unterwegs #7, Ostseehundesommertag

Zwischen 10 und 11 soll es regnen auf Fehmarn, deshalb bauen wir schnell ab und schauen, wann wir den Zug nach Lensahn nehmen. So richtig gut passen die Zeiten alle nicht und J. , der uns heute und morgen auf der Tour besucht, weiß auch nicht richtig, wann er in Grömitz ist. Dort wollen wir uns treffen. Mit den Hunden an den Hundestrand, Wäsche waschen, essen, quatschen, Zeit zusammen verbingen.

Wir stoßen auf einen Hinweis der „Meereswelten“ in Burg auf Fehmarn. In der Annahme eines Museums fahren wir dort hin. Drinnen stellt sich heraus, dass es mehrere Aquarien mit Korallen und Fischen sind. Also eine „eingesperrte Tiere“-Sache, wofür wir kein Geld mehr geben wollen.

Tja und jetzt hattens wirs doch gemacht und dann haben wir aber auch wirklich jede Infotafel gelesen. Wer keine Monologe mag, umschifft also nächstens besser alles rund um Korallen, Korallenriffe, diverse Fische, Muscheln und Haie. Ein paar Videos haben wir auch gemacht. Beeindruckend bis krasd ist es dann eben doch. Nicht nur, weil es Gefangenschaft ist, von der alle* wissen, aber völlig gechillt damit sind.

In Burg ist Remmidemmi mit Karussell und Rammtammtamm. Wir kaufen einen Pin in Fehmarnform und eine Postkarte für C. Und dann verschwinden wir schnellstmöglich, um den Zug sicher zu erreichen.

Die Eile hätten wir uns sparen können, denn 2 Stunden lang kommt keiner der Züge, die angekündigt sind. Die_r Bahnmitarbeiter_in von der Hotline weiß von nix, der erste Schienenersatzverkehrbusfahrer erzählt uns Quatsch und die Person, die mit kleinem Kind nach Hamburg will und die Reservierung wie eine Bibel umklammert, schäumt vor hilfloser Wut.

Den nächsten Schienenersatzverkehrbusfahrer fragen wir noch einmal. Der nimmt uns dann mit aufs Festland und auch bis nach Lensahn. Auf der Brücke filmen wir aus dem Fenster, während wir unser Rad, das in dem nicht für den Radtranfer ausgestatteten Bus umherschlackert festhalten. Wenn schon, denn schon.

In Lensahn treffen wir J. und einmal mehr wird jetzt alles ganz einfach.

Hunde knutschen, Rad in den Bulli. Klapp klapp brumm und ab dafür.

Wir fahren zum Campingplatz, kaufen ein, gehen mit den Hunden zum Strand. Machen Fotos und beobachten Möwen bis uns ein Schauer ins Auto scheucht.

Wieder am Platz ist die Wäsche fertig, die Hunde- und Menschenspeisung fällig. Wir reden und lachen bis in die Nacht und begehen J.’s Initiation als waschechte_n Hundehalter_in damit, dass die noch klammen Hunde bei ihm im Bulli, umringt von unseren trocknenden Klamotten, schlafen.

Am Morgen erzählt er uns dann wie breit sich zwei Hunde machen können, die gleichzeitig träumen und auch sonst herzlich wenig Interesse an seinem Schlafkomfort haben.

Wir schlurcheln in den Tag. Fahren erst Mittags nach Grömitz an den Hundestrand, holen uns dort einen Sonnenbrand und das Moment der Freude, als die Hunde zwischen uns, die wir beidalle bis zu den Knien in der Ostsee stehen, hin- und her laufen.

Wir essen Asiatisches zu Mittag und stellen fest, dass es schon Nachmittag ist. J. muss morgen arbeiten, wir wollen allein zu ihm fahren. Er setzt uns in Lübeck ab und fährt weiter.

Wir liegen jetzt im Zelt und haben noch keinen Jubel gehört. Die WM scheint wohl nicht so toll für die deutsche Mannschaft zu starten.

Morgen geht’s Richtung Lüneburg, soweit wie es geht runter. Das hier ist unsere vorletzte Nacht.

Wir sind glücklich und unsere Hände riechen nach Ostseehundesommertag.

unterwegs #6, Klackerkracks und Dötschäpfel, dazwischen die Fehmarnbrücke

Von Dersau, wo wir geschlafen haben, bis nach Altenteil auf Fehmarn, sind es wieder einige Stunden Fahrt.

Einige davon über Stock und Stein, öfter müssen wir schieben. Dann, 6 km von Lütjendorf und 20 km vor Oldenburg i. H. kommen plötzlich klackerkracksende Geräusche aus der Kettengegend. Eine grobe Reinigung bringt nichts, auf Sicht kann ich nur den Umwerfer als mögliche Quelle deuten.

Ich frage eine Person, die jetzt um halb 11 unter der Ballersonne im Hemd eine Pflasterarbeit in der Hauseinfahrt macht, ob sie weiß, wo die nächste Fahrradwerkstatt ist. Oder Internet.

Dem Menschen rinnt der Schweiß vom Kinn und trotzdem erklärt er uns den Weg zu einer Werkstatt in Lütjendorf. Das gar nicht auf unserem Weg liegt. Oldenburg liegt auf dem Weg. Ist aber weiter weg.

Wir beschließen, dass es nichts Dramatisches ist und fahren Richtung Oldenburg weiter. Begleitet vom Klackerkracksen hoppeln wir über das, was mal ein Radweg war und kommen an einer offenen Autowerkstatt vorbei.

Mit der Frage wie groß der Unterschied zwischen Auto und Fahrrad denn schon sein kann, rollen wir rein und fragen die beiden jungen Monteur_innen: „Könnt ihr auch ein bisschen Fahrrad?“

Einer kann. Und mit einem beherzten Ruck sitzt der Umwerfer auch wieder da, wo er hingehört. Bezahlen soll ich nix, aber ruhig weitererzählen, dass sie auch ein bisschen Fahrrad können.

Beseelt strampeln wir weiter nach Oldenburg. Machen Pause in einem Durchgang, hören ein weiteres Leben von Käpt’n Blaubär an. Fahren weiter. Fühlen uns frei.

Sind so bewusst scheiße geil privilegiert, obwohl wir inzwischen stinken wie hydrophobe Teenager und aussehen, wie der letzte Schluffschlumpf. Alles egal. Wir sind da und es gibt nichts anderes als das, was jetzt gerade ist.

Bis wir vor der Fehmarnbrücke stehen und die Fähre nicht finden.

Wir haben eine merkwürdige Wasserhöhenangst. Deshalb ist Fähre fahren oder Brücken überqueren ein echtes Ding für uns. Wir fahren lieber mit der Fähre oder einem Boot, weil dann unserem potentiellen Ertrinken nicht auch noch ein schmerzhafter Aufprall vorangeht.

Und dann ist alles was uns da bleibt ein Betriebsweg von etwa 1 Meter Breite oder umkehren. Folgerichtig wackeln wir den Betriebsweg hoch. Sprechen eine Audiodatei voll, um ein potenzielles Angsterstarren selber früh zu merken. Schlimmer als drüber müssen ist nämlich, drauf zu stehen und nicht wieder wegzukommen. Alles schon gehabt. Nicht cool.

Wir kommen drüber, machen sogar 3 Fotos, als wir auf entgegen kommende Radler_innen warten müssen. Kein Blick runter. Immer hübsch am Horizont mit den Augen la li la.

Die Aufregung hat Kraft gekostet. Ab jetzt verfahren wir uns dank der Komoot-App, die uns einen veralteten Weg zeigt und schauen alle 10 Minuten auf die Karte, wie weit es denn noch ist. Es ist noch sehr weit. Aber der Campingplatz ist wunderbar. Sauber, strukturiert, Internet stabil.

Die Nachbarn schauen Fußball, ihre Hunde bellen einander ab und zu an. Wir steigen in den Badeanzug und baden zum ersten Mal auf der gesamten Tour. Der Strand ist bis auf einen Fliegenfischer menschenleer. Wir machen ein Foto, das definitiv einen Platz in unserem Leben bekommt.

Wir essen ausgewogene und vitaminreiche Chips zu den Dötschäpfeln aus der Packtasche und schlafen mit dem Abpfiff ein.

unterwegs #5, unplattbar, ächtz und Sonnenaufgang am Plöner See

Am Morgen beobachten wir, wie die Sonne aus der Ostsee klettert und hören den letzten Sätzen von Christina Türmer’s „Laufen, Essen, Schlafen“ zu.

Sie ist Langstreckenwanderin und beschreibt in dem Buch ihre Erfahrungen auf den 3 großen Wanderwegen der USA. Mann, wie gerne wir das auch machen würden!

Zwei Stunden später frage ich mich, wieso wir uns diese Langenstreckenradwanderung antun. Irgendwie geht es nicht voran, wir haben Gegenwind, die Sonne knallt schon um 10 Uhr morgens und was ist das für ein krasser Hunger keine zwei Stunden nach dem Frühstück?!

Von Pommerby bis Kappeln haben wir eine Stunde gebraucht und an einer Ampel fällt mir auch auf wieso. Der Hinterreifen verliert Luft.

Ausgerechnet der Hinterreifen. Seit wir unser High-Tech-Kettenschaltungsrad haben, hab ich Schiss vor diesem Moment. Denn dort habe ich noch nie was allein repariert. Ich schaue mich nochmal um und entdecke ein Schild. „TÜV Nord“ und daneben etwas kleiner „ab 2018 Fahrradwerkstatt“.

Zing.

Doppelzing, als sich herausstellt, dass wir einen etwa 3cm langen, 2cm dicken Holzspan/Dorn in der Reifendecke haben, die durch die intensive Nutzung seit ihrem Kauf insgesamt schon sehr mürbe ist. Wir kaufen einen „unplattbar“-Mantel und beobachten den Monteur bei seiner Arbeit.

Als wir weiterfahren wird es unbarmherzig Mittag. Die Sonne brennt, der kühle Gegenwind lindert kaum. Wir quälen uns bis Eckernförde und haben dann wirklich keine Lust mehr auf Buckelpisten, ständige Umwege durch verlorenes GPS-Signal und Gegenwind. Mit der nächsten Regionalbahn fahren wir bis Kiel.

Das Getümmel dort frisst sofort an unserer Konsistenz und ich merke richtig, wie sich die Rosenblätter, die ich die ganze Zeit mehr oder weniger peripher am Rand schwimmen habe, vor mein Blickfeld schieben.

Sie manövrieren uns aus Kiel raus und verlieren sich bald wieder irgendwo im Wind auf meiner Haut.

Dann halten wir einfach nur noch durch. Die Strecke führt an einer Bundesstraße lang, der Krach nervt. Zwischendurch müssen wir auf der Landstraße fahren und überlegen währenddessen, ob unser „Wie wir beerdigt werden wollen“- Zettel im Fall des Falls pünktlich gefunden werden würde. Und ob unsere Familie sich daran halten würde. Den Notar für ein Testament, konnten wir uns nämlich immernoch nicht leisten.

Jedenfalls kann ich endlich lesen, wie der Ort heißt, an dem unser Weg zum Campingplatz kreuzt: Ascheberg

Aha. Hier haben wir auch mal gewohnt. Katsching. Als wir durchfahren, erkennen wir nichts wieder. Wie auch, die Einrichtung lag damals ganz am Rand der Stadt.Vermutlich fahren wir morgen daran vorbei. Vielleicht.

Sollen wir mal hingehen? Reingucken und Hallo sagen? Gucken, ob die Bewohner_innen noch da sind? Ob die Leiterin noch da ist? Das ist alles 16 Jahre her. Hm. Wir lassen es offen und konzentrieren uns auf den Muskelkrampf im Oberschenkel und die Erschöpfung unter der Haut. Scheiß auf den Stocksee, wir nehmen den Plöner See, der ist hier und hat auch Campingplätze.

Wir checken ein, fressen Pommes und Gemüseschnitzel vom Imbiss, bedecken dieses Menü mit Oreokeksen und einem Gemisch aus Kalium, Calcium und Magnesium, kuscheln uns in den Schlafsack und schlafen ein. Es ist 19 Uhr und beginnt zu regnen.

Um 4.44 Uhr weiß ich wieder, wieso wir uns diese Touren geben.

Wir duschen, frühstücken, packen. Fahren gleich los Richtung Fehmarn. Ohne Abstecher in die Einrichtung.

unterwegs #4, Kinder, Lehrer_innen, für immer unterwegs sein wollen

Und dann ist der letzte Inselmorgen. Wir packen, frühstücken und googlen die nächsten Versorgungspunkte.

Wir haben Sonnenbrand auf den Lippen und befühlen ihn zwischen Erstaunen und Faszination.

Als wir am Kaffee aufwachen, hören wir ein Kind im Waschhaus. Es ruft seine Mutter, doch auch nach dem dritten Ruf bekommt es keine Antwort. Mama ist irgendwo auf dem Platz und versorgt das Geschwist.

Aus dem Rufen wird ein Weinen und aus dem „Mama“ eine lange Vokalkette, dessen Ende in unser Inmitten sticht. Wir stehen auf und gehen hin. Der kleine Otto steht da in nassen Hosen, mit den nackten Füßen in einer Pfütze und hält sich an der offenen Klotür fest.

Ich merke wie mir Federn aus der Haut stechen und alles merkwürdig wird. Wie ich oder etwas, das mir vertrautfremd ist, mich vor ihn hockt und fragt, ob wir ihm vielleicht helfen sollen. Er nickt und atmet und starrt uns aus großen Augen an.

Wir helfen ihm aus der Hose und geben ihm Papiertücher zum Aufwischen, während wir die Sachen durchspülen. Zufrieden, mit seiner Saubermacharbeit, läuft er zur Hochform auf, als wir ihn fragen, ob er weiß, wo sie geschlafen haben. Seine Eltern sind bestimmt auch dort.

Als wir nacheinander zu ihrem Platz gehen, denke ich, dass die Klos hier viel zu hoch sind für Otto. Besonders, wenn es dringend ist. Aber vielleicht hat er auch nur den Weg zu den Kinderklos vergessen? Ich hab keine gesehen.

Für Otto ist die Welt wieder ok, als er bei Mama ist. Diese dankt mir und sagt, sie hätte sich das Unglück schon gedacht. Wir fragen sie nicht, wieso sie ihm dann denn nicht gleich geholfen hat. Was wissen wir denn schon von ihrem Alltag oder dem, was diesem Moment vorangegangen war.

Aber wir merken uns das. Für später. Für die eigenen Kinder.

Wir frühstücken. Dann nieselt es. Dann windet es. Wir kriegen Geld zurück vom Platzbetreiber und kaufen uns davon einen Pin in der Form von Amrum. Für die Therapie und die Schule. Erbsenmomentanker aus dem echten Leben, baby.

Wir nehmen die Fähre um 5 nach 12 und schreiben dort unsere Inselpost. Das muss man verstehen – im Fährrestaurant hat es 20° und schöne Aussicht. Horst und Gisela aus dem schönen Schwaben machen das auch so, nur für eine riesige Verwandtschaft.

Auf dem Festland ist es wärmer. Hier ist es nur der Wind, der kalt und unangenehm ist. Wir fahren nach Süderlügum, wo unsere Schlafstelle auf dem Gelände eines Jugendheimes ist. Wieder finden wir kein Schild, wieder gibt es keinen Hinweis auf die Initiative „Wildes Schleswig Holstein“.

Aber eine Schulklasse treffen wir, die mit zwei Lehrer_innen ihre Klassenfahrt hier machen. Für sie ist es kein Problem, wir sprechen uns ab und bauen unser Zelt in strategischer Entfernung zu den Zimmern der 13 bis 15 jährigen Krawallquellen.

Wir essen zusammen Abendbrot und tauschen uns über die aktuelle Realität von Inklusion und Lehrer_innenalltag aus. Und wieder denken wir darüber nach, vielleicht doch irgendwas Soziales zu studieren oder zu lernen.

Wir sind kein gefühlskalter Roboter, der alles hübsch kontrolliert haben muss oder Gefühle anderer Menschen für abstoßend hält. Es ist nicht das, was wir meinen, wenn wir sagen, dass der Autismus uns diese Art des Berufs sehr erschweren würde.

Es ist nur so, dass wir an den Strukturen zerbrechen würden, in denen Menschen, die mit und an Menschen überwiegend arbeiten müssen. Weil wir gute und richtige Arbeit machen wollen.

Später sitzen wir mit am Lagerfeuer und sprechen über dies und das und ich merke, dass Lehrer_in zu sein in keinem Fall ein sozialer Beruf ist, obwohl ein Großteil die soziale Auseinandersetzung mit den Schüler_innen ist. Mir kommen die beiden vor wie genau die Beamt_innen einer Leistungsbehörde, die sie sind. Trotz aller Herzenswärme und Einsatz für die Schüler_innen.

Am nächsten Morgen ist die Klasse bereits im Wald, um Bäume zu töten und sich das pädagogisch legitimieren zu lassen. Wir essen, nehmen uns Obst mit und fahren.

Und fahren. Und fahren. Und fahren.

Dann sind wir in Flensburg und kaufen ein. Sind traurig, dass wir nicht mehr Platz in den Packtaschen für all die dänischen Lakritzsüßigkeiten haben, die es hier gibt.

Dann frühmittagessen wir und suchen den Landeplatz für heute abend. Wir entscheiden uns für eine warme Dusche und bezahltes Internet, also steuern wir Pommerby an.

Hier ist es toll. Die Ostsee liegt genau am Campingplatz, das Mysterium um unsere dauernde Roaminganzeige im Handy wird gelöst. Das Internet hier hat keine Ahnung von der deutsch-dänischen Grenze.

Wir duschen, waschen ein paar Sachen, essen Süßigkeiten und lesen Emails. Der Sonnenbrand im Nacken hat eine braune Stelle hinterlassen, der auf der Nase ist im Stadium der Pelle.

Jetzt gehen wir zum Strand und machen Fotos. Morgen fahren wir zum Stocksee. Übermorgen nach Fehmarn. Jetzt ist die Phase, in der wir jeden Tag, für den Rest unseres Lebens unterwegs sein wollen.

unterwegs #3, Möwen, Verunsicherung und eine getötete Auster

„Möwen sind schon übertriebene Tiere.“, denke ich, als ich auf dem Dach des Platzhaupthauses drei Exemplare beobachte, die sich scheinbar anschreien vor Lachen.

Übertrieben ist auch der Temperatursturz. Heute zeigt das Thermometer 15°C – wir tragen sehr leichte Sommersportsachen. Das Zelt schlackert im Wind und weckt uns immer wieder mit seinem Plastikklatschgeräusch.

Dabei ist schlafen genau das, was wir heute brauchen. Ausruhen, liegen, Mineralien und Kraft tanken. Dass es zwischendurch immer wieder regnet macht dieses Vorhaben leichter.

Am Nachmittag bin ich so genervt von den Zeltgeräuschen, dass ich die Kühle draußen vorziehe. Wir packen eine Gurke und etwas Obst ein, füllen die Wasserflasche auf und laufen zum Strand. Es ist viertel 3, als wir starten und halb 8 als wir in Norddorf ankommen. Müde, hungrig und inzwischen ziemlich verfroren.

Wir warten auf den Bus, fahren zum Platz, essen und gehen schlafen.

Niemand spricht mit uns mehr als „Moin“. Der Kellner auf der Fähre war der Letzte, zu dem wir etwas gesagt haben.

Heute, am Montag, denke ich darüber nach, morgen kurz nach Hause zu fahren. Das Zelt nervt so sehr, dass andere Dinge wie Kälte, Wind, lange warten bis das Wasser kocht und das, durch die Stille in uns viel leichter hochkommende Innen, schwerer zu managen sind.

Ich werde unsicher, ob das alles jemals aufhören wird. Kann mich denn nicht einmal ein Zelt einfach nur nerven? Muss denn immer irgendwie auch gleich alles andere schlimm bis unaushaltbar werden, nur, weil eine Sache komisch guckt oder nervt?

Ich will nicht weiter darüber nachdenken. Ich will denken: Ich kriege das hin. Alles.

Weil ich mir nicht genug glaube, bitte ich die Therapeutin uns anzurufen. Ich will sie bitten mir das zu bestätigen. Dann geht’s meistens.

Wir fahren nach Wittdün, finden nur Touristenquatsch für den man bezahlen muss. Dann fahren wir nach Nebel und fahren von dort aus an den Salzwiesen vorbei bis nach Norddorf. Es windet. Uns ist kalt. Die Bewegung hilft.

Wir fahren so weit wie es geht nach Norden und laufen dann bis zur Nordspitze. Das Vögelgekreisch, der Wind, das Pickeln und Pieksen der Muschelschalen an den Füßen, alles wärmt uns auf und gibt uns das Gefühl, okay hier und jetzt zu sein, so wie wir sind.

Halb 6 beginnt die Wattwanderung, für die wir uns dann doch noch entschieden haben. Wir lauschen, fragen, erleben. Haben einen sehr veganen Moment, als wir dem Mann, der bereit ist eine frisch geöffnete Auster zu essen, sagen, dass er jetzt ein lebendes Tier essen wird. Und als wir in die giggelnde Runde sagen, dass wir ja froh sein können, dass man dieses Tier nicht schreien hört.

Ich finde es abstoßend. Alles an der Aktion erscheint mir barbarisch. Nicht, weil sie es tun oder geschehen lassen – das tue ich ja selbst auch bzw. würde es im Notfall wohl auch tun. Aber die Profanität des Tötens, die Legitimation – das schüttelt mich und triggert Erinnern im Innen. Diese Auster ist für Neugier gestorben – das kann doch nichts sein, womit man wirklich und ohne jeden Zweifel okay ist.

Wir entfernen uns von der Gruppe. Essen Seespargel und Seesalat. Beobachten Seeschnecken und Möwen. Fusseln mit Schlick bis der Wattführer die Runde für beendet erklärt.

Jetzt sitzen wir am Haupthaus des Campingplatzes, tippen diesen Text, haben ein warmes Gesicht und die Versicherung unserer Therapeutin, dass wir das alles schaffen.

Die Fähre nach Dagebüll geht um kurz nach 3. Genug Zeit für Inselpost und einen ersten letzten Kaffee in einem Touristenquatschcafé.

Die nächste Station ist Süderlügum. In ein paar Tagen kommt J. uns auf der Tour besuchen. Darauf freue ich mich schon jetzt.

Und auf wärmere Temperaturen. Darauf auch.

unterwegs #2, Soulfood

„Jaaa, aber das ist doch alles kein SOULFOOD“, sagt J. mit zusammengeknautschtem Gesicht, als ich ihm von unseren veganen Getreide- und Linsengerichten auf der Tour erzähle. Er möchte, dass es uns gut geht. Dass wir gut versorgt sind. Dass wir glücklich sind.

Als wir am Morgen im Husumer DM-Markt stehen und weitere drei Päckchen Cashewmilch greifen, denke ich an diesen Moment zurück.

Nach den Hafermilchdramen auf der letzten Tour, sind wir froh um diese kleinen Portionen. Glücklich, nicht auf unsere Morgenroutine aus Wasser, Milchkaffee und Haferbrei verzichten zu müssen.

Wenn wir Leuten davon erzählen, wie gern wir unterwegs sind, dann können sie das oft nicht mit uns verbinden: jeden Tag woanders sein, was anderes machen, was anderes essen, als sonst.

Für uns ist aber genau das ein Privileg. Vielleicht auch, weil wir es uns nachwievor im Alltag nicht erlauben ganz und gar so zu leben und zu sein, wie wir es wollen und brauchen.

Wir würden sehr gerne jeden Tag das Gleiche essen, anziehen, machen. Aber gegen die Angst, die intrusiven Empfindungen und Gedanken, die darauf folgen, kommen wir nachwievor nicht an.

Als wir später in der Tankstelle von Hattstedt ein Paket mit Quatsch, den wir mitgenommen haben, aber doch nicht brauchen können, aufgeben, quillt mir eine Erinnerung an ein Zeltlager hoch.

Eine Geburtstagskarte an meinen Vater, in dem auf der einen Seite mit gelbem Filzstift der Glückwunsch steht und auf der anderen Seite die Bitte darum abgeholt zu werden.

Das Zeltlager auf Poel mit den Falken. Mit dem Neptunfest, dessen Konzept wir bis heute weder verstehen, noch so witzig finden, dass man es dringend wiederholen muss.

Beim Neptunfest verkleiden sich alle meerisch als Fisch oder Krebs oder Meermensch oder so etwas. Dann sitzen alle am Strand und werden von Neptun „getauft“. Der Name wird ausgerufen und es wird erwartet, dass man wegrennt. Nicht, so wie wir, sich meldet. Denn man muss ein widerliches Getränk trinken und wird mehr oder weniger dazu gezwungen, weil „Neptuns Hescher“ eine_n festhalten.

Wir wurden damals „lahme Seekuh“ getauft und hatten durch die ganze Aktion jegliches Zutrauen, jeden Spaß, jeden Bezug zu dem Camp verloren. Die Karte zu schreiben, war ein Rettungsgesuch. Ich glaube nicht, dass es beantwortet wurde.

Jetzt, wo mir diese Kinder so nah sind merke ich die Alltagszwangschrauben, die ihnen noch chronisch akut – uns Rosenblättern jedoch dumpf latent im Fleisch stecken. Da ist kein Raum für Entspannung, für Versinken im Eigenen – für das Eigene, das Selbstsein. Da ist permanenter Druck sich offen, aufnahmefähig, kopfisch, physisch funktional zu halten. 24/7 Interaktionsdruck, ohne selbst etwas davon zu haben, geschweige denn zu verstehen, wozu genau das wichtig sein soll. Und obendrauf kommt die Gewalt, wenn die Erschöpfung schlicht nicht mehr zu unterdrücken ist.

Unterwegs auf dem Rad machen wir stundenlang nur eine Sache. Fahren. Wir hören keine Musik, keine Hörbücher, keine Podcasts. Nur das Rauschen des Gegenwinds und die Fahrgeräusche des Rads.

Wir fahren keine 6 Stunden am Stück, weil wir sportliche Höchstleistungen erbringen wollen oder uns keine Pausen gönnen. Wir sind 6 Stunden. Wir fühlen uns 6 Stunden. Wir kommunizieren mit uns 6 Stunden. Wir interagieren, wie wir das wollen 6 Stunden.

Im Alltag unter Menschen, die weder merken, noch wirklich glauben können, wie immer überfordernd ihr Normal für uns ist, haben wir niemals so eine freie Ecke für uns. Schon die Möglichkeit, dass es jederzeit klingeln könnte, jemand anrufen könnte, jemand etwas von uns wollen oder brauchen könnte – und sei sie noch klein! – vernichtet uns bereits die Option zu Hause diese Ecke zu haben.

Als der Regen am Morgen nachlässt fahren wir gerade aus Hattstedt raus auf einen Mitteldeich vor der Nordsee. Vorbei an Schafen und über ihre Kacke, fahren wir knapp 3 Stunden nach Dagebüll Hafen. Kaufen eine Fahrkarte für die Fähre, steigen auf.

Einer der Fährfahrer kommentiert meinen Sonnenbrand im Nacken, macht Späße mit uns, bis wir das Rad gut verstaut haben.

Ich bin froh, daß ganze Prozedere bereits mit L. einmal durchgemacht zu haben, als wir vorletztes Jahr mit ihr nach Föhr gefahren waren. Jetzt macht es uns keine Angst mehr und wir bewegen uns sicher auf der Fähre.

Als es uns oben zu warm und unten zu laut wird, setzen wir uns in die Mitte und bestellen wie ein Millionär. Einen Kaffee mit Keks, für 3,30€.

Auf Amrum angekommen lassen wir uns den Weg zum Zeltplatz erklären, kommen an und sind überwältigt.

Erstmal von dem Preis, denn für 3 Tage und 4 Nächte bezahlen wir 58€, was mehr als ein Drittel unseres gesamten Budgets ist. Aber wir sind gesichert. Nur den Hut mit Nackenschutz und die geführte Wattwanderung müssen wir sein lassen.

Der Platz ist aber toll. Mitten in den Dünen gelegen, umgeben von Sträuchern und Gräsern, mit Blick auf den Leuchtturm. Das Möwengeschrei kommt noch obendrauf.

Nach einer Dusche und Handwäsche der, inzwischen krass stinkenden Shirts, sind wir bereit für einen Spaziergang. Der beginnt vom Platz aus auf einem Holzbohlenweg durch sumpfmooriges Gebiet mit Gänsen, Hasen und vielen unterschiedlichen Pflanzen. Dann geht es auf einer im feinen Sand liegenden Holzleiter über die Düne zum breiten fast menschenleeren Strand.

Wir verbringen Stunden hier. Fusseln im Sand, beobachten Wellen, lassen uns vom weichen Wind streicheln. Als wir eine Hängematte finden, beginnen wir nach einer Schaukelpause diesen Text.

„Leben, was schmeckst du heute gut“, denke ich und frage mich, ob J. vielleicht auch so etwas als „Soulfood“ bezeichnet.

Unterwegs #1, Hühnengrab und Kühe

„Echt?“, denke ich, als ich sehe, dass es Albersdorf ist. Dort gibt es einen Steinzeitpark mit Nachbauten und verschiedenen Originalen aus der Steinzeit, in dem man als (Rad)Wandernde_r das Nachtlager aufstellen darf, ohne etwas bezahlen zu müssen.

Dort gibt es auch die erste Wohngruppe, in der wir gelebt haben.

Als wir mittags in Elmshorn starten, denke ich nicht mehr „Echt?“. Ich denke gar nichts. Die Mittagssonne fällt wie Beton auf mich und der Radweg nach Itzehoe ist eine einzige Katastrophe. Wegen solcher Wege haben wir ein Trekkingrad und 5 bar auf den Reifen.

Halb 6 kommen wir im Park an – niemand ist mehr da. 17 Uhr wird geschlossen, das Steinzeitdorf und die Wanderwege auf dem Gelände sind immer offen.

Wir haben Edge-Empfang und können auch mit einem Spaziergänger nur noch raten, wo wir uns hinstellen dürfen. So kommt es, dass wir um halb 9 neben einem Hühnengrab aus der Jungsteinzeit einschlafen und halb 6 vom Vogelzwitschern wieder aufwachen.

Dieses Grab zeigt uns das große Geschehen, in dem auch wir passieren. Wir frühstücken daneben und lassen uns von der Morgensonne streicheln. Der Mensch, der hier vor über 3000 Jahren beerdigt wurde und die Idee von den Menschen, die ihn begraben haben, sind die beste Gesellschaft für diesen Morgen. Sie sind bei mir, obwohl sie schon lange nicht mehr sind.

Albersdorf und die Menschen, mit denen wir zusammenzuwohnen versucht haben, sind auch noch bei uns. Als schmerzhafte kleine Knoten, die sich bei der Fahrt durch den Ort Richtung Husum auflösen.

Ich trage die Jugendlichen wie mein Trinkwasser in einer Blase auf dem Rücken und höre ihrem Rauschen zu. Sie haben keine Angst oder irgendwelche anderen „heißen“ Gefühle. Da ist nur die Stille enttäuschter Hoffnungen und die Dissonanz zwischen der emotionalen Anstrengung aus 2001 und der körperlichen Anstrengung jetzt 2018.

Sie erzählen mir nichts von damals. Sagen nur, dass sie nicht nach Heide wollen. Ich zeige Ihnen unsere Route – sie führt an Heide vorbei.

Vorbei müssen wir wenig später auch an 5 Kühen, die keine 20 cm neben uns liegen und verdauen, weil sie auf dem Deich vor der Nordfelder Schleusenanlage grasen.

Als wir sie sehen, gehen wir zurück. Schieben das Rad auf den Deich. Suchen Optionen. Als wir sehen, dass es keine gibt, erinnere ich mich an das, was Temple Grandin über Kühe erzählt. Ich nehme den Helm ab, verstaue alles glitzernde und wackelnde an mir. Und bleibe doch unsicher vor ihnen stehen.

Dann knackt es in einem Lautsprecher. „Sie brauchen keine Angst haben – die Tiere tun nix.“.

„Na dann!“, rufe ich lachend zurück und schiebe mich durch die schwarz-weißen Grazien. Zu wissen, dass da noch jemand ist, hat geholfen.

Ein paar unfertige Gedanken über die Sicherheit des einen durch die Unfreiheit des anderen später, sind wir in Drage, dann in HmHmHm, dann in HmHmHm und dann in HmHmHm – wo ich immer wieder einen Ort suche, um Pausen zu machen, doch nicht fündig werde.

Ich habe Kopfschmerzen und bin müde. Zwei Falafel und mehrere Liter Wasser bringens dann eben doch nicht.

Vor Husum kaufen wir uns Tomaten, eine halbe Wassermelone, 4 Äpfel und eine Gurke.

Auf dem Zeltplatz merke ich den Sonnenbrand im Nacken. Die Schmerzen in den Füßen. Dursthunger. Die Luft steht, die Sonne brennt und brennt und brennt.

Doch es ist gut.

Der Zeltplatz ist ohne Deich an der Nordsee. Wir trinken, essen, fangen ein Hörbuch an. Am Abend staksen wir das erste Mal durchs Watt, das sich hier wie Pudding auf Steinboden anfühlt. Ein Tierchen bleibt kleben, wir filmen es.

Die Nacht beginnt früh für uns. Der Morgen auch. Heute fahren wir nach Dagebüll und von dort nach Amrum.

von Freiräumen und der Frage, was man mit der Vergangenheit macht

Es ist ein bisschen so, als würde man Muskeln ansteuern, die noch gar nicht da sind, als die Therapeutin fragt: “Geht es ein bisschen darum, was sie damit machen? Mit ihrer rituellen Vergangenheit..?”.

Ich weiß, worum es geht. Weiß, es ist die Dissoziation, die mir alles Gesagte, Mit.geteilte und Erinnerte in dieser Stunde fremd und fern erscheinen lässt. Weiß, es geht um mich. Weiß, es geht um meine Vergangenheit.
Aber ja: Ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll.

Was soll ich denn auch anfangen mit einem Tier, das um sich beißt. Mit einem Kind, dass blind vor Panik an Türen kratzt. Mit einem Selbst, das weder Ich noch Nichtich ist. Mit Innens, für die alles außerhalb dieses einen Ists nichts außer Lug und Trug ist.
So eine Truppe ist der Stoff aus dem abgefahrene Road-Trip-Filme sind, aber mein Leben hat keine Räume für sie.

Wir bemühen uns allgemein darum allen Innens ihre Räume zu geben und zu lassen.
Bei uns meint das nicht, dass wir schauen, dass alle von uns ihre Außenzeit haben oder bestimmte Dinge haben dürfen – es meint eher, dass wir soziale wie asoziale Räume schaffen und freihalten, in denen es nicht zwingend ist, dass ausschließlich versorgungs-, schul-, therapie-, freundschafts-, produktivitäts-, oder gewaltfunktionale Systeme bzw. Innens aktiv sind.

Wir sind darin inzwischen ganz gut und durch die Unterstützungen, die wir erhalten, können wir diese Räume auch stabil halten und ausbauen. So ist es nicht mehr schlimm für mich, wenn wir zu Hause auseinanderfallen. Wir sind dort sicher, haben dort alles was wir brauchen, um mit den Konsequenzen der Anwesenheit dieser Innens umzugehen.

Aber das ist vielleicht genau mein Knackpunkt. So gehe ich mit den Anderen in meinem Leben um. Ich mache ihnen Räume, in denen ich das Chaos, die Not, die Unruhe und zuweilen auch Zerstörung, die sie mitbringen oder verursachen, kontrolliert passieren lassen und wieder bereinigen kann.
Ich gehe nicht mit ihnen um. Ich gehe mit den Folgen ihrer Anwesenheit um und das ist so ziemlich genau mal gar nichts anderes, als das, was ich schon immer mit ihnen mache. Heute mache ich das therapeutisch wertvoll und nenne meine Amnesie bzw. das depersonalisierte Erleben, das ich durch ihre Anwesenheit habe, “Freiraum für die Anderen in meinem Leben”.

Das ist nicht gut. Weiß ich. Aber was soll ich denn sonst machen?
Ich merke, dass wir zu wenig adhäsive Eigenschaften für einander haben. Es ist nicht wie in meinem Funktionssystem, wo sich die anderen mehr oder weniger oft zeitgleich – immer jedoch inhaltlich immer zu 100% auf meiner Ebene bewegen. Wir sind füreinander erkennbar, wir haben Kontakt – hatten ihn, bevor wir ihn gezielt gesucht haben. Wenn ich etwas entscheide, dann tue ich das inzwischen automatisch auch irgendwie mit ihnen. Unsere Kluft ist nicht zu, aber sie ist leicht zu überqueren.

Diese meine, unsere “rituelle Vergangenheit” mit der wir uns in der Therapiestunde befasst haben, ist nicht nur etwas, das nicht mir passiert ist, es ist auch noch Innens passiert, mit denen ich damals wie heute nur wenig mehr als Leben und Körper teile.
Das klingt für manche Menschen vielleicht nach viel, für mich ist das jedoch nicht mehr als das, was ich mit meinen Nieren zu tun habe: Ich weiß, dass sie zur gleichen Zeit wie ich geboren wurden und eine lebenswichtige Funktion haben – aber bei unserem nächsten Umzug werden sie mir keine Kiste packen können.

Vielleicht geht es am Ende nur um Akzeptanz? Anerkennung und fertig?
Wir teilen uns die Kenntnis um etwa 6qm Überlebens.zeit_los.raum.
In gewisser Weise teilen wir uns also einen Traumakrümel.

Ich hab nicht diesen ganzen Therapiequatsch mitgemacht, um jetzt noch zu glauben, dass ich mich nicht damit beschäftigen muss, was ihre Perspektive auf meinen Entstehungsort ist. Ich habe aber auch genug Therapiequatsch mitgemacht um zu wissen, dass es mehr als einen Traumakrümel braucht, um eine Perspektive zu verstehen oder mehr Kontakt aufzubauen.

Will ich mich also immer noch nicht damit auseinandersetzen? Vermeidung? ANP-typisches Schutz-Mimimi?

Ja. Nein. Vielleicht.
Alles.

Ich weiß, was ich machen muss. Ich weiß, wie das geht. Wir haben genug Werkzeug uns zu befassen. Wir haben eine gute Therapeutin. Was mir fehlt ist Bezug und eine Idee, wo es hingehen soll.
Ich weiß nicht, was ich verstehen muss, um diese Innens zu verstehen. Ich weiß nicht, was sie verstehen und vielleicht auch können müssen, um mich zu verstehen. Ich weiß nicht, welche Freiräume ich diesen Innens geben muss und wie wir diese dann absichern könnten.

Wir hatten und haben triftige Gründe für ihr Exil so fern im Innen, wie es nur geht.
Für sie kann es noch keine Zeit geben, sich frank und frei in der Welt zu bewegen, ohne uns zu gefährden.

Vielleicht klingt es fies und ist super selbstschädigend und gewaltvoll, aber im Moment denke ich oft, dass ich auch gut damit zurecht kommen würde, sie als so in der Zeit verloren zu akzeptieren, wie sie sind.
Wir haben viele Innens, die das sind. Wir haben sie mit Schutzimaginationen im weißen Rauschen des Inmitten beerdigt und wissen: Was als therapeutisches “in Sicherheit bringen” passiert ist, wird nie als das therapeutische Töten anerkannt werden, dass es auch war.

Nicht alle können reorientiert und für den Alltag nach der Gewalt funktionalisiert werden.
Und Innens, die aus Spaß an der Freude erhalten bleiben, gibt es nicht.

Etwas, was die Frage der Therapeutin berührt hat, ist für mich auch die Frage danach, was ich mit unserer Vergangenheit mache. Im Moment mache ich nichts anderes damit, als sie zum Forschungsobjekt zu machen.
Sie ist das Ziel vieler Fragen und der Grund für Krisen, die auf die Antworten folgen.
Ich mache diese Therapie nicht, um “meine Vergangenheit zu verarbeiten” – ich will eine Vergangenheit haben und muss dafür therapeutisch arbeiten.

Vielleicht auch, um damit klar zu kommen, dass ich nichts mehr mit etwas machen kann, das schon längst vorbei ist.

weirdgute Post

Wie sehr wir daran gewöhnt sind, anstrengende, schlimme, ängstigende Post zu bekommen, haben wir vorgestern gemerkt.
Da lag der Brief vom “Fonds sexueller Missbrauch” im Briefkasten.
Eigentlich hätte er an unsere gesetzliche Betreuerin geschickt werden sollen. Wurde er auch. Aber an die, die uns nicht mehr betreut und ihn deshalb an uns weitergeleitet hat.

So wurde ein Brief, auf den wir 2 Jahre gewartet haben, zu etwas mit dem wir alleine waren. Den wir alleine aufmachen mussten. Dessen Auswirkungen auf uns nicht von jemandem im Außen aufgefangen werden konnten.

Wir fanden ihn morgens im Briefkasten und ließen ihn da liegen. Gingen mit NakNak* raus. Fuhren 40 Kilometer auf dem Rad.
Wir haben da nichts beantragt, wovon unser Lebens abhängt. Eine Ablehnung hätten wir also genauso hinnehmen können, wie all die anderen Anträge auf Assistenzleistungen und finanzielle Unterstützungen, die mit der Schule zusammenhängen.

Aber eine Nichtanerkennung dessen, worauf wir unseren Antrag begründet haben, hätten wir nicht ertragen.
Nicht mehr.

Ich will es nicht so dramatisch aufschreiben, aber es ist eben doch unser Helferding. Das “Hilfetrauma” mit dem wir leben und umgehen müssen.
Da war der Therapeut, der uns sagte, seine Misshandlung wäre therapeutisch zwingend notwendig. Da waren die Betreuer_innen, die uns nicht geglaubt haben. Da waren die Psycholog_innen, die uns wieder nach Hause zurückgeschickt haben. Da waren die Berater_innen, all die ganzen Erwachsenen, die weder die Gewalt an uns anerkannt haben, noch ihre Auswirkungen auf uns. Und da war all ihre Macht auch strukturell auf uns einzuwirken.

Für uns ist es nachwievor schwierig damit umzugehen, dass wir nicht autark sind. Dass wir für so viele Dinge andere Menschen brauchen, die uns mit ihrer Zeit, ihrem Geld, ihren Fach.Kenntnissen helfen. Das bedeutet einfach immer wieder ein Aufreißen dieser Helferwunden. Jedes Mal, wenn wir jemanden um etwas bitten müssen. Jedes Mal wenn wir merken, dass wir alleine etwas nicht schaffen.
Da kommen uns ihre Sätze ins Gedächtnis, unsere Gefühle von Ohnmacht, Auslieferung, Panik, dass es das Ende für uns bedeutet.
Jedes. verdammte. Mal.

Und zwar nicht, weil die Täter_innen uns das irgendwie so eingepflanzt haben, dass wir uns immer nur an solche Helfer_innen erinnern oder, weil wir uns nur auf diese Aspekte von Zusammenarbeiten mit Helfer_innen konzentriert haben.
Ihr Handeln hat uns traumatisiert und in der Regel allein unter Fremden oder Täter_innen mit dieser Traumatisierung zurückgelassen.

Das klingt dramatisch und das ist es auch.
Es ist, was es meint, wenn irgendwo steht, dass ein misshandeltes Kind bis zu 7 Erwachsene ansprechen muss, um Hilfe zu erhalten.
Und das ist, was von so vielen Kampagnen ausgeblendet wird: Dass Hilfe zu bekommen eben nicht automatisch bedeutet sicher vor Gewalt und Re_Traumatisierung zu sein oder unbeschadet aus etwas herauszugehen, das im allgemeinen (oder von den Verantwortlichen) als “Hilfe” bezeichnet wird.

Dieses “Helferding” hat unter anderem dazu beigetragen, dass wir bis heute Innens haben, die Stein und Bein und alles, was sie haben, beschwören, dass sie niemals zum Opfer von Gewalt wurden. Dass sie keine Hilfe brauchen. Keine verdient haben. Und die natürlich alles das nachplappern, was schlechte, inkompetente, narzisstische, arrogante, ignorante, ihre Dinger auf uns projizierende Helfer_innen jeder Profession uns reingegeben haben.
Nämlich “in Wahrheit”, “eigentlich” und “im Grunde” nicht das Problem, die Not, das Leiden zu haben, was wir geäußert haben, sondern irgendwas völlig anderes, an dem wir selbst schuld und Ursache sind.

Als wir vor 2 Jahren den Antrag beim Fonds gestellt haben, war noch so vieles anders als heute.
Und im Nachhinein war es Glück, ihn vor dem letzten Klinikaufenthalt gestellt zu haben.

Wir haben damals so sehr daran gebrannt, dass die Autismusdiagnose nicht früher gestellt wurde, eben weil auch das wieder so ein offensichtliches Helferversagen war. Ohne dieses Brennen und den Schmerz, der damit einher ging, hätten wir den Antrag nicht gestellt. Schon gar nicht nach der demütigenden und re.traumatisierenden Erfahrung, die der letzte Klinikaufenthalt für uns geworden ist.

Ich hab mich damals damit beruhigt, dass keine Pfeifen in der Clearingstelle des Fonds sitzen. Wir wissen von manchen, die da arbeiten und wissen, dass das Menschen sind, die keine Entscheidungen für sich treffen oder überhaupt diese Art der Arbeit für sich selbst machen.
Ich dachte, dass sie die Arbeit vielleicht gar nicht mal immer zu 100% für die Antragsteller_innen machen, sondern auch für die Gerechtigkeit.

Damals hatte ich auch nicht dieses innere Wissen meiner, unserer Opferschaft wie heute. Für mich war klar: Ich habe eine komplexe PTBS, die kann man nur von einem Trauma haben. Und, dass ich mich in Bezug auf meine Eltern einfach immer scheiße fühle, wird sicher seinen Grund haben.

Und heute weiß ich mehr darüber. Wir haben viel Therapiearbeit gemacht und ich bin nah genug an anderen Innens gewesen um zu wissen, dass ES auch mir passiert ist.
Das ist ein Gewinn.
Aber auch ein Risiko.

Denn wir hantieren seit der Ausbildung mit so vielen Schriftstücken und Anträgen und Kram, haben neben Jobcenter und hier und da mal Sozialamt nun auch noch das Bafög-Amt im L eben. Ich habe ständig Angst etwas zu vergessen, zu übersehen, mich nicht auf die gesetzliche Betreuerin verlassen zu können. Jeder Brief im Briefkasten bedeutet im Moment noch eine Schaufel drauf.  Immer wieder erklären wir uns und immer wieder werden wir in Aspekten unserer Unterstützungsbedarfe nicht anerkannt.

Und der Brief vom Fonds?
Den fand ich weirdgut.
Ich fühlte mich merkwürdig gut, weil das der erste Brief in irgendeinem Belang ist, der anerkennend mit uns als Person umgeht. Zwischen Struktur und Intension trennt, ohne intransparent zu sein. Einfach mal nicht etwas ist, was be- sondern entlastet.

Was jetzt kommen kann ist Hoffnung und Mut machend.
Obwohl es Hilfe ist.

“Aber ich quäl sie nich.”

“Es wird immer schlimmer”, sagt sie uns schleicht, das Tier an der komplett eingezogenen Flexi-Leine haltend, auf uns zu. “Jetzt kommt schon Blut aus dem Auge.”.
Die mittelgroße Hündin neben ihr versucht den Grünstreifen zu erreichen. Sie zieht sie wieder zu sich ans Bein.
”Besonders nachts. Da weint sie viel. Da muss ich immer hingehen. Wird immer schlimmer.”.

Bei mir wird auch alles immer schlimmer.
Da ist eine Wut und sie ist so dicht, so nah, so eng, dass ich merke, dass es auch meine ist.

“Aber Tierarzt sagt, geht noch. Sie is ja so jung. Is ja erst 10.”. Sie hält die Hündin weiter fest neben sich. Diese versucht mich aus der Ferne zu wittern. “Neulich hats auch neben der Nase geblutet.”.

„Meine Nase blutet auch gleich“, denke ich. Wir haben eine Neigung zu Nasenbluten, wenn wir sehr aufgeregt sind.
Diese Situation regt uns sehr auf.

Wir wissen ja, dass viele Dinge, die Menschen tun manchmal einfach irrational sind. Wissen auch: mehr als feststellen können wir das nicht, denn es liegt weder in unserer Macht, noch in uns selbst als Ziel, das immer und bei allen irgendwie zu verändern. Aber ach.
Manchmal eben doch. Manchmal ist es eben doch ein Ziel. Oder besser gesagt: ein Wunsch.

“Aber ich quäl sie nich. Mal sehen, wie lang ich sie noch hab.”

Ich denke, dass sie sich selbst nicht so hört, wie ich sie höre, würde mir aber wünschen, dass sie das täte.
Mir tut der Anblick des Tieres, ihre Worte und alles, was sie da gerade macht so unglaublich weh. Es macht mich traurig zu merken, wie sehr sie sich an das Tier hängt, als wäre es ein Objekt ohne eigenen Seelenkosmos. Wie sehr sie glaubt aus Liebe zu handeln und einzuschätzen, während sie das Tier, das bereits sichtbar Schmerzen hat, für sich am Leben hält.

Die Hündin hat maligne Tumore. Sie wird nicht mehr lange leben. Und das, was sie noch leben wird, wird nicht schön, nicht gut, nicht bedeuten, dass sie einfach immer alles darf, was sie selbst möchte. Schnüffeln, wo sie mag, liegen, so lange sie mag, so viele andere Hunde begrüßen oder nicht begrüßen, wie sie mag.

“Lass sie doch wenigstens etwas von dir weggehen”, denke ich und merke, wie ich heulen würde, würde ich nicht vor ihr stehen. “Muss sie denn erst sterben, um frei von dem, was du Liebe nennst, zu sein?!”, denke ich und sagte zu ihr: “Und wo ist die Grenze? Hast du überlegt, wann der Punkt ist, dass du sie einschläfern lässt?”.

Hat sie nicht. Natürlich nicht.
Sie kann dem Tier keine persönlichen Grenzen zugestehen, wieso sollte sie welche in dessen Leiden anerkennen.

Später überwiegt wieder die Wut.
Nachdem wir uns verabschiedet haben, denke ich wieder einmal an alles das, was “uns Hundehalter_innen” so beschäftigt ein Hundeleben lang.

Da gibt es  Leinenpflicht so gut wie überall in der Stadt und auf dem Land, läuft der freilaufende Hund Gefahr von Jäger_innen erschossen oder von Autofahrenden getötet zu werden. Immer wieder Sorge, wenn er etwas aus dem Gebüsch frisst, weil man nie weiß, ob es ein Köder mit Rasierklingen oder Gift drin ist oder doch nur ein an Feinstaub erstickter Singvogel.
Das beste Futter, das wertvollste Spielzeug. Hundesport, weil das aktive Raubtier sonst im Wohnzimmer Amok läuft. Schicke Leine, gutes Halsband. Zecken, Durchfall, nie genug Mülleimer für die Pflichtplastitüte. Klar, dürfen die Kinder auch mal streicheln. Alle dürfen streicheln. Immer. Das ganze Fell, der schöne Flausch, das lädt ja richtig dazu ein. Und der mag das ja, der feine beste Freund des Menschen.

Und wenn man alles das nicht mitmacht – macht man es dann überhaupt richtig?

Wir wissen, dass NakNak* uns nicht liebt. Wir lieben sie auch nicht.
Sie ist nicht unsere beste Freundin. Sie ist sie und wir wohnen zusammen.
Wir freiwillig mit ihr, sie unfreiwillig beimit uns.

Wir leben in einer ausbeuterischen Beziehung miteinander, in der ich sie zu 100% unterdrücke.
Aber kein_e Hundepsycholog_in der Welt würde ihr raten, sich von uns zu trennen.

So normal ist die Gewalt, die man Haustieren antut.

Es ist nicht nur das „immer und überall zu wenig Auslauf“, die so oft nicht gegebene Rudelhaltung oder die Welpenproduktion in Vemehrerhaushalten – es ist der ganze Menschenscheiß, den Hunde in ihrem Leben haben.

Das ganze “Liebesding”, das ganze “Retterding” – die ganze menschzentrierte Scheiße, für die Hunde – Haustiere – herhalten müssen.
Diese merkwürdigen Übertragungsdinger, wo sich Personen, wie die mit der krebserkrankten Hündin, wie gnadenvolle Wohltäter_innen fühlen, wenn sie bestehendes Leiden so lange aufrechterhalten, wie es geht, damit sie es lindern können bis es nicht mehr linderbar ist. Lindern heißt nicht wegmachen. Das Tier leidet immer noch. Aber der Mensch fühlt sich gut, weil sie_r ja lindern kann.

“Aber ich quäl sie nich”, hat sie gesagt.
Ich glaub, das ist der Auslöser für mich.

Weil: wir quälen NakNak* – und die hat keinen Krebs.
Wir hauen sie nicht, wir füttern sie gut, wir laufen am Tag um 10km durch Wald und Wiesen. Sie hat ihre Kumpel, sie hat ihr Bett (unser Bett).
Aber machen was sie will, leben wie sie will, lassen wir sie nicht.

Würde das jemand mit uns machen, würden wir uns gequält fühlen. Eingesperrt, gefangen.
Vielleicht auch nicht – man gewöhnt sich an alles und so lange es nicht körperlich weh tut…

Es ist ein Dilemma.
Uns war das alles nicht bewusst, als wir uns dafür entschieden NakNak* zu behalten.
Jetzt bleibt uns nur, das bewusst zu behalten und das ist weder leicht, noch findet man Tipps und Tricks zum Umgang damit so einfach, wie unnötige Konsumgüter für Haustiere.

Jemanden zu treffen, die_r nicht so bewusst damit ist, fällt schwer. Macht wütend. Traurig.
Aber ist auch ein Moment für Demut.
Für: sich zu selbst zurücknehmen, innehalten und atmen.

Anerkennen, dass das gerade das ist, wie die Gesellschaft und damit die Mehrheit der Menschen um uns herum damit umgeht, dass man sich daran gewöhnt hat, Raubtiere zu unterwerfen, zu halten, zu züchten, abzurichten und für die eigenen Zwecke auszubeuten.

Anerkennen, dass das die Ebene über dem individuellen Leiden eines Menschen ist, der zusehen muss, wie sein Hund an einer unheilbaren Krankheit verstirbt.