„Lebenstraining“ – ein Nachwort

Auf den letzten Text haben wir von unterschiedlichen Leuten Feedback bekommen. Eine Person hat gefragt, wie unser Verhältnis zu Training ist, die meisten haben vorausgesetzt, dass wir mit unserem „Lebenstraining“ etwas tun, das wir eigentlich nicht wollen.
Dazu möchte ich etwas sagen.

Erstens, dass wir um alles froh sind, das wir uns antrainieren können.
Denn es gibt viele Dinge, die wir eben nicht können, nicht schaffen, nicht aushalten können, egal wie, egal mit wem, egal wann wie wo wieso wir trainieren. Dazu gehören vermeintliche Banalitäten genauso wie allgemein als erarbeitet verstandene Leistungen.
Als wir zum Beispiel in die berufsausbildende Schule gingen, haben wir den Schulweg trainiert, den neuen Tagesablauf, wie wir unsere neuen Aufgaben und den eigenen Haushalt schaffen. Niemandem käme in den Sinn, dass das etwas ist, das man auch einfach sein lassen kann, denn allen Menschen ist klar, dass man sich an neue Lebensabschnitte gewöhnen muss, wenn es darin viel Neues oder Verändertes gibt.

Vielleicht klingt es befremdlich, weil ich den Begriff „Training“ verwende und damit den Anpassungsprozess mit einer Leistung verknüpfe, weil es für die meisten Menschen keine Leistung ist, sich mehr oder weniger flüssig anpassen zu können. Für mich ist es das aber.
Und zwar nicht, weil die Dinge an sich sonderlich herausfordernd sind, sondern, weil ich mich nicht auf bedarfsgerechte, bedingungslos gewährte Unterstützung verlassen kann. Ich kann nicht davon ausgehen, dass, wenn ich etwas nicht kann oder so schaffe, dass es mich nicht völlig zerstört zurücklässt, mir das erstens überhaupt geglaubt wird, zweitens die Barriere begriffen wird und drittens entweder die Barriere beseitigt wird oder ich Unterstützung bekomme, die ich auch gebrauchen kann.
Es ist eine Leistung als behinderte Person so am Leben teilzuhaben, wie ich teilhabe und teilhaben will, denn ich habe immer einen extra Kilometer, eine extra Vorleistung zu schaffen, bevor ich tun kann, was und wie es die meisten Menschen tun. Und dieses Extra ist mein Lebenstraining.

Daran ist überhaupt nichts zu feiern wie bei einem sportlichen Event oder einer akademischen Leistung. Es ist viel mehr beschämend und traurig, denn es handelt sich um Leistungen, die von mir (und allen anderen behinderten Menschen in meiner Situation) erbracht werden müssen, weil sie von niemand anderem erbracht werden.
Mein „Lebenstraining“ ist eine Anpassungsleistung. Und Anpassung ist etwas, das nicht nur von einer Seite her erfolgen muss, aber in unserer Gesellschaft oft so gedacht und gelebt wird. Danach ist die Welt, wie sie ist und das Leben, wie es ist: hart und grausam. Wer sich nichts erkämpft, kriegt auch nichts. Wenn du was nicht kannst, musst du dich kümmern. Und wenn du selbst das nicht kannst, so leben wie es dann ist.

Mein Blick auf die Welt ist ein anderer und ich versuche, wo ich kann aufzuzeigen, dass die Welt, in der wir leben, veränderbar ist. Aber ich bin am Ende nicht die Person, die über alles bestimmen kann (und will). Es kommt allerdings sehr oft vor, dass ich die einzige Person bin, die nicht nur weiß, dass die Dinge in der Welt anders laufen könnten als sie tun, sondern das auch noch sagt und einfordert.
Und echt, das ist eine beschissene soziale Situation.
Niemand mag Kritiker_innen. Niemand freut sich über Hinweise auf Fehlverhalten oder -annahmen, vor allem, wenn sie als Hinweise auf Charakterschwächen verstanden werden. Und kaum jemand sieht ein, wieso man gewachsene Strukturen, Rituale, soziale Verhaltensmuster verändern soll, nur weil Hannah irgendwer was zu nölen hat.

Was einen anderen Punkt anreißt, den ich hier mitteilen möchte.
Vielen Menschen ist nicht klar, wie mein Leben wäre, hätte ich mich nie zu irgendeinem meiner Trainings gezwungen. Ich hätte keinen Schulabschluss, hätte nie von irgendeiner Therapie profitiert. Ich würde immer noch ausgebeutet werden und weder Worte noch Gedanken dazu haben. Ich hätte keine Zähne mehr im Mund und hätte den einen oder anderen Wundbrand ertragen müssen. Ich wäre auf Pflege und/oder Betreuung in einer stationären Einrichtung angewiesen. Vielleicht wäre ich auch schon tot.
Für manche klingt das nach einem Horrorszenario, das man in meinem Fall nicht wirklich annehmen muss, weil ich ja soooo behindert nun auch nicht wirke. Aber ja, genau das ist der Punkt: Ich kann viele der Behinderungen, die mir begegnen, inzwischen sehr gut kompensieren – das macht sie jedoch nicht weg und entsprechend meine Kompensations- bzw. Anpassungsleistung auch nicht unnötig oder verzichtbar. Im Gegenteil führt der Umstand, dass ich gut kompensieren (mich gut trainieren) kann dazu, dass meine Bitten um Veränderung der Umstände nicht als etwas verstanden werden, die ich anbringe, weil ich an einer Grenze bin, wo es nicht weitergeht.
Die erste Annahme ist oft die, dass ich jawohl noch ein bisschen kann, noch ein bisschen Puffer habe sozusagen. Und manchmal auch, dass ich um Veränderung des Äußeren bitte, weil ich keinen Bock auf Training oder Kampf mit mir selbst habe.

Ich kann gar nicht befriedigend weit genug umfassen, wie schlimm solche Situationen für mich sind. Denn solche Annahmen bedeuten ja zum einen, das meine Vorleistung gar nicht gesehen oder verstanden wurde, zum anderen aber auch, dass meine Verbindung mit anderen Menschen, meine Teilhabe und Chancen auf Selbstverwirklichung ausbleiben, denn ich kann aus mir selbst heraus ja nicht weiter. Ich brauche dann ja die anderen Menschen bzw. ihre Mithilfe dabei, Dinge auf mich anzupassen oder für mich zu ermöglichen und wenn das ausbleibt, bleibe ich, wo ich bin. Ohne sie. Ohne Chancen. Ohne Teilhabe.
Während sie denken: „Joa, wer wirklich will, die_r kann ja.“ – Ein schier unauflösliches Dilemma, wenn nicht eine Seite loslässt und etwas verändert. In der Regel lasse ich los, weil ich das schon mein ganzes Leben tue. Ich bin darin trainiert, mich zu trainieren. Mir Alternativen zu überlegen, Lösungen zu erstreiten, damit zu leben, entweder Karl Arsch mit Anspruch auf Extrawurst zu sein oder hungrig zu bleiben. Daran ist nichts cool oder heroisch oder sonstwie supi, es ist einfach die logische Folge meines Lebens mit Behinderungen, die alle für mein persönliches Privatproblem halten, weil sie sich nicht als Teil davon begreifen.

Ich kann oft nicht wählen, ob ich mir Dinge antrainieren muss oder nicht. Aber manchmal schon.
Mein Partner zwingt mich nicht dazu, besonders normal für ihn zu sein. Er würde auch mit Gehörschutz mit mir schwimmen gehen. Aber ich weiß, dass ich in der Schwimmhalle keine Kraft habe, mich auf ihn, meinen sensorischen Input, meine Genderdysphorie, die triggernde Fastnackheit im Badeanzug und zusätzlich noch wegen des Gehörschutzes glotzende, sich komisch verhaltende Leute zu konzentrieren.
Ja klar könnte ich mich der Welt als behindert zumuten – könnte (und sollte vielleicht auch) eher trainieren auszuhalten, dass mich alle anglotzen, aber das ist meine Grenze. Da kann ich nicht drüber. Vielleicht nur jetzt und irgendwann schon, aber im Moment ist es das, was ich hinkriege.

Also mache ich das.

Training fürs Leben im Niemandsland

Als ich auf dem Nachhauseweg bin, begreife ich, was ich hier eigentlich mache.
Ich trainiere mich normal. Zwinge mich zu unauffälligem Wieallesein. Konditioniere mich auf einen weiteren Bereich außerhalb meiner Grenzen. Weil ich ein Kind haben aufziehen eine Familie gründen möchte. Weil ich denke, dass das meinem Partner Sicherheit gibt, mir alles einfacher macht, es dann überhaupt nur klappen kann.
Wieder dreht eine Zeile des Songs eine Runde in meiner Erinnerung. Ich trete in die Pedale und mir in den Arsch. Weiter jetzt.

Den Ohrwurm habe ich mir beim Wassersport-Kurs eingefangen. Ein Charthit der frühen 2000er, die ich überwiegend unter Schmerzen, ständig blutend und verkrustet erlebt habe. Verzweifelt und ebenfalls ständig außerhalb meiner Grenzen.
Ich war eine Stunde mit dem Rad gefahren, um dann eine dreiviertel Stunde im Wasser zu arbeiten und dann wieder zurückzufahren. Um weiter Gewicht zu verlieren, weiter Kraft und Ausdauer aufzubauen, Stress zu kanalisieren und leichter schwanger werden zu können. Es ist total bescheuert, aber das ist der Kinderwunsch an sich wohl auch. Denn jetzt, wo ich 35 bin, wollte ich es nicht mehr versuchen. Ich wollte fertig sein, zwei Kinder versorgen, dem Windelhorizont mindestens entgegengehen. Jetzt stehe ich hier im Niemandsland und kann nicht mal darüber entscheiden, in welche Richtung ich weitergehe.

Ich könnte sagen: „Ja, das wars.“ Und mir das Herz brechen, weil ich wieder etwas normales, gesundes, einfaches … natürliches … an meine Unnormalität, meine Abartigkeit, meine Kaputtheit verloren habe. Und dann irgendwas von den Dingen machen, die gehen, gerade, weil ich keine Kinder zu versorgen habe. Das Architekturstudium zum Beispiel. Irgendwie muss das Nachwachshaus ja schließlich gebaut werden. Oder die Wanderung von Kreta nach Spitzbergen. Oder das Bücherschreiben in einer Muchtelbude irgendwo im Ausland.
Aber – werden diese Dinge mich glücklich machen, wenn sie auch das Eingeständnis sind, dass ich zu kaputt für eine Familiennormalität bin?

Ich könnte es aber auch nicht aufgeben. Könnte warten. Hoffen. Noch mehr Geduld mit dem Prozess haben, obwohl 10 Jahre Kinderwunsch und 3 Jahre Geduld haben schon wirklich viel ist. Vor allem, wenn es sich nach Lebens_Zeitverschwendung anfühlt und immer auch nach etwas, das mir in Wahrheit überhaupt nicht zusteht, weil es alle sicher besser hinkriegen würden als ich. Weil die normal sind und ich nicht. Weil die nicht ich sind.

Ich bin zur Schwimmhalle gefahren, obwohl ich Angst vor einem Unfall hatte. Die Hunde allein zu Hause, ich tot auf der Landstraße, der Partner im Bergurlaub – eine lähmende Horrorvorstellung, die ich hinter mich gepresst habe, wie das Erinnern an die Gewalt in meiner Kindheit.
Ich habe meinen Gehörschutz im Spind gelassen, obwohl ich weiß, dass gerade Schwimmhallen und Wassersport mich sensorisch schnell überreizen. Aber der Partner schwimmt gerne. Ich will mit ihm schwimmen können. Ohne Hilfsmittel, die mich als unnormal auszeichnen. Will ihm zeigen können: „Hier guck, das hier ist die Hölle für mich, aber ich weine gar nicht, weil ich mich absolut sicher im Griff habe!“

Ich muss das trainieren, wie ich jeden anderen Teil meines anscheinend normalen Er_Lebens eintrainieren musste. Würde ich meine Grenzen und Gefühle beachten, wäre ich nicht da, wo ich heute bin. Nicht mehr allein, nicht mehr arbeitslos, in der Lage, mich nachhaltig und bedarfsgerecht zu versorgen und selbst_bewusst genug zu sagen: „Ich kann dieses Er_Leben.“
So oft sagen Leute, dass das schlimm ist. Dass man für niemanden die eigenen Grenzen übergehen soll und dass es nichts gibt, was die Quälerei wert ist. Und gleichzeitig haben sie einfach keine Ahnung, wie die Welt wäre, würden alle immer auf die eigenen Grenzen achten und gäbe es auch gesellschaftsstrukturell keine Notwendigkeit, sie immer wieder überwinden zu müssen.

In meinem Leben hat sich lange niemand um meine Grenzen überhaupt geschert und danach wurden meine Grenzen an Punkten gedacht, wo sie selten auch wirklich waren. Jetzt weiß ich, dass sie tatsächlich sind, wo für andere noch lange keine sind. Jetzt verstehe ich, warum ich mich mein Leben lang im Niemandsland bewegt habe – und vermutlich auch für immer bewegen werde. Auch, wenn es alle gut und lieb mit mir meinen.
Ich werde mich immer zwingen, trainieren, ein Stück weit von meinem Empfinden dissoziieren müssen, um mit anderen Menschen zusammen sein zu können. Das ist der Deal, ich habe ihm zugestimmt, als ich mich für mein AmLebensein entschieden habe. Nur, was ich darin bereit bin zu tragen, ist mir noch nicht so klar.
Denn: Wenn ich mich schon so anstrenge, dann sollte es doch wenigstens so sein, wie ich es mir wünsche?

Be_Handlungsmotivation

Wir sprachen über Autismus Deutschland e. V. und darüber, dass es auch in der Trauma-Bubble so ist, dass „die Betroffenen“ viel zu wenig Austauschmöglichkeit mit „den Profis“ haben. Irgendwann ging es um die Motivation der Profis und um die Frage, welche Motivation denn die richtige sei. Sie sagte, für sie sei es wichtig, dass die Leute gern mit anderen Menschen arbeiten und ich, deren Kernkompetenz ist, gut Mitmenschen umgehen zu können, dachte, dass das doch irgendwie auch nicht die richtige Grundlage ist.

Ich weiß nicht, wie eine Therapeut_innenausbildung läuft. Wie man Mediziner_in, Behandler_in wird. Ob und wenn ja, wieviel Herzensbildung mit welchem Fokus passiert oder abverlangt wird. In jedem Fall denke ich, dass man irgendwann für sich überlegen muss, ob man das will. Jeden Tag mit anderen Menschen reden, sie anfassen, ausmessen, Mathe auf das Leben anwenden, Medikamente empfehlen, Verantwortung balancieren, eine Praxis organisieren, sich selbst nicht vergessen. Ich glaube, dass man alles das mehr wollen als können muss und dass es deshalb nicht selten vorkommt, dass Behandler_innen eine Motivationsquelle in sich selbst dafür haben. Intrinsische Motivation ist wirkmächtig und das ist ok. Wenn also jemand in erster Linie für sich behandelt, ist das nicht zwingend ein Problem für die behandelte Person. Das wird es wohl erst, wenn Behandler_innen eine innere Bedürfnis- oder Notlage mit intrinsischer Motivation für eine Berufsausübung verwechseln und ergo ihren Beruf brauchen, um sich selbst etwas zukommen zu lassen, dass sie anders nicht herstellen können. Anerkennung zum Beispiel. Be_Achtung. Respekt. Zwischenmenschlichen Kontakt, der (von ihnen) kontrolliert abläuft. Sinn im eigenen Leben. Orientierung in der Welt. Selbst_Versicherung.

Das therapeutische Verhältnis zwischen be_handelnder und behandelter Person ist von Distanz bestimmt, die diese Ebene nicht berühren soll. Und viele Menschen mögen das nicht. Manche, weil sie die Grenze nie gewahrt erlebten und entsprechend nicht erkennen und manche, weil sie sie mit Unpersönlichkeit verwechseln. Viele Menschen wollen, dass ihr_e Therapeut_in eine persönliche Rolle in ihrem Leben spielt, weil das Problem, mit dem sie in die Therapie kommen, ein so persönliches ist. Und viele Menschen können der Rolle, die eine kontinuierlich, stabile, zugewandte Person erfüllt, nur mit der eines (idealen) Elternteils übersetzen und wollen diese auf ihre Behandler_in anwenden. Ebenfalls mit oft negativem Outcome, denn nur Eltern können Eltern sein.

Und dann ist da auch noch die Sache mit der Macht, die sich aus der Gewalt in Form von Ableismus bzw. Saneismus ergibt.
Wenige Menschen sind sich darüber bewusst, dass Behandler_innen unter anderem deshalb so wertvoll und geschätzt sind, weil sie langfristigen Funktionsverlust verhindern (helfen). Also eine nicht unerhebliche Rolle bei der Verhinderung von Behinderung und damit Verlust auf vielen Ebenen spielen.
Wäre unsere Gesellschaft weniger ableistisch (und vor allem saneistisch) müssten sich weniger Menschen mit psychischen Belastungen in Behandlung begeben. Sie würden weniger Gewalt erfahren und bräuchten entsprechend weniger Schutz und Stärkungsmaßnahmen, um sich in sich und der Welt ok zu finden oder sich selbst zu verwirklichen. Psychotherapie wäre in einer so gestalteten Gesellschaft sicherlich weiterhin wichtig und relevant, sie hätte meiner Ansicht nach jedoch eine andere primäre Funktion.

Man darf nicht aus dem Blick verlieren, dass viele Menschen, die heute zu Behandler_innen werden, Macht und Gewalt in anderen Formen und anderen Auswirkungen auf das Leben damit gemacht haben als die meisten der Menschen, die sie später behandeln. Und zwar nicht, weil sie alle auf Rosen gebettet leben und hundert Jahre Studium vor tausend Jahren praktischer Ausbilderei im Grunde ein Kinderspiel sind, sondern, weil es mehr als einen brillanten Geist und Willensstärke braucht, um nicht an Leistungsdruck, Sexismus, Ableismus, Rassismus und so weiter zu leiden oder gar zu scheitern – privilegierte Menschen jedoch oft glauben, dass es an ihrem Intellekt und starken Willen zum Durchhalten lag, dass sie es geschafft haben. Und damit gehen sie durch die Welt.

Manche finden sich darin ziemlich geil und holen sich über ihren Kontakt zu Patient_innen und ihren Status die Bestätigung darin – und manche glauben, sie würden sich irgendwann bestimmt geil finden, statt ängstlich, selbst_unsicher oder als unentdeckter Deepfake, wenn sie nur genug „Kracher“ heilen, sich „den krassesten Fällen“ widmen, sich aufopfern für andere … oder „denen eine Stimme geben, die von der Welt nicht angehört werden“.
Dass das alles überhaupt nur geht, weil behandelte Personen „Patient_innen“ sind und damit in einer weniger ermächtigten sozialen Position, das ist den wenigsten Menschen wirklich als Problem bewusst. Unter anderem, weil sie ihren Beruf nicht mehr (da) ausüben könnten (wo sie es tun), würde es ihnen bewusst werden, denn es gibt einfach keine Klinik und keine Praxis außerhalb dieses Systems.

Treffen „die Profis“ auf „die Betroffenen“, dann ist dieses Bewusstwerden oft schon passiert. Und dann geht es nicht mehr nur darum, wer wem mehr oder das Richtigere zu sagen hat, sondern auch um Auf- und Abwertung. Viele Behandler_innen erleben sich abgewertet, wenn sie sich mit Patient_innen für etwas einsetzen, statt für sie vor anderen Behandler_innen zu sprechen und diese Abwertung ist für viele nicht kompensierbar. Was meiner Ansicht nach überhaupt kein Charakterfehler ist oder irgendein angeknacktes Ego, sondern ganz real. Jede_r kennt, wie das ist, wenn die eigene Peergroup eine_n auslacht, weil man etwas macht, was darin abgewertet wird. Es ist sehr schwer dann weiter gut und wertig zu finden, was man da gemacht hat. Und man hat das Gefühl sich entscheiden zu müssen, zwischen dem, was das Herz will und sagt und dem, was Erfolg und Sicherheit verspricht.
Sicherheit ist ein menschliches Grundbedürfnis. Behandler_innen sind Menschen. Sich gegen Dinge zu entscheiden, die sich zwar richtig aber unsicher anfühlen ist so logisch wie legitim. Das macht sie nicht zu schlechten Menschen oder zu Menschen einer falschen Motivation und auch nicht zu schlechten Behandler_innen. Zumindest so lange nicht, wie sie die Menschen, die sie behandeln, nicht abwerten, weil diese Behandlung brauchen oder einen Kontakt wünschen, der nicht von Hierarchie bestimmt wird.

In unserem Gespräch erzählte ich, wie es nicht geklappt hatte, einen der begehrten Ausbildungsplätze zur Peer-Beratung zu ergattern, dass ich es aber weiterhin versuchen werde, weil ich das gerne machen möchte.
Peer-to-Peer-Beratung ist für mich eine Möglichkeit Menschen mit Schwierigkeiten, die ich selbst schon erlebt habe, zu begegnen. Der Kontakt ist nicht hierarchiefrei, aber nicht in sich bereits gewaltvoll. Ich muss nicht heilen und auch nicht so tun, als ob irgendetwas von dem, was ich leisten kann, etwas Besonderes ist. Und es gibt die gleiche Grenze, die gleiche persönliche Distanz, die einzuhalten ist, wie im therapeutischen Kontakt. Ich spreche nicht mit Freund_innen, nicht mit meinen Kindern, sondern mit Menschen, die an einem Problem arbeiten wollen. Das Problem ist der Grund für unseren Kontakt – nicht wir.
Und das ist eine hervorragende Grundlage etwas zu tun, das ich gut kann: Probleme und ihre Dynamik auseinanderdröseln, analysieren, ordnen. Es befriedigt mich, wenn man es hinkriegt Probleme zu verstehen und sich mögliche Lösungswege zu überlegen. Wenn das jemand gut findet und sich gesehen fühlt, dann ist das ein schönes Add-On, brauchen tue ich das aber nicht, um mich dazu zu motivieren.

Ob das die richtige Motivation ist, um etwas zu machen, das mit Menschen zu tun hat, weiß ich nicht. Aber es ist eine Motivation, die mich wahrscheinlich am wenigsten verstrickt und gewaltvoll handeln lässt, weil es mir nicht primär um die Menschen und mich im Kontakt mit ihnen geht, sondern um das Problem. Das klingt für manche Menschen vielleicht hart und kalt, unpersönlich und nach etwas, was sie nicht glauben können, weil sie selbst nicht so funktionieren. Aber ich funktioniere so. Das ist meine Perspektive, so bin ich. Und alle Menschen, die mit Menschen arbeiten, arbeiten auch mit sich mit Menschen. Immer benutzt man sich selber, um Kontakt herzustellen, Empathie aufzubauen, Ideen zu entwickeln, was helfen könnte.
Ich halte das für das Ding, das alle be_handelnden, beratenden, begleitenden Menschen klar haben – und halten! – müssen. Lässt man da nach, ist selbst die richtigstmögliche Behandlung/Beratung/Begleitung der Welt nicht die bestmögliche.

die gute Erfahrung mit dem Outing als autistisch und traumatisiert

Nun hatte ich also den Termin bei der neuen Hausärztin. Ich habe den Anamnesebogen ausgefüllt, den alle neuen Patient_innen ausfüllen sollen, und zwei Seiten Text über meine Traumafolgestörung und den Autismus angehängt. Dazu eine Liste meiner Behandler_innen und die Namensänderungsurkunde für den Fall, dass Berichte angefordert werden müssen, die älter sind.
Vor der Erfahrung in der Klinik 2016 hätte ich gedacht, dass ich das tue, weil es wichtig ist. Weil man Behandler_innen alles Vorwissen geben muss, damit sie überhaupt die Chance haben, irgendetwas richtig einzuschätzen und zu behandeln.
In den Monaten vor diesem Termin in der neuen Praxis kam ich mir überwiegend anmaßend, dreist, übergriffig, herabsetzend und eingebildet vor. Für wie wichtig halte ich mich eigentlich, woher nehme ich überhaupt den Gedanken, ich wäre berechtigt mir irgendeine Achtsamkeit oder Aufmerksamkeit oder … Bewusstheit? zu … erschleichen? abzuzwingen? zu erpressen? passiv aggressiv einzufordern?

Die Autismusdiagnose steht seit 6 Jahren und bis heute habe ich das Gefühl zu lügen oder irgendeine Form von Falsch zu tun, wenn ich das mitteile und in seiner Konsequenz für mein Erleben und meine Bedürfnisse erkläre. Egal, wem. Egal, wann. Egal, warum. Und ja, ich kann genau darauf zeigen, warum das so ist. Weil es das eine erste Mal, wo ich es gesagt habe, wo ich es mit.geteilt habe, wo ich mich geöffnet habe, weil ich dachte, das wäre sicher und ok, so derartig schlimme Konsequenzen und Probleme zur Folge hatte. Denn wenn es schon dort so falsch, zu böse, so sehr zu viel ist, dass man mich verletzen muss, um mir den Kopf geradezurücken, wie schlimm würde es erst werden, wenn ich das in anderen, viel weniger geschützten Kontexten täte?
Ich habe in den Jahren danach in Sachen „Autismus und Dinge für mich anpassen“ nichts ohne den Begleitermenschen und den Facharzt, der die Diagnose bestätigt hat, gemacht. Wirklich nichts. Wie ein Schutzschild habe ich deren Expertise und all das ableistische Macht-Hick Hack ausgenutzt, um uns vor einer Wiederholung dieser Situation zu schützen und gleichzeitig selten ausgedrückt, dass ich weiß und zutiefst bedauere, dass ich ihren Status und damit auch sie in Teilen so missbrauche ausnutze.

Es gab inzwischen aber auch gute Erfahrungen. Vor allem bei der Arbeit im Verlagskollektiv und in anderen Kontexten, in denen bewusst und sensibel mit Hierarchie umgegangen wird. Da merke ich, dass die Adjektive, die ich für mich gefunden habe und verwende, tatsächlich als Hinweise auf Eigenschaften von mir verstanden werden und damit logischerweise als auch für mein Leben in der Gruppe und der Welt bedeutsam.
In einem Hierarchie-sensiblen Umfeld gibt es die Vorannahme, man wolle sich besonderer machen als andere nicht, denn besonders oder anders zu sein, verändert dort nicht die soziale Positionierung zu einander. Man könnte sagen, dass dort alle besonders und nicht besonders sind, weil alle anders als die anderen sind.
Sobald man sich nicht mehr um die Hierarchie kümmern und sorgen muss, entstehen freie Ressourcen. Für mich entsteht so mehr Raum mich bewusster mit den eigenen (Grund)Bedürfnissen und den Möglichkeiten diesen nachzukommen auseinanderzusetzen und entsprechend mehr Raum, das zu üben und auszuprobieren. Folglich lerne ich einen Gegenentwurf zu den Erfahrungen, die ich früher gemacht habe, kennen. Ich fühle mich dem Leben in Macht- und Gewaltdynamiken nicht mehr nur ausgeliefert und von Menschen, die sie ignorieren oder für sich benutzen, um mit mir zu interagieren, nicht mehr so abhängig wie früher.

So habe ich mich vielleicht ein wenig verändert in der letzten Zeit.
In meinem Text an die Ärztin steht nicht drin, dass ich autistisch bin und was Autismus ist, sondern, dass ich autistisch bin und wie welche Dinge auf mich wirken und was diese Wirkung mit mir – und den Möglichkeiten mich zu untersuchen oder zu behandeln – macht. Da steht nicht drin, dass man besonders vorsichtig mit mir sein muss oder überwiegend lieb und zart und auch keine Formulierungen, die in anderen Menschen die Idee entstehen lassen könnte, dass ich das möchte. Da steht hauptsächlich drin, was ich brauche, um informierte Entscheidungen über meine Behandlung treffen zu können und nicht in irgendeiner Form verwundet oder überanstrengt wieder nach Hause zu gehen. Was Ansprüche sind, die sich aus Grundbedürfnissen, also aus der Selbst-Existenz, ergeben. Und nicht aus Ansprüchen der Selbst-Verwirklichung, also sekundären Bedürfnissen, die sich ganz natürlich entwickeln, wenn alle primären Bedürfnisse erfüllt sind und entsprechend nicht zu existenzieller Bedrohung führen, werden sie nicht erfüllt.

Ich glaube, dass ich nun etwas verstanden habe, was ich damals vor 6 Jahren, sehr dringend mit Unterstützung verstehen und verarbeiten wollte. Denn das war ja das ganze Thema damals. Das war ja der Grund, weshalb ich dort war, weshalb es mir so schlecht ging und was mich völlig ver.zweifelte: Das umfassende Begreifen von einem Leben, in dem auch dann die meiste Zeit gegen meine Bedürfnisse entschieden und über meine Grenzen hinweg mit mir umgegangen wurde, wenn ich nicht misshandelt oder ausgenutzt wurde. Ein Leben, in dem nichts nicht schlimmes, schmerzhaftes, quälendes übrig bleibt, wenn man das konkret und allgemein als Gewalt anerkannte Erlebte dissoziiert vermeidet rausstreicht.
Ich hätte damals niemand gebraucht, die_r sich mit Autismus auskennt. Es hätte gereicht, wenn ich es mit Menschen zu tun gehabt hätte, die begreifen, was es bedeutet, wenn man ein Leben ohne erfüllte Grundbedürfnisse zu führen gezwungen war und darin wirklich von allen Menschen – auch den lieben und netten – miss.be.achtet wurde. Beziehungsweise, was für eine schlimme Krise das ist, wenn man das von jetzt auf gleich kapiert, aber noch nicht ganz nachkommt, weil man gleichzeitig zufällig auch Viele und einigermaßen therapieerfahren ist.
Und was es bedeutet, wenn man mich in dieser Krise wiederum missachtet. Aus genau den gleichen Gründen.

Ich glaube nicht, dass ich je wirklich darüber hinwegkomme.
Aber, dass es mich nicht mehr so beeinflusst, merke ich jetzt, nach einer wirklich guten Erfahrung mit der neuen Hausärztin, sehr deutlich. Ich merke, dass niemand „fließend autistisch“ können muss, um meine Sprache zu verstehen. Um mich zu verstehen. Zu begreifen, was ich brauche, um etwas für die Bedürfniserfüllung anderer tun zu können und so zu einem balancierten Miteinander beizutragen.
Dass es auch ohne besonderes Schutzschild in einem besonderen Kontext möglich ist, nicht verletzt und missachtet zu werden, sondern sogar ganz einfach, ganz leicht, ver.sorgt zu werden.

Ja, vermutlich musste ich mich nicht „einfach nur trauen“ oder „mich einfach nur dafür öffnen“ – ich habe vielleicht überwiegend Glück mit dieser Hausärztin und mit den Menschen im Kollektiv und vielem anderen. Aber ich musste mich auch trauen. Ich musste mich auch öffnen. Ich musste auch aushalten, dass ich am Ende immer nur ins Himmelblaue hoffen kann, dass es nicht wehtun wird, mich für mich selbst einzusetzen.

Aber diesmal hats geklappt und daran will ich mich in Zukunft genauso erinnern wie an die schwierige Erfahrung früher.

die Demo

Irgendwie war ich vor einem Lautsprecher gelandet. Die Parolen dröhnten daraus hervor, direkt in meinen Bauch, durch mich hindurch. „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“
Die Demo war klein, 450 Leute, die lokale Linke, die Regionalveganen und der gleiche Anteil Jugendlicher, der auch in meinen Schulzeiten mit dem Kommunismus flirteten. Wir liefen einmal im Kreis, hörten einer Musikerin zu, dann zwei Lokalpolitikern. Ich fuhr nach Hause und war deprimiert. Während wir auf der klammen Wiese standen und uns die Kühle die Beine hochkletterte, rieselten mir Erinnerungen an mein Kindsein mit Sorge um den Planeten und die Kinder überall in den Sinn.
An die Kassette, auf der ich meine Spendenaufrufe aufgenommen hatte und das schlechte Gewissen um jedes sorglos gegessene Essen, Wasser- und Stromverschwenden. Ob ich damals gerne demonstrieren wollte, weiß ich nicht mehr. Dass meine Gedanken darüber und mein Leiden darunter etwas war, das andere nicht geteilt haben jedoch schon. Denn die beknackten Erinnerungen, ja, die kann mein Kopf.

„… weil ihr uns die Zukunft klaut“, das höre ich heute als Erwachsene_r und finde mich hin- und hergerissen zwischen dem Anflug von Wut darüber, wie es Kinder in Deutschland überhaupt wagen können zu glauben, IHNEN würde Zukunft geklaut werden, zeigt sich doch überdeutlich, dass es Kindern aus und in anderen Teilen der Welt schon jetzt passiert – und der bitteren Erkenntnis, dass es so also möglich wurde. Das Demonstrieren und Aktivisten, das Lautwerden und Fordern – wo es etwas ist, das sie betrifft. In dem Moment, in dem der Bezug hergestellt wurde, den ich damals wie heute als unangenehm, weil unangemessen empfinde: Der zu sich selbst, der den ganzen Aktivismus zu einem Akt der Selbstfürsorge macht. Der privaten Altersvorsorge sozusagen.

Ja, ja, ich weiß, dass es vielen Aktivist_innen um die Sache geht, la li la, aber so klingt es halt nicht. So klingen weder die Propaganda noch die Reden, so klingen die Inhalte nicht und auch nicht die Visionen vom klimageschützten Leben.
Es erfordert so viel Anstrengung den eigenen CO₂-Verbrauch gering zu halten, es ist krass unentspannt antikapitalistisch, sozialistisch, kommunistisch, immer in allen Aspekten menschenrechtskonform, antisexistisch … nicht gewaltvoll und von der Ausbeutung anderer Menschen und Regionen zu leben. Es ist unsexy. Fremd, unbequem und man gewöhnt sich auch nicht schnell um. Es reicht nicht, sich zu sagen, man versuche es so gut man könne. Ausbeutung, Gewalt, die Belastung der Erde als System ist ein 1-0 Ding. Man kann es nicht „ein bisschen gut hinkriegen“ oder „ein bisschen verkacken“. Und wenn man es nur für sich selbst macht, dann ist es nichts wert. Denn niemand ist allein auf dieser Welt.

Ich wünsche niemandem meine manchmal quälenden Gedanken zum Weltuntergang und auch nicht meine Rigidität, mit der ich mich darauf einstelle, in eine Welt hineinzualtern, die aus nicht zu linderndem Elend und unverhinderbarem Leid besteht.
Aber ich wünsche mir Verständnis dafür. Vielleicht sogar Verbundenheitsgefühle über die Tragik von hunderttausenden Menschen auf der Straße für das Klima und das ganze Nichts, dass es für den Planeten zur Folge hat, während viele sagen, dass es ihnen so viel gibt.

Schmerzen

War es die Mandel-OP mit 15 oder die Blinddarmentzündung mit 16, ich weiß es nicht mehr. An einem Punkt meiner medizinischen Vita jedenfalls begriff ich, dass ich Schmerzen nicht denke, wie ich Gefühle denke. Dass ich mit meinen Gedanken zwar beeinflussen kann, wie mich etwas schmerzt, jedoch nicht, dass etwas schmerzt.

Mit dem vertieften Wissen um meine Alexithymie weiß ich, dass der Weg vom passierenden Schmerz zum begriffenen Schmerz, dem Verstehen und Einschätzen eines Schmerzerlebens, für mich weder intuitiv noch linear ist.
In der Regel fühle ich dauernd irgendwas und manches davon tut mir auch weh – ist aber kein Schmerzreiz im klassischen Sinne, sondern ein Gefühl aus einer oder mehreren Emotionen heraus.
Und manchmal fühle ich einen Schmerz und halte ihn für ein Gefühl, das ich noch nicht genügend prozessiert habe, um es zu erkennen.

Lange dachte ich, dass meine Gewalterfahrungen und meine Tendenz zur überwiegend kognitiven Herangehensweise an emotionale Vorgänge der Hauptgrund dafür sind, meine Körpererfahrungen im Allgemeinen nur im Extrem sicher wahrnehmen und einordnen zu können. Gewalterfahrungen, die auch Erfahrungen von Todesnähe sind, erweitern die Skala zur Einordnung von Schmerz erheblich und wenn diese Schmerzerfahrung zum Mittel werden, weil sie so häufig sind, bekommt man im späteren Leben ein Problem.
Vor allem eines, das mit Dissoziation zu tun hat, denn die Verknüpfung von Schmerz und Trauma wird früher oder später zu einem Trigger von (unkontrolliertem) Erinnern an ebenjene Schmerzerfahrung und damit etwas, das man so gut es geht zu vermeiden versucht. In meinem Fall war das eine weitere Schicht Dissoziation in Form von Handlungs(sub)systemen, die, wie ich, einfach nicht mehr dran denken und in ihrem Funktionieren weder große Sensitivität noch Kompetenz entwickeln, mit Schmerz anders als mit üblichen Gedanken und Gefühlen umzugehen.
Wichtig ist mir dazuzuschreiben, dass ich keineswegs schmerzunempfindlich bin oder mich gefährlichen Situationen aussetze, weil ich keinen Begriff von Schmerz und deshalb Verletzung habe. Ich bin eher schmerzunverständlich. Und das hat sowohl mit dem dissoziativen Wahrnehmen meiner Selbst und meiner Umwelt, aber auch meinem autistischen Prozessieren dessen, was ich von der Umwelt und mir selbst (meinem Körper inklusive) wahrnehme, zu tun.

Ich brauche viele Informationen über mein Erleben, bis ich es Begriffen zuordnen und abgleichen, erkennen und begreifen kann – um dann bedarfsgerecht handeln zu können.
Bei oberflächlichen Wunden, Knochenbrüchen, Verstauchungen, Verbrennungen, Abschürfungen, Quetschungen der Haut zum Beispiel bietet mir der Anblick viele Abgleichspunkte. Je weiter die versehrte Stelle vom üblichen Anblick abweicht, desto sicherer kann ich die bei mir eingehenden Signale a) dieser Stelle und ihrem Zustand zuordnen, b) sie als Schmerz erkennen und c) differenzieren, was hilft und was nicht.
Anders ist es bei Schmerzen, die durch Prozesse im Körperinneren entstehen.
Ich bin in meinem Körper- und Emotionsempfinden nicht viel anders als Kinder. Auch sie lokalisieren viele Organschmerzen und (emotionales) Unwohlsein als Bauchschmerzen oder mehr oder weniger wortlose Diffusion. Mein Add-on als erwachsene traumafolgenbewusste Person ist da einzig der Zusatz: „Ist vermutlich ein Flashback“, denn oft ist es das tatsächlich. Ein Flashback, also in meiner Übersetzung für mich: ein unklarer Gedanke, ein uneindeutiges Gefühl, unkontrolliert erinnert, vermutlich aus einem Zusammenhang mit traumatischen Erfahrungen.

Die Einordnung von Schmerz als einem Flashback zugehörig ist, auch wenn das nach sehr wenig klingt und, wenn man länger darüber nachdenkt, auch einigermaßen tragisch, ein Therapieerfolg. Denn vorher war da nur Diffusion. Uneindeutigkeit. Unklarheit. Hilflosigkeit und Ohnmacht, die ihrerseits wieder Erinnerungsprozesse triggernd wirkten.
Ich halte das für wenig, weil ein Flashback keinerlei Informationen über den Schmerz selbst enthält, sondern lediglich über eine mögliche Ursache, die unmöglich von mir überprüft werden kann. Und für tragisch, weil auch ein Flashback nicht das Gegenteil von diffus ist.

Jedoch – es ist ein Anfang. Eine erste grobe Kategorie.
Es ist hilfreich, wenn man sich nicht ständig fragen muss, ob man aktuell noch Täter_innenkontakt hat oder nicht, weil man sich nach wie vor immer wieder völlig zerstört an_fühlt. Es ist hilfreich, wenn man nicht mehr oder weniger stumm, starr, wirr in einer hausärztlichen Praxis oder schlimmer einer Notaufnahme landet und nicht recht weiß: Asthmaattacke – Herzinfarkt – Panikattacke – Erinnerung an das Gefühl, das ein erwachsener Mensch auf einem Kinderkörper auslöst?

Mehr als eine erste grobe Kategorie ist es jedoch nicht und hier enden meiner Ansicht nach die Möglichkeiten dessen, was mir die Traumatherapie an hilfreichem im Umgang mit meinen Schwierigkeiten der Interpretation bisher geboten hat.
Ich brauche nicht mehr zu lernen, dass ich Empfindungen haben darf und auch nicht, dass meine medizinischen oder sozialen Bedarfe berechtigt und in Ordnung sind. Ich muss mich nicht von in der Form von täter_innenidentifizierten oder -loyalen Innens emanzipieren, dass ich mir Schmerz eingestehen kann oder ein Leiden darunter. Viel mehr brauche ich ein Umfeld, in dem es in Ordnung ist, dementsprechend auch zu leben.

Mir ist gestern, während wir im Auto zum medizinischen Bereitschaftsdienst der nächsten Klinik fuhren, aufgefallen, dass wir nie einfach nur medizinische Hilfe in Anspruch nehmen, nie einfach nur mit unserem „Privattrauma“ in Kontakt mit Mediziner_innen gehen. Immer sitzen auch die unprofessionellen, inkompetenten, emotional verletzenden, psychisch gewaltvollen Sprüche und Handlungen von Vorbehandler_innen mit im Wartezimmer. Mischen sich in die Art und Weise, wie man über den eigenen Körper, das eigene Erleben des Befindens und den Verlauf des Problems oder einer Krankheit spricht und beeinflussen auch, wie man aufnimmt, was die aktuell behandelnde Person sagt und macht.
Ich leide derzeit an einer Nierenbeckenentzündung, infolge eines verschleppten Harnwegsinfektes. Das ist eine Information, die ich einordnen kann und die mir hilft den Schmerz, den ich seit Wochen (Monaten) für eine Mischung aus Rückenschmerzen, Flashbacks und sehr viel selber schuld hielt, nicht nur emotional richtig einzuordnen, sondern auch in meinem Körper.
Diese Einordnung hat mir außerdem ermöglicht, eine gemeinsame Sachebene mit der Behandler_in zu finden, auf der ich viele der Fragen, die sich dadurch bei mir ergeben haben, stellen und beantwortet haben konnte. Das ist ein völlig anderes Verhältnis und eine völlig andere Basis für meine Behandlung. Denn auf einer Sachebene geht es nicht um meine Gefühle und auch nicht um mein Trauma, meine Erfahrungen mit medizinischem Gaslighting oder die inkompetenten Behandler_innen, mit denen ich schon zu tun hatte, sondern um die Ordnung und Beurteilung der vorliegenden Informationen. Eine von vielen Menschen sekundär vor der sozialen Versorgung wertgeschätzte Seite in der Auseinandersetzung mit Körper und Befinden.

Die Medizin unserer Gesellschaft wird häufig mit Aufgaben der sozialen Versorgung konfrontiert, ohne dieser in Ausbildung oder Ressourcen nachkommen zu können. Gleichzeitig gilt in vielen Praxen und Krankenhäusern Effizienz vor Effektivität, Quantität vor Qualität, was oft zur Folge hat, dass für die Krankheitserklärung nach der Krankheitsentdeckung oft wenig und besonders bei weniger gravierenden Erkrankungen gar kein Raum bleibt. Diese Auseinandersetzung erleben auch Menschen ohne Komplex_Trauma in der Biografie oft als entmenschlichend, kalt, lieblos, wenig wertschätzend und übertragen diesen Umgang in gewisser Weise auch auf ihren Umgang mit der Krankheit. So wird die Behandlung zur Vernichtung der Krankheit und damit gewissermaßen zur Wiederherstellung eines Menschen, der mitfühlende Zuwendung wirklich braucht, aber nicht mehr bei Mediziner_innen suchen muss, nur weil diese die Menschen sind, mit denen sie_r gerade zu tun hat. Die erfolgreiche Behandlung endet für die meisten Menschen mit einer bestätigten Erfahrung ihrer Intuition über ihr Körpergefühl.

Für mich ist sie das Ende einer umfassenden Recherche über meine Erkrankung, ihrer Behandlung und sämtlichen Aspekten, die mir anzeigen, was ich wann wie fühlen könnte und welche Empfindungen wann was bedeuten könnten. Ich kann aus mir selbst und intuitiv nicht unbedingt sagen, ob es mir besser oder schlechter geht, nachdem ich Medikamente bekommen habe und kann Veränderungen im Schmerzerleben oder dessen Position nicht ohne genug Zeit zur Prozessierung der Empfindung selbst mitteilen. Viele Informationen über meine Erkrankung bieten mir allerdings einen mehr oder weniger engen Rahmen, von dem ich mein Empfinden abgrenzen kann bzw. innerhalb dessen ich mein Empfinden abgleichen kann. Es ist eine Hilfe wie etwa eine Speisekarte im Restaurant.

Eine Hilfestellung, die viele Behandler_innen aus Gründen, die in der Regel mehr mit Macht denn ärztlicher Für_Sorge zu tun haben, nicht von sich aus geben und mich aufgrund meiner Behinderung in einer Situation verhaften, die mich für Falschdiagnosen und Falschbehandlung geradezu prädestiniert. Und, die mein Verhältnis zu Schmerzen und Krankheit im Allgemeinen ähnlich stark beeinflusst wie die Gewalterfahrungen in meiner Kindheit, Jugend, im jungen Erwachsenenalter.

Mit allen Konsequenzen.

Masking

Das Thema „Masking“ begegnet uns bereits länger immer wieder. Insta-Kacheln mit Listen, wie Masking aussieht, was es bedeutet, Tweet-Ketten darüber, was das ist und welche Funktion es hat, das scrolle ich inzwischen einfach weiter, denn ich weiß schon Bescheid. Ja ja, das Versteckspiel unter den Anderen, das Anpassen und Verunauffälligen in einer Welt, in der unerwünscht ist, was anders ist lalila I did that dance with my DIS, my Traumascheiß, my Me, my Life, my Everything

Es ist kein Thema mehr für mich, weil ich das Sackgassengefühl nicht mehr aushalten kann.
Weil ich merke, dass es im Internet Reichweite generiert, man sich mit solchen Aufklärungsposts auch selbst gut generieren kann, aber im analogen Leben außerhalb der Bubble niemand davon redet, darüber nachdenkt, es einfach immer wieder verschlämmt wird vom Wogen des Mainstreams. Alle Leute maskieren. Alle haben deshalb Probleme. Bumms.

Ich kann gut damit leben. Ich bin stolz auf alles, was ich wegmaskiert bekomme. Wenn ich  mich im Griff habe und eine_r von vielen bin. Wenn ich keinen Stress kriege, weil es mich gibt, denn darauf bricht es sich ja immer wieder runter.
Vielleicht ist das ein Fehlschluss. Eingebrannt in einer Kindheit, in der man weder erwartet, noch erhofft, noch erwünscht war, sondern an_genommen wie etwas, zu dem man einfach irgendwie kommt. Wie Einkaufswagenchips. Oder Kugelschreiber mit Werbung drauf.
Aber nein. Ich weiß schon, dass es bei negativen Reaktionen auf mein im Allgemeinen gut wegmaskiertes Geheimnis, meine verborgenen Makel, meine unterdrückte Lästigkeit gar nicht um mich geht. Nichts Persönliches ist und praktisch nie so brutal böse, so schmerzhaft zerstörerisch gemeint ist, wie es in mir wirkt. Ich weiß aber auch, dass alle, die nicht mein Leben hatten, 24/7 Zeter und Mordio schreien würden, würden sie erfahren, was ich erfahre, spüren, was ich spüre. Sie wären empört, persönlich beleidigt, gedemütigt, gekränkt, würden Rache und Vergeltung planen. Oder maskieren und die Luft anhalten bis jemand Nahes kommt, fragt, was los ist und sich in eine Tränenlache verwandeln.

Viele Menschen kennen die Geschichte von den Vielen, die Viele sind, weil ihnen die Maske zur zweiten Haut, zum zweiten, dritten, vierten Ich geworden ist. Viele autistische Menschen haben das gleiche Problem. Vielleicht nicht so, dass sie eine DIS entwickeln, aber schon so, dass sie eine Identitätskonfusion erleben. Nicht mehr sicher wissen, wie sie denn eigentlich sind, wenn sie einfach nur so sind. Nicht angepasst, nicht irgendwas unterdrückend, nicht irgendwas von sich an sich reißend, bis es tief ins Innere gedrängt ist, damit es niemand sieht.
Und auch so, dass sie, genau wie ich als Viele, kaum Erfahrung mit diesem unmaskierten, freien, einfach so passierenden Ich haben. Und folglich natürlich kaum Selbst_Sicherheit, wenig Kompetenz und Erfahrungswissen mit sich selbst haben. Was eine Überforderung sein kann, mindestens aber eine Herausforderung, die Kraft zur Bewältigung erfordert. Vor allem, wenn das überwiegend heimlich, allein_verantwortlich und ohne jede Ermutigung, Unterstützung, Versicherung von außen passieren muss.

Im alltäglichen Allgemeinleben ist mein behindertes Erleben eine Privatsache. Sie ist intim. Ich bin empfindlich und streng mit den Menschen, mit denen ich Aspekte davon teile. Ich erwarte von ihnen, dass ihnen das klar ist. Erwarte eine bestimmte Sprache, ein bestimmtes Mindset. Sonst kann ich sie nicht als meine Vertrauten, meine Nahen, meine Gemögten an mich heranlassen. Sie müssen begreifen, dass sie meine Bubble sind. Mein safer space. Meine Version vom Leben unter den Anderen, neben dem es zu keinem Zeitpunkt, in keinem Aspekt irgendetwas Leichtes, Einfaches, Ungefährliches, Unproblematisches gibt.

Ich kann nichts, wirklich nichts, einfach machen wie sie. Außer existieren. Und wäre dies eine allgemein positiv anerkannte Daseinsform hätte ich sie bereits als die meine angenommen.

Mein maskiertes Leben ist gut. Ich kann viele Dinge er_schaffen, kann viele Kontakte haben, kann viele Fähig- und Fertigkeiten aus_entwickeln, die mir das Leben erleichtern und bereichern. Einzig nicht gegönnt bleibt mir, dass ich vergesse, dass es nicht echt ist. Nicht einfach so, nicht natürlich. Immer wieder gibt es Situationen, in denen ich daran erinnert werde und jedes Mal ist es mir der Untergang einer Welt. Ja, einer Traumwelt, aber einer die alle anderen um mich herum mit mir teilen. Einer, in der ich etwas lebe, was sich alle Menschen wünschen.

Und das ist mein Problem mit Masking. Dass ich es will und nicht hinkriege. Dass ich wirklich nichts dagegen habe und mir kaum eine Anstrengung zu viel dafür ist, aber immer wieder mit Kometengeschwindigkeit auf den Boden der Tatsachen knalle. Wegen Dingen, die so banal sind wie Einkaufswagenchips, Kugelschreiber mit Werbung drauf, ein TÜV-Prüfer, der mich nicht zur Prüfung zulassen will, weil ich behindert bin.

Erwachsene

„Das Erwachsensein als Schutzschild“, denke ich und verlasse das Gebäude, in dem ich ein Kindsein beobachtet habe. Die Sonne scheint, die Wärme bewegt sich wie ein Malstrom durch die Steine der Stadt. Ich hole Sommer nach, stelle mich in eine Eisschlange, telefoniere währenddessen mit Renée. Reiße mir den eingebildeten ausgedachten erinnerten Schmerz aus dem Fühlen, esse, höre zu. Bis zum nächsten Morgen schütze ich mich mit Erwachsensein, verbringe keine Stunde mit mir allein und stopfe so viel Heute und Morgen in mein Jetzt, dass ich mich sicher fühle. Starr und steif. Konzentriert und fokussiert. Unter Kontrolle. Über mich.

Wieder zu Hause wartet noch mehr Erwachsenenleben. Und Fahrschulunterricht. Der letzte vor der theoretischen Prüfung. Der erste, der wirklich vergeudete Zeit gewesen wäre, wäre es nicht so wichtig gewesen, mich zusammenzureißen, bis ich ein kompaktes, undurchdringliches Paket Erwachsenheit bin.
Ich fange einen Brief an meine Therapeutin an, dann den nächsten. Dann weiß ich nicht mehr, was ich ihr schreiben will. Ich gehe ins Bett, träume von einem Schrei, der so still ist, dass er mich taub und steif in den Morgen staksen lässt.

Jemand erneuert unsere Regenrinne, andere bergen unsere Terrasse aus dem Gras-Moos-Löwenzahn-Wald hinter dem Haus. Wir fahren mit dem Partner und den Hunden weg. Ich muss die neue Brille anpassen lassen, er mit den Hunden eine Runde gehen. In der Innenstadt ist Flohmarkt und Wahlkampf. Es gibt Tenniskellen mit SPD-Logo an der ungünstigsten Stelle der Straße und Dorfgekumpel am CDU-Stand. Ich bin zu erwachsen, um mich dazwischen zu stellen und zu schreien, ob hier noch alle ganz bei Trost sind.
„Wie scheiße sind wir Erwachsenen eigentlich immer. Was stimmt nicht mit uns“, denke ich während kleine Finger über den weichen Fleecestoff streichen, aus dem ich uns eine neue Schlafhose nähen werde.

Neben dem Stoffladen steht ein Pavillon unter dem die Nazi-Partei skandiert. Ich höre nur irgendwas mit „Heimat“, „Blut“ und „Boden“, vielleicht auch „Heimat“, „gut“ und „Boden“. Lauter höre ich das Raunen der Leute darum herum. Und wie eine Frau zu einem kopfschüttelnden Mann sagt: „Ach, ich find eigentlich ganz gut, was die machen“, als wären wir in einer Zirkusshow, einer Spaßveranstaltung, auf einem verdammten Kinderspielplatz.

Am nächsten Tag ist Kommunalwahl. Am Abend analysiert der Partner die ersten Ergebnisse aus unserem Dorf.
Etwa 1 % Prozent unserer Nachbarn hat die Nazis gewählt.
1 Tropfen Motoröl kann bis zu 600 Liter Wasser verunreinigen.

Warum sind manche Erwachsenen so scheiße.

täter_innenloyale und -identifizierte Innens zivilisieren

[CN: Zivilisierung.
In diesem Text schreibe ich, dass Zivilisierung ein gewaltsames Konzept ist, das sich durch unsere Gesellschaft zieht und beeinflusst, wie wir mit täter_innenloyalen und -identifizierten Anteilen in Menschen, die Viele sind, aber auch Aussteiger_innen, umgehen. Nicht jede Gewalt, nicht jede Tat, die im Namen der Zivilisierung getan wurde, ist vergleichbar mit dem, worauf ich mich hier beziehe. Das ist mir bewusst und wird von mir bedingungslos anerkannt. Im Kern betrifft Zivilisierung jedoch immer die gleichen Aspekte, weshalb ich in diesem Text keine Abgrenzung von z. B. Kolonialverbrechen oder rassistisch motivierter Gewalt vornehme.]

Wir sind am Ende der vierten Staffel Star Trek „Voyager“ angekommen. Seit 9 Monaten wird Seven of Nine, eine Borgdrohne, nun schon von Captain Janeway und ihrer Crew re-assimiliert. Re-kolonialisiert. Re-zivilisiert. Und nun ist sie an dem Punkt, nicht mehr zurück zu den Borg zu wollen, sondern sich der Erde, dem Heimatort ihrer „natürlichen Rasse“ und der Vorstellung dort zu leben, zu öffnen.

Der Strang rund um diese Figur erinnert mich an unsere Ausstiegsarbeit und die Themen, die immer wieder aufkommen, wann immer es um täter_innenloyale, um täter_innenidentifizierte, um in Gewalt- und Traumawahrheiten verhaftete Innens geht.
Wir haben ihnen zwar nie die Identität beschnitten, wie Janeway als sie Seven of Nines Namen zu „Seven“ kürzte, weil ihr das besser gefiel, aber unsere dunkelbunten Innens schlafen auch in ihren Alkoven, fern ab von allen anderen und wir finden das ganz richtig so, denn das ist ja ihre Natur, nicht wahr? Sie sind nicht wir, weil sie keinen Wert auf ihre Individualität legen, sich nicht über sentimentales Geschwätz verbinden und in aller Regel mit den Dingen befasst sind, die relevant sind. Fürs Über_Leben. Was für uns auch wichtig ist, aber erst, wenn es wirklich wichtig ist. Beziehungsweise: Wenn wir einsehen, dass es das ist, weil uns etwas oder jemand überwältigt und hilflos, weil ohnmächtig macht. Nicht einfach so. Nicht, wenn wir gerade leben. Eigenmächtig. Kontrolliert. Sinneseindrücke wahrnehmend, befühlend, in uns und unser Bild von der Welt hineinwebend, wie es uns gefällt.

Wenigen weißen Menschen ist klar, wie schlimm das Konzept der Zivilisation eigentlich ist. Dass es eher etwas mit Formung nach Abbild, mit Folgsamkeit durch Unterwerfung zu tun hat, als mit einer Veredelung des Menschen als Gruppe oder einer Annäherung an Perfektion – an das Beste für alle. Wann immer jemand zivilisiert wird, wird sie_r zur Anpassung gezwungen, was jede individuelle Entscheidung und auch jede individuelle Weiterentwicklung aus allen dem Individuum inne liegenden Möglichkeiten heraus, ausschließt.
Und ja, auch einem Ausstieg aus gewaltvollen Kontexten, aus Sekten, aus Gruppen, deren Verbindung über die Dynamiken und Logiken der organisierten Gewalt entsteht, in die zivile Gesellschaft, die „normale“ Welt, hinein, ist ein Prozess, an dessen Ende ein gewisses Maß an Zivilisierung erwartet wird, um jemandes Integration beurteilen zu können. Und zwar nicht, weil alle Menschen immer wissen, dass sie Aussteiger_innen, Outlaws, Unnormale, Andere assimilieren zivilisieren wollen, sondern, weil sie gar kein anderes Instrumentarium für den Kontakt miteinander haben. Oder anwenden können. Vielleicht.

Es erscheint uns natürlich, dass unser Bild von der Welt richtig ist, weil wir nicht glauben, was täter_innenloyale oder -identifizierte Innens glauben und dieses Nichtglauben von unserer direkten wie indirekten (sozialen) Umgebung als richtig, als wahr, bestätigt wird. Nicht, weil irgendwer wirklich weiß, was zu glauben richtig ist oder falsch. Nicht, weil es so etwas wie „das richtig wirklich Wahre“ außerhalb individueller Vorstellungen überhaupt gibt. Sondern einfach nur, weil wir uns mit genug Menschen über eine Idee, eine Annahme verbinden und gegenseitig versichern können, passiert das in uns. Wir glauben einfach, dass wir Bescheid wissen.
Und alle, die nicht auch so sind, die nicht so verbunden sind mit uns, die unser Denken und Glauben nicht teilen, die sind uns vor allem deshalb fremd. Und nicht, weil sie anders aussehen, andere Dinge (nicht) können als wir, weil sie mächtig sind, wo wir ohnmächtig sind oder weil sie eine andere Sprache sprechen. Sie könnten andere Dinge wollen, andere Ziele verfolgen als wir. Sie könnten uns schaden, unsere Macht begrenzen, sie könnten tun und lassen, was sie wollen und das darf niemand. Außer denen, denen wir dies gewähren. Oder denen, die uns aus ihrer Macht über uns gewähren lassen.

Von aller Gewalt, die wir an uns selbst ausüben mussten, um der Gewalt durch Familie und Täter_innengruppe zu entgehen, ist diese die eigentlich schlimmste. Denn sie ist – in dieser Zeit, dieser Gesellschaft, dem Momentum, das wir in der Menschengeschichte haben – alternativlos. Widerstand ist zwecklos – und war nie möglich. Wir wurden assimiliert und in das Gewaltkollektiv hineingeboren, noch bevor uns irgendjemand körperlich oder psychisch versehrt hat. Niemand von uns ist einfach richtig. Wir werden alle von irgendwem oder irgendwas für richtig (genug) erklärt und erklären unsererseits andere für richtig (genug), um ein Überleben zu sichern, das wir für wertvoller, richtiger, vielleicht auch wichtiger halten als das anderer.

Ich merke, dass ich etwas Falsches tue, wenn ich dunkelbunten Innens widerspreche. Ich merke, dass ich ihnen keinen Lebensraum, kein gutes Leben biete, wenn ich ihnen vermittle, dass ES, DAS, hier und heute nicht mehr passiert und sie heute, hier, jetzt, weder gewollt noch gebraucht werden. Dass ich sie der Verstümmelung aussetze, wenn ich sie dem Heute und dessen Kontexten aussetze. Ich weiß, dass es einer abstoßend überheblichen Großzügigkeit der Überlegenen entspringt, wenn ich ihnen anbiete, sich neue Betätigungsfelder, neue Aufgaben, neue Überzeugungen und Weltbilder zu suchen – aber nicht das, was sie kennen und ihr Leben lang wollten.

Diese Erzählung über die Integration täter_innenloyaler und/oder -identifizierter Innens ist ziemlich weit verbreitet. Es gibt wenig Beschreibung von bedingungsloser Akzeptanz, geteiltem Trauma, Perspektivübernahme und der Inklusion von Täter_innenloyalität und Opferschaft in ein Leben danach. Oft, weil man dadurch mit der Zivilgesellschaft bricht. Weil man allgemeine Heilungserwartungen, Heilungsansprüche, enttäuscht, weil man anfängt etwas zu glauben, das etwas anderes, etwas eigenes ist.
Viele haben die Idee, wer dunkelbunten Innens zustimmt, stimme Täter_innen zu. Stimme Menschenverachtung, Brutalität, Gewalt zu, delegitimiere die Not der Opfer, negiere Freiheit und Selbstbestimmung als Wert an sich.
Auch das hat etwas mit dem Glauben Bescheid zu wissen zu tun. Mit der Annahme, man wisse schon, was in einem Menschen vorgeht, der Kinder vergewaltigt oder welche Interessen die Vertreiber von Gewaltdokumentation in Wahrheit haben. Die meisten täterloyalen und -identfizierten Innens werden (~irgendwie~) als Täter_innen gedacht – oder als Kinder, die Täter_innen sein wollten. In beiden Fällen werden sie nicht als eigen gedacht und das ist ein Fehler für mich. Denn das kann nur passieren, wem Täter_innenschaft als wesensfremd, als unnatürlich erscheint. Als fremd. Als Ausnahme. Als unvereinbar mit Opferschaft, mit Normalität, mit Gleichheit.

Nun bin ich in der Situation, in der ich nicht umhinkomme mir Welt_Ansichten und Wertkonzepte dieser Innens als mir als Einsmensch eigen anzuerkennen. In der ich nicht umhinkomme zu bemerken, dass mein (Über_)Leben in dieser Gesellschaft gefährdet ist, wenn ich mich nicht in Wort und Tat von ihren Werten und Glaubenssystemen distanziere – sie jedoch gleichzeitig in mich aufnehme, wie es meine Traumaheilung erfordert. Eine extrem widersprüchliche Situation mit erheblichem Potential, erneute Dissoziation erforderlich zu machen.
Einfach, weil es um Anpassung geht.
Nicht um Weiter_Entwicklung.

Fundstücke #78

„Kalte Wärme“ will ich es nennen, tatsächlich ist mir aber nur warm unter meinem morgenkalten von Radfahrschweiß feuchtem Körperspeck, den ich eingeschlossen im Bahnhofsklo trocken tupfe und dann in frische, zivile Kleidung stecke.
Wir sind zum Bahnhof geradelt, das sind 18 Kilometer. Es war neblig, feucht, kühl, wundervoll. Dort angekommen sahen wir die Zugausfälle und hörten außer den Durchsagen: nichts. Ok, das stimmt nicht, aber es tat nicht weh und so hört sich das Restnichts eines Bahnhofs ohne ständige An-, Ab- und Durchfahrt für mich an. Schmerzlos.

Ich twittere das und registriere dann den Gedanken, dass das vielleicht zu intim war. Danach, dass diese Einschätzung einer alten Perspektive entspringt, die nie genauso zu meinem Alltag gehörte. Ich werde nicht ständig beobachtet und beurteilt. Niemand teilt mir zu, wo ich anfange, ob und wenn ja bis wohin meine Intimsphäre reicht und wenn ich etwas von mir mit.teile, dann ist das prinzipiell in Ordnung, denn ich bin keine Ressource, die jemandem gehört.
Später frage ich mich, ob es an meinem PMDS liegt, dass mir so scheiß egal ist, wer diesen Gedanken hatte und wieso. Ob ich gerade brutal vermeide und zarte Versuche von Kinderinnens und – Jugendlichen, sich ein Bild vom Heute, meinem Heute, zu machen zerschmettere – oder daran, dass diesem Gedanken, auch diesem fremdvertrauten Kindergefühl der ständigen Beobachtung, Kontrolle, Überwachung, eine Angst zugrunde liegt, auf die ich einfach keinen Bock habe. Like: Wirklich keinen Bock, keinen Nerv, keine Zeit, weil mein Heute tausend andere, viel nützlicher mit Angst befühlbare Dinge enthält.
Und ja, weil ich meine Angst nutzbar haben will. Es ist meine Angst, mein Schmerz, meine Gefühle, meine Gedanken, alles meins und ich kann mir aussuchen, was ich damit anfangen will. Manchmal nur theoretisch, fein, aber meistens auch praktisch.

Ich hatte immer Angst vor meiner Angst, weil sie der Grund für viele Kontrollthemen in meinem Leben ist. Entweder ich musste kontrolliert werden, weil ich Angst hatte oder weil ich „allen“ Angst gemacht habe. Mich als Behältnis, als Quelle der Angst zu kontrollieren war der Umgang, der irgendwie immer möglich war, die Nutzbarkeit meiner Angst eine Idee, die ich erst umsetzen konnte, als ich begriff, dass ich dieses hin und her aus Angst für mein ganzes Leben hielt, statt einen Teil davon. Einen nutzbaren Teil. Einen von mir für mich nutzbaren Teil. 

Ja, da wäre ich nie hingekommen, hätte ich mich meinen Kinderinnens und Jugendlichen immer so gewidmet, wie ich das jetzt mache. Abwehrend, abwertend, ungeduldig, vermeidend. Aber ich frage mich auch, warum ich mich ihnen widmen soll, wenn sie sich auch mir widmen könnten. Besonders, wenn sie schon wissen, dass sie Kinder in einem Erwachsenenleben sind. Dass 2021 ist. Dass heute ein anderes Heute ist. Denn durch dieses Wissen treffen sie eine Entscheidung, wenn sie in ihrem früheren Erleben bleiben. Jedenfalls theoretisch. Dass das viel mit Gewohnheit, Unbewusstsein und einem unfassbar großen Lernprozess zu tun hat, weiß ich auch. Aber.
Wer sich mir in den Kopf und in die Gefühle hängen kann, um mein Überleben zu retten, obwohl es nicht mal im Ansatz gefährdet ist, kann sich mein Leben auch angucken und checken, dass alles anders ist.

So wie S., der sich im Zug neben mich setzt und so etwas wie Gedanken wie ein Echolot an mich richtet, um zu prüfen, ob immer noch alles ist, wie beim letzten Mal: Alles ok.