13

„Na wer wächst schneller – ich oder der Kram, der mir versucht über den Kopf zu wachsen?“
Das hab ich heute gedacht und meine Arme ausgeschüttelt. Sich schütteln hilft. Und sieht albern aus. Aber hilft. Irgendwann gibts dazu einen Podcast, im Moment hab ich zu viel zu tun damit, nur ganz wenig zu tun und gleichzeitig alles auf Stand zu halten.

Ich hatte die Woche anders geplant, jetzt wird es doch alles etwas eng. Aber auch aus guten Gründen. Morgen treffen wir genau zwischen zwei 4 Stunden Arbeitsblöcken unsere erste neue Bekanntschaft in der Gegend. Bis jetzt war es ganz nett. Obwohl es auch ein spitzes Moment hatte. Ich hab mich ihr als Hannah vorgstellt. Obwohl ich den neuen Namen hätte benutzen können. Bescheuert, Reflex, Gewohnheit, meeh. Jetzt ist da wieder so ein Awkward-Dötsch an einem Kontakt, wieder etwas, das möglicherweise irgendwann erklärt werden muss.
Aber gut, vielleicht stellen wir ja morgen auch fest, dass es nicht so ein toller Kontakt ist. Vielleicht haben wir später gar nicht so viel miteinander zu tun. Wer weiß.

Erstmal hinfahren. Mit dem Bus. Hier draußen.
Wir stellen uns vorsichtshalber mal 10 Minuten vor der Abfahrtszeit an die Haltestelle.

12

U., unsere Buchbinderei-Lehrerin, hat mich gefragt, wie Wien war und später dachte ich darüber nach, ob ich im Blog eigentlich darüber geschrieben hatte. Und konnte mich nicht dran erinnern.
Ich weiß nicht, ob es an den Anstrengungen und der Erschöpfung liegt, dass es mir so fern vorkommt. Das Schreiben ist gerade keine “die Intuition laufen lassen”-Routine, es ist echte Arbeit, richtiges sich an die Tastatur schleifen und alles Wortartige festhalten.

Ich hab mich gefragt, ob ich keine Themen mehr habe, ob die Steady-Unterstützung mehr Druck auslöst, ob die zunehmende Bekanntheit des Blogs mich bremsen. Aber nein, das ist es alles nicht.
Es ist die Redundanz. Ich kotze mich selber damit an, seit Jahren immer das Gleiche zu schreiben und es damit zu banalisieren noch lange bevor andere Leute überhaupt verstanden haben, was ich ausdrücken will oder analysiert habe. Und gleichzeitig – wir müssen hier ja nicht ständig unsere Analysen teilen oder irgendwelche Debattenbeiträge schreiben – ist es die neue Bewusstheit für uns.
Seit wir den Freund im Leben haben, versuchen wir uns vorzustellen, wie wir auf ihn wirken, wie das, was wir tun aussieht, ob es nachvollziehbar ist oder komplett w.irr wirkt.
Uns fallen dabei immer mehr Bereiche im Leben auf, die schwierig sind. Aspekte des Alltags für die wir nicht mehr so umfänglich amnestisch sind und deshalb in ihrer Problematik für uns bewusster werden. Ich weiß, dass es schwer zu glauben ist für manche Leute, die uns hier, zum Teil schon seit Jahren, lesen, aber wir Rosenblätter er.leben vielleicht 25- 40% des Alltags und davon nicht einmal alles direkt im Sinne von “als selbst er_lebt”.
Zu merken, wie viel da noch ist, ist heftig. Das war nie anders und hat eigentlich nie den Schrecken verloren.
Und jetzt merken wir noch dazu, wie viel da noch sein könnte, würden wir nicht so phobisch sein. Wäre unsere Phobie nicht so tief in uns hineingewebt, dass sie wie ein unwillkürlicher Reflex funktioniert.

Da tauchen immer wieder Themen auf, die wir hier gar nicht aufschreiben können, weil es uns wegreißt, sobald wir nur dran denken. Der Abstand ist noch nicht da. Und wenn er mal da sein wird, dann werden wir merken, dass wir wieder im rosenblattschen Analysemodus landen, der uns wieder wie jemand wirken lässt, die_r alles schon durch hat. Das ist unglaublich frustrierend. Und ja auch nicht nie dagewesen.

Wir wollens anders hinkriegen. Machen Dinge anders als sonst.
Das beansprucht uns. Deshalb fallen manche Dinge weg. Zum Beispiel ein Reisebericht oder ein Einblick da hinein, wie das ist, aus “aufgeschrieben” zu lesen und so anspruchsvolle Themen zu bearbeiten, während man allein, im Ausland, schon ziemlich weit erschöpft nach Schulabschluss, Umzug und viel Arbeit, ist.

Es ist Prozess. Mein, unser Frust am Blog, an uns auch. Das alles.
Verdammte Axt.

11

Den ganzen Tag hab ich darauf gewartet, irgendetwas Unerwartetes kompensieren zu müssen, also habe ich alles erwartet. Einen alten Schienenersatzverkehrsbus, der NakNak* und mich eine Stunde lang durchschüttelt. Mal wieder eine Zugverspätung. C. mit einem Thema auf das ich nicht vorbereitet bin. In der Schule ist irgendwas gruselig anders. Die Therapiestunde enthält merkwürdiges.
Nichts davon ist passiert, obwohl doch auch, aber nicht so wie erwartet.

Es kam ein kleiner moderner Bus, in dem wir sogar eine Weile die Augen zu hatten und die Sonne auf dem Gesicht und NakNak* auf dem erspürten. Wir waren pünktlich am Zielort, C. war gar nicht da und in der Schule war alles wie immer außer hammergeilen neuen Arbeitstischen. Unbehandelte Massivholzplatten, helles Untergestell, etwas rauh, perfekte Höhe, noch kein einziges Krakel dran. Geil einfach.
Die Therapie war okay. Nicht merkwürdig. Ich war merkwürdig. Obwohl – vielleicht kommt mir das nur so vor. Ich hab mich über mich gewundert, ich kam mir merkwürdig vor. Bin froh morgen wieder zu Hause zu sein, an meinen Sachen arbeiten zu können, einen schönen Auftrag jetzt ganz bald beenden zu können. Ungefähr 120 Kilometer Abstand zu kriegen.

Ach und es ist doch etwas Unerwartetes passiert. Ich hab den Schlafanzug zu Hause vergessen und besitze jetzt lange Thermounterwäsche, die ein neuer Schlafanzug ist.
Gut, dass manche Dinge mit Geld kompensierbar sind.

10

Die körperliche Komponente der Erschöpfung lässt nach und macht einem Britzeln unter der Haut Platz. Alles ist langweilig, kaum etwas hält wirklich lange bei der Stange. Und wenn es packt, dann packt es gleich ganz, führt zu Anflügen von Beklemmung und streift zuweilen den Kippschalter zur Angst. Es ist ein unangenehmer Zustand und woanders lang als hindurch gehts nicht.

Ich hab keinen Bock auf Rumgedeute, woran das jetzt alles liegt. Blabla das ganze Jahr bis jetzt bli blubb die ganzen Termine der letzten Wochen, dies das oh und nächste Woche dieses Anhörungsdings – äh ach und sag, ist jetzt nicht auch November tatütataaaa
Bla.
Es ist wurscht. Bringt mir nichts. Erklärt nicht mal was, weil es ja alles ist und sein könnte, aber vielleicht auch nicht. Vielleicht ist grad einfach nur so mal kurz Ende Gelände. Wird eine Nullinie gebraucht, weil wir auch nur ein Mensch sind. Mit einer gewissen Kapazität und der gleichen Chance, wie alle anderen Leute auch, daraus das Bestmögliche zu machen oder wenigstens zu versuchen.

Das Schreiben für das Schreibprojekt fließt immerhin. Langsam, nicht sonderlich gut, aber es kommt. Wenigstens das.

 

9

Nightwish. Klapskindjahre. Es ist jetzt 16 Jahre her.
Und dann: wir hier in dieser großen Wohnung ganz allein, der Freund flauscht NakNak* nach dem Spaziergang, wir können hier schalten und walten, wie wir wollen.
Das ist alles be.merk.würdig.

Wie er seine CD’s durchwühlt, die bunten Haare im Gesicht, in meinem Schlafanzug, mein Abendbrot für den Freund und mich auf dem Herd. Er ist älter geworden, hat aufgehört zu rauchen, will im Frühling nicht mehr raus raus raus weglaufen. Seine Spannung ist eine andere als damals und doch noch immer irgendwie verloren. Er beobachtet mich und wackelt den Kopf mit dem Takt der Musik. Wartet auf mein Unbehagen über die Lautstärke. Ich deute auf das Umunsherum und sage ihm, dass auch um dieses Haus herum nicht viel ist. Wir wissen beide nicht, was das genau bedeutet, nur, dass es für jetzt okay ist.

Die Klapsmusik in laut anhören. Das bricht etwas auf, ohne, dass ich sagen könnte was. Es macht einen Unterschied, ob man sich in dem Raum zwischen zwei Kopfhörern versteckt oder eine Wohnung zu eben diesem Raum macht. Zu dem Raum für sich allein.

 

8

Die 7 fehlt und das wird wird mich lange nerven. Egal. Sie fehlt, vieles andere fehlt auch. So ist das jetzt gerade.

Heute hat die Leere im Kopf Raum bekommen. Wir haben die Hecke gestutzt, das Gekruschel auf den Haufen zum anderen Gekruschel geworfen und dann ging die Sonne unter.
Jetzt tun mir die Oberarme weh, der Freund kam gerade mit den Hunden zurück.

Ich würde gern etwas geistreiches schreiben oder machen, aber ich bin gerade geistarm. Und nicht mal die Gelegenheit, um irgendwas über Geistarme zu schreiben, kann ich gerade nutzen. Oh da doch – haha Geistarme.

6

Geschafft, was geschafft werden musste. Danach Sims 3.
Das war wichtig und gut wie immer. Runterfahren, absolute Redundanz, Vorhersehbarkeit, ein Ablauf nach dem anderen, 100% Erfolgsgarantie. Soziale Interaktion, die keine ist, aber doch so wirkt.
Sims 3 zu spielen, ist Stimming für uns. Die schwere Decke dabei auf den Beinen, NakNak* im Sessel neben uns. Für einige Stunden ganz allein. So gehts.

Uns gehts nicht gut gerade. Aber es – das Leben, der Lauf der Dinge – geht gut. Es ist kein Stillstand. Nur langsamer. Mit mehr Schlafen, mehr Ruhe, mehr langsam, mehr eins nach dem anderen, damit der Salat kein Feuer fängt.

5

Kommentarthread auf einen Kommentarthread auf ein Video in dem Menschen von Angriffen durch Tierrechtsaktivisten berichten, weil sie einen Assistenzhund führen.

Diese Debatte ist mir inzwischen so leidig. Es widert mich an, es macht mich wütend. Und ja nein, nichts an meinem Thread urteilt über Haus.Tierhalter_innen. Es urteilt über die Gewalt, die mit der Tierhaltung verbunden ist und ihrer Normalisierung.

Wie sehe ich mich selbst als Hundehalter_in? Ich sehe mich als Menschen, der einen Hund ausbeutet, um selber klar zu kommen. Ich sehe, dass ich in gewaltvollen Kontexten lebe, die es mir leichter machen, ein Tier auszubeuten, als eine gesellschaftliche Lebensituation herzustellen, in der ich keinen Assistenzhund brauche, um so selbstständig zu leben, wie ich das jetzt tue.

Niemand gewinnt, niemand ist „gut“, wenn es Gewalt ist, welche die Vorteile erbracht hat.

Niemand. Nie. Jemals.

4

Erstaunlich ist, wie gut wir die Zugfahrten inzwischen hinkriegen. Wenn alles klappt. Aber auch, wenn nicht.

Ich denke manchmal, dass ich gern mehr von der abgrundtiefen Verzweiflung äußern würde, die ich fühle, wenn meine Fahrpläne mit 2 bis 4 Umstiegen kaputtgehen. Dann will ich 5 sein und das gesellschaftliche Okay für einen spontanen Schreulkrampf am Bahngleis haben. Dann will ich 5 sein, damit mein Gefühl vom Lauf der Dinge ausgetrickst und verraten worden zu sein, mit etwas anderem erklärt werden kann, als irgendeiner persönlichen Verkorksung.

Wir fahren inzwischen jeden Montag und Dienstag mit den Regionalbahnen zwischen NRW und Niedersachsen hin und her. Ein Mal im Monat fahren wir nach Münster, diesen Monat dazu noch ein Mal nach Berlin und ein Mal nach Hannover. Meistens ist NakNak* dabei, meistens ist es unangenehm, dass sie dabei ist, immer ist es gut, dass sie dabei ist. Wir würden das so nicht ohne sie schaffen.

Nicht ohne sie, nicht ohne den Freund, nicht ohne C., nicht ohne die Betreuung, nicht ohne andere Unterstützungen.

3

Der Freund kennt die Gilmore Girls nicht, deshalb schauen wir uns jetzt die Serie an.
Jeden Abend. In seinem Wohnzimmer, auf der Couch, unter flauschigen Decken, zwischen uns die Hunde.
Das macht was und es ist gut.