenfalls finden das die Jugendlichen in mir, die ziemlich exakt das Gleiche in ihrer Zeit erlebt haben. Erzieher_innen, die sich zwar tausendmal erklären lassen, was Dissoziation ist, sie aber forcieren, wenn es das Handling der Klient_innen (uns) in bestimmten Situationen erleichtert. Betreuer_innen, die davon sprechen, dass die Wohnsituation ganz die eigene sei, die Grenzen dessen aber along the way, spontan und unvorhersehbar beschließen. Helfer_innen, die helfen wollen, aber Fawning (die dissoziative Unterwerfung) nicht von Compliance unterscheiden können.

Eine Rosenblattseite von mir schwingt immer wieder in den Moment ein, als ich in meiner eigenen Wohnung überfallen und bedroht worden war. Die Betreuerin zeigte mir eine Notwohnung, in der noch alle zerstörten und verdreckten Habseligkeiten einer anderen Jugendlichen herumlagen. Wie ähnlich der körperliche Schmerz dem Bewusstsein darum war, dass ich aus mir selbst heraus überhaupt nicht in der Lage war, mich ohne Verlust von Würde oder formeller Sicherheit unterzubringen. Dass ich immer Hilfe brauchen würde von Leuten, die mich im Ganzen irgendwie schon sehen und auch immer wieder sagen, dass sie immer für mich sind – aber andererseits so etwas zulassen. Ignorieren, wie es mir in so einer Notwohnung gehen würde, etwa. Ausblenden, dass ich nicht nur eine Wohnung, sondern nach diesem Ereignis mindestens auch medizinische Versorgung brauche. Dass sie dann doch nicht genug über die DIS verstanden haben, um auf dem Schirm zu haben, dass ich gerade funktioniere – die Situation aber nicht begreifen, nicht verinnerlichen, nicht prozessieren kann und also mit hoher Wahrscheinlichkeit morgen schon nicht mehr kongruent erinnern werde. Dass sie nicht realisieren, dass ich keine Wahl habe, meine Situation komplett und ganz anders zu gestalten, ohne sie. Dass ich zwar immer denken konnte: „Okay, dann gehe ich halt nach Hause zurück (wo meine Krankheit durch viel Leid entstanden ist)“, aber auch wusste, dass ich dort sterben oder, noch schlimmer, abgewiesen werden würde.
Dass die Zeit, die ich von Betreuer_innen, aber auch Pfleger_innen, Erzieher_innen, Behandler_innen brauchte, um mich selbst am Leben, bei Verstand, in Kongruenz von Zeit und Raum zu halten (oder zu verstehen, dass ich das tun muss und darf), immer entweder bei anderen Mitbewohner_innen fehlte oder Kosten verursachte, die ich niemals mit nichts aus oder von mir begleichen kann. Mir war trotz aller Fürsprache und auch liebevoller Begegnung von Betreuer_innen immer klar, dass es unseren Kontakt nur auf Basis von Kostenübernahmen gab. Dass mich am Leben und in einer Einrichtung zu halten, zwar auch eine persönliche Note von den Menschen hatte, dies aber Grenzen hatte, die von der Institution, dem gesetzlichen Rahmen, irgendwelchen Verträgen, also einer dritten, wirk_mächtigeren, Instanz, erlaubt oder ermöglicht – oder eben nicht mehr erlaubt oder ermöglicht wurde. Egal, wie nah ich meinen Betreuer_innen hätte kommen können – es brauchte nur einen Federstreich, um dieses Verhältnis ersatzlos zu beenden.

Meine Hilfeerfahrungen im institutionellen Bereich habe ich schon so oft und tief reflektiert. Ich hab mich mit Betreuungskonzepten befasst, während ich das Nachwachshaus konzipierte. Habe sehr erhellende Arbeiten zur Betreuung von Menschen mit DIS bzw. komplexen Traumafolgestörungen gelesen. Die Komplexität, die mit der Betreuung bzw. Hilfe von Menschen mit DIS einhergeht, ist enorm. Und Überforderung ist ein Ding darin. Vor allem, wenn sich Helfer- oder Unterstützer_innen als Menschen kennen, die schon „ganz andere Dinger geregelt gekriegt haben“ oder „es noch nie mit leichten Fällen zu tun hatten“. Und Betroffene noch so sehr instabil sind, dass sie nicht einmal Kontakt zu ihren Wünschen an die Hilfemaßnahme und ihre Ziele aufrechterhalten können. Also wirklich niemand der Beteiligten überhaupt eine reelle Chance hat, sich im gemeinsamen Handeln zu verorten.

Aus meiner Sicht ist es, speziell im institutionellen Rahmen von Hilfe, unmöglich, einem Menschen mit DIS ohne Verletzung zu helfen. Schon die Platzierung in einem solchen Rahmen kann sehr tief verletzen und das Verhältnis bis zum Schluss als gleichzeitig dauerhaft schmerzlich und dauerhaft hilfreich, sicher, angenehm … machen.
Und heute weiß ich, wie wichtig es ist, dass das anerkannt wird.
Wenn meine inneren Jugendlichen für eine verletzte betreute Person mit DIS den Sturm auf die Bastille von mir fordern, dann fordern sie diese Anerkennung ein. Da geht es nicht darum, zu sagen: „Niemand ist perfekt, Fehler passieren“, denn wenn jemand in einem Betreuungsverhältnis gezielt die Erkrankung einer angewiesenen Person benutzt, dann ist das kein Fehler, sondern eine zugefügte Verletzung. Es geht darum, genau zu benennen, was real ist: „Dieses Verhältnis enthält Hilfe und Verletzung gleichzeitig.“, „Unser Kontakt ist gleichzeitig sicher, weil ich für dich da bin – und gleichzeitig unsicher, weil es ein Kontakt ist, der abhängig von strukturellen Grenzen ist, die ich nicht beeinflussen kann.“
Diese Realität zu benennen und zu integrieren, ist etwas, das in Bezug auf die Herkunftsfamilie oder die Kontexte, in denen sich die DIS entwickelt hat, bei vielen einfach nie passiert ist. Viele Viele kommen erst in der Aufarbeitung an den Punkt und müssen sich damit zufriedengeben, dass ihnen die Leute, die die Verantwortung hatten, das niemals von sich aus sagen werden.
Ich selbst lebe bis heute damit und spüre es als immer wieder mal auch sehr schmerzhaften Stachel, dass sich frühere Helfer_innen und Behandler_innen damit so leicht verunsichtbaren können. Es ist einfach nicht fair. Nicht okay. Sie können weitermachen und sich sagen, sie hätten immer auf Augenhöhe gearbeitet und dies und das – und damit die Realität ihrer Betreuten, Behandelten ausblenden, als gäbe es sie nicht. Als hätte sie keine Relevanz. Als wäre sie nicht auch real. Als wäre die Verletzung, die sie zu verantworten haben, nie passiert.

In der Situation mit der es mir gerade nicht gut geht, habe ich keine zugeschriebene Rolle oder Verantwortung. Mehr als hier zu schreiben, kann ich gerade nicht machen.

Es ist mir zu wenig.
Es ist zu wenig.

Nie nur Conni

„Conni steht mit ihrer Therapeutin in der Demo“, schießt es mir in den Kopf.
Und ich gehe.
Wende dem Jahnplatz, wo ich schon so oft gegen Rechts, gegen Rassismus, gegen Gewalt an Frauen, für Frieden, Freiheit, Klimaschutz und gutes Miteinander gestanden habe, den Rücken zu und lasse mich von Sookies Asche anziehen. Für mich ist erstmal Schluss mit Zeichen setzen. Ich bin müde. Unendlich traurig und bitter. Wünsche mir einen weichen, warmen Körper, der sich an mich lehnt und mir meinen Körper als Weltenteil fühlbar macht. Wünsche mir Sookie und dass das kleine Bisschen Glauben an das Gute und Richtige jedes Moments heil bleibt.
Dann gehts wieder. Gefühlswelle abgeflaut. Licht im Inneren wieder an.

Später feiern wir unsere schöne Freundin S. mit all ihren Freund_innen.
Reden lang und tief über die Kinder- und Jugendhilfe, Reden und Schweigen in Therapien, über unerfüllten Kinderwunsch und dessen Behandlung, über tote Embryonen und lebende Kinder vernachlässigender, kranker, hilfebedürftiger Eltern. „Conni hat keinen Lebensbereich, in dem nie mal keine Hilfe nötig war“, zischt es leise und scharf in mir, als ich tief in der Nacht zum Himmel raufschaue. Mein Puls drückt unangenehm schnell von meinem Bauch in den Hals. Das Atmen ist schwierig. Über die Übung, aus der Angst zu gehen, schlafe ich ein.

S. fragt mich morgens zwischen Abendentfernung und Frühstücksvorbereitung, wie es mir denn geht. „Ich habe alles. Nicht wie geplant oder gewollt, aber alles, was geht, ist da. Es ist gut. Es ist wirklich gut.“, antworte ich ohne zu zögern. „Das ist schön“, antwortet sie. „Conni wird für immer als Bedarfsfall erinnert“, streift mich kurz und fies. Wir lächeln einander an, räumen weiter und werden in andere Themen verwickelt.

Die Heimfahrt ist warm. Es wird geerntet. Noch zwei Wochen, dann fährt der Partytrecker wieder bei uns lang, weil der Ernteerfolg mit Alkohol konserviert werden muss. Man weiß ja nie, wie der Winter wird.
Zu Hause ist meine Menschenbatterie leer.
Mein Kopf prozessiert weiter, was die Bundesregierung da gemacht hat. Die „Reformen“. Und die Hitze. Die Arbeit. Die Themen. Das inzwischen tatsächlich körperlich schmerzende Vermissen von Sookie.

Dann entdecke ich eine Made im Flur. Gehe schlafen. Finde am nächsten Morgen noch mehr.
„Conni kriegt ihre Essstörung nie weg“ spüre ich jemanden aus meinem Hinterkopf gegen meinen Magen boxen. Verbringe den Morgen mit Ekel, Flashbacks und Skills, um eine Krankmeldung zu schaffen und die Wohnung auf links zu drehen.
Am Ende finde ich das verlassene Fressnest eines Kinderinnens. Räume, wische, desinfiziere, mache eine Notiz für die nächste Therapiestunde. Fahre mit Herzrasen und Druck auf der Brust in die Praxis meiner Hausärztin. Hole die AU ab, verabschiede mich ohne Redetermin. Am Donnerstag zu reden, ist mir früh genug.
„Conni braucht professionelle Hilfe zum Leben“, ätzt es mich an und sticht in meinem Magen herum.
„Nicht nur Conni“, antworte ich, „Nie nur Conni.“

drüber sprechen

„Und was genau soll man denn sagen, hm? Hm? Was solls denn bitte sein? Datenausgabe, emotionaler Tieftauchgang ins Drama der gequälten Seele, detaillierte Selbstauskunft – was zum Fick soll es denn sein, worüber man da reden soll?“ Es scheppert zwischen meinen Synapsen. Das dicke Seil um meinen Magen strafft sich. R. ist in Hochform, vibriert unter meiner Haut wie eine frierende Biene.
Wir hatten das Thema schon. Oft. Wirklich richtig oft. Das Schweigen der Opfer, die Ermutigung der Überlebenden, auszusprechen, was sie bedroht hat, die Anhörungen, die Frage, wer wann wozu genau eigentlich zuhört. Jedes Mal habe ich diese kleine Flipperkugel aus Titan in mir drin, die sich tobend gegen jede Wand schmeißt, als gäbe es dafür Punkte. Und jedes Mal baue ich ihr in Gedanken eine Art Durchknall-Labyrinth. „Nur weil dich niemand verstanden hat, als du geredet hast, heißt das nicht, dass das für alle gilt“ – Batsch – „Wenn niemand etwas sagt, wird ES für unsagbar gehalten.“ – Knall – „Worüber nicht geredet wird, bleibt unverändert.“ – Peng – Meine Phrasenkartei reicht, um ihr einen Sarg sicheren Raum zu zimmern. Irgendwann kann ich nicht mehr sagen, ob ich taub für sie bin oder sie mir gegenüber still.

Dann taumle ich mit Felice durch Bielefeld. Die erzählen, davon, dass sie noch nie in Worten über das gesprochen haben, was ich hier und immer ES nenne. Und ich teile mit ihr und allen, die uns später hören werden, dass ich vor allem über DAS, was Helfer_innen getan haben, spreche.
Später frage ich mich, ob ich da gelogen habe. Weil ich eigentlich nie darüber spreche, sondern vor allem darüber hinweg. Mit Substantiven wie Fixierung, Zwang(smedikation), Übertragung, Verstrickung, Projektion, Machtmissbrauch und anderen großen Phraselboxen, die für Lesende und Zuhörende greifbarer, anschlussfähiger, in autoritären Kontexten wie Akademik, Beruf und Behandlung besser einfügbar sind. Unbeeindruckt von Behandler_innen, die sich und ihre helfende Tätigkeit für richtig gut und fern jeglicher Gewalt halten. Mein Faktenwissen stützt mich. Ich brauche keine Ermutigung, keine Ermunterung und dank meiner Veröffentlichungsmöglichkeiten hier und im Podcast auch keine Erlaubnis, auszudrücken, was für ein bodenlos grausamer Zusammenhang sich aus Hilfe ergeben kann. Und warum es wichtig ist, sich damit zu befassen. Sowohl als Üb.er_lebende von Gewalt als auch als Mensch, der von sich selbst annimmt, das nie und nimmer je getan zu haben oder tun zu werden.

Wenn ich mit Helfer_innen spreche, die das Thema berührt, spreche ich auch nie ganz aus, was ich erlebt habe. Wenn es darum geht, Hilfe für jemanden zu reflektieren oder zu verbessern, dann würde ich damit Raum einnehmen, der für andere hergestellt wurde. Wenn es darum geht, Strukturen zu reflektieren oder zu verbessern, dann ist das Risiko hoch, dass meine Erfahrungen (unabsichtlich) bagatellisiert oder anders nicht angemessen beantwortet werden.
In der Realität ist es so: Ich teile meine Betroffenheit von (Helfer)Gewalt mit und meine Gegenüber reagieren darauf, als wäre das eine Art Outing. Radikale Offenlegung. Voll krass. Mutig. Und die Offenheit! – Und ich lasse das so stehen. Wir können Sinnvolleres tun, als darüber zu reden, dass eine Er.Lebensrealität zu teilen keineswegs Selbstoffenbarung ist. Dass es ihre Stigmatisierung von Opferschaft ist, die es ihnen mutig erscheinen lässt, sie sichtbar zu machen. Wir können uns auf unseren gemeinsamen Nenner konzentrieren und miteinander arbeiten. Und der gemeinsame Nenner ist nie DAS DA. Der gemeinsame Nenner ist, etwas dagegen tun zu wollen. ES als etwas aktiv und pragmatisch Verhinderbares verstehen zu wollen.

Ich finde mein zum Opfer von Helfergewalt geworden sein nicht peinlich. Ich schäme mich nicht dafür und halte nichts davon, jene gewaltvollen Helfer_innen für ihr zum_zur Täter_in geworden sein zu beschämen.
Ich weiß – und weiß, dass es alle Helfer_innen wissen –, dass es moralisch, ethisch, menschlich falsch ist, Menschen zu verletzen, die Hilfe brauchen. Es braucht mich und meine Erfahrungen überhaupt nicht ausbuchstabiert präsentiert, um darüber ins Gespräch und in den Prozess zu kommen. Deshalb kostet es mich so wenig Kraft. Deshalb kann ich mich in diesen Zusammenhängen ganz leicht bewegen. Ich kann über meine Erfahrungen sprechen, ohne über meine Erfahrungen zu sprechen. Lügen, ohne zu lügen. Verstecken vor aller Augen. Vermeiden, ohne zu vermeiden.

Und ja, das trägt überhaupt nicht dazu bei, dass ich überhaupt mal „richtig“ drüber spreche. Aber wenn mein wütendes Titanbienchen R. eins absolut offenlegt, dann ist es die blanke Überforderung vor so einem Unterfangen. Denn, was heißt denn „richtig drüber reden“ genau? Sie hat da auf jeden Fall einen Punkt. Gehts um die W-Fragen? Gehts um Gefühle, die ich damals gar nicht wahrnehmen konnte? Gedanken, die ich gar nicht als Gedanken fassen konnte? Was genau für ein Zauber soll denn passieren, wenn man sagt, was genau war? Und kriegt man von der Therapeutin einen Smiley-Stempel ins Therapiehausaufgabenheft, wenn mans richtig gemacht hat, oder wer genau bewertet eigentlich die Richtigkeit des Ausgesprochenen? Auf welcher Grundlage? Und wie genau ist genau?
Und das alles mal beiseite und rein in die Realität – wer geht in die Therapiestunde oder den Beratungstermin und befindet sich nicht in einer Gesprächssituation? Also einer beiderseits zu organisierenden Interaktion und Kommunikation? Niemand nirgendwo jemals würde in Kontakt treten mit: „Und dann hat mir einer die Schulter ausgekugelt – man, war ich froh, dass die mich eh sedieren wollten.“ Und zwar nicht aus Freundlichkeit oder Rücksicht, sondern, weil zum Reden und Schweigen über Gewalt einfach immer auch die Kommunikation von Kontext gehört. Etwas, das mich extrem anstrengt und häufig auch überfordert. Bis ich fertig damit bin, ist eine Therapiestunde einfach mal um. Und ich frage mich hinterher manchmal: „Hab ich da jetzt eigentlich drüber geredet oder nicht?“

Helfergewalt ist genauso komplex traumatisierend wie Gewalt in der Familie. Heim, Klapse, Knast sind einfach stigmatisiert und Familie nicht. Niemand hinterfragt, warum sie_r in eine Familie gekommen ist. Das macht den Kontext entdeckbar. Eroberbar. Deutbar. Heim, Klapse, Knast sind bereits definiert. In Bezug darauf gibt es selten Zweifel über Bezug und Kontextualisierung. So wenig, dass es mir oft widersinnig erscheint, überhaupt die Kraft aufzubringen, um meine Bezogenheit, den Zusammenhang meiner Verwundung, überhaupt zu benennen. Vor allem in der Psychotherapie, wo der Kontext faktisch weitgehend gleich ist.

„Es ist schwierig“, schreibe ich auf die Phrasenkiste, die ich für mich baue. „Es interessiert ja so jetzt akut auch niemanden“ – Bäm – „Windmühlenkampf“ – Bumm – „Was solls, geht auch ohne“ – Wumms.

„Die Wahrheit ist doch, dass niemand von den Beteiligten richtig mit mir darüber reden will.“

Überraschung

Überraschung ist eine Grundemotion, die ich erst im Zusammenhang mit der Autismusdiagnose näher erforscht habe. In meiner Traumatherapie ging es nie um Überraschung. Es ging um mein Kontrollbedürfnis, meine Ängste. Mein kompensierendes Vermeidungsverhalten. Überraschung und Schockerleben waren dabei nie Thema. Mir war selbst überhaupt nicht klar, dass ich Todesängste habe, wenn ich überrascht werde. Dass ich Überraschung vermeide, weil sie mir Angst macht. Dass ich Kontrollgefühle vor allem dafür brauche, um mit meiner Angst vor der Todesangst auf eine Art umzugehen, die unauffällig ist. Angepasst. Nicht peinlich. Sondern ruhig, rational, beherrscht, bewortbar. So, dass mich niemand verletzt.

Man kann Überraschung nicht vermeiden. Aber man kann die Wahrscheinlichkeit dafür absehen. Mustererkennung hilft dabei. Aktives Dauerscannen, traumareaktive Hypervigilanz. Katastrophisieren. Permanente Reaktionsbereitschaft. Hold-the-line-Modus, wann immer Quellen für Unvorhersehbares in der Nähe sind. Anderen Menschen mitteilen, dass man Überraschungen – auch die lieb gemeinten – nicht mag, nicht möchte, nicht schätzt.

*

Die Sonne schien. Die Wärme im Auto bildete eine Glocke um mich.
Ich faltete den Brief zusammen und versuchte, meinen Partner anzurufen. Keine Antwort. Bubi legte den Kopf auf die Rückbank und beobachtete das Treiben auf dem Parkplatz. Der Verlust meines Arbeitsplatzes, die Lüge der Vertrauten hinter der Ermutigung, mich um meine Gesundheit zu kümmern, schwemmte über mich hinweg. „Wusst ichs doch“, stand auf jedem Stachel, der sich aus meiner Panzerhaut schob, um alles Panische vom Jetzt abzutrennen.
Nach der Angst, die Härte. Der Haken aus Stahl, der die Unwürdigkeit jeder Form von Zutrauen und Glauben an die Aussagen anderer Menschen, bestätigt.
Als ich nach Hause fahre, kommt die Trauer. Die Trauer um eine Zukunft, um die ich seit Dezember ringe. Auch das also, kaputt. Kein Kind, kein Job, keine Kraft, keine Hoffnung.
Es hätte so anders werden sollen.
Auf dieses Ist bin ich nicht genug vorbereitet.

*

Überraschungen gehören zu dem, was ich als Alltagsterror empfinde. Sie sind der trauma-re.aktivierende Bestandteil meines Lebens mit anderen Menschen, mit dem ich am häufigsten konfrontiert werde. Nicht, weil Menschen nie tun, was ich sage oder will, sondern, weil Menschen für mich nicht eindeutig vorhersehbar tun, was sie sagen; sagen, was sie tun, und es meistens ein unausgesprochenes Rätsel ist, warum, wozu und welchem logischen Schluss folgend sie es tun oder sagen.
Und es ihnen egal ist.
Sie mich nicht trösten. Selten beruhigen. Die wenigsten sich die Arbeit machen, sich mir zu erklären. Nur manche nah genug an mich herantreten, um mich zum Teil ihres Er.Lebens zu  machen.

*

Mein Partner liest den Brief. Atmet ein und sagt: „Ja, scheiße.“
Ich weine, weil ich begreife, dass ich mich nicht verlesen oder in meiner negativen Annahme geirrt habe.

Sie haben mich angelogen. Alle.
Und weil ich ihnen geglaubt habe, wähnte ich mich in einer Sicherheit, die mir jetzt, ohne jede Vorbereitung, ohne jede Chance auf Widerrede, Beeinflussung oder Zugang zu Verständnis, genommen ist.

Ab jetzt er.lebe ich parallel. Gespalten. Gleichzeitig in unterschiedlichen Dimensionen.

*

Überraschung, Schock, ist ein zentrales Element vieler Traumatisierungen.
Wer überrascht wird, kann sich nicht selbstwirksam erleben. Es gibt kein Kontrollgefühl. Keine Sicherheit über die eigene Existenz.
Überraschung kann nur Spaß bereiten, wenn dieses Sicherheitsgefühl grundlegend da ist. Ich habe dieses Gefühl nie. Selbst dann nicht, wenn ich viel Kontrolle habe.
Jede Überraschung rührt direkt an ein Gefühl von realer Existenzbedrohung.
Und jedem Gefühl der Bedrohung folgt die Dissoziation.

*

Ich scanne den Brief und plane die Einberufung aller nötigen Helfer_innen.
Bahne ein Gespräch beim Verlag an.
Speichere die erste Stellensuche auf der Webseite der Arbeitsagentur.

Spüre, wie sie das letzte Jahr resümiert.
Beobachte, wie er versucht abzuschätzen, ob unsere Kraft für psychiatrische Krisenintervention und ihre erwartbar problematischen Folgen reicht.
Höre ihr beim Sprechen ins Mikrofon zu, während die Hände einer anderen vereinzelte Kröten aus Eimern hervorholt.
Registriere Kämpfe um Essen, Schlafen, Lebenswillen und ‑ziele. Notiere ihre Gewinner und Verlierer.

Als ich einen Tag früher als gedacht von meiner Menstruationsblutung überrascht werde, fühlt es sich an, als würde mir ein knöcherner Schalter im Inneren umgelegt werden.
Mein Partner sagt, es nutze nichts, wenn wir beide traurig seien. Ich spüre hinter mir alles zusammenbrechen und im Melt der letzten Tage versinken.

*

Die Blätter einer Rose sind als sogenannte „Fiederblätter“ angeordnet. Ein Fiederblatt besteht aus mehreren Einzelblättern und trägt so zu einer stabilen Form der Pflanze, aber auch ihrer Gesamtfläche zur Fotosynthese bei. Fällt eines ab, gibt es genug andere. Zum Überleben des Organismus braucht es nur eins. Im Winter nicht einmal das.

Draußen beginnt der Frühling.
Ich organisiere an einem Sommer für mich.
Gestalte Ideen und Pläne für mögliche Verläufe im Herbst.
Den Winter in mir drin, blende ich dabei aus.
Ich weiß, dass er von alleine endet.

*

Das Mismatch mit meiner Umwelt über Überraschungen verlangsamt meine Verarbeitungsmöglichkeiten. Um den Kontakt zu meinen Mitmenschen nicht zu verlieren, kann ich mich nicht auf die Überraschung konzentrieren, sondern muss mich auf das fokussieren, was sie mir anbieten.
Die überraschende Nachricht von meiner Kündigung bedeutet für sie, dass wir über Kündigung und Arbeit sprechen – nicht über die Überraschung. Den Verrat. Den erschreckenden Verlust des Sicherheitsgefühls. Die unerwartete Unmöglichkeit aller Pläne für die Zukunft, die zum Sicherheitsgefühl über die Gegenwart führten. Wir reden nicht über Angst. Meine Todesängste sind einfach undenkbar für sie. Und übertrieben, als ich sie andeute.

Ich kann mir nicht vorstellen, wie die Zukunft aussieht, weil ich nicht weiß, was dort möglich ist und was nicht. Man erwartet von mir ein Grundvertrauen in das Leben, das ich nicht habe. Ich kann nicht „einfach mal sehen“, „einfach mal abwarten, was sich ergibt“. Wenn ich nicht weiß, was ich sehen soll oder muss oder könnte, dann (vorher)sehe ich da nichts. Und wer nichts (vorher)sieht, kann von allem, was dann passiert, nur überrascht werden.

Das ist der absolute Horror.

klebriger Fokus

Und wieder sitze ich meiner Therapeutin gegenüber und esse.
Es ist 12 Uhr, wir wollen arbeiten, mein Treibstofftank ist leer.

Ich habs gewusst, ich hatte einen Timer und ein safe food dabei und hab’s trotzdem nicht gemacht. Mein Fokus hat noch an einer Aufgabe geklebt, die ich unterbrechen musste, um zu ihrer Praxis zu laufen. Der Timer ist an mir vorbeigeflogen. Ich weiß nicht, wie ich zur Praxis gekommen bin. Aber ich weiß, dass ich darauf geachtet habe, dass ich so pünktlich da sein würde, dass ich die Aufgabe noch zu Ende bringen konnte, damit ich vor der Therapie aufhören kann, daran zu denken.
Meine Therapeutin fragt, ob ich im Hyperfokus war. Ich verneine.
Das Wort finde ich ungünstig. Es legt eine Übertriebenheit nahe, eine Obsession, die ich nicht hatte und bewusst auch noch nie erlebt habe.

Ich verstehe meine Aufmerksamkeit als Folge einer Verklebung. Als „klebrigen Fokus“. Ich gehe durch die Welt und habe so etwas wie geistig adhäsionsfreudige Fäden, die sich an Themen, Dingen, Leuten, Stimmungen, Gefühlen, Gedanken, Geräuschen … allem Möglichen anheften, bis es fertig ist. Fertig erfasst, fertig verstanden, fertig verlaufen, abgeschlossen, vergangen. Ich kann nur bedingt steuern, woran sie sich anheften, und überhaupt nicht, wie lange. Und ziemlich sicher bin ich mir, dass meine Fadenklebrigkeit mitunter sehr viel stärker ist, als die vieler meiner Mitmenschen. Manchmal habe ich den Eindruck, sie hätten nur Post-it-Klebezettel-Klebrigkeit, während es bei mir die Art Leim ist, die man bei Fehlern innerhalb eines kleinen Zeitfensters zwar noch korrigieren kann, aber nicht ohne eine erhebliche Macke zu produzieren.
Bin ich stabil und gut drauf, hat dieser Leim etwas mehr Flexibilität – bin ich drauf wie im Moment, kann davon keine Rede sein.

Nach der Stunde denke ich weiter darüber nach.
Essen ist eine andere Aufgabe, als das, was ich noch fertig machen wollte. Und etwas anderes als Therapiearbeit. Sie hat mit weder mit dem einen noch dem anderen zu tun. Solche Wechsel bereiten mir immer Schwierigkeiten. Das sind die „Gleiswechsel“, von denen ich in „Starre unterscheiden“ geschrieben habe. Je komplexer die neue oder auffolgende Arbeit ist, desto schwerer ist so ein Wechsel für mich.
Und Essen ist ultrakomplex für mich. Da sind 28 Jahre Essstörungsmurks, diffus erinnerter Traumashit, Sensorik und Unverträglichkeiten mysteriöser Natur mit einem kaum vorhersehbaren Lauf der Dinge zusammenzubringen. Klar bringe ich für einen solchen Gleiswechsel tendenziell eher nicht die Kraft auf, meine Aufmerksamkeitsfäden von etwas anderem abzureißen – vor allem nicht, wenn die noch gar nicht „fertig sind“ und sich noch gar nicht von allein auf meine Körperwahrnehmung geheftet haben.

Ich denke aber auch an die Leute bei Instagram, die von einem Hyperfokus sprechen, wenn sie sich obsessiv zügellos rücksichtslos intensiv in Dinge einarbeiten. Und die paar Leute, die dazusagen, welchen Preis so ein Zustand hat, wenn man aufgrund einer Neurodivergenz dazu neigt. Und darüber, dass ein sogenannter Hyperfokus sich auch auf destruktive oder unsinnige, unproduktive, überhaupt nicht nützliche Dinge legen kann, die das gesamte Umfeld (über)belasten, habe ich bisher nur eine Person reden hören.

Dann kommen Erinnerungen an meine Eltern auf. Meine Mutter, die mir nicht glaubt, dass ich sie nicht gehört habe, weil mein Gehör in Ordnung ist. Mein Vater, der mich durch die Luft wirft und verprügelt, weil ich nicht gehört habe, dass er mir gesagt hat, was ich noch erledigen soll. Oder, weil ich etwas erst fertig machen wollte, bevor ich tat, was er wollte. Oder, weil es ihm zu lange gedauert hat, bis ich etwas so fertig hatte, dass ich selbst auch das Gefühl hatte, dass es fertig war. Oder, weil ich, während ich tat, was er mir aufgetragen hatte, nicht hörte, dass er oder meine Mutter oder andere Autoritätspersonen mit mir gesprochen haben.
Ich kann nicht wissen, wann ich früher immer dissoziiert habe und wann meine Kapazitäten zur Verarbeitung von Reiz-Input zu fragmentiert waren, weil „meine klebrigen Fäden“ ausschließlich auf einer Sache lagen. Aber ich finde es eine bemerkenswerte Redundanz in meinem Leben, dass auch mein Mann inzwischen aufgegeben hat, mich zu rufen, weil ich ihn einfach nicht höre, wenn ich nicht darauf eingestellt bin, ihn hören zu müssen.
Und, dass zu dieser Redundanz gehört, dass ich in diesen Momenten überhaupt gar nicht hyper bin, sondern einfach ich selbst. Entspannt, selbst.sicher, beschäftigt.

Ich nenne es „hold the line“, wenn ich weiß, dass ich spontan für alles Mögliche mit aufmerksam sein muss. Andere autistische Menschen nennen es „Servicemodus“. „Mom on the spectrum“ hatte zu dem Thema neulich einen Livestream bei YouTube. Dort wurde es als Überlebensstrategie besprochen.
Wenn ich im „hold the line“-Modus bin, dann ist es, als würde ich mit beiden Händen jeweils ein Büschel dieser klebrigen Fäden festhalten, auffächern und auf mögliche Ansprachequellen richten.
Das hat ganz eigene Konsequenzen. Meistens die, dass das, was ich eigentlich machen möchte, gar nicht richtig oder nur unter großer Anstrengung funktioniert. Vernünftig laufen, zielgerichtet und selbst.bewusst sprechen, feinmotorisch tätig sein, rechnen, Entfernungen abschätzen, mich örtlich zurechtfinden, sensorischen Input diskriminieren, andere Menschen sozial „lesen“, Dinge aus dem Kurzzeitgedächtnis abrufen, zum Beispiel. Wie auch – ich halte ja wichtige Kanäle belegt, über die ich den Datendown- und ‑upload meiner Lebensinteraktion erledige.

Polly Samuel hat das unter dem Namen Donna Williams schon 1996 in ihrem Buch „Autism, An Inside-Out Approach“ mit einer Metapher, ähnlich wie meine mit den klebrigen Fäden, beschrieben. Für sie war Autismus eine gemischte Tüte einander bedingender und beeinflussender Verarbeitungsprozesse. Sowohl sensorisch als auch psychisch und emotional. So betrachtet, war meine Lage nicht nur: „Ich hatte da ein Ding, das ich fertig haben wollte, und Essen vor dem Termin war keine Priorität.“
Sondern: Ich war in der Stadt, in der Bücherei, da darf man nicht essen. Dort war es ruhig genug, dass ich mit meinen Noise-Cancelling-Kopfhörern ohne Anstrengung meine Aufgabe machen konnte und auch den „Gleiswechsel“ in die nächste Aufgabe, nämlich den Weg zur Praxis, anstoßen konnte. Aber die Aufgabe war noch nicht fertig (meine klebrigen Fäden hatten sich noch nicht vollständig gelöst). Ein Büschel klebte noch daran, während ich mit dem Rest losmusste. Entsprechend fragmentiert war meine Wahrnehmung des Weges, entsprechend stressend waren Lärm, Leute, Umgebungsfaktoren wie Wind, Licht, Temperatur, Gerüche und Zeitdruck. Was wiederum mein Konzept über meinen Tagesablauf berührt hat. Ich wusste ja, warum ich die Aufgabe fertig haben wollte. Sie jetzt nicht passend fertig zu haben, bedeutete, dass ich mir nicht sicher darüber sein konnte, was nach der Therapiestunde passieren würde. Das bedeutete für mich noch mehr Stress und auch Angst, die reguliert werden muss. Dadurch stieg das Risiko, noch früher noch müder vom Tag zu werden als eingeplant und entsprechend noch viel mehr Stress zu erleben, weil die Verarbeitung des Inputs immer anstrengender und fragmentierter wird. Also noch mehr, wofür ich eigentlich „alle meine Fäden“ zur Kompensation brauchen würde.
Ich war in einem Verarbeitungsdelay und wusste, dass meine Möglichkeiten, das aufzuholen, an dem Tag sehr begrenzt waren. Und in all dem Stress und der aufbrandenden Angst zu essen, hätte meinen Delay, meinen „geistigen Stau“, nur eskaliert. Obwohl es Teil meines Tagesplans war, obwohl ich weiß, dass es wichtig ist, obwohl ich weiß, dass Therapiearbeit ohne Energie eher belastend als hilfreich ist.

Gleichzeitig, war es keine bewusste Entscheidung von mir, das Essen auszulassen. Vielmehr wurde die Handlungskette fragmentiert und der Punkt „Essen“ wurde zu einer Information mit unvollständigem Bezug. Genauso wie der Timer, der mich zum Essen prompten sollte. Ich konnte damit nichts anfangen. Ich habe ihn wahrgenommen, habe gewusst, dass es wichtig ist – aber wofür, wieso und wann und wie ich das umsetzen muss/kann/soll/darf, war für mich nicht mehr beisammen. Die Sache, die ich noch fertig machen wollte, und der nächste Termin hingegen waren mir noch klar. Also habe ich sie weiterverfolgt.
An der Stelle finde ich außerdem noch wichtig zu erwähnen, dass ich innerlich keinen Konflikt hatte. Keine traumapanischen Inneren, keine strengen Antreiber*innen, keine überhungrigen Kinder. Ich habe mich nicht gegen den Hunger gezwungen oder war eingenommen von Katastrophenszenarien, die passieren könnten, würde ich das nicht fertig machen. Ich habe nur gedacht: „Boah nee, ich will nicht an diese Aufgabe denken, wenn ich in der Therapiestunde sitze, und ich habe heute einen ganzen Tag im ‚hold the line‘-Modus, ich kann nicht noch mehr davon abgeben (ohne Anlass zu tatsächlich begründeten Ängsten vor Katastrophen aller Art zu geben).“

Den inneren Konflikt hatte ich erst, als ich im Therapiesetting und bei mir selbst ankam. Die Aufgabe fertig war, der Termin lief und der Tag für mich geistig wieder in überschaubare Ordnung zusammenrückte. Da kam das Hungergefühl wie eine Abrissbirne, während ich eigentlich etwas anderes zu tun hatte.
Und jemand anderes auch. Meine Therapeutin nämlich. – Sowas stresst und ängstigt mich unheimlich tief. Da kommen die Kinderängste raus, die brettharten Bestimmer*innen, der Druck, der Zwang, die Not, die Wirrheit, weil sich keine mögliche Lösung aus mir selbst heraus wirklich sicher anfühlt. Dann wird gekreiselt, gehasst, gekämpft, gequält, gelitten und ich fühle mich dem immer noch schneller ausgeliefert als lösungserfahren kompetent. Obwohl ich schon öfter (immer in Krisenzeiten) wenige Minuten nach Beginn der Stunde essen, trinken, zur Toilette gehen, unbequeme Sachen umziehen oder herausfordernde Momente auf dem Weg zur Praxis besprechen musste. Meine Therapeutin hat mir immer vermittelt, dass das in Ordnung ist, weil auch das dazu beiträgt, dass die Arbeit hilfreich ist.
Doch auch in diesen Momenten greift die Adhäsionsfreudigkeit meiner Geistesfäden. Die liegen im Therapietermin überwiegend auf dem Thema der Stunde, nicht beim Ankommen im Kontakt zu meiner Therapeutin, die erst einmal meinen aktuellen Zustand abfragt. Also muss ich wieder Fäden abreißen … die nächste Wolke fragmentierter Informationen verarbeiten … hinnehmen, dass auch das Thema der Stunde in Teilen oder komplett fragmentiert, bei mir ankommt … hoffen, dass ich in der Folge genug Ruhe habe, zu prozessieren … und gleichzeitig wissen, dass ich diese Ruhe immer nur dann habe, wenn ich ganz mit mir allein bin. Ohne „meine Fäden“ zu kontrollieren.

Wenn meine Therapeutin mir eine gute Erfahrung ermöglicht, passiert das meistens schon in einem Moment, in dem ich fragmentiert wahrnehme und innerlich kampfkreisle. Dann kann es sein, dass ich höre und kapiere: „Okay, ich kann hier essen“, aber alles andere, was zu einer Sicherheitserfahrung gehört, ist unter Umständen noch gar nicht bei mir angekommen, sondern sickert in Momenten wie diesem hier, wenn ich davon schreibe (allein und abgeschirmt in meinem Büro), nach. In der Situation bin ich nicht dazu fähig, einzuschätzen, in was für einer Lage ich gerade bin. Welche Emotionen in mir wirken. Ob ich gerne da bin oder nicht. Ob mir schmeckt, was ich esse. Obwohl ich räumlich und zeitlich absolut orientiert bin. Was mir dann klar ist, mache ich bis es fertig ist. Und dann geht es weiter mit dem einen nächsten Ding.

„Ach Frau Rosenblatt, wo fangen wir denn da an?“, hat meine Therapeutin in der Stunde an einer Stelle geseufzt, an der ich sie ein wenig in diese Dynamik habe blicken lassen. Stellt sich raus, dass ich tatsächlich mit komplexen Abläufen arbeite, erheblichen mental load in meinen sozialen Kontakten jongliere und die Folgen meiner Traumatisierungen das alles sehr stark stören und immer behindern.
Egal, wo man da anfängt, ist es komplex und schwer.
Aber um ehrlich zu sein, bin ich im Moment auch froh, dass meine aktuelle Krise meine Kompensation so sichtbar macht. Es ist heute viel leichter für mich, mit meiner Therapeutin darüber zu sprechen. Es ist mir trotzdem noch peinlich, vor ihr zu essen oder zuzugeben, an was für basalen Stellen ich gerade nicht gut zurechtkomme. Aber es ist leichter für mich, meine geistigen Fäden von diesen Gefühlen und Ängsten abzutrennen, bevor sich alle gleichzeitig drauflegen und gar nichts mehr bei mir ankommen kann.

die Nachwirkungen

„Mir ist Professor Doktor im Traum erschienen“, sagt mein Mann und reibt sich mit der Hand durchs müde Gesicht. „Gut oder schlimm?“ – „Schlimm“.
Wir sitzen auf dem Sofa und merken, dass die ganze Sache doch sehr heftig nachwirkt. Dass wir ein gewaltvolles Gespräch hatten. Dass ein Stachel stecken geblieben ist und sich nicht durch das konstruktive Ende löst.

Mein Mann hat eine Vergangenheit als Krankenpfleger. Seine Einsichten in Krankenhausabläufe und die Dinge, die Behandler_innen tun, wenn (Wider)Wille, Macht und Befähigung zusammenkommen, sind erschütternd.
Und bringen mich dazu, über meine Einsichten neu nachzudenken.

Meine Erfahrungen mit Machtmissbrauch im Behandlungskontext erstrecken sich von der Pflegeperson, die einen Behandlungsplan ausfüllte und behauptete, ich hätte das getan, bis zu Behandler_innen, die mir sagten, sie würden mich auch einfach in die Familie entlassen können, wenn ich nicht mitmache (und artig bin). Die Ärztin, die den Klinik-GAU 2016 ausgelöst hatte, war in der Reihe eigentlich noch harmlos. Da hat man mich einfach in totaler Not allein gelassen und mir vermittelt, ich hätte sowohl die Not als auch die Entlassung selbst zu verantworten. Das ist im Grunde Alltagsgewalt für chronisch kranke Menschen. Ein Klassiker. Der Klassiker für Menschen mit seltener Erkrankung oder zusätzlicher Behinderung.

Mein Mann kennt andere Geschichten. Schlimmere. Geschichten, aus denen übergriffiger Paternalismus spricht. Behandlungsverweigerung. Verschleierung von Tatsachen.
Geschichten, die sich in unserem Fall, in der Klinik, in dem Szenario, in dem wir da sind, mit einer Leichtigkeit umsetzen ließen, sodass weder wir noch irgendjemand anders im Raum irgendetwas davon mitbekommen würden.

Es dauert nicht lange, da sind wir beim Thema „Vertrauen“.
Haben wir bisher hauptsächlich Vertrauen in die Profession aufbringen müssen, so müssen wir jetzt jemandem vertrauen, die_r unseren Wunsch persönlich möglicherweise doch für unangemessen hält und zusätzlich auch noch die Möglichkeiten (die Macht) hat, die Erfüllung dessen zu sabotieren.
Wir haben keine Kontrollmöglichkeiten. Wir haben überhaupt nichts, womit wir uns im Verlauf der gesamten Zeit zu 100 % darüber versichern können, dass unsere Behandler_in wirklich für uns und unser Anliegen ist. Wir sind gezwungen, ihren Aussagen zu glauben und unseren Eindruck immer wieder damit abzugleichen. Und Eindrücke können täuschen.

Und Täuschung – denken, alles ist gut, und dann stellt sich raus, dass plötzlich ganz global und bis ins Existenzielle rein überhaupt gar nichts gut ist – da sind mein Mann und ich sehr empfindlich. Da haben wir beide wunde Punkte und schmerzende Stellen. Wir nehmen sehr weite Umgänge in Kauf, um da nicht berührt zu werden.

Daneben bringt die Situation Verarbeitungsimpulse für mich selbst und mein ganzes Helfer_innen-Thema mit. Denn jetzt beobachte ich meinen Mann in der Belastung, mit der ich vom 15. bis ins 30. Lebensjahr weitgehend allein war.
Ich sehe jetzt, wie brutal es ist, anzunehmen, irgendwas davon wäre von ihm selbst ausgelöst gewesen. Oder, dass er nur irgendwie lieber, passender, angenehmer hätte sein müssen. Er war in dem Gespräch richtig gut. Da war überhaupt nichts falsch oder zu viel. Und hätte es einen unsichtbaren doppelten Boden auf sozialer Ebene gegeben, dann hätte er ihn gesehen und beachtet. Er ist da nicht so tüfflig wie ich.

Und ich sehe eine Angewiesenheit, die ich in Bezug auf meine Situationen immer für überzogen hielt, weil ich sie in Teilen als traumareaktiv verstärkt eingeordnet – also abgewertet – habe.
Klar, unsere Behandlung heute ist etwas anderes, als meine Traumatherapie früher. Andererseits war es zwischen 2002 und 2016 auch so, dass ich mit der DIS-Diagnose nicht ohne Weiteres in jede x-beliebige Klinik oder zu Behandler_innen jedweder Profession gehen konnte. Jedenfalls nicht ohne erhebliches Risiko der Falschbehandlung mit allen Konsequenzen.
Für mich ist es bis heute so, dass ich angewiesen sein mit kindlich sein gleichstelle. Und meine Kindlichkeit abwehren und unterdrücken muss, weil sie für mich Traumanähe bedeutet. Und zwar nicht geordnet mit nachvollziehbaren Tathergängen oder Szenen, die beschreibbar sind, sondern unkontrollierbar und fragmentiert mit Flashbacks, Zustandswechseln, Ängsten und allem, was Körper in diesem Zusammenhang machen.

Die reale, faktische Angewiesenheit von Patient_innen generell habe ich bisher nur abstrakt betastet. Als ich zum Beispiel recherchierte, ob ich die Klinik anzeigen oder verklagen könnte. Oder als ich recherchiert habe, wie meine so frühe DIS-Diagnose und die Behandlung in der KJP damals rechtlich abgedeckt war. Ob meine Eltern hätten klagen können.
Und natürlich jedes Mal, wenn ich versuchte, die Situationen zu analysieren.
Ich weiß, dass meine Texte darüber oft so gelesen werden, als hätte ich durch die klare Zuordnung der Macht auch eine klare Zuordnung von Opferschaft und in der Folge eine eindeutige Selbstpositionierung. Für mich ist das nicht so.
Ich arbeite nicht mit dem Schema „Macht = Täter_in = Böse/Schuldig = Schlecht = jedes Recht auf Annahme, Fürsorge … Menschlichkeit verloren“ und entsprechend auch nicht mit dem Schema „Ohnmacht = Opfer = Lieb/Unschuldig = Gut = ausschließlich Recht auf Annahme, Fürsorge … jedes Recht auf Menschlichkeit“
Für mich ist Gewalt keine dichotome Sache. Also etwas, bei dem es ausschließlich 2 Seiten, Aspekte, Urteile oder Bewertungen geben kann.

Das heißt nicht, dass ich mich nie als Opfer von irgendwas wahrgenommen hätte. Das heißt vor allem, dass ich mich nie ausschließlich als Opfer wahrgenommen habe. Obwohl ich es in manchen Situationen möglicherweise doch ziemlich eindeutig war.
Und mir heute bewusst zu machen, dass ich meine Selbstpositionierung in Bezug auf den Klinik-GAU zum Beispiel oder frühere Behandlungskontexte an der falschen Stelle vorgenommen habe – nämlich in diesen furchtbaren Gesprächen und nicht schon an dem Punkt, an dem ich aufgrund meiner Angewiesenheit überhaupt in diese Gespräche geraten bin –, das ist gerade sehr erhellend für mich.

Ich konnte und kann auch heute – genau wie mein Mann und andere Menschen – überhaupt nichts anderes machen, als in Kontakt zu gehen. Selbst wenn ich die Phrase „Wenn was ist, melden Sie sich“ nicht als Kontakt-/Beziehungsangebot eingeordnet hätte. Selbst wenn ich nie geglaubt hätte, dass sich, wenn ich dann komme, Wege und Möglichkeiten finden würden. In dieser Konstellation war auf die Behandler_innen zuzugehen und zu sagen, was ist, das Einzige, was ich aktiv einbringen konnte.
Und das ist keine gewaltvolle Handlung. Vielleicht ist es eine Reizung. Eine Herausforderung. Eine Überraschung. Eine Unbequemlichkeit. Etwas, das unerwartet (Arbeits‑)Kraft erfordert. Ja, vielleicht ist es auch eine Art „zu nahe treten“ gewesen. Oder eine Überforderung. Aber zu keinem Zeitpunkt war es etwas, das meine Angewiesenheit „genullt“ hat. Nur weil ich etwas sagen konnte, war ich nicht ermächtigt.
Kein stummes oder passives Opfer gewesen zu sein, bedeutet nicht, Tatverantwortung übernehmen zu müssen.

Dass die Ärztin (und ihre Chefin sowie alle ihre Kolleg_innen) hingenommen haben, dass mir der GAU überhaupt passierte und ich mich im Nachgang als tatverantwortlich empfunden habe, ist schon eine sehr spezielle Verweigerung der Anerkennung des Machtverhältnisses. Und eine Abwehr jeglicher Mitverantwortung für meinen Zustand zu dem Zeitpunkt.
Wäre meine ambulante Therapeutin nicht eingesprungen, hätte ich mich noch am gleichen Tag suizidiert und die ganze Sache wäre zu einer Schuldfrage geworden. Was ja noch weiter vom eigentlichen Problem weggeführt hätte.

Am Ende muss man anerkennen, dass eine Behandler_in-Patient_in-Beziehung eine Beziehung ist, die bestimmte Beziehungsfähig- und ‑fertigkeiten erfordert.
Komplextrauma passiert in Beziehung und beeinflusst diese Fähig- und -fertigkeiten.
Mein Autismus beeinflusst massiv, wie ich in Beziehung trete und wie ich sie gestalte.
Meine Angewiesenheit und die Ermächtigung meiner Behandler_innen führen zu einer Beziehung, die effektiv nur von einer Seite gestaltet werden kann. Und das ist nicht meine Seite.

Für mich ist es krass, so über den Klinik-GAU bzw. die Ärztin und ihre Team-Eminenz zu denken. „Sie_r war (in dem Moment) einfach nicht fähig, verantwortlich mit der Situation bzw. dem, was sie von mir gehört/verstanden hat, umzugehen. Sie hat inkompetent gehandelt.“
Dabei hatte ich exakt den gleichen Gedanken in Bezug auf Professor Doktor im Zusammenhang mit meinem Mann. Und hatte 0,0 Skrupel oder Zweifel oder Angst dabei, sondern eher Ärger. Enttäuschung. Denn aufgrund ihrer Kompetenzen hatten wir sie ja als Behandler_in ausgesucht.

Jetzt lassen wir es weiter wirken.
Überlegen, ob wir wirklich da bleiben.
Ich muss mich mit einem Inneren befassen, das sagt: „Nee Fräulein, du bleibst da jetzt – du hast dir das selbst eingebrockt, du frisst das jetzt.“ und einem anderen, das sagt: „Ja ja traumabedingte Vermeidung – du willst dich ja gar nicht stellen. So kommst du nie vorwärts.“
Und ich muss mich damit befassen, dass uns das auch in einer anderen Praxis passieren kann. Dass wir letztlich gar nichts machen können, um das zu verhindern – außer wir meiden Kontakt. Machen uns stumm. Sind passiv, wenn uns etwas belastet oder verletzt, was in der Behandlung passiert. Dann wird uns solch ein Gespräch nicht passieren. Aber schützen vor Schmerz, Belastung oder Not kann es uns auch nicht.
Wenn das passiert, sind wir immer Opfer. Es sind immer die Be.Handelnden und ihre (Beziehungs)Kompetenzen, die darüber bestimmen.

Das Vertrauen, das wir aufbringen müssen, ist enorm.

das Gespräch

Um 4 Uhr 40 halte ich das Handy vor meine Augen.
Gut, dass ich früh ins Bett gegangen war.
Ich trinke etwas und teste vorsichtig meine Stimme, während der Wasserkocher läuft. Heute ist der Termin in der Klinik zur Nachbesprechung der Ereignisse, die sich seit einigen Wochen in Flashbacks und Albträumen neu aufdrängen. Mal vermischt mit früheren Erfahrungen, mal pur. Mal so, dass ich an der Tragfähigkeit der Gegenwart zupfen muss, mal so, dass ich in der Vergangenheit gesäte Zweifel an meiner Existenzberechtigung ernte. Auch diese Nacht endet verfrüht mit verzweifeltem Weinen und Hechtsprung in die Skillskiste.
In den letzten Tagen arbeitete sich ein fiebriger Infekt von meinem Kopf in meine Bronchien, meine Stimme war an einem Tag fast ganz weg. Und nun würde ich für mich sprechen können. Wollen. Müssen. Dürfen. Ich will klar sein. Und stabil. Mich wenigstens kurz so fühlen.

Mein Mann und ich haben das Gespräch oft vorbesprochen. An diesem Morgen sitzen wir ein letztes Mal zusammen und notieren uns beide die Liste der Punkte. Später wird er sagen, dass er in dem Moment seinen Vater gechannelt hat. Auch der kam immer mit einer Liste zum Arzt. Für meinen Mann ist es ungewöhnlich, sich für solche Termine derart zu wappnen. Obwohl er mit seiner Krankheit durchaus auch mit einem Stapel Papier und Datenträgern in Arztkontakt kommt.
Im gleichen Später wird er sagen, dass dieses Gespräch der tiefste Einblick in meine kommunikativen Schwierigkeiten und alle Probleme, die damit einhergehen – „Ey, das hat so viele Ebenen!!!“ – war, den er bisher hatte.
Und ich werde deshalb ein enormes Triumph-Glücks-Dankbarkeits-Gesehenheits-Gefühl in meiner infektiös schmerzenden Brust haben.

Doch zuerst fahren wir in die Klinik.
Merken, dass meine Stimme noch geschont werden muss. Wir uns also nicht ablenken, in seichte Stimmung bringen können. Ich bin unruhig, weil ich mich so okay damit finde, dass ich eine Liste habe. Und einem Angebot, einem Auftrag, glaube, dem ich nie wieder glauben wollte – „Wenn was ist, sprechen Sie uns an“.
„Es ist ein Lernfeld“, so ordne ich das ein, um mich zu beruhigen. „Diese Situation passiert zwar an meinem Körper, ich bin die_r Patient_in, aber mein Mann hängt da auch mit drin. Es ist nicht wie in der Psychiatrie, nicht wie bei allen anderen Behandler_innen. Nicht nur ich habe dieses Angebot, diesen Meldeauftrag bei „Wenn was ist“ erhalten, sondern auch auch mein Mann. Und auch der hat gesagt: sammeln, aufschreiben, auf Zuständigkeit und reale Umsetzbarkeit prüfen, auf den Punkt bringen und damit ins Gespräch gehen. Wir machen nichts Falsches, nichts Dummes, nichts Anmaßendes. Es hat überhaupt nichts mit unserer Persönlichkeit oder Krankheit zu tun, dass wir das so machen, und das, was wir vorbringen, berührt in keiner Weise das Individuum, mit dem wir sprechen, und auch nicht dessen Würde. Die Belastungsstörung, die ich gerade habe, ist nicht Folge meines Versagens oder Absicht von jemandem, sondern Folge der Ereignisse im Zusammenhang mit meinen individuellen Verarbeitungskapazitäten in dem Moment.
Verarbeitung bedeutet Arbeit. Es bedeutet: hingehen statt weggehen, machen statt halten, Integration statt Dissoziation
Wir gehen in den Termin, gehen in Kontakt und schauen dann weiter. Nicht jetzt. Jetzt schaue ich nur in meine Idee von der Zukunft, aufgrund der Erfahrungen, die ich bisher gemacht habe. Wenn das Gespräch war, dann habe ich eine Erfahrung mehr und was gerade Zukunft ist, ist dann Jetzt.“

Und dann ist es, wie es ist.
Wir sind pünktlich, die_r Behandler_in nicht. Wir haben keinen Zeitdruck, registrieren aber doch die Respektlosigkeit unseren Ressourcen gegenüber. Nach 20 Minuten kommt eine Behandlerin. Nicht die, bei der mein Mann um den Termin gebeten hatte. Die wird dann geholt. Spontan kommt sie aus dem Termin eines_r Patient_in raus. Sie hat etwa eine halbe Stunde und fordert uns auf, unsere Punkte anzubringen.
Kurz darauf liegt „das Schiff mit einer Seite fast waagerecht auf den Wellen“. Es passiert, was mir immer passiert. Aus Verwirrung wird Anklage, aus Erklärung Begründung, aus Idee, Vorschlag, Anfrage wird Forderung. Ich merke sofort, dass wir in dem sind, was Schulz von Thun „das Teufelskreis-Modell“ nennt. Ich merke, wie ich mich in die_n Patient_in verwandle, die Schülerin, die Kundin, die Mitarbeiterin, die Tochter.

Und das, was ich „das Opfer“ nennen würde. Würde ich mich damit nicht selbst zum Opfer erklären.
Während ich das auch in diesem Moment nicht tue, sondern wie gewohnt abwehre, um mein Ich zu erhalten und funktionell im Kontakt bleiben zu können, habe ich einige Stunden später ein neues Gefühl.
Denn da sagt mein Mann, der seit Verlassen des Klinikgeländes die gleichen Brandreden ausspricht, wie ich sie sonst nach so einer Erfahrung im Kopf habe: „Ey, und wenn jedes Gespräch dieser Art so abläuft, wenn einem das das ganze Leben in allen möglichen Situationen immer wieder passiert – da kriegt man ja jedes Mal brutal die Hucke voll. Oh G’tt.“
„Ja“, denke ich, „brutal die Hucke vollkriegen, trotz aller Vorbereitung, allem Anstrengen, allem Bemühen, allem Liebsein, allem Nettssein, aller Achtung von Form und Anstand. – Wenn jemandem so etwas passiert, dann sind diese Dinge auch nie relevant gewesen. Dann war die Performance scheißegal. Dann ging es nie um Form und Fakten, sondern um Gefühle und Erwartungen, Intentionen und Ansprüche. Also etwas, das sich hinter einer im Behandlungskontext (im Kontext einer Autorität) ganz besonderen Grenze befindet.
Das ist eine Grenze, hinter der man als Patient_in aus sehr vielen sehr guten und richtigen Gründen überhaupt nicht sein soll. Damit ist der Rahmen, in dem Patient_innen gehört werden müssen – in dem auch ihr Sprechen in eigener Sache grundsätzlich verortet werden muss – total klar und auch, wessen Aufgabe es ist, diesen Rahmen zu verantworten. Und es ist total klar, dass jede Verteidigung persönlicher Grenzen in diesem Zusammenhang von vornherein unter unfairen, weil ungleichen Voraussetzungen passiert. Patient_innen können gar nicht umfassend wissen, wann sie ihre Behandler_innen persönlich berühren. Klar, können sie wissen, dass Behandler_innen zu beleidigen zum Beispiel auch persönlich verletzt oder dass die gleichen allgemeinen Grenzen, die Menschen als allgemeine Gemeinschaft haben, auch auf Behandler_innen anzuwenden sind. Aber da sich Behandler_innen als Privatpersonen nicht so öffnen dürfen, wie Patient_innen, können Patient_innen Grenzberührung oder auch -bedrohung und -verletzung einfach nicht immer verhindern.
Das ist unmöglich.

Mein Mann moderiert und ordnet das Gespräch immer wieder. Missverständnisse werden dadurch offenbar und können geklärt werden. Ungeprüfte Vorannahmen der Behandlerin werden offensichtlich. Wir drei auf diesem Schiff unseres Gesprächs, im Wellengang der Gefühle, schwanken in einem erheblichen Ausmaß. Es gibt einen Moment, in dem sie sagt, sie hielte eine Weiterbehandlung für fraglich.
Mein Mann sagt spät am Abend, als wir zwischen zwei Fernsehsendungen pausieren, dass es ihn erstaunt und anfasst, wie schnell und bereitwillig der Kontaktabbruch aufgebracht wurde. Wie einfach die Lösung erscheint: „Naja, dann machen wirs halt nicht mehr“, um sich abzusichern und zu entlasten. Während das für uns bedeuten würde, dass wir mit unserem Anliegen in seiner Legitimität infrage stehen und mit dem Eindruck zurückbleiben, es sei ein Irrtum, ein Fehler gewesen, uns überhaupt zu behandeln.
Und auch das ist etwas, in dem Patient_innen ungleichgestellt sind. Wenn die Behandlerin in ihre Akte schreibt, dass eine Weiterbehandlung medizinisch nicht indiziert sei, dann ist das eine andere Aussage als „Die haben mich persönlich belastet und ich hab Besseres zu tun – an Patient_innen, die besser raten können, wann sie mich aus welchen Gründen, wie und womit belasten dürfen“. Dann wird ein persönlicher Beziehungsabbruch professionell begründet, die Folgen davon betreffen aber in Person und Sache komplett die Patient_innen. Wer so etwas macht, benutzt die Autorität der Profession als Waffe. Das ist Machtmissbrauch. Die Gewalt der Helfer_innen. Das, was den Klinik-GAU und sehr viele andere Behandlungserfahrungen in meinem Leben zu einem Trauma gemacht haben.

Das ist aber auch der Grund, weshalb ich in dem Gespräch auch das D-Wort gesagt habe. Diskriminierung.
Obwohl ich weiß, dass dieser Begriff, diese Thematik, hochemotional aufgeladen ist. Vor allem bei Menschen in Machtpositionen. Also Menschen, die üblicherweise nicht diskriminiert werden und von bestehenden Diskriminierungen profitieren.
Sachlich, faktisch, inhaltlich jedoch ist es eindeutig diskriminierend, Menschen eine Behandlung zu verweigern, weil sie eine Behinderung haben. Auch und gerade dann, wenn die Behandler_innen sich (aufgrund unhinterfragter oder falscher Vorstellungen über den behinderungsbedingten Grad der Einschränkung) überfordert fühlen, mit diesen Menschen gemeinsam zu schauen, wie die gemeinsame Zusammenarbeit aussehen kann.
An einem Punkt, an dem Menschen, die keinerlei Einblick in mein Leben mit Behinderung und meine Ressourcen zur Kompensation haben – und diesen auch gar nicht bekommen wollen! – Zugang und Rechte verweigern wollen, ist es sachlich, faktisch, inhaltlich absolut richtig und auch wichtig für mich persönlich, diese Verweigerung als Diskriminierung zu benennen.
Ich kann nichts dafür, dass das als Powermove gelesen wird. Als Angriff, als „die Keule schwingen, um die Debatte zu gewinnen“.
Für mich ist das wichtig zur Einordnung der Situation. Werde ich diskriminiert, bemühe ich mich nicht mehr um den Kontakt. Dann sind die Verhältnisse für mich klar. Dann geht es nicht mehr darum, wie wir gut miteinander arbeiten können, weil Diskriminierung einfach auch Autorität bedeutet. Dann bestimmt eine Partei und die andere hat das hinzunehmen.

Vielen Menschen, die keine Behinderung kompensieren oder nur in einer bestimmten (autoritären, machtvollen) Rolle mit behinderten Menschen zu tun haben, fehlt oft das Bewusstsein dafür, dass die Dinge, die sie schützen und stützen, die sie befähigen und ermächtigen, nicht für alle Menschen gleich zugänglich sind und selbst wenn, dann nicht auch zwingend die gleichen Effekte haben. So kommt es nämlich beispielsweise dazu, dass Behandler_innen zwar allen Patient_innen sagen: „Wenn was ist, melden Sie sich“, aber meistens überhaupt keinen Gedanken daran verlieren, was „was“ für wen in welcher Situation und aus welchen Gründen ist.
Selbst für meinen Mann ist dieser Satz, der für mich ein Kontaktangebot ist – etwas, das mir den Eindruck vermittelt, dass ich aufkommende Probleme nicht allein lösen muss – nichts weiter als eine prosoziale Phrase. Etwas, das man einander sagt, um ein Bild von sich bei der anderen Person herzustellen. Ein Bild – nicht die Realität. Für ihn ist beiderseits klar, dass „was“ überhaupt nicht definiert ist, aber im Notfall spontan definiert werden kann, weil die Annahme ist, dass beide Seiten, die gleichen Erfahrungen, Probleme oder Perspektiven auf Dinge haben.
Meine Erfahrungen, Probleme und Perspektiven sind aber aufgrund meines Autismus und der Traumafolgestörung in manchen Dingen ganz extrem anders. Nicht immer ist das ein Problem oder erfordert auch ganz andere Lösungsansätze als allgemein üblich, aber immer bin ich darauf angewiesen, dass andere Menschen ihre Ideen und Erwartungen an meine Fähig- und Fertigkeiten hinterfragen, weil sie nicht von sich auf mich schließen können. Das kann ich umgekehrt ja auch nicht. Wir müssen uns beide in ein Lernfeld begeben und das ist – auch wenn es einen professionellen Rahmen für unseren Kontakt gibt – auch Beziehungsarbeit.

Und Beziehungsarbeit ist krass. Krass anstrengend. Umfassend. Bringt oft mehr was fürs Gefühl als für die Arbeit oder irgendwas messbar Konkretes. Jedenfalls am Anfang.
Klar wird das vermieden, wenn man es ohne Verluste auch einfach kann. Klar denkt man sich: „Boah, wenn ich das für alle Leute leisten muss, dann bin ich schnell am Ende.“ Da gibts offenbar selten den Gedanken: „Hm, wenn ich das jetzt mache, wirds beim nächsten Mal wahrscheinlich leichter.“ Und so bleiben die Vorurteile, die falschen Ideen, die Einschätzung, dass Barrierenkompensation aufwendig und wertlos ist. Und damit kommen dann die Vermeidung, die generalisierte Abwehr, die „professionelle Begründung“ dafür, warum bei Patient XY die Behandlung AB nicht indiziert sei.
Man versichert sich damit in einer Position, in der man ganz rationale und legitim erscheinende Begründungen dafür findet, den Kontakt extrem zu limitieren oder eben einfach abzubrechen. Diskriminierung in dem Zusammenhang überhaupt erkennen und begreifen zu können, wird dadurch sehr sehr schwer.
Auch das ist ein Grund, weshalb ich sie benenne. So auch in dem Gespräch.

Für mich hat das auch etwas mit Erwachsensein zu tun.
In jedem Kontakt, den wir eingehen, haben wir die Verantwortung, ihn zu erhalten, zu schützen und angepasst zu gestalten. Diese Verantwortung will ich nicht einseitig übernehmen müssen. Schon gar nicht im Zusammenhang mit einer Behandlung, die für meinen Mann und mich so wichtig ist.

Als wir im Auto sitzen und mein Mann seine Gedanken sortiert, fühle ich mich richtig richtig gut.
Er hat alles gesehen. Er hat alles bezeugt. Und jetzt fühlt er auch noch alles mit.
Er fühlt sich nicht gut und das ist kacke – aber ich bin so entlastet und glücklich. Zum ersten Mal habe ich nach einem Gespräch dieser Art nicht das Gefühl, kein Recht auf Leben zu haben, sondern als wärs total okay alles zu fühlen und zu denken und meinen und glauben und anzunehmen was einfach gerade da ist. Und das ist so cool.

Wir sind mit gemischten Absprachen aus dem Gespräch gegangen. Formal ist alles gut. Wir werden weiter behandelt, nächstes Mal mit einer Narkose. Sozial gehe ich von zukünftig verkrampfter Fern-Freundlichkeit aus. Denke, dass sie uns das nie sagen werden, doch froh sind, wenn wir da einfach nie wieder hingehen. – Eine Traumawahrheit, die ich natürlich überprüfe. Aber etwa 20 Stunden nach dem Aufwachen an diesem Tag, erstmal glaube und beweine.
Ich habe keinen Grund, von etwas anderem auszugehen.
Andererseits habe ich auch mein Leben lang gedacht, ich würde meinen Schmerz in solchen Gesprächen, meine Not, dieses ganze bekackte Elend mit all seinen Ebenen, diese Ohnmacht, die Hilflosigkeit, die Wut ohne Ventil – alles DAS DA – mein Leben lang immer allein erleben müssen.

Krise

„Wie habe ich früher Situationen wie diese gelöst?“
Für mich gibt es auf diese Frage eine Antwort.
Seit ich Krisen nicht einfach nur überlebe. Durchstehe. Mich halt einfach durchkämpfe. Seit ich „Konzentrier dich doch auf die schönen Dinge“ als Verführung in die Vermeidung erkannt habe. Das ist wichtig dazu zu sagen. Denn wer sich durch die Krise dissoziiert, kann hinterher oft kaum sagen, was da eigentlich genau war und was geholfen hat. Eine durchdissoziierte Krise bietet keinen Raum zur Aus- und Weiterentwicklung von Fähigkeiten der Selbstberuhigung bzw. Stabilisierung. Eher das Gegenteil. Dazu später mehr.

Jetzt gerade ist bei mir Krise.
Schon länger. Viele Ereignisse haben mich getroffen, manche sehr. Von keinem konnte ich mich wirklich erholen. Keins davon war selbstbestimmt oder in Form und Folgen beeinflussbar oder sicher vorherzusehen.
Mein Körper reagiert. Magenschleimhautentzündung, Blasenentzündung, Trigeminusschmerzen, Schlafprobleme, Albträume, Ängste und Depression – meine Gedanken finden sichereren Tritt auf traumawahren Wegen, als im uneindeutigen Dickicht des Hier und Jetzt. Ich esse und trinke auf Verdacht, meine Wahrnehmung dafür ist praktisch kaum noch vorhanden. Es hat keinen Sinn mehr, mich auf Signale von Überreizung zu scannen. Ich muss einfach drauf klarkommen, dass mir von jetzt auf gleich der innere Akku zur Kompensation ausgehen kann und mir aktiv in Erinnerung halten, wie ich mich in solchen Momenten verhalte. Wie ich mich schütze, wenn mir das außerhalb von zu Hause passiert. Was ich machen muss, wenn mir niemand Hilfe oder Unterstützung anbietet.

Seit März 2025 geht es mir öfter schlecht als gut. Da war der Konflikt, der entstand, weil es mir seit Sookies Tod öfter schlecht als gut ging.
Und immer war da etwas, das mich getragen hat. Das Schwimmen. Das Handballspielen. Bubi. Mein Mann. Freund*innen. Die Selbsthilfegruppe. Das Schreiben. Die Arbeit. Die Möglichkeit, mit meiner Therapeutin immer wieder neu zu sortieren und aufzuarbeiten. Die Natur. Das Fotografieren. Die Handarbeit. Die Ziele für mein Leben.

Jetzt bin ich einfach müde. Kann keinen Sport machen, solange ich Medikamente brauche. Kann die mentale Kraft, die es für meine Arbeit braucht, nicht mehr aufbringen, weil ich sie benötige, um den Kontakt zu meinem Mann und meinen Freund*innen zu navigieren. Um meine Routinen der Körper- und Haushaltspflege aufrechtzuerhalten. Mich selbst als Körper in Zeit und Raum einordnen zu können. Mich für die Arbeit in der Therapie zu befähigen. Zu bemerken, wann ich Dinge über die Welt und mich denke, die heute zu unwahrscheinlich sind, um sie als relevant für heutige Entscheidungen einzuordnen.

Früher hätte es mir geholfen, mich abzuschießen, wie ich in der Kinder- und Jugendpsychiatrie abgeschossen wurde. Zwei Tavor, drei Zop abends, Neuroleptika morgens. Tavor drübergestreuselt, wenn nötig. Das ging. Sookie trieb mich trotzdem noch raus und hielt mich im Rhythmus ihrer Bedürfnisse.
Heute habe ich die Erinnerungen an Fixiersituationen. An Gewalterfahrungen, für die ich betäubt worden bin. Ich kann die dumpfe Abgeschossenheit haben, aber irgendwann kommt das Erinnern eben auch dazu. Nicht immer. Nie immer. Aber sicher irgendwann.
Es ist keine echte Option mehr, um innerlich auf „Pause“ zu klicken. Mal kurz sicher daran gehindert zu sein, nicht ständig in unklare Zukünfte oder unvorhersehbare Entwicklungen hineinzuorakeln, um sich möglichst gut darauf einzustellen. Wenigstens nicht geschockt überrumpelt überrascht zu werden.
Es war auch nie wirklich eine Option, um sich zu beruhigen.
Es ist nur ein Abschuss. Ein eindeutiger Kontaktabbruch mit bestimmbarem Anfang.

Am Ende hat mir aber immer Kontakt geholfen.
Vor allem Kontakt, der stabil ist. Vorhersehbar. Klar. Eindeutig in Form und Intention. Geregelt. Strukturiert.
Nicht: liebevoll, fürsorglich, nah, helfend, „mich sehend“, „mich verstehend“.
Sondern: präsent, orientiert daran, was tatsächlich ist und was nicht (oder sehr unwahrscheinlich), (selbst)sicher, verbindlich in Bezug auf Absprachen und das kontinuierlich zu jedem Zeitpunkt.

Gerade jetzt brauche ich Kontakte zu Menschen, die sagen, was sie meinen. Die aussprechen, was sie denken, möchten, wünschen, befürchten, bezweifeln, überlegen, wollen.
Genau jetzt sind witzige Doppeldeutigkeiten, „nicht so gemeinte Sprüche“, Metaphern, die implizite Schlüsse erfordern, oder hilflose Phrasen („Das wird schon“) ein Problem. Sie erfordern zu viel mentale Leistung von mir, um sie als die Bindungsverstärker zu erkennen, die sie für manche Menschen sind. Ich kann nicht mehr so tun, als könnte ich „viben“. Einfach „spüren, dass ich gut aufgehoben bin“, einfach „wissen, dass ich nicht allein bin“. Ich kann es mir nicht mehr leisten, anderen Menschen nicht zu sagen, dass sie mich möglicherweise an Verabredungen erinnern müssen, um die ich selbst gebeten habe. Ich muss darum bitten, dass sie mich an meine eigenen Vorhaben erinnern. Ich kann nicht mehr so tun, als bräuchte ich keinen graphischen Ablaufplan für meine Tagesstruktur. Keine Timer für mentale Gleiswechsel. Als wäre Alltag nicht die harte Arbeit, die Alltag für mich ist.

Diese Angewiesenheit ist ein unfassbar starker Trigger für mich.
Dieses ständige Verschleiern und Verharmlosen meiner Kompensationsleistung gehört schon immer zu meinem Leben. Die Unaufrichtigkeit, die damit einhergeht, ist dermaßen groß, dass wirklich gar kein Mensch, mich selbst, eingeschlossen, auch nur im Ansatz ahnen kann, wie ich bin, leiste ich sie nicht.
Krisensituationen oder krisenhafte Phasen wie jetzt sind entsprechend immer multifaktoriell. Da gibt es die Notwendigkeit der mentalen und psychischen Regeneration, die am besten mit körperlicher Aktivierung und psychotherapeutisch begleiteter Verarbeitung erreichbar ist – beides erfordert jedoch Kompensationsleistung, für die eine erhebliche Menge mentaler Kraft notwendig ist. Man wird ja nicht in die Schwimmhalle gebeamt. Da ist es nicht still. Man muss den Schrankcoin bekommen. Man muss sich umziehen. Das Wasser ist nass. Man spürt es überall am Körper. Damit der Sport psychisch aktiv wirkt, braucht es eine gewisse Anstrengung über mindestens 20 Minuten. Das Wasser rinnt in Tropfen über die Haut, wenn man rausgeht. Da sind andere Menschen. Man muss sich wieder umziehen. Nach Hause fahren … Das Gleiche bei der Therapie. – Diese so wichtigen Ressourcen erfordern von mir Ressourcen und die Leistung, sie zielgerichtet und effizient einzusetzen. Kann ich diese Leistung nicht erbringen, brauche ich Menschen, die mir helfen. Und da sitzt ein Trauma, das mehr Kontinuität hat als jede Misshandlungserfahrung in meinem Leben.
Ich sage Menschen nie, wobei ich wirklich Hilfe brauche. Ich sage, dass ich welche brauche und versuche dann herauszufinden, was sie mir (ohne Gegenleistung) anbieten wollen. Und damit arbeite ich dann. Ich halte mich fern von ihnen als Person, kläre Abhängigkeiten und Konsequenzen und tue im Zweifel auch so, als ob selbst die Dinge, die überhaupt nicht helfen, total helfen würden. Diese „besser als nichts“-Strategie ist total dumm. Und besser als nichts. Und Kontakt.
Die typische Gleichzeitigkeit von Vermeidung und Konfrontation, Funktion und Freeze.

Und so merkwürdig und kontraintuitiv wie das auch klingen mag: Das ist ein Fortschritt.
Weil ich es so mache, dissoziiere ich nicht mehr komplett, sondern spezifisch in Krisenphasen. Ich bin nicht mehr innerlich komplett kaltgestellt, weiß nichts, fühle nichts, will nichts, brauche nichts außer Abschaltung und Fremdbestimmung. Ich weiß, was ich wann wieso und wo fühlen müsste und passe mein Verhalten entsprechend an. Ich weiß, was ich üblicherweise wollen würde, bräuchte und worum ich mich kümmern muss, um sicher und in Kontakt zu sein, und konzentriere mich darauf.
Ich habe gerade keine Ahnung über mein Innenleben. Wer was wie findet, fühlt, einordnet, dies das. Das heißt, dass ich kein psychisches Feedback darüber bekomme, was meine Verhaltensanpassung und meine Konzentration für mich selbst bedeutet oder in mir auslöst. Aber ich weiß, was ich tue. Wofür ich es tue. Wann und wie ich es tue. Ich kann mir ein Protokoll anlegen, mich selbst beobachten und über diese Beobachtungsdaten nachvollziehen, wann wieder psychisches Feedback kommt. Und in welcher Form.
Das bedeutet: Ich bin jetzt, an dem Punkt, an dem man mich vor gut 20 Jahren verortet hat, was meinen Grad der Beeinträchtigung durch meine dissoziative Störung betrifft. Was, soweit ich das aus Klinikberichten von anderen Menschen mit DIS entnehme, bis heute so als Standard vorausgesetzt wird.

Ich muss diese Krise nicht „einfach überleben“. Jetzt kann ich tatsächlich anwenden, was in Selbsthilfebüchern steht. Und aus meinen Erfahrungen lernen.

*

Es hilft mir gerade, das alles aufzuschreiben.
Ich fürchte im Moment oft, dass meine ganze Anstrengung für alles, was mir in den letzten 14 Jahren wichtig war, umsonst gewesen ist. Dass ich mir was vorgemacht habe. Dass ich nichts davon schaffe. Dass meine Entscheidung für das Leben lächerlich, anmaßend und letztlich nur Ausdruck dessen war, was an mir das Abstoßendste ist.
Ich denke gerade oft so, als hätte sich in den letzten Jahren an mir selbst und meinen Möglichkeiten überhaupt nichts verändert. Als hätte ich meine Therapeutin für nichts und wieder nichts angestrengt, Strukturen beansprucht, ohne ihnen etwas zurückzugeben, mich in diese Welt gebohrt, obwohl ich doch ganz sicher weiß, dass sie mich nicht haben will.

In Wahrheit ist die Welt, das Universum, der Lauf der Dinge voll von Dingen, die ungewollt sind. Sie gehören dazu. Genauso wie die Leute, die nicht aus allem, was ihnen gegeben wird, etwas machen, das direkt wieder zurückfließen kann. Meine Therapeutin hätte sich auch für andere Menschen so angestrengt wie für mich. Ich habe Fortschritte gemacht. Ich habe die gleichen Wünsche ans Leben wie die meisten anderen Menschen auch. Manchmal ist es Glück, manchmal ist es Zufall, nur selten ist es ein komplett eigener Verdienst, dass sie sich erfüllen.
Ich muss nicht einfach irgendwie durch und weiter und nochmal und weiter und nicht nachlassen.

Ich kann hier sitzen, mit Bubis ruhigem Schlafatmen im Rücken, in der unaufgeregten Ländlichkeit um unser Haus herum und wissen, dass ichs aufgeschrieben hab. Dass da jetzt Worte sind statt wirre Impulse, die sich dann und wann zu Gedanken formen. Kann mich kurz darauf konzentrieren, dass mich das beruhigt. Ich muss diese Arbeit nicht nochmal machen. Sie steht hier. Ich kann den Link teilen und damit etwas von mir selbst. Ich kann damit Kontakt herstellen.

Intensiv

Ich erlebe gerade eine intensive Phase.
Es ist viel los, vieles davon neu. Manches erlebe ich auch nur neu, weil es nicht exakt gleich ist wie frühere Erlebnisse.
Etwas, was ich in der Reflexion dessen gerade über mich verstehe, ist etwas, das ich schon mal in der Hand hatte, als die Autismusdiagnostik lief: Rigidität, Starre, Zwanghaftigkeit, etwas, das als „übermäßige Kontrollbedürfnisse“ wahrgenommen werden kann.

Auf meinem allerallerersten Psychozettel, der mit meinem Hochbegabungszettel kam, stand etwas von „anankastischen Persönlichkeitszügen“. Also Zwanghaftigkeit qua Persönlichkeit.
Doch im Verlauf meiner Klapskarriere konnte ich tatsächlich zwanghafte Menschen neben mir sehen. Geplagte Seelen, die von ganz bestimmten Gedanken und Ängsten aufgefressen wurden und im Grunde nicht einmal von ihren eigenen Beruhigungshandlungen wirklich beruhigt werden konnten.
Mir hingegen haben die KJP-üblichen Tages- und Wochenpläne, allgemeine Vorhersehbarkeit der Geschehnisse in meinem Umfeld und konsequent eingehaltene Regeln mit definiertem Abweichungsspielraum gereicht, um mich prinzipiell orientieren zu können und bedingt sicher zu fühlen. Wusste ich, wann welche Abweichung nötig ist, dann konnte ich sie hinnehmen. Sie hat mir nicht gefallen und ich habe mir gemerkt, dass sie stattgefunden hat – aber ich bin deshalb nicht komplett panisch gewesen oder sah mich zu Ausgleichshandlungen gezwungen. Das hat sich bis heute nicht geändert.

Aber mein Verständnis dafür, was andere Menschen als Abweichung verstehen und dass das in der Regel etwas anderes ist als das, was ich darunter verstehe, schärft sich zunehmend. Und wieder bewege ich mich in der Autismus vs. Komplextrauma-Schwammigkeit.

Ich ordne es als autismusbedingt ein, dass ich zu „für immer“-Einordnungen und – Bestimmungen neige. Also relativ strikt und sehr kategorisch ordne, was ich wie wann wo mit wem warum wie lange wozu mit welchem Ergebnis (auf allen sinnlichen Achsen) erlebe und in der Folge annehme, dass dieses Erlebnis immer so sein würde, würden alle Marker übereinstimmen. Kommt es zu einer Abweichung, ist das Erlebnis für mich gleich ein komplett anderes (bzw. das geplante Ereignis und alles, was dazu gehört, geht für mich „kaputt“) und ich ordne es „für immer“ als ein anderes ein.

Diese kategorische Einordnung nehme ich manchmal bewusst nach eingehender Analyse, meistens aber einfach aus mir heraus vor. Da ich immer etwas hinterherhinke, was das Erfassen des Gesamtbildes angeht, ist das auch nötig. Denn aus dem ergibt sich meistens der Konflikt mit anderen (meistens nicht autistischen) Menschen. Entweder haben sie einfach ein ganz anderes Gesamtbild (also eins, in dem die Dinge, die ich wahrgenommen habe, überhaupt nicht vorkommen) oder eins, das ich nicht nachvollziehen kann (etwa, weil sie die Dinge, die ich wahrgenommen habe und als dazugehörig einordne, viel stärker oder auch schwächer in der Relevanz einordnen).

Ein Beispiel dafür ergab sich erst neulich, als ich meinem Mann sagte, ich würde in den nächsten Tagen gern jeweils einen Apfel essen. Ob er mir beim Einkaufen 4 mitbringen kann. Es waren noch 4 Tage, bis ich das nächste Mal einkaufen gehen würde, und ich habe 3 Sorten, die ich esse. Er bot mir an, von seinen Äpfeln zu nehmen, dann müsste er heute nicht einkaufen. Er hatte 6 Gala-Äpfel und isst selbst jeden Tag eine für mich unklare Anzahl.
Mein Mann hatte das Gesamtbild: Hannah möchte 4 Äpfel. Ich gebe ihm_r gern welche von mir ab.
Mein Gesamtbild war: Ich möchte eine Abweichung von meinem Einkaufsplan (und also meinem Wochenplan) verhindern. Deshalb frage ich meinen Mann, ob er für mich die Äpfel mitbringen kann, die ich beim letzten Einkauf nicht bekommen habe. Er macht mir freundlich ein abweichendes Angebot zur Verhinderung. Abweichung – er geht nicht wie gedacht heute einkaufen (Quelle für Beunruhigung), Abweichung – die Sorte ist falsch, Abweichung in der Zukunft – nähme ich die 4 Äpfel jetzt, würde er seinen Einkaufsplan für die Woche nicht einhalten können (Quelle für Beunruhigung), Abweichung in der Zukunft – würde ich diese Äpfel verwenden, würden alle Gerichte und Snacks, die ich damit mache, andere sein als die, die ich eingeplant hatte (Quelle für Beunruhigung). Offene Optionen: selbst nochmal fahren (macht Tages- und Wochenplan kaputt (Quelle für Beunruhigung), morgen früh fahren (same), Essplan ändern (same), die Äpfel annehmen und ungeplant eine neue Geschmackserfahrung machen (same))

Mein Mann kam später mit „meinen Äpfeln“ von der Hunderunde zurück.
Für mich war das total überraschend. Ich hatte nicht angenommen, dass er das tun würde. Er hatte mir doch dieses alternative Angebot gemacht [das Erlebnis ist eindeutig kategorisiert] und meine Aufgabe war, mich mindestens einer Beunruhigung zu stellen (mich auf eine Anstrengung/einen Kampf vorzubereiten, um mir ein Okaysein damit abzuzwingen, dass es Abweichung gibt, die weitere nach sich ziehen könnte) [in Folge der eindeutigen Kategorisierung arbeite ich mit den ebenfalls eindeutig kategorisierten Erlebniserfahrungen].
Dass ich innerlich so operiere – und von solchen Abweichungen überraschbar bis komplett überflutet (überfordert) werden kann, ist erklärbar mit Unbeweglichkeit. Starre. Persönlichkeitsbedingter Zwanghaftigkeit. Traumabedingtem Freeze. Autistischer Trägheit.

Einen traumabedingten Freeze würde ich bei einer vergleichbaren Situation daran erkennen, dass ich die Situation mit Gewalterfahrungen abgleiche oder gleichsetze. Bei der Apfel-Situation würde ich zum Beispiel davon ausgehen, dass mein Mann mir eine reinhaut, wenn ich die Äpfel nicht annehme oder ausdrücke, dass ich lieber doch gern hätte, dass er macht, worum ich ihn gebeten hatte. Oder, wenn ich in meinem Gesamtbild vor allem Katastrophenszenarien habe, die mich nicht nur beunruhigen, sondern tatsächlich ängstlich oder panisch machen.
Zur Prüfung einer persönlichkeitsbedingten Zwanghaftigkeit würde ich nach persönlichem Bezug bzw. persönlicher Mechanik suchen. Will ich das, damit ich weiß (kontrolliere) was mein Mann jetzt macht? Will ich das, damit ich diesen Bereich klar habe (kontrolliert weiß)? Würde mich an der ganzen Sache nur beruhigen, dass es Kontrolle gibt, dann würde ich einen Zwang in Betracht ziehen.

Ich wollte aber nur die Äpfel haben, die ich auf meinem Einkaufszettel hatte, die es jedoch an dem Tag, in dem Laden, in dem ich immer einkaufe, nicht gab. Und ich wusste, dass mein Mann üblicherweise jeden Tag auch noch woanders hinfährt. Ich hatte eine Erhaltungsrechnung angestellt: „Welche ‚für immer‘-Faktoren können die Abweichung kompensieren, ohne selbst dabei beschädigt zu werden?“
Diese Erhaltungsrechnung hat viel von traumabedingten Vermeidungstänzen, in denen die Leitfrage ist: „Was kann ich tun, um XY nicht tun zu müssen oder XY nicht ausgeliefert zu sein?“ Sie unterscheidet sich jedoch im Ergebnis bzw. Stressniveau. Für meine traumabedingten Vermeidungstänze waren (und sind manchmal noch) meine Grenzen und „für immer“-Kategorien scheißegal. Will ich etwas nicht machen, weil es Erinnerungsprozesse bei mir auslöst oder mich mit Traumainhalten konfrontiert, die ich als unkontrollierbar einordne, dann ist „Nein, weg hier“ der einzige „für immer“-Faktor, den ich erhalte. Egal, wie viel dabei kaputtgeht.

Die Lebensphase, in der ich gerade bin, erfordert von mir sehr viel Flexibilität und geistige Anpassungsleistung.
Ich arbeite in zwei Jobs, habe den Blog, den Podcast, Spontan„beratungen“ per Mail, Freund*innenschaften, die über viele Kilometer zu pflegen sind, eine Traumatherapie und eine medizinische Kinderwunschbehandlung.
Seit Monaten verlangt jede Woche sehr viele geistige Arbeitstransitionen. Ich muss oft sehr schnell, sehr stark umschalten, meinen „Train of thought“ von einem „für immer“-Gleis auf ein anderes umstellen. Ohne Planung, ohne Zeit für genau diese Umstellungsprozesse geht für mich sehr viel kaputt. Und zwar nicht nur in meinem Konzept von einem Tag oder einer Woche, sondern auch von den Dingen, die ich als „für immer“-Faktoren einordne und auf die ich mich verlasse.

Unverhinderlich in all dem sind Zufall, Lauf der Dinge, das Leben selbst. Auch wenn ich das geistige Umschalten, das Arbeiten im richtigen Modus (auf dem richtigen Gleis) schaffe, heißt das nicht, dass sich die Dinge nicht doch auf eine Art entwickeln, indem das, was ich einbringen kann, noch passt. Meine allgemeine Langsamkeit in der Erfassung des Gesamtbildes bedeutet eben auch, dass meine Anpassung verzögert ist. Und ich immer wieder von für Außenstehende offensichtlichen „Banalitäten“ oder nicht wirklich unvorhersehbaren Entwicklungen massiv überrumpelt werde.
Was manchmal schön ist, wie bei dem Beispiel mit den Äpfeln und manchmal hart an der Grenze dessen, was ich als einer seelischen Verletzung nah kommend einordne. Also einem Erleben, in dem das „Kaputtgehen“ von „für immer“-Faktoren dazugehört. Wo die Dissoziation meines Selbst- und Umwelterlebens einerseits biologisch bedingt ist – andererseits aber auch davon verstärkt wird, dass ich nicht schnell genug darin bin, bestehende Abweichungen zu kategorisieren. Ich löse mich dann nicht nur deshalb auf, weil unerträglich ist, was mir passiert, sondern auch, weil ich nicht in der Lage bin, eindeutig zu wissen, was eigentlich gerade überhaupt mit mir passiert. Und es nicht mal mit den (ja meistens wirklich mir freundlich und lieb zugewandten) Mitmenschen abgleichen kann.

Ich wende Skills an. Ich orientiere mich in der Gegenwart. Ich mache mir klar, dass mir gerade niemand tatsächlich schaden will. Aber eine Gegenwart, von der nicht ganz klar ist, wie sie ist, kann einfach nicht versichern. Die meisten Skills arbeiten zudem mit sensorischer Reizung oder mit Intellektualisierung als Vermeidung Ablenkung. Ich hingegen intellektualisiere schon im Extrem, wenn ich versuche zu erfassen, was mir jemand sagen will oder warum ich was wie genau eigentlich machen soll, wenn ich weder die Mechanik des Geschehens noch die Motive meiner Mitmenschen erfassen kann. Und der Stress, den ich dabei erlebe, dreht meine bereits erhöhten Empfindlichkeiten ins Extrem. Schon im Alltag reicht mir eine aufgelegte Hand, um mir sehr deutlich meine Körpergrenze aufzuzeigen. Eis, Ammoniak, kaltes Wasser, laute Ansprache, Gummiband ans Handgelenk schnipsen – das sind Dinge, die mich sensorisch, psychisch, geistig komplett entbeinen, weil ich sie in dem Moment als extrem schmerzhaft erlebe. Und zwar nicht Beinbruch-schmerzhaft sondern Nerv-entzündet-schmerzhaft. Und zwar global.
Mein Rahmen für die klassischen Skills ist entsprechend schmal. Ich kann sie nur zwischen „irritiert“ und „leicht beunruhigt“ erfolgreich und sicher für mich anwenden. Alles darüber hinaus ist für mich zu viel. Es schadet mir. Hat mich in meiner Klapsenvergangenheit psychisch, emotional verletzt.

Nach der Erfahrung vor nun fast zwei Wochen merke ich, dass ich mir Vorwürfe mache. Dass ich hätte anders reagieren können. Dass ich entspannter hätte sein können. Dass mich beschäftigt, warum ich denn for fucks sake immer so scheiß empfindlich und irritierbar bin. Warum ich denn Abweichungen nicht ein Mal einfach ziehen lassen kann, ohne meine innere Welt oder meine Vorstellung von der Welt komplett zerstört zu empfinden. Warum muss ich immer alles wissen und bin so blöd, auch noch andere Leute danach zu fragen, wenn ich doch schon weiß, dass sie das meistens nervt oder irritiert oder ihr Bild von mir verzerrt oder sie sich davon gegängelt oder kontrolliert fühlen.
Es hilft mir gerade nicht, realistische, faktisch richtige Antworten darauf zu haben. Mein Selbsthass speist sich ja nicht aus Faktenwissen.
Es hilft mir zu wissen, dass es von Anfang an eine traumanahe Erfahrung war, die sich überwiegend aus Faktoren, die außerhalb meiner Kontrolle waren, ungünstig entwickelt hat. Und dass ich in meinem Mann einen Verbündeten habe, der mir hilft, diese Situation für ihn und mich bedarfsgerecht nachzubesprechen und aufzuarbeiten. Es stärkt mich sehr, dass er für mich so eindeutig möchte, dass sich das nicht wiederholt und wenn nötig auch große Konsequenzen mit mir zieht. Er gibt mir, im Gegensatz zu mir, überhaupt keine Schuld oder macht mir Vorwürfe. Obwohl er mich manchmal auch zu empfindlich wahrnimmt oder sich von meinen Nachfragen zu Sachständen kontrolliert fühlt. Er erlebt das nicht als Widerspruch. In seiner „für immer“-Kategorisierung gibt es meine traumalogischen „für immer“-Faktoren nicht, nach denen ich jedes Recht auf Unversehrtheit verliere, weil ich existiere und das nicht verberge oder verschleiere oder der Situation angemessen verändere.

Wir wollen mit der Klinik nochmal in Kontakt gehen und das Ereignis besprechen. Mir ist schleierhaft, wie man darüber anders reden könnte als mit einer Faktensammlung und einem gegenseitigen Abgleich, zum Zweck der jeweiligen Anpassung. Also Entwicklung eines Sets von Erwartungen, die zwingend erfüllt werden müssen, damit es genau die Anpassung ist, auf die man sich gemeinsam geeinigt hat. Für mich ist damit klar, dass diese Anpassung von mir maximale Leistung erfordert. Für ihn ist das nicht so klar.
Ich beobachte ihn sehr genau dabei, wie er das navigiert. Ich habe nicht eine einzige „Für immer“-Erfahrung damit, dass irgendetwas wirklich und echt, ganz richtig nicht von mir erfordert, mich gegen mich oder meine intuitiven Impulse zu entscheiden, und also ohne jede Gefahr so langsam zu sein, wie ich eben bin.
Das wird spannend. Interessant.

Intensiv.