über Vermeidung als individuellen Selbstschutz und die Erinnerung daran, dass jeder Mensch eine Insel für sich selbst ist

Die Ablösung tut weh und den Schmerz will ich vermeiden.
Vermeidung ist gut. Vermeidung ist nicht gleich Verdrängung, „wegmachen“, Dissoziation. Jedenfalls nicht für mich.
Ich weiß in der Regel, was ich vermeide. Bin sehr bewusst und aktiv bei der Sache, die ich vermeiden will, sonst würde ich nicht spüren, ob und wann ich sie erfolgreich vermieden habe.

Schmerz verändert mich. Dissoziiert mich. Greift in mich hinein und verschiebt meinen Bezug zu Dingen. Und das ist am Ende, was mich am meisten überfordert. Wenn ich einen Schmerz habe, bin ich nicht mehr ich selbst und die Welt um mich herum auch nicht.
Die Kompensation dessen ist zwangsläufig die Dissoziation, denn sie erzeugt Kongruenz. Er_gibt Sinn, könnte man sagen. Denn in mir entsteht im Moment des Schmerzes eine Trennung zwischen mir und allem Äußeren. Eine Lücke, die gefährlich ist in einer Welt, in der alle (noch) ganz dicht sein müssen. Alles passen muss, weil die Mechanik des Miteinanders nicht eine einzige Leerstelle zu kompensieren in der Lage ist.

Das Vermeidungsverhalten komplex traumatisierter Menschen wird in der Regel deshalb problematisiert, weil Erinnerungsauslöser vermieden werden, was den Prozess der Verarbeitung verhindert. Sich zu erinnern ist notwendig für die Verarbeitung. Zu vermeiden ist notwendig für die Aufrechterhaltung der allgemeinen Lebensfunktionen. Als komplex traumatisierter Mensch befindet man sich also immer in einem Spannungsfeld zwischen funktionalem Leben und Verarbeitungsprozessen, die mit dem Gefühl einhergehen, diese Funktionalität zu gefährden und damit das eigene Leben.
Das macht die professionelle Traumatherapie so anspruchsvoll. Man hat es immer wieder mit einer Situation zu tun, in der es um Leben und Tod zu gehen scheint und versucht mit der Therapie, mit der therapeutischen Beziehung, einen Raum zu schaffen, in dem die komplex traumatisierte Person sich traut, Lebensgefahr (wieder) zu erleben oder sich selbst als in dieser Gefahr wahrzunehmen und gleichzeitig die Sicherheit, die im Hier und Jetzt, dem Heute besteht.
Hier haben es von Menschen komplex traumatisierte Menschen besonders schwer. Denn andere Menschen und die Beziehung zu ihnen ist, ob bewusst oder unbewusst, ein Auslöser und also oft auch etwas, das vermieden wird.

Von Menschen traumatisierte Menschen sind aus meiner Sicht sehr funktionale Vermeidungskünstler_innen, denn sie verbinden oftmals Dissoziation (Trennung/Ver_Meidung) und Beziehung (Bezug/Kontakt/Erinnerungsauslöser) und schaffen es in vielen Fällen die Widersprüchlichkeit dessen in sich – nicht im Außen! – zu integrieren. Manche, weil sie hoch dissoziativ funktionieren und sich der Widersprüchlichkeit nicht bewusst sind und manche, weil sie es schaffen, diesen Umstand als (natürlich) gegeben hinzunehmen (oder vermittelt bekommen, dass es sich dabei um Hinzunehmendes, weil Unveränderliches, handelt).
Menschen sind soziale Wesen und es ist nur logisch, das Bedürfnis nach menschlichem Kontakt als genetischen Imperativ zu akzeptieren oder aber auch als etwas anzunehmen, das im gleichen Maße zum Überleben beiträgt, wie es die Vermeidung (der Möglichkeit) von zwischenmenschlicher Gewalt tut, weil es das eigene kulturelle Erbe, die Geschichte der Menschheit, so lehrt.

Das Problem: Diese Wahrnehmung führt zu einer spezifischen Perspektive und formt so eigene Werte und Normen. Zum Teil Werte und Normen, die nicht vereinbar sind mit dem Außen, der außer-ichlichen Umgebung. Sprich: anderen Menschen.
Ein übliches Dilemma, denn jeder Mensch ist für sich selbst eine Insel, abgetrennt von anderen Menschen – völlig unabhängig von Vermeidung und der Wahl von Bezugspunkten.

Eine für mich relevante Erinnerung.
Mein Vermeidungsverhalten hat etwas mit der Angst vor Kontrollverlust und der Vermeidung von Gewalterfahrungen durch Menschen zu tun. Das Vermeidungsverhalten meiner ehemaligen Therapeutin vielleicht nur mit ihr selbst und ihren (Un-)Fähigkeiten bzw. der Kompensation dessen.
In jedem Fall eignet sie sich nicht mehr dazu, zu verarbeiten, was das (Vermeidungs-)Verhalten anderer Therapeut_innen mit mir gemacht hat. Obwohl es gerade jetzt – für mich unübersehbar, ganz offensichtlich und sogar von ihr selbst getan – sichtbar ist und sich als Illustration, als Beispiel anbietet. Sie es doch eigentlich nicht übersehen kann – würde sie es nicht vermeiden (müssen).

Eine neue Einsicht. Eine neue Ohnmacht.
Ein alter Schmerz. Eine Wiederholung früherer Traumatisierung.

der Thread zu sozialem Maskieren und Authentizität

Disclaimer: Ich arbeite seit einiger Zeit an einem Comic über Alexithymie. Darin beschreibe ich, was bei mir passiert, wenn ich versuche, ganz ohne Hilfe mit Überforderung im sozialen Kontext zurechtzukommen. Als ich die Skizzenseite schrieb, fiel mir auf, dass ich es in dem Comic nicht schaffen werde, in aller Tiefe über einzelne Dinge zu schreiben. Deshalb habe ich einen Thread geschrieben.
Damit er leichter lesbar ist und weniger Fehler enthält, teile ich ihn hier noch einmal in leicht überarbeiteter Form.

Ich möchte noch ein paar Worte zu einem Aspekt, den ich in meinem Comic aufgeschrieben habe, mit euch teilen.
Ein #Thread über soziales Maskieren als autistische Person und dessen Rezeption.

Ich kann nicht mehr sprechen wie ich selber. Dann benutze ich Wörter von Leuten aus dem Fernsehen oder aus Büchern oder meinen Gemögten.

Ich wurde als Jugendliche_r immer wieder als „falsche Schlange“, als manipulativ und hinterlistig bezeichnet, weil meine Strategie im Kontakt mit anderen Menschen daraus bestand, sie praktisch 1 zu 1 in Mimik, Gestik, Sprache und Inhalten zu spiegeln. Das wurde von manchen als Versuch mich aufzuwerten eingeordnet und von manchen einfach nur als unaufrichtig und nicht authentisch.
Ich selbst habe das nie absichtlich und überlegt gemacht, sondern reflexhaft aus der Überforderung heraus, die soziale Interaktion und Kommunikation bei mir (bis heute) auslöst
Als erwachsene Person ist von diesem „Spiegelverhalten aus Überforderung“ bei mir nur noch die Echolalie übrig. Das heißt: Ich wiederhole Gesagtes oder Phrasen, manchmal auch ohne, dass diese in den Gesprächsinhalt oder die emotionale Lage passen. Ich empfinde das in der Regel als Reflex wie Blinzeln, eher selten wie Brechreiz also mit etwas Kontrollrahmen.
Weil das negativ bewertet wird im schlimmsten und Besorgnis (die zu mehr Interaktion und Kommunikation führt, was mehr Belastung bedeutet) auslöst im besten Fall, ziehe ich mich eher zurück und vermeide inhaltlich profunde Unterhaltungen, wenn es mir nicht gut geht.

Ich kann mir ableiten, wann welche Probleme zu welchen Problemen, führen und wer wie viel Einblick und Begreifen meiner Kommunikationsprobleme hat. Fremde haben meist gar kein Begreifen – wollen aber in der Regel auch nicht mit mir sprechen, sondern mit dem Bild, das sie sich von mir gemacht haben. In so einem Kontakt kann ich skripten (also auf vorher überlegte Sätze/Unterhaltungen zurückgreifen, was auch echolalisches Verhalten ist) ohne jedes Problem und habe auch keine Angst davor, dann zu „papageien“. Deshalb wirke ich vor Fremden oft total entspannt, selbstsicher, stark, eloquent. Bei Menschen, mit denen ich mich aber verbinden will, will ich authentisch sein, will ich verstanden werden, will ich verstehen und gemocht werden.

Ich brauchte viel Traumaarbeit, um mir den Wunsch, das grundmenschliche Bedürfnis, nach Kontakt und Ver_Bindung zu anderen Menschen überhaupt zu erlauben und meine Angst davor zu regulieren. Ich gehe bis heute dennoch nie unbelastet und entspannt in Kontakt.
Das bedeutet, dass mein Stresspegel nie bei 0 ist, ich also immer irgendwie schon von Anfang an in der Kompensation, in der Maske, bin. Ich verberge meine Anspannung und damit auch mich selbst. Selbst vor meinen engsten Liebsten bin ich also gar nicht „authentisch“ und „echt“.

Als ich jung war, war das mein sozialer Tod unter Gleichaltrigen. Denn obwohl sie meine Behinderung nicht erkannt/gekannt haben, haben sie sie über dieses Ding sofort wahrgenommen und darauf reagiert – und würden das bis heute tun.
Heute hilft mir manchmal die Erinnerung daran, dass niemand anders ein Anrecht auf „mein wahres Selbst“ hat als ich.
Es ist in meinem Fall logisch und bei anderen Menschen – die vielleicht ähnlich maskieren, auch wenn sie nicht autistisch sind – möglicherweise der einzige Schutz vor unerwünschtem Zugriff von außen oder vielleicht auch ein Verhalten, das mit anderen Absichten aufgezwungen wurde.

Ich halte es für wichtig, sich den Anspruch an Authentizität vor allem an behinderte und anders marginalisierte Menschen genau anzuschauen. Weil ich zum Beispiel schon mehrfach erlebt habe, was die Folge meines ganz eigenen Selbstseins ist: sozialer Ausschluss, Ekel vor mir, Angst vor mir, allgemeine Besonderisierung, Unverständnis, Pathologisierung, Befremdung – und auch: Enttäuschung und Vertrauensverlust. Für manche Gemögte stellt sich die Frage, warum ich mich vor ihnen „verstelle“ oder Dinge nicht so ausdrücke, wie ich es intuitiv möchte. Sie fragen sich, ob ich ihnen nicht genug vertraue, ob ich ihnen nicht glaube, dass sie mir aufrichtig wohlgesonnen sind und und und.

Das Problem: Ich kann Menschen nur schwer lesen. Ich müsste rückhaltlos glauben, dass mir jemand wohlgesonnen ist und diese Fertigkeit ist mir kaputt traumatisiert worden. Ich kanns einfach nicht. Es hat mich zu oft schon fast um- oder in Lebensgefahr gebracht, das zu tun.
Und zweitens ist man nicht deshalb „ganz man selbst“, weil andere das gern so wollen, sondern weil man es einfach ist.
Es ist auch authentisch in mir drin, also Teil meines Selbst, eben nicht einmal vor sehr nahen Menschen nicht zu kompensieren.

Ich habe schon oft darüber nachgedacht, ob es für manche Menschen eine Bedrohung ist, die eigene Nichtauthentizität im sozialen Kontakt nicht zu problematisieren, sondern als logische Folge des Anspruchs an Authentizität bzw. an Verhalten, das der Norm entspricht, zu sehen. Aber das lässt sich in unserer Gesellschaft so nicht gut erfragen und herausfinden.
Und deshalb endet der Thread hier.

tapp tapp tapp IST DAS DING AN?!

Ich hatte heute morgen mal wieder so einen weitgeteilten und belikten Tweet in der Timeline, in der jemand wollte, dass endlich mal alle Leute kapieren, was Trigger eigentlich für ne schreckliche Sache sind und, dass man das nicht leichtfertig daherreden soll, wenn man davon keine Ahnung hat.
Solche Forderungen habe ich so oft in meiner Timeline, dass sie mir zum Trigger geworden sind. In Wut, in Abwehr, in die Gedanken daran, wie viel Traumaedukation von Nichtpsycholog_innen es noch braucht, damit das endlich aufhört und dem folgend das Gefühl, dass es nie genug sein wird und wir dieser Forderung für immer und immer ausgesetzt sein werden.

Argh.

Es kommt bei mir anders an, wenn man fordert, diesen Sprech sein zu lassen, weil (extreme) Rechte diese Begrifflichkeit für sich benutzen, um Menschen, die Gefühle haben, zu demütigen. Das ist für mich etwas anderes, weil es dabei darum geht, wie wir miteinander leben und reden wollen. Wollen wir uns über unsere Sprache von denen abgrenzen (und uns andere Worte überlegen, um Leute zu demütigen) oder wollen wir sie uns aneignen, um ihnen die Wirkmacht zu nehmen?

In meiner Community merke ich, dass Leute, die diese Begrifflichkeit nur für traumatisierte Menschen “genehmigen” wollen bzw. nur von ihnen zu füllen erlauben, versuchen etwas am Miteinander zu schrauben, ohne klar zu machen, worum es ihnen geht. Da wird nicht darüber gesprochen, warum es schwierig ist, wenn die Allgemeinheit mit “jetzt bin ich aber getriggert” meint, dass sie irritiert, beleidigt oder gestresst im Sinne von abgenervt ist, sondern eine Schlimmskala aufgemacht. “Für mich (für Menschen wie mich) ist getriggert sein schlimmer als für dich (Menschen wie die, als die ich dich jetzt einfach mal eben so ohne Nachfragen oder nähere Kenntnis einordne), weil ich hab ein echtes Trauma (und du nicht)”.
So was kotzt mich an. Like so richtig, wirklich echt. Weils Gewalt ist.
Gewalt, die Leute ausüben, weil sie glauben, ihre Erfahrungen legitimieren das. Und manchmal auch, weil sie sich darauf verlassen können, dass ihre kleine soziale Bubble sie in dieser Haltung legitimiert.

Hier denke ich oft, dass ein Fehler auch daraus entsteht, dass sich kaum jemand wirklich die Zeit nimmt, sich “Trauma” wie etwas zu widmen, das man auch objektiv anschauen kann, obwohl und gerade weil es so viel Subjektives darin gibt. Ja, “wir traumatisierten Menschen” denken alle, dass wir so spezielle kleine Schneeflöckchen sind und bei allen ist alles anders und individuell und bliblablö, aber es gibt ganz grundfeste Gemeinsamkeiten. Die Mechanik des Traumas wird nicht jedes Mal neu für alle frisch traumatisierten Menschen erfunden. Man kann sich heute aus einem so unfassbar großen Fundus an Informationen aller möglichen Fachrichtungen informieren – man negiert damit erst einmal nicht das subjektive Erleben der Menschen, die damit leben.

Ich glaube, dass ich ohne meine subjektive Traumaerfahrung und mein Leben mit den Folgen heute, aber auch mit dem Wissen, dass ich dazu habe, nicht erkennen könnte, dass die Forderung nach Triggerwarnungen, nach “Hört auf, “getriggert” nicht im Traumakontext zu sagen” und diesem ganzen Salat, der dann oft daraus entsteht, ganz klassisches Vermeidungs- und Kontrollverhalten ist. Ich will nicht bewerten, ob das schlechtes Verhalten ist, oder klar geht, aber ich will bewerten, wie “meine Community” darauf reagiert. Nicht hilfreich, nämlich. Zumindest nicht, was den Umgang mit traumatisierten Menschen in der eigenen Clique angeht.
Es hilft 0 – absolut gar nicht, like wirklich nicht, jeden möglichen Trigger aus dem Leben eines Menschen, egal, ob traumatisiert oder nicht, rauszuhalten, zu markieren oder zu policen. Das ist Vermeidung. Das ist PTBS. Das ist das Gegenteil von Verarbeitung und damit auch das Gegenteil von Heilung, Möglichkeiten zur Heilung und Weiterentwicklung – also Leben.

Ihr wisst, dass es jetzt kommt, weil es an dieser Stelle seit Jahren immer wieder geschrieben wird:
LEBEN TRIGGERT

Niemand von uns wäre auf der Welt, würde fühlen, denken, handeln, träumen, wünschen, fordern können, gäbe es nicht in uns allen gleich das Reiz-Reaktionsprinzip als Grundlage aller Entwicklung.
Ja, “wir Traumatisierten” haben durch unsere Erfahrungen da ein Feature. Ja, ein kack Feature, das in aller Regel weh tut und stört und alles kompliziert macht und viel Aufmerksamkeit zieht. Aber wir haben da nichts Komisches, Besonderes oder irgendwas, was nur aus dem Blickwinkel der Psychologie betrachtet werden darf, weil sie das so hübsch für sich durchprofessionalisiert hat.

Wenn “wir traumatisierten Menschen” unser Trauma in einer Community thematisieren oder in einer Gruppe, dann geht es doch eigentlich immer um die Frage, wie wir miteinander leben und umgehen wollen. Es geht um Fragen des gegenseitigen Verstehens, der Grenzenachtung, es geht um die Frage, wer einspringen kann, wenn ich wegen Flashback, Schmerzattacke, Angst, Nichtgepennt, Disso-Tag etc. ausfalle, es geht um Fragen des Rückhalts, es geht um Fragen der Akzeptanz untereinander. Es geht um unfassbar anstrengende Kommunikation.
Und darauf haben viele einfach keinen Bock – there I said it.

Grad in meiner alternativen Bubble, wo Plena immer irgendwie länger sind als geplant, schleicht sich das immer wieder rein. Man hat schon so viel darüber zu reden, wie man Sexismus unterbindet, Rassismus nicht reproduziert und Klassismus aushebelt, dass Ableismus und Saneismus weder von allen als reflektiert vorausgesetzt, noch über Umgänge verhandelt werden kann. Also fällts weg. Man wartet auf Ansagen. Reagiert aus Unsicherheit mit “Ja ok, du bist ja marginalisiert, ich nicht, du gibst vor, ich folge – ich helf dir, damit alle anderen auch folgen (ich coole Sau)”

Argh.

Ich werd hier jetzt nicht hinschreiben, was ihr oder wir oder alle machen müssen.
Da beginnen die Aushandlungsprozesse, die wir meiner Ansicht nach in der Community und in der Welt insgesamt brauchen. Was ich sage is: Mach deine Hausaufgaben. Reflektier dich in deinen Forderungen alle.

Leben triggert. Es ist im Grunde ein suizidaler Akt, sich dem zu entziehen.

micdrop

Miteinander säen

Erinnerungskonfetti im Hintergrund meiner Alltagsgedanken, Päckchen und Warensendungen im Flur unseres Hauses, ein rechtes Attentat in Hanau. In dieser Woche kam ich mir vor wie ein losgelöstes Blatt auf wogender See. Irgendwie dabei und doch nur bewegt – nicht in Bewegung.

In meiner Twittertimeline gibt es seit Tagen kein anderes Thema, als die Notwendigkeit, etwas gegen rechten Terror zu tun, Beispiele versagenden Journalismus und stupider Meinungsquirle. Ab und an ein süßes Tier, dazwischen Worte von Menschen, die die nächsten Opfer sein könnten und damit 24/7 umgehen.
Wir haben überlegt, zu einer Demo zu gehen. Aber stemm das mal. Eine Stunde zur nächsten Stadt, in der eine Demo ist. Du weißt nicht, wie die Stimmung ist, kommen viele Leute, was wenn die Kraft plötzlich vorbei ist, dann ist es immer noch eine Stunde wieder nach Hause. Wir gingen nicht.
Später lag ich mit Heimweh im Bett, fragte mich, wie die Stimmung im Bullergheddo wohl ist. Würden wir da noch wohnen, wären wir auf jeden Fall bei der Demo gewesen. 15 Minuten mit dem Rad, Ortskenntnis, lauter safe spaces für den Fall, dass plötzlich nichts mehr geht. Und jetzt ist es vorbei, das privilegierte Demonstrieren gegen Dinge, die andere treffen und mich betroffen machen. Draußen fahren Laster vorbei, die kleine Sperlingsgang zwitschert in der Hecke, irgendwo tönt eine Heckenschere.

Noch später merkte ich, dass es vielleicht auch nur ein Vermeidungshandeln ist, zu einer Demo zu stürmen. Denn nun saß ich hier mit den Päckchen im Flur und dem Regen vor der Tür, meinen To do-Listen und den permanent einrieselnden Kindheitserinnerungen und musste wahrhaft fühlen, was das rechte Morden und seine Folgen mit mir machen. Mir. Einer weißen Person, die keinerlei enge Kontakte zu Leuten hat, die täglich mit rassistischer Gewalt in irgendeiner Form zu tun haben. Einer weißen Person, die ihr Privileg so ungreifbar eingewebt erfährt, dass es in den meisten Lebensbereichen unteilbar erscheint.
Ohnmächtig fühlt sich das an. Und lächerlich. Erzähl mal Leuten von deiner Ohnmacht über die Gewalt, die ihnen Lebensgefahr bedeutet, einfach, weil es Leute gibt, die entscheiden, es sei problematisch, dass sie gibt. Es hilft ihnen nicht, wenn sie nicht auf uns zählen können. Wenn wir einander eben nicht ‘wir’ sind.

In den Päckchen und Paketen sind Anzuchterde und ein Frühbeet.
Die ganze Woche trage ich die Formulierung “Hass säen” mit mir herum. Erinnere plötzlich einen Keramiktopf mit Gesicht, dem Kresse als Haare wuchsen. Wie dieser Topf vielleicht in D., vielleicht auch in L. auf der Fensterbank stand und der Mutter gehörte, die damals vielleicht mittellange dunkle oder kurze rote Haare hatte.
Kann man Liebe säen? Welchen Boden, welche Grundlage braucht Miteinander?
Die Kresse hatten wir Kinder mit der Mutter zusammen in dem Topf gesät. Es tat nicht weh, machte keinen Krampf im Bauch. War das Liebe? Sicher jedenfalls Miteinander. Immerhin, für einen Moment.

Zu Demos zu gehen, kann gerade nicht mehr mein Beitrag sein. Da ist aber die Verlagsarbeit, in der wir auch die Stimmen von rassistisch bedrohten Menschen weithin hörbar machen. Da ist achtsames Zuhören, solidarisches Handeln in Trauer- und Traumaarbeit. Lernen, Zuhören, Platz machen. Selbst der safest mögliche space werden. Anderen Weißen sagen, dass es Attentäter gibt, die Tobias heißen; dass Rassismus tötet; dass auch sie rassistisch denken und handeln und das ein Problem ist.
Ist das genug? Sicher nicht.
Es braucht mehr, um es gänzlich zu beenden. Es braucht aber genau das, um einen Anfang zu machen. Vielleicht.

Hoffentlich.

Hartzjahre

Unsere Betreuerin rief am Dienstag an, um uns zu sagen, dass es noch nichts Neues vom Jobcenter gibt.
Das ist, was sie uns seit August bei jedem unserer Termine sagt. “Ich habe den Antrag, die Anfrage, die Nachfrage, die Forderung geschickt – es gab noch keine Rückmeldung.”

So kennen wir das. Diese boden- wie himmellose Weite des Kontaktes mit der Behörde, die uns die Existenz finanziert. Das Gefühl, mit einer Maschine ohne Ohren zu sprechen. Der Eindruck von Haltlosigkeit, der zur Fassungslosigkeit wird, wann immer dann doch eine Antwort kommt, weil es darin nie um uns, sondern um das System Hartz 4 geht.

Wir beziehen seit bald 15 Jahren Hartz 4. Noch nie waren wir mit Untätigkeitsverhalten der Behörde konfrontiert. Der Schweigestrafe. Danach fühlt sich das für uns an und löst Erinnern an traumatische Erfahrungen aus. Die Bodenlosigkeit wird unendlich. Die Haltlosigkeit zu dissoziativem Erleben. Irgendwann geht es nicht mehr um das Geld, mit dem unsere Existenz finanziert wird, sondern um alles. Leben oder Tod.

Trotz der langen Bezugszeit leben wir nicht prekär. Wir sind arm, ja. Aber wir sind gebildet. Und wir kommen nicht aus der Armut. Unser Habitus ist bürgerlich, typisch für die Mittelklasse. Und wir sind weiß.
Unsere Hartzjahre sind für die meisten weißen Mittelklassenleute Unfairjahre. Realhorror. Boah-das-könnt-ich-nicht-Jahre. Und deshalb könnten unsere Hartzjahre gut in ein Buch passen, das im Feuilleton besprochen wird.

Wir Langzeitarbeitslosen, die dem Klischee vom dummen Ekelfaulenzer nicht entsprechen, sind oft diejenigen, die in Zeitungen zu sehen sind. Deshalb sind wir die, mit denen sich “die Leute” noch am ehesten identifizieren können.

Diese Identifikation stellt sich für uns als hinderlich dar.
Denn wir sind nicht durch einen unfairen Schicksalsschlag, durch Nichtanerkennung unserer ausländischen Bildungsabschlüsse oder bereits chancenlose Eltern im Leistungsbezug. Wir sind Opfer von Gewalt gewesen und schwerbehindert.

2005 waren wir 19 Jahre alt und noch 2 Jahre vom Ausstieg entfernt.
Wir wurden ausgebeutet und verletzt. Betreut, behandelt und so davor bewahrt, uns das Leben zu nehmen. Der Antrag auf Hartz 4 wurde nötig, weil Hartz 4 gerade eingeführt worden war. Wir waren noch in der Jugendhilfe, später in der Eingliederungshilfe. Dass wir kaum lebensfähig waren, das war so überdeutlich klar, aber dieses System hatte schon damals keinerlei andere Vorgänge für Leute wie mich, als den der permanenten Prüfung auf Arbeitsfähigkeit.

Immer wieder waren wir damit konfrontiert, keinerlei Wert für diese Behörde zu haben, weil wir keinerlei Arbeitsfähigkeit vorweisen konnten. “Sie arbeiten weiterhin an ihrer Stabilisierung”, sagten meine ständig wechselnden und dadurch zunehmend gesichtslos werdenden Sachbearbeiter_innen für die aktiven Leistungen.

Und wir stabilisierten uns. Stiegen aus. Begannen zu heilen. Wuchsen aus der Opferrolle in die Überlebendenrolle in die Selbstbestimmung hinein, die unsere Kontexte gewähren können.
Arbeitsfähigkeit war und ist immer ein Teil dessen, worauf wir hingearbeitet haben.
Wir erwarten von unserer Umwelt nicht, dass sie einfach alles für uns bezahlt. Dass wir in irgendeiner Form von der Gesellschaft, die zugelassen hat, dass unsere ersten 21 Lebensjahre so passieren konnten, wie sie es taten, aufgefangen und aus_gehalten werden. Wir empfangen keine Leistungen und danken dem Sozialstaat. Wir bekommen Geld und manchmal fühlt es sich wie damals an, als uns die Leute, die uns verletzten und benutzten Geld dafür auf den Tisch legten. “Mach damit was du willst, Fickstück.”

Unsere Hartzjahre waren noch nie wie in unserer Kindheit. Immer nur wie die Ausbeutungskontexte danach.
Einfach ins Leere zu fassen wie jetzt, ist ganz eindeutig Kindheitstrauma_wieder.er.leben Keine Ansprechpartner_in zu haben, die irgendetwas verändern kann. Zuständig, ja sogar in der Pflicht ist, zu antworten und sich zu kümmern. Keine Macht zu haben, selbst etwas an der Lage zu verändern, weil die Abhängigkeit so groß ist. Und einzig die Wahl zu haben, sich vom Wohl und Wehe einer weiteren Instanz, nämlich der Justiz, abhängig zu machen, um eventuell vielleicht – mit ungewissem Ausgang, keinerlei Garantie und möglicherweise unangenehmen sozialen Folgen – zu erwirken, dass da etwas passiert.

Man sagt uns, dass das Eine nichts mit dem Anderen zu tun hat. Erinnert uns daran, dass wir betreut werden, dass wir versorgt sind, auch wenn die Behörde versagt. Versucht, uns die Unterschiede klar zu machen.
Aber darum geht es gar nicht. Das ist nie der Kern unserer Traumatisierungen gewesen. Es ging nie darum, dass uns Menschen verletzt haben oder passiert ist, was passiert ist.
Es geht immer um diese Stille. Diese Leere. Dieses Moment, in dem nichts mehr gespürt werden kann, weil es insgesamt zuviel zu spüren gibt.

Von “unseren Hartzjahren” zu sprechen, bedeutet auch von “unseren Jahren in struktureller Gewalt, die von allen gleichermaßen mitgemacht wird” zu sprechen.
Hartz 4 wird vom Staat finanziert. Wir alle bezahlen Hartz 4. Wir alle bezahlen für die Ausübung struktureller Gewalt durch Jobcenter, Sozial- und Versorgungsämter. Niemand ist unschuldig. Alle sind schuld daran.
Und es ist die gleiche Schuld, wie die an unserem Bluten als Kind, unserer Ausbeutung als Jugendliche_r, der Lebensgefahr, mit der wir bis heute umgehen.

Und, na klar, könnten wir das alles bequemer formulieren. Könnten die Gewalt an uns individualisieren und sagen, dass nur unsere Herkunftsfamilie und Fremde uns verletzt haben. Aber so war es einfach nicht. So ist es einfach nicht.
Gewalt wird gemacht. Auch durch stumme Zeug_innen, die glauben, sie hätten nichts damit zu tun, weil sie weder uns noch die, die an uns zu Täter_innen wurden, kennen.
Das zu benennen, haben wir uns zum Auftrag gemacht. Auch, weil die Menschen in unserem Leben nicht müde werden uns zu sagen, dass sie sehen, wie schlimm das alles ist. Wie unfassbar brutal und ängstigend.
Wir brauchen sie aber nicht nur als mitfühlende Zeug_innen. Die hatten wir schon als Kind. Als Jugendliche. Als junge Erwachsene. Als von-der-Gewalt-Übrige. Und es ist trotzdem passiert. Mit allen Schmerzen, allen körperlichen, wie seelischen Folgen.

Wir brauchen Unterstützer_innen. Brauchen politisches Handeln.
Brauchen, dass die Gewalt an sich anerkannt und in der Konsequenz beendet wird.
Und zwar nicht auf dem leichten Weg durch Reformen mit einem freundlichen Namen, sondern durch die harte, unnachgiebige Debatte um den Wert von Menschenleben, Würde und die Sicherstellung von bedingungsloser Versorgung aller Menschen, mit denen wir zusammenleben. Sei es in unserer Stadt, unserem Bundesland, unserem Land, unserem Staat, unserer Welt.

Wenn es uns wirklich ernst damit ist, niemanden verletzen, demütigen oder sterben lassen zu wollen, dann wird es Wege und Mittel geben, das auch ohne Gewalt zu schaffen. Wenn nicht, dann muss das Grundgesetz umgeschrieben werden. Dann muss sich von der Erklärung der allgemeinen Menschenrechte distanziert werden. Dann braucht es das Bekenntnis zur Täter_innenschaft. Zur Gewalt, zur Zerstörung.

An dieser Stelle darf es kein Spektrum mehr geben, in dem man sich mit Feigenblatt und 3-Affen-Ignoranz positionieren kann. Denn aufgrund genau dieser Optionen entstehen Leben wie unseres. Erfahrungen und Kontexte, in denen normal ist, was wir überlebt haben und so viele andere Menschen Tag für Tag nicht überleben können. Aus genau diesem Umstand heraus, gibt es überhaupt nur die Chance zu glauben, es wäre genug, vor allem auch Langzeit-Hartz4-Überlebenden, zu sagen, dass man sieht und glaubt, wie schlimm das alles ist.
Dass es reicht Kinderschutzkonzepte zu etablieren. Dass es reicht, Seenotrettung nicht zu illegalisieren. Dass es reicht, sich daran zu erinnern, dass wir alle Menschen sind. Dass es reicht, wenn wir nicht die AfD wählen. Dass es reicht, ein Mal am Tag die Tagesschau zu gucken. Dass es reicht, ein absolut zu bewahrendes Existenzminimum für jede_n Einzelne_n zu definieren. Dass es reicht gegen Kapitalismus zu sein.

Das tut es nämlich einfach nicht.
Man muss sich fragen, was man statt der Gewalt will.
Wenn wir unsere Menschen fragen, was sie sich für uns statt Hartz 4 wünschen, dann antworten sie, dass sie uns einen Job wünschen. Geld. Sicherheit. Autonomie. Dass wir leben können wie sie.
Und wir fühlen uns schlecht dabei. Denn wir wollen Sicherheit und Autonomie – aber ohne jede Bedingung dafür erfüllen zu müssen. Wir wollen, was wir schon als Kind so unbedingt gewollt und gebraucht haben – was alle Kinder so unbedingt wollen und für ihr Überleben brauchen: bedingungsloses Miteinander. Fürsorge, Versorgung, Stimulation.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der es das nicht gibt. In der alle jeden Tag in dem Wunsch nach Bedingungslosigkeit enttäuscht werden und manchmal so sehr, dass man sich über kleinste Stückchen davon so sehr freut, dass es eine Welt wird.
Wir finden das traurig. Denken, dass Menschen das besser hinkriegen könnten.
Wenn sie wollten.

Und wenn sie könnten, wie sie wollten.
Bedingungslosigkeit geht aber nur mit Bedingungslosigkeit.
Und genau die gibt es in unserer Kultur, unserem Miteinander gerade nicht.

Wir sind am Arsch.

Hello and thanks for coming to my TedTalk

Autismus und Trauma(therapie)

Unsere Form der Orientierung passiert am Handeln anderer Menschen.
Die Traumakomponente dabei ist die Furcht vor dem Fehler, da der Fehler als Ursache von Gewalt und damit Schmerz, (Lebens)Gefahr und Mangel erlernt wurde.
Die Autismuskomponente ist, dass zu Handeln für uns aktiv und bewusst eingeübtes Copy & Paste ist. Immer noch. Während die meisten Menschen diese Strategie anwenden, wenn sie neue Dinge lernen und einüben, wenden wir das bei praktisch allen Tätigkeiten an. Dabei geht es – besonders heute, wo keine akute Gewalt mehr droht – nicht um den Versuch ein „richtiges“ oder „perfektes“ Ergebnis zu erreichen, sondern darum, es richtig zu machen. Denn auch mit der Art, wie man handelt kommuniziert man mit anderen Menschen. Aus unserer Sicht kommuniziert man darüber besonders Zugehörigkeit und Anerkennung, manchmal sogar Wertschätzung, für den Umstand der Zugehörigkeit oder auch der Notwendigkeit von Zugehörigkeit in diesem Kontext.

Die fragmentierte Selbst- und Umweltwahrnehmung mit der wir leben, stellt bei diesem Unterfangen oftmals die eigentliche Behinderung dar. Wir brauchen länger als andere Menschen, um komplette Handlungsstränge zu erfassen, zu prozessieren, mit unseren Fähig- und Fertigkeiten abzugleichen und sie 1 zu 1 zu kopieren. Sich selbst nicht kontinuierlich spüren, erfassen und reflektieren zu können, bedeutet zusätzliche Zeit- und Raumaufwendung. Noch mehr, wenn es um Aktivitäten geht, die kritischer Prüfung bedürfen, weil sie MIssbrauchspotenziale enthalten oder zu direkten und indirekten Schäden an uns oder anderen führen.

Anpassung ist ein Vorteil in evolutionären Prozessen. Anpassung geht über „Unauffälligkeit“ weit hinaus.
Anpassung kann auch bedeuten so auffällig zu sein, wie andere eine_n haben wollen oder (für ihr Gewaltkonzept) brauchen. Anpassung kann auch bedeuten, immer weiter leben, überleben zu wollen und Sterben zu verhindern, weil sonst niemand anderes in der direkten Umgebung sterben will, sterben erlaubt oder Suizid duldet.
Es ist nicht zu unterschätzen, an wie vielen Punkten Zugehörigkeit und dazu nötige Anpassungsleistungen zutiefst menschliche Instinkte überblenden. Vor allem dann nicht, wenn man es mit Opfern von (organisierter) Gruppengewalt zu tun hat.

Auch hier müssen wir uns mit zwei Seiten befassen.
Auf der Traumaseite steht ein abhängiges Kind, das instinktiv (aber vielleicht doch auch sehr sehr früh bewusst) weiß, dass es Bezugspersonen braucht, um zu üb.er_leben und sich an die Gruppengewalt (die Familiengewalt)-Kontexte anpasst, um das eigene Leben zu schützen und auf der Autismusseite steht ein Kind, das diese Anpassung nicht schafft, weil es nicht alle sozialen Hinweise, nicht jede Ebene der Kommunikation und Interaktion so erfasst, dass die Anpassung zufriedenstellend (im Sinne von umfassend, „nahtlos“) passiert.

Man darf nicht vergessen, dass Anpassung an soziale Kontexte, zwischenmenschliche Interaktionsmuster und -praktiken die Zugehörigkeit kommuniziert. Und auch, ob man diese Zugehörigkeit stärken, wertschätzen oder herausfordern will. Zugehörigkeit trägt in nicht unerheblichem Maße zur Identitätsentwicklung bei. Wer zur Familie gehört, ist Familie. Wer zur Gruppe gehört, ist Gruppe.

Zugehörigkeit kann man gut vorzeigen. Vor allem mit einem umfassenden Repertoire von verbalen Skripten und Handlungsabfolgen in einem sozialen Kontext, dessen Kommunikation von Unschärfe und Ungenauigkeit geprägt ist. Häufig reichen nachgemachte Gesten ohne jede eigene, innere, emotionale Verbindung, damit sie ihre Funktion bei anderen Menschen (unbewusst) erfüllen. In der Regel reicht eine bestimmte Begrifflichkeit zu verwenden, um etwas zu beschreiben und dem Gegenüber damit zu sagen: „gleicher Kontext“, „gleiches Thema“, „Ich weiß, was du meinst“, „Ich weiß, wo du (inhaltlich) bist.“

Die Einsamkeit, die wir oft empfinden, speist sich aus genau diesem Umstand.
Wir fühlen uns nicht zugehörig. Wir fühlen uns wenn überhaupt verbunden. Und diese Verbundenheit produzieren wir über Kognition.
Die Person hat mich geboren – sie ist meine Mutter. Diese Person hat meine Mutter schwanger gemacht – das ist mein Vater. Diese Personen dürfen Dinge über mich bestimmen, die ganz konkret und direkt meine Er_Lebensqualität auf einem Spektrum von angenehm, gut, nährend bis unangenehm, schlecht, mangelnd beeinflussen und das ist (in wechselndem Rahmen) ausschließlich über folgende Gesten, Worte, Wortabfolgen, Mimiken steuerbar.

Als Kind und Jugendliche mussten wir mehr leisten als heute, weil wir mehr Autoritäten unterworfen waren. Die ganze Welt bestand für uns aus Menschen, die wir in ihrem Bezug zu uns erfassen und ertragen mussten. Heute als erwachsene Person dürfen wir Unverbundenheit mit Fremdheit synonym verwenden und unsere Energien in den Ausbau unserer Kontakte und Bindungen fließen lassen.

Das erscheint uns an manchen Stellen, wie ein Entwicklungsschritt, den andere Menschen in der Zeit zwischen 10 und 20 Jahren machen. „Hier bin ich, ich bin so, ich gehöre zu dem und dem und das das und das nicht.“.
Wir sind in einigen (psychischen) Entwicklungsschritten erheblich verzögert. Schon der Umstand erst mit 21 zu erfassen und zu begreifen, dass jeder Mensch einen eigenen inneren Kosmos hat, der bei allen anders ist und es entsprechend gar nicht unser Ziel sein muss, unseren zu verändern, um weniger einsam und fremd mit ihnen zu sein, deutet darauf hin.
Die Trauma-Erklärung dafür ist: „Abgrenzung – ihr habt gelernt, dass ihr nichts eigenes haben dürft und deshalb habt ihr nie eine Grenze zugelassen (durftet keine Grenzen entwickeln) zwischen euch und denen, die euch überlegen waren (also allen/der ganzen Welt)“
Unsere Erklärung damals: „Da ist ein Unterschied, der uns trennt, was uns gefährdet und wo wir, egal was wir mit welchem Drive versuchen, nicht drüber kommen, sondern nur überdecken können. Wir gehören nicht dazu, aber alle Kognition sagt, dass wir es tun. Hier passiert ein unaushaltbarer Widerspruch, den wir weder kommunizieren noch auflösen können.“ blieb unverstanden, weil sie immer wieder von „autistisch“ zu „neurotypisch“ zu „traumatisiert“ übersetzt wurde.
Bibel-religiöse Menschen können verstehen, was für fatale Probleme dadurch entstehen, wenn etwas zu oft in zu weit auseinanderliegende Sprachen übersetzt wurde.

Unsere Geschichte enthält lange Abschnitte psychiatrischer und psychotherapeutischer Behandlung. Es hat nicht geholfen die eigene Alexithymie niemals ausdrücken zu dürfen bzw. nicht als solche anerkannt zu wissen, weil die allgemeine Übersetzung ausschließlich „Bedrohung für andere“ (krasser Fall von Psychopathie/ verletzt ohne Mit_Gefühle/ wurde auf Gefühlskälte programmiert (traumatisiert)) oder „absolute Zerstörung des Eigenen“ (armes traumatisiertes Huschi ist völlig zerstört/dissoziiert von den eigenen Gefühlen/darf (durfte) nicht mal was empfinden) für ihre Auswirkungen bereithält.

Die Anpassung an die Lebensumstände der Psychiatrie und der Behandlungskontexte der Psychotherapie decken wir noch heute an unerwarteten Stellen auf.
Zuletzt am Begriff der Reorientierung.
Da wir schon so lange in Therapie sind, schon so viele Fremdwörter benutzen, um bestimmte Themen zu umreißen und Gespräche schneller an ihren Punkt zu bringen, wird schnell vergessen, dass wir in der Regel skripten, wenn wir Lautsprache verwenden. Das bedeutet, dass wir (Fremd)Wörter verwenden und das auch inhaltlich angemessen, sie aber mitnichten auch immer mit uns in Verbindung bringen können, wo die Verbindung auch wirklich ist.

Am Beispiel der Reorientierung ist das meiner Ansicht nach besonders fatal, macht doch die Re_Orientierung einen erheblichen Teil dessen aus, was nötig ist, um erfahrene Traumatisierungen zu verarbeiten und zu integrieren.
Erst nach bald 18 Jahren Traumatherapie zu verstehen, dass Re_Orientierung nicht nur meint, dass alle von uns wissen, welches Datum wir haben und, dass wir der Familie*° nicht mehr ausgeliefert sind – als Information! – ist eine solche unerwartete Stelle.
Eine mit erheblichen Auswirkungen und Krisenpotenzial.

Als Held_in darfst du nie aufs Klo

Siegfried war ein Held. Odysseus war ein Held. Artus war ein Held.
Die Ilias ist ein Heldenepos. Die Edda.
Krieger. Kriegsgeschichten. Tief eingewebt in das kulturelle Gut unserer Gesellschaft, wirken sie bis heute mit enormer Kraft.

Keine Geschichte vom Krieg um Leben und Tod ohne jemanden, der* fast gestorben zu übermenschlicher Kraft und Fähigkeit wächst, um seine_n Widersacher niederzuschlagen. Triumph und Macht, Ehre und alle Würden, die seine Anhänger_innen zu geben vermögen, stehen dem Helden zu. Ob aus Angst vor der Über_Macht oder aus dem Wunsch nach autoritärer Führung, ist oft nicht eindeutig zu erfahren, basieren die Leben der Menschen in allen Sagen und Epen doch immer auf autoritärer Herrschaft. Also Gewalt.verhältnissen.

Mir ist gestern die Aktion des Twitteraccounts @kidzpodcast aufgefallen.
Unter #wahreHelden verbreiten die Betreiber Plots ihrer modernen Heldensagen. Kinder, die anfangen, andere Menschen vor ihren Misshandler_innen zu schützen. Personen, die aus gewaltvollen Partner_innenschaften fliehen. Kinder, die ihren Misshandlern drohen, zurück zu schlagen.
Die Tweets laufen gut. Heldensagen gehen immer gut. Inspirierende Tweets, Tweets mit einst verletzten doch dann erstarkten Kindern gehen immer gut. Man wünscht sich, dass Kinder stark sind. Man wünscht sich, dass Gewalt nicht vernichtet, sondern stark macht – Augenblick, ist das wirklich, was man sich wünscht? „Was nicht tötet, härtet ab.“, „Was dich nicht umbringt, macht dich stärker.“, „Nur die Harten kommen in den Garten.“ ?
Vermutlich wünschen sich die Leute hinter dem Hashtag das nicht, aber das ist meiner Ansicht nach am Ende die Botschaft dessen, was sie da verbreiten.

In unserem letzten Format von Vielen, haben wir darüber gesprochen, dass es zum Inspirationporn gehört, wenn man Menschen, die zu Opfern wurden, in ihrem Üb.er_leben überhöht. Zum Beispiel, indem man ihnen sagt, dass sie ganz außergewöhnlich mutig sind, ganz besonders stark sind und sich alle Menschen davon mal eine Scheibe abschneiden sollten. Denn damit macht man die Opfer und ihre Kämpfe um Selbstbestimmung, Normalität und Heilung zu Inspirationsquellen. Das ist zum Einen Objektifizierung, also Gewalt, und zum Anderen macht es ihre Leben zu etwas, das nicht als üblich, normal, alltäglich gilt. Es ist aber normal zu leben. Selbst bestimmen zu wollen, heilen zu wollen und Alltag leben zu wollen. Egal, ob man in diesem Leben zum Opfer von Gewalt wurde oder behindert ist_wird, ob man Schwarz ist oder homosexuell oder oder oder. Niemand, die_r versucht in dieser unserer Gesellschaft den eigenen Bedürfnissen entsprechend zu handeln, tut etwas außerordentlich spezielles.
Die Heraushebung von Üb.erlebenden von Gewalt zu „wahren Helden“ ist in sofern ein Akt der Gewalt an Menschen, die bereits zu Opfern wurden. Ja, auch dann, wenn man das gar nicht so meint. Ja sogar, wenn man es richtig lieb meint und eigentlich nur sagen will, dass man richtig krass (gut) findet, was die Person da macht oder mal gemacht hat. Auch dann.

Zusätzlich dazu ist es – und darüber kann man diskutieren, denn hier kommen wir an Interpretationsfragen – doch eigentlich unfassbar zynisch, wenn man Menschen, die Opfer sind oder waren, zu Krieger_innen, also Aggressoren erklärt. Also, einzelne Handlungen, die mehr oder weniger geplant, gezielt, überlegt waren, um mit einer (Lebens)Bedrohung umzugehen, zu dem macht, was sie als Menschen auszeichnet.
Diesen Umstand erleben Menschen, die einmal zu Opfern wurden, in beide Richtungen.
Im einen Extrem wird ihnen abgesprochen, gut für sich selbst sorgen zu können. Sie werden entmündigt, ihnen wird mit (gut gemeinten, doch auch dann selbstverständlich übergriffigen) Rat_Schlägen, Vor_Schlägen, zuweilen (und speziell in autoritären Kontexten) kategorischen Verboten begegnet. Sie werden praktisch vor sich selbst beschützt, als seien sie Aggressoren gegen sich selbst – sich selbst hilflos ausgeliefert, wie in der Situation oder den Situationen, in denen sie real konkret zu Opfern wurden – von jemand anderem.

Im anderen Extrem sind die Menschen, die zu Opfern wurden ein permanentes Mahnmal an die Gewalt. Also praktisch das, wozu man Helden und ihre Geschichten überhaupt erfunden hat.
Man hat früher nicht ums Feuer gesessen, um Helden und ihre Aggressionen geil zu finden, sondern um von Zeiten zu berichten, in denen gemordet, geplündert, vergewaltigt und geraubt wurde. Also von Kriegen. Von Zeiten, in denen Angst der Alltag, in dem es jeden Tag um Leben und Tod ging, war.
Den Überlebenden eine Heldenrolle zuzuschreiben, die sie ihr Leben lang zu erfüllen haben, um nicht zu einem Bruch im Kollektivbewusstsein aller Überlebenden beizutragen, hat im Kontext von Kriegen zwischen Völkern oder Sippen viel Sinn. Denn es stärkt das Gemeinschaftsgefühl, was wiederum zu Resilienzfaktoren beiträgt, die das Erlebte leichter verarbeiten lassen.
Überlebenden von sogenanntem „sexuellem Missbrauch“ oder systematischer Ausbeutung, oder Misshandlung in der eigenen Familie, so eine Heldenrolle zuzuschreiben, tut das nicht.
In dieser Situation wird ein Gemeinschaftsgefühl über die Erfahrung produziert, also wird ein Opfer zur Gruppe aller Opfer gezählt, was ihre Individualität und die speziell in der eigenen Familie herrschenden Dynamiken ausblendet. Ein Opfer hat dann keine eigene (Leidens/Gewalt.Erfahrungs-)Geschichte, sondern die Geschichte aller Menschen, die je zum Opfer wurden. Daraus ergeben sich Verantwortung für eine abstrakt definierte Gruppe, deren Mitglieder einander nicht einmal alle kennen, Zwang zur Stellvertretung, wann immer diese Gruppenzugehörigkeit in sozialen Konstellationen benannt wird, und die permanente Konfrontation mit dem, was den Status überhaupt erst begründet: der Zustand absoluter Unterwerfung.
Um speziell den letzten Teil auf einen Punkt zu bringen, ist es einfach so, dass man ein Opfer nicht zum Helden oder zur Heldin erklären kann, ohne den Grund dafür permanent bewusst zu halten. Was besonders vor Fremden unter Umständen auch ein nicht unerheblicher Angriff auf die Privatsphäre der betreffenden Person ist. Mal ganz abgesehen von dem so verwehrten Recht auf Vergessen, das man jedem Menschen, egal in Bezug worauf, zugestehen muss. Ja, in aller Konsequenz und ja, auch die Dinge, die man selbst nicht vergessen kann oder will oder von denen man denkt, dass sich die gesamte Menschheit daran erinnern muss, weil es so wichtig ist. Es gibt andere Wege, um kollektiv zu erinnern oder zu gedenken. Man braucht kein Individuum dafür zum Sprecher aller bzw. zur Heldenfigur machen.

Zum Opfer von Gewalt geworden zu sein und sich mit Kampfmetaphern auseinanderzusetzen, kann viele Ebenen haben.
Das Blog von Vielen zum Beispiel hat den Untertitel „Ein Ziel – viele Kämpfe_r_innen“.
Viele Menschen lesen das und können es erst einmal nur so übersetzen: „Das Ziel ist die Heilung, denn H. C. Rosenblatt ist ja krank vor lauter Trauma und das ist ein ganz furchtbarer Zustand, aus dem sie_r sich jetzt rauskämpft, weil nur so kann man das ja machen. Man muss sich ja aus allem rauskämpfen, weil so ist das Leben und nur die Harten dürfen Gärtner werden und der Kampf steht da in der Mehrzahl, weil sie_r ja viele sind.“
Es ist so verbreitet das Leben für einen Kampf zu halten, dass alles, was außerordentlich darin passiert, als weiterer Kampf verstanden wird. Was ich persönlich für ein Problem halte, weil ich davon überzeugt bin, dass es nur deshalb so normalisiert ist, weil man sich Kampfheldengeschichten anstelle von Geschichten über Kooperation, Solidarität, Liebe, Verhandlung und Konsens erzählt.

Wir haben dem Blog den Untertitel gegeben, weil wir merken, dass wir gegen tradierte und in unsere Kultur eingefressene Traumawahrheiten anstreiten müssen und diese Streits immer wieder als Kampf eingeordnet werden. Egal, ob wir das wollen oder nicht, einfach, weil in dieser unserer zutiefst traumatisierten Gesellschaft keine Streit- und Auseinandersetzungskultur, sondern eine Kampf- und Kriegs – eine Autoritäts- und also Gewaltkultur gelebt wird. Es ist unfassbar schwierig zu streiten, ohne einander zu bekämpfen.
Uns als Kämpfer_innen zu bezeichnen, ist eine Anpassung daran, die wir selbstbestimmt gewählt haben. Wir beziehen uns damit auf unsere Themen und Auseinandersetzungen, machmal auch auf soziale Kämpfe um Gleichheit, in denen wir als Aggressoren eingeordnet werden, weil wir leben und sind.
Niemals (mehr, früher haben wir das durch auch mal gemacht) beziehen wir uns auf unsere Traumafolgen und sich daraus ergebende Probleme und Erkrankungen. Wir und unsere Bedarfe sind  nicht das Problem. Die Gewalt ist das Problem.
Wenn wir gegen unsere Erkrankung oder unsere Erfahrungen kämpfen würden, würden wir gegen uns und das, was uns ausmacht kämpfen. Wir wären also genau die Aggressoren gegen uns, zu denen uns Menschen machen, die uns absprechen, gute selbstfürsorgliche Entscheidungen für uns treffen zu können.
Und wir würden bis an unser Lebensende kämpfen müssen, denn die Erkrankung ist da und die Vergangenheit geschehen.

Eine andere Ebene kann man sehen, wenn man sich zum Beispiel mit Helfer_innen auseinandersetzt, die nicht genug Unterstützung, kaum gewürdigte Erfolge und Rückhalt in der eigenen Berufsgruppe oder Peergroup haben. Sie kriegen einen „Wir gegen die ganze Welt“- Dreh in ihrer Haltung und geraten in einen permanenten Kampfmodus mit der Umwelt. Dann werden alle Jugendämter scheiße, weil sie nicht genug Durchblick haben, alle Polizisten dumme Arschlöcher, in der Schule braucht man gar nicht erst anfangen und irgendwann – manchmal ganz subtil auch die, um die sie sich sorgen und abmühen – jämmerliche Heulbojen, die sie doch alle mal kreuzweise können, wenn sie nicht wie gebraucht Inspiration, Sinn und Zweck des eigenen Handelns produzieren.**
Wir hatten einige Male mit solchen Helfer_innen in Betreuungskontexten zu tun und konnten uns dagegen nicht wehren – nur anpassen. Und zwar, indem wir uns den Kampf angenommen haben. Wir sind die, die kämpfen, wir sind so stark. Wir sind nicht so jämmerlich wie die, die den Ausstieg nicht schaffen. Wie die, die irgendwann abkratzen, weil sie sich nicht retten. Wie die, die Hilfe brauchen. Wir sind Teil des starken Teams – nie wieder wird uns jemand verletzen können, denn wir sind die Harten, denen der Garten gehört.
Wie unfassbar schlimm es für uns war, wenn uns diese Helfer_innen dann nicht mehr begleitet haben, ist kaum zu beschreiben. Weil es re_traumatisierend und nicht ohne „Held_innengesichtsverlust“ besprechbar war.

„Als Kämpfer_in, als Held_in kannst du nie aufs Klo, denn dann wissen alle, dass du Schwächen, Bedürfnisse, hast.“, in einem Aushandlungsprozess mit einem Kinderinnen, haben wir das verstanden. Wer Opfer oder generell irgendeinen Menschen als Held_in bezeichnet, presst sie in eine Rolle, in der es keine Bedürfnissäußerung geben kann, ohne sie zu verteidigen. Es ist ein schlimmes Leben, wenn man so funktionieren muss oder glaubt zu müssen. Es hat mit dem Leben, das man sich für alle Menschen im günstigsten Fall wünscht, überhaupt nichts zu tun.

 

Wir haben @kidzpodcast geschrieben, dass wir ihre Tweets sehr unangenehm finden. Wir haben sogar ausführlich erklärt, warum.
Ihr Antwort implizierte, dass die Problematik allein in unserem Kopf besteht. Für uns eine „red flag“ von Gaslighting.
Wir sind ihnen entfolgt.

 

 

* die meisten Heldensagen erzählen von Männern, deshalb steht hier das generische Maskulinum
**Wenn du mit traumatisierten Menschen arbeitest und diese Haltung bei dir bemerkst: hier die passende Googlesuche für dich.
Tu dir und deinen Klient_innen was Gutes, kümmere dich!

Schale

Ich fühle mich geschält. Wie diese Kartoffeln im Glas, nur dass der Zug, in dem ich sitze, das Glas ist und in kein Supermarktregal passen würde. Aber ich. Ich fühle mich so klein geschält, dass ich froh bin um diese große Hülle. Es ist Dienstagabend, reichlich spät, denn wieder hat mein Zuganschluss in Minden nicht geklappt. Wieder warten wir im Dunkeln, im Kalten, im Alleinen zwischen zwei Welten und sind dabei selbst weder fest noch flüssig.

NakNak* atmet auf meinen Schoß, in ihrem Fell wuseln die Anderen wie Flöhe auf der Suche nach Nähe, Wärme, Halt. Alles ist schwer, sogar an meinen Wimpern hängen Senklote.
Als wir aus dem vorletzten Zug aussteigen wollen, spricht mich eine Person an. Ich reagiere nicht, bin verzehrfertige Kartoffel-klein. Denke, soll er sich große Leute suchen, um zu sprechen. Er winkt mir zu, tritt näher an mich heran. Ich höre zu. Dann doch. Weil ich mich ohne Schale einfach nicht abgrenzen kann. Und weil ich keine Kraft mehr habe. Für Widerspruch, für meine eigenen Grenzen, für nichts und niemanden. „Wobei würde der Hund denn assistieren?“ fragt die Person und ich höre wieder weg. Dafür – für all das, was an dieser Situation falsch ist – habe ich erst recht keine Kraft. „Das ist eine extrem private Frage.“. Sagt eine andere. Dann hält der Zug und wir steigen aus.

Es ist kalt. Es ist dunkel. Ich bin allein.
Und trotzdem gibt es Dinge, die total privat sind.
Und eine andere, die noch eine Schale hat. Oder ist.

25 und 26

Ich sollte nicht davon erzählen. Besonders jetzt nicht, wo wir bald ein Buch veröffentlichen und schon jetzt mehr Menschen deshalb auf diese Seite kommen.
Ich sollte sowas nicht erwähnen. Nicht hier.
Ich sollte an meinem Image arbeiten. Mir mal langsam eins machen, das über den Zufallsgenerator der Perzeption und dem Glücksspiel der Rezeption hinausgeht. Ein Bild von mir, von uns, das zeigbar ist. Sympathisch, nett, interessant, angenehm. So wie man Menschen einfach gerner hat.

Trotz aller Beschäftigung damit, verstehe ich nicht so richtig, wofür so etwas gut sein soll. Image. Gutes Image durch Bildpräsentation.
Das ist nicht die Realität. Das ist nicht echt, aber unheimlich anstrengend. Das ist wie die Erschöpfung nach 6 Stunden Sims 3 mit 8 Familienmitgliedern, davon 6 Kleinkinder und Babys: viel Zeit, viel Kraft – für nix außer den Moment.
Vielleicht ist der Moment sehr wichtig, okay. Aber danach kommen auch noch Momente. Und im Gegensatz zu den Pixeln, denen ich Namen gebe, um sie in eine Geschichte zu verwickeln, bin ich ja auch noch viele Jahre da. Auch nach dem Moment.

Ich sollte nicht erzählen, wie ich in der Schule einen Mitschüler angeschrien hab, dass er sich in sein dummes Knie ficken soll. Weil er ein überheblicher weißer linker Mackerdude ist, dessen verdrogtes Hirn seine Arroganz in unerträgliche Ausmaße verstärkt und, der einfach nur zum Nerven in die Schule kommt.
Ich sollte vielleicht mehr Fokus auf meinen Notenabsturz in dem Fach legen, seit dem Lehrerwechsel, dem absolut ungünstigen Stundenplan. Vielleicht anschaulicher machen, was für ein Alptraum sein absolut sinnbefreites und zuweilen menschenverachtendes Gelaber während des Unterrichts in_jedem_einzelnen_Fach_ für meine Kraftressourcen ist. Vielleicht darüber schreiben, wie es ist, um 5 Uhr morgens aufzustehen, um keine 3 Stunden später alles und jeden wie auf blanke Nervenenden auftreffend wahrzunehmen und an nichts anderes mehr denken zu können als an das, was die Leute jedes Mal sagen: Bleib ruhig – Entspann dich – Reg dich nicht auf – und früher reingeprügelt haben: HIER WIRD NICHT GEHEULT

Es ist eine beschissene Situation, denn Aggression wird so oft entschuldigt, dass auch das als Entschuldigung gelesen werden würde. Dabei gibt es daran nichts zu entschuldigen. Wir haben keine Schuld auf uns geladen. Wir haben ihm gesagt, was er hören wollte – haben auf seine Forderung, ihm ins Gesicht zu sagen, was wir denken, reagiert. Dass diese Wahrheit gewaltvoll und aggressiv ist, liegt in der Natur der Wahrheit. Wahrheit ist nicht zart flauschig und lieb. In der Regel ist Wahrheit brutal, schmerzhaft und abstoßend. Sicher hätten wir eine prosozialere Performance machen können, aber was ist das für ein Anspruch vor dem, was ich in dem Moment überhaupt noch leisten konnte. Mal abgesehen davon, wollen wir mit ihm möglichst überhaupt nicht sozial sein.

Ich war froh, nicht vor ihm und der ganzen Klasse geheult zu haben. War froh nicht schon 20 Minuten vorher vor lauter Frust- und Ohnmachtsgefühlen geheult zu haben. Wenigstens eine Weile dem folgen zu können, was mir früher wie heute als einziges regelmäßig reingedrückt wird: ruhig bleiben, als wär nichts von dem, was da in mir vorgeht real, schmerzhaft oder so unaushaltbar wie es am Ende nun einmal doch ist.

Wir sind kein Mensch, der bei jeder sozialen Belastung gleich anfängt Leute anzubrüllen oder überhaupt aggressiv auftritt. Wir sind auch nicht absolut unfähig, mit Stress und Belastung umzugehen. Oder mit Leuten, die wir nicht mögen. Oder mit Leuten wie ihm.
Es sind diese mehrfach beschissenen Ohnmachtslagen in Kombination mit Schmerzen, die keine Aussicht auf Lösung oder Ende haben.
Es sind Situationen, die in ihrer Struktur unserer Traumatisierung so extrem ähnlich sind.

Ein Stundenplan, der nicht zu ändern ist, Lehrer_innen, die hilflos und also handlungsunfähig sind und alle Verantwortung und Aushalteparolen der Welt auf uns abladen. Ein Begleitermensch, der seit Monaten nicht erreichbar ist. Absprachen und Hilfen, die mit dem Weggang der alten Klassenlehrerin nicht mehr eingehalten bzw. gegeben werden. Das Gefühl von allen reingelegt und verlassen worden zu sein, obwohl wir allen gesagt haben, dass wir das alleine nicht schaffen. Obwohl wir verdammt nochmal wirklich alles, darunter auch Dinge, die an unserem Würdegefühl gekratzt haben, gemacht haben, damit das alle begreifen. Damit genau das nicht passiert.

Und dann der Schmerz.
Für den sind wir allein verantwortlich. Wir müssten früher gehen, öfter nicht da sein, Situation nicht er_leben, um ihn so ertragen zu können, dass wir immer lieb, ruhig und artig sein können. Wir müssten weniger leben, um ihn nicht zu spüren. Oder ein weniger schmerzverursachendes Umfeld haben.
Man hat uns schon oft vorgeworfen uns zu oft zu verkriechen, im eigenen Kleinklein zu bleiben. Oft, weil man nicht so recht glauben kann, das Geräusche, Sprechen, Interagieren auch Schmerzen verursachen kann. Und meistens, weil man die Verbindung zwischen Schmerzen, die wir heute haben und dem Schmerzgedächtnis für Schmerzempfinden aus lebensbedrohlichen Gewalterfahrungen früher in unserem Leben, nicht so recht begreifen kann.

Ich erwähne den Schmerz, weil ich denke, dass das etwas ist, das die meisten Leute nachvollziehen können. Alle hatten mal krasse Zahn-Kopf-Glieder-Körperschmerzen in ihrem Leben. Alle wissen, wie man dann drauf ist. Alle wissen, wie viel zu viel in so einem Moment so ein “Psst!-Nu bleib ma ruhig”- Anspruch ist. Nicht, weil man ein böser Mensch ist oder irgendetwas in einem selbst als Person macht, dass man in diesem Zustand “böses” tut, sondern, weil das eine Möglichkeit von vielen ist. Unser Spektrum reicht von Dissoziation zu absolutem Hyperfokus zu psychosomatischen Phänomenen wie vorübergehender Blind- und/oder Taubheit zu Sprechunfähigkeit zu Anschreien bzw. Rausschreien, was ist. Die meisten dieser Reaktionen kriegen die Menschen um uns herum nicht einmal mit. Und das ist ja der ganze Witz.

Jemand, die_r leidet ohne Ende, Hoffnung und Kraft – aber in sich selbst implodiert und “unsichtbar dysfunktional” ist, wird nie für “böse” gehalten oder für unsozial oder was weiß ich. Solche Leute werden für fähig gehalten mit Stress umzugehen. Ihre Anwesenheit gilt als angenehm, weil nicht störend, da auf Störung hinweisend.
Wer davon abweicht, ist der letzte Arsch, nicht ganz dicht, Täter_in, Aggressor_in, störend und die Person, der man mit aller Macht sagen muss, dass sie doch bitte ruhig sein soll. Unabhängig davon wie ruhig sich die Person sonst verhält. Die Ruhe zu der eine Person fähig ist, wird immer wieder unsichtbar vor ihrer Lautstärke.

Ich frag mich, ob das nicht auch so eine Form der Imagemachung ist. So ganz alltäglich.
Du lernst einmal jemanden kennen und hast vielleicht insgesamt 5 Tage mit der Person verbracht, aber wenn sie dann in den letzten gemeinsamen 2 Stunden etwas macht, was anders ist, dann behälst du sie als so anders in Erinnerung. Dein Bild von ihr verändert sich dahingehend und das wars dann. Nie wieder wirst du die Person so sehen wie vorher. Viel mehr wirst du dein früheres Bild von der Person als Illusion oder Lüge abtun, anstatt dich der Realität zu stellen, in der Menschen einfach mehr sind als das Bild, das du dir von ihnen gemacht hast. Und vielleicht sogar weiter trägst., wenn du so ein Mensch bist, der anderen Leuten keine eigenen Bilder erlaubt oder erlauben oder zumuten will. Als ginge dich das irgendetwas an.

Mein Leben hat diese Realität.
Das Zerfallen und ganz klassische Opferding voller Leiden und Not und das Explodieren, das so oft Täter_innen zugeordnet wird, obwohl es ein ganz genauso reales Opferding ist. In den Diagnosekriterien der PTBS wird das unter “Reizbarkeit” verwurstet. Es gehört dazu. Ist eine Dimension wie die Dissoziation, der heutige Schmerz als Trigger für früheren Schmerz und so viel mehr.

Ich  weiß, ich sollte hier von gar nicht schreiben. Denn Mehrdimensionalität, Komplexität ist schwer. Schwerer als ein Abziehbild in 2D.
Aber mein, unser Leben ist schwer. Ist komplex.
Weil es real ist. Weil wir real sind.

12

“Mach dir nicht so viele Gedanken.”, “Mach dir keinen Stress.”, “Reg dich nicht darüber auf.”.
Das sind die Dinge, die uns Menschen zu dem Problem mit dem Lehrer sagen. Und generell zu vielen, den meisten der Probleme, die wir im Leben sehen. Beruf, Zukunft, Lebensausrichtung, die Ordnung unserer Dinge und Handlungen.

So etwas macht einen Schmerz, der immer wieder neu weh tut einerseits und andererseits kaum richtig “echter Schmerz” im Sinne einer emotionalen Verwundung ist. Es ist eher eine, die!, schmerzliche Erinnerung daran, wo die Grenzen zu anderen Leuten verlaufen. Sie verlaufen für uns genau dort, wo Leute annehmen, wir würden uns Gedanken zu Dingen machen, wie man Kuchen backt oder sich selbst eine Frisur macht: zielgerichtet, eine Absicht verfolgend, vielleicht, weil man etwas anderes gerade weder will noch kann oder mag.

Unser Ausdruck von Stress über Dinge entsteht in der Regel erst dann, wenn wir durch die Kommunikation unserer Gedanken zu Dingen als etwas, das frei wählbar und vermutlich die Folge von Vermeidung anderer Optionen sei, merken, dass wir allein mit dem Problem sind. Sicher nicht, weil die Menschen sich dafür entscheiden uns damit allein zu lassen. In der Regel wollen sie ja alle das Beste für uns. Sie sind uns zugewandt und sehen, dass es uns nicht gut geht. Aber sie verstehen uns nicht. Und, sie sehen die Dissonanz zwischen dem, was sie an uns herantragen und dem, was sie sich für uns wünschen nicht. Auch damit sind wir meistens allein.

Wir sind nicht gut in der Lösung von zwischenmenschlichen Problemen. Wir wissen das. Wir merken das. Wir leben schon einige Jahre mit dieser Unfähigkeit und trotz vieler Hilfsmittel und Krücken, die für die andere Partei in der Regel ermöglicht, gute Lösungen zu finden, bleiben wir oft mit dem Wissen zurück, dass wir ein Problem lösen, bei dem wir nichts weiter als ein Kanarienvogel in der Kohlenmine waren.

Wir geraten nie „einfach nur so“ in Schwierigkeiten. Wir zeigen sie auf und werden deshalb als die Problemursache verortet. Schlicht deshalb, weil wir unsere Gedanken nicht „machen“, sondern sie durch all die Fragezeichen und Unstimmigkeiten in der Zwischenmenschlichkeit und der Unmöglichkeit, die Zukunft vorherzusehen, zwangsläufig entstehen.

In ultra autoriären Kontexten hatten wir nie Probleme damit. Darin hatten wir unsere Gedanken und die Spaltung zwischen innen und außen. Wir haben nicht gesagt, was wir denken, haben nie geäußert, was wir uns fragen. Wir haben gehört und gefolgt und am Ende war das Ende. Es gab keine Zukunft, es gab ein Ziel, das ein weiteres Ende sein würde, über das weder nachzudenken, nachzufragen oder sich zu sorgen erlaubt nötig möglich war.

In Momenten wie dem, in dem unsere Therapeutin aus der Sache mit dem Lehrer zum Beispiel etwas macht, das in uns begründet ist; unser Klassenlehrer, dem wir von der Sache erzählten, weil er sagte, wir sollten bei Problemen immer sofort zu ihm kommen und davon erzählen, uns sagt, wir sollen uns weder aufregen noch sorgen; der Begleitermensch schon wieder nicht erreichbar ist, obwohl er uns zugesichert hatte, dass wir in der Schulzeit nicht allein mit solchen Situationen sein müssten,

da ist der Wunsch nach so einem ultra autoritären Kontext wieder da
und ich kann’s verstehen
ja, sogar nachfühlen.

Nicht, weil die Aussicht auf die globale Unterwerfung und Lossagung solcher Problemlagen so toll ist, sondern, weil es weder die real entstehenden zwischenmenschlichen Probleme, noch den Schmerz der Alleinigkeit damit, noch das Spüren der weiterreichenden Konsequenzen dieses Schmerzes gibt.

Es geht ja nicht nur um dieses eine Problem. Sondern auch um die, die da noch kommen werden. Es geht auch darum, immer Kraft für sowas bereit haben zu müssen und niemals vergessen zu dürfen, dass das ein Kraftvorrat ist, der dazu da ist, immer einsetzbar zu sein – egal, wie anstrengend der ganze Rest ist.

Es geht auch um das Gefühl der Isolation. Es gibt Menschen, die mit unserer Selbstbezogenheit wenig mehr als Pathologisierung und Negativbewertung anfangen können. Die meisten brauchen entweder lange oder schaffen es nie zu verstehen, dass wir uns nicht wie sie oder die meisten Leute, über andere Menschen oder die Interaktion mit ihnen spüren. Wir also keinen Wert für uns darin sehen, mit ihnen zu tun zu haben, sondern darin, was konkret wir mit ihnen zu tun haben. Um das etwas näher zu erklären, ein Beispiel.

Eine Person mit der wir befreundet sind, fragt uns, ob wir mit ihr Zeit verbringen. Sagen wir, wir machen eine kleine Radtour. Wir werden uns gut fühlen, weil wir radfahren und sie auch. Weil wir beide das Gleiche tun und einander erzählen können, wie es für uns war. Uns macht daran glücklich, dass wir Rad gefahren sind und, dass wir beide die gleiche Erfahrung gemacht haben und, dass wir einander davon erzählen können. Auch wenn die andere Person es vielleicht nicht so toll fand, so steht für uns nicht das im Vordergrund, sondern die Schönheit der Kongruenz, über die wir uns verbinden können. Wir sind dann nicht glücklich, weil eben genau diese Person da war. Oder weil wir besondere Momente miteinander erlebt haben. Die Gleichheit der Handlung (die planbar, machbar, schaffbar war) erfüllt uns mit Zufriedenheit.

Übertragen auf soziale Problemlagen, wie dem mit dem Lehrer, ist für uns irrelevant, wie er sich fühlt, wenn wir uns schlecht fühlen. Für uns ist seine emotionale oder soziale Bewertung der Situation auch egal. Wir brauchen für uns auch nicht zu wissen, wie es ihm geht, denn uns geht es um das Ergebnis seiner Handlung bzw. einen faktisch existenten Umstand.
Beschäftigen werden wir uns in den nächsten Tagen aber vor allem damit, ihm das klar zu machen, ohne, dass er sich tödlich beleidigt oder missachtet fühlt. Und erst dann können wir vielleicht eventuell zu dem kommen, was für uns eigentlich relevant ist. Ein Problem, das wir nur durch achtsame und sachbezogene, also sehr konkrete, Kommunikation lösen und in der Zukunft verhindern können. Obwohl Schulalltag um uns herum ist, obwohl es für ihn irrelevant ist, obwohl es unbezahlte Mehrarbeit für ihn ist und obwohl es eine Veränderung in seiner Kommunikation bedeutet, von der erst einmal nur wir etwas haben (aber später könnte sich herausstellen, dass alle etwas davon haben – auch er).

Was in der Reihenfolge einfach kräftezehrend für uns ist und auch wieder ganz eigene Unfairheiten mit sich bringt. Denn ihm wird niemand sagen, er solle sich nicht aufregen, sich Gedanken machen, keinen Stress damit haben.
Ihn wird man eher noch bedauern, jemanden wie mich unterrichten zu müssen, obwohl man als Lehrer_in doch so gar nicht darauf vorbereitet wird. Ihm würde man eher noch das Fehlen von eigenen Gedanken dazu entschuldigen, denn, wie hätte er denn je darauf kommen sollen. Niemand würde ihm sagen, er solle sich keinen Stress damit machen, weil man weiß: Er hat eh schon genug unverhinderbaren Stress, weil Lehrer_in zu sein, einfach als stressreicher Job mit enorm vielen Aufgaben gedacht und akzeptiert wird. Und sollte er sich doch Gedanken und Stress machen, dann wird ihm das als Merkmal guten Lehrerseins angetan – nicht als unnötige Selbstsabotage oder Merkmal einer Pathologie der Psyche, wie bei uns.

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