die letzten Stunden des Jahres

Am Vormittag ruft der Begleitermensch an.
Wir sprechen über meine Emotionsverwirrung. Über meine Wut, die eine andere ist, als Außenstehende zu erwarten scheinen. Über mein Überarbeiten, um mir das Gefühl von Kontrolle zu erhalten und darüber, dass ich, deren Magen ein unendlich großer, unendlich unempfindlicher Ballon ist, zum dritten Mal in diesem Jahr Gastritis habe.
Einen Tee in der Hand höre ich ihm beim Denken zu und schaue auf die letzten Stunden des Jahres, die von wenigen Autos und vielen Rabenvögeln auf dem wintergrünen Feld begleitet werden. Er fragt, was helfen würde und ich lasse etwas los. Vielleicht ein Stück Maske, die mich flexibler darstellt als ich bin. „Na, wenn sie noch da wäre, würde das helfen. Wenn wir einen ordentlichen Übergang machen könnten. Wenn es nicht so eine Situation wäre, in der wir uns zu großen Teilen für eine neue Arbeitsbeziehung entscheiden müssten, weil die Situation mit ihr alles schlimmer macht, als es müsste.“ antworte ich. „Du abartiges Mistvieh, jämmerliches Heulbaby bescheuertes“, antwortet es mir von innen.
Die Dynamik meiner geistigen Starre ist so verlässlich wie eindeutig. Ich wollte nie, dass wir nicht mehr miteinander arbeiten, sie hat das entschieden, ich habe maskiert, kompensiert, so getan, als wäre die Veränderung etwas, womit ich Schritt halten kann, denn ich bin ja kein Heulbaby, ich bin ja erwachsen, von mir kann man erwarten, dass ich Schritt halte, mich bewege, mitgehe, dem Strudel der Veränderungen folge, wie ein Grashalm im Wasser. Dass es mich und meine Kraft zersetzt, dass ich leide, wird angenommen, weil Scheiden schmerzt, nicht, weil sich damit mein ganzes Leben auf allen Ebenen verändert und ich für die Neuanpassung so unfassbar viel mehr aufbringen muss, als in mir ist.
Dass es nicht mehr so wird, wie es mal war, ist gerade in mir angekommen und passt zum Jahreswechsel, wie die Farben in einer perfekten Komposition. Aber die Akzeptanz dessen ist nicht gleich der Akzeptanz ihrer Wirkungen. Die überfluten mich, schieben mich in immer größere, immer drängendere Arbeitsprojekte, während meine Leistungsfähigkeit spürbar abnimmt. Ich verliere mehr Zeit, beobachte mich öfter, verliere häufiger den Faden in der eigenen Organisation. Das ist inakzeptabel, macht mich inakzeptabel, bringt uns in Gefahr, noch mehr zu verlieren als eine Arbeitsbeziehung.

Eine Stunde später schreibe ich einen Termin meinen Kalender. Dann merke ich, dass der Partner und die Hunde nicht da sind. Ein letzter Einkauf und eine Hunderunde stand noch auf seinem Zettel.
Ich lese die Diskussion unter dem letzten Blogartikel und frage mich, wie dick die Haut wirklich ist, die das Außermir vor meinem Leiden unter Missinterpretation und nicht erkannten Verbindungsversuchen schützt. Dann fange ich an zu putzen.
Wäsche zu machen, den Abwasch abzutragen, zu saugen, zu wischen, während der Partner Brühe für etwas kocht, das man „Hot Pot“ nennt. Es funktioniert wie ein Fondue. Man gart kleine Stücken Gemüse oder auch Fleisch und Tofu in würziger Brühe, die man dann mit einem kleinen Kescher herausfischt und mit verschiedenen Soßen isst. Sehr lecker.

Nach dem Essen schauen wir Filme, dann spielen wir Phase 10 und erzählen uns, was 2020 gut war.
Draußen knallt ab und zu eine verirrte Eigenverantwortung, halb 12 öffnen wir den Sekt. Wir haben Wunderkerzen und einander. Dass wir uns nicht infiziert haben, ist unter den Top 3 der besten Dinge, die passiert sind.

Kein Schicksal, keine Herzensgüte

„Haben Sie sich gestritten?“, fragt meine Neurologin auf der Suche nach einem Grund für das Ende der Therapie. „Nein, gar nicht“, antworte ich, „Das ist ja das schlimme. Das wär ja einfach.“
Weiter hinten tobt es. Ist wütend, obwohl es überhaupt keinen Sinn hat.

Zwei Tage vorher hatten wir mit der Therapeutin telefoniert. Das war so verabredet, weil ich mit der Wut nicht zurechtkam. Fürchtete, an einem nicht vorhersehbaren Punkt, die Ohnmacht hinter der Wut als unaushaltbar zu empfinden. Weiß, dass ich mich kümmern muss. Verantwortung übernehmen muss. Was in meinem Fall bedeutet, genau nicht zu tun, was das bindungszerstörte Innere will: Dissoziation, Trennung, Vernichtung bis (es) nicht.s mehr ist.
Sie hatte eine lange E-Mail von uns bekommen und war nicht darauf vorbereitet, dass ich mich damit befasst haben würde. Dass ich nicht zulassen würde, dass wir darüber reden. Dass ich ihr keinen Raum für eine Verdrehung unserer Beziehung geben würde – und uns keinen für eine Reinszenierung.

Ich sagte ihr, dass ich glaube, dass sie uns das, was die Inneren sich, uns, von der Auseinandersetzung wünschen, nicht geben kann, selbst wenn sie wollte, weil sie noch zu nah dran ist und ich, Hannah, die funktionale Helfertraumaschale, gar nicht nah genug dran bin. Und dass wir nichts von einer Auf.arbeit.ung mit ihr haben, wenn sie nicht mehr mit uns arbeiten will.
Therapie ist Beziehung, Beziehung ist Arbeit, Arbeit war die Grundlage unseres Kontaktes. Sie hat uns genauso wenig wie viel einen Gefallen damit getan, mit uns zu arbeiten, wie es mir, uns, Kraft gekostet hat, mit ihr zu arbeiten. Es ist ihr Job und meine Existenz. Kein Schicksal, keine Herzensgüte – mein Versuch unser AmLebensein aushaltbar zu machen und all die Unterstützung und Begleitung, die sie bieten konnte. Nicht mehr, nicht weniger und davon vieles, was ich als Erfahrungswissen nie verlieren möchte, gerade weil es kein Geschenk von ihr, sondern das Ergebnis meiner, unserer, Arbeit, unseres Mutes, unserer Anstrengungen ist.

Um einen Rahmen zu spannen, schlug ich vor, in einem halben Jahr einen Termin für einen Abschied zu vereinbaren. Wir sollen sie anrufen, um ihn zu vereinbaren und sind damit wieder die Person, von der alles ausgeht, die vorgeblich alles in der Hand hat, obwohl völlig klar ist, dass das nicht stimmt.

Ich glaube nicht, dass ich diejenige sein werde, die sie in 6 Monaten anruft.

die Klapsen-Gedankenschleife

Es rauscht und knackt in der Leitung, am anderen Ende gibt es Probleme mit Soft- und Hardware. „Hm, in ihrer Gegend kann ich ihnen keinen Termin vermitteln.“ Der Mitarbeiter der zentralen Terminvergabestelle klingt irritiert. In mir zieht sich etwas zusammen. Ich lasse ihn im Umkreis von 50 Kilometern suchen, dort findet er etwas.
Als ich auflege, brennt meine Haut. Mir ist schlecht, ich bin erschöpft. Ob immer noch oder schon wieder kann ich gar nicht so genau sagen. In der Nacht hatte ich einige Stunden damit verbracht herauszufinden, ob ich wirklich ganz aus Schmerz bestehe oder ein Erinnern mich das glauben lässt. Am Morgen hatte ich eine lange Selbstmotivationsphase gebraucht, um daran zu glauben, dass es gut ist, dass es wichtig ist, dass ich genug dafür bin, mich um einen weiteren Termin zu kümmern.
Jetzt sitze ich am Schreibtisch und fühle meine Kopfhörer wie die Berührung einer Person, die mich da erreichen will, wo es am schlimmsten ist. Sehe meine Arbeit, meine Projekte wie Türme, die weit über mich hinausragen, erinnere mich an meine Zukunftswünsche wie an einen Traum, den ich mir nie hätte erlauben dürfen.

Für eine Weile bin ich aus Stein. Mir laufen Tränen eine nach der anderen auf der gleichen Bahn über die Wange ans Kinn, wo sie sich sammeln, um gemeinsam auf meinen Pulli zu fallen. Ich beobachte das, fühle nichts, denke nur daran, was für ein jämmerlicher Zustand das ist. Was für ein erbärmlicher Wurm ich bin. Was für ein ekelhaftes Klischee.
Weiter hinten gibt es einen Streit darüber, was es bedeutet eine_n Therapeut_in zu brauchen, daneben steht die Erinnerung an die Pflegeperson aus der KJP, die mir vor 16 Jahren sagte, dass ich mich schon mal drauf einstellen könne, immer irgendeine Form von Therapie zu brauchen, weil bei mir einfach alles so richtig kaputt wäre.

Vor einigen Monaten habe ich mich so heil gefühlt, dass ich dachte, in ein zwei Jahren fertig zu sein und vielleicht nur noch das Autismuscoaching als Unterstützung zu brauchen. Wir haben über ein Kind nachgedacht, über Heirat, über eine kleine berufliche Selbstständigkeit. Darüber, das Nachwachshaus-Projekt auszuentwickeln, über einen Alltag, in dem meine psychische Beschaffenheit keinen Krankheitswert mehr hat. Jetzt kommt es mir naiv vor. Vermessen. Dumm.
Gesund, normal, ohne Therapiebedarf sind immer nur die anderen. Unbesprochenen Alltag, unbearbeitete Wahrnehmung, das dürfen immer nur die anderen haben. Mir ist das Leben nur dann zuzumuten, wenn jemand mit Fachwissen auch drin ist.

Ich bin in der Klapsen-Gedankenschleife. Getriggert bis unters Dach. Noch zwei drei Kreisel und ich bin suizidal. Kann keinen Sinn mehr sehen, nicht mehr an den Unterschied zwischen „real“ und „wahr“ glauben.
Ich hänge meine Wäsche auf, mache mein Bett, schalte den Wasserkocher ein und beobachte die Bewegungen darin. „Heute ist es anders als früher.“ denke ich und kann keine Entlastung im Gedanken an einen Suizid finden. Da wäre zu viel vorzubereiten, so viele Leute zu verlassen, ohne, dass sie es merken, was mir nie gelingen wird.
Ich rufe bei der Neurologin an. Die Praxis ist zu, ich rufe bei der Therapeutin an, die drückt mich weg. Ich rufe den Begleitermensch an, die Mailbox. Merke wie es hinter mir nickt und sagt: „Siehst?“

„Ich bin überfordert.“ denke ich. „Ich bin überfordert und das ist schon alles. Das passiert. Das ist auch Leben.“ Ich entscheide mich für ein Frühstück, verschließe die Stelle im Auge, aus der die Tränen kommen. Als ich dabei bin zusammenzubrechen, weil mir meine Handlung in Einzelteile und Bedeutungslosigkeit zerfällt, klingelt das Handy.
Die Therapeutin ist dran.

übers Verstecken und versteckt werden

„Sie verstecken sich.“
An der letzten Therapiestunde war so vieles problematisch, so viele rote Flaggen wehten im Wind, der sich wohl schon länger unbemerkt von mir gedreht hatte. So viel, dass mir dieser Abschnitt erst jetzt wieder einfällt.
„Sie verstecken sich.“

Ich hatte erzählt, dass es mich manchmal anstrengt, nicht mehr einfach so viele sein zu können wie früher im Bullergeddo. Nicht, weil hier ein striktes Wechselverbot oder Anteilnahmeverbot am Leben mit dem Freund herrscht, sondern, weil wir einfach nicht mehr alleine sind und es heute von Relevanz für jemanden ist, was bei uns los ist.
Unser Sein im Bullergeddo war oft sehr einsam und viel davon beeinflusst, dass wir nicht wissen konnten, was wir nicht wussten. Waren wir nachts draußen auf dem Rad unterwegs oder in Panik durch die Heide rennend? Haben wir gegessen? Wenn ja, was? Wann war ich zuletzt duschen? Das war zwar immer irgendwie wichtig, aber nicht wirklich relevant. Viele Menschen machen sich einfach nicht klar, dass dissoziative (Alltags-)Amnesien vor allem wegen ihres Anspruchs an Bewusstsein für alles überhaupt ein Problem ist oder als krank eingeordnet wird – wenn man damit einfach so lebt, ohne jeden Anspruch oder Notwendigkeit dafür, zeigt sich das aber sehr.
Wenn ich nicht wusste, ob ich geduscht hatte, bin einfach nochmal gegangen. Essen kann man auch mehrfach am Tag. Sich umziehen. Aufräumen. Sich auf Wunden untersuchen. Die eigene Kommunikation nachverfolgen. Man kann viel kompensieren und wenn man nur sich selbst auf die Reihe kriegen muss, dann muss man das nur mit sich in der akuten Situation abstimmen.

Jetzt leben wir mit dem Freund zusammen. Und obwohl wir uns keine Wohnung teilen, so teilen wir doch unsere Leben miteinander und manches müssen wir heute anders kompensieren als in den letzten Jahren. Das ist anstrengend. Für ihn auch, der ebenfalls einige Jahre vorher alleine gelebt hat. Das bedeutet nicht, dass wir uns verstecken.

Wir haben Texte gelesen, in denen Viele beschreiben, wie sie sich Pläne machen, wer was wann wie „dr_außen/vorne machen darf“. Wie viel Kraft es sie kostet und wie sehr es sie kränkt, wenn die Inneren im Außen nicht erwünscht sind. Viele Viele müssen sich wirklich aktiv verstecken und leiden darunter. Bei uns ist das nicht so.
Unser ganzes Konzept dazu ist völlig anders.
Erstens können wir überhaupt nicht nach Plan wechseln oder nach Entscheidung. Wir sind nach wie vor auf Triggermechaniken bzw. Handlungsautomatismen angewiesen und nach dem Modell der strukturellen Dissoziation ist das auch total logisch so – nichts daran ist falsch oder krank, sondern wirklich so richtig knacke logisch.
Zweitens bedeuten Wechsel bei uns nicht, dass wir sie immer sofort selber merken, so nach dem Motto: „Ah jetzt endlich bin ich mal draußen, jetzt kann ich endlich XY machen.“ Es ist viel öfter so, dass wir tun, was wir immer tun, wenn wir da/aktiv/bewusst sind und erst dadurch der Wechsel überhaupt möglich zu erkennen und zu benennen ist. Und noch viel öfter ist es so, dass jemand etwas tut und dann sofort wieder weg ist und es völlig irrelevant ist, ob jetzt X oder Y dieses oder jenes getan hat, weil getan ist getan und relevant ist, mit der Verantwortung für das Getane umgehen zu können. Das ist etwas, das uns so derartig eingeprügelt eintrainiert reintherapiert wurde, dass es uns einzelne Innens unsichtbar – versteckt – macht und gleichzeitig aber auch sehr an das Handeln als Einsmensch bindet, was ja die Realität ist und die Ebene, auf der wir mit der ganzen Mitwelt interagieren.

Drittens ist unser individuelles Unsichtbargemachtsein und -bleiben im Grunde genommen auch genau, was frühere Therapien bewirken sollten. Wir konnten uns über Jahre nicht dagegen wehren, wenn Erwachsene – Behandler_innen, wie Pflegepersonal – uns dafür bestraft haben, was wir getan haben, ohne, dass wir wussten, was wir getan hatten (und warum). Wenn sie uns emotional wie (unter Zuhilfenahme der anderen Patient_innen einer Station) sozial unter Druck gesetzt haben, um uns zu Verhalten zu zwingen, das dieses permanente Nichtwissen kompensiert und unsere individuelle innere Beteiligung verunsichtbart.
Es ist also auch eine Helfertraumafolge, dass wir einerseits unfassbar krasse Panik davor haben, wenn einzelne von uns mit Namen und Funktion sichtbar werden – gleichzeitig aber auch ein Therapieerfolg, dass es keine Relevanz für uns hat, dass es diese Einzelnen von uns überhaupt gibt.

Wenn wir uns Sorgen machen zu wechseln, dann weil wir um die Folgen  und Implikationen wissen.
Es ist der totale Kontrollverlust, wenn zum Beispiel ein Wechsel zu Kinderinnens nicht verhinderbar ist, weil irgendein Traumatrigger greift, der nur über eine Handlung außen kompensierbar ist. Dann haben wir ein ernsthaftes Problem, sind ernsthaft schutzbedürftig und brauchen unter Umständen Reorientierungsreize, um den Zustand zu verlassen bzw. „zurückzuwechseln“. Aber das eigentlich Schlimme ist dann schon passiert. Unser Gehirn hat dann eine Situation fehlinterpretiert und auf einen Zustand umgeschaltet, damit umzugehen. Das Schlimme, das Kranke, das Gefährliche an unserer Traumafolge ist eben diese Fehlinterpretation. Die Annahme, jetzt gerade oder ganz gleich passiere die Wiederholung einer Traumatisierung und das mit dem Wechsel verbundene Wiedererleben.
Für uns, für mich, Hannah, ist es an sich überhaupt nicht schlimm, wenn Kinderinnens außen sind – für mich, für uns, ist daran schlimm, dass wir als Einsmensch innerlich eine Traumatisierung wieder_erleben bzw. wie in Zeiten er_leben, die traumatisch waren. Bei uns ist noch nie ein Kinderinnen draußen gewesen, weil es das so gerne wollte, sondern immer nur, weil wir als Einsmensch auf bestimmte Situationen im Außen noch keine andere Reaktionsmöglichkeit entwickelt haben, als die, wie wir sie als Kind haben entwickeln müssen.
Deshalb sind Kinderinnens im Kontakt mit Behandler_innen oder Freund_innen für uns kein Zeichen von Vertrauen, sondern von einem Macht(Gewalt)verhältnis und also akuter Bedrohung bzw. von einer Situation, in der es so viele Parallelen gibt, dass unser Gehirn sie als (möglicherweise) traumatisierend einordnet.

Als Einsmensch sind wir nicht unsichtbar. Als Einsmensch, der Viele ist auch nicht.
Alle mit denen wir regelmäßig Kontakt haben wissen, dass wir Viele sind. Dass wir sehr lange Gewalt erlebt haben und bis heute davon beeinträchtigt sind.
Wir sind unter dem Namen Hannah C. Rosenblatt Autor_in, die_r offen damit umgeht, dass sie_r gewalterfahren und Viele ist. Podcaster_in, die_r in über 50 Folgen darüber spricht, wie das ist gewalterfahren und Viele zu sein. Dieses seit über 10 Jahren öffentlich zugängliche Blog hat über 1.500 Beiträge darüber, dass ich Viele bin und was ich erlebe.
Ich, wir, sind absolut keine Person, die sich versteckt. Viel eher sind wir eine Person, die nicht erkannt wird. Die nicht verstanden wird. Die in einigen doch einigermaßen relevanten Aspekten nicht gesehen wird. Und das ist eine völlig andere Sache. Eine, die wir nur wenig beeinflussen können, weil das in anderen Menschen passiert und eine, die uns viel öfter versteckt, als wir das je herstellen könnten.

Wir können immer nur sagen: „Hier, dieses Buch erklärt ganz gut, was Vielesein ist.“ Sagen: „Frag mich, wenn du etwas nicht verstehst.“ Erklären. Ressourcen bereitstellen. Aufzeigen, dass man mit uns nicht umgehen muss, als wäre unsere Er_Lebensrealität ein außerordentlich schwer zu entschlüsselndes Geheimrätsel.
Viele Viele müssen sich wirklich verstecken. Sie werden von Täter_innen bedroht, müssen aufpassen, dass sie sich nicht in Situationen bringen, die sie zur Anzeige von Straftaten zwingen. Manche müssen Angst haben, dass man ihnen Sorge- und andere Rechte entzieht. Dass sie ihren Job verlieren, ihre Würde, ihre soziale Stellung. Ihre Zukunft, ihre Gegenwart.
Wir müssen das nicht und halten das für ein Privileg von uns. Wir können es uns leisten so sichtbar zu sein, wie wir es im Moment sind.

Es ist nur nicht leicht.
Das ist es wohl nie.

die Auseinandersetzung mit der Therapie

„Ich muss mich schon auch hinterfragen, was die Therapie für mich eigentlich ist.“ Ich schaue aus dem Fenster und rolle das Kopfhörerkabel zwischen Daumen und Handinnenfläche. Am Telefon ist der Begleitermensch, dem ich die Therapiesituation zu erklären versuche, während sie für mich selbst noch nicht klar genug ist.
Wir haben alle zwei Wochen einen Termin. Liefern Material, haben Dinge aufgeschrieben, kommen im Grunde aber nicht dazu, das zu bearbeiten, weil Dinge passieren, die wichtiger sind. Same old also, aber verteilt auf alle zwei Wochen.
Ich bin frustriert. Verunsichert. Fühle mich wacklig vor innenkindlicher, innenjugendlicher Überzeugung, dass das alles einfach nur eine neue Art des Verlassenwerdens ist. „Sie entwöhnt uns“, drängt es mir immer wieder in den Kopf, wenn ich darüber nachdenke, was ich beim nächsten Termin besprechen möchte. „Lass es. Es hat keinen Sinn mehr. Du schadest dir selbst. Lass los.“ Und irgendwann, wie genau jetzt an diesem Samstag zum Beispiel, drei Tage vor dem nächsten Termin, merke ich: Ich habe etwas losgelassen, obwohl ich mich nicht dazu entschieden habe. Ich habe nichts notiert, weil es schon genug Aufgeschriebenes gibt, was wir besprechen wollten, sollten, müssen, ich kann es nicht mehr finden. Die Erinnerung, der Eindruck, das Ding ist weg und damit was auch immer ich in der Therapiestunde ordnen und konkretisieren zu können gehofft hatte.
Alles blank, als hätte ich mir nur eingebildet irgendetwas irgendwie mal gehabt zu haben, von dem ich dachte, dass die Therapiestunde dafür ein guter Rahmen sei.

Wir sind schon so lange in Therapie, dass es legitim ist zu fragen, ob es überhaupt noch das bringt, was man erreichen will und braucht. Wir sind in einer Pandemie und es gibt viele Menschen, die genau jetzt akut Hilfe brauchen. Viele meiner akuten Probleme haben weniger mit akuter posttraumatischer Belastung zu tun als damit, dass meine Dysfunktionalität (die praktisch durchgehende Dissoziation) dysfunktional wird – was vielleicht etwas ist, womit man so oder so ohne therapeutische Hilfe klarkommen muss? Weil, tja, also welche Traumatherapie wird je so lange bezahlt, dass diese Phase der Traumaverarbeitung genauso begleitet werden kann, wie die der akuten Symptome?

Ich könnte mein inneres Blanko, mein leeres Regal leer sein lassen und einfach weitermachen. Es funktioniert ja. Das haben wir ja erreicht. Mein leeres Regal beeinträchtigt meine Alltagsfunktionalität nicht mehr, weil ich nicht mehr die krass unkontrollierbaren PTBS-Symptome habe. Wenn eins aufkommt, kann ich es kontrollieren, sofort verkopfen und weiter machen.
Und weil meine Kindheit und Jugend vorbei ist, ist es ja im Grunde eh egal, wenn ich eine oder zwei Erinnerungen daran schon wieder verdisse, bevor sie mir eingeordnet und integriert ist. Niemand wird kommen und mich abfragen. Und ich weiß ja schon, dass es immer nur um irgendwelchen Abfuck geht, nach dem heute kein Hahn mehr kräht.

Im Gespräch mit dem Begleitermensch merke ich, wie ich die Entscheidung der Therapeutin verteidige, wie ich meine Mutter lange verteidigt habe, wenn sie Entscheidungen getroffen hat, die bedeutet haben, dass ich alleine mit Situationen war, die mich hoffnungslos überforderten. Registriere das Mamiding dadrin, bin kurz erschrocken, dann wieder völlig klar. Wieder lasse ich irgendetwas los ohne zu wissen, was genau und werde mir bewusst, dass auch das wieder etwas ist, das in der Therapie unbesprechbar wird.
Wieder bröseln mir Inhalte auf ein Maß zusammen, das ich deutlich spüre, aber nicht zusammenkriege.

Der Begleitermensch bietet an, wieder öfter in Kontakt zu sein. Das verändert etwas.
Ich merke, dass ich weniger Angst davor bekomme, wieder in die alte ohnmächtige Sprach- und Erklärlosigkeit zu geraten. Auch gegenüber der Therapeutin. Und ich merke, wie sehr mich das in meinem Erwachsensein stärkt.
Merke aber auch, dass das etwas ist, was ich brauche – und immer gebraucht habe – um die Therapie so machen zu können, dass ich wirklich auch mal fertig bin und nicht ständig das Gefühl habe, eigentlich nie alles sagen zu können, was ich wichtig finde, weil es den Rahmen sprengt, den Intellekt, den Mut, die Offenheit meines Gegenübers übersteigt oder, weil ich nicht die Kraft Geduld Kraft habe, alles so zu erklären, dass nicht noch mehr Redezeit für solche für mich inhaltlich wie persönlich irrelevanten Schleifen, draufgeht.

Ich will mich nicht dafür verurteilen, dass ich nach so langer Zeit in dieser Therapie bestimmte Schritte nicht schneller, besser, umfassender hinkriege. Merke aber, dass ich auch immer noch nicht richtig dahin komme zu akzeptieren, dass wir uns hier seit Jahren in einer Therapieform abmühen, die einfach größte Barriere für uns beinhaltet: Kommunikation und Interaktion – also: Reden, um zu verstehen.
Wir machen hier nicht nur etwas, was schwerfällt, weil die Dissoziation, Scham oder Täter_innendrohungen dauernd dazwischenfunken und Dinge schwer zu benennen macht, sondern kompensieren auch den Autismus und alles, was da im Gepäck dabei ist. Dazu gehört, dass wir mehr Zeit, mehr Umwege, längere Phasen der Auseinandersetzung brauchen – und ja, das alles auch in total heiklen Momenten, wo links und rechts meterhohe Triggertürme sind, die jederzeit kippen könnten und uns wieder durch das Trauma schicken.

Als Erwachsene_r will ich mir sagen: Hey, take your time. Du machst das nicht mit Absicht, du gibst dein Bestes, die Fortschritte zeigen das. Es ist nicht wirkungslos, diese Therapie zu machen.
Als Patient_in, die_r es mit großer Wahrscheinlichkeit nicht noch einmal schafft, sich so an eine_r Behandler_in zu binden denke ich: „Wenn ich nur nicht so scheiße wäre, wie ich bin, dann…“

Als jemand, die_r eine Lösung sucht, bin ich überfordert.
Und das ziemlich.

Zeit

In der Zeit orientiert zu sein, ist ein mehrdimensionaler Zustand.
Mein Kopf ist dicht, die Luft zieht an mir vorbei wie ein körperwarmer Seidenschal. Jetzt ist der Moment für die schwere Decke, heute bin ich nicht zu Hause.
Zeitliche Orientierung ergibt sich nicht wie das Ein- und Ausschalten von Licht.
In mir bewegen sich Wackersteine. Sie reiben über mein Schädelinneres, drücken sich gegen meine Haut. Jetzt ist der Moment für Kontakt mit anderen Menschen, aber sie sind 16 und 12 und stehen vor Kleinkindern.

Es ist das Eine zu wissen, dass alles vorbei ist. Das Andere zu begreifen, dass man nichts mehr tun kann.
Und, dass das, was man sich erhofft hat, weder je passiert ist, noch je wieder als zu passieren möglich ist.

Es gibt Überzeugungen und Gedanken, die durch schwierige Erfahrungen helfen, weil man an sich weitergibt, was Erwachsene früher vermittelt haben. „Ja, gleich.“, „Nicht jetzt.“, „Nur noch…“, „Nachher.“, ein Stoß vor die Brust und eine Beleidigung, ständiges Aufschieben von gegebenen Versprechen. In einer Kultur, in der jedes Bedürfnis erst von außen legitimiert werden muss, bevor es erfüllt wird, ist das eine logische Internalisierung. Ein Anspruch, sich nicht zu verändern, keine Situationsänderung herbeizuführen, bevor nicht die angemessenen, richtigen, sicheren, legitimierten Umstände eingetreten sind.
Niemand unserer Kinderinnens und Innenjugendlichen ist deshalb entstanden. Aber viele ihrer Konflikte und die sind zeitlos. Und was ist der Gewinn an zeitlicher Orientierung, wenn am anderen Ende auch wieder nur wartet, was sie hat erstarren lassen?

Ich wickle meine Beine und Arme fest in elastische Shirts ein. Staple einige Bücher auf dem Rumpf, liege auf dem Boden und frage, ob es auch ein bisschen tröstet, wenn ich nicht sage: „Jetzt nicht – wir sind übermorgen wieder zu Hause und dann könnt ihr machen, was ihr wollt.“, sondern es immer so zu versuchen, wie jetzt. „Du bist nicht sie“, antwortet W., der 16-Jährige, „Und du kannst auch nix ersetzn“, knurrt R. die 12-Jährige.

Wir Menschen sind es so gewohnt, Dinge und Zustände in ihren Dimensionen zu verändern. Doch Zeit ist das Ergebnis unserer Wahrnehmung von Prozessen, die nicht verhinderbar sind.
Mit Zeit ist nicht zu verhandeln. Sie wartet nicht, sie passiert.

Zeitliche Orientierung ist auch die Akzeptanz.
Es ist vorbei. Es ist unabänderlich. Du konntest nichts dagegen tun.

die Vermeidungsgewohnheit

Vielleicht hat sich nur das Level verändert, denke ich und kratze mit dem Kamm über meine Kopfhaut.
Die Vögel zwitschern, ein Laster kreischt am Haus vorbei. Mein Kaffee steht in der Küche, zwischen dem Morgen und mir klebt ein Nachtschlafrest wie Wundgaze. Ich versuche zu verarbeiten, was ich am Abend bemerkt hatte. Versuche zu denken, dass das schon immer da war, nur noch nicht verstanden.
Diese Arbeit durch den Gedanken, nicht allein im Schlafzimmer zu bleiben. Diese eine spezielle Anspannung im Bauch, in der Brust, um die Ohren, weil jemand kommen könnte. Bis ich einschlafe. Vor Erschöpfung.

Vielleicht ist es eine Angstgewohnheit, denke ich. Wie die, dass das Auto explodiert, wenn man einen Unfall hat oder die, dass man im Tunnel stecken bleibt. Oder die, dass man geschlagen wird, wenn man eine falsche Antwort gibt oder am Tag immer nur ein Mal um etwas bitten darf, weil man sonst des Kontaktes nicht mehr würdig ist.
Vielleicht wurdest du misshandelt und das schutzlose Liegen, im Dunkeln, erschöpft vom Tag, ist ein Trigger, denkt es neben mir. Ein Bild, ein Gefühl, Vogelzwitschern. Unten bellt NakNak* den Freund zur Raison.

Ich lasse es liegen. Weiß, in der nächsten Zeit habe ich niemanden, mit dem ich darüber reden kann. Die Therapie befasst sich gerade mit anderen Dingen, die Selbsthilfegruppe kann im Moment niemand aufnehmen, meine Anmeldung im Selbsthilfeforum war vermutlich eh eine Schnapsidee. Und am Ende ist es ja auch schon lange vorbei.

der Thread zur #PluralAcceptanceWeek 2020

Disclaimer: Die #PluralAcceptanceWeek ist eine Awarenessveranstaltung von „Plurals“ für „Plurals“, wobei als „Plural“ definiert wird, wer sich als Mehrere/Viele erlebt. Das meint Menschen mit dissoziativer Identitätsstörung aber auch Menschen mit z. B. Ego States o. Ä. und Menschen, die sich selbst mehr oder weniger absichtlich zu Vielen machen oder gemacht wurden, als sie erwachsen waren. Etwa durch intensives Rollenspiel, Drogenkonsum oder Konditionierung. Die Abgrenzung dazu ist uns wichtig. Es gibt dazu einige Debatten und viele Streite, von denen manche in Foren, Blogs, Twitterthreads und Facebookposts nachzulesen sind. Wir persönlich lehnen es ab, „selbstgemachtes“ Vielesein mit unserem traumabedingt entwickeltem Vielesein gleichzusetzen und zu akzeptieren. Wer dazu forschen will: Die Schlagworte sind „Tulpas“ und „endogenic Systems“.

Zur Webseite der Plural Awareness Week: pluralevents.org

 

Diesen Thread auf Twitter nachlesen

Für alle, die hier neu sind, „Ein Blog von Vielen“ und das Podcast „Viele-Sein“ noch nicht kennen oder nie Zeit haben, mal da reinzulesen/hören, hier ein Kurzabriss zu uns. Wir sind eine nicht binäre Person und verwenden sowohl Plural als auch Singular-Pronomen zum Namen „Hannah“. Wir sind 34 Jahre alt und gehen seit bald 18 Jahren mit der Diagnose der dissoziativen Identitätsstörung um. Ja – richtig gerechnet – seit wir 16 Jahre alt sind.
DIS war nicht unsere erste Diagnose. Wir waren erst als allgemein anpassungsgestört, dann als persönlichkeitsgestört
dann als schizoid, dann als mutistisch, dann als Borderline Syndrom-erkrankt, dann wieder als schizophren, irgendwann immer auch als depressiv und (akut) suizidal diagnostiziert. Bis wir 16 waren, hatten wir x verschiedene Einrichtungen, Therapeut_innen, Psycholog_innen „durch“. Die DIS-Diagnose war dann erst einmal nichts, worauf wir uns einlassen konnten und wollten. „Aha, jetzt also multiple Persönlichkeit ja geil schönen Dank!“

Wobei wir das so ausformuliert nicht gedacht haben, weil wir von dem ganzen popkulturellen Ding um „multiple Persönlichkeiten“ und den Verschwörungskladderadatsch noch nichts wussten. Aber wir wussten, dass mit der Diagnose auch ein Zerstörungsgrad kommuniziert wird und das passte nicht zu dem, wie wir uns wahrnahmen. An dieser Stelle beginnt unser eigentlicher Thread zur #PluralAcceptanceWeek.

Wie fühlte sich unser Vielesein damals für uns an und wie heute?

Antwort: Gar nicht eigentlich. Für uns gab es nie eine Zeit, in der niemand anderes auch in unserem Leben mitgemischt hat. Da war immer jemand, die_r mit_reagiert, mit_fühlt, mit_denkt, Infos teilt, abfragt … fremd und vertraut nah ist. Wir bemerk(t)en nicht jede Amnesie, konnten uns nicht als widersprüchlich (handelnd, Aussagen treffend) reflektieren und einen Hauch unserer posttraumatischen Belastungssymptomatik, haben wir eigentlich immer nur auf der Intensivstation oder einer geschlossenen Psychiatriestation nach einem Suizidversuch gespürt.
Wir sind nie mit den Armen in der Luft im Kreis gerannt und waren ganz aus dem Häuschen, dass da irgendwelche Anderen sind und dass die ganz anders sind als wir einzelnen jeweils. Gleichzeitig hat es uns total erschüttert, dass Äußere uns sehen und erkennen konnten. Und mit „erschüttert“ meine ich hier „traumatisiert“.
Wir haben uns seziert und mikroskopiert gefühlt, empfanden viele Grenzen übertreten, jedweder Privatheit im eigenen Sein beraubt und als Allgemeingut der Klinik behandelt. Wir konnten uns entsprechend gar nicht akzeptieren – wir gehörten ja gar nicht uns und sollten so wie wir sind ja gar nicht bleiben, sondern „Eine“ werden und alle da (in der Klinik damals) würden dafür sorgen. Vielleicht kriegt ihr grad eine Ahnung, was für ein Horror die 1,5 Jahre dort für uns waren. Was für ein Trauma.

Mit unserer Volljährigkeit endete der Klapse-Einrichtungskreisel und das hat bei der Akzeptanz der Diagnose und uns selbst als Viele extrem geholfen. Wir konnten unreglementiert Medien konsumieren und endlich auch das Internet nutzen. So kamen wir zu erklärten Fachartikeln, zu Berichten anderer Viele, zu Foren, zu Mailinglisten (wisst ihr noch – hach damals…) und zu Menschen, die schon viel mehr über sich verstanden haben. Wir mochten viel davon nicht und das war auch total hilfreich, denn etwas nicht zu mögen ist ja schon mal mehr als das Nichts, das man fühlt, wenn man praktisch durchgehend dissoziiert. So haben wir früh abgelehnt uns als „Multi“ oder klassisch „multiple Persönlichkeit“ zu bezeichnen. Wir sind einfach nicht „mehrfach“, sondern mehrere. Unterschied. Wir lehnen es auch ab, über uns zu sagen, wir wären entstanden, weil wir die Gewalt unserer Kindheit, Jugend und frühen Erwachsenheit nicht anders ertragen hätten. Wir haben sie ertragen müssen, egal, ob wir Viele geworden wären oder nicht. Es ist nie eine Wahl gewesen.

In dem Buch, das wir gerade schreiben, bezeichnen wir unser Vielesein als traumabedingte Entwicklungsstörung. Man weiß heute, dass Persönlichkeit nicht angeboren ist, sondern entwickelt wird und das von vielen äußeren wie inneren Faktoren abhängig ist, damit ein kongruentes Ich-Erleben daraus wird. Wir waren vermutlich schon als Kleinkind Viele, weil wir bereits in dem Alter dem toxischen Stress ausgeliefert waren, der ein Trauma auszeichnet. Wir haben keinen unzerstörten Persönlichkeitskern, weil wir nie irgendeinen Kern haben entwickeln können. Das ist der für uns über die Diagnose kommunizierte Zerstörungsgrad.
Stell dir mal vor, wie das ist, wenn du rausfindest, dass dir ein wesentliches Merkmal der menschlichen Existenz im Grunde fehlt bzw. bei dir nicht „richtig“ entwickelt ist. Wer würde das einfach akzeptieren? Wir waren von all dem maximal überfordert und haben immer wieder nur Psychologie und Psychiatrie als Anlaufstellen dafür gehabt – mit aller Konsequenz für die Klaps-Trauma-Verwicklungen, die sich daraus ergeben. Ein Grund, weshalb wir Peer-to-Peer-Konzepte so wichtig finden.

Wir haben 2007 zuletzt die Gewalt erfahren, mit der wir aufwachsen mussten. Mit dem Ende der Gewalt begann für uns die eigentliche Symptomatik. Flashbacks, somatoforme Dissoziation, Funktionsausfälle, mehr und mehr Bewusstsein für biografische wie Alltagsamnesien und die Unkontrollierbarkeit von Wechseln zu Innens, die sich und damit unser aller Körper schädigen, plötzliche Angstattacken, Essstörungen, eine Palette an Vermeidungstänzen, die unfassbar energieintensiv war… Wir mussten erst einmal akzeptieren, dass das alles da war, weil wir Viele sind und nicht, weil wir viele Probleme haben. Und darüber entwickelte sich dann langsam mehr Diagnoseakzeptanz. Unsere damalige Therapeutin hat sich als Brücke angeboten. Wenn ihr X etwas über sich erzählt, hat sie es Y erzählt und Y hat es für alle aufgeschrieben. Das haben wir so lange gemacht, bis wir das nicht mehr wollten, weil wir uns von der Therapeutin nicht abhängig machen wollten. Wir haben Wege gefunden, uns selbst Brücken zu bauen. Das Blog von Vielen ist dabei die einzige, die wir konsistent erhalten haben bis heute.

Psychisches Leiden wird in unserer Gesellschaft extrem individualisiert. Sich mit dem Vielesein auseinanderzusetzen wird häufig auch als individueller Prozess gesehen, der ausschließlich etwas mit einem_einer selbst zu tun hat. Für uns war und ist bis heute aber wichtig zu sehen, dass wir aufgrund unserer gewaltkulturell geprägten Gesellschaft Viele geworden sind. Es braucht nicht nur die von Täter_innen ausgeübte Gewalt, um Viele zu werden – es gibt die Ebene derer, die nicht geholfen, nicht getröstet, nicht geschützt haben und auch die sind in uns eingeschrieben, als „Innens“, wie wir uns Innere nennen. Andere nennen sich „Innenpersonen“, „Anteile“ oder „Alters“. Wir sind also gezwungen, auch diese Ebene in uns zu akzeptieren, wollen wir uns als Ganzes akzeptieren – obwohl sie außen als maximal inakzeptabel gilt.
Hier komme ich an den Kern unserer Akzeptanzproblematik. Wir sind bereit uns selbst zu akzeptieren, wie wir sind. Seit 2015 sind wir auch mit ASS (Autismus-Spektrum-Störung) diagnostiziert. Ab da wurde _so viel_ für uns besser und begreifbar, weil wir mit einem anderen Modell konfrontiert wurden. Nämlich dem der Neurodiversität. Manche Gehirne können so, manche so. Kurz gesagt. Sehr kurz. Sorry.
Wir ordnen unser autistisches Vielesein heute als Entwicklungsergebnis ein, wie unsere Körperhöhe, unsere Haarfarbe, unsere Gewebestruktur.
Wir sind halt so und nicht anders. Und ja, wir könnten enorm viel Energie aufbringen und uns auf die Ursache dieser Entwicklung konzentrieren, aber das kann und darf niemals ein individueller Akzeptanzprozess sein! Wir weigern uns, uns selbst darzustellen als Verkörperung der Gewalt. Wir verkörpern uns. Unser Leben, unsere Entwicklungsmöglichkeiten nach der Gewalt und das zu akzeptieren ist für uns eine völlig andere Kiste. Viel logischer, viel eindeutiger.
Wir kämpfen nicht mehr darum, von anderen Menschen als Viele akzeptiert zu werden, sondern als Mensch und merken: Das ist der viel krassere Kampf, denn der Umgang unter Menschen ist weitaus häufiger entmenschlichend (und gewaltvoll) als sie es bemerken.
Wir merken: Unsere Dissoziation trennt nur uns voneinander – die Dissoziation, die diese Gesellschaft als Menschen voneinander trennt, ist viel viel tiefer, viel viel schlimmer und noch viel viel weniger als Fakt akzeptiert, als wir es je waren. 

Bei jeder Awareness/Acceptence-Aktion muss man sich fragen, wo sie hinführen soll. Wir mussten uns das auch in Bezug auf unser Vielesein fragen. Versprochen wurde uns mehr Lebensqualität, mehr individuelle Freiheit, Selbstbestimmung – alles Dinge, die man selbst gar nicht herstellen kann und die aus einem_einer allein heraus auch gar nicht funktionieren. Ich weiß gar nicht, ob es in diesem Thread klappt die Dimension des Dramas aufzuzeigen, das sich für uns über Jahre aufgetan hat, und wir mit aller Macht zu akzeptieren versucht haben, weil wir dachten: „Wir müssen uns als Kern all unserer Probleme und entsprechend auch all unserer Problemlösungen akzeptieren, weil wir nur so unser Vielesein akzeptieren und nur so überhaupt einen Fuß in die Tür zum unbelasteteren Leben kriegen.“

Wir waren Anfang/Mitte 20 als wir anfingen zu merken, dass wir keinerlei Selbst- und Lebenskonzept hatten und Ende 20 als wir begriffen, dass, egal welches Konzept wir entwickeln, darin, egal wie sehr wir uns akzeptieren oder nicht, ob die Diagnose weiter besteht oder nicht, überhaupt niemals die Freiheit, Selbstbestimmung und Lebensqualität drin sein wird, wie wir sie uns wünschen, weil wir arm, schwerbehindert und weder hetero noch cis sind. Die Selbstakzeptanz als Ticket ins Normaloland war damit abgebrannt. Und zwar nachhaltig.
Wir begannen darüber nachzudenken, warum wir uns zur Akzeptanz gezwungen fühlten und merkten, dass wir es taten, weil es immer wieder als Bedingung für unsere Trauma.heilung formuliert wurde.
Nun ist es aber so, dass wir gar nicht heilen wollen, sondern verarbeiten. Wir wollen Integrität. Wollen unsere Geschichte in uns haben, ohne auf Äußere angewiesen zu sein und wollen bewusst mit unseren Erfahrungen sein, um sie wie alle anderen Lebenserfahrungen auch nutzen zu können. Etwas, zu dem wir jetzt noch nicht umfänglich fähig sind. Wir müssen unsere innere Mechanik verstehen, um sie zu nutzen – wir müssen sie nicht akzeptieren und oft denken wir auch: „Ey, bloß nicht akzeptieren, was da läuft, sonst wollen wir es vielleicht nicht anpassen oder verändern.“
Weil Sprache und Re_Framing uns viel möglich macht, sprechen wir heute eher von „Annahme des eigenen Vieleseins“ als von „Akzeptanz des eigenen Vieleseins“. Darin steckt für die traumaphobischen von uns die Möglichkeit, sich über das Konzept der Theorie und der theoretischen Auseinandersetzung zu widmen und für andere von uns eine Geste der Vereinnahmung. Also die Erlaubnis mit uns und unserem Sein zu machen, was wir wollen und wie wir das wollen und können und dürfen – in dieser Gesellschaft zum jetzigen Zeitpunkt.

Text mit einer weirden Metapher zum Vielesein

Zwischen dem Haupttrieb einer Tomatenpflanze und ihren Austrieben entwickeln sich im Lauf der Zeit Geiztriebe. Wenn man viele Früchte ernten will, dann soll man seine Tomatenpflanze zur Eintriebigkeit erziehen und diese Geiztriebe abknipsen.

Unsere Vielheit kam mir immer so vor. Wir sind einfach viele, schießen und sprießen aus allen Leerstellen, verbuschen und stabilisieren das, was wir sind. Viel von dem was wir tun und uns erarbeiten ist, zulassen zu können, dass es Leerräume und einen starken Haupttrieb gibt. Wir erziehen uns zur Wenigertriebigkeit.

Ich merke selber, dass dieser Texteinstieg irgendwie beknackt ist, aber
Ja, doch so ist es.

So ist Überleben und am Leben sein und so ist Funktionieren in einer Welt, in der das eigene Amlebensein längst nicht reicht, um darin gesichert zu sein. Alle werden wir hier und da ausgegeizt, zurechtgestutzt und immer wieder neu verpflanzt. Krippe, Kindergarten, Grundschule, weiterführende, Beruf oder Uni – einpflanzen, umpflanzen, ernten, wieder neu einpflanzen…
Wir werden alle dazu gezwungen zu produzieren, wir selbst sind das Produkt. Das ist kein negatives Weltbild, das ist Kapitalismus, das ist die Welt, die Gesellschaft, in der unser aller Leben passiert.

Wir arbeiten uns gerade an Erinnerungen ab, die mit einem Kontext zu tun haben, den wir in der Therapie bisher nie besprechen konnten. Sehr frühe Traumatisierungen, die systembildende Auswirkungen hatten und damit auch Basis von uns allen sind.
Für mich fühlt sich das nicht nach einer Sache an, für die ich viel Mut aufbringe und dann besser im Leben klarkomme. Diesmal werde ich nichts ernten könnten, das mich in einen Beruf bringt, in Produktivität, in schützende Unauffälligkeit, in eine Perspektive auf mich und mein, unser Leben, die mich von Kraft und Zuversicht erfüllt.

Diesmal ist es schlimm und ich merke, in welchem Ausmaß ich nicht genug dafür bin. Obwohl ich schon alles weiß. Weiß, dass man das schaffen kann. Weiß, dass das geht. Weiß, dass es auch nötig ist, um unser Amlebensein so selbstbestimmt zu gestalten, wie wir das wollen. Ich weiß aber auch, dass ich kein Wissen darüber habe, wie man Geiztriebe, die genauso stabil, genauso kraftvoll, genauso produktiv wie der Hauptrieb sind, abknipst, ohne eine Wunde zu hinterlassen, die nicht mehr heilen kann.

es ist falsch, “unvorstellbare Gewalt” zu sagen

Und wieder ist es “unvorstellbar”. Wieder sorgt ein Fall organisierter sexualisierter Ausbeutung von Kindern für Schlagzeilen und wieder wird, ohne jedes Bewusstsein dafür, das Privileg der “Ungeschlagenen” präsentiert.
Ja, Unvorstellbarkeit von Gewalt ist ein Privileg.
Es ist ein Privileg, sich Gewalt nicht vorstellen zu können und nie aufgefordert zu sein, es zu müssen. Es ist ein Privileg so selbstverständlich zu vermeiden und damit alle Opfer und zu Opfern gemachten zu dissoziieren.

Es ist falsch, von “unvorstellbarer Gewalt” zu sprechen, wenn es um Gewalt_taten geht, die mit Gesetzestexten einzuordnen sind. „Unvorstellbare Gewalt“ kann nicht geahndet werden, denn sie ist nicht erkennbar. Jede Vorstellung (von Gewalt) beruht auf Erfahrungen, Beobachtungen, Lerninhalten. Man kann sich nur vorstellen, was man kennt. Selbst das fantastischste Wesen, das man sich ausdenken kann, wird immer aus Elementen des eigenen Wissensschatzes und der inneren Bereitschaft zu neuen Verbindungen entstehen. Was unvorstellbar ist, das ist noch nie geschehen. Wurde noch nie gesehen. Wurde noch nie erfahren.
Gewalt aber haben wir alle schon gesehen. Gewalt geschieht jeden Tag und wir alle er_leben sie in unterschiedlichen Aspekten und Auswirkungen. Einzig unser Bewusstsein und unsere Offenheit zur Wahr_nehmung dafür ist unterschiedlich.

Wer glaubt, es gäbe Menschen, für die manche Gewaltform durchaus “unvorstellbar” ist, spürt das Ziel der Vermeidung und trägt dazu bei, das Privileg der Ungeschlagenen zu erhalten.
Denn wozu dient die Formulierung “unvorstellbare Gewalt”? Vielleicht denken wir erst einmal: “Oh, da gehts um super krasse Gewalt – etwas, das man nicht alle Tage sieht.” – verarbeitet wird daneben aber auch: “Aha, unvorstellbar krass, deshalb ist es vermutlich ganz besonders schwierig, da jetzt irgendwas gegen zu machen – vielleicht sogar viel zu viel. Und, naja, wenn es sogar für die Polizei unvorstellbare Gewalt ist, die jeden Tag richtig viel mit Gewalt zu tun hat, – und es für die vielleicht viel zu viel ist – ja dann ist das ja erst recht nichts für mich. Da kann ich ja nun mal wirklich echt gar nichts machen. Und wenn es für die Profis unvorstellbar ist, dann ist es das für mich vermutlich erst recht.” Und 2 Monate später kommt der nächste bundesweit aufgedeckte Fall und man fasst sich wieder an die Brust.

Es ist bemerkenswert, wie sich – speziell bei Gewalt an Kindern und Gewalt in Kontexten, in denen gleichermaßen ein gesellschaftlicher Konsens über ein Schadenzufügungsverbot besteht, diese Sprachführung als Vehikel zur Beweisanbringung der totalen Überforderung benutzen lässt.
Man drückt damit nicht nur aus: “die Gewalt ist krass”, sondern auch: “der Umstand, dass sie (hier, in Kontexten, wo “wir” uns doch alle einige sind, dass sie dort nicht passieren und Personengruppe XY ganz besonders nicht treffen soll) passiert, ist krass”.
Damit baut man ein Bild von Machtlosigkeit auf. Man tut so, als hätte man gar keine andere Wahl gehabt, als im Nachhinein Spuren zu sichern, Beweise zu sammeln und aufgrund dessen zu verurteilen und evtl. zu bestrafen – es war ja so unvorstellbar – man konnte das ja vorher oder im Moment des Geschehens gar nicht erfassen, begreifen, verstehen und ergo gar nichts tun.
Man sagt, dass eigentlich ja immer alles okay ist, aber diesmal nicht und niemand konnte was dafür – das war ja vorher nie gesehen, nie geschehen, nie erlebt. Von niemandem. Jemals.

Außerdem verstärkt es die Annahme, dass es das nicht gibt. Diese wirklich mega krasse Gewalt, die man den Menschen einfach nicht zutraut. Man kommuniziert damit ein Level der Gewalt, das zutraubar ist – das zu fassen, und zu kontrollieren ist und ein Level, das alle Normen sprengt und ergo keinen Bezug zur Realität (und darin verortet Menschlichkeit) hat. Deshalb fällt es auch dem Ermittlungsleiter Poll so leicht über die Täter_innen so etwas zu sagen wie: „Diese Menschen, wenn man sie überhaupt so nennen kann“.

Die Formulierung “unvorstellbare Gewalt” ist eine Verteidigung all derer, die niemals mal mehr als eine_n „relatable“ Gewaltüberlebende_n angehört haben.
Weil sie nicht müssen. Weil es einfacher ist, weil es mehr heil lässt, weil es ein Privileg ist, für sich im eigenen Bild von der Welt, als jemand zu leben, die_r nie nie niemals irgendwas ~damit~ zu tun hat. Es erhält die Normen innerhalb derer Opferschaft revidierbar, aufhebbar ist und es erhält die Normen innerhalb derer man Gewalt als real (in unserer Gesellschaft) passierend akzeptiert oder auch nicht.

„Wir Gewaltüb.erlebende.n“ werden davon definiert. Wir sind froh, wenn unsere Erfahrungen vorstellbar sind, denn das bedeutet, dass unsere Erfahrungen und damit auch wir, trotz der Erfahrung noch Teil der Gesellschaft sind.
Ist sie es nicht – gelten unsere Erfahrungen als „zu krass um wahr zu sein“, als “unvorstellbar” – haben wir diesen Zugang praktisch verloren. Und das auch – und das ist das Furchtbare für uns immer wieder – wenn Menschen diese Formulierung nicht in dieser Absicht verwenden, sondern nur, um ihre Fassungslosigkeit auszudrücken. Man verhandelt in diesem Vokabular immer automatisch auch den Konsens über die gemeinsame Realität. Und die ist einfach extrem unterschiedlich zwischen “Ungeschlagenen” und “Geschlagenen”.

Ich möchte diesen Beitrag damit beenden, zu sagen, dass das nicht fair ist.
Es ist noch viele andere Dinge für mich persönlich, die_r damit umgehen muss, dass es ist, wie es ist.
Doch alles Persönliche entfernt, ist es einfach nicht fair.

Es ist nicht fair.