Nachworte zum Tod von Katja Husen

Am Dienstag ist Katja gestorben.

Sie hatte einen Fahrradunfall und kommt nicht wieder zurück. Nicht nach Hause zu ihrer Familie, nicht in ihr Büro bei den Grünen, nicht zu uns ins Twitterwohnzimmer. Nie wieder.

Kein ‚Nie wieder‘ ist schmerzhafter, als das nach diesem Verlust. Keine Stille lauter. Keine Trauer größer.

Katja war eine engagierte Verbündete für trans Personen, für arme Menschen, für alle, die dagegen sind, dass Ungerechtigkeit und Zerstörung passieren. Sie war eine kluge, kraftvolle, herzliche und aufrichtige Person. Sie fehlt und wird für immer fehlen.

Was bleibt ist die Dankbarkeit, dass sie da war. Die Kraft, die ihr Andenken für die gemeinsamen Kämpfe geben kann. Die Demut vor der Zerbrechlichkeit unserer Bande.

#Buchtipp und Verlosung: „Liebe mit Köpfchen“ von Constanze Schwärzer-Dutta

Cover von "Liebe mit Köpfchen, Tipps einer Autist*in für neurodiverse Beziehungen" von Conni Schwärzer-Dutta in weißer Schrift, im Vordergrund zwei Gesichter einander gegenüber. Links grün mit roten Quadraten, die von links nach rechts ragen, rechte das Gesicht hellblau, von dem gelbe Kreise von rechts nach links ragenAm 1. Juli erscheint „Liebe mit Köpfchen, Tipps einer Autist*in für neurodiverse Beziehungen“ bei der edition assemblage.
Ein Rat, Mut und Erkenntnis gebendes Buch über die Herausforderungen und Wunderbarkeiten von (Liebes)Beziehungen neurodiverser Paare, geschrieben von einer, die sich damit auskennt. Conni Schwärzer-Dutta ist Deutschlands erste Paarberaterin für neurodiverse Paare und selbst Autistin.

In 7 Abschnitten finden sich praktische Tipps, konkrete Erklärungen und auch biografische Beispiele zu Themen aller Beziehungsphasen. Es werden verschiedene Probleme und Methoden ihrer Lösung beschrieben, aber auch aufgezeigt, welche Signale zum Beispiel beim Sex wichtig sein können, um die Situation richtig einzuschätzen. Auch Fragen zur Rolle der_s nicht-autistischen Partner_in werden besprochen und aufgezeigt, wie die Beziehung selbst in schwierigen Situationen eine auf Augenhöhe bleiben kann.

Dieses Projekt zu betreuen, hat mich mit sehr viel „autistic pride“ erfüllt, meinem ersten Empfinden dieser Art. Dafür bin ich speziell Conni sehr dankbar, die mit ihrem Buch hier viel für die autistische Community in Deutschland tut.

Das Buch kann beim veganen Kollektiv „roots of compassion“ vorbestellt werden.
Exklusiv zur Veröffentlichung verlose ich 5 Exemplare unter allen, die hier in die Kommentare schreiben, dass sie teilnehmen möchten. Die_r Gewinner_in wird von mir per E-Mail kontaktiert und um eine Adresse gebeten. Diese Daten werden direkt im Anschluss an die Versendung des Buchs von mir gelöscht.
Teilnahmeschluss ist Montag um 22 Uhr – damit das Buch von passend vor der offiziellen Buchvorstellung am 1. 7. 2022 bei den Gewinner_innen sein kann. Denn da wird auch die erste Lesung mit Möglichkeit zum Signieren in Berlin stattfinden. Sowohl online als auch analog. Alle Infos und den Link zum Veranstaltungsort findet ihr auf der Verlagsseite.

Weitere Termine zu Lesungen findet ihr auch auf der Webseite zum Buch: https://liebemitkoepfchen.com/

Reichtum bekämpfen | note on: #IchBinArmutsbetroffen

Gestern habe ich mich zum ersten Mal an #IchBinArmutsbetroffen beteiligt. Als Beitraggeber_in in einem Space, der das Thema „Wishlists in Tweets mit Aktionshastag“ hatte. Zufällig, spontan, weil der Partner die Leute unterstützt, die versuchen die Aktion so lange wie möglich in der öffentlichen Aufmerksamkeit zu halten. Von mir aus hätte ich mir den Space nicht angehört. Ich kenne solche Debatten als den Anfang vom Ende. Das waren sie bei #NudelnMitKetchup, das sind sie in jeder Gruppe, die im Wachstumsrausch verpasst, dass Community mehr als Macht durch Masse ist. Aber nun lief die Veranstaltung und ich beteiligte mich. Bis ich abgewürgt wurde, wegen des Zeitlimits. Und dann nicht auf die Reaktion des Moderators antworten konnte, weil so viele andere auch noch sprechen wollten.

Hier habe ich dieses Limit nicht. Hier also der Rest dessen, was ich sagen wollte. Und meine Gegenrede auf die Antwort.

Ich bin nicht mehr arm, weil ich einen gut verdienenden Partner habe. Meine Arbeit allein würde mich in einem städtischen Umfeld ohne unterstützende Community, ehrenamtliche Helfer_innen und alternative Konsumoptionen (second hand shops, Tausch- und Leihzirkel etc.) gerade so über Wasser halten.
Für mich bedeutet das: Armut ist relativ auf allen Achsen – und die wenigsten davon sind von „der Politik“ abhängig. Was soll das überhaupt bedeuten: „Die Politik“? „Die Politik muss da was machen“, „Millionen arme Menschen sind ein Zeichen für das Versagen der Politik“
Die Politik ist euer Ziel, ihr wollt, dass „die Politik“ sich dem Thema annimmt – aber was, wenn sie das schon längst tut? Wenn „die Politik“ schon längst richtig dick dabei ist, Armut zu bekämpfen?

Für mich geht in dem ganzen Bewegungsversuch völlig unter, dass die Armut in Deutschland auch politisch gewollt – in einigen Bereichen sogar gebraucht wird, um Reichtum und Macht zu erhalten bzw. zu steigern.
Denn wer Armut bekämpfen will, hat generell zwei Optionen.
Erstens: Arme Menschen werden getötet, denn in ihnen verkörpert sich die Armut. Das ist effizient und passiert in jedem kapitalistischen Land und Deutschland ist da keine Ausnahme.
Die zweite Option ist, Reichtum zu bekämpfen. Doch das wird „die Politik“, wer oder was auch immer sie nun ist, nicht für euch machen.

Man muss schon ein sehr naives Verständnis von Demokratie in einem kapitalistischen Land haben, wenn man annimmt, dass arme Menschen einfach nur genug politisches Gehör brauchen, um bedarfsgerecht versorgt und abgesichert zu werden. Und ein noch naiveres Verständnis von politischer Macht, wenn man annimmt, dass wenn man nur richtig auftritt, das Anliegen richtig aufbereitet, die Not klarmacht – die Ungerechtigkeit, die Unmoral, den Rechtsbruch, die persönlichen Schicksale – dass dann schon das richtige passieren wird.
Als hätten all die Leute, die schon vorher (politisch) gegen Armut gearbeitet haben, einfach verkackt. Als wären die einfach nicht so geil gewesen wie ihr.

Mir erschließt sich auch nicht, warum vom Erfolg des Hashtags allein auf ein politisches Gewicht geschlossen wird, sind es doch Individuen der Twittercommunity, die diesen Erfolg gewissermaßen „erarbeitet haben“. Und zwar mit den klassischen Mitteln einer sozialen Bewegung: (einander) Zuhören, Mitfühlen, Teilen, Austauschen, Mit_gestalten
Soziale Bewegungen lassen häufig unterstützende Communitys entstehen – man sieht doch, wie viele Menschen sich unter diesem Hashtag zusammen tun, welche Verbindungen entstehen, wer wen kennenlernt und so, wenn nicht zu finanziellem, so doch sozialem Kapital kommt. Warum schützt ihr das nicht? Warum macht ihr einen Space zum autoritärem policing eurer eigenen Hashtagnutzer_innen – eurer Community! – statt einen zur Frage, wie ihr euch als bewegte Gruppe stabilisieren könnt? Wie man sich institutionalisieren kann. Wie man Aktionen wie „eine Sorge weniger“ größer machen kann. Wie man Leute, die wegen ihrer Wishlist von Trollen, Hatern und Sozialneidern angegriffen werden, als Community schützen und unterstützen kann.

In meinen Hartzjahren war es das Fehlen einer solchen Community, das mich unter meiner Armut hat leiden lassen. Mit dem wenigen Geld, der fehlenden Perspektive, der Not bin ich immer irgendwie klargekommen. Mit vielen Tränen, unfassbar viel Selbsthass, enormer Wut, doch es ging. Aber das Gefühl, dass alle um mich herum okay damit sind – das hat immer wieder neu etwas in mir gebrochen. Und dabei war mir die politische Aufmerksamkeit auf Leute wie mich irgendwann völlig egal. Mir ging es um meine Nachbar_innen. Die Leute in der Straßenbahn. Meine Ärzt_innen, Therapeut_innen, die Leute, die ich im Park gesehen habe. Die Leute, die im Fernsehen vom „Abrutschen ins Hartz 4“ gesprochen haben, als würde mein Leben am Grunde eines Brunnens stattfinden. Die Leute, die hier von meinem Leben und Denken lesen. Denn das war mein Bezugsrahmen und ist es noch heute.
Es waren nie Fremde, die mir etwas geschenkt oder in der Not geholfen haben – aber es waren und blieben für immer Fremde, die die Hartzgesetze schrieben, die die Sozialgesetzbücher füllen, die Stempel auf meine Anträge knallten.

Ich will nicht darauf hinaus, dass wir Armut nicht als politisches Problem behandeln sollen. Das muss auf jeden Fall passieren – aber die armen Menschen davon zu trennen, halte ich für essenziell.

Alle Menschen können allen Menschen alles geben – wenn alle alles geben. Dafür brauchen wir keine Gesetze und auch kein Rumgeschraube an bestehender Gesetzgebung. Es gibt kein Verbot einander zu helfen oder Wünsche zu erfüllen, keine Strafen für bedingungslose Zuwendung und Fürsorge. Es gibt nur Angst, dass keine_r da ist, wenn man selbst was braucht. Und die wird man nicht los, wenn man sich auf politische Lösungen verlässt.

Oder damit rechnen muss, dass man als „Saboteur_in der Bewegung“ gilt (und ausgeschlossen wird), wenn man die eigene Wishlist da teilt, wo sie von den meisten Menschen gefunden wird.

die letzte Etappe

Ich saß in Emden. Gerade angekommen, mariniert in Sonnencreme-Rest und eingeschweißt von 42 Kilometern auf dem Fahrrad. Am Morgen hatte ich den Rücken eines verirrten Schafkindes berührt, nun zupfte ich mein T-Shirt vom Rücken. Die Sonne stand hoch, die Bedeutung dessen, was der Fahrradhandwerker zum Raspeln meiner Kette sagte, sickerte langsam ein.

Meine Radtour würde nun also ihr Ende finden. Noch die gut 23 Kilometer bis Greetsiel, dann ist Schluss. Kette verschlissen, Ritzel hin, am Montag in die Werkstatt.
Ich kaufte mir ein Eis, ein anderes als sonst, damit die außerordentliche Andersheit dessen, was Urlaub ist, nicht von meiner Routine beeinflusst wird. Denn das soll es ja sein: Ein Bruch, ein Anders, ein Raus aus dem Wieimmer. Die geplante Überstrapazierung der Kapazitäten zwecks ultimativer Energiereservenentleerung, mit dem Ziel zu schauen, was sie aktuell effektiv wieder auflädt und was nicht. Ich kann mir so etwas nur im Urlaub erlauben – im normalen Alltag ist so eine Versuchsanordnung, so eine Forschungsstrecke kaum möglich. Viel zu viel Ablenkung, viel zu viel Anpassungsdruck.

Mit geringer Energiereserve steigt meine Triggerbarkeit, es sinkt aber auch die Anzahl der Fucks, die ich auf meine Anpassung gebe, um damit umzugehen. So bewegte ich die Kiwischeibe in meinem Mund herum und spuckte sie aus, als mir das Knirschen der Kernchen im Mund zu unangenehm wurde. Eine Person in luftiger Sommerkleidung schaute mich an. Neutral vielleicht. Oder nicht? Sie wandte den Blick ab, ließ mich ohne weiteren Hinweis auf ihre Gedanken und Gefühle zurück. Ich hob das Eis an meinen Mund und erinnerte mich an meine Mutter. Eis essen und Kaffee trinken gehen. In der Innenstadt. Ein Mal im Sommer, ein Mal im Herbst oder Winter. Beim zweiten Mal definitiv nach der offiziellen Anerkennung meiner Klatsche. Sie hatte mir Fragen gestellt, meine Antworten haben sie fast zum Weinen gebracht. Ich war ehrlich, sie überfordert.

So wie ich mich gerade fühlte, hat sie sich vielleicht damals gefühlt. Was geht in dir vor?
Und ich, damals wie heute, fast ertrinkend und erblindet im Geklapper von Tassen auf Tellern, Gesprächen und dem Glockenspiel direkt über uns. Bemüht, aber unzureichend. Bindungswillig, aber unfähig. Das Eis lecker, der Kaffee gut, die Sonne schön, die Zeit mit einem Elter allein, ganz wunderbar – und zerreißend schlimm. Weil die Kluft einfach da ist. Unüberwindlich. Die Dissoziation der Gewalt, das Alter, die Er_Lebensrealitäten. Meine Welt war noch so wortlos und ihre Versuche nach mir zu greifen, mich zu halten vielleicht, so vergeblich. Nicht weil ich ein bockiger Teenie war, nicht, weil sie schon allein zum Selbstschutz gar nicht so richtig wirklich mit mir verbunden sein konnte, sondern einfach nur…
weil da etwas fehlte.
Nicht Liebe. Nicht Zugehörigkeit. Und auch nicht der Wille zum Miteinander.
Sondern einfach … dieser eine Klick.
Vielleicht der letzte Dreh, das letzte kleine Ruckeln oder Drücken, das Zahnräder verbindet, Puzzle zusammenfügt, B auf A folgen lässt.
Kurz lasse ich mich in den Lärm fallen. Löse mich auf und nehme der Erinnerung seinen Druck.

Satt, eingelitscht und nachgeweisst wie eine griechische Häuserfassade sitze ich wieder im Sattel. Meine Elternobligatorik durchgehend vergebe ich mir diesen Routinendurchbruch. Es gibt keine Alternative zu: „Es ist wie es ist.“ und auch keine zu: „Es gibt nichts, was ich tun kann, damit meine Eltern und ich so verbunden sind, wie ich es mir wünsche.“
Aber es gibt eine Alternativroute nach Greetsiel.
Und die puckle ich dann auch lang.

note on: Missbrauch bei Germanys Next Topmodel

Auch dieses Jahr wird sich über das Dschungel Camp von Pro7 aufregt – „Germanys Next Topmodel“.
Diesmal ist es Rezo, der sich in einem Video [Link zu YouTube] mit der Sendung auseinandergesetzt hat und darin Bezug auf Videos von früheren Teilnehmerinnen nimmt. So far nichts Neues, aber vielleicht Lauteres. Jüngeres. Und aus der Zielgruppe.

Seit 2006 gibt es die Sendung, die sich vordergründig um Mode, Kunst und Schönheit dreht, in ihrer Basis aber nie etwas anderes als eine anhaltende Dauerwerbesendung war. Heidi Klum ist Unternehmerin, sie verdient ihr Geld mit ihrem Körper und mit dem Körper anderer Menschen. Sie produziert eine Sendung, die vorrangig Zuschauer_innen findet, deren Medienkompetenz entweder nicht ausreicht, um Werbung zu erkennen (und so einen gewissen Schutz vor sehr starker Identifikation mit den dargestellten Personen bietet) oder die nicht mit dem Alltagsverständnis verknüpft ist (sodass den Menschen (sehr unangenehm) bewusst ist, was sie sich da eigentlich ansehen und warum sie sich davon unterhalten fühlen).

In diesem Beitrag geht es mir nicht darum, Menschen darüber zu beschämen, was sie sich gern im Fernsehen anschauen.
Es gibt Genres, die sind verknüpft mit dem Alltagsbewusstsein, den Alltagswerten, die man so hat, der letzte Quark sind. Ich liebe zum Beispiel das Marvel-Universum. Das sind Action-Comedy-Fantasy-Superhelden-Comicverfilmungen. Sexistisch, platt, oftmals gewaltvoll, immer geht irgendwas kaputt und logisch zusammengeschnitten sind sie auch nicht immer. Aber sie machen mir Spaß. Ich komme oft total aufgepeitscht aus dem Kino, verarbeite tagelang die schnellen Kampfszenen, nerde total gerne über den großen story arc der Reihe ab.
Aber ich kann kritisch dabei sein. Mir ist klar, dass diese Filme mich unterhalten sollen. Gibt es darin Dinge, die mich nicht unterhalten, sondern kränken, abstoßen oder die ich einfach nicht in Ordnung in einem solchen Film finde, dann kann ich als Zuschauer_in diese Kritik äußern und alle verstehen, warum ich das tue. Das Ziel ist nämlich ausschließlich meine Unterhaltung. Der Film wird für Leute wie mich gemacht. Natürlich interessiert Disney einen Scheiß, wie ich persönlich die Filme finde – aber das Fandom selbst, also alle Menschen, die diese Filme gern anschauen, sind schon wichtig für Disney.

Das ist bei Sendungen wie Germanys Next Topmodel anders. Es geht nicht darum, wie Leute die Sendung finden. Es geht darum, dass sie angeschaut wird. Denn jeder Klick, jeder View, jedes Einschalten bestimmt den Wert der Werbung, die in den offiziellen Werbepausen gezeigt wird – aber auch den Wert der Kooperationen, die im Rahmen dieser Sendung gemacht werden.
GNTM war nie ein Wettbewerb um etwas, das nichts mit Werbung zu tun hatte und das ist wichtig zu verstehen. Auch für die Kritik daran. Denn die ist ja nun, nach 15, 16 Jahren auch einigermaßen ritualisiert und geht für mich inzwischen oft am Punkt vorbei.

Denn Fakt ist: Diese Sendung ist nicht illegal, sie ist einfach nur unmoralisch.
Das sind viele andere Sendungen aber auch. Frauentausch zum Beispiel. Das Dschungelcamp. Big Brother. Temptation Island. Sommerhaus der Stars. Und sie werden angeschaut. Sie beeinflussen zum Negativen, sie tragen nichts zum Alltag der Menschen bei, außer einem Zeitraum, in dem sie sich nicht aktiv um ihren sozialen Status kümmern müssen. Sie schauen durch die Glotze herab auf irgendwelche Trottel, die sich zum Klops machen – oder auch nicht, es ist total egal.

Das Fiese an GNTM ist der Griff aus dem Fernseher heraus nach Menschen, die oftmals zu jung, zu unerfahren, zu ungeschützt und unaufgeklärt darüber sind, wie Fernsehen im Allgemeinen und Werbung im Zusammenspiel mit Konsum im Speziellen funktioniert. Was das mit ihrer Körperlichkeit zu tun hat, mit ihrer Persönlichkeit, mit Ansprüchen Dritter an ihrem Körper, aber auch ihre Zeit und ihren emotionalen Kräften.
Ich höre seit Jahren diese mir tatsächlich sehr naiv erscheinende Frage oder vielleicht eher Feststellung, dass „die jungen Mädchen“ das ja auch noch freiwillig mitmachen – diesen unsinnigen Müll. Als jemand die_r einige Jahre sehr viel Müll hat „mit sich machen lassen“ – „~freiwillig~“ – werde ich darüber oft wütend. Über diese Naivität. Diese dumpfe Dummheit. Weil – bitte, wie einfach kann man es sich machen. „Ja, wenn die das freiwillig mitmachen …“ dann ist es ok? Kein Problem? Selber schuld, wenn die Freiwilligkeit ausgenutzt wird?

Und was machen die Menschen denn da mit?
GNTM wird häufig als Wettbewerb gerahmt. Genauso wie das Schrottformat „der Bachelor“. Es kann nur eine gewinnen. Hier geht es um was, trallalala. Aber um was geht es denn für wen? Was hat der Dschungelkönig oder die Dschungelkönigin gewonnen – außer einer Erfahrung mit öffentlichem Ekeltraining und 100.000 € zusätzlich zu einer Gage, die neben dem, was der Sender damit generiert, einfach nur lächerlich sein dürfte? Sie_r hat vor allem gewonnen, weil sie_r nicht verloren hat. Und das ist schon alles.
Seit Jahren ist bekannt, dass die Gewinner_innen von GNTM ein Werbepüppchen im Unternehmensuniversum von Heidi Klum sind und weiter nichts. Sie erhalten einen Vertrag, der sie in Einkaufsmalls und auf Popelbühnen bringt – aber nicht auf die Laufstege von Top Designer_innen. Das ist besser als nichts und wenn man wirklich als Model arbeiten will, muss man irgendwo anfangen – aber dafür muss man sich nicht im Fernsehen demütigen und sexualisieren lassen. Es ist ein Beruf und der Zugang dazu ist kein Wettbewerb, sondern Arbeit.

Die Sendung als Wettbewerb zu rahmen ist jedoch das Element, das viele Teilnehmer_innen letztlich verführt. Denn was ein Wettbewerb ist, erfordert Fähig- und Fertigkeiten, die einfach entwickelt und gezeigt werden können. Es liegt an den Teilnehmer_innen wer gewinnt. Nicht an den Produzent_innen, die ja als solche nie in Erscheinung treten und dementsprechend gar nicht in ihrer Machtposition überhaupt erkannt werden können.
Nachdem man vielleicht jahrelang gesehen hat, wie andere versagen – wie schwer ist dann der Sprung zu dem Gedanken: „Was die können, kann ich auch. Sogar noch besser. Ich hab jetzt alles gesehen, ich krieg das hin, ich kann das. Ich mach das. Ich werde gewinnen und besser sein.“ Und das machen sie freiwillig. Beweisen, dass sie es besser können. Und wenn sie zufällig in das Schema passen, dass die Produzent_innen in der Staffel bedienen wollen, dann schnappt die Falle zu.

Die gleiche Falle, die ihnen Mackertypen stellen, die gleiche Falle, die Täter_innen aufstellen, die gleiche Falle, die in verschiedenen Formen überall in unserer patriarchalen Gesellschaft benutzt werden. Es ist immer wieder der Rückwurf und die Reduktion auf die Person allein. Zeig, was du kannst – beweise, was du über dich sagst – erkämpfe dir meine Gunst – und dann bekommst du eine Chance dich dessen würdig zu erweisen. Vergiss nie, dass du meine Gunst brauchst – Heidi muss dich gut finden, Hajo muss dich geil finden, der Kunde muss dich ficken wollen, dann hast du es richtig gemacht, dann stimmt, was du über dich glaubst. Dann bist du würdig einen Supermarkt in Castrup Rauxel zu eröffnen oder die nächste Generation GNTM Meeedchen zu rekrutieren.

Sendungen wie diese sind nur deshalb anschlussfähig, weil speziell Mädchen und Frauen und als Mädchen und Frauen behandelte/gedachte Menschen genau das immer und immer und überall erleben. Es gilt einfach nie, was sie im ersten Moment über sich sagen oder was sie von sich halten. Der Blick von außen auf sie ist immer noch wichtiger als ihr eigener auf sich.
Und das gilt für jede Fernsehsendung mit diesem Prinzip. Die Zuschauer_innen werden missbraucht, um eine Instanz des Außens zu erschaffen, das im Sendungsgeschehen selber überhaupt keine Rolle spielt – zumindest so lange nicht, bis es die Zuschauer_innen sind, die mit ihrem Anrufverhalten bestimmen, wer sich länger von Unsympathen wie Dieter Bohlen beleidigen lassen oder irgendwelche gefährlichen Challenges bestehen soll darf muss. Bei GNTM wird darüber gelogen, wer das Außen ist. Denn Heidi allein und ihre Jury ist es nicht. Und um die Teilnehmer_innen als Person geht es auch nicht. Deshalb können sie die Verantwortung dafür von sich weisen. Deshalb können sie so tun, als verstünden sie die Kritik nicht. Denn sie sind ja nur Vermittler_innen in die Welt des Modelns.

Das macht die Sendung unmoralisch und die Ausbeutung, die Sexualisierung von Minderjährigen und auch die Legitimation dieses Geschehens überhaupt erst möglich.
Entsprechend ist es unsinnig, sich darüber zu unterhalten, wie sich das Fernsehen verändern muss. Ob die Heidi das darf oder nicht. Ob und wenn ja, wie freiwillig die Teilnahme ist oder nicht. Solange Menschen Medien nutzen, um sich über andere zu erheben; solange Werbung die Haupteinnahmequelle für die Produktion von Medien ist und wir uns auf Einzelpersonen statt Gesamtzusammenhänge konzentrieren, werden wir reproduzieren, was diese Sendungen legitimiert: Gewalt und Macht.

der Funke, der Raum, das Machen

Das Sommerpicknick-Gespräch war auf Klinikerfahrungen gekommen. Auf den Umstand, dass die konzentrierte, konkrete Traumaarbeit praktisch nirgendwo möglich ist. Für niemanden. Weil nicht die Klient_innen bestimmen, wann sie stabil genug sind. Weil nicht die Behandler_innen darüber bestimmen, wie lange welche Behandlung passiert. Weil Strukturen als Menschen mit Macht gedacht werden. Weil Geld wichtiger ist als die Leben, die damit gelebt werden. Können. Müssen.

Wir verließen das Gespräch darüber mit der gleichen schalen Erkenntnis und der gleichen ohnmächtigen Wut wie immer.
Man muss das ändern. Das muss sich ändern. Es kann doch nicht sein, dass alle damit unzufrieden sind, alle leiden und wissen, dass es nicht genug und wenn schon nicht schädlich, so doch viel zu oft nicht gut ist – und NICHTS passiert, um es anders zu machen.
Was braucht es? Brauchen wir einfach nur, keine Ahnung, 50 Millionen Euro? 100 Millionen? Und dann bauen wir die Klinik, suchen die Leute, die in den letzten 20 Jahren hingeschmissen haben, weil ihr ethisches Rückgrat, ihre Seele, ihr Körper diesen Scheiß nicht mehr er_tragen konnten – und alles wird gut?
Vermutlich nicht.
Die Macht kommt immer mit.
Man müsste die Zeit des Geldhortens damit verbringen, sich gegenseitig beizubringen, wie man Hierarchie durch Zugehörigkeit ersetzt. Wie man Gewalt durch konsensorientiertes Verhandeln ersetzt. Wie man die Systematik von fachlicher Diagnose zum ersten Verständnis benutzt und zur Therapie wieder vergisst. Wie man in Ver_Bindung geht und bleibt. Wie Grenzen funktionieren und warum. Für wen, wann, wozu.

Und dafür sorgen, dass die Leute dieses Wissen, diese Haltung mit in ihr Leben tragen. So, dass es keinen Unterschied mehr gibt zwischen draußen und drinnen. Wo es ist wie überall, nur anders. Gewaltanders. Fremdbestimmungsanders. Machtanders. Gesundkrankanders. Weil der Unterschied gemacht, erhalten, immer wieder reproduziert wird. Von allen.

Ich weiß, dass ich eine Utopie denke. Weiß aber auch – wäre ich so stinkreich, dass ich jedes Jahr 100 Millionen Euro einfach raushauen könnte, schon längst solche Häuser ständen. Und es gehen würde. Weil es dann eben keine Abhängigkeiten von der Krankenkasse gäbe. Keine Abhängigkeiten von Behandler_innen, die über ihren Status als Koryphäe in Teams gehalten werden, wo sie schaden und Prozess verhindern. Reiche Menschen leben in Parallelwelten. Es wäre so leicht eine bedürfnisorientierte Parallelwelt aufzubauen, statt sich eine Insel zu kaufen, um sich ungestört vom Pöbel ins Koma zu saufen oder mit einem Privatjet um die Welt zu jetten, um mal woanders Geld auszugeben.

Bitter, dass wir über Geld nachdenken müssen. Unabhängigkeit allein ist schon ein riesen Ding. Aber ohne Geld gibt es keine Unabhängigkeit. Frustrierend ist das. Bitter, frustrierend, absolute Scheiße.

Auf dem Heimweg zieht die Landschaft an mir vorbei. Drinnen, so hoffe ich, das Coronavirus.
Warum will ich das, frage ich mich. Es ist so viel Arbeit. Ich werde das in meiner Lebenszeit maximal mit anstoßen können. Werde vermutlich nie erleben, wie irgendetwas von meiner Utopie für (komplex) traumatisierte (behinderte) Menschen und ihre Begleiter_innen umgesetzt wird. Nachwachshaus, Klinik für alle, Heilen, wachsen, gut leben kennen_lernen für alle.
Aber der Widerspruch. Dieser himmelschreiende Widerspruch.
Alle wollen, dass es allen gut geht – aus ganz unterschiedlichen Motivationen heraus. Niemand auf der ganzen Welt will ganz aktiv und bewusst, dass es anderen schlecht geht. Das Leben will immer sich selbst. Es gibt nichts, dass sich selbst nicht erhalten, nicht reproduzieren, nicht sichern will. Nichts. Selbst die kleinste Amöbe, der brutalste Killer aller Zeiten will nicht Leiden und Zerstörung allein. Das Leiden ist dem Leben immanent, weil es gebraucht wird, um seine Bedrohung wahrzunehmen und sichernde Handlungen einzuleiten. Aber diese sichernde Einleitung ist in unserer Gesellschaft zu abstrakten Verwaltungsentscheidungen verkommen. Nicht zu einer sozialen Praxis der bedingungslosen Für_Sorge. Nicht zu einer Kultur der sozialen Aus_Handlung zur Sicherung und Stillung unser aller Bedürfnisse.

Das Trauma, die ständige Verletzung ist in unserer Gesellschaft die Norm – das Leiden darunter jedoch die Krankheit, der Fehler, der Makel. Ein Problem.
Es wäre zu leicht zu sagen, dass das unbewusst ist. Dass die meisten Menschen das gar nicht wissen. Oder kapieren. Ich glaube nicht, dass das stimmt. Die meisten Menschen wissen das. Können aber (noch) gar nicht anders re_agieren. Es gibt noch nicht genug Vorbilder. Nicht genug Gegenentwürfe. Noch nicht genug realisierte Utopie.
Aber den Funken dazu haben alle Menschen. Da bin ich mir sehr sicher. Weil das Leben sich selbst will. Alle Menschen wollen gut leben und andere Menschen gehören dazu. Deshalb haben sie Mitleid mit (komplex) traumatisierten (behinderten) Menschen, deshalb sind alle „gegen Gewalt“, deshalb empören sie sich so gern über Täter_innen und Ungerechtigkeit.

Es braucht die Räume, um diesen Funken zu einem Prozess zu bringen.
Und Raum ist aktiv herstellbar.

Man muss es nur machen.
Können.

Fundstücke #82

Das Wasser platscht mir auf den Rücken, seine Echos prallen von den Wänden auf mich zurück. Ich habe Schmerzen, ringe darum, nicht zu vergessen, wie Duschen geht. Die Seife, der Schaum, der Geruch, ein Weh im Unterleib, ich finde keinen Spalt für mich zwischen all dem. Ein Tropfen Blut landet zwischen meinen Füßen, ich bin allein in der Schwimmhallendusche. In der Dusche zu Hause vor 30 Jahren, in der Dusche zu Hause vor 25 Jahren, in der Dusche zu Hause vor 20 Jahren.

Ich bin zusammen.gerissen. Ziehe durch. Halte mich an meine erwachsene Schale und ziehe weiter. In der Umkleide ist ein Spiegel, ich sehe merkwürdig aus. Ich könnte heulen, tus aber nicht. Irgendwie fehlt mir der Grund. Und als er mir einfällt, bin ich zu Hause. Grabe Tomaten und Himbeeren ein. Betrachte das Unkraut, den Himmel, bin so weit weg, so allein, so verwirrt und traurig über etwas, das mir selber nur klar ist, weil ich weiß, dass ich sexualisiert misshandelt wurde und diese Gefühle etwas damit zu tun haben.

Ich prozessiere und weiß das. Es hat etwas mit Puzzlestücken zu tun. Hier eine Komponente, da eine. Hier das Kinderinnen dazu. Dort sein Körperempfinden. Da meine Realität. Hier, was als vergangene Realität begriffen werden muss. Verstehen, erinnern, fühlen, fern von Worten wie eh und je. Wann hört das auf, was kann ich tun, um es zu beschleunigen, das ist Kaffeesatzleserei.
Traumaverarbeitung ist nicht das gleiche wie die Realisation eines Traumas oder die Erkenntnis, was die Gegenwart ist.
Ich mache meinen Sport, esse halbwegs okay, versuche nicht weiter wegzuschieben, was sich mir aufdrängt.

Auf eine merkwürdig schmerzliche, ängstigend nahe Art hilft es mir, dass ich die Kinderinnens dazu mehr spüre. Es ist nicht länger das zusammenhanglose „Könnte was DAMIT zu tun haben, könnte aber auch zerkrankter Hirnfurz sein, kann man ja nie wissen – Bliblablö“, das mir weh tut, mich klein, eklig, zerstört, schwach, erbärmlich fühlen lässt. Es ist alles. Das Erinnern an einen Erwachsenen, der auf dem Arm seines Opfers liegt und darüber zu einem Teil von ihm wird. Der Gedanke, wie er mit seiner Tat Grenzen überging, um die es weder Wissen noch Selbstbezug gab. Die bedingungslose Bereitwilligkeit des Kindes, die mit Willen vermutlich gar nicht so viel zu tun hat. Die Traurigkeit, die mich so plötzlich zum Weinen bringt, wie der Selbsthass, der mich wieder davon wegzerrt.

Es bleibt das Greifen nach Sicherheiten, nach Trost, nach Beruhigung und Heilung, nach dem eigenen Selbst in all dem. Grundbedürfnisse, die sich nicht unterscheiden von denen, die ich heute habe. Nicht obwohl ich heute erwachsen bin, sondern weil.

Weil ich lebe, weil ich überlebt habe und das Leben eines Menschen wenig mehr als die beständige Sicherung dessen ist. Sein Leben lang. Auch sein Kinderleben lang.

Fundstücke #81 – der erste Autounfall

Es berührte mich nur vage. Traf mich auf der funktionellen Ebene nach dem Schock der Überraschung dem Schock.
Ich fuhr in die Straße hinein und mein rechter Außenspiegel fiel vom Auto. Aussteigen, anschauen, in die Halterung zurückdrücken, nach Hause fahren. Die vergessenen Leinen holen, die Hunderunde wie geplant fortsetzen. Das war am Freitag.
Am Montag kam es dann bei mir an: Streng genommen hatte ich meinen ersten Autounfall durch Nötigung. Mit den Hunden drin, auf einer Strecke, die ich nicht meiden kann, wenn ich Post-, Getränke- und Gartendinge zu erledigen habe.

Es ist eine Schnellstraße. Bis auf das Stück, das ich ebenfalls befahre. Denn das geht durch eine geschlossene Ortschaft, wo man höchstens 50 fahren darf. Was viele nicht machen. Vielleicht, weil es wirklich nur eine Ortschaft ist. Ein Dorf mit Ansätzen von versorgender Infrastruktur. Keine Häuserschlucht, keine Geschäfte, wie auf einer Schnur aufgezogen. Man ist in einer Minute durchgefahren. Auch wenn man nur 50 fährt.

Ich muss die Straße im Grunde nur schräg überqueren. Wenn ich auf sie drauffahre, sorge ich dafür, dass länger niemand hinter mir ist – zumindest so lange nicht, dass es locker möglich ist, von 120 auf die vorgeschriebenen 50 runterzubremsen.
So auch diesmal. Ich fuhr drauf, ordnete mich an der Mitte ein, um nach links abzubiegen und wartete ab, bis der Gegenverkehr vorbeigefahren sein würde. Im Rückspiegel sah ich ihn schon angerast kommen. Viel schneller als 50 km/h, sehr viel größer als ein üblicher PKW, sehr viel schwerer als die 560 kg, die mein Kunststoff-Auto hat.
Da habe ich bereits nichts mehr gedacht. Meine Aufmerksamkeit lag auf dem Rechtsabbieger auf der anderen Spur. Er war der letzte, der mich am Abbiegen – an der Flucht vor dem Raser – hinderte. Dann wackelte auch schon mein Auto. Der Raser hupte, das Geräusch machte mich kurz blind, bevor es mich endgültig aus mir herausriss. Ich folgte dem Rechtsabbieger in die Straße hinein, alle fuhren weiter, als wäre nichts gewesen. Da krachte der Spiegel ab.

„Ja, der wird ihn touchiert haben beim Vorbeifahren – das ist alles komplett abgerissen. Diese Gewinde hier sollten eigentlich da drin sein“, erklärte mir der Automechaniker gestern.
In mir entstand eine besondere Stille. Die, die so weit ist, weil man in einer Angst bestätigt wurde und aufhören kann, darüber nachzudenken. Nicht mehr mit unsichtbaren Eminenzen über die Realität des Geschehens ringen muss, den eigenen Körper aus der Starre lösen kann, die man hält, bis man ganz verstanden hat, dass man nicht mehr in Lebensgefahr ist.

Der Freund hatte sofort nach dem Kennzeichen des Rasers gefragt. Ich habe es mir nicht gemerkt. Was mir in Erinnerung geblieben ist, ist der Gedanke, dass es natürlich schon wieder jemand vom angrenzenden Kreis war, der hier viel zu schnell durchzog. Und dass es selbstverständlich schon wieder so einer mit SUV war. Denn das ist einfach meine Realität hier. Es sind immer die SUVs und immer die, die nur auf der Durchfahrt sind, die sich nicht verlässlich an die Regeln halten und langsamere Fahrzeuge wie meins abgenervt von der Fahrbahn pöbeln wollen.

Er hätte die Hunde und mich töten können. Unser Auto wäre von seinem zermalmt oder in den Gegenverkehr hineingeschleudert worden. Wir hätten keine Chance gehabt.

Wir sind nicht getötet worden. Unser Auto braucht nur einen neuen Außenspiegel. Es ist vorbei. Wir können nicht mehr tun, als wir getan haben. Die meisten Autofahrer benutzen ihr Auto nicht als Waffe.
Mein grundlegend dissoziativer Funktionsmodus hat mir geholfen, nach dem Unfall die Hunde zu versorgen, von dem Vorfall zu erzählen und den Trost des Freundes wahrzunehmen. Am Wochenende über ein schwieriges Thema zu referieren und die Kraft zu tanken, die die Realisierungs- und Wiederherstellungsarbeit erfordert.

Leben ist krass. Normalität hat viele Facetten.

Es gibt Besseres zu tun

Inzwischen bin ich schon so viele Jahre mit all dem vertraut. Die Gewalt, das Trauma, Vielesein; wer glaubt was wem warum; wer verfolgt welche Interessen mit dem Sprechen darüber und dem Sprechen dagegen. Organisierte (Rituelle) Gewalt ist für mich ein Gegenstand der Realität, an dem schon seit Jahren nichts mehr herumgedeutet werden kann. Es gibt Fakten, es gibt Zahlen, es gibt rechtskräftige Urteile in Fällen, die alle Merkmale dieser Gewaltform haben. Niemand muss mehr daran glauben, weil alle davon wissen (können).

Nach meinem Input mit Claudia Fischer bei der survivorship-conference kam mir wieder einmal in den Sinn, wie wichtig ist deutlich zu machen, dass es eine ganz natürliche Reaktion aus echtem Unwissen – aber auch eine ausgenutzte Täter_innenstrategie ist, die Wahrheit von Dingen zu bezweifeln, über die man noch kein umfassendes Wissen hat oder bestehendes Wissen nicht damit in Verbindung bringen kann/darf/will/soll. Es ist ein leichtes Spiel für Mit_Täter_innen, das oft nur deshalb viele Mitspieler_innen findet, weil Vermeidung so ein (über)lebenswichtiges Verhalten ist.
Am Ende ist es jedoch prozessfeindlich, opferfeindlich und damit gesellschaftsfeindlich wie jede andere zwischenmenschliche Gewalt auch.
Ein absolut konservativer Machtakt. Mit wenig anderem Willen dahinter als dem, bestehende Ungleichheiten und dementsprechend auch Ungerechtigkeiten nicht aufzulösen. Also nichts gegen Gewalt tun zu wollen.

Es ist wirklich nicht schwer das klarzukriegen. Wer sich heute hinstellt und sagt, es gäbe keine organisierte (Rituelle) Gewalt, hat die letzten 20 Jahre absolut isoliert von Menschen und ihren Medien gelebt – oder aus welchen Gründen auch immer – keinen Bock darauf, sich mit der Realität von Gewalt und ihren Folgen im Leben aller Menschen zu befassen. Sie_r ist also nicht geeignet als Verbündete_r etwas für Überlebende oder gegen die Gewalt und ihre Nutznießer_innen zu tun. Punkt.

Solche Menschen stellen die Falle auf, in die noch immer viele hineintappen: das Aufrauchen durch Überzeugungskämpfe.
Die Entwürdigung durch das ständige Suchen von Bestätigung über etwas, das längst durch andere Stellen bestätigt ist.
Diese Falle zwingt die Menschen, die sich eigentlich um die Überlebenden oder die Gewalt kümmern wollen, weg davon und in einen Kampf hinein, der als wichtig gerahmt wird, weil man ja miteinander zu tun hat und miteinander auskommen muss.
Zum Beispiel, wenn man Überlebende nach dem Ausstieg betreut und die Kolleg_innen sagen: „Ach komm – du glaubst doch diesen Quatsch von organisierter (Ritueller) Gewalt nicht wirklich!“ Mit dieser Aussage drängen sie sich in den Fokus der betreuenden Person. Sie zwingen sie dazu, sich um das zu kümmern, was die Kolleg_innen glauben oder nicht glauben und ziehen damit enorm viele Ressourcen weg von den Überlebenden. Ihr Verhalten ist also nicht nur inhaltlich opferfeindlich, sondern auch konkret, weil sie ihnen nehmen, was sie brauchen: Helfer_innen, die genug Ressourcen haben, um gut helfen zu können.

Neben dem Wissen um die Realität von organisierter Ritueller Gewalt ist also auch wichtig, erkennen zu können, welche Kämpfe wann und um wen relevant sind. Wir haben durch die Corona-Pandemie gerade einen hervorragenden Übungsplatz dafür. Alle können schauen: Ja, ist es mir wirklich eine Erkrankung mit ordentlicher Chance auf Long-Covid wert, dass Onkel Lutz durch stundenlange direkte Überzeugungsarbeit an das Virus glaubt? Wie krass bin ich von einem Job abhängig, in dem keiner glaubt, dass COVID19 eine richtig fiese Scheißkrankheit ist und deshalb keine Schutzmaßnahmen einhält? Wie viel Kraft stecke eigentlich in die Arbeit, die es macht, Menschen verständlich zu machen, dass Fakten auch dann bestehen, wenn niemand an sie glaubt? Was für ein Bild haben Menschen von sich, wenn sie erst etwas für alle Menschen tun, wenn sie persönlich von der Richtigkeit dessen überzeugt sind oder sich davon betroffen fühlen und sich deshalb einen Zugewinn versprechen? Sind das Leute, mit denen man sich verbinden möchte? Mit denen man Zeit, Kraft, Ressourcen teilen möchte – um sie mit allen zu teilen, weil alle etwas davon haben?

Wer die faktische Realität von organisierter (Ritueller) Gewalt anerkennen kann, weiß, dass sie_r auch davon betroffen ist.
Organisierte Gewalt entsteht nie aufgrund der Initiative von Einzelpersonen und frei von äußeren Kontexten. Niemals. Jede organisierte Gewalt braucht Strukturen, jede Struktur braucht funktionierende Systeme, jedes System braucht Kommunikation, um sich selbst zu erschaffen und zu erhalten. Niemand auf der Welt ist unbetroffen von organisierter (Ritueller) Gewalt. Auch die, die es noch nicht wissen. Auch die, die nichts davon wissen wollen.

Wer sich auf das Spielchen um die Zweifel einlässt, kann kaum noch hilfreich für den Prozess der gesellschaftlichen Anerkennung und Veränderung eintreten. Deshalb wird es immer wieder angefangen.

Spielt nicht mit.
Es gibt Besseres zu tun.