vom Funktionieren – Teil 2, „Grenzen“, Punkt 2

„Viele komplex traumatisierte Menschen mit DIS operieren nur mit dem existenziellen Extrem. „Ich habe X gemacht und das hat funktioniert (Ich lebe noch)“ oder „Ich habe X gemacht und das hat nicht funktioniert (Ich bin irgendwie/seelisch/innerlich gestorben, als ich X gemacht habe)“. Fokus und Maßstab ist (manchmal auch erst am Ende einer traumalogischen Überzeugungskette) fast immer das subjektive Erleben von Todesangst oder Lebensbedrohung.“
An dieser Stelle zweigt mein zweiter Punkt ab. Grenzwahrnehmung als Auslöser für Dissoziation und ihre funktionelle Relevanz für die Person als Ganzes.

Die dissoziative Identitätsstruktur (mit kPTBS) ist eine richtig fiese Bitch, wenn die Sache mit dem Überleben (dem tatsächlichen existenziellen Extrem) vorbei ist. Denn wenn sie nicht mehr wirklich gebraucht wird, dann ist es ihre Struktur und Funktionalität, die sich selbst aufrechterhält und erklärt. Und zwar sehr oft über das Erleben von Grenzen.

In einem Vortrag zum Leben mit DIS habe ich ein Mal auf den Film „Alles steht Kopf“ zurückgegriffen. Dort gibt es zu Beginn nur genau einen Knopf zur Reaktion auf äußere Reize (Grenzen etwa), den der Charakter „Freude“ bedienen kann. Ich beschrieb mein Erleben so, als hätten meine Gefühlscharaktere jeweils einzelne Büros und nicht einen gemeinsamen Raum, in dem alle Reaktionsträger (also die Gefühle) das Gleiche sehen und über die gleiche Knopf- und Schalterarmatur re.agieren. Und dass nicht alle immer Strom haben, geschweige denn sicher immer Bild- und Tonübertragung. Ich beschrieb mein Erleben so, als hätte sich in meinem Aufwachsen allein „Angst“ zu einer konstant kompetenten Figur entwickeln können. Aber nicht so wie in dem Film, ständig zitternd und nervös, sondern eher wie ein schneller, starker Geheimagent, der, ohne dass es jemand weiß, auch der Drahtzieher jeder Operation ist. Also einerseits alles bestimmt und andererseits alles ausführt.
Also auch den anderen „Gefühlen“ in mir „den Strom abstellt“, sodass sie überhaupt keine Reaktionsoption haben – und im Nachgang sich selbst darstellt, als hätte es ohne sein Eingreifen tödlich enden können. Das Pult mit dem „Angst“ re.gierte beschrieb ich in dem Vortrag als sehr professionell, das Pult der anderen „Gefühle“ als jeweils mit einem, vielleicht auch zwei Knöpfen ausgestattet.
Um das gesamte Erleben und Sein eines Menschen mit DIS zu beschreiben, ist diese Metapher natürlich viel zu unterkomplex. Ich habe sie auch nicht gewählt, um das zu beschreiben, sondern, um das Missverhältnis der Reaktionskompetenz abhängig vom emotionalen Status zu illustrieren.

Ich zum Beispiel konnte nicht eine einzige Emotion ohne Beimischung von Angst bzw. später dann aktives Beruhigen von Angst empfinden. Und zwar nicht, weil ich im Kern ein ängstlicher Mensch war oder mich bewusst alles Mögliche an traumatische Erfahrungen erinnerte und mir Angst machte, sondern weil ich ohne Angst nicht inter.agiere. Ich bin bis heute nicht immer und schnell über meine Gefühle klar, wenn keine Angst oder Körperempfindungen, die zu Angst gehören, dabei sind.
In der Auseinandersetzung mit meinem chronisch dissoziativen „In-der-Welt-sein“ habe ich dann geschlossen, dass Angst meine funktionelle Basis für die Interaktion mit dem Außen zu sein scheint. Denn selbst jetzt, nach der Integrationsleistung von zwei nach außen interagierenden Alltagssystemen zu einem (den Rosenblättern) – bis hin zu mir, Hannah, bin ich/funktioniere ich nicht als ein Ich, wenn Angst nicht gleichzeitig auch aktiviert ist.
Ist alles fun and games oder überwiegend eine andere Emotion präsent, erlebe ich mehr oder weniger starke Dissoziation. – Und manchmal holt mich genau das wieder „mehr zurück“ bzw. „entdissoziiert“ – bzw. noch ganz viel richtiger – reaktiviert meinen Hannah/Alltags/andere Menschen-Funktionsmodus. Denn so manches dissoziative Erleben ist einfach ängstigend.

Zurück zum Grenzerleben. Betrachten wir die DIS weniger als umfassende Schutzreaktion (vor der Erinnerung an traumatische Erfahrungen) und mehr als das Ergebnis desintegrierter Funktionsmodi (aufgrund der Art und Weise, wie eine Person aufgewachsen ist bzw. sich entwickeln konnte), fällt es leicht, davon auszugehen, dass es auch unterschiedliches Grenzerleben und entsprechend unterschiedliche Grenzkompetenzen gibt. Um das Bild vom Beginn nochmal zu bemühen, könnte man sich vorstellen, dass jedes Innen oder auch jedes (Unter/Sub)System von jemandem mit DIS ein anderes „Gefühlebüro“ im Kopf hat, bei dem jeweils andere Emotionen im Missverhältnis zueinander stehen. Systeme innerer Jugendlicher und Kinder zum Beispiel basieren bei mir zum Beispiel viel eher auf Neugier, Freude, Bindungsbedürfnis (Liebe), Wut, Ekel und Überraschung (Schock). Ihre Grundlage ist komplett anders und entsprechend auch ihre Funktionalität.

Ich als Kommunikator_in/Alltagsperson/hauptsächlich „frontender“ Anteil bin nach wie vor auf die Hilfe Außenstehender und viel aktiven Prozess angewiesen, um berührte oder verletzte Grenzen zu erkennen, in ihrer Bedeutung zu begreifen und realistisch einzuordnen, gerade weil ich primär angstbasiert funktioniere. Angst bremst den Frontallappen aus – den braucht man aber, um sich (und andere) zu reflektieren. Ich nehme manche Dinge bedrohlicher wahr, als sie sind, weil ich ohne Katastrophisierung über jeden Kontakt gar nicht erst sicher interagieren kann. Im Konfliktfall kostet es mich enorme Kraft, nicht in vermeidendes Verhalten zu rutschen oder auf meine Rechte oder Ansprüche zu verzichten, nur weil ich kompetenter darin bin, die Folgen dessen zu kompensieren. Und sehr oft überstrahlt genau dieser Kraftaufwand, den ich erst seit der Therapie betreibe, noch zusätzlich, dass ich den Konflikt überhaupt als Grenzthema begreife.

All dieses Wissen und Verständnis über mich bedeutet übrigens nicht automatisch auch, dass ich die Kompetenz habe, meine Grenzen zu kommunizieren, einzufordern, dass andere Menschen sie wahren und bedenken, oder sie zu vertreten. Dieses Wissen bedeutet nur, dass ich mich inzwischen häufiger mit weniger Angst selbst erleben und reflektieren konnte. Wissen allein befähigt nicht zum Handeln.
Aktuell erlebe ich es so, dass ich von meinem direkten Umfeld befähigt werden muss, um meine Grenzkompetenzen zu trainieren und zu modulieren. Wenn ich es mit Menschen zu tun habe, die primär mit ihrem Bild von mir bzw. ihrer Idee von mir interagieren, bin ich nicht in einem befähigenden Umfeld. Genauso wenig, wenn ich es mit Menschen zu tun habe, die von meiner angstbasierten Funktionalität profitieren. Etwa weil sie bei gemeinsamen Aufgaben wissen, dass ich zur Not halt alles allein mache (bevor wir beide sterben) und sich entspannt zurücklehnen.

Entsprechend ist meine Idee von meinem Funktionieren. Ich halte es nicht für eine Dysfunktion, wenn ich es nicht schaffe, den richtigen Menschen im allgemein angemessenen Zeitraum, passend zu vermitteln, wenn ich etwas nicht möchte, mit etwas nicht einverstanden bin oder den Umgang mit mir respektlos oder grenzverletzend empfinde. Im Hinblick auf meine traumabedingt entwickelten Fähig- und Fertigkeiten zum Überleben ist genau das mein Funktionieren.
Und hier lohnt es sich meiner Ansicht nach, sich selbst nicht nur als „System“ einzuordnen, sondern als der Organismus, der man ist als Mensch. Auch als sogenanntes „gemachtes/programmiertes“ DIS‑System. In dem Zusammenhang ist es meiner Meinung nach sogar besonders wichtig, die Depersonalisierung, der Gewalterfahrung nicht als Natur des eigenen Selbst anzunehmen. So nach dem Motto: „Sie haben mich wie einen Apparat benutzt, also bin ich jetzt einer (und werde wohl nie etwas anderes, ohne mich selbst zu verlieren).“

Die Anpassung an bestimmte Lebensumfelder ist nie die passive, ich-lose Reaktion, zu der manche Viele und auch so manche Literatur zum Thema ebenjene Funktionalität v.erklärt.
Passiv zu sein, kann aber durchaus Folge aktiver Prozesse (Funktionen) sein. Etwa im Kontakt mit der eigenen Familie oder Menschen, denen man eine gewisse Autorität (Macht) zuschreibt, nie zu widersprechen. Da denken viele Viele von sich, dass sie sich immer einfach ergeben und alles mit sich machen lassen. Praktisch selbst komplett verschwinden. Es mag traumatische oder extrem stressende Momente geben, in denen es zu einer kompletten Selbstaufgabe kommt. So etwas sieht dann aber von außen nicht aus wie ein Familienausflug, bei dem sich eine Person einfach komplett übernimmt, weil sie es in dem Kontext nicht schafft, eine Pause einzufordern. Sie mag von sich denken, sie sei kaputt, weil sie es nicht hinbekommt – was sie aber aus Sicht anderer Innerer schafft, ist, keinen Konflikt auszulösen (was aus Gründen evtl. sogar ganz gut ist). Sie hat den Eindruck, sich immer im Stich zu lassen – andere Innere fühlen sich aber vielleicht genau davon beschützt.

Die Funktionalitäten, mit denen die meisten Menschen mit DIS nach der Gewalt bzw. in weniger stressenden Zusammenhängen, zu kämpfen haben, sind oft genau die, die sie während ihres Lebens in ständig drohender Lebensgefahr gar nicht bewusst miterlebt haben. Die ihr Selbstbild in Frage stellen. Die manchmal mehr, manchmal weniger zur tatsächlichen Realität passen. Ich zum Beispiel habe mir meinen Hirntumor (ein unfassbar ängstigendes Ding btw) gewünscht, weil ich mich in der Zeit der Diagnosestellung oft total enthemmt, absolut frei und offen in aus meiner Perspektive todesgefährlichen Kontakten mit anderen Menschen erlebt habe. Ich hab einfach eine geraucht mit denen! Hab Musik gemacht – vor anderen Leuten! – Die mich angeguckt haben!!!
Heute sind das für mich die klassischen DIS‑Stories. Da habe ich andere Innere (andere Funktionssysteme) miterlebt, weil das allgemeine Erregungsniveau nicht mehr für eine spontane Dissoziation gereicht hat. Unser aller Funktionsgrundlage – Stress – hatte sich verändert. Aber unsere Funktionen nicht. Ich wusste nicht, empfand es nicht als zu mir gehörend, nicht mal als im möglichen Rahmen meiner Fähig- und Fertigkeiten, auch so im Leben sein zu können.
Für mich war jeder Moment, in dem ich andere Innere (andere Funktionsmodi von mir selbst) wahrgenommen habe, ein Extrem. Ein Grenzerleben, an dem ich „zerbreche“ oder manchmal auch innerlich „sterbe“ (dissoziiere). Ich habe auf diese Selbstwahrnehmung genauso reagiert, wie auf die Wahrnehmung von Grenzen von außen: angstbasiert, überlebensorientiert, vermeidend. – Die Inneren, die ich damals wahrgenommen habe, hingegen, konnten zunehmend weniger mit anderen Menschen umgehen. Seit der Zeit der Diagnosestellung ist vor anderen Menschen zu singen, ein Instrument zu spielen oder zu tanzen, kaum noch drin. Weder diese Inneren noch ich erreichen heute, unter den Bedingungen, in denen wir jetzt leben, mit dem Stressniveau, der Lebensbedrohung und so weiter, das Funktionsniveau, das wir jeweils früher hatten.

Manche Menschen würden das als Dysfunktionalität einordnen. Etwas, das früher ging, geht heute nicht mehr – Maschine kaputt. Ich ordne es heute eher als Baustelle ein. Anpassung an neue Funktionsgrenzen in progress. Ich muss umlernen, welche Ängste wann wie berechtigt und für den Rahmen funktionell sind – die anderen Inneren müssen umlernen, dass ihr Handeln mehr Bedeutungsumfang hat, als den, Dinge zu machen, weil sie sie können und schon immer gemacht haben. Wir beidalle nutzen hier die Anpassungsfunktion unseres menschlichen Organismus. Die ohne Grenzempfinden gar nie ausgeführt werden kann, jedoch bei mir anders erlebt wird, als bei diesen Inneren. Was wir also voneinander an Grenzkompetenz erwarten können, ist total unterschiedlich. Ich kann mich sehr darauf verlassen, dass diese Inneren wissen, wie man singt und tanzt. Aber auf gar keinen Fall, dass sie genauso sicher wissen, wer ihnen warum mit welchem Motiv dabei zusieht oder von ihnen verlangt, zu singen und zu tanzen.
Sie wiederum können sich bei mir total darauf verlassen, dass ich soziale Situationen vermeide, die uns in Lebensgefahr bringen könnten – jedoch nicht, dass ich über angstvolles Vermeiden, Analysieren und Katastrophisieren hinaus großartig irgendwie handlungsfähig bin.

Es ist wichtig, von diesem unterschiedlichen Funktionieren aufgrund unterschiedlichen Grenzerlebens zu wissen. Nicht nur für uns als Viele in einem Menschen_er.Leben, sondern auch für unsere Helfer_innen und Behandler_innen. Wer uns nicht kennenlernt, wie wir uns kennenlernen, wird uns überfordern. Wer annimmt, jedes Gespräch, jede gemeinsame Erfahrung würde von allen Inneren gleich erfasst, eingeordnet und (für) wahr_genommen, ähnlich erlebt und in Bezug zu sich begriffen werden, oder träfe auf die gleichen Kompetenzen, hat Vielesein, das Kernproblem der dissoziativen Identitätsstruktur, nicht verstanden und wird Fehler machen. Vielleicht auch richtig schlimme, richtig schwere Fehler.
Wenn Viele über sich sagen, dass sie alle innen unterschiedlich sind, dann ist praktisch nie gemeint, dass der eine Bonbons  mag und der andere sie hasst. Und auch nicht immer, dass die einen Gewalt erlebt haben und die anderen nicht. Meistens referenzieren wir auf grundlegend andere Fähig- und Fertigkeiten (Kompetenzen) zur Interaktion und Kommunikation, Weltbilder, Erklärungsmodelle vom Funktionieren der Welt und ihrer Bewohner sowie Konzepte von sich selbst. Wir sprechen von umfassend voneinander abweichenden Funktionsmodi, die bei manchen teilweise, bei anderen wiederum (noch) gar nicht aufeinander abgestimmt sind. Davon, dass wir gleichzeitig funktional und dysfunktional sind – weil unser Organismus unter verschiedenen Bedingungen unterschiedlich funktioniert und unterschiedlich viel oder wenig kongruente Bewusstseinsbildung dazu ermöglicht. Davon, dass wir uns plötzlich selbst erfahren und uns das absolut an unsere Grenzen bringt. Und oft auch einfach weit darüber hinaus.

vom Funktionieren – Teil 2, „Grenzen“, Punkt 1

Das Wiktionary beschreibt „Funktionalität“ als: „die Fähigkeit eines Produktes oder einer Komponente, bestimmte Aufgaben zu lösen“[1]
Ich liebe, dass dort steht „bestimmte Aufgaben“. Da steht nicht „jederzeit und immer alle Aufgaben“, was in der Regel das ist, was (manche selbsternannt „hochfunktionale“) Menschen mit DIS beschreiben oder von sich erwarten, wenn es um das Thema der Funktionalität geht. Die Beschreibung schafft hier etwas, was viele Viele erst in ihrer Auseinandersetzung lernen, nämlich Abgrenzung.
Das ist eins der Themen, die ich am Thema „Funktionalität“ habe. Grenzen.
Punkt 1 darin ist, wo Menschen ohne DIS die Grenzen von Menschen mit DIS verorten und welche Folgen das haben kann.

Die meisten Menschen mit DIS, die ich kennengelernt habe, werden von anderen Menschen grundsätzlich als fähiger eingeordnet, als sie es tatsächlich sind. Sie werden prinzipiell überfordert, ihre Grenzen entlang von völlig unpassenden oder sogar unangemessenen Konzepten von Limits und Kapazitäten verortet und ihre Fertigkeiten in Bezug auf die Funktionalität für die Gesamtperson stets überbewertet. Und das unter anderem aus folgendem Grund: Menschen mit DIS sind in der Lage, das Totalversagen ihres sozialen Umfeldes auf eine Art und Weise zu kompensieren, die ihrem sozialen Umfeld nichts abverlangt – und ihnen bis in den Kern ihres Selbst einfach alles.

Die Funktionalität von Menschen mit DIS wird auch heute noch leider überwiegend als von der chronischen Dissoziation definiert begriffen. Wenn eine Person mit DIS also etwas nicht kann, ist die Annahme oft, dass es aufgrund der Dissoziation so ist. Und wenn sie etwas ganz besonders gut kann, dann wird es damit erklärt, dass die Dissoziation nicht alles vernichtet bzw. geschützt hat. Dieses Verständnis verzerrt die chronische Dissoziation der Menschen mit DIS zu einer Art „Schrödingers Schädigung“ – sie ist gleichzeitig absolut behindernd und absolut befähigend.
Wenn auch nur eine Person im Hilfesystem einer Person mit DIS dieses Verständnis hat, ist kaum davon auszugehen, dass die Interaktion nicht in irgendeiner Weise überfordernd oder grenzverletzend wird. Denn schon die Zuschreibung der Dissoziation als begrenzend oder definierend kann maximal von dem Selbsterleben der betroffenen Person abweichen und ihre ohnehin von Entwicklungs- und Bindungstraumatisierungen beeinflussten Möglichkeiten zur Selbstwahrnehmung beschränken.
Ich beobachte zum Beispiel oft, dass Menschen mit DIS als „besonders clever“ oder „super fit im Kopf“ wahrgenommen werden. Manche professionell betreuenden Menschen sind bis heute davon überzeugt, dass ohnehin nur kluge Köpfe eine DIS entwickeln können. Was in ganz vielen Betreuungszusammenhängen zu mehr oder weniger bösen Überraschungen führt, weil jemand mit DIS auf den durch solche Zuschreibungen ausgelösten Druck mit dissoziativer Anpassung reagiert. Die Person sagt dann einfach nicht, dass sie ihren Schulabschluss nicht verfolgt. Die Wohnung nicht sauber hält. Sich nicht versorgt. Keinen Schimmer davon hat, was selbstbestimmte Versorgung oder Verortung im Leben mit anderen Menschen bedeutet. Sie entwickelt einfach weiterhin überhaupt keinen interaktiven Bezug zu sich selbst in Raum und Zeit über das Hier und Jetzt der Hilfemaßnahme hinaus. Sie kanns vielfach einfach auch nicht, weil sie im Kontakt mit der Person, die sie als so wahnsinnig klug und begabt (oder anders unpassend etwa ausschließlich als tapfere, starke Person, die überlebt hat) anspricht und sozial überfordert, das Bewusstsein um ihre Schwächen und Unfähigkeiten vermeidet bis hin zur reaktiven Dissoziation. Weil sie so mit Überforderungen umgeht. Egal, ob diese aus realer Lebensbedrohung hervorgeht oder nicht.
Wenn beide Seiten keinen Blick für die realen Unfähigkeiten der Person mit DIS haben, was ist zwingend die logische Folge? Richtig – ein Kollaps. Entweder wird das Bild der betreuenden Person von der Person mit DIS kollabieren oder die Person mit DIS bricht „aus heiterem Himmel“ zusammen (dieses rätselhaft komplexe System 🙄).

Hier also auch eine soziale Dynamik, die dazu führt, weshalb manche Viele annehmen, sie wären total lebensunfähig und bräuchten ihr Leben lang bei allem Hilfe, weil sie dauernd dissoziieren und überhaupt keinen echten Überblick über sich und ihr Leben hätten. Wer nie richtig gesehen (und entsprechend angesprochen) wird, kommt nie in die Lage, sich selbst richtig zu sehen und einen entsprechend angemessenen Anspruch an sich (und das Umfeld) zu entwickeln. Das ist 101-Menschenentwicklung. Basic-Grundlage „Wie werden Menschen“. Null Geheimnis, nixi nada special DIS – nur man-made bzw. Komplex-Trauma und seine Folgen.

Die meisten Menschen mit DIS sind in Verhältnissen aufgewachsen, in denen Grenzen verschoben, ignoriert, verzerrt, missbraucht, instrumentalisiert oder auch einfach nie bewusst existiert haben. Grenzerleben und auch das Handling, also die Kommunikation und das Erweitern oder Einengen von Grenzen, sind so fundamental, dass es zum Selbst- und Umwelterleben ganz natürlich dazugehört. Den meisten Menschen ohne DIS oder andere tiefgreifende dissoziative Störung bzw. Aufwachsen mit dauerhaft toxischem Stresserleben muss niemals in ihrem Leben bewusst gemacht werden, dass es nicht nur die Grenze zwischen Leben und Tod, „an“ und „aus“, „da“ und „weg“ gibt. Woran man sie erkennt und wie man sie in Bezug worauf bewerten kann oder wie mit ihnen umzugehen ist. Zu dem großen Fundus des „ungeschlagenen Lebens“ gehört eine gewisse grundlegende Kenntnis oder auch ein gewisses Konzeptverständnis darüber, das einfach so früh gelernt und integriert ist, dass es keiner weiteren Worte braucht, um sie zu formulieren. Es wird eigentlich nur noch Energie dafür ausgebracht sie zu erhalten oder zu verteidigen. Oder nach bestimmten Krisen neu auszurichten.

Viele komplex traumatisierte Menschen mit DIS operieren nur mit dem existenziellen Extrem. „Ich habe X gemacht und das hat funktioniert (Ich lebe noch)“ oder „Ich habe X gemacht und das hat nicht funktioniert (Ich bin irgendwie/seelisch/innerlich gestorben, als ich X gemacht habe)“. Fokus und Maßstab ist (manchmal auch erst am Ende einer traumalogischen Überzeugungskette) fast immer das subjektive Erleben von Todesangst oder Lebensbedrohung.
Zum Beispiel: „Wenn ich nicht alles für meine Familie gebe, bin ich tot, weil * – also gebe ich alles, immer.“ [und konzentriere alles (Bewusstsein, Konzentration, Energie) so stark auf meine Anpassung an die Vorgabe, alles für meine Familie zu tun, dass Dissoziation einsetzt, ich meinen erbärmlichen körperlichen Zustand überhaupt nicht mehr spüre und auch keine Energie mehr da ist, mich mal zu fragen, ob meine Annahme von Lebensbedrohung überhaupt wirklich stimmt, oder mich für die Lernerfahrung zu öffnen, was das überhaupt bedeutet – welche Funktionalitäten ich ausführe –, wenn ich „alles gebe“].

Um nicht-existenzielle, weniger extreme Grenzen kennenzulernen, mit sich selbst in Bezug zu setzen, zu erforschen und einen Umgang mit ihnen zu trainieren, braucht es nicht nur „weniger Dissoziation“ oder „mehr oder andere Funktionalität“, sondern ein Leben, dessen Realitäten nicht stets und ständig, mit hoher Wahrscheinlichkeit, akut bedrohlich sind. Weder in ihren Existenzen noch ihren Grenzen.
In diesem Zusammenhang muss gerade professionell betreuenden oder behandelnden Menschen eindeutig klar sein, dass „sich halt mal zu irren über das, was ihre Klient_innen können und was nicht“ wirklich überhaupt gar nie banal sein kann. Nicht, weil bei einer Fehleinschätzung immer gleich ganz viel kaputtgehen kann, sondern aus meiner Sicht viel schlimmer, etwas ganz grundlegend Wichtiges für die Selbsteinschätzung (der eigenen Lebendigkeit, Fähigkeiten, Wünsche und so weiter) sich weiterhin nicht oder nur sehr begrenzt entwickeln kann.

Gleiches gilt für Partner_innen, Freund_innen, Mitmenschen anderer Bezüge.
Es ist sehr leicht, einen Menschen mit DIS falsch einzuschätzen. Von der Bewertung bestimmter Situationen oder Zusammenhänge überrascht zu werden. Und schon in dem Moment, in dem die Diagnose und ihre Ursachen vermittelt werden, müssen „Fähig- und Fertigkeiten“ in einer Art und Weise behandelt werden, dass sich jedes spontane Einschätzen verbietet, weil das Risiko für eine falsche Einschätzung einfach sehr hoch ist.
Wenn man so will, ist das vielleicht die erste Grenze von Menschen mit DIS (und anderen dissoziativen Störungen nach (komplex)traumatisierenden Erfahrungen), die man als Außenstehende begreifen und immer wahren muss: Jede Annahme über die Fähig- und Fertigkeiten eines Menschen mit derart unterentwickelten Grenzkompetenzen, so umfassender Dissoziation und resultierend schwerer Störung, ist jederzeit gleichzeitig richtig und falsch. Und daher zu keinem Zeitpunkt verlässlich brauchbar.

Der sichere, kontinuierliche, eindeutige und in jeder Hinsicht tatsächliche Kontakt muss hier zum Ausgleich genutzt werden.

[1] Wiktionary: https://de.wiktionary.org/wiki/Funktionalit%C3%A4t

vom Funktionieren – Teil 1, „Systeme“

Kaum ein Thema wird so häufig in der DIS-(Selbst)Hilfe besprochen wie das des Funktionierens. Ob es darum geht, dass man unter der eigenen Funktionalität leidet; dass man sich dazu wie gezwungen oder automatisiert fühlt zu funktionieren, oder dass man spürt, dass man zunehmend weniger gut funktionieren kann oder auch will – es kommt immer wieder auf.
Ich habe an dem Thema etwa drei Themen und einige Punkte.
Und gleich zu Beginn eine kritische Bemerkung zum Wording.

Auch wenn ich anerkenne, dass man sich im Themenkreis offenbar endgültig darauf geeinigt hat, sich nicht primär als Mensch zu bezeichnen – z. B. als Mensch mit DIS oder als „Viele-Mensch“ –, sondern als „System“, möchte ich hier ausschreiben, warum das ein Problem ist. Vor allem, wenn es um die Auseinandersetzung mit dem Thema der Funktionalität geht.

Soweit ich das überblicken kann, gab es schon immer Menschen mit DIS, die ihre innere Verfasstheit, ihr „Vielesein“, mit Modellen von Systemen beschrieben haben. Manche nannten sich „Bande“, manche „Schwarm“, wieder andere „Truppe“ oder auch „Hausgemeinschaft“. Von einer Person, die sich als „Bienenschwarm“ beschrieb, habe ich einmal gelesen, das Bild würde ihre Rolle als „Host“ (Bienenkönigin) am besten beschreiben und ihr helfen, ihre inneren Kämpfe und Schutzmaßnahmen zu verstehen. Sie hat ganz konkret mit ihrem Wissen über Bienen und deren Organisation gearbeitet, um sich selbst in ihren Fähigkeiten und Grenzen der Funktionalität zu repräsentieren. Die Natur von Bienenvölkern und die Beschaffenheit ihrer Lebensumstände haben in dieser Schilderung eine relevante Rolle gespielt. Das Außen – Wetter, Bedrohungen von Tieren oder Menschen, der Standort der Beute – spielte eine wesentliche Rolle dabei. Es war durchgehend klar, dass die Funktionalität des Schwarms immer im Zusammenspiel mit der Um- und Mitwelt passierte.

Fast forward. 2006 wird „das verfolgte Selbst“ veröffentlicht und mit ihm ein theoretisches, hochabstraktes Modell über die Funktionsweise und -wirkung von (komplex)traumabedingter Dissoziation beschrieben.
Bis 2015 ungefähr war es in den meisten Austauschforen und -chats noch üblich, sich gegen die Einteilung in ANP oder EP auszusprechen, weil es komplexe innere Vorgänge zu stark vereinfacht und bestimmte Aspekte des Er_Lebens mit (und aufgrund einer) DIS verunsichtbart. Bis es irgendwann doch viele einfach angenommen haben. Gerade jüngere Betroffene hatten und haben ihre gesamte Psychoedukation über ihre Erkrankung ausschließlich entlang von diesem Modell. Das war früher stärker noch als heute, als hat man sich entscheiden müssen: Hier der kitschige Individualtüdelüt mit Bienenschwärmchen und Multis im „Zauberwald“ (so hieß mein Forum, I kid you not) und da die klare, wissenschaftliche (wahre, richtige)  Logik der Theorie der strukturellen Dissoziation.
Und klar – was ist denn bitte nicht verführerisch an einer Selbstbezeichnung, die scheinbar wenig emotionalisierbar ist, wenn es Menschen gibt, die Zweifel an der Diagnose über die Emotionalisierbarkeit ihrer Betroffenen (und deren Behandler_innen) schüren?
Wie groß die Anziehungskraft einer Selbstbezeichnung, die mehr Referenz als tatsächliche Identifikation ist, wenn diese nicht erlaubt erscheint? Eine bessere Rampe in die Vermeidung der Erkenntnis, Teil der Welt, der Menschheit und Gesellschaft zu sein – mit allen Konsequenzen, schmerzlich wie wunderbar – gibt es eigentlich nicht.

Welche Rolle Vermeidung und Vermeidungsverhalten bei der Selbstbezeichnung als „System“ spielen, finde ich unübersehbar und gleichzeitig viel zu wenig benannt. Man vermeidet eine Angriffsfläche für False-Memory-Erzählungen. Man vermeidet den ableistischen Vorwurf, aus der eigenen Krankheit eine Identität zu machen. Man vermeidet die Realisation der Traumatisierung der ureigenen Seele und des Leibs als untrennbar von der direkten und indirekten Mitwelt. Man vermeidet die Markierung des eigenen Seins als menschlich. – Als wäre etwas davon gefährlich oder als würde die Vermeidung in irgendeiner Form konstruktiv zur Lösung beitragen. Und nicht etwa Gewalt legitimieren und in ihrer Wirkung normalisieren, was wiederum an ganz anderer Stelle sichtbar wird.
Nämlich dort, wo diese Selbstbezeichnung die Entmenschlichung psychisch erkrankter Menschen erleichtert. Sind ja keine Menschen mehr, die da durch die Kliniken und Praxen tingeln – sind ja „komplexe Systeme“, unlösbare, undurchschaubare Rätsel – wer soll denn dafür Kopf und Zeit haben – in this economy. Was soll da denn menschliche Hilfe bewirken können? Kann ja alles nur ungenügend sein – geht ja gar nicht anders. Mensch und System – wo soll denn die Schnittstelle sein? Wo soll Therapie da ansetzen, wenn nicht bei einer tiefgreifenden Entkernung und Umwandlung vom System hin zum Menschen? Also einer kompletten Umkrempelung, Kernveränderung, Ent-Selbst-ung, wenn man so will. Einer absolut gewaltvollen Anpassungserzwingung. Einer Assimilation.

I know its not that deep für die meisten, die sich „System“ nennen. Aber was, wenn es eben doch so deep ist? Wenn es ausgerechnet die Selbstbezeichnung (aufgrund einer allzu theoretischen, überabstrakten Psychoedukation) ist, die es verhindert, sich selbst tatsächlich und konkret zu begreifen und infolge dessen auch nicht zu merken, wenn sich Gewalt abspielt (und legitimiert oder naturalisiert wird)? Zum Beispiel beim Sprechen (und Schweigen) über die Funktionalität von Menschen mit DIS.

Fundstücke #98

„Wieder so ein Selbstgespräch“, denke ich. In mir schließen sich die Schotten, während ich den Kontakt in Echtzeit analysiere. Ich lese keine Aufmerksamkeit für mich. Kein Warten auf eine Reaktion von mir. Die Person erwartet nicht einmal, dass ich mich beteilige. „Aber sie fühlt sich im Kontakt, oder? Das ist kein förmlicher Kontakt. Hier wird überhaupt auf gar keine Form geachtet. Keine Grenzen des Anstands, den Fremde füreinander haben. Keine Grenzen des Respekts, den Freund*innen füreinander aufbringen. Wow – warte – ist das – was ist das hier?“ und wie in einer Art innerer Zeitlupe merke ich, wie das Wasser steigt. Die Flut kommt. Meine Verwirrung, fremde Ängste und Hilflosigkeitsgefühle. Erinnerungsflocken und unwillkürliche Reaktionen darauf.
Wer auch immer sich gerade hinter den Schotten verbirgt, war total schlau.

Ich hingegen ziehe mein Training durch. Pragmatische Orientierung, Klärung der Fakten. Missachtete Grenzen erwähnen, aber weder deren Verletzung noch deren Relevanz für mich betonen, um die Kontaktfläche so schmal und flach zu halten wie möglich.
Die Flut, in der ich mich ertrinkend fühle, ist für mein Gegenüber so sehr nicht real, wie sie für mich noch nicht differenzierbar ist. Ich bin von allen Seiten bedrückt, mein Gegenüber fühlt sich entlastet. Geklärt, geordnet, frei von allem, was mich in den nächsten Tagen, vielleicht auch Wochen, noch bewegt. Ich spüre schon jetzt jemand Inneres einen Mopp schwingen und darauf bestehen, nie wieder mit irgendwem Kontakt aufzunehmen. „Immer diese Scheiße hier! Nur wegen … DARGH!“ die Grenze der Aussprechbarkeit ist erreicht.

Ich akzeptiere. Kanns mir leisten. Ich kann den Kontakt loslassen. War dafür vielleicht von Anfang an nie wirklich relevant. Für manche Menschen ist man einfach besser Projektionsfläche als irgendetwas anderes. Ich kenne das schon. Heute schmerzt das anders. Früher dachte ich noch, dass es nur mit mir zu tun hätte. Heute tut mir weh, dass es keinen Schutz dafür gibt. Dass es leider zum Leben mit Menschen dazu gehört.

Trotzdem muss ich wissen, was das war. Brauche Vibes, Einschätzung von außen, Abgleich, Meinung von anderen und hole sie mir auch ein. Bin erleichtert, als mir niemand absolute Übersichtlichkeit, Klarheit, Eindeutigkeit der Situation bescheinigt. Beruhigt, als sich kein grober oder offensichtlicher Fehler von mir abzeichnet, sondern ein Komplex, in dem ich von Anfang an wenig Optionen hatte.
Das hilft. Beruhigt die Wogen der Flut, lenkt ihre Energien um, stützt mich.

Die innere Debatte verändert sich von „nie wieder mit irgendwem irgendwas zu tun haben“ zu „Okay, heute erstmal nicht und morgen können wir in Ruhe abwägen“ zu „Ja, aber mein Mann ist ja nicht ‚irgendwer‘“ -„Und meine Freund*innen übrigens auch nicht …“ bis wir irgendwann einig sind, erst einmal nur genau dieser einen Person keinen Zugang mehr zu uns zu geben. Weil wir das können. Grenzen nicht nur haben und übertreten lassen, sondern auch überlegt und bewusst wieder herstellen. Und Entscheidungen darüber treffen, ob wir sie mitteilen oder nicht.

Am Ende fühle ich mich, als hätte ich eine Gartenarbeit geschafft. Weirdly proud und froh, dass es geschafft ist.

Hilfe und Verletzung

Ich hab mich schuldig gemacht. So fühlt es sich für mich an.
Im Stich gelassen hab ich jemanden, die_r keine Fürsprache von Menschen hat, die nicht auch ökonomische, berufliche und persönliche Interessen rund um die Person verfolgen. Ich bin Mitwissende_r, aber Nichts außer einen kurzen, schnell abgewürgten Einwand einbringende_r.
Ich fühle mich nicht gut damit. Trage die Sache wie einen Klumpen im Kopf mit mir herum.

Nicht durchgehen lassen sollte ich das. Ansprechen, aufbrechen, aufklären, konfrontieren, nicht locker lassen sollte ich. So jedenfalls finden das die Jugendlichen in mir, die ziemlich exakt das Gleiche in ihrer Zeit erlebt haben. Erzieher_innen, die sich zwar tausendmal erklären lassen, was Dissoziation ist, sie aber forcieren, wenn es das Handling der Klient_innen (uns) in bestimmten Situationen erleichtert. Betreuer_innen, die davon sprechen, dass die Wohnsituation ganz die eigene sei, die Grenzen dessen aber along the way, spontan und unvorhersehbar beschließen. Helfer_innen, die helfen wollen, aber Fawning (die dissoziative Unterwerfung) nicht von Compliance unterscheiden können.

Eine Rosenblattseite von mir schwingt immer wieder in den Moment ein, als ich in meiner eigenen Wohnung überfallen und bedroht worden war. Die Betreuerin zeigte mir eine Notwohnung, in der noch alle zerstörten und verdreckten Habseligkeiten einer anderen Jugendlichen herumlagen. Wie ähnlich der körperliche Schmerz dem Bewusstsein darum war, dass ich aus mir selbst heraus überhaupt nicht in der Lage war, mich ohne Verlust von Würde oder formeller Sicherheit unterzubringen. Dass ich immer Hilfe brauchen würde von Leuten, die mich im Ganzen irgendwie schon sehen und auch immer wieder sagen, dass sie immer für mich sind – aber andererseits so etwas zulassen. Ignorieren, wie es mir in so einer Notwohnung gehen würde, etwa. Ausblenden, dass ich nicht nur eine Wohnung, sondern nach diesem Ereignis mindestens auch medizinische Versorgung brauche. Dass sie dann doch nicht genug über die DIS verstanden haben, um auf dem Schirm zu haben, dass ich gerade funktioniere – die Situation aber nicht begreifen, nicht verinnerlichen, nicht prozessieren kann und also mit hoher Wahrscheinlichkeit morgen schon nicht mehr kongruent erinnern werde. Dass sie nicht realisieren, dass ich keine Wahl habe, meine Situation komplett und ganz anders zu gestalten, ohne sie. Dass ich zwar immer denken konnte: „Okay, dann gehe ich halt nach Hause zurück (wo meine Krankheit durch viel Leid entstanden ist)“, aber auch wusste, dass ich dort sterben oder, noch schlimmer, abgewiesen werden würde.
Dass die Zeit, die ich von Betreuer_innen, aber auch Pfleger_innen, Erzieher_innen, Behandler_innen brauchte, um mich selbst am Leben, bei Verstand, in Kongruenz von Zeit und Raum zu halten (oder zu verstehen, dass ich das tun muss und darf), immer entweder bei anderen Mitbewohner_innen fehlte oder Kosten verursachte, die ich niemals mit nichts aus oder von mir begleichen kann. Mir war trotz aller Fürsprache und auch liebevoller Begegnung von Betreuer_innen immer klar, dass es unseren Kontakt nur auf Basis von Kostenübernahmen gab. Dass mich am Leben und in einer Einrichtung zu halten, zwar auch eine persönliche Note von den Menschen hatte, dies aber Grenzen hatte, die von der Institution, dem gesetzlichen Rahmen, irgendwelchen Verträgen, also einer dritten, wirk_mächtigeren, Instanz, erlaubt oder ermöglicht – oder eben nicht mehr erlaubt oder ermöglicht wurde. Egal, wie nah ich meinen Betreuer_innen hätte kommen können – es brauchte nur einen Federstreich, um dieses Verhältnis ersatzlos zu beenden.

Meine Hilfeerfahrungen im institutionellen Bereich habe ich schon so oft und tief reflektiert. Ich hab mich mit Betreuungskonzepten befasst, während ich das Nachwachshaus konzipierte. Habe sehr erhellende Arbeiten zur Betreuung von Menschen mit DIS bzw. komplexen Traumafolgestörungen gelesen. Die Komplexität, die mit der Betreuung bzw. Hilfe von Menschen mit DIS einhergeht, ist enorm. Und Überforderung ist ein Ding darin. Vor allem, wenn sich Helfer- oder Unterstützer_innen als Menschen kennen, die schon „ganz andere Dinger geregelt gekriegt haben“ oder „es noch nie mit leichten Fällen zu tun hatten“. Und Betroffene noch so sehr instabil sind, dass sie nicht einmal Kontakt zu ihren Wünschen an die Hilfemaßnahme und ihre Ziele aufrechterhalten können. Also wirklich niemand der Beteiligten überhaupt eine reelle Chance hat, sich im gemeinsamen Handeln zu verorten.

Aus meiner Sicht ist es, speziell im institutionellen Rahmen von Hilfe, unmöglich, einem Menschen mit DIS ohne Verletzung zu helfen. Schon die Platzierung in einem solchen Rahmen kann sehr tief verletzen und das Verhältnis bis zum Schluss als gleichzeitig dauerhaft schmerzlich und dauerhaft hilfreich, sicher, angenehm … machen.
Und heute weiß ich, wie wichtig es ist, dass das anerkannt wird.
Wenn meine inneren Jugendlichen für eine verletzte betreute Person mit DIS den Sturm auf die Bastille von mir fordern, dann fordern sie diese Anerkennung ein. Da geht es nicht darum, zu sagen: „Niemand ist perfekt, Fehler passieren“, denn wenn jemand in einem Betreuungsverhältnis gezielt die Erkrankung einer angewiesenen Person benutzt, dann ist das kein Fehler, sondern eine zugefügte Verletzung. Es geht darum, genau zu benennen, was real ist: „Dieses Verhältnis enthält Hilfe und Verletzung gleichzeitig.“, „Unser Kontakt ist gleichzeitig sicher, weil ich für dich da bin – und gleichzeitig unsicher, weil es ein Kontakt ist, der abhängig von strukturellen Grenzen ist, die ich nicht beeinflussen kann.“
Diese Realität zu benennen und zu integrieren, ist etwas, das in Bezug auf die Herkunftsfamilie oder die Kontexte, in denen sich die DIS entwickelt hat, bei vielen einfach nie passiert ist. Viele Viele kommen erst in der Aufarbeitung an den Punkt und müssen sich damit zufriedengeben, dass ihnen die Leute, die die Verantwortung hatten, das niemals von sich aus sagen werden.
Ich selbst lebe bis heute damit und spüre es als immer wieder mal auch sehr schmerzhaften Stachel, dass sich frühere Helfer_innen und Behandler_innen damit so leicht verunsichtbaren können. Es ist einfach nicht fair. Nicht okay. Sie können weitermachen und sich sagen, sie hätten immer auf Augenhöhe gearbeitet und dies und das – und damit die Realität ihrer Betreuten, Behandelten ausblenden, als gäbe es sie nicht. Als hätte sie keine Relevanz. Als wäre sie nicht auch real. Als wäre die Verletzung, die sie zu verantworten haben, nie passiert.

In der Situation mit der es mir gerade nicht gut geht, habe ich keine zugeschriebene Rolle oder Verantwortung. Mehr als hier zu schreiben, kann ich gerade nicht machen.

Es ist mir zu wenig.
Es ist zu wenig.

inside burning

„Also ich weiß, das ist nicht so – aber man sieht es dir gar nicht an.“ Meine neue Kollegin lehnt sich auf die Schreibtischplatte und bewegt einen Kugelschreiber zwischen ihren Händen. Ich bin zu sehr auf den Aktenordner in meiner Hand konzentriert, um sofort zu antworten. Wir sitzen im Sekretariat zwischen Ablagestapeln und Ordnerbergen, die thematisch sortiert liegen, begrenzt von Kistendeckeln, Kartons und Archivboxen auf Rollbrettern. Die Luft ist dick, die andere Kollegin kann die Klimaanlagenluft nicht vertragen. Alle paar Minuten kommen Kollegen und legen neue Sachen ab, fordern Abzeichnungen an, fragen nach Zetteln, bekommen Zettel, bringen anderen Kollegen weitere Zettel mit.

Ich habe meine Qualifizierung geschafft. Habe deshalb Leerlauf und darf Ordner umheften, die ins Archiv kommen. Ein klarer Ablauf, eine eindeutige Tätigkeit mit unübersehbarem Ergebnis. – Die einzige Insel, die ich bei diesem Arbeitgeber habe. Mit dem Pinch, dass ich der Konversation mit den Mitarbeiterinnen kaum aus dem Weg gehen kann. Die Themen sind typisch für Burnout-Büros. Alle sind unzufrieden, alle haben Streit oder schwelende Konflikte über organisatorische Lösungen, alle haben Angst, etwas falsch zu machen und jemanden zu verärgern, der gar nicht vor Ort ist – ja nicht einmal einen Körper hat. Niemand ist autonom in irgendeinem Aspekt der Tätigkeit. Alles ist vorgegeben, niemand kann sich im Großen und Ganzen erkennen oder verorten. Niemand hat je eine Arbeit abgeschlossen, ein Thema beendet, einen Prozess begonnen und auch integriert.
Ich werde hier zugrunde gehen und spüre das ganz genau.
Entsprechend klar bin ich in dieser Probezeit. Verlange klar eingrenzbare Aufgaben. Markiere eindeutig, welche Aufgabe ich für welchen Prozess beginne und wie das Ende aussieht. Wenn ich mich einschleuse, wird mein Kittel zum Panzer. Da werden Erwartungen drangepappt und Ansprüche hingehängt – wenn ich mich ausschleuse, bleibt der ganze Kram am Kittel in meinem Spind. Ich nehme nichts außer dem massiven Energiedefizit mit von dieser Arbeit und das ist schon zu viel. Denn das sieht man einfach nicht.

Das sieht schon mein Mann nicht, der sich lustig darüber macht, dass ich um 21 Uhr im Bett sein will, wenn ich um 6 Uhr am nächsten Morgen aufstehen muss – obwohl ich doch fast 3 Stunden Mittagsschlaf mache, wenn ich von den popeligen 4 Arbeitsstunden zurückkomme. Wie soll es die Kollegin sehen, die mich ausschließlich bei der Arbeit erlebt? Sie erleben mich nicht im Meltdown. Ich selbst erlebe meine Meltdowns kaum, weil die Dissoziation mich schützt. Sie hören das Quietschen meiner Nackenmuskulatur nicht. Zwinkern das Brennen in den Augen nicht weg. Haben nicht meinen Stress aufgrund von zu viel oder zu wenig Informationen. Ja, das hat keine spezifische Form, kein eindeutiges Aussehen, also sieht man da auch nichts.

Doch was mache ich mit dieser Aussage? Ist es ein Lob? Manche Menschen denken, dass es ein Lob ist, wenn jemand eine Behinderung oder eine Anstrengung unsichtbar kompensiert.
Ist es eine Kritik? Sehr unwahrscheinlich. Bisher hat nur meine Therapeutin mal auf ihre eventuell-vielleicht-könnte-das-anders-sein-als-es-ist-Art hauchzart markiert, dass es vielleicht ganz gut wäre, würde ich in unseren Gesprächen weniger verstecken, was da ist.
Ist es eine Aufforderung? Wozu genau?
Es ist müßig.
Die Kollegin ist nicht behindert und kennt mich nicht. Ich habe nicht die Kapazität und auch nicht die Motivation, näher auf sie einzugehen. Ich hätte nichts davon und weiß das sehr genau.

Trotzdem zeckt es mich.
Die Selbstverständlichkeit, mit der sie einen mir unbekannten Maßstab benutzt, um ihren Eindruck von mir einzuordnen. Das mir unbekannte Grenzverständnis, mit dem sie mich an dieser Stelle überhaupt betrachtet. Die Sicherheit, mit der sie davon auszugehen scheint, es sei für mich relevant oder für die Situation angemessen, mir zu sagen, dass sie nicht sieht, wie es für mich ist, dort zu arbeiten. Ganz in der Ferne schimmert das häufig als Entschuldigung verkleidete, nachgeschobene Inspirationsthema. Die Markierung als „gute Behinderte“, weil man entgegen aller Widrigkeiten so gut nicht behindert wirken kann. Diese für mich so komplette Irre von Menschen, die leider auch heute noch überwiegend unberührt von dem Themenkreis sind. Und immer noch glauben, es wäre respektvolles Handeln, wenn man behinderte Menschen für ihr Leben unter nicht oder nicht dauerhaft behinderten Menschen lobt.

Ich spüre auch die vertraute Zange zwischen meinem traumabedingten, überwiegend todesängstlichen Wunsch, unsichtbar zu sein, nicht aufzufallen, niemals irgendwo anzuecken, nichts auszulösen, niemanden zu berühren oder gar zu bewegen – ja, im Grunde so sehr und umfassend nicht zu sein, dass es mich gar nicht mehr gibt – und der Realität, dass ich das einfach nie schaffe. Egal, ob sehr angestrengt oder nicht. Es funktioniert einfach nicht. Immer mache ich irgendetwas, bin ich irgendwie, möchte ich etwas oder auch nicht und immer sende ich damit etwas. Oder werde als Sender_in eingeordnet.
Diese Zange aus Leben und Tod, Trauma und Prozess, ist das Kernproblem von Traumafolgestörungen. Immer schwebt man zwischen Sein und (lieber) Nicht (mehr) Sein. Entweder man geht all in Traumaüberleben und versteckt sich, entzieht sich allen Kontakten und Berührungspunkten mit der Welt – und fühlt sich sicher, weil man das einfach gut (aushalten) kann (und beschissen auf eine vertraute Art) – oder man verkörpert die eigene Lebendigkeit. Geht in Kontakt und bleibt und spürt mit allen Sinnen und gestaltet und prozessiert jede Regung, Bewegung, Veränderung. Und lernt Sicherheit als etwas mit vielen Facetten kennen und akzeptieren.

Ich habe mich fürs Leben entschieden. Das macht die Zange nicht weg. Besonders solche Momente bringen mich immer wieder hinein. Ich möchte leben. Arbeiten, genauer: teilgeben gehört für mich dazu. Doch da sind auch meine Grenzen. Die Realität, dass ich gewissermaßen bereits 70% meiner Kräfte dafür aufbringe, allein um meine Lebendigkeit zu prozessieren. Umweltreize zu verarbeiten. Zeit und Prozesse nachzuvollziehen. Kommunikation zu begreifen und zu gestalten. Andere Menschen kommen in dieser Anstrengung nicht vor. Mich für andere Menschen zu kompatibilisieren, mit ihnen zu sein, für sie zu sein, das muss ich aus den übrigen 30% herstellen. Die 30%, die ich auch für die Arbeit brauche. Für Spontanes. Für Besonderes. Für Extras.
Es gibt für mich keine Chance, nicht zu merken, dass es bei den meisten Menschen anders ist. Dass jemand wie meine Kollegin eher 30% für sich braucht und 70% für alles andere. Oder wieder andere Menschen sogar nur 10% für sich und 90% für alles andere aufwenden – ganz unabhängig davon, ob das ihrem Bedarf entspricht oder nicht – und damit ohne schlimme Folgen leben können.

Ich hingegen spüre im Moment sehr deutlich, dass ich eigentlich – ganz eigentlich in Wahrheit wirklich – gar nicht arbeiten sollte. Ich habe die Erschöpfungsdepression im letzten Sommer noch gar nicht wirklich überwunden. Habe die retraumatisierende Erfahrung im Dezember noch nicht richtig verkraftet. Und bin so voller Scham darüber, dass ich gerade primär deshalb arbeite, damit ich deshalb nicht ans Sterben, ans umfassende Nichtsein, denke.
Ich greife nach dem Leben, damit es mich hält. Trägt. Stützt. Und grundsätzlich ist das doch ein guter Move. Ich hätte ja auch komplett verkrumpeln können. Eingeigelt in mir selbst verbleiben können. Traumawahrheiten statt Lebensrealitäten annehmen können. Die Folge ist jedoch Kontakt auf Kraftkredit. Den kann ich nur mit Schlaf und relativer Isolation abbezahlen. Etwas, das mir selbst nicht sonderlich gefällt, weil es mir manchmal sehr traumanah erscheint. „An“ für andere Menschen sein, weil es nicht anders überlebbar ist – „Aus“ für sich selbst sein, weil es nicht anders überlebbar ist – so ist jede traumatische Lebensphase bei mir gewesen.
Am Ende kann es auch sein, dass es mich genau deshalb zeckt, wenn die Kollegin sagt, dass man es mir gar nicht ansieht. Ohne es zu wissen, sagt sie mir damit ja auch, dass man ES nie gesehen hat. Nie hat sehen können.
Und das ist schon krass. Schmerzhaft. Traurig.

Fundstücke #95

Als würde sie an einer verkrusteten Wundoberfläche kratzen. So fühlt sich das an. Unzufrieden mit dem knusprigen Deckel, allein interessiert an meiner wunden Stelle. Meinen Fragen an sie. Einem Moment von Überlegenheit, weil sie darüber viel mehr weiß als ich. Sie weiß, dass ich eigentlich immer noch gar nichts weiß. Und dass das etwas ist, was ihr Macht über mich gibt. Sie kann mich Schmerzen fühlen lassen, die sie nicht berühren und sie kann mich damit allein lassen.

So aufgeschrieben klingt es, als würde es nur um Macht gehen. Kontrolle. Und einfach nur so draufgeschaut, erinnere ich mich selbst darin an meine Therapeutin, die in der ganzen Zeit unserer Arbeit 4 Mal zum Ausdruck gebracht hat, dass es für sie weder irrelevant noch emotional neutral ist, dass sie manches in meinem Inneren bis heute nicht so richtig überblicken kann. Zumindest was genau diese Dynamiken betrifft. Immer wieder stehen „Schweigegebote?“, „Redeverbote?“, „schlechte Geheimnisse?“, „Scham?“, „Angst vor Konfrontation?“ im Raum und selten kann ich dazu irgendetwas sagen. Wenn ich ihr etwas nicht sagen will, dann meistens, weil ich unser bereits anstrengendes Sprechen nicht überanstrengend für mich werden lassen will. Ich will nicht mehr vor ihren Augen und doch unsichtbar dissoziieren. Für die anderen Innens will ich, kann ich, diesbezüglich nicht sprechen.

Sie, die andere Innere, kommt mir in ihrem Tun eher verspielt vor. Frech. Provozierend vielleicht. „Mal gucken, was passiert, mir kann ja nichts passieren“-sicher. „Was macht ihr, wenn ich das mache?“-neugierig. „Und das? Was, wenn ich das mache?“-beobachtend. Und immer unerwartet, bis heute nicht wirklich von mir selbst vorhersehbar, „Paff!“- unerreichbar weit für mich im Innen verschwindend. Und gleichzeitig ist sie ausströmend. Eine unkontrollierbare Emotionsblutung, die Schweres leicht, Unmögliches möglich, Gefährliches harmlos erscheinen lässt.
Ich weiß ganz genau, wenn sie da war. Sich selbst in ein Thema, einen Gedanken, eine Auseinandersetzung reingemischt hat. Es gibt hinterher immer Probleme. Nerviges Hin und Her im Innen, manchmal auch im Außen. Uneinsheit. Unstimmigkeit. Ungereimtheit. Einen Dammbruch am Rande der Komfortzone. Ein Stück harte Kruste, das die Wunde nicht mehr ganz bedeckt.

Ich glaube, dass sie zuletzt vor etwa 20 Jahren an unserer Therapiearbeit und anderen Lebensbestandteilen aktiv beteiligt war. Aktiv as in „da und beeinflussend“, aber auch as in „ununterdrückt, unabgewürgt von Rosenblätterbuschwurzeln“. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mich tatsächlich gezielt gegen dieses Einblutenlassen „aus dieser inneren Ecke“ entschieden habe und keine einzige Therapiestunde, keinen Betreuungstermin, generell überhaupt gar keine Kontakte mit anderen Menschen mehr so gestaltet habe, dass es passieren könnte. An uns kam einfach niemand mehr vorbei.
Alle haben die gleichen Rosenblätter kennengelernt. Keine Kinderinnens, keine jugendlichen Inneren. Alle haben die gleiche biographische Erzählung bekommen, wie wir sie in Kliniken und Heimen eingeübt haben. Die gleichen Erklärungen übers Vielesein bekommen und viel Nebel darüber, was davon auf mich zutrifft und was nicht. Und das konsequent. Auch das ist Vielesein.

Man kann sich als Viele gegeneinander entscheiden. Bestimmen, was wie vermieden wird. Was wie beschützt wird. Es ist eins der unbesprochenen Spezialgeheimnisse, wie wir einander herstellen, wenn es nicht Gewalt ist, die uns zu Keimen zersprengt und verstreut, um irgendwann als irgendwer neu zu wachsen. Man braucht nur vermeiden, sich dieser Entscheidung bewusst zu werden, zu sein, zu bleiben. Nur sehr intensiv, ohne jede Kommunikation mit sich oder der Welt, entscheiden, dass es nun so ist. Wo keine Kommunikation ist, kann keine Brücke sein. Kein Weg, kein Pfad, kein Bild, kein Zeichen, keine Sicht, keine Idee. Ohne Kommunikation keine Verbindung. Assoziation. Ohne Verbindung kein gemeinsamer Prozess.
Das ist die Rolle von Schweigen im ganzen Dissoziationsthema.

Ich will nicht darüber reden, weil sich innere Pfade ergeben, auf denen Innere zu mir gelangen können. Ich will nicht darüber reden, weil es meine Entscheidungen aufhebt. Ich will nicht darüber reden, weil ich meine geistigen Kapazitäten auf mich und mein Gegenüber aufteilen muss. Und immer wieder Grenzen dabei spüre. Zeitliche, räumliche, kapazitäre. Emotionale. Traumabedingte. Meine.
Das besprochene Trauma oder auch das Besprechen des Traumas ist nicht so schlimm. Meine Auflösung ist es. Meine Verwandlung vom verwundeten Selbst zum abreißbaren Wundverschluss ist es. Bisschen witzig, weil es ein Egoding übers Egosein ist, aber auch bisschen tragisch, weil es sich auch nach Verbindung anfühlt, die nicht kommunizierbar ist. Jedenfalls nicht besser als so, wie es jetzt hier steht.

nur da sein

„Bist du Conni? Heißt du so?“, die Stimme meiner Freundin hüllt meinen Kopf ein. „Nein“, antworte ich  und halte mein warmes Gesicht in den aufkommenden Wind. Er streicht über meine Kopfhörer und bedeckt ihre Reaktion ein wenig. „Ah, ich dachte, wegen dem Text … Wieso denn dann Conni?“
Es ist ein so kurzer Moment, wie die Kluft breit ist, die ich in dem Moment fühle. Sie ist genug Freundin, um von diesem Blog zu wissen. Meinem kuriosen Doppelleben als komische Internetpflanze und seltsames Alltagsgewächs, vom Trauma und meinem Zeugs, vielen Dingen, die ich mache, möchte, überlege und teile. Und gleichzeitig so fern, dass sie weder Conni-Memes noch ihre Eigenschaft, Realitäten aufzuzeigen, kennt. Und in der Folge natürlich erst recht nicht, warum meine „inneren ~Kritiker_innen~“ genau diese Memes benutzen, um mich zu verletzen.

Ich erkläre ihr, dass Conni üblicherweise in den Kindergarten geht, eine Pizza bäckt, Mama hilft oder einen Wackelzahn hat. Weil Conni, ein weißes, blondes Mädchen mit lieben Eltern und Kinderzimmer im Einfamilienhaus, ein ganz normales Leben lebt. Wo alles gut ist, wenn ein Problem oder eine Besonderheit anfängt, und wieder gut ist, wenn es überstanden ist.
Menschen, die nie wie Conni gelebt haben und nie wie Connis Eltern leben werden, haben irgendwann angefangen, ein Meme mit dieser Figur zu erschaffen. „Conni hat eine Angststörung“ war der erste Titel, den ich davon mitbekommen habe. Und die Bitternis, diese schlichte Satire darin, hat mich damals sehr bewegt.
Denn natürlich lebt Conni kein normales Leben. Sie ist fiktiv. Ihre Lebensumstände sind statisch, damit dreijährige Kinder sie überblicken und wiedererkennen können. Und gleichzeitig hat niemand Schwierigkeiten damit zu erkennen, dass Titel wie „Conni und die Pille danach“ oder „Conni kriegt ’nen Räumungsbescheid“ eine Normalität beschreiben, wie sie nicht von allen Menschen gleich überblickt und wiedererkannt wird. Alle wissen, dass es Normalitäten gibt, die nicht alle Menschen teilen. Alle wissen, dass es Normalitäten gibt, die man nicht in Pixibüchern abgebildet findet. Aus Gründen.
„Und wenn ich mich so fühle – so alienmäßig, weil ich gerade wieder mal in einer Situation bin, die nur deshalb überhaupt entstanden ist, weil bei mir alles ein bisschen viel anders als bei Conni gelaufen ist –, dann reiben es mir andere Innens manchmal auf diese Art richtig rein.“ Ich lächle, damit sie nicht hört, wie ich mich damit fühle, mich ihr dazu mitzuteilen. Beobachte eine große Hummel in der Distelblüte vor mir. Dann die dunklen Wolken am Horizont.
Unser Gespräch versickert. Mein Aliengefühl, mein Kluftempfinden macht etwas mit ihr, das ich nicht richtig verstehe. Und eigentlich wollte sie sowieso etwas anderes von mir. Warum sie nach dem Text gefragt hat, weiß auch nur sie. Wir verabschieden uns, als ich einen Totengräber zwischen den Ringelblumen um meine Tomatenpflanzen entdecke.

Für mich ist der Text wichtig, um mich selbst darin zu versichern, dass ich nicht unnormal bin. Um mich zu stärken mit meinem eigenen Handeln. Dem Offenlegen meiner Normalität, meiner Realität mit eben all dem. Mit so einer zufälligen Situation, Behandler_innen beim Eintreten für die eigene Sache zu sehen und sich sehr bewusst darüber zu sein, dass man Teil dieser Sache ist. Mit der Realität, schon seit der Jugend immer wieder auf professionelle Hilfe angewiesen zu sein. Lange Zeit die Freundin im Freundeskreis gewesen zu sein, der immer irgendwas fehlt. Mit einer Erkrankung, die so komplex und vielschichtig ist, dass so etwas wie „Heilung“ im Sinne von „und dann ist alles (weitgehend) (wieder) gut“ nicht sicher prognostizierbar ist.
Es ist wichtig für mich, mir selbst immer wieder zu zeigen, dass ich ein normaler Teil der Gesellschaft und der Welt bin. Behindert, chronisch krank normal.

Reformen und politischer Diskurs wie aktuell zum EFZG (Entgeltfortzahlungsgesetz), den Kürzungen in der Eingliederungshilfe, dem BGG (Behindertengleichstellungsgesetz) und den Kürzungen in der Gesundheitsversorgung (inklusive der Kürzungen der Psychotherapie) betreffen mich zu 100 %, wie alle anderen Menschen in Deutschland. Aber aufgrund meiner Behinderung und meiner chronischen Erkrankung einfach stärker. Und das auch nicht nur auf der alltagspraktischen Ebene. Der Ebene, auf der man mit genug privilegierten Allies, pragmatischer Kreativität und bürokratischer Hartnäckigkeit wenigstens kämpfen kann. Sondern auch auf der Ebene, die den eigenen Platz in der Welt, in Gesellschaft und Gemeinschaft betrifft. Genau da, wo es bei mir jedes Mal wieder einschlägt und eine Kluft treibt. Triggert. Da, wo jeder Witz über Behinderungen hinschlägt, wo jede „nicht so gemeinte“-Bemerkung über unveränderbare Unzulänglichkeiten reinrieselt. Genau da, woher kommt, was gestern zufällig auch in der Neuen Westfälischen stand – da, wo die „erschütternde Hasswelle“ gegen Menschen mit Behinderungen herkommt.
Diese „Reformen“ werden Menschenleben kosten, weil man politisch gewollt und durchgesetzt, den Lebensrealitäten behinderter und (chronisch) erkrankter Menschen keine lebenswerte Qualität sichern will. Man will Bedürftigkeit, (temporäre) (Mehr)Bedarfe und (temporäre oder dauerhafte) (wie auch immer umfassende) Angewiesenheit bestrafen – und dazu noch alle, die helfend, unterstützend, lindernd, begleitend – MENSCHLICH – zugewandt darauf reagieren. So erscheint es mir jedenfalls. Ich kann nur Ableismus als Begründung dafür erkennen. Denn selbst Profitgier hat ihre Wurzeln in Ableismus. In der Abwertung der Normalität von Behinderung und Angewiesenheit.

Ich bin diesem politischen Willen und Agieren ausgeliefert.
Aber meinem eigenen Handeln nicht.
Ich muss diese Wertverschiebung nicht hinnehmen. Auch nicht in mir drin. Ich kann sie beobachten, ich kann mit ihr umgehen. Kann Worte dafür finden, sie teilen und zum Weltenteil machen. Vor allem, wenn ich mich so fühle, als wäre das, was ich geben kann (und damit auch ich selbst), nicht gewollt, weil ich Unterstützung, Begleitung, Assistenz brauche, um Anteil zu geben.
Ich verstehe, dass das beim Lesen hier manchmal verwirrt. Wie man manchmal über längere Zeit denkt, dass ich das hier alles für andere aufschreibe. Wie Statements oder Mahnmale. Aber sehr oft sollen meine Worte hier auch nur mir etwas bedeuten und für andere einfach nur da sein.

Nie nur Conni

„Conni steht mit ihrer Therapeutin in der Demo“, schießt es mir in den Kopf.
Und ich gehe.
Wende dem Jahnplatz, wo ich schon so oft gegen Rechts, gegen Rassismus, gegen Gewalt an Frauen, für Frieden, Freiheit, Klimaschutz und gutes Miteinander gestanden habe, den Rücken zu und lasse mich von Sookies Asche anziehen. Für mich ist erstmal Schluss mit Zeichen setzen. Ich bin müde. Unendlich traurig und bitter. Wünsche mir einen weichen, warmen Körper, der sich an mich lehnt und mir meinen Körper als Weltenteil fühlbar macht. Wünsche mir Sookie und dass das kleine Bisschen Glauben an das Gute und Richtige jedes Moments heil bleibt.
Dann gehts wieder. Gefühlswelle abgeflaut. Licht im Inneren wieder an.

Später feiern wir unsere schöne Freundin S. mit all ihren Freund_innen.
Reden lang und tief über die Kinder- und Jugendhilfe, Reden und Schweigen in Therapien, über unerfüllten Kinderwunsch und dessen Behandlung, über tote Embryonen und lebende Kinder vernachlässigender, kranker, hilfebedürftiger Eltern. „Conni hat keinen Lebensbereich, in dem nie mal keine Hilfe nötig war“, zischt es leise und scharf in mir, als ich tief in der Nacht zum Himmel raufschaue. Mein Puls drückt unangenehm schnell von meinem Bauch in den Hals. Das Atmen ist schwierig. Über die Übung, aus der Angst zu gehen, schlafe ich ein.

S. fragt mich morgens zwischen Abendentfernung und Frühstücksvorbereitung, wie es mir denn geht. „Ich habe alles. Nicht wie geplant oder gewollt, aber alles, was geht, ist da. Es ist gut. Es ist wirklich gut.“, antworte ich ohne zu zögern. „Das ist schön“, antwortet sie. „Conni wird für immer als Bedarfsfall erinnert“, streift mich kurz und fies. Wir lächeln einander an, räumen weiter und werden in andere Themen verwickelt.

Die Heimfahrt ist warm. Es wird geerntet. Noch zwei Wochen, dann fährt der Partytrecker wieder bei uns lang, weil der Ernteerfolg mit Alkohol konserviert werden muss. Man weiß ja nie, wie der Winter wird.
Zu Hause ist meine Menschenbatterie leer.
Mein Kopf prozessiert weiter, was die Bundesregierung da gemacht hat. Die „Reformen“. Und die Hitze. Die Arbeit. Die Themen. Das inzwischen tatsächlich körperlich schmerzende Vermissen von Sookie.

Dann entdecke ich eine Made im Flur. Gehe schlafen. Finde am nächsten Morgen noch mehr.
„Conni kriegt ihre Essstörung nie weg“ spüre ich jemanden aus meinem Hinterkopf gegen meinen Magen boxen. Verbringe den Morgen mit Ekel, Flashbacks und Skills, um eine Krankmeldung zu schaffen und die Wohnung auf links zu drehen.
Am Ende finde ich das verlassene Fressnest eines Kinderinnens. Räume, wische, desinfiziere, mache eine Notiz für die nächste Therapiestunde. Fahre mit Herzrasen und Druck auf der Brust in die Praxis meiner Hausärztin. Hole die AU ab, verabschiede mich ohne Redetermin. Am Donnerstag zu reden, ist mir früh genug.
„Conni braucht professionelle Hilfe zum Leben“, ätzt es mich an und sticht in meinem Magen herum.
„Nicht nur Conni“, antworte ich, „Nie nur Conni.“

die persönlichen Auswirkungen, ein Nachklapp

Ich habe ungewöhnlich viel Zuspruch auf meine Textreihe zu dem Reel bekommen.
Zu einem Aspekt möchte ich noch etwas nachtragen. Die persönlichen Auswirkungen solcher Reels auf mich.

Seit inzwischen zwei Jahren sitze ich an meinem neuen Buch und versuche zu vermitteln, wie es für mich war, Anfang der 2000er mit einer Diagnose konfrontiert zu sein, die damals schon sehr eng mit organisierter Ritueller Gewalt verknüpft war. Als 16-Jährige_r. Komplett allein. Anderthalb Jahre fast durchgehend geschlossen untergebracht.
Wie sich das ausgewirkt hat, in praktisch allem Selbstausdruck und auch jeder Selbstauskunft über mich missverstanden zu werden, weil die Menschen, die mir zugehört haben, immer auch den Filter des Unbekannten, Mysteriösen, Gefährlichen organisierter Ritueller Gewalt und die Folgen von Folter und gezielter Manipulation darübergelegt haben. Ungewollt wurde ich über Jahre von Therapeut_innen über praktisch jede Selbsterkenntnis, die ich über mich gewann, auch falsch verstanden, weil diese andere Ursachen oder Wirkungsprinzipien hinter meiner Wahrnehmung und Einordnung, Kontaktaufnahme und Schwierigkeiten annahmen als ich oder als auch tatsächlich vorlagen.
Das war für mich als erwachsen werdende Person zuweilen extrem isolierend und verwirrend. Es hatte Anteile von „Therapeut_innen reden mir was ein“ und „Ich habe aber auch wirklich Teile dessen erlebt, was mit dem Begriff der organisierten Rituellen Gewalt beschrieben wird – aber nicht so.“

Ich habe dann das gesamte Hilfesystem verlassen und eine Therapeutin für mich gesucht, die bereit war, mehr Fokus darauf zu legen, wie ich akut im Leben klarkommen kann. Und habe in der Therapeutin, mit der ich noch heute arbeite, so jemanden gefunden. Mein Hintergrund ist nicht irrelevant, aber ich merke, dass sie nicht erst daran denkt, was Täter_innen davon haben könnten, dass ich etwas nicht oder weniger gut kann, sondern daran, wie ich mich fühle, wenn ich versuche, etwas zu können; was ich mir vorstelle, wie ich etwas können müsste, sollte, gerne würde; welche Dinge tatsächlich akut gegenwärtig beeinflussen, dass ich bestimmte Dinge hinkriege oder auch nicht.
Es geht um mich. Meinen Bezug zu mir und der Welt, in der ich bin.
Es geht nicht darum, mit irgendwem in mir über DAS DA zu reden oder darum, mich anzeigefit zu kriegen oder darum, meine Lebendigkeit und Kraft zum Ätschibätsch gegen Täter_innen werden zu lassen. Ich habe in unseren probatorischen Sitzungen den Wunsch geäußert, eine eigene Erzählung über mein Leben und mich hinkriegen zu können, und das ist bis heute eins meiner Therapieziele.

Ich bin davon überzeugt, dass ich ohne diese Fokusverschiebung und ohne die kontinuierliche Wiederkehr zur ganz gegenwärtigen Pragmatik des Alltagslebens als etwas, das gelernt und verstanden werden muss, niemals bemerkt hätte, dass ich wiederkehrende Schwierigkeiten und Überforderungen erlebe, die mit der DIS und der Natur meiner Gewalterfahrungen in Kindheit, Jugend und jungem Erwachsenenleben allein nicht mehr erklärbar sind.
Ich hätte auch nie gemerkt, dass meine Therapeutin sich kommunikativ total um unsere Arbeit und mich bemüht, aber an manchen Stellen, die weder sie noch ich richtig fassen und begreifen konnten, einfach nicht weiterkam, obwohl alles in Ordnung schien.

Heute beobachte ich häufig, dass es diesen Punkt in der therapeutischen, betreuerischen, helferischen Kommunikation sehr oft geben kann. Und dass das einer der Punkte ist, an denen meine Analysefähigkeit sehr hilfreich wirken kann.
Mich hat sie damals in die Autismusambulanz gebracht. An den Wunsch zu hinterfragen: Ist es meine Hochbegabung, mein Hintergrund von organisierter Gewalt oder Autismus oder ADHS oder etwas, das dem sehr ähnelt, mir aber noch nicht bekannt ist?
Das ist eine Aufgabe, die manche Menschen einfach nur mit Intuition oder Bauchgefühl angehen. Ich nicht. Ich bin durch die Testung, die Literatur, die Betroffenenberichte, die Studien, die Theorien gegangen und habe das systematisch mit dem Diagnostiker, dem Begleitermenschen, dem Facharzt und meiner Therapeutin durchgearbeitet.
Ich wollte nicht mehr nur mit Theorien über mich arbeiten. Ich war damals schon so gut gestärkt, dass ich auch nicht mehr das Gefühl hatte, man könne über mich auch nur in Annahmen und Ideen, Theorien und man weiß ja nicht nachdenken. Ich war in dem Gefühl angekommen, dass ich tatsächlich passiere und wirke. Und wenn etwas passiert und wirkt, kann man es beschreiben. Und in seinem Wirken analysieren. Die Kommunikation und Interaktion systematisch erfassen und beurteilen.
Man kann mich objektiv eindeutig einordnen, ohne mein subjektives Erleben in Frage zu stellen.

Für mich war die Phase der Autismusdiagnostik das erste Mal, dass ich mich nicht durch Filter hindurch diagnostiziert erlebt habe. Meine Eltern hatten keine Möglichkeit, mich und ihr Leiden unter mir darzustellen, meine Therapeutin kam erst später dazu. Wir sprachen nicht nur in einem Psychologenbüro, sondern auch an Orten, wo ich mich wohlfühlte, und in Alltagssituationen, die mich überforderten. Alles war wichtig für die Diagnostik und alles wurde Thema – lange bevor wir irgendeinen Test durchgeführt haben.

Mir wurde damals klar, wie komplex diese Arbeit war. Und wie komplex die Intersektionen sind, in denen ich mich bewege. Wie schnell andere Menschen darin an kognitive Grenzen kommen, die für mich etwas anders verlaufen. Ich wurde damals sehr ermutigt, meine ganz eigene Haltung dazu wahr- und einzunehmen. Und eben nicht anzunehmen, nur weil andere zu ihren schnellen, weniger komplexen Filtern und Vorannahmen greifen, um damit umzugehen, sei das die Vorgehensweise, die ich mir besser auch antrainiere, obwohl ich darunter leide.
In gewisser Hinsicht habe ich mein Leiden damals so exakt gemapped wie nie zuvor. Einfach, weil ich es überhaupt auch mal verstanden und, wenngleich in Details weiterhin dissoziiert, so doch umfassend genug als auch objektiv erklärbar und mit meinem subjektiven Erleben verbunden begriffen habe.

Wenn ich heute dann Medien sehe, die dem Leben als autistischer Mensch oder als komplex traumatisierter Mensch ebenjene Vagheit, jene Übersubjektivierung zuschreiben, macht das natürlich etwas mit mir.
Da reagiere ich sowohl kognitiv stark drauf – und möchte, dass alle wissen, dass das faktisch alles nicht stimmt – als auch emotional. Da bin ich zurückversetzt in jede Sitzung, in der ich, wie ich heute weiß, Belastungssituationen kommuniziere, die entstanden, weil ich autistisch bin, aber nicht so leicht lösbar sind, weil ich auch komplex traumatisiert bin – und die Therapeutin mich fragt, ob mir der Mann mit der Satansmaske befohlen hat, dass es mir nie gutgehen soll. Übertrieben formuliert.

Es sind solche Therapiesitzungen, solche als Jugendliche im Grunde aufgezwungenen Kommunikationssituationen, die mich sehr lange begleitet und verletzt haben. Ich kompensiere bis heute in jeder Therapiestunde die Angst, sie wiederzuerleben. Ich wünsche sie absolut niemandem.

Wenn wir als Community zulassen, dass Diagnosen als vage, beliebig nutzbare Labels benutzt werden, um subjektive Erfahrungen zu benennen, dann werden wir es nie schaffen, solche Gewaltsituationen in Hilfekontexten überhaupt erkennbar zu machen. Wenn wir Autismus zur Identität verklären und in seiner genetischen Komponente negieren, wenn wir denken: „Och, die armen Therapeut_innen, die habens so schwer, wenn sie zu ORG, DIS oder Autismus arbeiten – die Therapie darf öffentlich nicht als etwas besprochen werden, das auch von Vorurteilen oder falschen Annahmen, Verschwörungsgläubigkeit oder Affinität zum Unbekannten oder Spirituellen flankiert sein kann“, dann erklären wir uns aus meiner Sicht einverstanden damit, dass anderen Betroffenen exakt die Quälerei und in manchen Situationen praktisch Folter passiert, wie mir als Jugendliche und junge Erwachsene.

Ich bin nicht damit einverstanden.
Es war schlimm. Es wirkt bis heute. Es war damals wie heute verhinderbar.
Es war Gewalt, für die sich bis heute niemand bei mir entschuldigt hat. Es war Leid, das ich juristisch nicht anerkennen lassen kann. Niemand der Beteiligten hat je Wiedergutmachung angeboten. Oder Aufarbeitung. Jedes Bemühen darum verläuft in Schweigen.
Das geht nur, weil das Stigma wirkt. Und wir als Gesellschaft uns durch viele Kanäle gegenseitig vermitteln, dass das so klargeht.
Obwohl es das absolut nicht tut.