Transfeindlichkeit tötet

Letzte Woche ist Malte getötet worden. Malte war 25 Jahre alt, ein trans Mann. Er hatte den CSD in Münster besucht. Die Party, die mal ein Aufstand war, weil Schwule und Lesben, trans Personen und andere queere Menschen strukturell wie sozial diskriminiert – und getötet wurden. Werden. Wie auch an diesem Tag.
Malte hatte zwei lesbischen Frauen beigestanden, als diese am Rande der Veranstaltung – am Rand ihrer Community, ihrer Bubble, ihrem safer space – sexistisch und queerfeindlich beschimpft wurden. Und erlag wenige Tage nach dem Angriff seinen Verletzungen.

Transfeindlichkeit tötet.
Wir Transpersonen wissen das. Wir wissen das ganz genau, denn als Community betrauern wir jeden Tag den Tod eines weiteren Mitglieds unserer Familie auf der ganzen Welt. Wir alle werden, ob lebendig oder tot, ausgegrenzt. Wir werden zu Witzfiguren gemacht, zu Ausgeburten kranker, unter- oder fehlentwickelter Hirne erklärt. Wir sollen nicht leben, wie wir wollen, wir sollen dankbar dafür sein, dass man uns am Leben lässt.
Transfeindlicher Hass ist noch die einfachste Erklärung dafür. Transfeindlichkeit als Begriff, der niedrigste Zugang, den wir bieten können, um begreifbar zu machen, dass der Hass, die Gewalt, der Ausschluss spezifisch ist. Gezielt. Willentlich. Absichtlich. Gewollt. Und bösartig.

Transfeindlichkeit ist wählbar und viel zu viele Menschen entscheiden sich dafür. Im Großen wie im Kleinen. Aus Eigeninteresse oder ideologischen Überzeugungen heraus. Oft unreflektiert, in der Regel aus Gewohnheit. Aus kultureller, sozialer Praxisroutine heraus.
Weil es geht. Weil es ihnen nicht weh tut und auch sonst niemand, die_n sie so gut kennen, dass sie merken, wie viel Schmerz sie damit zufügen.

Ich sehe mich nicht in der Pflicht, transfeindlichen Menschen ihren Hass aufzuzeigen. Sie darüber zu unterrichten oder zu be.lehren, wo sie meine Menschenrechte mit ihren Ideen von Geschlecht und Sexualität, von Identität und sozialen Rollen antasten. Wo sie Stuss glauben, der schon längst widerlegt ist; wo sie empfänglich für menschenverachtende Propaganda sind, weil sie auch rassistisch, ableistisch, klassistisch erzogen, unterhalten, gebildet worden sind und dem nur allzu oft nichts entgegensetzen. Wollen. Sollen. Müssen.
Es gibt viele trans Menschen, die diese Aufgabe sehr gut übernehmen und tragen. Gegen alle Widerstände, Bedrohungen, Gefahren für Leib und Leben. Ihnen zuzuhören ist wählbar und viel zu wenig Menschen entscheiden sich dafür.
Viele erwarten einen gewissen Ton. Eine gewisse Ansprache. Eine spezifische Performance. Denn tone policing ist die Waffe, mit der die meisten von ihnen selbst schon effektiv niedergestreckt wurden. Zum Beispiel als lesbische Frau, die etwas dagegen hat, dass heterosexuelle Männer ihr sexuelles Begehren als Beleidigung oder Zurückweisung einordnen. Oder als Frau, die sich gegen Gewalt an Frauen auf die Straße stellt. Diese Frauen wissen, dass es nicht lange dauert, bis irgendwer um die Ecke kommt und ihnen sagt, dass sie ihre Forderungen höflicher formulieren sollten, wenn sie etwas erreichen wollen. Dass sie gegen Rollenzuschreibungen verstoßen, wenn sie überhaupt fordern. Dass sie in einer patriarchalen Weltordnung zu viel verlangen, wenn sie als Menschen an.erkannt und entsprechend behandelt werden wollen. Nämlich als Subjekt mit immanentem Recht auf Unversehrtheit und Entfaltung der eigenen Identität, sowie der eigenen Fähig- und Fertigkeiten entsprechend.

Ich habe nicht grundlos Frauen, aktivistisch tätige Frauen, als Beispiel gewählt. Und dir lesender Person überlassen zu definieren, was für Frauen das wohl sind. Cis Frauen oder trans Frauen. Denn ich weiß, obwohl ich nicht in der Pflicht bin zu be.lehren, werde ich in diesem Text Wissen vermitteln. Müssen. Ich muss erklären. Wenn nicht mich, so doch mindestens, warum ich heute keinen Text über transfeindliche Männer schreibe, sondern über Frauen. Transfeindliche Radikale Feministinnen. „Genderkritische“ Frauen. Bewegte Frauen, die Angst vor Männern in Frauenkleidern haben. Müssen. Sollen.

Als trans Person mit Uterus er.lebe ich sowohl die Diskriminierung als trans Person als auch als Frau. Wenn es um (cis) sexistisch sexualisierte Gewalt geht, die die Idee von nur zwei echten Geschlechtern als Grundlage hat, fürchte ich sowohl Männer als auch Frauen. Egal, als was sie sich verkleiden oder ausgeben, um sich mir über meine Grenzen hinweg zu nähern. Ich weiß, dass der heterosexuelle cis Mann keine echte Strafe für seine Gewalt zu erwarten hat und ich weiß, dass die heterosexuelle cis Frau mit größerer Wahrscheinlichkeit solidarisch mit mir ist, wenn sie nichts von meinem Transsein weiß, ahnt, erkennt.
Während ich im umgekehrten Fall für beide da bin. Weil ich ihr Geschlecht, ihre geschlechtliche Identität nicht an Bedingungen knüpfe.

Mein cis Partner ist immer wieder fassungslos, wenn ich ihm Einblicke in die Schlachten von Terfs und Swerfs, Maskulinist_innen und dummen Propagandaschleudern gebe. „Was gehts die denn an?“, fragt er dann. Und ich spüre ein bisschen Neid, denn wow, wie muss es sich mit dem Gefühl leben, das eigene Geschlecht gehe niemanden etwas an? Sei eine individuelle Privatsache. Ein Raum, frei zur eigenen Gestaltung. Kein Gegenstand von öffentlicher Debatte um Echtheit oder Legitimität.
Seine Frage kommt mir aber auch unangenehm bekannt vor. Erinnert mich an bifeindliche Texte wie „Es ist mir egal, mit wem du schläfst.“ und an das eine oder andere Lady*fest, wo der Uterus als Zentrum der Weiblichkeit, des starken, wunder.vollen Frauseins gefeiert wurde. Also zu dem Organ erklärt wurde, was eine Person zur Frau macht. Frauen, die warum auch immer keinen Uterus (mehr) haben, wurden als Ausnahmen verhandelt. Als Exoten. Marginalien. Niemand stellte dort die Frage: „Was geht uns denn an, wer einen Uterus hat?“ Es blieb völlig außer Frage, ob ein Organ oder irgendeine andere körperliche, biologische Eigenschaft wirklich dazu taugt, eine soziale Rolle geschweige denn eine geschlechtliche Identität zu definieren. Vor allem, wenn man sich in Diskursen um geschlechtsspezifische Gewalt bewegt.

Was ich aus dieser feministischen Strömung mitbekommen habe, ist eine zuweilen extreme Definitionswut der Opfer, zur Erklärung der Gewalt, die sie erfahren haben. Es wurde und wird bis heute erschöpfend erklärt, warum und auf wie vielen Ebenen Frauen öfter und schneller zu Opfern von Gewalt durch Männer werden. Und beides wird nach großen weiten sozialen Betrachtungen und vielleicht auch noch umfassenden Erklärungen zu strukturellen Gegebenheiten auf die Körper, die Gene, die Biologie reduziert. Als könne sich Geschlecht nur im unbeeinflussbarsten Lebensbereich der Menschen manifestieren. Als sei Geschlecht genauso unverhinderbar wie Gewalt. Oder G’tt.

Komischer Schwenk, oder? Von Geschlecht als von Anfang an im Körper festgeschrieben zu G’tt. Der im Christentum oft als Mann interpretiert wird und nur zwei Arten von Mensch geschaffen haben soll – Mann und Frau. Man denkt sich heute oft, dass das Christentum mit diesem ganzen Kram doch nicht wirklich noch Einfluss hat, das stimmt aber nicht. Wir sind ein säkularer Staat, der von einer christlich demokratischen Union vertreten wird. In unser aller Kulturgedächtnis ist die christliche Lehre eingegraben und jeder Akt dagegen wird sozial sanktioniert. Manchmal absurd – zum Beispiel, wenn man einen Jahrmarkt im Winter auch Wintermarkt nennt, weil einfach nicht alle Menschen zu der Zeit Weihnachten feiern – und manchmal erbittert, unfair und gewaltvoll – zum Beispiel, wenn Menschen mit Uterus selbst darüber bestimmen, ob sie schwanger werden/sein/bleiben wollen oder nicht, weil es eben weder ein biologischer Imperativ ist, Kinder zu bekommen noch eine unbeeinflussbare, unverhinderbare Naturgewalt Hand G’ttes ist, die dort wirkt.

Wenn es aber um sexistisch begründete Gewalt geht, dann ist bei vielen (Trans Exclusive) Radikalen Feministinnen oft eine ganz ähnliche Denke vorhanden. Es ist immer das Patriarchat und deshalb sind es fast immer Männer, die sich als (unveränderbar) gewaltvoll darstellen. Die Wurzel (lat. „radix“ ⇾ radikal) ist damit eindeutig definiert und die Möglichkeit eine dualistische Erzählung aufzubauen auch. Da hat man dann in einer großen Menge ganz diverser Frauen die guten Frauen, die sich gegen die bösen Männer in einer großen Menge ganz diverser Männer stellen. Ich weiß, der Satz ist merkwürdig, aber es ist wichtig zu verstehen, dass es eine willentlich bösartige Unterstellung ist, dass „die (radikalen) Feministinnen“ etwas gegen „die (alle) Männer“ haben. Das stimmt nicht und sie verbringen enorm viel Energie darauf, das immer wieder zu kommunizieren. Den meisten weißen cis Feministinnen geht es um alle. Außer die am Rand. Die nicht so sind, wie sie. Zum Beispiel nicht weiß. Behindert. Arm. Nicht cis.

Und dort spielt sich ab, was ich meinem cis Partner zeige. Der zurecht nicht versteht, wie das kommt, dass ausgerechnet Feminist_innen sich transfeindlich zeigen. Den ich verschonen will zu wissen, was Kiwifarms sind und wie perfide christlich ((evangelikale) (ultraorthodoxe)) Propaganda im Internet zum Thema Geschlecht(errollen) manipuliert. Mit dem ich absichtlich selten darüber spreche, dass es noch verwirrender ist, wenn es lesbische Feministinnen sind, die sich ganz offen transfeindlich äußern. Oder wenn es lesbische Feministinnen sind, die therapeutisch oder beratend mit Opfern sexualisierter Gewalt arbeiten und ihre Transfeindlichkeit mit psychologischen Theorien stützen, die von weißen heterosexuellen cis Männern verfasst wurden.

Es ist der außerordentliche Verrat, der daran so schmerzt. Die so unfassbar, unnachvollziehbar grausame Verweigerung von umfassender Solidarität, die es so schlimm macht. Manchmal noch mehr als die Transfeindlichkeit des_der Angreifer_in. Denn die ist antizipierbar. Damit können wir rechnen und uns anpassen. Es klar, dass es für uns trans Menschen nur sehr wenige safe(r) spaces auf dieser Welt gibt, wo wir wirklich akzeptiert sind und unsere ganz eigenen Entwicklungsprozesse durchmachen können.
(Psycho)Therapieräume gehören häufig nicht dazu. Medizinische Praxen auch nicht. Die Kirche, die Synagoge, die Moschee, der Tempel auch nicht. Der öffentliche Raum erst recht nicht.
Ein Grund dafür ist Transfeindlichkeit, ein weiterer, dass sie von cis Personen noch nicht genug als Problem verstanden und behandelt wird.

Ich habe in den letzten Tagen häufig Tweets gelesen, in denen Malte gezielt als Mensch benannt wurde, um seinen Wert anzuheben bzw. seine Tötung als „wirklich schlimmes Verbrechen“ zu markieren. Auch so etwas ist transfeindlich. Denn es bedeutet, seine Identität zu verschweigen zu müssen, um ihm einen Wert zukommen lassen zu können. Nämlich die Anerkennung als Mensch.
Malte war nicht zufällig beim CSD. Malte war nicht nur als Mensch da. Er war als trans Mensch dort. Er hat als trans Mensch zu helfen versucht. Er wurde als trans Mensch angegriffen und getötet.
Vielleicht hat der Täter ihn nicht wegen seines Transseins getötet, das werden wir vermutlich nie erfahren, selbst wenn er gefasst wird. Aber die transfeindliche Rezeption des Angriffs wird das Leben von trans Menschen weiter verschlechtern und ihre Sicherheit entsprechend verringern. Bis sie ganz offen getötet werden, weil sie trans sind. Und nicht mehr nur, weil sie mit irgendeinem Eigentlich – nämlich dem „Eigentlich ein Mann/eine Frau“ oder „Eigentlich eine (durch die patriarchale Weltordnung entstandene Gewalt) psychisch gestörte/in die Abwehr des eigentlichen Geschlechts traumatisierte Person“ oder „Eigentlich eine biologisch fehlentwickelte Person“ – verbunden sind, das ihre Tötung „eigentlich nicht so schlimm“ macht und jede weitere Gewalt an ihnen legitimiert.

Das versuchen wir als Community zu vermitteln, wenn wir sagen, dass Transfeindlichkeit tötet.
Niemand sagt damit, dass andere Feindlichkeiten weniger tödlich sind. Oder dass Frauenfeindlichkeit nicht tötet. Wir sprechen für uns, weil wir noch nicht in einer Gesellschaft leben, in der wirklich alle Menschen gemeint sind, wenn wir schreien „Menschenfeindlichkeit tötet“.
Weil wir trans Personen noch viel zu vielen Menschen nicht wirklich und echt Mensch genug sind.

 

Bilden. Lernen. Solidarisch werden.
Mit Büchern, Zines und Kunst zum Beispiel aus dem trans*fabel Shop.

so ist das Jetzt

Einen letzten Blick werfe ich noch ins tiny Einsiedel und lasse ihn wieder raushuschen, bevor ich die Tür verschließe. Zwei Wochen sind um, jetzt geht es nach Hause. Es ist kurz vor 6 Uhr morgens, die Luft feucht und kühl. Die Schafe verabschieden mich nicht, sie knuspern irgendwo in der Wiese. Der Hahn kräht mir nach, der Fahrtwind greift nach meinen nun kurzen Haaren.
Ob ich denn bald mal wieder was blogge, hat mich jemand gefragt. Und ob es bald wieder eine neue Podcastfolge gibt, vor zwei Wochen.

Das hat mich berührt. Und kurz gedrückt. Denn nach Podcastfolgen wurde schon gefragt, wenn mal was ausfiel oder nicht im Monatsrhythmus kam. Aber nach mir, uns, dem Schreiben noch nie. Ein kleiner warmer Punkt. Die Frage, das Gefühl. Jemand er.wartet.
Ein kleiner Flash trifft mich, als ich mich durch eine Baustelle schlängle, vorbei an einem schlafenden Bagger im Sandbett neben einem Materialhaufen. Ich werde erwartet. Vom Partner. Zu Hause, woanders. Wo mein Krempel ist, mein Dreck, die kleine Kammer, die ich neulich zum Aufnahmeraum umgestaltet habe. Da gibt es einen Ort, zu dem ich nach Hause komme. Der kleine warme Punkt schmilzt einen großen kalten an, ich fliege einen Hügel runter und habe weiße Knöchel vom Festhalten. So ist das Jetzt also.

Ich habe mein Manuskript fertig und bin sehr zufrieden. Es ist der dritte Anlauf gewesen; weniger persönlich, viel authentischer. Ein Widerspruch an der Oberfläche; ein Witz, wenn meine Einleitung so bleibt, wie jetzt. Ich bin jeden Tag mit dem Fahrrad gefahren, außer ein Mal, da hats geregnet und ich war müde vom Denken und Fühlen in Wörtern.
Jetzt beginnt die Bearbeitungsphase. Ein Lektorat, der Einband, die Werbetexte, vielleicht muss ich Zuschüsse einwerben, um die Druckkosten zu decken. Auch lustig, wie ich bei der Arbeit aus der Projektbetreuung ausgestiegen bin, weil es mir zu viel wurde und nun mein eigenes Projekt betreue. Typisch.

Ich bin froh um mein Arbeitsuniversum. Meine Möglichkeiten zum Eskapismus. Denn auf Twitter gehts um die schlimmen Dinge. Die Pandemie, die niemand mehr ernst nimmt und die Pandemie, von der noch zu viele glauben, sie komme nicht. Eine terf, der eine Bühne für ihre menschenfeindliche Drecksscheiße geboten wird, weil man immer noch nicht kapiert hat, dass „cancel culture“ eine Unterstellung mit bösartigen Absichten ist. Aus den USA kommt eine Horrornachricht nach der anderen, seit in vielen Staaten der selbstbestimmte Schwangerschaftsabbruch und Bildung über sexuelle Vielfalt praktisch verboten und die medizinische Versorgung von trans* Personen massiv begrenzt unterlassen wird. Dystopisch, denke ich jeden Tag mindestens ein Mal. Realität, weiß ich, in anderen Ländern auf anderen Kontinenten. Ich lese, wem alles in Hass begegnet wird, kann der Gewalt nie ein Gegengewicht sein, versuche es natürlich doch.

Ich fahre durch den Grünstreifen, alles ist vertrocknet und glänzt doch im Morgentau. Wir werden alle sterben, denke ich. Vielleicht an einem Sommer mit durchgehend 43 °C oder Durst. Ich halte an, puhle meine plastikfreie Edelstahlflasche aus der Stofftasche auf meinem Rücken und trinke das teuer entkalkte und aufbereitete Trinkwasser aus dem Hahn des Hauses neben dem tiny Einsiedel. Einschrumpeln wie Apfelringe werden wir; der Planet wird unser Dörrofen, die Erdatmosphäre unsere Frischeverpackung, hmmmmm.

Am Bahnhof flattern noch Partyreste umher. Der Bäcker hat noch zu, der Bahnsteig ist voll. Querdödel machen Querdödel-Scheiß, ich bin zu erschöpft für Blutdruck darüber. Bescheuerte, dämliche Kackwichser bekloppte, denke ich. Dreckspisser, Arschlöcher, miese ignorante …
Mein Zug fährt ein, ich setze mich hin, spüre dem Gewicht meines Rucksacks auf dem Schoß nach. Erst mal nach Hause, denke ich. Da wartet mehr auf mich. Wichtigeres. Schöneres.
Warmes.

 

die Wiederholung – das Helfertrauma

Und es kommt, wie es kommt.
Hat aber nichts mit mir zu tun. Nein, es ist Zufall. Kurz nachdem ich kommuniziert habe, dass wir Dinge anders machen müssen. Alles Zufall und Struktur. Weil ich erst brauche, was wir erarbeiten hätten müssen, um so viele Termine zu packen, wie von ihr gewünscht. Niemand kann etwas dafür, Verantwortung muss in dieser Sache niemand übernehmen, denn es gibt keine. Es ist einfach, wie es ist. Dafür soll ich Verständnis haben, aber das habe ich schon vor Jahren verloren. Tja.
Und so geht man dann auseinander. Ohne Ende. Mit viel Ent_Täuschung.
Und Wut.
Auf mich.
Denn ich bin ja noch da. Als einzige_r, die_r damit zu tun hatte.

Und dann die Stille.
Diese rasende Kakophonie der Ohnmacht, des Verlassenseins, des sich selbst überlassen seins.
Das alte, das frühere, es wird jetzt zur Waffe gegen mich. Wie klein jemand ist, die_r so etwas macht. Peinlich, irgendwie. Erbärmlich. Das auch. Was ich fühle, das rahmt sie als nicht angemessen, weil es traumabedingt ist – und was passiert ist, das kann ja kein Trauma sein. Es geht ja nicht um mich. Sondern die Strukturen. Was sie da gemacht hat, das kann ja unmöglich weh tun oder etwas mit Gewalt zu tun haben.

Schade, dass das nötig ist, um den Abstand herzustellen. Statt sich respektvoll zu begegnen, schrieb sie eine E-Mail. Statt ehrlich mit mir über die Gründe zu sprechen, schiebt sie Strukturen, die sie selber konstruiert und aufrechterhält, vor.
Wieso müssen mir die Red Flags eigentlich immer erst die Fresse polieren, bis ich es merke.
Warum ist es so leicht für Behandler_innen wie sie, die professionelle Abgrenzung als Werkzeug zur Verantwortungsabgabe zu benutzen.

Mein Respekt für sie ist verloren gegangen. Das finde ich schade, weil es mir jetzt so egal sein kann, wie ihr egal ist, wie es für mich weitergeht. Was das mit mir macht. Und meinen Gefühlen in Bezug auf Hilfen, Helfer_innen, Behandler_innen.
Respekt ist das einzige, was ich Helfer_innen nach all den Erfahrungen mit unvermittelten Arbeits_Beziehungsabbrüchen aufrichtig entgegenbringen kann, wenn ich es will. Es bedeutet etwas, wenn ich ihn spüre, es ist mir wichtig ihn zu pflegen, weil er mir dabei hilft Grenzen und Absprachen einzuhalten.
Ihn jetzt nicht mehr fühlen ist, als würde ich mir selbst etwas nehmen.

Wie geht es weiter, ich habe keine Ahnung.
Ich kann jemanden anrufen. Bin nicht verlassen auf der weiten Welt, bin unterstützt, wenn ich das möchte. Das ändert viel, aber doch nicht alles. Es ist eine Wiederholung. Ein weiterer Schlag auf eine ungeheilte Wunde. Eine Re_Traumatisierung. Auch wenn nichts blutet und mein Leben nicht auf dem Spiel steht. Selbst wenn es wirklich nicht so ist, wie ich denke – nämlich, dass sie mich und sich und alle anlügt, weil sie keinen Bock auf kompliziertes Zeugs hat – selbst dann nicht. Weil es nicht um sie geht.

Inzwischen habe ich eine Nacht geschlafen und drei Schlucke von meinem Kaffee getrunken. Die Sonne scheint von einem glatten Himmel auf junggrüne Felder, etwas Wind strubbelt am zarten Laub des Baumes vor meinem Fenster.
Ich bin froh, dass ich meine Arbeit habe. So kann ich mehr fühlen als kindliche Agonie, jugendlichen Furor, jung erwachsene Ver_Zweiflung an sich selbst. Mehr denken als meinen Selbsthass, mir mehr überlegen als Gründe für die Notwendigkeit eines Lebens ohne Menschen.

Man lernt durch Wiederholung.
Ich weiß noch nicht genau, was ich jetzt lerne. Einmal mehr, dass es nicht schützt, bereits am Anfang des Kontaktes zu sagen, dass man schon oft so fallen gelassen wurde. Einmal mehr, dass zu sagen und zu vertreten, was man in der gemeinsamen Arbeit braucht, nur am Anfang klargeht (wenn die_r Behandler_in noch nicht glauben will oder kann, dass es wirklich komplex ist und etwas (mehr) (oder anderes) (als sonst) von ihr_ihm abverlangt). Einmal mehr, dass es Behandler_innen gibt, die sich nicht kritisch reflektieren. Einmal mehr, dass man absolut ohnmächtig vor der Dummheit anderer Menschen ist. Einmal mehr, dass die fehlende Verantwortungsübernahme für Verletzungen einen ganz erheblichen Anteil daran hat, dass ich die Situation nicht als eine soziale rahmen kann, sondern als etwas von mir produziertes. Also etwas woran ich selbst schuld bin und daher auch selbst hätte verhindern können.

Durch die Wiederholung von traumatischen Erfahrungen habe ich bisher nur Anpassung gelernt. Schnauze halten, Konflikte vermeiden, mitmachen, die Sachebene fokussieren. Diese Anpassung schützt nicht. Das ist auch ein Lernergebnis.
Aber was ist die Konsequenz, wenn Schweigen nicht schützt und Sprechen zu Verletzung führt? Was soll ich denn dann machen?

In gewaltvollen Kontexten gibt es nichts, was nicht verletzen kann. Gewalt ist immer absolut.
Ich weiß, dass meine Suche nach dem richtigen Verhalten, der richtigen Strategie klassisches Opferdenken ist. Weiß aber auch: Ich bin auf Hilfen angewiesen und diese Hilfen gibt es einfach nicht im gewaltfreien Raum.

Möglicherweise spreche ich im Herbst bei einer Veranstaltung darüber. Über Helfergewalt und gewaltvolle Hilfe.
Dazu werde ich Worte finden und Wege aufzeigen können. Gewalt ist transformierbar, wenn sie verstanden ist.

Mein Helfertrauma habe ich verstanden. Glaube ich zumindest.
Transformieren kann ich es noch nicht.
Wie denn auch.

das Leiden – #AutismAcceptanceMonth

Leiden entsteht, wenn Grundbedürfnisse nicht erfüllt werden.
Je umfassender der Mangel, desto größer der Leidensdruck.

Vor meiner Autismusdiagnose habe ich am meisten darunter gelitten, mit Menschen in Kontakt kommen zu wollen und doch nie zu kommen. Selbst dann, wenn ich physisch, thematisch und konsensuellen und gemeinschaftlich beschlossen Kontakt mit ihnen hatte. Selbst wenn alle lieb mit mir waren. Vom Viele-, Behindert-, Anderssein wussten und alles.
Es ist eine spezielle Einsamkeit und eine spezielle Isolation – ein umfassendes „mit-sich-selbst“-Sein – umgeben von Menschen zu sein und doch allein. Und zwar nicht auf die „armes Opfer ist so unverstanden/ungesehen/unbeachtet von der Welt, weil nicht alle Menschen die Gewalterfahrungen teilen“-Art, sondern auf die „autistischer Mensch unter nicht-autistischen Menschen“-Art, bei der es darum geht, dass sich nicht nur die Lebens-, sondern auch die Er_Lebenserfahrungen ganz grundsätzlich unterscheiden und die Schnittmenge zuweilen frustrierend gering ist.

Ich habe darunter gelitten, immer wieder aus dem Raster zu fallen. Immer wieder zu merken: Ich enttäusche Erwartungen an meine Funktionalitäten. Ich irritiere mit meinen Dysfunktionalitäten, meiner Bewertung von Situationen und Umständen und leide bis heute darunter anders zu sein als die meisten Menschen in meiner Umgebung und ihre Normen oder auch Ideale, weil ich keine selbstverständliche, intuitive Kongruenz herstellen kann.
Kongruenz ist ein von den meisten Menschen unterschätzte Bedingung zur Erfüllung des Grundbedürfnisses nach sozialem Kontakt bzw. Bindung.
Als autistischer Mensch bin ich nicht bindungsbehindert. Und nein, auch meine Komplextraumatisierung hat meine Bindungsfähigkeiten nicht zerstört, gestört oder auf irgendeine Art verformt. Ich binde mich einfach anders und dieser Stil wird häufig abgelehnt, nicht wertgeschätzt, belächelt oder gar nicht erkannt, weil man von mir das gleiche Bindungsverhalten, wie neurotypische Menschen es zeigen, erwartet.

Mein autistisches Er_Leben umfasst alle Qualitäten des Empfindens. Es gibt keinen Lebensbereich, der davon unberührt ist. Es gibt weder eine Grenze zwischen meinem Alltag und meinen Traumata, noch eine zwischen meinem autistischen Er_Leben und dem, was alle Menschen machen müssen, um zu über_leben. Entsprechend umfassend ist auch mein Inkongruenzerleben.

Manchmal ist das hilfreich. Gerade in der letzten Zeit, in der ich viel mehr als sonst mit anderen Vielen kommunizierte, merke ich: Ich bin nie so sehr in das „Inkognito-als-Opfer-in-dieser-Gesellschaft-unterwegs-sein“-Ding eingestiegen, weil es mir nie die gleiche Beruhigung, den gleichen Gewinn gebracht hat, wie Menschen, deren (einziger) Inkongruenzbereich die eigene Opferschaft/“Verrücktheit“ ist.
Oder negativ ausgedrückt: Egal, wie ich mich zu verbergen versuche, mein „anders-als-die-meisten-Menschen“-Sein, ist nicht zu verbergen. Und weil nicht ich es bin, die_r darüber bestimmt, ob „anders als die meisten Menschen“ etwas schlechtes (weil Erwartungen enttäuschend oder Normen/Hierarchien infrage stellend) ist oder nicht, blieb und bleibt es bis heute so, dass ich oft so allein in Kontakten bleibe, wie ich es bin.
Hilfreich ist das insofern, als dass es mich davor bewahrt hat zu glauben, ich könne durch jedes beliebige Verhalten in jeder beliebigen Situation beeinflussen, dass Menschen sich mit mir verbinden. Ein Kerngedanke des komplex traumatisierten Kindes: „Wenn ich lieb bin, haben mich alle lieb und binden sich positiv an mich (und verletzen mich nicht (mehr)).“
Ich hatte nie Anlass, das zu glauben, weil meine Lebens- und Kontakterfahrungen so umfassend anders waren. Selbst wenn ich lieb war, selbst wenn ich alles richtig gemacht habe, selbst wenn ich gar nicht mehr ich war, es hat nie gereicht, um die nicht-autistischen Menschen in meiner Umgebung umfassend (positiv) an mich zu binden.

Gleichzeitig hat es aber natürlich etwas mit meinem Weltbild gemacht. Von meiner Idee davon, was mich retten könnte. Wofür ich über_leben könnte. Was ich alles mitbedenken muss, wenn ich mich für mein Über_Leben entscheide.
Während viele suizidale Menschen Halt im Kontakt mit anderen Menschen finden oder am Leben bleiben, weil sie eine Familie haben, die sie brauchen oder für die sie sich verantwortlich fühlen, habe und produziere ich tausend Projekte und Vorhaben, die ich nicht unvollständig abgeschlossen liegen lassen will.

Menschen halten mich nicht. Weder am Leben noch im Kontakt.
Sie verorten mich, das ist im Alltag extrem hilfreich.
Sie stimulieren mich, das ist manchmal gut, manchmal re_traumatisierend.
Sie sind ein Mittel zum Zweck der Bedürfnisbefriedigung, das ist eindeutiger ausgedrückt, als es die meisten anderen Menschen über Menschen sagen würden, aber deshalb nicht weniger wahr oder gar ein Anzeichen einer Pathologie.

Ich leide nicht unter meinem Autismus, ich leide nicht unter mir selbst.
Ich leide darunter, dass mein Grundbedürfnis nach sozialem Miteinander von so vielen sozialen Barrieren bestimmt ist, die ich alle nicht auch selbst kompensieren kann. Ich brauche dafür immer mein_e Gegenüber und viel zu oft wird dieser Bedarf nicht angenommen, geglaubt und ihm entsprochen.

Es ist also ein verhinderbares Leiden.
Es wird allerdings nicht verhindert.
Heute leide ich am meisten darunter.

der Unterschied – #AutismAcceptanceMonth

Mein autistisches Geschwist hatte im Kindergartenalter den gleichen Kopfumfang wie ich als Grundschulkind. Damals als kurioser Befund von der Kinderärztin und als Beweis meiner Dämlichkeit von den Eltern behandelt, weiß ich heute, dass Autismus mit neuronaler Hyperkonnektivität einhergehen kann. Es werden sehr viel mehr Verbindungen hergestellt und weniger schnell wieder verworfen. [1]
Ein Biomarker ist das jedoch nicht. Eher eine weitere Theorie auf der Forschungsreise zum Ursprung von Autismus. [2]

Als erwachsene autistische Person kann ich diesem Ziel der Forschung nur wenig abgewinnen. Die Ursache von etwas zu finden, das nicht mehr rückgängig gemacht werden kann, dient lediglich dem Erkenntnisgewinn zur Verhinderung von Wiederholung in der Zukunft. In Bezug auf autistische Menschen bedeutet dies Eugenik. Die Verhinderung von autistischem Leben.
Mich interessiert viel mehr, was autistische Menschen von nicht-autistischen Menschen unterscheidet, um mein Leben unter überwiegend nicht-autistischen Menschen gut zu gestalten. Verstehe ich mich, so denke ich, verstehe ich andere Menschen besser. Um mich zu verstehen muss ich auch mein Autistischsein verstehen.
Und was ich bisher verstanden habe ist, dass ich mich kaum im Was unterscheide, im Wie jedoch erheblich.

Ich kann sehr viel von dem, was neurotypische und nicht-autistische Menschen können. Kann mein Verhalten so gut anpassen, dass ich kaum noch ein Kriterium aus dem DSM oder den ICD erfülle und mein Innenleben so gut von mir dissoziieren, dass ich so gut wie nichts darüber sagen oder fühlen oder bewusst begreifen kann, wie mich was wann warum belastet oder behindert.
Mein maskiertes Leben ist de facto ein neurotypisch funktionierendes. Ein Modus des Was, ein Modus der Funktion durch Nachahmung, Spiegelung, Anpassung.

Mein Wie jedoch ist anders. Autistisch eben.
Der Umstand, wie ich Dinge wie Interaktion und Kommunikation, meine Orientierung in verschiedenen Kontexten herstelle, ist nicht wie bei neurotypisch entwickelten Menschen und auch nicht wie bei nicht-autistisch neurodivergenten Menschen.
Manchmal fühle ich mich sehr einsam in meinem Wie, weil es nur durch Abgrenzung sichtbar wird. Ich merke, dass meine Art der Beobachtung und Herleitung manchen Menschen sehr unheimlich ist – sie sich objektifiziert oder entmenschlicht, oft sogar persönlich abgelehnt fühlen, wenn ich mich so authentisch zeige, wie ich bin. Sobald ich mich authentisch zeige, wird die Grenze sichtbar, die ich meistens stillschweigend kompensiere, um Gefühle nicht zu verletzen, die ich selbst nie habe und in der Regel auch überhaupt erst dann nachvollziehen kann, wenn ich mich ganz verlasse.

Problematisiert wird oft nur das. Der Umstand, dass autistische Menschen oft einsam unter vielen neurotypischen Menschen sind, wenn sie sich gut maskieren und in vielen Bereichen sehr angepasst funktionieren können – oder dass autistische Menschen sehr viele (neurotypische) Menschen und ihre Kapazitäten an sich binden, wenn (weil) sie nicht gut maskieren (können) und/oder in vielen Bereichen nicht angepasst funktionieren (können).
Deshalb gibt es die Diagnose „Autismus“ – ein Substantiv, ein Ding, ein Was – und viel Expertise rund um Anpassungstrainings Therapien, aber keine allgemeine Akzeptanz des Wie von autistischen Menschen. Keinen Willen zur Ver_Bindung, keine Bereitschaft sich für andere Wege und Ansichten zum Was des Lebens und Miteinanders zu öffnen.

Für mich ist das der Unterschied zum Er_Leben nicht-autistischer Menschen.
Mein Wie wird als ein Was behandelt.

 

[1] Askham, Angie. (2021). Synaptic overgrowth, hyperconnectivity may define autism subtype. Spectrum. 10.53053/QQHB1099. 
[2] The connectivity theory of autism, explained (Link zu Spectrum News)

Fundstücke #79

Immer wieder scanne ich mich auf Mitleid. Mit jeder WhatsApp-Nachricht, jedem Kontakt – Wie sprechen wir hier miteinander? Warum helfe ich? Helfe ich? Unterstütze ich? Mache ich unsere Hilfe langfristig unnötig?
Als wir uns zum zweiten Mal treffen, scheint erneut die Sonne auf den Parkplatz vor der Erstaufnahmeeinrichtung. Ein heller Smart mit ukrainischem Kennzeichen, vollgepackt hinten, eine Tiertransportbox vorne. Aus einem großen Reisebus steigen dick angezogene Menschen aus und tragen pralle Plastiktüten hinein. Dazwischen der Ruf eines unsichtbaren Vogels.

Dieses System ist so brutal wie die Gewalt, vor der der Zaun, das Checkpoint-Häuschen und der erste deutsche Ausweis schützen sollen. Und wir können nur schauen, ob wir es mit Wunscherfüllung, Unterstützung, Vernetzung ein wenig aushaltbarer für sie machen können.

Ich bilde mir ein, dass meine Erfahrungen der Hartzjahre ein wenig helfen können. Die innere Einordnung, der von sich selbst dissoziierte Umgang mit stillstummen Mächten, die weder Gesicht noch Körper, aber die totale Macht über Menschenleben haben. Vielleicht hilft es, wenn ich weitergebe, was ich gelernt habe. Vielleicht hilft, was mir geholfen hat. Aber vielleicht auch nicht. Vielleicht wirkt es paternalistisch. Und wie vergleichbar ist Hartz 4 als chronisch erkrankte/schwerbehinderte Person, mit dem Asylantragsverfahren als Schwarze Person? Ich muss noch so viel lernen.

Wieder treten die beiden erst auf meinen Partner zu. Lassen sich von ihm an- und begleiten. Ich versuche nützlich zu sein, indem ich organisatorischen Killefit mache. Tüten mit Schuhen und Kleidung vom Laden ins Auto tragen, rausfinden, wo wir essen können, welches Bekleidungsgeschäft es noch in der Gegend gibt. Der Lärm in der Mall reißt meine Energiereserven an sich, wie ein Durstiger das Wasser. Ich bin froh und dankbar, dass mein Partner den Wunsch zu unterstützen mitträgt. Dass wir nach Bremen fahren, obwohl das Benzin gerade sehr teuer ist. Dass auch er seine begrenzten Kraftressourcen mit den beiden teilt. Dass er spürbar beginnt darüber nachzudenken, wie wir als weiße Menschen helfen können, ohne zu demütigen.

Es gibt so viele rechtliche Fragen und Unsicherheiten. Es ist frustrierend, dass wir uns im Moment nur in Scheiße sicher sein können:
Sie werden lange warten müssen und es wird scheiße schwer und zehrend bis sie wenigstens in Teilen selbstbestimmt leben können.
Und Rassismus.

Sie sind überrascht, dass wir so nett zu ihnen sind. Einer öffnet sich ein bisschen und vermittelt uns einen Hauch des Drucks, der auf ihm liegt. Immer wieder sagen sie Danke und prallen an die Grenzen dieses Wortes, wie ich an die juristischen Kontexte, die verhindern, dass ihnen einfach alles zukommt, was sie brauchen und möchten.
Sie brauchen so viel mehr Schutz als einen Zaun, so viel mehr Familie, Gemeinschaft, Kollektiv als einander. Es fühlt sich nicht schaffbar an. Nicht in Deutschland. Nicht heute. Nicht morgen.

Zu wissen, dass wir nicht allein helfen müssen, hilft.
Und dass es eigentlich nicht um Hilfe geht, sondern um die Durchsetzung von Menschenrechten. Das am meisten.

der Himmel ist über den Lebenden

Der Himmel beginnt, wo die Erde aufhört. Kannst du das fühlen?
Wie deine Füße die Erde berühren, aber nicht die Erde sind.
Wo du dich mit dem Planeten verbindest, ohne ein Teil von ihm zu werden.
Wie leicht es ist, den Kontakt herzustellen.
Du musst nichts Besonderes machen, merkst du das?
Fühl mal, wie das einfach passiert.“

Ich höre ihnen zu. Spüre, wie sie spüren. Wie sie sich der Welt versichern und ineinander halten. „Sie sind frei beweglich“, das hat die Therapeutin stark betont. Ich bin steif und wund. Sitze im Zug nach Hause von einer Stunde, die so schlimm entgleist ist, wie lange nicht mehr. Ich habe keine Angst mehr, aber die Angst hat mich. Schrille Todesangst. So hochfrequent, dass sie kein heftiger Ausschlag ist, keinen Krater schlagend in mir wirkt, sondern wie eine gleißende Schnur alles durchdringt. Alle Energie ist in der Angst. Da ist nichts mehr übrig, um zu sagen: Ich habe Angst. Nichts mehr, um zu weinen, nach jemandem zu greifen, die Augen zu öffnen und Trost in der Omnipräsenz des Himmels und der Schwerkraft zu finden.

Es ist vorbei, sage ich mir am ersten Bahnsteig. Die Therapie. Ich stecke meine Nase in eine der Bäckertüten. Der süße Duft des Brotes krabbelt in mich hinein, bis ich nicht mehr einatmen kann. Als zwei junge Menschen auf mich zukommen, greife ich nach meiner Maske. Fühle die Scham, wie einen Sog in die Tiefe. „Do you speak English?“ Ich nicke und werde zum Streckengeleit. Sie kommen aus der Ukraine. Wollen nach Bremen. Die Bahn hat viele Baustellen und Verspätungen. Wir setzen uns zusammen. Sie sind tief müde, ich blute aus Wunden, die niemand sehen kann, der Zug fährt durch den Sonnenschein.

Auf der letzten Etappe wird eine 3G-Kontrolle angekündigt. Ich frage die beiden Menschen, ob sie die Corona Warnapp kennen, ob sie einen Test gemacht haben oder einen Impfnachweis besitzen. Nein, nein, nein, scheiße. Sie sind Schwarze Menschen. Die Angst, die bei den Worten „checking your verification“ in ihnen hochkriecht, ist ein Sturm, der nur von ihrer Haut bedeckt wird. Ich sage, dass meine Station gleich kommt, dass ich aber bleiben kann, wenn sie meine Unterstützung in der Situation wollen. Sie sagen ja, ich bleibe. Warte. Schreibe an meine Kolleg_innen, ob sie wissen, ob geflüchtete Menschen 3G erfüllen müssen, um zu einer Unterkunft zu kommen. Schreibe dem Partner. Warte. Die Unruhe zieht mich leer, bis ich ins Handeln falle.
Ich laufe den Kontrolleuren in die falsche Richtung entgegen. Der Krach im Zug ist wie ein Meer ohne Oberfläche. Als ich zurückkomme, palavert ein Coronaclown unsinniges Zeug mit einem anderen Coronaclown. Zum ersten Mal seit Pandemiebeginn ist mir so jemand in meiner Umgebung nützlich, denn sie werden sich nicht beschweren, wenn zwei Leute neben ihnen möglicherweise nicht geimpft oder getestet sind.

Und dann läuft alles ganz unspektakulär. Der Kontrolleur schickt seine Sicherheitsleute weiter und sagt mir, dass er eine Ausnahme macht, bevor er, ohne das Wort an die beiden Leute zu richten, weitergeht. Ich übersetze, teile meine Nummer und die Masken, die ich heute nicht mehr brauche. Wir trennen uns an meiner Station, ich wünsche ihnen alles Gute, ohne jede Vorstellung, was das sein könnte.

„Der Himmel ist alles, was du fühlen kannst, wenn du einfach so dastehst.“
„Sterben wir alle?“
„Ja. Und jetzt leben wir, merkst du das?
Der Himmel ist über den Lebenden.“

Ist dir der Begriff „Trauma“ zu groß, ist dein Verständnis von Gewalt zu klein.

„Mir ist da das Wort „Trauma“ oft zu groß.“
Wir sprechen über Autismus und Trauma, ich darüber, dass es mich fassungslos macht, dass viele Autismustherapeut_innen mit Opfern von Peer-Gewalt („Mobbing“) arbeiten, aber sich primär auf deren Autismus konzentrieren.

Auf dem Weg nach Hause merke ich, dass ich wirklich Glück hatte.
Ein Haufen feministisch bewegter Frauen haben mich in den letzten Jahren therapiert und begleitet. Oft transfeindlich feministisch bewegte Frauen und in der Regel auch sexarbeit-feindlich feministisch bewegte Frauen, aber immer Frauen, denen klar war, dass meine Verfassung, mein InDerWeltSein ausschließlich mit meiner Verwundung zu tun hat – aber nie der wahre Grund für die Gewalt an mir war.
Ich musste niemals – wirklich, bei aller Falsch- und Schlechtbehandlung, die ich erfahren habe, niemals! – damit umgehen, dass jemand versucht hat, mir zu vermitteln, dass ich mich anders verhalten, anders mit den Menschen umgehen soll, die mich als Person absichtlich verletzen, damit sie mich nicht (weiter) verletzen. Vielen autistischen Kindern und Jugendlichen, die in der Schule gemobbt werden, passiert das aber und ich halte das für absolut miese Drecksscheiße, die nur von Erwachsenen kommen kann, die Kinder nicht als Täter_innen und Mobbing nicht als Gruppengewalt anerkennen können und/oder wollen. Und also bei aller guten Intention und Zugewandtheit trallalala – keine echten Verbündeten der Kinder und Jugendlichen sind.
Das sind in der Regel die gleichen Erwachsenen, die Wunden erst bei fließendem Blut oder maximaler Dysfunktion eines Menschen – also gewissermaßen im Katastrophenfall – als solche überhaupt verstehen und das Konzept von psychischer/emotionaler Gewalt nicht verstanden haben. Und oft – zumindest meiner Erfahrung nach – sind das Leute, die entweder selber als Kinder und Jugendliche (mit)gemobbt haben oder denken, dass sie nicht gemobbt wurden, weil sie alles richtig gemacht haben. Also Leute, die gewaltlogische Schlüsse nicht als solche reflektiert haben und heute entsprechend opferfeindlich denken und be_handeln.

Wer „Trauma“ für ein großes Wort hält, hat es nicht verstanden. Denn groß ist nie das Trauma selbst, sondern seine Ursache und/oder seine Nichtheilung/Nichtverarbeitung. Jedes aufgeschlagene Knie beweist das. Man knallt hin – das passiert halt, ist banal. Man hat eine Wunde, ein Trauma, und die heilt. Das juckt, man kann erstmal vielleicht nicht so gut laufen, muss sie regelmäßig säubern und trocken halten und irgendwann ist wieder gut. Trauma geheilt, bumms. Hier ist also erst einmal nur die Wirkung groß.
Aber, was, wenn man geschubst wurde. Wenn jemand wollte, dass man Schmerzen hat? Dann ist doch das Trauma nicht nur das kaputte Knie. Dann ist doch die Erfahrung, dem Willen eines anderen Menschen ausgeliefert zu sein, ganz klar auch etwas, das weh tut. Das kann man doch nicht weglassen aus der Wundversorgung oder nicht anerkennen, dass sich die Auseinandersetzung mit der anderen Person auch auf die Wunde, das Trauma und dessen Heilung auswirkt.

Und jetzt schaut bitte mal darauf, wie mit Kindern umgegangen wird, die einander absichtlich schubsen … mobben … oder sonst wie verletzend miteinander umgehen. Was, wenn nicht opferfeindlich – und also „täterlich“ – ist es in solchen Zusammenhängen dem Opfer primär zu vermitteln, dass es sich davor nur schützen kann, wenn es sich nach Schema x verhält, auf Anzeigen y achtet und so weiter. Die Wirkung kann nur die von victim blaming sein. Sie kann nur sein, dass der Eindruck entsteht, es sei von größerer Wichtigkeit, sich nicht der Versorgung der Wunde zu widmen, sondern der Verhinderung von weiteren.

Das Problem ist, dass Schutz nicht das gleiche ist wie ein Leben ohne Gefährdung. Auch der resilienteste Mensch, mit den besten Selbstschutztechniken und -mechanismen in sich, lebt nicht sicher. Lebt nicht entspannt. Kann sich nicht entfalten. Kann niemals erfahren, wie es ist, sicher zu sein – er kann immer nur wissen, wie es ist, geschützt zu sein. Und das ist etwas völlig anders. Ein völlig anderes Er_Leben.

Die Anerkennung einer Verletzung ist für Opfer nicht nur wichtig, um sich selbst zu verstehen oder irgendwie ein bisschen geplüscht zu werden, um sich selbst (wieder) (in einem sozialen Status) zu versichern. Sie ist auch für alle anderen Menschen um sie herum wichtig.
Es ist unfassbar wichtig für menschliche Gesellschaften von verletzenden, schmerzenden und gefährdenden Dingen zu erfahren – nur so kann sie Strategien entwickeln, um diese Dinge effektiv zu umgehen, einander im Schmerz zu verstehen, einander in der Heilung zu unterstützen und auch um in konsensorientierte Verhandlung darüber zu kommen, welche Art des Umgehens wie ins Miteinander eingepflegt sein muss, damit sie effektiv und effizient sind.

Opfer und Täter_in nicht eindeutig zu benennen, weil man denkt, das wäre zum Beispiel bei Kindern und Jugendlichen irgendwie die zu große Rolle, weil sie noch nicht die Reife von Erwachsenen haben oder weil man die Gewalt nicht als „wirklich krass“ einordnet (weil man sie selber nicht so schlimm findet und nur, was man selber für schlimm findet als Gewalt anerkennt) oder weil man annimmt, dass der soziale Kontext eine_n dann für überdramatisch und also nicht ernstzunehmen hält oder weil man fürchtet mit dieser Einordnung ein Urteil zu fällen – führt dazu, dass Gewalt an sich nicht konkret genug definiert wird.
Und alles, was nicht eindeutig definiert ist, bleibt unsichtbar. Unerkennbar. Unbenennbar. Unveränderbar.

Wir haben in unserer Gesellschaft ein Gewaltproblem und sind selbst schuld daran.
Wir machen einander abhängig davon, immer von allen als Nichttäter_in und nur in absoluten Ausnahmefällen als Opfer gesehen zu werden, weil wir als Gesellschaft einfach noch nicht kapiert haben, was Gewalt ist, wie sie wirkt und was sie für uns bedeutet.
Wäre das anders, hätte niemand je ein Problem damit, jemanden als Opfer anzuerkennen, wenn sie_r verletzt wurde – oder als Mit.Täter_in, wenn sie_r verletzt hat bzw. beigetragen hat zu verletzen.
Wir hätten Wund_Versorgungskompetenzen. Ganz allgemein. Wir gingen in den Kindergarten und lernten nicht nur das Wort „Entschuldigung“ wie eine „Du kommst aus dem Gefängnis frei“-Karte in unser Verhalten zu integrieren, sondern auch (Wieder)Gutmachung. Wir lernten, dass wir einen direkten Einfluss auf das Befinden eines anderen Menschen nehmen können – im Guten wie im Schlechten – und dass es in unserer Verantwortung liegt, sich darum zu kümmern. Sich zu interessieren. Auch dann, wenn keine Autorität (eine erwachsene Person, ein_e Richter_in) uns dazu auffordert.

Es ist unser Gewaltproblem, das die Anerkennung von Traumata erschwert. Es ist unser Gewaltproblem, das die Therapie der Traumafolgestörungen zu einer special Spezialisierung macht. Es ist unser Gewaltproblem, das verhindert, dass wir alle in Frieden und Zufriedenheit, Glück und Bedingungslosigkeit miteinander leben können.

Niemandem ist damit geholfen so zu tun als wäre es nicht da.
Niemandes Hilfe ist wahrhaft, wenn sie nicht aus diesem Bewusstsein heraus geleistet wird.

 

tl,dr: Ist dir der Begriff „Trauma“ zu groß, ist dein Verständnis von Gewalt zu klein.

schreiende Kinder(innens)

Ich kompensiere Vorbehalte bezüglich meines Kinderwunsches mit Information. Wann immer jemand um die Ecke getrollt kommt, um mir zu sagen, ich sollte mir aus dem Kopf schlagen, eigene Kinder zu bekommen, will ich vorbereitet sein. Wenn schon nicht zeigen, so doch wenigstens sagen können, dass ich weiß, was Kinder brauchen, was in der Schwangerschaft, unter der Geburt, im Wochenbett, im ersten Jahr, in allen Jahren danach für mich und ein, zwei, drei … Kinder (zwingend) nötig ist – und was nicht.
In dieser Auseinandersetzung kann ich meine Traumatisierung nicht ausblenden und tue das auch nicht. Warum auch immer ist es bei diesem Thema gar nicht so furchtbar unaushaltbar für mich, sie anzuerkennen und in mein Selbstbild zu integrieren. Und seit ich das tue, verändert sich meine Perspektive auf und darüber auch meine Beziehung zu den Kinderinnens in meinem Er_Leben.

Ich habe darüber nachgedacht, was mir am meisten Druck machen wird, wenn ich ein Kind zu versorgen habe.
Und natürlich ging es dabei viel um meine Genderthemen, um finanzielle Sicherheiten, um Sorge darum, wie sich die Beziehung zum Partner entwickelt, wenn sich unser beider Leben durch Schlafentzug, 24/7 zwingend notwendiger Verfügbarkeit für das Kind und der Anforderung immer wieder Entscheidungen fällen zu müssen, die niemand vorgeben, aber alle kritisieren können wollen, verändert.
Mir ist aber auch aufgefallen, dass der Umgang mit Kindern und viele der Probleme und Anstrengungen sich aus einem scheinbar ungeschriebenen Anspruch der Kontrolle ergeben. Es wird erwartet, dass man als Elter alles vorgibt, alles bestimmt – und vor allem deshalb alles über alles wissen muss, damit im Falle eines Kontrollverlustes mit Nachsicht vom Umfeld gerechnet werden kann. Denn Un- oder Zufälle, die kann man nicht verhindern – aber dass das Kind nicht jeden Tag nackte Nudeln isst oder 3 Wochen die gleiche Hose trägt, dass es gefälligst immer Bitte und Danke sagt, dass es nicht widerspricht, dass es in der Schule die Klappe hält und nur auf Verlangen von Autoritäten sein Wissen auskotzt … das scheint irgendwie das Mindeste des Elternjobs zu sein. Und das ist etwas, von dem ich jetzt schon weiß, dass ich es gar nicht erst als Ziel annehmen will.

Erstens, weil ich weiß, dass meine Kraftreserven nicht dafür ausreichen werden – zweitens aber auch, weil ich merke, dass ich genau so seit tausend Jahren versuche, mit meinen Kinderinnens umzugehen. Ohne jeden Erfolg und ohne mehr Sinn als den, mich von meinem Trauma und damit der Realität meiner damals unerfüllten Bedürfnisse fernzuhalten.

Und wo kommt das her? Wie komme ich denn darauf, dass ich meine Kinderinnens – kindliche Selbstzustände – kontrollieren (können) muss (um zu heilen = in Frieden leben zu können)? Weil ich sie als Fehler begriffen habe. Weil mein Umfeld auf sie als Fehler reagiert, den ich mache. Jeder Flashback, jeder Wechsel zu einem Kinderinnen durch eine Fehlinterpretation der äußeren Umstände gilt als Dysfunktion. Als Teil meiner Krankheit genannt „dissoziative Identitätsstörung“. Als gefährlich, als falsch, als unangemessen und deshalb als zu kontrollieren bis zu einer veränderten Funktion, die möglicherweise so nahtlos reinpasst, dass man mich als geheilt einordnen kann.

Seit ich die Diagnose habe, wende ich unfassbar viel Energie dafür auf, bloß nichts Kindliches nach außen zu bringen. Nichts und niemand bedürftiges, unfähiges, traumatisiertes – nichts und niemand kompromisslos existenziell abhängiges. Ich habe mit jeder Therapie neue und engere Mittel und Möglichkeiten aufgebaut, um ein Regime der Kontrolle über mich aufzubauen und damit aber vor allem dafür gesorgt, dass die Kinderinnens immer so bleiben, wie sie vom Außen wahrgenommen werden: chaotisch und unberechenbar, fremd und gefährlich. Ein Unfall, eine Ausnahme in meinem sonst so kontrollierten Auftreten und Sein. Eine einzige Katastrophe.

Und was macht man nach Katastrophen. Man räumt auf. Beseitigt die Spuren. Wischt alles weg, baut irgendwas drüber, richtet neue Kontrollen ein, macht sich vielleicht noch eine Gedenknotiz. Ein Ermahnmal, um ja nicht zu vergessen, wie unfassbar wichtig es ist, hier alles im Griff zu haben, alles und alle zu kontrollieren – damit man sich gleich noch schlechter, schwächer, unfähiger fühlt, wenn es doch wieder zu einem Kontrollverlust kommt. Es reicht ja nicht, wenn es ist, wie uns M. in einer E-Mail schrieb. Dass man sich fragt, was man macht, wenn da so viel Weh und Bedürftigkeit ist, so viel Schreien nach Ver_Bindung, dass es auch eine Unfähigkeit zur Wahrnehmung der aktuell bestehenden Ver_Bindungen und Sicherheiten gibt.

Ich will meine Zeit als Elter nicht darauf verschwenden, meine eigenen Kinder als so unberechenbar und deshalb zwingend in allem zu kontrollieren zu denken, wie Kinder im Allgemeinen gedacht und behandelt werden. Ein vielversprechender Ansatz dazu ist das bindungs-und bedarfsorientierte Elternsein. Darin ist die Grundlage des Eltern-Kind-Miteinanders nicht die Frage nach individuellen Ressourcen und sozialem Status, sondern die nach den Bedürfnissen aller und dem Verständnis dafür, dass die Bindung zueinander bestimmt, was wann wie wo warum artikuliert wird.
In diesem Modell ist ein Kind, das irgendeine Schulaufgabe nicht macht, kein Kind, das Bock auf Stress hat und sich als Klassenclown gefällt (also gerne die Ressourcen anderer Leute wegfrisst und so eine soziale Position für sich produziert), sondern ein Kind, dem möglicherweise etwas abverlangt wird, dass es (gerade oder noch) nicht kann und versucht eine wahrgenommene Enttäuschung des Gegenübers mit Witzen und Lachen aufzufangen (also versucht zu zeigen: „Mieh, ich kann das nicht – aber guck, wir können immer noch gemeinsam (verbunden) lachen.“)

Übertragen auf meine Kinderinnens ist diese Perspektive insofern hilfreich, als dass ich aufhöre zu glauben, dass mein Bedürfnis nach Sicherheit durch Unauffälligkeit wichtiger oder relevanter ist als mein Bedürfnis nach Sicherheit durch Ver_Bindung (oder auch Versorgung), wenn ich in einem kindlichen Zustand bin. Denn nichts anderes sind Kinderinnens. Sie sind ich in einem mehr oder weniger funktionellem Zustand der Traumatisierung. Also einem Zustand, in dem eins bis alle der essenziellen Grundbedürfnisse nicht erfüllt wurden, negiert wurden, ausgenutzt wurden.
Es ist logisch, dass ich mich bodenlos hilflos, ohnmächtig, schwach, haltlos, zu Tode verängstigt, verlassen, schmerzerfüllt und ohne jede Hoffnung fühle, wenn sie mir sehr nah sind. Und es ist logisch, dass ich sie getrennt von mir erlebe. Denn ich bin hier und heute gut versorgt. Ich bin in äußerer Sicherheit, kann mir selbstbestimmt zu essen und zu trinken nehmen, kann mich versichern, kann mich halten lassen, meine Schmerzen behandeln, ein Leben führen, dessen Sinn und Inhalt ich selbst gestalte.
Aber die Trennung zwischen uns macht weder mich realer als sie, noch ihre Bedürfnisse weniger real als meine. Und das zu akzeptieren hilft mir gerade sehr, mich in meinem Vermeidungsverhalten zu beobachten und viel weniger pauschal und grob vorzugehen, wenn ich sie spüre oder höre.

Auch im Umgang mit Außenkindern ist es wichtig, wie man über Bedürfnisse spricht – wie man Kindern überhaupt vermittelt und bewusst macht, welche Empfindungen und Wünsche aus welchen Bedürfnissen heraus entstehen und wie sie ihnen sicher und nachhaltig entsprechen können. Das kann man als Elter lernen.
Und als traumatisiertes Elter, das ich gerne sein möchte, lerne ich dabei doppelt, denn intuitiv einfach so weiß ich selbst oft nicht, was ich wann wie wo für Bedürfnisse habe und wie ich ihnen nachhaltig entspreche. Unter anderem, weil ich immer nur in Situationen des Kontrollverlustes Kontakt zu Kinderinnens, aber auch jugendlichen Innens, habe und dann weder ihnen noch mir einfach so den Raum nehme zu fühlen, was gebraucht wird und selbst wenn ich weiß, was gebraucht wird, noch zig Extraschleifen fahre, weil ich mir nicht sicher bin, ob ich diesen Bedarf wirklich (like: for real) habe, ob ich berechtigt bin ihn zu haben, ob es angemessen ist ihm nachzugehen, was es für alle anderen außer mich bedeutet, wenn ich dem nachgehe.
Um das zu ändern, fange ich jetzt nicht an Kindersocken zu tragen oder eskaliere auf einem Kinderspielplatz herum – es auch wird nie soweit kommen, dass ich Kinderinnenzeit im Außen freimache oder irgendwelche Außenpersonen anweise, doch bitte meine Kinderinnens zu beruhigen, weil sie so dringend Sicherheitsgefühle brauchen. Aber ich höre auf immer nur mich zu versorgen, wenn ich merke, dass mir – uns allen – etwas fehlt. Unsere Bedürfnisse stehen sich nicht in Wichtigkeit oder Relevanz gegenüber, sondern bedingen einander.

Auch das eine Parallele zum Umgang mit Außenkindern. Ich muss keins meiner Grundbedürfnisse negieren, nur weil die kleinen und großen anderen Menschen in meinem Leben auch welche haben und es vielleicht einigermaßen anstrengend wird, die alle miteinander zu befriedigen.
Kontrolle ist nur möglich durch Negierung von Aspekten ihres Ziels. Schreiende Kinder(innens) zu kontrollieren bedeutet also immer irgendein Bedürfnis zu negieren. Für mich ist das eine Wiederholung eines Aspektes meiner Traumatisierung.

Was ich jetzt also zum Beispiel bei einem Flashback oder nach einem Wechsel zu einem Kinderinnen herauszufinden versuche, ist (nach wie vor) nicht: „Was ist damals passiert?“ – denn mit dieser Frage rolle ich mir quasi den Teppich aus in Folgefragen wie: „War das wirklich so?“ um von der Antwort dann abhängig zu machen, wie berechtigt ist, was ich dazu denke, fühle oder im späteren Verlauf noch erinnere – was für mich einfach unnützer Quark ist, der mich überhaupt gar nicht weiterbringt, aber krank, leidend und vor allem dissoziiert hält.

Ich frage mich jetzt: „Welches Bedürfnis ist jetzt da?“ und prüfe, ob es etwas ist, dass ich selbst erfüllen kann oder ob es etwas ist, dass ich als erwachsene Hannah, die jetzt da steht, wo sie_r steht, wie sie_r ist, schon als erfüllt empfindet.
Da ich erwachsen bin, kann ich jetzt viele meiner Bedürfnisse einfach erfüllen und diskutiere das auch nicht mehr. Denn einfach alles worüber diskutiert wird, stellt die Legitimation eben jener Sache infrage. Grundbedürfnisse sind nicht diskutabel. Weder meine aktuellen noch meine früheren. Ich habe Grundbedürfnisse, weil ich existiere und um zu existieren. Sie gehen nicht weg, nur weil ich oder irgendjemand anderes meint, sie seien nicht angemessen oder real.
Wenn ich den Eindruck habe, dass eigentlich alles um mich herum meine Grundbedürfnisse erfüllt, erkläre ich das nach innen, in dem ich mich so sinnlich wie möglich dessen versichere. Meine Kinderinnens sind so viel mehr Körper als ich, die überwiegend Kopf bzw. Gedanke ist – es ist völlig logisch, dass ihnen die Info, dass alles ok ist, weil ich das weiß, überhaupt nichts sagt. Sie müssen fühlen, dass sie satt, sauber, unberührt, frei beweglich, warm und verbunden mit Menschen sind, die unsere Grenzen wahren. Ich muss mich dafür mit meinem Körper verbinden, muss mich anfassen, muss abchecken, in welchem Rahmen ich verdeutlichen kann, was jetzt gerade spürbar ist, ohne weitere Erinnerungskaskaden auszulösen. Und ich muss darauf achten, was diese Empfindungen in mir verändern.

Auch das ist ein Aspekt, den Kontrolle von Kinderinnens allein verhindert. Wenn ich sie nur kontrolliere, dann merke ich ausschließlich (aber das immerhin dann sehr eindeutig), ob sie mir nah sind oder nicht. Ich fühle mich sicher, wenn sie mir fern sind und Punkt. Dann fühle ich nicht, ob irgendwas von meinem Reorientierungszauber überhaupt gewirkt hat. Ob da irgendwer innen kapiert hat, dass es vorbei und alles ok ist – oder ob ich mich im Grunde schon mal drauf einstellen kann, dass ich immer wieder mit diesem Kinderinnen zu tun haben werde oder nicht.

Wie die Empfindungen erfüllter Grundbedürfnisse etwas in mir verändern, das ist ganz interessant eigentlich. Endlich habe ich kapiert, warum Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen in psychosomatischen Kliniken und eigentlich jeder Therapie so ein übliches Element sind.
Erfüllte Grundbedürfnisse entspannen. Unerfüllte Grundbedürfnisse sorgen für Anspannung (weil der Körper drauf eingestellt ist, etwas für seine Grundbedürfniserfüllung zu machen, denn das ist ja seine primäre Funktion: zu leben und dafür zu sorgen, dass das auch so bleibt 🤯).
Es ist also auch völlig sinnlos, wenn ich meine Kinderinnens – oder auch Außenkinder – ausschließlich frage, wie es ihnen jetzt geht, wo sie fühlen, dass alles ok ist und mir das anhöre. Ich muss nach Zeichen der aktiven Entspannung schauen. Nicht: reglos, schlaff und stumm „Ja ja alles ok – ich hab mich tot gestellt und empfinde gar nichts, was mich irgendwie anspannen könnte“, sondern: Präsent, stabil, beweglich, reagibel „Jupp, mich gibts. Ich bin hier – die Welt ist da, ich kann alles überschauen, ich bin versorgt, jetzt könnte ich irgendwas anderes machen als essen, trinken, schlafen, von jemandem gehalten werden – wie wärs mit Entdecken? Jemanden kennenlernen? Irgendwas erschaffen?“ Der ganze Entspannungstherapiezenober soll dabei helfen, ein Gespür dafür zu bekommen, wie sich Entspannung anfühlt bzw. sich daran zu erinnern, wie man sich in diesem Zustand anfühlt, damit man in schwierigen Situationen nicht erst überlegen muss: „Ok ok ich muss mich entspannen – Äh… wie ist das noch gleich?“
Für meinen Geschmack bin ich schon viel zu lange in Traumatherapie,  um das erst jetzt zu verstehen – aber es hat mir auch nie jemand gesagt.
Naja.

Zurück zur Entspannung von Kinderinnens.
Es ist für mich leichter auf Entspannungszeichen zu achten, weil ich mich dazu nicht so sehr ihren Inhalten nähern muss. Ich kann so ganz bei der Realität bleiben, dass jedes Kinderinnen ich selbst in einem angespannten Zustand aufgrund unerfüllter Bedürfnisse ist und mich um mich selber kümmern. Ich kann jedes meiner Gefühle, das ich in dem Moment mit meinem erwachsenen Bewusstsein spüren kann, ernst nehmen und überlegen, wie ich ihm begegne. Und ja, das ist nach wie vor oft die Entscheidung, dass ich mich davon entferne, weil ich mich zu unsicher fühle sie aufzufangen, aber ich weiß jetzt ganz sicher, dass ich nicht einfach traumaphobisch bin und sie deshalb in ihrem Zustand belasse, sondern, dass ich mich selbst noch nicht genug darin gehalten/gestützt/versichert fühle mit allem umzugehen, was ich (hauptsächlich im Flashback oder im kindlichen/jugendlichen Zustand) fühle. Das bedeutet für mich eine Baustelle und die nehme ich ernst. Denn so wie es ist, soll es nicht bleiben.

Auch das eine Entscheidung, die man nicht treffen muss, wenn man sich für 24/7 Kontrolle über sich entscheidet (und das auch hinkriegt).
Man kann sich gegen die Ver_Bindung mit den eigenen Kinderinnens entscheiden, wie man sich gegen die Ver_Bindung mit Außenkindern entscheiden kann. Manchmal ist das nötig und manchmal das einzige, was eine_n selbst am Leben erhält.
Aber schön, erfüllend – ganz – ist es eben nicht.

Autismus, Trauma, Kommunikation #10

Es ist einer der größten Risikofaktoren für autistische Menschen im Kontakt mit anderen Menschen unbeabsichtigt negative Irritation, unangenehme Gefühle oder falsche Annahmen über die Ziele und Intentionen der jeweiligen Gespräche und anderen Interaktionen auszulösen. Da geht es um unterschiedliche Kommunikationsstile, unterschiedliche Fokussierung, um unterschiedliche Interpretationsgewohnheiten und die soziale Position, aus der heraus man spricht bzw. in der man sich wähnt.
Es geht aber auch darum, wie ein Gegenüber mit negativer Irritation und/oder unangenehmen Gefühlen umgeht. Und auch welche Strategien man entwickelt, um sich der Ziele einer anderen Person zu versichern und wie man die eigenen Grenzen oder auch den eigenen Status in einer Beziehung schützt.

Für mich ist die Wahrnehmung negativer Irritation wichtig, um mich zu schützen. Ich weiß, dass es mir nur selten gelingt, andere Menschen von meinen Intensionen und Zielen einer Interaktion zu überzeugen, sind diese erst einmal von ihrer Wahrnehmung von mir überzeugt.
Was für die meisten neurotypischen Menschen ein kleines, eher unbedeutendes Missverständnis ist, das sie in 5 bis 10 Phraselrunden wieder ausgebügelt haben, ist für mich schnell eine Erfahrung von Gaslighting. Eine Manipulationserfahrung. Eine Negierung meines Anteils an einem Kontakt. Und also alles andere als leicht wieder gutzumachen, denn es geht dann ja nicht nur um die Situation selbst, sondern auch um den Kontakt. Es ist schmerzhaft, sich manipuliert oder negiert zu fühlen und sich gleichzeitig darüber aber nicht sicher sein zu können, denn es könnte ja doch einfach nur ein Missverständnis sein. Das ist auf Dauer ein Problem für jede Beziehung, für jeden Kontakt über längere Zeit. Denn auch ich habe ja das Bedürfnis mir einer gemeinsamen Basis sicher sein zu können.
An der Stelle treffen Autismus und Trauma zusammen.

Menschen, die sich als Kinder nicht auf die gemeinsame Basis mit den Menschen um sie herum verlassen konnten, werden das später nie automatisiert einfach tun. Sie werden immer hinterfragen, immer unsicher sein, sich nie auf ihren Instinkt, ihre Intuition, ihr Bauchgefühl verlassen, wie es jemand mit ihnen meint. Was sie leider auch zu Menschen macht, die ihre Partner_innen oder nahe Familienangehörige eher in Situationen bringen, die diese als emotionales Gaslighting empfinden und immer wieder eine Versicherung über die Motive und Ziele von Interaktion zu fordern, die sie gleichzeitig aber gar nicht glauben und wirklich annehmen können.
Denn es ist ja das eine, sich damit zu schützen, dass man sich auf nichts verlässt und an nichts und niemanden bindet – es ist aber ein menschliches Grundbedürfnis, sich sicher und verbunden zu fühlen und man braucht für diese Art der Sicherheit im Kontakt mit anderen Menschen einfach Vertrauen in den Wahrheitsgehalt dessen, was man selber wahrnimmt und andere Menschen vermitteln.
Wenn sich diese Sicherheit über die Dauer eines Kontaktes nicht einstellt, begibt man sich miteinander schnell mal in eine Wiederholung der traumatisierenden Dynamik und damit in Gefilde, in denen man als traumatisierte Person wirklich allein ist, weil ja alles immer durch diese Angst- und Zweifelfilter durchgeht. Da ist es völlig egal, wie oft wer was wie sehr versichert oder beteuert, macht und tut. Man er_lebt tatsächlich unterschiedliche Realitäten und kann sie nur mit Vertrauen, Sicherheitsgefühl und der Fähigkeit zur Selbstberuhigung miteinander verbinden. Das Drama komplex traumatisierter Menschen ist jedoch, dass Menschen Sicherheitsgefühl, Selbstberuhigung und Vertrauen nur sicher gebunden überhaupt erlernen.

Das bedeutet, dass komplex traumatisierte (also als (kleine) Kinder (von den Eltern oder ähnlich nahen Menschen im direkten Umfeld) traumatisierte) Menschen als Erwachsene mit einem Defizit leben, das sie oft nur mit Mut und der Fähigkeit sich in die Gegenwart zu reorientieren kompensieren (lernen) können. Sie müssen wissen, wann sie sich „von ihren (früh_kindlichen Todes-)Ängsten verrückt machen lassen“ und wann es von ihnen kompensierbar ist, sich mal auf ein Sicherheitsgefühl einzulassen – um vielleicht überhaupt mal zu fühlen, wie das ist. Wie ist das, wenn man mal locker lässt? Mal annimmt, etwas ist, wie es zu sein scheint? Wie fühlt es sich an, wenn meine Erwartungen an einen guten Ausgang einer Situation sich auch wirklich erfüllen? Und wie oft werden meine Erwartungen an einen guten Ausgang von Situationen eigentlich erfüllt?
Außerdem müssen sie verstehen und begreifen, dass sie sich langfristig schaden, wenn sie sich vor Verbindung schützen, weil sie gegen ihre Menschlichkeit handeln. Sie behindern sich selbst, sie verletzen sich selbst, sie arbeiten – krass ausgedrückt – an ihrer Vernichtung. So wie das Trauma sie zu vernichten bedroht hat, weil ein (oder auch alle) Grundbedürfnisse nicht erfüllt wurde.n.

Immer, wenn mein Mut zum Sicherheitsgefühl (empfinden/annehmen) belohnt wurde, habe ich viel gelernt. Natürlich erst einmal, wie es sich anfühlt sich sicher zu sein und zu bleiben, aber auch, dass es durchaus klargeht. Dass ich richtig einschätzen kann, wann mein Mut zur Empfindung mich nicht gefährdet hat. Was ich gebraucht habe, um diesen Mut aufzubringen. Was geholfen hat und was nicht. Dass ich als erwachsener Mensch mit Ängsten umgehe, die früher ein wichtiger Marker für meine Gefährdung waren, aber heute ein Marker für eine andere Art von Gefährdung, weil ich meine Grundbedürfnisse spüre, ernst nehme und mir, soweit es geht, bedingungslos erfüllen kann, weil ich dafür niemanden mehr zwingend brauche.

Missverständnisse mit anderen Menschen haben früher mein Leben bedroht, und zwar ganz direkt.
Beleidigungen, Phrasen oder Redewendungen wörtlich zu nehmen, Trickfragen nicht erkennen können, den Anteil eines Gespräches, in dem jemand die eigene Überlegenheit und Macht über mich kommuniziert, übergehen, sich in Situationen sicher zu fühlen, weil bereits erlebte Misshandlungsszenarien in Details verändert wurden, die als Erkennungsmerkmal funktionierten … das sind Situationen gewesen, in denen mein autistisch sein zu negativer Irritation führte, den Täter_innen aber auch extrem erleichtert hat, die Gewalt an mir zu legitimieren oder meine Ausbeutung nicht als solche wahrzunehmen.

Heute sind es nicht mehr die großen körperlich bedrohlichen Szenarien, die mir Probleme bereiten, sondern die kleineren sozialen. Denn die bringen mich an emotionale Verletzbarkeiten und Traumata. Und die sind für mich bis heute schwer zu reorientieren, weil sie nie aufgehört haben. Ich kann es schaffen, sie von den Personen zu lösen. Kann mich daran erinnern, dass ich mehrheitlich von neurotypischen Menschen umgeben bin, die einfach immer alles als auf sie persönlich bezogen einordnen, die von mir gesagt bekommen müssen, was ich fühle und möchte (obwohl sie sich seltener die Mühe machen, sich mir zu übersetzen) und dass ich vieles einfach anders wahrnehme.
Das macht aber die Verletzung nicht weg. Und auch nicht das Gefühl, das sich einstellt, wenn das Grundbedürfnis nach sozialer Verbundenheit einfach nicht erfüllt werden kann, weil sich niemand in der direkten sozialen Umgebung ähnlich wie ich ver_bindet.
Aber es ist richtiger als der traumalogische Schluss, dass ich nichts dagegen tun kann. Dass ich deshalb komisch bin oder falsch und ja kein Wunder ist, dass mich niemand mag. Dass ich meine Einsamkeit irgendwie nicht anders verdient hätte und mich in ihr einrichten muss, obwohl ich das gar nicht will. Oder, dass meine Gefühle von Verletzung zu äußern falsch ist, nur weil andere Menschen unverletzt aus dem herausgehen, was sie als Missverständnis interpretieren.

Je mehr ich mich mit diesen Dingen auseinandersetze, desto bewusster wird mir, dass ich weiter sehr viel mehr Mut und vielleicht auch Opfer aufbringen muss, um ein alle Grundbedürfnisse erfülltes Leben zu führen. Das macht mich manchmal traurig, weil das sehr anstrengend ist und häufig auch mit Unverständnis des Umfelds einhergeht. Andererseits macht es mich auch froh und dankbar, weil es mich daran erinnert, dass die Alleinverantwortlichkeit für die Erfüllung meiner Grundbedürfnisse heute kein zu hoher Anspruch mehr an mich ist, wie damals als Kind und Jugendliche_r.

Und, weil ich das Leben heute als etwas fühlen kann, das eben nicht um (die Verhinderung von) Schmerz und Not kreist, sondern um Grundbedürfnisse, die sind, weil sie sind, weil das Leben ist und ist und ist.