Gleichzeitigkeiten

Später denke ich an einen Aspekt aus dem Streit mit meinem Mann.
Da habe ich mich nicht gesehen gefühlt und eine geistige Notiz für das Klärungsgespräch gemacht. Erst mit dem aufgeregten, verletzten Rotstift-Edding: „ICH BIN TRAUMATISIERT – DAS WEIßT DU DOCH!!!!“, dann mit dem mitteldicken Stift: „FÜR MICH SIND DINGE SCHWER, DIE FÜR DICH LEICHT SIND – und ich habe dir gesagt, dass das so ist. Und dass es an meine Kräfte für alles andere geht, mich dem zu stellen!“ und dann mit einem schwarzen Fineliner: „Ich wünschte, du hättest mehr Aufmerksamkeit dafür gehabt, dass ich mit etwas konfrontiert bin, das mich an schlimme, lebensbedrohliche Erfahrungen erinnert und trotzdem einen Umgang erfordert, als wären sie mir nie passiert. Und dafür, dass mich das erheblich Kraft kostet, die an anderer Stelle einfach fehlt. Es fühlt sich an, als wäre dir nur wichtig, dass ich dich sehe, egal, wie viel Kraft ich dafür habe.“

Es gibt nicht mehr so viele Situationen, in denen ich darauf angewiesen bin, mit meiner Traumafolgestörung oder meinem Trauma gesehen zu werden. Und selbst als das noch viel öfter im Alltag der Fall war, habe ich das hauptsächlich dafür gebraucht, um mich selbst zu verstehen und zu begreifen, dass ich traumatisiert wurde.
Ich brauchte das nie, um mich richtig zu fühlen oder sicher in meinen Bedürfnissen oder berechtigt, etwas zu fordern, was mir hilft, klarzukommen. Meine Erfahrungen waren meistens einfach der Ursprung, die Folgen etwas, das da ist, egal ob jemand ihren Ursprung sieht – oder glaubt. Entsprechend leicht ist der Dauerbrenner der Trauma/DIS-Bubble für mich zu überscrollen. Ich habe dieses Thema der Validierung von außen nicht so. Weder in Umfang noch Dringlichkeit.

Aber natürlich passieren mir eben solche Streits. Oder Anträge bei Behörden. Oder medizinische Behandlungstermine. Oder Situationen wie zuletzt mit meiner Arbeitskollegin. Momente, in denen ich mir wünsche, man könnte meine Verletzung, mein Trauma, und ihre Folgen einfach sehen und verstehen und begreifen und akzeptieren und alles, was sie mit sich bringen oder bedeuten, validieren durch Rücksicht und Entlastung.
Dann aber frage ich mich, wie das aussehen würde. Was genau wünsche ich mir denn da? Da ist doch mein Wunsch nicht, als geprügelte 10 jährige sichtbar zu sein oder als sogenanntes „Traumaopfer“. Ich will doch einfach nur nicht irgendwie sein oder aussehen oder wirken müssen, um in dem anerkannt zu werden, was ich äußere, oder zu bekommen, was ich zum Überleben brauche. Keine Performance aufführen müssen, keinen spezifischen Eindruck von mir bei jemandem herstellen. Gewissermaßen herbeimanipulieren, dass ich mit Respekt und Anerkennung meiner Menschlichkeit behandelt werde. Was doch aber etwas ist, das sich alle Menschen wünschen? Und also etwas ist, wofür meine Gewaltbetroffenheit erst einmal irrelevant ist – und also überhaupt nicht zum Thema gemacht werden muss.

Es geht mit sehr viel Gleichzeitigkeit einher, dieses Traumading.
Einerseits wird vielen traumatisierten Menschen nicht geglaubt, dass sie von bestimmten Dingen (re)traumatisiert werden und das Folgen für sie hat – und das ist ein ungeheuer komplexes Folgeproblem; andererseits ist es in Bezug auf die Dinge, die diese Menschen brauchen, komplett egal, ob sie sie bekommen oder erfahren, weil sie traumatisiert wurden oder nicht. Es ist wichtig, dass sie sie bekommen, weil es ihnen sonst schlecht geht. Weil ihr Leben sonst bedroht oder schlicht nicht lebenswert ist.
Der Glaube oder die Anerkennung von anderen Menschen über die gemachten Erfahrungen ist damit gleichzeitig total wichtig und total unwichtig.

Mit meiner geistigen Notiz zu meinem Streit versuche ich, das zu illustrieren.
Erst ist sie für mich überstark emotional, denn hey, aufgrund meiner Erfahrungen haben bestimmte Tätigkeiten oder auch Gegebenheiten in meinem Alltag einen speziellen Charakter für mich und ich will, dass mein Mann das auch anerkennt.
Dann aber wird deutlicher, dass ich dieses Gefühl nicht habe, weil mein Mann mein Trauma nicht mitdenkt, sondern, weil es mein Mann, mein Freund, mein Partner, mein engster Vertrauter ist, der es nicht mitgedacht hat.
Und am Ende ist klar: Ich habe eine Erwartung in Bezug auf meine Erfahrenheit, aber auch in Bezug auf unsere Nähe. Ich erwarte, dass er meine Traumafolgen immer so mitdenkt, wie ich. Dass er die Auswirkungen auf mich ganz genauso bemerkt und berücksichtigt wie ich. Er ist aber nicht ich und denkt es entsprechend nicht immer mit wie ich. Und das enttäuscht mich. Deshalb fühle ich mich nicht gesehen und bin davon verletzt. Ich fühle ihn doch so nah. Aber er ist mir nicht immer so nah. Er ist er. Das muss ich akzeptieren. Wir müssen besprechen und klären, wie wir damit in Zukunft umgehen. Es geht überhaupt nicht um meine Traumatisierung, sondern um etwas, das ich mir kongruent oder sogar synchron wünsche, was einfach nie so sein kann.

Mein Wunsch ist valide. Der ist logisch und okay und gut. UND nicht erfüllbar. Es ist nicht fair, meinem Mann vorzuwerfen, dass er ja gar nicht so ist und empfindet wie ich.
Aber es ist fair von mir, zu sagen: „Hey, das war wegen meiner Gewalterfahrungen ganz schön schwer für mich.“, und zu erwarten, dass er darauf in einer Art und Weise reagiert, die weder mein Empfinden abspricht noch mich als Person abwertet oder abwertend beschreibt, weil er mein Partner ist. Von allen anderen Menschen, die mir weniger nahestehen, kann und muss ich vielleicht auch erwarten, dass sie anders reagieren, um unserem Verhältnis realistisch und fair zu entsprechen.

Und da komme ich zu Postings in der DIS‑Bubble, wo Betroffenen-Soli gefordert wird, weil wir Betroffene sind. Ich finde die Erwartung an andere Betroffene, alles zu glauben, alles kritiklos hinzunehmen, was Betroffene veröffentlichen, unangemessen und in Teilen auch sehr unfair.
Ich bin einfach nicht die andere betroffene Person. Ich habe einfach andere Lebensumstände, andere Herausforderungen, andere Meinungen, weil ich ich bin – nicht, weil ich anderen Betroffenen schaden will oder einzelne Personen nicht mag oder von Konzepten überzeugt bin, die Opferschaft sehr eng und strikt definieren.
Klar wäre es schön, wenn die Kongruenz, die wir auf unseren Diagnosezetteln haben, sich in unseren Er.Lebenweisen und -formen fortsetzen würden. Der Wunsch ist valide. Der ist logisch und okay und gut. UND nicht erfüllbar.

Alle können ihre Enttäuschung darüber ausdrücken und alles. Aber so fair sein, anzuerkennen und zu akzeptieren, dass es Grenzen dieser Übereinstimmungen gibt, müssen wir auch alle sein.
Wenn wir einander nicht in allem zustimmen, dann heißt das nicht, dass wir gegeneinander sind. Wenn ich nicht alles so mache, wie es jemand anderes meiner Betroffenheiten machen würde, dann ist das kein Angriff auf mein Handeln und auch kein Angriff auf meine Person.
Wenn ich nicht alles glaube, was ich sehe oder höre, ist das weder ein Angriff noch keine Solidarität oder Verrat an der Sache. Ich muss niemandem glauben, um angemessen mit der Person umzugehen. Ihre Grenzen zu wahren, sie zu versorgen, sie solidarisch zu unterstützen. Ich muss sie als Mitmensch annehmen, respektieren und ansprechen. Und dazu gehören Zuspruch, empathisches Mitschwingen und Validierung von Bedürfnissen und Bedarfen – aber auch kritische Aufmerksamkeit, das Ansprechen von Fehlern und die Formulierung von Dissens, wenn es welchen gibt. Einander ausschließlich zu bestätigen, ist für mich das Unsolidarischste und im Kern auch Destruktivste, was man einander antun kann, weil es die Realität negiert.

Und wenn Überlebende von Gewalt meiner Meinung nach eins wirklich bedingungslos verdient haben, dann ist das die Realität. In aller Widersprüchlichkeit, aller Brutalität, Schönheit, Komplexität, Irre, Wirre, Unfassbarkeit, Banalität und Wunderfülle.
Wer lange überlebt hat, kann damit Probleme haben, weil Überleben einen ganz strikten, engen Fokus biologisch produziert und psychisch auch erfordern kann. Dann ist man im Leben danach zuweilen sehr lange extrem überfordert von Dingen, die gleichzeitig passieren und nicht passieren, sind und nicht sind. Das ist eine Traumafolge (die sich Opfer mit Täter_innen, die sich gegen weitere Gewaltanwendung entscheiden, übrigens teilen).
Und manchmal passiert bei der Anpassung an das Ende der Gewalt und das übliche Leben nicht genug Unterstützung. Dann kommt es nicht selten vor, dass man sich in anstrengenden oder unangenehmen Situationen traumalogische Erklärungen gibt. Erklärungen, die diesen Anpassungsprozess überleben helfen – aber nicht dazu beitragen, das aktuelle Leben in allen Facetten seiner Realität zu erfassen, zu verarbeiten, anzuerkennen und zu akzeptieren. Und dann landet man bei Überzeugungen und Erwartungen, die keine oder nur wenig Gleichzeitigkeit oder nicht ausschließende Widersprüche zulassen. Das ist eines der großen Probleme, die unsere Trauma/DIS-Bubble meiner Meinung nach einfach hat.

Mein Umgang damit ist offen und ehrlich. Ich bin authentisch darüber, was ich denke, offen für Anpassung durch Diskurs und Debatte – Kommunikation und Miteinander – und firm, wenn es darum geht, Klarheit herzustellen. Ich will keine Heititei-jetzt-ist-alles-besser-als-früher-Realität für Betroffene von Gewalt herstellen. Für mich haben Überlebende mehr verdient.
Sie haben gemeinsame Anstrengung verdient, sie haben Sicherheit trotz und mit Widersprüchen oder Kritik verdient sowie die bedingungslose Annahme als Menschen mit Recht auf globale Unversehrtheit.
Das ist sauschwer. Und man sieht ja am Zustand der Welt, wie schwer es auch nicht oder nicht gleichermaßen traumatisierten und erkrankten Menschen fällt, so miteinander umzugehen – aber auch das muss doch niemanden davon abhalten, sich zu kümmern und füreinander Miteinander anzustrengen.
Find ich.

inside burning

„Also ich weiß, das ist nicht so – aber man sieht es dir gar nicht an.“ Meine neue Kollegin lehnt sich auf die Schreibtischplatte und bewegt einen Kugelschreiber zwischen ihren Händen. Ich bin zu sehr auf den Aktenordner in meiner Hand konzentriert, um sofort zu antworten. Wir sitzen im Sekretariat zwischen Ablagestapeln und Ordnerbergen, die thematisch sortiert liegen, begrenzt von Kistendeckeln, Kartons und Archivboxen auf Rollbrettern. Die Luft ist dick, die andere Kollegin kann die Klimaanlagenluft nicht vertragen. Alle paar Minuten kommen Kollegen und legen neue Sachen ab, fordern Abzeichnungen an, fragen nach Zetteln, bekommen Zettel, bringen anderen Kollegen weitere Zettel mit.

Ich habe meine Qualifizierung geschafft. Habe deshalb Leerlauf und darf Ordner umheften, die ins Archiv kommen. Ein klarer Ablauf, eine eindeutige Tätigkeit mit unübersehbarem Ergebnis. – Die einzige Insel, die ich bei diesem Arbeitgeber habe. Mit dem Pinch, dass ich der Konversation mit den Mitarbeiterinnen kaum aus dem Weg gehen kann. Die Themen sind typisch für Burnout-Büros. Alle sind unzufrieden, alle haben Streit oder schwelende Konflikte über organisatorische Lösungen, alle haben Angst, etwas falsch zu machen und jemanden zu verärgern, der gar nicht vor Ort ist – ja nicht einmal einen Körper hat. Niemand ist autonom in irgendeinem Aspekt der Tätigkeit. Alles ist vorgegeben, niemand kann sich im Großen und Ganzen erkennen oder verorten. Niemand hat je eine Arbeit abgeschlossen, ein Thema beendet, einen Prozess begonnen und auch integriert.
Ich werde hier zugrunde gehen und spüre das ganz genau.
Entsprechend klar bin ich in dieser Probezeit. Verlange klar eingrenzbare Aufgaben. Markiere eindeutig, welche Aufgabe ich für welchen Prozess beginne und wie das Ende aussieht. Wenn ich mich einschleuse, wird mein Kittel zum Panzer. Da werden Erwartungen drangepappt und Ansprüche hingehängt – wenn ich mich ausschleuse, bleibt der ganze Kram am Kittel in meinem Spind. Ich nehme nichts außer dem massiven Energiedefizit mit von dieser Arbeit und das ist schon zu viel. Denn das sieht man einfach nicht.

Das sieht schon mein Mann nicht, der sich lustig darüber macht, dass ich um 21 Uhr im Bett sein will, wenn ich um 6 Uhr am nächsten Morgen aufstehen muss – obwohl ich doch fast 3 Stunden Mittagsschlaf mache, wenn ich von den popeligen 4 Arbeitsstunden zurückkomme. Wie soll es die Kollegin sehen, die mich ausschließlich bei der Arbeit erlebt? Sie erleben mich nicht im Meltdown. Ich selbst erlebe meine Meltdowns kaum, weil die Dissoziation mich schützt. Sie hören das Quietschen meiner Nackenmuskulatur nicht. Zwinkern das Brennen in den Augen nicht weg. Haben nicht meinen Stress aufgrund von zu viel oder zu wenig Informationen. Ja, das hat keine spezifische Form, kein eindeutiges Aussehen, also sieht man da auch nichts.

Doch was mache ich mit dieser Aussage? Ist es ein Lob? Manche Menschen denken, dass es ein Lob ist, wenn jemand eine Behinderung oder eine Anstrengung unsichtbar kompensiert.
Ist es eine Kritik? Sehr unwahrscheinlich. Bisher hat nur meine Therapeutin mal auf ihre eventuell-vielleicht-könnte-das-anders-sein-als-es-ist-Art hauchzart markiert, dass es vielleicht ganz gut wäre, würde ich in unseren Gesprächen weniger verstecken, was da ist.
Ist es eine Aufforderung? Wozu genau?
Es ist müßig.
Die Kollegin ist nicht behindert und kennt mich nicht. Ich habe nicht die Kapazität und auch nicht die Motivation, näher auf sie einzugehen. Ich hätte nichts davon und weiß das sehr genau.

Trotzdem zeckt es mich.
Die Selbstverständlichkeit, mit der sie einen mir unbekannten Maßstab benutzt, um ihren Eindruck von mir einzuordnen. Das mir unbekannte Grenzverständnis, mit dem sie mich an dieser Stelle überhaupt betrachtet. Die Sicherheit, mit der sie davon auszugehen scheint, es sei für mich relevant oder für die Situation angemessen, mir zu sagen, dass sie nicht sieht, wie es für mich ist, dort zu arbeiten. Ganz in der Ferne schimmert das häufig als Entschuldigung verkleidete, nachgeschobene Inspirationsthema. Die Markierung als „gute Behinderte“, weil man entgegen aller Widrigkeiten so gut nicht behindert wirken kann. Diese für mich so komplette Irre von Menschen, die leider auch heute noch überwiegend unberührt von dem Themenkreis sind. Und immer noch glauben, es wäre respektvolles Handeln, wenn man behinderte Menschen für ihr Leben unter nicht oder nicht dauerhaft behinderten Menschen lobt.

Ich spüre auch die vertraute Zange zwischen meinem traumabedingten, überwiegend todesängstlichen Wunsch, unsichtbar zu sein, nicht aufzufallen, niemals irgendwo anzuecken, nichts auszulösen, niemanden zu berühren oder gar zu bewegen – ja, im Grunde so sehr und umfassend nicht zu sein, dass es mich gar nicht mehr gibt – und der Realität, dass ich das einfach nie schaffe. Egal, ob sehr angestrengt oder nicht. Es funktioniert einfach nicht. Immer mache ich irgendetwas, bin ich irgendwie, möchte ich etwas oder auch nicht und immer sende ich damit etwas. Oder werde als Sender_in eingeordnet.
Diese Zange aus Leben und Tod, Trauma und Prozess, ist das Kernproblem von Traumafolgestörungen. Immer schwebt man zwischen Sein und (lieber) Nicht (mehr) Sein. Entweder man geht all in Traumaüberleben und versteckt sich, entzieht sich allen Kontakten und Berührungspunkten mit der Welt – und fühlt sich sicher, weil man das einfach gut (aushalten) kann (und beschissen auf eine vertraute Art) – oder man verkörpert die eigene Lebendigkeit. Geht in Kontakt und bleibt und spürt mit allen Sinnen und gestaltet und prozessiert jede Regung, Bewegung, Veränderung. Und lernt Sicherheit als etwas mit vielen Facetten kennen und akzeptieren.

Ich habe mich fürs Leben entschieden. Das macht die Zange nicht weg. Besonders solche Momente bringen mich immer wieder hinein. Ich möchte leben. Arbeiten, genauer: teilgeben gehört für mich dazu. Doch da sind auch meine Grenzen. Die Realität, dass ich gewissermaßen bereits 70% meiner Kräfte dafür aufbringe, allein um meine Lebendigkeit zu prozessieren. Umweltreize zu verarbeiten. Zeit und Prozesse nachzuvollziehen. Kommunikation zu begreifen und zu gestalten. Andere Menschen kommen in dieser Anstrengung nicht vor. Mich für andere Menschen zu kompatibilisieren, mit ihnen zu sein, für sie zu sein, das muss ich aus den übrigen 30% herstellen. Die 30%, die ich auch für die Arbeit brauche. Für Spontanes. Für Besonderes. Für Extras.
Es gibt für mich keine Chance, nicht zu merken, dass es bei den meisten Menschen anders ist. Dass jemand wie meine Kollegin eher 30% für sich braucht und 70% für alles andere. Oder wieder andere Menschen sogar nur 10% für sich und 90% für alles andere aufwenden – ganz unabhängig davon, ob das ihrem Bedarf entspricht oder nicht – und damit ohne schlimme Folgen leben können.

Ich hingegen spüre im Moment sehr deutlich, dass ich eigentlich – ganz eigentlich in Wahrheit wirklich – gar nicht arbeiten sollte. Ich habe die Erschöpfungsdepression im letzten Sommer noch gar nicht wirklich überwunden. Habe die retraumatisierende Erfahrung im Dezember noch nicht richtig verkraftet. Und bin so voller Scham darüber, dass ich gerade primär deshalb arbeite, damit ich deshalb nicht ans Sterben, ans umfassende Nichtsein, denke.
Ich greife nach dem Leben, damit es mich hält. Trägt. Stützt. Und grundsätzlich ist das doch ein guter Move. Ich hätte ja auch komplett verkrumpeln können. Eingeigelt in mir selbst verbleiben können. Traumawahrheiten statt Lebensrealitäten annehmen können. Die Folge ist jedoch Kontakt auf Kraftkredit. Den kann ich nur mit Schlaf und relativer Isolation abbezahlen. Etwas, das mir selbst nicht sonderlich gefällt, weil es mir manchmal sehr traumanah erscheint. „An“ für andere Menschen sein, weil es nicht anders überlebbar ist – „Aus“ für sich selbst sein, weil es nicht anders überlebbar ist – so ist jede traumatische Lebensphase bei mir gewesen.
Am Ende kann es auch sein, dass es mich genau deshalb zeckt, wenn die Kollegin sagt, dass man es mir gar nicht ansieht. Ohne es zu wissen, sagt sie mir damit ja auch, dass man ES nie gesehen hat. Nie hat sehen können.
Und das ist schon krass. Schmerzhaft. Traurig.

Fundstücke #95

Als würde sie an einer verkrusteten Wundoberfläche kratzen. So fühlt sich das an. Unzufrieden mit dem knusprigen Deckel, allein interessiert an meiner wunden Stelle. Meinen Fragen an sie. Einem Moment von Überlegenheit, weil sie darüber viel mehr weiß als ich. Sie weiß, dass ich eigentlich immer noch gar nichts weiß. Und dass das etwas ist, was ihr Macht über mich gibt. Sie kann mich Schmerzen fühlen lassen, die sie nicht berühren und sie kann mich damit allein lassen.

So aufgeschrieben klingt es, als würde es nur um Macht gehen. Kontrolle. Und einfach nur so draufgeschaut, erinnere ich mich selbst darin an meine Therapeutin, die in der ganzen Zeit unserer Arbeit 4 Mal zum Ausdruck gebracht hat, dass es für sie weder irrelevant noch emotional neutral ist, dass sie manches in meinem Inneren bis heute nicht so richtig überblicken kann. Zumindest was genau diese Dynamiken betrifft. Immer wieder stehen „Schweigegebote?“, „Redeverbote?“, „schlechte Geheimnisse?“, „Scham?“, „Angst vor Konfrontation?“ im Raum und selten kann ich dazu irgendetwas sagen. Wenn ich ihr etwas nicht sagen will, dann meistens, weil ich unser bereits anstrengendes Sprechen nicht überanstrengend für mich werden lassen will. Ich will nicht mehr vor ihren Augen und doch unsichtbar dissoziieren. Für die anderen Innens will ich, kann ich, diesbezüglich nicht sprechen.

Sie, die andere Innere, kommt mir in ihrem Tun eher verspielt vor. Frech. Provozierend vielleicht. „Mal gucken, was passiert, mir kann ja nichts passieren“-sicher. „Was macht ihr, wenn ich das mache?“-neugierig. „Und das? Was, wenn ich das mache?“-beobachtend. Und immer unerwartet, bis heute nicht wirklich von mir selbst vorhersehbar, „Paff!“- unerreichbar weit für mich im Innen verschwindend. Und gleichzeitig ist sie ausströmend. Eine unkontrollierbare Emotionsblutung, die Schweres leicht, Unmögliches möglich, Gefährliches harmlos erscheinen lässt.
Ich weiß ganz genau, wenn sie da war. Sich selbst in ein Thema, einen Gedanken, eine Auseinandersetzung reingemischt hat. Es gibt hinterher immer Probleme. Nerviges Hin und Her im Innen, manchmal auch im Außen. Uneinsheit. Unstimmigkeit. Ungereimtheit. Einen Dammbruch am Rande der Komfortzone. Ein Stück harte Kruste, das die Wunde nicht mehr ganz bedeckt.

Ich glaube, dass sie zuletzt vor etwa 20 Jahren an unserer Therapiearbeit und anderen Lebensbestandteilen aktiv beteiligt war. Aktiv as in „da und beeinflussend“, aber auch as in „ununterdrückt, unabgewürgt von Rosenblätterbuschwurzeln“. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mich tatsächlich gezielt gegen dieses Einblutenlassen „aus dieser inneren Ecke“ entschieden habe und keine einzige Therapiestunde, keinen Betreuungstermin, generell überhaupt gar keine Kontakte mit anderen Menschen mehr so gestaltet habe, dass es passieren könnte. An uns kam einfach niemand mehr vorbei.
Alle haben die gleichen Rosenblätter kennengelernt. Keine Kinderinnens, keine jugendlichen Inneren. Alle haben die gleiche biographische Erzählung bekommen, wie wir sie in Kliniken und Heimen eingeübt haben. Die gleichen Erklärungen übers Vielesein bekommen und viel Nebel darüber, was davon auf mich zutrifft und was nicht. Und das konsequent. Auch das ist Vielesein.

Man kann sich als Viele gegeneinander entscheiden. Bestimmen, was wie vermieden wird. Was wie beschützt wird. Es ist eins der unbesprochenen Spezialgeheimnisse, wie wir einander herstellen, wenn es nicht Gewalt ist, die uns zu Keimen zersprengt und verstreut, um irgendwann als irgendwer neu zu wachsen. Man braucht nur vermeiden, sich dieser Entscheidung bewusst zu werden, zu sein, zu bleiben. Nur sehr intensiv, ohne jede Kommunikation mit sich oder der Welt, entscheiden, dass es nun so ist. Wo keine Kommunikation ist, kann keine Brücke sein. Kein Weg, kein Pfad, kein Bild, kein Zeichen, keine Sicht, keine Idee. Ohne Kommunikation keine Verbindung. Assoziation. Ohne Verbindung kein gemeinsamer Prozess.
Das ist die Rolle von Schweigen im ganzen Dissoziationsthema.

Ich will nicht darüber reden, weil sich innere Pfade ergeben, auf denen Innere zu mir gelangen können. Ich will nicht darüber reden, weil es meine Entscheidungen aufhebt. Ich will nicht darüber reden, weil ich meine geistigen Kapazitäten auf mich und mein Gegenüber aufteilen muss. Und immer wieder Grenzen dabei spüre. Zeitliche, räumliche, kapazitäre. Emotionale. Traumabedingte. Meine.
Das besprochene Trauma oder auch das Besprechen des Traumas ist nicht so schlimm. Meine Auflösung ist es. Meine Verwandlung vom verwundeten Selbst zum abreißbaren Wundverschluss ist es. Bisschen witzig, weil es ein Egoding übers Egosein ist, aber auch bisschen tragisch, weil es sich auch nach Verbindung anfühlt, die nicht kommunizierbar ist. Jedenfalls nicht besser als so, wie es jetzt hier steht.

APunkt

„Langsam, klar, immer wieder gleich“, denke ich und schaue APunkt an. Ich beobachte, wie sie mich, den Raum und jede Bewegung durch die Fransen ihrer Gesichtsbehaarung beobachtet. Bleibt ihre Aufmerksamkeit länger bei mir, reiche ich ihr ein Stück Fleischsnack.

„Langsam, klar, immer wieder gleich.“
In meinem Kopf habe ich vier Bildschirme an. Auf dem ersten ist der Ablauf unseres Trainings. Ich komme an, alle Hunde werden sanft und ruhig begrüßt. Sind APunkt und ich allein, kommen wir runter. Machen den Moment langweilig. Nur sitzen, gucken, sein. APunkt braucht eine Weile, bis sie gezielt mit mir in Kontakt geht.
Kontakt, das hieß bei APunkt anfangs Kontakt zum Snack, und flutsch – schnell wieder weg. Alles im Blick, nichts im Fokus. Dann hat sie bemerkt, dass ich immer das Gleiche mache. Inzwischen beobachtet sie mich beim Hantieren mit den Snacks. Schaut mich sogar direkt an. Und dann regnet es Snackstücke. Jeder Blick in den Bereich meiner Mimik und Gestik ist ein Hauptgewinn. Alle 5 Gewinne darf ich einige Zentimeter näher an sie heran. Trennen uns nur noch anderthalb Meter, kommt sie inzwischen auch zu mir. Nimmt sich erst schnell und geduckt die Stückchen von meinem Knie, dann macht sie einen Schritt zu mir hin. Letztes Mal hat sie sich abgelegt. Ruhig geatmet. Alles im Blick gehabt, doch mich beobachtet.
Dann zeige ich ihr das Geschirr. APunkt lässt sich anziehen, es aber auch über sich ergehen. Das muss anders werden. Sie soll wissen, dass sie an einem Signal vom Menschen erkennen kann, dass sie für einen Spaziergang angezogen wird. Sie soll wissen, dass ihr Signal für Nicht-einverstanden-sein, von Menschen akzeptiert wird (wenn es keine Ausnahmesituation ist). Sie soll wissen, dass sie beim An- und später auch Ausziehen des Geschirrs mitmachen kann. Und dass es Snacks regnet, wenn sie es macht.

APunkt ist nicht damit aufgewachsen, dass Menschen etwas von ihr wollen. Dass Menschen mit ihr zusammen sein, Dinge tun, erleben wollen. APunkt hat gelernt, dass Entfernung und schnelles Reagieren auf alles das Beste für sie ist. Sie hat es so gut gelernt, dass ihr Körper das manchmal auch ohne sie entscheidet.
APunkt ist bald 3 Jahre alt. Aus einer Vermehrungssituation durch animal hoarding. Sie wurde aufgenommen und bis jetzt einfach nicht vermittelt. Wer nimmt auch einen Hund, von dem man nur den Strubbelpo im Busch erkennt?

Ich trainiere mit ihr, wie ich mit Sookie trainiert habe. Wissend, dass ich es mit einem hochreaktiven Hütehund zu tun habe, der nicht die sorglose Neugier eines Welpen hat, aber genauso verwirrbar ist von zu vielen zu neuen Dingen.
Also sitzen wir da auf 3 bis 4 Quadratmetern und üben, dass APunkt ihren Kopf durch die große Öffnung ihres Sicherheitsgeschirrs steckt. Von allein, in Richtung Snackstück. Zwei Mal war sie schon fast durch. Dann war wieder was. Irgendein Geräusch im Haus. Ein Vogel vorm Fenster, eine unerwartete Berührung des Geschirrs in ihrem Gesicht, das Geräusch, das die Schnallen auf dem Boden machen. Und wir fangen wieder mit der Nasenspitze in der Mitte der Öffnung an.
„Langsam, klar, immer gleich. Ausatmen, tief einatmen. Und weiter“, denke ich mir dann und schaue auf den zweiten Bildschirm in meinem Kopf. „Langsam beeilen“ steht da neben einem Bild von einer senkrechten schwarzen Linie auf weißem Grund. Wenn ich angespannt oder selbst erschreckt von einem der Geräusche im Haus bin, wackelt sie. Ich muss sie gerade atmen. Auch meine lockeren Schultern ziehen sie glatt beim Ausatmen.

APunkt kann sich nicht lange konzentrieren. Nach etwa 10 Minuten mit dem Geschirr stresst sie mein Angebot. Ich lege es hinter mich. Nehme wieder etwas mehr Abstand ein. Wenn APunkt noch Kontakt möchte, muss sie kommen. Was sie meistens auch tut. Gab es Gewitter, wurden wir unterbrochen oder eine_r von uns beiden hatte einen komischen Tag, dann nicht. Dann mache ich meine Ende-Geste und lasse sie wieder raus. Alle werden nochmal begrüßt, wer mag, lässt sich streicheln. APunkt kommt inzwischen auch ganz selbstverständlich wieder dazu. Immer bekommt sie Snackstückchen.

Manchmal sprechen wir noch länger mit S., dem Menschen, der APunkt gerettet hat. Der Hof ist schön, das Leben wuselig, die Arbeit viel. Es gibt immer etwas, worüber wir kurz oder lang, seicht oder intensiv schnacken. Dafür brauche ich den dritten Bildschirm in meinem Kopf. Ich muss jetzt schnell sein. Unklarheiten weitgehend unhinterfragt, unergründet, unkommentiert lassen. Akzeptieren, dass wir nicht immer über die gleichen Dinge in der gleichen Struktur sprechen können. Dieser innere Bildschirm ist ein Transkript des Gesprächs. In den folgenden Stunden, wird mein Versteh-Gehirn es lesen.

Auf dem vierten Bildschirm ist mein Tetris der Unmöglichkeiten.
Da gibt es die Blöcke „APunkt“. Ihre Reaktivität, die Unsicherheit, der Umstand, dass man ihr Verhalten nur bedingt vorhersehen kann. Dann ist da mein Kinderwunsch mit seinen hundert Blöcken aus Orga, Kraftfressern, Gefühlen und ganz eigenen Dringlichkeiten. Und die feste Klarheit darum, auf gar keinen Fall gleichzeitig einen Säugling und einen Neuhund versorgen zu wollen. Neben der neuen Arbeit, für die ich 4 Stunden am Tag nicht zu Hause bin. Und der anderen Arbeit. Und der Verlagsarbeit. Und meinen Projekten.
Da ist auch noch meine Trauer um Sookie, die ich nach wie vor nur bedingt an mich heranlassen kann. Und meine ganz allgemeinen Wünsche an einen neuen Hund in meinem Leben. Die Wünsche meines Mannes an einen neuen Hund in seinem Leben. Unser alter Oppahund Bubi.
Und da ist die Bedarfslage von S.. Die Nützlichkeit, die mein Hundeverstand in dieser Situation hat. Die Frustration, die so improvisierte Trainingsumgebung und übliche Rückschläge mit sich bringen.
Und das, was ich von mir in APunkt gespiegelt empfinde. Obwohl diese Zeiten nun wirklich schon länger vorbei sind.

Seit Wochen fahre ich regelmäßig zu APunkt. Auf jedem Hin- und jedem Rückweg schüttle ich die Tetrisblöcke auf dem vierten Bildschirm durch und versuche zu erkennen, wie sie ineinandergreifen könnten. Es funktioniert einfach nicht.
Nicht ohne die Zukunft zu kennen.
Und so sind wir alle, APunkt, S. und ich, gerade im gleichen Nimbus. Angewiesen auf die gleiche langsame, klare Kontinuität des „und weiter“, auf das man sich so ungern einlässt, wenn es so viele große, drückende, treibende, wirbelnde, ziehende, schreckende, lockende „Ja aber“s oder „und was wenn?“s oder „vielleicht so?“s gibt.

Es ist anstrengend. Es ist eine Übergangsphase, eine Transition.
Wir werden alle irgendwie, irgendwo, irgendwann ankommen. Das ist sicher.
Vielleicht werde ich mir diesen kernigen kleinen Strubbelkobold, der APunkt auch ist, tatsächlich nicht mit nach Hause nehmen können. Aber Langsamkeit, Klarheit und Vorhersehbarkeit durch immer gleiche Anforderungen und Belohnungen, kann ich ihr geben. Damit kann sie anfangen, ihre generelle Pauschalreaktion auf alles und alle zu verändern. Und mit jemand anderem nicht bei 0, sondern vielleicht schon bei 1 in Sachen Hund-Mensch-Kommunikation anfangen.
Das ist definitiv. Da ist Bewegung drin. Es verändert sich etwas.
Es ist und wird.

drüber sprechen

„Und was genau soll man denn sagen, hm? Hm? Was solls denn bitte sein? Datenausgabe, emotionaler Tieftauchgang ins Drama der gequälten Seele, detaillierte Selbstauskunft – was zum Fick soll es denn sein, worüber man da reden soll?“ Es scheppert zwischen meinen Synapsen. Das dicke Seil um meinen Magen strafft sich. R. ist in Hochform, vibriert unter meiner Haut wie eine frierende Biene.
Wir hatten das Thema schon. Oft. Wirklich richtig oft. Das Schweigen der Opfer, die Ermutigung der Überlebenden, auszusprechen, was sie bedroht hat, die Anhörungen, die Frage, wer wann wozu genau eigentlich zuhört. Jedes Mal habe ich diese kleine Flipperkugel aus Titan in mir drin, die sich tobend gegen jede Wand schmeißt, als gäbe es dafür Punkte. Und jedes Mal baue ich ihr in Gedanken eine Art Durchknall-Labyrinth. „Nur weil dich niemand verstanden hat, als du geredet hast, heißt das nicht, dass das für alle gilt“ – Batsch – „Wenn niemand etwas sagt, wird ES für unsagbar gehalten.“ – Knall – „Worüber nicht geredet wird, bleibt unverändert.“ – Peng – Meine Phrasenkartei reicht, um ihr einen Sarg sicheren Raum zu zimmern. Irgendwann kann ich nicht mehr sagen, ob ich taub für sie bin oder sie mir gegenüber still.

Dann taumle ich mit Felice durch Bielefeld. Die erzählen, davon, dass sie noch nie in Worten über das gesprochen haben, was ich hier und immer ES nenne. Und ich teile mit ihr und allen, die uns später hören werden, dass ich vor allem über DAS, was Helfer_innen getan haben, spreche.
Später frage ich mich, ob ich da gelogen habe. Weil ich eigentlich nie darüber spreche, sondern vor allem darüber hinweg. Mit Substantiven wie Fixierung, Zwang(smedikation), Übertragung, Verstrickung, Projektion, Machtmissbrauch und anderen großen Phraselboxen, die für Lesende und Zuhörende greifbarer, anschlussfähiger, in autoritären Kontexten wie Akademik, Beruf und Behandlung besser einfügbar sind. Unbeeindruckt von Behandler_innen, die sich und ihre helfende Tätigkeit für richtig gut und fern jeglicher Gewalt halten. Mein Faktenwissen stützt mich. Ich brauche keine Ermutigung, keine Ermunterung und dank meiner Veröffentlichungsmöglichkeiten hier und im Podcast auch keine Erlaubnis, auszudrücken, was für ein bodenlos grausamer Zusammenhang sich aus Hilfe ergeben kann. Und warum es wichtig ist, sich damit zu befassen. Sowohl als Üb.er_lebende von Gewalt als auch als Mensch, der von sich selbst annimmt, das nie und nimmer je getan zu haben oder tun zu werden.

Wenn ich mit Helfer_innen spreche, die das Thema berührt, spreche ich auch nie ganz aus, was ich erlebt habe. Wenn es darum geht, Hilfe für jemanden zu reflektieren oder zu verbessern, dann würde ich damit Raum einnehmen, der für andere hergestellt wurde. Wenn es darum geht, Strukturen zu reflektieren oder zu verbessern, dann ist das Risiko hoch, dass meine Erfahrungen (unabsichtlich) bagatellisiert oder anders nicht angemessen beantwortet werden.
In der Realität ist es so: Ich teile meine Betroffenheit von (Helfer)Gewalt mit und meine Gegenüber reagieren darauf, als wäre das eine Art Outing. Radikale Offenlegung. Voll krass. Mutig. Und die Offenheit! – Und ich lasse das so stehen. Wir können Sinnvolleres tun, als darüber zu reden, dass eine Er.Lebensrealität zu teilen keineswegs Selbstoffenbarung ist. Dass es ihre Stigmatisierung von Opferschaft ist, die es ihnen mutig erscheinen lässt, sie sichtbar zu machen. Wir können uns auf unseren gemeinsamen Nenner konzentrieren und miteinander arbeiten. Und der gemeinsame Nenner ist nie DAS DA. Der gemeinsame Nenner ist, etwas dagegen tun zu wollen. ES als etwas aktiv und pragmatisch Verhinderbares verstehen zu wollen.

Ich finde mein zum Opfer von Helfergewalt geworden sein nicht peinlich. Ich schäme mich nicht dafür und halte nichts davon, jene gewaltvollen Helfer_innen für ihr zum_zur Täter_in geworden sein zu beschämen.
Ich weiß – und weiß, dass es alle Helfer_innen wissen –, dass es moralisch, ethisch, menschlich falsch ist, Menschen zu verletzen, die Hilfe brauchen. Es braucht mich und meine Erfahrungen überhaupt nicht ausbuchstabiert präsentiert, um darüber ins Gespräch und in den Prozess zu kommen. Deshalb kostet es mich so wenig Kraft. Deshalb kann ich mich in diesen Zusammenhängen ganz leicht bewegen. Ich kann über meine Erfahrungen sprechen, ohne über meine Erfahrungen zu sprechen. Lügen, ohne zu lügen. Verstecken vor aller Augen. Vermeiden, ohne zu vermeiden.

Und ja, das trägt überhaupt nicht dazu bei, dass ich überhaupt mal „richtig“ drüber spreche. Aber wenn mein wütendes Titanbienchen R. eins absolut offenlegt, dann ist es die blanke Überforderung vor so einem Unterfangen. Denn, was heißt denn „richtig drüber reden“ genau? Sie hat da auf jeden Fall einen Punkt. Gehts um die W-Fragen? Gehts um Gefühle, die ich damals gar nicht wahrnehmen konnte? Gedanken, die ich gar nicht als Gedanken fassen konnte? Was genau für ein Zauber soll denn passieren, wenn man sagt, was genau war? Und kriegt man von der Therapeutin einen Smiley-Stempel ins Therapiehausaufgabenheft, wenn mans richtig gemacht hat, oder wer genau bewertet eigentlich die Richtigkeit des Ausgesprochenen? Auf welcher Grundlage? Und wie genau ist genau?
Und das alles mal beiseite und rein in die Realität – wer geht in die Therapiestunde oder den Beratungstermin und befindet sich nicht in einer Gesprächssituation? Also einer beiderseits zu organisierenden Interaktion und Kommunikation? Niemand nirgendwo jemals würde in Kontakt treten mit: „Und dann hat mir einer die Schulter ausgekugelt – man, war ich froh, dass die mich eh sedieren wollten.“ Und zwar nicht aus Freundlichkeit oder Rücksicht, sondern, weil zum Reden und Schweigen über Gewalt einfach immer auch die Kommunikation von Kontext gehört. Etwas, das mich extrem anstrengt und häufig auch überfordert. Bis ich fertig damit bin, ist eine Therapiestunde einfach mal um. Und ich frage mich hinterher manchmal: „Hab ich da jetzt eigentlich drüber geredet oder nicht?“

Helfergewalt ist genauso komplex traumatisierend wie Gewalt in der Familie. Heim, Klapse, Knast sind einfach stigmatisiert und Familie nicht. Niemand hinterfragt, warum sie_r in eine Familie gekommen ist. Das macht den Kontext entdeckbar. Eroberbar. Deutbar. Heim, Klapse, Knast sind bereits definiert. In Bezug darauf gibt es selten Zweifel über Bezug und Kontextualisierung. So wenig, dass es mir oft widersinnig erscheint, überhaupt die Kraft aufzubringen, um meine Bezogenheit, den Zusammenhang meiner Verwundung, überhaupt zu benennen. Vor allem in der Psychotherapie, wo der Kontext faktisch weitgehend gleich ist.

„Es ist schwierig“, schreibe ich auf die Phrasenkiste, die ich für mich baue. „Es interessiert ja so jetzt akut auch niemanden“ – Bäm – „Windmühlenkampf“ – Bumm – „Was solls, geht auch ohne“ – Wumms.

„Die Wahrheit ist doch, dass niemand von den Beteiligten richtig mit mir darüber reden will.“

Gespräche im Spiegelkabinett

„Sei da ruhig klarer – denk nicht so viel an ‚Was denkt sie jetzt, was denkt sie jetzt, was denkt sie jetzt?‘.“
Mein Mann und ich sitzen auf der Couch. Krisensitzung, nach Achsbruch Autismus, Trauma, Kommunikation.
Ich bin seit Tagen niedergeschlagen, belastet, erinnert, unzufrieden mit mir. Ich muss etwas klären, doch bin hin- und hergeworfen von Wichtigkeiten und Relevanzen, Erinnerungen und Ängsten.
Es geht um etwas, das mir wichtig ist. Deshalb ist der Rahmen, in dem ich darüber nachdenke und fühle, extrem groß. Am dritten Tag wurde es mir zu groß, zu belastend. Ich merkte, wie sich das Zeitfenster für angemessene Lösungskommunikation schloss und ich immer mehr Spannung in mir sammelte. Zeit für eine Sitzung mit meinem Mann.

Mit ihm werden Situationen wie diese pragmatisch lösbare Kommunikationsherausforderungen, wie er sie jeden Tag bei seiner Arbeit und manchmal auch mit mir im Alltag hat. Er ist im Training, ich bin empfangsbereite Satellitenanlage, wenn er mir etwas davon vermittelt.
Durch seine Brille bekommt die Lage eine Art bewusste Untiefe. „Die Situation für dich sieht so aus, für sie andere Person sieht sie wahrscheinlich so aus. Was ihr verhandeln müsst, ist dies; was du bisher nicht klar genug vermittelt hast, ist das. Du könntest es so formulieren; du könntest auch das schreiben. Soll ich dir einen Aufschlag formulieren oder einen von dir anschauen oder willst du ab hier allein weitermachen?“
Mir tut das gut. Aus dem Wurschtelwust in meinem Kopf wird eine strukturierte Reaktionslandschaft auf Hypothesenbasis. Ich weiß ja nicht, ob er recht hat. Aber ich weiß ja auch nicht, ob ich recht habe, und traue mich gar nicht erst, überhaupt eine Hypothese zu entwickeln – weshalb ich in Stress spirale, dissoziiere und Faden und Form, Bezug und Kontaktsicherheit komplett verliere.

Das ist die Bruchstelle der Achsen.
Autismus und Kommunikation sind bereits schwierig. Auch schwierig zu kommunizieren.
Ich gerate dabei oft in die Situation, mich selbst zu erklären, statt die Kommunikationsprobleme. Denn es geht nicht immer nur um Wörter, Aussprache, Mimik und Gestik. Für mich geht es meistens um Bezug und Kontext. Warum sagt jemand dies und das; wozu bekomme ich diese und jene Information; weshalb und wofür macht mir jemand dies und das ganz besonders deutlich klar?
Gespräche mit nicht-autistischen Menschen sind für mich eine meist unklar begrenzte, uneindeutig bezugnehmende und in der Regel erst später in ihrem Ziel (manchmal auch Sinn und Zweck) nachvollziehbare Abfolge von Transitionen. Schon während die andere Person spricht, mache ich mehrere Dinge gleichzeitig: Geräusch von Wort unterscheiden, Worte verstehen und als Sätze in mir abbilden und begreifen – und dann merken, dass darin in der Regel nicht auch „drinsteht“, worum es der Person geht oder worauf sie sich bezieht oder reagiert. Also rufe ich mir in Erinnerung, was ich oder eine evtl. weitere Person im Gespräch gesagt hat, und überlege, ob davon etwas passen könnte. Ist die Person fertig mit Sprechen, bin ich meistens gerade fertig mit der Analyse des Sprachpakets. Was ich darauf antworte, eher nicht.
Manchmal geht das, was ich eigentlich sagen möchte, im wahrsten Sinne „lost in Transition zwischen Rede und Antwort“.

Und da greift die traumabedingte Dissoziation. Die nächste Achse. Die schützende Maske. Das reaktive Vorzeigen von bezogenem Kontaktverhalten. Ich konzentriere mich ausschließlich auf das, was die andere Person gesagt hat, und rate das beste hoffend oder faktisch orientiert abschätzend die Antwort. Ich bin nicht mehr bei mir, ich bin nicht mehr bei meinem Thema und kann selbst in der Rückschau nicht mehr sagen, worüber ich nachgedacht, was ich empfunden oder als Idee verfolgt habe. Es ist ein Nimbus, ein weißes Rauschen. Mein Körper antwortet. Ein anderes Innen. Irgendwas, das passt, dem Gegenüber ein gutes Gefühl macht, mit größter Wahrscheinlichkeit keinen Konflikt auslöst und inhaltlich die Funktion des Gesprächs bedient. Und dann beginnt das Gegenüber zu antworten. Und damit beginnt eine weitere Transitionsphase zum nächsten Sprechakt.

Das erschöpft. Es führt sehr oft dazu, dass ich ich-fremde Gespräche führe, wenn diese weder reiner Informationsaustausch noch oberflächliches Kontakten sind. Und der Hintergrund ist komplex.
Ich habe auditive Verarbeitungsstörungen, muss Bezug immer wieder konkret gesagt bzw. aufgezeigt bekommen, weil ich ihn nicht implizit „lesen/erfassen“ (und im Arbeitsgedächtnis halten) kann, und ich habe bis heute Angst, verletzt zu werden, weil ich nicht schnell genug (performativ „richtig“/wie vom Gegenüber gewünscht oder gewohnt oder erwartet) reagiere.
Gespräche sind bis heute nicht neutral für mich. Es sind neben jeder Bedürfniserfüllung immer auch Triggersituationen, mit denen ich je nach Inhalt, Kontext, Rahmen strukturell reaktiv dissoziierend umgehe.

Nach dem Gespräch, das ich nun mit meinem Mann besprach, lag ich abends im Bett und wurde Stückchen für Stückchen mit Fragmenten des Gesprächs konfrontiert. Die Verarbeitung setzte ein und zunehmend wurde mir selbst bewusst, dass wir weder über das geplante Thema gesprochen haben, noch, dass durchgehend ich gesprochen habe. Obwohl mir das so wichtig war. Ich so dankbar über das Interesse und die Bereitschaft der Personen war, mit mir zu sprechen. Obwohl es keine Gefahr gab. Ich selbst habe überhaupt nichts von meiner Angst gespürt. Habe in dem Kontakt überhaupt nichts von meinem Stress und der Reaktivität gemerkt.
Und wie fast immer in solchen Momenten haben es meine Gegenüber auch nicht gemerkt. Sie fanden das Gespräch gut. Sie haben mich als im Kontakt erlebt – faktisch betrachtet haben sie das ja auch. Nur eben doch auch nicht.

In einem Gespräch mit dem Begleitermenschen im Rahmen der Autismusdiagnostik habe ich dafür das Bild von einem Spiegelkabinett gefunden. Weil es mir oft so erschien, als würden die Menschen in meinem Leben immer mit einem Bild von mir sprechen. Also ihrer Wahrnehmung von mir und dem, was sie davon abgeleitet haben. Während ich sie nie sehen kann und meistens eher mit einer Idee von ihnen arbeite, die ich aus den Analysen dessen, was sie mir sagen, entwickle.
Das war das Problem, das ich in der Therapie damals als besonders belastend empfand. Es kam mir vor, als würde meine Therapeutin intensiv nach mir suchen – angestrengt auf ihr Bild von mir schauen – und ich nicht einmal ihre Spiegelung finden können, obwohl mir jedes Signal, jeder Reiz von ihr überdeutlich spürbar war.
Mir ist damals bewusst geworden, wie viel von meinen „Erkennungsproblemen“ überhaupt nicht oder eher subtil wahrnehmbar sind. Und wie groß die Rolle der DIS dabei ist. Ein autistischer Mensch ohne DIS oder extremen Maskierungswillen wäre damit auffälliger. Diese Art des Auffälligseins war aber nicht nur in meiner Herkunftsfamilie ein ernstes Problem, sondern auch überall sonst. Selbst in Kontexten, in denen meine Sicherheit und Fürsorge professionell sichergestellt wurden. Nirgends, in keinem Kontakt mit anderen Menschen, ist es für mich rückhaltlos, bedingungslos, konsequenzlos möglich, irgendetwas davon nicht zu verstecken oder zu verschleiern. Und zwar nicht, weil die Welt böse ist oder ich da irgendetwas Spezielles an mir habe, sondern weil es umfassend ANDERS ist. Weil man sich dem immer nur annähern kann und eine gewisse Lücke, einen Bereich der Inkompatibilität, stehen lassen und akzeptieren muss. Sowohl ich als auch meine Mitmenschen. In der Metapher vom Spiegelkabinett ist es der Umstand, dass ich mich mit anderen Menschen als in einem Spiegelkabinett erlebe – und sie das nicht auch tun. Ihre Wahrnehmung funktioniert anders als meine.

Und während ich das jeden Tag und immer immer immer merke – und sie nicht, ist es eine irritierende Sache, wenn ich es offenbare. Manche fühlen sich dann manipuliert. Als würde ich ihnen die Wahrnehmung von mir absprechen oder in Frage stellen. Als wolle ich ihnen unterstellen, sie würden sich gar nicht für mich interessieren oder würden mir absichtlich schaden wollen. Es gibt Menschen, die können solche Gefühle und Gedanken dann mit Worten ausdrücken. Sie sind neugierig, wollen verstehen, Beziehung, Kontakt bewahren. In meiner sozialen Welt sind das die absoluten Ausnahmen. Einhörner sozusagen.
Und es gibt Menschen, die können das nicht. Oder wollen es nicht. Oder halten es für einen Teil ihrer professionellen Abgrenzung, noch mehr Abstand zu mir herzustellen und sich praktisch völlig unsichtbar für mich zu machen. Es gibt Menschen, die sich verunsichert fühlen, wenn ich ihnen davon berichte. Die sich fragen, was an unserem Kontakt echt ist. Authentisch. Und ver.trauen mir dann einfach nicht mehr. Gehen also auch aus dem Kontakt. Das ist die häufigste Erfahrung, die ich mit der Offenlegung dieser Gesprächserfahrung gemacht habe. Entsprechend wenig öffne ich mich.

Doch diesmal nicht.
Diesmal habe ich es mitgeteilt und mehrere gute Erfahrungen gemacht.
Die Gesprächspartner haben es gehört und verstanden. Wir haben eine praktische Lösung gefunden.
Mein Mann hat mich verstanden und mir genau die Hilfestellung gegeben, die ich brauchte.
Meine Therapeutin hat mich verstanden und mich bestärkt, meine inneren Prozesse auf Möglichkeiten der Entlastung und Prävention zu erforschen.
Keiner der auslösenden Faktoren ist davon berührt. Es wird mir wieder passieren. Und es wird wieder schlimm für mich sein. Aber es bleibt nicht mehr so schlimm.

Überraschung

Überraschung ist eine Grundemotion, die ich erst im Zusammenhang mit der Autismusdiagnose näher erforscht habe. In meiner Traumatherapie ging es nie um Überraschung. Es ging um mein Kontrollbedürfnis, meine Ängste. Mein kompensierendes Vermeidungsverhalten. Überraschung und Schockerleben waren dabei nie Thema. Mir war selbst überhaupt nicht klar, dass ich Todesängste habe, wenn ich überrascht werde. Dass ich Überraschung vermeide, weil sie mir Angst macht. Dass ich Kontrollgefühle vor allem dafür brauche, um mit meiner Angst vor der Todesangst auf eine Art umzugehen, die unauffällig ist. Angepasst. Nicht peinlich. Sondern ruhig, rational, beherrscht, bewortbar. So, dass mich niemand verletzt.

Man kann Überraschung nicht vermeiden. Aber man kann die Wahrscheinlichkeit dafür absehen. Mustererkennung hilft dabei. Aktives Dauerscannen, traumareaktive Hypervigilanz. Katastrophisieren. Permanente Reaktionsbereitschaft. Hold-the-line-Modus, wann immer Quellen für Unvorhersehbares in der Nähe sind. Anderen Menschen mitteilen, dass man Überraschungen – auch die lieb gemeinten – nicht mag, nicht möchte, nicht schätzt.

*

Die Sonne schien. Die Wärme im Auto bildete eine Glocke um mich.
Ich faltete den Brief zusammen und versuchte, meinen Partner anzurufen. Keine Antwort. Bubi legte den Kopf auf die Rückbank und beobachtete das Treiben auf dem Parkplatz. Der Verlust meines Arbeitsplatzes, die Lüge der Vertrauten hinter der Ermutigung, mich um meine Gesundheit zu kümmern, schwemmte über mich hinweg. „Wusst ichs doch“, stand auf jedem Stachel, der sich aus meiner Panzerhaut schob, um alles Panische vom Jetzt abzutrennen.
Nach der Angst, die Härte. Der Haken aus Stahl, der die Unwürdigkeit jeder Form von Zutrauen und Glauben an die Aussagen anderer Menschen, bestätigt.
Als ich nach Hause fahre, kommt die Trauer. Die Trauer um eine Zukunft, um die ich seit Dezember ringe. Auch das also, kaputt. Kein Kind, kein Job, keine Kraft, keine Hoffnung.
Es hätte so anders werden sollen.
Auf dieses Ist bin ich nicht genug vorbereitet.

*

Überraschungen gehören zu dem, was ich als Alltagsterror empfinde. Sie sind der trauma-re.aktivierende Bestandteil meines Lebens mit anderen Menschen, mit dem ich am häufigsten konfrontiert werde. Nicht, weil Menschen nie tun, was ich sage oder will, sondern, weil Menschen für mich nicht eindeutig vorhersehbar tun, was sie sagen; sagen, was sie tun, und es meistens ein unausgesprochenes Rätsel ist, warum, wozu und welchem logischen Schluss folgend sie es tun oder sagen.
Und es ihnen egal ist.
Sie mich nicht trösten. Selten beruhigen. Die wenigsten sich die Arbeit machen, sich mir zu erklären. Nur manche nah genug an mich herantreten, um mich zum Teil ihres Er.Lebens zu  machen.

*

Mein Partner liest den Brief. Atmet ein und sagt: „Ja, scheiße.“
Ich weine, weil ich begreife, dass ich mich nicht verlesen oder in meiner negativen Annahme geirrt habe.

Sie haben mich angelogen. Alle.
Und weil ich ihnen geglaubt habe, wähnte ich mich in einer Sicherheit, die mir jetzt, ohne jede Vorbereitung, ohne jede Chance auf Widerrede, Beeinflussung oder Zugang zu Verständnis, genommen ist.

Ab jetzt er.lebe ich parallel. Gespalten. Gleichzeitig in unterschiedlichen Dimensionen.

*

Überraschung, Schock, ist ein zentrales Element vieler Traumatisierungen.
Wer überrascht wird, kann sich nicht selbstwirksam erleben. Es gibt kein Kontrollgefühl. Keine Sicherheit über die eigene Existenz.
Überraschung kann nur Spaß bereiten, wenn dieses Sicherheitsgefühl grundlegend da ist. Ich habe dieses Gefühl nie. Selbst dann nicht, wenn ich viel Kontrolle habe.
Jede Überraschung rührt direkt an ein Gefühl von realer Existenzbedrohung.
Und jedem Gefühl der Bedrohung folgt die Dissoziation.

*

Ich scanne den Brief und plane die Einberufung aller nötigen Helfer_innen.
Bahne ein Gespräch beim Verlag an.
Speichere die erste Stellensuche auf der Webseite der Arbeitsagentur.

Spüre, wie sie das letzte Jahr resümiert.
Beobachte, wie er versucht abzuschätzen, ob unsere Kraft für psychiatrische Krisenintervention und ihre erwartbar problematischen Folgen reicht.
Höre ihr beim Sprechen ins Mikrofon zu, während die Hände einer anderen vereinzelte Kröten aus Eimern hervorholt.
Registriere Kämpfe um Essen, Schlafen, Lebenswillen und ‑ziele. Notiere ihre Gewinner und Verlierer.

Als ich einen Tag früher als gedacht von meiner Menstruationsblutung überrascht werde, fühlt es sich an, als würde mir ein knöcherner Schalter im Inneren umgelegt werden.
Mein Partner sagt, es nutze nichts, wenn wir beide traurig seien. Ich spüre hinter mir alles zusammenbrechen und im Melt der letzten Tage versinken.

*

Die Blätter einer Rose sind als sogenannte „Fiederblätter“ angeordnet. Ein Fiederblatt besteht aus mehreren Einzelblättern und trägt so zu einer stabilen Form der Pflanze, aber auch ihrer Gesamtfläche zur Fotosynthese bei. Fällt eines ab, gibt es genug andere. Zum Überleben des Organismus braucht es nur eins. Im Winter nicht einmal das.

Draußen beginnt der Frühling.
Ich organisiere an einem Sommer für mich.
Gestalte Ideen und Pläne für mögliche Verläufe im Herbst.
Den Winter in mir drin, blende ich dabei aus.
Ich weiß, dass er von alleine endet.

*

Das Mismatch mit meiner Umwelt über Überraschungen verlangsamt meine Verarbeitungsmöglichkeiten. Um den Kontakt zu meinen Mitmenschen nicht zu verlieren, kann ich mich nicht auf die Überraschung konzentrieren, sondern muss mich auf das fokussieren, was sie mir anbieten.
Die überraschende Nachricht von meiner Kündigung bedeutet für sie, dass wir über Kündigung und Arbeit sprechen – nicht über die Überraschung. Den Verrat. Den erschreckenden Verlust des Sicherheitsgefühls. Die unerwartete Unmöglichkeit aller Pläne für die Zukunft, die zum Sicherheitsgefühl über die Gegenwart führten. Wir reden nicht über Angst. Meine Todesängste sind einfach undenkbar für sie. Und übertrieben, als ich sie andeute.

Ich kann mir nicht vorstellen, wie die Zukunft aussieht, weil ich nicht weiß, was dort möglich ist und was nicht. Man erwartet von mir ein Grundvertrauen in das Leben, das ich nicht habe. Ich kann nicht „einfach mal sehen“, „einfach mal abwarten, was sich ergibt“. Wenn ich nicht weiß, was ich sehen soll oder muss oder könnte, dann (vorher)sehe ich da nichts. Und wer nichts (vorher)sieht, kann von allem, was dann passiert, nur überrascht werden.

Das ist der absolute Horror.

die Nachwirkungen

„Mir ist Professor Doktor im Traum erschienen“, sagt mein Mann und reibt sich mit der Hand durchs müde Gesicht. „Gut oder schlimm?“ – „Schlimm“.
Wir sitzen auf dem Sofa und merken, dass die ganze Sache doch sehr heftig nachwirkt. Dass wir ein gewaltvolles Gespräch hatten. Dass ein Stachel stecken geblieben ist und sich nicht durch das konstruktive Ende löst.

Mein Mann hat eine Vergangenheit als Krankenpfleger. Seine Einsichten in Krankenhausabläufe und die Dinge, die Behandler_innen tun, wenn (Wider)Wille, Macht und Befähigung zusammenkommen, sind erschütternd.
Und bringen mich dazu, über meine Einsichten neu nachzudenken.

Meine Erfahrungen mit Machtmissbrauch im Behandlungskontext erstrecken sich von der Pflegeperson, die einen Behandlungsplan ausfüllte und behauptete, ich hätte das getan, bis zu Behandler_innen, die mir sagten, sie würden mich auch einfach in die Familie entlassen können, wenn ich nicht mitmache (und artig bin). Die Ärztin, die den Klinik-GAU 2016 ausgelöst hatte, war in der Reihe eigentlich noch harmlos. Da hat man mich einfach in totaler Not allein gelassen und mir vermittelt, ich hätte sowohl die Not als auch die Entlassung selbst zu verantworten. Das ist im Grunde Alltagsgewalt für chronisch kranke Menschen. Ein Klassiker. Der Klassiker für Menschen mit seltener Erkrankung oder zusätzlicher Behinderung.

Mein Mann kennt andere Geschichten. Schlimmere. Geschichten, aus denen übergriffiger Paternalismus spricht. Behandlungsverweigerung. Verschleierung von Tatsachen.
Geschichten, die sich in unserem Fall, in der Klinik, in dem Szenario, in dem wir da sind, mit einer Leichtigkeit umsetzen ließen, sodass weder wir noch irgendjemand anders im Raum irgendetwas davon mitbekommen würden.

Es dauert nicht lange, da sind wir beim Thema „Vertrauen“.
Haben wir bisher hauptsächlich Vertrauen in die Profession aufbringen müssen, so müssen wir jetzt jemandem vertrauen, die_r unseren Wunsch persönlich möglicherweise doch für unangemessen hält und zusätzlich auch noch die Möglichkeiten (die Macht) hat, die Erfüllung dessen zu sabotieren.
Wir haben keine Kontrollmöglichkeiten. Wir haben überhaupt nichts, womit wir uns im Verlauf der gesamten Zeit zu 100 % darüber versichern können, dass unsere Behandler_in wirklich für uns und unser Anliegen ist. Wir sind gezwungen, ihren Aussagen zu glauben und unseren Eindruck immer wieder damit abzugleichen. Und Eindrücke können täuschen.

Und Täuschung – denken, alles ist gut, und dann stellt sich raus, dass plötzlich ganz global und bis ins Existenzielle rein überhaupt gar nichts gut ist – da sind mein Mann und ich sehr empfindlich. Da haben wir beide wunde Punkte und schmerzende Stellen. Wir nehmen sehr weite Umgänge in Kauf, um da nicht berührt zu werden.

Daneben bringt die Situation Verarbeitungsimpulse für mich selbst und mein ganzes Helfer_innen-Thema mit. Denn jetzt beobachte ich meinen Mann in der Belastung, mit der ich vom 15. bis ins 30. Lebensjahr weitgehend allein war.
Ich sehe jetzt, wie brutal es ist, anzunehmen, irgendwas davon wäre von ihm selbst ausgelöst gewesen. Oder, dass er nur irgendwie lieber, passender, angenehmer hätte sein müssen. Er war in dem Gespräch richtig gut. Da war überhaupt nichts falsch oder zu viel. Und hätte es einen unsichtbaren doppelten Boden auf sozialer Ebene gegeben, dann hätte er ihn gesehen und beachtet. Er ist da nicht so tüfflig wie ich.

Und ich sehe eine Angewiesenheit, die ich in Bezug auf meine Situationen immer für überzogen hielt, weil ich sie in Teilen als traumareaktiv verstärkt eingeordnet – also abgewertet – habe.
Klar, unsere Behandlung heute ist etwas anderes, als meine Traumatherapie früher. Andererseits war es zwischen 2002 und 2016 auch so, dass ich mit der DIS-Diagnose nicht ohne Weiteres in jede x-beliebige Klinik oder zu Behandler_innen jedweder Profession gehen konnte. Jedenfalls nicht ohne erhebliches Risiko der Falschbehandlung mit allen Konsequenzen.
Für mich ist es bis heute so, dass ich angewiesen sein mit kindlich sein gleichstelle. Und meine Kindlichkeit abwehren und unterdrücken muss, weil sie für mich Traumanähe bedeutet. Und zwar nicht geordnet mit nachvollziehbaren Tathergängen oder Szenen, die beschreibbar sind, sondern unkontrollierbar und fragmentiert mit Flashbacks, Zustandswechseln, Ängsten und allem, was Körper in diesem Zusammenhang machen.

Die reale, faktische Angewiesenheit von Patient_innen generell habe ich bisher nur abstrakt betastet. Als ich zum Beispiel recherchierte, ob ich die Klinik anzeigen oder verklagen könnte. Oder als ich recherchiert habe, wie meine so frühe DIS-Diagnose und die Behandlung in der KJP damals rechtlich abgedeckt war. Ob meine Eltern hätten klagen können.
Und natürlich jedes Mal, wenn ich versuchte, die Situationen zu analysieren.
Ich weiß, dass meine Texte darüber oft so gelesen werden, als hätte ich durch die klare Zuordnung der Macht auch eine klare Zuordnung von Opferschaft und in der Folge eine eindeutige Selbstpositionierung. Für mich ist das nicht so.
Ich arbeite nicht mit dem Schema „Macht = Täter_in = Böse/Schuldig = Schlecht = jedes Recht auf Annahme, Fürsorge … Menschlichkeit verloren“ und entsprechend auch nicht mit dem Schema „Ohnmacht = Opfer = Lieb/Unschuldig = Gut = ausschließlich Recht auf Annahme, Fürsorge … jedes Recht auf Menschlichkeit“
Für mich ist Gewalt keine dichotome Sache. Also etwas, bei dem es ausschließlich 2 Seiten, Aspekte, Urteile oder Bewertungen geben kann.

Das heißt nicht, dass ich mich nie als Opfer von irgendwas wahrgenommen hätte. Das heißt vor allem, dass ich mich nie ausschließlich als Opfer wahrgenommen habe. Obwohl ich es in manchen Situationen möglicherweise doch ziemlich eindeutig war.
Und mir heute bewusst zu machen, dass ich meine Selbstpositionierung in Bezug auf den Klinik-GAU zum Beispiel oder frühere Behandlungskontexte an der falschen Stelle vorgenommen habe – nämlich in diesen furchtbaren Gesprächen und nicht schon an dem Punkt, an dem ich aufgrund meiner Angewiesenheit überhaupt in diese Gespräche geraten bin –, das ist gerade sehr erhellend für mich.

Ich konnte und kann auch heute – genau wie mein Mann und andere Menschen – überhaupt nichts anderes machen, als in Kontakt zu gehen. Selbst wenn ich die Phrase „Wenn was ist, melden Sie sich“ nicht als Kontakt-/Beziehungsangebot eingeordnet hätte. Selbst wenn ich nie geglaubt hätte, dass sich, wenn ich dann komme, Wege und Möglichkeiten finden würden. In dieser Konstellation war auf die Behandler_innen zuzugehen und zu sagen, was ist, das Einzige, was ich aktiv einbringen konnte.
Und das ist keine gewaltvolle Handlung. Vielleicht ist es eine Reizung. Eine Herausforderung. Eine Überraschung. Eine Unbequemlichkeit. Etwas, das unerwartet (Arbeits‑)Kraft erfordert. Ja, vielleicht ist es auch eine Art „zu nahe treten“ gewesen. Oder eine Überforderung. Aber zu keinem Zeitpunkt war es etwas, das meine Angewiesenheit „genullt“ hat. Nur weil ich etwas sagen konnte, war ich nicht ermächtigt.
Kein stummes oder passives Opfer gewesen zu sein, bedeutet nicht, Tatverantwortung übernehmen zu müssen.

Dass die Ärztin (und ihre Chefin sowie alle ihre Kolleg_innen) hingenommen haben, dass mir der GAU überhaupt passierte und ich mich im Nachgang als tatverantwortlich empfunden habe, ist schon eine sehr spezielle Verweigerung der Anerkennung des Machtverhältnisses. Und eine Abwehr jeglicher Mitverantwortung für meinen Zustand zu dem Zeitpunkt.
Wäre meine ambulante Therapeutin nicht eingesprungen, hätte ich mich noch am gleichen Tag suizidiert und die ganze Sache wäre zu einer Schuldfrage geworden. Was ja noch weiter vom eigentlichen Problem weggeführt hätte.

Am Ende muss man anerkennen, dass eine Behandler_in-Patient_in-Beziehung eine Beziehung ist, die bestimmte Beziehungsfähig- und ‑fertigkeiten erfordert.
Komplextrauma passiert in Beziehung und beeinflusst diese Fähig- und -fertigkeiten.
Mein Autismus beeinflusst massiv, wie ich in Beziehung trete und wie ich sie gestalte.
Meine Angewiesenheit und die Ermächtigung meiner Behandler_innen führen zu einer Beziehung, die effektiv nur von einer Seite gestaltet werden kann. Und das ist nicht meine Seite.

Für mich ist es krass, so über den Klinik-GAU bzw. die Ärztin und ihre Team-Eminenz zu denken. „Sie_r war (in dem Moment) einfach nicht fähig, verantwortlich mit der Situation bzw. dem, was sie von mir gehört/verstanden hat, umzugehen. Sie hat inkompetent gehandelt.“
Dabei hatte ich exakt den gleichen Gedanken in Bezug auf Professor Doktor im Zusammenhang mit meinem Mann. Und hatte 0,0 Skrupel oder Zweifel oder Angst dabei, sondern eher Ärger. Enttäuschung. Denn aufgrund ihrer Kompetenzen hatten wir sie ja als Behandler_in ausgesucht.

Jetzt lassen wir es weiter wirken.
Überlegen, ob wir wirklich da bleiben.
Ich muss mich mit einem Inneren befassen, das sagt: „Nee Fräulein, du bleibst da jetzt – du hast dir das selbst eingebrockt, du frisst das jetzt.“ und einem anderen, das sagt: „Ja ja traumabedingte Vermeidung – du willst dich ja gar nicht stellen. So kommst du nie vorwärts.“
Und ich muss mich damit befassen, dass uns das auch in einer anderen Praxis passieren kann. Dass wir letztlich gar nichts machen können, um das zu verhindern – außer wir meiden Kontakt. Machen uns stumm. Sind passiv, wenn uns etwas belastet oder verletzt, was in der Behandlung passiert. Dann wird uns solch ein Gespräch nicht passieren. Aber schützen vor Schmerz, Belastung oder Not kann es uns auch nicht.
Wenn das passiert, sind wir immer Opfer. Es sind immer die Be.Handelnden und ihre (Beziehungs)Kompetenzen, die darüber bestimmen.

Das Vertrauen, das wir aufbringen müssen, ist enorm.

das Gespräch

Um 4 Uhr 40 halte ich das Handy vor meine Augen.
Gut, dass ich früh ins Bett gegangen war.
Ich trinke etwas und teste vorsichtig meine Stimme, während der Wasserkocher läuft. Heute ist der Termin in der Klinik zur Nachbesprechung der Ereignisse, die sich seit einigen Wochen in Flashbacks und Albträumen neu aufdrängen. Mal vermischt mit früheren Erfahrungen, mal pur. Mal so, dass ich an der Tragfähigkeit der Gegenwart zupfen muss, mal so, dass ich in der Vergangenheit gesäte Zweifel an meiner Existenzberechtigung ernte. Auch diese Nacht endet verfrüht mit verzweifeltem Weinen und Hechtsprung in die Skillskiste.
In den letzten Tagen arbeitete sich ein fiebriger Infekt von meinem Kopf in meine Bronchien, meine Stimme war an einem Tag fast ganz weg. Und nun würde ich für mich sprechen können. Wollen. Müssen. Dürfen. Ich will klar sein. Und stabil. Mich wenigstens kurz so fühlen.

Mein Mann und ich haben das Gespräch oft vorbesprochen. An diesem Morgen sitzen wir ein letztes Mal zusammen und notieren uns beide die Liste der Punkte. Später wird er sagen, dass er in dem Moment seinen Vater gechannelt hat. Auch der kam immer mit einer Liste zum Arzt. Für meinen Mann ist es ungewöhnlich, sich für solche Termine derart zu wappnen. Obwohl er mit seiner Krankheit durchaus auch mit einem Stapel Papier und Datenträgern in Arztkontakt kommt.
Im gleichen Später wird er sagen, dass dieses Gespräch der tiefste Einblick in meine kommunikativen Schwierigkeiten und alle Probleme, die damit einhergehen – „Ey, das hat so viele Ebenen!!!“ – war, den er bisher hatte.
Und ich werde deshalb ein enormes Triumph-Glücks-Dankbarkeits-Gesehenheits-Gefühl in meiner infektiös schmerzenden Brust haben.

Doch zuerst fahren wir in die Klinik.
Merken, dass meine Stimme noch geschont werden muss. Wir uns also nicht ablenken, in seichte Stimmung bringen können. Ich bin unruhig, weil ich mich so okay damit finde, dass ich eine Liste habe. Und einem Angebot, einem Auftrag, glaube, dem ich nie wieder glauben wollte – „Wenn was ist, sprechen Sie uns an“.
„Es ist ein Lernfeld“, so ordne ich das ein, um mich zu beruhigen. „Diese Situation passiert zwar an meinem Körper, ich bin die_r Patient_in, aber mein Mann hängt da auch mit drin. Es ist nicht wie in der Psychiatrie, nicht wie bei allen anderen Behandler_innen. Nicht nur ich habe dieses Angebot, diesen Meldeauftrag bei „Wenn was ist“ erhalten, sondern auch auch mein Mann. Und auch der hat gesagt: sammeln, aufschreiben, auf Zuständigkeit und reale Umsetzbarkeit prüfen, auf den Punkt bringen und damit ins Gespräch gehen. Wir machen nichts Falsches, nichts Dummes, nichts Anmaßendes. Es hat überhaupt nichts mit unserer Persönlichkeit oder Krankheit zu tun, dass wir das so machen, und das, was wir vorbringen, berührt in keiner Weise das Individuum, mit dem wir sprechen, und auch nicht dessen Würde. Die Belastungsstörung, die ich gerade habe, ist nicht Folge meines Versagens oder Absicht von jemandem, sondern Folge der Ereignisse im Zusammenhang mit meinen individuellen Verarbeitungskapazitäten in dem Moment.
Verarbeitung bedeutet Arbeit. Es bedeutet: hingehen statt weggehen, machen statt halten, Integration statt Dissoziation
Wir gehen in den Termin, gehen in Kontakt und schauen dann weiter. Nicht jetzt. Jetzt schaue ich nur in meine Idee von der Zukunft, aufgrund der Erfahrungen, die ich bisher gemacht habe. Wenn das Gespräch war, dann habe ich eine Erfahrung mehr und was gerade Zukunft ist, ist dann Jetzt.“

Und dann ist es, wie es ist.
Wir sind pünktlich, die_r Behandler_in nicht. Wir haben keinen Zeitdruck, registrieren aber doch die Respektlosigkeit unseren Ressourcen gegenüber. Nach 20 Minuten kommt eine Behandlerin. Nicht die, bei der mein Mann um den Termin gebeten hatte. Die wird dann geholt. Spontan kommt sie aus dem Termin eines_r Patient_in raus. Sie hat etwa eine halbe Stunde und fordert uns auf, unsere Punkte anzubringen.
Kurz darauf liegt „das Schiff mit einer Seite fast waagerecht auf den Wellen“. Es passiert, was mir immer passiert. Aus Verwirrung wird Anklage, aus Erklärung Begründung, aus Idee, Vorschlag, Anfrage wird Forderung. Ich merke sofort, dass wir in dem sind, was Schulz von Thun „das Teufelskreis-Modell“ nennt. Ich merke, wie ich mich in die_n Patient_in verwandle, die Schülerin, die Kundin, die Mitarbeiterin, die Tochter.

Und das, was ich „das Opfer“ nennen würde. Würde ich mich damit nicht selbst zum Opfer erklären.
Während ich das auch in diesem Moment nicht tue, sondern wie gewohnt abwehre, um mein Ich zu erhalten und funktionell im Kontakt bleiben zu können, habe ich einige Stunden später ein neues Gefühl.
Denn da sagt mein Mann, der seit Verlassen des Klinikgeländes die gleichen Brandreden ausspricht, wie ich sie sonst nach so einer Erfahrung im Kopf habe: „Ey, und wenn jedes Gespräch dieser Art so abläuft, wenn einem das das ganze Leben in allen möglichen Situationen immer wieder passiert – da kriegt man ja jedes Mal brutal die Hucke voll. Oh G’tt.“
„Ja“, denke ich, „brutal die Hucke vollkriegen, trotz aller Vorbereitung, allem Anstrengen, allem Bemühen, allem Liebsein, allem Nettssein, aller Achtung von Form und Anstand. – Wenn jemandem so etwas passiert, dann sind diese Dinge auch nie relevant gewesen. Dann war die Performance scheißegal. Dann ging es nie um Form und Fakten, sondern um Gefühle und Erwartungen, Intentionen und Ansprüche. Also etwas, das sich hinter einer im Behandlungskontext (im Kontext einer Autorität) ganz besonderen Grenze befindet.
Das ist eine Grenze, hinter der man als Patient_in aus sehr vielen sehr guten und richtigen Gründen überhaupt nicht sein soll. Damit ist der Rahmen, in dem Patient_innen gehört werden müssen – in dem auch ihr Sprechen in eigener Sache grundsätzlich verortet werden muss – total klar und auch, wessen Aufgabe es ist, diesen Rahmen zu verantworten. Und es ist total klar, dass jede Verteidigung persönlicher Grenzen in diesem Zusammenhang von vornherein unter unfairen, weil ungleichen Voraussetzungen passiert. Patient_innen können gar nicht umfassend wissen, wann sie ihre Behandler_innen persönlich berühren. Klar, können sie wissen, dass Behandler_innen zu beleidigen zum Beispiel auch persönlich verletzt oder dass die gleichen allgemeinen Grenzen, die Menschen als allgemeine Gemeinschaft haben, auch auf Behandler_innen anzuwenden sind. Aber da sich Behandler_innen als Privatpersonen nicht so öffnen dürfen, wie Patient_innen, können Patient_innen Grenzberührung oder auch -bedrohung und -verletzung einfach nicht immer verhindern.
Das ist unmöglich.

Mein Mann moderiert und ordnet das Gespräch immer wieder. Missverständnisse werden dadurch offenbar und können geklärt werden. Ungeprüfte Vorannahmen der Behandlerin werden offensichtlich. Wir drei auf diesem Schiff unseres Gesprächs, im Wellengang der Gefühle, schwanken in einem erheblichen Ausmaß. Es gibt einen Moment, in dem sie sagt, sie hielte eine Weiterbehandlung für fraglich.
Mein Mann sagt spät am Abend, als wir zwischen zwei Fernsehsendungen pausieren, dass es ihn erstaunt und anfasst, wie schnell und bereitwillig der Kontaktabbruch aufgebracht wurde. Wie einfach die Lösung erscheint: „Naja, dann machen wirs halt nicht mehr“, um sich abzusichern und zu entlasten. Während das für uns bedeuten würde, dass wir mit unserem Anliegen in seiner Legitimität infrage stehen und mit dem Eindruck zurückbleiben, es sei ein Irrtum, ein Fehler gewesen, uns überhaupt zu behandeln.
Und auch das ist etwas, in dem Patient_innen ungleichgestellt sind. Wenn die Behandlerin in ihre Akte schreibt, dass eine Weiterbehandlung medizinisch nicht indiziert sei, dann ist das eine andere Aussage als „Die haben mich persönlich belastet und ich hab Besseres zu tun – an Patient_innen, die besser raten können, wann sie mich aus welchen Gründen, wie und womit belasten dürfen“. Dann wird ein persönlicher Beziehungsabbruch professionell begründet, die Folgen davon betreffen aber in Person und Sache komplett die Patient_innen. Wer so etwas macht, benutzt die Autorität der Profession als Waffe. Das ist Machtmissbrauch. Die Gewalt der Helfer_innen. Das, was den Klinik-GAU und sehr viele andere Behandlungserfahrungen in meinem Leben zu einem Trauma gemacht haben.

Das ist aber auch der Grund, weshalb ich in dem Gespräch auch das D-Wort gesagt habe. Diskriminierung.
Obwohl ich weiß, dass dieser Begriff, diese Thematik, hochemotional aufgeladen ist. Vor allem bei Menschen in Machtpositionen. Also Menschen, die üblicherweise nicht diskriminiert werden und von bestehenden Diskriminierungen profitieren.
Sachlich, faktisch, inhaltlich jedoch ist es eindeutig diskriminierend, Menschen eine Behandlung zu verweigern, weil sie eine Behinderung haben. Auch und gerade dann, wenn die Behandler_innen sich (aufgrund unhinterfragter oder falscher Vorstellungen über den behinderungsbedingten Grad der Einschränkung) überfordert fühlen, mit diesen Menschen gemeinsam zu schauen, wie die gemeinsame Zusammenarbeit aussehen kann.
An einem Punkt, an dem Menschen, die keinerlei Einblick in mein Leben mit Behinderung und meine Ressourcen zur Kompensation haben – und diesen auch gar nicht bekommen wollen! – Zugang und Rechte verweigern wollen, ist es sachlich, faktisch, inhaltlich absolut richtig und auch wichtig für mich persönlich, diese Verweigerung als Diskriminierung zu benennen.
Ich kann nichts dafür, dass das als Powermove gelesen wird. Als Angriff, als „die Keule schwingen, um die Debatte zu gewinnen“.
Für mich ist das wichtig zur Einordnung der Situation. Werde ich diskriminiert, bemühe ich mich nicht mehr um den Kontakt. Dann sind die Verhältnisse für mich klar. Dann geht es nicht mehr darum, wie wir gut miteinander arbeiten können, weil Diskriminierung einfach auch Autorität bedeutet. Dann bestimmt eine Partei und die andere hat das hinzunehmen.

Vielen Menschen, die keine Behinderung kompensieren oder nur in einer bestimmten (autoritären, machtvollen) Rolle mit behinderten Menschen zu tun haben, fehlt oft das Bewusstsein dafür, dass die Dinge, die sie schützen und stützen, die sie befähigen und ermächtigen, nicht für alle Menschen gleich zugänglich sind und selbst wenn, dann nicht auch zwingend die gleichen Effekte haben. So kommt es nämlich beispielsweise dazu, dass Behandler_innen zwar allen Patient_innen sagen: „Wenn was ist, melden Sie sich“, aber meistens überhaupt keinen Gedanken daran verlieren, was „was“ für wen in welcher Situation und aus welchen Gründen ist.
Selbst für meinen Mann ist dieser Satz, der für mich ein Kontaktangebot ist – etwas, das mir den Eindruck vermittelt, dass ich aufkommende Probleme nicht allein lösen muss – nichts weiter als eine prosoziale Phrase. Etwas, das man einander sagt, um ein Bild von sich bei der anderen Person herzustellen. Ein Bild – nicht die Realität. Für ihn ist beiderseits klar, dass „was“ überhaupt nicht definiert ist, aber im Notfall spontan definiert werden kann, weil die Annahme ist, dass beide Seiten, die gleichen Erfahrungen, Probleme oder Perspektiven auf Dinge haben.
Meine Erfahrungen, Probleme und Perspektiven sind aber aufgrund meines Autismus und der Traumafolgestörung in manchen Dingen ganz extrem anders. Nicht immer ist das ein Problem oder erfordert auch ganz andere Lösungsansätze als allgemein üblich, aber immer bin ich darauf angewiesen, dass andere Menschen ihre Ideen und Erwartungen an meine Fähig- und Fertigkeiten hinterfragen, weil sie nicht von sich auf mich schließen können. Das kann ich umgekehrt ja auch nicht. Wir müssen uns beide in ein Lernfeld begeben und das ist – auch wenn es einen professionellen Rahmen für unseren Kontakt gibt – auch Beziehungsarbeit.

Und Beziehungsarbeit ist krass. Krass anstrengend. Umfassend. Bringt oft mehr was fürs Gefühl als für die Arbeit oder irgendwas messbar Konkretes. Jedenfalls am Anfang.
Klar wird das vermieden, wenn man es ohne Verluste auch einfach kann. Klar denkt man sich: „Boah, wenn ich das für alle Leute leisten muss, dann bin ich schnell am Ende.“ Da gibts offenbar selten den Gedanken: „Hm, wenn ich das jetzt mache, wirds beim nächsten Mal wahrscheinlich leichter.“ Und so bleiben die Vorurteile, die falschen Ideen, die Einschätzung, dass Barrierenkompensation aufwendig und wertlos ist. Und damit kommen dann die Vermeidung, die generalisierte Abwehr, die „professionelle Begründung“ dafür, warum bei Patient XY die Behandlung AB nicht indiziert sei.
Man versichert sich damit in einer Position, in der man ganz rationale und legitim erscheinende Begründungen dafür findet, den Kontakt extrem zu limitieren oder eben einfach abzubrechen. Diskriminierung in dem Zusammenhang überhaupt erkennen und begreifen zu können, wird dadurch sehr sehr schwer.
Auch das ist ein Grund, weshalb ich sie benenne. So auch in dem Gespräch.

Für mich hat das auch etwas mit Erwachsensein zu tun.
In jedem Kontakt, den wir eingehen, haben wir die Verantwortung, ihn zu erhalten, zu schützen und angepasst zu gestalten. Diese Verantwortung will ich nicht einseitig übernehmen müssen. Schon gar nicht im Zusammenhang mit einer Behandlung, die für meinen Mann und mich so wichtig ist.

Als wir im Auto sitzen und mein Mann seine Gedanken sortiert, fühle ich mich richtig richtig gut.
Er hat alles gesehen. Er hat alles bezeugt. Und jetzt fühlt er auch noch alles mit.
Er fühlt sich nicht gut und das ist kacke – aber ich bin so entlastet und glücklich. Zum ersten Mal habe ich nach einem Gespräch dieser Art nicht das Gefühl, kein Recht auf Leben zu haben, sondern als wärs total okay alles zu fühlen und zu denken und meinen und glauben und anzunehmen was einfach gerade da ist. Und das ist so cool.

Wir sind mit gemischten Absprachen aus dem Gespräch gegangen. Formal ist alles gut. Wir werden weiter behandelt, nächstes Mal mit einer Narkose. Sozial gehe ich von zukünftig verkrampfter Fern-Freundlichkeit aus. Denke, dass sie uns das nie sagen werden, doch froh sind, wenn wir da einfach nie wieder hingehen. – Eine Traumawahrheit, die ich natürlich überprüfe. Aber etwa 20 Stunden nach dem Aufwachen an diesem Tag, erstmal glaube und beweine.
Ich habe keinen Grund, von etwas anderem auszugehen.
Andererseits habe ich auch mein Leben lang gedacht, ich würde meinen Schmerz in solchen Gesprächen, meine Not, dieses ganze bekackte Elend mit all seinen Ebenen, diese Ohnmacht, die Hilflosigkeit, die Wut ohne Ventil – alles DAS DA – mein Leben lang immer allein erleben müssen.

Krise

„Wie habe ich früher Situationen wie diese gelöst?“
Für mich gibt es auf diese Frage eine Antwort.
Seit ich Krisen nicht einfach nur überlebe. Durchstehe. Mich halt einfach durchkämpfe. Seit ich „Konzentrier dich doch auf die schönen Dinge“ als Verführung in die Vermeidung erkannt habe. Das ist wichtig dazu zu sagen. Denn wer sich durch die Krise dissoziiert, kann hinterher oft kaum sagen, was da eigentlich genau war und was geholfen hat. Eine durchdissoziierte Krise bietet keinen Raum zur Aus- und Weiterentwicklung von Fähigkeiten der Selbstberuhigung bzw. Stabilisierung. Eher das Gegenteil. Dazu später mehr.

Jetzt gerade ist bei mir Krise.
Schon länger. Viele Ereignisse haben mich getroffen, manche sehr. Von keinem konnte ich mich wirklich erholen. Keins davon war selbstbestimmt oder in Form und Folgen beeinflussbar oder sicher vorherzusehen.
Mein Körper reagiert. Magenschleimhautentzündung, Blasenentzündung, Trigeminusschmerzen, Schlafprobleme, Albträume, Ängste und Depression – meine Gedanken finden sichereren Tritt auf traumawahren Wegen, als im uneindeutigen Dickicht des Hier und Jetzt. Ich esse und trinke auf Verdacht, meine Wahrnehmung dafür ist praktisch kaum noch vorhanden. Es hat keinen Sinn mehr, mich auf Signale von Überreizung zu scannen. Ich muss einfach drauf klarkommen, dass mir von jetzt auf gleich der innere Akku zur Kompensation ausgehen kann und mir aktiv in Erinnerung halten, wie ich mich in solchen Momenten verhalte. Wie ich mich schütze, wenn mir das außerhalb von zu Hause passiert. Was ich machen muss, wenn mir niemand Hilfe oder Unterstützung anbietet.

Seit März 2025 geht es mir öfter schlecht als gut. Da war der Konflikt, der entstand, weil es mir seit Sookies Tod öfter schlecht als gut ging.
Und immer war da etwas, das mich getragen hat. Das Schwimmen. Das Handballspielen. Bubi. Mein Mann. Freund*innen. Die Selbsthilfegruppe. Das Schreiben. Die Arbeit. Die Möglichkeit, mit meiner Therapeutin immer wieder neu zu sortieren und aufzuarbeiten. Die Natur. Das Fotografieren. Die Handarbeit. Die Ziele für mein Leben.

Jetzt bin ich einfach müde. Kann keinen Sport machen, solange ich Medikamente brauche. Kann die mentale Kraft, die es für meine Arbeit braucht, nicht mehr aufbringen, weil ich sie benötige, um den Kontakt zu meinem Mann und meinen Freund*innen zu navigieren. Um meine Routinen der Körper- und Haushaltspflege aufrechtzuerhalten. Mich selbst als Körper in Zeit und Raum einordnen zu können. Mich für die Arbeit in der Therapie zu befähigen. Zu bemerken, wann ich Dinge über die Welt und mich denke, die heute zu unwahrscheinlich sind, um sie als relevant für heutige Entscheidungen einzuordnen.

Früher hätte es mir geholfen, mich abzuschießen, wie ich in der Kinder- und Jugendpsychiatrie abgeschossen wurde. Zwei Tavor, drei Zop abends, Neuroleptika morgens. Tavor drübergestreuselt, wenn nötig. Das ging. Sookie trieb mich trotzdem noch raus und hielt mich im Rhythmus ihrer Bedürfnisse.
Heute habe ich die Erinnerungen an Fixiersituationen. An Gewalterfahrungen, für die ich betäubt worden bin. Ich kann die dumpfe Abgeschossenheit haben, aber irgendwann kommt das Erinnern eben auch dazu. Nicht immer. Nie immer. Aber sicher irgendwann.
Es ist keine echte Option mehr, um innerlich auf „Pause“ zu klicken. Mal kurz sicher daran gehindert zu sein, nicht ständig in unklare Zukünfte oder unvorhersehbare Entwicklungen hineinzuorakeln, um sich möglichst gut darauf einzustellen. Wenigstens nicht geschockt überrumpelt überrascht zu werden.
Es war auch nie wirklich eine Option, um sich zu beruhigen.
Es ist nur ein Abschuss. Ein eindeutiger Kontaktabbruch mit bestimmbarem Anfang.

Am Ende hat mir aber immer Kontakt geholfen.
Vor allem Kontakt, der stabil ist. Vorhersehbar. Klar. Eindeutig in Form und Intention. Geregelt. Strukturiert.
Nicht: liebevoll, fürsorglich, nah, helfend, „mich sehend“, „mich verstehend“.
Sondern: präsent, orientiert daran, was tatsächlich ist und was nicht (oder sehr unwahrscheinlich), (selbst)sicher, verbindlich in Bezug auf Absprachen und das kontinuierlich zu jedem Zeitpunkt.

Gerade jetzt brauche ich Kontakte zu Menschen, die sagen, was sie meinen. Die aussprechen, was sie denken, möchten, wünschen, befürchten, bezweifeln, überlegen, wollen.
Genau jetzt sind witzige Doppeldeutigkeiten, „nicht so gemeinte Sprüche“, Metaphern, die implizite Schlüsse erfordern, oder hilflose Phrasen („Das wird schon“) ein Problem. Sie erfordern zu viel mentale Leistung von mir, um sie als die Bindungsverstärker zu erkennen, die sie für manche Menschen sind. Ich kann nicht mehr so tun, als könnte ich „viben“. Einfach „spüren, dass ich gut aufgehoben bin“, einfach „wissen, dass ich nicht allein bin“. Ich kann es mir nicht mehr leisten, anderen Menschen nicht zu sagen, dass sie mich möglicherweise an Verabredungen erinnern müssen, um die ich selbst gebeten habe. Ich muss darum bitten, dass sie mich an meine eigenen Vorhaben erinnern. Ich kann nicht mehr so tun, als bräuchte ich keinen graphischen Ablaufplan für meine Tagesstruktur. Keine Timer für mentale Gleiswechsel. Als wäre Alltag nicht die harte Arbeit, die Alltag für mich ist.

Diese Angewiesenheit ist ein unfassbar starker Trigger für mich.
Dieses ständige Verschleiern und Verharmlosen meiner Kompensationsleistung gehört schon immer zu meinem Leben. Die Unaufrichtigkeit, die damit einhergeht, ist dermaßen groß, dass wirklich gar kein Mensch, mich selbst, eingeschlossen, auch nur im Ansatz ahnen kann, wie ich bin, leiste ich sie nicht.
Krisensituationen oder krisenhafte Phasen wie jetzt sind entsprechend immer multifaktoriell. Da gibt es die Notwendigkeit der mentalen und psychischen Regeneration, die am besten mit körperlicher Aktivierung und psychotherapeutisch begleiteter Verarbeitung erreichbar ist – beides erfordert jedoch Kompensationsleistung, für die eine erhebliche Menge mentaler Kraft notwendig ist. Man wird ja nicht in die Schwimmhalle gebeamt. Da ist es nicht still. Man muss den Schrankcoin bekommen. Man muss sich umziehen. Das Wasser ist nass. Man spürt es überall am Körper. Damit der Sport psychisch aktiv wirkt, braucht es eine gewisse Anstrengung über mindestens 20 Minuten. Das Wasser rinnt in Tropfen über die Haut, wenn man rausgeht. Da sind andere Menschen. Man muss sich wieder umziehen. Nach Hause fahren … Das Gleiche bei der Therapie. – Diese so wichtigen Ressourcen erfordern von mir Ressourcen und die Leistung, sie zielgerichtet und effizient einzusetzen. Kann ich diese Leistung nicht erbringen, brauche ich Menschen, die mir helfen. Und da sitzt ein Trauma, das mehr Kontinuität hat als jede Misshandlungserfahrung in meinem Leben.
Ich sage Menschen nie, wobei ich wirklich Hilfe brauche. Ich sage, dass ich welche brauche und versuche dann herauszufinden, was sie mir (ohne Gegenleistung) anbieten wollen. Und damit arbeite ich dann. Ich halte mich fern von ihnen als Person, kläre Abhängigkeiten und Konsequenzen und tue im Zweifel auch so, als ob selbst die Dinge, die überhaupt nicht helfen, total helfen würden. Diese „besser als nichts“-Strategie ist total dumm. Und besser als nichts. Und Kontakt.
Die typische Gleichzeitigkeit von Vermeidung und Konfrontation, Funktion und Freeze.

Und so merkwürdig und kontraintuitiv wie das auch klingen mag: Das ist ein Fortschritt.
Weil ich es so mache, dissoziiere ich nicht mehr komplett, sondern spezifisch in Krisenphasen. Ich bin nicht mehr innerlich komplett kaltgestellt, weiß nichts, fühle nichts, will nichts, brauche nichts außer Abschaltung und Fremdbestimmung. Ich weiß, was ich wann wieso und wo fühlen müsste und passe mein Verhalten entsprechend an. Ich weiß, was ich üblicherweise wollen würde, bräuchte und worum ich mich kümmern muss, um sicher und in Kontakt zu sein, und konzentriere mich darauf.
Ich habe gerade keine Ahnung über mein Innenleben. Wer was wie findet, fühlt, einordnet, dies das. Das heißt, dass ich kein psychisches Feedback darüber bekomme, was meine Verhaltensanpassung und meine Konzentration für mich selbst bedeutet oder in mir auslöst. Aber ich weiß, was ich tue. Wofür ich es tue. Wann und wie ich es tue. Ich kann mir ein Protokoll anlegen, mich selbst beobachten und über diese Beobachtungsdaten nachvollziehen, wann wieder psychisches Feedback kommt. Und in welcher Form.
Das bedeutet: Ich bin jetzt, an dem Punkt, an dem man mich vor gut 20 Jahren verortet hat, was meinen Grad der Beeinträchtigung durch meine dissoziative Störung betrifft. Was, soweit ich das aus Klinikberichten von anderen Menschen mit DIS entnehme, bis heute so als Standard vorausgesetzt wird.

Ich muss diese Krise nicht „einfach überleben“. Jetzt kann ich tatsächlich anwenden, was in Selbsthilfebüchern steht. Und aus meinen Erfahrungen lernen.

*

Es hilft mir gerade, das alles aufzuschreiben.
Ich fürchte im Moment oft, dass meine ganze Anstrengung für alles, was mir in den letzten 14 Jahren wichtig war, umsonst gewesen ist. Dass ich mir was vorgemacht habe. Dass ich nichts davon schaffe. Dass meine Entscheidung für das Leben lächerlich, anmaßend und letztlich nur Ausdruck dessen war, was an mir das Abstoßendste ist.
Ich denke gerade oft so, als hätte sich in den letzten Jahren an mir selbst und meinen Möglichkeiten überhaupt nichts verändert. Als hätte ich meine Therapeutin für nichts und wieder nichts angestrengt, Strukturen beansprucht, ohne ihnen etwas zurückzugeben, mich in diese Welt gebohrt, obwohl ich doch ganz sicher weiß, dass sie mich nicht haben will.

In Wahrheit ist die Welt, das Universum, der Lauf der Dinge voll von Dingen, die ungewollt sind. Sie gehören dazu. Genauso wie die Leute, die nicht aus allem, was ihnen gegeben wird, etwas machen, das direkt wieder zurückfließen kann. Meine Therapeutin hätte sich auch für andere Menschen so angestrengt wie für mich. Ich habe Fortschritte gemacht. Ich habe die gleichen Wünsche ans Leben wie die meisten anderen Menschen auch. Manchmal ist es Glück, manchmal ist es Zufall, nur selten ist es ein komplett eigener Verdienst, dass sie sich erfüllen.
Ich muss nicht einfach irgendwie durch und weiter und nochmal und weiter und nicht nachlassen.

Ich kann hier sitzen, mit Bubis ruhigem Schlafatmen im Rücken, in der unaufgeregten Ländlichkeit um unser Haus herum und wissen, dass ichs aufgeschrieben hab. Dass da jetzt Worte sind statt wirre Impulse, die sich dann und wann zu Gedanken formen. Kann mich kurz darauf konzentrieren, dass mich das beruhigt. Ich muss diese Arbeit nicht nochmal machen. Sie steht hier. Ich kann den Link teilen und damit etwas von mir selbst. Ich kann damit Kontakt herstellen.