inside burning

„Also ich weiß, das ist nicht so – aber man sieht es dir gar nicht an.“ Meine neue Kollegin lehnt sich auf die Schreibtischplatte und bewegt einen Kugelschreiber zwischen ihren Händen. Ich bin zu sehr auf den Aktenordner in meiner Hand konzentriert, um sofort zu antworten. Wir sitzen im Sekretariat zwischen Ablagestapeln und Ordnerbergen, die thematisch sortiert liegen, begrenzt von Kistendeckeln, Kartons und Archivboxen auf Rollbrettern. Die Luft ist dick, die andere Kollegin kann die Klimaanlagenluft nicht vertragen. Alle paar Minuten kommen Kollegen und legen neue Sachen ab, fordern Abzeichnungen an, fragen nach Zetteln, bekommen Zettel, bringen anderen Kollegen weitere Zettel mit.

Ich habe meine Qualifizierung geschafft. Habe deshalb Leerlauf und darf Ordner umheften, die ins Archiv kommen. Ein klarer Ablauf, eine eindeutige Tätigkeit mit unübersehbarem Ergebnis. – Die einzige Insel, die ich bei diesem Arbeitgeber habe. Mit dem Pinch, dass ich der Konversation mit den Mitarbeiterinnen kaum aus dem Weg gehen kann. Die Themen sind typisch für Burnout-Büros. Alle sind unzufrieden, alle haben Streit oder schwelende Konflikte über organisatorische Lösungen, alle haben Angst, etwas falsch zu machen und jemanden zu verärgern, der gar nicht vor Ort ist – ja nicht einmal einen Körper hat. Niemand ist autonom in irgendeinem Aspekt der Tätigkeit. Alles ist vorgegeben, niemand kann sich im Großen und Ganzen erkennen oder verorten. Niemand hat je eine Arbeit abgeschlossen, ein Thema beendet, einen Prozess begonnen und auch integriert.
Ich werde hier zugrunde gehen und spüre das ganz genau.
Entsprechend klar bin ich in dieser Probezeit. Verlange klar eingrenzbare Aufgaben. Markiere eindeutig, welche Aufgabe ich für welchen Prozess beginne und wie das Ende aussieht. Wenn ich mich einschleuse, wird mein Kittel zum Panzer. Da werden Erwartungen drangepappt und Ansprüche hingehängt – wenn ich mich ausschleuse, bleibt der ganze Kram am Kittel in meinem Spind. Ich nehme nichts außer dem massiven Energiedefizit mit von dieser Arbeit und das ist schon zu viel. Denn das sieht man einfach nicht.

Das sieht schon mein Mann nicht, der sich lustig darüber macht, dass ich um 21 Uhr im Bett sein will, wenn ich um 6 Uhr am nächsten Morgen aufstehen muss – obwohl ich doch fast 3 Stunden Mittagsschlaf mache, wenn ich von den popeligen 4 Arbeitsstunden zurückkomme. Wie soll es die Kollegin sehen, die mich ausschließlich bei der Arbeit erlebt? Sie erleben mich nicht im Meltdown. Ich selbst erlebe meine Meltdowns kaum, weil die Dissoziation mich schützt. Sie hören das Quietschen meiner Nackenmuskulatur nicht. Zwinkern das Brennen in den Augen nicht weg. Haben nicht meinen Stress aufgrund von zu viel oder zu wenig Informationen. Ja, das hat keine spezifische Form, kein eindeutiges Aussehen, also sieht man da auch nichts.

Doch was mache ich mit dieser Aussage? Ist es ein Lob? Manche Menschen denken, dass es ein Lob ist, wenn jemand eine Behinderung oder eine Anstrengung unsichtbar kompensiert.
Ist es eine Kritik? Sehr unwahrscheinlich. Bisher hat nur meine Therapeutin mal auf ihre eventuell-vielleicht-könnte-das-anders-sein-als-es-ist-Art hauchzart markiert, dass es vielleicht ganz gut wäre, würde ich in unseren Gesprächen weniger verstecken, was da ist.
Ist es eine Aufforderung? Wozu genau?
Es ist müßig.
Die Kollegin ist nicht behindert und kennt mich nicht. Ich habe nicht die Kapazität und auch nicht die Motivation, näher auf sie einzugehen. Ich hätte nichts davon und weiß das sehr genau.

Trotzdem zeckt es mich.
Die Selbstverständlichkeit, mit der sie einen mir unbekannten Maßstab benutzt, um ihren Eindruck von mir einzuordnen. Das mir unbekannte Grenzverständnis, mit dem sie mich an dieser Stelle überhaupt betrachtet. Die Sicherheit, mit der sie davon auszugehen scheint, es sei für mich relevant oder für die Situation angemessen, mir zu sagen, dass sie nicht sieht, wie es für mich ist, dort zu arbeiten. Ganz in der Ferne schimmert das häufig als Entschuldigung verkleidete, nachgeschobene Inspirationsthema. Die Markierung als „gute Behinderte“, weil man entgegen aller Widrigkeiten so gut nicht behindert wirken kann. Diese für mich so komplette Irre von Menschen, die leider auch heute noch überwiegend unberührt von dem Themenkreis sind. Und immer noch glauben, es wäre respektvolles Handeln, wenn man behinderte Menschen für ihr Leben unter nicht oder nicht dauerhaft behinderten Menschen lobt.

Ich spüre auch die vertraute Zange zwischen meinem traumabedingten, überwiegend todesängstlichen Wunsch, unsichtbar zu sein, nicht aufzufallen, niemals irgendwo anzuecken, nichts auszulösen, niemanden zu berühren oder gar zu bewegen – ja, im Grunde so sehr und umfassend nicht zu sein, dass es mich gar nicht mehr gibt – und der Realität, dass ich das einfach nie schaffe. Egal, ob sehr angestrengt oder nicht. Es funktioniert einfach nicht. Immer mache ich irgendetwas, bin ich irgendwie, möchte ich etwas oder auch nicht und immer sende ich damit etwas. Oder werde als Sender_in eingeordnet.
Diese Zange aus Leben und Tod, Trauma und Prozess, ist das Kernproblem von Traumafolgestörungen. Immer schwebt man zwischen Sein und (lieber) Nicht (mehr) Sein. Entweder man geht all in Traumaüberleben und versteckt sich, entzieht sich allen Kontakten und Berührungspunkten mit der Welt – und fühlt sich sicher, weil man das einfach gut (aushalten) kann (und beschissen auf eine vertraute Art) – oder man verkörpert die eigene Lebendigkeit. Geht in Kontakt und bleibt und spürt mit allen Sinnen und gestaltet und prozessiert jede Regung, Bewegung, Veränderung. Und lernt Sicherheit als etwas mit vielen Facetten kennen und akzeptieren.

Ich habe mich fürs Leben entschieden. Das macht die Zange nicht weg. Besonders solche Momente bringen mich immer wieder hinein. Ich möchte leben. Arbeiten, genauer: teilgeben gehört für mich dazu. Doch da sind auch meine Grenzen. Die Realität, dass ich gewissermaßen bereits 70% meiner Kräfte dafür aufbringe, allein um meine Lebendigkeit zu prozessieren. Umweltreize zu verarbeiten. Zeit und Prozesse nachzuvollziehen. Kommunikation zu begreifen und zu gestalten. Andere Menschen kommen in dieser Anstrengung nicht vor. Mich für andere Menschen zu kompatibilisieren, mit ihnen zu sein, für sie zu sein, das muss ich aus den übrigen 30% herstellen. Die 30%, die ich auch für die Arbeit brauche. Für Spontanes. Für Besonderes. Für Extras.
Es gibt für mich keine Chance, nicht zu merken, dass es bei den meisten Menschen anders ist. Dass jemand wie meine Kollegin eher 30% für sich braucht und 70% für alles andere. Oder wieder andere Menschen sogar nur 10% für sich und 90% für alles andere aufwenden – ganz unabhängig davon, ob das ihrem Bedarf entspricht oder nicht – und damit ohne schlimme Folgen leben können.

Ich hingegen spüre im Moment sehr deutlich, dass ich eigentlich – ganz eigentlich in Wahrheit wirklich – gar nicht arbeiten sollte. Ich habe die Erschöpfungsdepression im letzten Sommer noch gar nicht wirklich überwunden. Habe die retraumatisierende Erfahrung im Dezember noch nicht richtig verkraftet. Und bin so voller Scham darüber, dass ich gerade primär deshalb arbeite, damit ich deshalb nicht ans Sterben, ans umfassende Nichtsein, denke.
Ich greife nach dem Leben, damit es mich hält. Trägt. Stützt. Und grundsätzlich ist das doch ein guter Move. Ich hätte ja auch komplett verkrumpeln können. Eingeigelt in mir selbst verbleiben können. Traumawahrheiten statt Lebensrealitäten annehmen können. Die Folge ist jedoch Kontakt auf Kraftkredit. Den kann ich nur mit Schlaf und relativer Isolation abbezahlen. Etwas, das mir selbst nicht sonderlich gefällt, weil es mir manchmal sehr traumanah erscheint. „An“ für andere Menschen sein, weil es nicht anders überlebbar ist – „Aus“ für sich selbst sein, weil es nicht anders überlebbar ist – so ist jede traumatische Lebensphase bei mir gewesen.
Am Ende kann es auch sein, dass es mich genau deshalb zeckt, wenn die Kollegin sagt, dass man es mir gar nicht ansieht. Ohne es zu wissen, sagt sie mir damit ja auch, dass man ES nie gesehen hat. Nie hat sehen können.
Und das ist schon krass. Schmerzhaft. Traurig.

für uns

„So ist das jetzt also“, dachte ich und lächelte peinlich berührt in mich hinein. „Jetzt bin ich also ein altes System, das Instagrams DIS-Influencer nicht versteht, weil die ja heutzutage alles völlig anders erleben.“ Gelesen hatte ich die Kommentare unter einem Beitrag von @n.ubis, dessen Titel war: „Wenn Betroffene andere Betroffene unglaubwürdig machen“.
Als alte_r DISkurs-Ompa swipe ich üblicherweise schnarchend über solche Beiträge hinweg. Betroffene gegen Betroffene, DIS, unglaubwürdig – für mich sind das Checkboxen, die mich langweilen, weil ich sie seit 20 Jahren in wirklich allen Formen und Farben durchgekaut, kaputtgestritten, beschrieben, analysiert, erklärt, moderiert und mitgekriegt habe.

Hängengeblieben bin ich wegen zweier Dinge. Erstens gibt es 46 Kommentare und nicht alle davon bestehen aus diesem speziellen „Instagram-Sozialzucker“. Also Bestätigung ohne Ver.Bindung zueinander. Das ist tatsächlich etwas, das ich an Instagram noch nie verstanden und gemocht habe. Man kommt einander dort nicht nah. Man wird füreinander überhaupt nicht sichtbar. Aber alle tun so, als ob. Und loben einander dafür. Es wird ein Einverständnis vorausgesetzt für eine ganz ganz merkwürdige Publikums-Kund_innen-Verkäufer_innen-Sender-Empfänger_innen-Dynamik, die von Anfang bis Ende einzig über den Bezug des gemeinsam Instagram-Nutzens besteht.
Als ich alte_r Ompa früher bei Insta war, haben wir uns gegenseitig unser Essen gezeigt, wenns schön aussah, und wo wir waren, wenns da schön war, und was wir gesehen haben, wenn wirs schön fanden. Und dann kamen die Selfies und die Filter und Marken und naja, jetzt haben wir da diesen durchkapitalisierten Sumpf, in dem Sichtbarkeit als Währung und Kontinuität als Quellenmerkmal gelten. Wo manche versuchen, politische Arbeit, soziale Bewegung und Diskurs zu verhandeln, der Großteil etwas oder jemanden darstellt (um zu verkaufen) und nur noch wenige so komisch versprengte Millenial-Ompas wie ich halt anderen primär teilen wollen, was sie Schönes, Lustiges oder Interessantes gesehen haben. Was Menschen nun einmal so machen, wenn sie sich in großer Anzahl versammeln.
Nur dass es im analogen Zusammenkommen immer so etwas gibt wie „man sieht sich, man bezieht sich“. Würden wir alle den Ort Instagram aufsuchen, würden wir uns einander räumlich und letztlich auch sozial nähern können. Auf dieser Onlineplattform werden wir algorithmisch einander zugeordnet und getrennt. Es ist kein Zufall oder von mir aktiv hergestellt, dass ich absolut keinen Bezug zu „jungen Systemen“ auf Insta habe. Diese Gruppe steht halt erst in 10, 20 Jahren auch auf Handarbeiten, politische Theorie, Reaktionsvideos auf positive Schwangerschaftstests und Videos von mehr als 2 Minuten Länge. Neben dem Themenkreis „Trauma, Gewalt und Therapie“. Niemand kann dort wirklich wählen, welche Accounts zum Thema DIS – von welchen wie alten Systemen – man was wirklich mitbekommt. Das ist bei Insta so, bei YouTube zunehmend und wie es bei Discord ist, weiß ich aktuell gar nicht, denn da habe ich bisher nicht einen Server kennengelernt, der mich länger als ein paar Wochen gehalten hat.

In den Kommentaren hatte jemand sinngemäß geschrieben, die „alten Systeme“ würden manchmal wenig Verständnis für junge Systeme und ihren Umgang mit der DIS auf social media aufbringen. Das finde ich insofern berührend, weil es von mir aus einerseits stimmt und andererseits auch nicht.
Kleines Millennial-Snowflake-Problem vielleicht, aber dass man übers eigene Leben mit DIS öffentlich spricht und schreibt, war auch ~IN MEINER JUGEND~ nichts einfach mal eben so allgemein Erlaubtes. Noch 2016 wurde die Tatsache, dass ich das selbstbestimmt, unabhängig und primär für mich allein überhaupt getan habe – ohne „Gesicht zeigen“, ohne Video und Branddeals –, von mindestens einer Behandler_in als Merkmal einer psychischen Pathologie an mir bewertet.
„Ihr jungen Social-Media-Leute könnt mal froh sein, dass wir ,alten Systeme‘ und anderen älteren Betroffenen diese Praxis es Sichtbarmachens so gemaintreamt haben“, würde ich gerne schreiben, wenn das nicht so fürchterlich nach toxic auntie klingen würde. Ich habs jetzt trotzdem aufgeschrieben. Ist halt eine dieser kleinen Gedankenhexen, die da manchmal mithochkommen. Wir stehen alle auf den Schultern der Ries_innen vor uns. Niemandes Handeln kommt aus ihm_ihr allein. Das mitzudenken und immer wieder auszubalancieren gehört zu diesem öffentlichen Schreiben, Sprechen, Selbst.Vertreten dazu. Sich als „junges System“ hinzustellen und „die Aufklärung über DIS“ neu zu erfinden (als hätten es alle vorher verkackt oder als würde es sonst niemand richtig gut genug machen), wirkt einfach nicht sehr bewusst darum.

Und für mich kommen an der Stelle auch die tatsächlich unterschiedlichen Lebensumstände ins Spiel.
Als ich 20 war, hat es noch mehr Leute als heute überrascht, dass die Psyche sowas wie Dissoziation und DIS überhaupt kann. Jetzt bin ich 40 und muss mir bei dem Thema die Augen mit Streichhölzern aufhalten. Täter_innenstrategien und -netzwerke, Gewalt- und Hilfeorganisation haben wir ganz anders diskutiert als das „die jungen Systeme“ heute machen. Zu meiner Zeit hatten wir auch Opfer von massenhaftem – auch globalem – Cyberbullying, aber wussten es noch nicht. Auch darüber redet und denkt man heute komplett anders. Mein Beep-Boop-Beep-Internet im Internetcafé hat mich primär mit Menschen verbunden, die genau wie ich ellenlange Texte geschrieben und voneinander gelesen haben. Das Internet war für mich nie, und ist es auch heute nicht, gleichwertiger Ersatz für Kino, Fernseher, Zeitung, Freundesclique und Freizeittüddelüt gleichzeitig. Kein sozialer Lebensmittelpunkt. Für richtig viele junge Menschen ist das aber so. Die sind so aufgewachsen und funktionieren entsprechend auch anders, was ihren Anspruch an Online-Begegnung angeht.
Jüngere Viele suchen im Kontakt mit anderen Vielen etwas anderes als ich damals. Schon, weil ihnen ganz anders begegnet wird als mir früher. Ich musste mich zum Beispiel nicht zum „System“ entmenschlichen, um dazuzugehören, oder wenigstens sprachlich zu markieren, dass ich voll im Stoff bin. Ich musste nie differenzieren können zwischen Multiplicity und Plurality, traumagenic und endogenic. Ich durfte über den Begriff „Head Mates“ noch lachen, weil sich alle irgendwie etwas anderes darunter vorgestellt haben.

Aber was gleich ist, ist eben genau diese Positionierung. Diese Verortung – wie bin ich Viele und wie sage ich dazu? Wie kam ich dazu? Welches Hintergrundwissen oder welches Erleben hat das beeinflusst? Was macht Vielesein aus und im Zusammenhang womit? – Die machen einfach alle Vielen immer durch. Nennt sich Selbstreflexion. Entsteht mehr oder weniger automatisch nach Diagnosestellung oder auch Selbsterkennen. Hat 0 Komma 0 damit zu tun, wie alt man ist. – Wird aber stark davon beeinflusst, welche Informationen man mit wie viel Aufwand und Krafteinsatz bekommt. Und von wem. Und warum ausgerechnet von dieser Person (auf ausgerechnet dieser Onlineplattform).
Ich habe meine Literatur damals aus zusammenkopierten Selbsthilfezeitungen, chaotischen Maillingslisten und selbstprogrammierten PHP-Foren zusammengesammelt. Aus Empfehlungen physisch vor mir stehender Menschen, an physischen Orten, mittels verbaler Kommunikation. Aus Ankündigungen von Verlagen im Buchladen. Können sich „junge Systeme“ das überhaupt vorstellen? Dass man sich erst mal gepflegt 10 bis 15 Bücher reinzimmert – in einer Fremdsprache, die zuweilen auch verletzend ist oder Anklänge von Täter-Opfer-Umkehr hat –, bevor man mit irgendjemandem über irgendeinen Fitzelaspekt des Themenkomplexes „DIS“ in Kontakt geht, um irgendwas zu erklären, weil es eben noch nicht auf jede Frage eine KI-generierte Zusammenfassung der aktuellen Literatur gibt? Oder überhaupt – so richtig echte Fachpersonen?

Mir wurde kritische Quellenprüfung noch aktiv beigebracht. Unter anderem um Spinnern und Ausdenkerkönigen kein Geld zu schenken. Zudem bin ich mit dem Internet als etwas aufgewachsen, in dem nicht alles glaubwürdig ist, nur weil es gut klingt. Bei vielen jüngeren Leuten, unabhängig davon, ob Viele oder nicht, habe ich einen anderen Eindruck.
Und gerade bei manchen jüngeren DIS-Influencern („jungen Systemen“) habe ich den Eindruck, dass sie niemals irgendeine Quelle, geschweige denn ihr eigenes Handeln und dessen Konsequenzen für andere Menschen, wirklich kritisch und sorgfältig geprüft haben, bevor sie sich vor ihre Handykamera gesetzt haben, um „richtig über die DIS aufzuklären“. Und ja, das ist so etwas, das würde ich an mir selber kritisieren, das kritisiere ich bei anderen „alten Systemen“ und eben auch bei „jungen Systemen“. Das ist einfach Mist, den kein Mensch braucht – und speziell Menschen mit DIS (und ähnlichen komplexen Traumafolgestörungen) auch nicht gebrauchen können.
Was dann aber oft passiert, ist Abwehrverhalten. Dann wird meine, wie ich finde, berechtigte Kritik an schlechter Öffentlichkeitsarbeit zu „Hate“ erklärt. Mit „Unverständnis für die jungen Systeme“ begründet. Und also nicht als etwas begriffen, das irgendwie mit einer gemeinsamen Verbundenheit zu tun hat – I mean: Wir sitzen im gleichen Boot, hallo?! Wenn „die DIS-Community“ einander mal offen kritisiert und nicht mit Sozialzucker kandiert, weil wir ja so dolle mutig sind, uns sichtbar zu machen und für unsere Rechte stark zu machen – dann ist das Hate aus Altersgründen? – WTF, wie wir alten Leute sagen.

Da sind wir beim zweiten Ding, das mich am Beitrag hat dranbleiben lassen: Der Beitragshashtag „#seidnettzueinander“.
Für mich ist das ein kritikwürdiger Imperativ. Ich will nicht nett zu anderen sein müssen, um faktisch oder sachlich angehört zu werden oder als der Ansprache würdig zu gelten.

Zudem ist „nett“ ein Begriff, den man verwendet, wenn man nicht „neutral“ sagen möchte. Ich bin anderen Menschen, vor allem jenen, die auch als Kinder schon Gewalt erfahren haben, nie neutral gegenüber. War ich nie und werde ich auch nie sein. Zum einen, weil ich manchmal viel mehr von ihrer Verletzung an ihnen wahr.nehme, an.er.kenne und berücksichtige als sie selbst. Und zum anderen, weil es mit (komplex) traumatisierten Menschen (mit DIS) im Kontakt zu sein je nach Situation auch erfordern kann, den gemeinsamen Kontext herzustellen. Oder ihn zu halten oder auch entgegen bestimmter sozialer oder struktureller Normen und Ansprüche miteinander zu erkämpfen – oder zu verteidigen – oder zu gestalten. Das ist Arbeit für mich. Ich muss mich konzentrieren, anstrengen, den Kontakt wollen und ein Ziel verfolgen. Das mache ich nicht für Leute, die ich lediglich „nett“ finde oder die lediglich „nett“ zu mir sind. Das mache ich primär für Menschen, die tatsächlich mit mir in Kontakt treten. So wie sie sind. Mit den Anliegen, die sie (an mich) haben. Mit den sozialen Hässlichkeiten, den fiesen Gedankenhexen, den zarten Ver.Bindungswünschen, den wilden Ermächtigungsphantasien. Mit solchen Dingen kann ich etwas anfangen. Da gibts Gesprächs- und Kontaktpotenzial, Kraftquellen, Gelegenheiten zu lernen und zu wachsen. Sich (gegenseitig) zu erproben und in gewisser Weise auch in der individuellen Freiheitspraxis zu stärken. Mit „netten Kontakten“ macht sowas kein Mensch. Ob Viele oder nicht Viele. Mit „netten Kontakten“ macht man Stuhlkreis und hat Pappegeschmack im Mund, weil dabei nichts von Konsistenz rumkommt.

Für mich wirkt dieser Hashtag deshalb letztlich auch wie ein Aufruf zur Harmlosigkeit. Wo mir als Aktivist_in und jemand, die_r an echter Community interessiert ist, wirklich Haken aus der Haut wachsen. Da müssen wir ganz genau schauen, wo eigentlich die Gefahren für komplex traumatisierte Menschen (mit DIS) liegen. Aus meiner Perspektive sind Betroffene, die einander die Meinung sagen oder Kritik aneinander üben oder auch über andere Betroffene sagen, dass sie ’ne dumme Nuss, ’ne hässliche Bratze oder „ein junges System mit Medienaffinität“ sind, keine Gefahrenquelle. Auch die Betroffenen, die über andere Betroffene sagen, sie_r wäre in Wahrheit kein_e Betroffene_r oder „wären schon längst wieder bei den Tätern“ und was es nicht alles für Märchenstunden über Viele gibt, die sich für allgemeine Sicht- und Kontaktierbarkeit entschieden haben – sind letztlich wirklich keine Gefahr für irgendwen. Außer sich selbst vielleicht.
Die Gefahr, die häufig konstruiert wird, ist, dass wir als Betroffene einig miteinander sein müssen, weil uns sonst niemals jemand glauben wird. Dass wir lieb sein müssen, sonst hört uns niemand zu. Dass wir nicht so laut, nicht so ehrlich, nicht so expressiv, nicht so offen, nicht so widersprüchlich, nicht so krank, behindert, bedürftig, ungebildet sein dürfen – sonst kommt niemand, sonst ist niemand für uns da, sonst sind wir ganz allein mit dem Scheiß (also verloren, im Leben bedroht …) – sounds like a shitload of Traumawahrheiten to me.

Häufig wird auch angemerkt, dass ja sonst die Täter_innen gewännen.
Weil die sind sich ja immer einig??? Kennen sich alle??? Stehen händchenhaltend in ihren geheimen Bunkern und schwören Länder-Generationen-Klassenübergreifend Einigkeit über alles??? Diese Fokussiertheit auf das, was manche Betroffene über Täter_innen annehmen, hat für sie als Individuen zweifelsohne eine ganz relevante Funktion. Für eine gesamte Personengruppe ist diese traumareaktive Annahme als Default extrem hinderlich und aus meiner Sicht auch eine Art Selbstverhaftung in Opferschaft. Wer immer auf die Täter_innen guckt, stets und ständig alles mit Täter_innen vergleicht, setzt niemals eigene Maßstäbe. Nutzt nicht den gesamten Handlungs.Spiel.Forsch.Wahrnehmungs.Erfahrungsraum, der zur Verfügung steht. Wie bitter ist das? Wer hat denn dafür überlebt???
Und – klassische Frage – wem nutzt das? Wer hat etwas davon, wenn die Verletzten sich stets und ständig so verhalten, als wäre jede weitere Verletzung nur durch eigenes „Richtigsein“ verhinderbar? Wessen Ermächtigung findet statt, wenn komplex traumatisierte Menschen (mit DIS) alles (Nicht)Handeln auf die Zustimmung und Bestätigung von Menschen ausrichten, die sie bereits (schwer) (mehrfach) (über lange Zeit) verletzt haben (oder sie damit bedrohen, es auch in Zukunft zu tun)?

Dieser Fokus auf Täter_innen ist etwas, das ich sowohl bei „alten“ als auch „jungen Systemen“ beobachte. Weil es eine der Traumafolgen ist, die Menschen nach Gewalt durch Menschen, einfach mit sich herumtragen.
Über solche Dinge könnten wir einander als Community, als Solidargemeinschaft, als freche Gang, als Kamerad_innenschaft, als Rappeltrupp, als Schepperbande, als glitzende Klapsgruppe richtig gut weghelfen. Eigentlich.
Und ehrlich gesagt nehme ich das auch ein bisschen als meine Aufgabe als „altes System“ wahr. Ich kann dir schon sagen, dass du dieses tolle Selbsthilfebuch eh nicht durchgelesen kriegst, solange du die anderen gar nicht richtig bemerkst. Ich kann dir helfen, den Unterschied zwischen Soziotherapie und Sozialpsychiatrie zu verstehen. Ich kann aushalten, von dir für einen Fake gehalten zu werden, und trotzdem ne aktuelle Klinikliste weitergeben – konnt ich vor 15 Jahren (und vor 20 erst recht) alles noch nicht. Kanns aber heute. Unter anderem, weil „alte Systeme“ und viele viele „alte Vorkämpfer_innen“ mir das beigebracht haben. Mit und an mir gelernt haben. Gewachsen sind. Sich und mich ermächtigt und von den Machtansprüchen der Täter_innen emanzipiert haben. Und zwar nicht mit Zucker, Bestätigung und unverbindlichem Empowermentgeschnassel, sondern mit Zusammen.ARBEIT. Debatte. Dissonanz. Anerkennendem Umgang mit Konflikten oder Meinungsverschiedenheiten. Ehrlicher und offener Kritik. Feedbackbereitschaft. Verbesserungsvorschlägen.

Als politische Gruppe sollten wir komplex traumatisierten Menschen (mit DIS) meiner Meinung nach niemals Einigkeit nach außen tragen, um uns Gehör für unsere politischen Belange und Forderungen zu verschaffen. Einigkeit oder auch Uniformität erleichtert es Gegenkräften einfach viel zu sehr, uns allen gleichermaßen zu schaden bzw. nicht zu entsprechen. Die Kraft, die in eine Homogenisierung unserer einfach von unserer menschlichen Natur her heterogenen Gruppe geht, ist dann unnütz aufgebracht worden. Die können wir auch für Anerkennungspraxis, solidarische Strukturen und sachlich wirksamen Diskurs nutzen. Für Wissensvermittlung. Für Unterstützungsorganisation.
Für uns.

Müssen wir halt machen. So richtig.
Mit machen.

Fundstücke #96

„Es sagt einem ja auch keiner, wie anstrengend das ist, wenn man Kinder hat.“
Mein Kollege schaut mich an und wendet sich wieder den Aktenordnern zu. In mir antwortet jemand fragend: „Oder wurde es dir gesagt und nur deine Frau hat auch zugehört?“ Ich antworte: „Hm, naja. Also mir wurde noch nie irgendetwas anderes dazu gesagt. ‚Es ist scheiße anstrengend. Man hat nie wieder seine Ruhe. Man kann nichts mehr mal eben so machen. Wenn ich gewusst hätte, wie anstrengend das ist, dann hätt ichs nicht gemacht‘ – also mir wurde immer vermittelt, es wäre die absolute Hölle und ich würde es auf jeden Fall bereuen. Was glaubst du, woran das liegt?“
Unser Gespräch verdümpelt in seinen unscharfen Ideen, dann geht unser Training weiter. Als wir uns das nächste Mal sehen, sprechen wir über andere Dinge.

Dann fahre ich von der Arbeit direkt zur Kinderwunschklinik und spüre einem harten Wutklumpen in mir nach. Neulich habe ich ein Zitat gelesen, das sinngemäß sagt, dass man besonders über die Dinge wütend ist, die man als veränderbar empfindet – und dass es Trauer ist, wenn man über Dinge wütend ist, die man nicht verändern kann. Und ja, genau zwischen diesen beiden Dingen empfinde ich mich als der warme Fahrtwind Strohfitzel und Staub auf meine Haut pustet.
Ich bin sehr traurig darüber, dass es der Gesellschaft meiner Zeit offenbar so unmöglich ist, dem Leben selbst eine gewisse Anstrengung zuzugestehen. Einfach, weil wir einander nicht gegenseitig unterstützen, sondern erwarten, schon irgendwie von alleine, quasi automatisch einfach nicht anstrengbar, erschöpfbar zu sein oder wenn, dann nur kurz. Ohne Funktionsverlust. Das betrauere ich sehr, weil es eigentlich veränderbar ist, aber einfach nicht verändert wird. Die Leute machen es einfach nicht. Da ist irgendetwas im Spiel, das ich nicht begreife und vielleicht aus Bockigkeit? Starrsinn? nicht akzeptieren will. Und kann ehrlich gesagt. Ich brings einfach nicht übers Herz.

Ich denke an meine Kolleginnen bei A.p.e. . Das ist der Verein, für den ich inzwischen auch arbeite. Der Verein, der mir Geld gibt, um andere Menschen mit komplexer Traumafolgestörung als Peer zu beraten. Der Verein unterstützt Familien, Mütter, Kinder, Menschen, die in Not sind und Schutz brauchen. Warum sind solche Vereine so dringend nötig? Warum muss der Zusammenhalt so ausgelagert sein? So spezialisiert. So professionalisiert.
Ich denke an die vielen anerkennenden Worte, die ich von meiner Kollegin dort schon gehört habe. Über meine Fähigkeiten, meine Kraft. Sie hat mir noch nie gesagt, dass Kinderhaben so megakrass anstrengend sei, davon hätte ich ja keine Ahnung. Obwohl gerade sie und ihre Kolleginnen ein so umfassendes Bild davon haben.

Manchmal habe ich aber auch so meine Opferstolz-Momente. Meine Überlebenden-Arroganz. Manchmal bin ich auch wütend, weil ich damit nicht einfach so rauskommen kann. Auch das ist in meinem Wutklumpen drin. Die Diskrepanz der Anerkennung dessen, was ich schon durch habe. Einerseits werden schnelle Überlastung, Triggerbarkeit und gewisse Defizite in der Sozialisierung bei mir angenommen – andererseits kommt es mir vor, als würde die Tatsache, dass ich immer noch da bin, und meine (Über)Lebens(kampf)erfahrung an sich, nie mitgedacht.
„Aha, dann sag mal Mister – ist es so anstrengend, wie 15 Jahre latent in Lebensgefahr zu leben, ohne es jemandem sagen zu können? Erzähl mal – ist es so anstrengend wie das Finden von Lebenssinn in Zeiten absoluter Irre um dich herum? Vertell ruhig – ist es so anstrengend wie fucking einfach immer weitermachen, obwohl es scheiße sinnlos, wertlos und vor allem von vornherein aussichtslos ist? Hä?! HÄ?! ERZÄHL MIR MAL WIE ANSTRENGEND ES IST AM LEBEN ZU SEIN WENN MAN IN SICH NUR TOD FÜHLT.“

Es ist der Sinn. Für mich hat Kinderhaben Sinn. Es ist das Kongruenteste, was Menschen als lebende Organismen tun. Das Logischste. Dann darf es für mich auch das Anstrengendste sein.
Es fällt mir sehr schwer, hinzunehmen, dass es unser Gesellschaftsleben im Allgemeinen zu einer Leistung mit Auftragscharakter macht. Das akzeptiere ich für mich nicht. Ich will leben, ich will ein Leben mit Kongruenz, ich will jeden Sinn erleben, den es haben kann. Anstrengung gehört dazu. Nichts in meinem Leben war bisher nicht auch anstrengend. Keine Anstrengung war vermeidbar. Außer jetzt diese. Dieser Kinderwunsch. Das virtuelle Kinderhaben.
Seit mein Mann und ich es aktiv versuchen, seit wir die Behandlung machen, ist es für mich schon viel weniger anstrengend, überhaupt den Wunsch zu haben. Er tut nicht mehr so weh, jetzt, wo wir etwas dafür tun, dass er sich erfüllt. Und auch wenn es nicht klappen sollte – dann haben wir uns angestrengt. Dann haben wir es wirklich sehr krass, sehr doll, nach bestem Können versucht. Auch das eine der Sache immanente Anstrengung. Auch etwas, worüber wir mit Wehklagen und Ächzen nachdenken können – aber auch mit Stolz. Mit einer gewissen Zufriedenheit darüber, etwas, das uns nicht gefallen hat, das wir gerne anders wollten und von dem wir wussten, dass es anders gehen könnte, zu verändern versucht haben.
Wir können etwas hinzufügen. Beides sehen. Alles im ganzen Paket, mit allen Facetten sehen, anerkennen und auch im Teilen von Erfahrungen an andere weitergeben. Wir müssen niemandem nur den Horror oder das Schlimmste, Schwerste daran erzählen, um zu teilen, wie es ist oder war.

Aber vielleicht ist das manchen, vielen, einfach zu anstrengend.

Fundstücke #95

Als würde sie an einer verkrusteten Wundoberfläche kratzen. So fühlt sich das an. Unzufrieden mit dem knusprigen Deckel, allein interessiert an meiner wunden Stelle. Meinen Fragen an sie. Einem Moment von Überlegenheit, weil sie darüber viel mehr weiß als ich. Sie weiß, dass ich eigentlich immer noch gar nichts weiß. Und dass das etwas ist, was ihr Macht über mich gibt. Sie kann mich Schmerzen fühlen lassen, die sie nicht berühren und sie kann mich damit allein lassen.

So aufgeschrieben klingt es, als würde es nur um Macht gehen. Kontrolle. Und einfach nur so draufgeschaut, erinnere ich mich selbst darin an meine Therapeutin, die in der ganzen Zeit unserer Arbeit 4 Mal zum Ausdruck gebracht hat, dass es für sie weder irrelevant noch emotional neutral ist, dass sie manches in meinem Inneren bis heute nicht so richtig überblicken kann. Zumindest was genau diese Dynamiken betrifft. Immer wieder stehen „Schweigegebote?“, „Redeverbote?“, „schlechte Geheimnisse?“, „Scham?“, „Angst vor Konfrontation?“ im Raum und selten kann ich dazu irgendetwas sagen. Wenn ich ihr etwas nicht sagen will, dann meistens, weil ich unser bereits anstrengendes Sprechen nicht überanstrengend für mich werden lassen will. Ich will nicht mehr vor ihren Augen und doch unsichtbar dissoziieren. Für die anderen Innens will ich, kann ich, diesbezüglich nicht sprechen.

Sie, die andere Innere, kommt mir in ihrem Tun eher verspielt vor. Frech. Provozierend vielleicht. „Mal gucken, was passiert, mir kann ja nichts passieren“-sicher. „Was macht ihr, wenn ich das mache?“-neugierig. „Und das? Was, wenn ich das mache?“-beobachtend. Und immer unerwartet, bis heute nicht wirklich von mir selbst vorhersehbar, „Paff!“- unerreichbar weit für mich im Innen verschwindend. Und gleichzeitig ist sie ausströmend. Eine unkontrollierbare Emotionsblutung, die Schweres leicht, Unmögliches möglich, Gefährliches harmlos erscheinen lässt.
Ich weiß ganz genau, wenn sie da war. Sich selbst in ein Thema, einen Gedanken, eine Auseinandersetzung reingemischt hat. Es gibt hinterher immer Probleme. Nerviges Hin und Her im Innen, manchmal auch im Außen. Uneinsheit. Unstimmigkeit. Ungereimtheit. Einen Dammbruch am Rande der Komfortzone. Ein Stück harte Kruste, das die Wunde nicht mehr ganz bedeckt.

Ich glaube, dass sie zuletzt vor etwa 20 Jahren an unserer Therapiearbeit und anderen Lebensbestandteilen aktiv beteiligt war. Aktiv as in „da und beeinflussend“, aber auch as in „ununterdrückt, unabgewürgt von Rosenblätterbuschwurzeln“. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mich tatsächlich gezielt gegen dieses Einblutenlassen „aus dieser inneren Ecke“ entschieden habe und keine einzige Therapiestunde, keinen Betreuungstermin, generell überhaupt gar keine Kontakte mit anderen Menschen mehr so gestaltet habe, dass es passieren könnte. An uns kam einfach niemand mehr vorbei.
Alle haben die gleichen Rosenblätter kennengelernt. Keine Kinderinnens, keine jugendlichen Inneren. Alle haben die gleiche biographische Erzählung bekommen, wie wir sie in Kliniken und Heimen eingeübt haben. Die gleichen Erklärungen übers Vielesein bekommen und viel Nebel darüber, was davon auf mich zutrifft und was nicht. Und das konsequent. Auch das ist Vielesein.

Man kann sich als Viele gegeneinander entscheiden. Bestimmen, was wie vermieden wird. Was wie beschützt wird. Es ist eins der unbesprochenen Spezialgeheimnisse, wie wir einander herstellen, wenn es nicht Gewalt ist, die uns zu Keimen zersprengt und verstreut, um irgendwann als irgendwer neu zu wachsen. Man braucht nur vermeiden, sich dieser Entscheidung bewusst zu werden, zu sein, zu bleiben. Nur sehr intensiv, ohne jede Kommunikation mit sich oder der Welt, entscheiden, dass es nun so ist. Wo keine Kommunikation ist, kann keine Brücke sein. Kein Weg, kein Pfad, kein Bild, kein Zeichen, keine Sicht, keine Idee. Ohne Kommunikation keine Verbindung. Assoziation. Ohne Verbindung kein gemeinsamer Prozess.
Das ist die Rolle von Schweigen im ganzen Dissoziationsthema.

Ich will nicht darüber reden, weil sich innere Pfade ergeben, auf denen Innere zu mir gelangen können. Ich will nicht darüber reden, weil es meine Entscheidungen aufhebt. Ich will nicht darüber reden, weil ich meine geistigen Kapazitäten auf mich und mein Gegenüber aufteilen muss. Und immer wieder Grenzen dabei spüre. Zeitliche, räumliche, kapazitäre. Emotionale. Traumabedingte. Meine.
Das besprochene Trauma oder auch das Besprechen des Traumas ist nicht so schlimm. Meine Auflösung ist es. Meine Verwandlung vom verwundeten Selbst zum abreißbaren Wundverschluss ist es. Bisschen witzig, weil es ein Egoding übers Egosein ist, aber auch bisschen tragisch, weil es sich auch nach Verbindung anfühlt, die nicht kommunizierbar ist. Jedenfalls nicht besser als so, wie es jetzt hier steht.

note on alternative Elternschaften

„Also bist du auch pro Organhandel?“, fragt mich jemand, wahrscheinlich aber auch nur ein Bot in einer Kommentarspalte zum Thema sogenannter „Leihmutterschaft“. Ich finde die Debatte unwürdig. Und in weiten Teilen am Punkt vorbei. Widersprüchlich. Moralverheddert. Unschlüssig. Auch die Berichterstattung zu Jens Spahns Elternschaft. Vielleicht fange ich da an.

Die Überschrift ist, dass Jens Spahn und sein Mann Eltern werden mit einer Leihmutter. Das ist so einfach nicht richtig. Einer der Männer wird biologisch, natürlich, wenn man so will, und der andere durch Adoption zum Vater. Die Person, die schwanger war für das Kind, ist im Sprechen vor allem deshalb Mutter, weil es meistens so ist, dass die Person, die schwanger ist, auch die Mutter wird. Wenn diese Person aber schwanger war mit einem Kind, das nicht aus der eigenen Eizelle entstanden ist, dann wird auch diese Person erst durch Adoption Mutter dieses Kindes. Auch wenn sie mit ihm schwanger war und es geboren hat. Ist also Jens Spahns Kind, nicht aus der Eizelle der Person entstanden, die mit ihm schwanger war, so ist diese Person nicht die Mutter des Kindes.
Kompliziert? Wirr? Ja. So verwirrend sind gesetzliche Regelungen vermischt mit Alltagsannahmen, denen cis‑Hetero‑Zweierbeziehungen nach patriarchaler Norm zugrunde liegen.
Patriarchale Normen rund um Schwangerschaften flankieren die gesamte Debatte, während ihre Kerneigenschaften unhinterfragt bleiben. Zum Beispiel die Zuordnung und der Zeitpunkt dafür. Wer schwanger ist, gilt allgemein sofort als Mutter – Eltern- und Kindergeld gibts aber erst ab Geburt. Mutterschutz nur bei Gefahr fürs Kind und bedarfsgerechte Betreuung sowie medizinische Versorgung nur bei passendem Wohnort und Kontostand. Von einem Baby sprechen viele schon bei einem Zellkomplex aus 16 Zellen, die noch nicht einmal mit einer Uterusschleimhaut verbunden sind. Alle Menschen wissen, wie weitgehend irrelevant die biologische Herkunft eines Kindes ist – alle wissen wir, dass die soziale Elternschaft schwerer wiegen kann als die biologische. Trotzdem muss adoptiert werden, wenn sich jemand um „nicht leibliche“ (allein dass es so einen Begriff gibt) Kinder umfassend rechtssicher kümmern möchte.

Für mich sind das Widersprüche, die ich nicht ignorieren kann. Vor allem dann nicht, wenn gesellschaftlich irgendetwas an diesen Verhältnismäßigkeiten neu geordnet werden soll. Denn das ist ja, was Debatten zum Ziel haben und wo die Reibungsflächen entstehen.
Was ich gestern aber oft gelesen habe, sind überwiegend Argumente, um Menschen, die schwanger werden können oder Eizellen haben, zu kontrollieren. Und Behauptungen darüber, dass diese Kontrolle zu ihrem Schutz sei. Vor Ausbeutung. Ohne dass jemand erklären könnte, weshalb diese Schutzmaßnahme dann nur für diese Personengruppe gelten soll und nicht etwa auch für Menschen, die arbeitsfähig sind. Die mit ihren Gehirn- oder Muskelfunktionen jeden Tag gegen Geld etwas von jemandem beauftragt produzieren. Die meisten machen das auch nur fürs Geld.
Ich verstehe und erkenne es absolut an, dass ein Bürojob nicht mit einer Schwangerschaft vergleichbar ist. Gar keine Frage. Aber bedacht wird in der Debatte ja der Aspekt des Handels. Es gilt für viele Kritiker_innen als nicht in Ordnung, wenn jemand diese spezifische Körperfunktion nutzt, um etwas zu machen, was jemand anderes nicht machen kann, darf, soll, will. Und das finde ich im Hinblick darauf, dass nur Dinge, die überwiegend Frauen mit ihren Körpern machen – dazu zähle ich auch Sexarbeit – als problematischer Handel betrachtet werden, weil unter Umständen zwingende Angewiesenheiten zugrunde liegen. Als würden die bei Erntearbeiter_innen, Verwaltungsfachkräften oder Verkäufer_innen nicht auch vorliegen. Als wäre deren Job in keinem Aspekt nie auch entwürdigend, entmenschlichend oder objektifizierend. Als würde da nie Ausbeutung passieren oder die Gefahr dafür bestehen.

Und Stichwort Schutz. Dazu hatte mir auch jemand etwas geschrieben. Wenn man sogenannte Leihmutterschaft verböte, wäre das ja auch Kinderschutz. Und einen Punkt daran finde ich richtig. Kinder haben ein Recht darauf, keine Ware zu sein. Im Fall von stellvertretenden Schwangerschaften werden aber nicht Kinder ge- oder verkauft. Wäre dem so, hätten Länder, die Leihmutterschaften erlauben, nicht das Problem, dass behindert oder krankgeborene Kinder von sogenannten Leihmüttern die Kinderheime füllen. Selbst für Mängelware gibt es schließlich Märkte.
Ich bin der Meinung, dass man sich für eine sinnvolle Diskussion über diesen Komplex genauer anschauen muss, wie sogenannte Leihmutterschaften jeweils gestaltet werden. Und in welchen Situationen man was wie nennt.
Vielleicht erinnern sich Lesende an den Film „Juno“? Eine junge Person wird unerwartet schwanger, entscheidet sich für eine offene Adoption des Kindes und lernt die sozialen Eltern noch vor der Geburt kennen. Ich frage mich, ob sie in dieser Konstellation nicht auch schon als „Leihmutter“ bezeichnet werden müsste. Sie bekommt kein Geld fürs Kind, aber in Amerika ist medizinische Versorgung – und damit Fürsorge und Schutz für den Fötus („das Kind“) – nicht kostenlos. Die sozialen Eltern des noch fiktiven Kindes bieten also Geld an. Damit die Jugendliche geschützt ist. Für mich passiert hier bis auf die biologische Beteiligung der zukünftigen Eltern genau das gleiche, wie bei einer sogenannten Leihmutterschaft.
Die soziale Abwertung von nichtamerikanischen Zuschauern bleibt hier aber aus, weil Adoption – die unbeauftragte Schwangerschaft, für deren Ergebnis sich Menschen verantwortlich machen wollen, die sich das unbedingt wünschen – gesellschaftlich nicht als Handel, sondern als soziale Alternative der Familiengründung betrachtet wird. Mit Adoption wird gerettet. Mit Adoption wird Leid verhindert, Zukunft geschenkt.
Leihmutterschaft hingegen gilt als egoistisch und rücksichtslos, der Natur gegenüber hochmütig. Viele zeigen sich angewidert, weil sie jemanden etwas für ein Kind machen sehen, das sie für andere Dinge ständig machen – mit Geld bezahlen.

Und das ist meiner Meinung nach der Punkt, der für mich stets unterbeleuchtet bleibt. Die Bewertung.
Anstatt zu sagen: „Ich finde es peinlich, eklig, abstoßend, falsch, unnatürlich, unmoralisch, dass Leute ihr Kind nicht durch Sex in einer Beziehung bekommen“, erzählen sie was von „vor Ausbeutung schützen“ und „Kinder sind keine Ware, auf die man Anspruch hat“. Am Ende scheint folgendes für mich immer durch: Leute wollen einfach an der patriarchal organisierten Grundnorm der Familiengründung aus Zeiten vor IVF und ICSI festhalten. Sie halten sich für progressiv, wenn sie Pflegschaften oder Adoptionen billigen, weil sie wissen, dass Kinder auch von der Rechtssicherheit ihrer Bezugspersonen abhängig sind. Aber auch das soll es nicht für alle geben. Selbst so vergleichsweise pragmatisch herstellbare Elternschaften – Verantwortungsübernahmen für absolut abhängige Menschen – sollen nicht für alle erwachsenen Menschen gleich möglich sein. Da gibt es Maßstäbe und gesetzliche Vorgaben, die an „natürlich gewordene“ Eltern niemals angelegt werden, teilweise einfach just because. Weil Kinder ja so wertvoll sind. – Nicht wertvoll genug für Schutz vor Kinderarmut, Bildung in heilen Schulen durch gesunde, fachlich bestmöglich ausgebildete Lehrer_innen oder ein Leben auf einem Planeten, der sie auch in Zukunft versorgen kann. Aber wertvoll genug, dass sie nicht bei wohlhabenden Leuten über 40 landen, die sich sehr sehnlich wünschen, (rechtssicher) Kinder im Leben zu haben.

Diese Heuchelei, dieser hingenommene, unreflektierte Widerspruch, stört mich. Wer Menschen schützen will, muss sie schützen. Muss was gegen Gewalt tun, nicht gegen Menschen.

nur da sein

„Bist du Conni? Heißt du so?“, die Stimme meiner Freundin hüllt meinen Kopf ein. „Nein“, antworte ich  und halte mein warmes Gesicht in den aufkommenden Wind. Er streicht über meine Kopfhörer und bedeckt ihre Reaktion ein wenig. „Ah, ich dachte, wegen dem Text … Wieso denn dann Conni?“
Es ist ein so kurzer Moment, wie die Kluft breit ist, die ich in dem Moment fühle. Sie ist genug Freundin, um von diesem Blog zu wissen. Meinem kuriosen Doppelleben als komische Internetpflanze und seltsames Alltagsgewächs, vom Trauma und meinem Zeugs, vielen Dingen, die ich mache, möchte, überlege und teile. Und gleichzeitig so fern, dass sie weder Conni-Memes noch ihre Eigenschaft, Realitäten aufzuzeigen, kennt. Und in der Folge natürlich erst recht nicht, warum meine „inneren ~Kritiker_innen~“ genau diese Memes benutzen, um mich zu verletzen.

Ich erkläre ihr, dass Conni üblicherweise in den Kindergarten geht, eine Pizza bäckt, Mama hilft oder einen Wackelzahn hat. Weil Conni, ein weißes, blondes Mädchen mit lieben Eltern und Kinderzimmer im Einfamilienhaus, ein ganz normales Leben lebt. Wo alles gut ist, wenn ein Problem oder eine Besonderheit anfängt, und wieder gut ist, wenn es überstanden ist.
Menschen, die nie wie Conni gelebt haben und nie wie Connis Eltern leben werden, haben irgendwann angefangen, ein Meme mit dieser Figur zu erschaffen. „Conni hat eine Angststörung“ war der erste Titel, den ich davon mitbekommen habe. Und die Bitternis, diese schlichte Satire darin, hat mich damals sehr bewegt.
Denn natürlich lebt Conni kein normales Leben. Sie ist fiktiv. Ihre Lebensumstände sind statisch, damit dreijährige Kinder sie überblicken und wiedererkennen können. Und gleichzeitig hat niemand Schwierigkeiten damit zu erkennen, dass Titel wie „Conni und die Pille danach“ oder „Conni kriegt ’nen Räumungsbescheid“ eine Normalität beschreiben, wie sie nicht von allen Menschen gleich überblickt und wiedererkannt wird. Alle wissen, dass es Normalitäten gibt, die nicht alle Menschen teilen. Alle wissen, dass es Normalitäten gibt, die man nicht in Pixibüchern abgebildet findet. Aus Gründen.
„Und wenn ich mich so fühle – so alienmäßig, weil ich gerade wieder mal in einer Situation bin, die nur deshalb überhaupt entstanden ist, weil bei mir alles ein bisschen viel anders als bei Conni gelaufen ist –, dann reiben es mir andere Innens manchmal auf diese Art richtig rein.“ Ich lächle, damit sie nicht hört, wie ich mich damit fühle, mich ihr dazu mitzuteilen. Beobachte eine große Hummel in der Distelblüte vor mir. Dann die dunklen Wolken am Horizont.
Unser Gespräch versickert. Mein Aliengefühl, mein Kluftempfinden macht etwas mit ihr, das ich nicht richtig verstehe. Und eigentlich wollte sie sowieso etwas anderes von mir. Warum sie nach dem Text gefragt hat, weiß auch nur sie. Wir verabschieden uns, als ich einen Totengräber zwischen den Ringelblumen um meine Tomatenpflanzen entdecke.

Für mich ist der Text wichtig, um mich selbst darin zu versichern, dass ich nicht unnormal bin. Um mich zu stärken mit meinem eigenen Handeln. Dem Offenlegen meiner Normalität, meiner Realität mit eben all dem. Mit so einer zufälligen Situation, Behandler_innen beim Eintreten für die eigene Sache zu sehen und sich sehr bewusst darüber zu sein, dass man Teil dieser Sache ist. Mit der Realität, schon seit der Jugend immer wieder auf professionelle Hilfe angewiesen zu sein. Lange Zeit die Freundin im Freundeskreis gewesen zu sein, der immer irgendwas fehlt. Mit einer Erkrankung, die so komplex und vielschichtig ist, dass so etwas wie „Heilung“ im Sinne von „und dann ist alles (weitgehend) (wieder) gut“ nicht sicher prognostizierbar ist.
Es ist wichtig für mich, mir selbst immer wieder zu zeigen, dass ich ein normaler Teil der Gesellschaft und der Welt bin. Behindert, chronisch krank normal.

Reformen und politischer Diskurs wie aktuell zum EFZG (Entgeltfortzahlungsgesetz), den Kürzungen in der Eingliederungshilfe, dem BGG (Behindertengleichstellungsgesetz) und den Kürzungen in der Gesundheitsversorgung (inklusive der Kürzungen der Psychotherapie) betreffen mich zu 100 %, wie alle anderen Menschen in Deutschland. Aber aufgrund meiner Behinderung und meiner chronischen Erkrankung einfach stärker. Und das auch nicht nur auf der alltagspraktischen Ebene. Der Ebene, auf der man mit genug privilegierten Allies, pragmatischer Kreativität und bürokratischer Hartnäckigkeit wenigstens kämpfen kann. Sondern auch auf der Ebene, die den eigenen Platz in der Welt, in Gesellschaft und Gemeinschaft betrifft. Genau da, wo es bei mir jedes Mal wieder einschlägt und eine Kluft treibt. Triggert. Da, wo jeder Witz über Behinderungen hinschlägt, wo jede „nicht so gemeinte“-Bemerkung über unveränderbare Unzulänglichkeiten reinrieselt. Genau da, woher kommt, was gestern zufällig auch in der Neuen Westfälischen stand – da, wo die „erschütternde Hasswelle“ gegen Menschen mit Behinderungen herkommt.
Diese „Reformen“ werden Menschenleben kosten, weil man politisch gewollt und durchgesetzt, den Lebensrealitäten behinderter und (chronisch) erkrankter Menschen keine lebenswerte Qualität sichern will. Man will Bedürftigkeit, (temporäre) (Mehr)Bedarfe und (temporäre oder dauerhafte) (wie auch immer umfassende) Angewiesenheit bestrafen – und dazu noch alle, die helfend, unterstützend, lindernd, begleitend – MENSCHLICH – zugewandt darauf reagieren. So erscheint es mir jedenfalls. Ich kann nur Ableismus als Begründung dafür erkennen. Denn selbst Profitgier hat ihre Wurzeln in Ableismus. In der Abwertung der Normalität von Behinderung und Angewiesenheit.

Ich bin diesem politischen Willen und Agieren ausgeliefert.
Aber meinem eigenen Handeln nicht.
Ich muss diese Wertverschiebung nicht hinnehmen. Auch nicht in mir drin. Ich kann sie beobachten, ich kann mit ihr umgehen. Kann Worte dafür finden, sie teilen und zum Weltenteil machen. Vor allem, wenn ich mich so fühle, als wäre das, was ich geben kann (und damit auch ich selbst), nicht gewollt, weil ich Unterstützung, Begleitung, Assistenz brauche, um Anteil zu geben.
Ich verstehe, dass das beim Lesen hier manchmal verwirrt. Wie man manchmal über längere Zeit denkt, dass ich das hier alles für andere aufschreibe. Wie Statements oder Mahnmale. Aber sehr oft sollen meine Worte hier auch nur mir etwas bedeuten und für andere einfach nur da sein.

Nie nur Conni

„Conni steht mit ihrer Therapeutin in der Demo“, schießt es mir in den Kopf.
Und ich gehe.
Wende dem Jahnplatz, wo ich schon so oft gegen Rechts, gegen Rassismus, gegen Gewalt an Frauen, für Frieden, Freiheit, Klimaschutz und gutes Miteinander gestanden habe, den Rücken zu und lasse mich von Sookies Asche anziehen. Für mich ist erstmal Schluss mit Zeichen setzen. Ich bin müde. Unendlich traurig und bitter. Wünsche mir einen weichen, warmen Körper, der sich an mich lehnt und mir meinen Körper als Weltenteil fühlbar macht. Wünsche mir Sookie und dass das kleine Bisschen Glauben an das Gute und Richtige jedes Moments heil bleibt.
Dann gehts wieder. Gefühlswelle abgeflaut. Licht im Inneren wieder an.

Später feiern wir unsere schöne Freundin S. mit all ihren Freund_innen.
Reden lang und tief über die Kinder- und Jugendhilfe, Reden und Schweigen in Therapien, über unerfüllten Kinderwunsch und dessen Behandlung, über tote Embryonen und lebende Kinder vernachlässigender, kranker, hilfebedürftiger Eltern. „Conni hat keinen Lebensbereich, in dem nie mal keine Hilfe nötig war“, zischt es leise und scharf in mir, als ich tief in der Nacht zum Himmel raufschaue. Mein Puls drückt unangenehm schnell von meinem Bauch in den Hals. Das Atmen ist schwierig. Über die Übung, aus der Angst zu gehen, schlafe ich ein.

S. fragt mich morgens zwischen Abendentfernung und Frühstücksvorbereitung, wie es mir denn geht. „Ich habe alles. Nicht wie geplant oder gewollt, aber alles, was geht, ist da. Es ist gut. Es ist wirklich gut.“, antworte ich ohne zu zögern. „Das ist schön“, antwortet sie. „Conni wird für immer als Bedarfsfall erinnert“, streift mich kurz und fies. Wir lächeln einander an, räumen weiter und werden in andere Themen verwickelt.

Die Heimfahrt ist warm. Es wird geerntet. Noch zwei Wochen, dann fährt der Partytrecker wieder bei uns lang, weil der Ernteerfolg mit Alkohol konserviert werden muss. Man weiß ja nie, wie der Winter wird.
Zu Hause ist meine Menschenbatterie leer.
Mein Kopf prozessiert weiter, was die Bundesregierung da gemacht hat. Die „Reformen“. Und die Hitze. Die Arbeit. Die Themen. Das inzwischen tatsächlich körperlich schmerzende Vermissen von Sookie.

Dann entdecke ich eine Made im Flur. Gehe schlafen. Finde am nächsten Morgen noch mehr.
„Conni kriegt ihre Essstörung nie weg“ spüre ich jemanden aus meinem Hinterkopf gegen meinen Magen boxen. Verbringe den Morgen mit Ekel, Flashbacks und Skills, um eine Krankmeldung zu schaffen und die Wohnung auf links zu drehen.
Am Ende finde ich das verlassene Fressnest eines Kinderinnens. Räume, wische, desinfiziere, mache eine Notiz für die nächste Therapiestunde. Fahre mit Herzrasen und Druck auf der Brust in die Praxis meiner Hausärztin. Hole die AU ab, verabschiede mich ohne Redetermin. Am Donnerstag zu reden, ist mir früh genug.
„Conni braucht professionelle Hilfe zum Leben“, ätzt es mich an und sticht in meinem Magen herum.
„Nicht nur Conni“, antworte ich, „Nie nur Conni.“

nach den Ereignissen in Stade

Gestern hat ein erwachsener Mann vier Frauen und zwei Männer getötet.
Die Nachricht erreichte mich, als es bereits viele Meldungen und Artikel darüber gab. Viel Meinung über wenige, doch massiv aufladbare Informationen.
Ich möchte hier zwei meiner Gedanken dazu skizzieren.

In meiner social media Bubble ist es seit einiger Zeit feministisch soziale Freiheitspraxis „und wieder war es ein Mann“ unter Berichte über (tödliche) Gewalt zu schreiben. Oder „Es sind immer Männer“. Es erscheint performativ, manchmal ist es das wahrscheinlich auch. Für viele erscheint es besser, als nichts zu schreiben und sich einer (von anderen Menschen angenommenen) Ignoranz schuldig zu machen.
Meiner Ansicht nach ist es letztlich leider trotz überwiegend inhaltlicher Richtigkeit eine Fortsetzung der unsäglichen Praxis, nach Gewalttaten jede Aufmerksamkeit auf die Täter(_innen) zu richten. Im Zusammenhang mit Femiziden sogar der Praxis der Bagatellisierung durch Subjektivierung von Gewalt. Also einer Praxis, die ihrerseits dazu beiträgt, Gewalt zu ermöglichen, strukturell einzubetten, institutionell zu tragen und entlang allgemeiner Moralvorstellungen zu normalisieren. Je häufiger es heißt: „Ja klar wars ein Typ, der (s)eine Frau verletzt oder getötet hat“, desto seltener heißt es: „Ja klar, wars jemand, die_r in unserer Gesellschaft so aufgewachsen ist, versorgt, unterstützt, unterhalten, gebildet, moralisch geformt wurde, dass sie_r exakt so auf einen Konflikt, eine Kränkung, eine Ungerechtigkeit, eine Notlage, persönliche Ansprüche/Wünsche/Affekte reagiert.“ Und ich finde das außerordentlich problematisch.

Gewaltausübung erfordert kein bestimmtes Geschlecht oder Gender. Um Gewalt auszuüben, braucht man primär den Willen, die Kraft, die Befähigung und die gesellschaftliche Ermächtigung dazu. Zum Beispiel durch geschlechtsspezifische Privilegien, aber auch durch sozialen Status aufgrund anderer Merkmale.
Es braucht unbedingt mehr Bewusstsein darüber, dass es eben nicht einfach „immer Männer sind“, sondern immer dann, wenn es Männer sind, auch gesagt wird, dass es immer Männer sind, die gesellschaftlich dazu ermächtigt und befähigt wurden, sich so zu entscheiden.
Gewalt wird nie im Individuum geboren. Sie wird dem Individuum so beigebracht, vorgelebt, abverlangt, ermöglicht und erlaubt, bis sie das leichteste Mittel der Wahl ist.

*

Ein weiterer Gedanke, der mich beschäftigt, sind die Überlegungen zu verbesserten Schutzkonzepten in Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen.
Als ich selbst in der Jugend- und später auch in der Eingliederungshilfe lebte, waren die Erzieher_innen und Betreuer_innen das Schutzkonzept. Zeitweise sogar das einzige, das es für mich gab.
Bis heute begreife ich als dauerhaft unterstützungsbedürftige Person alle, die mich unterstützen, einen Behandlungs- oder Betreuungsauftrag an mir haben oder als Helfer_innen für mich da sind, als diejenigen, die mich in bestimmten Situationen schützen. Mit diesem Schutz sind sie teils von mir beauftragt, teils sogar gesetzlich, also staatlich, verpflichtet.
In einer Situation wie der in Stade geschehenen, bedeutet das tatsächlich, dass alle Sozialarbeiter_innen, Behandler_innen, Pädagog_innen, Erzieher_innen auch lebende Schutzschilder sind.
Und, dass man davon ausgehen muss, dass das gesellschaftlich auch so gewollt ist. Denn niemand bräuchte diese Menschen in dieser Funktion, wären unterstützungsbedürftige Menschen (aufgrund ihrer Unterstützungsbedarfe) nicht so gefährdet.

Jedes Schutzkonzept, das nichts an dieser Tatsache ändert, muss als Kontrollinstrument verstanden werden. Kontrolle kann nicht schützen. Kontrolle kann nur Freiheit verwalten. Schutzbedarfe dürfen niemanden die Freiheit kosten.

die beste Wunde, die ich habe

Das Thema „Eltern, deren Kinder den Kontakt abgebrochen haben“ begegnet mir gerade oft.
Die Kommentarspalte ist emotional. Viele wollen, dass weniger den (an)klagenden Eltern Gehör geschenkt wird und mehr den Kindern, die Gründe für den Abbruch hatten.
Selten sehe ich die Frage gestellt, warum das Thema gerade überhaupt so viel Präsenz hat. Dafür bin ich gerade sehr sensibilisiert, weil wir gesellschaftlich durch einen massiven Backlash gehen. Die Kernfamilie aus Mutter, Vater, Kind wird als Thema und Verhandlungsobjekt in einer Art benutzt, die mir große Sorgen bereitet. Politisch, gesellschaftlich, individuell.
Da ist aber auch jemand in mir, die_r sich wünscht, dass die eigenen Eltern in ein Mikro jammern, wie herzlos sie von ihrem Kind verlassen wurden. „Mimimi, ich weiß ja auch nicht, das kam aus heiterem Himmel, und jetzt sitz ich hier und leide ganz schwer darunter, mimimi.“ – So in etwa. So richtig peinlich, erbärmlich, jämmerlich hilflos, ohnmächtig, ohne jeden Beistand
Es ist eine jugendliche Brutalität. Für mich eines der hässlicheren Gesichter in meinem Inneren. Es gefällt mir nicht sonderlich. Aber mein Verständnis dafür entwickelt sich. Auch mein emotionales Verständnis.

Ich war kein geplantes, gewünschtes Kind. Ich wurde hin-, aber nie wirklich angenommen. Als ich krank war, wurde ich weg- und schließlich einfach aufgegeben.
Dieses jugendliche Innen trägt oder, genauer gesagt, reagiert auf etwas von genau diesem Momentum des Aufgegebenwerdens. Und zwar nicht das, wovon man dann doch oft hört, weil es die Opferschaft der Kinder vereindeutigt – den Heartbreak, die Traurigkeit, den Verlust, die (Todes)Angst, die strukturellen Folgen und Abhängigkeiten, die sich durch Kontaktabbruch und Anonymisierung ergeben –, sondern die Kränkung. Die sehr schwierig zu besprechen ist. Kann ja nicht angehen, dass man ~ich~ irgendwie annimmt, die Ablehnung der eigenen Person wäre nicht okay. Man hätte vielleicht wenigstens ein klitzebisschen Anrecht auf Ver.Bindung oder Kontakt [Kommunikation].
Das Leid, das der initialen Entscheidung zum Kontaktabbruch zu meinen Eltern (und damit zwangsläufig auch dem Rest der Familie) vorausging, hatte seinen Ursprung jedoch immer wieder genau darin: dass da kein Kontakt, keine Verbundenheit war. Und zwar in dem Sinne, dass sie emotional nicht für mich erreichbar waren. Dass sie nicht empathisch sein konnten und oft auch nicht mal damit einverstanden schienen, es als legitimen Wunsch oder Anspruch zu akzeptieren. Geschweige denn, dass es ein natürliches Bedürfnis ihres Kindes war, auf allen Achsen und in überwiegender Kongruenz mit ihnen (und den Geschwistern) verbunden sein zu wollen.

Wir waren eine Gewaltfamilie. Und was Gewaltfamilien auszeichnet, sind enorme Scherkräfte, die sich aus Kommunikationsproblemen und -störungen im Zusammenspiel mit individuellen Erwartungen und biologischen Sachzwängen ergeben. Und oh boy gab es Kommunikationsprobleme in meiner Familie.
Seit ich mehr innere Jugendliche und Kinder wahrnehmen kann, kommen mir oft Erinnerungen an Situationen hoch, die das abbilden. Und immer öfter verstehe ich dadurch auch, warum die körperlich ausgeübte Gewalt so ein vergleichsweise kleines Problem für diese Kinder und Jugendlichen war und teils auch noch ist. Verdroschen zu werden, ist unfassbar kongruent. Wenns körperlich wehtut, ist es absolut vereinbar mit einer schmerzhaften psychischen Einsicht. Dann ist klar, dass man nur weggedrückt wird. Nur Abwehr da ist. Nur Hass. Nur Gewalt. Keine Sprache. Keine Verbindung.
Aber wenns weh tut und etwas im Verhältnis zur verletzenden Person bewirken soll, ist es das nicht mehr. Dann sind Druck (vom Weggedrückt werden) und Zug (aus der Beziehung) gleichzeitig da. Scherkräfte eben.

Den Kontakt ganz abzubrechen, war die einzige Möglichkeit, sich aus dieser Gleichzeitigkeit herauszubegeben. Und es war die einzige Möglichkeit, die auch meine damaligen Kinder- und Jugendpsychotherapeut_innen gesehen haben.
Es war nicht möglich, eine Familientherapie zu machen, in der ich nicht weitere Verletzungen erfahren würde. Meine Eltern wollten – im Kern, und ich glaube, dass ich da wirklich nicht lüge oder ihnen etwas unterstelle, das niemals in ihnen war – einfach nur meine Vernichtung. Mein nicht-mehr-da-sein. Oder konnten meine Existenz einfach nicht anders ertragen oder in ihren Alltag integrieren als so, dass ich etwas weg oder still oder passiv oder schlicht nicht nervend? zu Machendes für sie bin.
Deshalb kam es zu der Fremdunterbringung in der Jugendhilfe. Wo übrigens auch lange noch Ziel war, den Kontakt zu meinen Eltern zu unterstützen, damit wieder alles gut wird. Keine Heimunterbringung, keine Inobhutnahme bedeutet einfach mal eben so und komplett automatisch, bestimmt vom Jugendamt oder dem Staat, auch den kompletten Kontaktabbruch. Ich musste den Abbruch von mir aus wünschen, denken, formulieren, vortragen, ausdrücken und durch mehrere soziale Instanzen hindurch vertreten – und auch so meinen.
Noch während niemand wusste, dass ich eine DIS entwickelt hatte. Weder Selbst- noch Umwelterleben assoziativ in mir abbilden konnte. Weshalb ich etwa 7 Jahre brauchte, um überhaupt zu begreifen, wie schlecht es mir jedes Mal ging, wenn ich Kontakt zu ihnen hatte. Wie viele Suizidversuche „aus heiterem Himmel“ mit enttäuschenden, verletzenden, kränkenden Gesprächen mit den Eltern zu tun hatten. Und wie viele mit dem Gefühl, niemals wirklich gewollt, geschweige denn geliebt worden zu sein – und wie viele durch die einzigen Antworten, die ich mir auf Fragen nach den Gründen dafür habe geben können.

Angesichts dieser insgesamt sehr einsamen Quälerei, dieser dann ja auch nicht mehr kindlich oder jugendlich existenziell angetriebenen Kämpferei darum, den Abbruch zu schaffen und durchzusetzen, erscheint mir der Wunsch des Innens schon nachvollziehbar. Nicht angemessen – ich finds nicht okay, anderen Menschen Schmerz zu wünschen, um den eigenen Schmerz kongruent zu machen – aber ich verstehs.

Dieses Leben als soziale Waise ist eins mit ganz eigenen Scherkräften.
Unsere Gesellschaft, unsere gesamte politische und soziale Ordnung setzt voraus, dass wir in Familien organisiert sind. Dass wir interpersonelle Wurzeln haben. Familiäre Identitäten. Sich gegen den Kontakt und damit die Beziehungsentwicklung zur eigenen Familie zu entscheiden, bedeutet enormen Verlust – extremen Entzug aus der intimsten Beziehung, die Menschen haben können – und enormen Druck, die getroffene Entscheidung zu vertreten. Vor sich selbst, vor anderen Menschen, manchmal auch vor Behörden, also dem Staat.
Dann steht man da vor Gisela, die eine_n einfach nur freundlich kennenlernen will – mit der eigenen Kernfamilie, mit der „lieben Verwandtschaft“ plus dem rassistischen Onkel Otto und der „komischen Großtante Frieda, die ne Frau geheiratet hat, oha, oha, oha“ – und muss entscheiden, obs mans sagt. Und wenn ja, wie mans sagt. Wann. In welchem Zusammenhang. Mit Details oder ohne. Lässt man zu, dass sie denkt, die Eltern wären hirnlose Zombiepenner in einem Hochhaus vor Berlin oder brutale Schläger oder zur Liebe unfähige Egomanen oder … Oder eben hilflose arme verlassene Opfer ihres überanspruchsvollen Scheißkindes?
Oder erzählt man sich selbst zum starken Opfer, das sich befreit hat, weil sich das gerade zum allgemein annehmbaren Narrativ entwickelt? Egal, wie man sich entscheidet, es wird der Situation, der Geschichte, und der Wahrheit sowieso, nie gerecht. Niemals.

Diese Art des Kontaktabbruchs bleibt ein offener Bruch. Der tut immer wieder weh, blutet immer wieder, erfordert konsequente Fürsorge, um den Selbstschutz aufrechtzuerhalten.
Aber für mich ist es auch ein kontrollierbarer Schmerz. Ich weiß inzwischen, dass er mich nicht zerstört. Dass ich ihn in meinem Leben wahrscheinlich noch oft neu entdecken, wieder neu einordnen und umdeuten werde. Ich kann das als Freiheit anerkennen, die sowohl ich habe als auch meine Eltern. Da sehe ich eine Kongruenz, eine Gleichstellung, die ich unter anderen Umständen niemals hätte erreichen können.
Es ist ein guter offener Bruch.
Die beste Wunde, die ich habe.

APunkt

„Langsam, klar, immer wieder gleich“, denke ich und schaue APunkt an. Ich beobachte, wie sie mich, den Raum und jede Bewegung durch die Fransen ihrer Gesichtsbehaarung beobachtet. Bleibt ihre Aufmerksamkeit länger bei mir, reiche ich ihr ein Stück Fleischsnack.

„Langsam, klar, immer wieder gleich.“
In meinem Kopf habe ich vier Bildschirme an. Auf dem ersten ist der Ablauf unseres Trainings. Ich komme an, alle Hunde werden sanft und ruhig begrüßt. Sind APunkt und ich allein, kommen wir runter. Machen den Moment langweilig. Nur sitzen, gucken, sein. APunkt braucht eine Weile, bis sie gezielt mit mir in Kontakt geht.
Kontakt, das hieß bei APunkt anfangs Kontakt zum Snack, und flutsch – schnell wieder weg. Alles im Blick, nichts im Fokus. Dann hat sie bemerkt, dass ich immer das Gleiche mache. Inzwischen beobachtet sie mich beim Hantieren mit den Snacks. Schaut mich sogar direkt an. Und dann regnet es Snackstücke. Jeder Blick in den Bereich meiner Mimik und Gestik ist ein Hauptgewinn. Alle 5 Gewinne darf ich einige Zentimeter näher an sie heran. Trennen uns nur noch anderthalb Meter, kommt sie inzwischen auch zu mir. Nimmt sich erst schnell und geduckt die Stückchen von meinem Knie, dann macht sie einen Schritt zu mir hin. Letztes Mal hat sie sich abgelegt. Ruhig geatmet. Alles im Blick gehabt, doch mich beobachtet.
Dann zeige ich ihr das Geschirr. APunkt lässt sich anziehen, es aber auch über sich ergehen. Das muss anders werden. Sie soll wissen, dass sie an einem Signal vom Menschen erkennen kann, dass sie für einen Spaziergang angezogen wird. Sie soll wissen, dass ihr Signal für Nicht-einverstanden-sein, von Menschen akzeptiert wird (wenn es keine Ausnahmesituation ist). Sie soll wissen, dass sie beim An- und später auch Ausziehen des Geschirrs mitmachen kann. Und dass es Snacks regnet, wenn sie es macht.

APunkt ist nicht damit aufgewachsen, dass Menschen etwas von ihr wollen. Dass Menschen mit ihr zusammen sein, Dinge tun, erleben wollen. APunkt hat gelernt, dass Entfernung und schnelles Reagieren auf alles das Beste für sie ist. Sie hat es so gut gelernt, dass ihr Körper das manchmal auch ohne sie entscheidet.
APunkt ist bald 3 Jahre alt. Aus einer Vermehrungssituation durch animal hoarding. Sie wurde aufgenommen und bis jetzt einfach nicht vermittelt. Wer nimmt auch einen Hund, von dem man nur den Strubbelpo im Busch erkennt?

Ich trainiere mit ihr, wie ich mit Sookie trainiert habe. Wissend, dass ich es mit einem hochreaktiven Hütehund zu tun habe, der nicht die sorglose Neugier eines Welpen hat, aber genauso verwirrbar ist von zu vielen zu neuen Dingen.
Also sitzen wir da auf 3 bis 4 Quadratmetern und üben, dass APunkt ihren Kopf durch die große Öffnung ihres Sicherheitsgeschirrs steckt. Von allein, in Richtung Snackstück. Zwei Mal war sie schon fast durch. Dann war wieder was. Irgendein Geräusch im Haus. Ein Vogel vorm Fenster, eine unerwartete Berührung des Geschirrs in ihrem Gesicht, das Geräusch, das die Schnallen auf dem Boden machen. Und wir fangen wieder mit der Nasenspitze in der Mitte der Öffnung an.
„Langsam, klar, immer gleich. Ausatmen, tief einatmen. Und weiter“, denke ich mir dann und schaue auf den zweiten Bildschirm in meinem Kopf. „Langsam beeilen“ steht da neben einem Bild von einer senkrechten schwarzen Linie auf weißem Grund. Wenn ich angespannt oder selbst erschreckt von einem der Geräusche im Haus bin, wackelt sie. Ich muss sie gerade atmen. Auch meine lockeren Schultern ziehen sie glatt beim Ausatmen.

APunkt kann sich nicht lange konzentrieren. Nach etwa 10 Minuten mit dem Geschirr stresst sie mein Angebot. Ich lege es hinter mich. Nehme wieder etwas mehr Abstand ein. Wenn APunkt noch Kontakt möchte, muss sie kommen. Was sie meistens auch tut. Gab es Gewitter, wurden wir unterbrochen oder eine_r von uns beiden hatte einen komischen Tag, dann nicht. Dann mache ich meine Ende-Geste und lasse sie wieder raus. Alle werden nochmal begrüßt, wer mag, lässt sich streicheln. APunkt kommt inzwischen auch ganz selbstverständlich wieder dazu. Immer bekommt sie Snackstückchen.

Manchmal sprechen wir noch länger mit S., dem Menschen, der APunkt gerettet hat. Der Hof ist schön, das Leben wuselig, die Arbeit viel. Es gibt immer etwas, worüber wir kurz oder lang, seicht oder intensiv schnacken. Dafür brauche ich den dritten Bildschirm in meinem Kopf. Ich muss jetzt schnell sein. Unklarheiten weitgehend unhinterfragt, unergründet, unkommentiert lassen. Akzeptieren, dass wir nicht immer über die gleichen Dinge in der gleichen Struktur sprechen können. Dieser innere Bildschirm ist ein Transkript des Gesprächs. In den folgenden Stunden, wird mein Versteh-Gehirn es lesen.

Auf dem vierten Bildschirm ist mein Tetris der Unmöglichkeiten.
Da gibt es die Blöcke „APunkt“. Ihre Reaktivität, die Unsicherheit, der Umstand, dass man ihr Verhalten nur bedingt vorhersehen kann. Dann ist da mein Kinderwunsch mit seinen hundert Blöcken aus Orga, Kraftfressern, Gefühlen und ganz eigenen Dringlichkeiten. Und die feste Klarheit darum, auf gar keinen Fall gleichzeitig einen Säugling und einen Neuhund versorgen zu wollen. Neben der neuen Arbeit, für die ich 4 Stunden am Tag nicht zu Hause bin. Und der anderen Arbeit. Und der Verlagsarbeit. Und meinen Projekten.
Da ist auch noch meine Trauer um Sookie, die ich nach wie vor nur bedingt an mich heranlassen kann. Und meine ganz allgemeinen Wünsche an einen neuen Hund in meinem Leben. Die Wünsche meines Mannes an einen neuen Hund in seinem Leben. Unser alter Oppahund Bubi.
Und da ist die Bedarfslage von S.. Die Nützlichkeit, die mein Hundeverstand in dieser Situation hat. Die Frustration, die so improvisierte Trainingsumgebung und übliche Rückschläge mit sich bringen.
Und das, was ich von mir in APunkt gespiegelt empfinde. Obwohl diese Zeiten nun wirklich schon länger vorbei sind.

Seit Wochen fahre ich regelmäßig zu APunkt. Auf jedem Hin- und jedem Rückweg schüttle ich die Tetrisblöcke auf dem vierten Bildschirm durch und versuche zu erkennen, wie sie ineinandergreifen könnten. Es funktioniert einfach nicht.
Nicht ohne die Zukunft zu kennen.
Und so sind wir alle, APunkt, S. und ich, gerade im gleichen Nimbus. Angewiesen auf die gleiche langsame, klare Kontinuität des „und weiter“, auf das man sich so ungern einlässt, wenn es so viele große, drückende, treibende, wirbelnde, ziehende, schreckende, lockende „Ja aber“s oder „und was wenn?“s oder „vielleicht so?“s gibt.

Es ist anstrengend. Es ist eine Übergangsphase, eine Transition.
Wir werden alle irgendwie, irgendwo, irgendwann ankommen. Das ist sicher.
Vielleicht werde ich mir diesen kernigen kleinen Strubbelkobold, der APunkt auch ist, tatsächlich nicht mit nach Hause nehmen können. Aber Langsamkeit, Klarheit und Vorhersehbarkeit durch immer gleiche Anforderungen und Belohnungen, kann ich ihr geben. Damit kann sie anfangen, ihre generelle Pauschalreaktion auf alles und alle zu verändern. Und mit jemand anderem nicht bei 0, sondern vielleicht schon bei 1 in Sachen Hund-Mensch-Kommunikation anfangen.
Das ist definitiv. Da ist Bewegung drin. Es verändert sich etwas.
Es ist und wird.