Fundstücke #67

Ich hab geträumt, dass unser Buch falsch gedruckt würde. Dass W. uns das Buch in die Hand drückt und dann ist es ein foliiertes Softcover, Klebebindung, bunt von oben bis unten mit Worten anderer Leute darüber bedruckt.
In meinem Traum ist die soziale Awkwardness der Realität drin und es genauso unangenehm. W. lächelt uns an, denkt, wir wollten das vielleicht doch so haben und wir wissen nicht, was wir jetzt machen sollen. Lächeln oder Enttäuschung, Verwirrung, Abstoß ausdrücken.
Ich wache nicht mal davon auf, so wenig fremd ist das meiner Realität.

Auch nicht, als ich dann später zu einem ominösen Sportunterricht soll, aber da wird nur in fancy Sportkleidung abgehangen und ich vergesse ständig meine Sportsachen. Und dann nehme ich mir eine Hose vom Zaun, die eine Umstandshose ist und sie passt mir. Der Abnerv um meinen Stressspeck – sogar der ist zu normal um aufzuwachen. Ich entscheide mich gegen den Speckhass. Mein Speck ist okay, was mich nervt ist meine Unbeweglichkeit. Und dagegen können wir ja was machen.  Auch ein normaler Alltagsgedanke.

Später ist da, wo der Sportunterricht sein soll, irgendeine Berühmtheit, die trans ist und zu trans Leuten spricht und alle sind ganz aufgeregt und ich schleiche durch das Haus, das vorne in einer Großstadt und hinten auf einer texanischen Ranch mit bunten Klofliesen und stylischer Gartenbeleuchtung ist, um ein Versteck für mich zu suchen, denn niemand weiß, dass ich nicht binär und damit auch unter den Schirm des Transbegriffs passe.
Das ist dann aber doch far too alltagsfern.
Ich merke, dass ich träume, bin aber auch neugierig auf die Berühmtheit und was sie wohl so erzählt. Ich bin in dem bunte Fliesen-Klo als die Berühmtheit reinkommt und im Schlepptau viele Leute hat. Da bin ich still und mach mich unsichtbar, höre zu und bin enttäuscht, weil die Berühmtheit nur sagt: Glaub an dich selbst, born this way blablabla
Ich denke, dass ich hier nicht heulen will.

Ich entscheide aufzuwachen und als ich wach bin, will ich mich damit trösten, dass ich ja träume und entscheiden könnte zu fliegen.

Fundstücke #66

Als ich in den Abend mit seiner lauen Luft hinaustrete, fällt es mir auf. Das jetzt ist ein Abend mit mir allein. Morgen, im Zug nach Frankfurt, zusammen mit vielen Fremden, bin ich allein.

Jetzt bin ich schon müde, morgen früh werd ich es noch sein, morgen abend wieder. Ich habe Zeit für mich und doch nur Müdigkeit zwischen Auge und Lid.

Die ganze Woche war ich unter Strom. Gleichstrom in der Schule, Wechselstrom wann immer nötig. Oder, abgenötigt. In der Therapiestunde war es um Strom gegangen. Der früher. Damals. Früher. Vielleicht so weit in der Vergangenheit, dass das Ereignis vom Lauf der Dinge längst kleingemahlen und versandet ist. Wer weiß das schon. Mir ist das nicht passiert. Damals.

Heute ist mir das passiert. Montagabend. Mein Körper, der mich einmal mehr verriet, dem es egal ist, was ich denke, will und wünsche, der reagierte einfach. Wie früher, wie immer, wie logisch nachvollziehbar, wenn man versteht, worauf er sich bezieht.

Als ich nach Hause kam, war NakNak* da und das durchschießende Zucken im Arm wurde zu einem kaum greifbaren Simmern am Knochen entlang. Ich aß, trank, kroch unter die schwere Decke, stellt mir vor, aus unruhigen Träumen als Pflanze mit Wurzeln bis 20.000 Meilen unter dem Meer zu erwachen. Geerdet.

Aufgewacht war ich aber flirrig. Wach wach überwach mit schweren Gliedern und blindem Geist. Reaktiv. Im Hyperarousel ab dem ersten Augenaufschlag.

Für die Schule war das gut. Nicht denken, – machen, das wird einfach mehr belohnt. Die Druckfahne von „aufgeschrieben“ ist jetzt endgültig bei der Druckerei. Frei_gegeben. Ab jetzt geht nichts mehr. Außer da dadurch. Mit dem Arsch auf Grundeis. Gut, wenn man nicht alles von dem mitkriegt, was es macht. Dieses mutig sein.

Zu Hause ist es still und kühl. Die Heizung ist schon wieder kaputt. Aus der Therme tropft Wasser, für die Vermietergesellschaft ist das noch kein Notfall. Dass mir kalt wird, ist und bleibt. Dass ich so nicht allein sein sollte, mit mir, dem Strom und dem, was ich denken könnte, weil die Erinnerung gerade da ist wie ein Neugeborenes- nackt, hilflos, ein Bündel voller Bedürfnisse, die weder Aufschub erlauben, noch Zeit zum Verstehen lassen – das hat keinen Platz.

Ich hatte keine Zeit etwas aufzuschreiben. Keine Haut für mich selbst. Immer war da jemand oder etwas. Jetzt bin ich allein, jetzt schreibe ich Dinge auf. Jetzt müsste jemand da sein.

Multi.tasking

“So etwas wie ‘Multitasking’ gibt es nicht.” Sie beobachtet den Blutstropfen, der mir aus einer kleinen Punktionswunde am Daumen quillt und macht mir den Blick schwanken. Schwink schwank.
Ich koche. Beziehungsweise nenne ich es ‘kochen’, aber in Wahrheit mache ich mir nur etwas zu essen. Einen Eimer Salat, einen Trog Blumenkohlauflauf. Dazu den Schmusierest aus der Kanne. Einmal wie immer, wenn es gut werden soll. Nächste Woche.
Neuer Stundenplan, die Therapeutin ist wieder da. Unübersichtlich viele Dinge für die Schule zu tun. Zu schaffen.

“Es gibt nur ‘effiziente Reihenfolgen’.”
Ich hab sie genau vor mir. Groß, schlank, straff. Ein hoher Kragen umringt ihren Hals, ihre Haltung ist klar und gerade. Sie ist nicht Fräulein Rottenmaier, aber irgendwie doch.
“Und was du da treibst, ist NICHT effizient.”
Den Daumen im angesüllerten Taschentuch schiebe ich das Hundefutterfleisch aus dem Schwappbereich des schon laufenden Wasserkochers, verschiebe damit das Schneidbrett und die Auflaufform. Ein Stück Gurke kullert auf den Küchenboden. Semiclean, aber noch nicht geeignet für eine Antibiotikaanzucht. Kriegt NakNak* halt auch noch ein paar pflanzliche Fasern. Wieder was vermultitaskt. Ha!

Ich vergesse den Auflauf zu würzen, angle die Plastikdose für die Fleischreste aus der Spüle, spüre sie wie etwas, das mir aus dem Mageninneren nach außen boxt. Der Daumenstich tut noch weh, blutet aber nicht mehr. NakNak* schmatzt und schiebt ihren Napf durch den Flur. Ich schneide das Gemüse, genieße die Symmetrie der Schnitte, den Geruch der Tomategurkefrühlingszwiebel-Koblauchrest-Mischung. Bin hungrig und eigentlich schon längst satt.

Dann bin ich fertig und auf der Arbeitsplatte steht nur noch die große orange Schüssel mit dem Salat drin.
Alles andere ist weggeräumt, abgewaschen, saubergemacht. Von ihr nehme ich an, weiß es aber nicht. Finde es auch nicht wichtig. Nur beklemmend. Wie sie mir Zeit und Raum klaut, während ich etwas tue, das ist doch scheiße.

Und dann die Stille. Mit der bin ich alleine. Natürlich.
Das darf ich ganz für mich haben. Dieses Nichts, in dem ich und das Essen allein miteinander sind und ich mir doch lieber aus der Haut fahren will. Mit dem Radio auf voller Lautstärke, offenen Fenstern und Windgeschwindkeitsgeräuschen auf beiden Ohren.

“Führerschein machen” schreib ich mir auf, als ich und andere ein PC-Spiel spielend, das Handy checken und durch das Salatkrachen im Mund einen Podcast zu hören versuchen.

die Reibe, die Schule, die Selbst_Verletzung

Es gab Reibekuchen. Das Reiberaspelding steht neben der Spüle. Bereit abgewaschen und wieder in die letzte Ecke gestellt zu werden. Weit weg. Aus dem Blick. Aus dem Sinn.
Als meine Narben noch hart waren, hatte ich beim Rüberstreichen manchmal gedacht, dass ich sie mal als Reiberaspel benutzen könnte. Oder als Waschbrett. Waschbrettbauch, Waschbrettarme, Wäsche würde nie ein Problem für mich sein.
Heute sitze ich in der Küche und denke darüber nach, ob ich mir den Traumascheiß runterratschen könnte, wie das Außen einer Karotte.

Wir sind seit mehr als einer Woche zu Hause. Alleine. Wir haben zu oft weder gesprochen, noch in Worten gedacht. Nicht mal beim Schreiben ehrlich gesagt.
Es tut uns nicht gut. Nicht so. Das alleinsam sein, obwohl man in der Schule sein oder wenigstens etwas für die Schule tun müsste. Wir würden mehr für die Schule machen, müssten wir nicht mehr dahin. Komisch, aber isso.

Heute sind wir in der Schule verabredet, um zur Schule zu gehen, aber keine Schule zu haben. Nur lernen. Keine Schule. Das geht. Glaub ich. Die Starre ist noch nicht wieder da. Ich habe keine Angst, fühle mich nur bedrängt. Unsicher, weil ich nicht weiß, was ich erwarten kann. Neben dem, was ich erwarten muss und mir schon beim Gedanken daran die Überforderungsübelkeit in den Bauch rauschen lässt.

Hätt ich eine Mutti würd ich sie fragen, ob sie mit mir kommt. Mir die Hand hält, mir das Gefühl gibt sicher zu sein. Ganz generisch. Hab ich aber nicht. Nicht mehr und eh nie so. Wär meine Mutter hier, wüsste von all dem, sie würde sagen “Nu komm.” oder “Nu mach” und ihren Kopf in einer vagen Bewegung durch die Luft schwenken wie so ein Weihrauchdings in der katholischen Kirche.

Ich weiß nicht mal wovor ich Angst habe. Niemand da sieht mich so jung und nichtig, hilflos, ohnmächtig, wie ich mich fühle. Sie sehen mich als Erwachsene und gehen entsprechend mit mir um. Sie wissen nicht, dass sie mich damit überfordern. Nicht, weil ich in Wahrheit ein Kind bin, sondern weil mich von einem Kind in vielen Dingen nur das Alter unterscheidet.

Wie oft habe ich mich früher nach solchen Schulverquerungen verletzt, um mich selbst davon zu überzeugen, wie wirklich schwach, verletzbar, grundfest unsicher ich tatsächlich bin. Wie wirklich unerträglich die Dissonanz, die Inkongruenz zwischen dem ist, wie ich auf andere Menschen wirke und dem, wie ich bin.
Komisch, wie ich heute vor allem diese Gefühle von Verletzlichkeit und profunder Eigentlichgarnichtsicherheit aus mir rausschneiden will.

9 Uhr 22. Der Heizungsmensch war da. Die Wohnung wird wieder warm.
In einer halben Stunde muss ich los.
Die Reibe bleibt wo sie ist.

Autismus, Trauma, Kommunikation #7 oder: Drogen und Psycho(trauma)therapie

Die taz hat am 2. Februar einen Text zu Drogen, speziell Halluzinogenen, in der Psychotherapie veröffentlicht, den wir mit großem Interesse gelesen haben.
In dem Text wird auf die Geschichte der Stoffe, die Behandlungserfolge und –risiken eingegangen und aufgezeigt, dass die Forschung weitergeht. Klein und spezifisch, aber immerhin.

Für uns persönlich ist klar, dass wir konkret diese Art der Drogen nicht nehmen können, ohne mit Scheiße rechnen zu müssen. Wir haben vor, während und nach Gewalterfahrungen Medikamente/Drogen/Zeug bekommen, die uns heute die Einordnung und Erinnerung der Erfahrung als lineares Geschehen, das real vielleicht so – vielleicht aber auch anders – total erschwert.

Hier meinen wir auch nicht nur illegalisierte Drogen. Schon stärkere Schmerzmittel als Ibuprofen erschwerten damals die Einordnung, wie schlimm es denn nun wirklich war. Es hat ja gar nicht mal so weh getan – eigentlich hat sich alles irgendwie dumpf angefühlt? – hm – war das denn jetzt Gewalt, wenns weder weh getan hat noch eindeutig schlimm war?

Als Jugendliche_r und junge_r Erwachsene_r haben wir eine Dauermedikation mit Tranquilizern und Antidepressiva gehabt. Die Gewalterfahrungen, die wir in der Zeit gemacht haben, sind alle mehr oder weniger dumpf verwattet im Nebel. Auch, weil wir zu der Zeit Drogen/Zeug/Medikamente geschenkt gekriegt und auch auch genommen haben. Weniger, weil wir wussten, dass wir damit gar nicht mal so merken würden, was mit uns passiert, sondern, weil es zu dem Zeitpunkt schon die Routine war. Also ein Teil der Gewalterfahrungs-/Traumakette und einfach dazugehört hat.

Körperlich und psychisch abhängig, waren wir in der ganzen Zeit jedoch nur von zwei Dingen: Tavor und Zopiclon.
Medikamente, die uns jahrelang verschrieben wurden, um mit den Traumafolgen besser umgehen zu können, weil es keine andere Option gab. Die hätte nämlich 24/7 und 1:1 unterstützte Reorientierung bei intensiver stationärer Traumatherapie mit weiterführender Arbeit in familienähnlichem sozialem Gefüge im Anschluss sein müssen. Aber woher nehmen, wenn von nirgends gegeben?

Trotzdem haben wir schon öfter darüber nachgedacht, dass wir manchmal bekifft in unserer Therapie weiter kommen würden als jetzt. Nicht, weil es uns irgendwie verbessern würde. Eher, weil wir bekifft weniger gehemmt sind und uns das Sprechen erheblich leichter fällt. Die paar Male, die wir gekifft haben, war zu Sprechen und Dinge zu sagen, nicht das bewusste Handeln, als das wir es im Alltag erleben, sondern mehr das, was wir unter “intuitives Interagieren/Kommunizieren” verstehen.

Wir hatten auf THC nie Fressflashs, Lachattacken oder – aber das kommt ja eh erst bei längerem Konsum – diese spezifische Kiffdumpfheit, bei der man nicht mehr von Dingen, Menschen oder Momenten emotional erreicht wird. Wir waren auch nie “breit” oder so. Wir waren einfach nur enthemmt, entkrampft und hatten einen normalen Muskeltonus – waren also noch nicht mal “entspannt”, sondern einfach “mittel” – um es zu bemühen: Ja, “normal”.

Durch eine Therapeut_innenbrille könnte man sich fragen, ob wir uns denn nicht sicher fühlen in der Therapie mit unserer Therapeutin. Ob wir denn bei ihr nicht richtig im Hier und Jetzt orientiert sind, weil das ja einzig das Ding dabei sein kann, dass wir gehemmt sind, über Dinge zu sprechen. So sehr, dass wir manchmal denken, bekifft zu sein würde helfen, das zu überwinden.

Dem können wir nur sagen, dass wir durchaus entspannt sind in der Therapie. Für unsere Verhältnisse mega entspannt, denn wir können da sitzen, können da zuhören, mitdenken, in uns reinfühlen, uns reflektieren und mehr oder weniger konstant auch verbal äußern. Für uns ist das das Maximum an Entspannung und Chill, den wir mit anderen Menschen im Raum, in relativer Nähe erreichen können.
Schon, dass wir bei der Therapeutin, die wir jetzt haben, nicht immer wieder selbstschädigendes Stimming brauchen, um arbeiten zu können, deutet auf unsere Entspannung hin.

Entspannung ist aber nicht das Gleiche wie Enthemmung.
Und Vertrauen ist auch nicht alles, was Hemmungen abbaut bzw. auflöst.

Was uns in der Therapie hemmt sind viele Dinge gleichzeitig. Klar, manches ist total nachvollziehbar. Scham zum Beispiel. Glaubenssätze, die man so für sich hat, so weit weg von der ‘Normalität’ und dem Außen, dass man sich fürchtet, dass sie lächerlich, unverständlich, peinlich oder für die Therapeutin ängstigend sein können.
Oder auch einfach, die zuweilen absolut bizarre Krassheit des Erlebten an sich. Klar, ist da eine Hemmung damit rauszukommen.

Für uns steht das aber noch nicht mal im Vordergrund.
Für uns geht es mehr darum diesen Sprung zu machen vom Inneren zum Äußeren. Also von etwas, das wir mehr oder weniger gut fühlen, greifen und als uns zugehörig erleben können, zu etwas, das wir nach außen geben. Denn weil da noch jemand anderes draufgucken und selbst benennen kann, wird es für uns total schnell zu etwas, das wir nicht mehr benennen und mit uns selbst verbinden können.

Dazu muss man verstehen: Wir erarbeiten uns das, was in uns vorgeht. Um zu wissen, was wir fühlen, müssen wir ein zwei Schritte mehr machen als “fühlen und benennen”. Um zu wissen, was wir denken, glauben, meinen, müssen wir auch mehr machen, als uns mit etwas zu befassen und das mit unseren Werten abzugleichen.
Zum einen müssen wir dissoziative Brüche umgehen oder verbinden – zum anderen müssen wir unsere exekutive Dysfunktion und Alexithymie kompensieren.

Das bedeutet, dass wir Dinge, die wir erinnern oder über Erinnerungen fühlen, erst einmal bewusst als solche identifizieren müssen.
Da ist die Traumaebene, in der dazu gehört, dass wir Rosenblätter zum Beispiel oft eher denken, brutale Scheiße geträumt zu haben, weil wir diese Traumata nicht erinnern und erst merken, dass es eine Erinnerung ist, wenn nach und nach noch mehr Stücke davon einfallen, obwohl man wach ist.
Dazu gehört die Dissoziation, die oft die zur Erfahrung gehörenden Gefühle (und Innens) von uns abtrennt. Das führt dann dazu, dass wir manchmal nur die Bilder oder nur die Gedanken oder nur die Gefühle wahrnehmen, aber keinen sinnhaften Kontext bzw. ein lineares Erleben daraus ablesen können.

Da ist die Ebene der Alexithymie, die dazu führt, dass wir viel Zeit der Auseinandersetzung und des Prozessierens brauchen, um Gefühle von Körpergefühlen getrennt zu ordnen, mit uns in Verbindung zu bringen und dann mit Worten abzugleichen – um dann noch immer nicht sicher darin zu sein, ob die Worte, die für uns allein im Inneren passend sind auch nach Außen passend im Sinne von verständlich oder nachvollziehbar sind.
Was zu erkennen für uns enorm schwierig ist, denn die meisten Menschen (und unsere Therapeutin ist einer) sind von uns was ihre Gefühle angeht, kaum zu lesen. Wir erschließen uns die Gefühle von anderen Menschen durch Überlegungen zu ihrer Wahrscheinlichkeit im Kontext mit dem, was wir sicher von ihnen ablesen können. Auch wieder ein bewusster, zielgerichteter Prozess, der manchmal auch beeinflusst von traumabedingten Annahmen, Ideen, Ängsten passiert und also doppelt passieren muss, um die Orientierung in Zeit und Raum zu gewährleisten und der Realität zu entsprechen.

Und da ist die Ebene der exekutiven Dysfunktion, die genau das – alle diese Prozesse – als überfordernd, überflutend, überreizend im schlimmsten, als enorm anstrengend und fordernd im üblichen Fall empfinden lässt.
Auf der Ebene brauchen wir klare Strukturen, permanente Ein_Ordnungshilfen und ein Ziel bzw. einen Sinn am Ende. Wir müssen wissen und bewusst gehalten bekommen, wofür was zu fühlen und zu benennen relevant und wichtig ist. Wir müssen wissen, worüber wir in der Therapie zum Beispiel sprechen und innerhalb welcher Struktur.

Den meisten Menschen ist das viel zu kalt, unemotional und beengt. Deshalb unterstützen die wenigsten uns darin. Das bedeutet für uns einen ganzen Organisations- und Ordnungskosmos in unserem Kopf, der allein bei und für uns passiert. Auch in der Therapie.
Das ist nicht schlimm oder falsch – es ist einfach so und für uns etwas, das uns in manchen Bereichen sehr hemmt.

Denn da die Ordnung nicht im Außen ist, muss sie in uns erhalten bleiben – auch dann, wenn wir uns eigentlich Traumainhalten widmen und daran arbeiten wollen. Was aber wiederum häufig mit unkontrollierbaren (reflexhaften) Gefühlstürmen, Bilderfluten oder plötzlich auftauchenden Gedanken und Innens einhergeht und damit genau das erschwert bis verunmöglicht, was uns halbwegs ‘normal’ erscheinen lässt.

Wenn wir hier von Ordnung und Organisation sprechen, meinen wir niemals eine Kategorisierung in gut oder schlecht, angemessen oder unangemessen. Auch ein gern genommenes Missverständnis aufgrund unserer Traumatisierung. Wir machen das nicht, um uns in traumabedingte Anpassungsleistungen zu zwingen. Wir machen das, um die ganz banale, profane, basale Alltagslage auf die Reihe zu kriegen.
Um sowas zu merken und benennen zu können wie “Ich habe Spaß am Malen”, “Ich mag Flausch, das fühlt sich gut an für mich”, “Hier, wo ich sitze, fühle mich mich gut. Ich fühle mich hier gut, weil sich dieses und jenes gut für mich anfühlt.”, “Ich fühle mich überfordert von der Aufgabe XY. Ich fühle mich überfordert, weil X und Y für mich nicht übersichtlich und verständlich sind.”

Die Notwendigkeit das so machen zu müssen, hatten wir schon immer und wir haben sie verstärkt, seit wir uns in sozialen Kontexten bewegen, in denen man auf die Gefühle anderer Menschen Rücksicht nimmt, sie von einander wissen will, soll, muss, kann und darf. In der Herkunftsfamilie war das nie Thema. Außer irgendeine Missachtung war zufällig Auslöser für Gewalt – aber die Auslöser waren in dieser Familie eh nie übersichtlich vorhersehbar oder abwendbar für uns, also ist das nicht sonderlich ins Gewicht gefallen.
Und wir haben die Notwendigkeit verstärkt seit wir in Therapie sind. In Gesprächstherapie, wo es Dreh- und Angelpunkt ist, Gefühle zu benennen, in Kontext zu setzen und zu prüfen. In unserem Fall darauf zu prüfen, ob sie von traumabedingten Reflexen herrühren oder nicht.

Phu.
Langer Schwall der Erklärung. Vielleicht hätte ichs auch kürzer aufschreiben können. Zum Beispiel so:

Was uns hemmt ist unsere Art zu funktionieren. Sie ermöglicht uns einerseits, überhaupt in die Therapie gehen und arbeiten zu können – andererseits bedeutet genau das, dass wir nie so dysfunktional wie wir eigentlich sind, in der Therapie sind und damit auch nie wirklich an den Punkt kommen, wo Innens und damit auch deren Traumainhalte oder –erinnerungen, die wir nicht quasi ins Außenfunktionale reingeordnet und benannt bekommen, wenigstens benannt werden können.
Das ist kein “Uh wir wollen uns nicht peinlich machen und die Kontrolle nicht verlieren” Eiertanz, den wir an anderen Stellen so oft hatten und manchmal noch haben.
Das ist ein “Da ist was – ich weiß nicht was – ich kann nicht absehen, was das bedeutet – ich weiß überhaupt gar nichts dazu – wir lassen das so wie es ist”-Krampf, der uns immer wieder von uns selbst trennt.

Bekifft haben wir diese Trennungsgefühle nicht. Weder zu dem, was wir sagen, noch zu dem was wir nicht sagen können. Ähnlich wie unsere Bedarfsneuroleptika (von denen man ja bis heute auch nicht weiß, wie genau sie wirken btw) kleistert uns die Droge emotional zusammen. Unsere Dissoziationsneigung vor Überforderungsgefühlen durch Emotionen und die Notwendigkeit sich damit zu befassen, ist weniger stark ausgeprägt in dem Zustand.
Schon deshalb würden wir uns mehr Forschung zu Drogen und ihren Wirkungen auf neuroatypische (sprich depressive, suchterkrankte, schizophrene, traumatisierte, autistische, * ) Menschen sehr wünschen.

Zum einen, weil wir natürlich gern eine informierte Entscheidung zu Pro und Contras einer solchen Therapieunterstützung treffen würden, zum anderen jedoch auch, weil wir denken: The Fuck ja – man hat sich schon beim Ausdenken der verschiedenen Therapieformen keine bzw. kaum Gedanken über die kognitiven Vorleistungen, die Patient_innen machen müssen, um Behandlungssettings und ihren Anforderungen zu entsprechen, gemacht, dann kann man sich doch wohl jetzt mal Gedanken darüber machen, warum Drogen zusätzlich zur üblichen Therapie manchen Leuten helfen und manchen nicht. Von mir aus auch in Korrelation dazu, wie gut eben jene zusätzliche Therapieform ist oder auch nicht.

In dem Artikel der taz werden die Drogen als Mittel zu schnellerem Zugang zum Unbewussten und generell als etwas beschrieben, das möglicherweise eine (Trauma-) Therapie beschleunigen – oder vielleicht sogar unnötig machen kann.
Halten wir für einen Trugschluss.
Einfach schon, weil alles immer therapeutisch im Sinne von “verändernd” wirkt. Ob das nun eine wöchentliche Sitzung in einer psychologischen Praxis ist oder eine bestimmte Routine, die man verändert, weil sich das grad irgendwie so ergibt.

“Therapie” ist nicht ausschließlich psychotherapeutische Heilungsarbeit oder medizinische Behandlung mit dem Ziel der Verbesserung eines wie auch immer gelagerten Zustands.
”Therapie” ist auch, wenn man sich allein oder mit anderen zusammen über etwas auseinandersetzt, das dann so mittel viel hilft oder nur einen kleinen Aspekt anders sehen lässt. “Therapie” ist auch baden gehen, wenn man dreckig ist, weil man dreckig ist und sauber sein möchte.

Um im Bild zu bleiben: Ich denke, wenn Leute sagen, dass sie glauben ein Schwamm oder eine Seife könnte ihnen helfen schneller/anders/besser/gezielter sauber zu werden, dann sollten sie lieber einen Schwamm oder eine Seife erhalten über die man schon viel geforscht hat, als sich viele Jahre mit Wasser behelfen zu müssen. Oder Wasser und einer Imagination von einem Schwamm.

In diesem Sinne: yeay Forschung zu Drogen als unterstützendes Mittel in der Psycho(trauma-)therapie!

30 und 32

Zu Hause gewesen. Die ganze Zeit allein. Meistens alleinig, ein- zwei Mal einsam.
Zwischendurch quellen Schmerzen hoch, um sich aufzulösen vor meinem forschenden Nachfühlen.
Mit dem Zahn, dem ich eine Wurzelspitzenentzündung unterstellt hatte, ist jedenfalls alles in Ordnung.
Sagt die Zahnärztin. Ich glaub ihr. Der Schmerz in meinem Gesicht könnte auch zu einem Fausthieb, einem Wandklatsch, einem Bodenkrawämms passen. Wäre er denn echt.
Isser ja aber nicht.

Ich hätte mich um Schuldinge kümmern müssen. Hab ich aber nicht.
Ich hab Dinge weggearbeitet, Projekte bewegt, war einkaufen. Wäsche waschen, mich waschen, Erinnerschleim und Selbsthass wegschrubben. Zeit befühlen, Prozess bemerken. Stille essen, Ruhe einatmen.

Unser Buch ist jetzt bei der Druckerei.
Ohne Alleinsein, Leerlauf und Aufwachen ohne Wecker im Dunkeln, hätten wir das weder geschafft noch ausgehalten.
Isso.

Januar ist jetzt vorbei.
Wir haben den Begleitermensch erreicht. Haben einen Plan für Februar.
Das hilft.

Ab jetzt ist weniger alleinig wieder noch etwas mehr weniger alleinsam.

28 und 29

Kurz vor Mitternacht.
Draußen ist es warm kalt gewesen. Die Luft wusste nicht, ob sie uns beißen oder streicheln wollte. Komisch, dieser Winter.

Beim Besuch noch kurz vorm Einschlafen, stehe ich jetzt aufgedreht in meiner Küche und weiß nicht ein noch aus. NakNak* rumpelt sich grunzend in der Küchenbankkurve zum Hundeschlafball zusammen. Ich öffne das Fenster und lasse sie dunkle Stille auf meine Front treffen.

Wir haben über unsere Zukunftskreisel gesprochen. Was wir gerne würden und was alles könnten, was ja, was nein und was eine Entscheidung bedeuten könnte.
Und, weshalb manche Optionen überhaupt nur da sind. Sie hatte sehr recht, als sie sagte, man müsse nicht immer alles können, was man in der Zukunft vielleicht braucht. Und, dass viel der Hartz fear in unseren Überlegungen eine Rolle spielt.
Dass wir schon viel Zeit verloren haben. Dass wir mit einem Studium, egal von was, von dem abkämen, was wir könnten.

Da wirds dann neblig. Was wir können.
Wir können von vielem ein bisschen. Nichts spezialisiert.
Wir müssten in die Kunst, in der Kunst bleiben, in der Kunst wachsen und ausreifen. Unter Bedingungen, die uns den Raum lassen.
Und wir müssten dran bleiben. Immer weiter machen.
Das ist so fragil. So Hartz 4. Und damit nicht, was wir wollen.
Auf der anderen Seite: Niemand will Hartz 4. Niemand. Jemals.

Wenn es das Kafka-Einsteinmodell wird, ist es wohl gut. Morgens Obstkisten stapeln, nachmittags auf Papier explodieren.

Zehn vor 12.
Als ich auf mein Handy schaue, erinnere mich daran, dass ich meine Sprachlernlektion mit Duolingo noch nicht gemacht habe.
Zwei Minuten vor Mitternacht bin ich fertig. Den 143 sten Tag in Folge Norwegisch, seit ein paar Tagen auch Dänisch.
Als die kleinen Lingot-Schatztruhen vor mir auf und ab hüpfen, erinnere ich mich an die Motivation, diese Sprache zu lernen. Überhaupt eine weitere Fremdsprache richtig ordentlich zu lernen. Sie kam auch aus der Hartz fear und dem Spüren, dass sich das Leben in Deutschland, in Europa, in der EU, auf diesem Planenten in den nächsten Jahren sehr verändern wird. Für die meisten ist das Teil unseres Hangs zur Katastrophisierung. Bitte schön, sollen sie es denken. Aber die Sicherheit, die Beruhigung, die brauchen wir doch. Und uns reicht kein “da mach dir mal keine Sorgen, das wird schon alles werden”, wir brauchen konkrete Ideen, was wir dann machen. Wo wir dann hingehen, worauf wir uns in uns und aus uns heraus verlassen können. Und das ist im Moment so verdammt wenig.

Wir haben keinerlei Ersparnisse, keinen Beruf erlernt, der nicht in 10 Jahren obsolet ist. Wir kosten, ohne wertzuschöpfen. Das ist die Realität. Völlig losgelöst von uns persönlich oder dem, was andere Menschen subjektiv empfinden. Wir sind kein gesellschaftliches Element, das gesellschaftliche, politische, ökonomische, wirtschaftliche Krisen überstehen kann, weil es noch auf etwas anderes als den bloßen Überlebenstrieb setzen kann.
Für viele Leute, mit denen wir darüber sprechen und denen wir das so sagen, klingt das nach traumabedingten Selbstwertkomplexen. Nach “sich nichts zu trauen”. Nach “die schönen Seiten nicht sehen”. Nach “der Zukunft nicht trauen”.  Nach Katastrophisierung eben. Also etwas, das man von sich schieben muss, weil es zu schlimm ist, Angst macht, am Ende keine Antwort hat. In ihnen anders resoniert, als in uns, die wir wissen, wovon wir da reden.

Deshalb gehen wir so oft aus Gesprächen über unsere Zukunftskreisel und fühlen uns dumpf, orientierungslos, planlos. Versuchen, uns an die kleinsten Schritte zu halten, versuchen wirklich, von Tag zu Tag zu leben, zu denken, zu arbeiten, weil uns nur das als jetzt relevant benannt wird. Und einige Zeit später können wir es dann nicht mehr aushalten. Diese Kontextlosigkeit des Tag für Tag, die sich auftut, wenn man nicht auf eine klar definierte Zukunft, einen Zweck des eigenen Machens hinwirkt.

Dann versuchen wir das weiter. Und weiter. Und aus Kontextlosigkeit wird Sinnlosigkeit. Wird Bedeutungslosigkeit. Wird Verzichtbarkeit. Wird das Moment, in dem wir uns vor uns selbst ekeln, weil wir um unser selbst weiterleben und machen. Müssen. Sollen. Obwohl es uns weder braucht, noch wünscht, noch will. Dieses Leben. Dieses Alles. Nie, weil es so ist.

Das ist ein Trigger. Eine Lage, ein Headspace, könnte man so sagen, in dem wir uns wieder in sadistischer Quälerei befinden.
“Sei am Leben, bleib am Leben, damit ich dich quälen kann. Du lebensunwertes Drecksvieh. Geh weg, ich mag dich kaputt. Bleib hier, ich will dich kaputt machen. Für nichts und wieder nichts anderes als das Moment des Leidens. Mach mir eine Freunde – versuch mir zu entkommen. Du kannst mir nicht entkommen, denn ich bin die Macht. Ich hasse dich, ich brauche dich. Stirb endlich. Steh auf. Beweg dich. Mach was, ich will es kaputt machen.“

Und das ist das Tor zur Hölle einfach. Das auszuhalten und wie eine abgekapselte Eiterbeule, die zu berühren unvermeidbar ist, durch den Alltag zu tragen, in dem das niemand sieht, niemand versteht, niemand aus eigener Erfahrung mitfühlen kann – das ist grauenhaft. Wirklich.
Und für uns Realität.

Das heißt nicht, dass wir das nicht von unserem Leben heute unterscheiden können. Wir sehen sehr wohl die Unterschiede. Sehen unsere Selbstbestimmung, sehen und fühlen, dass wir auch geschützt, bestärkt und in Teilen getragen werden. Wir wissen, dass es nicht das selbe ist. Aber die Notgefühle, die Ohnmachtsgefühle, die Bitterkeit der Wahrheiten um uns selbst herum, die sind die Gleichen und es gibt keinen anderen Grund außer Vermeidung, Nichtanerkennung oder wohlmeinender Ignoranz, uns zu sagen, dass das ja gar nicht sein muss. Dass es ja auch ganz anders sein könnte. “Wenn nur…”

Ich weiß nicht, ob man als außenstehende Person, die das jetzt liest bis hier hin überhaupt folgen konnte.
Nun ist es 4 Uhr morgens. NakNak* atmet ihren Schlaf ein und aus. Der Kühlschrank summt. Ich fühle mich allein. Einsam. Und endlich auch müde. Vielleicht musste mal so aufgeschrieben werden. Für nichts und wieder nichts. In all seiner Sinnlosigkeit.
Mir bedeutet es etwas.
Das ist ja immerhin was.

27

Früher hab ich mal gedacht, dass es die Uhrzeitbezeichnungen über 12 hinaus, erst seit Anfang der 2000er gab.
Dem Zeitraum, in dem wir um 7 frühstückten aber um 19 Uhr zu Abend aßen und nie um 3, sondern um 15 Uhr Behandlungstermin hatten, weil das zum Alltag einer Kinder- und Jugendpsychiatrie gehört.

Mir ist nie in den Sinn gekommen, ob mein früheres Umfeld vielleicht einfach näher an mir dran war. Einfach wie ich den Stunden folgte und sich nie mit mir über eine weitere Strecke hinweg verabreden musste, weil man ja eh im gleichen Haus, im gleichen Alltag, im gleichen Lauf der Dinge lebte.

Es ist so ein banales Stück. Könnte man einfach so drüber weggehen. Aber irgendwie packts mich dann doch.
Niemand von den Leuten in der Klinik hatte etwas mit meinem Lebensalltagsrhythmus zu tun. Obwohl sie alle bis zu 8 Stunden Alltags_Räume mit mir geteilt haben.

Das ist doch irgendwie auch eine Falle. Man denkt: “Ach ja, die Person ist ja auch immer hier, man kennt sich, braucht ja gar nicht so viel reden, man kriegt sich ja regelmäßig mit.”
Das ist wie bei Twitter, wo man immer versucht ist, zu glauben, alles aus den Leben aller zu wissen und mitzukriegen, weil man ihre Tweets immer wieder mal mitkriegt. Aber wenn man sich dann verabreden will, muss doch “13 Uhr” statt “um 1” sagen, weil man dann plötzlich doch nicht so sicher ist, ob es sich bei der Person um eine Person handelt, die sehr lange wach bleiben kann.

Erstaunlich und tragisch ist das.
Dass man sich so nah und so fremd sein kann.

25 und 26

Ich sollte nicht davon erzählen. Besonders jetzt nicht, wo wir bald ein Buch veröffentlichen und schon jetzt mehr Menschen deshalb auf diese Seite kommen.
Ich sollte sowas nicht erwähnen. Nicht hier.
Ich sollte an meinem Image arbeiten. Mir mal langsam eins machen, das über den Zufallsgenerator der Perzeption und dem Glücksspiel der Rezeption hinausgeht. Ein Bild von mir, von uns, das zeigbar ist. Sympathisch, nett, interessant, angenehm. So wie man Menschen einfach gerner hat.

Trotz aller Beschäftigung damit, verstehe ich nicht so richtig, wofür so etwas gut sein soll. Image. Gutes Image durch Bildpräsentation.
Das ist nicht die Realität. Das ist nicht echt, aber unheimlich anstrengend. Das ist wie die Erschöpfung nach 6 Stunden Sims 3 mit 8 Familienmitgliedern, davon 6 Kleinkinder und Babys: viel Zeit, viel Kraft – für nix außer den Moment.
Vielleicht ist der Moment sehr wichtig, okay. Aber danach kommen auch noch Momente. Und im Gegensatz zu den Pixeln, denen ich Namen gebe, um sie in eine Geschichte zu verwickeln, bin ich ja auch noch viele Jahre da. Auch nach dem Moment.

Ich sollte nicht erzählen, wie ich in der Schule einen Mitschüler angeschrien hab, dass er sich in sein dummes Knie ficken soll. Weil er ein überheblicher weißer linker Mackerdude ist, dessen verdrogtes Hirn seine Arroganz in unerträgliche Ausmaße verstärkt und, der einfach nur zum Nerven in die Schule kommt.
Ich sollte vielleicht mehr Fokus auf meinen Notenabsturz in dem Fach legen, seit dem Lehrerwechsel, dem absolut ungünstigen Stundenplan. Vielleicht anschaulicher machen, was für ein Alptraum sein absolut sinnbefreites und zuweilen menschenverachtendes Gelaber während des Unterrichts in_jedem_einzelnen_Fach_ für meine Kraftressourcen ist. Vielleicht darüber schreiben, wie es ist, um 5 Uhr morgens aufzustehen, um keine 3 Stunden später alles und jeden wie auf blanke Nervenenden auftreffend wahrzunehmen und an nichts anderes mehr denken zu können als an das, was die Leute jedes Mal sagen: Bleib ruhig – Entspann dich – Reg dich nicht auf – und früher reingeprügelt haben: HIER WIRD NICHT GEHEULT

Es ist eine beschissene Situation, denn Aggression wird so oft entschuldigt, dass auch das als Entschuldigung gelesen werden würde. Dabei gibt es daran nichts zu entschuldigen. Wir haben keine Schuld auf uns geladen. Wir haben ihm gesagt, was er hören wollte – haben auf seine Forderung, ihm ins Gesicht zu sagen, was wir denken, reagiert. Dass diese Wahrheit gewaltvoll und aggressiv ist, liegt in der Natur der Wahrheit. Wahrheit ist nicht zart flauschig und lieb. In der Regel ist Wahrheit brutal, schmerzhaft und abstoßend. Sicher hätten wir eine prosozialere Performance machen können, aber was ist das für ein Anspruch vor dem, was ich in dem Moment überhaupt noch leisten konnte. Mal abgesehen davon, wollen wir mit ihm möglichst überhaupt nicht sozial sein.

Ich war froh, nicht vor ihm und der ganzen Klasse geheult zu haben. War froh nicht schon 20 Minuten vorher vor lauter Frust- und Ohnmachtsgefühlen geheult zu haben. Wenigstens eine Weile dem folgen zu können, was mir früher wie heute als einziges regelmäßig reingedrückt wird: ruhig bleiben, als wär nichts von dem, was da in mir vorgeht real, schmerzhaft oder so unaushaltbar wie es am Ende nun einmal doch ist.

Wir sind kein Mensch, der bei jeder sozialen Belastung gleich anfängt Leute anzubrüllen oder überhaupt aggressiv auftritt. Wir sind auch nicht absolut unfähig, mit Stress und Belastung umzugehen. Oder mit Leuten, die wir nicht mögen. Oder mit Leuten wie ihm.
Es sind diese mehrfach beschissenen Ohnmachtslagen in Kombination mit Schmerzen, die keine Aussicht auf Lösung oder Ende haben.
Es sind Situationen, die in ihrer Struktur unserer Traumatisierung so extrem ähnlich sind.

Ein Stundenplan, der nicht zu ändern ist, Lehrer_innen, die hilflos und also handlungsunfähig sind und alle Verantwortung und Aushalteparolen der Welt auf uns abladen. Ein Begleitermensch, der seit Monaten nicht erreichbar ist. Absprachen und Hilfen, die mit dem Weggang der alten Klassenlehrerin nicht mehr eingehalten bzw. gegeben werden. Das Gefühl von allen reingelegt und verlassen worden zu sein, obwohl wir allen gesagt haben, dass wir das alleine nicht schaffen. Obwohl wir verdammt nochmal wirklich alles, darunter auch Dinge, die an unserem Würdegefühl gekratzt haben, gemacht haben, damit das alle begreifen. Damit genau das nicht passiert.

Und dann der Schmerz.
Für den sind wir allein verantwortlich. Wir müssten früher gehen, öfter nicht da sein, Situation nicht er_leben, um ihn so ertragen zu können, dass wir immer lieb, ruhig und artig sein können. Wir müssten weniger leben, um ihn nicht zu spüren. Oder ein weniger schmerzverursachendes Umfeld haben.
Man hat uns schon oft vorgeworfen uns zu oft zu verkriechen, im eigenen Kleinklein zu bleiben. Oft, weil man nicht so recht glauben kann, das Geräusche, Sprechen, Interagieren auch Schmerzen verursachen kann. Und meistens, weil man die Verbindung zwischen Schmerzen, die wir heute haben und dem Schmerzgedächtnis für Schmerzempfinden aus lebensbedrohlichen Gewalterfahrungen früher in unserem Leben, nicht so recht begreifen kann.

Ich erwähne den Schmerz, weil ich denke, dass das etwas ist, das die meisten Leute nachvollziehen können. Alle hatten mal krasse Zahn-Kopf-Glieder-Körperschmerzen in ihrem Leben. Alle wissen, wie man dann drauf ist. Alle wissen, wie viel zu viel in so einem Moment so ein “Psst!-Nu bleib ma ruhig”- Anspruch ist. Nicht, weil man ein böser Mensch ist oder irgendetwas in einem selbst als Person macht, dass man in diesem Zustand “böses” tut, sondern, weil das eine Möglichkeit von vielen ist. Unser Spektrum reicht von Dissoziation zu absolutem Hyperfokus zu psychosomatischen Phänomenen wie vorübergehender Blind- und/oder Taubheit zu Sprechunfähigkeit zu Anschreien bzw. Rausschreien, was ist. Die meisten dieser Reaktionen kriegen die Menschen um uns herum nicht einmal mit. Und das ist ja der ganze Witz.

Jemand, die_r leidet ohne Ende, Hoffnung und Kraft – aber in sich selbst implodiert und “unsichtbar dysfunktional” ist, wird nie für “böse” gehalten oder für unsozial oder was weiß ich. Solche Leute werden für fähig gehalten mit Stress umzugehen. Ihre Anwesenheit gilt als angenehm, weil nicht störend, da auf Störung hinweisend.
Wer davon abweicht, ist der letzte Arsch, nicht ganz dicht, Täter_in, Aggressor_in, störend und die Person, der man mit aller Macht sagen muss, dass sie doch bitte ruhig sein soll. Unabhängig davon wie ruhig sich die Person sonst verhält. Die Ruhe zu der eine Person fähig ist, wird immer wieder unsichtbar vor ihrer Lautstärke.

Ich frag mich, ob das nicht auch so eine Form der Imagemachung ist. So ganz alltäglich.
Du lernst einmal jemanden kennen und hast vielleicht insgesamt 5 Tage mit der Person verbracht, aber wenn sie dann in den letzten gemeinsamen 2 Stunden etwas macht, was anders ist, dann behälst du sie als so anders in Erinnerung. Dein Bild von ihr verändert sich dahingehend und das wars dann. Nie wieder wirst du die Person so sehen wie vorher. Viel mehr wirst du dein früheres Bild von der Person als Illusion oder Lüge abtun, anstatt dich der Realität zu stellen, in der Menschen einfach mehr sind als das Bild, das du dir von ihnen gemacht hast. Und vielleicht sogar weiter trägst., wenn du so ein Mensch bist, der anderen Leuten keine eigenen Bilder erlaubt oder erlauben oder zumuten will. Als ginge dich das irgendetwas an.

Mein Leben hat diese Realität.
Das Zerfallen und ganz klassische Opferding voller Leiden und Not und das Explodieren, das so oft Täter_innen zugeordnet wird, obwohl es ein ganz genauso reales Opferding ist. In den Diagnosekriterien der PTBS wird das unter “Reizbarkeit” verwurstet. Es gehört dazu. Ist eine Dimension wie die Dissoziation, der heutige Schmerz als Trigger für früheren Schmerz und so viel mehr.

Ich  weiß, ich sollte hier von gar nicht schreiben. Denn Mehrdimensionalität, Komplexität ist schwer. Schwerer als ein Abziehbild in 2D.
Aber mein, unser Leben ist schwer. Ist komplex.
Weil es real ist. Weil wir real sind.

24

In dem Fach mit ~dem~ Lehrer wird es eine 3 zum Halbjahresende. Meinen Frust darüber merke ich, wie durch dickes Eis. Ich bin müde. Hatte gestern einen Durchfall-Bauch- und Magenschmerztag mit viel liegen, etwas arbeiten, etwas dissen. Heute morgen kam ich zur Schule und dachte nur: Der kann mich nicht mal, so sehr will ich mir die Probleme mit ihm egal sein lassen.
Es soll mich nicht berühren. Nicht so. Nicht dafür. Es ist so egal.
Er wird es einfach nicht mehr raffen. Ich behalte meine Kraft.

“… Das, was du da hast … diese ~Krankheit ..?” Ich bin eiskalt. Es berührt mich nicht. Es trifft mich. Ich bin kalt kalt kalt. An meinen Rändern stapeln sich die Eiskristalle zu langen spitzen Stacheln, um die Entfernung zwischen ihm und mir zu füllen. “Behinderung” denke ich. “Sag doch einfach Behinderung, meine Fresse, das ist kein böses Wort, bedeutet nichts schlechtes, ist nicht ansteckend. Nenn es einfach beim Namen.”

Nichts. Ich lasse das wegplätschern. Ist egal. So egal.

Die Lehrerin in dem Fach hat mir heute gesagt, dass wir die praktische Prüfung von 6 Stunden in einem Rutsch, in 2 Teile von je 3 Stunden aufteilen. Enthinderung. Wunderbar.
Nachteilsausgleich, was bist du für ne geile Scheiße.