Vermeidungsroutinen, Zwang und Teilhabe

Wir haben eine neue Podcast-Episode mit Vielfalt aufgenommen. Über Routinen. Und die Kluft zwischen dem „von Routinen gemacht werden“ und dem „selber machen von Routinen“.
Dabei haben wir etwas vergessen. Oder wir sind es übergangen, weil es vielleicht auch selbstverletzendes Verhalten ist. Oder nur meine Weirdness. Die Übergänge sind da vielleicht fließend.
Es geht um den Komplex, sich selber in Routinen zu zwingen.
Ganz vergessen hatte ich es nicht – man hört mich sagen, dass ich Routinen habe, um Lücken zu haben. Freiräume vielleicht. Nicht gesagt, aber gedacht habe ich: Um teilhaben zu können. Um mitmachen zu können.
Gesagt habe ich auch etwas von Kraft durch Routinen. Auch schon in der „Was helfen könnte“-Episode über Routinen.

Die meisten Dinge, um die ich Routinen aufgebaut habe, schaffe ich heute, weil ich mich in sie hinein gezwungen habe. Ich habe mich in die Aktivitäten gewissermaßen „hineingelitten“ und ja, mir ist klar, wie das klingt. Obwohl ich hier Reizwörter wie „Zwang“ und „Leiden“ verwende, geht es dabei nicht auch um Strafen und Verletzung, sondern darum, dass ich nicht schmerzlos in mein Alltagsfunktionieren gekommen bin. Und mich auch nicht leidfrei darin bewegen kann, wenn ich keine Strukturen, Ordnungen, Routinen darin habe.

Routinen sind hilfreich bei der Verkörperung von Abläufen. Sind Handlungsabläufe im Körpergedächtnis angekommen, braucht es weniger bewusste Konzentration auf ihre Ausführung. Das ist ein Segen, wenn man ein Oberstübchen hat, in dem alles immer gleichzeitig prozessiert wird. Ohne Filter, ohne Priorität. Horizontal.
Der Unterschied zwischen einer absolut offenen Situation, in der alles Mögliche auf alle möglichen Arten passieren kann und einer, in der durch Verkörperung oder eindeutige Vorgaben eine Art roter Faden erkennbar ist, entsteht nicht nur durch die Limitierung dessen, was prozessiert werden muss. Es geht auch um Kraftaufwände, um Angstquellen, um Reproduzier- und Übertragbarkeit auf andere Lebenssituationen. Mit jedem roten Faden mehr, den ich mir antrainiere und als Routine ins Leben sticke, erweitert sich der Raum, in dem ich teilhaben kann. Für mich war das schon immer eindeutig gut. Hilfreich. Nützlich. Meine einzige Chance.

In meinem ersten Klinikbericht aus der KJP stand, ich hätte eine anankastische, also zwanghafte, Persönlichkeitsstörung. Wenn man das googelt, wird ein Bild angezeigt, auf dem eine Person mit einer kleinen Schere eine Hecke beschneidet. Denn so wird Zwang gedacht. Entweder wird jemand von jemandem oder etwas um den eigenen Willen gebracht und ist ein maximal ausgeliefertes Häschen oder jemand ist völlig gaga und hantiert ohne Handschuhe aber in tadellos hellem Hemd mit ungeeignetem Gerät an Büschen herum, weil darum.
Zwang wird als Mittel der Mächtigen wahrgenommen. Als Werkzeug der Kontrolle, als Trittbrett zur Limitierung von Potenzialen und damit Verlust. Wertminderung vielleicht sogar. Die meisten Menschen, die sich mit Zwang konfrontiert sehen, lehnen ihn ab, weil er sie in ihrem Gespür für sich selbst und die eigenen Möglichkeiten bedroht. Eine nachvollziehbare Haltung, wenn man jederzeit und immer einfach alles machen kann, was man will. Jeder Eingriff, jede Ordnung und Struktur von außen kann dann nur als potenzieller Angriff wahrgenommen werden.
Ich fühle diesen Angriff nicht.
Mir helfen äußere Strukturen, um überhaupt erst einmal in die Lage versetzt zu werden, Kontrolle über mich zu empfinden. Sie helfen mir, meine Wahrnehmung und Verarbeitung eindeutiger einordnen zu können. Also überhaupt erst einmal zu wissen, was bei mir gerade passiert. Was ich da eigentlich fühle, denke, bearbeite. Was ich will, was zu entscheiden ist, worum es sich handelt, womit ich konfrontiert bin. Welches Wissen ich worauf anwenden könnte.

An der Stelle halte ich es für wichtig, autistisches Funktionieren und Traumafolgen als getrennt zu begreifen. Denn ich scanne mich nicht darauf, ob ich Gefährliches wahrnehme. Ob ich Gefährliches will. Ob ich empfinden darf, was ich empfinde oder nicht. Ob mein Leben (wieder) in Gefahr ist oder nicht. Ich versuche mir ein Bild zu machen, um auf Gefährliches scannen zu können. Zu verstehen, was gerade passiert. In aller Regel bin ich also einen Schritt hinter den meisten Menschen. Sie stehen in einer Situation, brauchen zwei, drei Hinweise und haben eine Idee. Ich bin in einer Situation und fühle mich mit 10, 15, 20 Hinweisen bombardiert, von denen die meisten mehrere Dinge bedeuten könnten, sich aber häufig als etwas entpuppen, das von der (sozialen) Umwelt als irrelevant vernachlässigt wird, ohne es deutlich zu machen.
Das führt dazu, dass ich mich – speziell in neuen Situationen – häufig noch ohne jeden freien Willen orientiere, weil ich noch keinen Bezug zu mir herstellen konnte. Weder den Bezug der Dinge in der Situation, noch den Bezug der Situation zu mir, noch den Bezug meiner Reaktion in dieser Situation oder auf die Dinge in dieser Situation. Komplizierter Satz. Meint: Alles ist fragmentiert. Nichts hängt zusammen. Kein roter Faden. Keine Orientierung möglich. Und deshalb auch: keine Kontrolle

Erst an der Stelle kommt die Traumafolge hinzu. Keine Kontrolle zu haben, ist ein Kernelement jeden Traumas. Es ist ein Trigger für Selbstschutzverhalten, sich ohne Kontrolle zu fühlen. Selbstschutzverhalten hat viele Gesichter. Bei manchen Menschen ist der Selbstschutz ein Zwangskorsett. Die Idee, bestimmtes Verhalten führe zu bestimmten Situationen und ohne dieses Verhalten gäbe es keine Kontrolle und dementsprechend keine Sicherheit. Sie fühlen sich gut, weil sie sich ihrer Kontrolle bewusst sein können. Sie sind irgendwann gezwungen, sich so zu verhalten, dass sie kontrollierbare Situationen produzieren. Ein Kreislauf beginnt.
Mein Selbstschutz ist in den meisten Fällen Masking. Unauffällige soziale Skripte. Und chronische Dissoziation, die ich zunehmend gezielt nicht auflöse. Mein Kontrollbereich nur der, ob und wenn ja, wie vorbereitet ich mich auf neue Situationen einlasse.

Ich habe ausgeklügelte Vermeidungsroutinen entwickelt, um meine fehlende Selbstkontrolle zu kompensieren. Selbstkontrolle meint hier nicht mein Verhalten, sondern mein Selbst. Meine Wahrnehmung. Mein Oberstübchen, meinen Körper. Ich weiß, wann ich überreize, also meide ich Situationen, in denen es passiert. Ich weiß inzwischen, dass ich nicht zu oft vermeiden darf, weil meine Empfindlichkeit größer wird, je mehr Reize ich vermeide. Ich weiß, was mich wann wie triggert, also meide ich es – oder nehme den Trigger hin, wenn ich weiß, dass mir genug Frei_Raum bleibt, um mich zu regulieren. Und ich weiß inzwischen, was mir hilft mich zu regulieren – und dass dies aber auch bedeuten kann, dass ich mich stimulieren (reizen) muss.

Ich habe mich viele Jahre damit gequält, mein Verhalten zu verändern, damit man mich nicht als zwanghaft liest. Perfektionistisch, das Umfeld manipulierend, gaga weil darum. Mit Schere an der Buchsbaumkugel.
Oder irritierend. Krank. Behindert. Falsch. Schlecht. Minderwertig. Weil nicht unter Kontrolle.
Vermeidungsroutinen waren und sind bis heute mein sweet spot in diesem unmöglichen Dilemma. Ich brauche nicht viel Kraft auf meinen Selbstschutz und allgemein nötige Handlungen verbrauchen, weil ich Routine darin habe – und solange ich niemandem verrate, wie umfassend unfähig ich zur Teilnahme, aber auch zur Teilgabe bin, wenn ich sie nicht aufrechterhalte, weiß auch niemand, wie behindert ich im Alltag tatsächlich bin.

Ein Nachteil daran ist natürlich, dass so auch niemand weiß, wie anstrengend neue Tätigkeiten für mich sind. Lange nicht einmal ich selbst.
Mir ist es zuletzt wieder beim Aufbau der Schwimm-Routine aufgefallen. In die ich mich reingezwungen habe, um ganz normal mit dem Partner schwimmen gehen zu können, weil das sein Sport ist – und für mich Triggerhölle und Überreizungsmoment deluxe.
Heute ist es Triggerhölle, Überreizungsmoment deluxe und eine Kraftquelle, weil Endorphin einfach ein geiler Stoff ist und beim Sport ausgeschüttet wird.
Ich könnte auch sagen, dass ich mich in diese Routine hineinargumentiert habe. Oder hineinmotiviert. Schließlich gibt es viele Vorteile für mich. Und wo soll das Zwangsmoment liegen? Es liegt im sozialen Imperativ an ein normales Verhalten und seine Aus_Wirkung auf mich.
Ich gehe nicht als ganze, unbeschädigte, freie Person schwimmen. Ich gehe dissoziiert, von Triggern in verletzte Selbstzustände gestoßene Person dahin, ohne das ändern zu können, wie ich lustig bin. So bin ich, das ist mein Er_Leben und wenn ich mich nicht dazu zwinge trotz alledem und alledem die Handlung auszuführen, dann kann ich sie auch nicht ausführen. Dann ist nichts mit Sport im Winter, Option auf gemeinsame Aktivität, bei der ich genug Energie habe, um die Freude am Zusammensein mit dem Partner wenigstens kognitiv zu erfassen … irgendetwas anderes zu erleben als Arbeit zu Hause und Hunderunde im Wald.

Dieses Leben nach der Gewalt wie auch dieses mein autistisches Leben würde nicht so funktional laufen – ja hätte vielleicht auch nie anfangen können, wenn ich mich nie zu irgendwelchen Dingen gezwungen hätte oder von den sozialen Konsequenzen der Ausgrenzung hätte zwingen lassen.
Das ist keine sexy Aussage, weil man heute lieber mit Konsens und ohne Gewalt in die Selbstfürsorge leiten möchte, aber so funktioniert es bei mir in der Regel nicht. Ich kann nicht jahrelang auf inneren Konsens warten; habe nicht genug Therapie und sonstig bewusstes Umfeld, um die Alltagsgewalt, mit der ich als behinderte Person umgehen muss, so zu transformieren, dass meine Teilhabe nicht ständig von meiner Bereitschaft mich selbst zu beschneiden abhängt.

Und es ist eine belastende Aussage für mein direktes Umfeld. Denn ich weiß jetzt schon beim Schreiben, dass einige davon überrascht sind. Was so schlimm? Echt? (Das sieht man dir gar nicht an) Lass das doch!
Ja, es ist so wie es ist. Manchmal ist es auch schlimm. Meistens dissoziiere ich selber den Schlimmfaktor, um handlungsfähig zu bleiben. Ja, ich könnts lassen. Wär aber scheiße vong Lebensqualität her. Ich bin nicht ausgestiegen und seit tausend Jahren in Therapie, um ich zu sein oder zu werden, sondern um in diesem Leben zu bestehen. Und zwar so, dass ich oft genug ich selbst sein kann, um mich zu fühlen – und meine Lebensentscheidungen in Kongruenz damit zu fällen. Das ist Selbstbestimmung. Freiheitspraxis. Und die Freiheit komplex traumatisierter autistischer Menschen sieht nun einmal genau so aus: „Entweder du verstümmelst dich, um dazuzugehören oder nicht. Und wenn nicht, dann bleibst du draußen.“

Für die meisten komplex traumatisierten Menschen ergibt es Sinn, einen Appell an die Umwelt zu richten, damit sie sich in ihrem Leiden nicht ständig verbergen und verbiegen müssen.
Für mich noch nicht.
Warum beschreibe ich irgendwann mal in einem anderen Text.

das Helfertrauma – die Wiederholung

„Wer ein Trauma nicht realisiert, ist gezwungen, es zu wiederholen oder zu reinszenieren.“ Das soll Pierre Janet vor 120 Jahren gesagt haben. Er gilt als einer der ersten Traumaforscher, deshalb kenne ich dieses Zitat. Es wird oft dort eingeschoben, wo es um die Notwendigkeit von Traumatherapie oder das generelle Interesse für die Thematik geht. Oft funktioniert es deshalb als Warnung. „Achtung, Achtung, wenn dir diese Story von Kontrollverlust und einer Lebensqualität wie trocken Brot nicht reicht, um dich damit zu befassen, dann hier die Drohung, dass du es dir immer wieder selbst antust.“

Als ich diese Woche die Praxis für Autismustherapie verließ, dachte ich an das Zitat und darüber nach, ob ich mit der Autismustherapie aufhören muss. Denn wieder hat sich mein Helferding wiederholt. Nicht in der schlimmsten Ausprägung und auch nicht mit großem Schaden, aber doch einem Schaden. Für mich. In mir. Weil es inzwischen nicht erst weh tut, wenn es im schlimmsten passiert, sondern bereits wenn klar ist: Wir sind mittendrin und ich muss genau jetzt entweder abbrechen oder immer wieder verweigern. Grenzen ziehen. Verantwortlichkeiten einhalten, ablehnen, beworten. Hoffen, dass sich diesmal ein Weg auftut. Wissen, dass sich bisher erst ein Mal ein Weg aufgetan hat. Das eine Mal von vielleicht hundert Malen.

Während ich darüber nachdachte, wie ich das konkret tun könnte, bemerkte ich, dass auch das zu meiner Schleife gehört.
Jetzt sitze ich da, bin irgendwie verletzt davon, was im Miteinander passiert – sage, was da passiert und dass ich das so nicht möchte – und fange an, mir zu überlegen, wie ich es nicht wiederhole. Obwohl von Anfang an nicht ich dafür gesorgt habe, dass sich etwas wiederholt. Ich war einfach so da wie ich bin. Habe gedacht, wie ich denke, mich ausgedrückt, wie ich es tue und wieder wurde mir gesagt, dass meine Art zu Denken sehr viel sehr komplex sei. Dass man das nicht lange durchhalten kann, wenn man versucht mitzukommen. Und irgendwo darin erwähnt, ob ich wohl den Anspruch habe, dass man mir, wenn schon nicht gleich, so doch wenigstens ähnlich komplex begegnet.

Es ist also wieder das Thema Komplexität, zu viel (~intelligent~) sein, Vermeidung von Überforderung, Vermeidung der tatsächlichen Themen aus Sorge zu überfordern, zu wenig Hilfreiches zurückzubekommen und dem Problem nicht immer genug Kraft dafür zu haben, auf das Gegenüber warten zu können.
Und im Anschluss das innere Verbot, an der helfenden Person zu zweifeln, denn die kann ja auch nichts dafür. Niemand kann etwas dafür. Nie. Ich bin die Komponente, die sich in den Kontakt begeben hat, um etwas zu verändern. Also muss ich mich verdammt nochmal endlich auch verändern, warum mache ich mich dann nicht einfach anders.

Ich weiß nicht, ob mein Fehler ist, wiederholt nach Gegenübern zu suchen, die mich in meiner Auseinandersetzung begleiten und mir helfen, Lösungen für die Probleme zu finden, die ich alleine nicht erschaffen kann. In meiner Traumalogik ist es jedenfalls so.
Ich brauche niemanden, die_r mir nicht entgegen_wachsen will und die halbe Zeit damit kämpft, sich in meiner Anwesenheit weder dumm noch unterkomplex urteilend oder möglicherweise zu wenig Hilfreiches wissend zu fühlen, weil sie_r einfach nicht glaubt, dass diese Ebene im Kontakt für mich nicht relevant ist.
Ich brauche jemand, die_r sich erst einmal auf meine Probleme konzentriert. Nicht auf mich, nicht auf sich – auf das Problem. Und erst dann von mir aus auch auf mich in dem Problem und auf sich bei all dem.

Ich fürchte, dass ich mein Helfertrauma nie mehr realisieren kann, als ich es bisher geschafft habe.
Die Realität ist, dass ich zu komplex denke, zu viel aufnehme und deshalb immer viel ist, was mich beschäftigt oder vor Probleme stellt.
Die Realität ist, dass sich die meisten Menschen, gegen Komplexität entscheiden oder gar nicht erst begreifen können.
Die Realität ist, dass ich deshalb keine Hilfe bekomme, auch wenn ich es mit Leuten zu tun habe, die mir wirklich aufrichtig bemüht und angestrengt helfen wollen.
Die Realität ist, dass dies wiederum allein mein Problem ist und bleibt und bleibt und bleibt – weil die Lösungsfindung eine zu komplexe Angelegenheit ist.

Es ist die Hölle.
Ernsthaft.

15 Jahre nach dem Ausstieg

Der Krieg hat etwas in mir verschoben.
Erst kam die Starre, dann die Bilder, die Albträume, die Schmerzen. Seit Monaten gehören Schmerztabletten zu meinen Mahlzeiten wie eine unverzichtbare Zutat.
Es ist das 15. Jahr nach meinem Ausstieg und ich bin auf eine Art mit Überzeugungen und Ängsten geflutet, wie noch nie zuvor.
Was auch immer sich verschoben hat, es hat rohes Fleisch offengelegt.

Situationen wie diese gehören dazu. Zum Leben und besonders zum Leben nach dem Ausstieg. Zumindest habe ich es so oft bei anderen Vielen mit_erlebt, dass ich es kaum getrennt voneinander denken kann.
Bei mir ist es einfach nicht so gewesen. Vor 5 Jahren nicht und auch nicht in den Jahren davor.

Ich hatte immer nur die BÄÄMS. Die Schreihälse, die mir ihren Hass entgegenbrüllen oder subtil ins Denken injizieren. Die immer wissen, was ich falsch mache, was ich nicht darf und was einfach nicht mein Ernst sein kann. Wegen der Lächerlichkeit.
Die Dunkelbunten sind nur Theorie. Irgendwie bis heute. Obwohl ich merke, was sie da machen. Was sie in mir bewirken und an wem. Jetzt, wo so viel frei liegt, dass es weh tut. Obwohl ich weiß, dass täter_innenloyale und täter_innenidentifizierte Innens nicht das gleiche wie „destruktive Innens“ sind. Jedenfalls nicht in unserem Systemkomplex.

15 Jahre nach dem Ausstieg wollte ich einen super inspirierenden Beitrag schreiben, der Kraft gibt, Hoffnung schöpfen lässt, der andere Betroffene in ihrem Ausgestiegensein bestärkt.
Und jetzt sitze ich hier, muss anerkennen, dass wir weiterhin nicht den inneren Ausstieg geschafft haben und mit Schwierigkeiten kämpfen, die in unserer heutigen Situation doch eigentlich leicht zu bewältigen sein müssten. Wir haben alles, was man dazu braucht -Therapie, sichere Bindung, stabiles Leben, Arbeit, Selbst_Bewusstsein, viele Skills und noch mehr Prozesserfahrung – und trotzdem. Nein, es ist nicht leicht. Es ist kein Zustand aktiven Tuns, sondern einer von Aus_Halten und hoffen, dass die Therapeutin weiß (und mir sagt), was ich jetzt wie tun oder überlegen könnte, um zu verstehen. Oder so.
Vielleicht gibt es nichts zu verstehen. Ich habe keine Ahnung.

Ich bin frustriert darüber, dass ich nur meine Therapeutin habe – und also nur diese anderthalb Stunden alle zwei Wochen – um die Möglichkeit des Versuchs etwas von all dem mitzu.teilen überhaupt anbahnen zu können. So wütend, ungeduldig, manchmal grenzenlos hasserfüllt darüber, dass ich nicht einfach damit rauskomme. Obwohl ich mir doch alles genau dafür vorbereitet habe. Doch alles frei ist. Da ist kein Hindernis, gar nichts. ES bleibt wortlos. DAS DA Emotion ohne Kanal. Meistens das weiße Nichts, das ich als „das Inmitten“ (in mir) kenne. Ein zentrierter Punkt, in dem alles so krass ist, dass es nichts, alles, einfach nur ist.

Neu ist das Gefühl der Enttäuschung.
Vor 20 Jahren hat sich nur meine Ärztin getraut überhaupt anzunehmen, dass ich organisierte Gewalt erfuhr, vor 15 Jahren musste ich den Ausstieg alleine machen, weil niemand verstanden (oder geglaubt) hat und heute gibt es immer noch weder (bedarfsgerechte) Ausstiegshilfen, noch geschützte Räume zur aktiven Auseinandersetzung für Menschen in meiner Situation.
Da haben sich Behandler_innen jahrelang den Mund fusselig geredet, wurden Konferenzen und Fachtagungen gemacht, haben sich Betroffene bei YouTube präsentiert und in Blogs offenbart – da wurden „wir“ vom Staat gehört, der eine fancy Broschüre hat drucken lassen und, was ist davon jetzt hier und heute wirklich nutzbar? Es gibt weiter keine Kliniken, weiter keine Hilfsangebote, die über oberflächliche Beratung und allgemeines Eiei hinausgehen. Ausstieg ist ein individueller Prozess, der direkt und persönlich begleitet werden muss. Lange. Oft. Bedingungslos. Bedarfsgerecht.
Was es jetzt gibt, ist nicht genug und das ist eine bittere Erkenntnis, wenn man wie ich einen großen Zeitraum zu Vergleich hat, in dem bereits so viel mehr als vorher passiert ist.

Dass es mich enttäuscht, ist neu. Vielleicht, weil ich heute überhaupt erwarte. Vielleicht, weil ich nicht durchschauen kann, warum sich da einfach nicht mehr, nichts Konkreteres tut. Warum ist diese Gesellschaft einfach so grundsätzlich ok damit, dass Menschen leiden?
Sind wir selber schuld? Ist es die Idee von Sichtbarkeit, die sich als irrig entpuppt? Sagen was ist und drauf verlassen, dass es niemand so belassen will – scheinbar wollen es genug Leute doch so belassen. Was bedeutet das in Bezug auf den Stellenwert meines Leidens? Vielleicht leide ich gar nicht.

15 Jahre danach wollte ich weiter sein. Klarer.
Aber nein. Nichts ist klar. Ich bin nur weiter.
Wo, das muss ich noch mehr verstehen.

Rezension: „Mit dissoziativer Identität leben und Traumapädagogin werden“ von May-Lo

Buchcover von Mit dissoziativer Identität leben und Traumapädagogin werden von May-Lonah dran

Einen Erfahrungsbericht einer Person mit DIS, während einer pädagogischen Ausbildung – das hat es so noch nicht gegeben.
May-Lo nimmt die Lesenden mit in ihre Auseinandersetzung, die von einer Fortbildung zur Traumapädagogin ausgelöst wurde. Vom Erkennen des Wieder_Erinnerns zur Re_orientierung in einer Gegenwart als Mutter, Begleitende, Funktionierende nach organisierter Ritueller Gewalt, stellt die Autorin viel Nähe her.

diffuse Prozesse – klare Worte

Eine klare Sprache inmitten uneindeutiger Kontexte, unverbundener Bindungen und zuweilen scheinbar ziellosem Vorwärts, trägt hier über 168 Seiten. Es gibt keine nachgezeichnete Struktur dessen, was die Autorin prozessiert. Was sie zu halten scheint und als einzige Richtschnur der Leser_innen dient, ist die Gegenwart. Das Jetzt und der nächstmögliche Schritt.
Ein intensives Er_Leben nach Erfahrungen, die markiert durch eine kleine Grafik, immer wieder gleichsam und umfassend intensiv wirken.

Sein und Werden

Das Ende ist ein Anfang. Ein neuer, ein alter, man erfährt es nicht.
Geht es um eine Befreiung? Haben wir hier die Story mit dem Weg ins Licht, die Freiheit, der Opferschaft weit hinter sich und Ruhe in Frieden zum Greifen nah? – Das bleibt offen und ist meiner Meinung nach das Beste am ganzen Buch.
Denn definitiv gibt es keine Selbstabwertung aufgrund der eigenen Erfahrungen, der Ängste, der Kämpfe, der Belastungen. Es gibt einen berechtigten Stolz auf geschafftes und angeeignetes und eine wie freiwillig auch immer hergestellte Anerkennung dessen was ist. Sowohl des eigenen Seins jetzt als auch des Werdens in Zukunft.

Alles das macht „Mit dissoziativer Identität leben und Traumapädagogin werden“ zu einem Buch, das den Blick auf Menschen mit DIS erweitern, die eigenen Vor_Urteile und Ideen von Traumaarbeit jedoch auch konfrontieren kann.
Hier sehe ich die Rahmung des Manuskripts vom Verlag einigermaßen misslungen. Da konkrete methodische Struktur und Einordnung fehlt, ist dieses Buch kaum Menschen zu empfehlen, die noch keine Vorkenntnisse über dissoziatives Erleben und/oder organisierte Rituelle Gewalt haben. Auch ist fraglich, ob es der Intention der Autorin gerecht wird, wenn man ihre Erzählung als etwas hernimmt, um „die traurige Realität“ von sexualisierter Gewalt sichtbar zu machen.

Für Betroffene, die erfahren wollen, wie eine andere Person mit DIS mit sich arbeitet, um an sich arbeiten zu können, ist es hingegen von besonderem Wert.

„Mit dissoziativer Identität leben und Traumapädagogin werden“ von May-Lo ist am 1. April im Asanger Verlag erschienen und kostet 19,80 €.
Die Autorin twittert unter dem Handle @kurzvorlila

 

a puzzling condition – #AutismAcceptanceMonth

Autismus als rätselhafter Zustand – so hat man sich das damals gedacht. 1963, bei der National Autistic Society. A puzzling condition [1], ein Rätsel an alle, das sich nur Teilen erfassen, verstehen, verbinden lässt.
Später kam die Schleife dazu. Wegen der Hoffnung.[2] Irgendwie.
Und dann – wozu das Rad neu erfinden – hat Autism Speaks das blaue Puzzleteil für die Verbreitung seiner speziellen Auffassung von Autismus benutzt und tut das noch immer.[3]
Heute gehört es zum Ritus des #AutismAcceptanceMonth, das Puzzleteil abzulehnen und möglichst vielen Menschen zu sagen, dass an Autismus überhaupt gar nichts „puzzling“ ist, wenn man autistischen Menschen nur endlich zuhört, statt über sie hinweg zu sprechen, zu entscheiden, zu lehren.

Als autistische, komplex traumatisierte Person mit DIS ist das für mich nicht so machbar.
Ich er_lebe dissoziiert. Ich er_lebe meine Umwelt und mich durchaus immer wieder mehr oder weniger stark fragmentiert. Es ist sehr schwer für mich, Verbindungen herzustellen. Ein Großteil dessen, was mich beschäftigt oder bewegt, was mich stört oder auch erfreut, ist mir mehr oder weniger Rätsel und je mehr ich versuche diese Eindrücke in ihrer Rätselhaftigkeit für mich darzustellen, zu erklären und andere Menschen zur Lösung einzubeziehen, desto größer wird die Kluft zwischen meinen Mitmenschen und mir.

Das ist nicht nur der Autismus – ja. Dann verzichte ich vielleicht speziell im April auf diese Metapher, um die Forderungen anderer autistischer Menschen nicht zu untergraben. Aber langfristig kann ich das nicht – und will es auch nicht.
Der K.r.ampf um das Symbol für Autismus – warum führen wir ihn eigentlich noch? Es gibt ein neues – das regenbogenfarbene Unendlichkeitsymbol – warum muss nach seiner Etablierung jetzt noch jedes andere Symbol ausgerottet werden? Warum ein Kampf um Symbole, wenn dem eigentlich ein anderes Ziel zugrunde liegt, nämlich das der Deutungshoheit. Die wollen viele autistische Menschen haben, weil sie glauben, damit viel anfangen zu können, um die Situation für autistische Menschen zu verbessern. Vielleicht stimmt das. Ich hingegen sehe in Deutungshoheit über etwas so vielfältiges wie Autismus eine notwendigerweise zu teilende Macht.

Speziell Autismus bringt stets einen Imperativ an die eigenen kommunikativen und interaktiven Anpassungsfähig- und fertigkeiten mit. Sowohl an nicht autistische Menschen als auch an autistische Menschen. Ein Hauptproblem – des puzzlings Pudels Kern sozusagen – ist doch, dass die einen fordern, dass man ihnen zuhört und die anderen, dass man endlich („angemessen“/“richtig“) mit ihnen spricht.
Es wird nicht gehen, wenn sich nicht beide Seiten aneinander anpassen – nicht beide Seiten versuchen einander zu verstehen.

Ganz klar ist das keine Aufforderung „doch bitte die armen kleinen nicht autistischen Menschis“ auch zu verstehen und nicht ganz so arg bös und radikal fordernd aufzutreten“ – auf keinen Fall!
Es ist eine Aufforderung dazu, nicht autistischen Menschen die Möglichkeit zu geben, sich selbst im Verhalten gegenüber autistischen Menschen und der Mitwelt nicht nur zu verstehen, sondern auch zu begreifen – und andersherum die Aufforderung an nicht autistische Menschen, dafür zu sorgen, dass autistische Menschen sich selbst im Verhalten gegenüber nicht autistischen Menschen und ihrer Mitwelt nicht nur verstehen, sondern auch begreifen können.

Für mich ist die Kommunikation und Interaktion mit anderen Menschen in nur 10 bis 15 Prozent der Fälle kein potemkinsches Dorf. Keine Fassade, die mich schützt, kein reflexhaft hochgehaltenes Schild aus meinen verbalen Skripten und antrainierten Sozialperformances. Es ist mir ein Rätsel, was ich neben dem, was ich sagen will, noch sage, wenn ich etwas sage – ich rate aus Antworten, ich habe so gut wie nie den festen Boden der Eindeutigkeit unter mir, sobald ich mich nicht schriftlich mit anderen Menschen befasse.
Und ja, das und mehr ist puzzling. Vielleicht bin ich für andere Menschen manchmal puzzling. Und ja, für manche Menschen war dieser Umstand auch Anlass mich schlecht zu behandeln oder über meinen Willen hinweg zu entscheiden oder an meiner statt zu sprechen. Mein Sein nicht als rätselhaft, sondern als Varianz zu sehen, würde daran in unserer Gesellschaft, mit unseren Erwartungen und daraus entstandenen Normen kaum etwas verändern.
Es verändert etwas anderes und darauf möchte ich mich in den nächsten Jahren konzentrieren – Mystizismus um autistische (komplex traumatisierte) Menschen. Denn rund um Autismus gibt es diese ganz ähnliche Basis für zuweilen missbräuchliches Verhalten, wie es das bei der DIS auch heute noch in manchen sozialen Bubbles gibt: Weil es noch nicht für alles wissenschaftliche Belege gibt, wird alles als möglich angenommen. Und anekdotische Evidenz wird auf einer Ebene wie wissenschaftliche Evidenz akzeptiert.
Im Kontext „Autismus“ findet sich das sehr viel in Bezug auf Heilung – bei der DIS sehr viel in Bezug auf die Entstehung bzw. das konkrete Herstellen einer DIS, aber auch die Unterschiedlichkeit der dissoziativen Selbstzustände (Innens, Innenpersonen, Anteile) und ihre Fähigkeiten.

Dabei gibt es heute sehr wohl sehr elaborierte Studien und enorm viel Sachwissen – es ist einfach nur unfassbar exklusiv.
Es wird nicht frei zur Verfügung gestellt, es wird nicht barrierefrei vermittelt, es wird zum Teil fachlich falsch vermittelt und es gibt bis heute weder einheitliche Behandlungsstandards noch werden die Behandelten in die Erstellung von Qualitätskriterien und Strukturen der Qualitätssicherung einbezogen.
Hinzu kommt, dass vor all dem Wissen und damit ja auch Begreifen von sich selbst, eine Diagnose stehen muss. Obwohl allen naturwissenschaftlich gebildeten Menschen klar sein sollte, wie unsinnig es ist, natürliche Varianz mit Mitteln der Pathologie zu ordnen bzw. zu behandeln – auch wenn sie nicht angeboren ist, wie im Fall der DIS.

Ich selbst versuche, mich als Forscher_in zu verstehen. Das erscheint mir nur logisch, denn wer sonst befasst sich mit Rätseln ohne sie lösen zu wollen oder von sich zu erwarten, sie (allein) lösen zu können?
Für mich ist diese Haltung wichtig, um meine Akzeptanz mir selbst gegenüber wachsen zu lassen – aber auch, um aus meiner Forschung zu lernen. Ich leite daraus keine Deutungshoheit über Autismus generell ab – aber über mich und die Rätsel, die ich er_lebe.

Wofür

Kleben blieb, dass sie sagte „Vielleicht ist es gut, wenn Sie sich in Erinnerung rufen, wofür sie da raus sind“.
Weil es ein wunder Punkt ist. Etwas, das mir lange das Gefühl gab, ich könne meine Situation nicht mit der von Menschen vergleichen, die aus komplett abgeschlossenen Gemeinschaften oder Gruppen ausgestiegen sind.

Ich bin da nicht raus, weil ich einen Vergleich angestellt habe und fand: „Ja, nee, draußen ist schon besser für mich. Da bin ich frei, Freiheit ist cool, ich will coole Freiheit.“ Am Anfang meines Lebens „draußen“ stand keine Möglichkeit mir aufzuzählen, was ich jetzt alles darf und vorher nicht. Ich durfte immer alles tun oder nicht tun. Die Grenzen unter denen viele Aussteiger_innen aus „high controlling groups“ gelitten haben, habe ich gesucht, habe ich verlangt – ziehe ich mir heute in mein Leben um Halt und Orientierung zu haben. Mein Leben im Kontext organisierter Gewalt war nicht die Hölle und hat sich, was den täglichen Energieaufwand, die Zermürbung, die seelenzerquetschende Inkongruenz zwischen mir und dem Rest der Welt betrifft, ehrlich gesagt nur im Framing des Leidens darunter unterschieden. Jedenfalls soweit ich mich daran erinnere.

Viele sprechen von ihrem Ausstieg als eine Art Ausbruch aus einem Kerker – ich habe viele Jahre nur in einem Hundekäfig schlafen können, weil es der Rahmen war, in dem ich überhaupt Entspannung finden konnte. Ruhe im Kopf, Orientierung in meiner Körperlichkeit, Pause vom ständigen Greifen nach Dingen außerhalb von mir, um mein eigenes Ende zu fühlen.
Ich litt nie unter der Todesangst anderer Aussteiger_innen, die sich mit freiem Willen oder freien Entscheidungen eingestellt hat. Mir hat nie jemand verboten frei zu denken oder frei zu wollen – ich wurde immer nur für falsches Handeln, falsches Wollen umgebracht. Das ist ein Unterschied. Und ja, ich sehe, wie perfide das ist. Wie elaboriert bösartig das ist, gerade weil das außerhalb solcher Kontexte auch passiert.

Ich bin nicht für irgendetwas ausgestiegen und bleibe auch nicht für irgendetwas ausgestiegen. Ich bin wegen etwas ausgestiegen und das ist im Moment ein Problem, weil es sich bedroht anfühlt.

Vor einigen Jahren formulierte ich, dass das Leben immer nur sich selbst für sich selbst will. Weil das so ist.
Mir war klar, dass viele Menschen diese Formulierung nicht verstehen würden, weil sie sich selten, manche auch nie, mit solcherlei in sich geschlossenen, sich selbst brauchenden, selbst befriedigenden, selbst erschaffenden Systemen befassen. Dabei ist daran überhaupt nichts geheimnisvoll oder kompliziert zu verstehen – es ist nicht einmal besonders, sondern vielleicht einfach viel zu naheliegend, um es zu bemerken. Oder auch zu sehr im Widerspruch mit der Norm, in der alles Sinn und Zweck über sich selbst hinaus haben muss, um als etwas behandelt zu werden. Ein Menschenleben zum Beispiel. Oder ein Lebensziel.

Ich wusste, dass ich sterben würde, würde ich in diesen Kontexten bleiben. Entweder durch jemanden, die_r sich nicht genug im Griff hat oder durch mich selbst, weil ich mich nicht genug unter Kontrolle hatte, um mein eigenes Nicht_Handeln vorherzusehen oder zu beeinflussen. Und ich wusste, dass ich lebe. Dass das ein eigener Wert ist. Eine eigene Ressource. Dass ich, um zu leben, am Leben sein muss.
Und dass ich diesem Kontext nicht geben können würde, was er von mir braucht, fordert, erzwingt, wenn ich tot bin.

Mein Ausstieg war also nie die totale Abgrenzung von diesen Leuten und dem, was sie tun oder glauben, sondern das einzige Mittel, dass ich noch hatte, um zu tun, was sie von mir wollten. Es war eine täter_innen- eine kontextloyale Entscheidung.
Keine Umarmung meiner individuellen Freiheit. Keine Selbstermächtigung. Keine heroische Selbstrettung. Keine Entscheidung aus einem wundersam erhalten gebliebenem Körnchen Selbstwert. Ich hatte einfach nur Glück, mit meinen Überlegungen zufällig die eine logische Lücke in dem ganzen Gebilde gefunden zu haben und damit keinen Grund anzunehmen, dass irgendjemand etwas dagegen haben könnte.

Ich habe die Intentionen dieser Menschen nie verstanden. Selbst heute, wenn mir außenstehende Menschen erzählen, ich sei so sehr angelogen worden, sie hätten immer nur ihre eigenen Ziele verfolgt – ich verstehe es nicht. Für mich handelten sie logisch im eigenen Bezugsrahmen. Sie haben mich also nie angelogen. Sie wollen eine bessere Welt möglich machen. Das wollen viele andere Menschen mit anderen Mitteln auch tun. Wo ist also die Lüge? – In jedem anderen Bezugsrahmen, außer dem, in dem es passiert ist.
Zu welchem Bezugsrahmen gehöre ich? In welchem Kontext hat mein Leben nur eine Bedeutung für sich selbst? – Bis jetzt nur in meinem eigenen. Und in dem sind die Bezugsrahmen anderer Menschen und Gruppen für mich eher Räume, die ich vereinzelt betreten darf. Mal nur kurz und für den Zeitraum einer Arbeit oder gemeinsamen Tätigkeit – und mal über Jahre hinweg, sodass ich das Gefühl habe, ich gehöre dazu, dürfte Wurzeln schlagen und mich verbinden, obwohl ich weiß, dass Verbindung nicht das gleiche wie Verschmelzung ist.

Und das ist das einzige, das mich heute trägt. Dass ich weiß, dass selbst, wenn wir wieder zurückgehen, um das im Moment praktisch 24/7 in mir hallende Schreien, die Todesangst, die Albträume, dieses fahrig zittrige Greifen nach Halt zu beenden, es nicht bedeuten würde, einen Bezugsrahmen zu betreten, mit dem wir 1 zu 1 verschmelzen würden.

Es wäre alles anders und alles gleich.
Wozu also der Aufwand.

der Himmel ist über den Lebenden

Der Himmel beginnt, wo die Erde aufhört. Kannst du das fühlen?
Wie deine Füße die Erde berühren, aber nicht die Erde sind.
Wo du dich mit dem Planeten verbindest, ohne ein Teil von ihm zu werden.
Wie leicht es ist, den Kontakt herzustellen.
Du musst nichts Besonderes machen, merkst du das?
Fühl mal, wie das einfach passiert.“

Ich höre ihnen zu. Spüre, wie sie spüren. Wie sie sich der Welt versichern und ineinander halten. „Sie sind frei beweglich“, das hat die Therapeutin stark betont. Ich bin steif und wund. Sitze im Zug nach Hause von einer Stunde, die so schlimm entgleist ist, wie lange nicht mehr. Ich habe keine Angst mehr, aber die Angst hat mich. Schrille Todesangst. So hochfrequent, dass sie kein heftiger Ausschlag ist, keinen Krater schlagend in mir wirkt, sondern wie eine gleißende Schnur alles durchdringt. Alle Energie ist in der Angst. Da ist nichts mehr übrig, um zu sagen: Ich habe Angst. Nichts mehr, um zu weinen, nach jemandem zu greifen, die Augen zu öffnen und Trost in der Omnipräsenz des Himmels und der Schwerkraft zu finden.

Es ist vorbei, sage ich mir am ersten Bahnsteig. Die Therapie. Ich stecke meine Nase in eine der Bäckertüten. Der süße Duft des Brotes krabbelt in mich hinein, bis ich nicht mehr einatmen kann. Als zwei junge Menschen auf mich zukommen, greife ich nach meiner Maske. Fühle die Scham, wie einen Sog in die Tiefe. „Do you speak English?“ Ich nicke und werde zum Streckengeleit. Sie kommen aus der Ukraine. Wollen nach Bremen. Die Bahn hat viele Baustellen und Verspätungen. Wir setzen uns zusammen. Sie sind tief müde, ich blute aus Wunden, die niemand sehen kann, der Zug fährt durch den Sonnenschein.

Auf der letzten Etappe wird eine 3G-Kontrolle angekündigt. Ich frage die beiden Menschen, ob sie die Corona Warnapp kennen, ob sie einen Test gemacht haben oder einen Impfnachweis besitzen. Nein, nein, nein, scheiße. Sie sind Schwarze Menschen. Die Angst, die bei den Worten „checking your verification“ in ihnen hochkriecht, ist ein Sturm, der nur von ihrer Haut bedeckt wird. Ich sage, dass meine Station gleich kommt, dass ich aber bleiben kann, wenn sie meine Unterstützung in der Situation wollen. Sie sagen ja, ich bleibe. Warte. Schreibe an meine Kolleg_innen, ob sie wissen, ob geflüchtete Menschen 3G erfüllen müssen, um zu einer Unterkunft zu kommen. Schreibe dem Partner. Warte. Die Unruhe zieht mich leer, bis ich ins Handeln falle.
Ich laufe den Kontrolleuren in die falsche Richtung entgegen. Der Krach im Zug ist wie ein Meer ohne Oberfläche. Als ich zurückkomme, palavert ein Coronaclown unsinniges Zeug mit einem anderen Coronaclown. Zum ersten Mal seit Pandemiebeginn ist mir so jemand in meiner Umgebung nützlich, denn sie werden sich nicht beschweren, wenn zwei Leute neben ihnen möglicherweise nicht geimpft oder getestet sind.

Und dann läuft alles ganz unspektakulär. Der Kontrolleur schickt seine Sicherheitsleute weiter und sagt mir, dass er eine Ausnahme macht, bevor er, ohne das Wort an die beiden Leute zu richten, weitergeht. Ich übersetze, teile meine Nummer und die Masken, die ich heute nicht mehr brauche. Wir trennen uns an meiner Station, ich wünsche ihnen alles Gute, ohne jede Vorstellung, was das sein könnte.

„Der Himmel ist alles, was du fühlen kannst, wenn du einfach so dastehst.“
„Sterben wir alle?“
„Ja. Und jetzt leben wir, merkst du das?
Der Himmel ist über den Lebenden.“

Grenzen

Die Sonne geht gerade auf, Wolken schleichen um sie herum, am Horizont steht eine Gruppe Wild.
Ich fahre zur Schwimmhalle, blinzle mir Fetzen aus den Augen. Der Impuls ist, sich zu verkriechen. Einrollen, verstecken, dunkel, still, nichts und niemand. Ich spüre ihn genauso deutlich wie den monolithen Leuchtturm in mir, der mich in die Selbstfürsorge leitet.

Das Wasser ist kühl, im Becken schwimmen außer mir nur drei andere Menschen. Das Morgenlicht wird zu hellen Rhomben, Drei- und Vielmehrecken auf der Oberfläche. Ich schalte meine Augen aus, um nicht die Orientierung zu verlieren.
Zwei Wochen war die Schwimmhalle geschlossen, weil so viele Mitarbeiter_innen krank gewesen sind. Ich liebe, wie anstrengend es nun wieder ist, mich vorwärtszubewegen. Meine Glieder schreien mich an, ich fühle mich ihnen näher als vorher. Die dumpfen Erinnerungen auf meiner Haut werden zu Schatten und verlieren ihre Macht über mich. Und endlich kann ich es loslassen. Das drängende Gefühl, mich um etwas kümmern zu müssen, was seit mehr als 25 Jahren nicht mehr bekümmerbar ist. Das Gefühl des Versagens, das damit verbunden ist. Das Gefühl der Überforderung vor einem Anspruch, der vielleicht nur von mir ausgeht, aber irgendwie doch nicht so richtig vom Außen zu lösen. Die Furcht vor Gesprächen, die dem Geständnis der Nichtversorgung von Kinderinnens folgen könnten.

Meine körperliche Anstrengung gleicht meiner psychischen. Ich fühle mich rund in mir und kann leichter mit der Eckigkeit der Welt umgehen. Ihre scharfen Kanten müssen im richtigen Winkel auf mich treffen, um nicht an mir abzurutschen, ich muss nur meinen Sicherheitsabstand zu ihr bewahren. Grenzen setzen, vielleicht.

In Gedanken suche ich meine Körpergrenzen ab und stolpere in die Geschichte meiner Narben. Ja, auch das war Kongruenz, Metapher, reale Invasion. Selbstverletzung, Angriff, Zugriff. Aus- und Nutzung. Leute, die Kinder schneiden, Kinder, die sich schneiden. Wenn man das übereinander legt, gibt es nicht nur Gegensatz und Ausschluss, sondern auch Gemeinsamkeit. Kongruenz. Rundsein. Identität.

Auf dem Rückweg scheint die Sonne. Nicht mehr lange, dann können wir wieder mit dem Fahrrad zur Schwimmhalle fahren. Ein Kinderinnen schickt mir seine Freude über den Gedanken durch ein Fuchteln. Manche Grenzöffnung ist okay.

Rache wäre leichter

Ich hatte keinen Anlass zu glauben, dass R. jemals etwas anderes wollen könnte als Rache. Vielleicht sogar blutige Rache. Zerstörerische, giftige Rache ohne Bewusstsein für ihre Folgen, ohne Willen zur Anerkennung von Ursachen oder der eigenen Verortung in Zeit und Raum.
In den letzten 18 Jahren hatte ich vor allem Hartes, Unnachgiebiges gespürt. Die generalisierte Ablehnung von Erwachsenen, die Abwehr von Nähe, die Vermeidung von allen, die nach ihr zu greifen versuchten, um ein eigenes Ziel zu erreichen. In ihrer Härte war sie nie Godzilla, der durch die Einrichtungen stampft, die sie zerstampft haben – aber schon ein Mädchen mit Todesblick und undurchdringlichem Geist. Ein Dorn, dessen Stich so wehtun sollte, dass er nicht ignoriert werden würde.

Und dann antwortet sie der Therapeutin, dass sie eine Entschuldigung will. Und das Versprechen, dass etwas dafür getan wird, dass sich ihre Geschichte nicht im Leben anderer Jugendlicher wiederholt.
Am Abend zuvor hatte ich schon die Idee in mir bewegt, den Brief zu schreiben, den R. nie schreiben konnte. Dann aber erinnerte ich mich daran, wie es mir nach dem Klinik-GAU ging. Wie unfassbar bitter mich die Erkenntnis traf, dass es den Menschen leider so unendlich egal ist, wie es mir ging, was ich dachte und wie ich gelitten habe, weil sie mich zur alleinverantwortlichen Quelle dieser Gefühle erklären können – und vielleicht auch müssen.

Denn das Schlimme an sogenanntem „institutional betrayal“ ist nie nur, dass Institutionen (Kliniken, (Wohn-)Einrichtungen, Firmen…) manchmal ihre Versprechen brechen, sondern auch, dass sie keine Verantwortung dafür übernehmen. Und dass es niemand von ihnen erwartet. Dass sie nichts und niemand dazu zwingt, wenn ihr eigenes Gewissen, ihre eigenen Werte, ihre Mitarbeiter_innen und Verantwortlichen es schon nicht tun.
Und dass das nur in bestimmten Aspekten problematisiert wird. Gibt es Blutvergießen oder systematische Vernachlässigung, Abrechnungs- oder Steuerbetrug, Etikettenschwindel oder Zwangsüberarbeitung, kann geklagt werden. Gibt es psychische Gewalt, autoritär begründeten Zwang oder Handlungen aufgrund von etwa Sexismus oder anderen *ismen, gibt es diese Möglichkeit einfach nicht. Denn das Wort der Opfer ist weder den Täter_innen noch dem Staat etwas wert, um Unrecht an_zu_erkennen und (Wieder-)Gutmachung zu bieten.
Das verkleinert das Leiden der Opfer nicht. Im Gegenteil kommt dadurch eine Ebene hinzu, die nichts mehr nur mit den konkret Beteiligten zu tun hat, sondern mit dem gesamten sozialen Kosmos. So hätte ich natürlich nach dem Klinik-GAU die Ärztin anzeigen können und mich in ein entwürdigendes – und mich voraussichtlich weiter demütigendes – Justizgemetzel stürzen können, aber die Falschbehandlung passierte durch ein Team unterstützt und von einer Struktur geschützt. Und die wären nicht auch zur Verantwortung gezogen worden, weil Verantwortung in solchen Häusern bis zur Nichtigkeit diffundiert ist. Am Ende kann in diesen Institutionen niemand Verantwortung übernehmen, weil sie niemand alleinig hat oder übernimmt und die kollektive Anerkennung einen Gesichtsverlust bedeuten könnte. Welcher in der Regel deshalb als ehrverletzend empfunden wird, weil man Patient_innen/Kund_innen/Nutzer_innen nicht als gleichwertig anerkennt.

Wir, R., ich und alle, die vor mir von und in Institutionen verletzt wurden, haben Entschuldigungen verdient, da bin ich mir sicher. Aber gewollt habe ich nie eine.
Wirklich aufrichtige Entschuldigungen haben etwas mit Frieden in allen Facetten zu tun. Mit Befriedung von Konfliktgräben, mit Befriedigung von sozialen Grundbedürfnissen und der Wiederherstellung eines friedlichen Miteinanders. Ihre Funktion ist also vorrangig die Veränderung der Qualität des Miteinanders.
Ich aber will nie wieder irgendetwas mit diesen Einrichtungen und ihren Vollstrecker_innen Mitarbeiter_innen zu tun haben. Ich brauche sie nicht, um meine Punkte zu validieren, ich will nicht hören, was sie über meine Punkte zu sagen haben. Ich sehe sie als gesellschaftlich gewollte Werkzeuge der Gewalt und Ausgrenzung, als Zubringer des Kapitalismus und gescheiterten Versuch einer Utopie, die sich ihrer eigenen Ableismen nie bewusst werden wollte. Sie sind Abgrenzungsgegenstand meiner heutigen Lebensrealität geworden und als nichts anderes will ich sie je wieder sehen.

Aber R.s Unnachgiebigkeit betrifft keine Psychiatrie oder Klinik für Psychosomatik. Sie betrifft keine Individuen und zieht keine Grenzen an sich selbst.
R. geht es ums Prinzip. Um eine Ungerechtigkeit, die weder sie noch andere verdient haben und von der sie weiß, dass sie niemandem gewünscht wird.
Das ist so viel schwieriger als Rache, weil es zwei Dinge bedeutet:
Erstens: Kontakt und den Wunsch zum Miteinander
Zweitens: Eine Arbeit, deren Ergebnis nur schwer messbar ist und also in der Regel kaum als Wert geschätzt wird. Was letztlich dazu führen kann, dass schon der erste Punkt nicht zustande kommt.

Unabhängig davon, wie ich es schaffen kann zur Erfüllung ihres Wunsches beitragen, hat er mich berührt. Denn dahinter kann ja kaum mehr als die Annahme stehen, dass man einander grundsätzlich friedlich gegenüber stehen will und dies ein gemeinsamer Wert ist.
Vielleicht war sie nie unnachgiebig uneinsichtig, sondern hatte ganz schlicht – völlig banal und logisch nachvollziehbar – nie die Chance auf ein Miteinander, in dem ihre „untragbare“ Frustration als in einem realen Sachstand begründet anerkannt wurde.
Sie hat Recht und sie weiß das. Sie ist wütend darüber, dass diesem Recht keine Wirkung folgt und weiß, dass ihre Wut abgelehnt wird. Wie sollte sie je nicht für immer und ewig todesfrustriert sein?

Ich weiß noch nicht, was wir jetzt machen. Hab selber Angst vor ihrer Wut, ihrem Frust, weiß ja selbst, dass es mich gibt, weil es sie gab und passierte, was passierte. Frage mich, ob es den Versuch wert ist oder der Sache nötig.

Ein Wunsch nach Rache wär jedenfalls irgendwie leichter. 😅

unverzeihlich und vorbei

Wir haben uns lange nicht mehr als Körper erlebt. Meine Kolleg_innen und ich. Wir trafen uns zur Besprechung aller Dinge und zur Befühlung aller Prozesse, die es nicht von Monitor zu Monitor schaffen.
Hohes Risiko für alle. Auf allen Ebenen. Und auch – das Leben. Das es nicht ohne Risiko gibt. In dem man nur tun kann, was man tun kann.

Ich moderiere, führe durch die Methode, schreibe mit, bin stolz und dankbar, die Traumaarbeit am Tag vorher so gut ziehen lassen zu können. Das war so lange nicht möglich. So lange so viel belastender als jetzt. Was ich jetzt fühle und denke, das hat alles mit meinen Kolleg_innen zu tun. Und damit, dass ich sie am Herzen trage. Sie sind mir wichtig, ich mag sie, wir gehören zueinander.
Wir erwarten einen großen Prozess in diesem Jahr, ich erwarte meine Überforderung. Wir planen und überlegen zusammen, ich behalte meine Befürchtung für mich, denn mehr als diffuse Furcht ist es noch nicht.

Auf dem Weg zum Bett für die Nacht mischt sich das Dröhnen der Zugklimaanlage mit dem Erinnern an das Dröhnen meines eigenen Blutes im Ohr. Ich schütte Musik hinzu wie frisches Gemüse in eine Tütensuppe. Tippe mir den Rhythmus auf die Grenze zwischen der Welt und mir. Denke nichts, fühle nichts. Bin dankbar mir sicher zu sein, dass ich dennoch da bin. Ich bin nicht meine Gedanken, ich bin nicht meine Gefühle. Ich bringe sie hervor – wenn ich es kann, wenn ich es will, wenn ich es muss, kann, darf, soll. Sie brauchen mich, ich bin auch ohne sie. Es ist okay.

K. schreibt mir, dass es eine Demonstration von Querdenkern in der Innenstadt gibt. Ich plane Umwege ein, obwohl ich kaum die Augen aufhalten kann. Es regnet, ist kalt. Wer es ernst meint, lässt sich davon nicht abhalten und hat deshalb gerade jetzt die Gelegenheit Menschen wie mich echtem Psychoterror auszusetzen. Denn mir ist wirklich unbegreiflich, wie ernst man solchen Unsinn wie Impfchips und Freiheitsbedrohung durch Rücksicht auf chronisch kranke, behinderte, sehr junge und sehr alte Menschen meinen kann. Mir macht das Angst. Zusätzlich zur Angst vor Ansteckung und damit der Angst meinen Partner durch Ansteckung zu töten. Zusätzlich zur Angst, eine Ansteckung zu überleben und dann mit Longcovid umgehen zu müssen. Zusätzlich zur Angst, die sich aus der Erfahrung ergibt, eine behinderte Person in dieser Gesellschaft zu sein.
Schon das Wissen, dass ihre Demos genehmigt werden, macht mir Angst. Denn mit freier Meinung hat das alles nichts zu tun, sondern mit der Idee, dass Menschenverachtung und Hass etwas mit Meinung zu tun hätte. Beziehungsweise, dass sich menschenfeindliche und hasstragende Meinungen aus irgendetwas anderem als Menschenfeindlichkeit und Hass entwickeln.
Es ist struktureller Betrug am Recht der Allgemeinheit sich frei und sicher zu fühlen, wenn man Querdenkern die Raumnahme erlaubt. Und es ist unverzeihlich.

Die Altstadt umrundet komme ich eine Stunde später als nötig an. Denke nur noch in Fetzen, esse etwas, lasse eine Serie in mich hineintropfen, falle in einen Schlaf, aus dem ich wegen Luftnot wieder herausstürze. Meine Allergie. Kurz nach 3. Draußen rauscht es, drinnen ist es still. Ich wackle in meinem Körper herum wie ein Steinchen in einer Blechbüchse. Hinter meinen Gedanken ans Trinken, meine Tablette, mein Notfallspray und der Planung meiner Lebenserhaltung rauscht ein Traumawiedererleben entlang. Dazwischen ist ein Spalt. Eine Luftbarriere. Ich weiß nicht, wie ich sie herstelle, aber sie ist da und ich halte mich auf meiner Seite, ohne zu wissen wie eigentlich.
Ich atme und trinke, huste und schleime. Halte die Arme über meinem Kopf, schaue auf die Uhr, konzentriere mich auf die Wirkung meiner Maßnahmen.
Die Bilder rauschen in meinen Ohren. Ich sehe Unverzeihliches. Fühle Unverzeihliches. Denke Unverzeihliches. 20 Minuten später ist es vorbei.

12 Stunden danach liege ich auf der Couch unter der schweren Decke. Ich bin zu Hause. Bubi liegt neben mir, der Partner spielt etwas vor, NakNak* hat uns im Blick. Ich verkörpere mich, ES ist vorbei.
Unverzeihlich und vorbei.