note on: Hannah mach doch auch endlich was

Urlaub also. Und das Auto ist wieder heil. Back to normal?
Ich bin so runter mit allem, dass nichts mehr normal laufen kann. Bin genervt von Sprachnachrichten, genervt von Nachfrage-, Abklär-, Soll das so-, Entscheide du-Mails. Bin ohne jeden Überblick, was die aktivistische Community in Sachen „Aufklärung der Massen über rituelle Gewalt“ so auf die Füße stellt, werde aber dauernd auf das Instagramvideo und YouTube hingewiesen und seit Wochen per Mail angeschrieben, was ich denn denke, finde, glaube, machen will, auch in der Causa Schweiz/Satanic Panic/Missinformation deluxe. Bin verwirrt, weil immer noch niemand zwischen Interessen und Positionen unterscheidet. Denke die meiste Zeit „Hä?“ und spüre dem Rutschen dieser Bubble von mir weg nach.

Gefühlt steht mal wieder auf dem Spiel, dass niemand mehr glaubt, es gäbe organisierte Rituelle Gewalt. Gefühlt muss die DIS-Diagnose schon wieder verteidigt werden. Gefühlt sind Behandler_innen in Gefahr. Gefühlt ist alles ganz dramatisch und muss jetzt ganz schnell irgendwie eingefangen werden und Aktion Aktion von allen! Jetzt hier und gleich und mit voller Durchschlagskraft, weil so muss man das doch machen. Mit aller Gewalt gegen die Gewalt!
Weil uns das ja zuverlässig immer irgendwas bringt.

Es ist extrem herausfordernd für mich, meine Solidaritäten beieinander zu behalten in dieser so sehr verstreuten, schnellen, kurzlebigen Community. Aus der ich persönlich niemanden wirklich kenne und für die ich gefühlt auch einfach nicht (gut, aktiv, laut, offen, echt, kompetent) genug bin. Die Währung ist „lieb“. Ist Freund_in, treue Follower*innenschaft, privates Kennen und Mögen, soziales Feelgood, Bestätigung. Und ich habe nur Überzeugung und Solidarität auf Faktenbasis. Das reicht nicht, um als Nichtfeind_in an.erkannt zu werden. Vor allem nicht in Zeiten wie diesen.

Meine Solidaritäten sind systemisch. Ich stelle so etwas wie „Viele Stimmen“ auf die Beine, während ich ein unfassbar schwieriges, schmerzhaftes Buch schreibe, das der Community helfen soll, fast Vollzeit in einem Verlag arbeite, der ebenfalls vielen Communitys solidarisch zur Seite steht und eine Podcastreihe ausrichte, die der Community helfen soll, das Stigma selber aufzulösen. Ich bezahlte das Supportticket für die nun abgesagte Tagung, damit andere Betroffene auch kommen können. Obwohl ich als Mitmacher_in auch kostenlos reingekommen wäre.
Sich nicht wie Menschen, die mit sozialer Bestätigung handeln, zu beteiligen, heißt nicht zu schweigen. Oder unsolidarisch zu sein. Oder sich nicht zu interessieren. Oder doof zu finden, was andere machen.

Schon, dass ich diesen Text schreibe, um das zu erklären, ist für mich eins von vielen Zeichen dafür, dass ich gerade traumanah fühle. Ich erkläre mich einer diffusen Gruppe, die mich als Individuum gar nicht erst erfasst, sondern einfach nur als Masse hinzugewinnen will, obwohl ich schon längst dabei bin. Nur eben nicht so wie sie. Klassisches Ding in meinem Leben. Drinnen und Draußen sein gleichzeitig.

Jetzt aber gehe ich erst einmal rein. In meinen Urlaub. Erarbeite mir zurück, mich jeden Tag zu pflegen, mich gesund und ausreichend zu ernähren, zu bewegen und mich selbst zu spüren. Meine Gedanken zu hören, meine Ideen zu erforschen. Und dann schreibe ich das mit den Interessen und Positionen auf. Und warum uns die Beschäftigung damit weiter bringen kann, als eine Wall of Hashtags und Solidaritäten aufgrund von „lieb“.

Reblog: Wenn Störer*innen triumphieren: Zur Absage des Fachtages zu organisierter sexualisierter und ritueller Gewalt in München

Wir haben von der Absage des geplanten „2. Münchner Fachtages zu organisierter sexualisierter und ritueller Gewalt“ gelesen und kauen an der nebulösen, unklaren Begründung des „TraumaHilfeZentrums München“ herum: „Auch in der aktuellen Berichterstattung verbreiten sich unterschiedliche Narrative (zu oben genannten Gewaltformen; vor allem leugnende Narrative, Anmerkung der Autorin) zunehmend. Diese Medienberichte haben keinen direkten Bezug […]

Wenn Störer*innen triumphieren: Zur Absage des Fachtages zu organisierter sexualisierter und ritueller Gewalt in München

Fundstücke #85

„Ich hab in den letzten Monaten echt geastet.“ Mein Partner liegt neben mir. Vor zwei, drei … noch mehr? Wochen. Tief erschöpft. Vom Bett aufs Sofa gekommen, als ich endlich losgerissen bin von meinem Geaste. Der Satz klingt bis heute in mir nach. Ich stelle mir vor, wie wir Bäume sind. Riesengroß und langsam wachsend. Tag um Tag, Meeting um Meeting, Arbeitsphase um Arbeitsphase, Termin um Termin, Text um Text. Jeden Tag, mit viel zu kurzen Unterbrechungen seit dem Sommer. Geastet. Nicht gesprosst. Nicht gelaubt. GeASTet.

Meine Fehlerrate ist enorm geworden. Ich vergesse Dinge, übersehe Handlungsschritte und bemerke es nicht ein Mal. Ohne das Schwimmen vergesse ich zu duschen. Mir die Zähne zu putzen. Aufstehen, PC an, schreiben, korrigieren, lesen, denken, planen, Hunderunde, PC an, schreiben, planen, organisieren, projektieren, überblicken, durchdenken, Abendbrot in trauter Seligkeit bei Deep Space 9, mit dem warmen schweren Kopf von Bubi auf dem Bein. So sind meine Tage. Außer am Wochenende. Da spiele ich zwischendrin „Sims 4“ bis mich die Angst, den nächsten Termin zu vergessen, ablenkt oder ich den Partner sein Geäst ausstrecken höre und meins hineinschieben will. Ich denke, dass wir uns so gegenseitig vor Astbruch schützen.

Der Garten sieht aus wie Schwein. Im Urlaub.
Meine Wohnung ist ein Mahnmal des Unerledigten. Im Urlaub.
Es gibt Dinge zu recherchieren. Im Urlaub.
Ich muss meine Diät anfangen. Im Urlaub.
Es sind nur zwei Wochen. Mein Urlaub.

Aber im Sommer. Oder Herbst. Was besser passt.
Wenn ich bis dahin keinen mit Leben gefüllten Uterus umhertrage, werde ich mich tragen lassen. Bei einem Tandem-Paraglyding-Flug. Ich werde einen scheiß hohen Berg hochlaufen und mich dann runtergleiten lassen. Panoramisch. Hoffentlich bei Sonnenschein. Ich will alpinen Sonnenbrand zu meinem Muskelkater. Wenn schon, denn schon. Schließlich diäte ich vor allem dafür.
Wenn ich schlafen gehe, stelle ich mir das vor. Wie wir da schweben. Mit so viel Abstand von allem und allen. Mit so viel Schwung, dass all die Äste, die nötig, aber ohne tragende Funktion sind, von mir wegfliegen. Ohne, dass ich sie groß betrauern oder verabschieden kann. Ich denke mir das wie extremes Schaukeln. Bisschen kribbelig, bisschen schwere.los. Mit der Gefühlsidee schlafe ich oft ein und manchmal fliege ich dann im Traum.

Noch 8 Tage. Dann Urlaub.

Netzwerk im Aufbau, verstetigte Gruppen | Links und Hinweise

Aus unserer Sicht

Anfang Januar erreichte uns der Aufruf zur Beteiligung am Gründungsprozess des bundesweiten Netzwerks „aus-unserer-sicht“ von Betroffenen für Betroffene
von sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend. Hier geben ihn nun an euch weiter.

Grundlegende Ziele des bundesweiten Netzwerkes (e. V.):

  • Das Netzwerk bringt die Expertise von Betroffenen in die gesellschaftlichen und politischen Prozesse ein.
  • Das Netzwerk soll regionale, nationale und internationale Vernetzung und das Empowerment Betroffener fördern. Dazu sollen Austausch- und Aktionsformate wie zum Beispiel bundesweite Kongresse, Fachtage zu wechselnden Schwerpunktthemen, Dialoggespräche und regionale Aktionen unterschiedlichster Art und Zielsetzung organisiert und durchgeführt werden.
  • Betroffenen aller Tatkontexte werden Beteiligungs- und Handlungsspielräume im Sinne von Empowerment ermöglicht. Beteiligungsprozesse in allen Bereichen – zum Beispiel in Forschung und Aufarbeitung – werden gefördert.
  • Das Netzwerk bietet fachliche Unterstützung bei Selbsthilfe-Aktivitäten.
  • Das Netzwerk hat eine digitale Präsenz mit eigener Webseite und informiert transparent über aktuelle Entwicklungen (z.B. über Social-Media-Kanäle und mit einem Newsletter)

Mehr über die Initiator*innen und das Projekt selbst findet ihr auf ihrer Webseite. https://aus-unserer-sicht.de/
Dort gibt es auch Informationen in Leichter Sprache und Gebärdensprache. Die Webseite verfügt außerdem über einen „Notausgang“.

Um euch an der Planungsphase zu beteiligen, könnt ihr den Fragebogen auf der Seite ausfüllen oder per Mail einsenden. Bleibt auf dem Laufenden, in dem ihr euch für den Newsletter anmeldet.

Netzwerk Trauma und Dissoziation (Schweiz)

Ist eine Dienstleistungsplattform zur Informationsvermittlung über Traumafolgestörungen: Die Initiator*innen schreiben über sich auf ihrer Webseite https://www.netzwerktrauma.ch/:
„Wir sind eine Gruppe von Studierenden und Forscher*innen zu Themen rund um Traumafolgestörungen und kultursensitive Psychologie. Wir nehmen dabei eine persönliche als auch medizinisch-psychologische Sichtweise ein und versuchen dieses Wissen an eine breite Öffentlichkeit auf verständliche, aber nicht minder präzise Art und Weise weiterzugeben. Regelmäßig werden hierzu aktuelle Forschungsergebnisse aufbereitet und in den Kontext eingebettet. Unser Hauptziel ist es, eine breite Öffentlichkeit für die Thematik zu sensibilisieren und dass dadurch Betroffene einen kompetenteren Umgang mit ihrer Erkrankung finden.“

Ein Projekt des Netzwerks ist die Gruppe DISpositiv. Sie versteht sich als „eine Bewegung, die sich für die Rechte von Patient:innen mit dissoziativer Identitätsstruktur einsetzt und ihre Interessen und Bedürfnisse öffentlich vertritt.“ Sie gründeten eine Selbsthilfegruppe und klären in ihrem Newsletter zur DIS als Erkrankung in Folge von komplexer Traumatisierung auf. Mitmachen lohnt – Solidarität unter Betroffenen ist für die Vielen in der Schweiz gerade auch bitter nötig.
Deshalb mein Aufruf an euch: Newsletter abonnieren, mitmachen, vernetzen!
Alle Informationen findet ihr auf dieser Webseite: https://www.dispositiv.info/

verstetigt: die stabilisierende Onlinegruppe

Wir haben sie euch schon vorgestellt als sie anfing – die stabilisierende Onlinegruppe mit geleiteten Imaginationen zur Stabilisierung und Ressourcenfindung über Zoom vom Meike Märtens und Rebekka Leitlein. Sie konnten ihr Angebot nun verstetigen und bieten weiterhin jeden Dienstag ein Treffen zum Runterkommen, Stabilisieren und Stärken an.

Für wen ist dieses Angebot? Sie schreiben auf ihrer Webseite: „Dieses Angebot ist für alle, die sich in diesen Zeiten etwas Stärkendes wünschen. Es ist für Menschen, die sich auf Imaginationen einlassen können oder Interesse haben, dies auszuprobieren. Alle Termine sind traumasensibel gestaltet und somit auch – aber nicht ausschließlich – für Menschen geeignet, die Traumata erlebt haben bzw. das Gefühl haben, unter Traumafolgen zu leiden.

Über diese Webseite könnt ihr euch anmelden: https://traumatherapie.berlin/gruppenangebote/

Alltagskrümel

Montagmorgen. Wie gern würde ich jetzt nach Chlorwasser riechen und dem Gebrizzel der Dorfschwimmbaddusche auf meiner Haut nachfühlen. Stattdessen warte ich auf die Antworten vom Inhaber der Dorfautowerkstatt. Sage ihm, dass der ADAC-Mensch gesagt hat, es sei das Steuergerät, obwohl der eigentlich gar nichts zu meinem Auto sagen konnte. Der hatte so eins noch nie gesehen und Fotos für die Kollegen gemacht, bevor er es mit Schwung und Glück auf die Rampe des Abschleppfahrzeugs fuhr. Im Dunkeln auf dem Acker neben der Bundesstraße, meinem absoluten Angststück vor und nach der Schwimmhalle.

Im Nachhinein muss ich darüber nachdenken, ob ich nicht mehr Angst vor mir als vor einem Unfall hatte. Ich war so wütend über die neuerliche Fehlfunktion der elektrischen Steuerung, fühlte mich so verraten von diesem Kasten, dem ich nichts getan hatte, der mich aber so einfach auslieferte auf dem schlimmsten Straßenstück meines Fahralltags. Doch statt ungezielter Bewegungen, Schreien oder Weinen, war ich ein eiskalter Steinmensch. Nicht ruhig und geordnet, sondern eine angststeife Hülle, mit kaltem Schweiß auf der Oberlippe und leerem Sprechkopf. Ließ mich anblinken und hupen, bedachte den Seitenstreifen mit bloßer Kenntnisnahme seiner Abwesenheit und starrte unempfänglich für alles andere auf die Dunkelheit der rechten Fahrbahnseite. Irgendwo war eine Abfahrt, die war mein Ziel. Sogar noch als ich in sie einfuhr. Die Warnblinkanlage blinkte weiter, vermischt mit den völlig taktlosen Blinkern. Links und rechts donnerte das Auf und Zu des Türschließmechanismus. Im Scheinwerferlicht eine kleine Maus mit etwas in den Pfoten. Darüber hinaus Dezemberdunkelheit und kalter Wind.

Der ADAC hat eine App, das war gut in dem Moment. Nicht sprechen müssen, einfach alles eingeben, erst mal runterkommen. Wissen, bei dem Fahrzeug rufen sie eh nochmal an. Bei dem Wetter ist sowieso schon jemand seit Stunden unterwegs und pflückt Autos aus Gräben. Ich begann zu frieren und wickelte mich in die Hundedecke ein. Hörte ein Hörbuch, begann im Kopf mitzusprechen, konnte dann leicht ins Sprechen mit dem ADAC-Menschen gehen. Das nutzte ich, um zu sagen, dass die Maske für meinen Haushalt weiterhin wichtig ist und dass, ja, über die Dörfer zu fahren, um diese Zeit die schnellere Option ist. Die Werkstatt war zu, der Partner noch im Bett. Wäre ich nicht vorher schwimmen gewesen, hätte es mich vielleicht entbeint.

Und nun beginnt das Warten auf das Steuergerät, nachdem ich letzte Woche das Ende des Urlaubs in der Dorfautowerkstatt abgewartet habe. Mein Partner sagt, er würde mich auch morgens zur Schwimmhalle fahren. Dass er dafür um viertel 6 aufstehen müsste, obwohl er oft noch schläft, wenn wir wieder zurückkommen, hat er bei dem Angebot vermutlich noch nicht so ganz umfassend bedacht. Aber annehmen werde ich es. Die letzten Wochen konnte ich nur versprengt mal hier mal da schwimmen gehen. Auto kaputt, Arbeit im Weg, Erschöpfung zu groß, Monatsbluten mit 0 Kapazität für Verstöpselungsaktionen, irgendwas war immer in den letzten Wochen.

Ich hoffe, das wird besser.
Bald. Schnell. Bitte.

letztes Ziehen

Es ist der erste Tag, an dem ich nicht erst um 11 aufwache. Der xte Tag in diesem Jahr, an dem ich aufstehe und sofort im Meer meiner Aufgaben, Vorhaben, Verantwortungen schwimme. Es ist so viel, dass ich eigentlich keinen Jahresrückblick schreiben kann. Eigentlich überhaupt keine freien Stunden für meinen Sims-Haushalt habe. Eigentlich genau so weitermachen sollte wie vor den Feiertagen. Tatsächlich aber merke ich: Wenn ich mich nicht jetzt mal kurz hinsetze und wenigstens etwas davon aufschreibe, dann verfliegt es wie ein Parfüm, das ich für immer vermissen würde.

Anfang des Jahres haben wir eine verstrauchte Ecke des Gartens in ein Beerenbeet umgestaltet. Himbeeren, Johannisbeeren, Stachelbeeren. Davor Dahlien und irgendwelche Blumenzwiebeln, vergessen welche. „No dig“ bewährt sich bei uns. Genug Mulchmaterial aus dem Garten selbst zu generieren, liegt noch in weiter Ferne.

Im Februar hatte mein Auto eine kaputte Starterbatterie. Im März habe ich nach 18, knapp 19 Jahren eine Behandler_in aus meinem Leben verabschiedet und über 40 Erdkröten über die Straße getragen. Im April schrieb ich sieben Texte zum Autism Awareness Month und einen über meine Realität im 15. Jahr nach meinem Ausstieg. Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine hat mich mit kindlichen Todesängsten konfrontiert und mir bewusst gemacht, was ich nicht bewusst haben wollte und bis heute nicht begreife.

Im Mai war der 20. Jahrestag meiner Flucht Selbstrettung – ich weiß nicht mehr, wie ich es nennen will.
Meine Autismustherapeutin hatte keine Lust Kraft Kapazität mehr für die Arbeit mit mir und ich schrieb meine besten Texte über mein Hilfetrauma und seine Wiederholungen.
Ich sprach zum ersten Mal und gemeinsam auf Englisch zum Thema organisierter Ritueller Gewalt (YouTubelink) und plante mit Paula Rabe das Sommerpicknick für Viele und ihre Angehörigen im Juni. Außerdem dachte ich, dass jemand die Hunde und mich in meinem Auto totfahren würde.

Im Juni haben wir gesommerpicknickt, radgetourt und geurlaubt. Mit einem ersten lustigen Text gewann ich zum ersten Mal den Podetry Slam auf dem Podstock Festival. „Viele Stimmen“ hatte zu dem Zeitpunkt bereits ein Konzept und eine Webseite von mir bekommen.
Katja ist gestorben und fehlt jeden Tag.
Ich fand eine Lektorin und verstand im August, dass doch nicht. War aber nicht schlimm, ich wurde ja sowieso erst im Juli wirklich fertig. Nach zwei Wochen im tiny Einsiedel meiner Freundin in den Wallakutten vorm Teutoburger Wald. Wo ich fast nicht hingefahren wäre, weil es NakNak* schlecht ging. Das Alter, die Gelenke, das Gehör. Alles nicht mehr so toll. Aus dem Sporadisch-mal-dran-denken, dass das Leben mit ihr nicht mit meinem, sondern ihrem Tod endet, wurde ein konkreter Plan um ihr Sterben und den Umgang mit ihrer Leiche.

Im August hatte ich mich an meine neue alte Kurzhaarfrisur gewöhnt und die Kollegin, die mir am wichtigsten ist, in die USA zum Kluge-Dinge-Machen verabschiedet. Bei der Arbeit war es bis dahin unfassbar anstrengend für mich. Wir haben neue Stellen geschaffen, Bewerber*innen gesprochen, Bewerbungen gelesen und das neben dem üblichen Betrieb. Den hatten wir zwar runtergefahren, um alles für alle schaffbar zu gestalten, aber schaffbar war ja nie mein Problem. Nun lernten wir eine neue Kollegin kennen und fuhren den Workload wieder hoch. Ich habe noch nie so viel aus Frust und Überforderung geweint.
In dem Monat hörte ich auch zum letzten Mal von meiner Jobcoachin beim Jobcenter. Vermutlich Burnout. Wie die Coachin vor ihr.
Auch im August: Die erste öffentliche, gemeinschaftlich formulierte Stellungnahme zu einer schlechten Dokumentation mit dem Thema DIS. Fühlte sich gut an für mich. Nicht der Anlass, aber die Verbundenheit. Auch wenn die Antwort vorhersehbar ernüchternd war.

Im September wurde Malte getötet. Ich schrieb „Transfeindlichkeit tötet“ und emanzipierte mich ein Mal mehr von einer transfeindlichen Traumatherapeutin. Ich führte schmerzhaft aufklärende, unfassbar intime Gespräche mit Menschen, die noch nicht wussten, dass Psychotherapie für trans Menschen alles andere als gewalt- und/oder verletzungsfrei sein kann. Erinnerte meine Mitmenschen daran, was sie mir antun, wenn sie mich misgendern und als ihre Freundin oder Partnerin vorstellen. Also – ohne Gender_Gap oder *.
Dann öffneten wir die Anmeldung für die ersten drei Workshops bei „Viele Stimmen“ und widmeten uns all den Menschen, die uns auf unseren neuerlichen Aufruf für die Interviewreihe „Viele Leben“ schrieben. Ich ging durch meine dritte Magenschleimhautentzündung und argwöhnte, ob das vielleicht nicht doch immer noch die erste vom Jahresanfang war.

Meine vierte Coronaimpfung bekam ich im Oktober. Mit dem Impfstoff von Moderna, denn so krasse Menstruationsprobleme wie nach der Impfung von Biontech will ich nie wieder haben. Hat funktioniert, lief gut. Bin trotzdem unfassbar coronamüde-müde geworden. Hatte überfordernde Hassgefühle auf alle, die keine Maske mehr tragen und so den Lockdown für alle chronisch erkrankten und behinderten Menschen verlängern. Ich hörte auf, Nachrichten zu lesen und machte meinen Partner zu meiner persönlichen Nachrichtenagentur.
Ich traf I., die Lektorin für mein Buch. Arsch auf Eimer. Zufall ist einfach unschlagbar.
Ich veröffentlichte den Trailer und die Nullnummer von „Viele Leben“.

Fast alle „Viele Stimmen“-Workshops waren ausgebucht als der erste mit Frieda dann stattfand. Es lief nicht perfekt, für mich selber nicht ein Mal gut, aber beschwert hat sich niemand und darüber war ich froh, denn noch mehr hätte ich in diesem Monat nicht leisten können.
Auch, weil ich in der Therapie gezielt an Traumadingen und mit jugendlichen Innens arbeitete. Im November konnte ich mir eine schwere Decke für die Therapie leisten und veränderte damit viel alles für mich. Der bittersüße Nebeneffekt: Ich begriff noch ein Mal mehr, weshalb mein Buch zu schreiben so wichtig für mich war.
Das könnt ihr euch jetzt übrigens in der Frühjahrsvorschau ansehen. Aber auch auf der Verlagswebseite.
Am 13. veröffentlichte ich die erste Ausgabe von „Viele Leben“ mit dem Titel „multipel“. An dem Wochenende, an dem meine gesamte Netzreichweite flöten ging. Twitters Verkauf wurde bekannt gegeben, fast alle sind rüber zu Mastodon. Die wenigsten haben mich mitgenommen.

Jetzt im Dezember war ich zu einer Gesprächsrunde zu Neurodiversität eingeladen. Das war toll, aber nicht so toll wie ein Baby zu halten und den ersten lektorierten Durchgang meines Buches zu bekommen. Mein Auto hatte eine kaputte Starterbatterie. Ja, schon wieder. Warum weiß niemand.
Meinen „Viele Stimmen“-Workshop haben alle angemeldeten Teilnehmer*innen auch besucht. Es lief nicht so gut wie analog, aber viel besser als befürchtet.
„Viele-Sein“, mein Podcast, der seit 7 Jahren jeden Monat erscheint, sollte eine Gruppenaufnahme zum Jahreswechsel bringen, denn eine Gruppe, das wollen wir, die wir uns dieses Jahr gefunden haben, sein. Nächstes Jahr arbeiten wir weiter daran, es auch zu werden. Bis dahin gibt es dieses Jahr noch eine Episode mit Renée und mir. Ganz klassisch.

Die zweite Ausgabe von „Viele Leben“ ist nicht finanziert. Die Ausgabe ist nur von Unterstützer_innen zugänglich. Für mehr Werbung, besseres Branding meiner Projekte, mehr Netzwerken, mehr mehr mehr … alles, habe ich zu diesem Zeitpunkt im Jahr keine Kraft mehr. In meinem Kiefer brütet seit Monaten eine Entzündung, die nach drei Wochen Antibiose noch immer nicht weg ist und im Januar rausoperiert wird. Mein Magen muckt nach wie vor, wenn er nicht aktiv gehegt und mit Pantoprazol gepflegt wird. Schmerztabletten sind tabu für mich. Mit allen Flashbackrisiken und Traumanebenwirkungen.

2022 war viel. Oft viel zu viel.
Aber geschafft hab ich alles.

Eine neue Versorgungsrealität erschaffen – es liegt bei uns!

Und wieder bin ich dabei, wie jemand mit DIS einen Therapieplatz sucht. Wie jemand mit 40 Psychotherapeut_innen telefoniert und 40 Mal hört: „Nein. Kein Platz.“ und oftmals auch: „DIS kann ich nicht, will ich nicht, mach ich nicht.“
Ich weiß, wie die Person jetzt da sitzt. Das Telefon in der Hand und voll mit dem Gefühl der Ablehnung, das unweigerlich und trotz aller erwachsenen Kompetenz, zu kindlicher Not führt. Wie die gegenwärtige Angewiesenheit auf Unterstützung in das Wiedererleben vergangener Ohnmacht hineinzieht und sich der Kampf um das eigene Leben verstetigt.

Und ich weiß, wie die Angerufenen da sitzen. Das Telefon in der Hand und mit Grenzen konfrontiert, die nicht noch weiter strapaziert werden dürfen, sollen, können. Vielleicht bemüht um Abgrenzung zu der Verantwortung, die mit jeder Anfrage herangetragen wird, weil es keinen anderen Punkt zum Hintragen gibt. Vielleicht irgendwann voll ohnmächtiger Wut auf Strukturen ohne verantwortlichen Menschen. Vielleicht auch ohne jedes Gefühl. Weil man sich an alles gewöhnen kann. Auch Unrecht, Not und Leid, dem keine Abhilfe geschaffen werden kann.

2015 haben wir von der Initiative Phoenix die Versorgungsrealität komplex traumatisierter Menschen in einer Studie (PDF) erfragt.
Aktuell fragen wir wieder. Denn es gab ja eine Reform. Dinge wurden verändert. Aber hat das geholfen? Wir werden sehen.
Was sicher ist: Die Versorgung von Menschen in psychischer Not ganz allgemein ist nicht gewährleistet.
Genauso wenig, wie die Versorgung von kranken Menschen gewährleistet ist. Die Medizin brennt, nachdem die Pflege verbrannt wurde.
Und alle wissen das.

In diesem Jahr gab es so viele kleine und große Aufrufe, etwas für psychisch leidende Menschen zu verändern, wie ich es noch nie erlebt habe. Die Kampagne der deutschen Depressionsliga, #22WochenWarten, war mit 110.522 Unterschriften auf change.org eine der erfolgreichsten. Erfolgreich, weil sie so viel Reichweite hatte – nicht, weil sie etwa mehr erreicht hätte als jede Aktion vor ihr.
Als Aktivist_in frage ich: „Wie haben sie das geschafft?“ Und bin versucht anzunehmen, dass es daran liegt, dass Depressionen leichter sind als (komplexe) Traumafolgestörungen. Weniger stigmatisiert. Leichter zu behandeln. Pille rein, bisschen warten, bisschen Verhaltenstherapie, zur Not ein paar Stromstöße ins Hirn. Am Ende die Erkenntnis: Depressionen kann man überleben. Sehr lange. Sehr produktiv. Und auch sehr aktiv.
Auch aktivistisch.

Aber so einfach ist das nicht. Ist es nie und in diesem Kontext ganz besonders nicht.
Denn die meisten Menschen mit komplexen Traumafolgestörungen sind depressiv. Ein erheblich großer Anteil in der Kindheit und Jugend sexualisiert misshandelter Menschen bekommt die Depression als erste Diagnose ins Fahrtenbuch ihrer Odyssee um die Rettung des eigenen Lebens. Viele dieser Menschen möchten aber keine Therapie wegen ihrer Depressionen machen. Sie suchen vielleicht einen Platz wegen der Depression – aber sie brauchen sie, weil die komplex traumatisiert sind. Weil sie einen sicheren Raum brauchen, in dem sie sich damit auseinandersetzen (lernen) können. Weil sie Ansprechpersonen brauchen, die einen sicheren Abstand zu ihnen herstellen und halten. Weil sie Sicherheiten brauchen, die ihnen in keinem anderen sozialen Kontext kontinuierlich, professionell fundiert und primär für sie allein angeboten werden. Können. Dürfen. Sollen.

In Deutschland wurde der Bedarf psychotherapeutischer Versorgung zuletzt in den 90er-Jahren … tja … festgelegt. Man könnte aber auch sagen: geschätzt, geraten, zurechtgelegt, angenommen. Denn schon damals war klar, dass man nicht allen Menschen jederzeit und mit jedem Problem gerecht werden würde. Und das hat man hingenommen.
Als behinderte Aktivist_in erkläre ich das mit dem Konzept des Ableismus. Nehme ich an, dass die Idee: „Wer das überleben kann, wird es schon überleben“ stark dabei geholfen hat, diese unzureichend versorgende Struktur zu legitimieren.  Weiß ich, dass Menschen, die nicht(s) (mehr) können, häufig (unbewusst) nicht (mehr) als Menschen gedacht werden, sondern in moderner Manier der weißen Gewalt, als zu verwaltende Masse. „Weiße Gewalt“, damit meine ich das Töten durch Strukturen. Das Morden durch unterlassene Hilfeleistung. Die Folter durch Verwaltungsakte.

Eine Realität, der wir als Gesellschaft nicht genug Rechnung tragen ist, dass am liebsten geholfen wird, wem einem*r am nächsten ist. Am gleichsten. Wir lügen einander darüber an, weil es moralisch falsch ist, so zu handeln. Und wir vermeiden die Auseinandersetzung damit, indem wir Strukturen produzieren, die diese Unmoral an unserer statt durchsetzen. Weil wir denken, wir würden nie brauchen, was andere brauchen. Und schon gar nicht, was DIE brauchen. Die Kranken, die Behinderten, die Anderen.
Und weil wir fürchten, wir würden irgendwann brauchen, was DIE brauchen. Besser irgendwie mangelhafte Strukturen als gar keine, denn auf einander können wir uns ja nicht verlassen. Sollen wir ja auch gar nicht. Müssen wir ja auch gar nicht. Es gibt ja die Möglichkeit, auf professionelle Dienste zurückzugreifen.

Als öffentlich zum Thema DIS, Trauma und Gewalt sprechende Person, werde ich oft gefragt, welche Klinik gut ist. Wie man einen Psychotherapieplatz bekommt. Erlebe oft mit, wie schlimm, schwer, frustrierend, zerstörerisch und auch wie verstörend dieser Prozess ist. Wie elend es Menschen geht, die aus Kliniken kommen, die nicht im Ansatz das eigene Therapiekonzept erfüllen können, weil der Krankenstand hoch oder der Aus- oder Fort- oder Weiterbildungsstand der Behandler_innen und Pfleger_innen zu niedrig ist. Aus Kliniken, in die sie überhaupt nur deshalb gehen mussten, weil sie ambulant keinen Platz bekommen haben. Oder weil die Psychiatrie sie nicht mehr aufnimmt. Ohne Beschluss. Weil niemand sonst sie betreut. Wegen Mangel.
Diese Menschen, die meine Diagnose und in vielen Aspekten auch mein Leben teilen, werden teilweise seit Jahren durch die Mühlen einer Zuständigkeit gedreht, die niemand übernehmen will. Aus meiner Perspektive werden sie gefoltert. Sie sollen aufgeben. Sie sollen sterben. Und können gleichzeitig nichts anderes tun, als sich immer wieder in diese Mühlen zu begeben, wenn sie nicht sterben wollen. Und wer will das schon? Außer nach so einer (erneuten) Folter- und also Gewalterfahrung.

Dies mitzuerleben ist belastend für mich. Manchmal extrem belastend.
Denn die Grenzen, die ich ziehen kann, sind durchsichtig. Ich bin die andere, die versorgte Person. Die das schlechte Gewissen, wegen des Belegens eines Therapieplatzes beiseiteschieben muss und sich in das Versprechen gezwungen hat, etwas mit der durch die Therapie gewonnen Stärke für andere Betroffene in die Welt zu bringen. Etwas mit.zubewegen.
Ich bin die_r Freund_in, die_r durch das viele Wissen um diese Situation, weiß, dass sie_r mit nichts trösten kann. Und manchmal auch will, dass die Untröstlichkeit in dieser Situation als real erkannt wird. Denn es gibt einfach nichts und niemanden, die_r trösten kann, wenn die ganze Welt dein Leiden in Ordnung, weil so normal findet. Niemand sollte darüber jemals getröstet werden können. Niemand. Jemals.

Aktiviert werden sollen sie. Wir. Alle.
Anders machen sollen wir. Raus aus der Blase von Gewaltsicherheiten, rein in die gesamtgesellschaftliche Verantwortungsübernahme. Wer nicht helfen will, muss aufhören, für Hilfebedarf zu sorgen. Das ist die einzige Alternative, die wir haben. Das ist, was wir alle miteinander unabhängig von Strukturen machen können: Verantwortung dafür übernehmen, dass es den Menschen in unserem Leben gut (mit uns) geht. Egal, welche Diagnose sie haben. Egal, wie fähig sie sind. Egal, wie viel wir glauben, davon zu haben.

Die Entscheidung liegt bei uns.
Treffen wir sie!

das fremde Baby

Heute durfte ich ein Baby halten. Eins mit Haaren und runden braunen Augen.
Die Elternperson musste mal zur Toilette und ich stand gerade passend herum. In der Schwimmhalle. In meinem Badeanzug. Meine Wampe begutachtend. Irgendwo zwischen bodenloser Scham und Ach-was-solls-Egalness.
Sie fragte mich, ob ich das Kleine kurz halten würde und meine Arme breiteten sich schon vor meiner Antwort aus. Und dann dachte und fühlte ich vieles gleichzeitig.

Ich erwartete Irritation beim Kind und fand sie auch. Es betrachtete mich kurz und schaute sich nach dem Elter um. Ich ließ es sich drehen, so dass es sich mit dem Rücken bei mir anlehnen konnte, aber gleichzeitig noch stabil in meiner Armbeuge hing. Es war ganz entspannt, fast ein bisschen wobbelig. Ich dachte, wie merkwürdig das ist, dass Menschen so lange so wobbelige kleine Fleischbeutel mit Stöckchen drin sind. Dann drehte es sich wieder zu mir um und begann einen Laut zu machen. Irgendwie anlasslos, aber vielleicht auch nicht. Wie cool eigentlich, dass Vokale so früh schon funktionieren. A, E, I, O, U. Kleine Menschen können so viel mit so wenig aussagen.

Je länger ich dort stand, desto mehr spürte ich mich. Die 5, 6 Kilos des kleinen Menschen manifestierten meine linke Körperhälfte. Mein Wobbel, eben noch unangenehm und störend, wurde mir als Abstandshalter, als Schutzschicht bewusst. Meine Muskeln und Knochen als mächtige Waffe. Bei dem Gedanken schaute ich zur Toilettentür nach dem Elter des Kleinen. Wurde unsicher vor meiner Macht über dieses Kind, das eine Lautschlange aus As in die Luft warf.
Es wurde unruhig und begann, sich von mir abzudrücken. Drehte sich wieder um, stemmte seine dünnen Beinchen gegen meinen Bauch. Ich ließ es, machte einen Schritt nach vorne, hielt es in der Bewegung. Es begann nicht zu weinen, sondern drehte sich wieder zu mir und versuchte sich festzuhalten. Dann kam die Elternperson zurück.
Sie bedankte sich bei mir und betrachtete ihr Kind dabei, wie es sie wiedererkannte und sich entspannte. „I think they thought I’m a little suspect.“, sagte ich, „Shes is fine“, antwortete das Elter und bedankte sich nochmal. Dann ging es zurück zum anderen Kind, ich zum Sportbecken.

Ich war eine Woche nicht schwimmen, weil ich mich nicht um 5 aus dem Bett und in einen 8 und mehr Stunden-Tag bekam. Jetzt verwandelte ich mich in einen Blauwal und zog mich langsam und kräftig durch die Schnellschwimmerbahn, die als einzige noch frei war. Neben lauter Todeskraulern of the doom auf den Bahnen für alle. Ich spürte der Szene mit dem Baby nach und wie schön das war. Wie genau richtig. So will ich das, dachte ich. Ich will den ganzen Tag über einige Jahre ein Baby tragen. Jeden Tag ein paar Gramm mehr. Ich will von Vokalen eingehüllt werden und für meine konzentrierte Beobachtung eines Menschen belohnt und nicht verachtet werden. Ich will dieses Hier und Jetzt der scheinbar anlasslosen Existenz von Babys und kleinen Kindern. Und diese Eindeutigkeit.

Ich kam kurz aus dem Rhythmus. Diese Eindeutigkeit. Die Macht. Meine Ohnmacht als ich klein war. Ich stieß mich ab und verwandelte mich in eine Wasserschildkröte. Paddelte mich aus dem Gefühl, dass Eindeutigkeit allein kein Schutz ist. War. Für Kinder. In dem Alter. Der Größe. Dem Gewicht. Diesem Entwicklungsstadium.
Dann stieß ich mit einem Schnellschwimmer zusammen. Er dachte, ich hätte ihn schon gesehen. Wir lachten uns an und einigten uns auf einen Kreisel. Verwandelten uns in Delfine und stachelten uns zu 30 Minuten schnell schwimmen an. Das Sporthigh setzte ein, ich wurde ruhig, die Anspannung der letzten Woche löste sich. Aus dem Becken steigend, wurde ich wieder ein Mensch. Wobbelte unter die Dusche, zurück in den Alltag. Mit meiner Menstruation, meiner Arbeit, meiner Traumaarbeit drin.

note on: Datas Tod™ in Star Trek „Picard“

Data ist tot.
Das hat mich traurig gemacht, denn Data ist mein liebster Charakter in „Star Trek, the next generation“. Zum Start der Anschlussserie „Picard“ hatte ich gehofft, dass man ihn mit einem neuen Körper ausstatten könnte. Schließlich traf man einen Nachfahren seines Schöpfers und lernte erstaunlich viel weiter entwickelte Androiden, die als eigenständiges Volk von der Sternenflotte anerkannt wurden. Data hätte die Chance auf ein zweites Leben unter Gleicheren haben und seine eigene Existenz nicht mehr nur in Abgrenzung zu der von Menschen erfahren können.
Aber nein. Diese Geschichte wurde nicht erzählt.

Vermutlich, weil die Zielgruppe sterbliche Menschen sind, denen der Tod als wichtigster Teil ihres Lebens vermittelt werden muss. Wir werden alle sterben und suchen unser ganzes Leben lang Trost, Beruhigung, emotionale Versicherung über diesen Umstand. Besonders in Zeiten wie unseren, wo es zum Allgemeinwissen gehört, dass wir es sind, die die Flutkatastrophen, die Waldbrände, das Artensterben, den toten Acker und jeden Ressourcenkrieg, der daraus entstand, herbeigeführt haben. Geschichten, die unser Sterben als uns ureigen rahmen, erleichtern es uns, auch unser Töten als ureigen, natürlich, normal zu rahmen. Denn wer immer sagen kann: „Naja, irgendwann sterben wir ja alle“ braucht sich nicht umfänglich mit dem Wert eines, vieler, Leben zu befassen. Braucht sich nicht zu schämen, kann leicht an der Verantwortung gegenüber anderen Menschen tragen – sie sogar ganz und gar von sich dissoziieren. So wird das endliche Leben zum wert.schöpfenden Faktor und deshalb als generell unerlässlich für Werte.

Die erste Staffel „Picard“ ist existenzialistisch. In jeder Folge gibt es mindestens einen Hinweis, ein Zitat, einen Erzählstrang, der die Denke dieser philosophischen Strömung mit sich bringt. Ob es nun Picard selbst ist, der seinem Leben (wieder) einen Sinn geben will und deshalb mit seinen 92 Jahren nochmal in ein Raumschiff steigt – oder seine Mitstreiter_innen, die durch eine PTBS (Rios), Drogensucht (Raffi), die Konfrontation mit gleich erfahrenem Unrecht (Seven), die Isolation der Wissenden (Jurati) und dem Umstand kein Mensch zu sein (Dahj) immer wieder an existenzialistischen Fragen scheitern, wie wachsen.

Star Trek hatte schon immer diese Anklänge, was die Serie für mich so interessant macht und mir Möglichkeiten gibt, meine eigenen existenzialistischen Fragestellungen zu verhandeln.
War es in „Star Trek, the original series“ die Konstellation aus dem wilden Haudegen Kirk und dem logisch-rationalen Vulkanier Spock – so war es in „the next generation“ ein hochemotionales Team unter der eher gefühls.ausbruchs.fernen Autorität von Picard und dem logisch-rationalen Data, eine Mischung von beidem in „Voyager“ sowie vereint im Charakter Michael in „Discovery“.
Immer zeigte man Menschen und humanoide Rassen Außerirdische, deren Gemeinsamkeit die Sterblichkeit, und deshalb auch der Überlebenstrieb, der Überlebenskampf, die Todesangst ist und so große verbindende Kräfte in den Crews aktivierten. Zu diesen verbindenden Kräften gehörte immer die Empathie und wo sie ausblieb, die Verbundenheit zu den Werten der Sternenflotte, die den Menschen nicht per se als einzigen Bezugspunkt annimmt, sondern sich selbst als relevante Struktur in der Kommunikation und Interaktion mit allen. Also sowohl den Menschen auf der Erde, als auch den Menschen im Weltall und jenen Lebensformen, mit denen sie in Kontakt gehen.

Für mich eine erfrischende Erweiterung existenzialistischen Diskurses, den ich bis zu dieser Serie klassisch als christlich oder atheistisch kennengelernt hatte. Hier die einen, die sagen: „Nur G’tt kann sagen, was der Sinn des Menschen Lebens ist.“ und hier die anderen, die sagen „Der Mensch an sich ist so frei, dass er sich G’tt ausgedacht hat, dann kann er sich auch selbst einen Sinn im Leben ausdenken.“
Wie wunderbar war es, mit diesem Wissen auf einen Charakter wie Q zu treffen, dessen unendliche Existenz von einer unendlichen Länge, unendlichen Dimensionierung und scheinbar ebenso unendlichen Faszination für uns so unendlich fehlerhaften, überwiegend linear denkenden und handelnden Menschen ist. Denn im Leben von Q ist es nicht die Endlichkeit menschlichen Lebens, das es wertvoll oder interessant macht und auch nicht Existenz selbst – sondern Existenz, die etwas wie uns beinhaltet.
Mit dem Erleben eines Q kann die Freiheit, die sich Mensch qua eigener Existenz zuschreibt, nicht anders als lächerlich sein. Engstirnig, niedlich, zum Totlachen, faszinierend in seiner Überheblichkeit. Vielleicht auch deshalb, weil das Existieren im Q-Kontinuum unfassbar reizlos ist und mit dem Leben alternder bzw. sich durch Prozesse verändernder Lebensformen nichts gemeinsam hat. Wenn man sich also hier eines herausziehen kann, dann dass der Sinn des Lebens nicht in der Existenz zu suchen ist, sondern im Leben. Im Sein der unendlichen Interaktion, Kommunikation, Prozess, Stoff_Wechsel, Vermischung.

Datas Leben ist also solches anzuzweifeln, da er eine Maschine ist. Sein Sein ist ihm produziert worden und konnte immer nur so frei sein, wie es seine Matrix zuließ. Selbst der in der Serie so oft fast menschlich dargestellte Wunsch nach Gefühlen war dem Rahmen, in dem sich seine Programmierung entwickeln konnte, entsprungen. Und dieser Rahmen war von Anfang an darauf hin ausgelegt, auf gar keinen Fall (so ein Android) wie sein Bruder Lore zu werden. Data sollte nie er selbst sein wollen und das hat ihn mir immer sehr nah gebracht, obwohl das in der Serie so nie verhandelt wurde.
Data gehörte sich selbst, wie in einer bemerkenswerten Folge verhandelt wurde, doch wurde ihm nie die Freiheit zuteil, die mit einem (von einem) selbst.bestimmten Leben einhergeht. Und als erster und einziger Android unter Menschen blieb er damit sein einziger Besitz.

Er hätte ein Leben bekommen können, das den Menschen nicht mehr als Bezugsrahmen hat, sondern Androiden. Er hätte frei werden können. Ein Selbstsein entwickeln können.
Doch es war ein Mensch, der mit ihm in der Quantensimulation zwischengeparkt wurde – Picard. Der hörte, dass sein Commander und Freund immer ein Mensch sein wollte und ihn nun, 30 Jahre nachdem er seinen Körper verloren hatte und wie ein Geist in der Flasche (bzw. ein Q im Q-Kontinuum) stumpfsinnig vor sich hin existierte, um das bittet, was das menschliche Leben von Anfang an bestimmt: den Tod.
Für die Menschen bekommt ihr Leben mit Data damit erneut einen anderen, einen höheren Wert, da er nun unwiederbringlich ist. Sie sind die Gewinner.
Und Data? Angeblich reicht ein Positron von ihm, um ihn komplett wieder herzustellen. Das bedeutet, dass er nie so tot sein kann wie Menschen. Seine durch unendliche Wiederholung eingebrannte Routine (sein „Wunsch“) ein Mensch zu sein, wird erneut durch seine potenziell unendliche Existenz wieder nur annähernd erfüllt.

Wir Zuschauer_innen aber hören „blue skies“ und wissen, dass die Serie „Picard“ im Hinblick auf das Alter der Schauspieler_innen, mit hoher Wahrscheinlichkeit, der letzte Aufgriff dieses Charakters war.
Diese Annahme sehe ich auch darin bestätigt, dass die Serienautor_innen der zweiten Staffel auch Q sterben lassen und diesen Kanonbruch nicht einmal erklären.

Es macht mich traurig, weil es mir zeigt, dass Menschen sich nicht überwinden wollen. Nicht ein Mal für eine Geschichte. Und das nur wegen der eigenen Existenz.

tl;dr: Nicht schlimm.

spazieren

Ein Schritt, ein Schritt, ein Schritt.

Über mir knarzen Bäume aneinander, sie wiegen sich wie hohes Gras im Wind. Die Kälte zieht in meine Kleidung, es ist neblig. Die Hunde laufen unsichtbare Pfade ab, atmen Boden und Gras ein.
Zufällig hatte ich an den Geburtstag eines meiner Geschwister gedacht. Überlegt, wie dieser Mensch, der in mir nie älter als 14 wurde, heute wohl ist. In den Dreißigern. Nach so viel Leben, so vielen Erfahrungen. Das übliche Ende dieser Überlegungen legte sich über meine Gefühle wie zähes Gummi. Ich weiß gar nichts. Alles ist möglich. Vielleicht dies, vielleicht das, wir wissen es nicht und werden es mit großer Wahrscheinlichkeit nie erfahren. Schade. Gut. Richtig. Immer.

Vor uns schlägt sich etwas durch den Forst. Bubi stellt seine Ohren zu kleinen, im Rhythmus seines Pulses vibrierenden Dächern auf, NakNak* kann nichts mehr hören. Sie steht neben mir und fragt, ob wir nicht vielleicht langsam nach Hause gehen können. Wir waren gerade bei der Tierärztin. Eine Rückversicherung abholen. Die Hundefriseurin hatte mich tief beunruhigt. Zweifeln lassen, ob wir NakNak* die richtige Behandlung zukommen lassen. Also bat ich um einen Termin. 5 Minuten – eine Frage. Die Ärztin gab mir 25 Minuten und NakNak* eine gezielte Untersuchung. Versteckt mit Streicheln, Lob und Pansenkeksen fand sie nur ihr Alter. Ihre bald 15 Jahre und den Muskelabbau, der einfach passiert. Sie freute sich über einen so alten, so schönen Hund, ich freute mich über ihre Freude.

Ihr Tod hätte mir jetzt nicht gepasst. Ganz davon abgesehen, dass ich prinzipiell nicht damit einverstanden bin, dass das Leben meiner warmen Flauschmotte endlich ist, habe ich im Moment keine freie Zeit. Ich arbeite viel für die Arbeit und dann für mein Hobby und dann ist es dunkel draußen und ich arbeite gegen Erinnerungen. Mein typisches Novemberproblem vermischt mit anderen Bildern. Manchmal denke ich, es sei alles Eins, weil ich der eine Körper bin, dem es passierte und manchmal noch finde ich doch wieder mehr Ruhe in der Leugnung dessen.

Ein Schritt, ein Schritt, ein Schritt.