Unterstützung

Wir brauchen keine Unterstützung.
Aber wenn es welche gibt, wird vieles einfacher.

Zwei Sätze. Ganz einfach. So klar. Der Kampf um sie ging über Jahre und viele davon sind im Blog von Vielen dokumentiert. Heute sind sie eine der wichtigsten Säulen in unserem Leben.

Für viele Viele ist die Wahrnehmung der eigenen Begrenzungen mit Todesangst und also auch mit Dissoziation besetzt, weil sie wie wir in einem Klima aufgewachsen sind, in dem etwas nicht zu können, etwas nicht genügend zu schaffen oder bestimmte Fähigkeiten nicht rechtzeitig, gut, schnell, lieb … genug abrufen zu können mit akuter Gefahr für Leib und Leben verbunden war. Und für manche, die nachwievor in gewaltvollen Kontexten leben müssen, noch immer ist.

Bis heute können wir nicht gut mit Hilfe und Hilfsangeboten umgehen.
Denn Hilfe nimmt uns etwas weg. Wir haben psychiatrische und andere klinische Angebote als “Hilfsangebote” präsentiert bekommen, haben Betreuungen als Hilfen kennengelernt. Immer mussten wir dabei auf Dinge verzichten, die uns als Individuum, als Person mit angeblich unantastbarer Würde, Schutz und damit auch Kontakt zu uns selbst hätten gewähren können.
Ein Umstand, der uns als komplex traumatisierte Person immer wieder retraumatisiert hat, denn kein Schutz ist kein Schutz und keinen Schutz zu haben, bedeutet immer Gefahr – egal, ob diese real potenziell tödlich ist oder nur als solche wahrgenommen wird.

Wir haben uns in unserem Leben immer am Besten selbst helfen können. Wir haben uns gerettet, wir haben uns geschützt – zum Einen, weil es niemand für uns getan hat und zum Anderen, weil das, was wir an uns schützen, etwas ist, das so tief ins Menschsein hineingeschrieben ist, dass es im Grunde kaum bewortbar ist, geschweige denn sichtbar gemacht werden kann.

In den Extremen, die wir überlebt haben war das wichtig. Und auch in den Mittelmäßigkeiten, den alltäglichen Einerleiigkeiten bleibt das wichtig. Denn die Erfahrung ist da. Sie ist uns in das Innen gepresst, wie die Erfahrung, dass Wasser nass und Eis kalt ist.

Was wir außerdem gelernt haben ist, dass zu leben hart ist.
Überleben ist in einigen Qualitäten vielleicht härter, doch wenn man lebt, dann gibt es keinen einzigen Zeitpunkt, an dem nicht alles auch von Kräften aus sich selbst zehrend ist.
Heute, mit mehr Kontakt untereinander, merken wir, an wie vielen Stellen wir an unsere absoluten Limits gehen. Wie viel wir jeden Tag von unserer gesamten Lebenskraft in alle möglichen Dinge schütten, nur, um sie überhaupt machen zu können.

In unserem Leben haben wir das Glück und die Privilegien, von Menschen umgeben zu sein, die uns nicht helfen wollen. Die verstehen, warum wir das nicht wollen und sich selbst so weit reflektieren können, warum das überhaupt insgesamt immer auch eine Gefahr für Menschen darstellen kann. Selbst dann, wenn es ganz lieb gemeint ist.

Wir bekommen Unterstützung von ihnen. Manchmal, weil wir darum bitten, meistens, weil sie uns welche anbieten, ohne je Bedingungen daran geknüpft zu haben.
Das ist eine krasse Erfahrung für uns gewesen, als wir zum ersten Mal damit konfrontiert waren.
Dass man uns hat machen lassen und bei Bedarf, oder der Annahme von einem solchen, so unterstützt hat, dass wir auch weiterhin alleine weitermachen können.
Heute bedeutet uns Unterstützung die Kommunikation von Respekt. Respekt für das, was wir tun und wie wir das tun. Auch, warum wir tun, was wir tun. Es ist unsere Sache und trotz des Umstandes, dass wir unsere Dinge durch Unterstützung tun, bleibt sie das auch.
Was für eine große Sache das ist, können wir kaum kommunizieren, denn nachwievor berührt es die Wunde um das, was die Gewalterfahrungen neben vielen anderen Dingen angefasst haben: das Eigene, das niemals angefasst werden darf.

Ich habe diesen Text geschrieben, um aufzuzeigen, was uns Unterstützung bedeutet.
Auch finanzielle Unterstützung für unsere Projekte.
Ja, wir können ohne Geld von anderen Menschen bloggen. Ja, wir können auch ohne Geld das Podcast machen. Ja, wir können all die Verantwortung, die mit unseren Veröffentlichungen einhergehen, allein tragen.
Aber es ist leichter, wenn wir unterstützt werden.
Wenn es leichter ist, macht es mehr Spaß.
Wenn es leichter ist, ist es freier, sind wir freier.

Das Blog von Vielen wird im Moment von 2.433 Menschen verfolgt.
Das sind enorm viele Menschen, selbst dann, wenn die Hälfte das Abo vielleicht schon vergessen hat, ein Drittel nur dann und wann mal reinschaut, und nur 1 Prozent regelmäßig liest.
Es ist Öffentlichkeit. Eine kleine vielleicht im Vergleich zu der anderer Blogger_innen mit anderen, vielleicht eher anschlussfähigen Themen, aber eine große für uns, die sich anders als andere Personen eben nicht so öffentlich zeigen können und wollen, wie man das in der allgemeinen Verwertungslogik von Öffentlichkeit so tut.

Wir wollen diese Öffentlichkeit nutzen. Für unsere Themen, für die Verbreitung von Wissen über die Folgen komplexer Traumatisierung in den Leben der Überlebenden, für einen Beitrag zur Weiter_Entwicklung einer politischen Bewegung der traumatisierten, diskriminierten und ausgebeuteten Menschen in unserer Gesellschaft.

Dabei könnt nur auch ihr uns unterstützen.
Klickt euch ein Unterstützer_innenpaket auf Steady für das Blog von Vielen oder das Podcast “Viele-Sein”.
Die Einnahmen fließen in die technische Infrastruktur, in die Erstattung von Reisekosten für Interviews, die Produktion von Grafiken, kleinere Printprojekte wie Zines, die Deckung von Fahrt- und Unterbringungskosten zu Vorträgen, Workshops und Lesungen …
und irgendwann – eventuell vielleicht – auch mal in einen Bonbon für unsere Arbeitszeit, aber auch die von Renée und Christiane, mit denen wir Formate des Podcast zusammen machen, und Judith, die uns die Podcastfolgen nach und nach transkribiert.

Das Blog von Vielen wird immer kostenlos lesbar sein.
Aber wir möchten vom Schreiben und unseren Schriften leben können. Das geht in dieser unserer Zeit, unserer Gesellschaft und auch in unserer persönlichen Lebenssituation nicht anders als mit einem Preisschild an unserer Arbeit. Ihr könnt wählen, ob ihr uns in der Form unter die Arme greifen möchtet, oder nicht.

Das ist die Unterstützung, die wir annehmen können und wollen.
Sie macht uns freier und damit auch unsere Arbeit besser.

Vielen Dank

Fundstücke #73

WhatsApp auf, “Entschuldige dich, Arschloch”, löschen, schließen. Augen zu. Atmen. Zittern. Vor Angst vor Wut vor dem Kontrollverlust, den ich entlang meiner Knochen von mir weggieße. Heiß glühend, weiß, bis alles wieder starr und steif ist.  Ich schließe die Tür zu meinem Büro, kühle mich mit Tränen ab, die hinter meinen Augen bleiben.

“Andererseits – für so einen kleinen Zettel mal eben 200€ kriegen. Andere arbeiten dafür einen halben Tag.” Wichser Arschloch verpiss dich aus meinem Leben Was bist du für ne miese Sau ich box dir die Fresse weich

Ich bin geblieben. Kontrolliert. Sachlich. Konnte nicht deutlicher sagen, dass es nicht vergleichbar ist. Weil: offensichtlich war es das ja doch. Einen Folgeantrag an den Fonds sexueller Missbrauch zu schreiben und ein halber Arbeitstag. Fuck you shithead. Fuck you very much. Du hast keine Ahnung.

Du hast sowas von keine Ahnung.

 

 

Und warum hab ich überhaupt was davon gesagt.

Fundstücke #72

Woche 8 nach dem Umzug, ich durchsuche die Kartons auf denen “Unterlagen” steht. In Niedersachsen braucht es einen Sachkundenachweis, ich habe den bereits erbracht. Vor 11 Jahren oder so, bei einem Tierarzt, den ich zuletzt vor … hm … 5 Jahren aufgesucht habe?
In der Praxis findet man mich nicht mehr, sie können mir den Beweiszettel nicht nochmal zukommen lassen. Uff.

Aber ey – 11 Jahre, wer hebt schon 11 Jahre irgendwelche Quatschzettel auf? – sprachs und wühlte sich durch bald 20 Jahre alte Klinik- und Jugendhilfeberichte la li la

Zwei Boxen fallen mir in die Hände. Die eine voller Kleinigkeiten mit dem alten Namen drauf. Schülerausweis, Schwebi-Ausweis, ein Stück von dem Handtuch. Mir kommt es vor wie ein creepy Totenschrein, aber ich weiß auch, dass es das nicht ist. Irgendjemand lebt da drin, muss noch da drin bleiben. Im Dunkeln, allein, sicher vor Heute, Hier und mir. Der übliche Vieleshit, wenn man so will, aber ich bin ja grad nicht Viele. Das legt sich wie eine zweite Schutzhaut um mich drum, nichts von all diesem staubigen, grauen Schrunz kann mich wirklich anfassen.
Es ist alles wie doppelt und dreifach fern. Vor allem die zweite Box.

Hier ein Zertifikat über irgendein Handywerksdings – ach ja ach ja die Handwerksphase, dachts und fühlte wie ein erinnertes Geräusch versucht, sich durch den Kopf zu fressen. Nothing to see here la li la

Diese bescheuerte Rumgetänzel, dieses dumpfe Sichselbstverweigern dummdummdudumm du dumm dumm dumm

Ich finde den Zettel nicht, denke darüber nach, ob und wie wir weiter ausräumen, einräumen, Möbel bauen wollen. Wir. Denn da ist es eben doch. Die Wahrheit über mich. Dieses beschissene Vielesein. Ich kann mich denken hier und jetzt, aber wie ich etwas tue, das über Augen zu und lalala hinausgeht, beinhaltet die Anderen wie die Luft in meinen Lungen.
Die Anderen und ihren Scheiß.
Ihren g’ttverdammten Traumascheiß.

Traumascheiße

Es ist mittags, halb 1, ich fühle mich nach halb 1 in der Nacht.
”Das Runterkommen fühlt sich genauso scheiße an, wie das Aufrechthalten”, denke ich und beschließe, dann jetzt doch zu bloggen. Obwohl ich weiß, wer das alles liest, obwohl ich weiß, dass jede_r darauf reagiert, obwohl es nichts mit ihnen zu tun hat. Zur Zeit ist es kaum möglich, irgendetwas im weitesten Sinne “unbe(ob)achtet” zu tun, das ist so. Vielleicht hört das bald auf, vielleicht müssen wir später – mit mehr Kraft, mehr Haut, mehr Grenze – deutlich machen, dass das passiert und tief reintriggert. Wer weiß, jetzt nicht, nicht noch eine Baustelle öffnen. Obwohl und obwohl.
Jetzt ist Donnerstag. Gestern hat uns der Freund nach mehr als einer Woche voller Arzttermine, Arbeitstreffen, Festival-Workshop-Reise und Therapiestunde abgeholt. Wenn ich so darüber nachdenke, kommt mir das wie ein Traum vor. Das alles. Es war einfach so viel, so viel zu viel des Guten, Interessanten, Aufregenden, Neuen, Wichtigen. Es ist noch nicht realisiert, nicht verarbeitet. Jetzt will ich mich eingraben, fern sein, versorgt sein, schlafen, mich Gedanke um Gedanke abarbeiten, lochen, einordnen. Stempel drauf, Echtheitszertifikat drüber.
Aber.
Es fühlt sich scheiße an.
Traumascheiße.

Es ist die alte Dynamik: Alles ist aufregend, ich könnte auf einer Egowelle hoch zehn schweben, weil ich noch da bin, alles geschafft habe – nicht gestorben bin und alles immer noch da ist – doch alles Wasser steht mir am Hals und begräbt mich zuweilen unter sich. Vornehmlich dann, wenn ich allein bin. Mit meinen Gedanken, meinem Sein, mir – uns.
Und weil ich so aufgerieben bin, weil ich gerade nicht mehr so ganz richtig gut kann, ist es keine Option mehr, mit Menschen zu sein, mit jemandem zu reden, sich damit zu befassen. Niemand kann gerade etwas für mich tun, ohne, dass es meine wunden Stellen aufreibt oder mich zu sehr berührt.
Ich hasse das. Ich hasse mich, wenn ich so bin. Ich will nicht so zart, so sensibel sein. Will mich an die Wand schmeißen, damit das von mir abplatzt und meinen unzerstörbaren Kern freilegt. Meine Härte, meine Stärke – das, was unendlich hochfahren kann, ohne müde, hungrig, durstig, schmerzig zu werden.

Und während ich das so aufschreibe, denke ich, dass das einfach genau das Problem ist.
Dass mein “Hochfahren” eins ist, das meinen von Trauma und Scheiße gestählten Kern erfordert und nicht einfach so ein zwei Hautläppchen weniger, auf die man mal kurz gut verzichten kann.
Es ist einfach kein aufregendes Abenteuer, eine lange Reise mit interessantem Input und ach ja uff, ist es nicht immer irgendwie anstrengend. Es ist immer – immer noch, nach so viel Traumatherapie – sofort eine traumafunktionelle Handlung. Ein Überleben.
Sicher eins, das Spaß macht, ganz sicher eins, dem ich mich auch entziehen könnte, wenn ich das wollte. Es ist kein Gewaltwiedererleben – aber es ist nachwievor ein Wie-auch-im-Trauma-üb_Er.Leben.

Vor allem für die, die ich jetzt – immer noch – in mir schreien spüre.
Scheiße ist das.
Traumascheiße.

Jobcenter like its 2015 (and back into Hierjetztheute)

“Seit wann sind Sie denn im Leistungsbezug?”
“Seit es Hartz 4 heißt, also 2005.”
”Ouh. Das ist lange.”

Ja. Das ist lange.
Und, jetzt, wo ich mit unserem neuen Sachbearbeiter beim Jobcenter rede, kommt das alles wieder bei mir an. Auf die Umzugserschöpfung, die Anpassungsanstrengungserschöpfung, die 3 Wochen ohne gesetzliche Betreuerin und die 2 Wochen ohne Therapie-Erschöpfung, die Überforderungsgefühle, dieses Telefonat überhaupt so unvorbereitet und allein führen zu müssen, obendrauf.
Ich könnte heulen, stattdessen depersonalisiere ich. Höre jemand anderem zu, wie er für mich redet, bin zu entfernt, um irgendetwas beizutragen.

Als das Gespräch zu Ende ist, rufe ich bei der Neurologin an. Aus irgendeinem Grund denke ich, dass sie ans Telefon geht und ich an ihr abprallen kann, um in mir selbst zu landen. Quatschidee, sie ist in 15 Jahren, die wir ihr_e Patient_in sind, genau 1 Mal am Telefon gewesen, wenn wir da angerufen haben und wer weiß, wieso das so war. Etwas von mir und etwas von jemand anderem, vereinbaren einen Termin mit der Sprechstundenhilfe. Im Oktober.

Ich erlebe einen Flashback ins Jahr 2015. Wo sich so viel für uns verändert hat, aber das Jobcenter am Arsch zu haben und die Notwendigkeit von regelmäßigen Terminen bei ihr, so viel alltäglicher, normaler waren, als jetzt.
Der Tee in meiner Hand, die beiden Hundenasen, die mich anstupsen und zu weichen Flanken werden, die gestreichelt werden wollen, erden mich.
Aus der fremden Hasswut auf die Umstände, wird mein emotionales Sumpfgebiet mit Steinen aus Selbsthass, die als einzige Halt unter den Füßen bieten.

Ich bin es nicht mehr gewohnt. Diese Jobcenterscheiße. Dieses Gepule in meinem Leben, meiner Privatsphäre. Diese ständige Frage darum, ob und wenn ja in welchem Umfang, ich berechtigt bin zu leben.
Ich habe keine Haut mehr für diese spezielle Form der strukturellen Demütigung, das bürokratische Muskelspiel, das mich klein machen soll.

In den letzten 3 Jahren ist mir eine Haut gewachsen, um auch unter Zeitdruck kreativ zu bleiben, um inmitten von Leuten, die helfen wollen, diejenige zu bleiben, die sich effektiv auch helfen kann. Ich habe Schulausbildungshaut, Zuhausearbeitenhaut, Schriftsteller_innenhaut, ein bisschen Buchbinder_innenhaut, Hobbyfotograf_innenhaut. Haut, die mich als Subjekt umschließt, schützt und stärkt.
Für den Umgang mit mir als Objekt ist da nachwievor nur meine Traumahaut und davon habe ich in den letzten Jahren viel zu viel abgebaut, um das jetzt hier ohne Schmerz, – Leid – , zu empfinden.

Daneben zeichnet sich schon jetzt ab, dass es wird wie immer.
Wir sind widersprüchlich, falsch behindert, können nicht so, wie es der Arbeitsmarkt will.
Medizinische Gutachten folgen auf psychologische Gutachten, es gibt einen weiteren Zettel auf dem steht, was auf den Zetteln von 2005 bis 2015 schon steht: 70% schwerbehindert, Merkmal G, dissoziative Krampfanfälle, DIS, Ängste und Depressionen gemischt,( ASS wird dann neu da stehen), nicht arbeitsfähig.
Obwohl wir arbeiten. Obwohl wir wirklich hart arbeiten und tun und machen.

Ich selbst muss diesen Widerspruch nie aushalten. Ich lebe ihn und ich denke manchmal, dass die DIS dabei sehr hilft. Ich merke meine Arbeitsunfähigkeiten nicht, wie ich meine Arbeitsfähigkeit merke. Ich arbeite meine Sachen ab, bin zu Hause, mache meinen Kram, bereite mich vor auf Arbeiten, die außerhalb von zu Hause sind – kann mich in unseren Kosmos hineinspalten und stückeln, solange niemand konstante Verfügbarkeit von mir erwartet.
Das zu erklären ist so schwierig.

Vor allem, weil ja selbst die Erklärung in einen Rahmen passen muss, wo sie überhaupt nicht reinpassen kann.
Ich muss einerseits sagen: “Hey, ich kann nicht in die 10km entfernte Jobcenter-Filiale kommen, weil ich noch keine Assistenz habe.” und andererseits: “Hey ich bin im Oktober für eine Woche allein in Wien, um aus meinem Buch zu lesen und mir Dinge anzugucken.”

Muss sagen, dass ich es nicht schaffen kann, jeden Tag 3, 4 oder 8 Stunden zu arbeiten, während ich jede Woche eine Podcastepisode produziere, was mindestens 3 Mal 8 Stunden in der Woche sind. Während ich an Buchprojekten arbeite, Buchbindeunterricht habe, meine Kunst mache und meine Ehrenämter bespiele.

Ich lüge nicht, wenn ich sage, dass ich etwas nicht schaffe oder kann.
Es ist auch nicht so, dass mir nicht selbst auffällt, wie viel wir eben doch schaffen.

Es ist eben einfach so widersprüchlich, nicht linear, anders.
So bin ich, so ist mein Leben, so ist mein Funktionieren. Es gibt nun mal einfach Menschen, die so sind.
Das bin nicht nur ich, weil wir autistische viele mit Spezialinteressen, die produktiv nutzbar sind, sind.
Wir können nichts für einen Arbeitsmarkt, an dem teilzunehmen alle quasi zwangsverpflichtet sind, obwohl ebenjener Arbeitsmarkt auf Talente und Kräfte, wie unsere scheißt, sobald sie nicht unbegrenzt zur Verfügung gestellt werden können.
Wir können nichts für Arbeitsbedingungen und –umstände, die Menschen, wie uns mehr und tiefgreifender schaden, als anderen.
Das macht das Jobcenter und sein Handeln immer wieder zu einer Strafinstanz für uns. Wir können nichts dafür, müssen versagen, rausfallen, “alles falsch machen” und werden dafür mit Drohungen, Leistungskürzungen und anderem bestraft.

Daneben sind wir heute privilegiert. Im Vergleich zu 2015 geht es uns heute sehr sehr gut. Wir sind sehr sicher, sind sehr geschützt, unterstützt, geliebt, gemocht, gehalten und wenn nötig, würde man uns sogar tragen.
Das macht die Erfahrung jetzt etwas anders. Wir wissen mehr über unseren Autismus, wissen mehr über unsere dissoziative Mechanik, uns als Subjekt. Das macht viel aus, hilft mir jetzt, mich hier aufs Schreiben konzentrieren zu können. Ganz sicher zu spüren, dass es okay und wichtig ist, mit diesen Gedanken und Gefühlen nicht allein zu bleiben, wenigstens virtuell nicht.

Ich kann mich dem Ärger, der Wut annähern, sie teilen. Die spontane Spaltung wieder schließen.
Ich kann mich jetzt aber vor allem mit zwei lieben, warmen Hunden ins Bett legen, Tee trinken, ausruhen und nichts Schlimmes wird passieren, denn am Ende hängt eben doch nicht mehr wirklich unser Leben am Jobcenter, wie noch 2015.

übers Ankommen, tote Natur und Jagdhundrealitäten

„Das Ankommen beginnt vielleicht mit dem Finden von Hunderunden.“
Das dachte ich gestern so bei mir.

Hier auf dem Land gibt es wenige organisierte Parks oder Erholungsgebiete nur für Fußgänger_innen, weil die Felder, Wiesen und Wäldchen im Privatbesitz zu Natur erklärt werden.
Man steht irgendwo und schwenkt den Arm, sagt: “Hier ist doch alles voller Natur. Hier passiert doch nix – hier kann man doch prima entspannen.” Während im Hintergrund jemand die Landstraße unter sich wegfrisst und dank Glyphosat und Co weder Wildkraut noch Insekten zu finden sind.
Mich entspannt das nicht. Ehrlich gesagt macht es mir sogar Angst, weil es bedeutet, dass so vieles nicht gesehen und wahrgenommen wird, dass es zu “nichts” erklärt wird.

Natur ist nicht nichts. Nie.
Das Entspannende an Naturerlebnissen ist, dass man die eigene Aufmerksamkeit breiter aufstellen kann als in der Stadt. Du musst nicht auf Schritte hinter oder neben dir achten, auf mechanisches Klicken oder die Bewegungen im Umkreis von 2 bis 3 Metern, sondern auf Dinge Umkreis von bis zu 10 Metern. Knacken im Unterholz, Rascheln im Gras, Vogelstimmen, die Bodenbeschaffenheit. Darauf, von wo der Wind kommt und was für Gerüche er zu dir trägt. Nirgendwo bekommt man potenzielle Gefahren so deutlich und offensichtlich mitgeteilt wie draußen in funktionierender, heiler, balancierter Natur.
Man bekommt mehr Raum zwischen sich und dem, wovor man sich eventuell schützen muss. Das macht viel aus, bedeutet auf eine Art, von einem Korsett befreit zu sein.

Dieses Empfinden zu haben, macht uns weicher. Flexibler. Also genau das, was wir gerade brauchen, um uns anzupassen. Zu der neuen Wohnung, der neuen Umgebung und allem ist nämlich auch ein neuer Begleiter gekommen. Bubi. Ein großer schwarzer Rauhhaarschnurzel mit ausgeprägtem Jagdtrieb und einem sagen wir mal, eher losem Bezug zu Kommandos wie “Komm”. Er ist toll. Und für uns eine echte Herausforderung.
Hunde wie Bubi sind sehr selbstständig, die gehen nicht so in Beziehung wie Hütehunde, was NakNak* ist.
Das bedeutet, dass man den Hund sehr genau beobachten, völlig anders bespielen und beschäftigen muss und, dass man das beobachtete Verhalten noch weniger durch eine menschlich-soziale Brille einordnen darf, als man es sowieso schon nicht tun sollte, wenn man auf Hunde schaut.

Mit beiden Hunden hier als reine_r Fußgänger_in unterwegs zu sein, ist nicht einfach für uns.
Denn trotz quasi überwiegender Insektenfreiheit gibt es hier Mäuse, Rehe, Fasane.
Nach 30 Minuten laufen auf Beton tun uns die Füße weh, wir sind durchbrutzelt von der Sonne zwischen Feldern, wir haben die Hunde schon drei Mal in den Graben führen müssen, weil ein überbreites Landwirtschaftsgerät oder jemand, der die 90 auf seinem (sic) Tachometer mit den 50 auf den Schildern für vereinbar hält, auf uns zu kam. Wir selbst können überhaupt nicht abschalten. Wir müssen Bubi beobachten, seine Leine festhalten. Wenn er hier abhaut, um einem Reh nachzuspringen, sind wir am Arsch. Wenn er jemandem vors Auto läuft noch einmal mehr. Er wiegt 30 Kilo, wenn er sich verletzt, können wir ihn nicht weit tragen.

Es ist nicht angenehm, diese Empfindungen zu haben und diese Szenarien immer mitzudenken. Aber sie sind real und realistisch. Wir würden auch gern zwischen Feldern stehen und locker lässig denken, wir würden schon mit allem was kommt klarkommen – hier is ja nix, was soll schon passieren.
Wir würden den dödeligen Schnurzkoppbubi vom Garten gern auch beim Spazierengehen haben, haben wir aber nicht. Wir hätten auch gern ein Mindset, das uns auf uns zu rasende Autos und eine im Grunde tote Umgebung nicht als etwas tief Beunruhigendes empfinden lässt, haben wir aber nicht. Und das ist auch gut so, denn es ist nicht dissoziiert. So zu empfinden und zwar ganz bewusst, ist ein total gesunder Anteil von uns. Den haben wir uns erarbeitet, wir verlassen uns auf ihn.

Eine Strecke zu haben, die wir mit den Hunden gehen können, wo wir wenigstens NakNak* an zwei Abschnitten laufen lassen können, um mehr Energie für Bubi freizuhaben, hilft sehr. Es entspannt, verbindet uns mit diesem gesunden Anteil, gibt uns die Möglichkeit uns neu auszutarieren. Denn es kommt nicht in Frage nur mit NakNak* oder nur mit Bubi spazieren zu gehen oder den Auslauf komplett dem Freund zu überlassen, weil er ein Auto hat und zu einer Stelle fahren kann, wo NakNak* die ganze Zeit frei laufen kann.

Wir wollen hier alles können, was wir im alten Zuhause auch konnten.
Jetzt mit der neu gefunden Hunderunde, können wir eine Sache mehr. Das ermöglicht uns das Ankommen und sich einfinden. Es tut gut zu merken, dass es geht, auch wenn es nicht so einfach ist, weil Realitäten so real sind.

Abschied vom Bullergheddo

Woche 5 nach dem Umzug.

In der Nacht gewittert es. Blitze erhellen unser Schlafzimmer, Donner grollt um das Haus. Es regnet in Strömen und befeuchtet doch erst einmal nur die Wärme.

In meinem Kopf ist Walzerdisco. Da wird viel im Kreis gedacht, kreiert und verworfen.
Die letzten Wochen, und wenn wir ehrlich sind Monate, waren sehr intensiv, ich werde müde. Das macht mir Angst. Für mich ist müde zu sein, eng verknüpft mit der Lähmung der Depression. Mit Dysfunktionalität, mit Angst vor der Angst vor Dysfunktionalität und Abhängigkeiten.

Ich brauche keine Angst zu haben. Das denke ich mir selbst jeden Tag gut zu. Aber meine versichernden Gedanken und auch die Worte des Freundes, beeinflussen mein Fühlen im Moment überhaupt nicht. Was von meinen Versicherungen im Innern ankommt, kann ich nicht auch nicht erspüren. Die anderen sind im Moment weit weg. Ab und zu wird jemand von ihnen spontan rausgeworfen, meistens aber fühle ich nur ihre Blicke ins Außen als etwas, das mich streift.

Und wie immer denke ich: „Wenn das doch jetzt so ist – bin ich dann nicht eigentlich geheilt? Mir geht’s doch gut. Was ich jetzt „noch habe“ hat doch in Wahrheit viel mehr mit meiner Charakterschwäche und meinem natürlichen Durchgescheppertsein zu tun, als mit irgendetwas veränderbarem oder diesem angeblich mir passiertem Trauma.“ La li la Vermeidungsmacarena.

Ich weiß, dass die einzig echte Prävention einer Dekompensation gerade Langsamkeit ist. Lange schlafen, arbeiten, wenn es geht, gut essen, jeden Tag eine Runde auf dem Rad drehen, öfter ausruhen.
Daneben habe ich das Gefühl, dass mir die Langsamkeit den Prozess verzerrt. Ich will mitkriegen, was los ist, was hier gerade alles passiert, ich will es später erinnern können. Ich wäre nicht hier, wären wir als Einsmensch entspannter. Ich würde alles verpassen, amnestisch sein, wie die Anderen in mir. Und damit ohnmächtig, hilflos, abhängig, eingeschränkt.

Am nächsten Morgen regnet es noch immer. Ich finde vorbereitetes Essen im Kühlschrank, meine Sachen liegen bereit, heute fahren wir ein letztes Mal in die alte Wohnung, um den Umzug abzuschließen.

Im Zug fällt mir auf, dass dieser Termin sich anfühlt, wie die Entscheidung, sich einen enorm wackeligen Milchzahn zu ziehen.
Die Verbindung ist lose, aber doch körperlich. Diese Wohnung entgültig zu verlassen, ist nicht nur ein Verwaltungsakt, bedeutet mehr als das Kümmern, um allgemeine Adressänderungen, Zuständigkeiten und die Verschiebung es Lebensmittelpunkts.

Es ist auch eine, die erste, Nabelschnur an einen Ort, der uns so viel Schutz, Geborgenheit, Raum zum Wachsen und Werden gegeben hat.
Es ist auch eine Entscheidung gegen die Plazenta, die das Bullergeddo immerhin 7 Jahre für uns war. Dieser kleine große Mikrokosmos, der uns so viel gegeben hat, was es brauchte, um überhaupt annehmen zu können, was uns zur Verfügung gestellt wurde.

Wir fahren in sonnige Abschnitte.
Der Freund kann nicht kommen, vielleicht ist das auch gut? Vielleicht muss man den wirklich richtigen Abschied selber machen. Vielleicht, sehr wahrscheinlich, muss ich allein dabei sein, denn ich kann nicht in zwei Richtungen gleichzeitig fühlen.

13.30 Uhr.
Ich laufe nochmal schnell zum Penny und treffe einen Nachbarn. Wir kumpeln uns an, kacken auf die Besitzer des Bullergheddo, machen Witze über das Kapital der Reichen. Ich könnte heulen.

Heule später, weil ich „meine Kastanie“, die mich jeden Morgen beim Aufwachen am Fenster begleitet hat, nie wieder so sehen werde. Bin froh, dass es an der Tür klingelt und ich aus diesem Moment herausgerissen werde. Ich will hier nicht weinend weggehen.
Ich will meine Haken im Vermietungsbogen machen, nicht frech werden, als Vermieterin und Hausmeister ausgiebig bedauern, was für eine furchtbare Wohnung wir hier 7 Jahre bewohnt haben. Ich will mich beherrschen wie jemand mit echter Führungskompetenz.

Und dann ist es vorbei. Ich stehe unten vor der Tür, trage links die Säge, rechts das Putzzeug. Das Kindergeschrei vom Spielplatz purzelt durch die Straßen.

Unsere Nachbarin hat neulich ihren Mann beerdigt, er war schwer krank. Sie hat ihn zu Hause gehabt, ihn gepflegt, ist selbst nur noch die Hälfte von früher. Wir sprechen noch ein bisschen, verabschieden uns. Mit der anderen Nachbarin bin ich verabredet. In 20 bis 30 Jahren stehen wir beide wieder da, wo wir heute stehen. Ihr Hund, NakNak*s erster und einziger Lieblingskumpel, wird dann tot sein. Seine Beine können schon jetzt nicht mehr. 14 einhalb Jahre.

Es weint ohne Tränen und ohne mich, als wir zur Bahn gehen.
Tschüß Bullergheddo.
Du warst mir eine Wolke.

der Monsterzyklus

Tag 21, Woche 3 nach dem Umzug.
Es ist der 33ste Tag meines Zyklus und ich spüre das wie etwas, das von innen an jede einzelne Zellwand trommelt. Solche Monsterzyklen sind untypisch für uns geworden. In den letzten Jahren können wir unsere Regelblutung als „regelhaft“ bezeichnen und das ganz klar an Therapiefortschritten und einer dadurch allgemein verbesserten Lebenssituation festmachen.
Es ist nicht mehr normal für uns über Wochen und Monate hinweg, konstant gestresst, angespannt, beuruhigt oder vielleicht sogar (todes)verängstigt zu sein und wie super ist das, wenn es bedeutet, nicht mehr ständig mit Sorgen um eine unerwartete Schwangerschaft oder ernsthaften Erkrankungen befasst zu sein?!

Jetzt passieren viele Dinge gleichzeitig. Nichts davon ist ungewollt – außer der Stress, den es auch bedeutet. Auch Spaß, Glück, Erfolg, das freudige Verfolgen gewünschter Prozesse ist Stress. Wir verdrängen das gern. Ich ganz besonders, denn ich möchte vermeiden, vor anderen Menschen, aber vor allem mir selbst zu wirken, als wäre nie irgendwas einfach problemlos.

Die Realität aber ist die, dass wir mit einer tiefgreifenden Stressverarbeitungsstörung und einer generell nicht neurotypischen Art der Reizverarbeitung leben. Für uns ist nichts jemals einfach „problemlos“ im Sinne von „nicht beachtenswert“ oder „vernachlässigbar“. Selbst dann nicht, wenn wir so tun, als ob es doch so wäre. Wenn es eine Konstante gibt auf die ich mich in Bezug auf meine Möglichkeiten des Funktionierens verlassen kann, dann ist es der Umstand, dass meine Fresse mehr Bodenkontakt als empfehlenswert ist bekommt, wenn ich so handle, als gäbe es die Grenze zu unserem individuellen und jeden Tag etwas anderem „zu viel“ nicht.

Trotzdem wirkt in mir natürlich meine Sozialisierung. Selbst in mir, die nie die Gewalt der Anderen erlebt hat, wirken schädigende Ansprüche an mein Funktionieren. Ich erwarte von mir eine Verfügbarkeit und entsprechend auch eine Produktivität, die mein „zu viel“ konsequent ausblendet.
Eine Strategie, um mich damit zu konfrontieren ist der „braindump“. Das bloße Runterschreiben der Dinge, die ich gerade in mir und meinem Tagesgeschehen jongliere. Was mich beschäftigt und auch, was mich ängstigt oder besorgt. Diese Liste hat für mich an guten Tagen 3 bis 5 Items – seit Februar diesen Jahres umfasst diese Liste konstant 15 und mehr. Und zu welchem Zeitpunkt fällt mir das auch endlich auf? Richtig – ein halbes Jahr später, als mein Zyklus mich zu blutlüsternden Gedanken verleitet, die sonst nur Graf Dracula hat. Und das, obwohl ich mich regelmäßig damit konfrontiert habe, dass gerade alles ganz schön viel, und oft viel zu weit über „zu viel“ hinaus ist.

Es liegt übrigens auch nicht ausschließlich an der Dissoziation, dass das so ist. Die ist ja immer nur die Reaktion auf etwas. In meinem Fall die Unfähigkeit, mit den Konsequenzen von Unproduktivität, Planänderungen und Versagen umzugehen. Zum Einen sehe ich mich selbst einfach lieber als produktiv, kraftvoll und kompetent, zum Anderen bin ich mental nicht so flexibel, wie es Planänderungen oder (unerwartete) Veränderungen in der Regel erfordern. Selbst dann nicht, wenn ich mich ganz easypeasy offen special tiefenentspannt und enttraumatisert darauf einlasse. An dieser Stelle renne ich gegen eine Mauer, die gegen ganz doll wollen und super hart anstrengen immun ist. M.Eine Behinderung.

So wie meine Umwelt in der Regel mit m.einer Dysfunktionalität nicht gut umgehen kann, kann ich es auch nicht. Und genauso wie meine Umwelt auf dieses Problem reagiert, reagiere ich selbst mir gegenüber auch: Wenn ich das Eine nicht schaffe, dann muss ich das Andere schaffen. Alles ist nicht schlimm, so lange ich noch irgendwas anderes schaffe. Als Trostpreis, als Teilnehmer_innenurkunde im Alltagsfunktionieren.

Das zu wissen und zu spüren, dass mich so ein selbstverliehener Trostpreis auch tatsächlich tröstet, ist schmerzhaft für mich. Kein Wunder, dass ich das lieber dissoziiere.
Denn das Nachdenken darüber, was man anders machen könnte, wie es anders laufen sollte, wäre wieder ein Item mehr auf der Liste. Ein Ding mehr im Bereich jenseits des zu vielen.

Folgerichtig baue ich jetzt mal noch ein paar Regale zusammen, der Kühlschrank kommt heute und dann können hurra hurra endlich noch ein paar weitere Kisten geleert werden…

das „Was würdest du deinem 14jährigen Ich heute sagen?“-Meme

Einige Tage vor meinem 33sten Geburtstag las ich einen Tweet mit der Frage, was man seinem 14 jährigen Ich heute sagen würde. Das hat mich eine Weile umgetrieben, denn ich erinnere mein 14 Jahre alt sein nicht so richtig.
Das war wieder so ein Moment, in dem mir einmal mehr bewusst wurde, dass das etwas ist, was viele andere Menschen so gar nicht haben. Also, so wirklich jetzt.
Und, dass das, was sie als damals vielleicht schwer oder unangenehm oder vielleicht sogar quälend einordnen, für sie eigentlich gar nicht mehr der Rede wert ist. Sie sagen „Pubertät“ und meinen eine schwierige Lebensphase, die nun glücklicherweise hinter ihnen liegt. Viele wollen ihrem 14 jährigen Ich sagen, dass es vorbei geht; dass es besser wird; dass es okay ist; dass es heute nichts mehr bedeutet.

Und ich feiere meinen 33sten Geburtstag und spüre sehr sehr deutlich, dass alles auch heute noch etwas bedeutet. Dass es besser, aber nicht gut ist. Dass es vergangen, aber nicht vorbei ist.

Ich weiß, dass mein 14 jähriges Ich nicht mehr leben will. Dass es sich zum Leben zwingt, weil es noch nicht genug Kraft für den Suizid aufbringen kann. Ich weiß, dass mein 16 jähriges Ich innerhalb von 2 Jahren 3 Mal gehört hat, dass es keine 20 Jahre alt werden wird und das glaubt, weil sein_ihr Leben die Hölle ist, die niemand sieht, niemand versteht, niemand beendet.

Ich weiß, dass ich, dass wir einfach nicht den Abstand zur Gewalt, zum Trauma haben, um die Ebene zu erreichen, von der aus andere Menschen auf sich schauen. Vielleicht ist es auch überhaupt nicht erstrebenswert als Erwachsene_r in die eigene Jugend zu schauen und zu denken, dass das alles in Wahrheit ja eh nur spinnerter Killefitt war, den man viel zu ernst nahm, weil man noch sehr jung war. Aber, es wird nicht so weh tun. Nicht so schwer sein.

Wenn man so lebt und tickt, dann feiert man die eigenen Geburtstage anders.
Da hat man keine Angst davor, ob es okay ist, wenn Menschen gratulieren. Da ist man nicht den ganzen Tag hintergründig damit beschäftigt, sich noch einmal mehr als sonst darin zu versichern, dass es okay ist immer noch zu leben; dass es auch ein Geburtstag ist, wenn Mutti und Vati nicht dabei sind; dass es im Grunde nur bedeutet, dass sich der Tag jährt, an dem man geboren wurde – und weiter nichts. Null. Absolut gar nichts.

Am Ende meines Geburtstages lag ich im Bett und fühlte viel Dankbarkeit der Kinder- und Teenagerinnens. Für den Kuchen, für das Playstation spielen, für die Pizza und die vielen Glückwünsche über Twitter. Meine eigene Dankbarkeit galt dem Umstand, dass wir noch leben. Dank der 14, der 15, 16 17 jährigen Ichs. Mehr hatte ich ihnen, in dem Moment, nicht zu sagen.