25

Sie legt eine Erbse neben die andere.
Betrachtet die Reihen und seufzt zufrieden.

“Manchmal bin ich geneigt es euch leicht zu machen und euch darin zuzustimmen, dass ich einfach in einer ganz anderen Welt lebe.”, sagt sie und greift wieder in ihr kleines Säckchen mit getrockneten Erbsen.
“Dann müsste ich nicht schon wieder Kraft für einen Widerspruch, einen Apell an die kritische Auseinandersetzung mit dem Ist oder Hoffnung für Veränderungen aufbringen – müsste nicht schon wieder etwas tun, das, obwohl es das Gegenteil bewirken soll, eine eigennützige Idee verfestigt.

Leider steht ja nichts weiter hinter dieser “eine andere Welt-Idee”, als Eigennutz.
Selbstberuhigung. Soziale Dissoziation. Selbstschutz. Eigene Dämonen. Ein Verstand, der vorrangig das eigene Selbst kontextualisiert.

Ich fänd es schöner, ginge es um Anerkennung der Auswirkungen einer anderen Perspektive als der eigenen.“.
Sie legt den Kopf schief und blinzelt in die Richtung ihrer Gegenüber.
Folgt kleinen Falten, die von großen geworfen wurden.
Greift wieder nach ein paar Erbsen.

„Ich kann mich erinnern, wie wir einmal in einem Beratungsgespräch waren und es hieß, Kinder wie ich, würden das Gras wachsen hören. Es hat mich lange beschäftigt, wie sich Wachstum anhört und wie ich das Wachstumsgeräusch des Grases von dem Wachstumsgeräusch des eigenen Körpers unterscheiden könnte und warum ich mich fragte, wie sich Wachstum anhört, wenn ich es doch, laut der Beratungsperson, hören könnte.
Ich dachte, da sie es euch gesagt hatte, sei das Hören von Graswachstum etwas, das ihr von nun an von mir zu können erwartet.
Ich suchte in der Bücherei nach Antworten. Fand nichts. Fragte meinen Lehrer für Biologie.
Der schaute mich an, als käme ich von einem anderen Planeten.

Meine Unfähigkeit Gras wachsen zu hören, wurde zu einem Defizit, für das ich mich so sehr schämte, dass ich viel Energie in das Erlernen anderer Dinge gab, um eine Enttäuschung auszugleichen, die ich nicht ertragen wollte.

Erst viel später begegnete mir die Redewendung in einem Roman erneut und löste mein Missverständnis auf.
Für mich wurde klar, dass meine Welt in eurer Welt durch meine Art des Verstehens passiert.”.

Wieder greift sie in den Beutel und holt die nunmehr letzten Erbsen daraus hervor.
Dem Sekundentakt der Uhr folgend, springt ihr Blick von Frucht zu Frucht über den Zeitfluss hinweg.

“Ich verstand, dass ihr mein Verstehen nicht versteht. Und dass es die Unmöglichkeit der Nichtnutzung des eigenen Verstandes zum Verstehen eines solchen ist, der uns schon immer und für immer unüberwindbar voneinander trennt.”.

Sie legt die letzte Erbse ab.
Setzt sich hin.
Legt den Kopf auf den Tisch und taucht in das Muster aus Sekundentakt, Erbsenreihen und dem Streichgeräusch der Wimpern über die Tischdecke.

24

“Dabei geht es nicht darum, dass mich niemand mag. Oder um meine Fähigkeit zu lieben.
Es geht um Zeit und Raum.”.
Sie atmet ihre Tränen zurück in ihre geheimen Kammern links und rechts unter dem Pochen in ihren Schläfen.

“Um das zu wenig Zeit, wo man viel Raum einnehmen darf und das zu viel Raum für Zeiten, die man sich nicht von der Haut schälen kann.”.

Sie füllt ihre Tasse erneut mit warmen Kaffee.
Schaut aus dem Fenster.

“Es geht um Vertrauen in eine Welt, mit der ich mich nicht verbunden fühle.”

“Hey und dabei können wir würfeln, wo das herkommt. Das ist doch schön. Schöner Zeitvertreib. Wo wir grad bei Zeit und Raum sind.”.
Sie saugt das Getränk in der Hand vom Tassenrand ab bis sie einatmen muss.
“Ich hab einigen Leuten schon so viel Zeit geraubt und so viel Raum vergiftet. Meine Fresse. Muss man sich mal überlegen.”.

Sie hüpft auf den Küchentresen, lehnt sich ans Fenster und stemmt die Füße auf die Arbeitsplatte.
“Mich macht das heute noch immer wieder fertig, wie langsam ich bin. Obwohl mir oft gesagt wird, ich wäre zu schnell.”.
Sie schaut hoch und fliegt über ihr Gegenüber hinweg.

“Ich brauche zu lange um mich sicher zu fühlen. Um Räume zu erkennen. Um Räume als die Räume wiederzuerkennen, die sie immer schon waren.
Jede noch zu kleine Veränderung macht mich unsicher. Ist ein Raum noch ein Raum, wenn er nicht mehr ist, was er mal war?
Hm. Ich weiß es bis heute nicht. Fakt ist: das verlangsamt mich. Meine Verwirrung nimmt Raum ein und be.hindert mich dabei, mich selbst auszubreiten und zu nehmen, was mir zugestanden wird.

Und zusammen all diesem sozialen Abstands- und Ausgrenzungsquatsch ergibt sich daraus einfach mal eine soziale Schnecke.
Nervig. Echt.”.
Sie schlürft an ihrem Kaffee wie an einem Whiskey und legt ihren abgeklärten Blick auf die Knie vor sich.

Die Stille leckt gemächlich die Wände hinauf und zieht sich in langen Fäden von der Decke hinunter.

“Es geht um Vertrauen.
Und die Frage was das ist.

Viele Menschen, die ich danach frage, benennen Sorglosigkeit oder auch direkt die Abwesenheit von Angst.
Menschen, die vertrauen, sind von Konstanten überzeugt, die sie sowohl in sich, als auch in ihrer Umgebung finden können.

Menschen, die vertrauen, können den Grund dafür meist nicht einmal erklären. Da geht es um Überzeugungen, die vom ersten Augenblick des Seins an bestätigt werden und sich entlang gemachter Lebenserfahrungen stabilisieren.
Lauf-der-Dinge-Magie.”.
Zärtlich lächelt sie das Wort vor sich an und bewegt sich sanft an ihm vorbei.

“Es fasziniert mich, wie verbunden diese Menschen die Welt wahrzunehmen scheinen.
Für mich ist alles eine Frage der Optionen und Möglichkeiten. Rechenergebnisse. Abwägungsfolgen. Analysen des Lauf der Dinge.
Zutrauen.”.

Ihr Blick streift versonnen über kleine Luftblasen auf der Oberfläche des Kaffee in ihrer Hand.
“Ich kann mich von guten Absichten, guten Gelegenheiten, nützlichen Umständen und hoffnungsvollem Bestreben überzeugen lassen. Doch daneben bin ich genauso davon überzeugt, dass nicht alles, was mir gut, nützlich, hoffungsvoll erscheint, auch etwas ist, das gut, nützlich und hoffnungsvoll ist.

Meine Konstante ist die Verwirrung über Schein und Sein.
Meine Konstante ist, dass es nichts gibt, was lange genug so ist, wie ich es einmal erfasst habe.
Außer die Schwerkraft.”.

Für eine Weile hört sie auf zu sein, um der Bedeutung ihrer Worte mehr Raum zu lassen und sie selbst zu betrachten.

23

Sie leert die Tasse in einem Zug und schleudert sie langsam an ihrem Henkel um den Zeigefinger herum.

“Seltsam ist doch, dass ich für jede Not einen anderen Außenposten habe. Doch für das Intime, das Persönlichstprivate – diese eine Sorte der inneren Lebensvorgänge nicht.”.
Sie rutscht bequemer auf die Sitzfläche und stützt ihre Füße auf die Sitzfläche des Gegenüber.

“Du hast deinen Seelenheilbalsam in der Idee gefunden, ich wäre glücklich in diesem Nichtbezug zu euch. In diesem Status der Unverbundenheit von Moral und Familienethik, die Leiden verbietet und Schmerz zur Basisimmanenz des Lebens zählt.
An Punkten, wie diesem hier fürchte ich, dass kein einziger der Menschen, die ich heute im Leben habe, eine grundlegend andere Haltung zu uns hat.”.

Sie stößt sich ab und setzt sich wieder an das Kopfende des Tischs.
Vor ihr liegt das Telefon wie ein Tor zu einer Welt, die ihr zu betreten so optional erscheint, wie das eigene Leben.

“Ich bin dieses Jahr 30 Jahre alt geworden.”.
Sie lächelt mit einem zarten Stolz wie eine gesprungene Christbaumkugel im Mundwinkel hängend.
“Und doch habe ich niemanden, den ich bedingungslos um meinetwillen hier bei mir sein lassen könnte.”.
So heiß es in ihren Augen ist, so kalt sucht sich eine Träne ihren Weg daraus hervor und kriecht die Wange herunter.

“Was ich tun kann, ist die 110 zu wählen. Eine offizielle Stelle, die verpflichtet ist und dafür bezahlt wird, meinen Hilferuf zu beantworten. Auch, wenn sie mich als Menschen und Person schrecklich finden.”. Sie schaut ihr Gegenüber an und bemerkt das eigene Weinen am verschwommenen Sehen.

“Wie glücklich glaubst du, kann ein Mensch über so eine Situation als Lebensstandart sein?”.

22

Er schiebt seinen Blick unerbittlich wie einen Stachel in die Augen seines Gegenüber.
“Wenn du sagst, du lebst dein Leben und ich lebe meins, dann negierst du eine Wurzel, die ich unter Aufwendung von Kräften aufrecht erhalten habe, die du mir antrainiert hast, weil sie dir wichtig waren.
Damit negierst du, etwas mit meinem Leben zu tun zu haben, ohne zu markieren, dass du mich gemacht hast.”.

Sein Blick wird zu einem glühenden Dorn in einem Gesicht aus Stein.
“So bleibt die Frage was ich bin, bin ich doch aus dem Nichts für Nichts und Niemanden geboren.”.

21

Sie streicht die Tischdecke glatt und rückt das Stövchen unter der Kaffeekanne so zurecht, dass ihr das Teelicht nicht weiter in den Blick hineinsticht.

Ihre knorrigen Hände umschließen die warme Tasse.
Wie ein Leuchtturm sitzt sie am Tisch und schaut aus dem Fenster auf einen gleißgrauen Himmel. Die ausgebeulte Wolkendecke zieht ohne Bezug zur Zeit über das Land.

“Für mich war es entwürdigend meine Familie gegen Menschen austauschen zu müssen, die dafür bezahlt wurden, die Dinge zu tun, die Familien tun. Unabhängig davon, ob sie es gut oder schlecht getan haben. Ich habe meine Familie nicht als gut oder schlecht bewertet, so sah ich nie einen Sinn darin, das Ersatzprogramm als gut oder schlecht zu bewerten.

Schlecht war der Ersatzcharakter. Schlecht war meine Rolle als Kostenfaktor mit Potenzial, das keinerlei tiefere Verbindung zu den Menschen als Ganzes eingehen durfte.  Niemals, jemals.”.
Sie schaut in das Rund ihrer Tasse und legt ihren Blick auf die Ebene der Flüssigkeit.

“Es gibt viele Menschen da draußen, die Heimunterbringungen oder Kliniken oder andere Formen der Begleitung durch professionelles Personal für die bestmögliche Alternative zu gewaltvollen Familien, Obdachlosigkeit, Verwahrlosung und völliger Isolation halten.
Interessanterweise würden sehr viel weniger dieser Menschen Obst in Konserven als genauso wertvoll wie frisches Obst bezeichnen.”.
Sie schaut hoch und lächelt. “Das ist doch wirklich interessant, oder?”.

“Für mich war es entwürdigend zu jemandem zu werden, dem bedingungslose Zuwendung absolut verwehrt bleiben musste, um “ausreichend”/ “professionell”/ ”fachlich kompetent”/ “angemessen” durch die Jugend und das Erwachsenwerden begleitet zu werden.
Es war, als wären mir die tief- und weitreichenden Wurzeln abgeschnitten worden, um mich in sterile Erde zu setzen, die um jeden Preis verhindern musste, dass ich mich mit ihr verbinde.”.

“Auf diese Art wird man zum Ideal der Ressource „Mensch“.”.
Sie greift nach dem Einkaufswagenchip und lässt ihn auf seiner Kante kreiseln.
“Absolut bindungslos und ganz und gar auf das angewiesen, mit eigen Fleisch und Blut bezahlbar ist.“. Ihre Stimme prägt die Stille wie eine Druckmaschine das Papier.

„Die meisten aller Jugendlichen mit Heim- und Jugendhilfehintergrund erhalten maximal den Realschulabschluß, weil die Ökonomie ihrer staatlichen ersatzfamiliären Legebatterie keine weitergehende Schul.ausbildung ermöglicht. Wenn sie überhaupt einen Schulabschluss in dem vorgesehenen Zeitraum schaffen.
Die Rettung und Aufzucht von jungem Menschenmaterial ist ein Geschäft, vor dem nur die eigene Familie schützen kann.

Das klingt abstoßend und schlimm – und wenn die Familie eine ist, die keinen Wert in dem vorhandenen Menschenmaterial erkennt, eröffnet sich eine dieser dramatischen Tragödien, die so schmerzhaft ist, das die Worte rar werden.”.
Mit einem subtilen Geräusch landet der Chip und die Stille mit Sekundentaktmuster legt sich über sie.

“Für mich war es schmerzhaft und demütigend zu bemerken, wie ihr euch eine Entlastung mit meinem Leben und seiner gesamten Zukunft erkaufen konntet.
Wie es euch etwas einbrachte, während es für mich sämtliche Chancen und Kontakte abschnitt, die man als Jugendliche haben kann, um zu einem Erwachsenen zu werden, der sich mit der Welt verbunden fühlt.”.
Sie nimmt einen Schluck Kaffee und vergeht in seiner Wärme.

20

Er setzt sich vor sein Gegenüber und spürt dem leisen Klirren ihrer Not nach.
Langsam rieseln ihre Worte von der Raumdecke auf seine Schultern.

Sein Blick gräbt sich durch Haut und Fleisch.
Bohrt nach einem Kern, den er als Menschlichkeit erfassen kann.

“Ich kenne dich nicht.”, sagt er und spürt seine Ränder so deutlich, als wären sie aus Eisen.
“Aber ich erinnere mich an dich.”.

19

“ICH WEIß NICHT, WEM ICH WAS SCHREIBEN SOLL!”.
Sie verschließt die Öffnung unter ihrer Nase und betrachtet den im Raum schwebenden Ausruf.

Das Telefon in der Hand, taumelt sie durch die Wohnung. Zerschellt an einem Türrahmen und richtet sich wie ein Wesen aus fettfeuchtem Lehm wieder auf.
Sie greift nach den Fetzen der eigenen Wahrnehmung. Legt sie vor sich und zerfließt vor der Unmöglichkeit des Begreifens.
Wird zu dem Gewicht in seinen Schritten, die er wie tiefe Ackerfurchen durch die Stille zieht.