Schlagwort: Miteinander

25 und 26

Ich sollte nicht davon erzählen. Besonders jetzt nicht, wo wir bald ein Buch veröffentlichen und schon jetzt mehr Menschen deshalb auf diese Seite kommen.
Ich sollte sowas nicht erwähnen. Nicht hier.
Ich sollte an meinem Image arbeiten. Mir mal langsam eins machen, das über den Zufallsgenerator der Perzeption und dem Glücksspiel der Rezeption hinausgeht. Ein Bild von mir, von uns, das zeigbar ist. Sympathisch, nett, interessant, angenehm. So wie man Menschen einfach gerner hat.

Trotz aller Beschäftigung damit, verstehe ich nicht so richtig, wofür so etwas gut sein soll. Image. Gutes Image durch Bildpräsentation.
Das ist nicht die Realität. Das ist nicht echt, aber unheimlich anstrengend. Das ist wie die Erschöpfung nach 6 Stunden Sims 3 mit 8 Familienmitgliedern, davon 6 Kleinkinder und Babys: viel Zeit, viel Kraft – für nix außer den Moment.
Vielleicht ist der Moment sehr wichtig, okay. Aber danach kommen auch noch Momente. Und im Gegensatz zu den Pixeln, denen ich Namen gebe, um sie in eine Geschichte zu verwickeln, bin ich ja auch noch viele Jahre da. Auch nach dem Moment.

Ich sollte nicht erzählen, wie ich in der Schule einen Mitschüler angeschrien hab, dass er sich in sein dummes Knie ficken soll. Weil er ein überheblicher weißer linker Mackerdude ist, dessen verdrogtes Hirn seine Arroganz in unerträgliche Ausmaße verstärkt und, der einfach nur zum Nerven in die Schule kommt.
Ich sollte vielleicht mehr Fokus auf meinen Notenabsturz in dem Fach legen, seit dem Lehrerwechsel, dem absolut ungünstigen Stundenplan. Vielleicht anschaulicher machen, was für ein Alptraum sein absolut sinnbefreites und zuweilen menschenverachtendes Gelaber während des Unterrichts in_jedem_einzelnen_Fach_ für meine Kraftressourcen ist. Vielleicht darüber schreiben, wie es ist, um 5 Uhr morgens aufzustehen, um keine 3 Stunden später alles und jeden wie auf blanke Nervenenden auftreffend wahrzunehmen und an nichts anderes mehr denken zu können als an das, was die Leute jedes Mal sagen: Bleib ruhig – Entspann dich – Reg dich nicht auf – und früher reingeprügelt haben: HIER WIRD NICHT GEHEULT

Es ist eine beschissene Situation, denn Aggression wird so oft entschuldigt, dass auch das als Entschuldigung gelesen werden würde. Dabei gibt es daran nichts zu entschuldigen. Wir haben keine Schuld auf uns geladen. Wir haben ihm gesagt, was er hören wollte – haben auf seine Forderung, ihm ins Gesicht zu sagen, was wir denken, reagiert. Dass diese Wahrheit gewaltvoll und aggressiv ist, liegt in der Natur der Wahrheit. Wahrheit ist nicht zart flauschig und lieb. In der Regel ist Wahrheit brutal, schmerzhaft und abstoßend. Sicher hätten wir eine prosozialere Performance machen können, aber was ist das für ein Anspruch vor dem, was ich in dem Moment überhaupt noch leisten konnte. Mal abgesehen davon, wollen wir mit ihm möglichst überhaupt nicht sozial sein.

Ich war froh, nicht vor ihm und der ganzen Klasse geheult zu haben. War froh nicht schon 20 Minuten vorher vor lauter Frust- und Ohnmachtsgefühlen geheult zu haben. Wenigstens eine Weile dem folgen zu können, was mir früher wie heute als einziges regelmäßig reingedrückt wird: ruhig bleiben, als wär nichts von dem, was da in mir vorgeht real, schmerzhaft oder so unaushaltbar wie es am Ende nun einmal doch ist.

Wir sind kein Mensch, der bei jeder sozialen Belastung gleich anfängt Leute anzubrüllen oder überhaupt aggressiv auftritt. Wir sind auch nicht absolut unfähig, mit Stress und Belastung umzugehen. Oder mit Leuten, die wir nicht mögen. Oder mit Leuten wie ihm.
Es sind diese mehrfach beschissenen Ohnmachtslagen in Kombination mit Schmerzen, die keine Aussicht auf Lösung oder Ende haben.
Es sind Situationen, die in ihrer Struktur unserer Traumatisierung so extrem ähnlich sind.

Ein Stundenplan, der nicht zu ändern ist, Lehrer_innen, die hilflos und also handlungsunfähig sind und alle Verantwortung und Aushalteparolen der Welt auf uns abladen. Ein Begleitermensch, der seit Monaten nicht erreichbar ist. Absprachen und Hilfen, die mit dem Weggang der alten Klassenlehrerin nicht mehr eingehalten bzw. gegeben werden. Das Gefühl von allen reingelegt und verlassen worden zu sein, obwohl wir allen gesagt haben, dass wir das alleine nicht schaffen. Obwohl wir verdammt nochmal wirklich alles, darunter auch Dinge, die an unserem Würdegefühl gekratzt haben, gemacht haben, damit das alle begreifen. Damit genau das nicht passiert.

Und dann der Schmerz.
Für den sind wir allein verantwortlich. Wir müssten früher gehen, öfter nicht da sein, Situation nicht er_leben, um ihn so ertragen zu können, dass wir immer lieb, ruhig und artig sein können. Wir müssten weniger leben, um ihn nicht zu spüren. Oder ein weniger schmerzverursachendes Umfeld haben.
Man hat uns schon oft vorgeworfen uns zu oft zu verkriechen, im eigenen Kleinklein zu bleiben. Oft, weil man nicht so recht glauben kann, das Geräusche, Sprechen, Interagieren auch Schmerzen verursachen kann. Und meistens, weil man die Verbindung zwischen Schmerzen, die wir heute haben und dem Schmerzgedächtnis für Schmerzempfinden aus lebensbedrohlichen Gewalterfahrungen früher in unserem Leben, nicht so recht begreifen kann.

Ich erwähne den Schmerz, weil ich denke, dass das etwas ist, das die meisten Leute nachvollziehen können. Alle hatten mal krasse Zahn-Kopf-Glieder-Körperschmerzen in ihrem Leben. Alle wissen, wie man dann drauf ist. Alle wissen, wie viel zu viel in so einem Moment so ein “Psst!-Nu bleib ma ruhig”- Anspruch ist. Nicht, weil man ein böser Mensch ist oder irgendetwas in einem selbst als Person macht, dass man in diesem Zustand “böses” tut, sondern, weil das eine Möglichkeit von vielen ist. Unser Spektrum reicht von Dissoziation zu absolutem Hyperfokus zu psychosomatischen Phänomenen wie vorübergehender Blind- und/oder Taubheit zu Sprechunfähigkeit zu Anschreien bzw. Rausschreien, was ist. Die meisten dieser Reaktionen kriegen die Menschen um uns herum nicht einmal mit. Und das ist ja der ganze Witz.

Jemand, die_r leidet ohne Ende, Hoffnung und Kraft – aber in sich selbst implodiert und “unsichtbar dysfunktional” ist, wird nie für “böse” gehalten oder für unsozial oder was weiß ich. Solche Leute werden für fähig gehalten mit Stress umzugehen. Ihre Anwesenheit gilt als angenehm, weil nicht störend, da auf Störung hinweisend.
Wer davon abweicht, ist der letzte Arsch, nicht ganz dicht, Täter_in, Aggressor_in, störend und die Person, der man mit aller Macht sagen muss, dass sie doch bitte ruhig sein soll. Unabhängig davon wie ruhig sich die Person sonst verhält. Die Ruhe zu der eine Person fähig ist, wird immer wieder unsichtbar vor ihrer Lautstärke.

Ich frag mich, ob das nicht auch so eine Form der Imagemachung ist. So ganz alltäglich.
Du lernst einmal jemanden kennen und hast vielleicht insgesamt 5 Tage mit der Person verbracht, aber wenn sie dann in den letzten gemeinsamen 2 Stunden etwas macht, was anders ist, dann behälst du sie als so anders in Erinnerung. Dein Bild von ihr verändert sich dahingehend und das wars dann. Nie wieder wirst du die Person so sehen wie vorher. Viel mehr wirst du dein früheres Bild von der Person als Illusion oder Lüge abtun, anstatt dich der Realität zu stellen, in der Menschen einfach mehr sind als das Bild, das du dir von ihnen gemacht hast. Und vielleicht sogar weiter trägst., wenn du so ein Mensch bist, der anderen Leuten keine eigenen Bilder erlaubt oder erlauben oder zumuten will. Als ginge dich das irgendetwas an.

Mein Leben hat diese Realität.
Das Zerfallen und ganz klassische Opferding voller Leiden und Not und das Explodieren, das so oft Täter_innen zugeordnet wird, obwohl es ein ganz genauso reales Opferding ist. In den Diagnosekriterien der PTBS wird das unter “Reizbarkeit” verwurstet. Es gehört dazu. Ist eine Dimension wie die Dissoziation, der heutige Schmerz als Trigger für früheren Schmerz und so viel mehr.

Ich  weiß, ich sollte hier von gar nicht schreiben. Denn Mehrdimensionalität, Komplexität ist schwer. Schwerer als ein Abziehbild in 2D.
Aber mein, unser Leben ist schwer. Ist komplex.
Weil es real ist. Weil wir real sind.

12

“Mach dir nicht so viele Gedanken.”, “Mach dir keinen Stress.”, “Reg dich nicht darüber auf.”.
Das sind die Dinge, die uns Menschen zu dem Problem mit dem Lehrer sagen. Und generell zu vielen, den meisten der Probleme, die wir im Leben sehen. Beruf, Zukunft, Lebensausrichtung, die Ordnung unserer Dinge und Handlungen.

So etwas macht einen Schmerz, der immer wieder neu weh tut einerseits und andererseits kaum richtig “echter Schmerz” im Sinne einer emotionalen Verwundung ist. Es ist eher eine, die!, schmerzliche Erinnerung daran, wo die Grenzen zu anderen Leuten verlaufen. Sie verlaufen für uns genau dort, wo Leute annehmen, wir würden uns Gedanken zu Dingen machen, wie man Kuchen backt oder sich selbst eine Frisur macht: zielgerichtet, eine Absicht verfolgend, vielleicht, weil man etwas anderes gerade weder will noch kann oder mag.

Unser Ausdruck von Stress über Dinge entsteht in der Regel erst dann, wenn wir durch die Kommunikation unserer Gedanken zu Dingen als etwas, das frei wählbar und vermutlich die Folge von Vermeidung anderer Optionen sei, merken, dass wir allein mit dem Problem sind. Sicher nicht, weil die Menschen sich dafür entscheiden uns damit allein zu lassen. In der Regel wollen sie ja alle das Beste für uns. Sie sind uns zugewandt und sehen, dass es uns nicht gut geht. Aber sie verstehen uns nicht. Und, sie sehen die Dissonanz zwischen dem, was sie an uns herantragen und dem, was sie sich für uns wünschen nicht. Auch damit sind wir meistens allein.

Wir sind nicht gut in der Lösung von zwischenmenschlichen Problemen. Wir wissen das. Wir merken das. Wir leben schon einige Jahre mit dieser Unfähigkeit und trotz vieler Hilfsmittel und Krücken, die für die andere Partei in der Regel ermöglicht, gute Lösungen zu finden, bleiben wir oft mit dem Wissen zurück, dass wir ein Problem lösen, bei dem wir nichts weiter als ein Kanarienvogel in der Kohlenmine waren.

Wir geraten nie „einfach nur so“ in Schwierigkeiten. Wir zeigen sie auf und werden deshalb als die Problemursache verortet. Schlicht deshalb, weil wir unsere Gedanken nicht „machen“, sondern sie durch all die Fragezeichen und Unstimmigkeiten in der Zwischenmenschlichkeit und der Unmöglichkeit, die Zukunft vorherzusehen, zwangsläufig entstehen.

In ultra autoriären Kontexten hatten wir nie Probleme damit. Darin hatten wir unsere Gedanken und die Spaltung zwischen innen und außen. Wir haben nicht gesagt, was wir denken, haben nie geäußert, was wir uns fragen. Wir haben gehört und gefolgt und am Ende war das Ende. Es gab keine Zukunft, es gab ein Ziel, das ein weiteres Ende sein würde, über das weder nachzudenken, nachzufragen oder sich zu sorgen erlaubt nötig möglich war.

In Momenten wie dem, in dem unsere Therapeutin aus der Sache mit dem Lehrer zum Beispiel etwas macht, das in uns begründet ist; unser Klassenlehrer, dem wir von der Sache erzählten, weil er sagte, wir sollten bei Problemen immer sofort zu ihm kommen und davon erzählen, uns sagt, wir sollen uns weder aufregen noch sorgen; der Begleitermensch schon wieder nicht erreichbar ist, obwohl er uns zugesichert hatte, dass wir in der Schulzeit nicht allein mit solchen Situationen sein müssten,

da ist der Wunsch nach so einem ultra autoritären Kontext wieder da
und ich kann’s verstehen
ja, sogar nachfühlen.

Nicht, weil die Aussicht auf die globale Unterwerfung und Lossagung solcher Problemlagen so toll ist, sondern, weil es weder die real entstehenden zwischenmenschlichen Probleme, noch den Schmerz der Alleinigkeit damit, noch das Spüren der weiterreichenden Konsequenzen dieses Schmerzes gibt.

Es geht ja nicht nur um dieses eine Problem. Sondern auch um die, die da noch kommen werden. Es geht auch darum, immer Kraft für sowas bereit haben zu müssen und niemals vergessen zu dürfen, dass das ein Kraftvorrat ist, der dazu da ist, immer einsetzbar zu sein – egal, wie anstrengend der ganze Rest ist.

Es geht auch um das Gefühl der Isolation. Es gibt Menschen, die mit unserer Selbstbezogenheit wenig mehr als Pathologisierung und Negativbewertung anfangen können. Die meisten brauchen entweder lange oder schaffen es nie zu verstehen, dass wir uns nicht wie sie oder die meisten Leute, über andere Menschen oder die Interaktion mit ihnen spüren. Wir also keinen Wert für uns darin sehen, mit ihnen zu tun zu haben, sondern darin, was konkret wir mit ihnen zu tun haben. Um das etwas näher zu erklären, ein Beispiel.

Eine Person mit der wir befreundet sind, fragt uns, ob wir mit ihr Zeit verbringen. Sagen wir, wir machen eine kleine Radtour. Wir werden uns gut fühlen, weil wir radfahren und sie auch. Weil wir beide das Gleiche tun und einander erzählen können, wie es für uns war. Uns macht daran glücklich, dass wir Rad gefahren sind und, dass wir beide die gleiche Erfahrung gemacht haben und, dass wir einander davon erzählen können. Auch wenn die andere Person es vielleicht nicht so toll fand, so steht für uns nicht das im Vordergrund, sondern die Schönheit der Kongruenz, über die wir uns verbinden können. Wir sind dann nicht glücklich, weil eben genau diese Person da war. Oder weil wir besondere Momente miteinander erlebt haben. Die Gleichheit der Handlung (die planbar, machbar, schaffbar war) erfüllt uns mit Zufriedenheit.

Übertragen auf soziale Problemlagen, wie dem mit dem Lehrer, ist für uns irrelevant, wie er sich fühlt, wenn wir uns schlecht fühlen. Für uns ist seine emotionale oder soziale Bewertung der Situation auch egal. Wir brauchen für uns auch nicht zu wissen, wie es ihm geht, denn uns geht es um das Ergebnis seiner Handlung bzw. einen faktisch existenten Umstand.
Beschäftigen werden wir uns in den nächsten Tagen aber vor allem damit, ihm das klar zu machen, ohne, dass er sich tödlich beleidigt oder missachtet fühlt. Und erst dann können wir vielleicht eventuell zu dem kommen, was für uns eigentlich relevant ist. Ein Problem, das wir nur durch achtsame und sachbezogene, also sehr konkrete, Kommunikation lösen und in der Zukunft verhindern können. Obwohl Schulalltag um uns herum ist, obwohl es für ihn irrelevant ist, obwohl es unbezahlte Mehrarbeit für ihn ist und obwohl es eine Veränderung in seiner Kommunikation bedeutet, von der erst einmal nur wir etwas haben (aber später könnte sich herausstellen, dass alle etwas davon haben – auch er).

Was in der Reihenfolge einfach kräftezehrend für uns ist und auch wieder ganz eigene Unfairheiten mit sich bringt. Denn ihm wird niemand sagen, er solle sich nicht aufregen, sich Gedanken machen, keinen Stress damit haben.
Ihn wird man eher noch bedauern, jemanden wie mich unterrichten zu müssen, obwohl man als Lehrer_in doch so gar nicht darauf vorbereitet wird. Ihm würde man eher noch das Fehlen von eigenen Gedanken dazu entschuldigen, denn, wie hätte er denn je darauf kommen sollen. Niemand würde ihm sagen, er solle sich keinen Stress damit machen, weil man weiß: Er hat eh schon genug unverhinderbaren Stress, weil Lehrer_in zu sein, einfach als stressreicher Job mit enorm vielen Aufgaben gedacht und akzeptiert wird. Und sollte er sich doch Gedanken und Stress machen, dann wird ihm das als Merkmal guten Lehrerseins angetan – nicht als unnötige Selbstsabotage oder Merkmal einer Pathologie der Psyche, wie bei uns.

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Fundstücke #67

Das Jahr geht zu Ende und es fühlt sich nicht danach an.
Alles ist anders, neu, komisch, schön, anstrengend. 2018 hat viel mit sich gebracht. Vieles verändert. Auch mich. Uns.
Wir hatten zu wenig Zeit für uns allein, mit uns allein, um alles zu integrieren, alles zu er.fassen und zu halten. Und vielleicht ist das die Essenz von Reichtum.

Das nächste Jahr steht bereits zur Hälfte fest und so beruhigend wie das ist, so sehr setzt es uns unter Druck.
Es ist keine Planung, die uns strukturiert und vorbereitet, um weniger Angst zu haben. Es ist der Versuch zu greifen, was da kommt. Das ist etwas anderes als sonst und so schwer zu kommunizieren in seiner gesamten Belastung.

Wir bemühen uns darum glücklich zu sein, dankbar, demütig und merken doch: Glück und Zufriedenheit ist Arbeit und irgendwann ist man einfach müde. Denn Energie ist begrenzt und wir ziehen unsere Kraft nicht aus Glück und Zufriedenheit, sondern aus Schlaf, guter Ernährung, Sport, Alleinzeit, der Möglichkeit zu schreiben, um sich selbst zu verstehen, zu verorten, zu spüren.

Das müssen wir 2019 wieder mehr machen. Egal wie egoistisch das wirkt, egal, wer sich das anders wünscht und warum.
Das ist auch eine Erkenntnis, die bestätigt. Wir sind nicht selbstbezogen, weil wir daraus einen sozialen Vorteil haben. Wir sind es, weil es für uns der Weg zu anderen Menschen und dem Leben selbst ist.

Ich glaube, dass das etwas ist, das wir den Menschen in unserem Leben zumuten müssen. Glaube, dass wir uns in einem Zutrauen üben müssen, in dem wir annehmen, dass die Menschen uns vertrauen. Was merkwürdig ist, denn das haben wir noch nie gemacht: Geglaubt, dass man uns glaubt; darauf vertraut, dass man uns vertraut.

Mal sehen wie das wird.
Im Jahr 2019.

Todesstrafe für sogenannten “sexuellen Kindesmissbrauch”

Donnerstag morgen.
Wie wunderbar ist das Gefühl mit einem dicken Pinsel voller Buchbinderleim über die Deckelpappen zu streichen. Schmitz schmatz hmmm ausatmen, Bezugsstoff ausbreiten, Pappen auflegen, einatmen, andrücken, ausatmen, verstreichen.

Über mir brummte das Neonlicht, am Schreibtisch vorne brummte meine Buchbindelehrerin über ihre Zeitung. Wir waren allein, denn meine Klasse hatte Sport und sie frei. Wir waren allein und es war herrlich.
Sie las mir eine absurde Meldung über einen Gerichtsprozess vor und wir kamen zu juristischen Ungerechtigkeiten. Zu Recht haben und Recht bekommen und dann zur Todesstrafe für Menschen, die Kinder missbraucht haben.

Ich hörte ihr zu und nahm mir die Zeit für die Pause, die es braucht, zu antworten, was ich antworten will. Ich wischte mir die klebrigen Finger ab und fragte: “Du, weißt, dass mich das Thema betrifft, oder?“ “Nein, weiß ich nicht”, antwortete sie und ich stellte mich sofort mit beiden Füßen und allem, was ich hab, auf die Stille, die sich in mir auftürmen wollte, um der Scham mehr Platz zu lassen. “Na dann weißt dus jetzt – Also es betrifft mich und deshalb hab ich mir schon oft Gedanken zur Todesstrafe für Menschen, die sowas machen, gemacht. Willst du das hören?”
Sie sagte einfach “Ja” und schon das machte mich unendlich dankbar. Wie sie wieder einmal unterstützte, dass ich mich vor ihr nicht schäme für irgendetwas, das mit Mangel, Defizit oder Ungänze zu tun hat.

Ich erzählte, dass das Thema aus mir selbst heraus nie aufkam, obwohl es mich betrifft.
Ich habe nicht den Wunsch nach einer Todesstrafe für die, die an mir zu Täter_innen wurden, doch komme ich nicht umhin, wie viele – oft weit rechts von mir stehende – Menschen diesen Wunsch haben und zuweilen sogar als Forderung formulieren.
Mir ist nicht klar, was Strafen für diese und vielleicht auch noch andere Menschen bedeuten. Ich verstehe das Konzept von Strafe nicht als etwas, das etwas macht, wovon man insgesamt etwas hat. Eine Strafe ist nicht das Gleiche, wie Rache; ist nicht das Gleiche wie Genugtuung, Ausgleich oder Wiedergutmachung.
Strafe ist einfach nur die mögliche Folge eines Urteils, das jemand fällt, die_r sich die Macht dazu gibt oder übertragen bekommen hat und bedeutet an sich weder Gutes noch Schlechtes, Konstruktives oder Destruktives. Strafen sind ein eindeutiges Merkmal von Autorität. Also einem Machtungleichgewicht. Also einer ungleichen Verteilung von Selbstbestimmung und Freiheit über sich selbst.

Warum sollte ich nach einer Gewalterfahrung – die einzig in autoritärer Konstellation überhaupt passieren konnte – Interesse an noch mehr Autorität in meinem Leben haben? Was in aller Welt soll ich denn in so einem Setting finden, wenn nicht die Bestätigung der Täter_innenwahrheit, nach der ich nichts zu bestimmen und zu sagen habe, aber eine warum auch immer und wodurch auch immer legitimierte andere Autorität?

Und was genau soll eine Strafe der Täter_innen mit mir machen? Oder: für mich?
Ich spreche hier noch nicht einmal von der Todesstrafe, sondern von sagen wir einem Jahr in Haft. Oder 5. Oder 10. Oder 15. Ich bin heute kein Kind mehr. Mir passiert die Gewalt nicht mehr. Früher, vor 25 Jahren, da hätte es mir etwas gebracht, denn damals wäre ich noch als kleines Kind in eine Pflegefamilie gekommen und viele Dinge wären nicht passiert. Es wäre zwar immer noch heftig und schlimm, vor allem, weil es einfach scheiße ist, wenn die eigenen Eltern im Knast sitzen und später als fremde aus dem Knast entlassene Leute, ja auch irgendwie noch mit einem_einer zu tun haben wollen, aber sie wären an mir nicht mehr zu Täter_innen geworden. Sondern vielleicht jemand anderes. Sporttrainer_in, Lehrer_in, fremder Onkel, unangenehme Tante, die_r erste Freund_in, der Typ von einer Party, der mir k.o.-Tropfen ins Getränk mischt. Zum Beispiel.

Haftstrafen werden allerdings nicht leichtfertig verhängt, sondern gelten als das was sie sind: eine hohe Strafe.
Das bedeutet, dass eine spezifische Schwere der Schuld, eine spezifische Tatsituation festgestellt worden sein muss. Kann das Gericht dies nicht feststellen – warum auch immer! – gibt es eine andere Strafe und was dann? Was wäre dann für die Person, die zum Opfer geworden war, konkret anders?
Sicher, manche fühlen sich bestärkt von Gerichtsverfahren. Für manche ist es enorm wichtig und auch heilend, von einer Autorität in der Sache anerkannt zu werden. Aber was genau wird davon in Bezug auf die Wunde der Tat und ihrer sozialen, psychischen, körperlichen, ökonomischen, ideellen Auswirkungen konkret besser?

Ich stecke da nicht drin, kann mir nichts vorstellen. Allein der Akt von Anzeige, Rede und Antwort, Aussage, Briefe, Reden, Erklären, Anwaelt_in suchen, Anwaelt_in finden, Anwaelt_in bezahlen können müssen, Gerichtsverhandlung mit Täter_innen- und Tatkonfrontation – allein die Vorstellung macht mich müde, ängstlich und damit bereits in meinem Selbsterleben klein und schwach.
Aber gut – andere Menschen, sind anders als ich.

Zurück zum Strafgedanken.
Was genau ist an einer Haftstrafe, die Strafe? Richtig – die Haft. Der Entzug der Freiheit über den eigenen Lauf der Dinge. Also: eine Gewalterfahrung. Obendrauf noch eine, die man hinnehmen muss, denn da sie durch maximale Autorität ausgeübt wird, gibt es weder sozial noch juristisch die Möglichkeit davon entschädigt zu werden, so lange diese Strafe als richtiges Strafmaß eingeordnet wird.

Vielleicht ist das irritierend für andere Menschen, aber das ist nicht, was ich anderen Menschen wünsche. Auch denen nicht, die mir so viel Schmerz bereitet haben und mich so nachhaltig verletzten. Nicht, weil mein Herz so groß ist, sondern, weil ich weiß, wie sich so eine Gewalterfahrung anfühlt und wieviel mehr als konkrete Verletzungen dabei entsteht.

Eine Todesstrafe würde solche Dinge nicht entstehen lassen. Aber sie wäre tödlich und damit etwas, das meiner Haltung zum Leben widerspricht. Wir leben nicht, um alles immer richtig zu machen oder alle um uns herum glücklich. Wir leben als Faktor der Entwicklung anderer Lebewesen, um eine Entwicklung zu machen – egal welche. Gut, böse, reich und geizig, oberflächlich und egozentrisch, liebevoll – das kann man bestimmen und wählen – das MUSS wählbar und selbst bestimmbar sein.
Menschen, die Schlimmes getan haben, zu töten, würde bedeuten, Menschen zu töten und damit einen Teil der ganz realen Entwicklungsfaktoren des Lebens zu eliminieren.
Um es zu sagen, wie ich es meiner Lehrerin gesagt habe: “Was soll ich davon haben, wenn meinen Geschwistern die Eltern abgemurkst werden, weil die mir etwas angetan haben?”

Damit meine ich keinesfalls, dass Straftäter_in zu sein eine natürliche oder g’ttgegebene Aufgabe ist, die man akzeptieren muss, sondern, dass es immer und immer und immer eine Entscheidung zur Straftat ist, die jemanden eine Straftat begehen lässt. Und, dass man sich mit den Gründen und Motiven auseinandersetzen muss, die diese Entscheidung innerlich wie äußerlich ermöglicht haben bzw. ihr zugrunde liegen.

Damit meine ich auch nicht, dass ich finde, dass heute hier in Deutschland strafbare Handlungen ohne jede Konsequenz bleiben sollen. Aber eine Konsequenz ist etwas anderes, als eine Strafe. Und das ist, worum es mir geht.
Ich will wissen und verstehen, warum mir das passiert ist.
Und ich werde es nie erfahren, denn diese Auseinandersetzung zu machen, würde weit mehr erfordern als einen Gerichtstermin und eine Handvoll Therapiestunden für mich allein. Sie erfordert Kontakt zu den Täter_innen, es erfordert ihr Einsehen und die Bereitschaft dazu. Es erfordert ihre Entscheidung dazu und die wird nicht kommen. Niemals.

Gar nicht mal, weil sie nicht dazu in der Lage sind, oder reflektionsunfähig, sondern, weil es für sie keinen Anlass dazu gibt. Es ist normaler einander vor Gericht mit Staatsgewalt zu bedrohen, als sich hinzusetzen und die zwischenmenschliche Gewalt, die Entscheidungen, die man getroffen hat, auszusprechen. Es ist üblicher einander zu verurteilen, als einander zu verstehen und das ist etwas, von dem mir niemand erzählen kann, dass das kein ganz erheblicher Anteil daran ist, dass Menschen einander gewaltvoll begegnen.
Es ist nicht normalisiert von sich aus für Schäden aufzukommen, die man anderen Menschen beigebracht hat – es ist normalisiert zu Schmerzensgeldzahlungen verurteilen zu lassen und einen Antrag auf Opferentschädigung bei einer Behörde zu stellen. Also: Autoritäten für sich entscheiden und ver.walten zu lassen.

Ich sagte meiner Lehrer_in, dass ich den Impuls verstehen kann, weil man vielleicht die Idee hat, speziell diese Form der Gewalt würde einen Menschen für immer zerstören oder zeichnen. Sagte ihr, dass das in meinem Fall auch nicht ganz unrichtig ist – aber ganz richtig ist es eben auch nicht. Und etwas, das so uneindeutig ist, kann doch nicht mit so eindeutigen Dingen, wie dem Tod (der Täter_innen) begegnet werden.

Vor Kurzem erst hatte ich in einer Tweetkette über die Verjährungsfristen bei sogenanntem sexuellen Kindesmissbrauch geschrieben, dass ich es in Ordnung finde, wenn diese Verjährung bestehen bleibt.
Dabei ging ich darauf ein, warum Verjährungen sinnvoll sind und versuchte folgenden Umstand zu beschreiben.
Egal, womit die Menschen, die an mir zu Täter_innen wurden, heute von einem Gericht bestraft werden würden, es stünde nicht mehr im Verhältnis zur Tat. Denn meine Verarbeitung dieser Tat, mein inneres Framing dessen und das, was es als Mensch aus mir gemacht hat, das war vor 10, 20 Jahren ein völlig anderes als heute. Meine Bedarfe aufgrund dieser Tat und ihrer Folgen für mich sind völlig andere und nicht mehr nur auf diese Tat zurückzuführen.
Sie sind damit im wörtlichsten Sinne nicht mehr eindeutig strafbar und das ist gut so. Denn diese Regelung traut mir zu, auch als Person, die zum Opfer wurde, eine Entwicklung zu machen. Also: zu leben, zu wachsen, zu werden und zu sein. Obwohl, weil, trotz … das passiert ist bzw. als passiert vom Gericht anerkannt werden könnte.

Diese Regelung berührt zu Recht nicht die Täter_innen, denn auch diese könnten sich weiterentwickeln. Und zwar so, dass sie sich immer wieder zu Straftaten entscheiden. Die Verjährungsfrist beginnt jedoch immer wieder neu.
Immer wieder haben zu Opfern gewordene Menschen also die Möglichkeit, sich für eine Anzeige zum Zweck des Schutzes anderer Menschen zu entscheiden. Doch ich persönlich muss das deshalb nicht zwingend auch machen. Ich muss diese Verantwortung nicht tragen. Ich muss es nicht und ich will es auch nicht.

Ich will andere Verantwortungen in der Sache tragen. Will mich anders einbringen, auf anderen Wegen dazu beitragen, dass andere Menschen gut geschützt sind und eine gute Entwicklung er.leben können.

Mein Gespräch mit meiner Lehrerin endete bei einem völlig anderen Thema und ich fand das schön.
Früher wäre ich daran kleben geblieben, hätte es immer und immer wieder und in mir bewegt, hätte mit der Scham um mein ungeplantes Outing gerungen und mich nicht getraut eine feste Position in der Thematik einzunehmen. Heute ist das anders und ich merke viel innere Stabilität in mir – trotz der Brüchigkeit in mir drin, trotz der Verwundung, die natürlich auch wieder schmerzhaft spürbar war. Trotzdem sich nun plötzlich auch unser Verhältnis zueinander ein wenig verändert hat. Ich habe keine Angst mehr vor dem, was meine eigenen Erfahrungen für andere Menschen sind.

Ich hätte diese Stabilität und Ruhe nicht in mir, wäre ich verpflichtet zur Strafanzeige, gäbe es Todesstrafen oder keine Verjährungsfrist. Ich hätte mich nicht entwickeln können, ohne diese Freiheit.
Und ohne diese meine Entwicklung könnte ich anderen Betroffenen, bei denen es wieder völlig anders ist als bei mir, nicht gut zuhören. Könnte hier nicht schreiben, hätte so viel in den letzten 11 Jahren schlicht weder angefangen noch wenigstens mal als Idee verfolgt.

Ich könnte niemals mit irgendjemandem darüber reden, müsste ich jederzeit damit rechnen, dass noch heute ein Gerichtsverfahren mit möglicherweise tödlichem Ausgang für jemanden passieren könnte, das schon so lange her ist. Es gäbe in den Statistiken weniger sogenannten “sexuellen Kindesmissbrauch”, weil mehr zu Opfern gewordene Menschen schweigen würden. Es gäbe nicht weniger sogenannten “sexuellen Kindesmissbrauch”.

Diese Illusion gilt es aufzuzeigen.

Autismus, Trauma, Kommunikation #5

Das sozial mit Anstrengendste für uns ist die Wiederholung. Schlimmer noch: die Wiederholung von Wiederholungen. Am Schlimmsten: die Wiederholung von Dingen, die etwas mit gemachten Gewalterfahrungen zu tun haben.

Wir haben oft das Gefühl, uns zu wiederholen und wiederholen zu müssen, weil wir von anderen Menschen nicht oder nur teilweise, oft auch gar nicht verstanden werden.
Missverständnisse sind nur so zu lösen, das verstehen wir – und doch, es frisst einfach so viel Zeit und Kraft und Sicherheitsgefühl.

Besonders in der Traumatherapie und in nahen Beziehungen erleben wir es als belastend und merken, dass es manchmal diese Belastung ist, die an empfindlichsten Punkten fressen und zu Instabilität beitragen, dass wir bestimmte Dinge, immer wieder sagen müssen.

Für viele neurotypische Menschen bedeutet es keine Wiederholung, wenn sie das gleiche, was sie wörtlich ausgedrückt haben, auch noch in Taten und allgemeinem Gebaren kommunizieren. Im Gegenteil, die meisten Menschen glauben anderen Menschen eine Gefühlslage oder innere Haltung erst dann, wenn sie Gesagtes auch noch in irgendeiner Form selbst miterleben. Etwa, wenn sie Tränen sehen, nachdem jemand gesagt hat: „Ich bin traurig“ oder, wenn aus allem Verhalten und Denken ein Leiden abzuleiten ist.

Wir erleben das als Wiederholung und oft genug auch als Fakeübertreibung von uns selbst, wenn wir so etwas machen, um andere Menschen unsere Gefühle oder Haltungen zu kommunizieren. Denn für uns reicht es in der Regel, etwas ein Mal auf eine Art etwas gesagt zu haben.

In diversen Therapiesettings und besonders in Klinikkontexten jedoch, haben wir die Erfahrung gemacht, dass sich permanent zu wiederholen – sei es mit Themen, die man immer wieder bespricht, um am Ende doch wieder mit dem gleichen Ergebnis nach Hause zu gehen, oder mit Verhalten – nötig ist, um bestimmte Hilfen und Unterstützungen nicht nur mal hier und mal da, sondern kontinuierlich und so lange wie nötig, gewährt zu bekommen.

Doch nicht nur in diesen Kontexten ist das so.
Wir beobachten die gleiche Dynamik bei Twitter, in Podcasts und in Blogs. Bei Konferenzen, Tagungen und Fortbildungen. In Plena, in Debatten, auf der ganzen Welt.
Eine Person(engruppe) wird erst dann gehört und ernstgenommen, ihr wird erst dann geglaubt, wenn sie jahrelang und immer und immer und immer wieder das Gleiche sagt und tut und macht.
Das heißt: wenn sie sich nicht oder nur innerhalb bestimmter Grenzen bewegt und auch selbst nicht weiterentwickelt. Eine Person muss für andere Personen ihre Botschaft und ihr Fordern immer und zu jeder Zeit verkörpern, sonst wird sie nicht gehört, (angeblich) nicht verstanden und niemand beschäftigt sich mit ihr.

Und andersherum brauchen viele Menschen auch immer wieder eine Wiederholung der Bestätigung von anderen Menschen, um sich wahrgenommen zu fühlen.

Menschen funktionieren wohl so. Anders ist uns die Wiederholung der Konstruktion von Echokammern nicht zu erklären. Eine Familie ist eine Echokammer, eine Beziehung ist eine Echokammer, Freund_innen, Facebook, Fernsehen, die Gesellschaft einbeiniger Dackelfreunde ist eine Echokammer.
Wir können uns das nur so erklären, dass neurotypische Menschen solche Räume immer wieder erschaffen, weil es sie nicht fertig macht, sich ständig zu wiederholen und sich immer wieder mit den gleichen Dingen zu beschäftigen.

Uns macht das fertig, denn für uns ergibt es keinen Sinn. Wenn wir etwas gesagt haben, dann meinen wir in der Regel auch genau das und nichts anderes. Und zwar so lange, bis wir etwas anderes darüber sagen.
Es ergibt keinen Sinn außer der Verdeutlichung oder manchmal auch Verständlichmachung noch mehr Kanäle zum Transport einer Botschaft zu verwenden und das immer wieder.

Wir haben lange gegen das Gefühl ankämpfen müssen, unsere Schwierigkeiten übertrieben dramatisch auszudrücken und zu kommunizieren, indem wir alles zur Verfügung stehende genutzt haben, um uns und unsere Gefühle der Todesangst verständlich zu machen.
Verstärkt wurden diese Falschgefühle von Menschen, die ihre Reaktion darauf mit „Ja, aber…“ eingeleitet oder mit schlichter Abwehr reagiert haben. Also: uns gesagt haben, wir würden lügen oder übertreiben, oder theatralisch, weil hysterisch sein.

Besonders da ist für uns ist an der Stelle bis heute eine Falle.
Wir haben einen Hang zu Katastrophisierung. Sehen in Dingen, die schief laufen, sehr schlimme Dinge und finden es unaushaltbar verunsichernd und ängstigend – nicht, weil nicht alles nach unseren Wünschen abläuft, sondern weil es für uns ungeheuer anspruchsvoll ist, kognitiv und emotional so flexibel zu sein, sich auf Schiefgegangenes einzustellen. Insbesondere dann, wenn wir vorher nicht besprochen haben, was wir machen, wenn etwas schief geht. Egal, wie unwahrscheinlich ein Schiefgehen sein mag – wir brauchen das, um mit dem sofort ablaufenden Katastrophenszenario in unserem Kopf umgehen zu können.

Sich spontan auf fremde, unerwartete, schiefgegangene Dinge umzustellen, geht für uns nur mit Hilfe von Außen. Wir kriegen es allein nicht hin, ohne auf Kompensationsverhalten wie Dissoziation zurückzugreifen bzw. in die Dissoziation zu rutschen, weil wir uns sofort überfordern. Das ist, was uns Angst macht.
Denn das ist, was sich für uns jedes Mal wie Sterben anfühlt, weil wir die Kontrolle verlieren, darüber in Erinnern an Nahtoderfahrungen getriggert werden und nichts, aber auch gar nichts tun können, um etwas daran zu verändern. Weil wir in diesen Momenten tatsächlich zu 100% überfordert und unfähig sind und eben nicht nur in einem traumahistorischen Wiederleben einer Situation, in der wir auch real zu 100% überfordert waren stecken, aus dem wir uns rausorientieren können.

Mit jedem Ding, auf das wir uns nicht einstellen konnten, spüren wir gnadenlos und brutal, wie sehr wir der Welt und ihrem Lauf der Dinge unterlegen sind und erleben es auch immer wieder als eine hoffnungslose, (durch die Traumabrille zusätzlich auch oft lebensbedrohliche) und furchtbare Situation in der wir aus der Welt geschleudert werden. Egal, wie sehr wir uns mit ihr verbinden oder an ihr festhalten. Egal, wie sehr wir „realistisch drauf schauen“. In solchen Momenten schauen wir nicht auf das gleiche Ding, wie andere Menschen und merken, dass wir nicht im Ansatz mehr als unsere Gefühle von Überforderung und Angst kommunizieren können.

So etwas ist der furchtbarst mögliche Moment um zu merken: Meine Ölmolekülaugen, mein Ölmolekülgehirn kriegt es nicht hin zu sehen und zu bewegen, was andere sehen – ich kann meine Gefühle und Haltungen nicht verändern, denn ich kann mich nur auf eine von mir so wahrgenommene Katastrophe beziehen – andere Menschen und ihre Sicht können mich nicht erreichen. Es ist faktisch unmöglich.

An der Stelle greifen bei uns dann die Anpassungsmechanismen der Traumatisierungen unserer Kindheit. Wir werden dumpf, depersonalisieren, wechseln zu Innens, die in er Lage sind, ohne jede eigene Beteiligung auf Ansprache zu reagieren, Verhalten zu spiegeln und – dank jahrelanger Trainings in der Familie*° und in Kliniken – weder auszurasten, noch sonst wie „typisch autistisch“ (what ever that means) auffällig zu sein.

Wir sind in unserer Entwicklung in der Pubertät auffällig geworden. Wurden in unserer Wiederholung der Kommunikation tagtäglich empfundener Todesangst (aufgrund von wiederholter Traumatisierung und autistischer Er_Lebensart und -weise) drastisch und radikal. Es kam zu selbstverletzendem Verhalten und parasuizidalen Gesten. Am Ende zu mehr und mehr Suizidversuchen.

Für uninformierte und unachtsame, vielleicht auch einfach schlecht ausgebildete und auch schlicht ignorante Mediziner_innen und Therapeut_innen, ist so ein Verhalten selbstverständlich keine Wiederholung. Sie sehen quasi die letzte Fassung – das extreme Ende und machen mit ihrer Diagnose nichts weiter als eine Benennung eines Akutzustands. Doch es ist ebenjene Diagnose, die für uns in der Folge zum angenommenen Normalzustand wurde.

Das mussten wir erst einmal verstehen und akzeptieren, um zu verstehen, warum wir so viele Helfer_innen als nutzlose Arschlöcher empfunden haben, die uns einfach nicht verstanden oder schlimmer noch: verstanden und trotzdem nicht reagiert und geholfen haben.

Daneben steht natürlich noch die patriarchale Geschichte der Hilfen und Medizin.
Hysterie heißt heute „histrionische Persönlichkeitsstörung“ und bedeutet nichts anderes als „Frau, die irrational überreagiert (um irgendwas zu kriegen, was ihr nicht zusteht oder, weil sie nicht kriegt, was sie glaubt, dass es ihr zusteht)“. Das ist wichtig nicht zu vergessen: Als Person, die als Frau eingeordnet wird, ist sich zu wiederholen gleichermaßen nötig wie verhängnisvoll.
Wir haben in der Hinsicht den Scheißejackpot deluxe schon mit 14 Jahren im Leben gehabt.

Denn das Geschlecht, dem wir zugeordnet werden schließt für viele Personen, besonders im medizinisch psychiatrischen Bereich vieles aus. Unser Autismus wurde erst mit 30 diagnostiziert – der Autismus unseres Geschwists, das ein anderes Geschlecht hat, im Grunde bereits im Kindergarten.
Und wir haben nicht erheblich viel anders gemacht oder gelebt als eben jenes Geschwist. Wir waren nur eben nicht jenes Geschwist oder andere Menschen, die schneller gehört und richtig verstanden wurden.

Mit 14 galten wir als theatralisch.
Nicht als (typisch für viele Autist_innen) katastrophierend, aufgrund der Erfahrung sehr schnell, sehr tiefgreifend überfordert zu sein mit bestimmten Dingen.
In unserem Leben war diese äußere Rezeption, dieses Missverständnis unseres Inneren, eine krasse Weichenstellung. Und ja, die Folgen dessen waren dramatisch. Weitaus dramatischer als nötig.
Und wir können das bis heute nicht gut loslassen. Können das bis heute nicht vergessen, weil wir wissen, dass diese Menschen absolut keinen Einblick da hinein haben, wie sehr wir in den nachfolgenden Jahren darunter gelitten haben, was sie an uns verbockt hatten.

Heute sind wir unter Menschen, denen gegenüber wir uns nicht mehr als einmal wiederholen müssen.
Wenn sie uns beim ersten Mal nicht verstehen, dann sagen sie uns das und wir versuchen gemeinsam einander zu verstehen.
Das ist so entlastend und gut für uns, dass wir kaum noch Momente haben, in denen wir denken, wir wären ihnen sehr fern. Wir merken, das unser Ölmolkülsein manchmal die Ursache für Missverständnisse sind, merken aber auch, dass unsere Wassermolkülmitmenschen verstehen und reflektieren, dass es um Missverständnisse und nicht „Rosenblättereigene Meeh-Eigenschaften“ geht, wenn etwas mit uns irgendwie nicht gut zueinander passt.

Sie haben uns gehört, als wir ihnen gesagt haben, dass wir sie lieben, sie mögen, gern mit ihnen arbeiten, gern mit ihnen Zeit verbringen, dass sie ein guter, wichtiger, angenehmer Teil unseres Lebens sind, der uns wichtig ist.
Wir müssen es ihnen nicht immer und immer wieder sagen. Und wenn doch, dann sagen sie uns das.
Das bedeutet für uns viel mehr Kraft für gemeinsame Dinge und Raum, um neue Dinge zu erkunden und zu probieren.

Auch und besonders in der Therapie, ist das zu einem Faktor geworden, der unsere Kurve steil nach oben hat gehen lassen. Wir müssen unserer Therapeutin nicht mehr x-mal versuchen irgendetwas klar zu machen. Sie hört sich das einmal an und nimmt an, was dann kommt. Auch wenn unser Verhalten (unsere Performance) nicht alles von uns mit nach außen trägt.

Man sollte meinen, dass das selbstverständlich ist. Kein_e Patient_in sollte in die Situation kommen immer alle Symptome zu zeigen oder zu benennen, damit die_r Therapeut_in oder Mediziner_in auch wirklich glaubt und mitdenkt, dass bestimmte Schwierigkeiten und dazu gehörige Gefühle und Gedanken, Konflikte und Probleme auch wirklich da sind und passend hilft/behandelt/unterstützt.
Aber dem ist nicht so. Es gibt Behandler_innen, die permanente Wiederholung einfordern, um sich selbst in der Haltung zu und der Diagnose für die_n Patient_in zu versichern und auch vor Dritten im eigenen Vorgehen zu legitimieren.

So zu behandeln ist unprofessionell und ein Merkmal schlechter Therapeut_innen. Unabhängig davon, ob man wie wir enorm darunter leidet diese Wiederholungsarbeit immer wieder leisten zu müssen, oder nicht.

 

 

*Diese Textreihe soll (nach nochmaliger Überarbeitung und Ergänzung mit Grafiken und Hinweisen zu weiterführender Literatur) ein analoges Zine werden.
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Autismus, Trauma, Kommunikation #4

Von Menschen misshandelt zu werden, verändert den Blick der misshandelten Person auf Menschen.
Manchmal ganz pauschal, manchmal ganz spezifisch. Manchmal sehr stark und manchmal nur ein wenig.
Dass das passiert ist keine Entscheidung, sondern Glanzstück menschlicher Evolution.
Es dient der Anpassung, sich sehr genau mit allen möglichen Anzeichen tödlicher Bedrohungen zu befassen und darauf zu reagieren. Zum Beispiel, in dem man die innere Einstellung, die innere Haltung, die innere Bewertung in Bezug auf das, was einmal als (auch konkret versehrende/ traumatisierende) Bedrohung erfahren wurde, verändert.

Viele Menschen, die von Menschen misshandelt, gequält, gefoltert, ausgebeutet wurden, sind Beobachtungsspezialist_innen für das, was andere Menschen tun, sagen, machen – oder genau nicht tun, sagen und machen. Manchen Menschen hilft bei dieser Beobachtung ein erhöhtes Erregungslevel (der Hyperarousel), bei dem durch den entsprechenden Stresshormonspiegel eine zeitweise erhöhte Leistungsbereitschaft gegeben ist. Viele Menschen, die von anderen Menschen misshandelt und sogar davon traumatisiert wurden, erleben andere Menschen als Trigger (Auslöser) für das Erinnern/Wiedererleben an die Misshandlungserfahrung.
So ergibt sich für viele dieser Menschen eine quasi automatische Dauerleistung, wenn sie unter Menschen sind. Und ein entsprechender Energieabfall, wenn die Situation vorbei ist. Manchmal verbunden mit Erinnerungslücken, depressiven Verstimmungen, extremer Müdigkeit und Antriebslosigkeit.

Wir nennen das “Aufregungsachterbahn” und haben viele Jahre unserer Traumatherapie damit zugebracht daraus auszusteigen. Denn dieses (stresshormonbedingte) Energie- auf-und –ab hat bei uns viele ungute körperliche Auswirkungen gehabt. Von Tagen/Wochen/Monaten, in denen wir etwa 3-4 Stunden am Tag “echt” schlafen konnten, zu Tagen/Wochen/Monaten, in denen uns 20 Stunden liegen und “schlafen” noch viel zu wenig war, bis zu Zeiten, in denen dieser krasse Energieabfall sogar zu Suizidversuchen aus “heiterem Himmel” geführt hat, war für uns viel dabei. Geblieben ist uns ein Stoffwechsel, der dazu führt, dass wir sofort sehr viel zunehmen oder sofort sehr viel abnehmen, wenn bei uns irgendwas irgendwie ~traumastressig wird; aber auch, dass wir völlig unberechenbar auf Medikamente reagieren.

Kurzer Einschub dazu: Es gibt die Erzählung, dass verschiedene Innens bei Menschen, die viele sind, verschieden auf Medikamente reagieren. Können wir bestätigen, allerdings alles auf Basis des Erregungslevel bzw. den für das Innen jeweils typische Hormonmix. Wir alle Innens sind unterschiedliche Mixturen – logisch, reagieren wir unterschiedlich auf die Mixtur, die wir uns reintun.
Allerdings ist die Wirkung von Medikamenten auf lange Sicht bei uns dann doch relativ ähnlich und wir vermuten, dass das daran liegt, dass wir als Einsmensch dann eben doch am Ende des Tages irgendwie “durchschnittlich” (also “normal” im Sinne von “traumatisiert und daher erwartbar abweichend”) durchmischt sind.

Warum dieses Trauma 101?
Weil es ebenjenes Beobachten war und ist, dass uns sehr lange nicht als auch autistisch erkennbar gemacht hat.
Die meisten Menschen verbinden mit Autismus die völlige Abwesenheit von Blickkontakt und/oder generellem Interesse an dem, was andere Menschen tun, denken, wollen, fordern.
Autistischen Menschen wird auch oft abgesprochen lernen zu können oder sich in irgendeiner Form anpassen zu können. Genauso wie noch viel zu viele Menschen glauben, autistische Menschen könnten nicht traumatisiert werden, weil sie scheinbar keine Emotionen haben bzw. generell einfach gar kein emotionales Selbst_Erleben haben.

Wenn wir sehr konzentriert und aufmerksam sind für das, was uns jemand sagt, dann schauen wir die Person nicht an. Wenn wir höflich und sympathisch wirken wollen (und die Kraft dafür haben), dann schauen wir einer Person auf den Mund bzw. die Stelle zwischen Nase und Mund.
Wenn wir uns vor einer Person fürchten oder aus irgendeinem Grund irgendwie wissen, dass sie uns gefährlich ist oder sein könnte (das sind für uns besonders Autoritäten oder uns überlegene Personen), machen wir etwas mit unseren Augen, das schwierig zu erklären ist. Wir schauen sie an – aber sehen nichts. Wir wissen nicht, wie das im Spiegel aussieht – vielleicht schielen wir oder drehen sie irgendwie anders merkwürdig? Auf jeden Fall sieht es so aus wie Blickkontakt, ist aber keiner. Wir wissen ganz genau, wie wir das gelernt haben und, dass wir das nicht freiwillig gelernt haben, so wie man vielleicht lernt, ohne Stützräder mit dem Rad zu fahren.

Aufzuwachsen in einer Umgebung, in der das, was Menschen tun, nie vorhersehbar und begreifbar war, hat sicherlich dazu beitragen, dass wir einen gesteigerten Antrieb haben, Anzeichen für Gewalt an uns möglichst vorherzusehen oder zu erahnen bzw. begreifen zu wollen, was da passiert (ist).

Unser Problem: Wir haben das auch bei banalen Alltagsdingen, die 0,0000irgendwas0 mit Gewalt, Angst, Furcht, Trigger oder so zu tun haben.
Anzeichen für die Intension eines Verhaltens erkennen und einordnen zu können, erfordert zwingend die Fähigkeit (und bis zu einem Punkt auch Fertigkeit) sich vorstellen zu können, was die andere Person denkt und also glaubt und fühlt (also auch: ein gewisses Mitfühlen dafür zu haben, was was in einer Person auslösen könnte) Stichwort dazu: “theory of mind” – nicht: “Empathie”

Uns in die Sicht anderer Menschen hinzuversetzen, bedeutet enorm viele Optionen für uns und enorm viele Endergebnisse, die für uns alle gleich wahr, alle gleich realistisch, alle gleich wahrscheinlich und alle gleich relevant erscheinen. Erst mehr Zeit und Ruhe ermöglicht uns, das alles auseinanderzuhalten und zu ordnen.
Und erst Rückfragen, “Testfragen” oder andere aktive  Wahrscheinlichkeitsüberlegungen versichern uns dann am Ende.

Im letzten Text habe ich das schon einmal formuliert und endete damit, dass man sich vorstellen möge, wie es ist, so zu funktionieren und dann in eine Gesprächspsychotherapie zu gehen.

Man kann sich das so vorstellen, dass diese Form der Psychotherapie für uns das Anstrengendste aus allen Welten bereithält und entsprechend irgendwo zwischen “Ich mach das, weil ich Schiss hab, aus Versehen zu sterben, weil ich mich nicht genug um meine “Heilung” kümmere” (also etwas, was wir aus einer gewissen Todesangst~Überlebenschance heraus tun – egal wie anstrengend es ist) und “Ich mach das, weil es keine Alternative zu dieser Form gibt”, rangiert.

Wir arbeiten in der Therapie. Und das machen wir nachwievor mit all der Motivation, die wir angesichts der Alternativen eben aufbringen können. Allerdings haben wir in dieser bei uns ja doch sehr langen Arbeitszeit übermäßig lange eher so “Basiserfolge” gehabt, die durchaus hätten mehr sein können.

Das schreiben wir nicht, weil wir überhöhte Ansprüche an uns stellen. Wir haben nicht die Idee, dass wir schon längst hätten geheilt sein können oder wenigstens mal ein komplett hergestelltes biografisches Erinnern im normalen Rahmen oder nicht mehr viele sein oder oder oder.
Das schreiben wir, weil wir merken, was für eine steile Kurve wir genommen haben, seit die Autismusdiagnose steht, gezielt an Probleme herangegangen wurde und wir dadurch selbst ganz konkret merken: so komplett kaputt und gefühlskalt traumatisiert, wie wir von einigen Therapeut_innen eingeordnet wurden, sind wir überhaupt nicht.  Wir sind ja gar nicht unfähig, dieses tiefenpsychologische Gerede zu verstehen – da war jemand unfähig zu verstehen, dass wir nicht vermeiden (oder sich eine Soziopathie zeigt), wenn wir sagen, dass wir Dinge, die uns Therapeut_innen oder auch Selbsthilfemedien antragen, nicht nachvollziehen können.

Wir sind jahrelang immer wieder darüber gestolpert, dass wir gefragt wurden, was es bedeutet, wenn wir etwas fühlen oder denken oder glauben.
Manchen neurotypischen Menschen hilft diese Formulierung, einen anderen Blick und eine andere Ebene in Bezug auf sich selbst einzunehmen und so ihre Schwierigkeiten anders zu betrachten. Uns hat es einfach nur verwirrt und manchmal auch frustriert, denn es hat dazu geführt, dass wir uns Therapeut_innen massiv unterlegen gefühlt haben, weil sie unserem Verstehen nach etwas zu sehen bzw. um etwas gewusst zu haben schienen, von dem wir weder wussten noch selbst etwas empfanden. Und selbst nach ewiger Auseinandersetzung, Konfrontation und sogar Explorationen traumatischer Erfahrungen (auch nicht für uns allein) auf den gleichen Stand gekommen sind.
Wir haben deutlich gemerkt, dass uns da etwas fehlt – und es wurde immer als Ergebnis der Dissoziation angenommen. „Sie sind dissoziiert, deshalb sind sie getrennt von Gefühlen (für andere)“. Das mag für traumatisierende Situationen (oder Situationen, die daran erinnern aufgrund des erwähnten Stresshormonmixes) stimmen, passt aber nicht mehr in Alltagssituationen.

Nun frage man sich, was das mit uns gemacht hat, nach dem gewaltvollen Leben in Manipulation und permanenter Ansage, man wisse alles von und über uns, ausgerechnet in einem therapeutischen Setting immer wieder in genau diese Verwirrung bzw. dieses Gefühl der Unterlegenheit bzw. „Durchschautheit“ zu kommen.
Richtig: es hat Spaltung gemacht. Dissoziation. Und zwar gründlich.
Wir Rosenblätter sind daraus (und aus anderen negativen Erfahrungen mit Menschen, die (therapeutisch, medizinisch, pflegerisch) helfen wollten oder “geholfen haben”) entstanden. Ein System, dass damit umgehen kann; die Kraft dafür aufbringen kann und trotz aller Kampfverluste einfach immer weiter dahin gehen kann, statt hinzuschmeißen und aufzugeben.

Auf unserem traumatherapeutischen Weg ist also schon mal grundlegend was schief gelaufen.
Ich denk, das können wir ruhig so festhalten und auch entsprechend bitter, enttäuscht, frustriert und zuweilen auch maßlos verärgert darüber sein. So lange wir wollen und müssen.
Denn nicht zuletzt war und ist für uns die Möglichkeit von Psychotherapie immer auch ein Versprechen von Veränderung und Verbesserung. Immer Alternative zu dem, was wir als unaushaltbares Leiden empfunden haben. Es so oft nicht eingelöst bekommen zu haben und das einfach, weil man wahlweise eine (und manchmal auch unsere) Symptomatik oder eine (und doch nie unsere) Persönlichkeit diagnostiziert und behandelt hat, aber nie bis an das Funktionieren als Mensch, der wir sind und der auch dafür ein eigenes Bewusstsein entwickeln musste,  herangegangen ist, ist eine wirklich heftige Erkenntnis. Eine bittere heftige Erkenntnis, mit dessen Schmerzensdimensionen wir mal mehr mal weniger allein sind.

Einen Erkenntnis gebenden Punkt wollen wir hier aufführen.

diagnostische Fragebögen – bzw. das Dilemma um konkrete Nachfragen

Eigentlich sind wir Fragebögen und besonders multiple choice – Fragebögen sehr offen gegenüber.
Die wählbaren Optionen geben bereits die Kategorie der Antwort vor – es fallen enorm viele Antwortoptionen weg.
Bei Sachfragen sind sie also großartig für uns.
Bei emotionalen Fragen sind sie das weniger.

So gibt es in der Klinik, in der wir einige Intervalle mitgemacht haben, einige Fragebögen, die man zu Beginn der Behandlung ausfüllen soll. Darunter ist mindestens einer, der sich auf ein “Vorher” in den Fragen bezieht, das nicht näher definiert ist.
Da sieht eine Frage beispielsweise etwa so aus: Ich mag mich weniger als vorher 1 nein Ich mag mich 2 ja ich mag mich etwas weniger als vorher 3 ja ich mag mich meistens weniger als vorher 4 ja ich hasse mich

Konfrontiert mit der Frage, haben wir Nachfragen (zum Beispiel: Was heißt “Ich mag mich?” Aussehen? Verhalten? Werte? Körper? Können? Was bedeutet hier “Ich” in Bezug auf uns?), die wir uns nicht beantworten lassen können, weil diese Fragen allein zu beantworten vorgesehen sind, zum einen und zum anderen, weil dafür keine Zeit ist. Man hat einen Termin á 50min in der Woche und das wars. Daran zu rütteln ist böse böse und sowieso sinnlos, denn es geht dabei um Geld und nicht um Menschen_sach_verstand.

Die Daten aus dem Fragebogen sollen dazu dienen, am Ende des Aufenthalts einen Therapieerfolg oder –misserfolg zu errechnen. Es geht also einen Scheiß darum, was die Fragen anstoßen oder was man überhaupt “richtig” (im Sinne von “bewusst reflektiert”) beantworten kann, ob Fähig- und Fertigkeiten da sind, die Fragen zu beantworten.
Es geht dabei nicht um das Innenleben und die echte Selbstwahrnehmung der Klient_innen, es geht um Schätzwerte. Also um Kaffeesatzlesen.

In unserem Fall einen Kaffeesatz, unter dem wir ja genau gelitten haben, da es die umfassende dissoziative Problematik war, die es uns verunmöglicht hat, irgendetwas von uns so bewusst wahrzunehmen, dass wir es als eigen und selbstzugehörig empfinden können. Über wessen Selbsthass, Depressionen und Essverhalten – ja sogar dissoziative Symptomatik sollten wir nun Fragen beantworten? Wir lebten alleine – wir konnten nicht mal mehr etwas angeben, das andere über uns und unsere Symptomatik als Einsmensch zurückgemeldet hatten.

Auch wenns jetzt drüber klingt: Das ist echt heftig und in keinster Weise als etwas zu sehen, das man ja vernachlässigen kann, weil es ja am Ende um nichts geht, was mit unseren inneren Themen zu tun hat.
Für uns ging es um etwas und diese Herangehensweise führte für uns zwangsläufig in ein erstes Versagen.

Eins, dass wir schon kurz nach der Autismusdiagose nicht mehr so annehmen wollten. Wir haben an den Rand der Fragebögen geschrieben, haben Bemerkungen dran gemacht, haben uns mit jemandem besprochen, was bei Frage X wohl gemeint sein könnte.
Erst dabei ist uns dann aufgefallen, wie oft wir in diesen Fragebögen jahrelang falsche Angaben gemacht haben, weil wir von völlig anderen Dingen ausgegangen sind.
Aber glücklicherweise war es ja eh nicht so wichtig?
(Glaub ich nicht – will ich nicht glauben.)

Kurzer Schwenk.
Eins unserer Geschwiste ist ebenfalls autistisch. Es hatte größere Schwierigkeiten als wir, frei über Erlebnisse zu erzählen. Auf die Frage: Was gabs im Hort zum Mittagessen?, konnte es keine Antwort formulieren. Auch hier war das multiple choice-Verfahren hilfreich. Auf die Frage: Gab es Nudel, Kartoffeln oder Reis?, konnte es antworten. Wir brauchten dieses Verfahren zu solchen Ereignissen nicht. Wir hatten den Essensplan auswendig gelernt, sobald er unten an der Küchentür hing. Vorbereitung ist alles für uns. Immer. Bei allem. Bis heute kommen wir in Stress sobald wir uns nicht auf Situationen vorbereiten und einstellen können.

Wo wir heute multiple choice Fragen sehr gut gebrauchen könnten, wären Therapiegespräche.
Aber.
Das geht so einfach nicht, denn wo vorgegebene Antwortmöglichkeiten sind, da ist Raum zur Beeinflussung – und zwar weitaus mehr, als ohnehin schon durch die vielen Übertragungsdynamiken entsteht.

Für uns bedeutet es eine Was gab es zum Mittagessen?-Fragesituation ohne ausgehängten Speiseplan, wenn eine Therapiestunde anfängt mit einer offenen Einladung durch die Frage: Und? Wie ist die Lage?
Zu viele Antwortoptionen. Zu viele möglicherweise gemeinten Themenfelder. Zu viele mögliche Perspektiven, die eingenommen werden müssten. Keine Vorbereitungsmöglichkeit.
Wir haben auf solcherlei unkonkrete Fragen also in der Regel keine Antwort. Sagen: Ich weiß nicht. Oder geben eine Wörterantwort, ohne Konsistenz. Und wirken dadurch viel dissoziierter (alltagsamnestischer) als wir sind.

Eine konkrete Frage wäre: Konnten sie in der letzten Woche ausreichend* schlafen? oder Konnten sie in der letzten Woche ausreichend essen und trinken? (*ausreichend natürlich vorher klar definiert)
Für uns wäre es super, würde jede Therapiestunde eine so gestaltete Bestandsaufnahme am Anfang haben.

Denn:
Für uns bedeutet das Geeier auf die Frage, wie es uns denn geht, keineswegs ein erwartbares Ding, auf das wir uns dann doch gezielt vorbereiten könnten. Dadurch, dass wir diese Frage einfach immer irgendwie beantworten und es immer irgendwie klappt, wissen wir noch lange nicht, ob das jetzt die Antwort war, um die es ging. Dabei geht es uns nicht einmal mehr darum, “die richtige Antwort” zu geben. Darum ging es aber lange, als wir die Therapie anfingen, weil wir damals noch dachten, richtige Antworten seien ein Schutz vor Gewalt.

Es bedeutet jedes Mal eine neue Unsicherheitssituation, die zuweilen auch triggern kann.
Und es bedeutet eine Situation, in der uns unser “Ölmolekül”-Sein in Bezug auf die “Wasser”-Therapeutin (s. #3) manchmal sehr schmerzhaft bewusst wird. Wir merken, wie wir ihr Dinge nicht sagen können, weil wir nicht wissen wo anfangen, was ist gefragt, wie wichtig ist was, wofür ist die Antwort wichtig. Wir merken, wie wir in eine Redesperre geraten, die absolut 0 mit Redeverboten oder Schweigegeboten zu tun haben.
Das macht Ohnmachtsgefühle und kratzt total an der Motivation die Therapie weiterzuverfolgen.

In Bezug auf das Sprechen über schwierige Erfahrungen stehen wir vor einem noch größeren Dilemma.
Denn da insbesondere Therapeut_innen, die Menschen mit DIS und anderen Traumafolgeproblemen behandeln, nachwievor immer mal wieder unter Verdacht gestellt werden, sie würden ihren Patient_innen Erinnerungen einreden, ist es komplett ausgeschlossen, dass wir mit unserer Therapeutin nach multiple choice-Vorgehen über Gewalterfahrungen sprechen können.
Eine Nische bietet zwar Kunsttherapie bzw. das Aufmalen von Aspekten, die zwecks Deutungssicherheit nachgefragt werden müssen (Like: Ist das eine Person? Wie heißt diese Person? Was macht diese Person da?) – das kriegen wir jedoch bei weitaus weniger Dingen hin, als wir das bräuchten. Besonders, weil wir einander beim Aufzeichnen schneller gegenseitig mit Material fluten und insgesamt nicht gut tun, als wenn wir in der Therapiesituation selbst sind und uns dort auseinandersetzen.

Jetzt sind wir in einer privilegierten Situation.
Unsere Therapeutin kann sich mehr Zeit für uns nehmen und nimmt sie auch, wenn wir über schwierige Dinge reden wollen. Das ist leider durch nichts anderes zu ersetzen. Wir könnten hier noch das teilen, was wir machen, bevor wir zur Therapie gehen und wie wir uns womit vorbereiten, aber am Ende ist es einfach immer nur dieses Mehr an Zeit und damit auch Mehr an Raum das, was auf uns einströmt, wenn wir uns dafür öffen, zu ordnen und zu kommunizieren, das uns hilft, über das Erlebte zu sprechen.

Es ist auch mehr Raum für Fehler, für “sich nicht gleich zurecht finden”, für “die Reihenfolge erst rausfinden” – was für uns alles in dem Moment, in dem wir beschließen etwas auszusprechen, noch überhaupt nichts mit dissoziativer Fragmentierung zu tun hat oder damit, dass uns gesagt wurde, wir dürften nicht darüber sprechen, sondern damit, dass diese traumatisierenden Erfahrungen manchmal schon vorher völlig überreizend für uns war und an sich schon weder Kontext, noch Reihenfolge, noch Sinn hatte.
Oder, manchmal auch, weil die Orte, an denen etwas passierte, fremd für uns war – und besonders früher war ein Raum für uns schon dadurch fremd und völlig neu, wenn jemand einfach die Lampe verstellt hat oder ähnliches. Das Problem haben wir noch heute, wenn auch in weitaus weniger ängstigenden Dimensionen.

Was außerdem neulich hilfreich war, war eine Bildbeschreibung, die für uns gut funktioniert.
Seit wir uns mit barrierefreier Webgestaltung auseinandersetzen, versuchen wir mehr darüber zu lernen, wie man Bilder für blinde und anders sehbehinderte Menschen beschreibt, damit sie wissen, was alles auf dem Bild zu sehen ist. Das ist für uns eine echte Herausforderung, weil auch dabei sehr viele Details, die wir sehen, vielleicht gar nicht erwähnt werden müssten, um ein Bild zu beschreiben.
Für Erinnerungsbilderbeschreibung gehen wir ähnlich vor. Wir stellen uns vor, dass die Therapeutin diese Bilder nicht sehen kann (und machen damit einen Schritt, den wir vorher nicht gemacht haben, weil wir genau diesen Umstand nicht mit im Bewusstsein hatten – zing: theory of mind).

Dann gehen wir von außen nach innen in das Bild.
Raumbeschreibung, [manchmal schieben sich dann schon die ersten nächsten Bilder dazu]
Distanzierungsatmen, [wenn okay: Idee über Kontext (zu Hause, fremd, bekannt, Ort, wenn bekannt)],
Personenbeschreibung, Distanzierungsatmen, [wenn okay: Idee über Kontext (zu Hause, fremd, bekannt, sozialer Bezug)],
Handlungsbeschreibung, Distanzierungsatmen, [wenn okay: Idee über Kontext (Gefühle, Gedanken, Häufigkeit)].

Für manche Menschen ist so eine schematische Vorgehensweise vielleicht undenkbar, besonders, wenn Bilder und Erinnerungen noch total schwierig zu kontrollieren sind und scheinbar völlig willkürlich aufkommen.
Wir haben das Gefühl mehr Kraft für die nötige Reorientierung zu haben, seit wir so schematisch und unter Beachtung unserer Strukturierungsschwierigkeiten an diese Arbeit herangehen.

Da passiert aber auch eine Dopplung, die wir nicht aus den Augen verlieren dürfen.
Einerseits kommt uns das eigene Erinnern klar und fest und dadurch aussprechbar vor, wenn wir an die Auseinandersetzung damit, wie an ein Arbeitsprojekt angehen – andererseits ist natürlich auch das eine Distanzierungsnummer – aka Vermeidungsdings, das uns das Gefühl gibt, dass wir potenziell vielleicht gar nicht so nah an Gefühle dran müssen, weil wir ja jederzeit aussteigen können.
Es hilft, dass unsere Therapeutin in jedem Distanzierungsatmungsmoment fragt, ob wir weitergehen wollen oder nicht.

Autismus, Trauma, Kommunikation #3

Wir arbeiteten bereits einige Zeit mit dem Begleitermenschen, als wir ihm von unserem “inneren Regal” erzählten. Das haben wir etabliert, nachdem uns jahrelang reintherapiert und rangenörgelt wurde, wir würden Lob und positive Rückmeldung nicht annehmen, aber sollten das doch mal machen. Das würde gegen Selbsthass helfen und ganz insgesamt doch ganz fein sein.

So haben wir unser Regal entwickelt. Denn mit Lob und positiver Rückmeldung ist für uns wie mit dem sinnlosen Kladderadatsch, den man von mittelnahen Freund_innen im Nanu Nana oder 1 Euro-Laden gekauft bekommt, weil man Geburtstag hat: man weiß wieso man es bekommt, versteht die Intension, freut sich über die Intension und – legt es dann in ein Regal, bis man es unbemerkt von eben jenen Freund_innen an die Straße stellt oder in den Sperrmüll gibt.

Lob und positive Rückmeldung ist eine soziale Geste.
In der Regel loben die Menschen, die an uns einen Arbeitsauftrag haben, etwas, das sie für lobenswert halten. Also eine Tat oder einen Akt, den sie als zu loben bewerten. Einem Lob geht also immer eine positive Bewertung voraus und orientiert sich darin an persönlichen (oder therapeutisch als positiv eingeordneten) Wertbindungen. Diese Wertbindungen, werden dann durch ein Lob ausgedrückt.
Das bedeutet: Ein Lob soll im Grunde nicht viel mehr sagen als “Ich mag, was du da gemacht hast. (Mach gerne weiter so.)”

Eine Information, die für uns good to know ist, aber auch nicht mehr.
Wir machen unsere Dinge ja nicht, weil andere sie toll finden, sondern, weil wir sie toll finden. Oder, weil wir keine andere Wahl haben, als sie zu machen. Oder, weil wir uns dezidiert dafür entschieden haben, extra etwas für andere Menschen zu machen. Dann wärs ja Quatsch etwas zu machen, was ihnen nicht gefällt.
So wird Lob zu einer Regalsache. Wir verstehen warum uns das gesagt wird, verstehen die Intension, aber am Ende können wir damit nichts anfangen.

Selbsthass und negative Selbstansichten haben wir noch nie mit Lob und sozialem Heischibubu aufgelöst bekommen. Unser Selbsthass ist asozial. Also etwas, das losgelöst von sozialem Miteinander passiert. Wir hassen uns, weil das Hassgefühl da ist – nicht weil uns jemand oder etwas das Gefühl gibt, uns hassen zu müssen.
Wenn wir unsere Arbeiten, den gemeinsamen Körper oder irgendetwas von uns ablehnen, dann tun wir das nicht einzig aus der Sozialisierung in permanenter Ablehnung und Negativbewertung heraus, sondern aus profund aktuellen Hassgefühlen, die etwas mit ebenjener Asozialität des eigenen Da_Seins zu tun hat.

Das heißt: Wir lehnen uns ab, weil wir sind, wie wir sind, nämlich 24/7 asozial trotz sozialer Kontaktmöglichkeiten/-bemühungen und Umgebungen. Das ist schwierig zu verstehen, aber vielleicht hilft ein Bild.
Öl und Wasser.
Man kann diese beiden Flüssigkeiten nur dann augenscheinlich verbinden, wenn man das Öl in extrem kleine Stücke zerteilt – und selbst dann bleibt Öl einfach Öl (nur eben sehr klein) und Wasser einfach nur Wasser.

Das Öl kann sich richtig doll anstrengen. Den ganzen Tag reden, Mimik und Gestik machen, so tun als ob und sich richtig reinsteigern in eine Wasserverkleidung des sozialen Getöses ohne greifbare Konsistenz, aber es wird nie ein Wasseröl oder gar selbst Wasser. Es gehört irgendwie zum Wasser, denn beides passiert im gleichen Glas (im gleichen Kontext), aber es ist unverbundenes Öl. Selbst dann wenn es sich zu einer Freundschaft, einem positivem Miteinander und gegen ein traumabedingtes Misstrauen entscheidet.

Wir als Ölmolekül hassen uns aus Kampfverlustfrustration. Hassen es, dass wir nie ankommen, nie so verbunden sind, wie wir merken, dass wir es sein müssten, um die Menschen (das Wasser) um uns herum zu verstehen und manchmal auch zu empfinden bzw. ihre Empfindungen nachzufühlen.

Unser Kampf ist ein hochsozialer. Das ist wichtig zu verstehen. Wenn wir uns als asozial bezeichnen, dann meint es niemals, dass wir unsozial sind. Der Begriff “asozial” beschreibt die Unfähigkeit inmitten sozialer Gemeinschaft leben zu können. Also eben jene Unverbundenheit, unter der wir so oft auch leiden.
“Unsozial” sind Menschen, die andere Menschen verletzen und/oder alles tun, um ein gutes Miteinander zu verhindern oder zu zerstören.

Unsoziale Menschen würden kein Regal in sich etablieren.
Ihnen ist es egal, was andere an ihren Taten gut finden.

Wir räumen unser inneres Regal erst dann aus, wenn wir verstanden und begriffen haben, wie es dazu gekommen ist, dass wir gelobt wurden oder eine andere positive Rückmeldung bekamen.
Dafür müssen wir uns in Ruhe Fragen widmen wie: Wie kommt es, dass eine Person uns sagt, sie sei stolz uns und das, was wir bisher alles geleistet haben? Woher weiß die Person denn, was wir gemacht haben und was genau daran entwickelt in ihr das Stolzgefühl? Sie hat doch mit unseren Sachen überhaupt nichts zu tun?

An der Stelle passiert, was wir “Ebenendissonanz” nennen.
Bleiben wir bei Lob. Wir wurden in den letzten Wochen von mehreren Menschen für unser Buch gelobt (erscheint im März – ihr werdet es mitkriegen). Sie sagten so etwas wie: “Euer Buch ist richtig gut. Das habt ihr toll gemacht.” und wir wissen nicht, was damit jetzt gemeint ist. Welche Ebene. Das Machen? Das Machen, obwohl? Das Machen von etwas, das sie gut finden? Das Machen von etwas, das sie gut finden, obwohl? Das Machen von etwas, das sie gut finden, weil? Und was genau haben wir gut gemacht? Den Inhalt? Die Wörter? Das alles? Dass es fertig geworden ist? Toll wieso? In Abgrenzung zu was?
Oder die Ebene: Ich will was Nettes sagen und dir vermitteln, dass ich dich und dein Projekt unterstütze.

Die meisten Menschen sprechen auf der letzten Ebene. (Das wissen wir und trotzdem sind uns dessen erst sicher, wenn wir die andere ausgeschlossen bzw. überprüft haben.)
Mit der wir nichts anfangen können, weil wir sie in der Regel nicht brauchen. Nicht zu verwechseln mit “nicht wollen”. Unterstützer_innen finden wir gut – allerdings können wir mit Unterstützer_innen, die uns sagen, was sie über konkrete Dinge denken und welche Änderungsvorschläge sie haben, mehr machen, als mit good-to-know-Informationen über die soziale Position einer Person.

Etwas über die soziale Position einer Person zu uns zu wissen, brauchen wir persönlich nur aus einem Grund: Traumafolgen

Wir müssen wissen, ob uns jemand nicht mag, um gut abwägen zu können wie “berechtigt” eine Interpretation als reale Bedrohung vom Verhalten einer Person ist.
Jemand die_r uns mag, hat weniger im Sinn uns zu verletzen, als jemand die_r uns nicht mag.
Egal, wie uns jemand gesonnen ist, wird unser Körper bzw. unser Traumahirn aber auf Verhalten reagieren. Unter Umständen auch so, als würde gerade eine potenziell traumatische Situation passieren.
Es hilft uns, uns sozial zu vergewissern (zu versichern), wie die soziale Lage ist ist, um uns zu re_orientieren.

Das führt allerdings auch zu Missverständnissen. Manche Menschen fühlen sich gekränkt, wenn wir sie fragen, ob sie uns mögen oder okay mit uns sind, weil sie uns das mit vielen Gesten und Bedeutungshülsen schon gesagt haben und denken, wir wären darin total klar.
Manche sind auch gekränkt, wenn sie merken, dass etwas von ihrem Verhalten bei uns ein unangenehmes und unkontrollierbares Erinnern angetriggert haben. Sie verletzt die Idee von uns als potenzielle Täter_innen (also jemand die_r uns nicht wohlgesonnen ist) wahrgenommen zu werden.

Fiese Falle. Vor allem dann, wenn diese Kränkung nicht reflektiert wird und wir dann sagen müssen, dass unsere soziale Beziehung zueinander irrelevant ist, wenn es um Traumawiedererleben geht. Das ist die nächste Kränkung für manche Menschen. Das ist aber die Wahrheit und was soll man dann machen?
Viele neurotypische Menschen gehen dann in die prosoziale Lüge, damit die andere Person nicht mehr gekränkt ist. Wir sagen: Sei nicht gekränkt, das ist halt, wieso wir das “Traumascheiße” nennen und nicht “Traumaflausch”. Manchen erzählen wir dann wie oft wir von “netten Onkels” und “lieben Tanten” miss.be.handelt wurden und das erst Jahre später als eben jene Gewalt überhaupt erst mal decodieren konnten.

Ich weiß nicht, welches Vorgehen besser ist – aber ich weiß, welches Miteinander für uns leichter zu zu schaffen ist. Für andere ist die prosoziale Lüge vielleicht leichter, weil man die Scheiße hinter der Traumafolge so weder benennen noch begreifen (lassen) muss.

Zurück zu unserem Regal.
Es ist eine Distanzierungstechnik und eine Art Zwischenspeicher, wenn man so will. Also eine Ressource, die wir bereitstellen, um uns mit sozialer Kommunikation zu beschäftigen.
Auch kritische Anmerkungen oder negative Rückmeldungen, die uns nicht eindeutig erscheinen, legen wir darauf ab. Interessanterweise sind die meisten Menschen in ihrer Kritik und Ablehnungskommunikation viel eindeutiger, als in positiven Bemerkungen oder auch Lob. Zumindest fällt es uns leichter zu unterscheiden, was soziale Positionsmitteilung und was konkrete Handlungsanweisung ist.

Soziale Kommunikation zu decodieren, erfordert gefühlt etwa 5 mal so viel Zeit und Kraft, wie die Decodierung von wissenschaftlicher Fachsprache in Alltagssprache. Dabei geht es nicht nur darum Mimik und Gestik, Stimmlage und Wortwahl zu erkennen und einzuordnen, sondern auch diese Einordnung mit Intensionen zu verbinden.
Letzteres ist unser Problemfeld, vor allem, weil die Einordnung vorher manchmal schwierig ist und spätere Ergebnisse verzerrt.

Das, was wir als einen Ausdruck der Überraschung einordnen, kann auch Schock über eine Nachricht sein.
Uns wird das Schockerleben der Person aber nur dann klar, wenn wir wissen, was sie erfahren hat und was das für sie bedeutet. Wir müssen die Bedeutung wissen, bevor wir die Reaktion der Person (und damit unter Umständen auch die Intension späteren Verhaltens) verstehen können.
Das ist ein Zeitproblem. Menschen sind in der Regel erst geschockt und dann in der Lage uns den Grund dafür zu erklären. In der Zwischenzeit sind wir schon völlig verwirrt, unter Zeitdruckstress und davon potenziell schon wieder angetriggert und also absolut gar nicht in der Lage etwas zu verstehen, weil das Fronthirn gar nicht angesteuert wird.

Unser Regal hilft uns in solchen Momenten quasi die Zeit anzuhalten. Vielleicht auch: kontrolliert zu dissoziieren.
Denn wir trennen quasi unsere ganzen Fragezeichen und Gefühle ab, legen die unklare Situation auf das Regal und bekommen dadurch genug Ressourcen für das Erraten der Bedeutung des Moments, die Überlegung, welche Reaktion (mit passender Mimik, Gestik, Wortwahl und Stimmlage) jetzt gut wäre.

Als Kind und Jugendliche sind wir immer gegen die Zeit angerannt. Waren immer zu langsam. Immer zu träge, immer irgendwie nicht ganz auf der Höhe mit solchen Dingen. Aber für viele Mitmenschen gruselig gut in der nachträglichen Analyse dessen, was wo los war.
Auch das wieder etwas, was kognitive Dissonanz bei manchen Leuten auslöst.
“Wie kann sie das denn nicht geschnallt haben, sie kann doch sagen, was da passiert ist…”

Der Begleitermensch war der erste, der uns ein Verständnis dessen, was uns zwischenmenschliche soziale Interaktion und Kommunikation kostet, geäußert hat. Denn es ist eben nicht nur Zeit und Kraft, sondern immer auch etwas von uns selbst, das wir aus solchen Situationen raustrennen müssen, um sie zu er_leben und sozial verträglich zu bearbeiten.

Und jetzt denke man bitte einmal daran, was Gesprächspsychotherapie unter diesen Umständen für uns bedeutet. Vor allem im Hinblick darauf, dass wir genau dort ja versuchen, so viel wie möglich von uns dort sein und passieren zu lassen.

Dazu mehr im nächsten Text dieser Reihe.

Donnerstag der 27. September 2018, #eintagimjahr

Die Nacht liegt draußen vor dem Fenster, als ich das Licht ausschalte, um zu schlafen.
Dann beginnt das Sirrsummen der Mücken über meinem Kopf. Sie sind überall und doch nie dort, wo ich meine Hände zusammenklatsche.

NakNak* liegt neben mir in der Couchsenke, die ich mit einer Rollmatratze und einer aufblasbaren Unterlage aufgefüllt habe, weil das Bett des Freundes für uns und die beiden Hunde zu klein ist.
Den Freund höre ich ein letztes Mal husten, als es im Einschlafenpodcast um irgendetwas geht, was mich weder interessiert noch Teil meiner Er_Lebensrealität ist.

Ich rolle von links nach rechts. Schlage nach Mücken, will die viel zu warme Decke ablegen, doch friere ohne. NakNak* macht sich breit, doch schläft nicht ein.
Ich denke an meinen vor kurzem gestorbenen Großvater und frage mich, ob seine schwere Krankheit wohl auch ein Lungenleiden wie das meines Freundes war.
Kurz steigt mir Tränendruck in die Augen, doch ebbt gleich wieder ab. Das hat alles keinen Sinn. Opa ist tot und meine Chancen ihn als Menschen kennenzulernen sind dahin. Meinem Freund ist etwas in den Lungen gewachsen und das ist nichtmal das Problem.

Man kann nur einen Schritt nach dem anderen gehen und betrachten, was sich zeigt.
Morgen werden wir erfahren, was sich bei seiner letzten Untersuchung gezeigt hat. Die Schritte dazwischen können wir nur mit Schlaf gehen.

Ich schlafe ein. Werde wach vom Jucken der ersten Mückenstiche.
Stehe auf und kühle sie mit einem Eiswürfel.
Schlafe ein. Werde wach, weil NakNak* über mich stakst, wie ein Storch durch eine Feuchtwiese. Mückenstichjucken. Wälzen. Doch nochmal aufstehen, um einen Eiswürfel zu holen.
Das kalte Wasser rinnt an meiner Haut runter und irgendwo rüttelt eine Erinnerung an ihren Gefängiszellengittern.

NakNak* schnauft. Ich wälze.
Um halb 9 weckt mich mein Freund und fragt, was wir zum Frühstück möchten.

Meine Klasse fährt heute auf Exkursion zur Photokina, ich bekomme frische Brötchen. Die Sonne scheint, die Dusche tut mir gut. Ich zähle 13 Mückenstiche.

Wir essen und lernen, dass der Gouda, den er sich auf das Brötchen legt einer ist, der wirklich irgendwie aus Holland kommt. „Gouda Holland g. g. A.“ bedeutet nämlich „Gouda Holland geschützte geographische Angabe“. Merkwürdig erscheint mir das, aber wann fand ich zuletzt etwas nicht merkwürdig an der Milch- und Fleischwirtschaft.

Bubi frisst Birne, obwohl mein Freund denkt, er würde es nicht.
Wir trinken unsere großen Frühstückskaffeetassen aus und sind bereit uns wieder hinzulegen.
Ich frage mich, ob sich seine Lungenentzündung so anfühlt wie meine Müdigkeit, obwohl ich weiß, was für ein Quatschgedanke das ist.

Ich kuschle mich in die Couchkuhle und lerne Norwegisch mit der Duolingo-App. Wieder denke ich darüber nach, mir eine_n Brieffreund_in in Norwegen zu suchen. Dann merke ich, dass ich mir insgesamt eine Freundin wünschen würde. Genau jetzt. Eine, der ich alles erzählen kann, ohne die zu sein, die ich für meine Freund_innen jetzt bin.

Ich erreiche mein Tagesziel und erfahre über einen Retweet von Anna Berg vom Blogprojekt „ein Tag im Jahr“. Dann fange ich an zu schreiben und merke, wie viel ich aufschreiben wollen würde, um mich frei zu schreiben.

Die Krankheits des Freunds, der Tod des Großvaters, die Erinnerungen, die sich in mir zu einem Bild verdichten, das ich mehr als innere Wahrheit spüre, als als etwas, das ich mir ansehen kann.
Und darüber der Kinderwunsch, der mich seltsam entfernt von dem Menschen, mit dem ich ihn erfüllen möchte und mich überfordert, weil er so instinktiv in mir wühlt, dass ich ihn als unkontrollierbar erlebe.

Ich gehe aufs Klo und mache den dritten Tag hintereinander einen Ovulationstest. Der Streifen reagiert nicht, ist wohl kaputt. Was klar war, hat die 20er-Packung Teststreifen mit 3 Schwangerschaftsstreifen immerhin keine 10€ gekostet.
Die App sagt, mir sei ein Ei entsprungen, die Tests sagen alle nein. Ich denk, dass es nicht schlimm ist, denn mein Freund könnte, selbst wenn er wollte, im Moment keinen Sex mit mir haben.

Und doch ist es schlimm. Es bedeutet länger warten und das bedeutet mehr Zweifelfreiraum. Ist es richtig? Kann es klappen? Ist es sicher? Werd ich das schaffen? Ich will es geheimhalten, doch allen erzählen, doch meine Angst vor dem, was andere sagen verstärkt meinen Willen zum Geheimnis. Es überfordert mich, mich so zu erleben. Wie kommt es, dass etwas, das so tief in meine Gene eingebaut ist, so problematisch für mich ist, als sei es ein fremder Vorgang?

Den vermurksten Teststreifen in der Hand gehe ich am mittagsschlafenden Freund vorbei und empfinde ihn merkwürdig parallel zu mir.
Später kommt er zu mir und wir sprechen uns aus. Zeigen einander, wo wir sind, was wir uns wünschen, was in uns vorgeht. Ich kann ihn fühlen und das ist so gut.

Dann verabschieden wir uns auch schon vor dem einfahrenden Zug.

Um 17 Uhr bin ich zu Hause. Schnell die Schwitzjacke in die Waschmaschine. Packen, essen, planen. Länger brauchen, weil der Schnellwaschgang zu langsam ist und der Schleudergang nicht schleudert.
Im Podcast auf meinen Ohren gründet sich die KPD und dazwischen die Frage, ob jemand aus meiner Familie jemals kommunistisch gewählt hat. Was konnte man in der DDR denn so wählen, Vati? Bist du eigentlich links, Mutti?

Ich steige aufs Rad und lasse die Fragen am Küchentisch meiner Dachgeschoßwohnung zurück.

Es ist anstrengend und doch trete ich kraftvoll in die Pedale. Nächste Woche will ich mit NakNak* im Anhänger wieder zur Schule fahren. Abnehmen, Kraft aufbauen, Ausdauer gewinnen. Mehr Luft um mich herum haben, auch wenn sie nun von Tag zu Tag kälter werden wird. In diesem Jahr will ich es schaffen.

Die Abendluft ist spätsommerwarm. Die Stadt in Bewegung. Das Schnellrestaurant, in dem ich für das Abendessen einkaufe, leer. Es ist ein türkisches Restaurant und ich fühle mich wie immer eingeladen teilzuhaben an dem, was mir so fremd ist. Türkische Popmusik, Gewürze und Dekokitsch. Das offene Lächeln der Frau, die geduldig meine Aussprache berichtigt.

Ich komme zu spät zum Gebärdensprachkurs, aber das ist es mir wert. Ich will mich heute nicht beeilen, will den Tag so nehmen wie er kommt, wenn ich dem Takt in mir folge, wie er ist.

Als ich in den Volkshochschulraum komme, zerbricht mein Taktgefühl und mit ihm mein ganzer Halt in der Welt.
Die Lehrerin ist heute nicht da. Eine andere Frau vertritt sie. Ich bin verwirrt. Fühle mich dumm. Fange an, zwischen Reaktionserwartung und Selbstanspruch umher zu torkeln. Die Lehrerin macht Gebärden, die ich nicht kenne, bewegt den Mund nicht dazu und wenn doch, dann klickt es fremd aus ihrem Mund.

Als sie ein Spiel mit Rechnen und Gebärden vorschlägt, bin ich am Ende meiner Kompensationsfähigkeit. Ich will ihr und meinen Mitschüler_innen sagen, wie ich mich fühle. Dass es solche Situationen sind, in denen ich auf Unterstützung und Vorbereitung angewiesen bin. Doch ich weiß, dass sie nichts damit anfangen können.
Ich bin froh zu wissen, dass es der Autismus ist.
Ich bin nicht dumm, nicht unflexibel, nichts an meinen Gefühlen ist falsch. Aber die Situation ist eine Barriere, die sonst niemand er.kennt. Ich bin allein damit. Vor den einen, weil sie nicht wissen, wie es sich mit einer Behinderung lebt, vor der anderen behinderten Person, weil sie nicht gleich wie ich behindert ist.

Ich gehe und schiebe die Tränen so weit es geht weg. Bestelle beim Bäcker. Bekomme das Falsche. Und dann sitze ich im Zug und könnte heulen, weil für dieses scheiß Stück Käse auf dem belegten Brötchen, das ich gar nicht haben wollte, einer Mutter das Kind genommen wurde und mir gerade keins im Bauch heranwächst. Ich esse es auf, als könnte ich, neben meinem eigenen, auch den Schmerz der verwaisten Mutterkuh in mir begraben.

Den Schmerz an einer Welt, in der so etwas passiert.
Unvorhergesehenes, wie unsichtbar Ignoriertes.

Ich fahre zum ersten Umstiegsort und nehme den zweiten Zug. Dass er ist, wo er sein soll und fährt als er fahren soll, macht mich glücklich. Ich höre einen Podcast an und beende ihn, denn jetzt will ich das alles aufschreiben. Vor allem den tollen Mondanblick. Riesengroß über kleinen Laternenlichtpünktchen, hellorange, nicht voll, aber rundlich.

Am zweiten Umstiegsort schreibe ich immernoch, dann sehe ich im Zug auf dem anderen Gleis eine Person, die meiner Therapeutin ähnelt. Da merke ich, wie ich mit ihr noch nie etwas über einen Tag im Jahr, den ich er- und gelebt habe, erzählt habe. Da wird mir klar: Ich bin bei weitem nicht mehr so alltagsamnestisch wie vor zwei, drei Jahren.

Wieder angekommen, will ich ihm in die Arme krabbeln und liegen bleiben. Meinem Freund, der am Bahnhof auf mich wartet und sich freut, dass wir wieder da sind.

Wir essen und reden.
Dann schreibe ich und er sieht etwas im Fernsehen, zu dem Gelächter ertönt.

Das Zimmer, in dem ich heute schlafe, hat er mir entmückt. Das macht mich so froh und schmachtschmelzig, dass ich es bewahren will.
Vielleicht als das, woran ich mich später erinnern will, wenn ich an den einen Tag im Jahr 2018 zurückdenke.

note von: MitSprache-Kongress 2018

note von: MitSprache-Kongress 2018

Das Gute ist: Du bist nicht allein mit deinen Erfahrungen sexualisierter Gewalt.
Das Schlechte ist: Du bist nicht allein mit deinen Erfahrungen sexualisierter Gewalt.

Wann immer wir Kongresse und Tagungen zum Thema besuchen, kommt uns das in den Sinn. So auch in diesem Jahr beim MitSprache-Kongress in Berlin. 250 Teilnehmer_innen, darunter einige aus dem Aus- und Umland, kamen zusammen, um in Diskussionspanels und Workshops und auch noch in den Pausen, miteinander über ihre Erfahrungen mit und nach der Gewalt zu sprechen, aber auch um politische Forderungen zu formulieren.

Wie muss man sich das vorstellen. Stehen wir da und erzählen uns wie schlimm der eine oder die vielen Übergriffe waren und einigen uns darauf, dass das bestraft gehört?
Manche Menschen, denen wir von dem Kongress erzählt haben, denken sich das so.
Dass wir konkret oder indirekt davon betroffenen Menschen doch eigentlich genau nur so auf einander treffen können. Und, dass es doch nur das Thema geben kann. Rachewünsche, Strafverhandlung, Gerechtigkeit und Genugtuung für den eigenen individuellen Fall.

Genau, weil es diese Haltung bei so vielen – selbst jenen, die eigentlich sehr offen und politisiert sind – gibt, fühlen wir uns persönlich oft einsam mit der Auseinandersetzung.
Denn über Schuldfragen, den Wunsch die Gewalterfahrungen mit.zu.teilen und Fragen der Genugtuung sind wir schon seit Jahren hinaus. Für uns geht es heute mehr und mehr um die stille Mittäter_innenschaft der Gesellschaft, die Frage nach Schutz in einer Öffentlichkeit, die sich selbst nicht als solche begreift. Uns geht es um politische Forderungen nach Anerkennung und Schutz, um die Erschaffung von Räumen und Wahlmöglichkeiten, sich unabhängig und selbstbestimmt zu helfen, zu verarbeiten und zu heilen.

Mit dem Betroffenenrat, der dem unabhängigen Beauftragten für Fragen des (dort so genannten) „sexuellen Missbrauchs“, beisteht, wurde eine Struktur etabliert, die konkret von sexualisierter Gewalt betroffenen Menschen nützen kann, solche Anliegen in die Auseinandersetzungen der Politik einzubringen.

Nun sind wir nicht gerade dafür bekannt, autoritäre Strukturen für gut im Sinne von unkritisch zu sehen. Es gefällt uns nicht, von einigen wenigen Betroffenen repräsentiert zu werden und gleichzeitig zu merken, wie einerseits unstrittig die Notwendigkeit von Betroffenenrat und UBSKM ist, andererseits aber doch klein die Möglichkeiten der Einflussnahme sind.
Aber auch mit dieser Sicht sind wir nicht allein und besonders in den beiden bisher veranstalteten Mitsprache-Kongressen zeigte sich, dass es eine solche bündelnde, ja, konzentrierende Struktur braucht, um die Kernprobleme zu erfassen.

So nahm auch in diesem Jahr die Thematik der sexualisierten Übergriffe durch Vertreter_innen der Kirche wieder viel Raum ein, nachdem in den vorangegangenen Tagen die ersten Ergebnisse der Studie der Deutschen Bischofskonferenz über das Ausmaß der sexualisierten Gewalt veröffentlicht wurden.
Die Ergebnisse mögen schockieren, jedoch werden sie es nur jene, die in den letzten Jahren kein einziges Mal ein Ohr für die Betroffenen hatten, die seit Jahren darüber reden, dass sie nie der Einzelfall waren, zu dem sie von Medien und Politik, aber und vor allem auch von der Kirche selbst gemacht wurden.
Und vertrauen kann der Studie sowieso nur, wer glaubt, dass unabhängig ist, wer von der Kirche über die Kirche spricht.

Dennoch. Als Betroffene sexualisierter Gewalt kommt man nicht zum Kongress, weil der eigene Hintergrund eine so tragende Rolle spielt und hier zeigt es sich.  Für viele ist es nicht relevant, wo und wann der Übergriff passierte. Ob im Sport, in einer Institution oder in der eigenen Familie – der Schmerz und die Leiden danach, die Folgen auf so viele Aspekte des Lebens nach der Gewalt, sind sich so ähnlich, dass sich ein Gefühl der Verbundenheit einfach so ergibt.

Wir profitieren sehr von diesen Verbundenheitsgefühlen. Davon, so viel im Kontakt überspringen zu können, um über das zu sprechen, was Aspekte des Lebens heute schwierig macht, weil manchmal eben doch noch eine Traumawahrheit danach greift.

Für uns ist es ein gegenwärtiges Da_Sein. Mit Blick auf das, was kommt.
Wir verstehen Aufarbeitung als Arbeit an der Zukunft. Als Akt der Sabotage an den Strukturen und Dynamiken, die Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene bis heute in Gefahr bringen unsere Erfahrungen auch machen zu müssen.
Das kann man Präventionsarbeit nennen. Aber vielleicht ist es auch das gegenseitige Bestärken darin, dass es okay und wichtig ist, die eigene Betroffenheit, das eigene Bewusstsein um die Fragilität der eigenen Körper-, Seelen- und Geistesgrenzen in den Alltag zu einzubringen und darüber zu sensibilisieren.

Wir gehen gestärkt und auf eine Art gekräftigt aus dem Kongress hervor, wie nur passieren konnte, weil uns andere von sexualisierter Gewalt betroffene Menschen an sensiblen Themen berührten und bestätigten.

Das bedeutet uns viel und hat uns ermöglicht die Kunstaktion am Ende der Veranstaltung mitmachen zu können. Wir gingen mit unseren Forderungen vor den Reichstag.
An anderen Tagen hätte uns das ganze Setting in die Flucht geschlagen. Um uns herum standen Touristen, die uns vermutlich für irgendeine schräge Berliner Aktion gehalten haben. Teilnehmer_innen des Marathons fuhren an uns vorbei, ohne den Raum, den wir dort gestalteten in Bezug zu etwas zu setzen mit dem auch sie direkt zu tun haben könnten.

Überhaupt – die Entfernung zwischen Menschen um uns herum und dem, weshalb und womit wir dort standen.
Die Polizisten, die sofort in Aktion gingen, als jemand seinen Rucksack an den Zaun gestellt hatte; die Tüpen, die sich mit ihrem Fußballvereinsbanner hinter uns stellten, als wir uns daran machten, den Betroffenen zu gedenken, die jetzt nicht mehr bei uns sein können; all die Glotzer oder Gaffer, das Treiben und Reißen dessen, was um uns herum passierte – es war in dem Moment für uns so nah an dem, was uns früher das Gefühl gegeben hat, aus der Welt gefallen zu sein, weil passiert ist, was passiert ist.

Und dann war da dieses Paar aus England. Eine Person, die sich weinend an der anderen festhielt. Selbst betroffen. Berührt von dem, was sie als Mut, Kraft und Stärke in uns als Gruppe wahrnahm.

Dafür wars gut.
Dafür ist es wichtig.

über reine Nervensachen, Traumastille und gedrückt werden

“Alles Nervensache”, denke ich und schiebe uns durch den Verkehr.
Ich habe Schmerzen und das, was Alltags ist, strömt zäh_flüssig mit mir wie einem Korken draufdrin dem Tick-Tack nach.

Später zu Hause eingeklemmt zwischen Schrank und Wand denke ich: “Ja, alles Nervensache” und erinnere mich an die eine Gruppentherapie vor was weiß ich nicht wie vielen Jahren. Wo eine Person versucht hatte zu erklären, wie sehr es weh tun kann, depressiv zu sein und die Therapeutin fragte, was genau denn da weh tun würde.

Das ist mein Schmerz im Alltag, denk ich. Das ist der gleiche Schmerz, wie der, der mich quält, wenn ich so runter bin – weil der Zug rumpelt, Leute reden, atmen, Kleidung bewegen, Zeitungen, Handtaschen oder Rucksäcke durchkruscheln, weil sich alles bewegt, Aufmerksamkeit, Reaktion und Einordnung verlangt. Wenn einfach nur die Welt passiert und der Platz dafür in sich drin, nicht mehr gepolstert ist.

Nachdem wir in Biologie etwas über Zellkerne gelernt hatten, hab ich sie mir dann manchmal in das Wortbild vom “Laufen auf dem Zahnfleisch” eingebaut und mir gedacht, dass es vielleicht deshalb wehtut, weil die Zellkerne wie Legosteine da liegen und es dann natürlich weh tun muss, wenn man drauftritt.

Ich bin im Moment nicht depressiv. Eigentlich gehts mir und uns sogar ganz gut.
Was es irgendwie noch schlimmer macht, dennoch mit diesem Schmerz konfrontiert zu sein und einen Umgang haben zu müssen. Wäre da eine Depression, dann würde die Kraft für mehr als die Wahrnehmung dessen fehlen. Wir würden liegen, schlafen und wenn wir erwachen, die Augen zuhalten und uns in einem weißen Nebel bewegen, der neben der Zeit passiert.

Ich habe gelesen, dass es dem Schmerzgedächtnis scheiß egal ist, welcher Ursache ein Schmerz ist.
Und habe mich an den Schmerz erinnert, den ich mit Traumastille verbinde. Das ist die Stille, die sich ausbreitete, wenn der letzte Schlag, der letzte Stoß, der letzte Druck auf den Körper zum Ende kam und dann nichts mehr passierte. Die Zeit zwischen dem Moment, in dem die gewaltausübende Person ihren Verdrängungsschängel zu einem Spruch, einer Anweisung, irgendeinem weiteren groben Über_Griff machte und dem, in dem sie ihn machte.

Manchmal habe ich einen Schmerz als überkrasses Geräusch oder geblendet oder verbrannt werden wahrgenommen. Auch diese Art von Schmerz ist Traumastille für mich.
Ich kann bis heute nicht sagen, was genau da weh getan hat. Oder wie sich dieses überkrasse Geräusch für mich angehört hat oder welchen Ursprungs die Blendung war, die ich da empfunden habe.

Heute weiß ich, dass das eine Nervensache ist. War.
Das Nervensystem von Klein_Kindern ist nicht das von Erwachsenen. Gerade vor ein paar Tagen konnten wir das bei der anderthalb Jahre alten Tochter von Freund_innen miterleben. Sie stolperte, tat sich weh – doch drückte den Schmerz als Schmerz erst fast 10 Sekunden später aus.
Was war es in den 10 Sekunden, bevor sie zu weinen begann und bei ihrer Mutter Erleichterung davon suchte?
Ich glaube, da war es noch Nervensache. Also: alles mögliche. Alles Nervenmögliche.
Es hätte auch geblendet werden oder auditiv überflutet werden sein können. Das Gehirn prüfte noch nach Einordnungsmöglichkeiten, während das Empfinden schon längst da war.

Manchmal denke ich, dass das vielleicht mein, unser chronisches Schmerzproblem heute ist.
Die Nervensache ist so oft nur rudimentär eingeordnet worden, dass sie bis heute eine Nervensache ist.

Als die Gewalt passiert ist, war ja mehr als nur Schmerz da. Es tut eben nicht nur weh, miss.be.handelt zu werden. Es ist auch einfach nur grob, dumpf, vielleicht auch mal mit einer Quetschung oder einem Druck verbunden. Manchmal sind da auch noch Komponenten die körperliche Resonanzen mit sich bringen, wie Angst, Horror, Ekel, Beschämung oder Demütigung. Der peinsame Cringe, den man hat, wenn man vor anderen bloßgestellt wird, kann das gleiche Reißen im Zwerchfell sein, das entsteht, wenn man mit aller Macht gegen einen Brechreiz, ein panisches Erstickungsgefühl oder schlichtes Schock-raus-schreien angehen soll muss.

Manchmal hilft es uns, Anspannung zu veratmen. Dann denke ich mir, dass meine Nerven zittern und wackeln, weil sie so unter Spannung stehen, dass auch das banalste kleinste sie ganz zwangsläufig berühren muss – und mir dann einmal mehr Schmerzen bereitet.
Ich atme den Bauch raus und drücke mit dem Daumennagel in die Rille zwischen Oberlippe und Nase.
Die Geschichte mit dem Gedanken ein Baum zu sein, ist auch gut dafür.

Noch mehr hilft es uns Druck zu fühlen. Schwere Decken oder zwischen Wand und Schrank gedrückt sein. Oder NakNak* auf dem Schoß haben. Oder NakNak*, die sich an unseren Oberkörper drückt.
Das ist scheinbar eindeutig genug für unser Gehirn. Es dauert keine zwei Sekunden bis das Schmerzempfinden nachlässt, wenn wir so “gedrückt” werden. Aus Nervensache wird Drucksache. Wird Wort, wird Zeit und Raum, wird eigener Körper und damit Entlastung.

Ich finde das erstaunlich.
Auch, weil ich dann manchmal einfach anfangen muss zu weinen und nicht weiß, ob ich vielleicht schon vorher hätte einfach zu weinen versuchen sollen oder nicht. Ob mir die Welt und ihre Reize vielleicht eigentlich gar nicht wehgetan haben, sondern sie mich traurig gemacht hat. Oder, ob sich da gerade noch ein Traumafizzel mit verarbeitet hat und es als eine Art nachträgliche Affektabfuhr passiert.

“Alles reine Nervensache”, das wird oft gesagt, wenn man meint, etwas sei nichts Ernstes, Dringendes gar Be_Drängendes und daher beherrschbar oder auch kontrollierbar. Manche Menschen sagen so etwas, um andere Menschen mit ihren Empfindungen allein zu lassen, denn die eigenen Nerven hat man eben nun einmal nur für sich.

Auch das ist etwas, das in mir Traumastille-Schmerz macht.
Denn es erfordert schon etwas jemandem von so unbestimmten Dingen zu erzählen. Vertrautheit, Nähe und die Annahme im Schmerz an.erkannt und verstanden zu werden.
Mir kommt das wie eine Anbahnung vor.

So wie wir es brauchen zu wissen, dass wir nach der Arbeit oder der Schule nichts mehr machen müssen, das Handy greifbar ist und der Schrank stabil steht, um uns in den wohltuenden Druck zu begeben, brauchen manche anderen Menschen, eben diese sozialen Flauschigkeiten, um gedrückt zu werden und das auszuhalten.

Für uns werden reine Nervensachen erst dadurch zu etwas, das beeinflusst werden kann.
Für andere sind es andere Menschen.

Irritierend wie sich je die Annahme entwickeln konnte, Menschen mit Schmerzen jeder Art unberührt (ungedrückt) zu lassen (außer sie wünschen sich das so), sei eine gute Idee.