Vermeidungsroutinen, Zwang und Teilhabe

Wir haben eine neue Podcast-Episode mit Vielfalt aufgenommen. Über Routinen. Und die Kluft zwischen dem „von Routinen gemacht werden“ und dem „selber machen von Routinen“.
Dabei haben wir etwas vergessen. Oder wir sind es übergangen, weil es vielleicht auch selbstverletzendes Verhalten ist. Oder nur meine Weirdness. Die Übergänge sind da vielleicht fließend.
Es geht um den Komplex, sich selber in Routinen zu zwingen.
Ganz vergessen hatte ich es nicht – man hört mich sagen, dass ich Routinen habe, um Lücken zu haben. Freiräume vielleicht. Nicht gesagt, aber gedacht habe ich: Um teilhaben zu können. Um mitmachen zu können.
Gesagt habe ich auch etwas von Kraft durch Routinen. Auch schon in der „Was helfen könnte“-Episode über Routinen.

Die meisten Dinge, um die ich Routinen aufgebaut habe, schaffe ich heute, weil ich mich in sie hinein gezwungen habe. Ich habe mich in die Aktivitäten gewissermaßen „hineingelitten“ und ja, mir ist klar, wie das klingt. Obwohl ich hier Reizwörter wie „Zwang“ und „Leiden“ verwende, geht es dabei nicht auch um Strafen und Verletzung, sondern darum, dass ich nicht schmerzlos in mein Alltagsfunktionieren gekommen bin. Und mich auch nicht leidfrei darin bewegen kann, wenn ich keine Strukturen, Ordnungen, Routinen darin habe.

Routinen sind hilfreich bei der Verkörperung von Abläufen. Sind Handlungsabläufe im Körpergedächtnis angekommen, braucht es weniger bewusste Konzentration auf ihre Ausführung. Das ist ein Segen, wenn man ein Oberstübchen hat, in dem alles immer gleichzeitig prozessiert wird. Ohne Filter, ohne Priorität. Horizontal.
Der Unterschied zwischen einer absolut offenen Situation, in der alles Mögliche auf alle möglichen Arten passieren kann und einer, in der durch Verkörperung oder eindeutige Vorgaben eine Art roter Faden erkennbar ist, entsteht nicht nur durch die Limitierung dessen, was prozessiert werden muss. Es geht auch um Kraftaufwände, um Angstquellen, um Reproduzier- und Übertragbarkeit auf andere Lebenssituationen. Mit jedem roten Faden mehr, den ich mir antrainiere und als Routine ins Leben sticke, erweitert sich der Raum, in dem ich teilhaben kann. Für mich war das schon immer eindeutig gut. Hilfreich. Nützlich. Meine einzige Chance.

In meinem ersten Klinikbericht aus der KJP stand, ich hätte eine anankastische, also zwanghafte, Persönlichkeitsstörung. Wenn man das googelt, wird ein Bild angezeigt, auf dem eine Person mit einer kleinen Schere eine Hecke beschneidet. Denn so wird Zwang gedacht. Entweder wird jemand von jemandem oder etwas um den eigenen Willen gebracht und ist ein maximal ausgeliefertes Häschen oder jemand ist völlig gaga und hantiert ohne Handschuhe aber in tadellos hellem Hemd mit ungeeignetem Gerät an Büschen herum, weil darum.
Zwang wird als Mittel der Mächtigen wahrgenommen. Als Werkzeug der Kontrolle, als Trittbrett zur Limitierung von Potenzialen und damit Verlust. Wertminderung vielleicht sogar. Die meisten Menschen, die sich mit Zwang konfrontiert sehen, lehnen ihn ab, weil er sie in ihrem Gespür für sich selbst und die eigenen Möglichkeiten bedroht. Eine nachvollziehbare Haltung, wenn man jederzeit und immer einfach alles machen kann, was man will. Jeder Eingriff, jede Ordnung und Struktur von außen kann dann nur als potenzieller Angriff wahrgenommen werden.
Ich fühle diesen Angriff nicht.
Mir helfen äußere Strukturen, um überhaupt erst einmal in die Lage versetzt zu werden, Kontrolle über mich zu empfinden. Sie helfen mir, meine Wahrnehmung und Verarbeitung eindeutiger einordnen zu können. Also überhaupt erst einmal zu wissen, was bei mir gerade passiert. Was ich da eigentlich fühle, denke, bearbeite. Was ich will, was zu entscheiden ist, worum es sich handelt, womit ich konfrontiert bin. Welches Wissen ich worauf anwenden könnte.

An der Stelle halte ich es für wichtig, autistisches Funktionieren und Traumafolgen als getrennt zu begreifen. Denn ich scanne mich nicht darauf, ob ich Gefährliches wahrnehme. Ob ich Gefährliches will. Ob ich empfinden darf, was ich empfinde oder nicht. Ob mein Leben (wieder) in Gefahr ist oder nicht. Ich versuche mir ein Bild zu machen, um auf Gefährliches scannen zu können. Zu verstehen, was gerade passiert. In aller Regel bin ich also einen Schritt hinter den meisten Menschen. Sie stehen in einer Situation, brauchen zwei, drei Hinweise und haben eine Idee. Ich bin in einer Situation und fühle mich mit 10, 15, 20 Hinweisen bombardiert, von denen die meisten mehrere Dinge bedeuten könnten, sich aber häufig als etwas entpuppen, das von der (sozialen) Umwelt als irrelevant vernachlässigt wird, ohne es deutlich zu machen.
Das führt dazu, dass ich mich – speziell in neuen Situationen – häufig noch ohne jeden freien Willen orientiere, weil ich noch keinen Bezug zu mir herstellen konnte. Weder den Bezug der Dinge in der Situation, noch den Bezug der Situation zu mir, noch den Bezug meiner Reaktion in dieser Situation oder auf die Dinge in dieser Situation. Komplizierter Satz. Meint: Alles ist fragmentiert. Nichts hängt zusammen. Kein roter Faden. Keine Orientierung möglich. Und deshalb auch: keine Kontrolle

Erst an der Stelle kommt die Traumafolge hinzu. Keine Kontrolle zu haben, ist ein Kernelement jeden Traumas. Es ist ein Trigger für Selbstschutzverhalten, sich ohne Kontrolle zu fühlen. Selbstschutzverhalten hat viele Gesichter. Bei manchen Menschen ist der Selbstschutz ein Zwangskorsett. Die Idee, bestimmtes Verhalten führe zu bestimmten Situationen und ohne dieses Verhalten gäbe es keine Kontrolle und dementsprechend keine Sicherheit. Sie fühlen sich gut, weil sie sich ihrer Kontrolle bewusst sein können. Sie sind irgendwann gezwungen, sich so zu verhalten, dass sie kontrollierbare Situationen produzieren. Ein Kreislauf beginnt.
Mein Selbstschutz ist in den meisten Fällen Masking. Unauffällige soziale Skripte. Und chronische Dissoziation, die ich zunehmend gezielt nicht auflöse. Mein Kontrollbereich nur der, ob und wenn ja, wie vorbereitet ich mich auf neue Situationen einlasse.

Ich habe ausgeklügelte Vermeidungsroutinen entwickelt, um meine fehlende Selbstkontrolle zu kompensieren. Selbstkontrolle meint hier nicht mein Verhalten, sondern mein Selbst. Meine Wahrnehmung. Mein Oberstübchen, meinen Körper. Ich weiß, wann ich überreize, also meide ich Situationen, in denen es passiert. Ich weiß inzwischen, dass ich nicht zu oft vermeiden darf, weil meine Empfindlichkeit größer wird, je mehr Reize ich vermeide. Ich weiß, was mich wann wie triggert, also meide ich es – oder nehme den Trigger hin, wenn ich weiß, dass mir genug Frei_Raum bleibt, um mich zu regulieren. Und ich weiß inzwischen, was mir hilft mich zu regulieren – und dass dies aber auch bedeuten kann, dass ich mich stimulieren (reizen) muss.

Ich habe mich viele Jahre damit gequält, mein Verhalten zu verändern, damit man mich nicht als zwanghaft liest. Perfektionistisch, das Umfeld manipulierend, gaga weil darum. Mit Schere an der Buchsbaumkugel.
Oder irritierend. Krank. Behindert. Falsch. Schlecht. Minderwertig. Weil nicht unter Kontrolle.
Vermeidungsroutinen waren und sind bis heute mein sweet spot in diesem unmöglichen Dilemma. Ich brauche nicht viel Kraft auf meinen Selbstschutz und allgemein nötige Handlungen verbrauchen, weil ich Routine darin habe – und solange ich niemandem verrate, wie umfassend unfähig ich zur Teilnahme, aber auch zur Teilgabe bin, wenn ich sie nicht aufrechterhalte, weiß auch niemand, wie behindert ich im Alltag tatsächlich bin.

Ein Nachteil daran ist natürlich, dass so auch niemand weiß, wie anstrengend neue Tätigkeiten für mich sind. Lange nicht einmal ich selbst.
Mir ist es zuletzt wieder beim Aufbau der Schwimm-Routine aufgefallen. In die ich mich reingezwungen habe, um ganz normal mit dem Partner schwimmen gehen zu können, weil das sein Sport ist – und für mich Triggerhölle und Überreizungsmoment deluxe.
Heute ist es Triggerhölle, Überreizungsmoment deluxe und eine Kraftquelle, weil Endorphin einfach ein geiler Stoff ist und beim Sport ausgeschüttet wird.
Ich könnte auch sagen, dass ich mich in diese Routine hineinargumentiert habe. Oder hineinmotiviert. Schließlich gibt es viele Vorteile für mich. Und wo soll das Zwangsmoment liegen? Es liegt im sozialen Imperativ an ein normales Verhalten und seine Aus_Wirkung auf mich.
Ich gehe nicht als ganze, unbeschädigte, freie Person schwimmen. Ich gehe dissoziiert, von Triggern in verletzte Selbstzustände gestoßene Person dahin, ohne das ändern zu können, wie ich lustig bin. So bin ich, das ist mein Er_Leben und wenn ich mich nicht dazu zwinge trotz alledem und alledem die Handlung auszuführen, dann kann ich sie auch nicht ausführen. Dann ist nichts mit Sport im Winter, Option auf gemeinsame Aktivität, bei der ich genug Energie habe, um die Freude am Zusammensein mit dem Partner wenigstens kognitiv zu erfassen … irgendetwas anderes zu erleben als Arbeit zu Hause und Hunderunde im Wald.

Dieses Leben nach der Gewalt wie auch dieses mein autistisches Leben würde nicht so funktional laufen – ja hätte vielleicht auch nie anfangen können, wenn ich mich nie zu irgendwelchen Dingen gezwungen hätte oder von den sozialen Konsequenzen der Ausgrenzung hätte zwingen lassen.
Das ist keine sexy Aussage, weil man heute lieber mit Konsens und ohne Gewalt in die Selbstfürsorge leiten möchte, aber so funktioniert es bei mir in der Regel nicht. Ich kann nicht jahrelang auf inneren Konsens warten; habe nicht genug Therapie und sonstig bewusstes Umfeld, um die Alltagsgewalt, mit der ich als behinderte Person umgehen muss, so zu transformieren, dass meine Teilhabe nicht ständig von meiner Bereitschaft mich selbst zu beschneiden abhängt.

Und es ist eine belastende Aussage für mein direktes Umfeld. Denn ich weiß jetzt schon beim Schreiben, dass einige davon überrascht sind. Was so schlimm? Echt? (Das sieht man dir gar nicht an) Lass das doch!
Ja, es ist so wie es ist. Manchmal ist es auch schlimm. Meistens dissoziiere ich selber den Schlimmfaktor, um handlungsfähig zu bleiben. Ja, ich könnts lassen. Wär aber scheiße vong Lebensqualität her. Ich bin nicht ausgestiegen und seit tausend Jahren in Therapie, um ich zu sein oder zu werden, sondern um in diesem Leben zu bestehen. Und zwar so, dass ich oft genug ich selbst sein kann, um mich zu fühlen – und meine Lebensentscheidungen in Kongruenz damit zu fällen. Das ist Selbstbestimmung. Freiheitspraxis. Und die Freiheit komplex traumatisierter autistischer Menschen sieht nun einmal genau so aus: „Entweder du verstümmelst dich, um dazuzugehören oder nicht. Und wenn nicht, dann bleibst du draußen.“

Für die meisten komplex traumatisierten Menschen ergibt es Sinn, einen Appell an die Umwelt zu richten, damit sie sich in ihrem Leiden nicht ständig verbergen und verbiegen müssen.
Für mich noch nicht.
Warum beschreibe ich irgendwann mal in einem anderen Text.

die Wiederholung – das Helfertrauma

Und es kommt, wie es kommt.
Hat aber nichts mit mir zu tun. Nein, es ist Zufall. Kurz nachdem ich kommuniziert habe, dass wir Dinge anders machen müssen. Alles Zufall und Struktur. Weil ich erst brauche, was wir erarbeiten hätten müssen, um so viele Termine zu packen, wie von ihr gewünscht. Niemand kann etwas dafür, Verantwortung muss in dieser Sache niemand übernehmen, denn es gibt keine. Es ist einfach, wie es ist. Dafür soll ich Verständnis haben, aber das habe ich schon vor Jahren verloren. Tja.
Und so geht man dann auseinander. Ohne Ende. Mit viel Ent_Täuschung.
Und Wut.
Auf mich.
Denn ich bin ja noch da. Als einzige_r, die_r damit zu tun hatte.

Und dann die Stille.
Diese rasende Kakophonie der Ohnmacht, des Verlassenseins, des sich selbst überlassen seins.
Das alte, das frühere, es wird jetzt zur Waffe gegen mich. Wie klein jemand ist, die_r so etwas macht. Peinlich, irgendwie. Erbärmlich. Das auch. Was ich fühle, das rahmt sie als nicht angemessen, weil es traumabedingt ist – und was passiert ist, das kann ja kein Trauma sein. Es geht ja nicht um mich. Sondern die Strukturen. Was sie da gemacht hat, das kann ja unmöglich weh tun oder etwas mit Gewalt zu tun haben.

Schade, dass das nötig ist, um den Abstand herzustellen. Statt sich respektvoll zu begegnen, schrieb sie eine E-Mail. Statt ehrlich mit mir über die Gründe zu sprechen, schiebt sie Strukturen, die sie selber konstruiert und aufrechterhält, vor.
Wieso müssen mir die Red Flags eigentlich immer erst die Fresse polieren, bis ich es merke.
Warum ist es so leicht für Behandler_innen wie sie, die professionelle Abgrenzung als Werkzeug zur Verantwortungsabgabe zu benutzen.

Mein Respekt für sie ist verloren gegangen. Das finde ich schade, weil es mir jetzt so egal sein kann, wie ihr egal ist, wie es für mich weitergeht. Was das mit mir macht. Und meinen Gefühlen in Bezug auf Hilfen, Helfer_innen, Behandler_innen.
Respekt ist das einzige, was ich Helfer_innen nach all den Erfahrungen mit unvermittelten Arbeits_Beziehungsabbrüchen aufrichtig entgegenbringen kann, wenn ich es will. Es bedeutet etwas, wenn ich ihn spüre, es ist mir wichtig ihn zu pflegen, weil er mir dabei hilft Grenzen und Absprachen einzuhalten.
Ihn jetzt nicht mehr fühlen ist, als würde ich mir selbst etwas nehmen.

Wie geht es weiter, ich habe keine Ahnung.
Ich kann jemanden anrufen. Bin nicht verlassen auf der weiten Welt, bin unterstützt, wenn ich das möchte. Das ändert viel, aber doch nicht alles. Es ist eine Wiederholung. Ein weiterer Schlag auf eine ungeheilte Wunde. Eine Re_Traumatisierung. Auch wenn nichts blutet und mein Leben nicht auf dem Spiel steht. Selbst wenn es wirklich nicht so ist, wie ich denke – nämlich, dass sie mich und sich und alle anlügt, weil sie keinen Bock auf kompliziertes Zeugs hat – selbst dann nicht. Weil es nicht um sie geht.

Inzwischen habe ich eine Nacht geschlafen und drei Schlucke von meinem Kaffee getrunken. Die Sonne scheint von einem glatten Himmel auf junggrüne Felder, etwas Wind strubbelt am zarten Laub des Baumes vor meinem Fenster.
Ich bin froh, dass ich meine Arbeit habe. So kann ich mehr fühlen als kindliche Agonie, jugendlichen Furor, jung erwachsene Ver_Zweiflung an sich selbst. Mehr denken als meinen Selbsthass, mir mehr überlegen als Gründe für die Notwendigkeit eines Lebens ohne Menschen.

Man lernt durch Wiederholung.
Ich weiß noch nicht genau, was ich jetzt lerne. Einmal mehr, dass es nicht schützt, bereits am Anfang des Kontaktes zu sagen, dass man schon oft so fallen gelassen wurde. Einmal mehr, dass zu sagen und zu vertreten, was man in der gemeinsamen Arbeit braucht, nur am Anfang klargeht (wenn die_r Behandler_in noch nicht glauben will oder kann, dass es wirklich komplex ist und etwas (mehr) (oder anderes) (als sonst) von ihr_ihm abverlangt). Einmal mehr, dass es Behandler_innen gibt, die sich nicht kritisch reflektieren. Einmal mehr, dass man absolut ohnmächtig vor der Dummheit anderer Menschen ist. Einmal mehr, dass die fehlende Verantwortungsübernahme für Verletzungen einen ganz erheblichen Anteil daran hat, dass ich die Situation nicht als eine soziale rahmen kann, sondern als etwas von mir produziertes. Also etwas woran ich selbst schuld bin und daher auch selbst hätte verhindern können.

Durch die Wiederholung von traumatischen Erfahrungen habe ich bisher nur Anpassung gelernt. Schnauze halten, Konflikte vermeiden, mitmachen, die Sachebene fokussieren. Diese Anpassung schützt nicht. Das ist auch ein Lernergebnis.
Aber was ist die Konsequenz, wenn Schweigen nicht schützt und Sprechen zu Verletzung führt? Was soll ich denn dann machen?

In gewaltvollen Kontexten gibt es nichts, was nicht verletzen kann. Gewalt ist immer absolut.
Ich weiß, dass meine Suche nach dem richtigen Verhalten, der richtigen Strategie klassisches Opferdenken ist. Weiß aber auch: Ich bin auf Hilfen angewiesen und diese Hilfen gibt es einfach nicht im gewaltfreien Raum.

Möglicherweise spreche ich im Herbst bei einer Veranstaltung darüber. Über Helfergewalt und gewaltvolle Hilfe.
Dazu werde ich Worte finden und Wege aufzeigen können. Gewalt ist transformierbar, wenn sie verstanden ist.

Mein Helfertrauma habe ich verstanden. Glaube ich zumindest.
Transformieren kann ich es noch nicht.
Wie denn auch.

das Helfertrauma – die Wiederholung

„Wer ein Trauma nicht realisiert, ist gezwungen, es zu wiederholen oder zu reinszenieren.“ Das soll Pierre Janet vor 120 Jahren gesagt haben. Er gilt als einer der ersten Traumaforscher, deshalb kenne ich dieses Zitat. Es wird oft dort eingeschoben, wo es um die Notwendigkeit von Traumatherapie oder das generelle Interesse für die Thematik geht. Oft funktioniert es deshalb als Warnung. „Achtung, Achtung, wenn dir diese Story von Kontrollverlust und einer Lebensqualität wie trocken Brot nicht reicht, um dich damit zu befassen, dann hier die Drohung, dass du es dir immer wieder selbst antust.“

Als ich diese Woche die Praxis für Autismustherapie verließ, dachte ich an das Zitat und darüber nach, ob ich mit der Autismustherapie aufhören muss. Denn wieder hat sich mein Helferding wiederholt. Nicht in der schlimmsten Ausprägung und auch nicht mit großem Schaden, aber doch einem Schaden. Für mich. In mir. Weil es inzwischen nicht erst weh tut, wenn es im schlimmsten passiert, sondern bereits wenn klar ist: Wir sind mittendrin und ich muss genau jetzt entweder abbrechen oder immer wieder verweigern. Grenzen ziehen. Verantwortlichkeiten einhalten, ablehnen, beworten. Hoffen, dass sich diesmal ein Weg auftut. Wissen, dass sich bisher erst ein Mal ein Weg aufgetan hat. Das eine Mal von vielleicht hundert Malen.

Während ich darüber nachdachte, wie ich das konkret tun könnte, bemerkte ich, dass auch das zu meiner Schleife gehört.
Jetzt sitze ich da, bin irgendwie verletzt davon, was im Miteinander passiert – sage, was da passiert und dass ich das so nicht möchte – und fange an, mir zu überlegen, wie ich es nicht wiederhole. Obwohl von Anfang an nicht ich dafür gesorgt habe, dass sich etwas wiederholt. Ich war einfach so da wie ich bin. Habe gedacht, wie ich denke, mich ausgedrückt, wie ich es tue und wieder wurde mir gesagt, dass meine Art zu Denken sehr viel sehr komplex sei. Dass man das nicht lange durchhalten kann, wenn man versucht mitzukommen. Und irgendwo darin erwähnt, ob ich wohl den Anspruch habe, dass man mir, wenn schon nicht gleich, so doch wenigstens ähnlich komplex begegnet.

Es ist also wieder das Thema Komplexität, zu viel (~intelligent~) sein, Vermeidung von Überforderung, Vermeidung der tatsächlichen Themen aus Sorge zu überfordern, zu wenig Hilfreiches zurückzubekommen und dem Problem nicht immer genug Kraft dafür zu haben, auf das Gegenüber warten zu können.
Und im Anschluss das innere Verbot, an der helfenden Person zu zweifeln, denn die kann ja auch nichts dafür. Niemand kann etwas dafür. Nie. Ich bin die Komponente, die sich in den Kontakt begeben hat, um etwas zu verändern. Also muss ich mich verdammt nochmal endlich auch verändern, warum mache ich mich dann nicht einfach anders.

Ich weiß nicht, ob mein Fehler ist, wiederholt nach Gegenübern zu suchen, die mich in meiner Auseinandersetzung begleiten und mir helfen, Lösungen für die Probleme zu finden, die ich alleine nicht erschaffen kann. In meiner Traumalogik ist es jedenfalls so.
Ich brauche niemanden, die_r mir nicht entgegen_wachsen will und die halbe Zeit damit kämpft, sich in meiner Anwesenheit weder dumm noch unterkomplex urteilend oder möglicherweise zu wenig Hilfreiches wissend zu fühlen, weil sie_r einfach nicht glaubt, dass diese Ebene im Kontakt für mich nicht relevant ist.
Ich brauche jemand, die_r sich erst einmal auf meine Probleme konzentriert. Nicht auf mich, nicht auf sich – auf das Problem. Und erst dann von mir aus auch auf mich in dem Problem und auf sich bei all dem.

Ich fürchte, dass ich mein Helfertrauma nie mehr realisieren kann, als ich es bisher geschafft habe.
Die Realität ist, dass ich zu komplex denke, zu viel aufnehme und deshalb immer viel ist, was mich beschäftigt oder vor Probleme stellt.
Die Realität ist, dass sich die meisten Menschen, gegen Komplexität entscheiden oder gar nicht erst begreifen können.
Die Realität ist, dass ich deshalb keine Hilfe bekomme, auch wenn ich es mit Leuten zu tun habe, die mir wirklich aufrichtig bemüht und angestrengt helfen wollen.
Die Realität ist, dass dies wiederum allein mein Problem ist und bleibt und bleibt und bleibt – weil die Lösungsfindung eine zu komplexe Angelegenheit ist.

Es ist die Hölle.
Ernsthaft.

Einladung zum Sommerpicknick für Viele und Angehörige

"Sehr heller, leicht violetter Hintergrund auf dem im unteren Drittel 5 leicht geöffnete Tulpen mit ihren grünen Stengeln und Blättern liegen. Sie sind von links nach rechts pink mit einem dünnen hellen Rand, lila, weiß, lila und hellrot mit einem dünnen lila Rand. Darauf in grüner, serifenloser Schrift: "Sommerpicknick, für Menschen mit (p)DIS und Angehörige, Hamburg, Botanischer Garten, am 11. 6. 2022 um 13 Uhr, Anmeldung und weitere Infos per E-Mail an sommerpicknick@gmx.de, Wir freuen uns auf euch! Hannah C. Rosenblatt und Paula Rabe"

Die letzten beiden Jahre waren schwierig für alle, die an Austausch mit anderen Vielen und ihren Angehörigen sowie dem aktivistischen Netzwerken interessiert sind. Paula Rabe und wir haben uns deshalb zusammengetan, um dieses Treffen auf die Beine zu stellen.
Wir können uns draußen begegnen, austauschen und auch jenseits aller Themen vielleicht mal einen schönen Nachmittag lang etwas ganz anderes machen als in der letzten Zeit.

Dazu laden wir euch nun also ein.
Teilt den Flyer und das PDF gern mit möglicherweise Interessierten.
Alle Infos und Regeln des Botanischen Gartens findet ihr hier: Link zum Botanischen Garten
Den Einladungsflyer gibt es hier als barrierefreie PDF zum Download: Picknick Flyer

Alle weiteren Fragen und Rückmeldungen sammeln Paula.

das Leiden – #AutismAcceptanceMonth

Leiden entsteht, wenn Grundbedürfnisse nicht erfüllt werden.
Je umfassender der Mangel, desto größer der Leidensdruck.

Vor meiner Autismusdiagnose habe ich am meisten darunter gelitten, mit Menschen in Kontakt kommen zu wollen und doch nie zu kommen. Selbst dann, wenn ich physisch, thematisch und konsensuellen und gemeinschaftlich beschlossen Kontakt mit ihnen hatte. Selbst wenn alle lieb mit mir waren. Vom Viele-, Behindert-, Anderssein wussten und alles.
Es ist eine spezielle Einsamkeit und eine spezielle Isolation – ein umfassendes „mit-sich-selbst“-Sein – umgeben von Menschen zu sein und doch allein. Und zwar nicht auf die „armes Opfer ist so unverstanden/ungesehen/unbeachtet von der Welt, weil nicht alle Menschen die Gewalterfahrungen teilen“-Art, sondern auf die „autistischer Mensch unter nicht-autistischen Menschen“-Art, bei der es darum geht, dass sich nicht nur die Lebens-, sondern auch die Er_Lebenserfahrungen ganz grundsätzlich unterscheiden und die Schnittmenge zuweilen frustrierend gering ist.

Ich habe darunter gelitten, immer wieder aus dem Raster zu fallen. Immer wieder zu merken: Ich enttäusche Erwartungen an meine Funktionalitäten. Ich irritiere mit meinen Dysfunktionalitäten, meiner Bewertung von Situationen und Umständen und leide bis heute darunter anders zu sein als die meisten Menschen in meiner Umgebung und ihre Normen oder auch Ideale, weil ich keine selbstverständliche, intuitive Kongruenz herstellen kann.
Kongruenz ist ein von den meisten Menschen unterschätzte Bedingung zur Erfüllung des Grundbedürfnisses nach sozialem Kontakt bzw. Bindung.
Als autistischer Mensch bin ich nicht bindungsbehindert. Und nein, auch meine Komplextraumatisierung hat meine Bindungsfähigkeiten nicht zerstört, gestört oder auf irgendeine Art verformt. Ich binde mich einfach anders und dieser Stil wird häufig abgelehnt, nicht wertgeschätzt, belächelt oder gar nicht erkannt, weil man von mir das gleiche Bindungsverhalten, wie neurotypische Menschen es zeigen, erwartet.

Mein autistisches Er_Leben umfasst alle Qualitäten des Empfindens. Es gibt keinen Lebensbereich, der davon unberührt ist. Es gibt weder eine Grenze zwischen meinem Alltag und meinen Traumata, noch eine zwischen meinem autistischen Er_Leben und dem, was alle Menschen machen müssen, um zu über_leben. Entsprechend umfassend ist auch mein Inkongruenzerleben.

Manchmal ist das hilfreich. Gerade in der letzten Zeit, in der ich viel mehr als sonst mit anderen Vielen kommunizierte, merke ich: Ich bin nie so sehr in das „Inkognito-als-Opfer-in-dieser-Gesellschaft-unterwegs-sein“-Ding eingestiegen, weil es mir nie die gleiche Beruhigung, den gleichen Gewinn gebracht hat, wie Menschen, deren (einziger) Inkongruenzbereich die eigene Opferschaft/“Verrücktheit“ ist.
Oder negativ ausgedrückt: Egal, wie ich mich zu verbergen versuche, mein „anders-als-die-meisten-Menschen“-Sein, ist nicht zu verbergen. Und weil nicht ich es bin, die_r darüber bestimmt, ob „anders als die meisten Menschen“ etwas schlechtes (weil Erwartungen enttäuschend oder Normen/Hierarchien infrage stellend) ist oder nicht, blieb und bleibt es bis heute so, dass ich oft so allein in Kontakten bleibe, wie ich es bin.
Hilfreich ist das insofern, als dass es mich davor bewahrt hat zu glauben, ich könne durch jedes beliebige Verhalten in jeder beliebigen Situation beeinflussen, dass Menschen sich mit mir verbinden. Ein Kerngedanke des komplex traumatisierten Kindes: „Wenn ich lieb bin, haben mich alle lieb und binden sich positiv an mich (und verletzen mich nicht (mehr)).“
Ich hatte nie Anlass, das zu glauben, weil meine Lebens- und Kontakterfahrungen so umfassend anders waren. Selbst wenn ich lieb war, selbst wenn ich alles richtig gemacht habe, selbst wenn ich gar nicht mehr ich war, es hat nie gereicht, um die nicht-autistischen Menschen in meiner Umgebung umfassend (positiv) an mich zu binden.

Gleichzeitig hat es aber natürlich etwas mit meinem Weltbild gemacht. Von meiner Idee davon, was mich retten könnte. Wofür ich über_leben könnte. Was ich alles mitbedenken muss, wenn ich mich für mein Über_Leben entscheide.
Während viele suizidale Menschen Halt im Kontakt mit anderen Menschen finden oder am Leben bleiben, weil sie eine Familie haben, die sie brauchen oder für die sie sich verantwortlich fühlen, habe und produziere ich tausend Projekte und Vorhaben, die ich nicht unvollständig abgeschlossen liegen lassen will.

Menschen halten mich nicht. Weder am Leben noch im Kontakt.
Sie verorten mich, das ist im Alltag extrem hilfreich.
Sie stimulieren mich, das ist manchmal gut, manchmal re_traumatisierend.
Sie sind ein Mittel zum Zweck der Bedürfnisbefriedigung, das ist eindeutiger ausgedrückt, als es die meisten anderen Menschen über Menschen sagen würden, aber deshalb nicht weniger wahr oder gar ein Anzeichen einer Pathologie.

Ich leide nicht unter meinem Autismus, ich leide nicht unter mir selbst.
Ich leide darunter, dass mein Grundbedürfnis nach sozialem Miteinander von so vielen sozialen Barrieren bestimmt ist, die ich alle nicht auch selbst kompensieren kann. Ich brauche dafür immer mein_e Gegenüber und viel zu oft wird dieser Bedarf nicht angenommen, geglaubt und ihm entsprochen.

Es ist also ein verhinderbares Leiden.
Es wird allerdings nicht verhindert.
Heute leide ich am meisten darunter.

der Perfektionismus – #AutismAcceptanceMonth

Perfektionismus gilt als Persönlichkeitsmerkmal, das mit (extrem) hohen Leistungsstandards und Ansprüchen an die (soziale) Umwelt einhergeht. Viele autistische Menschen werden als perfektionistisch bezeichnet oder als solche gedacht. Vor allem, wenn es darum geht, ihnen zu vermitteln, dass ihre Ziele, Wünsche oder Ansprüche die Grenzen der (sozialen) Umwelt berühren oder brechen könnten.

In solchen Situationen wird nicht gesagt: „Du möchtest zu viel von mir“, „Du überforderst meine Möglichkeiten“, „Du willst etwas Unrealistisches“ sondern „Du bist perfektionistisch. Wärst du nicht, wie du bist, dann hätten wir hier kein Problem.“ oder „Dein Perfektionismus verzerrt deine Wahrnehmung der Realität – du bist nicht fähig richtig einzuschätzen, was richtig ist.“
Es passiert also eine Situation, in der eine Person die Deutungsmacht über die Situation an sich nimmt und die andere Person als nicht nur in ihrer Veräußerung, sondern auch in ihrer Persönlichkeit (ihrem Sein) falsch einordnet.

Perfektionismus ist meiner Ansicht nach ein Schutz- weil Verteidigungsmechanismus.
Wer sich stets und ständig 100 von 100 möglichen Punkten reinholt, stets und ständig alles und immer richtig macht, senkt das Risiko als Fehlerquelle wahrgenommen und abgelehnt oder ausgegrenzt zu werden. Perfektionismus ist ein Verhalten, das viele Menschen besonders in gewaltvollen Kontexten erlernen und einüben, weil es auch ihr Risiko der Verletzung (der Lebensgefahr) senkt. Es kann wie jedes andere Verhalten so lange eingeübt werden, dass es als genuiner Teil der Persönlichkeit, des Seins, eines Menschen erscheint und auch von den betroffenen Menschen selbst irgendwann nicht mehr als Reaktion, sondern als aktives Handeln aus sich selbst heraus empfunden wird.

Ich für mich selbst bin nicht perfektionistisch. Ich bin fixiert auf Vervollständigung und das ist ein Unterschied, den ich immer wieder deutlich zu machen versuche. In der Regel mit mäßigem Erfolg. Möglicherweise, weil ich Gewaltopfer war und man meine Selbstaussagen deshalb nicht ernst nimmt, möglicherweise aber auch, weil sich der Vorwurf von Perfektionismus in unserer Gesellschaft besser als (kommunikative) Waffe eignet.

Ich bevorzuge Vollständigkeit, weil ich mich darin leichter und weniger energieaufwendig zurechtfinde.
Meine Selbst- und Umweltwahrnehmung ist fragmentiert, also unvollständig. Was ich nun sowieso jeden Tag mehrmals machen muss, ist die Eindrücke von meiner Umwelt und mir zu verbinden, um ein (annähernd) vollständiges Bild davon zu erhalten, was (mir) passiert ist und wie der Status des Kontextes ist, in dem ich mich befinde, um eine (annähernd) korrekte Einschätzung darüber zu bekommen, wie ich mich wann wem gegenüber und warum verhalten könnte.
Diese ständige Vervollkommnungsarbeit wird mir erheblich erleichtert, wenn sich Menschen konkret ausdrücken, spezifische Sprache verwenden und mir eindeutig klargemacht wird, welches Verhalten oder auch welche Leistung von mir erwartet wird. Es hilft mir auch, vergleichsweise wenig Varianz in meiner Umwelt zu haben und so wenig wie möglich Abweichung kompensieren zu müssen. Wenn etwa Geräte genau nach Bedienungsanleitung verwendet werden können oder die Räume, in denen ich öfter Zeit verbringe, nicht immer wieder umgestellt oder neu dekoriert werden.

Ich brauche im Alltag mindestens eine Ahnung von der Vollständigkeit der Dinge und Kontexte um mich herum, damit ich mir bestimmter Dinge sicher sein kann. Dabei geht es nicht darum, dass ich mich sicher fühlen möchte, denn dieses Gefühl konnte ich bisher noch nie irgendwo wirklich vollständig herstellen. Es geht um Vorhersehbarkeit und um Klarheit darüber, wie umfassend ich auf meine Schutzmaßnahmen zurückgreifen kann. Also wie und womit ich mich verteidigen bzw. schützen kann.
Seit ich mir diesen Wunsch als legitimes Grundbedürfnis anerkannt habe, statt es weiter als perfektionistische oder traumabedingte Verzerrung meiner Realitätswahrnehmung und deshalb falsch, irrelevant, krankhaft, nicht zuverlässig … zu sehen, schaffe ich es, mir Kontakte und Räume zugänglich zu machen, in die ich vorher praktisch ausschließlich in mehr oder weniger stark dissoziierten Zuständen gehen konnte. Grundbedürfnisse gehören zum Leben. Wer sie nicht achtet, stirbt. Da kann man noch so perfekt die Realität gesehen haben.

Meine Vollständigkeitspraxis ist im Allgemeinen logisch.
Dennoch vervollständige ich (gleichermaßen logisch durch die inzwischen 37 Jahre lange Praxis dessen) zuweilen auch Dinge, die keiner Vervollständigung bedürfen oder nur unter unnötigem Energieaufwand oder auch nie zu vervollständigen sind. Zum Beispiel abgeschnittene Dekormuster. Wegplatten. Die Gespräche von Komparsen in Filmen. Geschirrsets. Serien, die ohne Finale eingestellt wurden. Ich bin mir dessen bewusst, habe Gefühle dazu, kann sie aber auch wieder ziehen lassen, wenn ich die Gründe dafür nachvollziehen kann.
Außerdem genieße ich geometrische Vollständigkeit, die mit Symmetrie einhergeht, sehr, weil sie mir als einziges visuelles Stimming ermöglicht, das in der Regel nicht sozial unerwünscht ist. Scheinbar gibt es hier eine Schnittmenge mit den meisten Menschen.

Vollständigkeit ist kein Synonym für Perfektion.
Zu vervollständigen kann eine Beschwichtigungsgeste sein, weil es (berechtigte) Ängste vor Fehlern oder Mängeln gibt. Ich habe die letzten mir fehlenden Staffeln „Emergency Room“ aber nicht gekauft, weil ich Angst davor habe, dass mein DVD-Regal scheiße aussieht, wenn eine unvollständige Serie darin steht, sondern weil ich weiß, dass ich sie im Kopf immer wieder vervollständige, wenn ich sie sehe.
Jetzt gehe ich daran vorbei, bin froh über die Vollständigkeit

und peste mich, dass die Boxen nicht alle das gleiche Design haben. 😅

15 Jahre nach dem Ausstieg

Der Krieg hat etwas in mir verschoben.
Erst kam die Starre, dann die Bilder, die Albträume, die Schmerzen. Seit Monaten gehören Schmerztabletten zu meinen Mahlzeiten wie eine unverzichtbare Zutat.
Es ist das 15. Jahr nach meinem Ausstieg und ich bin auf eine Art mit Überzeugungen und Ängsten geflutet, wie noch nie zuvor.
Was auch immer sich verschoben hat, es hat rohes Fleisch offengelegt.

Situationen wie diese gehören dazu. Zum Leben und besonders zum Leben nach dem Ausstieg. Zumindest habe ich es so oft bei anderen Vielen mit_erlebt, dass ich es kaum getrennt voneinander denken kann.
Bei mir ist es einfach nicht so gewesen. Vor 5 Jahren nicht und auch nicht in den Jahren davor.

Ich hatte immer nur die BÄÄMS. Die Schreihälse, die mir ihren Hass entgegenbrüllen oder subtil ins Denken injizieren. Die immer wissen, was ich falsch mache, was ich nicht darf und was einfach nicht mein Ernst sein kann. Wegen der Lächerlichkeit.
Die Dunkelbunten sind nur Theorie. Irgendwie bis heute. Obwohl ich merke, was sie da machen. Was sie in mir bewirken und an wem. Jetzt, wo so viel frei liegt, dass es weh tut. Obwohl ich weiß, dass täter_innenloyale und täter_innenidentifizierte Innens nicht das gleiche wie „destruktive Innens“ sind. Jedenfalls nicht in unserem Systemkomplex.

15 Jahre nach dem Ausstieg wollte ich einen super inspirierenden Beitrag schreiben, der Kraft gibt, Hoffnung schöpfen lässt, der andere Betroffene in ihrem Ausgestiegensein bestärkt.
Und jetzt sitze ich hier, muss anerkennen, dass wir weiterhin nicht den inneren Ausstieg geschafft haben und mit Schwierigkeiten kämpfen, die in unserer heutigen Situation doch eigentlich leicht zu bewältigen sein müssten. Wir haben alles, was man dazu braucht -Therapie, sichere Bindung, stabiles Leben, Arbeit, Selbst_Bewusstsein, viele Skills und noch mehr Prozesserfahrung – und trotzdem. Nein, es ist nicht leicht. Es ist kein Zustand aktiven Tuns, sondern einer von Aus_Halten und hoffen, dass die Therapeutin weiß (und mir sagt), was ich jetzt wie tun oder überlegen könnte, um zu verstehen. Oder so.
Vielleicht gibt es nichts zu verstehen. Ich habe keine Ahnung.

Ich bin frustriert darüber, dass ich nur meine Therapeutin habe – und also nur diese anderthalb Stunden alle zwei Wochen – um die Möglichkeit des Versuchs etwas von all dem mitzu.teilen überhaupt anbahnen zu können. So wütend, ungeduldig, manchmal grenzenlos hasserfüllt darüber, dass ich nicht einfach damit rauskomme. Obwohl ich mir doch alles genau dafür vorbereitet habe. Doch alles frei ist. Da ist kein Hindernis, gar nichts. ES bleibt wortlos. DAS DA Emotion ohne Kanal. Meistens das weiße Nichts, das ich als „das Inmitten“ (in mir) kenne. Ein zentrierter Punkt, in dem alles so krass ist, dass es nichts, alles, einfach nur ist.

Neu ist das Gefühl der Enttäuschung.
Vor 20 Jahren hat sich nur meine Ärztin getraut überhaupt anzunehmen, dass ich organisierte Gewalt erfuhr, vor 15 Jahren musste ich den Ausstieg alleine machen, weil niemand verstanden (oder geglaubt) hat und heute gibt es immer noch weder (bedarfsgerechte) Ausstiegshilfen, noch geschützte Räume zur aktiven Auseinandersetzung für Menschen in meiner Situation.
Da haben sich Behandler_innen jahrelang den Mund fusselig geredet, wurden Konferenzen und Fachtagungen gemacht, haben sich Betroffene bei YouTube präsentiert und in Blogs offenbart – da wurden „wir“ vom Staat gehört, der eine fancy Broschüre hat drucken lassen und, was ist davon jetzt hier und heute wirklich nutzbar? Es gibt weiter keine Kliniken, weiter keine Hilfsangebote, die über oberflächliche Beratung und allgemeines Eiei hinausgehen. Ausstieg ist ein individueller Prozess, der direkt und persönlich begleitet werden muss. Lange. Oft. Bedingungslos. Bedarfsgerecht.
Was es jetzt gibt, ist nicht genug und das ist eine bittere Erkenntnis, wenn man wie ich einen großen Zeitraum zu Vergleich hat, in dem bereits so viel mehr als vorher passiert ist.

Dass es mich enttäuscht, ist neu. Vielleicht, weil ich heute überhaupt erwarte. Vielleicht, weil ich nicht durchschauen kann, warum sich da einfach nicht mehr, nichts Konkreteres tut. Warum ist diese Gesellschaft einfach so grundsätzlich ok damit, dass Menschen leiden?
Sind wir selber schuld? Ist es die Idee von Sichtbarkeit, die sich als irrig entpuppt? Sagen was ist und drauf verlassen, dass es niemand so belassen will – scheinbar wollen es genug Leute doch so belassen. Was bedeutet das in Bezug auf den Stellenwert meines Leidens? Vielleicht leide ich gar nicht.

15 Jahre danach wollte ich weiter sein. Klarer.
Aber nein. Nichts ist klar. Ich bin nur weiter.
Wo, das muss ich noch mehr verstehen.

Rezension: „Mit dissoziativer Identität leben und Traumapädagogin werden“ von May-Lo

Buchcover von Mit dissoziativer Identität leben und Traumapädagogin werden von May-Lonah dran

Einen Erfahrungsbericht einer Person mit DIS, während einer pädagogischen Ausbildung – das hat es so noch nicht gegeben.
May-Lo nimmt die Lesenden mit in ihre Auseinandersetzung, die von einer Fortbildung zur Traumapädagogin ausgelöst wurde. Vom Erkennen des Wieder_Erinnerns zur Re_orientierung in einer Gegenwart als Mutter, Begleitende, Funktionierende nach organisierter Ritueller Gewalt, stellt die Autorin viel Nähe her.

diffuse Prozesse – klare Worte

Eine klare Sprache inmitten uneindeutiger Kontexte, unverbundener Bindungen und zuweilen scheinbar ziellosem Vorwärts, trägt hier über 168 Seiten. Es gibt keine nachgezeichnete Struktur dessen, was die Autorin prozessiert. Was sie zu halten scheint und als einzige Richtschnur der Leser_innen dient, ist die Gegenwart. Das Jetzt und der nächstmögliche Schritt.
Ein intensives Er_Leben nach Erfahrungen, die markiert durch eine kleine Grafik, immer wieder gleichsam und umfassend intensiv wirken.

Sein und Werden

Das Ende ist ein Anfang. Ein neuer, ein alter, man erfährt es nicht.
Geht es um eine Befreiung? Haben wir hier die Story mit dem Weg ins Licht, die Freiheit, der Opferschaft weit hinter sich und Ruhe in Frieden zum Greifen nah? – Das bleibt offen und ist meiner Meinung nach das Beste am ganzen Buch.
Denn definitiv gibt es keine Selbstabwertung aufgrund der eigenen Erfahrungen, der Ängste, der Kämpfe, der Belastungen. Es gibt einen berechtigten Stolz auf geschafftes und angeeignetes und eine wie freiwillig auch immer hergestellte Anerkennung dessen was ist. Sowohl des eigenen Seins jetzt als auch des Werdens in Zukunft.

Alles das macht „Mit dissoziativer Identität leben und Traumapädagogin werden“ zu einem Buch, das den Blick auf Menschen mit DIS erweitern, die eigenen Vor_Urteile und Ideen von Traumaarbeit jedoch auch konfrontieren kann.
Hier sehe ich die Rahmung des Manuskripts vom Verlag einigermaßen misslungen. Da konkrete methodische Struktur und Einordnung fehlt, ist dieses Buch kaum Menschen zu empfehlen, die noch keine Vorkenntnisse über dissoziatives Erleben und/oder organisierte Rituelle Gewalt haben. Auch ist fraglich, ob es der Intention der Autorin gerecht wird, wenn man ihre Erzählung als etwas hernimmt, um „die traurige Realität“ von sexualisierter Gewalt sichtbar zu machen.

Für Betroffene, die erfahren wollen, wie eine andere Person mit DIS mit sich arbeitet, um an sich arbeiten zu können, ist es hingegen von besonderem Wert.

„Mit dissoziativer Identität leben und Traumapädagogin werden“ von May-Lo ist am 1. April im Asanger Verlag erschienen und kostet 19,80 €.
Die Autorin twittert unter dem Handle @kurzvorlila