das fremde Baby

Heute durfte ich ein Baby halten. Eins mit Haaren und runden braunen Augen.
Die Elternperson musste mal zur Toilette und ich stand gerade passend herum. In der Schwimmhalle. In meinem Badeanzug. Meine Wampe begutachtend. Irgendwo zwischen bodenloser Scham und Ach-was-solls-Egalness.
Sie fragte mich, ob ich das Kleine kurz halten würde und meine Arme breiteten sich schon vor meiner Antwort aus. Und dann dachte und fühlte ich vieles gleichzeitig.

Ich erwartete Irritation beim Kind und fand sie auch. Es betrachtete mich kurz und schaute sich nach dem Elter um. Ich ließ es sich drehen, so dass es sich mit dem Rücken bei mir anlehnen konnte, aber gleichzeitig noch stabil in meiner Armbeuge hing. Es war ganz entspannt, fast ein bisschen wobbelig. Ich dachte, wie merkwürdig das ist, dass Menschen so lange so wobbelige kleine Fleischbeutel mit Stöckchen drin sind. Dann drehte es sich wieder zu mir um und begann einen Laut zu machen. Irgendwie anlasslos, aber vielleicht auch nicht. Wie cool eigentlich, dass Vokale so früh schon funktionieren. A, E, I, O, U. Kleine Menschen können so viel mit so wenig aussagen.

Je länger ich dort stand, desto mehr spürte ich mich. Die 5, 6 Kilos des kleinen Menschen manifestierten meine linke Körperhälfte. Mein Wobbel, eben noch unangenehm und störend, wurde mir als Abstandshalter, als Schutzschicht bewusst. Meine Muskeln und Knochen als mächtige Waffe. Bei dem Gedanken schaute ich zur Toilettentür nach dem Elter des Kleinen. Wurde unsicher vor meiner Macht über dieses Kind, das eine Lautschlange aus As in die Luft warf.
Es wurde unruhig und begann, sich von mir abzudrücken. Drehte sich wieder um, stemmte seine dünnen Beinchen gegen meinen Bauch. Ich ließ es, machte einen Schritt nach vorne, hielt es in der Bewegung. Es begann nicht zu weinen, sondern drehte sich wieder zu mir und versuchte sich festzuhalten. Dann kam die Elternperson zurück.
Sie bedankte sich bei mir und betrachtete ihr Kind dabei, wie es sie wiedererkannte und sich entspannte. „I think they thought I’m a little suspect.“, sagte ich, „Shes is fine“, antwortete das Elter und bedankte sich nochmal. Dann ging es zurück zum anderen Kind, ich zum Sportbecken.

Ich war eine Woche nicht schwimmen, weil ich mich nicht um 5 aus dem Bett und in einen 8 und mehr Stunden-Tag bekam. Jetzt verwandelte ich mich in einen Blauwal und zog mich langsam und kräftig durch die Schnellschwimmerbahn, die als einzige noch frei war. Neben lauter Todeskraulern of the doom auf den Bahnen für alle. Ich spürte der Szene mit dem Baby nach und wie schön das war. Wie genau richtig. So will ich das, dachte ich. Ich will den ganzen Tag über einige Jahre ein Baby tragen. Jeden Tag ein paar Gramm mehr. Ich will von Vokalen eingehüllt werden und für meine konzentrierte Beobachtung eines Menschen belohnt und nicht verachtet werden. Ich will dieses Hier und Jetzt der scheinbar anlasslosen Existenz von Babys und kleinen Kindern. Und diese Eindeutigkeit.

Ich kam kurz aus dem Rhythmus. Diese Eindeutigkeit. Die Macht. Meine Ohnmacht als ich klein war. Ich stieß mich ab und verwandelte mich in eine Wasserschildkröte. Paddelte mich aus dem Gefühl, dass Eindeutigkeit allein kein Schutz ist. War. Für Kinder. In dem Alter. Der Größe. Dem Gewicht. Diesem Entwicklungsstadium.
Dann stieß ich mit einem Schnellschwimmer zusammen. Er dachte, ich hätte ihn schon gesehen. Wir lachten uns an und einigten uns auf einen Kreisel. Verwandelten uns in Delfine und stachelten uns zu 30 Minuten schnell schwimmen an. Das Sporthigh setzte ein, ich wurde ruhig, die Anspannung der letzten Woche löste sich. Aus dem Becken steigend, wurde ich wieder ein Mensch. Wobbelte unter die Dusche, zurück in den Alltag. Mit meiner Menstruation, meiner Arbeit, meiner Traumaarbeit drin.

note on: Datas Tod™ in Star Trek „Picard“

Data ist tot.
Das hat mich traurig gemacht, denn Data ist mein liebster Charakter in „Star Trek, the next generation“. Zum Start der Anschlussserie „Picard“ hatte ich gehofft, dass man ihn mit einem neuen Körper ausstatten könnte. Schließlich traf man einen Nachfahren seines Schöpfers und lernte erstaunlich viel weiter entwickelte Androiden, die als eigenständiges Volk von der Sternenflotte anerkannt wurden. Data hätte die Chance auf ein zweites Leben unter Gleicheren haben und seine eigene Existenz nicht mehr nur in Abgrenzung zu der von Menschen erfahren können.
Aber nein. Diese Geschichte wurde nicht erzählt.

Vermutlich, weil die Zielgruppe sterbliche Menschen sind, denen der Tod als wichtigster Teil ihres Lebens vermittelt werden muss. Wir werden alle sterben und suchen unser ganzes Leben lang Trost, Beruhigung, emotionale Versicherung über diesen Umstand. Besonders in Zeiten wie unseren, wo es zum Allgemeinwissen gehört, dass wir es sind, die die Flutkatastrophen, die Waldbrände, das Artensterben, den toten Acker und jeden Ressourcenkrieg, der daraus entstand, herbeigeführt haben. Geschichten, die unser Sterben als uns ureigen rahmen, erleichtern es uns, auch unser Töten als ureigen, natürlich, normal zu rahmen. Denn wer immer sagen kann: „Naja, irgendwann sterben wir ja alle“ braucht sich nicht umfänglich mit dem Wert eines, vieler, Leben zu befassen. Braucht sich nicht zu schämen, kann leicht an der Verantwortung gegenüber anderen Menschen tragen – sie sogar ganz und gar von sich dissoziieren. So wird das endliche Leben zum wert.schöpfenden Faktor und deshalb als generell unerlässlich für Werte.

Die erste Staffel „Picard“ ist existenzialistisch. In jeder Folge gibt es mindestens einen Hinweis, ein Zitat, einen Erzählstrang, der die Denke dieser philosophischen Strömung mit sich bringt. Ob es nun Picard selbst ist, der seinem Leben (wieder) einen Sinn geben will und deshalb mit seinen 92 Jahren nochmal in ein Raumschiff steigt – oder seine Mitstreiter_innen, die durch eine PTBS (Rios), Drogensucht (Raffi), die Konfrontation mit gleich erfahrenem Unrecht (Seven), die Isolation der Wissenden (Jurati) und dem Umstand kein Mensch zu sein (Dahj) immer wieder an existenzialistischen Fragen scheitern, wie wachsen.

Star Trek hatte schon immer diese Anklänge, was die Serie für mich so interessant macht und mir Möglichkeiten gibt, meine eigenen existenzialistischen Fragestellungen zu verhandeln.
War es in „Star Trek, the original series“ die Konstellation aus dem wilden Haudegen Kirk und dem logisch-rationalen Vulkanier Spock – so war es in „the next generation“ ein hochemotionales Team unter der eher gefühls.ausbruchs.fernen Autorität von Picard und dem logisch-rationalen Data, eine Mischung von beidem in „Voyager“ sowie vereint im Charakter Michael in „Discovery“.
Immer zeigte man Menschen und humanoide Rassen Außerirdische, deren Gemeinsamkeit die Sterblichkeit, und deshalb auch der Überlebenstrieb, der Überlebenskampf, die Todesangst ist und so große verbindende Kräfte in den Crews aktivierten. Zu diesen verbindenden Kräften gehörte immer die Empathie und wo sie ausblieb, die Verbundenheit zu den Werten der Sternenflotte, die den Menschen nicht per se als einzigen Bezugspunkt annimmt, sondern sich selbst als relevante Struktur in der Kommunikation und Interaktion mit allen. Also sowohl den Menschen auf der Erde, als auch den Menschen im Weltall und jenen Lebensformen, mit denen sie in Kontakt gehen.

Für mich eine erfrischende Erweiterung existenzialistischen Diskurses, den ich bis zu dieser Serie klassisch als christlich oder atheistisch kennengelernt hatte. Hier die einen, die sagen: „Nur G’tt kann sagen, was der Sinn des Menschen Lebens ist.“ und hier die anderen, die sagen „Der Mensch an sich ist so frei, dass er sich G’tt ausgedacht hat, dann kann er sich auch selbst einen Sinn im Leben ausdenken.“
Wie wunderbar war es, mit diesem Wissen auf einen Charakter wie Q zu treffen, dessen unendliche Existenz von einer unendlichen Länge, unendlichen Dimensionierung und scheinbar ebenso unendlichen Faszination für uns so unendlich fehlerhaften, überwiegend linear denkenden und handelnden Menschen ist. Denn im Leben von Q ist es nicht die Endlichkeit menschlichen Lebens, das es wertvoll oder interessant macht und auch nicht Existenz selbst – sondern Existenz, die etwas wie uns beinhaltet.
Mit dem Erleben eines Q kann die Freiheit, die sich Mensch qua eigener Existenz zuschreibt, nicht anders als lächerlich sein. Engstirnig, niedlich, zum Totlachen, faszinierend in seiner Überheblichkeit. Vielleicht auch deshalb, weil das Existieren im Q-Kontinuum unfassbar reizlos ist und mit dem Leben alternder bzw. sich durch Prozesse verändernder Lebensformen nichts gemeinsam hat. Wenn man sich also hier eines herausziehen kann, dann dass der Sinn des Lebens nicht in der Existenz zu suchen ist, sondern im Leben. Im Sein der unendlichen Interaktion, Kommunikation, Prozess, Stoff_Wechsel, Vermischung.

Datas Leben ist also solches anzuzweifeln, da er eine Maschine ist. Sein Sein ist ihm produziert worden und konnte immer nur so frei sein, wie es seine Matrix zuließ. Selbst der in der Serie so oft fast menschlich dargestellte Wunsch nach Gefühlen war dem Rahmen, in dem sich seine Programmierung entwickeln konnte, entsprungen. Und dieser Rahmen war von Anfang an darauf hin ausgelegt, auf gar keinen Fall (so ein Android) wie sein Bruder Lore zu werden. Data sollte nie er selbst sein wollen und das hat ihn mir immer sehr nah gebracht, obwohl das in der Serie so nie verhandelt wurde.
Data gehörte sich selbst, wie in einer bemerkenswerten Folge verhandelt wurde, doch wurde ihm nie die Freiheit zuteil, die mit einem (von einem) selbst.bestimmten Leben einhergeht. Und als erster und einziger Android unter Menschen blieb er damit sein einziger Besitz.

Er hätte ein Leben bekommen können, das den Menschen nicht mehr als Bezugsrahmen hat, sondern Androiden. Er hätte frei werden können. Ein Selbstsein entwickeln können.
Doch es war ein Mensch, der mit ihm in der Quantensimulation zwischengeparkt wurde – Picard. Der hörte, dass sein Commander und Freund immer ein Mensch sein wollte und ihn nun, 30 Jahre nachdem er seinen Körper verloren hatte und wie ein Geist in der Flasche (bzw. ein Q im Q-Kontinuum) stumpfsinnig vor sich hin existierte, um das bittet, was das menschliche Leben von Anfang an bestimmt: den Tod.
Für die Menschen bekommt ihr Leben mit Data damit erneut einen anderen, einen höheren Wert, da er nun unwiederbringlich ist. Sie sind die Gewinner.
Und Data? Angeblich reicht ein Positron von ihm, um ihn komplett wieder herzustellen. Das bedeutet, dass er nie so tot sein kann wie Menschen. Seine durch unendliche Wiederholung eingebrannte Routine (sein „Wunsch“) ein Mensch zu sein, wird erneut durch seine potenziell unendliche Existenz wieder nur annähernd erfüllt.

Wir Zuschauer_innen aber hören „blue skies“ und wissen, dass die Serie „Picard“ im Hinblick auf das Alter der Schauspieler_innen, mit hoher Wahrscheinlichkeit, der letzte Aufgriff dieses Charakters war.
Diese Annahme sehe ich auch darin bestätigt, dass die Serienautor_innen der zweiten Staffel auch Q sterben lassen und diesen Kanonbruch nicht einmal erklären.

Es macht mich traurig, weil es mir zeigt, dass Menschen sich nicht überwinden wollen. Nicht ein Mal für eine Geschichte. Und das nur wegen der eigenen Existenz.

tl;dr: Nicht schlimm.

spazieren

Ein Schritt, ein Schritt, ein Schritt.

Über mir knarzen Bäume aneinander, sie wiegen sich wie hohes Gras im Wind. Die Kälte zieht in meine Kleidung, es ist neblig. Die Hunde laufen unsichtbare Pfade ab, atmen Boden und Gras ein.
Zufällig hatte ich an den Geburtstag eines meiner Geschwister gedacht. Überlegt, wie dieser Mensch, der in mir nie älter als 14 wurde, heute wohl ist. In den Dreißigern. Nach so viel Leben, so vielen Erfahrungen. Das übliche Ende dieser Überlegungen legte sich über meine Gefühle wie zähes Gummi. Ich weiß gar nichts. Alles ist möglich. Vielleicht dies, vielleicht das, wir wissen es nicht und werden es mit großer Wahrscheinlichkeit nie erfahren. Schade. Gut. Richtig. Immer.

Vor uns schlägt sich etwas durch den Forst. Bubi stellt seine Ohren zu kleinen, im Rhythmus seines Pulses vibrierenden Dächern auf, NakNak* kann nichts mehr hören. Sie steht neben mir und fragt, ob wir nicht vielleicht langsam nach Hause gehen können. Wir waren gerade bei der Tierärztin. Eine Rückversicherung abholen. Die Hundefriseurin hatte mich tief beunruhigt. Zweifeln lassen, ob wir NakNak* die richtige Behandlung zukommen lassen. Also bat ich um einen Termin. 5 Minuten – eine Frage. Die Ärztin gab mir 25 Minuten und NakNak* eine gezielte Untersuchung. Versteckt mit Streicheln, Lob und Pansenkeksen fand sie nur ihr Alter. Ihre bald 15 Jahre und den Muskelabbau, der einfach passiert. Sie freute sich über einen so alten, so schönen Hund, ich freute mich über ihre Freude.

Ihr Tod hätte mir jetzt nicht gepasst. Ganz davon abgesehen, dass ich prinzipiell nicht damit einverstanden bin, dass das Leben meiner warmen Flauschmotte endlich ist, habe ich im Moment keine freie Zeit. Ich arbeite viel für die Arbeit und dann für mein Hobby und dann ist es dunkel draußen und ich arbeite gegen Erinnerungen. Mein typisches Novemberproblem vermischt mit anderen Bildern. Manchmal denke ich, es sei alles Eins, weil ich der eine Körper bin, dem es passierte und manchmal noch finde ich doch wieder mehr Ruhe in der Leugnung dessen.

Ein Schritt, ein Schritt, ein Schritt.

Veranstaltungstipp
Neurodiversität intersektional: Beziehungen und Bündnisse

Neurodivergente Frauen, Lesben, nonbinäre, trans und inter Personen tauschen sich aus.

Wann: Freitag, 9. Dezember 2022, von 16:00 Uhr bis 19:00 Uhr
Wo: Online
kostenlose Tickets bekommt ihr hier: https://www.eventbrite.de/e/neurodiversitat-intersektional-beziehungen-und-bundnisse-tickets-475104368957

Inhalt:

Neurodiversität ist zunehmend bekannt und wird immer öfter erwähnt, wenn über Vielfalt gesprochen wird. Doch was haben wir als neurodivergente Personen davon, zumal wenn wir nicht als weiße autistische Cis-Männer im IT-Bereich arbeiten? Diese Gesprächsrunde bringt neurodivergente Frauen, Lesben, nonbinäre, trans und inter Personen zusammen, um uns auszutauschen über Fragen wie: Welche Räume haben wir, um uns über unsere Erfahrungen auszutauschen? Wie bringen wir unsere spezifische Perspektive in unsere Arbeit oder unseren Aktivismus ein? Welche Beziehungen und Bündnisse sind uns persönlich und politisch wichtig und was brauchen wir, um uns darin sicher zu fühlen? Wie erweitern wir Diskurse, um Neurodiversität um intersektionale Aspekte?

Barriere- und Zugangs-Infos

Zunächst wird es ein moderiertes Gespräch unter den eingeladenen Teilnehmenden geben. Nach einer kurzen Pause können alle interessierten Personen aus dem Publikum in das Gespräch mit ihren Fragen und Beiträgen einbezogen werden.
Das Gespräch wird in deutscher und englischer Lautsprache stattfinden. Eine Übersetzung zwischen deutsch und englisch und in DGS ist geplant. Aktuelles wird auf dieser Seite erscheinen.
Die Veranstaltung ist öffentlich für alle sich als neurodivergent identifizierende Frauen, Lesben, nonbinäre, trans, inter und agender Personen (FLINTA).

Eingeladene Gesprächsteilnehmende:

  • Hannah C. Rosenblatt (Hannah sind ein_e nicht-binäre_r autistische Autor_in, die_r sich als Viele erlebt.)
  • orchi lohani (queer*e autistische*r organizer*in und künstler*in mit chronischen Schmerzen. Trainer*in bei Zsimt Berlin, mit Fokus auf antikoloniale Ansätze zu antirassismus und anti-ableismus.)
  • Tanja Serapinas (Sozialarbeiterin, Beratung und Coaching für neurodivergente Personen)
  • Annette Schindler (Autodidaktin, Beziehungs- und Sexualtherapeutin mit ADHS /Vermutung auf Autismus und alleinerziehende Mutter)
  • Romy Graichen (neurodivergente Therapeutin, Supervisorin und Trainerin)

Moderation:

Constanze Schwärzer-Dutta (Paarberaterin für neurodiverse Paare, Buchautorin „Liebe mit Köpfchen. Tipps einer Autist*in für neurodiverse Beziehungen.“)

Neurodiversity intersectional: relationships and coalitions

Content:

Neurodiversity suddenly seems to be the hip diversity category. But how do we benefit as neurodivergent people, especially if we’re not white autistic cis men with IT jobs? This conversation brings together neurodivergent women, lesbian, nonbinary, trans and inter people to share questions such as: What spaces do we have to share our experiences? How do we bring our specific perspective to our work or activism? What relationships and coalitions are important to us, and what do we need to feel secure in them? How do we bring intersectional aspects into discourses on neurodiversity?

Access info:

First there will be a moderated discussion among the invited participants. After a short break, all interested people from the audience can join the discussion with their questions and contributions.
The conversation will take place in German and English spoken language. A translation between German and English and in DGS (German Sign Language) is planned. Updates will appear on this page.
The event is open to all people who identify as neurodivergent women, lesbian, nonbinary, trans, inter and agender (women and TINA people).

Invited participants:

  • Hannah C. Rosenblatt (non-binary autistic author who experience themselves as many)
  • orchi lohani (queer autistic organizer an artist in chronic pain. They are also a trainer at Zsimt Berlin where they focus on anticolonial approaches to anti-racism and anti-ableism)
  • Tanya Serapinas (social worker, counselor and coach for neurodivergent persons)
  • Annette Schindler (autodidact, relationship and sex therapist with ADHD/maybe autism and single mother)
  • Romy Graichen (neurodivergent therapist, supervisor and trainer)

Facilitation:

Constanze Schwärzer-Dutta (Neurodiverse Couples Counselor, author of the book “Liebe mit Köpfchen”)

die Vorschau

Cover des Buches "Worum es geht, Autismus, Trauma und Gewalt" von H. C. Rosenblatt, mit dem Logo der edition assemblage in pink und der Mitte des "Fußteils". Der Hintergrund ist sehr dunkelrot (fast schwarz), im Vordergrund in der Mitte ist eine unendliche Figur, in Regenbogenfarben, die ineinander laufen und mit Punkt und Kreismustern gefüllt sind. Die Schriftfarbe ist in warmen Orange gehalten.

Und dann erhalte ich das letzte Ultraschallbild meines Buchbabys.
In der Druckfahne der Vorschau sehe ich das Cover und da ist der Ankündigungstext. Es hat schon eine ISBN und eine WG-Nummer, niedlich.

Ich betrachte es in einem Moment so neutral wie Tonpapier und suche nach Gefühlen in mir.
Da ist Zufriedenheit und Erschöpfung. Wissen, dass noch viel Arbeit vor mir liegt. Nicht nur am Buch, sondern auch darum herum. Zuschüsse, Lesungen, eine Feier zur Veröffentlichung – das Vor/Nach/Mitwort muss übersetzt werden, ich muss das noch durchrechnen – der Satz, habe ich eigentlich Zeit dafür im Januar?

Ich würde es gern als etwas spüren, das auch ist, wenn ich nicht bin, aber so funktioniert das alles nicht.
Mit Literatur ist man lange schwanger. Und wenn man sie sich in einer monate-, vielleicht sogar jahrelangen Kopfgeburt herausgearbeitet hat, dann ist sie immer noch kein Buch, sondern nur ein Manuskript, das absolut auf die Fähigkeiten von Lektor_innen, Buchsetzer_innen und Gestalter_innen angewiesen ist, um eine Chance auf Buchwerdung zu erhalten. In dieser Phase beginnt die Wertschöpfung. Die Arbeit nach der Arbeit, das Werden nach dem Sein.

In gewisser Weise beginnt für mich als Autor_in damit auch die Zeit der Reflexion. Erneut. Denn während des ersten Aufschreibens wusste ich ja nur, wie es werden sollte. Aber nicht, ob es das auch werden würde.
„Worum es geht“ behandelt Autismus, Trauma und Gewalt. Die Triage, die mein Leben so umfassend definiert, dass ich kein ganz und gar objektiv gehaltenes Sachbuch schreiben kann. Und selbst wenn – objektive Sachbücher sind oft nichts weiter als Golems recycelter Sachbücher. Einfach noch mal sagen, was andere schon gesagt haben – nur besser, richtiger, neuer, leichter verständlich vielleicht, nein, das ist wirklich nicht meins.
Meins, und zwar ganz allein meins, ist die Erfahrung mit dem Inhalt. Die Auseinandersetzung, das Lernen, der Weg zum Verstehen. Die objektive Wissenschaft hat dabei geholfen, deshalb kommt sie auch drin vor. Und weil der ganze Studienbumms mich nicht braucht, um zu funktionieren. Das ist eine große Entlastung. Und ein schönes Schutzschild vor allen, denen auch mein zweites Buchbaby zu viel Lebensschnodder aus der Nase tropft.
Es wird wieder ein typisch autistisches Buch. Eine Mischform, die an ihren Rändern zerdrückt werden muss, um in Genre und Verwertungslogiken zu passen. Aber Kunst muss ich es diesmal nicht nennen.
Auch das eine Erleichterung.
Eine große.

die schwere Decke in der Therapie

Kurz hatte ich doch Angst. Ging mit schnellen Schritten meinen Gedanken hinterher und prüfte sie auf Gefahren.

Ich hatte diese Erfahrung gemacht und wollte sie wiederholen. Das ist gefährlich. Auf so vielen Ebenen. Ich habe etwas gefühlt und ein Wollen entwickelt – schwierig. Und dann fand ich es auch noch gut und schön – hmm! Und als ob das nicht schon genug Sirenen aufschrillen lässt, folge ich meinem Wollen und bahne entsprechendes Handeln an – Katastrophe.
Doch alles blieb ruhig. Mein Körper nicht durchsichtig, mein Denken und Wollen weiterhin unsichtbar. Eine Bemerkung so klein und zart, dass ich sie erst überging.

Denn erst sammelte ich Mut. Über meine Scham hinweg. Entgegen der Sorge, mit 40 Kilo Mut in der Brust durch dünnes Eis zu brechen. Meine Therapeutin zu überfordern, mehr zu wollen als ich darf. Mit dem Wissen, dass das, was ich möchte, etwas ist, was die meisten Menschen nur deshalb nicht wollen, weil sie es einfach immer schon haben: Ich möchte sie hören können. Nicht als Geräuschmasse, als stückigen Eintopf, dessen Inhalt ich mir allein erarbeiten muss. Hoch konzentriert, während ich laufe, schwimme, in die Repetition meines Stimmings versunken. Danach, wenn ich nicht mehr zeitgerecht antworten kann und mit meinen emotionalen Reaktionen und Gedanken dazu allein bleibe.
Ich möchte sie hören können. Ihre Worte mit Reihenfolge. Verwoben zu Bedeutung, verbunden mit Kontexten, gesendet an mich als Teil davon. Möchte immer das Gefühl zu dem Gedanken haben: „Ich bin nicht allein (in diesem Gefühl, diesem Gedanken, dieser Erinnerung)“, weil ich sie vollständiger wahrnehmen kann. Weniger als Reizquelle, die ich mehr oder weniger diffus aufnehme und nur durch mein Wissen um die Welt zum Menschen denke; mehr als Individuum, das sich auf mich bezieht und mit mir in Kontakt geht. Mich erreichen kann und will.

Nach der Episode mit der toten Amsel in unserem Büro, hatten wir telefoniert. Ich lag unter der schweren Decke, R. hörte Musik auf den Noise Cancelling Kopfhörern über die wir auch telefonieren können. Es war Zufall. Und ohne diesen Zufall hätte ich nie erfahren, dass mein unsichtbares Verstehproblem so mysteriös gar nicht ist. Es ist eine Mischung aus Stressreaktionen auf Geräusche und allgemeiner sensorischer Sensibilität [1]. Total üblich unter autistischen Menschen.
Unter der schweren Decke kann ich mich entspannen, weil mein Körper aufhört, sich selbst zu suchen. Es werden mehr Verarbeitungskapazitäten für andere Kanäle frei. Zum Beispiel den auditiven Kanal. Dieses Prinzip habe ich in meinem Alltagsleben als erwachsener Mensch bereits an so vielen Stellen angewandt – doch immer mit meiner allgemeinen Beschissenheit Verquirktheit erklärt und aus Scham versteckt. Einfach, weil man das so nicht macht. Lektorieren und Bücher setzen mit absolut dichtem Gehörschutz, auf den Füßen sitzend, die schwere Decke auf dem Rücken. Duschen mit geschlossenen Augen. Kleidung anziehen ausschließlich im ruhigsten Zimmer der Wohnung. Man macht es nicht so, weil aus dem Nichts eine Hand, eine Faust, ein Fuß geflogen kommt. Jemand brüllt, an den Haaren zieht, zuschlägt. Man macht es nicht, weil man sonst verlassen wird. Von Mutti, die sich schämt, von Vati, zu dem eine Bindung überhaupt aufzubauen von unsichtbar verwirrenden Hürden geprägt ist. Man macht es nicht, weil niemand es so macht. Nirgendwo, wo andere sind.

Es war mein Gefühl von Randexistenz, das mir die Erlaubnis für meine ausgelebte Quirkness gab. 16 Jahre Hartz 4, niemand hat noch erwartet, dass ich irgendwie mal noch integriert werden würde. Arbeiten gehen würde. Mit jemandem zusammen leben würde. Jetzt kann ich meine Quirks in ihrer Funktion erkennen und sehen, dass ich in all den Jahren sehr wohl selbstfürsorglich mit mir war. Trotz Essstörung, trotz Sucht, trotz Selbstverletzung. Ohne diese vor den Augen anderer Menschen versteckten Verhaltensweisen hätte ich vielleicht genauso wenig überlebt wie ohne die Dissoziation. Denn ich nehme nicht wahr – ich nehme auf. Ohne diese stetige Verschiebung meiner Kapazitäten zur Reizverarbeitung würde ich weiter immer nur aufnehmen und einfügen, wie schon als Kind. Steuerung C und Steuerung V. Ohne Kontext. Ohne Bezug. Immer im Versuch so exakt wie möglich die vage verstandenen Lücken im Gespräch, im Moment des Handelns zu füllen. Immer wissend: „Es fehlt etwas. Aber ich weiß nicht was. Ich bin so allein. Aber die Verbindung kann ich mir nur herleiten. Nicht empfinden. Etwas fehlt, etwas ist nicht mit in der Gleichung für den letzten Klick.“

Meine Therapeutin konnte mich nicht sehen. Wie ich da so lag und an die Decke über meinem Bett schaute, während R. mit ihr sprach. Sie konnte es nicht sehen, nicht bewerten, nicht verhindern. Es war einfach so, wie es war und es war okay. Ich konnte sie nach 10 Jahren, die wir miteinander arbeiten, einfach hören. Einfach verstehen. Konnte einfach begreifen, was sie sagt und dass sie sagt, dass sie da ist. Und ich nicht mehr allein. Allein mit Erinnerungen an Gewalt, mit der Angst von früher, mit der Not, die immer noch empfunden wird.
Logisch, selbstverständlich, natürlich, klar! möchte ich das immer so haben. Total nachvollziehbar.
Aber.
Und.

Durch die lange Zeit zusammen hatte ich eigentlich mehr gewohnheitsmäßige Angst vor dem Beziehungsabbruch als wirklich freidrehende Panik von Kinderinnens, als ich ihr sagte, dass ich die schwere Decke in die Therapie einbauen möchte. Diesmal spielte viel mehr die Angst eine Rolle, ich könne durchsichtig für sie sein und sie würde etwas sehen, das ich nicht sehen kann, weil ich mit dieser Situation noch so neu bin. Mir kamen viele Erinnerungen an Situationen, in denen ich selig und froh um gute Gefühle war, meine direkte Umwelt sie mir jedoch als abstoßend, schlecht, abartig oder hinterlistig zurück rahmten.
In der Therapie ist das aber noch nie passiert. Vielleicht, weil meine Therapeutin meine mentale Durchsichtigkeit nicht ausnutzt. Vielleicht – vielleicht! – weil es so etwas wie mentale Durchsichtigkeit nicht gibt und die Menschen, die mich das haben glauben lassen, meine guten Gefühle zerstören wollten. Mit Unterstellungen, bösartigem Reframing, gaslighting, Urteilen entsprechend nicht-autistischer Normen und Werte.

Und dann habe ich mit einem Klick auf die Entertaste die Decke bestellt und zur Praxis schicken lassen.
Und dann haben wir den Einsatz der Decke einfach gemacht. Wie besprochen. Einfach so. Im mittleren Erregungsniveau, in einer Stunde wie immer. Fast immer. Noch nie.
Ich habe sie gehört, ich habe dazu Gefühle entwickelt, ich habe zum ersten Mal in der Therapie geweint.

 

[1] Kuiper MWM, Verhoeven EWM, Geurts HM. Stop Making Noise! Auditory Sensitivity in Adults with an Autism Spectrum Disorder Diagnosis: Physiological Habituation and Subjective Detection Thresholds. J Autism Dev Disord. 2019 May;49(5):2116-2128. doi: 10.1007/s10803-019-03890-9. PMID: 30680585; PMCID: PMC6483953.

zum Start von „Viele Leben“

Kalte feuchte Hände, Druck im Bauch, Schwindel. So glamourös war die Veröffentlichung der ersten Ausgabe von „Viele Leben“ gestern.

Vor 2 Jahren haben wir das Gespräch mit SomeOfMany aufgenommen. Dachten uns das ganze Projekt noch so leicht. So wenig viel anders als „Viele-Sein“. Bis mir klar wurde: „Ich bin verantwortlich für die Nummer.“ Bis in mir ankam: „Ich bin allein verantwortlich.“ Nachdem sich Förderanträge als praktisch nie passend und eigentlich immer als den ganzen Aufwand überhaupt nicht wert herausstellten. Als Unterstützer*innen keine Zeit oder keine Kraft mehr hatten. Als ich mit meinen Überlegungen und Plänen immer wieder auf Gesprächssandbänke auflief.

Ich hatte oft den Eindruck, das Projekt würde als verzichtbar gedacht werden. Dass sich viele dann doch irgendwie ganz wohl damit fühlen, wenn echte Journalist_innen, echte Psycholog_innen, echte Mediziner_innen irgendwas zum Leben mit DIS produzieren (lassen). Weil das einfacher ist. Einfacher mitzumachen, einfacher zu kritisieren. Einfacher, sich selbst davon abzugrenzen.
Und dann kam wieder so eine Dokumentation. Von einer echten Journalistin gemacht. Im echten Fernsehen. Und sie war nicht gut. Sie war für so viele Viele nicht gut, dass mein Aufruf sich für „Viele Leben“ bei mir zu melden, zu ordentlich Bewegung in meinem Mailpostfach führte.

Es waren keine tausenden, nicht mal hunderte, die sich gemeldet haben, aber genug, um mich in meinem täglichen Arbeitspensum zu überfordern. Und mir bewusst zu machen, dass ich mir mit dem Projekt sehr viel mehr auflade als den Druck, der mit einer Laienproduktion zu einem Thema von öffentlichem Interesse einfach einhergeht. – Perfekter Sound, perfekte Konsumierbarkeit, perfekter Fluss im Mainstream, das ist der oft unbewusste Anspruch. Eh schon. Und dann noch Erreichbarkeit, soziale Flexibilität, Verständnis. Emotionale Zuwendung, soziale Versicherung. Technik erklären, Reisen in der Pandemie. Trigger wegpacken, achtsam bleiben. Und das unausgesprochene Versprechen: „Das wird was. Was Gutes für dich. Ich strenge mich an, für dich und mich und alle. So gut ich nur kann. Wirklich.“ Und ohne es auszusprechen: „Vertrau mir.“

Ich musste mich fragen lassen, warum ich es denn mache, wenn es so schwer ist. Musste die Beschämung tragen, die damit einhergeht, wenn ich zugebe, dass es in meinem Leben nichts gibt, was nicht schwer für mich ist. Muss mich weiterhin von der Unterstellung abgrenzen, ich fände mich einfach cool als dauerüberforderter Mensch, als Märtyer_in für die Sache. Oder für eine Community, die sich nach wie vor nur schwer miteinander zusammentut.
Tatsächlich finde ich mich cool als verbindendes Element. Das treibt mich an. Die Idee, dass mein Projekt „die Multis mit Innies“, mit „den Menschen mit p/DIS/DSNND/kPTBS“, den „Vielen“ und ihren Verbündeten, Helfer_innen, Behandler_innen zusammenbringt. Dass man es wenigstens in und vielleicht sogar für diese Sache hinkriegt, dass die YouTube-Bubble mit der Insta-Bubble und die Blog-Bubble mit der Twitter-Bubble und der „heimlich Viele und Profi“-Bubble zusammenkommt. Also alle. Zusammen. Als Leute, die etwas gemeinsam haben und bestimmte Forderungen an diese Gesellschaft und Politik teilen, ob es ihnen bewusst ist oder nicht. Ob sie sich trauen es laut und radikal zu fordern oder nicht.
Das fänd ich geil. Wenn das klappen würde. Wenn ich das erleben könnte.

Ich bin mit dem Wunsch nicht allein und das hält mich. Gibt mir Kraft. Hält mich bei Laune, wenn mir der Arm weh tut und die Augen brennen nach zig Stunden am Computer.
Diese Verbundenheit trägt im Moment das ganze Projekt. Das erste dieser Art in Deutschland.

Vielleicht, so beruhige ich mich manchmal, muss es auch schiefgehen, damit jemand anderes es schaffen kann. Und so wenig wie mir das gefallen würde, so sehr entlastet es mich auch wieder.
Etwas ist mehr als Nichts. Etwas für alle muss von allen gestaltet werden. Wenn alle nicht mitmachen, dann kann es auch nichts für alle werden.
Ich bin nicht alle, ich möchte nur etwas für alle. Das ist ein Unterschied. Ein wichtiger.
An Möchten ist nichts falsch. Nur nicht alles erfüllbar.

Und so beobachten wir also, was jetzt passiert.
Wird die Ausgabe geteilt? Wird sie oft angehört? Finden sich viele Unterstützer_innen? Wie viele Mails an Vereine und Interessensgruppen sind wohl nötig, damit sie sich mit Projektspenden beteiligen? Wie wird das Feedback? Melden sich noch mehr Viele, die Teil davon sein wollen? Und wann kommt eigentlich die erste böse E-Mail, weil ich Geld für das Projekt brauche?

 

 

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Zeit für Grenzen

Ich hatte es eingepreist – Kontakt mit anderen Menschen erfordert Kommunikation und Interaktion mit anderen Menschen.
Und am Ende ist es der Anfang einer Schleife, deren Verlauf ich gut voraussagen kann.
Nicht mehr so bodenlos verzweifelt wie als Kind, so frustriert wie als Jugendliche und auch nicht mehr mit so viel Selbsthass wie vor der Autismusdiagnose als 30-jährige_r – aber auch nicht gelassen. Neutral, okay damit. Mit Gefühlen von Kontrolle.
Jetzt ist es bewusst. Als Trigger, als äußere Dynamik, als etwas, das ich zu beeinflussen versuchen kann, aber mehr auch nicht. Ich spüre meine Scham, ich spüre Frustration, ich spüre Not und meinen Grad des Gefordertseins.
Und meine Einsamkeit.

Konflikte sind für alle schwierig. Das schreibe ich auf, weil ich weiß, dass hier Menschen mitlesen, die es wichtig finden, so etwas immer auch zu sagen. Weil sie mir sonst nicht glauben, dass ich das weiß und mitbedenke, wenn ich von meinen Schwierigkeiten schreibe. Oder mir sonst unterstellen, ich würde meine Schwierigkeiten für außergewöhnlich schlimm halten. Oder mir unterstellen, ich würde die Schwierigkeiten anderer nicht erkennen können. Und um mich vor solcherlei Vorwürfen zu schützen, habe ich nun also diesen überflüssigen Kram aufgeschrieben, der am Ende doch nie einen Schutz bietet, weil es nicht meine Entscheidung ist, wie ich gelesen und verstanden werde; was mir wann wieso und aufgrund welcher Worte geglaubt, zugetraut und anerkannt wird.
Was für eine Verschwendung. Was für ein Aufriss. 30 Sekunden Lebenszeit dahin für eine nutzlose Geste. Wofür? – Um ein Beispiel zu produzieren.

Denn mir erscheint die Kommunikation und Interaktion mit anderen Menschen oft voll mit unnötigen Gesten. Trotzdem mache sie oft mit. Bestimmte prosoziale Phrasen, Sätze, Bemerkungen, Witze, (Nach)Fragen baue ich in meine Kommunikation ein, um sympathisch, empathisch, zugewandt, freundlich auf andere Menschen zu wirken. Nicht immer, weil mir das wichtig ist, sehr oft aber, weil ich weiß, dass meine Mimik und/oder mein Ton mit einem gewissen Stresslevel nicht mehr als freundlich oder zugewandt, empathisch oder generell sympathisch eingeordnet wird. Besonders in angespannten Situationen oder bei Problemen, die nicht leicht zu lösen sind. Da werde ich oft aggressiv genannt. Dominant. Und damit implizit gewaltvoll.
Vor allem dann, wenn ich, wie es mein Bedürfnis ist, bei der Sache bleibe. Sachorientiert zu denken und handeln, wird von den meisten Menschen nicht auch als sachlich kommunizierend eingeordnet, sondern – besonders in emotional aufgeladenen Situationen als absichtlich ignorierend. Ausgrenzend, kalt, emotional distanziert – so als verwehre man der anderen Person die emotionale Verbindung und damit eine wichtige Grundlage für den sozialen Kontakt.
Meiner Erfahrung nach ist es unerheblich, ob ich mich in solchen Situationen erkläre oder nicht. Die meisten Menschen wollen in solchen Situation vor allem eins: die Ver_Bindung prüfen.
Sie wollen wissen, ob ich gefährlich für sie bin oder nicht. Sie wollen sich sicher fühlen. Und dafür brauchen sie prosoziale Performance. Sie brauchen Versicherung von mir, brauchen prosoziale Phrasen, prosoziale Lügen, prosoziale Nachfragen, Entschuldigungen. Manchmal, aber leider selten, auch prosoziales Handeln von mir. Diese Bedürfnisse richten sie in der Regel als Anspruch, als basale Grundanforderung des Miteinanders an mich.

Was sie nie auch einfordern, ist mein Konsens zu dieser Art des prosozialen Miteinanders. Sie setzen ihn voraus, weil es keinen Moment der Frage gibt, ob das Miteinander, das wir haben, eines ist, das auf der gleichen Ebene läuft. Ob wir auf Augenhöhe miteinander in Kontakt sind, ob wir den gleichen Energieaufwand zur Herstellung und Aufrechterhaltung dieses Kontaktes haben, ob die Ziele unseres Kontaktes die gleichen sind, wie die unseres gemeinsamen Handelns.
In meinen Freund_innenschaften und allgemein allen Kontakten, die ich pflege, ist es erst ein Konflikt, der meine Arbeit an dem Kontakt aufdeckt und mich gewissermaßen outet oder auch „demaskiert“. Denn Konflikte entstehen aus gegenseitigem Missverständnis. In der Regel aufgrund fehlerhafter oder ausgebliebener Kommunikation.

Dies ist ein Grund für meine Tendenz zu „Projektfreund_innenschaften“ oder auch „Themenfreund_innenschaften“. Der gemeinsame Sachbezug trägt meine Beziehungen sehr lange, oft über Jahre hinweg, über die Gefühle von Missachtung meiner kommunikativen Bedürfnisse im sozialen Kontakt und entspricht generell eher meinem Lern- und Bindungsstil. Ich lerne orts- und kontextbezogen sowie detailorientiert; es fällt mir leichter eingehende Reize zu verarbeiten, wenn ich mich bewegen bzw. handeln kann. Kontakte, die ich also aufsuchen muss, um etwas mit ihnen zu tun, haben die höchste Chance auf Haltbarkeit und bieten mit höchster Wahrscheinlichkeit auch den Zugang, um die Personen über ihre Funktion im gemeinsamen Handeln hinaus überhaupt zu erfassen, kennen zu lernen und in ihrer Persönlichkeit empfinden zu können. Das bedeutet: Um zu wissen, ob ich mit den Menschen „kann“, ob ich sie sympathisch finde oder empathisch oder freundlich – oder eben auch nicht, vergeht Zeit. Viel Zeit. Mitunter Jahre. Unter anderem deshalb, weil ich nicht offen damit umgehe im Alltag und, wie oben angedeutet, von mir auch nie abgefragt wird, wie ich die Menschen finde oder ob das gegenseitige Miteinander für mich so in Ordnung ist. Man fragt mich durchaus, ob „alles okay“ ist – der nicht-autistischen Diffusität entsprechend bleibt „okay“ jedoch stets undefiniert. Meine Definition von „okay“ im sozialen Miteinander ist in etwa: „Ich kanns aushalten.“ Und als autistische Person mit DIS ist mein Rahmen für „Aushalten“ mitunter etwas größer als der vieler anderer Menschen.

„Aushalten“ klingt mir oft zu sehr danach, als würde ich leiden, deshalb verwende ich im Kontext meiner alltäglichen Lebensrealität lieber „kompensieren“.  Unter anderem, weil Kompensation, auch die ständige Kompensation von mehr oder weniger unangenehmen Reizen oder Situationen oder Umständen, ein Kernmerkmal des Lebens ist. Ohne Kompensation keine Weiterentwicklung, ohne Weiterentwicklung entsteht Stasis.
Jedoch kann jedes Lebewesen nur im Rahmen der ihm inne liegenden Fähig- und Fertigkeiten, der genetischen Ausstattung, sowie in Abhängigkeit von den generell wirkenden Umgebungsfaktoren, kompensieren. Das bedeutet: Es gibt Grenzen. Und die liegen nicht nur darin, was man (noch) nicht kann, sondern auch darin, was man (noch) nicht darf, soll, will – und zu welchem Zeitpunkt und in welcher (sozialen) Situation man aktivieren kann, darf, soll, will, um zu kompensieren.

Viele Menschen werden an diesen Grenzen jeden Tag herausgefordert und häufig auch überfordert. Oft ganz unbemerkt, da wir in einer ableistischen Gesellschaft leben, in der unser sozialer Status von unserem (stets und immer alles) Können abhängt und das Überwindenwollen menschlicher Unzulänglichkeiten als selbstverständliches Ziel aller Menschen vorausgesetzt wird. Es gilt als normal, sich stets zu überwinden. In vielerlei Hinsicht.

Und so wachsen wir alle auf. Müde, Hunger, Pipi, kalt, das wägen wir alle ständig ab mit unserem Umfeld. Geht das jetzt gerade? Ist es sicher genug? Sind genug Ressourcen dafür da? Wie ist die Bedürfnislage des sozialen Umfeldes – wird es von meinen Bedürfnissen gerade berührt? Wen muss ich wie mitdenken, um den Frieden zu bewahren? Dieser Prozess läuft in der Regel unbewusst ab, intuitiv. Wird geformt von Bindungserfahrungen, auch traumatischen. Wird beeinflusst vom aktuellen Geschehen, dem Normen- und Wertekonzept unserer direkten Umgebung.
Praktisch in diesem Zusammenhang ist die Fähigkeit, stets verlässliche Antworten auf solche Fragen finden zu können. Stets eine angepasste Reizverarbeitung gewährleisten zu können, um schnell und häufig genug richtig zu erfassen, wie die Lage ist. Worum es geht. Wer wie mit wem, was wann wer warum, wo womit was wie … passiert.

Meine Reizaufnahme ist schneller als meine Reizverarbeitung. Jedes Gespräch ist eine Herausforderung für mich. Denn ich nehme jedes Wort auf – kann es fehlerlos erinnern und wiedergeben – aber nicht gleich schnell oder ähnlich schnell wie die meisten anderen Menschen auch verstehen. Meine Kompensationsstrategie ist die Konzentration auf die Sachinhalte, denn das ist ein viel zuverlässigerer Punkt im Miteinander als die sozialen und emotionalen Informationen eines Gesprächs.
Das bedeutet, dass ich in rein emotionalen Gesprächen – oder prosozialen Gesprächen, die der emotionalen Fürsorge dienen – oft praktisch aufgeschmissen bin. Denn das Wissen um die Grund_Emotionen und ihre Bedeutung des Gegenübers muss ich mir aus einem Gespräch ohne zuverlässigen Punkt herausarbeiten. Meistens in Real-Time, während ich die prosoziale Performance vormache, damit die andere Person sich sicher mit mir fühlt (und mich entsprechend nicht angreift) – und eigentlich aber noch gar nicht verstanden habe, was das Ziel des Gesprächs eigentlich ist (und woran ich erkenne, dass es erreicht ist), was der Auftrag an mich ist (und wann dieser erfüllt ist oder erfüllt sein soll) – und selbstverständlich die ganze Zeit über meine Grenzen gehe.
Denn diese Gespräche finden nie mit autistischen Menschen statt, sondern mit nicht-autistischen. Also sprechen wir „nicht-autistisch“. In meinem Fall casual gezwungenermaßen, weil es nie überhaupt zur Debatte steht, wessen kommunikative Bedürfnisse erfüllt werden. Nie mein Konsens dazu abgefragt wird, nie die Zeit, der Raum, die Kapazitäten, die Bereitschaft dafür da ist, Gespräche mit mir vorzubereiten, damit ich überhaupt eine Chance darauf habe, sie mit dem gleichen Energieaufwand wie die andere Person zu führen.

Ganz normal wird von mir verlangt, mich über meine Möglichkeiten hinaus anzupassen.
In der Regel aus Gewohnheit. Und ja, vielleicht auch, weil ich mich nicht dagegen wehre. Was ich aus Angst vor Ausgrenzung nicht tue. Und wegen gemachter Ausgrenzungserfahrungen nach vielfältig vorgetragener Bitte um an mich angepasste Kommunikation.
Es gilt als egozentrisch, als egoistisch, einmal wurde es als narzisstisch gerahmt, dass ich darum bat mich nicht zu überfordern. Mich nicht auszugrenzen. Mich nicht dazu zu zwingen, so zu kommunizieren und interagieren, wie es sich für mich intuitiv richtig, gut, sinnvoll, effektiv, effizient anfühlt.

Doch worum ich bitte, ist keine Rücksicht auf eine Befindlichkeit oder die Anerkennung eines Persönlichkeitsmerkmals. Ich bitte um Teilhabe. Ich bitte um Kontakt, um Miteinander, das ich mir nicht erst verdienen muss.
In dem Konflikt, der diesem Text vorausging, ist mir aufgefallen, dass ich mich in diesem Wunsch selbst nicht ernst genug genommen habe. Nach wie vor sind die nicht-autistischen Menschen in meinem Leben meine kommunikative Norm, der zu entsprechen ich mich zwinge, bis es nicht mehr geht. Obwohl ich weiß, dass das nie geht, ohne meine Grenzen zu übergehen, meine geistigen wie emotionalen Kapazitäten, oft bis aufs letzte auszuschöpfen. Für – am Ende – Basics. Dinge, die sie sich mit praktisch keinem Energieaufwand kommunizieren können, um dann erst wirklich loszulegen.

Ich bin oft teilweise ausgeschlossen in der Kommunikation mit meinen eigenen sozialen Kontakten und kann das nicht aufschreiben, ohne alle Menschen in meinem Leben irgendwie zu verletzen, zu verunsichern – herauszufordern, dass sie mich kontaktieren und fragen „Wieso denn?“ – um wieder auf ihre Art darüber zu sprechen. Wieder für ihren Rahmen perfekt zugeschnitten zu erklären, was bei mir denn alles komisch, anders … autistisch läuft, ohne, dass sie wirklich begreifen. Weil das einfach nicht geht und nie gehen wird. Denn so wie ich mich nicht in sie und ihr Verstehen hineinversetzen kann, können sie es nicht in meins. Sie werden nie in der Lage sein, unseren Kontakt und alles, als ich wahrzunehmen. Sie können sich nur annähern und ob sie wollen oder nicht werden sie scheitern. Und scheitern und sich lächerlich machen, peinlich versagen oder einfach nicht verstanden werden. Aber 37 Jahre lang, so wie ich, werden sie sich das nicht geben. Sie haben die Wahl, die ich nicht habe und sie werden sie treffen. Und zwar nicht so, dass ich es irgendwie leichter habe. Barrierefreier. Zugänglicher. Chancengleich.

Kann ich das verstehen? Ja.
Aber mehr auch nicht (mehr).

Zeit für Grenzen. Und ihre Wahrung.

flight

Später denke ich kurz, dass ich wie ein Kleinkind funktioniere. Irgendetwas ist schwierig, aber wenn sich mir etwas Neues zeigt, dann fühle ich mich gut. Ich sinke in diese neue Sache ein und weil ich Dinge richtig fertig haben muss, bevor ich sie beende, werden es immer mehr Dinge in meinem Leben. Und irgendwann sind „die Feiertage“ während denen die meisten meiner losen und engeren Kontakte halb oder ganz abgeschmiert sind, sich ausruhen oder in der Familie gegenseitig auf den Keks gehen und ich … arbeite. Weiter. An einem der vielen Dinge in meinem Leben.

Ich bin nicht taub für das, was in mir vorgeht. Das ist keine Betäubungsstrategie oder ein un.bewusst ausgenutzter Trigger für Alltagsdissoziation. Es geht einfach. Also mach ichs. Mit allem Spaß, allem Interesse, aller Neugier und Freude. Aller Bereicherung und Selbstbestimmung, die man sich wünschen kann. Einfach so. Immer weiter und weiter.

Gestern war ich dann endlich mit der Überarbeitung von vielesein.de fertig. Die war nötig geworden, weil meine Projekte endlich mal einen Knotenpunkt brauchten. Die Community-Workshops, die „Vielzimmerwohnung“, „Viele-Sein“ und die Interviewreihe „Viele Leben“ – mit allen Spendenoptionen und Episoden einzeln und trallalala.
Und weil ich ernst machen will. Mit meiner Positionierung als arbeitend in diesen Projekten. Auch tragend arbeitend. Relevant, in echt und tatsächlich verantwortlich für den ganzen Bumms, arbeitend. Vor meiner Arbeitszeit im Verlag und danach. Am Wochenende. Im Urlaub. Immer, wenn es geht. Wenn andere Projekte gerade keine Arbeit von mir brauchen.
Daraus ist in den letzten Monaten oft ein Obwohl geworden. Ich habe an diesen Projekten gearbeitet, obwohl ich auch zusätzlich Geld verdienen musste, um die Lektorin für mein Buch bezahlen zu können. Obwohl ich auch mein Cover, meine Werbetexte und die Anträge für Projektzuschüsse fertigkriegen musste. Das kam dann einfach danach. Mit Stressmagenschmerzen, mit Kopfschmerzen, mit nachlassender Kraft dafür, im Kontakt mit anderen Menschen auf ihre Gefühle zu achten, ihre Perspektive anzunehmen, nach ihren Wünschen zu fragen und zu prüfen, ob ich sie erfüllen kann, ohne meine Grenzen zu übergehen.

Ich hatte meinem Partner davon erzählt, dass mir Projekte gegen die Angst helfen. Immer wenn sich etwas auftut, das schwierig ist, ist es gut für mich schnell lösbare Probleme zu bearbeiten. Das verschafft mir Zeit und Selbstbewusstsein für das Problem, das mir Angst gemacht hat und oft löst es sich auch ohne mich. Nur offensiv abgrenzen musste ich mich dann nicht. Aufdecken, dass mir etwas Angst macht und damit andere verunsichern. Andere, die sich auf mich verlassen. Die darauf setzen, dass ich den Überblick habe, dass ich weiß, was zu tun ist, dass ich weiß, wann wirklich Grund zur Sorge, Furcht, Angst, Panik ist.
Niemand erfährt überhaupt davon, dass ich das alles – alles das hier, wie in meinem analogen Leben – mit so viel Angst mache und meine gesamte Funktionalität darauf beruht, dass ich, Hannah, einfach keinen „Freezemodus“ habe, sondern einen „Flightmodus“. Kein depressives Erstarren und alles aufschieben, sondern adrenalingetriebenes Machen und Verbrennen.
Das hat nichts mit „funktionalem Vielesein“ zu tun oder damit, dass meine Therapie mich schon so weit gebracht hat, dass ich jetzt endlich mehr kann als leiden oder dissen. Es hat nur mit Angst zu tun, die ich in ihrem Kern nach wie vor nicht erfasst kriege. Nicht verstehe, ja oft noch nicht einmal direkt bemerke, weil ich mich schneller vor dem Gefühl schütze, als ich es überhaupt begreife.
Im Scherz mit dem Partner entstand ein Kreisel. „Aha und was machst du, wenn dir das Angst macht?“ – „Dann arbeite ich an X“ – „Und wenn das schwer wird?“ – „Dann y.“ – „Aha und das reicht?“ – „Nein“ – „Und dann machst du was?“ – „Dann z.“ – „Ach nee komm, das kann doch nicht sein.“ – „Ja, deswegen mache ich ja dann a.“
Dann sagte er, dass ich bald damit aufhören muss. Ich stimmte zu.

Ohne eine Idee, was ich denn stattdessen tun würde.
Heute versuche ich es mal mit ein paar Stunden Sims. Und morgen auch.

weites Feld

„Stressmagen“ Das Wort poltert in meinem Kopfmund herum, als ich die Praxis meiner Hausärztin verlasse. Ich habe schon wieder eine Magenschleimhautentzündung, der Stress ist schuld. Und das Ibuprofen, obwohl ich es gar nicht mehr täglich und auch schon lange nicht mehr chronisch überdosiert nehme.
Mein Schmerzproblem bleibt. „Das ist ein weites Feld“, sagt meine Hausärztin, „Das ist zu unkonkret“ mein Partner. Das stresst mich, denn es fühlt sich an, als läge dieses weite, unkonkrete Feld zwischen uns. Als müsse ich akzeptieren, dass es ist, wie es ist und nie anders sein wird.

Seit einem halben Jahr habe ich die Webseite einer Schmerzambulanz in den Lesezeichen meines Browsers und genauso lange demotiviere ich mich selbst, mich dort vorzustellen.
Sehr viele Gewaltopfer leben mit chronischen Schmerzen; sehr viele Menschen mit Uterus durchleben die zyklischen hormonellen Veränderungen in ihrem Körper mit Schmerzphänomen; Stress ist ein Gift, dem viel zu viele Menschen jeden Tag über lange Zeit ihres Lebens ausgesetzt werden – m.eine (Er.)Lösung zu finden, wird sich in einem Aufwendigkeitsbereich bewegen, der nicht zu rechtfertigen ist. Ich bin in Traumatherapie, möchte meine Möglichkeiten Kinder zu gebären nicht verlieren und lebe nicht in einer Welt, in der ich irgendetwas ohne Stress machen kann.

Am nächsten Tag ziehe ich meine Bahnen im neuen Schwimmbad. Mein Magen tut weh, meine Oberschenkelknochen, meine Hüften, der untere Rücken tun weh, meine Muskulatur fühlt sich an, als versuche sie, sich von meiner Wirbelsäule abzulösen. Ich kämpfe mich ins High, werde warm und könnte heulen vor Selbstmitleid. Was ist das für eine beschissene Gesamtscheiße. Warum bin ich immer noch so trapped in Schmerz. Warum hört es nicht endlich auf.
Nach einer Stunde ist mir egal, dass mir alles weh tut. Alles ist wattiert, summt, ist lebendig und beweglich. Ich trinke einen Kaffee im Auto und höre dem frühen Vogelzwitschern zu. Mein Tag ist wieder ziemlich voll. Mit schönem, gewollten, mit sehr frei gewählten Projekten und Arbeiten. Lieben Kontakten, spannenden Themen, schaffbaren Aufgaben. Und keine 2 Millimeter dahinter eine grenzenlose Qual, die so diffus ist, so unkonkret, so viel NICHTS.

Jetzt versuchen wir ein anderes Schmerzmittel. Eine am Tag, immer um 10.
Es kommt mir vor, als würde ich eine Lüge schlucken, weil mir klar ist, dass mein Schmerz auch etwas mit Erinnerung zu tun hat. Aber wie genau, weiß ich nicht.
Auch das ist ein weites Feld.