Schlagwort: sexualisierte Gewalt

Gastbeitrag: „Alles Verschwörungstheorie? Plädoyer für solide Information zwischen zwei Extremen“

Transparenzhinweis:
2017 haben wir ein Interview mit Claudia Fischer zum Infoportal Rituelle Gewalt aufgenommen. 
Wir arbeiten am Infoportal mit.

 

Eine gemeinsame Stellungnahme von der Emanuelstiftung (Bonn), von Lichtstrahlen Oldenburg e.V. und Mosaik gegen Gewalt e.V., Bielefeld. Alle drei betreiben das Infoportal Rituelle Gewalt. (Veröffentlicht am 18.4.2020)

Die öffentliche Diskussion um das Thema Rituelle bzw. organisierte sexualisierte Gewalt bewegt sich seit längerem in einem Umfeld, in dem

  • auf der einen Seite verschiedenste „Weltverschwörungs“-Narrative Verbreitung finden, die die Ausbeutung von Kindern durch pädokriminelle Täter*innen mit irgendwelchen „weltumspannenden Netzwerken“ verbinden und häufig noch mit anderen kruden, zum Teil sogar antisemitischen oder rechtsextremen Thesen oder Fantasien kombinieren, wobei der Boden jeder nüchternen, sachlichen Betrachtung längst verlassen wurde.
  • Auf der anderen Seite leugnen manche Einzelpersonen und Institutionen immer noch rundweg, dass es in Deutschland, Europa oder weltweit überhaupt zu solch schweren Straftaten kommt, wie Überlebende von organisierter Ritueller Gewalt sie berichten. Hier wird häufig argumentiert, das sei „alles nur von gut vernetzten Therapeut*innen eingeredet“ – eine nicht minder absurde Verschwörungsphantasie.

Beide Unwahrheiten enthalten, wie so oft, wahre Elemente: Natürlich kommt es in Einzelfällen vor, dass Menschen unter dem Einfluss unseriös arbeitender Therapeutinnen zu fehlerhaften Erinnerungen gelangen. Gleichzeitig ist auch immer wieder festzustellen, dass Täterinnen in diesem Bereich der Kriminalität sehr gut miteinander vernetzt sind und zudem individuell relevante gesellschaftliche Positionen einnehmen.

Wer daraus Pauschalaussagen bastelt, kommt aber zwangsläufig zu einer pauschalen Verdrängung oder Übertreibung. Richtig ist nach unseren jahrelangen Recherchen und Erfahrungen:

Weder haben es alle diejenigen, die sich als Betroffene zu erkennen geben, mit unfähigen/böswilligen Therapeut*innen zu tun (viele haben nicht zuletzt bereits Erinnerungen an traumatisch Erlebtes, bevor sie eine Psychotherapie beginnen), noch steht hinter dem, was da an Verbrechen immer wieder in sehr plausibler Form geschildert wird, logischerweise eine einzige große „Weltverschwörung“.

Beide Extreme werden der Realität, bzw. dem, was inzwischen an wissenschaftlichen und empirischen/klinischen Befunden zum Thema existiert, nicht gerecht. Sie führen schlicht zur Desinformation und schaden denen, die wir schützen müssen – nämlich denjenigen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, die tatsächlich in schwer zu ertragender und schwer zu vermittelnder Form ausgebeutet und misshandelt werden.

Das eine Extrem: Weltverschwörung
Seit Jahren beobachten wir mit Sorge, dass das Thema Rituelle Gewalt, mitunter vermischt mit rechtsextremen und antisemitischen Aussagen, politisch instrumentalisiert und genutzt wird, um Endzeitgefühle zu erzeugen und Angst zu verbreiten. Entsprechende Websites sprechen dann häufig auch noch die Chemtrail-Gläubigen, Impfgegnerinnen oder Reichsbürgerinnen an oder geben Prepping-Hinweise.

Hiervon grenzen wir uns ganz klar ab und betonen: Von organisierter sexualisierter bzw. ritueller Gewalt haben inzwischen Hunderte von Betroffenen auch in Deutschland glaubhaft berichtet (u.a. in Anträgen beim Fonds Sexueller Missbrauch [1], bei Anhörungen der Aufarbeitungskommission [2], am berta-Telefon oder im Rahmen von wissenschaftlichen Studien [3]). Die damit verbundenen Straftaten tauchen auch im Rahmen von Strafverfahren immer wieder auf [4], und sie haben nichts, aber auch gar nichts zu tun mit einer sogenannten satanischen, jüdischen oder sonstwie gearteten „Weltverschwörung“, die „heimlich die Geschicke unserer Regierungen und Gesellschaften lenkt“. Wir grenzen uns auch ab von der Annahme, es gäbe irgendwelche „Eliten“, die in pauschaler Form in solche Taten verstrickt sein sollen, bzw. von „Pizzagate“ [5], „QAnon“ [6] und ähnlichen plakativen Konstrukten.

Wir sehen die Gefahr, dass derlei Verschwörungsgedanken und die politische Instrumentalisierung den wirklich Betroffenen massiv schaden, weil man sie für „Spinnerinnen“ hält und ihnen die dringend benötigten Hilfen verweigert. Weil Ermittlungen niedergeschlagen werden und weil sich damit die typische Drohung der Täterinnen
bewahrheitet: „Und wenn Du jemals darüber sprichst, wird Dir niemand glauben.“

Unsere Bitte: Wenn Sie helfen wollen, bleiben Sie skeptisch gegenüber solchen Verschwörungstheorien!
Eine Liste seriöser Quellen zum Thema finden Sie auf der Linkseite der Emanuelstiftung [7].

Das andere Extrem: Komplette Leugnung
Gleichzeitig nehmen wir immer wieder Bestrebungen wahr, das Thema Rituelle Gewalt in sehr bemühter Form unter den Tisch zu kehren. Hierzu verweisen wir gern auf die sehr fundierte Stellungnahme des Betroffenenrates beim UBSKM [8] und möchten auf folgende Erkenntnisse aus unserer Arbeit hinweisen:

Wir erleben in großer Zahl Menschen, die sich bei uns melden, weil sie in körperlicher, psychischer und/oder finanzieller Not sind, weil sie von pädokriminellen Straftäter*innen in extremer Form, langfristig, organisiert und/oder rituell sexuell ausgebeutet wurden und werden.

Ähnlich häufig erleben wir Menschen, die sich bei uns melden, weil sie direkt betroffene Personen begleiten. Das sind Ärztinnen, gesetzliche Betreuerinnen, Anwältinnen, Fachleute aus Sozialämtern, Sektenberatungen, Therapie, Krankenhäusern, Kirchen und Politik, aber auch Familienmitglieder von Betroffenen, Nachbarinnen, Freundinnen,
Arbeitskolleg
innen, Arbeitgeber*innen. Und auch das sind viele.

Viele dieser Berichte sind nachvollziehbar, ordentlich belegt und plausibel, auch wenn dies z.B. nicht zur Strafverfolgung oder zu Urteilen geführt hat. Ähnliches gilt für diverse Fälle von Bedrohung und Erpressung, mit denen sich insbesondere Kliniken und Therapeutinnen konfrontiert sehen, die Überlebende behandeln. Viele berichten von entsprechenden Übergriffen (z. B. von Bedrohung und Stalking von Klientinnen selbst bei Klinikaufenthalten). Meist reichen die Erlebnisse aber nicht aus für eine Strafverfolgung oder es gibt gute Gründe
(z. B. Klientinnenschutz oder die Sorge um die Existenz der Klinik), um damit nicht an die Öffentlichkeit zu gehen. Unsere Erfahrung: Täterinnen wissen sehr gut, wie weit sie gehen können. Zu diesem Schluss kommen wir nach solchen Gesprächen immer wieder.

Wir wissen, dass es gut vernetzte pädokriminelle Netzwerke gibt, die Kinder misshandeln, foltern und vergewaltigen (Beispiel aus neuester Zeit: Bergisch-Gladbach).

Wir wissen, dass diese Netzwerke Kinder und Erwachsene untereinander austauschen, anbieten, ausbeuten und vermarkten [9]. Und dass es „Kunden“ dafür gibt, bei diesen Folterungen auch töten zu wollen (s. Staufen [10]). Das ist keine Verschwörung, sondern ein fürchterliches, monströses, reales Geschäftsmodell.

Wir wissen, dass es im Kontext vieler Religionen, Sekten und Ideologien immer wieder auch zu sexualisierter Gewalt kommt und manche extrem gläubige Menschen bereit sind, für ihre Ideologie zu töten. Gerichtsbekannte Fälle dazu finden sich im Infoportal Rituelle Gewalt (infoportal-rg.de). Ob die Religion oder Ideologie dabei Ursache oder Tarnung der ausgeübten Gewalt ist, können wir nicht beurteilen. [11]

Wir wissen, dass kaum einer der gerichtsbekannten Fälle nur auf ein Land beschränkt war. Fast immer gibt es Verbindungen ins Ausland. Auch das ist keine Verschwörung, sondern schlicht und ergreifend eine Täterstrategie, um die Polizei auszutricksen, denn internationale Ermittlungen sind ungleich schwieriger, nicht zuletzt wegen unterschiedlicher behördlicher Strukturen und Ermächtigungen. Das ist häufig schon zwischen Bundesländern innerhalb Deutschlands zu beobachten (siehe Lügde, der Haupttäter hat das Zuständigkeitsvakuum zwischen den Jugendämtern in Hameln-Pyrmont und Lippe geschickt ausgenutzt) [12].

Wir wissen, dass Pädokriminalität und sexuelle Ausbeutung in unterschiedlichen Ausprägungen auch unter Prominenten längst nachgewiesen wurde (Weinstein [13], Epstein [14], Edathy [15] etc.).

Wir wissen von vielen Fällen, in denen Polizei und Justiz den Betroffenen nicht geholfen haben – im Gegenteil: Die Betroffenen selbst und ihre Unterstützer*innen sahen und sehen sich teilweise selbst plötzlich mit Ermittlungen konfrontiert.

Wir wissen nicht, wann es aufhört, dass Rituelle Gewalt als Thema immer wieder heruntergespielt wird – und worin das Interesse bestehen kann, einen besseren Kinderschutz abzulehnen, wie die Fachleute ihn fordern, und Hunderte von Überlebenden per se für unglaubwürdig zu erklären.

Ähnliche Marginalisierungen gab es in jüngerer Vergangenheit bei ähnlichen Themen, z. B. bei der sexualisierten Gewalt gegen Kinder in Familien und Institutionen sowie der rechten Gewalt. Ebenso verhält es sich mit der Diagnose der Dissoziativen Identitätsstörung, die lange Zeit erst ignoriert und dann nicht als typische Folge komplexer, frühkindlicher Traumatisierung anerkannt wurde. Inzwischen hat sich diese Erkenntnis durchgesetzt und wurde durch Einträge der Diagnose in DSM und ICD und die Arbeiten vieler Hirn- und Traumaforscher*innen bestätigt.

Für die betroffenen Kinder und Erwachsenen ist es verheerend, wenn nicht hingeschaut wird.
Auch hier wiederum gilt daher unsere große Bitte: Wenn Sie helfen wollen, sei es als Privat- oder auch als Fachperson, bleiben Sie bitte offen für das, was aus seriöser Quelle (etwa die Website des UBSKM [16]) über die Situation von Betroffenen veröffentlicht wird!

Fazit
Es scheint besonders schwierig zu sein für eine „zivilisierte“ Gesellschaft, in die Abgründe menschlich verursachter Gewalt zu schauen. Weder Übertreibung noch Leugnung bringen uns in der Bekämpfung dieser Gewalt weiter – und vor allem helfen beide Extreme den Betroffenen in keiner Weise. Bleiben Sie nüchtern, empathisch und offen für solide Aufklärung und sachliche Informationen. Damit helfen Sie – gerne an unserer Seite – den Überlebenden am meisten.

Danke dafür!


Quellen:
[1] Alleine von Mai 2013 bis 15.1.2018 haben 476 Antragsteller.innen beim Ergänzenden Hilfesystem Fonds Sexueller Missbrauch in ihren Anträgen „Ritueller/sektenmäßiger Missbrauch“ angegeben. Das ist die Angabe aus den Empfehlungen des Fachkreises „Sexualisierte Gewalt in rituellen und organisierten Gewaltstrukturen“ beim Bundesfamilienministerium (Seite 4): http://ecpat.de/wp-content/uploads/2018/04/Fachkreis_Empfehlungen_2018_web-2.pdf

[2] Zahlen zu Ritueller Gewalt im Bilanzbericht der Aufarbeitungskommission auf Seite 130:
https://www.aufarbeitungskommission.de/bilanzbericht_2019/

[3] An einem Forschungsprojekt des Universitätsklinikums Eppendorf haben zu ritueller
Gewalt haben sich 165 Menschen beteiligt: https://elibrary.klett-cotta.de/article/10.21706/tg-12-3-244

[4] Wir sammeln entsprechende Urteile auf unserer Website https://www.infoportal-rg.de

[5] Unter dem Begriff „Pizzagate“ wurde während des Wahlkampfs von Donald Trump 2016 eine Verleumdungskampagne gegen die US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton in die Welt gesetzt: https://www.sueddeutsche.de/politik/neuer-us-praesident-wie-trumps-teamfake-news-streut-1.3283617 und https://www.nytimes.com/2016/11/21/technology/factcheck-this-pizzeria-is-not-a-child-trafficking-site.html

[6] Artikel des Redaktionsnetzwerks Deutschland vom 11.4.2020:
https://www.rnd.de/politik/qanon-der-aufstieg-einer-gefahrlichen-verschworungstheorie-ORTPE4D5YRFRZKVTMJBTFADJTY.html

[7] Linkseite der Emanuelstiftung mit seriösen Quellen zu Ritueller Gewalt:
http://www.emanuelstiftung.info/links/

[8] Statement des Betroffenenrates zum Umgang mit Ritueller Gewalt vom 3.7.2018:
https://beauftragter-missbrauch.de/betroffenenrat/aktuelles/detail/statement-des-betroffenenrates-zum-umgang-mit-ritueller-gewalt

[9] Eine Liste von veröffentlichten Fahndungserfolgen gegen Internet-Netzwerke zur Vermarktung von Kindesmissbrauch führen wir im Infoportal Rituelle Gewalt:
https://www.infoportal-rg.de/2020/02/18/news-kinderporno-ringe-gesprengt-einechronologie/#more-835

[10] Einer der verurteilten Täter aus dem Tatkomplex „Staufen“ hatte aktiv nach einem Kind gesucht, dass er nach dem Missbrauch töten dürfe:
https://www.sueddeutsche.de/panorama/prozesse-karlsruhe-urteil-mann-wegen-geplanter-vergewaltigung-in-psychiatrie-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-200108-99-397783

[11] Rubrik „Religiöse und ideologische Hintergründe“ im Infoportal Rituelle Gewalt:
https://www.infoportal-rg.de/motive-und-hintergruende/religioeseideologische-hintergruende/

[12] Der Haupttäter aus Lügde im Kreis Lippe/NRW betreute ein Pflegekind (Mädchen), dessen Mutter in niedersächsischen Kreis Hameln-Pyrmont lebte. Den Behörden lagen Hinweise auf pädokriminelle Neigungen des Täters vor, durch Abstimmungsprobleme und Unklarheiten in den Zuständigkeiten wurde aber erst sehr spät reagiert. Es gibt diverse Analysen dieser Situation, z. B.:
https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/behoerdenversagen-im-missbrauchsfall-luegde-16370504.html

[13] Urteil gegen den ehemaligen Filmproduzenten Harvey Weinstein:
https://www.tagesschau.de/ausland/harvey-weinstein-urteil-haftstrafe-101.html

[14] Einer von vielen Berichten über die Netzwerke des Multimillionärs Jeffrey Epstein, in denen minderjährige junge Frauen sexuell ausgebeutet wurden und an denen viele Prominente beteiligt gewesen sein sollen:
https://www.welt.de/vermischtes/weltgeschehen/article136257539/Prinz-Andrews-Kumpel-und-seine-Schwaeche-fuer-Girls.html

[15] Der Ex-SPD-Abgeordnete Sebastian Edathy hat zugegeben, Fotos und Videos von nackten Jungen aus dem Internet geladen zu haben. Das Gerichtsverfahren vor dem Landgericht Verden wurde daraufhin gegen Zahlung einer Geldbuße von 5000 Euro an den Kinderschutzbund eingestellt: https://www.spiegel.de/politik/deutschland/sebastian-edathy-edathy-raeumt-schuld-ein-a-1021263.html

[16] Definition und Einordnung Ritueller Gewalt vom Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs in Berlin: https://beauftragter-missbrauch.de/praevention/was-ist-sexueller-missbrauch/organisierte-sexualisierte-und-rituelle-gewalt

„hey there – look at my butt – whoohoo“*

Vor Kurzem wurden wir darauf aufmerksam gemacht, dass eine Veranstaltung der „Rhein-Main-Skeptiker“ bei der auch L. Benecke von der „Satanic Panic reloaded“ sprechen würde, nach vielstimmigem Protest von Opferschutzorganisationen und Gewaltbetroffenen abgesagt wurde.
An sich schon ein Ereignis – doch kurz darauf veröffentlichte die Betreiberin M. Kreusel von „Blumenwiesen“ (einer schon lange laufenden Webseite zu Themen rund um Traumafolgen und Persönlichkeitsstörungen) einen offenen Brief (bei Facebook) an M. Huber (ihres Zeichens Pionierin auf dem Gebiet der Traumaforschung und Psychotherapeutin) und unterstellte ihr persönlich, „die Aufklärung“ zu stören.

Interessant ist an der ganzen Geschichte eigentlich nichts, wäre da nicht der von allen Parteien als Begründung für das eigene Handeln herangezogene Opferschutz.
Und wäre es nicht genau das, was damals in den 80er Jahren überhaupt zur ersten sogenannten „Satanic Panic“ geführt hat.

Keine Ahnung, worum es dabei ging? Kein Problem – die Times hat eine Retrospektive dazu veröffentlicht:

 

Interessanterweise sprechen manche Journalist_innen heute auch von einer „moral panic“, wenn es darum geht, was damals passiert ist. Hier in Deutschland würde man von einer „Massenhysterie“ sprechen. Wenn man misogyn ist. Ich nenne es „logische Folgen von systematischem Versagen sämtlicher Strukturen“.

Logisch deshalb, weil sexualisierte Gewalt in den 80er Jahren noch ein viel größeres Tabu, noch viel mehr mit Sexualität verknüpftes Thema war und es schlicht keinen etablierten, an Kindern, an Medien, an dem Rechtssystem erprobten Umgang mit Fällen (organisierter) sexualisierter Gewalt an Klein.Kindern gab.

Es war eine von Gefühlen und (eigenen Opferschaftserfahrungen) geleitete Welle, die diese Lücken damals aufzeigte (und die Weiterentwicklung anstieß) und es sind selbst ernannte „Skeptiker“, die bis heute, aller Forschung, aller Weiterentwicklung und aller bisher geschehener Rechtsprechung zum Trotz, immer noch verbreiten, dass Meldungen über (organisierte (rituelle)) Gewalt an Kindern „skeptisch“ zu begegnen sei. Was in ihrer Welt soviel heißt wie Einzelpersonen und Betroffene, die dazu seit Jahren und Jahrzehnten forschten, arbeiten und aufklären, bloßzustellen, zu beschämen und sich ihnen ergo gewaltvoll gegenüber zu verhalten. Weil man ja die „echten Opfer schützen“ will.

Für mich wirkt das, als hielte es jemand für schlau ein Haus anzuzünden, um zu verhindern, dass sich da drin jemand am Herd verbrennt.
Und es ist ein Verhalten, dass mich an das „Oh, my, God Becky – look at her butt – Its so big„- Meme erinnert.

Das Meme der beiden weißen jungen Frauen, die den Po einer schwarzen Frau auf eine abwertende, herablassende Art kommentieren. Ganz so, wie man das eben tut, wenn man sich kolossal überlegen fühlt, aufgrund von wirkmächtigen Strukturen wie Rassismus in dem Beispiel.

Nun kommentiert L. Benecke nicht den Körper von Personen, auf die sie offensichtlich aus Gründen von ableistischer bzw. saneistischer Haltung herabsieht, sondern die Personen als Ganzes. Etwas, das man als professionell arbeitende Psychologin vielleicht mal reflektiert oder eher nicht auch noch aufzeichnen lässt.
Schon der Umstand, das eigene „Aufklärungsprogramm“ auf Füße zu stellen, die in den 80ern und 90ern vielleicht noch Halt gefunden hätten, in den 2010er Jahren, aber nicht mehr, zeigt vor allem das: Selbstüberschätzung durch Blasendynamik. Denn sie spricht in keinem Fall für die Opfer von Gewalt, oder „die Wissenschaft“, sondern für Selbstversicherung vor Leuten in ihrer Privilegienblase. Weiße Akademiker(_innen), die sich selbst aufgrund ihrer Meinungen und Werte als nicht so dumm/verblendet/beeinflusst sehen, wie „die Anderen“. Die Spinner, die Verschwörungstheoretiker, die Nichtwissenschaftler, die Kranken, die Verrückten, die ihres Respektes, ihrer Achtung nicht würdigen Leute.

Hier wollen also Leute, die sich gewaltvoll gegenüber anderen Leuten verhalten, etwas für die Opfer von Gewalt tun. Ja herzlichen Dank, ich verzichte. Egal, wie „fundiert“ ist, was sie formulieren. Egal, wie richtig und wichtig Zweifel und rationale, wissenschaftliche Prüfung bestimmter Aspekte ist.
Wenn das nur passiert, um sich selbst zu versichern und andere Menschen runterzumachen, dann geht es nicht darum, was ~wirklich~ passiert ist oder um den Schutz Gewalt.üb.erlebender, sondern um das, was Gewalt von jeher in diese Welt bringt und darin hält.

Aus dem Grund ist der offene Brief von Webseitenbetreiberin Kreusel so irritierend wie symptomatisch für die Folgen des Opferschutzversuchs der Skeptiker.
Man sollte ja meinen, dass jemand, die_r Verschwörungstheorien gegenüber skeptisch ist, erkennt, wenn sie_r selbst eine produziert bzw. vertritt. Aber nein, offensichtlich verschwören und spinnen in dieser Blase tatsächlich immer nur „die anderen“ auf Kosten Dritter.

Eine nachwievor verbreitete Lüge ist zum Beispiel die, dass es so etwas wie „falsche Erinnerungen“ gibt.
Hier werden zwei völlig verschiedene Komplexe miteinander vermischt und dank einer Medienlandschaft, die es seit Jahren nicht schafft, die bereits geleistete Forschung dazu zu kommunizieren, der False Memory-Truppe und nun auch noch „Skeptikern“ immer weiter am Leben gehalten.
Wie in der Retrospektive der Times beschrieben, ist es nicht schwer – und war es speziell in den 80ern und 90ern nicht schwer, wo es die Erfahrungsgrundlage einfach noch nicht gab – durch bestimmte Fragestellungen und Behandlungsmethoden Menschen dazu zu bringen, bestimmte Dinge als erinnert zu äußern.
Das macht diese Dinge aber nicht zu Erinnerungen. Weder richtigen/echten noch falschen/unechten.

Das aufzuklären passt anscheinend irgendwie nie in einen Skeptiker- oder False Memory-Vortrag von einer Stunde und mehr, zu wohlig anscheinend das Gefühl sich schon seit gut 40 Jahren als letzte Bastion des Rationalen zu inszenieren und sich darin gegenseitig zu bestärken.

In ihrem Brief gibt sich Kreusel als Betroffene zu erkennen, die etwas gegen Behandlungsmethoden machen möchte, die sogenannte „falsche Erinnerungen“ fördern und deshalb die Skeptiker und Vorträge wie die von L. Benecke unterstützt – aber Leuten wie M. Huber, die seit Jahrzehnten an vorderster Front daran arbeiten, dass es vernünftige, passende, bedarfsgerechte Behandlungen für Opfer von Gewalt jeder Art gibt, vorwirft, die Aufklärung zu stören bzw. verhindern zu wollen.

Eine interessante Entscheidung ist das. Sich lieber an weiße Beckys hängen, als an Leute, die allen Widrigkeiten zum Trotz in bald 40 Jahren eine Datenlage erschaffen haben, die erheblich viel schmerzhaftere Schlüsse zulassen als den, dass es „die satanistische Weltverschwörung“ gar nicht gibt und, dass es Menschen gibt, die fabulieren oder lügen, um sich selbst (vor gewaltvoll handelnden Therapeut_innen und Bezugspersonen, also: Autoritäten) zu schützen.

Als Gewaltbetroffene, die mit schwerwiegenden Folgen der Gewalt lebt, ist es ungleich schmerzlicher für mich miterleben zu müssen, wie sich hier um etwas bemüht wird, das zu genau nichts führt, was es mir leichter macht kompetente Traumatherapeut_innen zu finden; was es mir ermöglicht unterscheiden zu können, welche Behandlungsmethoden eigentlich mehr wie Folter auf mich wirken könnten oder, was es mir ermöglicht klar und sicher einordnen zu können, welche Rückschlüsse ich aus meinen Erinnerungen und der Art wie ich erinnere, ziehen kann, ohne fürchten zu müssen, dabei Fehlschlüsse zu machen.

Als Gewaltbetroffene brauche ich niemanden mehr, die_r mir sagt, dass ich niemandem vertrauen kann.
Ich brauche niemanden mehr, die_r mir sagt, dass ich nicht einmal mir selbst vertrauen kann.
Ich weiß schon immer, dass es niemals ich bin, die irgendetwas davon hat, wenn Leute mich für ihre Privilegien und deren Erhalt miss.ge.brauchen oder instrumentalisieren.
Ich weiß, dass die Welt kompliziert ist und niemand jemals da sein wird, die_r sie mir zeigt, wie sie „in Wirklichkeit ist“.

Das sind Wahrheiten, zu denen ich durch meine Gewalterfahrungen gekommen bin und wie sie viele andere Gewaltüberlebende auch in sich tragen. Niemand von uns braucht Skeptiker, False Memory oder inkompetente Psychotherapeut_innen, um uns durch eine („DIE EINZIG WAHRE!!!“) Erklärung der Welt zu schützen.

Aber sie miss.brauchen uns Überlebende, um sich selbst in ihrem gewaltvollen Handeln zu legitimieren und das ist, worauf jeder von Gewaltbetroffenen initiierte Widerstand meiner Ansicht nach fußen sollte.

 

*

** Dieser Text wurde editiert nachdem wir darauf hingewiesen wurden, dass rassistische Diskriminierung nicht in der Form mit ableistischer bzw. saneistischer Diskirminierung gleichzusetzen ist, da sich die ableistische bzw. saneistische Diskriminierung für rassistische diskriminierte Personen als etwas zusätzlich wirkendes und also verstärkend greift.

 

Todesstrafe für sogenannten “sexuellen Kindesmissbrauch”

Donnerstag morgen.
Wie wunderbar ist das Gefühl mit einem dicken Pinsel voller Buchbinderleim über die Deckelpappen zu streichen. Schmitz schmatz hmmm ausatmen, Bezugsstoff ausbreiten, Pappen auflegen, einatmen, andrücken, ausatmen, verstreichen.

Über mir brummte das Neonlicht, am Schreibtisch vorne brummte meine Buchbindelehrerin über ihre Zeitung. Wir waren allein, denn meine Klasse hatte Sport und sie frei. Wir waren allein und es war herrlich.
Sie las mir eine absurde Meldung über einen Gerichtsprozess vor und wir kamen zu juristischen Ungerechtigkeiten. Zu Recht haben und Recht bekommen und dann zur Todesstrafe für Menschen, die Kinder missbraucht haben.

Ich hörte ihr zu und nahm mir die Zeit für die Pause, die es braucht, zu antworten, was ich antworten will. Ich wischte mir die klebrigen Finger ab und fragte: “Du, weißt, dass mich das Thema betrifft, oder?“ “Nein, weiß ich nicht”, antwortete sie und ich stellte mich sofort mit beiden Füßen und allem, was ich hab, auf die Stille, die sich in mir auftürmen wollte, um der Scham mehr Platz zu lassen. “Na dann weißt dus jetzt – Also es betrifft mich und deshalb hab ich mir schon oft Gedanken zur Todesstrafe für Menschen, die sowas machen, gemacht. Willst du das hören?”
Sie sagte einfach “Ja” und schon das machte mich unendlich dankbar. Wie sie wieder einmal unterstützte, dass ich mich vor ihr nicht schäme für irgendetwas, das mit Mangel, Defizit oder Ungänze zu tun hat.

Ich erzählte, dass das Thema aus mir selbst heraus nie aufkam, obwohl es mich betrifft.
Ich habe nicht den Wunsch nach einer Todesstrafe für die, die an mir zu Täter_innen wurden, doch komme ich nicht umhin, wie viele – oft weit rechts von mir stehende – Menschen diesen Wunsch haben und zuweilen sogar als Forderung formulieren.
Mir ist nicht klar, was Strafen für diese und vielleicht auch noch andere Menschen bedeuten. Ich verstehe das Konzept von Strafe nicht als etwas, das etwas macht, wovon man insgesamt etwas hat. Eine Strafe ist nicht das Gleiche, wie Rache; ist nicht das Gleiche wie Genugtuung, Ausgleich oder Wiedergutmachung.
Strafe ist einfach nur die mögliche Folge eines Urteils, das jemand fällt, die_r sich die Macht dazu gibt oder übertragen bekommen hat und bedeutet an sich weder Gutes noch Schlechtes, Konstruktives oder Destruktives. Strafen sind ein eindeutiges Merkmal von Autorität. Also einem Machtungleichgewicht. Also einer ungleichen Verteilung von Selbstbestimmung und Freiheit über sich selbst.

Warum sollte ich nach einer Gewalterfahrung – die einzig in autoritärer Konstellation überhaupt passieren konnte – Interesse an noch mehr Autorität in meinem Leben haben? Was in aller Welt soll ich denn in so einem Setting finden, wenn nicht die Bestätigung der Täter_innenwahrheit, nach der ich nichts zu bestimmen und zu sagen habe, aber eine warum auch immer und wodurch auch immer legitimierte andere Autorität?

Und was genau soll eine Strafe der Täter_innen mit mir machen? Oder: für mich?
Ich spreche hier noch nicht einmal von der Todesstrafe, sondern von sagen wir einem Jahr in Haft. Oder 5. Oder 10. Oder 15. Ich bin heute kein Kind mehr. Mir passiert die Gewalt nicht mehr. Früher, vor 25 Jahren, da hätte es mir etwas gebracht, denn damals wäre ich noch als kleines Kind in eine Pflegefamilie gekommen und viele Dinge wären nicht passiert. Es wäre zwar immer noch heftig und schlimm, vor allem, weil es einfach scheiße ist, wenn die eigenen Eltern im Knast sitzen und später als fremde aus dem Knast entlassene Leute, ja auch irgendwie noch mit einem_einer zu tun haben wollen, aber sie wären an mir nicht mehr zu Täter_innen geworden. Sondern vielleicht jemand anderes. Sporttrainer_in, Lehrer_in, fremder Onkel, unangenehme Tante, die_r erste Freund_in, der Typ von einer Party, der mir k.o.-Tropfen ins Getränk mischt. Zum Beispiel.

Haftstrafen werden allerdings nicht leichtfertig verhängt, sondern gelten als das was sie sind: eine hohe Strafe.
Das bedeutet, dass eine spezifische Schwere der Schuld, eine spezifische Tatsituation festgestellt worden sein muss. Kann das Gericht dies nicht feststellen – warum auch immer! – gibt es eine andere Strafe und was dann? Was wäre dann für die Person, die zum Opfer geworden war, konkret anders?
Sicher, manche fühlen sich bestärkt von Gerichtsverfahren. Für manche ist es enorm wichtig und auch heilend, von einer Autorität in der Sache anerkannt zu werden. Aber was genau wird davon in Bezug auf die Wunde der Tat und ihrer sozialen, psychischen, körperlichen, ökonomischen, ideellen Auswirkungen konkret besser?

Ich stecke da nicht drin, kann mir nichts vorstellen. Allein der Akt von Anzeige, Rede und Antwort, Aussage, Briefe, Reden, Erklären, Anwaelt_in suchen, Anwaelt_in finden, Anwaelt_in bezahlen können müssen, Gerichtsverhandlung mit Täter_innen- und Tatkonfrontation – allein die Vorstellung macht mich müde, ängstlich und damit bereits in meinem Selbsterleben klein und schwach.
Aber gut – andere Menschen, sind anders als ich.

Zurück zum Strafgedanken.
Was genau ist an einer Haftstrafe, die Strafe? Richtig – die Haft. Der Entzug der Freiheit über den eigenen Lauf der Dinge. Also: eine Gewalterfahrung. Obendrauf noch eine, die man hinnehmen muss, denn da sie durch maximale Autorität ausgeübt wird, gibt es weder sozial noch juristisch die Möglichkeit davon entschädigt zu werden, so lange diese Strafe als richtiges Strafmaß eingeordnet wird.

Vielleicht ist das irritierend für andere Menschen, aber das ist nicht, was ich anderen Menschen wünsche. Auch denen nicht, die mir so viel Schmerz bereitet haben und mich so nachhaltig verletzten. Nicht, weil mein Herz so groß ist, sondern, weil ich weiß, wie sich so eine Gewalterfahrung anfühlt und wieviel mehr als konkrete Verletzungen dabei entsteht.

Eine Todesstrafe würde solche Dinge nicht entstehen lassen. Aber sie wäre tödlich und damit etwas, das meiner Haltung zum Leben widerspricht. Wir leben nicht, um alles immer richtig zu machen oder alle um uns herum glücklich. Wir leben als Faktor der Entwicklung anderer Lebewesen, um eine Entwicklung zu machen – egal welche. Gut, böse, reich und geizig, oberflächlich und egozentrisch, liebevoll – das kann man bestimmen und wählen – das MUSS wählbar und selbst bestimmbar sein.
Menschen, die Schlimmes getan haben, zu töten, würde bedeuten, Menschen zu töten und damit einen Teil der ganz realen Entwicklungsfaktoren des Lebens zu eliminieren.
Um es zu sagen, wie ich es meiner Lehrerin gesagt habe: “Was soll ich davon haben, wenn meinen Geschwistern die Eltern abgemurkst werden, weil die mir etwas angetan haben?”

Damit meine ich keinesfalls, dass Straftäter_in zu sein eine natürliche oder g’ttgegebene Aufgabe ist, die man akzeptieren muss, sondern, dass es immer und immer und immer eine Entscheidung zur Straftat ist, die jemanden eine Straftat begehen lässt. Und, dass man sich mit den Gründen und Motiven auseinandersetzen muss, die diese Entscheidung innerlich wie äußerlich ermöglicht haben bzw. ihr zugrunde liegen.

Damit meine ich auch nicht, dass ich finde, dass heute hier in Deutschland strafbare Handlungen ohne jede Konsequenz bleiben sollen. Aber eine Konsequenz ist etwas anderes, als eine Strafe. Und das ist, worum es mir geht.
Ich will wissen und verstehen, warum mir das passiert ist.
Und ich werde es nie erfahren, denn diese Auseinandersetzung zu machen, würde weit mehr erfordern als einen Gerichtstermin und eine Handvoll Therapiestunden für mich allein. Sie erfordert Kontakt zu den Täter_innen, es erfordert ihr Einsehen und die Bereitschaft dazu. Es erfordert ihre Entscheidung dazu und die wird nicht kommen. Niemals.

Gar nicht mal, weil sie nicht dazu in der Lage sind, oder reflektionsunfähig, sondern, weil es für sie keinen Anlass dazu gibt. Es ist normaler einander vor Gericht mit Staatsgewalt zu bedrohen, als sich hinzusetzen und die zwischenmenschliche Gewalt, die Entscheidungen, die man getroffen hat, auszusprechen. Es ist üblicher einander zu verurteilen, als einander zu verstehen und das ist etwas, von dem mir niemand erzählen kann, dass das kein ganz erheblicher Anteil daran ist, dass Menschen einander gewaltvoll begegnen.
Es ist nicht normalisiert von sich aus für Schäden aufzukommen, die man anderen Menschen beigebracht hat – es ist normalisiert zu Schmerzensgeldzahlungen verurteilen zu lassen und einen Antrag auf Opferentschädigung bei einer Behörde zu stellen. Also: Autoritäten für sich entscheiden und ver.walten zu lassen.

Ich sagte meiner Lehrer_in, dass ich den Impuls verstehen kann, weil man vielleicht die Idee hat, speziell diese Form der Gewalt würde einen Menschen für immer zerstören oder zeichnen. Sagte ihr, dass das in meinem Fall auch nicht ganz unrichtig ist – aber ganz richtig ist es eben auch nicht. Und etwas, das so uneindeutig ist, kann doch nicht mit so eindeutigen Dingen, wie dem Tod (der Täter_innen) begegnet werden.

Vor Kurzem erst hatte ich in einer Tweetkette über die Verjährungsfristen bei sogenanntem sexuellen Kindesmissbrauch geschrieben, dass ich es in Ordnung finde, wenn diese Verjährung bestehen bleibt.
Dabei ging ich darauf ein, warum Verjährungen sinnvoll sind und versuchte folgenden Umstand zu beschreiben.
Egal, womit die Menschen, die an mir zu Täter_innen wurden, heute von einem Gericht bestraft werden würden, es stünde nicht mehr im Verhältnis zur Tat. Denn meine Verarbeitung dieser Tat, mein inneres Framing dessen und das, was es als Mensch aus mir gemacht hat, das war vor 10, 20 Jahren ein völlig anderes als heute. Meine Bedarfe aufgrund dieser Tat und ihrer Folgen für mich sind völlig andere und nicht mehr nur auf diese Tat zurückzuführen.
Sie sind damit im wörtlichsten Sinne nicht mehr eindeutig strafbar und das ist gut so. Denn diese Regelung traut mir zu, auch als Person, die zum Opfer wurde, eine Entwicklung zu machen. Also: zu leben, zu wachsen, zu werden und zu sein. Obwohl, weil, trotz … das passiert ist bzw. als passiert vom Gericht anerkannt werden könnte.

Diese Regelung berührt zu Recht nicht die Täter_innen, denn auch diese könnten sich weiterentwickeln. Und zwar so, dass sie sich immer wieder zu Straftaten entscheiden. Die Verjährungsfrist beginnt jedoch immer wieder neu.
Immer wieder haben zu Opfern gewordene Menschen also die Möglichkeit, sich für eine Anzeige zum Zweck des Schutzes anderer Menschen zu entscheiden. Doch ich persönlich muss das deshalb nicht zwingend auch machen. Ich muss diese Verantwortung nicht tragen. Ich muss es nicht und ich will es auch nicht.

Ich will andere Verantwortungen in der Sache tragen. Will mich anders einbringen, auf anderen Wegen dazu beitragen, dass andere Menschen gut geschützt sind und eine gute Entwicklung er.leben können.

Mein Gespräch mit meiner Lehrerin endete bei einem völlig anderen Thema und ich fand das schön.
Früher wäre ich daran kleben geblieben, hätte es immer und immer wieder und in mir bewegt, hätte mit der Scham um mein ungeplantes Outing gerungen und mich nicht getraut eine feste Position in der Thematik einzunehmen. Heute ist das anders und ich merke viel innere Stabilität in mir – trotz der Brüchigkeit in mir drin, trotz der Verwundung, die natürlich auch wieder schmerzhaft spürbar war. Trotzdem sich nun plötzlich auch unser Verhältnis zueinander ein wenig verändert hat. Ich habe keine Angst mehr vor dem, was meine eigenen Erfahrungen für andere Menschen sind.

Ich hätte diese Stabilität und Ruhe nicht in mir, wäre ich verpflichtet zur Strafanzeige, gäbe es Todesstrafen oder keine Verjährungsfrist. Ich hätte mich nicht entwickeln können, ohne diese Freiheit.
Und ohne diese meine Entwicklung könnte ich anderen Betroffenen, bei denen es wieder völlig anders ist als bei mir, nicht gut zuhören. Könnte hier nicht schreiben, hätte so viel in den letzten 11 Jahren schlicht weder angefangen noch wenigstens mal als Idee verfolgt.

Ich könnte niemals mit irgendjemandem darüber reden, müsste ich jederzeit damit rechnen, dass noch heute ein Gerichtsverfahren mit möglicherweise tödlichem Ausgang für jemanden passieren könnte, das schon so lange her ist. Es gäbe in den Statistiken weniger sogenannten “sexuellen Kindesmissbrauch”, weil mehr zu Opfern gewordene Menschen schweigen würden. Es gäbe nicht weniger sogenannten “sexuellen Kindesmissbrauch”.

Diese Illusion gilt es aufzuzeigen.

note on: Sprachführung um sexualisierte Gewalt/sexuellen Missbrauch/*

Vor ein paar Jahren haben wir einen Text veröffentlicht, in dem wir begründen, weshalb wir unsere Gewalterfahrungen nicht als “sexuellen Missbrauch” bezeichnen und auch nicht von anderen Menschen, dem Gesetz oder Institutionen so bezeichnen lassen wollen.
Inzwischen haben wir Betroffene kennenlernen dürfen, die um den Begriff “sexueller Missbrauch” für die eigenen Erfahrungen kämpfen und einige Gedanken dazu möchte ich hier nun teilen.

Ich beginne damit, dass nachwievor immer und überall Raum für die eigenen Worte zu eigenem Erleben sein muss und soll.
Egal worum es geht, muss es erlaubt sein zu sagen, was auch immer man wie sagen will. Und ja, für uns schließt das auch Begriffe ein, die auch eine rassistische, ableistische, sexistische oder anders *istische Konnotation mit sich bringen. Denn diese eigens für das eigene Empfinden passend empfunden Begriff spiegeln nicht nur die Person und ihr eigenes Wertesystem und Weltbild, sondern auch das des Umfeldes (oder der Umfelder), in dem man lebt(e) und aufgewachsen ist.

Solchen Begriffen Raum zu lassen bedeutet noch keinerlei Legitimation oder Zustimmung.
Ihnen keinen Raum lassen bedeutet jedoch Menschen stumm zu machen, die noch keine anderen Worte oder Identifikationszugänge gefunden haben und damit einen Ausschluss zu praktizieren, der mit dem Wunsch nach einem Miteinander, an dem man in sowohl Worten als auch Taten gemeinsam arbeitet, nicht vereinbar ist.
Was hier ein bloßer langer Satz ist, ist in der Realität schmerzhafter Prozess, zähes Ringen, sozialer Kampf um Be.Deutungshoheit und Ressourcen, der von Privilegien, struktureller und individueller Sicherheit und Machtausübung geprägt ist.
Es bedeutet, dass sich Nazis in die Innenstadt stellen und ihre entmenschlichenden Parolen grölen dürfen. Es bedeutet, dass Abtreibungsgegner einen 8 Tage alten Zellklumpen “Kind” nennen. Es bedeutet, dass manche Menschen “sexueller Missbrauch” sagen, wo andere von “sexualisierter Gewalt” sprechen.

Hauptsache man redet drüber?

Manchmal frage ich mich das. Obwohl ich den Unterschied zwischen Wortproduktion und Gesprächen, durch die etwas wächst und Prozesse angestoßen werden, in diesem unseren Informationszeitalter auch sehr klar vor Augen habe.
Heute wird sehr viel geredet. Heute wird zuweilen fast erwartet alles, aber auch wirklich alles, auszusprechen. Wo eine Grenze auftaucht, und sei es eine aus Scham motivierte, da soll es drüber gehen. Schließlich leben wir so frei, dass uns auszudrücken keine Grenzen mehr kennen darf.

Aber nicht jedes Gespräch hat Wert. Nicht jedes Aussprechen schwieriger Dinge hat Konsistenz oder ist etwas Neues, obwohl man selbst vielleicht den Puls im Hals gefühlt hat beim Reden. Besonders wenn wir uns selbst ausdrücken – also wir Rosenblätter uns – dann hilft es uns, uns daran zu erinnern. Alles was wir sagen, gibt es und hat es schon gegeben, bevor wir es aus Luft und Zungenbewegung geformt haben. Oder aus den kleinen Blitzen in unserem Gehirn gezaubert haben.
Eine Bedeutung und eine Identifikation mit dem Gesagten können wir jedoch erst dann entwickeln, wenn es gesagt ist. Auch dann, wenn das, was wir da sagen für andere Menschen problematisch, langweilig, wirr, unverständlich ist.

Die Frage ist an der Stelle nicht, wer was sagen darf oder soll, damit sich alle miteinander wohl fühlen – die Frage ist, wie man sich miteinander wohlfühlt, während man zueinander spricht. Worin muss man sich einigen, welchen Grad des Dissens kann man mit wem ertragen, tolerieren, aushalten? Welche Grundvoraussetzungen müssen zuvorderst erfüllt sein, um überhaupt zu überlegen, welche Art des Dissens man miteinander toleriert?
Ich weiß jetzt schon, dass ich mit einem Nazi niemals über Migrationspolitik sprechen würde – aber ganz sicher würde ich mit ihm sprechen, wenn sie_r blutend unter einem Laster im Sterben liegt.So gehen wir heute in Gespräche mit Menschen, die ähnliche Erfahrungen wie wir gemacht haben, sie aber anders benennen. Wir fragen uns: Was ist uns wichtig? und Mit wem sprechen wir?

Wir nennen es “von Täter_innen sexualisierte Gewalt”, weil uns folgende Dinge beim Sprechen darüber wichtig sind:
– nichts an der Gewalt hatte mit Sexualität zu tun, denn Sexualität ist konsensuell und Gewalt ist es nie
– die Personen, welche die Gewalt an uns sexualisieren, sind die Täter_innen – auch die Mittäter_innen und auch die Personen, die sich durch eine Sexualisierung der Gewalt im Nachhinein (oft ungewollt und unwissentlich) zu Mit.täter_innen werden
– es geht um Gewalt – es ging immer um Gewalt und das zu Erkennen (zu identifizieren) und immer wieder mitzukommunizieren, geht für uns nur mit dieser Benennung

Von Betroffenen/Erfahrungsexpert_innen/früheren Opfern/* , die den Begriff des “sexuellen Missbrauchs” für sich passend empfinden, haben wir erfahren, dass ihnen andere Dinge wichtig sind.
Sie sagen so etwas wie “Ich wurde benutzt wie ein Gegenstand.”, “Ich wurde in der Situation entmenschlicht (denn es hat meine Sexualität oder mein Verständnis davon angefasst und ich halte Sexualität für ein Merkmal, das Menschen entscheidend ausmacht)” oder “Von Missbrauch haben alle schon gehört – ich will nicht immer erst klären müssen, was ich mit “sexualisierte Gewalt” meine (dafür habe ich keine Kraft/dazu hab ich keine Lust/das lenkt ab von dem, was ich mit.teilen will)”.

Wenn wir einander als Erfahrungsexpert_innen begegnen, wir also bereits voneinander wissen, dass wir sehr ähnliche Erfahrungen teilen, dann ist uns das genug gemeinsame Basis für die Toleranz der eigenen Begrifflichkeiten. Wir wissen: Wir reden über Persönliches. Wir sind einander offen und nah, haben gerade vielleicht sogar andere Schutzschilde oben, als Menschen gegenüber, die nicht diese Erfahrungen machen mussten. Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit sind wir beide froh überhaupt gerade reden zu können und eben nicht stumm zu sein, weil wir nicht wissen, was wir wie und wie viel wovon sagen können, ohne ausgeschlossen zu werden. Und sei es durch das bodenlose Schweigen derer, die weder hören wollen noch können, weil sie (noch) keine Umgänge gefunden haben.

Anders sehen wir es in politischen Kontexten. In den Nachrichten, in Reportagen und Dokus, in denen Erfahrungsexpert_innen wie wir gleichzeitig ein tragischer Einzelfall und eine homogene Gruppe sein sollen, ohne, dass dem angemessen Rechnung getragen wird. Auch bei Öffentlichkeitsarbeit sehen wir das anders.
Da fällt es uns enorm schwer damit zu leben, wenn überall von Missbrauch gesprochen wird. Schlimmer noch in einer Form, welche die Gewalt als solche weder benennt noch durch Umschreibungen aufzeigt. In dem Moment fühlen wir uns missbraucht und erleben das als etwas, das sehr schlimm ist. Weil dieser Empfindung Ausdruck zu verleihen auch bedeutet zu stören, zu belasten und anderen Menschen, für die es wichtig, richtig und gut ist, wenn das so passiert, die Plattform für die eigene Botschaft anzugreifen.

Obwohl heute anders und vielleicht sogar mehr darüber gesprochen wird, wird nachwievor nicht immer gut und genug darüber gesprochen.
Jede Gelegenheit ist gut und wichtig das Thema der Gewalt, die Menschen anderen Menschen antun, anzubringen. Einfach, weil sie zerstört, verstümmelt, verdreht, tötet. Weil sie nicht richtig ist. Weil sie passiert. Jeden Tag.
Jeden. Jeden. Jeden. Tag.
Überall.

Und weil das so ist, ist es wichtig sich damit auseinanderzusetzen, wie man es gut machen kann.
Was “gut” in Bezug auf Berichterstattung und Aktionswording überhaupt meint. Gut für wen? Gut für wann? Gut aufgrund welcher Wirkung?
Und kann “gut” nicht auch bedeuten “gut genug, um konstruktiv damit zu arbeiten”?

Als Aktivist_in stellen sich für uns Fragen nach Möglichkeiten und Grenzen des eigenen Aktivismus.
Wir wissen, dass es uns nachwievor stört, dass es im Gesetz heißt “sexueller Kindesmissbrauch” und eben dieses Gesetz auch noch ein sogenanntes “Sexualstrafgesetz” ist. Als würde mit einem Urteil eine rein von Sexualität gesteuerte Handlung bestraft und sei genau das kein Widerspruch zu dem, wie man Sexualität heute sieht, erforscht hat und auch lebt.
Wir wissen aber auch: Wie das Gesetz heißt, was die Justiz in der Sache macht, hatte nie und wird nie für uns irgendeine Rolle bei der eigenen Verarbeitung spielen. Wir brauchen keine_n Richter_in, die_r unsere Erfahrungen als solche anerkennt.
Wir brauchen ein soziales Umfeld, das es tut. Und deshalb setzen wir dort an.

Wir umgeben uns mit Menschen, deren Sprache wir gut genug tolerieren können. Sprechen selbst so, wie es für uns gut passt, machen Kompromisse, ändern unser Wording und sagen vielleicht sogar manchmal Dinge, die an anderen Stellen problematisch sind, wenn sie helfen, einander auf der subjektiven Ebene verständlich zu machen.
Manchmal, weil es nötig ist und inzwischen immer öfter auch, weil wir es können.

Wir haben nicht mehr so stark das Gefühl uns selbst zu verlieren oder nicht mehr authentisch zu sein, wenn wir verschiedene Begrifflichkeiten für unsere Erfahrungen zulassen. Oder, wenn andere Menschen aussprechen, was wir erfahren haben. Je mehr wir unsere Erfahrungen verarbeiten, desto stabiler ist auch das Spüren der so grauenhaft banalen Alltäglichkeit der Gewalt und der Beliebigkeit ihrer Opfer.
So funktioniert das bei uns. Wir merken: Wir sind nicht allein, waren es nie und werden es nie sein. Ob wir wollen oder nicht – die Wörter für die Erfahrung müssen wir miteinander teilen, obwohl die Erfahrung selbst ganz allein zu uns gehört.

Auf unseren Teebeutelzettel stand heute drauf, Erfahrung sei das Einzige, was man wirklich besitzt. Vielleicht ist da was dran. Denn so furchtbar es für uns ist, die Erfahrungen gemacht zu haben, so schlimm wäre es für uns, sie an irgendjemand anderes abzugeben.
Doch mit dem, was man besitzt kann man machen was man möchte. Man kann sie so benennen, wie man es gut und richtig findet, man kann ihnen den Raum geben, den man für sie braucht, wünscht, will. Man kann sie für sich nutzen, man kann sie unbeachtet lassen.
Doch eins kann man mit Gewalterfahrungen einfach nicht machen: verleugnen, dass sie auch mit anderen Menschen zu tun haben. Dass sie sowohl eine menschheitlich kollektive Erfahrung sind, als auch durch andere Menschen an einem_einer selbst passiert sind.

So ist das Ende dieses Textes eins, das Anerkennung individueller Umgänge wachsen lassen möchte, statt wie damals noch die Notwendigkeit von Einheit auf allen Ebenen zu fordern, als wäre nur so eine Veränderung möglich.

Woher sollst du es denn wissen

Ja,
woher sollst du es denn wissen.

Dass ich Angst bekomme,
wenn ich nicht sehen kann, in welche Richtung mich die Panik treiben wird,
wenn du mir zu nah kommst
und für mich
nicht mehr du bist

Woher sollst du wissen
von DEM DA
was in mir als schwarzer Schatten hochkriecht
mir die Welt verdunkelt
durch die zu tanzen ich heute so genieße,
weil du sie mir glitzern machst

Und sowieso
Was gibt’s denn da zu wissen
über meinen Schmerz, meinen Schatten, meine Angst,
meine kleine Hochburg aus Erinnern, Verdrängen und

Ver_Schmerzen

Is doch total normal
echt- man übersiehts sehr schnell
Jede dritte Frau in Europa hats erlebt
und jeder 7 Mann

Alle 5 Minuten
stirbt ein Kind daran

vielleicht ist jetzt grad die 5te Minute um

tick

tack
das ist so normal

 

Woher sollst du denn wissen
dass wir uns kennen, weil ich
10 Millionen
907 Tausend
700 Hundert Minuten
üb.erlebt hab

note von: MitSprache-Kongress 2018

note von: MitSprache-Kongress 2018

Das Gute ist: Du bist nicht allein mit deinen Erfahrungen sexualisierter Gewalt.
Das Schlechte ist: Du bist nicht allein mit deinen Erfahrungen sexualisierter Gewalt.

Wann immer wir Kongresse und Tagungen zum Thema besuchen, kommt uns das in den Sinn. So auch in diesem Jahr beim MitSprache-Kongress in Berlin. 250 Teilnehmer_innen, darunter einige aus dem Aus- und Umland, kamen zusammen, um in Diskussionspanels und Workshops und auch noch in den Pausen, miteinander über ihre Erfahrungen mit und nach der Gewalt zu sprechen, aber auch um politische Forderungen zu formulieren.

Wie muss man sich das vorstellen. Stehen wir da und erzählen uns wie schlimm der eine oder die vielen Übergriffe waren und einigen uns darauf, dass das bestraft gehört?
Manche Menschen, denen wir von dem Kongress erzählt haben, denken sich das so.
Dass wir konkret oder indirekt davon betroffenen Menschen doch eigentlich genau nur so auf einander treffen können. Und, dass es doch nur das Thema geben kann. Rachewünsche, Strafverhandlung, Gerechtigkeit und Genugtuung für den eigenen individuellen Fall.

Genau, weil es diese Haltung bei so vielen – selbst jenen, die eigentlich sehr offen und politisiert sind – gibt, fühlen wir uns persönlich oft einsam mit der Auseinandersetzung.
Denn über Schuldfragen, den Wunsch die Gewalterfahrungen mit.zu.teilen und Fragen der Genugtuung sind wir schon seit Jahren hinaus. Für uns geht es heute mehr und mehr um die stille Mittäter_innenschaft der Gesellschaft, die Frage nach Schutz in einer Öffentlichkeit, die sich selbst nicht als solche begreift. Uns geht es um politische Forderungen nach Anerkennung und Schutz, um die Erschaffung von Räumen und Wahlmöglichkeiten, sich unabhängig und selbstbestimmt zu helfen, zu verarbeiten und zu heilen.

Mit dem Betroffenenrat, der dem unabhängigen Beauftragten für Fragen des (dort so genannten) „sexuellen Missbrauchs“, beisteht, wurde eine Struktur etabliert, die konkret von sexualisierter Gewalt betroffenen Menschen nützen kann, solche Anliegen in die Auseinandersetzungen der Politik einzubringen.

Nun sind wir nicht gerade dafür bekannt, autoritäre Strukturen für gut im Sinne von unkritisch zu sehen. Es gefällt uns nicht, von einigen wenigen Betroffenen repräsentiert zu werden und gleichzeitig zu merken, wie einerseits unstrittig die Notwendigkeit von Betroffenenrat und UBSKM ist, andererseits aber doch klein die Möglichkeiten der Einflussnahme sind.
Aber auch mit dieser Sicht sind wir nicht allein und besonders in den beiden bisher veranstalteten Mitsprache-Kongressen zeigte sich, dass es eine solche bündelnde, ja, konzentrierende Struktur braucht, um die Kernprobleme zu erfassen.

So nahm auch in diesem Jahr die Thematik der sexualisierten Übergriffe durch Vertreter_innen der Kirche wieder viel Raum ein, nachdem in den vorangegangenen Tagen die ersten Ergebnisse der Studie der Deutschen Bischofskonferenz über das Ausmaß der sexualisierten Gewalt veröffentlicht wurden.
Die Ergebnisse mögen schockieren, jedoch werden sie es nur jene, die in den letzten Jahren kein einziges Mal ein Ohr für die Betroffenen hatten, die seit Jahren darüber reden, dass sie nie der Einzelfall waren, zu dem sie von Medien und Politik, aber und vor allem auch von der Kirche selbst gemacht wurden.
Und vertrauen kann der Studie sowieso nur, wer glaubt, dass unabhängig ist, wer von der Kirche über die Kirche spricht.

Dennoch. Als Betroffene sexualisierter Gewalt kommt man nicht zum Kongress, weil der eigene Hintergrund eine so tragende Rolle spielt und hier zeigt es sich.  Für viele ist es nicht relevant, wo und wann der Übergriff passierte. Ob im Sport, in einer Institution oder in der eigenen Familie – der Schmerz und die Leiden danach, die Folgen auf so viele Aspekte des Lebens nach der Gewalt, sind sich so ähnlich, dass sich ein Gefühl der Verbundenheit einfach so ergibt.

Wir profitieren sehr von diesen Verbundenheitsgefühlen. Davon, so viel im Kontakt überspringen zu können, um über das zu sprechen, was Aspekte des Lebens heute schwierig macht, weil manchmal eben doch noch eine Traumawahrheit danach greift.

Für uns ist es ein gegenwärtiges Da_Sein. Mit Blick auf das, was kommt.
Wir verstehen Aufarbeitung als Arbeit an der Zukunft. Als Akt der Sabotage an den Strukturen und Dynamiken, die Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene bis heute in Gefahr bringen unsere Erfahrungen auch machen zu müssen.
Das kann man Präventionsarbeit nennen. Aber vielleicht ist es auch das gegenseitige Bestärken darin, dass es okay und wichtig ist, die eigene Betroffenheit, das eigene Bewusstsein um die Fragilität der eigenen Körper-, Seelen- und Geistesgrenzen in den Alltag zu einzubringen und darüber zu sensibilisieren.

Wir gehen gestärkt und auf eine Art gekräftigt aus dem Kongress hervor, wie nur passieren konnte, weil uns andere von sexualisierter Gewalt betroffene Menschen an sensiblen Themen berührten und bestätigten.

Das bedeutet uns viel und hat uns ermöglicht die Kunstaktion am Ende der Veranstaltung mitmachen zu können. Wir gingen mit unseren Forderungen vor den Reichstag.
An anderen Tagen hätte uns das ganze Setting in die Flucht geschlagen. Um uns herum standen Touristen, die uns vermutlich für irgendeine schräge Berliner Aktion gehalten haben. Teilnehmer_innen des Marathons fuhren an uns vorbei, ohne den Raum, den wir dort gestalteten in Bezug zu etwas zu setzen mit dem auch sie direkt zu tun haben könnten.

Überhaupt – die Entfernung zwischen Menschen um uns herum und dem, weshalb und womit wir dort standen.
Die Polizisten, die sofort in Aktion gingen, als jemand seinen Rucksack an den Zaun gestellt hatte; die Tüpen, die sich mit ihrem Fußballvereinsbanner hinter uns stellten, als wir uns daran machten, den Betroffenen zu gedenken, die jetzt nicht mehr bei uns sein können; all die Glotzer oder Gaffer, das Treiben und Reißen dessen, was um uns herum passierte – es war in dem Moment für uns so nah an dem, was uns früher das Gefühl gegeben hat, aus der Welt gefallen zu sein, weil passiert ist, was passiert ist.

Und dann war da dieses Paar aus England. Eine Person, die sich weinend an der anderen festhielt. Selbst betroffen. Berührt von dem, was sie als Mut, Kraft und Stärke in uns als Gruppe wahrnahm.

Dafür wars gut.
Dafür ist es wichtig.

Fundstücke #64

Es ist die dritte Woche unseres Praktikums und das erste weinschreiende Kleinkind, das mit uns im Zug fährt.

NakNak* und ich sitzen in Sichtweite, doch nicht direkt in der Szene. Dafür bin ich dankbar, denn mit dem Hund an der Seite ist der Kontakt zu fremden Menschen allgemein und Kindern im Besonderen zwar leichter möglich, aber nicht immer auch stressfreier.

Das Kind windet sich in der Karre, will aussteigen, will selber essen, will selbst den Trinkbecher halten, drückt und drückt sich gegen die Gurte, die es in der Karre halten.

Das Elter sagt Dinge, die nicht an das Kind, sondern die Umsitzenden im Mehrzweckabteil gerichtet sind. Macht mich wütend als es irgendwas mit „Fesselspielen“ sagt und uneindeutig lächelnd in die Runde guckt.
Die Runde drumrum sagt nichts. Später kommt eine ältere Person, die versucht das Kind, das inzwischen in einem Frustschreikreisel rotiert, abzulenken.

Dass wir uns selbst in irgendetwas eingekreiselt haben, merke ich erst, als Elter und Kind aussteigen. NakNak* schleckt unseren Unterarm an, drückt sich gegen unsere Brust. Wir schauen auf die gelbgrünen Wiesen und Felder draußen und lassen unsere Anspannung wie Steinschlag auf den Abteilboden rieseln.

Wir verbieten uns irgendwelche weiteren Gedanken über das Elter, das Kind, die Erziehungsmethoden. Es ist nicht unser Kosmos, wir haben keine Ahnung. Nur die Annahmen, die unser getriggertes Nervensystem generiert.

Dennoch denken wir darüber nach, was für ein Mechanismus das ist, wenn ein Elter auf so eine Art kommuniziert. So als wäre es in einer Mangege zur Darstellung eigener Überlegenheit oder in einer Art Show der Kompetenzbeweise. Und what the fuck- was ist das für ein Sprung von „Eeeh sorry“ zu „Hehe Fesselspiele“?

Das ist doch kein Ausdruck von Kompentenz, da geht es doch nur um Überlegenheitsdemonstration.

Ich komme zu keinem Schluss, dann fährt der Zug in unseren Zielbahnhof ein. Am Abend schaue ich ein YouTube-Video an, in dem ein Kind unter 5 einen Bikini trägt. Was ist das für eine merkwürdige Situation, in der ein Kleinkinderkörper wie ein Erwachsenenkörper sexualisiert und entsprechend bekleidet (oder wie im Zug: geframed) wird?

Geht es dabei um Macht oder um Machtpotenzial? Um die Legitimation einer Kontrolle oder um die Angst vor einem kleinen Tyrannen, dessen größte Tyrannei darin besteht, sich zusehens zu etwas zu entwickeln, das den Eltern gleicht?

Was auch immer es ist, denke Ich, als ich das Video ausschalte, kein Kind kann sich dagegen wehren.
Es gibt keinen Schutz vor geistigen Übergriffen durch sexualisiertes Framing.

note on: der Polizei die Bilder der eigenen Gewalterfahrung zugänglich machen?

Die Dokumentation von sexualisierter Gewalt am eigenen Körper, an der eigenen Seele, der Polizei übergeben, um in geschlossene Foren einzudringen und Mit.Täter_innen so ausfindig zu machen.
Das ist ein Vorschlag, den Ingo Fock, Vorsitzender von “ gegen Missbrauch e.V. ” kürzlich in einer Live-Diskussion mit der hessischen Justizministerin Eva Kühne-Hörmann aufbrachte und auch in einem Interview im Infoportal Rituelle Gewalt besprach.
Im Folgenden möchte ich beschreiben, wie ich das sehe.

Grundsätzlich: Auch Menschen, deren Gewalterfahrungen gefilmt, fotografiert, schriftlich beschrieben oder sonst wie dokumentiert wurden, haben Persönlichkeitsrechte an dem Material. Schon deshalb ist die Verbreitung von solchen Medien ein weiterer Gewaltakt, der den Gewalterfahrenen angetan wird.
Für mich: Völlig unabhängig davon, wer sie dann zu sehen bekommt.

Es stellt mich bereits vor eine enorme Hürde damit umzugehen, dass sich in meiner Therapeutin unweigerlich Bilder von mir in diesem Körper, in der von mir geschilderten Situation, entwickeln. So funktionieren Gehirne und weder ich noch sie können etwas dagegen tun.
Was wir tun können ist, diese Bilder zu entfernen und als das nehmen, was sie sind: die Art, wie Gehirne Aufgenommenes (Erfahrenes) verarbeiten.
Das heißt: Wir können einen Umgang damit finden, dass es sie gibt und, dass sie verschwinden, sobald sie verarbeitet sind.

Genau das passiert mit Gewaltdokumentationen, die von Mit.Täter_innen und Konsument_innen sexualisiert und benutzt werden, nicht. Auch nicht, wenn die Polizei sich das Material angesehen hat und die_n Täter_in.nen gefunden und evtl. (!) verurteilt wurden.
Da stellt sich mir die Frage: Wozu sollte ich das Material, von dem ich weiß, dass es das von mir gibt und kursiert, zur Verfügung stellen, wenn es doch weiterhin existieren muss/soll (und also potenziell immer wieder angesehen werden kann)?

Viele Mit.Täter_innen benutzen solches Material nicht als Ersatz für tatsächliche Handlungen, sondern als Erinnerungsstück oder auch als Trophäe. In Bezug auf Tauschplattformen und Foren auch als Währung, als Statussymbol, als wirtschaftliche Anlage.

Das ist wichtig zu wissen: Es geht nicht um die Personen, die abgebildet sind.
Es geht um Besitz. Um Macht. Um die Mit.Täter_innen und um Verewigung.

In dem SternTV-Beitrag wird vorgeschlagen, computergeneriertes Material zu erstellen, um in geschlossene Foren, in denen Material getauscht wird, einzudringen.
Für mich ist das ehrlich gesagt blanker Zynismus und wieder ein Punkt, auf den ich als Aktivist_in zeige und sage: Auf genau so eine Idee kann nur kommen, wer sich nie mit den Gewaltüberlebenden, Gewalterfahrenen, Gewalthinterbliebenen, Gewaltausübenden und Konsument_innen von Gewaltdokumentation auseinandergesetzt hat.

Denn: den Ersteller_innen, den Täter_innen, den Konsument_innen, den Verbreiter_innen, den Wegbereiter_innen ist es egal, ob da eine Animation abläuft oder ein echter Mensch gequält wird.
Auch digital erstelltes Material, das Gewalt an Menschen darstellt, ist Material, das Gewalt an Menschen darstellt.
Es wird Konsument_innen finden. Einen Fetisch gibts für alles und ja, auch animierter Gewaltsex* gehört dazu.
Es verhindert nichts, nur weil es keine reale Szene zeigt. Die Szene wird durch den Film real und das ist, was zu verhindern ist.

Meiner Ansicht nach, ist es die Aufgabe der Polizei die Produktion und die Umstände, durch die diese möglich wird, sowie die Verbreitung solchen Materials zu verhindern. Für mich auch: egal, ob real oder digital animiert oder in Form von “so tun als ob” (zum Beispiel Material, das zeigt, wie Menschen Puppen, die Kindern nachempfunden sind, “sexualisiert misshandeln”).
Was die Polizei aber tatsächlich tut ist: ermitteln, wenn es bereits passiert ist.

Das ist ein altes Dilemma der Strafverfolgungsbehörden, das weiß ich – es ändert aber nichts daran, dass der Staat Deutschland sich einen, was die Straftatsprävention- und –intervention, die “Sicherheitsherstellung- und aufrechterhaltung” angeht, doch eher dysfunktionalen Apparat hält, um sich nach innen und außen zu sichern und zu schützen.

Hinzu kommt ein Aspekt den Herr Fock im Interview mit dem Infoportal Rituelle Gewalt aufbringt: Irgendwann sieht eine digitale Figur einem real existierendem Menschen sehr ähnlich – und was macht das für ein Fass auf? Und wer kommt für daraus entstehende Schäden und Schwierigkeiten auf?

Fock betont wie Wichtigkeit der Freiwilligkeit, wenn es um die Frage nach der Zurverfügungstellung des Materials von eigenen Gewalterfahrungen geht. Er sagt auch, bei den Ermittlungsbehörden brauche es eine Anlaufstelle für Menschen, die sich das vorstellen können oder darüber nachdenken oder auch: sich fragen, ob es Material von ihnen im Internet gibt.

Die Gedankenkreisel um genau diese Ungewissheit ob oder ob nicht irgendwas im Netz gelandet ist, kenne ich auch.
Heute bin ich jedoch an einem Punkt, an dem mir das die Weiterentwicklung und Aufarbeitung der Gewalterfahrungen nicht mehr erschwert oder verwehrt. Ich gehe pauschal davon aus, dass es Material von meinen Gewalterfahrungen im Internet gibt, einfach, weil es in den Kontexten, in denen definitiv welche produziert wurden, eine logische Verwertungsinstanz darstellt.

So sehr das Außenstehende vielleicht auch erschüttert: Mir hilft es heute zu wissen, dass es bei all dem nie um mich ging, sondern um diese Menschen und ihre Interessen. Es hat meinen Körper getroffen, aber das Ziel war und ist bis heute (mindestens im Welt- und Selbstbild der Mit.Täter_innen) etwas anderes.
Und genau das kann man Mit.Täter_innen und Konsument_innen meiner Ansicht nach nehmen.

Zum Beispiel, indem Material jeder Art gelöscht bzw. unzugänglich bis zur polizeilichen Bearbeitung gemacht wird oder, indem Forenbetreiber_innen zur Zusammenarbeit mit Ermittlungsbehörden gezwungen werden können, sobald diese auch nur den begründeten Verdacht hat, dass es sich um eine Plattform zum Tausch von illegalem Material handelt.

Daneben aber auch, indem man Mit.Täter_innen mit den Überlebenden und Hinterbliebenen ihrer Tat.en konfrontiert.
In Konkreten natürlich nur, wenn diese dem auch zustimmen, im Allgemeinen jedoch mit einer verbesserten Präsenz von Gewalterfahrenen, –überlebenden, – hinterbliebenen in der Öffentlichkeit.

Vielen Menschen ist nicht klar, dass aus vielen Kindern im Wort “Kinderpornografie”, irgendwann Erwachsene werden bzw. geworden sind.
Genauso, wie manche von der Gewalt traumatisierte Menschen, sich immer wieder hilflos, ausgeliefert, misshandelt und gedemütigt wie ein Kind erleben, weil sie mit Flashbacks und anderen Traumafolgen umgehen müssen, so haben die Täter_innen ihre Opfer für immer als Opfer, als kindlichen Körper, als unterlegenes Objekt in Erinnerung, auf Band oder Fotopapier.

Und genauso wie es für Gewalterfahrene wichtig ist, sich als mündiges Subjekt, als selbstbestimmte erwachsene Person zu begreifen und erleben, um zu heilen, Abstand zu gewinnen, zu verarbeiten, halte ich es für wichtig auch Mit.Täter_innen diesem Realitätscheck zu unterziehen und ihr Material als etwas zu enttarnen, dessen Sinn und Zweck ganz allein in ihnen passiert.

Nicht, damit sie begreifen, was sie getan haben, sondern, dass sie es einem Jemand angetan haben. Einem Jemand, das heute erwachsen ist, wie sie es damals waren und heute sind.
Und damit sie begreifen, dass sie sich selbst mit etwas umgeben, dass nur deshalb ewig bleibt – ihnen “nicht genommen werden kann” – weil sie sich selbst nur in dieser Vergangenheitsform erleben können/wollen.
Und nicht, weil das, was sie ihren damaligen Opfern angetan haben, auf ewig so geblieben ist, wie sie es angerichtet haben.

Natürlich ist besonders Letzteres etwas, das wenig mit der Strafverfolgung zu tun hat oder damit, was man machen kann, um Foren und Plattformen aufzulösen. Ich glaube jedoch, dass es wichtig ist, solche Aspekte und Möglichkeiten nicht außer Acht zu lassen, denn sie formen die gesellschaftlichen Kontexte, in denen man über den strafrechtlichen Umgang mit solchen Straftatbeständen nachdenkt.

Einen Schritt in diese Richtung hat Ingo Fock mit seinem Beitrag geleistet.
Gewalterfahrene als Personen zu markieren, die Rechte an den Materialien haben, die sie jedoch selbst nicht einfordern können, ist eine neue Art auf die Problematik der Gewaltdokumentation zu schauen.

Es wird deutlich: für diese Herangehensweise gibt es keine Strukturen. Gäbe es Strukturen, ergäben sich neue Mittel und Wege, wie mit dem Problem, wie mit dem Umstand, dass diese Gewalt passiert, umgegangen werden kann. Es zeigt auf: an erwachsene ehemalige Opfer und ihre Rechtsansprüche über das Unrecht, das ihnen mit der dokumentierten Gewalt geschah, hinaus, hat man bisher noch nicht gedacht.

Wie denn auch, spricht man doch nachwievor überwiegend von Kindern, die zu Opfern werden, statt von Erwachsenen, die Kinder waren, als sie zu Opfern gemacht wurden.

kein Schicksal

Mein Schicksal teilen, schlägt eine Freundin vor. Ein bisschen hilflos vielleicht. Ganz sicher überrascht von der offensiven Art mit der ich plötzlich von etwas spreche, über das sie mich noch nicht hat sprechen hören.

Ich gehe üblicherweise nicht in Kontakte und sage: “Ich fühle mich gerade ekelhaft, denn der Flashback von vor 20  Minuten lässt mich nachwievor erinnerfühlen, wie mir Sperma den Oberschenkel runterläuft.”. Bis heute.
Und dann sagt sie etwas von Selbsthilfegruppen und Schicksal teilen.

Und mir wird klar, dass es doch etwas ausgemacht hat, “diese Traumadinge” einfach nicht auszusprechen. Denn zumindest für sie ist es noch immer “ein Schicksal” und keine Gewalt_tat, die jemand beging, weil es möglich war.

Mich hat das getroffen. Nicht Wutpanzer-drüber-und-weiter-gehts-getroffen, sondern Tränen-die-nach-innen-abfließen-getroffen. Denn: ein “Schicksal” ist etwas, das niemand beeinflussen kann. Das über den Menschen hereinbricht und von nichts und niemandem verhindert werden kann.

Schicksal, das ist für uns göttlich. Lauf der Dinge. Natur.
Gewalt ist kein Schicksal. Gewalt ist menschlich. Gewalt ist verhinderbar.
Und zwar von jenen, die sie ausüben, die sie legitimieren und von jenen, die sie ermöglichen.

Meine Freundin versteht das nicht.
Sie versteht nicht, dass sie mit dieser Begrifflichkeit die Gewalt an mir zu etwas macht, das nichts mit den Täter_innen zu tun hatte.

Sie versteht nicht, was es mit mir macht, wenn sie meine Gewalterfahrungen mit den Erfahrungen von Tsunami- oder Erdbebenüberlebenden gleichsetzt.

Sie versteht nicht, wie stumm sie mich damit macht. Denn G’tt kann ich nicht anschreien, nicht strafen, nicht anzeigen und für das verurteilen, was durch si*hn mit mir passiert ist.

Sie versteht nicht, dass sie mich mit diesem Framing ohnmächtig macht. Und hält. Denn mehr als teilen kann man Schicksale nicht. Man kann sie nicht auflösen, indem man sie verarbeitet, wie man das mit einer menschengemachten Wunde in Menschenseelen.fleisch tun kann.

Sie versteht nicht, dass wir erstmal eine Weile keinen Kontakt mit ihr haben wollen.

notes on #metoo

Me too – ein Hashtag, der eine Kampagne, gestartet von Tarana Burke, war und jetzt durch Netz und Medien geht.
Es geht um Empathie, sagt die Initiatorin. Darum, dass alle wissen, dass sie nicht allein sind. Darum, dass jene, die glauben, ES passiere nur wenigen, erleben: ES passiert vielen. Es geht um Kraft aus Gemeinschaftsgefühl. Um Veränderung durch Miteinander.

Dieses Blog – ein Blog von Vielen – heißt nicht nur deshalb so, weil es ein witziges Multiple Persönlichkeiten-Wortspiel ist.
Es ist ein Blog von Vielen. Eines, das unserer schon damals bewussten Ansicht nach, austauschbar ist, denn es erzählte nie eine besondere Geschichte oder skizziert ein unübliches Schicksal.

“Me too”, das haben wir vor inzwischen gut 9 Jahren schon gesagt. Ganz öffentlich und zugänglich. Dass unsere Gewalterfahrungen nicht einzig waren, wussten wir schon vor noch mehr Jahren. Dazu brauchte es kein feministisches Erweckungsmoment oder eine spezifische Politisierung. Es brauchte keine besondere Empathie, um zu wissen: Ich bin nicht allein mit diesen Erfahrungen.

Wofür unsere Politisierung wichtig war, war das Begreifen der Ignoranz. Des verlassen, verachtet, des gedemütigt werdens aufgrund der gemachten Gewalterfahrungen. Es war die Gewalt der Strukturen, die von der Gesellschaft, in der wir leben gemacht, getragen und verteidigt werden, die uns heute begreiflich macht, dass wir nicht nur eine_r von vielen sind, sondern von immer weiter, immer mehr und mehr.

Passend dazu: In der nächsten Episode “Viele-Sein” (coming soon) sprechen wir mit Renée ausführlich darüber, was sich an den Strukturen ändern muss.

Wir sprechen über die Strukturen, weil uns persönlich egal ist, wie viele Menschen in unserer Umgebung nach- oder mitempfinden können, dass wir ein Mensch sind, der Gewalt erfahren hat. Es ist uns egal, weil wir die Menschen in unserer Umgebung bereits als Menschen mitdenken, die Gewalt erfahren haben.
Ockhams Rasiermesser – in der Welt, in der wir leben, ist es wahrscheinlicher, dass ein Mensch in seinem Leben globale Ohnmachts-/Unterwerfungserfahrungen gemacht hat, als, dass er sein Leben lang selbstbestimmt und ohne Verletzung jedweder Grenzen verbrachte.
Wir können inzwischen damit aufhören zu glauben, es gäbe noch viele Ungeschlagene da draußen.

Wichtig ist geworden anzuerkennen, dass der Gewaltbegriff und der individuelle Umgang mit den eigenen Erfahrungen unterschiedlich ist. Für die eine Person beginnt Gewalt bereits bei einem Machtungleichgewicht – für die andere bei einer Prügelei. Für die eine Person steht Leiden im Vordergrund – für die andere Schaden.

An Me too und den Texten und Filmen und Beiträgen in diversen Medien merken wir, wie weit wir uns seit Aufschrei von dem Empathieansatz entfernt haben.
Wie fern es uns inzwischen ist, zum x-ten Mal einen Trost oder Kraft in dem Gedanken zu suchen, dass wir nicht die einzige_n sind – um erneut enttäuscht zu werden. Denn warme Mit-Gefühle von Fremden verändern nichts an unserer Not, unserem Leiden und dem strukturellen Loch, mit dem wir seit so vielen Jahren nach der Befreiung aus eigener Kraft umgehen müssen.
Es macht uns einfach nur noch traurig, wütend, bitter zu wissen, dass ES so vielen passiert. Und schon passiert ist. Und noch passieren wird. Jeden Tag. Immer weiter. Immer mehr.

Wir können Empathie dafür aufbringen, dass auch dieser Hashtag wieder Menschen ermutigt sich zu zeigen. In Worte zu kommen und sich selbst nicht zu verstecken. Viele werden sich damit gut fühlen. Manche werden sogar gestärkt.
Doch wieviel bleibt davon und wie viele gehen weiter in der Auseinandersetzung? Wie viele Forderungen bleiben? Und an wen werden diese Forderungen gerichtet? Worum geht es am Ende?

Gewalt erzeugt sich selbst. Gewalt gibt es nur für sich selbst.

Niemand wird am Ende der Auseinandersetzung mit diesem giftigen Stück Menschlichkeit zufrieden, glücklich, satt, warm und weich sein. Niemand. Immer wird da die Angst sein, dass man sie (wieder) selbst erlebt. Weil man weiß, dass es sie gibt und, dass sie kein anderes Ziel als sich selbst hat. Niemand kann an ihr gewinnen. Nicht einmal jene, die sich befriedigt daran fühlen.

Es ist ein egoistisches Scheißding, die Gewalt.

Und unsere Gefühle voneinander als Betroffene interessiert sie einen Scheiß.
Me too ist genau wie Aufschrei etwas, das sich, ob es will oder nicht, im Danach konzentriert. Es wird wieder über Opferzahlen berichtet, über Form und Farbe, Haptik und Optik von Gewalt an Menschen. Als wäre es etwas, das völlig außerhalb der Menschen selbst passiere. Ein Stoff. Eine Dynamik, die aus dem Himmel rieselt und etwas macht.

Aber so passiert sie nicht. Sie liegt allen Menschen gleichermaßen inne.
Und bis alle gleichermaßen die Verantwortung, die damit einhergeht, zu tragen verstehen, wird sie immer wieder und wieder wirken können.