Diskriminierung – Diskrimination – Inklusion

Als Diskriminierung wird die Benachteiligung und Abwertung von Individuen aber auch Gruppen bezeichnet, die sich aus bestimmten Wertvorstellungen ergeben, die wiederum durch bestimmtes Verhalten, Urteilen und unbewusste Verknüpfungen (und auch das Herstellen solcher Verknüpfungen) ausgedrückt werden.

Diskrimination ist ein altes Wort für Differenzierung. Man hat es verwendet, um die Absonderung, den Ausschluss, die negative Diskriminierung zu benennen.

Wenn manche Menschen heute versuchen Inklusion zu machen, dann fangen sie meistens beim Ausschluss an. Das ist das einfachste, weil es eindeutig negativ ist. Es geht um Diskrimination. Darum, dass Menschen etwas nicht bekommen oder nicht haben, was andere bekommen und haben. Da ist ein Loch, ein negativer Bereich, wenn man so will und viele Menschen denken, dass, wenn dieses Loch gestopft ist, die Inklusion passiert ist.

Diskriminierung hingegen ist etwas, das durch soziales Miteinander entsteht. Durch soziale Not_wendigkeiten. Durch Prozesse von Kultur, Zivilisation, aufwachsen in einer Gesellschaft, die ableistisch ist und bleibt, weil sie von Ableismus und anderen Formen der Gewalt geprägt ist. Und „geprägt“ meint hier so viel wie „direkt, wie indirekt, wie by proxy davon traumatisiert“.
Niemand steht morgens auf und denkt: „So, heute diskriminier ich mal n paar Leute mit Epilepsie, heute kommt die Flatterbeleuchtung in die Bushaltestelle umme Ecke.“ und reibt sich die Hände vor Vorfreude aufs Leid anderer.
Aber mit jedem Busticket, das man kauft, bezahlt man Leute, die dafür Verantwortung tragen, was für eine Beleuchtung in die Haltestellen kommt. Leute, die zur Schule konnten, weil sie das Recht dazu hatten, die eine Ausbildung, ein Studium machen konnten, weil sie sich an die Bedingungen anpassen konnten, die zu keinem Zeitpunkt auf die Idee kommen mussten und konnten, dass sie vielleicht aktiv Dinge tun, die auch Menschen betreffen, die in mehr als Haarfarbe, Musikgeschmack und Konfliktfähigkeit anders sind, als sie selbst.

Für diese, für die meisten, Leute, die in ihrem Leben nie diskriminiert wurden, sind die Leben behinderter Menschen insgesamt ein negativer Bereich. Es gibt sie einfach nicht. Nicht wirklich. Es gibt ~die Behinderten~ „die Anderen“, die man von sich selbst differenzieren, diskriminieren kann, aber, weil an der Stelle eine Diskrimination passiert, wird da zwischen „Ist“ (oder auch „echter Mensch“, oder „so wie ich/mir gleich“) und „Nichtist“ (also „eigentlich nicht so richtig Mensch“ oder „nicht so wie ich/mir fremd“) unterschieden – und eben nicht nur diskriminiert, wie man das heute so gerne eingrenzt, weil man sich mehr Pragmatismus im Inklusionsgeschehen wünscht, als ginge es um eine Baustelle, die man nur mal richtig glattziehen muss und dann läuft das schon.

Sorry, nee.
Es ist einen Tucken schwieriger als miteinander lieb zu sein. Positiv auf Behinderung und Menschenleben zu gucken. Nicht alles immer so schwer zu nehmen, so persönlich, so kompliziert. Inklusion ist nicht das gute Leben für alle. Es ist Leben für alle. Die anerkennende, beachtende, as in „achtsame“ Differenzierung von Leben in all seinen Formen und Ausgestaltungen.
Inklusion muss Platz haben für Hässlichkeit, für Ekligkeit, für Awkwardness, für nervtötende Klugscheißerei, für kritische Spitzen, für Zähneknirschen und Unzufriedenheit. Für Unterschiede und auch für Unterscheidung. Sonst ist es keine Inklusion.

Man braucht Diskrimination, man braucht Diskriminierung, um zu ordnen. Nicht, um zu hierarchisieren, nicht um zu bewerten, sondern um zu strukturieren, um effizient sein zu können und so das eigene und das Leben anderer Menschen zu sichern.
In unserer Gesellschaft wird aber diskriminiert, um Werte zu kommunizieren und zu legitimieren. Um Macht zu erhalten, auszubauen und zu stabilisieren.

Es ist nicht damit getan Ausschluss zu verhindern. Menschlichkeit zu feiern. Sich gegenseitig immer wieder zu erzählen, alle seien Mensch und ultrawertvoll, einfach, weil man da ist.
Das stimmt so einfach nicht. Man ist wertvoll, sobald man für wertig erklärt wird. Und damit beginnt das ganze Problem schon. Ganz random. Völlig alltäglich. Absolut fest in jede einzelne soziale Geste, die man macht eingebunden – auch in die, die niemandem aktiv, offensichtlich schaden oder Rechte verwehren.

der Thread, in dem Hannah aufschrieb, dass Inklusionsaktivismus nur wie ein Serviervorschlag funktioniert

Ich habe gestern diese Grafik von @PacingPixie bei Instagram entdeckt und sie bei Twitter ausformuliert. Lief nicht. War klar. Ist trotzdem wichtig, deshalb hier nochmal. Für mich, für euch, for whom it may concern. Mit weniger Fehlern und einigen Ergänzungen.
3 Kreise, die sich alle überschneiden und 4 Flächen ergeben1. Does not confront ableism2. Productive under capitalism3. Appearance aligns with beauty standardsergibt 4. Palatable disabled people
Für uns zeigt dieses Bild die deutsche Inklusionsbubble.
Wir haben sie oft kritisiert, aber nie mit den Worten „konfrontiert Ableism nicht“. Aber es ist so wahr! Aufklärung darüber, was Ableism ist; reverse „Witzigkeit“
über ableistische Praxis; sarkastisch-zynische Antworten auf ableistische Diskriminierung sind keine Konfrontation. Das ist Aufzeigen, aufklären, erklären. Und ja, das kann für Leute, die leugnen oder vermeiden wollen, konfrontierend wirken, hat am Ende aber doch immer eher die Wirkung wie der Hinweis „Serviervorschlag“ auf Fertigessen: Man formuliert das Offensichtliche (nämlich, dass Dinge anders sein könnten, als sie es sind, wenn man nichts damit macht), weiter nichts.
Ableism im Grundsatz zu konfrontieren ist etwas, dass (sich) die meisten behinderten (rassistisch, klassistisch … diskriminierten) Leute gar nicht leisten können, denn wir leben in einer Gesellschaft, in der praktisch jede Infrastruktur, jede Interaktion auf dem basiert, was Diskriminierung bewirkt: Ein globales Ungleichgewicht der Macht und also Einflussbereiche und also Kapital, das diese Position sowohl etabliert als auch stabilisiert und sichert (und also auch erweitern hilft). Sich dagegenzustellen, kann jede Lebens- und Schutzgrundlage entziehen und also Lebensgefahr bedeuten.
>Ich weiß, dass das, was ich hier gerade aufschreibe 0 anschlussfähig ist. 0 Mainstream. 0 Komma 000 einfach verständlich, aber genau das ist, was Ableism ist und für behinderte Menschen bedeutet. Das muss konfrontiert werden – da muss der Kampf, wenn man findet, dass es einen braucht – hin. Weg von individuellen Umgängen damit, wie es ist, man zum tausendsten Mal erklärt hat, dass man XY nicht kann oder AB braucht, um Zugang zu bekommen. Weg davon, sich möglichst edgy auszudrücken, wenn jemand übergriffig war oder wenn man nicht zeigen will, dass die Briefe vom Sozialamt richtig krass weh tun oder nerven oder unsinnig sind – gerade, weil man weiß, dass sie eine_n da entmenschlichen.
Wir müssen dahin kommen, zu sagen: „Ich werde ohnmächtig gemacht – ich werde entmachtet, weil ich behindert/chronisch erkrankt bin – mir werden Menschenrechte nicht
gewährt, weil mächtige Menschen etwas davon haben, dass ich behindert bin.“ Als Beispiel. <
Zweiter Punkt: Ist euch aufgefallen, dass die behinderten Aktivist_innen, die ihr im Fernsehen oder im Netz total oft seht, einen Job haben oder ihren Aktivismus zum Beruf gemacht haben (machen mussten)? Ist ein Privileg. Eins, das die wenigsten behinderten Leute haben und das, worüber man aber noch am ehesten relatable für Leute ist, die Behinderungen leicht und einfach kompensieren können. So genannte „Nichtbehinderte“, die DER Maßstab sind. Immer noch. Bei allem. Auch für Sender und Sponsoren. Zum Beispiel.
>Ich halte es für wichtig das aufzuzeigen, weil es bedeutet, dass das eine Achse ist, über die behinderte Leute benutzt werden, während sie für ihre Sache eintreten und dass es also vermutlich total egal ist, ob man in der Rolle über Inklusion und Menschenrechte redet oder eine Erklärfunktion hat oder als Diversity-Marker platziert ist. Jede wie auch immer gestaltete Öffentlichkeit ist in erster Linie von und für das „nicht behinderte“ Publikum gemacht und ja, nein, man wird nicht öffentlich, prominent, berühmt, Publikumsliebling oder eine Stimme, auf die alle hören, wenn man dieser Öffentlichkeit sagt, dass sie 24/7 Unrecht tut (obwohl sie das in der Regel gar nicht will und bewusst bemerkt) und praktisch alles, worauf ihr Welt- und Wertbild fußt sich ändern muss, um das zu beenden.<
Der dritte Punkt: Schönheit. Der Freund hat mir das neulich ganz selbstverständlich aufgezeigt, als ich mich darüber aufgeregt habe, wieso so viele Leute, einer unangenehmen Inklusionsbubbleperson folgen. „Ja, guck sie dir doch an.“
Soziales Kapital über Style zu generieren, geht in Zeiten der Hyperindividualisierung total einfach. Klar hilft es, wenn dein Körper normschön ist, aber wer, wenn nicht behinderte Leute können völlig logisch legitimiert ihren ganz eigenen Style fahren und damit anziehen?
>Ja, viel davon kommt aus der Not und ist keine freie Entscheidung, aber das war auch noch nie anders. Looking at Schwarze Leute, at arme Leute etc. deren Styles sich auch so entwickeln bis sie von mächtigen (weißen, reichen) Leuten übernommen werden, weil es das ist, was sie tun und nur so legitimieren können, dass die deren Style sie übernohmmen und verzerrt haben, überhaupt so aussehen dürfen, wie sie es tun. Bedeutet: Ja, du hast vielleicht keine 90-60-90 mit thigh-gap und Zähne wie ein Gartenzaun, aber deine bunten Haare und die Exzentrik deiner Musterwahl ist für viele Leute einfach nachzumachen – sie können dich spiegeln und dir deshalb nachsehen, dass du behindert bist. So können sie dich als Mensch annehmen und denken – und eben nicht einfach, weil du tatsächlich einer bist.<
Und so, dieser Gemengelage entstehen tatsächlich die „palatable disabled people“ – die angenehmen behinderten Leute, die den Leuten, die an ihrer Diskriminierung aktiv wie passiv beteiligt sind, schmackhafte Inklusionshäppchen servieren. Kostenlos. 24/7. Ohne Kante, ohne Aua, ohne den Gesichtsverlust, der damit einhergeht, wenn man anerkennt, dass man mit behinderten Menschen umgeht als wären sie eigentlich, ja so richtig wirklich, keine Menschen.
Keine Ermächtigung entsteht durch Einsicht der Mächtigen in ihre Privilegien und Verfehlungen. Niemand wird kommen und sagen: „Aah, ja, jetzt hab ich verstanden, wir müssen alles von Grund auf ummodeln und anders denken, damit alle teilhaben können und gleiche Möglichkeiten haben, alles zu machen, was sie wann wie wo wollen – ja dann mal los.“
Won’t happen.
Ich will mit dem Thread sagen, dass wir wegen der Unkonfrontierbarkeit nicht vorankommen mit unseren Forderungen als Aktivist_innen für Inklusion. Seid schön, arbeitet, macht mit ~“Nichtbehinderten“~, was ihr wollt, aber tut nicht so, als würdet ihr damit voll was gegen Ableism machen.
Ableistische Diskriminierung entsteht nicht aus einem Bildungsdefizit darüber, dass es Ableismus gibt oder welche Formen er hat oder mit welchen Worten er kommuniziert wird, sondern aus der ganz alltäglichen Erfahrung, dass jede_r in den Arsch gebissen ist, wenn sie_r irgendetwas (noch) (niemals) so kann, wie es erwartet wird – und dass das niemanden schert außer alle anderen Gebissenen.
Man kann immer nur etwas gegen den Ableismus machen, den man selber hat und den man selber ausübt. Niemand wird etwas gegen Ableismus machen, solange man so viel davon hat. Egal, ob behindert oder (vermeintlich) nicht.
Und ja, so leid es mir tut: Die deutsche Inklusionsbubble, der ganze „Wir machen hier Inklusionsaufklärung, guck der Rollifahrer da ist unser Moderator und der erzählt uns was über seine Arbeit für die Gesellschaft“-Apparat, hat ebenfalls voll was davon, dass es Ableismus gibt.
Und das ist ein Problem.

06072020

Ich sitze im Zug. Die Fahrt geht nach Bielefeld, wo meine Psychotherapeutin ihre Praxis hat.
Gut 120 Kilometer sind zu überwinden. Eineinhalb Stunden fahre ich Zug, 20 Minuten fährt der Freund mich vorher zum Bahnhof, manchmal hat er dabei selbst Arbeitstermine vor oder hinter sich.
Ich übernachte bei einer Freundin. Zwei Mal am Tag so eine Fahrt würde mich so erschöpfen, dass ich den Rest der Woche zur Erholung brauche. So dauert es nur 2 Tage bis ich wieder auf meine ganze Arbeitsfähigkeit von 3 Stunden am Tag komme.

Die Therapeutin und ich arbeiten seit 8 Jahren zusammen. Die Krankenkasse hat vielleicht 2 oder 3 davon bezahlt.
Sie ist keine DIS-Spezialistin und auch keine Autismus-Spezialistin. Sie ist eine gute Psychotherapeutin, die sich regelmäßig fortbildet, Supervision in Anspruch nimmt und in den Urlaub geht, wie sie ihn braucht. Wie selten das unter Psychotherapeut_innen ist, habe ich in aller Schmerzlichkeit erleben müssen.

Es gibt für die Psychotherapie der dissoziativen Identitätsstörung noch keinen einheitlichen Behandlungsstandard. Es gibt fundierte Empfehlungen, Behandlungserfahrungen, eine Leitlinie. Und die Behandlung, die jedes Arbeitsteam durch mühsames “Trial-and-Error” entwickelt.

Es gibt keinerlei Erwähnung von autistischen Menschen mit komplexer Traumafolgestörung in der Fachliteratur.
Bei Wirksamkeitsstudien werden Menschen mit ASS aufgrund ihrer Behinderung praktisch prinzipiell ausgeschlossen.

Wenn ich die Stufen zur Praxis hochlaufe, ist mein linker Fuß „Ich lass mich drauf ein“ und mein rechter Fuß „Ich lass mich nicht drauf ein“. In den letzten 8 Jahren endete ich immer auf dem linken Fuß vor der Tür mit ihrem Namen am Klingelschild. Die Praxis ist einige Male umgezogen. Jedes Mal hatte ich Panik, was passieren würde, wäre es eine Stufenanzahl, die mich auf rechts landen lässt.

Ich habe ihr nie davon erzählt.

zum International Disability Day

Gestern war „International Disability Day“, deshalb habe ich darüber nachgedacht, ob ich über unser aktuelles Behinderungsding schreibe, aber

Ich hab erst neulich geschrieben, dass mich meine eigenen Redunanzen nerven. Sie nerven mich und manche tun mir einfach weh, weil ich weiß, dass sie trotz der permanenten Wiederholung nicht an Relevanz verlieren oder tatsächlich auch als Wiederholung verstanden werden.
Sackgasse. Wörterblockade. 5 Gedanken zurück, noch einmal über Los.

Nach der Berufsausbildung hätte eine klitzekleine bezahlte Stelle für mich möglich sein können. Klitzeminiwinzig klein. Mit genau dem Umfang, den ich schaffe. Mit genau genug Geld, um mal einen klitzemini Rentenpunkt zu bekommen und mit gezielt gesetzten Einkünften über Blog, Podcast, eigenes Zeug vielleicht sogar mal ein zwei drei vier Monate im Jahr weder Hartz noch Wohngeld zu brauchen.

Und dann wurde ich vom Jobcenter erneut medizinisch begutachtet, gab es eine anscheinend neue Ausgangslage durch die Ausbildung.
Weil ich nach fast 11 Jahren Arbeitslosigkeit die Ausbildung geschafft habe, wird nun diese miniklitzekleine Stelle in dem Betrieb – den ich kenne und mag und der mich will; wo ich tun kann, was ich kann, wie ich das kann – nicht vom Jobcenter gefördert. Die Ausbildung hat die Arbeitslosigkeit unterbrochen. Eine Förderung durch einen anderen Topf reicht nicht aus. Der Betrieb ist sehr klein, die volle Förderung ist nötig.

Die neue Betreuerin hat mir das letzte Woche am Telefon erklärt. Sagte dabei so etwas wie: „Bei Ihnen ist ja auch nicht davon auszugehen, dass das wieder weggeht“. Ich wollte schreien. Und als ich das jetzt aufschreibe, weine ich zum ersten Mal darüber.

Wieder bin ich an diesem Punkt. Zwischen bodenlosem Einsamkeitsgefühl, Kränkung, Ent_täuschung und der Bewegung, die nur Traumatrigger auslösen. Zwischen inklusionspolitischen Themen und soziologischen Phänomenen, zwischen dem Außermir und der Welt, in der ich lebe.
Das klingt pathetisch und überdramatisch, Hannah, des geht nicht um dein Leben – ja, aber ja, doch auch.

Ich bin vor ein paar Jahren dafür kritisiert worden, dass ich Arbeiten als Privileg beschrieben habe. Ich habe nie direkt darauf reagiert, weil ich kein Interesse an einem Shitstorm mit weißen ablierten Marx-Linken habe, deren Begriff von Arbeit einzig die Ausbeutung und Unterdrückung von Arbeiter_innen kennt. Als ginge Unterdrückung und Ausbeutung nicht auch durch den Entzug von Arbeitsmöglichkeiten. Als wäre der Kapitalismus allein mit der Abschaffung entlohnter Arbeit lösbar.

Als behinderte Person, die zusätzlich auch chronisch erkrankt ist, gibt es für mich die gleichen Perspektiven wie für alle anderen Menschen im Kapitalismus auch: Entweder rein in die Verwertung oder raus aus der Verwertung.
Diese Entscheidung ist zu treffen, ob man will oder nicht und allein der Tod bedeutet das „raus aus der Verwertung“. Denn: selbst wenn man nicht direkt selbst ver_wertet, so ist man im Kapitalismus selbst ein Wert.
Ich bin Teil der Sozialwirtschaft. Ich schaffe mit meinen Bedarfen Arbeitsplätze. Die Verwaltung meiner Belange ist Teil der Arbeit vieler Menschen. Ich esse, ich wohne, ich scheiße, an Weihnachten bestelle ich Geschenke bei Amazon. Landwirt_innen, Haustechniker_innen, die Ab_Wasserwirtschaft und die armen Schweine, die jetzt von Amazon ausgebeutet werden, haben direkt mit mir zu tun – doch ich kann meinen Konsum nicht mit ihrem gleich machen. Mein Geld kommt nicht aus einem Entlohnungskreislauf, sondern aus einem kapitalistisch pervertierten Solidaritätsgedanken, an dessen Anfang mal die Idee stand, dass jeder Mensch jederzeit (chronisch) krank, behindert oder aus anderen Gründen arbeitsunfähig werden kann und damit das Privileg der autonomen Versorgung durch eigene Mittel verliert.

Ganz selbstverständlich ist in diesem Gedanken die Idee, dass Menschen, die in welchem Umfang auch immer nicht autonom handeln können, das Kolletiv brauchen. Doch die Rolle der Menschen im Kollektiv ist bis heute eine, die nicht auf Gleichheit beruht, sondern auf Unterschied.

Mein Wunsch danach arbeiten zu gehen wie andere Menschen auch, entspringt der Selbst-, wie Fremdverortung als nicht gleiche Person. Also meine Exklusion durch meine individuellen Grenzen der Fertig- und Fähigkeiten, die meine Art und Weisen der Arbeit zu etwas anderem macht, als die anderer Menschen.
Wenn ich so etwas schreibe, dann lesen viele ablierte Menschen einen Vorwurf des Ausschlusses. Den formuliere ich an der Stelle aber gar nicht. Ich beschreibe lediglich, dass er passiert und wirkt.

Ganz konkret nämlich genauso, wie ich es in meiner aktuellen Situation erfahre.
Ich bin 14 Jahre in Hartz 4, weil meine damals noch nicht bekannte Behinderung, eine schlechte Versorgungslage und inexistenter Opferschutz, die Behandlung meiner chronischen Krankheit massiv erschweren. Dann wird die Behinderung erkannt, Kompensationsmöglichkeiten entstehen und neue Fertigkeiten werden entwickelt. Eine Berufsausbildung erscheint schaffbar. 3 Jahre und unfassbar viel Bildungs- und Inklusionsarbeit nebenbei später ist sie geschafft, ein Zettel mit dem Beweis der Gleichheit in Fertigkeiten wird erlangt.
Doch die grundlegende Andersheit ist weiterhin da.
„Das geht bei Ihnen ja nicht mehr weg.“

Behindert zu sein (und zu werden) funktioniert nicht wie das Märchen vom hässlichen Entlein, in dem man als Ausgeschlossene_r einfach nur die Gleichen finden muss, um glücklich und zufrieden, gleich im Kollektiv der Gleichen zu sein Es ist viel quälender, denn das Kollektiv der mir Gleichen ist immer das Kollektiv der Ausgeschlossenen.

Ich will an der Stelle nicht darauf eingehen, welches Kollektiv sich nach wem ausrichten sollte. Wer schließt wen aus, welches Kollektiv ist das Gute, welches das Schlechte. Darum geht es mir nicht, obwohl die Frage gestellt werden muss, wer sich nach wem warum ausrichtet. Das ist ja der schmerzhafte Teil – warum will ich denn tun und können, was Leute tun und können, die nicht behindert und/oder chronisch erkrankt sind bzw. ihre Behinderungen und/oder chronische Erkrankungen so gut kompensieren können, dass sie nicht zu Problemen in Produktivität und damit Autonomie führen? Warum sind die mein Maßstab und nicht andere Menschen in meiner Lage?
Na, weil Menschen, die nicht in meiner Lage sind privilegierter sind und ein entsprechend autonomeres und damit freieres Leben führen können. Nicht, weil ich sie für die besseren Menschen halte oder mich selbst für wertlos. Das kommt erst danach, denn das ist der Schluss zu dem meine Lebensrealität zwangsläufig führt (und führen soll).

Das Jobcenter hat mich jetzt wieder als arbeitsunfähig eingestuft.
Obwohl ich im Moment zwischen 12 und 15 Stunden in der Woche arbeite. Das ist mehr als ich jemals zuvor geschafft habe. Ich bin stolz darauf, weil ich weiß, dass ich mit dieser Leistungsfähigkeit viele Urteile über mich Lügen strafe. Ich schäme mich für diesen Stolz, denn ich weiß, dass er in eine Dynamik reinspielt, die am Ende nicht nur mir, sondern allen Menschen schadet.

 

Ich weiß nicht viel über den International Disability Day. Ich bin kein Teil „der Inklusionsbewegung“. Ich kann keine berührenden, empörenden Texte über Beispiele gescheiterter Inklusion, Diskriminierung oder irgendetwas sarkastisch witziges darüber schreiben, als Objekt der Inspiration missbraucht zu werden oder einen Alltag zu leben, in dem fremde Menschen nach meinem Rollstuhl grabschen. Ich kann keine visuell erfassbaren Stereotypen brechen, die auf ihre Existenz aufmerksam machen.
Die Behinderung mit deren Auswirkungen ich lebe, ist von meiner chronischen Erkrankung nur schwer zu unterscheiden. Ich bewege mich in einer Gemengelage doppelter Abwehr und allgemeiner Unkenntnis. In meinem Leben geht es nicht nur darum, zu erklären, was Autismus ist und was eine dissoziative Identitätsstörung und dann die passende Lücke zu finden. Es geht auch darum auszuhalten, dass der Autismus meinen Ausschluss besiegelt und die DIS etwas ist, das mich mit vielen Nicht-Ausgeschlossenen gleich macht.

Ich passe wieder nicht rein. Nicht mal in den International Disability Day.

Es liegt nicht an deiner Intelligenz

dass du Schmerzen fühlen kannst.
Es liegt nicht an deiner Intelligenz, dass du Angst fühlen, Loyalitätskonflikte haben kannst, dich vor Gewalt und Lebensgefahr schützen willst.

Es liegt daran, dass du ein Mensch bist.

Kannst du dir mal einrahmen und an die Wand hängen, wenn du das nächste Mal mit Zitaten wie dem, das Paulines neulich geteilt haben konfrontiert bist.
Auch Menschen einem IQ von 30 sind „programmierbar“. Auch sogenannt „geistig behinderte“ Menschen sind traumatisierbar, sind fähig aus Gewalt, Schmerz, Todesangst heraus zu reagieren und ja, auch zu lernen bzw. zu anscheinend reflexhaftem Verhalten trainierbar. Ihre Traumafolgen sind auch Traumafolgen.

Nur bekommen diese Menschen sehr viel seltener die Chance zu Traumatherapie, werden praktisch aus der (neurologischen) Traumaforschung ausgeschlossen und aus Gründen gesellschaftlich akzeptierter ableistischer Normen als Opfer jeder Form der Gewalt praktisch hingenommen, als sei es ein Naturgesetz und deshalb etwas anderes, als bei anderen – „intelligente(re)n“ Menschen.

Wenn du heute, genau jetzt in dieser Zeit, etwas brauchst, das dir hilft gegen deine Traumawahrheiten, deine sogenannten „Programme“ anzugehen, dann mach das nicht mit einem Twist, der dich an einer Stelle aufrichtet, weil du dir einen schmeichelhaften Grund dafür geben und dir sagen kannst, dass du „immerhin nicht völlig gaga in der Birne bist“.
Denn dann musst du immer Angst haben, dass du es irgendwann mal wirst.
Du kannst dich damit über Feiertage retten, aber nicht durch ein Leben nach, sagen wir einem Schlaganfall oder einer Hirnblutung. Denn dann bist du erstmal augenscheinlich „gaga“ und hast obendrauf auch noch Feiertage und eine weitere innere Wahrheit, die deinem Wunsch nach Unabhängigkeit, geistiger Freiheit und Loslösung des Traumas direkt entgegensteht und dich der Lüge straft. „Hähä du kannst ja gar nix haben, du hast ja nur Matsch im Kopf“.

Das Leben nach der Gewalt bedeutet nicht, dass du dir die Gewalt der Gesellschaft, in der die Gewalt an dir passiert ist, annehmen und mittragen musst. Es gibt keinen Grund aufzuhören, sich mit anderen Gewaltgruppenmitgliedern zu vergleichen, sich gegenseitig zu verraten, runterzumachen, im Wert anzuzweifeln, weil es nicht mehr zum Überleben nötig ist – nur um dann im Leben danach, die nächsten vermeintlich Schwächsten zum Vergleich heranzuziehen, niederzumachen und damit dazu beizutragen, dass sie weiterhin als die schwächsten Menschen gelten.

Du darfst Menschlichkeit annehmen.
Du darfst Miteinander sein.
Du darfst dich darüber informieren, was für ein problematisches, ingesamt defizitäres Konzept Intelligenz ist.

Du darfst anerkennen, dass es schwierig ist, Antworten auf Traumawahrheiten, sogenannte „Programme“ in sich allein zu finden, ohne sich auf Äußeres zu stützen.
Das ist schwierig. Das ist brutal. Das ist, was man dir nie beigebracht hat, egal wo und wie du aufgewachsen bist.

Jetzt auf dem Weg der Loslösung zu sein, ist deine Chance. Jetzt hast du die Möglichkeit etwas neu zu lernen, anders zu machen. Vielleicht sogar besser zu machen als vorher.
Mach es.

 

Buchrezension “I’m a queerfeminist cyborg, that’s okay”

Dieser Text enthält unbeauftragte Werbung.
Als Teil des Verlagskollektives haben wir das Buch als Freiexemplar erhalten,
jedoch nicht an dessen Umsetzung und Veröffentlichung mitgearbeitet.
Mika Murstein verwendet das Pronomen “mer” für sich, also verwenden wir es in diesem Text auch.

ein Backstein
In jeder Hinsicht ist die 462 Seiten mächtige Gedankensammlung von Mika Murstein, in der unter anderem die Verhältnisse von Be_Hinderung und Geschlecht, von Klassismus und Ableismus, Netzaktivismus und Empowerment besprochen und mit den Diskursen unserer Zeit in Zusammenhang gebracht werden, ein Backstein.

zuweilen erschlagend
Leser_innen jenseits netzaktivistischer Auseinandersetzungen und queerfeministischer Ansichten, dürften Schwierigkeiten haben, sich in Form und Struktur dieser in Text gegossenen Gedankenlandschaft zurecht zu finden. Ja, auch sich selbst zu finden oder in Beziehung zu setzen.
Auch der Satz des Buches und die Sprache, die zwischen amerikanischen wie deutschen Neologismen und Eigennamen springt, erfordern eine sehr hohe intrinsische Lese- und Verständnismotivation, sowie Fähig- und Fertigkeit sich daran anzupassen.

one brick at a time
Murstein leitet und strukturiert mers Gedankengänge von mers eigenen Er_Lebenserfahrungen ab und nterfüttert diese überwiegend mit Theorien und Texten anderer, in Deutschland nicht breit besprochener Aktivist_innen, wobei der Spagat zwischen “zugänglich machen” und “eigenen Punkt machen”, mal mehr mal weniger griffig und allgemein verständlich funktioniert.
Über verschiedenste Aspekte des Er.Lebens zeigt die_r Autor_in auf, wie tief und weitreichend verzweigt ableistische Annahmen, Erzählungen und Handlungen in der Gesellschaft und ihren Strukturen wirken.

Bereits nach wenigen Seiten ist klar: Wo Ableismus beginnt, beginnen auch Klassismus, Rassismus, Sexismus und immer wieder die Aufgabe, sich selbst darin zu verorten, obwohl jedes dieser *ismen mehr oder weniger gezielt zur Ausgrenzung führt und führen soll.
So findet man sich nach einiger Lesezeit in einem vielschichtigen, dicht an dicht gesetztem Gedankengebäude wieder.

Aufbaumaterial
Selbst von Ausschlüssen, aufgrund von Ableismus und/oder anderen Diskriminierungsformen, betroffenen Menschen, erscheinen die eigenen Erfahrungen oft unkonkret und daher auch unbewortbar. Murstein gibt mit “I’m a queerfeminist cyborg, that’s okay” Beispiel und Grundlage in Worte und Diskussion zu kommen.
Mers Perspektive auf die Themen und Strukturen unserer Zeit, zeigen Wege und Formen des Aktivismus und was darin möglich und nötig ist, aber auch darüber hinaus noch sinnvoll sein könnte.

another brick in the wall
Dieses Buch ist für behinderte Cyborgs, für Schwarze be_hinderte Menschen, für Arme mit Behinderung, für Leute, die dazulernen wollen, für weiße cis Feminist_innen, für Allys … für alle, die das eigene Gedankengebäude zu Inklusion, Netzaktivismus, social justice und die Gleichberechtigungsdiskurse unserer Zeit erweitern oder umbauen wollen, aber auch Anteil an der Dokumentation der Gegenwart be_hinderter und mehrfach marginalisierter Menschen nehmen wollen.

„I’m a queerfeminist cyborg, that’s okay“ ist im linken, unabhängigen Verlagskollektiv „Edition Assemblage“ erschienen, das sich als Plattform für die Stimmen und Perspektiven mehrfachmarginalisierter Personen.gruppen versteht.
Ihr könnt der Edition Assemblage Rückenwind geben und ihr aktuelles Crowdfunding unterstützen, um Bücher wie dieses auch in Zukunft zu veröffentlichen.

gelb, weiß, lila, schwarz / lila, weiß, grün

Vor einiger Zeit erhielt ich immer wieder Emails, in denen wir als “Herr Rosenblatt” angeschrieben wurden.
Es ging um eines dieser unsinnigen Marketing/Verkaufs… irgendwas mit kapitalistischer Verwertungslogik-Dinger. Kennen wir. Machen wir nicht. Ignorieren wir.
Aber das “Herr Rosenblatt” saß.
Nicht nur, weil es mal wieder eine Anfrage an uns als Blogger_in ist, der so offensichtlich anzusehen ist, dass man sich absolut gar nicht damit befasst hat, was das hier ist, sondern, weil man obendrein nicht eine Sekunde überlegt hat, was für eine Person diese Inhalte produziert hat. Sowas nervt.

Und schmerzt.
Misgendering ist, neben unausweichlicher Reizkakophonie und der ständigen Konfrontation mit dem, was unsere Traumatisierungen ausmacht, der tägliche Schmerz mit dem wir umgehen. Die Welt um uns herum ist entlang von Männern und Frauen strukturiert, die sich selbst übereinstimmend mit dieser Einordnung empfinden (also cis sind) und wir werden dort mit hineingequetscht, ganz egal, wie wir das finden, ob wir passen oder nicht. Und völlig gleich, wie wir selbst uns sehen. Denn jemand, die_r so empfindet, gibt es schlicht nicht in dieser Welt.

Wir selbst erleben uns oft machtlos davor.
Wir haben Freund_innen und Verbündete, die wissen, das wir viele und nonbinary/genderqueer sind  – vor denen wir uns vor Jahren damit schon geoutet haben! – und uns trotzdem vor anderen als Frau ansprechen, weil wir Uterus und Brüste haben.

Dass wir diese Menschen trotzdem noch als Freund_innen und Verbündete betrachten, verstehen wir selbst manchmal nicht. Aber was sollen wir denn auch machen? Sie fallen lassen, weil sie versuchen uns in dieser Welt irgendwo einzuordnen, was an sich doch total gut ist – das wollen wir doch? Was können sie denn für die Binärität unserer westlichen Kultur?

Und was ist mit jenen, die weitaus weniger mit uns zu tun haben, aber doch freundlich eingestellt sind, weil bestimmte Dinge verbinden? Sollen wir sie hauen, weil sie mit dem Namen “Hannah”, der für die Mehrheit der Menschen einfach mal ein “weiblicher” Vorname ist, eine Frau verbinden? Das kommt für uns nicht in Frage – aber was genau denn “weiblich” und was “männlich” sein soll, das wollen wir auch nicht immer mit allen diskutieren. Denn am Ende landet man immer entweder an schlichtem Transhass oder an kognitiver Dissonanz, bei der man einerseits total klar hat, dass Namen, Dinge, Körper an sich erst mal gar kein Geschlecht haben, aber irgendwie doch alles eins hat, weil … kulturelle Realität?

Und dann kommen noch Terf (trans exclusive radical feminist)-Argumentationen wie “Nonbinary sein zu wollen ist internalisierter Frauenhass” oder “Wenn sich jemand nicht mit seinem Körpergeschlecht (zing da ist sie wieder, die Idee Körper könnten ein Geschlecht haben) übereinstimmend erlebt, ist psychisch krank, womöglich sogar tief traumatisiert und muss in einer Psychotherapie umgepolt repariert normalisiert cis gemacht behandelt werden.”.

Tja und wer ist komplex traumatisiert und erlebt sich nicht als Frau, obwohl der eigene Uterus seiner Pflicht als alleiniges Frauenerkennungsmerkmal zuverlässig nachkommt? Richtig – wir.

Das eigene Gender zu erforschen, sich damit auseinanderzusetzen, wer man auf dieser Achse ist, das ist und bleibt einer unserer krassesten Therapiefortschritte.
Dazu gehörte die Etablierung von einer Grenze zwischen dem, wie man angesprochen wird und ob das etwas ist, das in sich resoniert. Dieser ganze Abgrenzung-ist-so-wichtig-Zauber, den wir in der Klinik lernen sollten, den haben wir gelernt und peng kommt raus: Hier resoniert so gar nichts außer einer alten “Fuck meine Mutter ist hier?!”-Panik, wenn uns jemand mit “Frau Herkunftsfamiliennachname” anspricht – hier resoniert aber auch nichts, wenn uns jemand mit “Herr Herkunftsfamiliennachname” anspräche.

Angesprochen fühlen wir uns von dem Namen “Hannah”. Der ist irgendwann gewachsen. Aus uns heraus und aus einer aufrichtig innigen Affinität zur Namensbedeutung, nämlich “Gnade” oder auch “Barmherzigkeit”. So wollen wir sein und im Miteinander in dieser Welt wirken. Barmherzig- herzig, herzlich im weitesten Sinn. Warm, weich, weit, fürsorglich, für andere da, die jemanden brauchen, der da ist.

Dass das Eigenschaften sind, die als weiblich eingeordnet werden, weil wir in einem Patriarchat leben und in einem solchen niemals ein Mann ein Mann sein kanndarfsoll, der auch nur den Hauch von Gnade, Barmherzig- oder gar Fürsorglichkeit am Leib hat, war uns damals scheiß egal. Wir wissen ja, das so ziemliche jede Eigenschaft universell ist. Und wir sind ja unter anderem genau deshalb feministisch aktiv, damit sich genau diese Universalität niederschlagen kann.

Der Name “Hannah (Cecile) Rosenblatt” hat sich ursprünglich aus der Notwendigkeit eines Autor_innennamen, bzw. eines ernstzunehmenden Pseudonyms, ergeben.
Wir wollten einfach nicht als “kleine Wattewölkchen” oder “Donnerschlag22” ins Internet schreiben. Wir wollten als Person, mit Namen und anderen mehr oder weniger unverwechselbaren Eigenschaften auftreten und gesehen werden, wenn uns schon jemand anguckt bzw. wir einfach sichtbar sind. Wir wollten uns kongruent erleben und darin ernstgenommen werden.

Wir wollten nicht als “weibliche Bloggerin” oder “weibliche Autorin” verstanden werden.
Doch das werden wir. Immer wieder, ganz selbstverständlich und automatisch. Ohne Zweifel, Hinterfragen – selbst dann, wenn man unsere Arbeiten schon seit Jahren verfolgt und also auch irgendwie – und sei es subtil durch die Art, wie wir gendern – mitbekommen muss, dass wir uns seit inzwischen 6 Jahren offen als nonbinary/genderqueer einordnen oder mindestens mal selbst die Haltung vertreten, dass es mehr als zwei Gender gibt.

Wir sind mit dem Blog von Vielen auf verschiedenen Listen von “Blogs, die von Frauen gemacht werden”. Das Podcast ist auf der Liste der Podcasts, in denen Frauen sprechen.
Und warum lassen wir das so?
Weil es keine Listen gibt, die Angebote von Personen anderer Gender auflistet.
Weil so eine Liste für genau diese Menschen zum Teil Lebensgefahr bedeutet.

Denn man soll ja nicht glauben, dass so eine emotionale Watsche, die die Ablehnung des Nichtfraunichtmannseins jeden Tag mit sich bringt, das Einzige ist, was Menschen mit eben jener Identität begegnet. Schaut mal in die Twittermentions von offen (aktivistischen) Transpersonen, Nonbinarys und Queers, schaut bei hatr.org in die Sammlung des Hate Speech. Es gibt Menschen, die Menschen verletzten, vergewaltigen, töten wollen, einzig weil sie nicht das Geschlecht haben, das ihnen aufgrund von nicht mehr als Machtgewohnheiten und (patriarchaler) Gewaltkultur zugeordnet wird.

Manche Menschen denken, das sei nicht vergleichbar. “Uns als Frau denken und ansprechen” versus “Uns aufgrund des nonbinary/genderqueer seins verletzen”, aber letztlich ist beides Gewalt. Beides verletzt. Beides weist uns einen Platz in der Gesellschaft zu, an dem wir nicht als respektable, in ihrer Verortung zu achtende Person behandelt werden.

Jan Phillip Reemstma schreibt, dass jede Gewalt einen Körper trifft und auch hier an dieser Stelle stimmt das. Es trifft immer uns und immer verkörpern wir uns. Uns als Frau aufgrund bestimmter körperlicher Merkmale einzuordnen, verkörpert nichts außer das biologistische Konzept, nachdem aufgrund von (als unveränderlich angenommener) Merkmale eingeordnet und klassifiziert wird.

Auch hier berühren wir einen Therapiefortschritt.
Nämlich den zu begreifen und es als kongruent zu erleben, dass wir selbst uns auch verkörpern. Und zwar mit diesem Körper, der bestimmte Grenzen der Belastung, ein bestimmtes Aussehen, der bestimmte Eigenschaften und Funktionen hat.
Dazu kommt das Gefühl sich selbst zu gehören. Selbst zu sein, weil man selbst neben sich auch Körper ist.

Wir mussten das alles erst mal haben und können und stabil erleben, damit wir überhaupt an den Punkt kommen konnten, an dem wir merkten, dass wir in unserer Körper-Seele-Geist-Einheit durchaus passieren und sind – dass diese jedoch genau in nichts mit Männlichkeit oder Weiblichkeit kongruent ist, sondern in eben genau dem, wer und was wir sind: viele_s und alle_s.

Sich selbst einem Gender zuzuordnen ist kein Vermeidungstanz. Jedenfalls nicht bei uns und bei noch niemandem, di_en wir kennengelernt haben.

Aber das Trauma. Das hat doch bestimmt was mit uns gemacht. BESTIMMT, oder?
Ja klar hat es was mit uns gemacht. Vor allem die Erkenntnis, dass sich Männer und Frauen – und auch Leute, die etwas anderes sind – in nichts unterscheiden, was die Formen von Gewalt angeht, wenn sie welche ausüben.
Uns haben nicht nur Männer und ab und an mal Frauen miss.be.handelt. In dem Umfeld, in dem wir Gewalt erfahren haben, gab es x verschiedene Leute, die nur wegen einem da waren. Nämlich Macht empfinden. Manchmal auch: Selbst_Bestätigung fühlen. Oder: sich abreagieren von all dem, was sie als persönliche Kränkung im Alltag empfinden.

Dieser von uns üb.erlebte Kontext organsierter Gewalt ist genderlos, denn er funktioniert über so abstrakte Dinge wie Geld, Macht und soziale Verbünde, in denen nicht nur als männlich oder weiblich eingeordnete Eigenschaften relevant sind, um fortexistieren zu können. Es geht um Performance und die ist, im Gegensatz zum tatsächlich vorhandenen Gender, wandelbar.

Wir können überhaupt nur aufgrund unserer Traumatisierung davon sprechen, dass es keine eindeutig einem Gender zuzuordnende Eigenschaften gibt. Unsere Gewalterfahrungen sind insofern also durchaus ein Grund für unsere Einordnung als nonbinary/genderqueer – wir haben selbst erlebt, was für ein Stuss das “der aktive Vergewaltiger”, “die passiv Vergewaltigte”, “die durch Dinge wie BDSM oder ähnliches entstehende Transperson” – Narrativ ist.

Heute planen wir unsere Vor- und Nachnamens- und Personenstandsänderung.
Im September startet nämlich die Aktion Standesamt 2018, über die ihr euch mit einem Klick auf das Bild zur dritten Option informieren könnt und im Zuge dessen es Antragsformulierungen auf der Webseite zu finden gibt.

Ob wir auch bei der Aktion mit dabei sind, wissen wir jedoch noch nicht.
Denn, obwohl ein dritter Geschlechtseintrag vom Gesetzgeber bis Ende diesen Jahres ermöglicht werden soll, sehen die Umsetzungsvorschläge und Zugänglichkeiten bisher nicht auch für uns passend aus.
Die Aktion soll ein Zeichen dafür setzen, welche vielen verschiedenen Bedarfe es für diese dritte Option gibt. Deshalb beantragt man, den Eintrag, der mit dem eigenen Geschlecht kongruent ist (das wäre in unserem Fall nonbinary/genderqueer) zu bekommen, obwohl es diesen Eintrag jetzt noch nicht gibt.

Das heißt, man stellt einen Antrag, der von Anfang an nicht bewilligt werden kann und möglicherweise auch später nicht, wenn die dritte Option an sich dann etabliert ist, aber vielleicht ausschließlich für Interpersonen.

Wir können uns so etwas nicht leisten.
Allein für eine Vor- und Nachnamensänderung muss man mit Kosten zwischen 2,50€ und 2500 € rechnen, je nachdem, was da alles auf eine_n zukommt und wo man wohnt.
Bei uns kommt noch die Kraftrechnung dazu.
Wir müssen für Fremde erklären, dass wir Opfer organisierter Gewalt waren und uns von einem neuen Namen, und einem entsprechenden Sperrvermerk in den Archiven erhoffen, schwerer auffindbar zu sein und dadurch etwas mehr geschützt zu sein als jetzt.
Das ist ein Ding für uns und steht völlig neben unserer Geschlechtsidentität.

Und doch. Wäre es ein all-in-one-Abwasch, könnten wir alles gleichzeitig beantragen.
Ein dritter Geschlechtseintrag, den wir auch nutzen könnten, würde uns weniger zu jemandem machen, die_r sich irgendwie besonders machen will und allein auf weiter Heide steht, weil es ja in der offizöslichen Welt keinerlei Entsprechung gibt. Wir hätten autoritäre Stützen auf unserer Seite, die uns validieren.

Auch wieder etwas, das Kraft frisst: Autoritätendenken und ihre Auswirkungen.
Wir wissen schon jetzt, wer und was wir sind. Wir brauchen nicht für uns, dass der Staat sich hinstellt und sagt: Leute, die keine Frau bzw. kein Mann sind, gibt es wirklich und alle haben das zu akzeptieren. Wir brauchen es für Leute, die nur so zu respektvollem, achtsam anerkennendem Verhalten gegenüber Menschen, die nicht Frau und auch nicht Mann sind, gebracht werden können. Oder an die Idee, dass das was sein könnte, was von ihnen verlangt wird.

Das ist wovor wir uns immer wieder machtlos fühlen.
Dass wir immer nur uns haben, wenn es darum geht als die Person anerkannt zu werden, die wir sind.
Die Leute können uns an der Stelle verletzen, ausgrenzen und manchmal auch demütigen, wie sie wollen, sie sind eindeutig, sie sind strukturell anerkannt, sie sind in ihrem Geschlecht normalisiert und etabliert. Sie können mit uns umgehen, wie sie wollen und wenn sie uns verletzen wollen, indem sie uns in ihre dyacissexistische Einordnung reindrücken, dann gibt es nichts außer der Bitte, das nicht zu tun, was wir dem entgegenstellen können. Rein gar nichts.

Außer vielleicht noch dem Appell an Moral, nachdem man andere Menschen bitte einfach nicht verletzt.
Aber wieviel Wert hat das, wenn es keinen Anlass gibt anzuerkennen, dass es überhaupt wirklich und echt verletzt, wenn man falsch eingeordnet wird.

Wir können verstehen, wenn es anderen Menschen schwer fällt oder erst mal komisch vorkommt, mit uns als Person umzugehen, die nicht okay damit ist als “Frau Rosenblatt/Herkunftsfamilienname” angesprochen oder vorgestellt zu werden. Vielleicht sind wir die erste Person, die das von ihnen abverlangt, vielleicht fühlt man sich selbst irgendwie aussätzig vor anderen, wenn man über eine andere Form der Kommunikation offenlegt, dass man mit so jemand wie uns überhaupt Kontakt hat.
Aber mehr als Verständnis wollen wir zunehmend nicht mehr aufbringen.

Denn Verständnis für die Anstrengung neue Formen der mitmenschlichen Kommunikation anzuwenden, bedeutet nicht, dass wir okay damit sind, wenn Gewohnheit oder die persönliche Einordnung unserer Bezeichnung als irrelevant, am Ende doch bestimmt, wie die Ansprache oder Darstellung vor anderen ist.

Besonders die persönliche Einordnung der Relevanz oder Wichtigkeit über unsere Relevanz oder Wichtigkeit zu stellen, ist eine Form der zwischenmenschlichen Gewalt.
Und damit etwas, das wir einfach nicht mehr in unserem Leben haben wollen.
Auch ein Therapiefortschritt übrigens.

Falls du ein_e Freund_in, Verbündete oder anders mit uns Bekannte bist, die das hier liest:
Nenn uns Hannah (C. Rosenblatt) oder Rosenblätter, benutz den Plural, wenn du über und mit uns sprichst, den Singular, wenn du gezielt mit jemand von uns sprichst.
Wenn es dir unangenehm ist oder es für dich (oder uns) gefährlich sein könnte, uns als viele und nonbinary/genderqueer zu besprechen, dann nenne einfach nur unseren Namen und vermeide Pronomen.

Wir gehen mit unseren Verletzungen aus Misgendering in der Regel nicht offen um.
Und gestern Abend, nachdem wieder so etwas war, dachten wir, wie eigentlich ungut das ist. Es sollte kein üblicher Bestandteil von unseren Kontakten sein, damit leben zu müssen, zum Einen nicht gänzlich anerkannt zu sein und zum Anderen mit Verletzung und Übergriffigkeit rechnen zu müssen.

Vielleicht ist die Arbeit daran das, was später einmal zu einem weiteren Therapiefortschritt wird:
Selber Grenzen setzen und halten. Egal vor wem.

 

Mehr Themen, die aus der binären Einordnung herausfallen, könnt ihr im großartigen Nichtbinär-Wiki nachlesen.

betroffene Profis #3

Von Gewalt (und den von ihnen ausgelösten Folgeproblemen) betroffenheit ist etwas, das die eigene Professionalität untergräbt.

Man muss keine Bloggerin sein, die viele ist und Gewaltdynamiken auseinanderpflückt, während sie in ihr Innen hört und ihm Wortraum gibt, um zu merken, dass jedes andere Thema massenwirksamer, anschlussfähiger und weniger frustrierend ist.
Es ist oft genug die Kombination aus eigener akzeptierter Betroffenheit und thematischer Auseinandersetzung, die verhindert, auch als professionell im Sinne von abgegrenzt und Abstand wahrend, wahrgenommen zu werden.

Uns wird oft unterstellt einen privaten Feldzug anzuführen, der vor allem unser eigenes Wohl- und Machtbefinden zur Folge haben soll. Unser Ärger, unsere Wut über Gewalt an anderen Menschen, wird umgedeutet zu einer künstlichen Empörung oder einer pathologischen Übertragung, die letztlich wiederum uns und niemandem sonst dienen soll.
Immer wieder werden wir behandelt wie jemand, der zwischen sich und anderen Menschen nicht unterscheiden kann, während er auf Parallelen deutet.

Die Absprache dieser Fähigkeiten entzieht uns die Statusoption “Expertin im eigenen Thema”. Die Unterstellung parasitären Verhaltens innerhalb gesamtgesellschaftlicher Debatten um Gewalt und ihre Folgen, spricht uns die Berechtigung ab, uns als Teil der Gesellschaft sehen zu dürfen und Forderungen zu formulieren, die ihre Berechtigung haben, gerade weil wir auch Gegenstand jener Debatten sind. Das Modell einer konstruktiven Kompetenzsymbiose gibt noch nicht als gesamtgesellschaftlich gelebt.
Man kennt Intersektionalität – und doch gilt diese bis heute noch nicht als Standard in allen Auseinandersetzungsbereichen.

Bis heute muss eine Person, deren Beruf eine Schnittstelle mit Gewalterfahrungen hat, sich sehr genau überlegen, ob sie ihre eigene Betroffenheit – egal, ob aus der eigenen Lebensgeschichte oder aus zivilcouragiertem Empfinden heraus – versteckt oder nicht.
Es zählt die Objektivität synonym gehandelt als “Nichtbetroffenheit” als eine Art natürlich eingebaute Fähig- und Fertigkeit über Gewalt (Macht) zu sprechen und zu urteilen, sich überhaupt in irgendeiner Form “richtig” im Sinne von “wahrhaft” auseinanderzusetzen und “korrekte” im Sinne von “wahrhafte” Ergebnisse hervorzubringen, auf die sich gefahrlos verlassen werden kann.

Was für eine gefährliche Annahme um Objektivität und Subjektivität das ist, haben wir hier schon einmal geschrieben.

Wir sehen es nicht als unsere Aufgabe zu diktieren, wie ein tatsächlich respektvolles, selbstkritisch reflektierendes Auseinandersetzen mit Gewalt, ihren Formen und Folgen aussehen muss.
Schon gar nicht hier in unserem persönlichen Blog, das, wie in der About-Seite zu lesen ist, keine Plattform ist ziellose Imperative zu formulieren, sondern unsere eigenen Ideen, Gedanken, Theorien zu dokumentieren, zu analysieren und mit jenen zu teilen, die bereit sind sich dem zu widmen.

Wir warten nicht mehr darauf, dass uns jemand nach unseren Gedanken fragt. Wir wissen, dass unser sozialer Status zu niedrig ist und vermutlich auch bis zum Ende unseres Lebens bleiben wird, um gefragt zu werden.
Wir können unsere Profession anerkennen, weil sie direkt verknüpft ist mit dem, was wir schon immer gut konnten und immer weiter ausbauen können.

Die Frage ist: Wann werden das jene können, die mittels ihrer Profession ihr eigenes Leben tragen und legitimieren, indem sie sie innerhalb und entsprechend gewaltvoller Kontexte und deren Aufrechterhaltung eigene Betroffenheiten und Subjektivitäten negieren (müssen/können/sollen/dürfen)?

und: Wann hört es auf ein Makel zu sein auch ein Teil dessen, was verurteilt wird, zu sein?

die Gewalt im Trost #Worldmentalhealthday

Heute ist “World Mental Health Day” und das Erste, das ich heute lese, ist dies:
ein Screenshot von einem Kommentar von
Das ist, was eine fremde Person zu meinem Leiden sagt. Zu meinem Leiden unter inzwischen 10 Jahren Zwangsferien mit Freizeitpark Hartz 4 mit den Attraktionen “Traumafolgen-Achterbahn”, “der Diskriminierungsgeisterbahn” und dem von allen hochgeschätzten “Nervenkitzelkabinett der enttäuschten Hoffnungen und der vergeblichen Anstrengungen”.

Ich denke: “Du bist dumm und deshalb schreibst du dummes Zeug in mein Blog.” und ich denke “Ich wünsche dir meine letzten 12 Jahre an den Hals.”, weil ich verletzt bin und ich nur diese Qual in meiner Lebensrealität als etwas greifen kann, das man anderen Menschen nur wünschen würde, würde man sie gleichermaßen quälen wollen.
Ich schäme mich, weil ich ableistisch und brutal reagiere.

Erfahre Trostversuche und den Tipp mir ein Video anzusehen bei Twitter.

Es ist dieses:

und ich fange an zu weinen, weil ich merke, was da für eine unbesehene Lücke klafft.

Weil ich weiß, wie leicht es ist, sich zu schützen und zu trösten, indem man denkt: “Was weißt du denn schon?”.
Weil ich weiß, dass man zu Nichtwissen nicht gleichermaßen, wie zu Leiden und Überleben gezwungen wird.
Weil ich weiß, wie viel leichter es ist, einfach immer wieder zu unterstellen, niemand hätte eine Kenntnis von dem, was im Leben, fern derer, die einen herabsetzen, demütigen, verletzen und stigmatisieren – derer, die ihre Schlimmskala an einen dran halten ohne zu verstehen, was daran gewaltvoll ist, passiert.

Mein Schmerz ist der, dass es jede_r wissen kann. Und eigentlich in seinem Inneren auch schon lange weiß.
Man tut nur gerne so, als wüsste man es nicht, weil es ein so viel besser auszuhaltender Vermeidungstanz ist, so zu tun, als handle man aus Unwissenheit – und nicht aus Einfältigkeit, Boshaftigkeit oder Ignoranz. Es ist leichter Belehrungen links rein und rechts rausrauschen zu lassen, als zuzugeben, dass man ein ignorantes Arschloch ist, das froh ist, weder arm, noch krank noch behindert noch jemals so global ohnmächtig gewesen zu sein, wie die Person über deren Rücken man sich erhebt.

Es ist weniger kraftaufwändig Menschen zu unterstellen, sie hätten keine Ahnung, als ihnen aufzuzeigen wieviel Wissen sie eigentlich haben.

Es ist unser alter Konflikt von Anbeginn des Blog von Vielen.
Wir sehen keinen Sinn in der klassischen Aufklärungsarbeit und halten die klassische Öffentlichkeitsarbeit beim Thema “seelische Gesundheit” im Kontext mit “Trauma” und “Gewalt” für nicht möglich, wenn man auf klassische Gewaltausübung verzichten möchte.
Wir sind nicht diejenigen, die anderen Personen erklären können, was richtig und was falsch ist. Wir lehnen es ab, als ein Mensch wahrgenommen zu werden, der alles weiß, der überlegen ist oder besser als andere.
Wir haben nichts davon außer einen besonders angreifbaren Platz innerhalb der Gewaltspirale um Deutungs- und Definitionsmacht.

Wir schreiben hier über uns. Unser Leben heute und das Überleben, das wir erinnern. Wir teilen unsere Gedanken, Gefühle, Ideen und geben uns die Stimme, die von der Gewalt innerhalb von Öffentlichkeits- und Aufklärungsarbeit stumm gehalten wird, weil sie davon profitiert und komplett auf der Idee einer globalen und immerwährenden Stummheit, derer um dessen Leiden es geht, basiert.

Wir haben einen Krankheitsbegriff, der nicht kompatibel ist mit einer Gesellschaft, die sich Hörigkeiten nötig hält und Gewalt reproduzieren muss, weil sie zu feige/bequem/ängstlich/unsolidarisch ist Alternativen zu formulieren und zu etablieren.
Wir lehnen Pathologie ab. Wir richten nicht über jene, die uns verletzt und verdreht haben. Wir sprechen nicht für andere.
Wir sind nicht krank. Wir sind nicht gesund.

Wir sind wir und das ist genug, woran wir zu tragen haben.

Wir nehmen uns ein Recht auf Platz und Stimme, das uns innerhalb der Strukturen, die es derzeit gibt, nicht zugestanden wird und bitten nicht um Legitimation dessen. Das ist, was unser öffentliches Tun wertvoll und so verdammt revolutionär macht.

Hier kann jede_r lesen, di:er möchte und hier kann sich jede_r nehmen, was ihm_ihr hilft.
Niemand braucht unsere Worte hier – es ist aber gut, dass sie da sind, denn sonst würde niemand wissen, dass es sie gibt.

Heute ist ein Tag, an dem man sehr viele Leidens- und Lebenswege nachlesen kann. Besonders unter #WorldMentalHealthDay.
In diesem Blog kann man das jeden Tag, seit 2008, tun.

Man kann erfahren: zu Leiden ist im Leben mindestens eines Menschen ein Aspekt von “Normalität”. Man kann begreifen: “Armut” bedeutet mehr als “kein Geld haben”. Man kann miterleben: Das Leben mit einer Behinderung wird nicht von dem definiert, was nicht geht, sondern von dem, was möglich ist und möglich sein könnte.  Man kann begreifen: Hier ist es möglich etwas zu wissen, wenn man etwas wissen will.

Man kann begreifen, wie wichtig es ist sich von seiner Trostfloskel: “Was weißt du denn schon?”, zu verabschieden, weil sie auch gewaltvoll ist.

Suizid ist eine Wahl

Suizidprävention.
Alleine schon das Wort.

Und dann die Dinge, die man anlässlich des Tages der Suizidprävention so sieht.
Da gibt es Filme in schwarz-weiß, die einen Anruf bei einer fremden Person, die Einweisung in eine Krisenstation, den Kontakt mit Freunden und Familie als Rettung präsentieren. Da gibt es Recoverygeschichten, die das Gleiche tun.

Da ist die Idee vom Suizid als Ende einer Depression, als Zeichen tiefer Hoffnungslosigkeit und Überforderung. Manchmal geht es um Scham, manchmal um Flucht und Verantwortungslosigkeit.
Selten geht es um die Dinge, die in hinterlassenen Abschiedsbriefen stehen. Nie werden die Strukturen thematisiert, welche die Leben der Suizident_innen beeinflusst haben und exakt eine Wahrheit vermisse ich immer wieder

Suizid ist eine Wahl, die einzig und allein von der Person getroffen wird, die sich suizidieren will

Niemand, außer dieser Person selbst, trägt die Verantwortung für ihr Handeln. Niemand, außer dieser Person selbst, kann ihren Suizid verhindern.
Nichts und niemand kann und darf über dieser Entscheidung stehen.

Die sinnvollste Suizidprävention ist Lebensqualität.
Wenn man jemanden kennt, die_der suizidal ist, dann ist es wichtig den Suizid als gleichwertig mit anderen Handlungsoptionen zu betrachten und nicht zu denken: “einmal verhindert ist für immer verhindert”.
Suizidalität kann immer wieder kommen, kann immer wieder Thema sein, kann immer wieder genau das Einzige sein, mit dem sich ein Mensch selbstwirksam im eigenen Leben und am eigenen Leib erlebt.

Es ist eine Mechanik des Egoismus, suizidalen Menschen den Suizid zu verbieten, weil man ihren Tod nicht ertragen könnte.
Es ist eine sozio-kulturelle Dynamik, sich für den Suizid einer anderen Person verantwortlich zu fühlen und Tage, wie der Suizidpräventionstag und seine Ausgestaltung tragen, meiner Ansicht nach, massiv dazu bei.
Bei Suizidprävention, wie sie derzeit gestaltet wird, geht es darum, Menschen das Gefühl zu vermitteln, der Suizid – das Ergebnis einer Handlungsentscheidung  einer Person, ihr Leben zu beenden – sei etwas, was zu verhindern sei, durch als kleine Gesten präsentierte Handlungen.

Unhinterfragt bleibt, wo suizidale Menschen anrufen sollen, wenn sie nicht reden können. Mit wem sollen sie chatten, wenn sie keine Worte haben, nicht schreiben können, keinen Internet- oder Telefonzugang haben? An wen sollen sich suizidale Menschen wenden, wenn sie eingeschränkt in ihrer Bewegungsfreiheit sind? Wenn ihr Umfeld so gewaltvoll ist, dass der Schritt dort heraus gar nicht möglich ist? Und was will man einer suizidalen Person, deren Leben von Mehrfachdiskriminierung geprägt ist, denn Hoffnungsvolles sagen, was nicht nach 2-3 Tagen auch als Lüge bezeichnet werden kann?

Aus dem eigenem Leben mit chronischer Depressivität, die eben auch bedeutet mindestens einmal in der Woche darüber nachzudenken, ob Suizid nicht vielleicht doch der zu gehende Weg sein könnte, weiß ich, wie das ist, wenn man sich an Menschen wendet für die Suizidalität immer die grellroteste Alarmstufe bedeutet – und eben nicht den Anteil von Lebensrealität, den sie für mich darstellt.
Es kostet mich immer wieder unfassbar viel Kraft, meinen Mitmenschen zu erklären, dass ich sie nicht als meine “vor dem Suizid-Retter_innen” brauche, sondern als Menschen, die mich unterstützen und begleiten, mich an mein Leben als okay in seiner Existenz und mit meinem Wirken erfüllend zu binden.

Positive Bindungserfahrungen tragen zu einer Wahrnehmung des eigenen Lebens als lebbar, als schaffbar, als wunder_voll und auch den Schmerz wert, bei. Ein Telefonat mit der Telefonseelsorge kann eine kurzfristige positive Bindungserfahrung sein – doch wenn am Morgen danach wieder niemand da ist, dann ist der Suizid noch lange nicht präventioniert.

Ich frage mich, warum der Suizidpräventionstag nicht auf die spontanen Krisen eingehen, die mit strukturellen Bedingungen zu tun haben.
Ich frage mich, warum die Suizide von alten Menschen (Männern*) so wenig thematisiert werden.
Ich frage mich, warum Sterbehilfe nicht als Suizidprävention diskutiert wird.
Ich frage mich, warum es in unserer Gesellschaft verboten ist, selbstbestimmt zu sterben, wo doch der Kampf um ein selbstbestimmtes Leben für viele Menschen auch ein großes Thema ist.

Und immer wieder stoße ich an den Punkt, an dem irgendjemand zugeben müsste, dass der Suizid einer nahen Person als Kränkung und persönlicher Angriff gewertet wird, statt als das, was es ist: das Ergebnis einer selbstbestimmten, selbst zu verantwortbaren Handlung der verstorbenen Person.

Alles “aber man hätte doch”, jedes “es gab doch noch so viel zu erleben” dient einzig den Hinterbliebenen, um ihrer Kränkung Ausdruck zu verleihen und sich selbst auseinanderzusetzen.
Den Toten ist “hätte, würde, wenn” egal und den Suizidalen, kann jedes “hättest du, würdest du, könntest du” die eigene Überforderung noch zusätzlich belastend bewusst  machen.
Mir hat es noch nie geholfen, auf etwas eventuell vielleicht Gutes in meiner eventuell vielleicht erreichbaren Zukunft hingewiesen zu werden, wenn meine ganz sicher beschissene Akutsituation, diese massiv in Frage stellt und klar ist, dass ich sie allein nicht verändern kann.

Also – bitte erzählt den Menschen nicht, sie könnten Suizide verhindern, indem sie einfach Notrufnummern verteilen und 10-20 Minuten Händchen halten. Hört den unterschiedlichen Leuten zu, die selbst mit (chronischer) Suizidalität im Leben zurecht kommen – hört ihnen zu, wenn sie euch erzählen, was ihnen geholfen hat. Schiebt suizidale Menschen nicht von euch zu Ärzt_innen – diese werden sie euch (wenn es gute* Ärzt_innen sind) wieder zurückschieben, denn ihr spielt die größere soziale Rolle im Leben der suizidalen Menschen, als die Ärzt_innen.

Und am Ende, wenn alles nicht gereicht hat:
Es ist nicht deine Schuld. Es ist nicht deine Verantwortung. Es geht bei Suizid einer Person immer und immer einzig um die Person, die sich suizidiert.
Suizid ist eine Wahl.

Nicht mehr, nicht weniger.