Schlagwort: Dissoziation als Schutz

note on: Namensänderung

Ich hab in den letzten Wochen viel geweint. Meistens, weil ich glücklich war, mehr jedoch, weil mich der unangenehme Stress in unserem Leben mein Glück hat weder fassen noch halten lassen.
Um etwas dagegen zu tun, tun wir die Dinge, die zu tun sind.
Zum Beispiel Grenzen setzen, wo viel zu lange keine gesetzt wurden. Pausen einfordern, wo sie nötig sind. Atmen. Spazierengehen. Hausaufgaben. Pausen, wann immer der erste Gedanke daran aufkommt. Dinge passieren lassen, obwohl das Gefühl, dass sie fern ab neben mir herlaufen, genauso unerträglich ist, wie die Zeit, in der alles so schön ist, dass mit alles aus dem Gesicht läuft.

Wir sind im Stress, seit Wochen “an” und ach, ich weiß doch, was uns hilft. Trotzdem habe ich die “mentale To-Do-Liste” erst jetzt so langsam wieder auf einem überschaubaren Level.
Abhaken ist nie schöner als dann, wenn die eigenen Haken im Leben auszugehen drohen.
So waren wir am Montag im Standesamt und machten den ersten Schritt auf den Antrag zur Vor- und Nachnamensänderung.
Von dem ganzen Termin habe ich, neben einem seltsamen Erleichterungsgefühl um Kostensorgen und Erlaubnis solcher Anträge, einen Zettel mit Notizen eines anderen Innen und einen Kommentar einer Sachbearbeiterin mitgenommen.

Nämlich den, dass man triftige Gründe dafür haben muss und diese sehr genau geprüft werden.
Sie schaute mich an, als suchte sie an oder vielleicht auch in mir nach dieser Triftigkeit und das wars dann schon wieder für mich. Jetzt im Nachhinein weiß ich das. Es ist “mein Trigger”. Andere Menschen die Triftigkeit meiner Gründe, die Hintergründe meines So-Seins, So-Handelns, die Wahrheit meiner Worte, aus mir rauswühlen zu spüren. Ich verliere dabei meine Haut, fühle mich schwach, rechtlos und ohnmächtig – selbst dann, wenn die Frage, die Suche, ja von mir aus auch das Wühlen eine wie auch immer gelagerte Notwendigkeit haben.

Vielleicht ist es noch nicht meine Zeit, meine Haut über den neuen Namen – vielleicht überhaupt den Wunsch danach – mit Menschen zu sprechen, wer weiß.
Aber schreiben kann ich darüber. Auch die Begründung für den Antrag kann ich schreiben.

Das ist nun ein neuer Punkt auf der Liste. Aber einer, dessen Auswirkungen schon bekannt sind.
Die Gedankenkreisel um die Realität der Gewalterfahrung. Die Kreisel darum, ob und wie es ist, so viel von sich abzutrennen, um anders weitermachen zu können. Vermutlich nicht viel freier, sicher aber befreiter.
Daneben das Wissen, dass es nie der eigene Name war und nie werden wird, denn die Zeit hat bereits jemand anderen aus uns gemacht. Egal, ob die Gewalt wirklich war oder nicht. Egal egal egal was – wir heißen für niemanden mehr so, wie es in unserem Ausweis steht. Seit Jahren nicht und für alle Jahre, die wir noch haben, soll das so bleiben.

Die Aussicht auf ein Leben ohne dieses eine Erbe, das Eltern ihren Kindern mitgeben, obwohl sie noch nicht tot sind, das macht mich glücklich. Nicht Heuli-glücklich, aber doch schon nah dran.
Wir haben einen ausgesucht, der passt und nicht schon von weitem schreit “Hallo ich bin ein Schutzname!!!”. Das war uns wichtig. Normalität. Obwohl nichts daran normal ist, den eigenen Namen komplett zu ändern.
Obwohl – wer weiß. ES passiert jeden Tag. Hinterlässt jeden Tag Spuren in Seelen, Leben, Identitäten. Vielleicht ist die Notwendigkeit einer Begründung, einer Prüfung auf Triftigkeit eines Wunsches, der letztlich doch auch wieder nur ein Akt der Selbstbestimmung ist, einmal mehr das, was eigentlich unnormal ist.

Denn um mehr geht es nicht.
Selbst.bestimmung.

Autismus, Trauma, Kommunikation #5

Das sozial mit Anstrengendste für uns ist die Wiederholung. Schlimmer noch: die Wiederholung von Wiederholungen. Am Schlimmsten: die Wiederholung von Dingen, die etwas mit gemachten Gewalterfahrungen zu tun haben.

Wir haben oft das Gefühl, uns zu wiederholen und wiederholen zu müssen, weil wir von anderen Menschen nicht oder nur teilweise, oft auch gar nicht verstanden werden.
Missverständnisse sind nur so zu lösen, das verstehen wir – und doch, es frisst einfach so viel Zeit und Kraft und Sicherheitsgefühl.

Besonders in der Traumatherapie und in nahen Beziehungen erleben wir es als belastend und merken, dass es manchmal diese Belastung ist, die an empfindlichsten Punkten fressen und zu Instabilität beitragen, dass wir bestimmte Dinge, immer wieder sagen müssen.

Für viele neurotypische Menschen bedeutet es keine Wiederholung, wenn sie das gleiche, was sie wörtlich ausgedrückt haben, auch noch in Taten und allgemeinem Gebaren kommunizieren. Im Gegenteil, die meisten Menschen glauben anderen Menschen eine Gefühlslage oder innere Haltung erst dann, wenn sie Gesagtes auch noch in irgendeiner Form selbst miterleben. Etwa, wenn sie Tränen sehen, nachdem jemand gesagt hat: „Ich bin traurig“ oder, wenn aus allem Verhalten und Denken ein Leiden abzuleiten ist.

Wir erleben das als Wiederholung und oft genug auch als Fakeübertreibung von uns selbst, wenn wir so etwas machen, um andere Menschen unsere Gefühle oder Haltungen zu kommunizieren. Denn für uns reicht es in der Regel, etwas ein Mal auf eine Art etwas gesagt zu haben.

In diversen Therapiesettings und besonders in Klinikkontexten jedoch, haben wir die Erfahrung gemacht, dass sich permanent zu wiederholen – sei es mit Themen, die man immer wieder bespricht, um am Ende doch wieder mit dem gleichen Ergebnis nach Hause zu gehen, oder mit Verhalten – nötig ist, um bestimmte Hilfen und Unterstützungen nicht nur mal hier und mal da, sondern kontinuierlich und so lange wie nötig, gewährt zu bekommen.

Doch nicht nur in diesen Kontexten ist das so.
Wir beobachten die gleiche Dynamik bei Twitter, in Podcasts und in Blogs. Bei Konferenzen, Tagungen und Fortbildungen. In Plena, in Debatten, auf der ganzen Welt.
Eine Person(engruppe) wird erst dann gehört und ernstgenommen, ihr wird erst dann geglaubt, wenn sie jahrelang und immer und immer und immer wieder das Gleiche sagt und tut und macht.
Das heißt: wenn sie sich nicht oder nur innerhalb bestimmter Grenzen bewegt und auch selbst nicht weiterentwickelt. Eine Person muss für andere Personen ihre Botschaft und ihr Fordern immer und zu jeder Zeit verkörpern, sonst wird sie nicht gehört, (angeblich) nicht verstanden und niemand beschäftigt sich mit ihr.

Und andersherum brauchen viele Menschen auch immer wieder eine Wiederholung der Bestätigung von anderen Menschen, um sich wahrgenommen zu fühlen.

Menschen funktionieren wohl so. Anders ist uns die Wiederholung der Konstruktion von Echokammern nicht zu erklären. Eine Familie ist eine Echokammer, eine Beziehung ist eine Echokammer, Freund_innen, Facebook, Fernsehen, die Gesellschaft einbeiniger Dackelfreunde ist eine Echokammer.
Wir können uns das nur so erklären, dass neurotypische Menschen solche Räume immer wieder erschaffen, weil es sie nicht fertig macht, sich ständig zu wiederholen und sich immer wieder mit den gleichen Dingen zu beschäftigen.

Uns macht das fertig, denn für uns ergibt es keinen Sinn. Wenn wir etwas gesagt haben, dann meinen wir in der Regel auch genau das und nichts anderes. Und zwar so lange, bis wir etwas anderes darüber sagen.
Es ergibt keinen Sinn außer der Verdeutlichung oder manchmal auch Verständlichmachung noch mehr Kanäle zum Transport einer Botschaft zu verwenden und das immer wieder.

Wir haben lange gegen das Gefühl ankämpfen müssen, unsere Schwierigkeiten übertrieben dramatisch auszudrücken und zu kommunizieren, indem wir alles zur Verfügung stehende genutzt haben, um uns und unsere Gefühle der Todesangst verständlich zu machen.
Verstärkt wurden diese Falschgefühle von Menschen, die ihre Reaktion darauf mit „Ja, aber…“ eingeleitet oder mit schlichter Abwehr reagiert haben. Also: uns gesagt haben, wir würden lügen oder übertreiben, oder theatralisch, weil hysterisch sein.

Besonders da ist für uns ist an der Stelle bis heute eine Falle.
Wir haben einen Hang zu Katastrophisierung. Sehen in Dingen, die schief laufen, sehr schlimme Dinge und finden es unaushaltbar verunsichernd und ängstigend – nicht, weil nicht alles nach unseren Wünschen abläuft, sondern weil es für uns ungeheuer anspruchsvoll ist, kognitiv und emotional so flexibel zu sein, sich auf Schiefgegangenes einzustellen. Insbesondere dann, wenn wir vorher nicht besprochen haben, was wir machen, wenn etwas schief geht. Egal, wie unwahrscheinlich ein Schiefgehen sein mag – wir brauchen das, um mit dem sofort ablaufenden Katastrophenszenario in unserem Kopf umgehen zu können.

Sich spontan auf fremde, unerwartete, schiefgegangene Dinge umzustellen, geht für uns nur mit Hilfe von Außen. Wir kriegen es allein nicht hin, ohne auf Kompensationsverhalten wie Dissoziation zurückzugreifen bzw. in die Dissoziation zu rutschen, weil wir uns sofort überfordern. Das ist, was uns Angst macht.
Denn das ist, was sich für uns jedes Mal wie Sterben anfühlt, weil wir die Kontrolle verlieren, darüber in Erinnern an Nahtoderfahrungen getriggert werden und nichts, aber auch gar nichts tun können, um etwas daran zu verändern. Weil wir in diesen Momenten tatsächlich zu 100% überfordert und unfähig sind und eben nicht nur in einem traumahistorischen Wiederleben einer Situation, in der wir auch real zu 100% überfordert waren stecken, aus dem wir uns rausorientieren können.

Mit jedem Ding, auf das wir uns nicht einstellen konnten, spüren wir gnadenlos und brutal, wie sehr wir der Welt und ihrem Lauf der Dinge unterlegen sind und erleben es auch immer wieder als eine hoffnungslose, (durch die Traumabrille zusätzlich auch oft lebensbedrohliche) und furchtbare Situation in der wir aus der Welt geschleudert werden. Egal, wie sehr wir uns mit ihr verbinden oder an ihr festhalten. Egal, wie sehr wir „realistisch drauf schauen“. In solchen Momenten schauen wir nicht auf das gleiche Ding, wie andere Menschen und merken, dass wir nicht im Ansatz mehr als unsere Gefühle von Überforderung und Angst kommunizieren können.

So etwas ist der furchtbarst mögliche Moment um zu merken: Meine Ölmolekülaugen, mein Ölmolekülgehirn kriegt es nicht hin zu sehen und zu bewegen, was andere sehen – ich kann meine Gefühle und Haltungen nicht verändern, denn ich kann mich nur auf eine von mir so wahrgenommene Katastrophe beziehen – andere Menschen und ihre Sicht können mich nicht erreichen. Es ist faktisch unmöglich.

An der Stelle greifen bei uns dann die Anpassungsmechanismen der Traumatisierungen unserer Kindheit. Wir werden dumpf, depersonalisieren, wechseln zu Innens, die in er Lage sind, ohne jede eigene Beteiligung auf Ansprache zu reagieren, Verhalten zu spiegeln und – dank jahrelanger Trainings in der Familie*° und in Kliniken – weder auszurasten, noch sonst wie „typisch autistisch“ (what ever that means) auffällig zu sein.

Wir sind in unserer Entwicklung in der Pubertät auffällig geworden. Wurden in unserer Wiederholung der Kommunikation tagtäglich empfundener Todesangst (aufgrund von wiederholter Traumatisierung und autistischer Er_Lebensart und -weise) drastisch und radikal. Es kam zu selbstverletzendem Verhalten und parasuizidalen Gesten. Am Ende zu mehr und mehr Suizidversuchen.

Für uninformierte und unachtsame, vielleicht auch einfach schlecht ausgebildete und auch schlicht ignorante Mediziner_innen und Therapeut_innen, ist so ein Verhalten selbstverständlich keine Wiederholung. Sie sehen quasi die letzte Fassung – das extreme Ende und machen mit ihrer Diagnose nichts weiter als eine Benennung eines Akutzustands. Doch es ist ebenjene Diagnose, die für uns in der Folge zum angenommenen Normalzustand wurde.

Das mussten wir erst einmal verstehen und akzeptieren, um zu verstehen, warum wir so viele Helfer_innen als nutzlose Arschlöcher empfunden haben, die uns einfach nicht verstanden oder schlimmer noch: verstanden und trotzdem nicht reagiert und geholfen haben.

Daneben steht natürlich noch die patriarchale Geschichte der Hilfen und Medizin.
Hysterie heißt heute „histrionische Persönlichkeitsstörung“ und bedeutet nichts anderes als „Frau, die irrational überreagiert (um irgendwas zu kriegen, was ihr nicht zusteht oder, weil sie nicht kriegt, was sie glaubt, dass es ihr zusteht)“. Das ist wichtig nicht zu vergessen: Als Person, die als Frau eingeordnet wird, ist sich zu wiederholen gleichermaßen nötig wie verhängnisvoll.
Wir haben in der Hinsicht den Scheißejackpot deluxe schon mit 14 Jahren im Leben gehabt.

Denn das Geschlecht, dem wir zugeordnet werden schließt für viele Personen, besonders im medizinisch psychiatrischen Bereich vieles aus. Unser Autismus wurde erst mit 30 diagnostiziert – der Autismus unseres Geschwists, das ein anderes Geschlecht hat, im Grunde bereits im Kindergarten.
Und wir haben nicht erheblich viel anders gemacht oder gelebt als eben jenes Geschwist. Wir waren nur eben nicht jenes Geschwist oder andere Menschen, die schneller gehört und richtig verstanden wurden.

Mit 14 galten wir als theatralisch.
Nicht als (typisch für viele Autist_innen) katastrophierend, aufgrund der Erfahrung sehr schnell, sehr tiefgreifend überfordert zu sein mit bestimmten Dingen.
In unserem Leben war diese äußere Rezeption, dieses Missverständnis unseres Inneren, eine krasse Weichenstellung. Und ja, die Folgen dessen waren dramatisch. Weitaus dramatischer als nötig.
Und wir können das bis heute nicht gut loslassen. Können das bis heute nicht vergessen, weil wir wissen, dass diese Menschen absolut keinen Einblick da hinein haben, wie sehr wir in den nachfolgenden Jahren darunter gelitten haben, was sie an uns verbockt hatten.

Heute sind wir unter Menschen, denen gegenüber wir uns nicht mehr als einmal wiederholen müssen.
Wenn sie uns beim ersten Mal nicht verstehen, dann sagen sie uns das und wir versuchen gemeinsam einander zu verstehen.
Das ist so entlastend und gut für uns, dass wir kaum noch Momente haben, in denen wir denken, wir wären ihnen sehr fern. Wir merken, das unser Ölmolkülsein manchmal die Ursache für Missverständnisse sind, merken aber auch, dass unsere Wassermolkülmitmenschen verstehen und reflektieren, dass es um Missverständnisse und nicht „Rosenblättereigene Meeh-Eigenschaften“ geht, wenn etwas mit uns irgendwie nicht gut zueinander passt.

Sie haben uns gehört, als wir ihnen gesagt haben, dass wir sie lieben, sie mögen, gern mit ihnen arbeiten, gern mit ihnen Zeit verbringen, dass sie ein guter, wichtiger, angenehmer Teil unseres Lebens sind, der uns wichtig ist.
Wir müssen es ihnen nicht immer und immer wieder sagen. Und wenn doch, dann sagen sie uns das.
Das bedeutet für uns viel mehr Kraft für gemeinsame Dinge und Raum, um neue Dinge zu erkunden und zu probieren.

Auch und besonders in der Therapie, ist das zu einem Faktor geworden, der unsere Kurve steil nach oben hat gehen lassen. Wir müssen unserer Therapeutin nicht mehr x-mal versuchen irgendetwas klar zu machen. Sie hört sich das einmal an und nimmt an, was dann kommt. Auch wenn unser Verhalten (unsere Performance) nicht alles von uns mit nach außen trägt.

Man sollte meinen, dass das selbstverständlich ist. Kein_e Patient_in sollte in die Situation kommen immer alle Symptome zu zeigen oder zu benennen, damit die_r Therapeut_in oder Mediziner_in auch wirklich glaubt und mitdenkt, dass bestimmte Schwierigkeiten und dazu gehörige Gefühle und Gedanken, Konflikte und Probleme auch wirklich da sind und passend hilft/behandelt/unterstützt.
Aber dem ist nicht so. Es gibt Behandler_innen, die permanente Wiederholung einfordern, um sich selbst in der Haltung zu und der Diagnose für die_n Patient_in zu versichern und auch vor Dritten im eigenen Vorgehen zu legitimieren.

So zu behandeln ist unprofessionell und ein Merkmal schlechter Therapeut_innen. Unabhängig davon, ob man wie wir enorm darunter leidet diese Wiederholungsarbeit immer wieder leisten zu müssen, oder nicht.

 

 

*Diese Textreihe soll (nach nochmaliger Überarbeitung und Ergänzung mit Grafiken und Hinweisen zu weiterführender Literatur) ein analoges Zine werden.
Ihr könnt dieses Projekt unterstützen, indem ihr uns über Patreon einmalig oder kontinuierlich Geld für Papier- und Druckkosten zukommen lasst und Vorbestellungen bei uns anmeldet.

Autismus, Trauma, Kommunikation #3

Wir arbeiteten bereits einige Zeit mit dem Begleitermenschen, als wir ihm von unserem “inneren Regal” erzählten. Das haben wir etabliert, nachdem uns jahrelang reintherapiert und rangenörgelt wurde, wir würden Lob und positive Rückmeldung nicht annehmen, aber sollten das doch mal machen. Das würde gegen Selbsthass helfen und ganz insgesamt doch ganz fein sein.

So haben wir unser Regal entwickelt. Denn mit Lob und positiver Rückmeldung ist für uns wie mit dem sinnlosen Kladderadatsch, den man von mittelnahen Freund_innen im Nanu Nana oder 1 Euro-Laden gekauft bekommt, weil man Geburtstag hat: man weiß wieso man es bekommt, versteht die Intension, freut sich über die Intension und – legt es dann in ein Regal, bis man es unbemerkt von eben jenen Freund_innen an die Straße stellt oder in den Sperrmüll gibt.

Lob und positive Rückmeldung ist eine soziale Geste.
In der Regel loben die Menschen, die an uns einen Arbeitsauftrag haben, etwas, das sie für lobenswert halten. Also eine Tat oder einen Akt, den sie als zu loben bewerten. Einem Lob geht also immer eine positive Bewertung voraus und orientiert sich darin an persönlichen (oder therapeutisch als positiv eingeordneten) Wertbindungen. Diese Wertbindungen, werden dann durch ein Lob ausgedrückt.
Das bedeutet: Ein Lob soll im Grunde nicht viel mehr sagen als “Ich mag, was du da gemacht hast. (Mach gerne weiter so.)”

Eine Information, die für uns good to know ist, aber auch nicht mehr.
Wir machen unsere Dinge ja nicht, weil andere sie toll finden, sondern, weil wir sie toll finden. Oder, weil wir keine andere Wahl haben, als sie zu machen. Oder, weil wir uns dezidiert dafür entschieden haben, extra etwas für andere Menschen zu machen. Dann wärs ja Quatsch etwas zu machen, was ihnen nicht gefällt.
So wird Lob zu einer Regalsache. Wir verstehen warum uns das gesagt wird, verstehen die Intension, aber am Ende können wir damit nichts anfangen.

Selbsthass und negative Selbstansichten haben wir noch nie mit Lob und sozialem Heischibubu aufgelöst bekommen. Unser Selbsthass ist asozial. Also etwas, das losgelöst von sozialem Miteinander passiert. Wir hassen uns, weil das Hassgefühl da ist – nicht weil uns jemand oder etwas das Gefühl gibt, uns hassen zu müssen.
Wenn wir unsere Arbeiten, den gemeinsamen Körper oder irgendetwas von uns ablehnen, dann tun wir das nicht einzig aus der Sozialisierung in permanenter Ablehnung und Negativbewertung heraus, sondern aus profund aktuellen Hassgefühlen, die etwas mit ebenjener Asozialität des eigenen Da_Seins zu tun hat.

Das heißt: Wir lehnen uns ab, weil wir sind, wie wir sind, nämlich 24/7 asozial trotz sozialer Kontaktmöglichkeiten/-bemühungen und Umgebungen. Das ist schwierig zu verstehen, aber vielleicht hilft ein Bild.
Öl und Wasser.
Man kann diese beiden Flüssigkeiten nur dann augenscheinlich verbinden, wenn man das Öl in extrem kleine Stücke zerteilt – und selbst dann bleibt Öl einfach Öl (nur eben sehr klein) und Wasser einfach nur Wasser.

Das Öl kann sich richtig doll anstrengen. Den ganzen Tag reden, Mimik und Gestik machen, so tun als ob und sich richtig reinsteigern in eine Wasserverkleidung des sozialen Getöses ohne greifbare Konsistenz, aber es wird nie ein Wasseröl oder gar selbst Wasser. Es gehört irgendwie zum Wasser, denn beides passiert im gleichen Glas (im gleichen Kontext), aber es ist unverbundenes Öl. Selbst dann wenn es sich zu einer Freundschaft, einem positivem Miteinander und gegen ein traumabedingtes Misstrauen entscheidet.

Wir als Ölmolekül hassen uns aus Kampfverlustfrustration. Hassen es, dass wir nie ankommen, nie so verbunden sind, wie wir merken, dass wir es sein müssten, um die Menschen (das Wasser) um uns herum zu verstehen und manchmal auch zu empfinden bzw. ihre Empfindungen nachzufühlen.

Unser Kampf ist ein hochsozialer. Das ist wichtig zu verstehen. Wenn wir uns als asozial bezeichnen, dann meint es niemals, dass wir unsozial sind. Der Begriff “asozial” beschreibt die Unfähigkeit inmitten sozialer Gemeinschaft leben zu können. Also eben jene Unverbundenheit, unter der wir so oft auch leiden.
“Unsozial” sind Menschen, die andere Menschen verletzen und/oder alles tun, um ein gutes Miteinander zu verhindern oder zu zerstören.

Unsoziale Menschen würden kein Regal in sich etablieren.
Ihnen ist es egal, was andere an ihren Taten gut finden.

Wir räumen unser inneres Regal erst dann aus, wenn wir verstanden und begriffen haben, wie es dazu gekommen ist, dass wir gelobt wurden oder eine andere positive Rückmeldung bekamen.
Dafür müssen wir uns in Ruhe Fragen widmen wie: Wie kommt es, dass eine Person uns sagt, sie sei stolz uns und das, was wir bisher alles geleistet haben? Woher weiß die Person denn, was wir gemacht haben und was genau daran entwickelt in ihr das Stolzgefühl? Sie hat doch mit unseren Sachen überhaupt nichts zu tun?

An der Stelle passiert, was wir “Ebenendissonanz” nennen.
Bleiben wir bei Lob. Wir wurden in den letzten Wochen von mehreren Menschen für unser Buch gelobt (erscheint im März – ihr werdet es mitkriegen). Sie sagten so etwas wie: “Euer Buch ist richtig gut. Das habt ihr toll gemacht.” und wir wissen nicht, was damit jetzt gemeint ist. Welche Ebene. Das Machen? Das Machen, obwohl? Das Machen von etwas, das sie gut finden? Das Machen von etwas, das sie gut finden, obwohl? Das Machen von etwas, das sie gut finden, weil? Und was genau haben wir gut gemacht? Den Inhalt? Die Wörter? Das alles? Dass es fertig geworden ist? Toll wieso? In Abgrenzung zu was?
Oder die Ebene: Ich will was Nettes sagen und dir vermitteln, dass ich dich und dein Projekt unterstütze.

Die meisten Menschen sprechen auf der letzten Ebene. (Das wissen wir und trotzdem sind uns dessen erst sicher, wenn wir die andere ausgeschlossen bzw. überprüft haben.)
Mit der wir nichts anfangen können, weil wir sie in der Regel nicht brauchen. Nicht zu verwechseln mit “nicht wollen”. Unterstützer_innen finden wir gut – allerdings können wir mit Unterstützer_innen, die uns sagen, was sie über konkrete Dinge denken und welche Änderungsvorschläge sie haben, mehr machen, als mit good-to-know-Informationen über die soziale Position einer Person.

Etwas über die soziale Position einer Person zu uns zu wissen, brauchen wir persönlich nur aus einem Grund: Traumafolgen

Wir müssen wissen, ob uns jemand nicht mag, um gut abwägen zu können wie “berechtigt” eine Interpretation als reale Bedrohung vom Verhalten einer Person ist.
Jemand die_r uns mag, hat weniger im Sinn uns zu verletzen, als jemand die_r uns nicht mag.
Egal, wie uns jemand gesonnen ist, wird unser Körper bzw. unser Traumahirn aber auf Verhalten reagieren. Unter Umständen auch so, als würde gerade eine potenziell traumatische Situation passieren.
Es hilft uns, uns sozial zu vergewissern (zu versichern), wie die soziale Lage ist ist, um uns zu re_orientieren.

Das führt allerdings auch zu Missverständnissen. Manche Menschen fühlen sich gekränkt, wenn wir sie fragen, ob sie uns mögen oder okay mit uns sind, weil sie uns das mit vielen Gesten und Bedeutungshülsen schon gesagt haben und denken, wir wären darin total klar.
Manche sind auch gekränkt, wenn sie merken, dass etwas von ihrem Verhalten bei uns ein unangenehmes und unkontrollierbares Erinnern angetriggert haben. Sie verletzt die Idee von uns als potenzielle Täter_innen (also jemand die_r uns nicht wohlgesonnen ist) wahrgenommen zu werden.

Fiese Falle. Vor allem dann, wenn diese Kränkung nicht reflektiert wird und wir dann sagen müssen, dass unsere soziale Beziehung zueinander irrelevant ist, wenn es um Traumawiedererleben geht. Das ist die nächste Kränkung für manche Menschen. Das ist aber die Wahrheit und was soll man dann machen?
Viele neurotypische Menschen gehen dann in die prosoziale Lüge, damit die andere Person nicht mehr gekränkt ist. Wir sagen: Sei nicht gekränkt, das ist halt, wieso wir das “Traumascheiße” nennen und nicht “Traumaflausch”. Manchen erzählen wir dann wie oft wir von “netten Onkels” und “lieben Tanten” miss.be.handelt wurden und das erst Jahre später als eben jene Gewalt überhaupt erst mal decodieren konnten.

Ich weiß nicht, welches Vorgehen besser ist – aber ich weiß, welches Miteinander für uns leichter zu zu schaffen ist. Für andere ist die prosoziale Lüge vielleicht leichter, weil man die Scheiße hinter der Traumafolge so weder benennen noch begreifen (lassen) muss.

Zurück zu unserem Regal.
Es ist eine Distanzierungstechnik und eine Art Zwischenspeicher, wenn man so will. Also eine Ressource, die wir bereitstellen, um uns mit sozialer Kommunikation zu beschäftigen.
Auch kritische Anmerkungen oder negative Rückmeldungen, die uns nicht eindeutig erscheinen, legen wir darauf ab. Interessanterweise sind die meisten Menschen in ihrer Kritik und Ablehnungskommunikation viel eindeutiger, als in positiven Bemerkungen oder auch Lob. Zumindest fällt es uns leichter zu unterscheiden, was soziale Positionsmitteilung und was konkrete Handlungsanweisung ist.

Soziale Kommunikation zu decodieren, erfordert gefühlt etwa 5 mal so viel Zeit und Kraft, wie die Decodierung von wissenschaftlicher Fachsprache in Alltagssprache. Dabei geht es nicht nur darum Mimik und Gestik, Stimmlage und Wortwahl zu erkennen und einzuordnen, sondern auch diese Einordnung mit Intensionen zu verbinden.
Letzteres ist unser Problemfeld, vor allem, weil die Einordnung vorher manchmal schwierig ist und spätere Ergebnisse verzerrt.

Das, was wir als einen Ausdruck der Überraschung einordnen, kann auch Schock über eine Nachricht sein.
Uns wird das Schockerleben der Person aber nur dann klar, wenn wir wissen, was sie erfahren hat und was das für sie bedeutet. Wir müssen die Bedeutung wissen, bevor wir die Reaktion der Person (und damit unter Umständen auch die Intension späteren Verhaltens) verstehen können.
Das ist ein Zeitproblem. Menschen sind in der Regel erst geschockt und dann in der Lage uns den Grund dafür zu erklären. In der Zwischenzeit sind wir schon völlig verwirrt, unter Zeitdruckstress und davon potenziell schon wieder angetriggert und also absolut gar nicht in der Lage etwas zu verstehen, weil das Fronthirn gar nicht angesteuert wird.

Unser Regal hilft uns in solchen Momenten quasi die Zeit anzuhalten. Vielleicht auch: kontrolliert zu dissoziieren.
Denn wir trennen quasi unsere ganzen Fragezeichen und Gefühle ab, legen die unklare Situation auf das Regal und bekommen dadurch genug Ressourcen für das Erraten der Bedeutung des Moments, die Überlegung, welche Reaktion (mit passender Mimik, Gestik, Wortwahl und Stimmlage) jetzt gut wäre.

Als Kind und Jugendliche sind wir immer gegen die Zeit angerannt. Waren immer zu langsam. Immer zu träge, immer irgendwie nicht ganz auf der Höhe mit solchen Dingen. Aber für viele Mitmenschen gruselig gut in der nachträglichen Analyse dessen, was wo los war.
Auch das wieder etwas, was kognitive Dissonanz bei manchen Leuten auslöst.
“Wie kann sie das denn nicht geschnallt haben, sie kann doch sagen, was da passiert ist…”

Der Begleitermensch war der erste, der uns ein Verständnis dessen, was uns zwischenmenschliche soziale Interaktion und Kommunikation kostet, geäußert hat. Denn es ist eben nicht nur Zeit und Kraft, sondern immer auch etwas von uns selbst, das wir aus solchen Situationen raustrennen müssen, um sie zu er_leben und sozial verträglich zu bearbeiten.

Und jetzt denke man bitte einmal daran, was Gesprächspsychotherapie unter diesen Umständen für uns bedeutet. Vor allem im Hinblick darauf, dass wir genau dort ja versuchen, so viel wie möglich von uns dort sein und passieren zu lassen.

Dazu mehr im nächsten Text dieser Reihe.

Autismus, Trauma, Kommunikation #1

Vor einigen Jahren haben wir eine Artikelreihe zum Thema Schweigen und Reden geschrieben.
In diesem Text, der vielleicht auch eine Reihe wird, wird es um Kommunikation gehen, denn das ist unser eigentlicher Dreh- und Angelpunkt, wie wir heute wissen.

Wir haben schon immer das Problem positiver Diskriminierung, unserer Ausdruckweise und sprachlichen Fähigkeiten betreffend, weil es das Missverständnis „Sprache“ = „Kommunikation“ gibt.

Wir sind sehr gut mit Sprache. Unser Wortschatz ist groß, unsere Metaphersammlung beeindruckend für viele Menschen. Wir lernen gerne und schnell Sprachen. Sprechen flüssig, moduliert und lang.
Wir sind allerdings eher mittelprächtig in der Kommunikation dessen, was wir eigentlich aussprechen wollen und eher untermittelprächtig gut in der Rezeption dessen, was uns andere Menschen kommunizieren wollen.

Denn Sprache ist Muster. Also: Grammatik und Wörter. Sprache ist lernbar. Das kann man sich einprägen, einüben. Sprache findet sich überall.
Kommunikation allerdings, erfordert auch das, was als Intuition bezeichnet wird, weil der Lernprozess unbewusst und basierend auf neurologischem Feedback passiert. Menschen bringen einander Kommunikation bei, ohne zu wissen, dass sie das tun oder wie genau sie das tun.

Besonders in unserer Ausbildung mit dem Schwerpunkt auf Medien und Kommunikation merken wir: den Kernpunkt einer kommunikativ intendierten Aktion, kann uns niemand erklären.
Man kann uns sagen, was was macht und wie was wirkt, aber wieso und woran sich das jeweils festmacht nicht. Eben, weil es hier um so tief verinnerlichte und durch die alltäglich bestätigte Funktion als nicht nötig zu hinterfragende Dinge geht, dass dort oft ein Ende der Selbstreflektion beginnt.

Unser Problem liegt an genau dem Punkt.

Während wir lange dachten, die Lösung aller Kommunikationsprobleme wäre eine Perfektion von Sprache und Timing, trugen wir durch diese Bemühungen immer weiter dazu bei, dass Menschen uns nicht glauben, dass wir sie oft nicht verstehen und uns nicht richtig ausdrücken können.
Zusätzlich gehen wir mir traumabedingter Sprachlosigkeit um.

Unsere Fragestellung an andere Menschen ist also oft: Wie müssen wir etwas sagen, damit du uns verstehst?
Und so viele Menschen können darauf keine Antwort geben, denn sie selbst sehen die eigenen Kommunikationstechniken nicht. Sie wissen nicht, worauf sie wie reagieren, weil sie sich das nie fragen mussten oder gefragt wurden. Selbst Menschen, die mit studiertem Blick auf Kommunikation schauen, könnten den für uns fraglichen Punkt nicht benennen.

Und während viele Menschen an der Stelle annehmen, dass wir uns darüber erhöhen und überlegen fühlen, weil wir einen sogenannten „blinden Fleck“ bei vielen Menschen gefunden haben, sind wir tatsächlich oft einfach nur verzweifelt und zuweilen auch zutiefst hoffnungslos, jemals ganz und gar erkannt und verstanden zu werden.

Früher waren wir in der Theorie verhaftet, wir würden Menschen einfach nicht genug vertrauen, um sie nah genug an uns heran zu lassen, um eine intime, im Sinne von vertraute oder innige, Kommunikation aufzubauen. Jedes unserer Sprech-, Sprach-, und Kommunikationsprobleme lag damit allein bei uns. Wir sind die mit dem traumatisierten Gehirn, mit den zu schlecht entwickelten Abgrenzungs- und Reorientierungsfähigkeiten – wir sind die, die nicht zwischen Bedrohung und zugeneigtem Miteinander unterscheiden können.

Die Rolle anderer Menschen beschränkte sich damit auf den „Sei lieb zu mir-Imperativ“ und damit auch den Anspruch, für uns bitte niemals auch als Bedrohung verstehbar oder sichtbar zu sein.
Eine fiese, aber leider übliche Falle, in die Menschen tappen, die versuchen mit traumatisierten Menschen umzugehen.

Man möchte den traumatisierten, vielleicht auch leidenden, Menschen nicht noch mehr leiden machen und schon gar nicht immer wieder an die Traumatisierung erinnern. Sobald das Konzept von Triggern verstanden ist, will man Trigger nicht mehr. Man will sie um jeden Preis verhindern, obwohl alles – das komplette Leben von Anfang bis Ende – komplett triggerbasiert ist.
Das Leben ist eine einzige Kette von Reiz-Reaktionsmustern. Sich Triggern zu verwehren, heißt sich dem Leben zu verwehren. Sich dem Leben zu öffnen, bedeutet sich für Umgangs- und Reaktionsmöglichkeiten zu öffnen.

Obwohl wir uns immer wieder dagegen gesperrt haben von anderen Menschen auf diese Art „geschont“ zu werden, waren wir da immer wieder drin. Und immer wieder waren es unsere Kommunikationsrezeptionsprobleme, die am Ende dafür gesorgt haben, dass wir Menschen nicht verstanden haben, die so mit uns umgegangen sind. Für uns haben sie einfach dauernd Dinge gesagt und gemacht, die für uns völlig irrational, unbegründet und unlogisch waren. Wir konnten sie nie durchschauen, konnten sie nie einschätzen. Egal, wie oft sie uns nicht miss.be.handelt oder ausgebeutet haben – in diesem Faktor haben sie sich einfach nicht von den Menschen unterschieden, die das mit uns gemacht haben und damit waren sie für uns eben doch nie „ganz anders als die Täter_innen“.

Je mehr wir an die Grenzen unserer kommunikativen Fähigkeiten kamen, desto mehr gewann die Psychosomatik als Kommunikationsmittel an Bedeutung. Und je mehr dagegen antherapiert wurde, desto stärker wurde der Druck auf uns, doch endlich die richtige Sprache, das richtig Timing, die richtige Sozialperformance herauszufinden, um dann die_r richtige_r Patient_in, die_r richtige_r Klient_in zu werden, um dann als Belohnung nicht mehr zu sterben zu wollen, weil das Leiden so unaushaltbar war.

Wir konnten das nicht lösen und heute merken wir, was für ein großer Anteil das für uns an der Traumatisierung durch Helfer_innen war und potenziell immer noch ist. Denn die wenigsten Behandler_innen und Helfer_innen kennen sich mit Autismus aus oder trauen autistischen Menschen so viel Innenleben zu, dass sie traumatisiert werden könnten.
Obendrauf kommt noch der Ausschluss von autistischen Menschen in der neurologischen Traumaforschung, aufgrund ihrer Neurodivergenz. Also: (möglichen) Aspekten ihrer Behinderung.

Inzwischen gehen wir ins dritte Jahr mit der Autismusdiagnose und skyrocken seitdem auf der Entwicklungskurve.
Wir sind in einer glücklichen Beziehung, sind auf dem Weg in eine passende Arbeitsform, können unsere Gesprächtherapie zu 95% nutzen und haben das Gefühl, dass der Boden auf dem wir stehen einer ist, der uns trägt. An 4 von 7 Tagen einer Woche gehen wir mit Grundglückszufriedenheit ins Bett und können Traumascheiße vor der Haustür bündeln.
Das wäre nicht der Fall, wenn wir nicht den Hang dazu hätten, Menschen so zuzuhören, wie wir das tun.

Für viele Menschen sind Sätze wie: „Tun Sie, was Ihnen gut tut.“, „Wir arbeiten hier so lange zusammen, wie es hilfreich ist.“ oder „Vertrauen Sie auf ihre Einschätzungen. Sie sind die_r Expert_in für sich selbst.“ nichts mehr als Phrasen.
Besonders dann, wenn das Verzweiflungslevel so hoch ist, dass Behandler_innen oder Helfer_innen zu Retter_innen in der Not werden. Also eine gewisse Abhängigkeit aufgebaut wird.

Für uns konnten solche Sätze als Jugendliche auch nur dumpfer Blablascheiß sein, denn selbst wenn wir nach unseren Einschätzungen gegangen wären, was wär dann passiert? Wunderheilung? Spontanrettung? Wer hätte uns genommen als chronisch suizidale Jugendliche? Das Heim hatte uns schon abgeschoben und in der geschlossenen Psychiatrie sagt man uns dann sowas, obwohl so so klar ist, dass man am Ende der Fahnenstange angekommen ist und mehr als das Ende aller Alternativen – und damit auch des eigenen Lebens (unter Menschen und relativer Nähe der Gesellschaft) – nicht mehr da ist.

Und auch an der Stelle: Wenn man schon nicht kongruent kommunizieren kann, was belastet und schwierig ist – wie soll man kommunizieren, was man sich entlastender und einfacher vorstellt? Insbesondere dann, wenn man als ultraintelligent und deshalb als befähigt und deshalb als stark (mächtig!) und deshalb auch gerne mal als frech, anmaßend, arrogant eingeordnet (und gemaßregelt) wird.

Unsere Therapeutin sagt keine Dinge, auf die wir nicht in irgendeiner Form auch mit einer Frage zurück kommen können. Wir müssen uns nicht an ihr orientieren, sondern an den Themen, die wir besprechen. Nicht jede.s abwesende oder undefinierbare Gefühl, Wort oder Idee ist gleich unsere Traumavermeidungsstrategie oder dissoziiertes Trauma. Nicht jede Unfähigkeit ist gleich eine traumabedingte Unfähigkeit.
Im Nachhinein denken wir manchmal, dass sie die erste Therapuetin ist, die uns nicht einfach nur predigt doch endlich mal Trauma von Welt zu differenzieren, sondern sich auch für unsere Differenzierungen interessiert.

Denn die sind ja immer schon da gewesen. Zum Einen in uns selbst – viele sein ist das Ergebnis von Differenz durch Unverbindung (also Dissoziation statt Assoziation) – und zum Anderen in dem, wie wir den Lauf der Dinge und seine Bestandteile wahrnehmen – denn wir nehmen mehr Details und breitere Komplexe als klare (bewusste) Informationen auf (was mit unserer Neurodivergenz zu tun haben kann, und durch die unter verschiedenen Bedingungen reproduzierbare Bewusstheit und Benennbarkeit von traumabedingter Hyperviglianz zu unterscheiden ist).

Wir hätten eine weitere Verzweiflungsrunde über die von uns angenommene Sprechunfähigkeit gedreht, hätten wir mit der Therapeutin damals, zum Zeitpunkt der ersten Autismusüberlegungen, nicht schon über 2 Jahre lang gemerkt, dass wir grundsätzlich total gut miteinander arbeiten können, aber da immer noch diese eine Stelle des Unverständnisses blieb.
Die sich ja dann auch noch einmal in der Musik- und Kunstschule wiederholte.

Fortsetzung folgt

der Triebwagenführer, das große Bild und unser Regal

Wir saßen in einem überhitzten Abteil auf dem Weg vom Praktikumsort nach Hause, als der Triebwagenführer vorbei kam. Die Klimaanlagen sind ausgefallen, lasst die Fenster zu, Kinderwagen werden an die dafür vorgesehenen Plätze gestellt, Füße vom Sitz. Sein sächsischer Dialekt richtete mir den Rücken auf.

Wir sind 32 Jahre alt. Die DDR haben wir nie bewusst erlebt. Aber ihre Hinterbliebenen. Und das sind oft Menschen wie dieser Triebwagenführer gewesen. Allzeit bereit.
Mit ihnen geht es mir wie mit Leuten aus Brandenburg und Berlin: Ich weiß nie, ob sie mich gerade anscheißen oder herzlich anknuffen. Vorschriften sind ein Muss, menschliche Gesten daneben aber auch.

So kam es, dass wir alles über die Klimaanlage erfuhren, dass es Zugbegleiter gab und dass er sich darum kümmerte, es so erträglich wie möglich für alle zu machen.
Am nächsten größeren Bahnhof gab es eine Zugwechselaktion. Dort war nur noch ein Abteil überhitzt, eine Notfallflasche kaltes Waser wurde besorgt. Für Fahrgäste, die es brauchen. Das erzählte der Triebwagenführer nachdem er allen Fahrgäst_innen und seinen Zugbegleitern für ihre Zusammenarbeit bei der Aktion gedankt hatte und erneut sagte, dass er sein Bestes gibt.

Wir haben schon Schlimmeres mit der deutschen Bahn erlebt und es war dieser Vergleich, der uns etwas anderes bewusst machte. Denn das, was der Triebwagenführer tat, als er uns dankte und seine Bemühungen mitteilte, war eine Bestätigung der Belastung und der Ungewöhnlichkeit der Situation für alle Beteiligten. Ohne sich selbst davon auszunehmen, indem er sich an die (westsoziale?) Vorschrift der Sachlichkeit und Autorität zurückzog.

Was es uns bewusst machte, war Folgendes.
Am Dienstag hatten wir einen Termin mit dem Begleitermenschen.
Wir haben beim “Fonds sexueller Missbrauch” beantragt, dass er für seine Arbeit mit uns bezahlt wird. Damit das geht, wurden wir darum gebeten den Umfang der Unterstützung und die konkreten Kosten dafür aufzulisten.
Und so saßen wir dann gemeinsam an unserem Schreibtisch und listeten.

Früher hatten wir ein Regal für Komplimente oder schmeichelhafte Bemerkungen über uns. Eine Distanzierungstechnik, die uns half über die Unsicherheit des Nichtwissens einer angemessenen Reaktion hinweg zu kommen. Seit dem Narzissmusding in der Klinik machen uns anlasslose bzw. nicht nachvollziehbare Komplimente und schon die Idee, wir könnten irgendwas ziemlich gut (geschweige denn besser als andere) nur noch Stress und Angst – wir befassen uns nicht mehr damit. Die Dinge, die wir schaffen und können, schaffen und können wir und fertig. Ein größeres Bild oder irgendwelche Gefühle dazu, lassen wir nicht mehr an uns ran.

Nun mussten wir zusammen darüber nachdenken, wie das war. Damals. Im Frühjahr und Sommer 2015 als wir uns kennenlernten. Wir uns und wir irgendwiealle den Begleitermenschen. Der trotz all unserer Helferdinger und Klapsentraumafolgeprobleme bis heute Wege findet, über die Dinge zu sprechen, die davon ins Jetzterleben getriggert werden und das Heuteleben be.ver.hindern.
Wie das war, als wir mit dem Aspergerdiagnosezettel in der Landschaft standen und erst mal nicht wussten, was das jetzt bedeutet. Was für Angst wir hatten, die Therapie bei unserer Therapeutin könnte deshalb enden.
Wie hilfreich es war, als er uns erklärte welche Mechanik hinter Autismusdiagnosen und Behandlungen steckt und was unser Zettel nach einem Fragebogen und einem Interview letztlich aussagt.

Wie das war, als wir erstmals über die Ausbildung mit ihm sprachen und wie gut es war genau so kleinteilig und zweifelsorgenzerklüftet über Wünsche, Sorgen und Ängste in Bezug darauf zu sprechen, wie es nötig war. Wie das vor dem Klinikding war und wie es bis heute hilft, dass er direkter Zeuge dessen war, was da alles so schlimm schief für uns gelaufen ist.

Und während wir über die Schule und seine Unterstützung dort sprachen, dachte ich, dass wir das schon längst mal hätten machen müssen: Uns das gemeinsame große Bild anschauen.
Von dem, was dieser Mensch da für uns tut. Seit inzwischen 3 Jahren, ohne dafür bezahlt zu werden und immer mit all unserem autistischen Traumakorks, der sicherlich weder einfach noch kurzweilig ist.
Nicht, um ihm den Heldengesang schreiben zu können, den er verdient, sondern um sowohl ihm als auch uns die Anstrengung, die Arbeit, die Außerordentlichkeit dieser Beziehung bewusst zu machen.

Denn es ist anstrengend. Es ist Arbeit. Es ist außergewöhnlich.

Vor dem Klinikding und der Ausbildung war das alles normal für uns.
Menschen sind anstrengend, Hilfe und Unterstützung erbitten, managen, annehmen und nutzen ist Klient_innenarbeit und, dass es jemand länger mit uns aushält, obwohl sie_r selbst nichts davon hat, ist krass außergewöhnlich.

Und nach dem Klinikding wurde diese Normalität für uns beängstigend. Denn wir sind ganz gerne mal stolz auf geschaffte Dinge. Gerade dann, wenn wir viel für oder an etwas gearbeitet haben. Dann wollen wir Bestätigung dafür. Wollen von anderen Menschen hören, dass sie Dinge unter Umständen auch anstrengend, arbeitsaufwendig und/oder außergewöhnlich finden. Zwischenmenschliche Kongruenz in der Einordnung solcher Empfindungen ist manchmal so eine Art Versicherung oder Legitimation. Eine Möglichkeit empfundenen Stolz als legitim und sicher an und vielleicht auch in sich selbst zu zementieren.

Wir haben das von uns weggeschoben. Stolz ist ja auch nicht konstruktiv. Sich selber bei oder wegen etwas gut finden – das ist kein Skill, der hilfreich ist, die Ausbildung gut zu durchlaufen oder an Dingen zu arbeiten.
Klick klack Robotermodus an. Dissoziationsmechanismen rasten ein.
Entferne dich von dir selbst, richte dich aufs Arbeiten, Ver_Dienen und Zer.eins.zelte ein.
Du bist nicht gut oder okay, du bist nicht schlecht oder scheiße.
Du bist, das reicht für dich, weil “in Wahrheit” ist das schon schlimm genug, um alles andere verwirkt zu haben.

Eine andere Ebene der Dissoziation, die uns nach dem Klinikding passierte ist die, ja “in Wahrheit” den Begleitermenschen gar nicht zu brauchen, neben “in Wahrheit” gefährdet zu sein, weil wir ihn eben doch brauchen, neben “in Wahrheit” nie zuvor genau diese richtige, wirklich hilfreiche Hilfe im Alltagsleben gehabt zu haben, neben “in Wahrheit” es niemals zu schaffen, wieder gut zu machen, zu entschädigen, zu entlohnen, was dieser Mensch für uns tut und getan hat in den letzten Jahren, neben “in globaler Echtwahrheit” keinen Grund zu haben zu glauben, wir hätten irgendetwas mit dem zu tun, was Produktives, Gutes, Bestolzbares aus der Arbeit mit ihm hervorgeht oder für uns entsteht.

Eine Ansprache wie die des Triebwagenführers hätten wir über die Arbeit mit dem Begleitermenschen nicht ertragen. Aber diese Liste war gut. Das Moment, in dem wir bemerkten, dass auch der Begleitermensch seine Distanzierungsmethoden hat und gleichermaßen nicht so bewusst hatte, wie viel er und wir schon gearbeitet haben. Es war gut, weil das Ziel der Auflistung nicht war uns das bewusst zu machen, sondern um das darzulegen, was de facto da ist. Ohne, dass irgendjemand daran herumdeuteln oder ein “in Wahrheit” daneben legen kann.

Es ist gut und tut gut zu sehen, dass da gute Sachen einfach gut laufen, weil wir zusammen mit dem Begleitermenschen gute Arbeit machen.

Mal sehen, ob wir uns das in unser Regal tun können.

von Freiräumen und der Frage, was man mit der Vergangenheit macht

Es ist ein bisschen so, als würde man Muskeln ansteuern, die noch gar nicht da sind, als die Therapeutin fragt: “Geht es ein bisschen darum, was sie damit machen? Mit ihrer rituellen Vergangenheit..?”.

Ich weiß, worum es geht. Weiß, es ist die Dissoziation, die mir alles Gesagte, Mit.geteilte und Erinnerte in dieser Stunde fremd und fern erscheinen lässt. Weiß, es geht um mich. Weiß, es geht um meine Vergangenheit.
Aber ja: Ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll.

Was soll ich denn auch anfangen mit einem Tier, das um sich beißt. Mit einem Kind, dass blind vor Panik an Türen kratzt. Mit einem Selbst, das weder Ich noch Nichtich ist. Mit Innens, für die alles außerhalb dieses einen Ists nichts außer Lug und Trug ist.
So eine Truppe ist der Stoff aus dem abgefahrene Road-Trip-Filme sind, aber mein Leben hat keine Räume für sie.

Wir bemühen uns allgemein darum allen Innens ihre Räume zu geben und zu lassen.
Bei uns meint das nicht, dass wir schauen, dass alle von uns ihre Außenzeit haben oder bestimmte Dinge haben dürfen – es meint eher, dass wir soziale wie asoziale Räume schaffen und freihalten, in denen es nicht zwingend ist, dass ausschließlich versorgungs-, schul-, therapie-, freundschafts-, produktivitäts-, oder gewaltfunktionale Systeme bzw. Innens aktiv sind.

Wir sind darin inzwischen ganz gut und durch die Unterstützungen, die wir erhalten, können wir diese Räume auch stabil halten und ausbauen. So ist es nicht mehr schlimm für mich, wenn wir zu Hause auseinanderfallen. Wir sind dort sicher, haben dort alles was wir brauchen, um mit den Konsequenzen der Anwesenheit dieser Innens umzugehen.

Aber das ist vielleicht genau mein Knackpunkt. So gehe ich mit den Anderen in meinem Leben um. Ich mache ihnen Räume, in denen ich das Chaos, die Not, die Unruhe und zuweilen auch Zerstörung, die sie mitbringen oder verursachen, kontrolliert passieren lassen und wieder bereinigen kann.
Ich gehe nicht mit ihnen um. Ich gehe mit den Folgen ihrer Anwesenheit um und das ist so ziemlich genau mal gar nichts anderes, als das, was ich schon immer mit ihnen mache. Heute mache ich das therapeutisch wertvoll und nenne meine Amnesie bzw. das depersonalisierte Erleben, das ich durch ihre Anwesenheit habe, “Freiraum für die Anderen in meinem Leben”.

Das ist nicht gut. Weiß ich. Aber was soll ich denn sonst machen?
Ich merke, dass wir zu wenig adhäsive Eigenschaften für einander haben. Es ist nicht wie in meinem Funktionssystem, wo sich die anderen mehr oder weniger oft zeitgleich – immer jedoch inhaltlich immer zu 100% auf meiner Ebene bewegen. Wir sind füreinander erkennbar, wir haben Kontakt – hatten ihn, bevor wir ihn gezielt gesucht haben. Wenn ich etwas entscheide, dann tue ich das inzwischen automatisch auch irgendwie mit ihnen. Unsere Kluft ist nicht zu, aber sie ist leicht zu überqueren.

Diese meine, unsere “rituelle Vergangenheit” mit der wir uns in der Therapiestunde befasst haben, ist nicht nur etwas, das nicht mir passiert ist, es ist auch noch Innens passiert, mit denen ich damals wie heute nur wenig mehr als Leben und Körper teile.
Das klingt für manche Menschen vielleicht nach viel, für mich ist das jedoch nicht mehr als das, was ich mit meinen Nieren zu tun habe: Ich weiß, dass sie zur gleichen Zeit wie ich geboren wurden und eine lebenswichtige Funktion haben – aber bei unserem nächsten Umzug werden sie mir keine Kiste packen können.

Vielleicht geht es am Ende nur um Akzeptanz? Anerkennung und fertig?
Wir teilen uns die Kenntnis um etwa 6qm Überlebens.zeit_los.raum.
In gewisser Weise teilen wir uns also einen Traumakrümel.

Ich hab nicht diesen ganzen Therapiequatsch mitgemacht, um jetzt noch zu glauben, dass ich mich nicht damit beschäftigen muss, was ihre Perspektive auf meinen Entstehungsort ist. Ich habe aber auch genug Therapiequatsch mitgemacht um zu wissen, dass es mehr als einen Traumakrümel braucht, um eine Perspektive zu verstehen oder mehr Kontakt aufzubauen.

Will ich mich also immer noch nicht damit auseinandersetzen? Vermeidung? ANP-typisches Schutz-Mimimi?

Ja. Nein. Vielleicht.
Alles.

Ich weiß, was ich machen muss. Ich weiß, wie das geht. Wir haben genug Werkzeug uns zu befassen. Wir haben eine gute Therapeutin. Was mir fehlt ist Bezug und eine Idee, wo es hingehen soll.
Ich weiß nicht, was ich verstehen muss, um diese Innens zu verstehen. Ich weiß nicht, was sie verstehen und vielleicht auch können müssen, um mich zu verstehen. Ich weiß nicht, welche Freiräume ich diesen Innens geben muss und wie wir diese dann absichern könnten.

Wir hatten und haben triftige Gründe für ihr Exil so fern im Innen, wie es nur geht.
Für sie kann es noch keine Zeit geben, sich frank und frei in der Welt zu bewegen, ohne uns zu gefährden.

Vielleicht klingt es fies und ist super selbstschädigend und gewaltvoll, aber im Moment denke ich oft, dass ich auch gut damit zurecht kommen würde, sie als so in der Zeit verloren zu akzeptieren, wie sie sind.
Wir haben viele Innens, die das sind. Wir haben sie mit Schutzimaginationen im weißen Rauschen des Inmitten beerdigt und wissen: Was als therapeutisches “in Sicherheit bringen” passiert ist, wird nie als das therapeutische Töten anerkannt werden, dass es auch war.

Nicht alle können reorientiert und für den Alltag nach der Gewalt funktionalisiert werden.
Und Innens, die aus Spaß an der Freude erhalten bleiben, gibt es nicht.

Etwas, was die Frage der Therapeutin berührt hat, ist für mich auch die Frage danach, was ich mit unserer Vergangenheit mache. Im Moment mache ich nichts anderes damit, als sie zum Forschungsobjekt zu machen.
Sie ist das Ziel vieler Fragen und der Grund für Krisen, die auf die Antworten folgen.
Ich mache diese Therapie nicht, um “meine Vergangenheit zu verarbeiten” – ich will eine Vergangenheit haben und muss dafür therapeutisch arbeiten.

Vielleicht auch, um damit klar zu kommen, dass ich nichts mehr mit etwas machen kann, das schon längst vorbei ist.

Hoffnung

“Sag mal K. – worum geht es dir eigentlich?”, fragt sie mich aus einem zusammengedrückten Gesicht. Das Schleimpfeifen aus meiner Lunge führt meinen rasselnden Atem an wie eine unbeirrbare Vorhut. Dieser Spaziergang ist schon viel zu lang für mich. Die Luft zu dicht, um die Flügel in meinem Oberkörper anzuheben.
Hinter uns grollt ein Wärmegewitter den Berg hinauf, den wir gerade bestiegen haben.

Ich drücke mein Gesicht zusammen, wie ihres und frage, was sie denn mit “eigentlich” meint. Frage sie, was sie denn glaubt für wie viele Eigentlichs ich neben dem, was ich, was wir, so mühsam rausbringen, noch Kraft aufbringen würde.
Wieder bin ich da, wo ich mich frage, ob sie mich für dumm hält, oder heimlich doch nicht glaubt, dass es schwer für mich ist zu sprechen, obwohl ich es tue. Ärgere mich darüber, weil es ineffizient und doch wieder eine Etappe ist.

“Brauchst du jetzt ein Eigentlich von mir, weil dir nicht klar ist, was ich dir gesagt hab oder willst du “den einen schlimmen Aspekt” wissen?” Ich bleibe stehen, hebe die Arme über den Kopf und versuche mich zu weiten.
Sie beobachtet mich. Ich merke, wie ihr jemand ins Gesicht springen will.
Sie fragt: “Gibt es denn mehr als einen schlimmen Aspekt?” und es ist als würde sie mich mit einem Fingerpieks einen Abgrund runterschubsen.

Antworten, die Fragen sind. Sie weiß das. Ich hab ihr das schon so oft gesagt. Warum macht sie das trotzdem.

Ich wühle nach meinem Notfallspray und dem Wasser in meinem Rucksack. Sage nichts mehr, bis wir zu Hause sind. Das Cortison treibt uns an, wir werden schneller als sie. NakNak* läuft voraus. Hält bei jedem Donner inne.
Ich fühle mein Trauma unter meiner Haut. Merke, wie da etwas wühlt, kämpfen will, doch nicht durch meine Haut aus Stein kommt. Das schnelle Gehen fühlt sich falsch an. Die Bewegung ist jetzt, aber nicht in Einklang zu bringen mit dem, was ich wie eine Hülle den Berg hinunter trage.

Unsere Gemögte spricht weiter auf mich ein, doch es kommt mir eher vor, als würde sich mich mit Wörtern abduschen, als mit mir zu kommunizieren. Sie perlen von mir ab, bedeuten nichts außer sich selbst. Versickern spurlos in der Zeit, brauchen weder mich noch sie.

Als wir in der Küche sitzen und dem Donner über dem Haus zuhören, fragt sie, ob es immer noch um die Akzeptanz geht, DAS DA erlebt zu haben. Ich sage “Nein” und denke: “Aber vielleicht doch.”

“Ich verlier die Hoffnung, M.”, sage ich. “Darum gehts mir.”
Sie streichelt NakNak* die Ohren. “Die Hoffnung worauf?”. “Dass wir alles aufgelöst kriegen.”
Es donnert. Draußen raschelt Birkengeblätt im Gewitterwind.

“Ich will Frieden machen mit dem ganzen Scheiß. Ich will es leichter haben. Ich will, dass sich alles auflöst und kein Problem mehr ist.”. Ich nerve mich selbst mit dem was ich sage. Höre auf zu reden. Es kommt mir sinnlos vor.

M., die uns schon lange, mich immerhin seit ein paar Jahren kennt, schweigt mit mir den Moment in die Breite.
Mit einem langen Schluck trinkt sie ihr Glas aus.

“Ich hab noch keine Klientin gehabt, deren Wunden von Hoffnung allein geheilt wurden.”

Fundstücke #62

“Werde, wer du wirklich bist”, heißt ein Buch von Alison Miller, in dem es um rituelle Gewalt und die Überwindung von Mind Control geht.
Es ist ein Selbsthilfebuch für Betroffene und steht bei uns auf der Liste der Bücher, die wir irgendwann vielleicht eventuell mal lesen wollen. Dann, wenn wir wissen, wer wir denn wirklich sind.

Diese Lücke ist mir gestern noch einmal bewusst geworden, als ich einen Artikel über narzisstische Menschen, die mit einer Borderline-Persönlichkeitsorganisation leben, las.
Seit wir als narzisstisch persönlichkeitsgestört “diagnostiziert” wurden, stolpern wir öfter über solche und ähnliche Texte. Und natürlich versuchen wir uns darin zu finden. Immer noch. Obwohl wir wissen, dass wir keine so gelagerte Persönlichkeits”störung” haben.

Aber es entstehen interessante Gedanken und Fragen.
Zum Beispiel die danach, wer wir denn nun sind. Wie es denn nun wirklich um unser Selbstwertgefühl steht. Ob, und wenn ja, inwiefern und wozu wir Menschen ausbeuten. Ob, und wenn ja, wir Kritik fürchten. Ob, und wenn ja, für wie großartig wir uns denn halten. Ob, und wenn ja, wie überzogen unsere Ansprüche und Anforderungen an unsere direkte und indirekte Umwelt denn wirklich sind.

Tatsächlich finden wir uns in Schilderungen von Menschen mit sogenannter “narzisstischer Persönlichkeitsstörung” nicht wieder. Aber wir verstehen, weshalb die Ärztin damals Anlass hatte das in uns zu sehen. Und obwohl uns das nachwievor belastet, weil wir nichts daran ändern, geschweige denn andere Patient_innen vor ihr schützen können, können wir uns daraus ableiten, für wen es (im Kontext der Traumatherapie) wichtig ist, an so etwas wie ein “wahres Ich” oder “wahres Selbst” zu glauben. Und warum.

Die dissoziative Identitätsstruktur wird nachwievor oft und überwiegend durch eine psychoanalytische Brille betrachtet und behandelt. Danach gibt es eine Persönlichkeit, die “Stellvertreterpersönlichkeiten” entwickelt, weil das erlebte Trauma zu schrecklich ist um weiter am Leben zu bleiben bzw. das soziale Umfeld zu ertragen, in dem das Trauma erlitten wurde.

Für grundsätzlich falsch halte ich das nicht, aber diese Sichtweise legt die Vorannahme einer Persönlichkeit, die da ist und etwas erschafft, das neben sich steht und passiert, fest.
In diesem Modell wird häufig dann auch Hierarchie eingebettet und Kämpfe um “gut” oder “böse”, “stark” oder “schwach”, “männlich” oder “weiblich”, “erwachsen” oder “kindlich” verortet.
Die therapeutische Arbeit ist dann eine Art “kontinuierliche Demaskierung” der “Stellvertreterpersönlichkeiten”, als Selbstschutzmechanismen oder eben auch verselbstständigte narzisstische Reflexe.
(Like: “Du hast es nicht ertragen, dass die Person dich, die du dich für so großartig/wichtig/besonders hältst/gehalten hast (weil dir das so eingeredet/vermittelt wurde), behandelt wie ein Stück Scheiße, also hast du jemanden erfunden, der ein Stück Scheiße ist, damit dich das nicht erreicht”).
Daneben kommen noch Aspekte der Reorientierung als erwachsene Person, die helfen sollen, die “Stellvertreterpersönlichkeiten” nicht mehr als etwas zu sehen, das fremd ist, sondern eigen und er.tragbar von der “eigentlichen Persönlichkeit”.

Wir haben schon Menschen mit dissoziativer Identitätsstruktur getroffen, bei denen diese Herangehensweise geholfen hat und insgesamt auch passt: Menschen sekundärer struktureller Dissoziation. Menschen mit DDNOS.
Also Personen mit einer “Kernpersönlichkeit” und mehreren Alter Egos, die zu bestimmten Zeiten oder bestimmten Aspekten im Leben der Person aktiv waren oder sind.
In der Serie “United States of Tara” ist so eine Person (filmkünstlerisch und kapitalistisch verwertbar aufbereitet) dargestellt.

Weniger passt diese Herangehensweise bei uns.
Bei uns gibts es durchaus auch “Stellvertreter”, allerdings sind das keine autarken Innens, also “Persönlichkeiten”, sondern Zustände, auch “States” genannt, die innerhalb eines Systems verortbar sind und nur dort überhaupt funktionieren.

Als wir die Diagnose als Jugendliche gestellt bekamen, hatten wir uns bereits daran abgearbeitet unseren “ursprünglichen Kern” zu finden. Sahen uns immer wieder damit konfrontiert, dass Menschen “das eigentliche Problem”, den “wahren Ursprung” von uns Innens “als Ganzes” sehen, finden, behandeln wollten.
Und als wir an dem Punkt waren zu merken, dass es den bei uns nicht gibt – samt aller Implikationen, die das für uns hat und hatte – begann für uns eine Forschungsreise, an deren Ende wir in dem Buch „Das verfolgte Selbst“ auf unsere Struktur stießen: das Modell der tertiären strukturellen Dissoziation.

Darin gibt es einen solchen Kern nicht, wohl aber Funktionssysteme, die zu bestimmten Lebenszeiten, sozialen Kontexten und Anforderungen aktiv werden bzw. sind und durch dissoziative Barrieren nicht oder kaum mit den anderen Systemen in Kontakt sind.

Hier funktionieren therapeutische Ansätze von “Demaskierung” und Reorientierung nur teilweise, nämlich nur in ebenjenen Systemen, die in der Therapiestunde aktiv sind (oder für die Therapie entstanden sind) oder aktiv sein müssen oder aktiv sein dürfen oder die Fähigkeit haben in der Therapie aktiv sein zu können.

Das heißt bei uns: Wenn wir Rosenblätter in der Therapiestunde sind und erkennen, dass wir untereinander funktionale Stellvertreter sind, um mit den Anforderungen von interpersoneller Kommunikation (in zum Beispiel Psychotherapie, Behörden, Blogkommentarspalten, ehrenamtlicher Tätigkeit usw.) zurecht zu kommen, weil unser Gesamtsystem (unserer Ansicht nach ist das unser Gehirn bzw. unser Körper) eben dies als potenziell lebensgefährliche Bedrohung missinterpretiert, dann können wir das nur so akzeptieren und in unser „Rosenblätter-Leben“ integrieren.

Nicht aber in eine “Kernpersönlichkeit”, die dadurch mehr Kraft oder allgemeine Integrität erhält.
Bei uns wird mit so einer Art therapeutischen Arbeit am Ende also nichts und niemand “ganzer” oder “echter”, außer wir selbst als System, neben anderen Systemen.

Diese Kernpersönlichkeitsidee, ihre Implikationen und der Anspruch das als Therapieziel zu verfolgen, werden aber immer das sein, was uns dazu zwingt eine “Stellvertreterpersönlichkeit” aufrecht zu erhalten – nämlich so etwas wie eine Hannah C. Rosenblatt, die es gibt, um als eine Persönlichkeit gelesen und angesprochen werden zu können, obwohl man keine ist.

Nach der Lektüre des Borderline-Narzissmus-Textes habe ich verstanden, wie praktisch so ein Kernpersönlichkeitsmodell ist.
Gerade dann, wenn man selbst nicht dissoziativ funktioniert, aber selbst sehr verschiedene soziale Rollen erfüllen muss oder will. Dann kann man etwas von sich selbst in der anderen Person finden und man kann ähnliche, wenn nicht gleiche Maßstäbe an sie anlegen.

Das funktioniert genauso wie in der Sparte des Inklusionsaktivismus, in der die Person, die auf einen Rollstuhl angewiesen ist, “eigentlich ja gar nicht so anders ist, als die Person, die keinen braucht”.
„Da ist ja nur eine kleine Unterschiedlichkeit, welche die Person, die keinen Rollstuhl braucht ja sogar an sich selbst simulieren kann, um der anderen Person zu gleichen.“

Was dabei das Problem ist, ist das Gleiche wie bei der Identifikation nicht dissoziativ strukturierter Menschen mit Menschen, bei denen diese Struktur vorliegt:

Wie es ist, eben nicht und niemals wählen zu können so zu er_leben; wie das ist, damit 24/7, vielleicht bis zum Lebensende so zu leben; wie das ist, damit umgehen zu müssen, dass andere Menschen glauben, dieser Unterschied wäre “eigentlich” nichtig – diese Erfahrung ist exklusiv. Und zwar nicht, weil das so geil ist und eine Aufwertung vor anderen Menschen bedeutet, sondern, weil der Unterschied eben alles andere als “eigentlich nichtig” ist, sondern fundamental.

Es ist eine andere Er_Lebensform. Ein anderes in der Welt sein.
Nicht besser, nicht schlechter – einfach nur fundamental anders.

Mit “dem anderen” umzugehen ist niemandes Job. Interessanterweise gehen mit “dem anderen” nur jene um, die anders sind. Und zwar, indem sie leben und sind, wie sie sind.
Psycholog_innen, Mediziner_innen und was weiß ich nicht so alles, sind nicht damit beauftragt menschlich, individuell damit umzugehen, dass es das gibt. Sie sind für wissenschaftliche, gesellschaftliche, individuelle Einordnung und die Sicherstellung sozialer Kontrolle durch Diagnosen und Behandlungen zuständig.

Davon auszugehen, dass “das Andere” “eigentlich” gar nicht anders ist, ist also auch eine Art positiver Diskriminierung, um realen gesellschaftlichen Ausschluss aufgrund von Andersartigkeit zu verschleiern.
Und damit natürlich auch der eigenen Beteiligung daran.

Mir ist dieser Gedanke nur deshalb gekommen, weil wir merken, wie sehr das Kernpersönlichkeiten-Modell bei uns nicht greift und wie schwierig es ist, an Erfahrungsberichte zu kommen, wo jemand nicht auf der Grundlage dieses Modells gearbeitet hat.

Erst recht haben wir noch kein Material gefunden, in dem die Lebensumgebung der betreffenden Personen gleichermaßen ausgeleuchtet wurde, wie ihre inneren Landschaften.
Damit wird sich in der Praxis einfach nie beschäftigt. Die Person und ihr Verhalten in diesem einen speziellen Setting einer Behandlung wird angeschaut, ähnlich bis gleich gemacht mit Menschen, die sich nicht in diesem Setting befinden und das wars.

Mich würde sehr interessieren, wie oft Menschen, die mit offensiv mit ihren Unterstützungsbedarfen umgehen und keine Schamperformance machen, als Person, die mit ihrer Rolle kokettieren, wahrgenommen werden und vielleicht sogar aufgrund dessen pathologisiert werden.
Genauso interessiert mich – besonders bei Menschen, die viele und über den akuten Krisenstatus hinaus sind – wie oft es vorkommt, das durch Therapie entwickelte Resilienzen und Abgrenzungsfähigkeiten, irgendwann (Wann genau?) als Arroganz oder Hochmütigkeit gelesen werden.
Wann werden Selbstschutzmechanismen als Noncompliance, wann die Nutzung von positiven Ressourcen als kritisch eingeordnet?

Geht es um die verwendeten Modelle, die einer Diagnose zugrunde liegen, oder um die Personen, die diese Modelle wählen, um sich selbst in der Beziehung zu der Person leichter zu verorten?

Oder geht es darum, wer wer „eigentlich“ ist und wessen “wahres Selbst” wann wie wo als das legitimiert ist, was es ist?

 

Vielleicht werden wir “Werde wer du wirklich bist” nie lesen, denke ich gerade.
Wir machen unsere Therapie nicht, um wirklich zu werden.
Wir sind schon wirklich da. Uns gibt es schon so wie wir sind.

Unser Ziel ist, das auch genau so selbst wahrnehmen zu können, ohne aufgrund dissoziativer Selbst- und Umweltwahrnehmung darin behindert zu werden. Ich weiß nicht, inwiefern sich dafür unser Selbstsein verändern muss?

Fundstücke #60

Wenn ich lese, dass “der Feminismus” alle Männer zu Tätern (sigh) erklärt, dann denke ich mir den Verfasser des Textes als jemanden, in dessen Leben ich gerne einmal hineinschlüpfen möchte.
An der Stelle geht es mir nicht ums Privileg oder darum, mal zu schauen zu schauen, wie das so ist als Mann mit Dingen konfrontiert zu sein. Ich frage mich wieder einmal, wie das wohl ist, wenn man nicht von anderen Menschen traumatisiert wurde.

Ich wurde von zwischenmenschlicher Gewalt in der eigenen Familie, in Institutionen, in erweiterten sozialen Gruppenkontexten traumatisiert. Tatsächlich bedeutet heute jede Person– unabhängig von jeglichen Eigenschaften, die sie von einer anderen Person unterscheidet – für mich eine potenzielle Gefahr.
Immernoch. Obwohl das Schlimmste inzwischen schon seit gut 11 Jahre vorbei ist.

Wenn ich Sätze aufschnappe wie: “Die (Feminist_innen) erklären alle Männer zu Tätern!”, dann denke ich sofort, dass das ein falscher Satz ist. “Täter_in” ist ein Wort, das eine im Nach-etwas-das-passiert-ist-hinein-Begrifflichkeit ist. Es muss etwas passiert sein – jemand muss etwas getan haben, um Täter_in zu sein. Einfach so, pauschal kann man das über niemanden sagen. Weder über Männer, noch über Menschen, die keine Männer sind.

Das ist wichtig. Gerade, wenn es um die (feministische) Auseinandersetzung mit sexistischer Alltagsgewaltpraxis geht. Die sexistische Alltagsgewalt wird von manchen als Tat eingeordnet und bedeutet in der Folge, viele aktive Täter-, Ermöglicher-, Mittäter_innen (!) , die auch als solche benannt werden.
Ob das jetzt so nötig, ist, um Sexismus als solchen abzuschaffen, kann ich nicht abschließend sagen, aber, dass es in dem Fall keinen generellen Outcall an Männer gibt, sie seien Täter, ist an der Stelle klar. Hoffe ich.

Was ich aber auch verstehe ist, dass das ungerecht vorkommen kann.
Wenn es in der eigenen Wahrnehmung so normal ist sexistisch zu sein, zu handeln, zu denken und zu bewerten, und es zusätzlich noch eine krasse Ausnahmesituation ist im eigenen Da_Sein, Handeln, Denken und Werten kritisiert, bezweifelt, und aufgrund dessen vielleicht sogar im sozialen Rahmen abgewertet und ausgeschlossen zu werden, ja dann kann einem die Welt schon mal brennen.
Das bedeutet aber noch lange nicht, dass andere dafür zuständig sind, das wieder in Ordnung zu bringen.

Für mich sind  WWcM*-Texte deshalb interessant, weil ich darin etwas finde, das mir sehr fremd ist.
Und damit meine ich nicht den öffentlichen Ausdruck von Unzufriedenheit mit der eigenen Situation und auch nicht den Umstand, dass dort eine völlig fremde Perspektive auf etwas fassbar wird.
Ich meine die Grundhaltung zu anderen Menschen.

Für mich sind andere Menschen im günstigen Fall etwas, deren störender Einfluss auf mich, in irgendeiner Form erwartbar ist. Im ersten Moment sind sie jedoch eine Gefahr. Das ist die Macke, die man mitnimmt, wenn man von klein auf damit konfrontiert ist, dass es so etwas wie einen “sicheren Menschen” schlicht nicht gibt..

Ich habe mich noch nicht viel mit anderen Menschen beschäftigt. Keine meiner Beziehungen ging über klar eingegrenzte Miteinander-Tätigkeiten hinaus, ich habe keine Menschen im Leben, die ich in allen Alltagssituationen und Zuständen einschätzen oder verstehen kann.
Eine “tiefe innige Verbundenheit” empfinde ich zu niemandem.

Mein neutrales – nicht von Anpassungen an Traumafolgen oder allagsgewaltbedingten Sozialmustern verformtes – Interesse an Menschen habe ich erst entwickelt, nachdem ich begriff, dass in jedem Menschen ein anderer Kosmos wirkt. Da waren wir etwa 21 Jahre alt. Heute weiß ich, dass das vielen Autist_innen so geht und nichts ist, was mich zurm Psychopath_in oder gefühlskalten Egoman_in macht. Und auch nicht zum „unfähig zur Liebe traumatisiertem Opfer“.

Ich weiß heute, dass soziale Interaktion nichts naturgegebenes ist, sondern das Ergebnis eines lebenslangen Lernprozesses, der immer nur in dem Rahmen passieren kann, der individuell zur Verfügung steht..

Vielleicht ist es an der Stelle schwierig für Lesende, die Parallele zum Täter_innenvorwurf zu finden.
Deshalb schreibe ich es so:
Manchmal mache ich mir Sorgen, dass mir Ähnliches gesagt wird, wenn ich meine Sicht auf Menschen so klar ausdrücke, wie ich sie erlebe. Dass ich alle Menschen vorverurteilen würde oder, dass ich Menschen instrumentalisiere, (weil ich sie als minderwertig(er als mich selbst) einordne) oder dass ich damit aufhören solle. Als wäre das etwas, was im ersten Schritt von mir gewählt wurde und ich mir im zweiten Schritt nicht selbst anders wünschen würde.

Diese Welt, die WWcM in ihren Texten als Schreckensszenario aufmachen, ist bereits meine Lebens_Realität.
Ich kann schon immer nicht einfach sagen, was ich wirklich denke, glaube und werte, gerade weil es sexistische, ableistische, klassistische Alltagsgewalt gibt, die mir Alltagspraxen und Verhaltenskorsette aufzwingen, in denen es mir in irgendeiner Form schadet, wenn ich ausdrücke (verkörpere) wer und was und wie ich bin, denke, glaube, handle, werte.

Mich beschäftigt die Frage, wie das ist, wenn das nicht so ist.

Wie ist das die Wohnung zu verlassen und einfach keine Angst zu haben?
Wie ist das an der Straßenbahnhaltestelle zu stehen und nicht schon längst von den Umgebungsreizen bis ins Mark aufgeschürft zu sein?
Wie ist das Menschen, die entgegen kommen oder von hinten überholen, nicht darauf abzuscannen, ob ihre Hand erhoben, das Gesicht verzerrt, die von ihnen ausgehende Lautstärke auf eine_n gerichtet ist?

Wie ist das, wenn man morgens aufsteht und einfach irgendwie weiß und glaubt, dass die Welt ein Ort für eine_n ist? Vielleicht sogar nicht einmal so klar und bewusst – sondern so ganz tief drin. Ganz sicher und fest.
Ohne jeden Zweifel. Jemals.

Ist es besser? Oder ist es anders?

Wie ist dieses Normal?
Wie ist es sich in einer Welt zu bewegen, in der man selbst die Regel und nicht die Ausnahme ist – ganz egal, wo, wie, warum man sich mit wem befindet?

In meiner Vorstellung ist da unheimlich viel Potenzial.
Zeit und Raum und Kraft für Schöpferisches, für Entdeckungen, für Kunst, für Fürsorge, für die Lösung von Problemen. Das ist zumindest was ich an mir feststelle, wenn ich in einem Moment von Okaysein in der Welt und meiner direkten Umgebung bin. Dann geht mir keine Energie daran verloren, mich zu schützen oder zu rechtfertigen. Dann habe ich keine Angst vor dem was andere Menschen an oder von mir verurteilen. Dann bin ich einfach da und mache meine Dinge und die Dinge, die anderen Menschen vielleicht etwas geben.
Das ist nicht die Erfüllung – aber es ist einfach so ein Passieren und Da-Sein, von dem ich denke: „Das ist Leben.“. Einfach so.

Da ist aber auch Machtpotenzial.
Wenn man so viel Kraft zur Verfügung hat, dann gibt es vielleicht auch einen Willen dazu, sie um jeden Preis zu erhalten. Notfalls mit Gewalt. Mit jenen *istischen Gewalten, von denen unsere Gesellschaft bereits durchzogen ist.

Ich habe damals vor 11 Jahren unseren Ausstieg unterstützt, weil wir verstanden hatten, dass Gewalt unser Leben bestimmt. Damals noch mehr als heute ganz im wortwörtlichen Sinne. Wir sind für Gewalt an uns aufgestanden, nachdem wir uns mit Gewalt (mittels Medikamenten, Alkohol und Drogen) in den Schlaf gebracht haben. Wir sind zur Schule gegangen, weil die Staatsgewalt, das so vorschreibt. Wir haben unser Verhalten und Da_Sein an jenen Instanzen ausgerichtet, die uns mit Gewalt zu was auch immer zwingen konnten, wenn sie nur gewollt hätten. Jedes Wollen und Wünschen wurde mit Gewalt beantwortet – manchmal von außen, manchmal von uns selbst.

Wir haben damals gesagt, dass wir keine Gewalt mehr leben und ausüben wollen.
Und heute denke ich, dass es deshalb überhaupt nur geklappt hat. Wir haben uns als aktiv Gewalt ausübend erlebt und akzeptiert– obwohl uns damals schon Jahre und Jahre lang gesagt wurde, dass es “die Täter_innen” waren, die uns Gewalt angetan haben.
Für uns war damals klar, dass es eine sich gegenseitig immer wieder anstoßende Gewaltspirale war, in der wir uns bewegt haben – egal, wie andere Menschen (Verbündete und Helfer_innen) das eingeordnet haben.

Sich selbst davon zu entfernen und nach Alternativen zu suchen, hätte nicht funktioniert ohne dieses Bewusstsein.

So denke ich das auch in Bezug auf solche Diskursblüten wie die, mit der dieser Text angefangen hat.
Ich denke, dass es wichtig ist zu verstehen, dass selbstverständlich alle Menschen potenzielle Gewalttäter_innen sind und auf jeden Fall auch schon einmal Gewalt ausgeübt haben. Darüber darf es keine Zweifel, von dieser Annahme, darf es keine Ausnahmen geben, denn wir leben (noch) nicht in einer Gesellschaft, in der es so etwas wie Gewaltlosigkeit nicht gibt.

Das schreibe ich nicht, weil ich als Teil eines Wir in diesem Körper, die Gewalt zu der Menschen fähig sind so genau kenne und sie mir deshalb nicht mehr als friedliche Wesen denken oder glauben kann.

Ich schreibe das, weil ich fest davon überzeugt bin, dass es Diskurs wie diesen weder gäbe noch bräuchte, wären Menschen diese friedlichen Wesen, als die sie sich selbst gerne verorten möchten.
Friedliche Wesen hätten die Kraft neugierig aufeinander zu sein. Schöpferisch und kreativ miteinander zu sein. Fürsorglich und nachhaltig mit sich und der Mitwelt umzugehen.

Friedliche Wesen haben keine Angst vor einander.

 

*weinende weiße cis Männer

Fundstücke #59

Ich hab mich mal gefragt, wie sie das so durchstehen konnten. Damals. Jeder Tag muss in irgendeiner Form schmerzhaft gewesen sein. Hier ein blauer Fleck. Da eine Demütigung. Hier eine Angst. Da eine Bedrohung. Und irgendwo da ganz klein vor sich hinschrumpelnd der Gedanke, der vielleicht auch Hoffnung war, dass das endlich irgendwie aufhört.

Ich bin grad krank, glaube ich. Irgendwas brütet in diesem Körper und stößt eine Kaskade nach der anderen an. Der Zeitpunkt, an dem ich noch wusste, was antriggertes Erinnern ist und was nicht, ist an mir vorbeigedümpelt wie ein nur halb untergangenes Boot.
Mit dem Workshop hatten wir uns übernommen. Wir waren Dienstagnachmittag total erschöpft und es ist nicht neu für uns dann extrem empfindlich zu sein. Also haben wir geschlafen. Fast den ganzen Mittwoch.

Am Donnerstag kamen die Schmerzen. Erst im linken Oberarm, dann in der Schulter. Am Nachmittag im rechten Oberschenkel, dann im Bereich zwischen Zehenspitzen und Knöchel. Erst als merkwürdiger Schmerz, der sich weder von Bewegung noch Wärme beeinflussen lässt, dann als Pfahl aus Eis, der sich von der Knochenmitte bis runter ins Gliedmaß runterbohrt bis er schmilzt und ein derartig tiefes Reißen an den Knien und Ellenbogen zurück lässt, dass ich deutlich merke wie ich der Dissoziation auch nichts mehr entgegensetzen will.

Ich bin müde und mir ist schwindelig. Also liege und schlafe ich. Drehe mich wenn der Schmerz mehr wird, stehe auf, wenn die Schmerzmittelwirkung nachlässt. Irgendwann bin ich wach und sitze so, dass ich das Laptop vor mir habe und nur Augen und Finger bewegen muss, um zu reden, zu witzeln, in der Welt zu sein.

Ich habe die Telefonnummer von Hausärztlichen Notdienst hier liegen. Ich warte auf das Moment, in dem ichs echt nicht mehr ertragen kann. Samstag ist heute. Ich weiß nicht, wie ich das bis jetzt ertragen habe, aber ich habs und deshalb rufe ich da nicht an.

Und vielleicht war das früher auch so.
Vielleicht haben sie auf etwas gewartet, was nicht passiert ist, weil sie nicht wussten, wie das worauf sie gewartet haben ist.
Ich weiß nicht wie “Ich ertrag das nicht mehr” ist. Ich weiß nur, wie der Gefühlsgedanke ist, es nicht mehr zu schaffen. Und dann greift die Dissoziation. Und die Dinge, die man sich einredet, damit das alles keine Angst macht.

Ich hab bestimmt nur einen Infekt. Ich bin nur erschöpft und etwas empfindlich. Kurz NakNak*versorgen. Essen.
Schlafen. Schonen. Montag zur Hausärztin. Noch ein paar Ibuprofen, noch ein bisschen Diclofenac. Viel Wasser.
Und wenn ichs nicht mehr ertragen kann, kann ich ja da anrufen.