der behinderte Therapeut – von Kompensation und einen Bock mehr haben

Gestern haben wir zum ersten Mal mit einem Psychotherapeuten zu tun gehabt, der eine Behinderung allgemein sichtbar kompensiert.
Das war für uns etwas Besonderes und hat viel bewegt, unter anderem gerade weil er ebenfalls mit einer Behinderung lebt.

Er kompensiert eine Hörbehinderung und trotz Prothese muss er daneben noch viel selbst aktiv kompensieren, um andere Menschen gut zu hören. Für uns war es total gut das zu sehen.
Seine Kompensation ist mir überhaupt nur aufgefallen, weil ich mich davon bedrängt gefühlt habe, dass er immer wieder mein Gesicht bzw. mein Mundbild gesucht hat. Wir können es nicht gut haben, wenn Menschen uns mit ihrem Gesicht den Eingangsbereich in die Welt verstellen oder generell viel Bewegung in den Blickbereich reinbringen, weil es uns überreizt und überanstrengt. Er aber muss das ja machen. Obwohl er die Unterstützung durch ein Cochlea-Implantat hat.

Er war mir in der Situation ein gutes Vor_Bild davon, dass Behinderungen zu kompensieren nicht damit aufhört, dass man die beste™ Unterstützung hat, die möglich ist, um sich an die Menschen anzupassen, die diese Unterstützung nicht brauchen.
Und sein Verhalten hat mir deutlich gemacht, dass Kompensation ein aktiver Prozess ist.

Außer dem Begleitermenschen sagt mir niemand, was ich eigentlich immer übernehme, um meine Schwierigkeiten zu kompensieren. Und dass das einigermaßen viel und in aller Regel sehr viel mehr ist als andere Menschen machen müssen. Alle sagen mir immer nur, wie toll ich sie kompensiere. Wie viel ich so ganz toll schaffe und bliblablö. Was für mich eigentlich irrelevant ist, weil ich in der Regel froh bin, Dinge überhaupt verstanden und dann auch noch geschafft zu haben. Das ist in gewisser Weise das Einserschüler_in-Problem. Man strengt sich unfassbar an, wird aber für die 1 gelobt – nicht für die Anstrengung und auch nicht dafür, dass man sich diese Anstrengung überhaupt gegeben hat. Sie wird einfach als gegeben angenommen wie Luft oder Bäume. Einfach so da. Ganz selbstverständlich.

Meine eigenen Anstrengungen sind für das Außermir gleichermaßen unsichtbar. Und ich selbst denke oft, dass ich mich erst dann wirklich und richtig aufrichtig angestrengt habe, wenn ich in einem Kontakt in Dissoziation und danach vor Erschöpfung in Tränen zerfalle.
Meine eigene Aktivität, die aktive Kompensation der Behinderung, ist mir selbst nicht als außerordentliche Aktivität bewusst, denn ich kann mich dabei nicht beobachten und die Menschen, mit denen ich zu tun habe, müssen nicht kompensieren, was ich kompensiere. Was bedeutet, dass ich bei niemandem beobachten kann, was ich selbst immer mache.
Das bedeutet aber nicht, dass sie nicht da ist. Und auch nicht, dass sie selbstverständlich ist.

Bei dem Termin mit dem Therapeuten ging es darum abzuklopfen, ob wir miteinander arbeiten könnten.
Ich sagte ihm, dass ich schon sehr viele Therapeut_innen hatte und keine Haut mehr dafür habe, jemanden an mir lernen zu lassen. Mich als Anstoß für eine eigene berufliche Weiterentwicklung zu benutzen.
Ich habe das vor 8 Jahren auch unserer Therapeutin gesagt und musste in dem Moment daran denken. Wie ich das damals gesagt habe und doch damit okay war, dass sie sich selbst nicht als Expertin bezeichnen würde, aber versicherte, sie würde dafür sorgen, mir nicht zu schaden.
Wie ich damals den Schrei im Kopf und diesmal den Kloß im Hals hatte, als würde er gleich rauskommen und als alles zerstörende Bestie durch das Zimmer fahren. Nein, es ist echt nicht mehr drin. Nein, da ist keine Haut mehr. Da ist ein Ende, eine Grenze. Ein StoppAusEnde.

„Ja, das kann ich verstehen. Also dass man irgendwann keinen Bock mehr hat alles zu erklären und was das bedeutet“, hat er darauf geantwortet. Und ich hab mich verbunden gefühlt. Dass er das kennt, glaub ich. Sofort. Obwohl ich glaube, dass alle Menschen das kennen. Aber behinderte und chronisch kranke Leute kennen es einfach wie ich. Und er.
Für einen Moment war das wie damals in der Wohngruppe mit den ganzen anderen behinderten Mitbewohner_innen, in der wir kurz gewohnt haben. Als würden wir auf dem Sofa sitzen, rauchen und über die Welt, an deren Rand wir leben, reden. Weit weg. Als hätte das nichts mit uns zu tun, dass wir keinen Bock mehr haben uns erklären zu müssen. Als bliebe unsere Verweigerung folgenlos, weil sie nichts bedeutet.

In den letzten Wochen habe ich einen Brief an unsere Therapeutin formuliert. Am Ende, auf Seite 8, schreibe ich ihr, dass ich gemerkt habe, was das eigentlich für eine Aussage ist, wenn ich sage, dass ich keinen Bock mehr habe, mich zu erklären. Ich habe erkannt, dass ich das nur zu anderen Leuten mit meinen Anstrengungen im Leben sagen kann, um ernsthaft darin verstanden zu werden – und alle anderen das als vorübergehende Motivationslosigkeit verstehen. Verstehen müssen, denn sie sehen die Anstrengung ja nicht. Sie begreifen ja auch gar nicht, was ich ihnen damit offenbare. Sie begreifen nicht, dass ich ihnen damit sage, dass ich mich ihnen nicht zeige, mich vor ihren Augen verstecke. Mich ihnen und ihrer Einsicht entziehe. Aus dem Kontakt gehe und ihnen nichts weiter als einen reflexhaft Phrasen und Satzteile ausspuckenden Fleischsack zur Interaktion verfügbar mache, in den sie m.eine Persönlichkeit hineinprojizieren, um ihrem eigenen Handeln Sinn und Raum zu geben. Niemand begreift diese Art von Suizid.

Meine Verweigerung ergibt sich nicht daraus, dass die Kompensation in der Kommunikation, in der Erklärung, zu anstrengend ist. Sie ergibt sich daraus, dass sie nicht dazu führt, dass ich verstanden werde. Daraus, dass sie so oft vergeblich ist.
Und man doch nie umhinkommt, denn ohne Kommunikation keine Ver_Bindung.

die Auseinandersetzung mit der Therapie

„Ich muss mich schon auch hinterfragen, was die Therapie für mich eigentlich ist.“ Ich schaue aus dem Fenster und rolle das Kopfhörerkabel zwischen Daumen und Handinnenfläche. Am Telefon ist der Begleitermensch, dem ich die Therapiesituation zu erklären versuche, während sie für mich selbst noch nicht klar genug ist.
Wir haben alle zwei Wochen einen Termin. Liefern Material, haben Dinge aufgeschrieben, kommen im Grunde aber nicht dazu, das zu bearbeiten, weil Dinge passieren, die wichtiger sind. Same old also, aber verteilt auf alle zwei Wochen.
Ich bin frustriert. Verunsichert. Fühle mich wacklig vor innenkindlicher, innenjugendlicher Überzeugung, dass das alles einfach nur eine neue Art des Verlassenwerdens ist. „Sie entwöhnt uns“, drängt es mir immer wieder in den Kopf, wenn ich darüber nachdenke, was ich beim nächsten Termin besprechen möchte. „Lass es. Es hat keinen Sinn mehr. Du schadest dir selbst. Lass los.“ Und irgendwann, wie genau jetzt an diesem Samstag zum Beispiel, drei Tage vor dem nächsten Termin, merke ich: Ich habe etwas losgelassen, obwohl ich mich nicht dazu entschieden habe. Ich habe nichts notiert, weil es schon genug Aufgeschriebenes gibt, was wir besprechen wollten, sollten, müssen, ich kann es nicht mehr finden. Die Erinnerung, der Eindruck, das Ding ist weg und damit was auch immer ich in der Therapiestunde ordnen und konkretisieren zu können gehofft hatte.
Alles blank, als hätte ich mir nur eingebildet irgendetwas irgendwie mal gehabt zu haben, von dem ich dachte, dass die Therapiestunde dafür ein guter Rahmen sei.

Wir sind schon so lange in Therapie, dass es legitim ist zu fragen, ob es überhaupt noch das bringt, was man erreichen will und braucht. Wir sind in einer Pandemie und es gibt viele Menschen, die genau jetzt akut Hilfe brauchen. Viele meiner akuten Probleme haben weniger mit akuter posttraumatischer Belastung zu tun als damit, dass meine Dysfunktionalität (die praktisch durchgehende Dissoziation) dysfunktional wird – was vielleicht etwas ist, womit man so oder so ohne therapeutische Hilfe klarkommen muss? Weil, tja, also welche Traumatherapie wird je so lange bezahlt, dass diese Phase der Traumaverarbeitung genauso begleitet werden kann, wie die der akuten Symptome?

Ich könnte mein inneres Blanko, mein leeres Regal leer sein lassen und einfach weitermachen. Es funktioniert ja. Das haben wir ja erreicht. Mein leeres Regal beeinträchtigt meine Alltagsfunktionalität nicht mehr, weil ich nicht mehr die krass unkontrollierbaren PTBS-Symptome habe. Wenn eins aufkommt, kann ich es kontrollieren, sofort verkopfen und weiter machen.
Und weil meine Kindheit und Jugend vorbei ist, ist es ja im Grunde eh egal, wenn ich eine oder zwei Erinnerungen daran schon wieder verdisse, bevor sie mir eingeordnet und integriert ist. Niemand wird kommen und mich abfragen. Und ich weiß ja schon, dass es immer nur um irgendwelchen Abfuck geht, nach dem heute kein Hahn mehr kräht.

Im Gespräch mit dem Begleitermensch merke ich, wie ich die Entscheidung der Therapeutin verteidige, wie ich meine Mutter lange verteidigt habe, wenn sie Entscheidungen getroffen hat, die bedeutet haben, dass ich alleine mit Situationen war, die mich hoffnungslos überforderten. Registriere das Mamiding dadrin, bin kurz erschrocken, dann wieder völlig klar. Wieder lasse ich irgendetwas los ohne zu wissen, was genau und werde mir bewusst, dass auch das wieder etwas ist, das in der Therapie unbesprechbar wird.
Wieder bröseln mir Inhalte auf ein Maß zusammen, das ich deutlich spüre, aber nicht zusammenkriege.

Der Begleitermensch bietet an, wieder öfter in Kontakt zu sein. Das verändert etwas.
Ich merke, dass ich weniger Angst davor bekomme, wieder in die alte ohnmächtige Sprach- und Erklärlosigkeit zu geraten. Auch gegenüber der Therapeutin. Und ich merke, wie sehr mich das in meinem Erwachsensein stärkt.
Merke aber auch, dass das etwas ist, was ich brauche – und immer gebraucht habe – um die Therapie so machen zu können, dass ich wirklich auch mal fertig bin und nicht ständig das Gefühl habe, eigentlich nie alles sagen zu können, was ich wichtig finde, weil es den Rahmen sprengt, den Intellekt, den Mut, die Offenheit meines Gegenübers übersteigt oder, weil ich nicht die Kraft Geduld Kraft habe, alles so zu erklären, dass nicht noch mehr Redezeit für solche für mich inhaltlich wie persönlich irrelevanten Schleifen, draufgeht.

Ich will mich nicht dafür verurteilen, dass ich nach so langer Zeit in dieser Therapie bestimmte Schritte nicht schneller, besser, umfassender hinkriege. Merke aber, dass ich auch immer noch nicht richtig dahin komme zu akzeptieren, dass wir uns hier seit Jahren in einer Therapieform abmühen, die einfach größte Barriere für uns beinhaltet: Kommunikation und Interaktion – also: Reden, um zu verstehen.
Wir machen hier nicht nur etwas, was schwerfällt, weil die Dissoziation, Scham oder Täter_innendrohungen dauernd dazwischenfunken und Dinge schwer zu benennen macht, sondern kompensieren auch den Autismus und alles, was da im Gepäck dabei ist. Dazu gehört, dass wir mehr Zeit, mehr Umwege, längere Phasen der Auseinandersetzung brauchen – und ja, das alles auch in total heiklen Momenten, wo links und rechts meterhohe Triggertürme sind, die jederzeit kippen könnten und uns wieder durch das Trauma schicken.

Als Erwachsene_r will ich mir sagen: Hey, take your time. Du machst das nicht mit Absicht, du gibst dein Bestes, die Fortschritte zeigen das. Es ist nicht wirkungslos, diese Therapie zu machen.
Als Patient_in, die_r es mit großer Wahrscheinlichkeit nicht noch einmal schafft, sich so an eine_r Behandler_in zu binden denke ich: „Wenn ich nur nicht so scheiße wäre, wie ich bin, dann…“

Als jemand, die_r eine Lösung sucht, bin ich überfordert.
Und das ziemlich.

einen anderen Topf bewachen

Kassenfinanzierung die x-te.
Wir kommen aus einer Therapiestunde, die ehrlich war, vielleicht zu ehrlich. Ein bisschen was tut weh, ein bisschen was ängstelt. Es gibt ein Problem, über das ich hier im Blog nicht näher schreiben, allein in meinem Kopf nicht nachdenken will. Ich schreibe eine Liste, die sich anfühlt wie die Anbahnung eines Urteils über den Rest meines Lebens. Mit Traumalogik zum Schafott in zwei Gedankensprüngen, ich kanns einfach immer noch.

Meine Liste klopft meine Therapiemotivation ab. Meine Möglichkeiten, meine Fähig- und Fertigkeiten. Die Frage, wie lange noch und wie lange noch mit unserer Therapeutin. Aber auch was noch und wie, damit es nicht länger der lose Haufen bleibt, der nicht mehr unbewusst, aber noch lange nicht sortiert und eingeordnet ist.

Mir wird warm, mein Kopf ist eng, irgendwann weine ich und denke, wie unfair das ist, dass ich schon so viel Zeit hatte und doch nicht genug, um alles zu sagen, was ich sagen wollte.
Dabei fällt mir eine Episode der Serie „Kyle XY“ ein. Darin sind zwei künstlich erzeugte Jugendliche eine Art Biocomputer, in deren Gehirn unfassbare Datenmengen versteckt wurden. Als der einen Person durch eine Aktion all diese Daten ins Bewusstsein geschwemmt werden, versucht sie verzweifelt und unter Schmerzen alles aus sich herauszubekommen und schreibt in winziger Schrift auf die Wände um sich herum.
Mein Leben lang habe ich Angst vor so einem Zustand. Vor einem Moment, in dem ich der Informationsmasse in meinem Kopf hilflos ausgeliefert bin, weil es keinen schnellen Download gibt. Das Schreiben hilft, die Möglichkeit zu sprechen auch – egal, ob in der Therapie oder woanders – aber wie bei jedem nötigen Datentransfer ist es am besten, wenn man lediglich die Daten übertragen muss, die wirklich gebraucht werden und nicht alle, die möglicherweise auch noch sinnvoll sind.

Eines meiner größten Probleme ist, dass ich nie weiß, wer was wissen muss, um mich zu verstehen. Ich fühle mich permanent dazu gezwungen, einen großen Download zu schaffen, während ich den Upload von der anderen Person in mir prozessieren soll – während aber gleichzeitig nur Zeit und Verarbeitungskapazität für insgesamt sehr viel weniger Datenmenge und ihren Transfer ist.
Die Mengen, mit denen ich hantiere, sind überfordernd für die meisten Leute, mit denen ich zu tun habe. Ich muss oft warten, nachlegen, abgleichen, Verständnis aufbringen und von irgendwo aus mir herausquetschen, dass das okay so ist, wenn das was in mir ist, einfach nicht so herausgeschossen kommen kann, ganz egal, wie sehr mich das frustriert, nervt, hibbelt. Es hilft ja nichts. Mehr ist mehr und wo mehr nicht reinpasst, da ist mehr bloß Verschwendung oder Überstimulation.

Ich habe früher immer gedacht, dass diese Geduld und das Okaysein mit dem permanenten Warten auf anderer Leute Verarbeitungsprozesse eine Erwachsenenfertigkeit sei. Ich komme mir noch heute wie ein gemaßregeltes Kind vor, wenn mir jemand sagt, ich sei zu schnell, man könne nicht verstehen, man brauche mehr Zeit, mehr Ressourcen, mehr Kapazitäten, um mir im gemeinsamen Austausch gerecht zu werden. Wie ein Kind in Hurrikangestalt. Ein Wirbelwind – nur nerviger. Zerstörerischer. Notwendigerweise zu kontrollieren, kleinzuhalten, in einen stilleren Stand zu bringen.

Auf meine Verarbeitungsprozesse hat noch nie jemand gewartet. Bis jetzt.
Die Therapeutin nennt es einen „Knoten“, den sie noch nicht richtig versteht oder nachvollziehen kann, der Psychiater, der die ASS bei uns bestätigt hat, nennt es eine typische Problematik von hochbegabten Menschen mit Autismus, ich nenne es g’ttverdammte Kackscheiße. Will nicht, kann nicht, schaffe nicht, weiß doch auch nicht.

Ich frage mich, ob unsere Therapeutin manchmal über unserem Kram gesessen hat und wie ich gerade einfach keinen Bock mehr hat. Weil es anstrengt, weil es über_fordert und so selten leicht ist. Weil es dankbarere Arbeiten gibt, weil es für sie leichter ginge, würde sie sich nur dafür entscheiden.
Ich schreibe wieder die Frage auf meine Liste, ob meine Kapazität erreicht ist und mehr einfach nicht erreichbar ist. Wir haben viel erarbeitet, sehr viel, obwohl nie genug Zeit war, obwohl nie genug Aufnahme- und Verarbeitungskapazität da war, obwohl manches Wissen immer noch nicht da ist. Vielleicht geht mehr nicht. Mit ihr. Mit mir. In diesem System, zu diesem Zeitpunkt.
Dann fällt mir auf, wie ruhig ich da sitze und darüber nachdenke.
In der Küche wird das Abendessen warm, draußen rauscht die Straßenbahn lang, ich bewege diese große Thematik in mir und bin immer noch da. Bedrängt von Kinderinnens und Jugendlichen, die den Beziehungsabbruch fürchten, sichmichuns hassen, weil wir so sind und nicht anders, aber doch klar. Erwachsen, voll da.

„Ein bewachter Topf kocht nicht“, hatte der Psychiater zu mir gesagt und damit gemeint, dass man manche Prozesse nicht sieht, wenn man sie dringend sehen will. Da ist wohl was dran.
Ich falte meine Listen zusammen und verstaue sie im Kalender. Der nächste Therapietermin ist erst in zwei Wochen, der mit dem Psychiater in knapp 2 Monaten. Im Moment ist der wichtige Topf sowieso der mit meinem Abendbrot drin.

mein Trauma gehört mir – alles davon

Ich bin in dem Glauben erwachsen geworden, die Traumafolgestörungen mit denen ich lebe, seien eine Art Manifestation der erlebten Traumata in mir. Was mir passierte, war mir allein passiert und deshalb passierten die Symptome auch in mir allein und deshalb musste ich in die Psychiatrie, in Therapie, in die Opferrolle, in ein Leben, das nie wieder frei von der Thematik und allem, was sie mit sich bringt, sein kann.

Welche Rolle was in meinem Leben gespielt hat, ist für mich bis heute Forschungsgegenstand.
Ich schaue nicht auf die Gewalt in meinem Leben und sehe tausend Traumata, verurteile Täter_innen als schlechte Menschen und bewerte jedes schwierige Ereignis als Trauma. Wie bei einfach allem sehe ich mich vor einem riesigen Haufen von Stücken und Details, die ich mir immer wieder und wieder, ganz bewusst und in aller Anstrengung zu Kontext, zeitlicher Reihenfolge, Ursache und Wirkung zusammenpuzzeln muss, was immer oft überfordert und ein ganz eigenes traumatisierendes Potenzial in sich trägt.

Ich weiß, dass ich, was mein eigenes Leben angeht, viel viel langsamer bin als Äußere. Für mich ist nicht mit einem Blick alles klar. Für mich sind viele der Zusammenhänge von Trauma und aktuellem Leiden nicht so klar, wie man das zuweilen von mir erwartet.
Ich lebe in einer manchmal wirklich albtraumhaften Realität der Inkongruenz und Widersprüchlichkeit aus der ich nicht rauskomme, weil ich sie empfinde, sie aber nicht in mir passiert und es trotzdem von niemandem wahr.genommen wird. Damit meine ich zum Beispiel Situationen des gegenseitigen Missverstehens, die sich ja immer dadurch ergeben, dass man sich jeweils nicht auf die gleichen Dinge bezieht oder zu unterschiedlichen Schlüssen kommt, weil man unterschiedliche Vorannahmen hat oder unterschiedliche Bewertungen vornimmt.
Damit meine ich aber auch Situationen, in denen ich überfordert werde, weil man Dinge über meine Haltungen und mich annimmt, die nicht stimmen – und von mir auch nicht richtig gestellt werden können, weil man mir nicht glaubt, oder falsch interpretiert, was ich sage.

Übrigens ein Grund, weshalb ich „Loriot“ so abgrundtief traurig und schlimm finde.
Alle lachen über jemanden, der nicht aus einem Missverständnis heraus kommt oder der nicht gegen eine Struktur ankommt, die aller menschlichen Logik widerspricht, egal was er tut oder sagt. Ich habe bisher noch nicht eine Person getroffen, die in der Wahrnehmung der Grausamkeit dessen mit mir übereinstimmt oder sich wenigstens mal ein bisschen hineinfühlen kann, wie es ist, was es für einen Eindruck macht, wenn man sieht: Für andere ist das, was mein tägliches Leben im Kleinen wie im Großen, im Dringlichen, wie Brandgefährlichen im Kern ausmacht, ein Witz. Ein Moment sozialer Verbundenheit mit allen, die das auch als Witz empfinden. Etwas, das dazu beiträgt, Leichtigkeit ins Leben zu bringen. Inkongruenz ist für sie die Ausnahme. Und zwar so sehr, dass sie als Witz taugt.
Sie haben die Unaushaltbarkeit von Un- und Missverstandenheit nie als so bedrohlich, so umfassend isolierend, so traumatisierend erlebt wie ich – und sie erleben sie nicht jeden Tag in all ihrer Unauflöslichkeit, Unverhinderbarkeit, Unerträglichkeit.
”Meine Menschen” erleben das wenn, dann mit mir. Und manchmal können wir einander nähern, indem wir darüber reden, doch oft frage ich nach, lasse mir ihre Sicht erklären und nehme das an. Bis ich fertig bin, meine Sicht zu erklären – und verständlich zu machen – , bis ich fertig bin, formulieren zu können, was ich meine oder glaube oder auf welches Hintergrundwissen ich mich beziehe, ist meine Kraft vorbei oder die der anderen Person. Oder der Rahmen passt nicht oder es ist nicht wichtig genug oder das Risiko, dass wir in Streit geraten ist mir zu hoch.

Gerade Streit will ich vermeiden, weil der Grat zur Aggression und Wut für mich ein haarfeiner ist.
Meine Wut, meine Aggression wurde mir immer als Kraftquelle angerechnet, aber treffen soll sie nie jemanden. Wie meine Traumafolgesymptomatik soll ich sie fühlen, passieren soll sie aber nirgendwo.

Ich schreibe das hier gerade alles auf, weil ich – inmitten meiner Recherchen zu Autismus und Trauma – sehr stark an Traumata erinnert werde, die ich als solche nicht ausdrücken, nicht kommunizieren, nicht haben darf (read as: keine soziale Erlaubnis dafür haben), weil sie nicht die Art Trauma sind, wie sie im DSM-5 stehen.
Ich merke, dass ich noch gar nicht genug wütend war bisher. Noch gar nicht zerstörerisch, aktiv rachsüchtig, willentlich verletzend, laut, er_schreckend und brutal genug war – nicht einmal in meinen Gedanken. Ein einziges Mal war ich in den letzten Jahren so wütend, wie ich es innerlich bin und die Bestrafung folgte auf dem Fuß. Und niemand war in dem Moment für mich da. Niemand hat meine Wut legitimiert. Niemand hat meine Verzweiflung, meine Ohnmacht, die Unaushaltbarkeit der Wut und meiner Überforderung von allem, überhaupt begriffen oder irgendein Verstehen angedeutet. Das einzig Gute war, dass ich sie erschreckt habe. So hat wenigstens niemand gelacht und dass ich krasse Gefühle hatte, war eindeutig für alle.

“Mein Trauma gehört mir”, ist mir gerade ein starker Satz.
Während ich mich durch dutzende Studien arbeite, die dann zu Fußnoten hinter meinen Aussagen werden, realisiere ich, dass in der ganzen Zeit der Traumatherapien – egal, wer mich wie behandelt hat – nie eine Rolle gespielt hat, was konkret das traumatisierende Element für mich war. Immer wieder wurde und wird mir angetragen, dass die Situation an sich eine traumatisierende gewesen sei. Vergewaltigt zu werden, misshandelt, ausgebeutet zu werden kann traumatisierend sein, ja, aber es ist eben nicht nur das Geschehen dessen, sondern auch, das Erleben an sich, das traumatisieren kann.
Kein traumatisierend wirkendes Ereignis passiert allein in einer Person. Jede zwischenmenschliche Gewalt passiert zwischen Menschen.

Zwischenmenschliche Gewalt ist ein Kommunikations- und Interaktionsgeschehen.

Zu realisieren, dass unsere Interaktions- und Kommunikationsprobleme offenbar nie auch als Teil einer Traumatisierung oder als Trigger gedacht werden, fühlt sich im Moment sehr schrecklich an und ich kann gerade nicht sehen, ob ich das je vergeben kann – und will, denn es war immer und immer und immer wieder Thema. Immer wieder haben wir das auszudrücken versucht und immer wurden – und werden – wir mit der Klarstellung der Rollen in Täter_in(en) und Opfer überfahren, als wäre das alles, was dazu wichtig zu verstehen sei.
Es gibt viele Menschen, denen das hilft und reicht. Mir reicht es nicht. Am Ende meiner Auseinandersetzung mit dem, was mir passiert ist, soll kein Urteil oder eine Bewertung über die traumatisierenden Ereignisse oder die Täter_innen stehen. Ich habe bereits ein Urteil und eine Bewertung über den Umstand überhaupt traumatisiert worden zu sein, und über die Täter_innen stehen mir weder Urteil noch Bewertung zu, denn ich habe von vielen nur ihre Taten an mir erlebt, aber weiter nichts. Was ich will, ist Kontext. Ich will ein Narrativ. Ich will meine Geschichte. Ich will keinen ungeordneten Haufen Details, die sich unterschiedlich fremd und nah anfühlen, irreal, unverständlich, unlogisch und bizarr. Ich will mich in meinen Erfahrungen und mir zurechtfinden können. Dabei wird mir kein Urteil jemals helfen.

Am Dienstag hatten wir eine Online-Therapiestunde in der ich, nach einer halben Stunde, in der ich wiederholt versuchte mich und ein Thema von mir zu erklären, die Verbindung unterbrach, weil ich merkte, wie ich jeden Moment entweder ausraste und alles um mich herum oder mich selbst zerstöre. Ich hatte das Gefühl, dass die Therapeutin mir einen wesentlichen Aspekt meiner Traumatisierung wegnehmen will, indem sie meine Versuche eine andere als meine eigene Perspektive auf unser Familienleben einzunehmen, um vielleicht zu weiteren, anderen, Einschätzungen und damit auch Möglichkeiten des Verstehens zu kommen, mit dem Implizit begegnete, dass doch schon alles klar sei. Wir Opfer, die_r Täter_in, fertig. Was hat es denn da für einen Zweck noch irgendeine andere Perspektive drauf zu haben? Was sonst außer, dass da Gewalt passiert ist, könnte denn noch relevant sein?

Sie schrieb mir eine Nachricht, dass mein Verhalten inakzeptabel sei.
Ich konnte nicht anders als zu denken: “Ja, passt doch. Alles das hier ist verdammt noch mal inakzeptabel.”

31072020 – Ernte

Als wir noch in der Stadt gewohnt haben, war unsere Wohnung eine Insel. Manchmal auch ein Bunker.
Ja, wir haben den Nachbarn telefonieren gehört und wenn das Müllauto durch unsere Straße fuhr, hat alles gewackelt, aber es war ruhig. Ja, die Grünflächenpflege wurde nie angekündigt und deshalb kam das stundenlange Dröhnen der Aufsitzrasenmäher und Laubpuster stets unvermittelt – ja, das war auch da.
Aber dort wurde nie geernet. Nie mit Gülle gearbeitet. Nie hat dort jemand illegale Minimotorradselbstbauten gebastelt und Testfahrten gemacht. Um halb 8 am Abend ohne Sinn und Verstand. Keiner unserer Nachbarn war Truckfahrer. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich im Bullergeddo mal 3 Tage hintereinander immer wieder dröhnenden Krach über länger als 20 Minuten ertragen musste.

Die Ernte gerade verlangt uns wirklich viel ab. Die Nachbarn auch.
Und wir noch oben drauf. Logisch. Trauma_logisch.

Wir verlangen von uns, den Schmerz wegzudrücken. Wir verlangen uns Atemübungen ab, zählen uns runter. Aktivieren unsere Rationalität und halten sie aktiv so weit es geht. Wir tragen unseren Gehörschutz unter den noise cancelling Kopfhörern, um im Büro arbeiten zu können. Lassen nicht zu, dass uns die Motorik komplett entgleist, während links von uns eine Maschine so groß wie ein Einfamilienhaus und rechts eine kleinere Roggen ernten, direkt am Weg jemand Steine schneidet, während wir telefonieren und die Hunde links und rechts an all dem so schnell wie möglich vorbeidrängen. Mein Gang wird dennoch staksig, mein Verständnis für das, was ich sehe, verzögert sich immer weiter, wir stolpern den Weg so weit es geht, nur um zu merken, das da noch eine dritte Maschine unterwegs ist und die Welt einen Moment lang eine ausweglose Hölle. Und wir atmen, staksen, sind Kopf, Wort, Gespräch, stolz nicht zu weinen, nicht gefallen zu sein, nicht in Traumashit zu rutschen. Die Hunde noch fröhlich schnuppernd an den Leinen zu haben.

Wir gehen weiter. Da vorne ist ein Miniwäldchen. Schatten. Entfernung zu dem Krach. Endlich. Wir erwarten von uns, uns nicht zu bemitleiden, nicht zu bedauern, dass wir jetzt hier sind und nicht im Teutoburger Wald, wo durchgehend Schatten und überwiegend Waldstille ist. Wir erwarten von uns, dass wir akzeptieren, dass es so ist wie es ist und immer wieder so sein wird.

Wir haben früher schon ländlich gelebt. Da haben wir in solchen Zeiten Paracetamol überdosiert. Später Ibuprofen, weil Paracetamol ja so schlecht für die Leber ist. Damals haben wir nicht von uns verlangt, den Schmerz, der mit dauerhafter Überreizung einhergeht, einfach so zu ertragen. Da haben wir uns dazu geäußert und die Menschen haben uns gesagt, man könne da nichts dran ändern, nur damit leben. Es nervt ja alle. Von „Schmerz“ zu sprechen sei völlig übertrieben und reparaturbedürftiger Fehler in uns. Und dann haben wir angefangen uns aufzuschneiden, um den Schmerz echt zu machen. Einen Schmerz zu erleben, gegen den man etwas machen kann. Mit dem uns niemand zu leben wünscht. Den alle sehen und anerkennen. Der die Erwartungen an uns weniger statt mehr werden lässt.

Heute sind die Erwartungen an uns nicht mehr formuliert. Wir enttäuschen sie in der Regel ohne jedes Vorzeichen. Erwarten von uns, nicht so viel darüber nachzudenken, weil Erwartungen mehr mit Gewohnheit zu tun haben als damit, dass sie berechtigt sind.

Heute ist Krachtag 3. Ich habe beinahe einen Nachbarschaftskrieg angefangen, den der Freund noch rechtzeitig verhindert hat.
Er kann bei offenem Fenster schlafen, während die Erntemaschinen dröhnen und der Nachbar seinen 10 Quadratmeter-Rasen mit seinem Aufsitzmäher von 5 Millimeter Höhe auf 2 Millimeter Höhe schneidet.

Ich weiß, dass niemand von uns erwartet, mit etwas zurechtzukommen, das sich für uns zuweilen als nicht vereinbar mit dem Leben darstellt. Ich weiß das, weil ich weiß, dass es sich für die meisten nicht so anfühlt, sondern einfach nur laut. Wenn überhaupt.

28072020 – Liebe im Spektrum

Bei Netflix gibt es eine neue Serie, die „Liebe im Spektrum“ heißt und junge autistische Menschen auf der Suche nach Beziehungspartner_innen begleitet. Die erste Folge hat einen problematischen Start, weil Autismus erklärt wird und das wieder nur in Abgrenzung zu Menschen, die nicht autistisch sind. Auch das Datingverhalten der Protagonist_innen wird an dem Datingverhalten nicht autistischer Menschen gemessen.

Aber dann wirds schön. Und ihr solltet euch das angucken, wenn ihr könnt. Es ist toll, behinderte Menschen als sexuelle Wesen zu sehen. Es ist mega, zu sehen, dass autistisch zu sein nicht für alle bedeutet, auf andere Menschen, auf Beziehung, auf Intimität verzichten zu können oder zu wollen. Es tut gut zu sehen, wie sie sich dann treffen und kennenlernen und wie sie ihre Ideen und Haltungen in die Treffen einbringen.

Ich habe gemerkt, dass unsere Position zu Liebe und Beziehung gar nicht mal so awkward ist, wie wir dachten (naja ehrlich gesagt: Ich dachte ^__^°).
Dadurch, dass die Protagonist_innen gefragt werden, wie sie über Liebe und Beziehungen, Kinder haben und ähnliches denken, merkt man, wie individuell die Haltung dazu sein kann, aber auch, wie okay sie ist, selbst wenn die meisten Menschen andere Haltungen haben.

Minuspunkt ist: Dating
Gestern Abend haben wir verstanden, dass Dating das soziale Vorspiel vor dem sexuellen Vorspiel zu sein scheint und deshalb für viele so wichtig ist. Was wir immer noch nicht verstanden haben – und das liegt einfach daran, dass bis in Folge 4, wo wir gerade sind, Datingverhalten als solches überhaupt nicht hinterfragt, sondern als etwas dargestellt und auch beigebracht wird, das man eben auf bestimmte Art machen muss – wieso man es nicht anders macht. Oder nicht prinzipiell sein lässt.

Für uns ergibt es keinen Sinn und ich glaube, dass es an unserer Haltung zu Liebe und Beziehung liegt.
Liebe ist für uns ein vorübergehendes Gefühl. Mal liebt man, mal liebt man nicht. Nur weil man gerade jemanden nicht liebt, hasst man ihn nicht oder ist ihm_ihr gegenüber gleichgültig. Vielleicht liebt man gerade nicht, aber ist herzlich verbunden, oder zärtlich, oder sanft, oder fürsorglich, oder kumpelig, oder innig. Gefühle sind auch ein Spektrum. Manchmal ist es schwierig für uns sie herauszufinden, besonders, wenn es mehrere gleichzeitig sind und dann vielleicht auch noch starke Gefühle, aber Liebe ist auf jeden Fall immer nur eins von vielen und das ist genauso temporär wie Wut, Trauer, Heiterkeit.
Liebe ist aber auch ein sozialer Wert und der wird beim Dating abgeglichen. Dabei werden beide (alle) beteiligten Personen zum eigenen Maßstab (zur eigenen Norm) und wenn die andere.n Person.en dieser Norm entspricht bzw. mit dieser als kompatibel erscheint, dann öffnet man sich für die nächste Prüfung, nämlich die der Verliebtheitserfahrung, die sich in folgenden Dates entwickeln kann, aber nicht zwingend auch tut. Deshalb ist bei einem Date allein nur diese Wertprüfung möglich und der Rest erst später.

Was für uns unlogisch ist, ist die Energieverschwendung dabei.
Wir haben den Freund zum Beispiel über Twitter kennengelernt. Unsere Wertprüfung fand dort statt. Als wir uns zum ersten Mal getroffen haben, waren wir schon in einer Beziehung zueinander – nur keiner sexuellen oder emotional sehr innigen. Unser Kontakt hat sich entwickelt, und so auch die Möglichkeiten für eine Verliebtheitserfahrung. Wir haben aber nie extra dafür gedatet, sondern einfach so Dinge erlebt und gemacht. Wir hätten auch sehr verbundene Freund_innen werden können, die einander lieben und auch Sex haben, aber deshalb noch lange keine „klassisch monogame Zweier-Liebesbeziehung“ miteinander eingehen. Das Dating, das sie dort in der Serie zeigen und das man ja oft im Fernsehen sieht oder in Unterhaltungsromanen liest, setzt das aber als Ziel irgendwie immer voraus.
Und das erscheint uns unfassbar anstrengend. Überhaupt schon die Idee, man dürfe immer nur eine Person lieben und mit nur einer Person Sex haben, wegen eines sozialen Status allein, was ist das für ein Quatsch. Darf man dann auch nur wütend auf diese Person sein? Sicherlich nicht – warum darf unsere Wut alle und alles zum Ziel haben, aber unsere Liebe und sexuelles Begehren nicht? Absolut unverständlich. Und anstrengend für beide – dann müsste man sich ja ständig schlecht fühlen und immer aufpassen und immer lieb(e)los und asexuell mit allen und allem sein. Was ist das denn für ein Leben? Grauenhaft stelle ich mir das vor – einfach ganz ganz schrecklich.

Naja. Aber vielleicht ist das für andere Menschen anders (also nicht so anstrengend, wie wir das erleben) und sie ticken anders und deshalb sind wir an der Stelle nicht kongruent. Ist okay. Offensichtlich kommen Menschen auch so glücklich zusammen und das ist ja am Ende das, was für viele sehr wichtig ist.

 

P.S. Ich hab grad gedacht, dass für viele Leute ja auch anstrengend sein könnte, sich emotional auf mehr als eine Person einzulassen. Das ergibt Sinn für mich. Wär cool, wenn das in der Serie noch Thema würde. So ist es halt irgendwie einseitig auf jeden Fall.

PPS Was ich nicht mit in den Text geschrieben habe, weil ich es nicht prüfen konnte: Die Serie ist sehr weiß. Es gibt nur einen Charakter (Kelvin), der nicht weiß oder wenigstens white passing ist. Im Hinblick auf die Probleme Schwarzer autistischer Menschen unverzeihlich.

24072020 – there is no psychotherapy without ableism

Über die Dauer des Umgangs mit der DIS-Diagnose zu schreiben war schmerzhaft.
Es ist keine Erfolgsgeschichte für mich. Tatsächlich ist es eine Geschichte, die mich zuweilen so wütend macht, dass ich merke, wie etwas in mir reißt und als Tränen rausbluten könnte. Würde mir das nicht so ekelhaft selbstmitleidig vorkommen. Und nichts nützen. Das noch dazu.

Ich darf nicht zu nah an die 6 Jahre Therapie in Täter_innenkontakt kommen. Erst recht nicht, wenn ich an die Behandler_innen denke, die durchaus auch darunter leiden, zu wissen, dass sie möglicherweise oder auch ganz sicher Klient_innen haben, die noch verletzt werden. Es ist nicht fair, wenn ich wütend auf unsere damaligen Behandler_innen bin. Was hätten sie machen sollen. Was hätten sie machen dürfen. Bliblablö schon tausend Mal durchgesungen dieses Lied.
Aber.
Okay ist das nicht. Und es geht nicht zusammen mit der Botschaft all der Aktionen und Kampagnen, die sich an Opfer und zu Opfern gewordene richten mit der Botschaft, man solle sich melden oder etwas sagen. Wir haben so lange so viel gesagt und es ist nichts passiert, das so richtig grundlegend etwas verändert hat, denn am Ende sollte ich, sollten wir, als die mittellose, familienlose, zutiefst verletzte und verängstigte junge_r Erwachsene_r eine Verantwortung für uns tragen, die uns nie zuvor gelassen wurde. Es ist so unfassbar, so tief schmerzhaft das zu begreifen. Wir haben nie Verantwortung für uns selber gelernt. Die Natur der Gewalt, in der wir aufwuchsen, hat es nicht zugelassen, dass wir uns überhaupt fühlen oder wahrnehmen als jemand, die_r etwas tragen, halten – aktiv tun – kann. Die uns – ja ich schreibe das jetzt so – aufgezwungene, weil immer alternativlose – Psychotherapie hat da etwas von uns verlangt, das wir noch gar nicht konnten. Ganz banal als Fertigkeit. Als Lernergebnis.

Sich aus dem Täter_innenkontakt zu lösen, ist nicht der diffuse Wertwandel allein, als der es oft dargestellt wird. Es ist immer auch eine Entscheidung gegen die Dinge, die in der Gewaltdynamik als Privileg gelten – nicht immer geschlagen werden zum Beispiel. Oder „ja nicht immer überfordert zu werden“. Oder „zu wissen, was man machen muss, damit man nicht immer die_r ist, der_dem was passiert.“ – aber auch gegen Dinge, die von Relevanz auch außerhalb der Gewaltdynamik sind – Familienzugehörigkeit und darüber finanzielle Ressourcen, soziales Kapital und Zukunftsperspektiven zum Beispiel –
Das sind Dimensionen und Konsequenzen, die man schon als jemand ohne DIS, ohne weitere Be_Hindernisse im Leben kaum überblicken kann. Niemand weiß vorher, ob sie_r genug kann und weiß, was es braucht, um sie voll und ganz zu tragen. Niemand. Jemals.

Es gibt viele Menschen, die sagen, dass sie nach der Gewalt das Leben neu lernen mussten. Auch unsere Forschungsfrage ist ja „Wie geht Leben (mit anderen Menschen?)“. Diese Frage wird oft als Erfahrungssammlung betrachtet. Als etwas, das sich ergibt, weil man das Leben (zu leben) nach der Gewalt erfährt. Erfahrungslernen ist, was die Anpassungsmechanismen ermöglichte und hat entstehen lassen und man behandelt Gleiches mit Gleichem. Mit guten Erfahrungen gegen die schlechten. Der Lernprozess dabei wird praktisch nie wirklich konkret als Aufzählung von notwendigen Fähig- und Fertigkeiten dargestellt, sondern als das, worin sich Fähig- und Fertigkeiten zeigen.
Stichwort „Abhängigkeiten auflösen“, „Vertrauen entwickeln“ oder „erlernte Hilflosigkeit verlernen“ – die Ausgestaltung des Lernprozesses selbst und was dafür nötig ist, um zu lernen, ist jedoch nach wie vor nicht sonderlich beschrieben. Man weiß, was hilft, man weiß, was schadet, aber wie jemand lernt, die_r Lernbehinderungen kompensiert; wie jemand begreift, die_r sehr oder ausschließlich wörtlich versteht, das taucht in der Fachliteratur zur Traumabehandlung nicht auf.
Der bequeme Weg ist, behinderte Menschen und ihre traumatherapeutische Versorgung zu spezialisieren. „Ouw, da muss ein Profi dran“ dies das. „Ich hab noch nie jemand mit Behinderung behandelt.“ (LOL) oder „Das betrifft nur einige wenige“ (WTF?!) und der Weg, den Leute wie ich dann gehen, ist der von Praxis zu Praxis von Schule zu Schule, einige weitere Traumatisierungen mitnehmend und mit so einem dicken Knäuel aus Therapieerfolgen, die man sich wer weiß wie aus dem Inneren rausgekämpft hat, während man gleichzeitig eigentlich nie die Mentalisierung, nie das therapeutisch wirksame Begreifen durchlebt hat, übrig bleibend.

Ich muss mir das Gedankenspiel verbieten, wo ich heute wäre, hätte die erste Psychologin, mit der wir Kontakt hatten, mich gleich als autistische Viele erkannt. Da waren wir 12, wurden bald 13. Die letzten 5 Jahre Raketenarbeit von heute zu dem Zeitpunkt.

Ich muss es mir verbieten, weil es vergangen ist und der Gedankenkreisel darum mein Gefühl der Ohnmacht und der Wut die Wahrnehmung dessen verzerrt, was ich jetzt habe. Ich will nicht „trotzdem es nicht schon früher so kam“ dankbar und froh um das sein, was wir jetzt schaffen können. Ich will es einfach so sein.
Und gleichzeitig sind sie aber doch da. Die Konflikte mit früheren Behandler_innen, die nie in der Offenheit, der Ehrlichkeit ausgetragen worden sind, wie sie es verdient gehabt hätten – und wie ich es brauche, um sie zu beenden. Ich bin nicht nachtragend – wirklich nicht – aber ich kann unfertige Dinge nicht unfertig lassen. Dieser Aspekt des Nichtgesehenwordenseins – als die behinderte und sich in einem für andere oft unvorstellbaren Ausmaß ums Verstehen bemühende Person, die wir waren und bis heute sind, der wird gegenüber all unseren Vorbehandler_innen immer da sein und immer wehtun. Weil es für sie egal oder irrelevant war und bis heute vermutlich egal und „in Wahrheit aber…“ irrelevant ist und für mich eben 18 and counting statt 5 plus x Jahre Psychotherapie als noch sehr junge Person mit sehr viel mehr Optionen der Förderung.

Ich kann auch deshalb nicht damit abschließen, weil ich glaube, dass ich nicht allein mit dieser Biografie bin. Es macht mich traurig und wütend, wenn ich daran denke, wie viele Menschen mein Leid an dieser Welt und mein Leiden unter dieser Welt teilen, ohne zu wissen, dass es nicht darum geht, wie sie Dinge bewerten und was sie in sich wie neu beurteilen und vielleicht annehmen müssen, sondern darum, dass ganz real und wirklich die meisten Menschen um sie herum, die Welt und das Leben darin als etwas so grundlegend anderes erleben, dass sie es nicht einmal konkret beworten.
Und dann die Menschen mit einer ähnlichen Geschichte wie wir. Die wir tatsächlich auch völlig anders aufgewachsen sind als die meisten Menschen um uns herum und dann auch noch innerlich anders sind.

Es ist nicht akzeptabel, wie wenig versucht wird, behinderten Menschen eine Verbindung mit der Welt, mit der Gesellschaft zu ermöglichen und wie brachial gleichzeitig die Anpassung an diese Welt und ihre Gesellschaft aus uns rausgezwungen wird.
Es ist inakzeptabel, weil es Gewalt ist.

Auch das ein Grund für mich, nicht zu nah an die Jahresabschnitte unserer Therapiejahre zu gehen. Es sind einfach auch „sich an Gewalt-anpassen“-Jahre gewesen. Und dagegen hätten Menschen etwas tun können. Speziell ebenjene früheren Behandler_innen. Neben all der Verantwortung, die wir zu erfassen, im Kontext erkennen und verstehen, begreifen und er_tragen lernen mussten, lag unser Schutz vor Gewalt auch in ihrer Verantwortung. Wenn nicht die von denen, die uns schon als Kleinkind verletzten, so doch vor ableistisch begründeten Gewaltdynamiken.

Und ja. Ich kann anerkennen, dass sie sich selbst halt nie als Teil davon oder irgendwie irgendwas damit zu tun habend verstanden haben und vielleicht auch nie wirklich verstehen. Das löst aber das Problem nicht. Das macht die Gefahr, dass sie es anderen auch antun oder angetan haben, nicht weg. Es entlässt sie nicht aus der Verantwortung, sich mit den Er_Lebensrealitäten behinderter Menschen zu befassen und ihren Ableismus zu reflektieren, zu problematisieren und zu prüfen, ob Psychotherapie mit einer antiableistischen Haltung zusammen geht. So, dass sie niemandem gleichzeitig schaden und helfen.

(Hint: Nein, das tut es nicht. Es geht nicht. Nicht so, wie Psychotherapie konstruiert ist und durchgeführt werden soll, muss, kann, darf. There is no psychotherapy without ableism)

22072020 – 18 Jahre Psychotherapie

Auf meinen langen Thread zur Akzeptanz unseres Vieleseins am Samstag wurde ich gefragt, ob die lange Zeit der Therapie üblich sei bzw. wie lange man mit der dissoziativen Identitätsstörung (DIS) in Behandlung ist. Unsere Antwort – dieser Thread.*
Die kurze Antwort ist: Entweder lange oder kurz. Oder gar nicht.
Die Realität: Es kommt drauf an. Eine psychotherapeutische Behandlung ist etwas, wofür man sich entscheiden muss. Noch vor allem anderen. Für viele Viele braucht es da nicht viel, weil die PTBS-Symptomatik zu
erheblichem Leidensdruck führt und dem praktisch ausschließlich in psychologisch/psychiatrisch professionalisierten Kontexten begegnet wird. Heißt: Wenn du merkst, dass du an etwas trägst, wirst du sehr schnell hören: „Ouw – da geh mal lieber zu nem Profi mit.“
Viele Viele landen dann oft in diesen Kontexten, weil sie sich Leidenslinderung versprechen bzw. diese versprochen wird. Ich will damit nicht sagen, dass das falsch ist oder ausschließlich problematisch, aber für uns ist das ein Faktor, der die Länge der Behandlung mitbestimmt.
Gäbe es andere Räume, in denen man sich der eigenen Geschichte und sich selbst halbwegs save, beforscht und studiert widmen kann, würden wir nicht von einer Behandlung, sondern einer Auseinandersetzung, einem Lernprozess sprechen, der zu Leidenslinderung führt. Also Entwicklung.
So. Das zur Vorrede und Klärung. In unserem langen Thread hatte ich zu Beginn geschrieben, dass wir seit 18 Jahren mit der Diagnose umgehen. Das habe ich aus genau dem Grund so geschrieben. Wir waren 1,5 Jahre in der Klinik, die diese Diagnose gestellt hat – dann verging einige Zeit, in der es wieder eine andere Diagnose gab und dann wieder Gewurschtel um Wohnort und Gedöns – wir waren in der Zeit „in Behandlung“, die mehr oder weniger für die Verwaltung unseres Lebens gebraucht wurde. Also Eingliederungshilfen-Begründung und Kindergeldansprüche. Ums Vielesein ging es nicht und so oder so war die Therapie damals ausschließlich eine lebenserhaltende Maßnahme. Wir waren im Täterkontakt, wurden also noch regelmäßig gequält und ausgebeutet – sollten aber bitte deshalb doch keinen Suizid machen, nur weil uns niemand da raushilft.
Bis wir wirklich richtig am Vielesein selbst arbeiten konnten, vergingen 6 Jahre. So lange hat es von „einer Behandlerin sagen, dass wir in organisierte Gewalt verwickelt sind“ bis „Wir erarbeiten für den Ausstieg nötige Fertig- und Fähigkeiten und wenden diese ohne jede weitere
professionalisierte Unterstützung, gesetzliche Hilfe, staatlichen Schutz an, obwohl wir uns akuter Lebensgefahr befinden“.
Waren die 6 Jahre Behandlungszeit? Für uns schon, denn wir haben in der Zeit Entwicklungen gemacht – obwohl diese keine direkte Leidenslinderung brachte.
Konkret am Vielesein – an der Erforschung und dem Verstehen unserer inneren Mechanik, konnten wir aber auch danach noch gar nicht arbeiten. Denn nach dem Ausstieg begann die richtig krasse Symptomatik. Wir gingen in den nächsten 5 Jahren durch eine immer wieder unterbrochene Phase der Stabiliserung. Intervalltherapie in der Klinik – 8 bis 12 Wochen damals noch, nach 1,5 Jahren Wartezeit. Dann raus – wo es dann erst unsicher, später völlig klar war, dass wir keinen ambulanten Traumatherapieplatz bekommen. Wir haben immer wieder mit psychologischer Frauenberatung und persönlichem Engagement Einzelner (und dem Risiko der Verwicklung, zu der es dann auch kam, mit all ihrem zerstörerischen, weil retraumatisierendem Potenzial) überbrücken müssen. Und immer wieder war der Zirkel: Semistabil aus der Klinik, absolut instabil in die Überbrückung, um einen Suizid zu verhindern und völlig zerbröselt wieder in die Klinik. Ein Kreisel, den viele komplex traumatisierte Menschen kennen und nicht alle auch überleben. Ein Umstand von dem noch viel zu wenig Menschen wissen.

Erst 2012, also 10 Jahre nach der Diagnosestellung der DIS und 8 Jahre nachdem sie bestätigt wurde – nach 22 Erstgesprächen, die allesamt total schmerzhaft und schwierig waren, haben wir unsere jetzige Therapeutin getroffen. Die vorletzte auf der Liste. Die vorletzte Hoffnung.

Im ersten Jahr haben wir einander kennengelernt. Das war unfassbar anstrengend, weil wir versuchten eine Bindung zu etablieren, die wir kaum ertragen konnten. Im zweiten Jahr haben wir überhaupt erst realistisch erreichbare Therapieziele entwickeln können. Im dritten Jahr kam unsere Autismusdiagnose. Und seitdem haben wir überhaupt erst Zugang zu der therapeutisch wirksamen Ebene der Gesprächstherapie bekommen. Und dann ging es aber steil bergauf. In den letzten 5 Jahren haben wir viel Funktionalität erlangt, sind in uns stabil, haben erhebliche Symptomveränderungen (im Sinne von „ist weniger geworden oder auch weniger belastend geworden“) und haben einige biografische Lücken füllen können. Jetzt sind wir an dem Punkt, an dem wir die Dinge, die in der Fachliteratur zur Traumabehandlung empfohlen wird, auch machen können.
Warum habe ich diesen Schwiff gemacht? Weil es ihn in der Behandlungserzählung von Vielen NIE gibt. Immer wird an dem Punkt angefangen, wo Stabilität, innere Konsistenzen und Belastbarkeit bereits gegeben sind. Nie da, wo sie überhaupt erst entwickelt werden müssen. (Davon erzählen die Vielen dann oft ungehört – in Blogs, in Foren, in Selbsthilfegruppen – als quälendes Zweifelgewühl, ob sie diese Therapie überhaupt richtig machen, davon profitieren, ob es überhaupt etwas bringt…)
Manche Menschen sind komplex traumatisiert und dann ist die Behandlungszeit vielleicht genau die kassenfinanzierte Langzeittherapie ein Mal im Leben. Manche Menschen – und ich behaupte, dass das die meisten Vielen sind – brauchen sehr viel mehr als 120 kompetent durchgeführte Behandlungsstunden, weil viele als selbstverständlich angenommene Fähig- und Fertigkeiten, auf denen die unfassbar ableistisch konstruierte Psychotherapie aufbaut, ohne dies offen kritisch zu hinterfragen oder allgemein anpassbar zu gestalten, in ihnen (noch) gar nicht (aus)entwickelt sind (oder in anderer Form da sind, als bei der Mehrheit der Menschen, für die diese Behandlung konstruiert wurde).
Das ist ein anderer Thread, ja, gehört hier aber unbedingt dazu.
Sprechen können – ist eine Notwendigkeit in der Gesprächstherapie. Fragt mal komplex traumatisierte Menschen deren Muttersprache nicht Deutsch ist, wie lange sie so „in Behandlung“ sind. (Regelmäßig) zur Therapie kommen können – ebenfalls super notwendig. Fragt mal, wie barrierefrei erreichbar die psychotherapeutischen Praxen in der Regel so sind. Und was passiert, wenn man zum Beispiel wegen exekutiver Dysfunktion, Panikattacken oder innerer (wie äußerer) Verbote nicht regelmäßig kommen _kann_. Wie lang sich die Behandlungszeiten (und die Suche nach einem Behandlungsplatz) dann ziehen.
Ich bringe das an, weil mir wichtig ist, dass allen klar wird, dass wir so lange in Behandlung sind, weil wir uns die Behandlungsfähig- & fertigkeiten erst erarbeiten mussten – und nicht, weil man als Viele generell so derbe krass zerstört ist, dass da fast gar nichts mehr geht.
Die Psychotherapie an sich braucht grundlegende Überarbeitung und mehr Konzepte für behinderte Menschen. Die Kassenfinanzierung bzw. ihre Grundlage muss sich verändern. Wir Patient_innen haben oft Bedarfe, die nicht von einer Diagnose allein kommuniziert werden können.
Wir müssen angehört werden. Wir brauchen Repräsentanz, die über die seit Jahrzehnten wiedergekäuten Existenzbeweise unserer Lebensrealitäten hinaus geht. Und wir brauchen die Normalisierung der Auseinandersetzung mit sich selbst und der eigenen Geschichte. Nur so kann es nicht mehr erschrecken oder zu Mitleid führen, wenn jemand wie wir schreibt, dass sie_r seit 18 Jahren mit einer Diagnose umgeht. Und nur so kann man verhindern, dass das überhaupt irgendjemand von sich sagen muss. 
Danke fürs Lesen 🙂
*Für die Veröffentlichung hier habe ich Fehler und Quirks ausgebessert, die im Originalthread sind.
Alles kursiv gehaltene sind neue Anmerkungen.

16072020

Manchmal scherzt der Freund, es wäre bald mal Zeit, einen eigenen Blog zu schreiben. „Living with the Rosenblatts“ oder so.
Das sagt er vor allem dann, wenn irgendetwas passiert ist, was er niedlich oder witzig findet. Ob er das manchmal denkt, wenn irgendwas nicht so witziges oder hässliches passiert ist, weiß ich gar nicht. Aber wenn er darüber schreiben würde, gefiele mir das besser, als tippe er den x-ten „Ach wie lustig das Leben mit einer behinderten Person sein kann“- Blog ins Netz.

Autismus wird manchmal romantisiert oder verpositiviert. Inselbegabung, Kämpferherz, scheues Rehlein mit Vertrauengewinnungsauftrag dies das. Zum Kotzen. Die dissoziative Identitätsstörung betrifft das auch. Verborgene Superkräfte, Kämpferherz, Schaf im Wolfspelz im Schafspelz im Wolfspelz… tüdelüt. Machen wir uns nichts vor, das sind Bilder von Leuten, die es anders nicht ertragen. Leute, die sich der Realität, den tatsächlichen Er_Lebenswelten der betroffenen Menschen, nicht anders stellen können und oft genug auch wollen.

Der Freund stellt sich selbst oft zurück, damit wir unsere Bedürfnisse erfüllen können – auf genau den manchmal umständlichen, verquirkten, von Katastrophisierung und allgemeinem Overthinking geprägten Arten und Weisen, wie wir das tun. Romantisch ist anders, wenn ich ihn morgens frage, ob er sich vorstellen könnte, am Abend mit mir zu schlafen, damit ich meinen Tag entsprechend planen kann. Entspannt ist anders, wenn er uns bittet, den einen Einkaufskarton aus der Kammer zu holen und wir den mitbringen, in dem die von ihm schon sehr lange aufbewahrten Pfandflaschen drin liegen, weil wir ja eh grad alle unsere Kraftreserven verballern (aka „einkaufen gehen“) und das dann ja auch gleich effizient nutzen könnten. Und witzig war auf keinen Fall, als ich dachte, er mache einen Scherz, als er mir eine besondere Reise zum Geburtstag zu schenken plante und ich meine Annahme damit begründete, dass ich sein Lügen/Witz-Gesicht doch kenne. Nichts war witzig in der Stunde danach, als wir uns versöhnlich umarmten und ich nicht aufhören konnte zu weinen, weil ich so nicht sein will. So autistisch.

Keine Pride-Aktion – weder „Plural Pride“, noch „Disability Pride“, noch „LGBTQI* Pride“, noch „Mad Pride“ – hat zum Ziel, dass alle Welt erkennt, was für tolle Wesen wir doch sind. Wie stark, wie besonders, wie anders, wie beschenkt unsere Angehörigen mit uns sind und wie super alles wäre, würden wir nur (mehr) wertgeschätzt werden.
Es geht darum zu sehen, dass wir Menschen sind. Ganz banal. Ganz gleich – aber sehr ungleich gesehen und deshalb auch ungleich behandelt. „Pride“ ist an dieser Stelle also nicht gut übersetzt mit „Stolz“ as in „stolze_r Sieger_in“. Es ist eher „Pride“ as in „Es ist nichts Beschämendes, nichts Unwürdiges daran, ich mit meiner Identität, meinem Label, meinem Begehren, meiner Art zu sein.“

Immer wieder an „Stolz“ zu denken, hat etwas mit der Romantisierung und Verpositivierung der Kämpfe von LGBTQI* zu tun, die als Demonstrationen gegen Polizeigewalt begannen und heute als kunterbuntes Tirili verniedlicht halbwegs toleriert werden (auch nicht überall, es gibt bis heute Prides, die von Rechten und Menschenfeinden anderer politischer Haltung, angegriffen werden), aber wenn wir ehrlich sind, schon lange nicht mehr als die Demonstration für gleiche Rechte taugen, als die sie mal begannen.

Romantisierung und Verpositivierung sehe ich entsprechend als Akt der Gewalt. Sie entmenschlicht und entmachtet.
Immer.

12072020

Ein Ausflug. S. hat mich gefragt, ob ich Lust dazu habe. Eine Führung durch einen Permakultur-Garten mit dem Naturschutzverein. Ich hatte Lust und dann den Salat.

Ein Ausflug – jeder Ausflug – bedeutet: fremde Umgebung, ungewohnte Abläufe, Erwartungen, Erschöpfungen, keine gewohnten Möglichkeiten, damit umzugehen. Ich könnte auch schreiben „Stress bis zum Anschlag“, aber das klingt als würde ich keinen Spaß an Ausflügen haben. Ich bin gerne unterwegs. Unterwegs-Tage sind meistens AllesIstMöglich-Tage und bedeuten, dass ich mich lange vorher darauf eingestellt habe, Dinge anders zu machen. Akribisch durchdacht und geplant, abgewogen und bezogen auf jedes mögliche, katastrophisierte, wie schlichtweg unrealistische Szenario, damit ich mich entspannen kann. Ich gehe nicht einfach mal eben so los und nehme irgendwie einfach mal eben so an irgendetwas teil. Ich habe einen Ablauf, der gestört werden darf, weil an AllesIstMöglichen-Tagen eben auch die Störung möglich (und sehr wahrscheinlich) ist und ich habe Haltegriffe. Einen ganzen Rucksack voller Haltegriffe. Das sind Dinge, die mir Halt dabei geben mit diesen Störungen umzugehen. Also so etwas wie Taschentücher, Essen und Trinken für bis zu 24 Stunden, Regenzeug, Medikamente, 1 Tasse, 1 Besteck, 3 unterschiedliche Stimming-Tools, Flashback-Reorientierungshilfen, eine Powerbank, ein Ladekabel mit Steckdosendings, Deo auf Alkoholbasis, Wechselwäsche, Gehörschutz, Kopfhörer, Papier und Stift, seit Corona ein kleines Stück Seife und Desinfektionstücher. Das ergibt etwa 3 bis 5 Kilogramm Halt, die ich mir auf den Schoß stellen kann, um mich zu spüren, wenn das nötig ist.

Ich kann mich ohne Vorbereitung und Wappnung nicht entspannen. Wenn ich nicht weiß, was auf mich zukommt, bin ich nicht richtig dabei. Dann versuche ich, während alle um mich herum entspannt sind und alles aus den Angeln heben, noch zu verstehen, was gerade dran ist und wieso und was das für alle Dinge bedeutet, die aber eigentlich immer dran sind. Ich bin nicht entspannt. Nicht witzig. Nicht locker. Bin Spaßverderb und Sparren im Fluss.

S. ist ein neuer Kontakt. Wir kennen uns noch nicht gut. Sie weiß, dass manches für mich schwierig ist, aber ich hatte und habe keine Lust darauf, meine Grenzen mit einer Behinderung zu erklären, die sie nur in mir verorten kann, weil sie sie selbst ja nicht empfindet.
Für sie ist das ein Abenteuer. Mal raus aus dem Trott, mal was Neues, Schönes.
Ich kannte die Leute nicht. War noch nie in dem Ort. Sie weiß nicht, wie viele kommen, worum es bei der Veranstaltung gehen würde, wie lange wir da sein werden. Erst am Morgen schrieb sie auf meine Nachfrage, wann sie uns abholen käme. Halb 1 könnte ich mit ihr rechnen.
Da hatte ich schon mein gesamtes Sonntagsprogramm gemacht. Um 1 saß ich immer noch im Garten und war eigentlich schon fertig mit dem Tag. Zwei Minuten vor meiner Absagedeadline kam sie dann.

Ich wollte ihr schon lange unseren Garten zeigen. Doch jetzt hoffte ich, es würde reichen, wenn ich mit dem Arm schwenke und sage: „Das ist der Garten“, denn ich war schon gar nicht mehr in der Lage ganz locker darüber zu reden, wieso unsere Tomaten erst jetzt anfangen Früchte zu bilden; dass die ganzen Kartoffelkäfer nicht abzusammeln keine Option ist in einem Garten, von dem man essen möchte und, ob wir unseren Brokkoli an einem „Blattag“ oder einem „Fruchttag“ gepflanzt haben, weil wir das für esoterischen Kikkifax halten. Die Leichtigkeit ist raus, wenn ich im Overload bin und ich bins. Ich war es vermutlich schon kurz nach dem Aufstehen als mir klar wurde, dass S. uns keinen Halt bieten würde während des Ausflugs und wir jede wichtige Information über den Verlauf und Inhalt direkt abfragen müssen. Ihr damit also auch zeigen, was für uns wichtig ist, was wir brauchen – und damit nerven, denn es nervt irgendwie immer alle. Aber wenn es dann doch regnet, doch ein Unfall passiert, ich doch einen Krampfanfall kriege, doch nicht mehr sprechen kann, doch falle und liegen bleibe, dann sind sie doch alle froh, wenn ich vorbereitet und ausgestattet bin und sie nicht brauche.

Während der Fahrt frage ich mich, ob ein Overload, S.s Lieblingszustand ist. Sie hängt sich offenbar gerne in alles rein und reagiert auf Zeit_Druck von außen mit erstaunlicher Energie, findet schnell zu Lösungen, reagiert schnell, zeigt keinerlei Grenzen der Bereitschaft.
Damit ist für mich klar: Sie wird nie nachvollziehen können, was ein Overload bei mir macht. Dass er mir Schmerzen bereitet, dass mein schnelles Reagieren, Rödeln und Machen niemals ein „Aufblühen unter Druck (für andere oder eine Sache)“ sondern immer eine Art Überlebenskampf für mich selbst ist.
Ich sitze im Auto, erkenne die Landschaft kaum, weil die Sonne alles so erhellt und begreife praktisch nicht ein Wort von dem, was sie erzählt. Ich scripte und sie merkt es nicht. Ich habe Schmerzen, eine Vorstufe von Angst und das ist also „einen Ausflug mit S. machen“.

Im Garten wird es dann besser.
Niemand außer mir trägt eine Maske, alle stehen nah beieinander. Wir halten Abstand und klinken uns aus, wenn Menschen sprechen, während die Leute sprechen, die uns herumführen. Also praktisch die ganze Zeit.
Über uns fliegen Schwalben, überall flirren Insekten, die Luft riecht nach reifen Früchten, trockenem Gras und Blüten. Die Sonne scheint, es geht etwas Wind. Wir lernen etwas über einen Erdkeller, der auch ein Gewächshaus ist; dass es etwas gibt, das Terra preta heißt (CN rassistische Bezeichnungen) und wie man verschiedene gute Pflanzennachbarn kombinieren kann. Wir laufen 2 Stunden über das Gelände, merken schnell, dass wir uns nah an einer auch spirituellen Gemeinschaft bewegen, müssen zunehmend darauf achten, nicht von der Vorstufe der Angst in richtige Angst zu rutschen. Wir machen Fotos. Kaum eins wird wirklich gut. Ständig drängelt oder stört uns jemand, ohne direkt mit uns zu sprechen. Alles ist eine diffuse soziale Wolke der AllesIstMöglichkeit.

Dann gibt es Kaffeetrinken. Für alle außer uns. Sie gehen in einen Raum, der so extrem hallt, dass ich selbst mit dem Gehörschutz nicht zurechtkomme. Sie essen Kuchen. „Okay“, denke ich, „der wir sowieso nicht vegan sein, was solls.“ Ich bleibe draußen und esse von meinem Vorrat. Bin allein und denke darüber nach, ob behinderte Personen in heutigen Spirikommunen immer noch so pseudoinkludiert werden, wie wir das vor 10 Jahren mal bemerkt hatten, als wir noch dachten, es gäbe so etwas wie eine Chance auf ein Leben in größerer solidarischer Gemeinschaft für uns. Ein Flyer zur Gruppenmeditation gegen „die Massenhypnose“ beantwortet mir die Frage dann schon genug.

S. kommt raus und isst mit mir, weil sie es draußen schöner findet. Dann gehen wir nochmal allein in den Garten, während die Gruppe sich die Kommune anschaut. Allein mit S. kommt mein Sprechen wieder weniger angestrengt aus mir raus. Wir schauen und bewundern, naschen reife Früchte, zeigen einander Dinge, die wir bei uns im Garten auch ausprobieren wollen.
Auf der Rückfahrt denke ich, dass es so von Anfang an hätte sein sollen. Vielleicht eine oder zwei Personen, die uns herumführen, S. und ich. Ich hätte den Ausflug vorschlagen müssen. Ich hätte ihn planen müssen. Dann wäre er nicht mit so viel Kraftanstrengung, Schmerz und Unwohlsein verbunden gewesen.

Wieder zu Hause schaffen wir unsere Sonntagabend-Routine nicht mehr. Ich schaffe den emotionalen Kontakt zum Freund nicht mehr, will ihm mehr erzählen, als mir einfällt. Verschweige ihm nicht, dass ich eigentlich schon mittags hätte alles absagen müssen, erzähle dann aber doch nicht so richtig, wie schlimm das alles war. Es hat mich ja niemand dazu gezwungen und ich hätte mich anders entscheiden können. Im Grunde hab ich mir das ja selbst angetan. Ich weiß ja, dass die Welt nicht für autistische Leute gemacht ist. Weiß ja, dass ich die Probleme habe, weil die Behinderung in mir passiert. Zumindest aus Sicht aller Leute, die sie nicht selbst auch so empfinden.

Ich bin früh im Bett, liege unter der schweren Decke, weine aus Selbsthass und denke: „Ja, geil „Disability Pride Month.“ in meine Einsamkeit hinein.