Zuhausebäume

Vor einigen Wochen hatten wir sie gekauft. Die Baumbabys. Ein Bassumer Apfel und ein Bismarckapfel. Sehr lecker, sehr besonders. Für uns. Wir haben noch nie einen Apfelbaum gekauft, noch nie einen Baum gepflanzt.

Jetzt im Dezember passiert in den Gärten der Nachbarn nichts. Aber in unserem.
Wir hatten Rambazamba mit Motorsägen und jetzt beginnn die Räumungsarbeiten. Die Vorbesitzer des Hauses haben es auch wegen des Gartens verkauft und das merkt man. Es gibt viele kleine und große Baustellen, jetzt nehmen wir uns eine nach der anderen vor. Irgendwann soll es ein essbarer Garten sein.

Die Baumbabys habe ich heute eingepflanzt. Ein andächtiger Moment. Die Vogel haben gezwitschert, die Sonne waberte durch Dezemberwolkenschleier. Vorne an der Straße fuhr ein Tiertransport, auf dem Bürgersteig wickelte sich das Glasfaserkabel Meter um Meter von der Trommel hinab in einen langen dünnen Graben mit Arbeitern drin. Der Freund arbeitete im Haus, die Hunde vermutlich irgendwo zu seinen Füßen.
Am Montag ging es um die Frage, wo „Zuhause“ ist. Und für mich um alles, was es bedeutet, dass da nachwievor Innens sind, deren Zuhause nicht da ist, wo wir wohnen.

Einen Baum zu pflanzen ist eine Investion in die Zukunft. Das habe ich in einem Text über Monokulturen gelesen. Die Monokulturen, die jetzt vom Klimawandel verbrannt werden. Und trotzem denke ich, dass ich auch gerade investiere, als ich den Topf vom Bäumchen löse und den Ballen vorsichtig lockere. Ob in die Zukunft das wird sich zeigen. Es würde mich freuen, wenn unsere Kinder genau diese Baumbabys zu großen stabilen prächtigen Bäumen heranwachsen sehen würden und deren Kinder und deren Kinder und deren Kinder davon essen, bis irgendwann ein Sturm kommt und sie beweint und betrauert abgesägt werden müssen. Circle of life dies das.
Aber auch in die Gegenwart. Jetzt hier und heute haben wir zwei Bäume gepflanzt. In dem Garten von unserem Zuhause. Wow. Gegenwart. Hier und jetzt, Zuhausebäume.

Schale

Ich fühle mich geschält. Wie diese Kartoffeln im Glas, nur dass der Zug, in dem ich sitze, das Glas ist und in kein Supermarktregal passen würde. Aber ich. Ich fühle mich so klein geschält, dass ich froh bin um diese große Hülle. Es ist Dienstagabend, reichlich spät, denn wieder hat mein Zuganschluss in Minden nicht geklappt. Wieder warten wir im Dunkeln, im Kalten, im Alleinen zwischen zwei Welten und sind dabei selbst weder fest noch flüssig.

NakNak* atmet auf meinen Schoß, in ihrem Fell wuseln die Anderen wie Flöhe auf der Suche nach Nähe, Wärme, Halt. Alles ist schwer, sogar an meinen Wimpern hängen Senklote.
Als wir aus dem vorletzten Zug aussteigen wollen, spricht mich eine Person an. Ich reagiere nicht, bin verzehrfertige Kartoffel-klein. Denke, soll er sich große Leute suchen, um zu sprechen. Er winkt mir zu, tritt näher an mich heran. Ich höre zu. Dann doch. Weil ich mich ohne Schale einfach nicht abgrenzen kann. Und weil ich keine Kraft mehr habe. Für Widerspruch, für meine eigenen Grenzen, für nichts und niemanden. „Wobei würde der Hund denn assistieren?“ fragt die Person und ich höre wieder weg. Dafür – für all das, was an dieser Situation falsch ist – habe ich erst recht keine Kraft. „Das ist eine extrem private Frage.“. Sagt eine andere. Dann hält der Zug und wir steigen aus.

Es ist kalt. Es ist dunkel. Ich bin allein.
Und trotzdem gibt es Dinge, die total privat sind.
Und eine andere, die noch eine Schale hat. Oder ist.

Schutzumschlag

Bücher mit Schutzumschlag. Ich hasse Bücher mit Schutzumschlag. There – I said it.
Sie kriegen sofort labbrige Stehkanten, es ist ein endnerviges Gefummel, sie oben und unten Kante auf Kante ums Buch zu legen und wenn sie kaputt sind, dann ist es als wäre das Buch nackt und schutzlos, denn mit dem Tod des Schutzumschlags kommt der Tod des Buches durch Namenlosigkeit.

Gestern habe ich mir so ein Buch gekauft. Es bringt mich in Schwung. Ich mag das.
Ich habe meinen Anschlusszug verpasst, natürlich, das musste so kommen, es war ja alles noch nicht anstrengend genug. Ich landete in Hannover und habe 40 Minuten am Stück in dem Buch gelesen und den Rest der 50 Minuten Wartezeit damit verbracht, den weißen Schutzumschlag Kante auf Kante vom Buch zu lösen und zu halten und dann doch wieder passend drumrum fummeln zu müssen. Und dann ist der Umschlag auch noch weiß. Wie ein Plakat auf dem steht: „Hallo Dreck – komm kuscheln.“ Grauenhaft.

Ich muss wieder mehr lesen. Das hilft mir, meine Konzentration zu trainieren, meine Rechtschreibung zu verbessern, den eigenen Wörtertakt mit meinen Fingern auf der Tastatur zu synchronisieren.
Ich will wieder mehr lesen. Das hilft mir, weniger zu essen. Auch nötig mal langsam. Ziemlich.

Und mein nächstes Buch.
Es ist gut, durch das Bahnhof-Buch daran erinnert zu werden, welche schrecklichen Gestaltungsformen für Bücher existieren. Und, dass es etwas macht, wie ein Buch ist. „aufgeschrieben“ ist in Stoff aus Gründen. Es ist zwischen zwei festen Deckeln. Aus Gründen. Es ist so wenig von außen, aus Gründen. Ich glaube nicht, dass das nächste Buch das auch braucht. Das nächste muss eins sein, das man wegschmeißen, einfach verbrennen, vollkritzeln und beweinen kann. Glaub ich. Ich will eigentlich nicht, dass da jemand draufweint, aber es muss auch nicht verbrannt werden. Bitte verbrennt meine Bücher nicht. Oh man, wie bin ich da jetzt hingekommen.

Im Zug sitzend dachte ich, dass es gut ist, jetzt schon zu wissen, wie es aussehen soll. Das ist ein gutes Zeichen. „aufgeschrieben“ haben wir auch schon nach wenigen Kapiteln so vor uns gesehen, wie es dann werden konnte. Ich brauche gute Zeichen für das nächste Buch. Es kostet mehr Kraft, ich habe mehr Angst vor dem Versagen. Da ist mehr Einsamkeit. Wenn hier jemand einen Schutzumschlag braucht, dann bin das wohl ich.

zum International Disability Day

Gestern war „International Disability Day“, deshalb habe ich darüber nachgedacht, ob ich über unser aktuelles Behinderungsding schreibe, aber

Ich hab erst neulich geschrieben, dass mich meine eigenen Redunanzen nerven. Sie nerven mich und manche tun mir einfach weh, weil ich weiß, dass sie trotz der permanenten Wiederholung nicht an Relevanz verlieren oder tatsächlich auch als Wiederholung verstanden werden.
Sackgasse. Wörterblockade. 5 Gedanken zurück, noch einmal über Los.

Nach der Berufsausbildung hätte eine klitzekleine bezahlte Stelle für mich möglich sein können. Klitzeminiwinzig klein. Mit genau dem Umfang, den ich schaffe. Mit genau genug Geld, um mal einen klitzemini Rentenpunkt zu bekommen und mit gezielt gesetzten Einkünften über Blog, Podcast, eigenes Zeug vielleicht sogar mal ein zwei drei vier Monate im Jahr weder Hartz noch Wohngeld zu brauchen.

Und dann wurde ich vom Jobcenter erneut medizinisch begutachtet, gab es eine anscheinend neue Ausgangslage durch die Ausbildung.
Weil ich nach fast 11 Jahren Arbeitslosigkeit die Ausbildung geschafft habe, wird nun diese miniklitzekleine Stelle in dem Betrieb – den ich kenne und mag und der mich will; wo ich tun kann, was ich kann, wie ich das kann – nicht vom Jobcenter gefördert. Die Ausbildung hat die Arbeitslosigkeit unterbrochen. Eine Förderung durch einen anderen Topf reicht nicht aus. Der Betrieb ist sehr klein, die volle Förderung ist nötig.

Die neue Betreuerin hat mir das letzte Woche am Telefon erklärt. Sagte dabei so etwas wie: „Bei Ihnen ist ja auch nicht davon auszugehen, dass das wieder weggeht“. Ich wollte schreien. Und als ich das jetzt aufschreibe, weine ich zum ersten Mal darüber.

Wieder bin ich an diesem Punkt. Zwischen bodenlosem Einsamkeitsgefühl, Kränkung, Ent_täuschung und der Bewegung, die nur Traumatrigger auslösen. Zwischen inklusionspolitischen Themen und soziologischen Phänomenen, zwischen dem Außermir und der Welt, in der ich lebe.
Das klingt pathetisch und überdramatisch, Hannah, des geht nicht um dein Leben – ja, aber ja, doch auch.

Ich bin vor ein paar Jahren dafür kritisiert worden, dass ich Arbeiten als Privileg beschrieben habe. Ich habe nie direkt darauf reagiert, weil ich kein Interesse an einem Shitstorm mit weißen ablierten Marx-Linken habe, deren Begriff von Arbeit einzig die Ausbeutung und Unterdrückung von Arbeiter_innen kennt. Als ginge Unterdrückung und Ausbeutung nicht auch durch den Entzug von Arbeitsmöglichkeiten. Als wäre der Kapitalismus allein mit der Abschaffung entlohnter Arbeit lösbar.

Als behinderte Person, die zusätzlich auch chronisch erkrankt ist, gibt es für mich die gleichen Perspektiven wie für alle anderen Menschen im Kapitalismus auch: Entweder rein in die Verwertung oder raus aus der Verwertung.
Diese Entscheidung ist zu treffen, ob man will oder nicht und allein der Tod bedeutet das „raus aus der Verwertung“. Denn: selbst wenn man nicht direkt selbst ver_wertet, so ist man im Kapitalismus selbst ein Wert.
Ich bin Teil der Sozialwirtschaft. Ich schaffe mit meinen Bedarfen Arbeitsplätze. Die Verwaltung meiner Belange ist Teil der Arbeit vieler Menschen. Ich esse, ich wohne, ich scheiße, an Weihnachten bestelle ich Geschenke bei Amazon. Landwirt_innen, Haustechniker_innen, die Ab_Wasserwirtschaft und die armen Schweine, die jetzt von Amazon ausgebeutet werden, haben direkt mit mir zu tun – doch ich kann meinen Konsum nicht mit ihrem gleich machen. Mein Geld kommt nicht aus einem Entlohnungskreislauf, sondern aus einem kapitalistisch pervertierten Solidaritätsgedanken, an dessen Anfang mal die Idee stand, dass jeder Mensch jederzeit (chronisch) krank, behindert oder aus anderen Gründen arbeitsunfähig werden kann und damit das Privileg der autonomen Versorgung durch eigene Mittel verliert.

Ganz selbstverständlich ist in diesem Gedanken die Idee, dass Menschen, die in welchem Umfang auch immer nicht autonom handeln können, das Kolletiv brauchen. Doch die Rolle der Menschen im Kollektiv ist bis heute eine, die nicht auf Gleichheit beruht, sondern auf Unterschied.

Mein Wunsch danach arbeiten zu gehen wie andere Menschen auch, entspringt der Selbst-, wie Fremdverortung als nicht gleiche Person. Also meine Exklusion durch meine individuellen Grenzen der Fertig- und Fähigkeiten, die meine Art und Weisen der Arbeit zu etwas anderem macht, als die anderer Menschen.
Wenn ich so etwas schreibe, dann lesen viele ablierte Menschen einen Vorwurf des Ausschlusses. Den formuliere ich an der Stelle aber gar nicht. Ich beschreibe lediglich, dass er passiert und wirkt.

Ganz konkret nämlich genauso, wie ich es in meiner aktuellen Situation erfahre.
Ich bin 11 Jahre in Hartz 4, weil meine damals noch nicht bekannte Behinderung, eine schlechte Versorgungslage und inexistenter Opferschutz, die Behandlung meiner chronischen Krankheit massiv erschweren. Dann wird die Behinderung erkannt, Kompensationsmöglichkeiten entstehen und neue Fertigkeiten werden entwickelt. Eine Berufsausbildung erscheint schaffbar. 3 Jahre und unfassbar viel Bildungs- und Inklusionsarbeit nebenbei später ist sie geschafft, ein Zettel mit dem Beweis der Gleichheit in Fertigkeiten wird erlangt.
Doch die grundlegende Andersheit ist weiterhin da.
„Das geht bei Ihnen ja nicht mehr weg.“

Behindert zu sein (und zu werden) funktioniert nicht wie das Märchen vom hässlichen Entlein, in dem man als Ausgeschlossene_r einfach nur die Gleichen finden muss, um glücklich und zufrieden, gleich im Kollektiv der Gleichen zu sein Es ist viel quälender, denn das Kollektiv der mir Gleichen ist immer das Kollektiv der Ausgeschlossenen.

Ich will an der Stelle nicht darauf eingehen, welches Kollektiv sich nach wem ausrichten sollte. Wer schließt wen aus, welches Kollektiv ist das Gute, welches das Schlechte. Darum geht es mir nicht, obwohl die Frage gestellt werden muss, wer sich nach wem warum ausrichtet. Das ist ja der schmerzhafte Teil – warum will ich denn tun und können, was Leute tun und können, die nicht behindert und/oder chronisch erkrankt sind bzw. ihre Behinderungen und/oder chronische Erkrankungen so gut kompensieren können, dass sie nicht zu Problemen in Produktivität und damit Autonomie führen? Warum sind die mein Maßstab und nicht andere Menschen in meiner Lage?
Na, weil Menschen, die nicht in meiner Lage sind privilegierter sind und ein entsprechend autonomeres und damit freieres Leben führen können. Nicht, weil ich sie für die besseren Menschen halte oder mich selbst für wertlos. Das kommt erst danach, denn das ist der Schluss zu dem meine Lebensrealität zwangsläufig führt (und führen soll).

Das Jobcenter hat mich jetzt wieder als arbeitsunfähig eingestuft.
Obwohl ich im Moment zwischen 12 und 15 Stunden in der Woche arbeite. Das ist mehr als ich jemals zuvor geschafft habe. Ich bin stolz darauf, weil ich weiß, dass ich mit dieser Leistungsfähigkeit viele Urteile über mich Lügen strafe. Ich schäme mich für diesen Stolz, denn ich weiß, dass er in eine Dynamik reinspielt, die am Ende nicht nur mir, sondern allen Menschen schadet.

 

Ich weiß nicht viel über den International Disability Day. Ich bin kein Teil „der Inklusionsbewegung“. Ich kann keine berührenden, empörenden Texte über Beispiele gescheiterter Inklusion, Diskriminierung oder irgendetwas sarkastisch witziges darüber schreiben, als Objekt der Inspiration missbraucht zu werden oder einen Alltag zu leben, in dem fremde Menschen nach meinem Rollstuhl grabschen. Ich kann keine visuell erfassbaren Stereotypen brechen, die auf ihre Existenz aufmerksam machen.
Die Behinderung mit deren Auswirkungen ich lebe, ist von meiner chronischen Erkrankung nur schwer zu unterscheiden. Ich bewege mich in einer Gemengelage doppelter Abwehr und allgemeiner Unkenntnis. In meinem Leben geht es nicht nur darum, zu erklären, was Autismus ist und was eine dissoziative Identitätsstörung und dann die passende Lücke zu finden. Es geht auch darum auszuhalten, dass der Autismus meinen Ausschluss besiegelt und die DIS etwas ist, das mich mit vielen Nicht-Ausgeschlossenen gleich macht.

Ich passe wieder nicht rein. Nicht mal in den International Disability Day.

30

Der November ist geschafft.
29 von 30 Texten geschrieben, fühlt es sich wieder nach fließen lassen und Routine an. Es tut wieder gut, fällt nicht mehr schwer, hat insgesamt besser geklappt, als gedacht.

So langsam kommt die Jahresrückblickswelle bei uns an und ich überlege, wie wir den Dezember hier gestalten wollen. Im Blog und im Podcast.
Geplant sind eine lange Episode „Was helfen könnte“ zum Thema TCTSY, einem ergänzenden  Traumabehandlungskonzept, in dem mit Yoga gearbeitet wird. Die Rohproduktion ist fertig, aber an diesem Wochenende wollen wir  erst noch eine andere Arbeit fertig kriegen, sodass es noch etwas dauern muss, bis sie erscheinen kann.
Es wird außerdem eine neue Episode „Vielzimmerwohnung“ geben, ein neues „Format von Vielen“ und hoffentlich vielleicht eine Jahresabschlussfolge „Viele-Sein“ mit Renée.

Vielleicht schreiben wir weiter jeden Tag hier unsere Dinge auf, mal sehen. Ich will mir zusätzlich zu den Podcastfolgen nichts vornehmen – es ist der erste Dezember mit sowas wie „Weihnachten in Familie“, also in dem Sinne, dass wir nicht zu Besuch sind, sondern vielleicht Besuch bekommen und im eigenen Bett schlafen, wo wir uns an Weihnachtsessen überfressen haben. Wir machen lieber weiter langsam.

Aber einen Rückblick machen wir.
Schon weil neulich ein Meme mit der Frage rumging, was man in den letzten 10 Jahren geschafft hat. Mir ist dabei aufgefallen, dass 10 Jahre ein gutes Drittel unseres Lebens ist und wir dieses Drittel ohne die Gewalt der Kindheit und Jugend gelebt haben. Bäm. Muss man sich mal reintun.
Werd ich auch – irgendwann im Dezember.

Jetzt gehts ins Bett. Das wird schön.

29

Heute gab es die Frage, wie man es geschafft hat, sich von Täter_innen zu distanzieren.
Ich hab überlegt, ob wir das haben. Und wenn ja, wie.

Wenn es keinen Tag im Leben gibt, in denen diese Leute nicht irgendwie Thema sind – ist dann da Distanz? Irgendwie nicht. Aber irgendwie doch. Denn es geht nie um die Leute, sondern um die Folgen ihres Handelns an uns und deren Auswirkungen auf unser Leben.
Speziell, wenn es um die Herkunftsfamilie geht, geht es vor allem um diese Distanz. Aber schafft das Sprechen über den Wunsch nach Distanz nicht irgendwie auch Nähe? In der Herkunftsfamilie wird sicher nicht jeden Tag über uns und unsere Abwesenheit gesprochen, wohl aber (Achtung jetzt kommt eine Homeproduction aus unserem Hirnkino) werden wir oft als schlechtes Beispiel und Quelle verschiedenster Ungemache beschrieben, wann immer nötig oder schlicht hilfreich.
Wir sind für sie das böse, kranke, fehlgeleitete Mädchen, das wir mit 15/16 sein mussten und werden sicher niemals die erwachsene, weitgehend selbstbestimmte und völlig okaye Person sein, die wir sind.
Gleichzeitig sind die Eltern und Geschwister für uns auch nie gealtert. Wir wissen absolut nichts über sie, haben sie nie anders als denn als Jugendliche_r erlebt.
Das ist doch auch unglaublich viel Distanz.

Ich glaube als Person, die Gewalt in einer Familie oder Partner_innenschaft erlebt, beginnt die Distanzierung oft mit der Erkenntnis, dass etwas schief läuft und, dass eigene Erwartungen regelmäßig enttäuscht werden.
Besonders das ist wichtig für uns gewesen. Erwartungen, die enttäuscht werden.
Denn es ist ja so: verletzt zu werden, passiert. Es ist die Rahmung, die das Bewusstsein und die persönliche Einordnung fördert oder hemmt. Wer verletzt wird und das als logische Konsequenz, g’ttlichen Willen oder natürliche Ordnung erklärt bekommt, muss mit viel mehr von der Welt und dem eigenen Bild davon hadern, als jemand die_r weiß: „Ich wurde verletzt, weil jemand sich dazu entschieden hat, mich zu verletzen.“
Und das ist das Problem. Viele Gewalt.üb.erlebende hadern mit der ganzen Welt und sich selbst als Teil davon, weil sie sich als festen Bestandteil dessen einordnen, was da irgendwie schräg ist. Die Ordnung und damit die Macht bleibt bei denen, die die Gewalt ausüben – um diese Menschen werden feste Grenzen gezogen. Sie werden sowohl als Versuch der Kontrolle über die Gewalt zu erlangen (z.B. durch ständiges Hervorheben von ihren Eigenschaften, Triggerpunkten und Wünschen), als auch als allgemeiner (im Fall von Kindern und Jugendlichen lebenswichtiger) sozialer Bezugspunkt der Macht, quasi ins Leben zementiert.

Es gibt auch Täter_innen, die das gezielt abverlangen und Täter_innen, die erst im Laufe der Gewaltbeziehung verstehen und ausnutzen, dass das passiert. In jedem Fall aber passiert es und für ihre Opfer gibt es nur schmerzhafte Wege da heraus. – Obwohl der Weg da hinein auch schon schmerzhaft war. Das ist die erste enttäuschte Erwartung gewesen, die man sich bewusst machen muss, aber oft nicht kann. Besonders nicht, wenn man als Kind von den eigenen Eltern verletzt wurde. Kinder haben keine andere Wahl, als zu erwarten oder entlang der Erwartung aufzuwachsen, dass sie nicht verletzt werden, weil das jemand so will und sich dafür entscheidet, das zu tun.
So funktionieren wir Menschen. Wir erwarten nicht verletzt zu werden, wenn wir es mit Lebewesen zu tun haben, denen Verletzungen auf die gleiche Art weh tun, wie uns. Das ist eine unglaublich wertvolle Erwartung und sie ist grundgut. Vielleicht der beste Teil an Menschlichkeit, denn darin liegt doch etwas, das ganz wunderbar ist: die Möglichkeit, dass Menschen alle miteinander gut sein könnten, wenn sie wollten.

Wir haben als Jugendliche_r ein Leben gelebt, in dem wir nicht wussten, dass unsere Grundannahmen von zwischenmenschlicher Interaktion und Kommunikation auf autistischer wie dissoziierter Selbst- und Umweltwahrnehmung fußen. Wir wurden ständig enttäuscht. Freund_innen waren eigentlich keine Freund_innen; Was uns gefiel, was wir für wichtig hielten, das war irgendwie nie richtig mit.teilbar. Zeit und Raum, sozialer Kontext, das eigene Wünschen, Wollen und Werden – nichts, aber auch gar nichts davon war für uns  sicher vorhersehbar, erklärbar, kontrollierbar und mit am schlimmsten: irgendwie auch nie „unsers“, aber immer in unserer Verantwortung.

Die Distanz mit der wir in der Herkunftsfamilie gelebt haben, war immer schon groß und sie hat sich in der Pubertät vermutlich einfach nur in einer weiteren Facette gezeigt. Wir haben uns für den Suizid entschieden und das war die Art von Distanz, die für uns nur logisch war. „Alles ist falsch, alles ist schlecht, krank, nicht okay und dann kann man es noch nicht einmal verstehen, weil von allen Seiten unterschiedliche Impulse und Zwänge auf uns einwirken, die in alle Richtungen widersprüchlich sind.“ Uns ist damals der Bezugspunkt verloren gegangen und wir haben auch noch lange danach keine solche Bezüge hergestellt.

Ich erzähle das deshalb, weil ich glaube, dass man sich klar machen muss, wozu oder auch worin man Distanz zu Täter_innen einnehmen möchte.
Wir wollten Distanz zum Unaushaltbaren – das wir in unserem Amlebensein verortet haben und nicht in dem, was uns von anderen Menschen angetan wurde. Für uns war es entsprechend gar nicht so der krasse Akt von der Familie wegzugehen (es war ein krasser Akt – aber eben doch keiner, der mit Tränen, Schuldgefühlen oder schwerer Last auf dem Herzen verbunden war, sondern eher vom Willen getragen bitte nicht so zu sterben, wie es sich damals für uns abzeichnete).
Uns war klar, dass wir bald sterben würden und keine Kontrolle darüber haben würden, würden wir da bleiben. Keine Ahnung, wo das Entitlement zum selbstbestimmten Sterben in der Situation herkam, aber es war da und es hat uns ironischerweise das Leben gerettet. Und es ist die maximale Distanz, die man einnehmen kann ohne irgendetwas zu fordern oder zu wünschen. Man erwartet nur noch das Ende und wenn diese Erwartung enttäuscht wird, dann lebt man weiter, was durch den instinktiven Überlebenstrieb dann gar nicht mal so eine schlimme Enttäuschung ist.

Und ganz ehrlich: Insgesamt nicht ansatzweise so sehr weh tut, wie die Enttäuschung über Eltern, die sich dazu entschieden haben zu verletzen und obendrauf keinerlei Bewusstsein für die Tiefe und die Auswirkungen dafür haben bzw. zeigen.
Und die Enttäuschung der Hoffnung, dass sich das durch irgendetwas verändert, was man selbst tut.
Und die Enttäuschung, dass es Dinge auf der Welt gibt, die so sind. So unveränderbar, so schmerzhaft, so – weit weg vom eigenen Kontrollbereich, obwohl sie doch so nah gehen.

Ich glaube, weil wir uns dieser Enttäuschungen heute bewusst sind, können wir die Distanz einnehmen, aufrecht- aber auch aus_halten, die es braucht, um weitere Verletzungen an uns zu verhindern.
Wir haben eine okaye Routine um Gefühle, die damit zu tun haben, können uns selbst viel erklären und rahmen, was wir fühlen und denken und was Kinder- und jugendliche Innens fühlen und denken – wir können heute ganz andere Erwartungen an uns und die Umwelt entwickeln und ganz unterschiedliche Distanzbedarfe erforschen.
Und auch beobachten, was sich daraus so ergibt.

Aus manchen Distanzbedarfen ergibt sich eine Vermeidungsdynamik, aus anderen wiederum ein Weg in die Gewalt zurück, zum Beispiel wenn Kinderinnens denken, es wäre wichtig, nochmal zu versuchen, sich mit den Eltern lieb zu machen. Daraus ergeben sich Anlässe zu innerem Kontakt, woraus wieder Zugang zu Erinnerungen wird, woraus wieder etwas werden kann, das hilft zu verstehen, was da passiert ist.

Das ist Prozess. Entwicklung.
Wir wollen Prozess. Das ist eine der aktuellen Erwartungen an uns selbst in diesem Leben.
Prozessieren, Verstehen – und dann gucken, was sich daraus entwickelt, was zu prozessieren ist… was verstanden werden muss …
Da wollten wir nicht unbedingt hin und das ist auch nicht der Grund, der uns Kraft für alles gibt, aber es ist nah an uns dran und da wollten wir auf jeden Fall hin.

28

Heute habe ich realisiert, dass das Buchprojekt an dem wir als Setzer_in mitgearbeitet haben, wirklich fertig ist. Also zumindest unser Teil davon. Luftig fühlt sich das an. Schön.
Ansonsten gab es heute nichts außer ausruhen, Sims 3 spielen, eine kleine Hunderrunde im Regen und gute 6 Stunden Gilmore Girls mit dem Freund und den Hunden auf der Couch. Wunderbar.

Na – ist es nicht toll, wie langweilig das ist?
Ich finds wunderbar.

27

Okay, jetzt habe ich mein Gehalt in eine Podcastfolge geschüttet und hier kommt jetzt nur noch Getröpfel. Hmpf.
Also Nacht war Scheiße mit Stückchen drin, aber Tag war gut.

Irgendwie komisch, wie gut eigentlich, aber gut halt.
Man darf einfach auch diesen Dopingshit nicht unterschätzen. Gestern hat mich staubsaugen völlig aus den Latschen geholt, heute bin ich mit 2 Grippostat im Kopf unterwegs gewesen. Fall sich noch wer fragt, wo der Herzinfarkverdacht im Sommer herkam.

So, ausgetröpfelt. Es ist spät, wir müssen schlafen. Irgendwas rumpelt am Hausdach. Heute hat die Sonne geschienen. Das war schön. Auf einmal hatte die Welt wieder Himmel und Boden, Licht und Schatten. Erstaunlich.

26

Erkältet. Der Tag in zwei Illustrationen aus unserem Inktober-Projekt.

Morgens noch:

Verknörgelte Hannah-Zeichnung mit Erkältungsgedunsel

und dann:

Ein Paar Augen und eine Nase aus der zwei Rohre aus denen grüner Schleim kommt. Darunter:

Doppelt gut, dass wir die Zahn-Op, die heute gewesen wäre abgesagt haben. Ein paar Tage wirkliche Ausruh- und Erholungszeit.

Hatschi, gute Nacht, bis morgen- dann vielleicht mit etwas mehr Gehalt.

25

Ein Nervenklappmax, ein neuer vorläufiger Personalausweis und zwei gute Gespräche. Das war heute. Jetzt wird geschlafen.