Als würde sie an einer verkrusteten Wundoberfläche kratzen. So fühlt sich das an. Unzufrieden mit dem knusprigen Deckel, allein interessiert an meiner wunden Stelle. Meinen Fragen an sie. Einem Moment von Überlegenheit, weil sie darüber viel mehr weiß als ich. Sie weiß, dass ich eigentlich immer noch gar nichts weiß. Und dass das etwas ist, was ihr Macht über mich gibt. Sie kann mich Schmerzen fühlen lassen, die sie nicht berühren und sie kann mich damit allein lassen.
So aufgeschrieben klingt es, als würde es nur um Macht gehen. Kontrolle. Und einfach nur so draufgeschaut, erinnere ich mich selbst darin an meine Therapeutin, die in der ganzen Zeit unserer Arbeit 4 Mal zum Ausdruck gebracht hat, dass es für sie weder irrelevant noch emotional neutral ist, dass sie manches in meinem Inneren bis heute nicht so richtig überblicken kann. Zumindest was genau diese Dynamiken betrifft. Immer wieder stehen „Schweigegebote?“, „Redeverbote?“, „schlechte Geheimnisse?“, „Scham?“, „Angst vor Konfrontation?“ im Raum und selten kann ich dazu irgendetwas sagen. Wenn ich ihr etwas nicht sagen will, dann meistens, weil ich unser bereits anstrengendes Sprechen nicht überanstrengend für mich werden lassen will. Ich will nicht mehr vor ihren Augen und doch unsichtbar dissoziieren. Für die anderen Innens will ich, kann ich, diesbezüglich nicht sprechen.
Sie, die andere Innere, kommt mir in ihrem Tun eher verspielt vor. Frech. Provozierend vielleicht. „Mal gucken, was passiert, mir kann ja nichts passieren“-sicher. „Was macht ihr, wenn ich das mache?“-neugierig. „Und das? Was, wenn ich das mache?“-beobachtend. Und immer unerwartet, bis heute nicht wirklich von mir selbst vorhersehbar, „Paff!“- unerreichbar weit für mich im Innen verschwindend. Und gleichzeitig ist sie ausströmend. Eine unkontrollierbare Emotionsblutung, die Schweres leicht, Unmögliches möglich, Gefährliches harmlos erscheinen lässt.
Ich weiß ganz genau, wenn sie da war. Sich selbst in ein Thema, einen Gedanken, eine Auseinandersetzung reingemischt hat. Es gibt hinterher immer Probleme. Nerviges Hin und Her im Innen, manchmal auch im Außen. Uneinsheit. Unstimmigkeit. Ungereimtheit. Einen Dammbruch am Rande der Komfortzone. Ein Stück harte Kruste, das die Wunde nicht mehr ganz bedeckt.
Ich glaube, dass sie zuletzt vor etwa 20 Jahren an unserer Therapiearbeit und anderen Lebensbestandteilen aktiv beteiligt war. Aktiv as in „da und beeinflussend“, aber auch as in „ununterdrückt, unabgewürgt von Rosenblätterbuschwurzeln“. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mich tatsächlich gezielt gegen dieses Einblutenlassen „aus dieser inneren Ecke“ entschieden habe und keine einzige Therapiestunde, keinen Betreuungstermin, generell überhaupt gar keine Kontakte mit anderen Menschen mehr so gestaltet habe, dass es passieren könnte. An uns kam einfach niemand mehr vorbei.
Alle haben die gleichen Rosenblätter kennengelernt. Keine Kinderinnens, keine jugendlichen Inneren. Alle haben die gleiche biographische Erzählung bekommen, wie wir sie in Kliniken und Heimen eingeübt haben. Die gleichen Erklärungen übers Vielesein bekommen und viel Nebel darüber, was davon auf mich zutrifft und was nicht. Und das konsequent. Auch das ist Vielesein.
Man kann sich als Viele gegeneinander entscheiden. Bestimmen, was wie vermieden wird. Was wie beschützt wird. Es ist eins der unbesprochenen Spezialgeheimnisse, wie wir einander herstellen, wenn es nicht Gewalt ist, die uns zu Keimen zersprengt und verstreut, um irgendwann als irgendwer neu zu wachsen. Man braucht nur vermeiden, sich dieser Entscheidung bewusst zu werden, zu sein, zu bleiben. Nur sehr intensiv, ohne jede Kommunikation mit sich oder der Welt, entscheiden, dass es nun so ist. Wo keine Kommunikation ist, kann keine Brücke sein. Kein Weg, kein Pfad, kein Bild, kein Zeichen, keine Sicht, keine Idee. Ohne Kommunikation keine Verbindung. Assoziation. Ohne Verbindung kein gemeinsamer Prozess.
Das ist die Rolle von Schweigen im ganzen Dissoziationsthema.
Ich will nicht darüber reden, weil sich innere Pfade ergeben, auf denen Innere zu mir gelangen können. Ich will nicht darüber reden, weil es meine Entscheidungen aufhebt. Ich will nicht darüber reden, weil ich meine geistigen Kapazitäten auf mich und mein Gegenüber aufteilen muss. Und immer wieder Grenzen dabei spüre. Zeitliche, räumliche, kapazitäre. Emotionale. Traumabedingte. Meine.
Das besprochene Trauma oder auch das Besprechen des Traumas ist nicht so schlimm. Meine Auflösung ist es. Meine Verwandlung vom verwundeten Selbst zum abreißbaren Wundverschluss ist es. Bisschen witzig, weil es ein Egoding übers Egosein ist, aber auch bisschen tragisch, weil es sich auch nach Verbindung anfühlt, die nicht kommunizierbar ist. Jedenfalls nicht besser als so, wie es jetzt hier steht.