Fundstücke #64

Es ist die dritte Woche unseres Praktikums und das erste weinschreiende Kleinkind, das mit uns im Zug fährt.

NakNak* und ich sitzen in Sichtweite, doch nicht direkt in der Szene. Dafür bin ich dankbar, denn mit dem Hund an der Seite ist der Kontakt zu fremden Menschen allgemein und Kindern im Besonderen zwar leichter möglich, aber nicht immer auch stressfreier.

Das Kind windet sich in der Karre, will aussteigen, will selber essen, will selbst den Trinkbecher halten, drückt und drückt sich gegen die Gurte, die es in der Karre halten.

Das Elter sagt Dinge, die nicht an das Kind, sondern die Umsitzenden im Mehrzweckabteil gerichtet sind. Macht mich wütend als es irgendwas mit „Fesselspielen“ sagt und uneindeutig lächelnd in die Runde guckt.
Die Runde drumrum sagt nichts. Später kommt eine ältere Person, die versucht das Kind, das inzwischen in einem Frustschreikreisel rotiert, abzulenken.

Dass wir uns selbst in irgendetwas eingekreiselt haben, merke ich erst, als Elter und Kind aussteigen. NakNak* schleckt unseren Unterarm an, drückt sich gegen unsere Brust. Wir schauen auf die gelbgrünen Wiesen und Felder draußen und lassen unsere Anspannung wie Steinschlag auf den Abteilboden rieseln.

Wir verbieten uns irgendwelche weiteren Gedanken über das Elter, das Kind, die Erziehungsmethoden. Es ist nicht unser Kosmos, wir haben keine Ahnung. Nur die Annahmen, die unser getriggertes Nervensystem generiert.

Dennoch denken wir darüber nach, was für ein Mechanismus das ist, wenn ein Elter auf so eine Art kommuniziert. So als wäre es in einer Mangege zur Darstellung eigener Überlegenheit oder in einer Art Show der Kompetenzbeweise. Und what the fuck- was ist das für ein Sprung von „Eeeh sorry“ zu „Hehe Fesselspiele“?

Das ist doch kein Ausdruck von Kompentenz, da geht es doch nur um Überlegenheitsdemonstration.

Ich komme zu keinem Schluss, dann fährt der Zug in unseren Zielbahnhof ein. Am Abend schaue ich ein YouTube-Video an, in dem ein Kind unter 5 einen Bikini trägt. Was ist das für eine merkwürdige Situation, in der ein Kleinkinderkörper wie ein Erwachsenenkörper sexualisiert und entsprechend bekleidet (oder wie im Zug: geframed) wird?

Geht es dabei um Macht oder um Machtpotenzial? Um die Legitimation einer Kontrolle oder um die Angst vor einem kleinen Tyrannen, dessen größte Tyrannei darin besteht, sich zusehens zu etwas zu entwickeln, das den Eltern gleicht?

Was auch immer es ist, denke Ich, als ich das Video ausschalte, kein Kind kann sich dagegen wehren.
Es gibt keinen Schutz vor geistigen Übergriffen durch sexualisiertes Framing.

note on: “Viele-Sein, Episode 6: “Wahrheit, Glaube und Diskurs””

Es ist das erste Mal, dass ich einen Blogartikel schreibe, statt etwas im Podcast weiter auszuführen.
Warum, frage ich mich jetzt, wo wir die Folge produziert haben und dem Uploadbalken beim Wachsen zu schauen.

In dieser Folge (Episode 6) geht darum, was es mit uns macht, wenn Menschen auf eine Bühne treten und verkünden organisierte rituelle Gewalt sei Quatsch, man solle aufhören davon zu reden und “Ach übrigens diese hier nicht persönlich anwesenden Personen sind im Grunde genommen nicht zurechnungsfähig.”

Also ja, es geht um das YouTube-Video, das vor Kurzem durch einige Verteiler ging, in dem ein Vortrag auf der „Skepkon“ gezeigt wurde, der sich “kritisch™” und “wissenschaftlich™ fundiert™” mit ritueller Gewalt beschäftigt hat.
Weil wir uns an dem Umstand, dass es diese Bühnen und Positionen überhaupt gibt nicht aufrauchen wollten, war das Ziel sich damit zu befassen, was es für uns bedeutet und ausmacht, was dort “diskutiert™” wurde.

Am Ende zeigt sich für uns in der Aufnahme, dass es vielleicht aber doch ein Gespräch darüber wurde, dass es diese Menschen und Positionen gibt. Und dass der Diskurs einer ist, der so scharfe Kanten hat, dass es nur allzu leicht ist in eine “ganz oder gar nicht”-Haltung zu geraten.

Während Renée beschreiben, welche Rolle die Wahrheit für sie spielt und die eigene Glaubwürdigkeit wichtig ist, kamen wir für uns nicht so richtig dazu unsere Position nachvollziehbar darzulegen und zu begründen.
Das wollen hier nachholen und in Bezug setzen.

Zu Beginn sei gesagt, dass wir in dem “Bitte glaub mir”-Kreisel glücklicherweise nie wirklich drin waren. Wir hatten andere Gründe als die Art unserer Gewalterfahrungen, zu denken, dass man uns nicht glaubt, dass man uns für verrückt hält und entsprechend demütigt, ausgrenzt, ohnmächtig macht und hält.

Heute wissen wir, dass wir Autismus bedingt völlig anders wahrnehmen und denken, als viele andere Menschen. Damals dachten wir, wir seien natürlicherweise durchgeknallt, verrückt, wertlos, würden permanent Dinge sehen, finden, wahrnehmen, die nicht real sind. So war es für uns kein Schock oder die Art schlimme Belastung, wie es für andere Menschen ist, als wir erstmals damit konfrontiert waren, dass Menschen uns nicht glaubten irgendwelche Gewalterfahrungen gemacht zu haben.

Wir sind diese Rolle gewöhnt und bis heute hält sich dadurch unser Anspruch in Grenzen von anderen Menschen für voll genommen zu werden. Das heißt nicht, dass wir keinen Stolz haben, oder einen Scheiß auf unsere Menschenwürde geben. Aber es heißt eine Fokusverschiebung.
Wir müssen nicht immer und bei allem Recht haben, wir brauchen nicht immer und von allen Menschen 100% ihrer Zustimmung oder Bestätigung. Was wir wollen, brauchen und auch immer wieder fordern ist Klarheit, konkrete Ergebnisse und eine Auseinandersetzung, die auf eine Zielsetzung im Umgang miteinander hat.

In der False Memory, “Skeptiker™”, Maskulisten und hastenichgesehen-Bewegung geht es ums Recht haben. Um Macht. Um Deutungshoheit. Um nichts sonst.
Eine Debatte mit ihnen hat keinen Wert für uns, denn es fehlen Diskursziele genauso wie ein aufrichtiges Interesse an einem konstruktiven, respektvollen, achtsamen Miteinander.

Der Glaube anderer Menschen an uns als Einsmensch und das, was wir als gemachte Gewalterfahrung teilen, ist für uns ebenfalls nicht wichtig.
Und zwar, weil wir “Santa Claus – eine schöne Bescherung” mit Tim Allen gesehen haben.
Ein Film, in dem er den echten Santa Claus vom Dach schubst und damit automatisch zum Ersatz für diesen wird. Und das, obwohl er gar nicht an den Weihnachtsmann glaubt. Genauso wenig wie seine Ex-Frau, deren Psychiaterfreund und überhaupt alle Menschen um ihn herum.

Das ist unser Punkt in Sachen “Glaube oder Nichtglaube”:
Es ist scheiß egal, ob und wer woran glaubt, Dinge passieren völlig unabhängig davon und erfordern einen Umgang. Das haben wir in einem anderen Text bereits beschrieben.

Nun passiert der False-Memory-Maskulisten-Skeptiker™ vs. Betroffenenvertreter_innenvereinigungen klassischerweise im natürlichen Milieu des Gewalt/Machtdiskurses.
Die Einen sagen den Anderen, dass sie falsch liegen, weil es für sie wichtig ist, Recht zu haben.
Beide mit unterschiedlichen Intensionen, moralischen Regelwerken und auch Zielvorstellungen.

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich bewerte weder die Einen noch die Anderen in diesem Text.
Ich lege meine, unsere Position in der Dynamik dar.
Und die ist zum Kotzen.

Denn eine “gute, kluge, mutige, starke betroffene Person” für die eine Seite, ist eine “gestörte, unzurechnungsfähige, unglaubhafte und falsch diagnostizierte Person” für die andere.
Zweifel, Hinterfragen, Reflektieren, selbst_kritisch zu sein, ist in keinem Lager wirklich so aufrichtig erwünscht wie – aufgrund der Machtrangelei natürlich zwangsläufig nötig – vor sich hergetragen.

Auch Paulines schreiben das in ihrem Text über das Video und bringen diesen Punkt immer wieder auf.
Als konkret Betroffene steht man immer zwischen Stühlen und wird als Diskursobjekt benutzt bis miss.ge.braucht.

Wir wissen, was uns passiert ist, bzw. sind wir in der Auseinandersetzung damit, was wir erlebt haben.
Völlig unerheblich, ob jemand Drittes sagt, was genau es denn nun war. Satanistenvergewaltiger oder Snufffilmproduzenten, Weltverschwörungen oder Budenzauber – das ist scheiß egal, denn es hat wehgetan, es hat Todesangst gemacht und wirkt bis heute nach, egal, ob uns jemand glaubt oder nicht, ob wir uns gegen das Leiden entscheiden oder nicht, ob wir gegen Selbstmitleid und Bitterkeit ankämpfen oder nicht.

Weshalb wir die wissenschaftliche Definition dieser Form der Gewalt begrüßen und auch eine strafrechtliche Anerkennung für wichtig halten, ergibt sich aus den Kontexten, die genau das verlangen.
Es ist der gleiche Kacketanz, wie um die Diagnose der DIS und anderer Diagnosen, die mit posttraumatischer Stressverarbeitungsproblematik zu tun haben. Es ist egal, ob wir es Blümchenneurose oder Hasenbartkringel nennen. Wichtig ist die Benennung und Einordnung dessen was passiert, weil Hilfe und Unterstützung auf eine solche Einordnung und Benennung bestehen.

Das heißt: auch da sind wir als konkret betroffene Person nicht mit unserer Glaubhaftigkeit relevant sondern damit, dass uns mit Macht befähigte Menschen in eben dieser Glaubhaftigkeit würdigen.
Und das ist, worüber niemand in dieser ganzen Suppe redet.

Wir werden nicht gewürdigt als die die wir sind, sondern als die, die gerade gut gebraucht werden, um die eigene These, politische Haltung, wissenschaftliche Überzeugung, weltbildliche Ansicht zu bestätigen.
So geht man mit Minoritäten um. Mit diskursiv Unterlegenen. Mit Opfern.

Es ist eine verbreitete Art die eigenen Thesen in einer Auseinandersetzung oder auch in einer Diagnosefindung oder einer wissenschaftlichen Studie einzig mit Beweisen dafür zu belegen. Das geht schnell, dafür ist der Wissenschaftsbetrieb, der Krankenhausbetrieb ja da. Schnell, sauber, ohne Widerredemöglichkeit in der Argumentation, weil sich dort nur Positivbeweise finden lassen.
Der Weg den Carl Popper beschrieben hat, findet bis heute noch viel zu wenig Anhänger.
Er sagt: eine These hat nur dann Bestand, wenn alles was dagegen zu sagen ist, nicht dazu führt, dass sie in sich zusammen fällt.

Warum wird das zu wenig gemacht?
Weil es zu wenigen Menschen um die Sache selbst geht.
Denn es gibt viel zu verteidigen.
Hilfe, Solidarität, Unterstützung ist Krieg in unserer Gesellschaft und das ist doch das eigentliche Absurdikum.

Einfach hingehen und unterstützen – nein das geht nicht, wir müssen erst Aufmerksamkeit, dann Glauben schenken wollen, können, dürfen. Denn genau das ist die Ware mit der gehandelt wird, als sei es keine nachwachsende Ressource der zwischenmenschlichen Interaktion, sondern das, woraus man sich Deutungshoheit, Macht und Sicherheiten zusammenbaut.

Einfach kritisch sein, nachfragen, forschen und erkunden – nein das geht nicht, wir müssen erst sicher sein, das weder wir selbst als Person noch unser sozialer Status und alles, was daran gebunden ist, dadurch nicht in Gefahr gerät.

Man nimmt sich selbst so viel damit und wir kommen bis heute nicht daran, was es ist, das Menschen dazu bringt so zu sein, zu denken, zu handeln und: zu fürchten.

Vielleicht ist das ein Auseinandersetzungskreis. Denn wir fürchten solche sozialen Statusverluste nicht und sind reich an Aufmerksamkeit für so ziemlich alle Dinge, die uns angetragen werden.
Ob wir belogen werden, merken wir selbst in der Regel als letzte Person im ganzen Raum und können selbst dann noch anerkennen, dass wir deshalb nichts verloren haben, was für uns wirklich und richtig und ehrlich echt von Bedeutung ist.

Und das ist, was wir nicht verstehen.
Warum das bei anderen Menschen nicht auch so ist.

Und das ist der Grund, weshalb wir uns hier nicht anders positionieren.
Es geht dabei nicht um Ignoranz der Debatte oder darum sich dem aus Selbstschutz nicht zu widmen.

Es geht darum nicht erneut zum Opfer zu werden und anzuerkennen, dass es in diesem Diskurs absolut 0 um uns, unsere Erfahrungen und die Frage, wie wir damit in Bezug auf die Realität, in der wir jetzt leben, zusammen mit anderen Menschen und den gegebenen Strukturen umgehen.

Wir haben weder die Gewalt überlebt, noch die prekäre Lebenssituation, in der wir bis heute sind, um uns für solche “Debatten™” herzugeben. Dafür nicht.
Niemals.

Wir haben unser Päckchen, wir haben unsere Zweifel.
Wir schmeißen jeden Tag immer wieder aus reinem Eigeninteresse Gegenthesen und Alternativen auf das, was wir uns erarbeiten und manchmal in extrem fragmentierter Form erinnern.
Und damit sind wir scheiße nochmal seit Jahren alleine.

Das ist was weh tut. Das ist was uns an der Aufmerksamkeit, die solche Veranstaltungen und „Debatten™“ ziehen, wirklich zeckt. Und das ist, was wir kommenden Generationen nicht mehr zumuten wollen.
Wir wollen, dass sich die Verhältnisse ändern.

Liebe, Hass und Eigenverantwortung

“Ich hasse Autisten”, schreibt Julia Booa unter ein YouTube-Video, in dem es um die Therapie eines Kindes geht.
”Dieser Kanal hat keine Inhalte”, steht in ihrem YouTube-Profil.

Hass im Netz ist im Moment ein großes Thema in meiner Netzumgebung und ich merke: Nur die wenigsten setzen sich damit auseinander, was Hass ist.

Ist Hass eine Tat? Wenn ich mir die Texte und Talks der letzten Monate (Jahre) ansehe, dann ist ein jeder Kommentar auf einen Tweet, ein Video, ein Foto, das man ins Netz gestellt hat, um etwas mit.zu.teilen, der nichts weiter tun soll, als weh zu tun, zu verunsichern, zu entmachten, der pure Hass.
Genauso schlimm wie Unterkünfte für Geflüchtete anzünden, Steine schmeißen oder den Kopf eines Schweins an eine Moschee oder Synagoge nageln.

Da ist sie. Die Schlimmskala unserer Gesellschaft.
Was am krassesten weh tut ist Hass und Gewalt. Wem was warum weh tut, spielt eine untergeordnete Rolle. Was zählt ist der Schaden und worin der Schaden liegt, das bestimmen jene, denen die Macht zur Bestimmung und Wertung verliehen ist. Autoritäten also. Nicht die zu Opfern gewordenen. Nicht die Verletzten.

Ich folge einigen Transpersonen auf Twitter.
Was ihnen entgegenschlägt ist Hass. Doch nicht jeder Tweet, der schmerzt – selbst mir, die_r überhaupt nicht gemeint ist – ist Hass an sich. Obwohl er aus Verachtung, Hass und Ignoranz heraus formuliert und adressiert wurde.

Das ist wichtig zu differenzieren, denn es bedeutet eine Verortung des Hasses weg von der Tat, hin auf die Person, die ihre Tat zur Kommunikation eines von ihr internalisierten und/oder anerzogenen und/oder aus Gründen proaktiv vorgegebenen Hasses gewählt hat.
Denn nicht die Tat verkörpert den Hass. Es ist die Person, die ihn in Wort und Tat kommuniziert, nachdem sie ihn – bewusst oder unbewusst, allein oder in Gruppenprozessen – in sich getragen hat, wo er zu etwas heranwachsen konnte, das als solcher mehr oder weniger klar als Hintergrund jeglicher Kommunikation erkennbar ist.

Ein Vorschlag zum Umgang mit Hass im Netz war Liebe. Und Zeugenschaft. Solidarität.
Als wäre das keine längst widerlegte Idee, mit dem Gegenteil von Irgendwas, Irgendwas anderes erreichen zu können.

Und überhaupt. Was ist denn Liebe?
Und wie wird diese kommuniziert?

Ist es Liebe, wenn ich nur noch ein Wassereis im Kühlschrank habe und auf die Erfüllung des Wunsches mit jemand anderer_m zusammen jeweils eins zu essen, verzichten kann, weil ich weiß, dass die Person Eis mag und sich freuen würde? Ist es dann keine Liebe mehr, wenn ich das Eis dann doch selbst aufesse, weil es draußen 38°C hat und die Person noch nicht da ist?

Wie auch immer die eigene Antwort auf die Frage danach, was Hass oder Liebe sei ausfällt, halte ich es für unübersehbar, dass es sich bei beidem um etwas handelt, das sowohl aus dem Sozialen entsteht, als auch damit kommuniziert wird.
Es sind Gefühle, die Menschen miteinander zeugen, gebären, entwickeln lassen.

Die Wikipedia schreibt zu “Hass”:

“Hass entsteht, wenn tiefe und lang andauernde Verletzungen nicht abgewehrt und/oder bestraft werden können. Hass ist somit eine Kombination aus Vernunft und Gefühl. Die Vernunft ruft nach dem Ende der Verletzung und nach einer Bestrafung des Quälenden. Laut Meyers Kleines Lexikon Psychologie ist das Gefühl des Hasses oft mit dem Wunsch verbunden, den Gehassten zu vernichten. Das Gefühl des Hassenden ist das des Ausgeliefertseins, der Gefangenschaft, der Wehrlosigkeit.”

Demnach ist Hass eine Traumafolge(“störung”), die sich in der Vernichtung eines als Aggressor_in gedachten/erlebten/eingeordneten Gegenübers ausdrückt.

Mir persönlich fällt es schwer, Menschen, die anderen Menschen über das Internet, aber auch über Strukturen und andere Kanäle verletzen, demütigen und diskriminieren, so zu sehen.
Ich kann die “tiefe und lang andauernde Verletzung” nicht erkennen, welche die schlichte Existenz von Transpersonen, Queers oder Nonbinarys, von Schwarzen, von WoC, PoC, von Autist_innen und anders Behinderten, von Armen, von Nichtheterosexuellen, von Juden, von Sinti und Roma, von Dicken und Fetten … you name it – für manche Menschen bedeuten soll, kann, will, muss.

Noch schwerer fällt es mir, die Phantasie dafür aufzubringen mir zu überlegen, was genau denn da verletzt werden könnte. Ist es ganz banal und einfach nur ein Selbstbild oder noch banaler das Ego? Oder ist es ganz kompliziert und das komplett Eigene, das in der Welt passieren will?

Ich habe mich im Zuge der Auseinandersetzung mit dem eigenen Autismus gefragt, wo der Hype um Liebesgeschichten mit autistischen Charakteren herkommt.
Ich brauchte nicht lange suchen, um den Hass zu finden.
Die Idee, dass Menschen, die keine (für unser Dafürhalten: offensive) Liebesperformance machen oder offensichtlichen Hass kommunizieren, absolut emotionsbefreit seien. Und damit: nicht menschlich. Kein empfindsames und gleichsam empfindliches Gegenüber. Ganz und gar anders.

Eine permanente Kränkung des Bedürfnisses/Wunsches nach Nähe, Einigkeit und Kongruenz, das die meisten Menschen, die nicht autistisch sind, mit unzähligen sozialen Normen, Gesten und Riten kommunizieren und produzieren.

Eine Kränkung, die auch egozentrisch ist, denn sie kann weder die Kränkung der autistischen Person, noch das Leiden an der manchmal absolut unmöglich zu überbrückend erscheinenden Kluft anerkennen oder ihr gleichermaßen Raum geben.

Wir haben unser Leben lang gelernt, mit eben jener Kränkung alleinverantwortlich leben zu müssen.
Hass, Entwertung, Verachtung oder absichtliche Verletzung aus der absolut gleichen Kränkung heraus, wie sie uns neurotypische Menschen so oft haben fühlen lassen, war zu keinem Zeitpunkt eine Option für uns. Niemals.
Was uns im Leben außerhalb der Herkunftsfamilie erlaubt wurde und wir uns als pathologisch beschreiben lassen durften war und ist bis heute das Leiden darunter. Die Ursache war und ist manchen Menschen zwar sehr fremd, doch zu leiden ist ein Beweis für Empfindsamkeit. Für Menschlichkeit.
Es ist die Art wie Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie als Autoritäten herausdeklinieren, was Seele ist.

Warum geht jemand wie Julia Booa oder der Mensch hinter dem Eieraccount bei Twitter nicht eigenverantwortlich mit dem eigenen Hass um? Und warum ist genau das überhaupt nie die Forderung, wenn es um Hass allgemein, oder im Netz im Besonderen geht?

Auch hier geht es meiner Ansicht nach wieder um Autoritäten. Um Macht. Um die Folgen mangelhafter bis autoritärer Erziehung zum Miteinander, das, wenn schon nicht von Liebe und Fürsorge, so doch von Respekt und Anerkennung geprägt ist.
Es geht darum, dass solche Menschen noch nie mit dem Anderen leben mussten. Noch nie das Andere, das Fremde als etwas akzeptieren mussten, das eine Rolle in ihrem Leben hat, die völlig außerhalb von Autorität steht.

Es geht um eine Konzentration auf einen Kränkungsschmerz, der absolut keinen Platz mehr für eine Wahrnehmung eigener Sicherheiten oder Privilegien übrig lässt.
Und um ein Umfeld, das diese Konzentration nährt, statt sie als etwas zu verhandeln, das durchaus veränderbar ist. Und dessen Veränderung durchaus einzufordern bzw. abzuverlangen ist.

Ich möchte an dieser Stelle keinen weiteren Abschnitt über die Rolle von Opfer(haltungs)mythen oder die Entwicklung des Inklusionsbegriffs eröffnen, jedoch soviel zum Ende dieses Textes sagen: Es gibt nicht DIE Lösung für Hass und erst recht nicht DAS Patentrezept dafür, wie er zu verhindern sei.

Aber es gibt die lohnenswerte Auseinandersetzung mit der Frage, warum man es einer maximal unsichtbaren Entität, wie zum Beispiel einem Algorithmus, überlassen will, Menschen vor Hass zu schützen, jedoch keinerlei Energien in die Entwicklung von Strukturen oder Mechanismen, die eigenverantwortlichen Umgang mit Gefühlen jeder Art belohnen, unterstützen und verteidigen, steckt.

ein Igel, ein Hund, ein Tag im Sommer

Vielleicht ist es nur die Geschichte von einem Igel, der an einem Tag gleich zwei Mal vom gleichen Hund gefressen zu werden versucht wurde. Vielleicht ist es aber auch die Geschichte von einem Tag, dessen Besonderheit es war gleichzeitig weichweit und festdicht zu sein.

So ist es uns, wenn es Sommer ist und die Grenze zwischen uns und der Welt der kleine Lichthof ist, den die Sonnenstrahlen um unsere salzige Haut wirft. Da ist ein bisschen Wind und ein Flüstern in den Bäumen. Da fliegen Insekten und die Wiese riecht nach würzigem Heu.

Im Sommer sind alle da. Pflanzen, Tiere, Menschen, die vier Elemente.
Es ist, als müsste man niemanden mehr suchen. Es gibt kein Vermissen, wie im Winter. Keinen Abschied, den man sich so lang wie möglich wünscht, wie im Herbst. Auch das große Hallo, das man in der Brust klein dämpft, damit es die ersten zarten Blumen und Blätter nicht versehrt, bleibt aus.

Wir sind einfach da und passen fast nahtlos in die Welt hinein.
Dieses Gefühl entspannt uns. Macht uns weichweit wie die Mittagshitze, die man spürt, wenn man unter einem Baum auf einer Decke liegt und jemanden neben sich hat, die_r weder stört noch schmerzt.

So wie wir gestern mit J..
Nach einem Frühstück um 10 und einem Malzbier zum Mittag. Mit Gesprächsthemen von “Seebrücke statt Seehofer” zu “Was sind die Bedingungen zum Erhalt von Bafög?”.

Später arbeiteten wir unseren Kram ab, während sich die Mittagshitze draußen in einen schweren Mantel verwandelte. Und dann hörte ich Bubi draußen im Garten winseln. Bubi ist J.’s Hund. Ein schwarzer Spaddelkopp-Hund von drei Jahren mit Autoscooter-Schwanz und Drahtrauhhaar.

Als ich ihn fand, hielt er ein Bündel zwischen den Pfoten, in das zu beißen ihm Schmerzen bereitete. Was ihn aber nicht davon abhielt, es weiter zu versuchen. Auf den zweiten Blick sah ich, dass es ein Igel war. Angelüllert von blutigem Hundespeichel, festdicht geschützt von seiner Stachelverpackung.

Igel sind Parasitenschleudern. Das war ein erster Gedanke und man möge mir das bitte verzeihen. Zwei Jahre Pflegestellesein für Wildtiere und damit unzählige Floh-Milben-Würmer-Einzeller-Paraden, die durch meine Wohnung stampften, hinterlassen dann eben doch Spuren, die manchmal sogar die Möglichkeit einer tödlichen Gefahr für ein Lebewesen überstrahlen.

Wir brachten Bubi rein, begutachteten den kleinen schnell und flach atmenden Stachelball und legten ihn in einen Karton unterm Baum. Igel, die sich noch so fest einrollen können, haben zumindest kein akutes Problem mit Schwäche.
Wir ließen ihn allein und als wir später nochmal nachschauten, war er weg.

So schüttelten wir die Köpfe, J. und wir. Darüber was für ein Spaddelkopphund man sein muss, mehrfach von einem Igel abbeißen zu wollen, obwohl es offensichtlich weh tut.
Natur. So krass.

Das dachten wir auch, als wir später einen neuen Weg durch einen kleinen Wald gingen. Wir sahen Bäume, in deren vielen Astgabeln Spinnennetze wie Trampoline hingen und in der Sonne glitzerten. Horchten auf das Knistern des trockenen Laubs unter unseren Füßen. Genossen den kühlen Schatten des Wäldchens mitten im dörflichen Irgendwo.

Und am Abend, als wir schon satt und zufrieden über einem Gurkensalatrest saßen und wieder mitten in einem Gespräch waren, hörten wir Bubi bellen. Und dann winseln. Wieder im Garten.
Und ja, er hatte wieder einen, vielleicht und wie wir vermuten, auch wieder genau DEN Igel zwischen seinen Pfoten.

Diesmal blieben wir bei dem Igelschutzpanzerbällchen sitzen. Warteten auf seine Entfaltung und gaben ihm den Namen Hannes, der Dödel. Der ließ eine Weile auf sich warten, doch reckte schon bald seine spitze Lakritznase heraus und sah sich in dem Karton um.

mittelgroßer Igel im Pappkarton, neben im ist ein pinkes Handtuch zu erkennen, Perspektive ist vom oberen Kartonrand. Der Igel ist entrollt und schnuppert.

Wir sahen keine Verletzungen, nur jede Menge Moos, trockene Grashalme und Flechten.
So trugen wir ihn durch die dunkle Nachbarschaft in ein Gebüsch und ließen ihn als kleine feste Stachelkugel dort zurück.

Den Karton haben wir verbrannt. Igel sind Parasitenschleudern.
Die Hitze in der Feuerschale vor unseren Füßen, die Kühle der Nacht an unserem Rücken, J.’s Arm an unseren Schultern entlang, bildeten den Rahmen für das Ende dieses Sommerstages, der besser nicht hätte passieren können.

Leben. So krass.

der Triebwagenführer, das große Bild und unser Regal

Wir saßen in einem überhitzten Abteil auf dem Weg vom Praktikumsort nach Hause, als der Triebwagenführer vorbei kam. Die Klimaanlagen sind ausgefallen, lasst die Fenster zu, Kinderwagen werden an die dafür vorgesehenen Plätze gestellt, Füße vom Sitz. Sein sächsischer Dialekt richtete mir den Rücken auf.

Wir sind 32 Jahre alt. Die DDR haben wir nie bewusst erlebt. Aber ihre Hinterbliebenen. Und das sind oft Menschen wie dieser Triebwagenführer gewesen. Allzeit bereit.
Mit ihnen geht es mir wie mit Leuten aus Brandenburg und Berlin: Ich weiß nie, ob sie mich gerade anscheißen oder herzlich anknuffen. Vorschriften sind ein Muss, menschliche Gesten daneben aber auch.

So kam es, dass wir alles über die Klimaanlage erfuhren, dass es Zugbegleiter gab und dass er sich darum kümmerte, es so erträglich wie möglich für alle zu machen.
Am nächsten größeren Bahnhof gab es eine Zugwechselaktion. Dort war nur noch ein Abteil überhitzt, eine Notfallflasche kaltes Waser wurde besorgt. Für Fahrgäste, die es brauchen. Das erzählte der Triebwagenführer nachdem er allen Fahrgäst_innen und seinen Zugbegleitern für ihre Zusammenarbeit bei der Aktion gedankt hatte und erneut sagte, dass er sein Bestes gibt.

Wir haben schon Schlimmeres mit der deutschen Bahn erlebt und es war dieser Vergleich, der uns etwas anderes bewusst machte. Denn das, was der Triebwagenführer tat, als er uns dankte und seine Bemühungen mitteilte, war eine Bestätigung der Belastung und der Ungewöhnlichkeit der Situation für alle Beteiligten. Ohne sich selbst davon auszunehmen, indem er sich an die (westsoziale?) Vorschrift der Sachlichkeit und Autorität zurückzog.

Was es uns bewusst machte, war Folgendes.
Am Dienstag hatten wir einen Termin mit dem Begleitermenschen.
Wir haben beim “Fonds sexueller Missbrauch” beantragt, dass er für seine Arbeit mit uns bezahlt wird. Damit das geht, wurden wir darum gebeten den Umfang der Unterstützung und die konkreten Kosten dafür aufzulisten.
Und so saßen wir dann gemeinsam an unserem Schreibtisch und listeten.

Früher hatten wir ein Regal für Komplimente oder schmeichelhafte Bemerkungen über uns. Eine Distanzierungstechnik, die uns half über die Unsicherheit des Nichtwissens einer angemessenen Reaktion hinweg zu kommen. Seit dem Narzissmusding in der Klinik machen uns anlasslose bzw. nicht nachvollziehbare Komplimente und schon die Idee, wir könnten irgendwas ziemlich gut (geschweige denn besser als andere) nur noch Stress und Angst – wir befassen uns nicht mehr damit. Die Dinge, die wir schaffen und können, schaffen und können wir und fertig. Ein größeres Bild oder irgendwelche Gefühle dazu, lassen wir nicht mehr an uns ran.

Nun mussten wir zusammen darüber nachdenken, wie das war. Damals. Im Frühjahr und Sommer 2015 als wir uns kennenlernten. Wir uns und wir irgendwiealle den Begleitermenschen. Der trotz all unserer Helferdinger und Klapsentraumafolgeprobleme bis heute Wege findet, über die Dinge zu sprechen, die davon ins Jetzterleben getriggert werden und das Heuteleben be.ver.hindern.
Wie das war, als wir mit dem Aspergerdiagnosezettel in der Landschaft standen und erst mal nicht wussten, was das jetzt bedeutet. Was für Angst wir hatten, die Therapie bei unserer Therapeutin könnte deshalb enden.
Wie hilfreich es war, als er uns erklärte welche Mechanik hinter Autismusdiagnosen und Behandlungen steckt und was unser Zettel nach einem Fragebogen und einem Interview letztlich aussagt.

Wie das war, als wir erstmals über die Ausbildung mit ihm sprachen und wie gut es war genau so kleinteilig und zweifelsorgenzerklüftet über Wünsche, Sorgen und Ängste in Bezug darauf zu sprechen, wie es nötig war. Wie das vor dem Klinikding war und wie es bis heute hilft, dass er direkter Zeuge dessen war, was da alles so schlimm schief für uns gelaufen ist.

Und während wir über die Schule und seine Unterstützung dort sprachen, dachte ich, dass wir das schon längst mal hätten machen müssen: Uns das gemeinsame große Bild anschauen.
Von dem, was dieser Mensch da für uns tut. Seit inzwischen 3 Jahren, ohne dafür bezahlt zu werden und immer mit all unserem autistischen Traumakorks, der sicherlich weder einfach noch kurzweilig ist.
Nicht, um ihm den Heldengesang schreiben zu können, den er verdient, sondern um sowohl ihm als auch uns die Anstrengung, die Arbeit, die Außerordentlichkeit dieser Beziehung bewusst zu machen.

Denn es ist anstrengend. Es ist Arbeit. Es ist außergewöhnlich.

Vor dem Klinikding und der Ausbildung war das alles normal für uns.
Menschen sind anstrengend, Hilfe und Unterstützung erbitten, managen, annehmen und nutzen ist Klient_innenarbeit und, dass es jemand länger mit uns aushält, obwohl sie_r selbst nichts davon hat, ist krass außergewöhnlich.

Und nach dem Klinikding wurde diese Normalität für uns beängstigend. Denn wir sind ganz gerne mal stolz auf geschaffte Dinge. Gerade dann, wenn wir viel für oder an etwas gearbeitet haben. Dann wollen wir Bestätigung dafür. Wollen von anderen Menschen hören, dass sie Dinge unter Umständen auch anstrengend, arbeitsaufwendig und/oder außergewöhnlich finden. Zwischenmenschliche Kongruenz in der Einordnung solcher Empfindungen ist manchmal so eine Art Versicherung oder Legitimation. Eine Möglichkeit empfundenen Stolz als legitim und sicher an und vielleicht auch in sich selbst zu zementieren.

Wir haben das von uns weggeschoben. Stolz ist ja auch nicht konstruktiv. Sich selber bei oder wegen etwas gut finden – das ist kein Skill, der hilfreich ist, die Ausbildung gut zu durchlaufen oder an Dingen zu arbeiten.
Klick klack Robotermodus an. Dissoziationsmechanismen rasten ein.
Entferne dich von dir selbst, richte dich aufs Arbeiten, Ver_Dienen und Zer.eins.zelte ein.
Du bist nicht gut oder okay, du bist nicht schlecht oder scheiße.
Du bist, das reicht für dich, weil “in Wahrheit” ist das schon schlimm genug, um alles andere verwirkt zu haben.

Eine andere Ebene der Dissoziation, die uns nach dem Klinikding passierte ist die, ja “in Wahrheit” den Begleitermenschen gar nicht zu brauchen, neben “in Wahrheit” gefährdet zu sein, weil wir ihn eben doch brauchen, neben “in Wahrheit” nie zuvor genau diese richtige, wirklich hilfreiche Hilfe im Alltagsleben gehabt zu haben, neben “in Wahrheit” es niemals zu schaffen, wieder gut zu machen, zu entschädigen, zu entlohnen, was dieser Mensch für uns tut und getan hat in den letzten Jahren, neben “in globaler Echtwahrheit” keinen Grund zu haben zu glauben, wir hätten irgendetwas mit dem zu tun, was Produktives, Gutes, Bestolzbares aus der Arbeit mit ihm hervorgeht oder für uns entsteht.

Eine Ansprache wie die des Triebwagenführers hätten wir über die Arbeit mit dem Begleitermenschen nicht ertragen. Aber diese Liste war gut. Das Moment, in dem wir bemerkten, dass auch der Begleitermensch seine Distanzierungsmethoden hat und gleichermaßen nicht so bewusst hatte, wie viel er und wir schon gearbeitet haben. Es war gut, weil das Ziel der Auflistung nicht war uns das bewusst zu machen, sondern um das darzulegen, was de facto da ist. Ohne, dass irgendjemand daran herumdeuteln oder ein “in Wahrheit” daneben legen kann.

Es ist gut und tut gut zu sehen, dass da gute Sachen einfach gut laufen, weil wir zusammen mit dem Begleitermenschen gute Arbeit machen.

Mal sehen, ob wir uns das in unser Regal tun können.

Notiz: technischer Hintergrund

Diesmal sprechen wir direkt euch an. Unsere Leser_innen und Hörer_innen.

Im Zuge der Datenschutzgrundverordnung haben wir einige unserer Seiten gelöscht bzw. WordPress-Blogs auf privat umgeschaltet. Es ist einfach ein Pfund für uns als Privatperson den Schutz- und Sicherheitsansprüchen gerecht zu werden, die genau gleich auch an Firmen und Unternehmen, Behörden und andere Institutionen gerichtet werden.
So haben wir die Projekte offline genommen, die sowieso mehr ins buchstäblich Analoge gewandert sind (unsere fotografischen Arbeiten) und durch den Wechsel auf eine selbstgehostete Seite unnötig doppelte Arbeit bedeutet haben (die Seite zum Podcast, zum Nachwachshaus, andere Textseiten).

Stichwort „doppelte Arbeit“. Ja, die machen wir uns jetzt mit dem Blog von Vielen.
Das gibt es jetzt unter vieleineinemblog.wordpress.com und unter einblogvonvielen.org gleichzeitig.

Das hat damit zu tun, dass WordPress.com für andere Blogger_innen beim gleichen Anbieter komfortabler zu nutzen ist. Sie können ohne große Umstände kommentieren, teilen, rebloggen, liken. Sie wird die Werbeeinblendung auf der Seite tendenziell auch eher nicht stören oder dabei behindern, die Seite zu nutzen. Außerdem bleibt uns so auch ein Teil der Community nah bzw. lernen wir immer wieder mal „neue Blogger_innengesichter“ kennen.

Nachwievor können wir zur Werbung auf jedweder Webseite nur sagen: Benutzt Mozilla Firefox und installiert euch Adblocker. Auf der Webseite von Mozilla findet ihr eine Anleitung dazu.
Neben Adblockern findet ihr dort auch Addons, die eure Privatsphäre schützen helfen und vieles mehr.
Sich ein bisschen damit zu befassen, hilft der Eigenverantwortung als User_in nachzukommen und sich das Internet leichter zugänglich zu machen.

Auf der selbstgehosteten Seite sieht es mit der Nutzung ein bisschen anders aus.
Wer einfach nur gern Text lesen möchte, ohne zu kommentieren oder Kontakt zu einer Community zu haben, fühlt sich dort vielleicht auch ganz wohl.
Um zu kommentieren muss man Glück haben, denn meistens vergessen wir dort schlicht diese Funktion zu aktivieren. Bestimmt gibt es noch einen special WordPressTrick womit man sich das erleichtern kann, ich habe ihn noch nicht herausgefunden und einfach auch noch genug andere Sachen zu tun, als eine Kommentarfunktion aufzubauen, die auch auf einer anderen Seite möglich ist.

Geblieben sind die Möglichkeiten, die Seiten zu abonnieren.
Mit einer Emailadresse oder einen WordPress.com-Account kann man sich anmelden und über die neuen Beiträge per Mail informiert werden. Außerdem gibt es einen RSS-Feed.

Beim Podcast läuft das Ganze nochmal ein bisschen anders.
Das Podcast ist eine Audiodatei, die klassischerweise über den Browser gehört wurde, heute jedoch mehr und mehr über das Smartphone konsumiert wird.
Wir bieten euch auf viele-sein.viele-leben.de unsere Podcastfolgen an.

Auch diese Beiträge (pro Artikel gibt es eine Podcastepisode) könnt ihr per Email oder RSS-Feed abonnieren.
Episoden „mitnehmen“? Kein Problem.

Mit einem Rechtsklick auf den (schwarz-grauen) Audiobalken in (aktuell fast) jedem Beitrag öffnet sich ein Menü.
Dort klickt ihr „Ziel speichern unter“ und speichert euch die Episode auf dem PC oder ein anderes Speichermedium.

Bei den Soundcloudfenstern findet ihr oben rechts in der Ecke ein Symbol für „Download“.
Noch benutzen wir Soundcloud als Hoster, weil Technik. Es lohnt sich nicht mehr sich dort einen Account zu machen, um uns da zu folgen. Im Laufe dieses Jahres werden wir unseren Account dort löschen, um Kosten zu sparen.

an dieser Stelle nochmal der Hinweis auf die Möglichkeiten uns und das Podcastprojekt finanziell zu unterstützen

Als letzte Option, wenn ihr ein Smartphone besitzt: ladet ihr euch einen Podcatcher runter. Davon gibt es viele, wir benutzen „Antenna Pod“, weil er uns genug Funktionen auf einer übersichtlichen Front zeigt.
Dort könnt ihr euch die Podcastepisoden von „Viele-Sein“ runterladen und direkt anhören.

Die Webseite vielesein.wordpress.com haben wir auf privat gestellt. Dort wird in absehbarer Zeit erstmal keine Podcastepisode hochgeladen. In naher Zukunft wollen wir erst einmal Ordnung und mehr Benutzungsfreundlichkeit in das Podcast bringen und erst, wenn nicht mehr jede Podcastepisodenproduktion und -hochladung ein pain in my beautyful ass ist, dann öffnen wir auch diese Seite wieder.

 

Dieser Text ist entstanden, weil wir in letzter Zeit vermehrt Anfragen hatten, ob wir jetzt gar keine Kommentare mehr wollen, was mit der Podcastseite ist oder, ob wir jetzt bald alles aufhören, weil wegen Datenschutzgrundverordnung.
Also: tl,dr: Kommentare gehen unter vieleineinemblog.wordpress.com, Podcast gibts unter
viele-sein.viele-leben.de und im Podcatcher, Aufhören ist keine Option.

Ich hoffe damit sind erstmal einige Dinge klarer und nutzbarer?
Wenn nicht: Fragen hilft.

jeder Tag ein Abenteuer

Es hatte auf einem landwirtschaftlichen Weg gelegen, dieses rosa Hakengummidings. Das Plastik am Haken abgeplatzt, etwas verstaubt, aber ohne diese Risse, wie sie meine Hakengummidinger haben.
Wir klemmten es uns ans Rad, trugen es von der Insel Fehmarn bis nach Hause.

Vorhin ergab sich vor dem Supermarkt eine Szene. Eine Person fragte mich, ob ich helfen könne. Ein Teil des Einkaufs war vom Fahrrad des Kindes gefallen. Wir verschenkten das rosa Hakendings und dachten: Genau dafür haben wir es gefunden.

Jetzt, wo die Tour seit über einer Woche vorbei ist, wollen wir am liebsten schon wieder los.
Der Zukunftsgedankenkreisel ist noch nicht durch. Waren wir losgefahren, um Luft in den Kopf zu bekommen, so haben wir vielleicht doch nur Fahrtwind geschafft.
Wir sind nicht bedrückt davon. Aber unschlüssig. Und obwohl wir nun einen Plan haben, der sich gut und richtig anfühlt, ist er zu kurz, denn er deckt nur etwa ein Jahr ab und verspricht so gar nichts über das Danach.

So viel Zukunft hatten wir noch nie in der Hand. Mit so einem Fachabitur hat man viele Möglichkeiten.
Wir könnten etwas studieren, was das Nachwachshaus auf feste Füße stellt. Könnten so viel machen.
Könnten.

In der Realität ist dafür nach der Schule aber ziemlich sicher keine Kraft mehr dafür da. Beziehungsweise: nicht mehr genug zerstörerische Rücksichtslosigkeit uns selbst gegenüber. Was wir vor zwei drei Jahren noch dissoziiert haben, ist jetzt bewusst und nicht mehr zu verantworten.
Leistungsdruck, Performancedruck, die Behinderung, die Traumatisierung.
Wir und das deutsche Bildungssystem.

Wir lernen unheimlich gern. Jeden Tag irgendetwas, was dann doch eigentlich nie irgendjemanden interessiert. Wir sind Student_in. Schon unser Leben lang. Aber unser Forschungsfeld wird nicht gelehrt. Das wird gelebt. Von anderen als uns.

Es ist schwierig weder als faul noch verschwenderisch mit dem eigenen Potenzial umgehend zu gelten. Noch schwieriger damit umzugehen, wenn Menschen das Beste für uns wollen, wir aber wissen: selbst das Üblichste, Normalste – das Basispaket, das gar nicht mal so Beste, sondern einfach Genugste ist schon etwas, das nicht so einfach zu bekommen, nicht so einfach zu halten ist.

Tagsüber lesen wir Broschüren über das Studieren mit Kind, Beruf und Handicap. Am Abend gibt es YouTubevideos von Alpenüberquerung und anderen Langstreckenwanderungen. Irgendwo dazwischen schweben Wünsche um Familiengründung und das einfach nur Schreiben können.
Kurz vorm Einschlafen ist da wieder das Nachwachshaus, das wir nicht nach mühseligem Aufbau an Leute verlieren wollen, die studiert haben, wie man Leute wachsen lässt. Oder an Leute, die studiert haben, wie man Recht hat, obwohl man im Unrecht ist.

Als ich der Person mit dem Kind auf dem Fahrrad “Jeden Tag ein Abenteuer” zurufe, denke ich: Ja. Jeder Tag ist ein Abenteuer und jedes Morgen ein Mysterium. Egal, was man tut und warum. Mehr als es zu leben, können wir gerade nicht entscheiden.

note on “Ella Schön”

Anfang des Jahres wurde die ZDF “Herzkino”-Serie “Ella Schön” mit zwei Teilen erstmals online gestellt.
Aufgrund hoher Sichtungen wird diese Reihe fortgesetzt.

Wir haben uns Teil 1 “Die Inselbegabung” und Teil 2 “Das Ding mit der Liebe” angesehen.

Zugegeben – hohe Erwartungen hatten wir nicht.
Zum Einen, weil es eine ZDF-Produktion ist und wir in der Regel nicht zur Zielgruppe dieses Kanals gehören. Zum Anderen, weil wir natürlich die kritischen Tweets von ~”Autismus-Aktivist_innen”~ mitbekommen haben, als der erste Film angesehen werden konnte.

Und doch: uns haben sie gefallen und wir freuen uns auf die Fortsetzungen.

Worum geht es?

Kurz gesagt geht es um Ella, deren Ehemann verstorben ist. Dieser Ehemann hat auch mit Christina zusammengelebt und zwei Kinder mit ihr gehabt. Nach seinem Tod will Ella das Haus verkaufen, in dem Christina lebt.
Aus dieser Konstellation ergibt sich ein Handlungsstrang, der davon geprägt ist, dass Ella anders kommuniziert als Christina (und viele andere Menschen) und viele unterschiedliche Interessen aufeinander treffen.

Auch der zweite Film lebt von dieser sozialen Konstellation und einer Geschichte voller kleiner und großer sozialer Konflikte.

Die Filme funktionieren. Egal, wie Ella ist oder nicht ist.
Und das macht sie gut für uns.

Ella lebt mit dem Asperger Syndrom und wird als klare, strukturierte Person mit wenig Mimik und präziser Sprache dargestellt.
Ja, das ist ein Stereotyp. Ja, das ist etwas, das nicht alle Menschen, die mit Asperger bzw. auf dem Autismusspektrum leben, repräsentiert.
Das ist für viele nicht schön, das ist nicht realistisch. Das ist Fernsehen, das ist Fiktion.

Und es hätte noch viel schlimmer kommen können.

Das ist zwar nichts, wofür man, insbesondere als selbst mit Autismus lebende Person, dankbar sein sollen müsste, aber doch. Es gab und gibt schon weitaus schlimmer verzerrende Filme, in denen autistische oder popkulturell aufbereitet “socially awkward like autistic” Charaktere dargestellt wurden und werden.

Ella Schön ist eine konzentrierte, beherrschte Person, was Anette Frier, unserer Ansicht nach, großartig spielt. In dieser Figur sind außerordentlich wenig “weirde” Quirks verpackt, was sehr dazu beiträgt sich für die Geschichte zu öffnen.

Ihr Autismus kommt in Form einer Erklärung weshalb sie keine Rechtanwältin ist, zur Sprache und danach nie wieder von ihr selbst. Ein anderes Mal sagt Christina so etwas wie, Ella hätte einen Knall mit ihrem Asperger-Quatsch. Und das wars. Es gibt keine Szene, in der die Leute zusammensitzen und erst mal erklärt bekommen, was das ist und was sie deshalb alles kann und nicht kann.
Ella äußert selbst was ihr Schwierigkeiten bereitet – und lässt dabei offen, ob es einen Zusammenhang mit dem Asperger-Syndrom gibt, oder nicht.

Ich halte das für näher an der Realität autistischer Erwachsener, als vieles andere und einen weiteren Pluspunkt an den Filmen.

Es gibt noch mehr Szenen und Aspekte, die ich als in dem Film sehr nah an der Realität befindlich dargestellt einordne. Beispielsweise Ellas berufliche Situation. Sie arbeitet in einem Callcenterbüro, statt in einer Anwaltskanzlei, weil sie das Referendariat nicht abgeschlossen hat. Sie hat einfach keine Kanzlei gefunden, in der sie das schaffen konnte. Im Laufe des Films trifft sie auf den Anwalt der Insel, der beeindruckt ist von ihren fachlichen Fähigkeiten und ihr die Möglichkeit gibt, bei ihm das Referendariat zu machen.
Das ist eine, wie ich das nicht erst seit der eigenen Diagnose und Recherche immer wieder beobachte, Situation die für erwachsene Autisten (und andere behinderte Menschen) auf die eine oder andere Art zukommt. Der Umstand, dass es selten bis nie darum geht fachlich, sachlich etwas nicht zu schaffen oder zu können oder lernen – sondern immer wieder darum, diese Dinge nicht so und nicht dort machen zu können, wie von etablierten Strukturen und Normen definiert.

Es wird sichtbar was für ein Glück und damit unsteuerbares, unkontrollierbares, unselbstherstellbares Geschehen für so oder auch anders behinderte Menschen von Nöten ist, um berufliche Teilhabe und Aus_Bildungschancen zu erhalten.

Der Anwalt in dem Film erinnert mich sehr an all die Lehrer_innen, Freund_innen und Unterstützer_innen in unserem Leben. Er ist beeindruckt von Ellas Können und hat keine Zweifel an ihren Kompetenzen, allerdings auch keine Idee davon, was sie braucht, um immer wieder entstehende soziale Schwierigkeiten zu lösen.

Auch das ist ein sehr realistischer Anteil an dem Film. Wie die Menschen versuchen Ella zu helfen, ohne, dass sie helfen. Sie sagen ihr, was sie tun soll und was erwartet wird. Sie sagen ihr “Hier macht man das so”. Den letzten Dreh, den es braucht damit die Anpassung nahtlos klappt, schaffen weder Ella, noch die Menschen um sie herum. Es bleibt eine Kante. Ein Unterschied. Etwas, das wie ein Anderssein von Ella zu lesen ist, aber doch nie mehr wird, als eine Facette, die Normalität auch haben kann.
Ella ist kein Sonderling. Sie wird nicht ausgegrenzt. Man findet einen Umgang miteinander, in dem das Andersalsüblich das Geschehen mitgestaltet, wie alles andere auch.

Die Filme schaffen es dem Roboterstereotyp, das derzeit gerne genutzt wird, um Menschen mit Autismus darzustellen, eine Ebene an die Seite zu stellen, in denen Ellas Gefühlswelt sehr viel Raum gegeben wird.  Die gewählten Bilder dieser Szenen haben eine sehr klare, strukturierte Ästhetik, trotz der stärkeren Dynamik darin.
Ella muss nicht weinen, um sich schlagen oder schreien, wenn sie verzweifelt oder traurig ist, um vom Zuschauer als verzweifelt oder traurig gesehen zu werden. Das ist, was nur Film kann und hier sehr schön genutzt wurde.

Was erwartet die Zuschauer_innen noch in diesen Filmen?

Wunderschöne Ostseebilder. Viele Szenen am frühen Morgen und späten Nachmittag. Ostseeklischees, wie ein Chantychor und Fischer in hohen Gummihosen, damit man auch ja nicht vergisst, wo der Film spielt.
Es gibt eine angenehm unterstützende, jedoch nicht treibende Filmmusik, die Ellas Geradlinigkeit genauso wie die bunte Funktionsquirligkeit von Christina und ihrer Familie unterstützt.

Auch schön: Christina ist schwanger und natürlich wird das Kind noch in dem Film geboren. Allerdings weitaus undramatischer, als man das von Filmgeburten so gewohnt ist.

Und selbstverständlich muss sich Ella noch verlieben. Das ist ja der heiße Scheiß. Autist_innen und Liebe.
Dieser Strang beginnt im ersten Film peinlich und klischeehaft, wie zu befürchten war, nimmt im zweiten jedoch einen weitaus realistischeren Verlauf und gibt sowohl Ella als Charakter, aber auch Christinas Beziehung zu ihrem besten Freund mehr Tiefe.

Wie gesagt: wir verstehen die Kritik von Aktivist_innen an den Filmen und stimmen damit in Teilen überein.
Jedoch bietet die Filmreihe zum Einen für uns viele Szenen des Alltags, die wir mit anderen Menschen anschauen können, um über das gemeinsame Miteinander zu sprechen und zum Anderen habe ich den Eindruck, dass viele Kritiker_innen schneller mit ihrem (oftmals scheinbar schon von vornherein bestehendem) Urteil waren, als mit der Analyse unter Berücksichtigung des Kontextes, in dem Filme konzipiert und produziert werden.

Denn: Natürlich können und sollten konkret Betroffene sich darüber äußern, wie Menschen, die etwas mit ihnen gemeinsam haben, in Film und Fernsehen repräsentiert werden.
Doch dann ist es zu spät. Der Film ist fertig und veröffentlicht.
Solcherlei grundlegende Kritik an Filmen zu äußern, halte ich für medienwirksam, jedoch nicht konstruktiv.
Was es braucht ist meiner Ansicht nach auch nicht “mehr Aufklärung”, wie es Herr Knauerhase, der seinerseits Geld damit verdient Menschen über Autismus aufzuklären, in einem Interview vorschlägt.

Aufklärung kann nur erfolgreich sein, wenn ihr Fehlen als behindernd an_erkannt ist.
Das heißt: Wenn jemand von mehr Information auch wirklich profitieren kann.
Da kommt der Kontext des Filme- und allgemein Medienmachens für mich ins Spiel. Es ist nämlich keine Hürde schlecht über Dinge informiert zu sein, wenn man eine Geschichte erzählen möchte. Es ist weder verboten noch sonstwie hinderlich für Einschaltquoten oder Auszeichnungen, Scheiße produziert und veröffentlicht zu haben.

Bei der Produktion von Film und Fernsehen geht es nicht um reale Personen. Es geht bei Ella Schön nicht um “die Autist_innen” oder “den Autismus”. Es geht um die Geschichte, um Geld, um filmisches Handwerk.
Das muss nicht so akzeptiert werden. Das ist keine Legitimation für eine Repräsentation, die falsch oder stereotyp ist und sehr viel Antistigmatisierungsarbeit zunichte macht.
Aber das sind Aspekte, die aufzeigen, wo die Wurzeln der Rollenklischees auch ihre Nahrung herbekommen und damit ebenfalls etwas, wo Kritik gleichsam ansetzen sollte, um Veränderungen anzustoßen.

Und was bitte nicht vergessen werden darf: Ja, nicht alle Autist_innen sind wie Ella Schön.
Aber manche eben doch. So viel Differenzierung muss sein. Vor allem, wenn man sich schon dafür stark macht immer wieder zu sagen, dass Autismus ein Spektrum ist und also jede_r Autist_in anders.

Eine abschließende Bemerkung.

Wir schauen ungern fiktionale Filme. Außer Superheld_innenfilme und Science Fiction.
Soziale Schnörkelgeschichten wie Liebesdramen oder solche Geschichten, wie die um Ella Schön, sind uns zu undurchsichtig, irritierend, letztlich auch oft unverständlich.
Durch den Charakter der Ella Schön und ihre Reaktionen, Fragen und Konflikte, fiel es uns sehr viel leichter dem Geschehen der Filme zu folgen und auch emotional mitzuschwingen, als Filmen, in denen wir als Zuschauer_in allein mit diesem Konflikt bleiben und ihn nicht aufgelöst bekommen, weil entscheidende Informationen mit Nahportraits von uneindeutigen Gesichtsausdrücken oder Körperhaltungen vermittelt werden, statt mit klaren Worten bzw. Dialog.

Für uns ist diese Filmserie also auf dieser Achse ein Gewinn. Wir konnten einer Geschichte folgen, die wir ohne den autistischen Charakter darin, vermutlich nicht so verstanden hätten.
So kann barriereärmeres Fernsehen also auch aussehen.

unterwegs #9, Tourende mit Erkältung

Am Morgen des letzten Tages wachen wir mit Halsschmerzen, diesigem Kopf und Schmerzen auf.
Ungewöhnlich daran sind für uns nur die Halsschmerzen. Und die können ja viele Ursachen haben. Schnarchen zum Beispiel.

Wir machen langsam, aber voran. Wollen heute Nachmittag bei J. ankommen, Kaffee trinken, quatschen, Spaß haben.

Keine 2 Stunden später fühle ich mich richtig schlecht. Da bin ich schon 20 Kilometer aus Lüneburg raus und damit auch aus der Zivilisation, die mein Alltag ist. Es gibt keine Geschäfte mehr außer Gasthöfe, Pensionen und Restaurants und keine Bahnhöfe. Der Bus fährt einmal in der Stunde, wenn überhaupt. Es gibt Mitfahrbänke, aber mit dem Rad und dem, was wir nun als Erkältung identifiziert haben, wollen wir nicht darauf setzen, dass uns jemand mitnimmt.

Wir sagen J. Bescheid, fahren weiter. Denken, dass sich schon eine Möglichkeit ergeben wird. Wir finden sicher einen Bahnhof irgendwo. Und wenn wir bis nach Soltau müssen. Wir fahren weiter. Schieben zwischendurch. Setzen uns alle paar Kilometer hin.

Zwischendurch zeigt unser Fahrradcomputer, dass wir 2000 km gefahren sind, seit wir ihn haben. Also knapp ein Jahr. Um uns herum blühen Kartoffeln, es ist schwül. Wir frösteln.

In Sodersdorf gibt es keinen Bahnhof mehr. In dem Haus wohnt jetzt jemand mit einem Kater, der Robin heißt und seinen kleinen Kopf in unsere Hand schmust.
Was es in Sodersdorf noch gibt, ist eine Ausgrabungsstätte. Zwei Gräber und Grabmale aus der sogenannten Vorzeit, die wir uns anschauen und bestaunen.

Es ist doch bemerkenswert, dass, was diese Menschen hinterlassen haben, der Ausdruck ihrer Verehrung oder mindestens Wertschätzung ihrer Verstorbenen ist. Und nicht eine Schicht Plastik, ein zerstörtes Weltklima und tausende ausgerottete Arten, als Ergebnis der Habgier, Bequemlichkeit und Überheblichkeit, die unsere Epoche prägen.

Die Zeit vergeht. Wir rollschieben uns bis Soltau und wollen dann auch nichts weiter als liegen, warten, schlafen.
Es kommt ein Zug, wir fahren bis Hannover, von dort aus zu J.
Am Zielbahnhof finden wir eine schwarze Ledermappe am Wartehäuschen. Sie gehört wohl jemandem im Ort, ein DB-Häuschen gibt es hier nicht. Wir nehmen sie mit. Vielleicht kennt J. die Adresse.

Der Rest ist ankommen, ruhen, Schmerzmittel und spüren, wie sich der Rotz seinen Weg nach draußen sucht.

J. trägt die Mappe weg, bringt Essen mit.
Wir gehen bald ins Bett.

Es ist nicht das Tourende, das wir uns gewünscht haben, aber doch der beste Zeitpunkt, um auf einer Radtour krank zu werden.

unterwegs #8, glückliche Zufälle

Heute morgen war die Routine drin. Heringe raus, Ecken aufeinander, klapp klapp und einrollen – fertig ist das perfekte kleine Zeltröllchen.

Ein kleiner Frosch klettert über unsere Sachen, als wir mit dem Morgenkaffee in der Hand auf der Zeltwiese sitzen. Die Sonne geht auf und verbreitet eine Ahnung von Wärme.

Kurz bevor wir losfahren, treffen wir eine Person, die uns fragt, wo es hingeht und, wo es herkam. „Ja ja un‘ wenn mans eenamol anfangt da kann man nett mea aeufhöre, gä?“. Recht hat sie. Es hat uns, das unterwegs sein, aber froh sind wir doch nur noch heute und morgen zu fahren.

Wir beginnen den Tag mit Gegenwind und trotz schöner Streckenführung am Trave-Elbe-Kanal und später an der Elbe selbst lang, müssen wir uns heute sehr motivieren.

Vor Fredendorf oder so ähnlich zieht sich eine Baustelle vom Straßenunterhaltungsdienst. Am Ende einer Reihe von Witzen dazu, ist auch die Absperrung zu Ende und wir sehen eine wunderschöne Collie-Mix-Hündin auf der anderen Straßenseite.

Sie sieht uns. Und kommt auf uns zu. Während ein roter Laster auf die Straße kommt.

Wir gehen in die Eisen, halten uns die Ohren zu und drücken die Augenlider so fest es geht runter.

Nichts passiert. Der Laster passiert, das nächste Auto stoppt. Die Hündin tänzelt fröhlich schwanzwedelnd auf uns zu.

Mir ist schlecht und schwindelig. Wir lassen das Tier nicht mehr los. Es hat keine Marke am Halsband, an dem wir zwei unserer Spannhakendinger befestigen, um sie anzuleinen.

Wir laufen, das Fahrrad und den fröhlichen Hund balancierend, die Straße rauf und finden einen Bioladen. Die Verkäuferin kennt die Hündin nicht. Die völlig perplexe Besitzerin, die zufällig gerade dort einkauft, aber schon.

„Das ist unser Hund – ich dacht grad schon ‚Hm sieht ja aus wie unser Hund‘ – Was machst du denn für Quatsch – Oh man wie ist das denn passiert – G’tt sei dank waren sie da! – Danke – Ich bring sie zurück -Was machst du denn?“.

Wir schauen der auffordernd bellenden Hündin und ihrem aufgelösten Menschen nach. Haken die Spanngurte wieder ein, trinken was, übergeben uns 5 Minuten später in das frisch von der Straßenunterhaltung gemähte Restgras neben dem Radweg. Hätte wäre würde wenn – wer weiß, was genau das Glück in der Situation war.

Wir gurken weiter dem Wind entgegen, machen Pause auf einem Rastplatz auf dem vor dem Eichenprozessionsspinner gewarnt wird. Da kommt es mir schon vor, als wäre das Ding mit dem Hund an der Bundesstraße schon Tage her. Bilaterale Stimulation, Baby!

An der Stelle wo Elbe und Kanal sich trennen, gibt es eine Brücke. Das nächste Mal wird mir schlecht und diesmal bin ich schon zu müde für Selbstprüfungstricks, wie der mit der Aufnahme auf der Fehmarnbrücke.

Ich mache zwei Fotos, wo es mir noch sicher vorkommt und dann brettere ich mit 20 km/h und Tunnelblick drüber. Kotzen muss ich nicht nochmal, aber würds mir jemand anbieten, würd ichs nehmen.

Auf dem Deich an der Elbe entlang fahrend, erspähen wir einen Adler. Vermutlich ein Fischadler, aber leider nicht sicher.

Bald ist Lüneburg, bald ist Lüneburg, bald ist Lüneburg.

Von Weitem sehen wir dann die Schleuse. Es ist eine gigantische Schleuse. Die größte, die wir bisher gesehen haben. Es ist das Lüneburger Schiffshebewerk und gerade nimmt ein langer Frachtkahn Kurs auf die Einfahrt.

Es ist also nicht nur die größte Schleuse, die wir je gesehen haben, sie schleust auch noch gerade – auch etwas, was wir noch nie gesehen haben.

Wir beobachten zusammen mit einem netten Menschen aus Süddeutschland wie der Kahn reinfährt und zwei kleine Freizeitboote dazu kommen. Zuletzt fährt noch ein kleines Arbeitsboot hinein, das bereits parallel zum Eingang parken muss.

Da höre ich etwas hinter mir. Einen laufenden Motor. Als ich mich umdrehe, sehe ich ein Bild, wie in einem Film: Ein riesiger Reisebus mit beige-grauer Mitfahrer_innengruppe darin. Vorne neben dem Busfahrer spricht eine Person in ein Mikrophon und als die Schleuse hochfährt, fährt auch der Bus näher dran, damit auch alle Insass_innen etwas sehen können.

Logisch: Wenn das Leben seine besten Aspekte zeigt, dann muss man auch richtig hingucken.

Der Rest des Weges ist nun ein Klacks. Das ganze Happyadrenalin der Innenkinder~jugendlichen flasht so rein, dass wir keine Stunde später durch Lüneburg durch sind und beim Campingplatz ankommen.

Zelt zack, Dusche zack, Pommes und Malzbier kaufen zack.

Was für ein Tag.

Zack zack ins Bettchen.