Schlagwort: Norm

shades of Inklusion 3

Viele Personen, die benachteiligt werden, wissen nichts von ihrer Benachteiligung, weil sie benachteiligt sind.
Viele Personen, die diskriminiert werden, können ihre Rechte nicht einklagen, weil sie diskriminiert sind.
Viele Personen wissen nicht, dass sie mit etwas leben, das andere Menschen “Behinderung” nennen.

Ich lebe mit einer komplexen Traumafolgestörung, die als “dissoziative Identitätsstörung” bezeichnet wird.
Meine Diagnose macht mit diesem Begriff einen Schirm auf, unter dem alles, was als nicht regelrecht in der Selbst- und Umweltwahrnehmung, sowie der (Stress-) Verarbeitungsmechanismen, gegenüber einem “objektiven” Querschnitt von Menschen, gilt.
Die Art, wie ich wahrnehme, kompensiere und re-agiere wird also in Abgrenzung zu Personen bewortet, die nicht mit einer DIS leben (aber vielleicht mit Wahrnehmungsweisen, die ein anderer Schirm erfassen würde). Das heißt, ohne die Menschen, die nicht mit einer DIS leben, gäbe es keinen Diagnoseschirm, der meine Wahrnehmung und Reizverarbeitung benennen würde.
Willkommen in der Welt der Pathologie.

Mir wurde eine sogenannte “seelische Behinderung” anerkannt, die heute in zwei große Hauptgruppen aufgeteilt ist
– DAMIT geboren
– DAZU gemacht

Als angeboren gelten Wahrnehmungsweisen, die zum Beispiel mit “Autismus” oder dem “Asperger Syndrom” benannt werden.
Als erworben (oder, wenn man weniger opferfeindlich sprechen möchte: entwickelt) gelten zum Beispiel Belastungscluster wie das sogenannte “Burn out”- Syndrom und Traumafolgestörungen.

Für mich ist natürlich diese Gruppe sehr relevant, weil sie für mich auf vielen Ebenen auch Machtaspekte bzw. Gewalt (als Macht) offen legt, die in der Inklusionsdebatte, meiner Ansicht nach, noch nicht breit markiert wurden, was wiederum damit zu tun haben könnte, dass man einerseits kleinschrittig vorgehen muss, um Veränderungen anzustoßen – andererseits aber immer wieder gerne systemimmanente Schritte lieber gemacht werden, als das System neu zu betrachten und eventuell zu verändern.
Systemische Veränderungen sind immer mächtig und kompliziert, weil es mächtig kompliziert ist innerhalb eines Systems eben jenes zu verändern.

Mir wird das an meinem Beispiel sehr deutlich.
Grundsätzlich ist es so, dass Personen, die seit mehr als 6 Monaten in Behandlung mit der gleichen Erkrankung sind, als behinderte Personen anerkennbar sind.
Das heißt, dass rein theoretisch alle Personen, die in einer Langzeitpsychotherapie sind, vor dem Gesetz als behinderte Personen gelten könnten, die im nächsten Strang als zu inkludierende Personen gelten.
Nachdem sie exkludiert wurden, indem sie eine Diagnose erhielten und mehr als 6 Monate lang (auch) genormt bzw. in Abgrenzung an die Norm™, von einer (auch) Autoritätsperson behandelt werden.

Ich gehe nicht zur Psychotherapie, weil ich “normal” werden will, sondern, weil ich mich und meine Re-Aktionen und Wahrnehmungsweisen, verstehen möchte. In meinem Fall führt dieser Weg darüber, meine erfahrenen Traumata zu verstehen, indem ich mich mit meiner Therapeutin als Begleitern an meiner Seite damit auseinandersetze und so verarbeite.

Für mich ist es so, dass ich inzwischen weiß, dass ich früher auch zum Opfer von Gewalt wurde, weil ich als Kind von der Gesellschaft exkludiert war. Das nennt man Adultismus. Ich war abhängig von den Personen, die mich rechtlich diskriminiert haben, weil mir als Kind keine eigenständigen Entscheidungsdurchsetzungen über mein Wohl und Wehe, erlaubt sind. Kinder können möchten und wollen, was auch immer sie wollen – am Ende sind es aber immer volljährige/mündige/erwachsene Personen, die diese Wünsche ermöglichen oder eben auch verwehren.
Natürlich halten wir als jetzt erwachsene Personen, diese Herangehens- und Umgangsweise mit Kindern für völlig in Ordnung und halten es für etwas, das mit Rücksicht auf die psychophysische und auch soziale Un-Reife zu tun hat und damit, dass wir als Erwachsene das ausgleichen müssen und deshalb diese Entscheidungen treffen müssen. Meistens ist das auch so und sehr oft, klappt das.
Aber die Abhängigkeit des Kindes davon, dass die Personen, die allein durch ihr Alter und ihre psychophysische Reife bemächtigt sind (und natürlich auch ihres Status als Familie(nmitglied) oder Erziehungsberechtigte_r), gut und nährend mit ihm umgehen, bleibt bestehen.

Ich wurde zum Opfer von Gewalt, weil andere Personen Gewalt an mir ausüben konnten, wollten, mussten, sollten.
Mein Recht auf eine Erziehung ohne Gewalt wurde verletzt, mein Recht auf Unversehrtheit, Selbstbestimmung, Hilfe und Behandlung gemäß meiner Bedarfe ebenfalls.
So wird aus der sogenannten Traumafolgestörung, die aus meiner Sicht weniger eine Störung als eine übliche Reaktion der Anpassung an die Verhältnisse meiner ersten 21 Lebensjahre ist, auch eine Diskriminierungsfolge bzw. eine Folge der Konsequenzen, die sich aus meiner Entrechtung bzw. der Nichtgewährung meiner Rechte, ergeben haben.

Ich wurde behindert gemacht und zwar auch von dem System, das definiert, wer was wann warum erhält oder nicht, was wiederum genau das System ist, das jetzt bemüht wird, um die Inklusion von auch Personen wie mir zu ermöglichen.

Und wenn ich nicht mitmache bin ich selber schuld. Integrationsunwillig. Inklusionsuntauglich.
Sobald die Norm (die übrigens bis heute für mich keine so klare Beschirmung und Definition hat, wie die Unnorm) abgelehnt oder in ihrer Zielposition hinterfragt wird, wird es schwierig mit der Inklusion.

Weil die Norm _ist_ und eben nicht gemacht wird, wie ich zu einer Unnormalen gemacht wurde und werde und _bin_.
Die Norm wird immer und in allem, was unser System stützt, ganz automatisch mitgedacht und ist ein fester Gradmesser. Alles andere nicht.

– geht noch weiter –

draußen

“Es ists so lange wie wir gar nicht hier waren”, sie spricht mit gespitzten Lippen und einem Hauch Wundern in der Stimme. “Dabei ist es schön hier… Ne?”.
Sie läuft langsam, mit den Füßen und Fingerspitzen tastend durch das erste Herbstlaub an unserem Platz. Sie atmet ein und fährt mit der Videokamera dicht vor dem Gesicht über die Rillen des langsam verwesenden Baumstammes, auf den wir uns setzen, wenn wir hier sind.

Ich würde sie gerne verstehen. Glaube ich.
Erst dachte ich, sie wäre eines der Innens, das von einem Geschehen übrig ist. Manche Innenkinder sind so entstanden. Dann ist etwas gebrochen und sie blieben zurück. Manche wie Krümel aus der Bruchstelle und manche wie ein Keks, der nie gegessen wurde, dessen Präsenz aber wichtig war.

Sie ist nicht so.
Eigentlich ist sie dysfunktional und im Alltag, im Leben, das wir heute leben, deplatziert. Zumindest, wenn es um Kontakt mit anderen Menschen geht oder darum selbstbestimmt zu leben.
Als 28 Jahre alte Person.
Und doch vergeht kein Tag, ohne, dass ich sie spüre oder, dass sie am Rand meiner Bewusstseinsfetzen klebt wie Honig. Süß und nahrhaft – klebrig und untrennbar.
Wie Wahrnehmungskotze von Bewusstseinsbienen.

“Weißt, was ich mal will? Ich will ehrlich auch mal so ein Gleiterfliegen machen.”, sie lächelt in den Himmel, wo zwei Mäusebussarde auf der Jagd auf dem sachten Oktoberwind gleiten. Sie zoomt aus dem Anblick heraus. “Weißt, wo einer, der das gut kann, so alles Wichtige macht und wo ich wie eine Babyraupe in einen Rucksack bin an seinen Bauch. Und dann hopsen wir einen riesigen Berg runter und gleiten wundergut über ein Tal drüber.”.

Hat sie gerade gejauchzt?
Hallo peinlich?
Ich schaue mich um. Sehe nur Schemen durch ihre Augen.

Ich verstehe auch den Körper nicht. Schon gar nicht, wenn sie ihn benutzt. Das ist jedes Mal, als würde sie sich ein Menschenkostüm anziehen, das viel zu groß ist. Manchmal merke ich so einen ganz dumpf dröhnend brüllenden Schmerz, der wie Fasern in Tweedstoff mit ihr verwoben ist und wundere mich, dass sie das nur dann äußert, wenn sie jemand fragt.
Warum muss man sie eigentlich immer alles fragen?
Sie ist eine Schnasselliese und eine ganze Zeit dachte ich, dass das genau ihre Spezialität ist: Machen, dass Menschen nett sind. Menschen glücklich machen. Menschen freundlich machen. Menschen manipulieren, um sich selbst abzusichern.

“Und wenn wir dann so gleiten, dann sitzts vielleicht auch ein Kindchen im Wald und guckt in den Himmel. Und dann sieht es uns und freut sich. Und dann winkt es zu uns hin vielleicht.”. Sie hebt die freie Hand und winkt den Greifvögeln über uns zu.
Sie lächelt und krault NakNak* hinter einem Ohr.

“Wir sind kein Kindchen mehr, F..”.
Ich weiß gar nicht, wieso ich das sage.
Es ist, was TherapeutInnen* immer wieder sagen. Blablabla Orientierung blablabla Selbstwahrnehmung blablabla Realitäten blablabla Norm blablabla aber eigentlich tut es ihr nur weh. Ist eine Erinnerung an die 13 Jahre, die ihr fehlen und das große Beben der Welten als wir ausgestiegen sind.
Ich merke, dass sie schluckt während sie mit ihrem Ersatzauge Fotos macht.
“Tschuldigung. Eigentlich wollte ich nur sagen, dass ich erwachsen bin. Dass ich kein Kindchen bin.”, ich halte ihr meine Hand hin und versuche sie zu sehen. “Aber du bist eins und das ist okay.”.

Sie kräuselt mein Gesicht in Wogen und Wellen. Dreht sich um. Löst sich auf.
Lässt ihre Augen auf dem Baumstamm liegen.

Perspektive 1

Dass das Mädchen sich die Augen zuhält und hart macht, hatte er gemerkt.
Aber er ist ein Junge, den niemand sieht. Ist ja ein Frauenkörper und damit muss man sich abfinden.
In Wahrheit ist er also vom Mädchen eingebildet. Muss man sich mit abfinden.
Hart werden und sich ab- weg- einfach woanders finden. Wer nur eingebildet ist, der merkt nichts was wirklich ist.
Auch wenn alle sehen, dass sie nichts sehen.

Die Dynamik um den Körper, erinnert mich an junge Menschen, die mit Stöckchen auf Quallen einstechen.
Es gibt keinen Laut, kein Blut, keine Bewegung vom Tier. Es wird entweder im Sterben noch gequält oder als Leichnam zerfetzt. Die Handlung hat oft keinen weiteren Sinn als den der Neugierbefriedigung. Wenn man noch nichts über Reizleitung, Tod und Ethik weiß und vielleicht nicht in der Lage oder Willens ist, dies auf eine Qualle zu übertragen, dann sieht man die Brutalität der Handlung nicht. Die Gewalt.
Es wird klar, in welcher Beziehung so abstrakte Überlegungen zu konkreten Situationen oder Lebewesen stehen und von welchem Status aus sie konstruiert wurden.

Für uns gibt es ein neues “normal”, das uns schleichend zerfetzt. Jedes Mal neu durchbohrt und macht, was es eben immer macht: Irgendwo macht sich ein Innen hart, um die Qual einfach irgendwie an sich und um sich ziehen zu lassen, während ein anderes daneben steht und den Wellenbrecher für die FrontgängerInnen* macht.
Manchmal auch ohne es zu wissen und darin anerkannt zu werden.
Manchmal, weil man es  nicht weiß und manchmal, weil viele Teekannen gleichzeitig pfeifen und die Verbindung nicht sichtbar ist.

“Ich bin ein unsichtbarer Kämpfer. In Wahrheit bin ich Batman oder so. “
Er wünscht sich eine Maske und ein Cape.
Jemand schminkt das Gesicht.
”Besser als gar nix”, denkt er.

Würde es weh tun, würde es brennen, stechen, jucken, dann wäre es das normal mit dem wir 28 Jahre gelebt haben.
Es gäbe keinen Grund zu Verunsicherungen, der mit uns zu tun hat. Die ganze Welt kann das für komisch, schlimm, schlecht, falsch halten, es würde nichts daran ändern, dass es für uns üblich ist. Es ist normal für uns, diejenige zu sein, zu der man hinkonstruieren muss. Wir haben uns nicht in Abgrenzung zu anderen Menschen und ihren Empfindungen und Normen entwickelt. Solche Privilegien zu leben, war uns einfach nicht möglich. Wir haben uns erlebt, als wir uns erlebten. Wir haben uns benannt, als wir Namen hatten. Wir haben gefühlt als wir fühlen konnten.
Wir sind nicht, weil andere Menschen sind. Wir sind, weil wir sein durften und haben das, anders als viele andere Menschen, nie vergessen dürfen. Können. Sollen.

Er beobachtet das kleine Auge an der Kamera, während die Frau redet und seinen Augapfel im Kopf bewegt.
Seine Anstrengung fließt in schmalen Rinnen die Schläfen herab.

Wie lange bleibt diese Unüblichkeit bestehen? Wie lange muss man Schmerzfreiheit aushalten bis jemand erlaubt das eigene normal an sich zu nehmen?
Wie lange muss man diese fremde Konstruktion auf sich anwenden, obwohl sie keinen Bezug hat?
Es ist dann doch nicht nur die Abwesenheit von Schmerz an einem Körper, der von niemandem als sein Körper betrachtet wird, sondern auch das Wissen, dass einerseits immer nur über diesen Körper wahrgenommen werden kann und andererseits darüber immer wieder Konstruktionen passieren, die nichts mit dem eigenen, zu  mehreren, gelebt (worden) sein zu tun hat. 

Er spürt, wie sein Rücken warm wird und sich hinter ihm die Konturen des anderen verdichten.
An dem Bein des Mannes hinter ihm stützt er sich ab und atmet durch.
”Alles cool Kleiner. Hat voll gedauert bis ichs gecheckt hab, sorry.”. Sie nehmen einander an die Hand und bilden die Blase, in der die Frau das Normal des Fremden leben kann.

Fortsetzung folgt

Norm – Schön

bildzIch habe meine Momente, in denen ich aus der Dusche klettere und innehalte, um den feinen Härchen auf meiner Haut dabei zuzuschauen, wie sie sich aufrichten.
Meine Sicht wandert über meine Arme, meine Beine; gerät ins Stolpern und Straucheln über jene Narbe, die meine natürliche Bleiche in verschiedenen Rot-, Lila- und Weißtönen unterbricht.
In diesen Momenten seilen sich Wassertropfen von mir ab und ich spiele Wörterpsychologie.
Bin ich schön bin ich bin ich schön schön bin ich ich schön bin ich ich bin schön, sage ich mir dann. Ich lasse diesen Wörterkringel immer schneller und schneller kreiseln und wie ein Glücksrad bleibt er immer wieder auf “Ich bin” stehen.

Ich glaube, dass meine Zellenverteilung so ist, wie ist, weil sie eben ist.
Schönheit ist ein soziales Konstrukt und damit ein Machtinstrument. Wäre dem nicht so, bräuchte niemand einen Betrachter um sich seiner Schönheit gewahr zu werden oder – eigentlich das Schlimmste: bestätigt zu bekommen, schön zu sein.

Der Begriff “Normschön” ist noch neu in meinem Kosmos und ich versuche mir diese markierte Norm greifbar zu machen.
“Norm” als eine Art Synonym für “Massenübereinstimmung” zu betrachten, kommt mir schwierig vor, gerade auch, je mehr ich über die Mechanismen der Definitionsmacht lerne und verstehe. Wenn jemand etwas von “normal” und “unnormal” faselt, dann in der Regel, weil er machtsatt ist und es kann – nicht, weil er das Spektrum von “normal” kennt und/oder lebt.
In unserer Kultur sind es weiße, (reiche), heterosexuelle, Cis- Männer, die über die Norm bestimmen und Schönheit als Machtinstrument selbstverständlich nur zur Untermauerung ihres eigenen Status einsetzen. Was dem weißen Mann gefällt ist schön- was nicht, das nicht.

Ich dachte lange, dass ich doch irgendwie schon eher in diese Normkiste passen könnte.
Immerhin gehe ich in Läden und finde (rein theoretisch) immer etwas. Ich habe das Privileg? Glück? unter 1,80m groß zu sein und im Umfang unter bestimmten Zentimeterzahlen zu sein. Hurra- ich bin Teil der Formnorm des weißen Mannes.
Und was ist mit dem Rest?
Kleider machen Leute- aber schön?

Um als Frau* als schön zu gelten- irgendwie Krümel vom Schönkuchen abzukriegen, sei es von sich selbst, weil der Blick in den Spiegel einfach mehr gefällt oder von Anderen, weil es Komplimente gibt oder Beachtung allgemein, bietet auch hier der weiße Mann unfassbar viel Kosmetik, Körperschmuck und “unterstützende Pflege” an.
Ich kenne nicht viele Frauen*, die sich gerne schminken, weil sie sich selbst, dann schöner finden.
Die meisten Frauen*, die ich kenne, schminken sich um schön zu werden.

Ich selbst verwende Kosmetik immer genau dann, wenn ich unsicher bin und mich verstecken möchte- und zwar in genau dieser scheinbar so allseits anerkannten Norm, dessen was “okay” ist.
Für mich ist Kosmetik in dem Sinne etwas, das in die Natur eingreift und die Wahrnehmung meines Seins verschiebt. Ich fühle mich unehrlich, undankbar und von innen heraus hässlich, wenn ich mich schminke, weil ich nicht mit den Menschen interagiere wie ich bin, sondern, wie es die (von mir unbeeinflussbare) Macht von Schönheit bewirkt.

Nun habe ich ja aber noch Glück? das Privileg? eine formnormkonforme Bedeckung zu finden und zu wissen, dass es Menschen gibt, die Kosmetik in Menschengesichtern nicht sehr schön finden- mit denen ich also aufgrund ihrer Norm von Schönheit, durchaus ein Stück Schönheitskuchen knuspern könnte.
Aber was ist mit meiner Nacktheit?
Welche Norm greift, wenn alle äußeren, marktwirtschaftlich konkret beeinflussbaren Marker wie Kleidung, Schmuck, Kosmetik, fehlen?

Greift die Norm von “nach dem Trauma”, die ich mir selbst bis heute abringe?
Die Norm von “nach der Magersucht/der Adipositas/der Bulimie und mitten im latenten Essensgemurkse” mit der ich lebe und bei allem was ich zu mir nehme, neu abstecke?
Sind meine Normen noch da, wenn meine Sie mich anschaut?

Ich habe am Anfang unseres Miteinander gemerkt, dass es mir nicht reicht zu hören: “Ach, ich habe gerne mit dir Sex- egal, wie du aussiehst. Ich mag dich und deinen Körper.”. Mir wurde klar, dass es mir auch um das Machtgefüge zwischen uns ging, das sich mit dem Anblick unser beider Nacktheit schlicht verändert hatte und wir sprachen darüber.
Was mir klar wurde war, dass ich mich verletzbar gefühlt habe, weil ich heute nur noch meinen Körpernormen entsprechen möchte und meine Macht über mich nicht teilen oder abgeben will- aber kein sozial anerkanntes Machtinstrument dazu verwenden will- wie zum Beispiel das Instrument “Schönheit”.
Mein Körper trägt die Spuren von Gewalt, (Selbst) Hass, Entwicklung und Tod – das Konstrukt “Schönheit” hingegen nicht. Selbst wenn ich wollte, kann ich, wenn ich nackt vor jemand anderem stehe, nicht mit “Schönheit” kommen, um mich meiner (Eigen)Macht zu versichern.

Es ging um Sicherheit bzw. Absicherung in dem Moment. Nicht, weil ich Angst hatte wieder Gewalt zu erfahren, sondern, weil ich mich in meinem Sein berührt gefühlt habe und mich außerhalb der Norm ™ sah, die ich bei meiner Sie internalisiert vermutete. “Ich möchte ihr gefallen, weil es mir gefällt, wenn ihr etwas gefällt”, war am Ende ein Satz, der mir die Dynamik zwischen uns dann klarer machte und auch, welche Rolle unsere Normen dabei spielten.
Am Ende blieb es dann tatsächlich bei “das Äußere ist nicht entscheidend”, weil unser gemeinsames Agieren übergeordnete Normen hat, die einzig für uns beide bestehen und die durch unseren Austausch viel klarer wurden.

Spannend in der Hinsicht finde ich, dass wir uns dessen erst in dem Moment bewusst wurden, als wir einander nackt gegenüber saßen.
Man sollte meinen, das sei nicht der Zeitpunkt um über Normen und Werte, Macht und Ohnmacht zu sprechen.
Im Nachhinein denke ich, dass es keinen besseren Moment geben kann.

viel Einfalt bei Maischberger

Gänseblümchen2 Gibt es eine Möglichkeit die 60er Jahre nachzuempfinden? Oh ja- einfach mal dem Ersten dabei zusehen, wie er versucht sich dem Thema sexueller Vielfalt anzunehmen.
Gestern Abend bei “Menschen bei Maischberger”, gab es wieder eine Gelegenheit dazu. Unter dem, zumindest übers Internet, heiß diskutierten Titel “Homosexualität auf dem Lehrplan- droht die “moralische Umerziehung”?” sprachen der offen schwule gesundheitspolitische Sprecher der CDU Jens Spahn, die Travestiekunstfigur “Olivia Jones”, die Autorin Hera Lind, die Journalistin Birgit Kelle und Hartmut Steeb, der Generalsekretär der “evangelische Allianz” miteinander.

Ich hab mir die Sendung angesehen und zwischen “arrgh” und “äääächtz” und “noooiiiin” und “Boa geh weg du…” einen schweren Seegang empfunden.

Klar, sind solche Sendungen nicht der Hebel, der die Welt aus den Angeln hebt und natürlich war es wieder so klar, dass der Altersdurchschnitt (immerhin sind wir im Ersten) irgendwo in der Mitte des Durchschnittsalters von Deutschland liegt und jaaaa, es war auch sehr klar, dass es wieder keine offen lebende Lesbe, kein Mensch mit Transidentität, kein offen A- oder Pansexuell positionierter Mensch dort aufs Sofa schafft; dass das Konzept der Queerness nicht genannt wird und ach… das strahlend reine weiß aller Gäste- ph selbstverständlich.
Es geht darum, ob sexuelle Vielfalt in der Schule als Teil der Norm vermittelt wird und das Fernsehen pickt sich das Stück Norm raus, was am Genehmsten ist.

Ich hab keine Lust diesen ganzen Dreck nochmal wiederzugeben- und ja- es ist Dreck. Auf vielen Ebenen und mit viel zu wenigen Stellen an denen ich zustimmend nicken konnte.
Travestie ist nicht Transidentität/ Transsexualität, sondern Kunst. Die freie Entscheidung eines Menschen ein anderes Geschlecht dramaturgisch aufzugreifen und umzusetzen. Der Auftritt von Olivia Jones, hat Menschen mit Transidentität eher geschadet als geholfen- so sinnig ihre Beiträge zur Diskussion auch waren.

Jens Spahn ist ein offen lebender Schwuler, der es sich leisten kann, offen schwul zu sein. Viele tausend andere können das nicht- er wird nie derjenige sein, der das nach außen vertritt.
Mal abgesehen davon ist lesbisches Leben noch einmal ein ganz anderes, als schwules.

Birgit Kelle rechtfertigt ihre verachtenswerte Ignoranz mit einer Wortklauberei um die Begriffe “Akzeptanz” und “Toleranz” und argumentiert nicht sauber recherchiert. Peinlich.

Hera Lind fragt sich, wieso sich alle so aufregen (und haut damit ebenfalls in die Schneise der gesellschaftlichen Ignoranz für all jene Menschen, deren Verbindung zu Menschen, die nicht heteronormativ leben/wahrnehmen, nicht die ihre ist). Unangebracht auf vielen Ebenen.

Hartmut Steeb schießt den Vogel ab und kräht nach dem Kindeswohl, kurz bevor er Homosexualität als unnatürlich degradiert.
Homophob.
Irgendwann wird die gesamte Debatte von ihm als “überdreht” bezeichnet und die Ehe zwischen Mann und Frau- ja sogar der Fortbestand der Menschheit als bedroht eingestuft, nachdem der Schluss gezogen wird, dass Identität nicht anerziehbar sei. (Das war dann der Punkt an dem ich als Zuschauerin die Absurdität der Argumentation als überdreht empfand).

Bei mir blieb so ein Ding hängen, das Frau Kelle gerissen hat- ich mein- sie hat eine Menge gesagt, an das güldene Facepalmen zu tackern sind, aber da war der Nebensatz: “Es ist mir doch egal (was für eine Sexualität jemand hat)”, den ich wirklich gerne fett markiert aufgegriffen gehabt hätte.

Denn nein- es ist eben nicht egal. Das ist ein verlogener Satz- denn wenn es ihr egal wäre, dann hätte sie nicht da gesessen.
Wenn es wirklich egal wäre, dann würde “Elternrecht” nicht bedroht gesehen werden, weil in der Schule dann nichts einschneidend Wichtiges vermittelt wird.
Wenn es wirklich allen (cis- sexuellen) Menschen da draußen egal wäre, wie sich andere Menschen wahrnehmen und ihr Leben gestalten, dann würden wir ganz anders miteinander leben.

Am Ende blieb der Konsens, dass die Debatte noch nicht zu Ende sei, worin ich zustimme.
Ich aber wünsche mir eine andere Art Debatte. Es geht um Identität- nicht darum, wie wer mit wem wo und wann Sex hat.
Es geht darum einander frei und wertschätzend zu begegnen. Das fehlt der Debatte meiner Meinung nach als gemeinsame Grundlage bzw. gemeinsames Anliegen. Mit dieser Maischbergersendung wurde vorallem transportiert, dass es okay ist, wenn Hass im Fernsehen verbreitet wird und sich Minderheiten gefälligst selbst zu schützen haben. Ein Fail deluxe.

Ich denke: So lange es Eltern gibt, die ihren Kindern nur eine ausgesuchte Norm präsentieren, die es verdient hat, frei und wertschätzend wahrgenommen zu werden, so lange besteht der Bedarf, dass Bildungseinrichtungen die Vermittlung des gesamten Normspektrums übernehmen. Genauso wie es wichtig ist, als BloggerIn, als JournalistIn, als AutorIn, als KünstlerIn… als Mensch von nebenan, das Spektrum der Norm aufzuzeigen, zu kultivieren und nicht zuletzt offen und frei zu leben, welche das Fernsehen mit solchen Sendungen ausgrenzt.

Solange “Vielfalt” kein Synonym für “Norm” ist, ist es eben nicht egal!

Ein guter Artikel zur Sendung erschien auch auf queer.de. Leseempfehlung!

abnorme Achsen

Heute morgen rief meine Therapeutin an, um sich zu vergewissern, dass wir ihr die richtige Klinik genannt hatten, in der wir so lange waren und deren Bericht auch als, ich glaube, fast einziger einen umfassenden Abriss der Biographie und Krankengeschichte enthält.

Ich sagte ja und begann meine Unterlagen noch einmal durchzuschauen, ob ich nicht doch auch eine Kopie davon besaß. Ich weiß, ich hatte mal eine. Aber das Ganze ist jetzt 9 Jahre her. Wer weiß, ob nicht doch die erste Einrichtung, die uns gar nicht schnell genug loswerden konnte und nicht wieder zurückwollte, jede Menge unserer Sachen weggeschmissen hatte.
Oder, vielleicht ist er auch in dieser furchtbaren Klinik, in sie uns abschoben, verschwunden. Oder in der Wohngruppe. Oder ich habe ihn der ersten ambulanten Therapeutin gegeben. Oder in der Klinik abgegeben. Oder der Psychiaterin. Oder… vielleicht brütet er in irgendeinem Ordner vor sich hin, wie der Bericht, den ich dann heute wiederfand.

Er enthielt keinen biographischen Abriss, war nicht an eine behandelnde Instanz gerichtet, sondern an ein Amt.
Es ist eine Aufzählung meiner Defizite.
Eine Sichtbarmachung der „abnormen Achsen“.

Ich rief die Therapeutin an und… naja, eigentlich könnte hier jetzt gut stehen, dass ich darum bettelte dieses Ding nicht, wie einen heißen Stein, bei mir tragen zu müssen, bis wir uns morgen sehen. Eventuell vielleicht auch nicht, denn schon wieder wurde das Haus, in dem die Praxis ist, eingerüstet.
Ich sagte, ich fühlte mich angeditscht. Ich hätte eigentlich auch zugeben können, dass mir der Hulk die Faust in den Bauch gehauen hat.

Nicht, weil ich die Klinik furchtbar fand.
Sondern, weil mir heute zum ersten Mal klar wurde, was da eigentlich steht.

Da steht nicht: „Ach keine Bange- in 10 Jahren wird sie mehr schaffen als heute.“
Da steht: „Diese 17 Jährige ist tiefgreifend gestört, kaputt, dysfunktional auf vielen Ebenen, traumatisiert.“.

Ich weiß noch, dass mir damals das Gefühl von Unzulänglichkeit, vielleicht auch Unnormalität – Abgestoßenennormierung sehr nah war. So nah, dass ich oft diese Art kitschig aufdrängender Pseudogedichte schrieb. So etwas wie:
„Wieso ist mein Normal so unnormal für dich?
Wieso ist dein Biest mein Spiegelbild?“
mit Zeilen über mehrere Seiten.
Klar, ich saß permanent in irgendwelchen Kliniken oder Gruppen, wo man sich mehr über mich erschreckte, wenn ich etwas anderes tat, als die Milliardste Runde Phase 10 zu spielen oder eben eine dieser Pseudoblüten der Literatur zu verfassen.

Aber ich konnte nie genau sagen, was es ausgemacht hat.
Vielleicht das Gruppe sein. Das die Gruppe der Bekloppten, der Irren, der Auf-Ver-Abgestoßenen, der Ungebetenen zu sein… obwohl nein, das war normal. Es war ja eine Gruppe- eine Gruppe stellt die Norm. Eine Andere, als die der Menschen, die uns nicht haben wollten. Dies allein aber hatte mir nicht das Gefühl einer Unzulänglichkeit gegeben.
Ich hatte nicht das Gefühl, dass jemand in mir abnorme Achsen sah. Oder Defizite.
Oder ich wollte es nicht sehen.

Vermutlich wollte ich es nicht sehen. Wer weiß, ob ich die anderthalb Jahre in der Klinik so hätte nutzen können, wie ich es tat, wenn mir die ganze Zeit über klar gewesen wäre, was für ein Objekt der wissenschaftlich- psychologischen Neugier- was für ein Fall, dessen A-Normalität als Reaktion auf eine krankmachende Realität, irgendwie vage doch völlig normal erscheint und doch im letzten Schlenker der Definitionsmacht gänzlich unnormal benannt wird…,  ich vielleicht doch auch darstellte. Neben all der Normalität, die in mir drin ist und dort auch eben zu sehen, hören und spüren war.

Die Therapeutin sagte, es sei okay den Bericht direkt heute bei ihr vorbeizubringen.
Ich war froh, dass ich mich nicht in Erwachsensein üben und das jetzt aushalten musste, dieses schmerzende Zetteldings so bewusst zu haben und zu wissen, dass es da und bei mir ist. Anklagend vom Turm herunterdonnernd auf mich einbrüllend: Du unzulänglich defizitär- abnormes Ding!

Und dann stieg der Wegegänger zwei Stationen früher als sonst aus. Ich weiß nicht was ihn dazu getrieben hat. Ich verstehe ihn ja meistens nicht. Wir liefen fast den gleichen Weg, wie wir ihn mit der Kliniktherapeutin, die diesen schweren Papierklotz in meinem Rucksack geschrieben hatte, gegangen waren, bevor wir hier her zogen.

Ich versuchte mich zu erinnern, ob es damals auch geregnet hatte. Ich weiß nicht einmal mehr, welche Jahreszeit wir da hatten. Winter? Frühling? Ich weiß nicht einmal mehr wirklich, wie sie aussieht. Ich ertappte mich dabei wie ich dachte: „Ach- in 9 Jahren wird sie sicher einen wundervollen Wust weißer Haare bekommen haben und sitzt nun glücklich und zufrieden…“
Ja, es hätte auch ein Gong oder eines dieser Domgeläute sein können, dass mir den Kopf berührte.

9 Jahre. Und ich empfinde so eine Momentaufnahme von damals in Form eines Berichtes, als aktuell schmerzhaft?!
Suche immer noch den ultimativen Beweis für mein nichtreichen, mein nichtgutgenug, mein puttgehtnichtheilezumachen, mein letztes Quäntchen zur Legitimation meiner Selbstentsorgung?
Es hat sich doch soviel verändert, warum kann ich es nicht sein lassen?

Ist dies allein am Ende meine abnorme Achse? Einfach nicht glauben zu können, dass es nichts Abnormes an mir gibt, was meine Selbstzerstörung legitimiert?
Vielleicht ist es damals schon mit aufgelistet gewesen. Vielleicht gibt es dafür auch keine Bezeichnung außer „Selbsthass“. Vielleicht ist es alles der absolute Bullshit. Vielleicht hat sich in 9 Jahren bei mir eigentlich nichts verändert. Die meisten Dinge, die man dem Leben übergibt und von sich stößt, kommen in einer Maskerade wieder zurück. Oder in einer anderen Form. Manchmal kann man sie so versteckt oder in neuer Form leichter annehmen und verändern, als vorher.

Vielleicht ist der Bericht etwas, dass ich genau so brauchte, wie er war. Ich habe ihn in den Briefkasten meiner Therapeutin geschmissen und mich vom Wegegänger tragen lassen. Ich spüre ihn heute, während er damals einfach nur Löcher in meine Stadtbilder fraß. Ich spürte den Regen, die Kälte, die Schwere der Kleidung. Ich bewegte mich in der Stadt, die wir zuerst mit der Kliniktherapeutin zusammen betreten hatten. Alles das beachtete ich bewusster als sonst. Noch aktiver, vielleicht lauernder, als vor dem Moment, in dem ich den Bericht las.

Während einem Moment, in dem der Regen auf das Gesicht platschte, dachte ich: „Hauptsache da sind Achsen. Eigentlich ist es egal, für wen da was normal oder abnormal ist. Es ist fast 10 Jahre her. Für mich ist es normal, wie es ist.“.

die Einladung zum Klassentreffen

Ich hatte mich bei „StayFriends“ angemeldet, weil mein Buch ursprünglich eines werden sollte, dass Eltern und deren jugendliche Kinder in der Kinder- und Jugendpsychiatrie erreicht.

Ich wollte ein paar alte Kontakte aufnehmen, Interviews machen, die Ursachen und Folgen des Klinikaufenthaltes erfassen und darstellen. Irgendwie will ich das heute noch, doch ich merkte damals, wie umfassend dürr mein soziales Netz war und schob es auf.
Ich fand nur zwei ehemalige Mitpatientinnen und wir waren zu weit voneinander entfernt- sowohl räumlich als auch so im Alltag, dass ein Gespräch, wie ich es für mein Buch hätte führen müssen, nicht zustande kam.

Ich bin sowieso auch eine, die es nicht so hat mit der Objektkonstanz: Wenn ich mich nicht regelmäßig an die Menschen erinnere, fallen sie und alles was mit ihnen zu tun hat, aus dem Kopf.

Heute Nacht kam eine Email von der Webseite mit Kontaktvorschlägen.
Ein Name ließ ein Kinderinnen an der Innenseite meiner Stirn tippen: „Die J. is in meiner Gruppe. Bei Fräulein H.- die is eine liebe.“. Wir versuchten klar zu machen, dass dieses Innen heute nicht mehr im Kindergarten ist, dass wir erwachsen sind und, dass auch die J. heute eine ganz erwachsene Frau ist.

Aber wie das so ist. Ich weiß, dass das Kinderinnen nun irgendwo auf dem Rücken des Schwans sitzt und abgeschirmt wird- aber sich selbst noch immer in einem Kinderkörper, der zum Kindergarten geht, wähnt.

Die Frau hatte mich angeschrieben mit vielen Grüßen und der Frage, ob ich diejenige welche aus dem und dem Kindergarten sei. Ich bestätigte es und grüßte zurück.
Klickte mich durch die Seiten der anderen Kontaktvorschläge, merkte wie ich immer weniger vom Körper fühlte, weil sich mehr und mehr Schotten nach innen verschlossen. Irgendwann kamen keine Rückmeldungen mehr über die einzelnen Menschen und ich schaute mir meine potenziellen Abschlussjahrgänge an. Klassenfotos von vom Abschlussjahr. 4 Reihen Abiturienten, Realschulabschlüssler, Gesamtschulabschlüssler.

Wie klein und doch erwachsen sie alle aussehen. Schön angezogen, lächelnd.
Viele neue Gesichter kamen in die Klassen, seit wir weggingen.
Als sie ihre Zukunftszettel machten, gingen wir durch die Hölle aus Gewalt und Befreiungskampf. Waren gut dabei, wenn wir nicht den Tag zwischen Krampfanfall und Medikamentendröhnung verbrachten, sondern einfach nur unter Schmerzen leidend auf einer Couch lagen und die Katze streichelten.

Wir hatten keine eigene sichere Wohnung, eine Betreuung die uns nicht half, Ämter die unsere Situation nicht verstanden, eine Therapeutin, die nebulös im Hintergrund waberte und eine Beziehung, die uns einfach irgendwie das Wasser vom Hals zu löffeln versuchte.

Ich habe gesehen, dass uns eine Klasse zwei Mal zu einem Klassentreffen in die Stadt eingeladen hat.
Das berührt mich sehr, weil wir nur kurz in der Klasse waren und damals weit entfernt von dem Verhalten eines Menschen waren, mit dem man gern seine Zeit verbringt. (Ich kanns nur wiederholen: Wir waren kein huschiges Mäuschen mit großen Kulleraugen, aus denen unsere Not sprach. Im Gegenteil- ich könnte heute jeden verstehen, der einfach nur angepisst und genervt war.)

Einmal abgesehen davon, dass wir die Stadt nie wieder besuchen können werden, ohne uns in Gefahr zu bringen, frage ich mich natürlich doch, wie es den Menschen heute geht. Was sie machen und wie es ihnen ergangen ist. Was haben sie für Ziele und Ideale entwickelt?
Es ist Neugier.
Aber eine Selbstzerstörerische.

Ich würde es nur wissen wollen, um mich zu vergleichen und, dass ich immer „schlechter“ da stehen werde, liegt auf der Hand. Das „Schlechter“ habe ich in Anführungszeichen gesetzt, weil ich weiß, dass es nur auf einer bestimmten Leistungsebene „schlechter“ wäre. Sie haben einen Abschluss in Studien oder Ausbildungen, stehen vielleicht im Beruf oder haben mindestens die Berechtigung oder Möglichkeiten dazu einen aufzunehmen. Manche von ihnen haben bereits geheiratet und gebaren Kinder. Oder versorgen eigene Kinder ohne geheiratet zu haben. Sie haben eine mehr oder weniger intakte Herkunftsfamilie und kommen mehr oder weniger gut zurecht.

Sie haben bei Normalnull angefangen und sich von dort aus angeeignet, was sie brauchten, um sich ein Leben zu gestalten, wie sie es heute führen. Ihr Weg zu dem was sie heute sind, wird anders sein als meiner.
Ich war in keiner Schulklasse länger. Ich war in zwei Grundschulklassen, zwei Gymnasialklassen, 4 Klinikschulklassen, einer Gewerbeschulklasse und zwei Abendschulklassen bis ich einen Abschluss vorzuweisen hatte. Ich machte meinen Schulabschluss knapp 2 Jahre später als sie, habe nie fest angestellt irgendwo gearbeitet. Alles was ich mir angeeignet habe (und nachwievor aneigne) dient dem Zweck an „Normalnull“ heranzukommen.

Ich fange an dieser Stelle nicht an „Normalnull“ zu definieren oder zu dekonstruieren, um mir etwas schön zu reden oder so zu tun, als hätte ich einen breiten Blick auf das, was „normal“ ist.
Diesmal verzichte ich darauf, weil ich weiß, dass ich mich in dieser einen speziellen Gruppe eben „unnormal“ fühlen würde. Es bereits jetzt tue- und schon damals tat. Und weil ich weiß, dass dieses Gefühl berechtigt ist. Ich würde mich mehr damit verletzen, würde ich meine damaligen und auch heutigen Lebensumstände als etwas betrachten, dass man im statistischen Sinne mit „Streuung“ bezeichnen würde. Als Teil der Wertesammlung, doch eben im äußeren Bereich.

Das was wir als Säugling, Kleinkind, Kind, Jugendliche und Erwachsene durch- und überleben mussten, ist nicht normal gewesen. Es war so unnormal, dass wir unnormal wurden. Wir wuchsen nicht, wie ein Baum aus einem Samen, sondern wie ein Strauch aus vielen Samen. Unsere Entwicklung war anders und wird immer anders sein- auch wenn wir es schaffen unsere Vielheit zu bündeln und zusammenwachsen zu lassen, werden die Blüten und Früchte unseres Seins immer aus vielen Keimlingen hervor gekommen sein.

Wir werden Gemeinsamkeiten finden, vielleicht auch auf Gewaltüberlebende treffen, werden auch Hartz4 Empfänger treffen, werden ebenfalls „psychisch kranke“ Menschen entdecken, aber soweit ich weiß ist niemand von ihnen mit 15 aus seiner Familie gegangen und wurde so ausgebeutet wie wir.

Ich würde mich gern vom Gegenteil überzeugen, würde gern sehen ob meine Gedanken stimmen, ob mein Gefühl vom „am äußeren Rand stehen“ passend ist. Ich würde einige der Menschen gerne sehen. Manche auch nur um ihnen nachträglich zu sagen, dass ich ihr Leid gesehen habe.
Manchen würde ich auch gerne vermitteln, warum ich war, wie ich war.
Und manche würde ich auch gern einfach aus ihrer privilegierten Welt ein Fenster aufmachen.

Aber es ist noch nicht soweit. Es geht nicht.313759_524341310921951_1497324588_n
Ich fühle mich noch nicht auf Augenhöhe mit ihnen.
Es wäre anders, wenn ich eine Berufsbezeichnung und Leistungsergebnisse vorzuweisen hätte, die ich wie ein leuchtendes Ablenkungsschild vor meine Wurzeln halten könnte.
Wenn ich eben den gleichen Schutz hätte wie sie.

Ich bin traurig, weil ich das noch nicht habe und aufgrund dessen einen Teil meiden muss, der mich dem „Normalnull“ näher bringen könnte. Nämlich den, einfach so auch Kontakte von früher aufnehmen zu können.

Es würde mir helfen mich und mein Leben früher, breiter zu betrachten und zu sortieren. Es würde so manch ein „kleines Warum“ beantworten können. Es würde mir helfen einen Stein an die Stelle zu legen, die mich schmerzt. Doch auch diesen Stein muss ich erst einmal anheben können.

Heim, Klapse, Knast

Wir haben einen interessanten Menschen kennengelernt.
Als er uns zum ersten Mal bei uns besuchte, freuten wir uns sehr, weil wir damals gerade wieder eine dieser stummen Kurzphasen hatten. Wir hatten bereits wieder 4 Tage kein Wort gesagt

„Seltsam,“ dachte ich, „dass mir diese Sprachlosigkeit erst unangenehm auffällt, wo ich die direkte Möglichkeit zu sprechen habe.“
Im Laufe der folgenden Stunden sollte sich das Sprechen sogar richtig auswachsen. In ein Reden, Kommunizieren… in ein Aussagen.
Es wurde mein erstes richtiges Gespräch über die Psychiatrie und meine Zeit darinnen seit 2005.

Nicht in die Tasten gedonnert oder durch die Feder meines Füllers gedrückt. Sondern richtig gesprochen und gehört, während ich selbst hörte.
Hörend- da spricht jemand von Kasernierung- wo ich immer von Internierung gesprochen hatte.
Hörend- da kann jemand meinen Gedanken zur Verstärkung einer Essstörung durch Esspläne und Strafsysteme drum rum, ohne Wenn und Aber unterstreichen und ergänzen.
Spürend- da ist soviel Unausgesprochenes, das vermutlich noch nicht einmal vor sich selbst aussprechbar ist- genau wie für mich.

Dass ich nicht allein bin mit meiner Psychiatriekritik, weiß ich schon eine ganze Weile.
Dass ich nicht die Einzige bin die Dinge twittert wie: „Liebe Ethik, könntest du mal im Gesundheitssystem vorbei kommen und mit deiner Anwesenheit glänzen? Du fehlst. Liebe Grüße, die Patienten.“ ist auch klar.
Aber wache, produktiv- reflektierte Bitterkeit habe ich lange nicht mehr gesehen.

Bitterkeit begegnet mir oft. Resignation. Ohnmacht. Wut. Natürlich. Gerade bei anderen Psychiatrieüberlebenden und deren Verbündeten.
Doch Wachheit nicht. Bewusstsein. Ungetrübte Wahrnehmung. Die Möglichkeit ein zwei Gedanken mehr als: „Ist halt ein Scheißsystem das da abgeht“ zu haben.

Ich treffe auch oft auf Alternativforderungen.
Und bin dann doch wieder mit Absonderungsideen konfrontiert. Sei es, dass man sich komplett von dem bestehenden Wissen und allen Erfahrungen der Psychiatrie als medizinischer (und sozio-kultureller) Zweig abwendet, oder doch wieder klassifiziert in „behandelbar“ und „unbehandelbar“.

Im ICD- Rosenblatt gibt es keine Krankheiten.
Da gibt es den chronischen Flauschmangel, die überbordenden (und belastenden) Ideen und die kreativ gewachsenen Gehirne und Körper. Also nichts, was in irgendeiner Form Absonderung und Dressur erforderlich macht, sondern Zuwendung, Austausch, Abklärung und Neukonstruktion der Lebensumgebung.

Also irgendwie: ein Zuhause mit offenen Ansprechpartnern.

Und da ist der Haken. Wir haben noch kein gesellschaftliches Klima in dem solche Räume Usus sind. Wenn es uns schlecht geht, sind wir privilegiert, wenn wir Verbündete haben. Eine Familie, die uns bedingungslos um- und versorgen will/kann/ darf, wenn wir auf Unterstützung, Nähe, Wärme, Zeit und Raum angewiesen sind.

Die Blüten die meine oben erwähnten „Krankheiten“ treiben, haben sowohl ihre Wurzeln in der Abwesenheit von Selbigem oder verursachen keine feste Anbindung an solche sozialen Kontakte.

Wer irre ist, ist einsam. Abhängig und doch haltlos.
Es ist, als sei man falsch gepolt- im wahrsten Sinne des Wortes. Man ist ein Plus-Pol in einer Masse von Plus-Polen und nicht in der Lage von sich aus zu einem anziehenden Minus zu werden. Das ist die „Krankheit“. Das fehlen der Kraft aus sich heraus andere Pole an sich anzuziehen.

Die Lösung dieses Problems war einen einheitlichen Minuspol zu gestalten, der bedingungslos anzieht. Und anzieht und anzieht und anzieht. Alles was auch nur einen Hauch Plus in sich trägt (oder vorgibt), wird unter Umständen angezogen und festgehalten.
Was Plus ist und was Minus, ist immer wieder im Wandel.
Doch immer immer immer wird „das Andere“- das was in einer Masse, als „anders“, „unpassend“, „unangepasst“, „unvereinbar“ bezeichnet wird,  abgestoßen. Es passiert keine Integration des „Anderen“ in seiner Mitte, sondern eine Absonderung, um die eigene Konformität, seine Normen und Werte zu zementieren.

Wir haben gestern Abend über Bethel gesprochen.
Bethel ist ein Stadtteil von Bielefeld, der bekannt ist für seine Epilepsieforschung, seine Hilfseinrichtungen für Menschen mit Behinderungen, für seine sozialpsychiatrischen Betreuungs- und Behandlungsangebote.
Ich hatte mich ein bisschen in meiner Kritik verrannt und es als abgeschlossenes Ghetto für alle die arm, alt, krank, hilflos bzw. hilfsbedürftig, behindert und schwach gelten, bezeichnet. Das stimmt auch. Bethel schaltet und waltet nach Kirchenrecht. Alles was dort passiert, bleibt dort. Die Bedürftigen haben nicht Kraft zu streiken und Mitarbeiter haben kein Streikrecht.
Aber es ist auch ein Beispiel für die Art Integration „des Anderen“ die heute passiert.

Die Menschen, die diese Menschen versorgen und behandeln sind ein Minuspol und sind einzig durch ihre Fähigkeit ohne Hilfe eine Selbstversorgung zu schaffen (und entsprechend in der Lage auch von dort wegzugehen) überlegen. Sie brauchen ihre „Patienten“/ Klienten, weil sie ihren Arbeitsplatz stellen und gehen so in eine Symbiose.
Das ist der Grund, weshalb es so einfach ist, in den Bereichen, der Pflege und Medizin von Wirtschaftlichkeit zu sprechen. Die Hilfsbedürftigkeit der Menschen wird zum Werkzeug, um dessen Nachschub man sich keine Sorgen machen muss. Man beutet also im Grunde die „Irren“, die Kranken, die Schwachen, die Armen und jene, die sich nicht selbst versorgen können aus, ohne dass ein Widerstand von irgendeiner Seite kommt.

„Wieso denn auch- ist doch gut, wenn sich einer um „die da“ kümmert. Die müssen ja nun mal irgendwo hin.“

Nein! Müssen sie nicht! Sie müssen versorgt werden bzw. Hilfe bei der Selbstversorgung (im Falle von Gefängnissen, Hilfe die Gründe für ihre Straffälligkeit zu verstehen und „draußen“ verändern/ verhindern/ regulieren/ abschaffen zu können) haben- mehr nicht.
Es sind nicht sie, die sich hergeben müssen oder die sich anpassen müssen, obwohl sie genau das noch nicht- oder auch nie können.
Das was jemand lernen muss um massekonform zu leben, lernt er nicht in einer Masse, die „anders“ ist, wie er selbst. Und so, wie der Kapitalismus auf diese Symbiose einwirkt, reicht der Einfluss der „Minusse“ (in Form der HelferInnen, PflegerInnen, TherapeutInnen, ÄrztInnen) nicht aus. So ergibt sich ein gewisser Masseerhalt „der Anderen“ und das Rad dreht sich weiter wie bisher. Kapitalismus funktioniert nur mit der Billigung von Ausbeutung.

Was wäre, wenn wir die Bedürftigen unter uns hätten? Wenn wir unsere Kraft aufwendeten und selbst zum Minus würden?
Wir müssten neu lernen. Neue Werte und Normen konstruieren, vielleicht auf Konformität verzichten.
Ja, vielleicht stünde dann öfter mal jemand auf der Straße und brüllt uns an.
Ja, vielleicht hätten wir viel mehr Kontakt mit Körperflüssigkeiten, als uns lieb ist.
Ja, vielleicht würden wir sogar Käfige für unsichtbare Tiger bauen.
Aber was ist denn daran so schlimm? Wer hat denn einen Schaden davon?
Was davon bleibt für immer? Einer der brüllt, ist irgendwann auch fertig. Einer der sabbert, kann lernen sich auch selbst den Mund abzuwischen oder kann einfach auch immer trocken gewischt werden- das machen wir doch bei Babys auch.
Wen stört ein Käfig in der Wohnzimmerecke oder in der Innenstadt? Wir stellen doch auch hässliche Kunstgerüste in die Landschaft.

Es ist ein hinderndes „Kosten-Nutzen-Rechnen“ und die eigene Unwilligkeit, die uns hier im Weg steht und über viele hundert Jahre in Form von Heimbauten und der Institution Psychiatrie bedient wurde.
Wir müssten uns umstellen für eine Gruppe von Menschen, die uns nichts geben kann, womit wir unsere Familie ernähren können.
Streng biologisch betrachtet, also Ballast sind, dessen man sich zum Wohle des eigenen Fortbestands entledigen muss. Würden wir noch in Höhlen leben, wären diese Einrichtungen also etwas, das zum Wohle aller beiträgt. Doch nie war es so einfach seinen Fortbestand zu sichern und zu nähren, wie heute.

Heute sind wir einfach nur unwillig neu zu konstruieren und zu integrieren. Als sei dies etwas, das unseren Fortbestand und unsere Lebensqualität in den Grundfesten unsicher macht. Dabei ist das Einzige was berechtigt Gefühle von Unsicherheit oder auch richtiger Angst hervorrufen könnte, die vor dem uns Unbekanntem.

Wir sollten also alle anfangen uns einander bekannt zu machen. Ohne Stereotype, ohne Wertung, ohne die eigene Lebensrealität im Anderen zu erwarten oder zu suchen.
Doch das gelingt aus freiwilligem Bemühen einzelner Menschen nicht. So lange es Abschiebeinstitutionen gibt, wird abgeschoben.
Heim, Klapse, Knast- übrigens alles Einrichtungen, die von Menschenrechtlern regelmäßig besucht und beanstandet werden. In Deutschland macht dies zum Beispiel die „nationale Stelle„.
Zuhause oder im Sportverein braucht es solche Begutachtungen nicht. Dort ist man Mensch, dort darf man sein. Dort wird man nicht zwangsweise hingebracht. Dort gilt das Grundgesetz.

Es ist nötig den Menschen im „Anderen“ zu erkennen.
Wären unsere Abschiebemöglichkeiten jetzt plötzlich weg, so glaube ich, würden wir das endlich tun. Es wäre krass, es wäre hart, es würde uns oft und an vielen Stellen über unsere Grenzen hinaus belasten. Doch es könnte gehen. Ich glaube, dass das möglich ist.
Ich glaube, wir hätten darin eine Chance, uns mit allen die uns umgebenden Gewalten auseinanderzusetzen und ein Miteinander zu erschaffen, in dem es Ausgewogenheit auf vielen Ebenen gibt.
Wir müssen uns nur trauen.

von Intelligenz, Bildung und Giftsuppe

„Glotz nich so dämlich!“
„Du bist dumm, wie Bohnenstroh und das kann man nicht mal essen!“
„Frag nich so bescheuert!“
„Was weißt du denn schon?!“
„Du hälst dich wohl für oberschlau!“

Sätze von Menschen die unser gesamtes Versorgungsuniversum dargestellt haben.

Jemandem zu vermitteln, er sei dumm und intellektuell fehlentwickelt geht ganz einfach. Man vermische soziale (und auch gerne strukturelle) Minderwertigkeit mit einem Biologismus und Voila! zeichnet man jemandem ein Selbstbild in den Kopf, dass eine Dummheit, eine Retardierung von Natur aus beinhaltet und genau deshalb keine ernstzunehmende Meinung oder allgemeiner: Aussage, aus ihm heraus kommen kann.

Ich weiß noch, was der erste Intelligenztest für Folgen hatte. Es war eine Zahl, die auch genannt wurde, doch ihre Wertigkeit war egal- wichtig war nur: „Habe ich bestanden? Darf ich noch in die gleiche Schule gehen oder muss ich jetzt in eine Sonderschule?“. Es wurde nicht weiter darüber gesprochen. Irgendwo im Innen versackte diese Episode, denn nichts hätte sich verändert, außer eben das Denken, dass man wohl bestanden haben muss, weil man ja auf seiner Schule bleiben durfte.
Der zweite wurde in einer Klinik gemacht. Huch- ja hm, nennt man „überdurchschnittlich“ . Okay… und das bedeutete nun was?
Nichts! Klinikschule wie bisher, nach der Entlassung auf die Hauptschule. Nicht mehr aufs Gymnasium. Versagerin mit dreistelligem Nummernschild.
Der dritte war ein Marathon. An den erinnere ich mich, weil ich ihn gemacht habe.
Gerade muss ich schmunzeln, weil ich noch weiß, wie dumm es mir erschien, meine Dummheit hier so in Mustern, Reihenfolgen, Zahlen und meiner Fähigkeit zur Übertragung ausgeschlossen sehen zu wollen. Der Psychologe fragte mich, wieso ich so unwillig sei („Oder willst du für immer hier bleiben? Du musst schon mitmachen!“) und ich wunderte mich darüber, wie unglaublich eng sein Kopf mit dem Brett davor verwachsen gewesen zu sein schien. Ich war voll bis oben hin mit Neuroleptika, Tranquilizern und Antidepressiva. Gegessen hatte ich noch nichts und es war 9 Uhr morgens (eine Zeit in der mein Gehirn noch schläft- ob nun chemisch niedergeknüppelt oder nicht) und dieser Mensch meinte ernsthaft, er würde in diesem meinen Zustand, einen realistischen Überblick über die Art Intelligenz erhalten, die er mit seinen Parametern erfassen kann?
Wir mussten uns beugen. Meine Wut darüber, dass jemand der so eine Kurzstreckendenkweise verfolgt, darüber bestimmen darf, wann ich frei gelassen werde, hatte mich angestachelt. Ich lief zur Hochform auf.
Am Ende wurde uns ein Zettel, auf dem „Hochbegabung“ draufstand, um den Hals gehängt.
Aus dem Nummernschild wurde ein Aushängeschild, das dann aber doch niemand genauer betrachtete. Die Diagnose der Schizophrenie hat manchmal diese Wirkung. Du kannst unglaubliches Potenzial haben- doch wenn entweder das was als Wahn bezeichnet wird, oder die chemische Keule das Gehirn dazu abschaltet, ist es nichts weiter, als eine Art Projektionsfläche des eigenen Ideals, über dem andere Menschen stehen und beweinen, was jemandem so durch die Lappen gehen kann.

Wie es kam, dass uns niemals eine wirkliche Förderung dieses Potenzials entgegen gebracht wurde?
Tja… Wir sind ja nun ziemlich gestört, nicht wahr?
340513_original_R_K_B_by_Martina Taylor_pixelio.de
„Gestört“ war das neue „Dumm“.
Wozu einen hoffnungslosen Fall fördern?
In den verschiedenen Klinikschulen sagte man uns uns nicht, dass wir dumm seien. Eher im Gegenteil, doch akademische Förderung ist in diesem Setting schlicht nicht möglich, wie an einer Regel- oder Förderschule.

Mit 17 hatten wir bereits zwei Hauptschulabschlüsse. Zusammengestückelt in einer Gewerbeschule- irgendwo zwischen Tür und Angel aus Alltagstraining und Entlassung aus der Klinik in der wir bereits über ein Jahr wohnten.
Heute haben wir insgesamt vier Hauptschulabschlüsse und einen Realschulabschluss von einer Abendschule.
Wenn wir das Abendgymnasium schaffen, werden wir sagen können: Ich habe 6 Hauptschul(entsprechende)- und 2 Realschul(entsprechende)abschlüsse, 1 Fachabitur und 1 Vollabitur.
Ich bin mir noch nicht so sicher, ob ich darüber lachen oder weinen will. Erscheint mir doch weniger mein Hirnschmalz verschwendet, als jede Menge staatlicher Ressource.
Für die wiederum ich mich zu entschuldigen gezwungen fühle, weil ich noch immer nichts dafür getan habe, um diese Ressourcen in irgendeiner Form zurück zu erwirtschaften. Was aber dann eigentlich wiederum gar nichts mit mir selbst zu tun hat, sondern damit, das man in Deutschland einer gewissen Norm entsprechen muss, um leicht an Förderung oder Maßnahmen zur Integration zu kommen. Sie ist nicht verwehrt, wenn man dieser Norm nicht entspricht, doch es macht kaputt, wenn man beginnt, dafür zu kämpfen. Und das ist, so mein aktuelles Empfinden, gerade auch im Hinblick auf meine Verwahrung in der Rehaabteilung der Agentur für Arbeit, schlicht auch so gewollt.
Schwund ist immer. Menschen sind eine nachwachsende Ressource.

Letzten Freitag saß ich dann abends beim Netzfeministischen* Bier zusammen mit lauter Akademikerinnen.
Vielleicht ist das interessant: Hätte ich in einer Runde offen psychisch erkrankter Menschen gesessen, die alle einem Beruf oder einem Studium nachgehen, hätte ich mich im Bereich „zu gestört, um so schlaue Dinge zu tun, wie sie“- verortet. So saß ich auf dem alten „zu dumm, um jemals in ihre Sphären stoßen zu können“- Giftsuppentopf.
Wir saßen da, schauten den Rauchkringeln zu, hörten, verstanden, sprachen, wurden nicht ausgelacht.
Und dann haben sie Topf angestoßen. Einfach so.
Ich hatte gedacht, vielleicht sei es eine Art Vorwarnung vor eventuell komplett dummen Dooffragen, wenn ich zugebe, dass ich zeitweise knietief im Büchern stehe, um (feministische) Texte zu verstehen. Große Augen: „Was?! Echt jetzt?!“
Nachfragen. Anerkennung der Bemühung.
Kein Lachen.
Irgendwo da unter dem Stuhl, den ich besetzte, dunstet nun dicker Schwapp dieser Giftsuppe vor sich hin.

Ja, wir studieren, um politische, feministische, soziologische, naturwissenschaftliche Texte und Theorien überhaupt erst einmal zu verstehen. Wir studieren, ohne Student zu sein, ohne die Berechtigung zum Studium zu haben oder einen offiziellen Gasthörerstatus zu haben. Nicht weil wir müssen, sondern, weil wir wollen. Und auch, weil wir sonst verdursten würden. Verwissensdursten sozusagen.
Und auch, weil es nicht anders geht.
Man mag es niedrig einschätzen, wenn man im Elfenbeinturm (oder im Fachbereich seiner Uni sitzt) und vielleicht ist es auch nicht sonderlich wichtig, denn viel des Wissens ist meiner Meinung nach Theorie über Theorien, die nur erschaffen wurden, um Dinge zu beweisen oder zu erklären, die auch ohne all das passieren und stimmen und wahr sind. Ich betrachte die Universitäten immer eher als eine Art Dampfstampfpressdruckmaschine zur Wortproduktion von Zusammenhängen. Vorne rein- durch viele Wortsiebe und Aufsatzformen hindurch- und am Ende, kommt ein (meist englischer) Begriff heraus, der nur in der Maschinerie selbst verstanden werden kann. Und das, obwohl er wichtig für das Verstehen des Geschehens (oder auch der Natur und den Menschen) außerhalb selbiger sein kann.

„Du dumme Kuh- du weißt nicht, wovon du sprichst!“
Wissen ist Macht. Die Macht eine Meinung zu haben. Die Macht eine Meinung haben zu dürfen, weil man weiß, wovon man spricht.
Die Macht sich vor Mächtigen nicht still und klein halten zu müssen.
Die Macht eigenständig und frei zu sein, weil man keinen mehr über sich stehen hat.

Heute Nacht dann blinzelte mir ein Halbsatz mit Bezug auf mich ins Auge, gerichtet an viele Menschen: „eine kluge Frau“
Von jemandem der global um mich weiß. Sowohl von der Unbildung, als auch der Gestörtheit.

Und plötzlich waren es meine Wangen, auf denen die Giftsuppe zu verdunsten die Chance bekam.

Klug.
Trotzdem.
Trotz dem Ganzen.
Ich, in der Wertung eines anderen Menschen.

Darauf ein Lakritzbonbon.