Schlagwort: Viele-sein

Autismus und Trauma(therapie)

Unsere Form der Orientierung passiert am Handeln anderer Menschen.
Die Traumakomponente dabei ist die Furcht vor dem Fehler, da der Fehler als Ursache von Gewalt und damit Schmerz, (Lebens)Gefahr und Mangel erlernt wurde.
Die Autismuskomponente ist, dass zu Handeln für uns aktiv und bewusst eingeübtes Copy & Paste ist. Immer noch. Während die meisten Menschen diese Strategie anwenden, wenn sie neue Dinge lernen und einüben, wenden wir das bei praktisch allen Tätigkeiten an. Dabei geht es – besonders heute, wo keine akute Gewalt mehr droht – nicht um den Versuch ein „richtiges“ oder „perfektes“ Ergebnis zu erreichen, sondern darum, es richtig zu machen. Denn auch mit der Art, wie man handelt kommuniziert man mit anderen Menschen. Aus unserer Sicht kommuniziert man darüber besonders Zugehörigkeit und Anerkennung, manchmal sogar Wertschätzung, für den Umstand der Zugehörigkeit oder auch der Notwendigkeit von Zugehörigkeit in diesem Kontext.

Die fragmentierte Selbst- und Umweltwahrnehmung mit der wir leben, stellt bei diesem Unterfangen oftmals die eigentliche Behinderung dar. Wir brauchen länger als andere Menschen, um komplette Handlungsstränge zu erfassen, zu prozessieren, mit unseren Fähig- und Fertigkeiten abzugleichen und sie 1 zu 1 zu kopieren. Sich selbst nicht kontinuierlich spüren, erfassen und reflektieren zu können, bedeutet zusätzliche Zeit- und Raumaufwendung. Noch mehr, wenn es um Aktivitäten geht, die kritischer Prüfung bedürfen, weil sie MIssbrauchspotenziale enthalten oder zu direkten und indirekten Schäden an uns oder anderen führen.

Anpassung ist ein Vorteil in evolutionären Prozessen. Anpassung geht über „Unauffälligkeit“ weit hinaus.
Anpassung kann auch bedeuten so auffällig zu sein, wie andere eine_n haben wollen oder (für ihr Gewaltkonzept) brauchen. Anpassung kann auch bedeuten, immer weiter leben, überleben zu wollen und Sterben zu verhindern, weil sonst niemand anderes in der direkten Umgebung sterben will, sterben erlaubt oder Suizid duldet.
Es ist nicht zu unterschätzen, an wie vielen Punkten Zugehörigkeit und dazu nötige Anpassungsleistungen zutiefst menschliche Instinkte überblenden. Vor allem dann nicht, wenn man es mit Opfern von (organisierter) Gruppengewalt zu tun hat.

Auch hier müssen wir uns mit zwei Seiten befassen.
Auf der Traumaseite steht ein abhängiges Kind, das instinktiv (aber vielleicht doch auch sehr sehr früh bewusst) weiß, dass es Bezugspersonen braucht, um zu üb.er_leben und sich an die Gruppengewalt (die Familiengewalt)-Kontexte anpasst, um das eigene Leben zu schützen und auf der Autismusseite steht ein Kind, das diese Anpassung nicht schafft, weil es nicht alle sozialen Hinweise, nicht jede Ebene der Kommunikation und Interaktion so erfasst, dass die Anpassung zufriedenstellend (im Sinne von umfassend, „nahtlos“) passiert.

Man darf nicht vergessen, dass Anpassung an soziale Kontexte, zwischenmenschliche Interaktionsmuster und -praktiken die Zugehörigkeit kommuniziert. Und auch, ob man diese Zugehörigkeit stärken, wertschätzen oder herausfordern will. Zugehörigkeit trägt in nicht unerheblichem Maße zur Identitätsentwicklung bei. Wer zur Familie gehört, ist Familie. Wer zur Gruppe gehört, ist Gruppe.

Zugehörigkeit kann man gut vorzeigen. Vor allem mit einem umfassenden Repertoire von verbalen Skripten und Handlungsabfolgen in einem sozialen Kontext, dessen Kommunikation von Unschärfe und Ungenauigkeit geprägt ist. Häufig reichen nachgemachte Gesten ohne jede eigene, innere, emotionale Verbindung, damit sie ihre Funktion bei anderen Menschen (unbewusst) erfüllen. In der Regel reicht eine bestimmte Begrifflichkeit zu verwenden, um etwas zu beschreiben und dem Gegenüber damit zu sagen: „gleicher Kontext“, „gleiches Thema“, „Ich weiß, was du meinst“, „Ich weiß, wo du (inhaltlich) bist.“

Die Einsamkeit, die wir oft empfinden, speist sich aus genau diesem Umstand.
Wir fühlen uns nicht zugehörig. Wir fühlen uns wenn überhaupt verbunden. Und diese Verbundenheit produzieren wir über Kognition.
Die Person hat mich geboren – sie ist meine Mutter. Diese Person hat meine Mutter schwanger gemacht – das ist mein Vater. Diese Personen dürfen Dinge über mich bestimmen, die ganz konkret und direkt meine Er_Lebensqualität auf einem Spektrum von angenehm, gut, nährend bis unangenehm, schlecht, mangelnd beeinflussen und das ist (in wechselndem Rahmen) ausschließlich über folgende Gesten, Worte, Wortabfolgen, Mimiken steuerbar.

Als Kind und Jugendliche mussten wir mehr leisten als heute, weil wir mehr Autoritäten unterworfen waren. Die ganze Welt bestand für uns aus Menschen, die wir in ihrem Bezug zu uns erfassen und ertragen mussten. Heute als erwachsene Person dürfen wir Unverbundenheit mit Fremdheit synonym verwenden und unsere Energien in den Ausbau unserer Kontakte und Bindungen fließen lassen.

Das erscheint uns an manchen Stellen, wie ein Entwicklungsschritt, den andere Menschen in der Zeit zwischen 10 und 20 Jahren machen. „Hier bin ich, ich bin so, ich gehöre zu dem und dem und das das und das nicht.“.
Wir sind in einigen (psychischen) Entwicklungsschritten erheblich verzögert. Schon der Umstand erst mit 21 zu erfassen und zu begreifen, dass jeder Mensch einen eigenen inneren Kosmos hat, der bei allen anders ist und es entsprechend gar nicht unser Ziel sein muss, unseren zu verändern, um weniger einsam und fremd mit ihnen zu sein, deutet darauf hin.
Die Trauma-Erklärung dafür ist: „Abgrenzung – ihr habt gelernt, dass ihr nichts eigenes haben dürft und deshalb habt ihr nie eine Grenze zugelassen (durftet keine Grenzen entwickeln) zwischen euch und denen, die euch überlegen waren (also allen/der ganzen Welt)“
Unsere Erklärung damals: „Da ist ein Unterschied, der uns trennt, was uns gefährdet und wo wir, egal was wir mit welchem Drive versuchen, nicht drüber kommen, sondern nur überdecken können. Wir gehören nicht dazu, aber alle Kognition sagt, dass wir es tun. Hier passiert ein unaushaltbarer Widerspruch, den wir weder kommunizieren noch auflösen können.“ blieb unverstanden, weil sie immer wieder von „autistisch“ zu „neurotypisch“ zu „traumatisiert“ übersetzt wurde.
Bibel-religiöse Menschen können verstehen, was für fatale Probleme dadurch entstehen, wenn etwas zu oft in zu weit auseinanderliegende Sprachen übersetzt wurde.

Unsere Geschichte enthält lange Abschnitte psychiatrischer und psychotherapeutischer Behandlung. Es hat nicht geholfen die eigene Alexithymie niemals ausdrücken zu dürfen bzw. nicht als solche anerkannt zu wissen, weil die allgemeine Übersetzung ausschließlich „Bedrohung für andere“ (krasser Fall von Psychopathie/ verletzt ohne Mit_Gefühle/ wurde auf Gefühlskälte programmiert (traumatisiert)) oder „absolute Zerstörung des Eigenen“ (armes traumatisiertes Huschi ist völlig zerstört/dissoziiert von den eigenen Gefühlen/darf (durfte) nicht mal was empfinden) für ihre Auswirkungen bereithält.

Die Anpassung an die Lebensumstände der Psychiatrie und der Behandlungskontexte der Psychotherapie decken wir noch heute an unerwarteten Stellen auf.
Zuletzt am Begriff der Reorientierung.
Da wir schon so lange in Therapie sind, schon so viele Fremdwörter benutzen, um bestimmte Themen zu umreißen und Gespräche schneller an ihren Punkt zu bringen, wird schnell vergessen, dass wir in der Regel skripten, wenn wir Lautsprache verwenden. Das bedeutet, dass wir (Fremd)Wörter verwenden und das auch inhaltlich angemessen, sie aber mitnichten auch immer mit uns in Verbindung bringen können, wo die Verbindung auch wirklich ist.

Am Beispiel der Reorientierung ist das meiner Ansicht nach besonders fatal, macht doch die Re_Orientierung einen erheblichen Teil dessen aus, was nötig ist, um erfahrene Traumatisierungen zu verarbeiten und zu integrieren.
Erst nach bald 18 Jahren Traumatherapie zu verstehen, dass Re_Orientierung nicht nur meint, dass alle von uns wissen, welches Datum wir haben und, dass wir der Familie*° nicht mehr ausgeliefert sind – als Information! – ist eine solche unerwartete Stelle.
Eine mit erheblichen Auswirkungen und Krisenpotenzial.

Grenzen

Vor 11 oder 12 Jahren war das Wort „Grenze“ etwas, das ich nur im psychiatrischen Kontext kannte. Grenze war, wo Pfleger- und Aerzt_innen stehen. Grenze war von Autoritäten konstruierte Fremdheit.
Dann machten wir die erste Traumatherapie in einer Tagesklinik und sollten mit einem Seil eine Grenze markieren. Mehr, als dass es um ein Seil ging und ich unangenehm leer aus der Sitzung taumelte, erinnere ich heute nicht mehr. Aber das Wort und Kenntnis um die Möglichkeit, Grenzen selbst herstellen zu können, sind geblieben.
Die Transferleistung in unseren Einsmenschalltag blieb damals völlig aus. Ich war nur in therapeutischen Kontexten. Mein Alltag war zu tun, was Therapeut_innen vorschlugen, Klinikroutinen mit meinen Routinen zu synchronisieren, die permanente Vermessung, Beurteilung und Kontrolle von Leib und Seele zu ertragen. Mein Alltag war, die Grenzen der anderen in mir durch meine Anwesenheit vor dem Außen zu schützen. Sobald wir die Klinik verließen, waren ich und meine Schatten nicht mehr und damit auch die meisten Inhalte aus Gruppen- und Kreativtherapien.

Es war die selbstbestimmte Psychoedukation und das zunehmende Bewusstsein für die Traumatisierungen in psychiatrischen Kontexten, die mich den Anderen näher gebracht hat.
Zwischen mir und den Anderen war eine Grenze. Ich war die Fremdheit auf der anderen Seite.
In den letzten Jahren haben uns aneinander gewöhnt. Sie sind mir nicht mehr fremd, ich bin ihnen nicht mehr fremd. Wir haben eine gemeinsame Grenze gefunden. Meine Schatten. Wir sprechen nicht über sie. Wir sprechen nicht mit ihnen. Und jede weitere Psychoedukation verwenden wir, um mehr Abstand zu ihnen zu bekommen. Wir nutzen meine Erfahrungen und die Kraft der Anderen, um eine Grenze aufrecht zu erhalten, das Fremde fremd zu lassen.

Wir haben gelernt unsere eigenen Grenzen zu umfließen. Es werden Ressourcen entwickelt, man verteilt sie bedarfsgerecht und schon verschieben sie sich. Nie stellen wir Bedarfe grundsätzlich in Frage. Niemals tasten wir an, warum eine Grenze da ist und ob es vielleicht nur die Grenze ist, die uns Fremdheit empfinden lässt. Vor der Therapie, weil wir sie als natürlichen Teil unserer Er_Lebensrealität nicht hinterfragten und nun, nach vielen Jahren in Therapie, weil wir mehr über ihre Natur wissen, als Praxis zu haben sie aufzulösen.

Doch heute leben wir nicht mehr allein. Wir spüren Grenzen nach außen, die gar nicht von uns kommen, sondern uns lediglich betreffen. Mit ihnen umzugehen ist eine Herausforderung. Denn es geht nicht darum, ob und wann wir sie übergehen, sondern um ihre Wahrnehmung und Einordnung als nicht akut lebensbedrohlich.

Die Menschen in unserem Leben heute sind keine Autoritäten. Es ist nicht nötig ihre Grenzen zu erahnen, zu erraten, aus sämtlichen Informationen, die sie verbal wie nonverbal produzieren, zusammenzurechnen und zu einem belastbaren Ergebnis zu konstruieren. Wir können sie einfach fragen.
Doch in dieser Neuheit sind wir nicht allein. Es ist schwierig eine Grenze zu benennen, die man selbst an sich noch nie gespürt hat. Man kommt nicht umhin, die eigenen Grenzen zu überqueren oder überquert zu erleben, um sie zu empfinden.

In dieser Auseinandersetzung merke ich, dass meine Schatten viel gemeinsam haben mit denen, die von den Anderen ins Inmitten verbannt sind. Ich sehe, wie die Nowendigkeit der Trennung jeder neuen Lebenserfahrung von den alten traumatischen Lebenserfahrungen, unsere inneren Grenzen verstärkt.
Jedes Mal, wenn wir feststellen, dass Heute Heute ist, stellen wir auch fest, dass meine Schatten und das Inmitten Früher ist. Vergangen. Weg. Nicht hier. Nicht heute.
Die Balance wird schwieriger, je fester wir diese Einordnung vornehmen.

Es kommt die Frage, wo die Grenzen der Balance liegen. Wo ist die Grenze mit der wir nicht mehr okay sind? Welche Grenzen müssen wir zu hinterfragen beginnen, um einander näher zu kommen?

Baucoolness

Ich finds immer so cool, wie er seine Schrauben einfach so in eine kleine Dose oder eine Schale schmeißt. Wie er seinen langen schlanken Körper wie ein Origamitierchen zusammenfaltet, um irgendetwas zu bauen oder zu machen. Mit F. irgendwas zu bauen ist immer lustig und etwas chaotisch. Die meiste Zeit mache ich mir Sorgen, aber es ist auch okay, denn er ist so cool.

Wenn ich selber was baue, dann tue ich manchmal so, als wäre ich F.. Das macht mir irgendwie Mut und Zuversichtlichkeit. Seit mir der Freund gezeigt hat, wie man mit der Bohrmaschine umgeht, wächst in mir aber mit jedem Projekt mehr ganz eigene Baucoolness. Mir hängt zwar keine selbstgedrehte Kippe im Mundwinkel, während ich meine Projektzahlen an die Wand kritzle, aber die Bohrmaschine liegt lässig in meiner Hand, während ich total locker durch meinen Schraubensack wühle. Und mich steche und mir wieder irgendein Stückchen Handhaut abschürfe.

Die Handwerkerwelt ist mir oft zu laut. Jedes Standardgerät ist mir zu groß, zu schnell, zu kräftig. Der Kontrollverlust droht an allen Ecken und Enden, das triggert schwierige Prozesse in mir und verhindert irgendwie in vollster Eigencoolness zu erblühen, wenn ich etwas baue. Jedenfalls vor mir selbst.

Heute habe ich das Bücherregal erweitert und den Schraubengemischsack aufgelöst.
Ich hatte gehofft, dass F. vielleicht Zeit hat, und mit mir die Werkstatteinrichtung baut. Aber er hatte keine Zeit und wir brauchen die Werkstatt bald. Ich glaube, dass er Zeit gehabt hätte, wären wir noch Nachbarn. Jetzt muss ich allein klarkommen. So halb. Der Freund ist ja auch noch da. Aber er ist nicht mein Baufreund. F. ist mein Baufreund. Mein cooler Baufreund mit Origamikörper.

Ich hab inzwischen viele Werkzeuge, die besser für mich passen.
Eine Stichsäge in klein, eine Bohrmaschine in klein, eine Schleifmaus, einen Akkuschrauber, der so groß ist, wie ein Handschraubenzieher. Sie machen mich nicht cool, aber Angst machen sie mir auch nicht.
Das habe ich mir so gedacht, als ich Bauschrauben in der Länge eines Babyarms einsortierte.

Morgen werde ich das vorraussichtlich letzte Möbel für die neue Wohnung selbst bauen. Alleine. Ohne coolen Baufreund. Mit Vorsicht, Umsicht, Achtsamkeit. Ohne Kippe im Mundwinkel. Mit nach Länge, Dicke und Schraubkopf sortierten Schrauben aus alten Apfelmusgläsern.
Ohne Angst vor aufgeschlitzen Fingerspitzen.
Ich komme klar.

10 Jahre

Das ist ein Meme. Heute vor 10 Jahren.
Ich habs bei Twitter gesehen. Manches ist witzig, manches boxte mir unvermittelt in den Bauch. Nun, wo 2019 fast ausgetrunken ist und im Hinblick auf so manche üble Entwicklung wenn nicht nach Schierling so doch bittersüß schmeckt, nehme ich mir die Zeit, meine letzten 10 Jahre zu überfliegen.
Wirklich – nur überfliegen.

Die ältesten Beiträge hier bei WordPress beginnen im November 2010.
„Multipel zu sein ist nichts womit man nicht leben kann. Es geht. Es gibt ein Heilen. Es gibt eine Normalität und es gibt eine Zukunft.“, das steht in einem der ersten Beiträge. Manchmal denke ich, dass wir vielleicht nie mehr als das hätten schreiben müssen. Weil: es ist so und alles mehr ist vielleicht einfach nur mehr, aber nicht nötig. Was weiß ich.

Vor 10 Jahren war NakNak* noch ein Hundekind, wir waren am Anfang ihrer Ausbildung. Jemand, die_n wir dieses Jahr zum ersten Mal persönlich getroffen haben, hat uns das ermöglicht und H. hat uns ermöglicht, dass sie_r uns das ermöglichen konnte.
H. ist vorbei. Vor – ich weiß das Datum nicht – vielleicht 6 oder 7 Jahren? – zum ersten Mal, letzte Woche zum zweiten Mal. Schmerzhaft. Obwohl es gut und richtig war. Wer weiß, wem wir außer uns noch geschadet hätten.

Die Therapeutin. Ist immer noch unsere Therapeutin. Es hilft nachwievor, mit ihr zu arbeiten. Es war ein Weg zueinander und ist es für manche von uns noch.
Wir Rosenblätter sind nicht mehr ausschließlich das „Therapiemach“-System. Suizidalität ist nicht mehr normal für uns. Einsamkeit ist nicht mehr normal für uns. Allerdings ist es normal geblieben mit manchen Viele-Dingen allein zu sein und normal geworden, keine stationäre psychotherapeutische Hilfe mehr in Anspruch nehmen zu können. Bitter.

Und auch etwas, was wir verstanden haben, weil Selbstbestimmung für uns kein abstrakter Kampfbegriff mehr ist, sondern ein allgemeines Menschenrecht. Der ganze politische Aktivistenklops. Der hat heute eindeutigere Formen. Mehr Hintergrundwissen, mehr Auseinandersetzungs- und Reibungsfläche als je zuvor. An uns, an unserem Leben, an allem, was wir tun. Es hilft unglaublich zu verstehen, was da passiert ist, wenn uns ältere, erfahrenere Frauen zur Selbstbestimmung verholfen, aber sofort von ihrer (zweiten) Welle geschubst haben, sobald wir über uns selbst bestimmt haben.
Es hilft zu verstehen, dass es nie nur therapeutisch war, sondern immer auch persönlich und deshalb politisch.
Es ändert nichts, aber hilft.

Seit 10 Jahren nehmen wir unser Schreiben ernst genug, um es zu tun. Regelmäßig. Nur ein Mal in den letzten 10 Jahren ging es nicht. In der großen Krise nach der Autismusdiagnose. Wie heftig, krass, schlimm – akut lebensbedrohlich – diese Zeit war, das habe ich erst einige Monate später verstanden. Nämlich dann, als man uns das Schreiben verbieten wollte und damit die letzte eigene Ressource, um mit dem umzugehen, was wir gerade erfuhren.
Unser Leben hat sich damals grundlegend für uns verändert und es wäre schön gewesen, diese Veränderung in aller Ruhe willkommen heißen zu können. Mit traumasensibler Unterstützung einordnen zu können. So wie es dann lief, war es re-traumatisierend. Unnötig schmerzhaft. Nicht fair. Gewaltvoll. 2016 war entsprechend das schwierigste der letzten 10 Jahre.

Auch wegen der Schule. Die Berufsausbildung mit Fachabitur. Typische Verzweiflungsüberforderung.
Es hat sich gelohnt, war eine tolle Erfahrung, ist ein persönlicher Triumph. Aber der Preis war hoch, sehr viel höher, als wir das kommuniziert haben und kommunizieren.
Wir würden es nicht noch einmal machen und sagen das nicht, weil wir den Abschluss und die Erfahrungen nicht wertvoll finden oder nichts davon haben. Wir würden heute unsere Grenzen nicht mehr so weit übergehen. Nicht so und nicht nur für eine Chance auf etwas, das man uns strukturell, gesellschaftlich, manchmal auch persönlich schlicht nicht zugestehen will.

Wir haben uns in den letzten 10 Jahren in eine Lebensrealität eingefunden, die voller Zwänge und Barrieren ist, die aufzuzeigen, zu erklären und zu diskutieren einen großen Teil unserer Arbeit ausmacht. Dass wir nicht aufgeben ist viel. Dass wir uns selbst darin Raum nehmen und gestalten noch viel mehr. Wir wollen dafür kein Lob, wollen keinen Orden für Durchhalten trotz allem am güldenen Band.
Es ist leben. Unser Leben. Es ist nichts besonderes, sondern etwas normales. Das ist in uns angekommen und zu einer stabilen Ressource gworden. Es geht nicht mehr um Leben oder Tod, es geht um das Leben und wie wir es er_leben wollen.

Wir sind nicht mehr die außerordentliche Betreute, von der man so mega viel lernen kann, dass man sich klemmt, beim Chef um angemessene Fortbildungen zu kämpfen. Wir sind nicht mehr der skurrile Fall, der irgendwie unterhaltsam und inspirierend zugleich ist, so dass man die Realität der Not dahinter gar nicht an sich ranlässt. Vor 10 Jahren waren das die Gründe, weshalb Menschen mit uns zu tun hatten. Sie haben uns betreut, sie haben unser Leben verwaltet, sie haben uns gerettet und manche haben uns deshalb ausgenutzt.
Heute werden wir respektiert, gemocht, geachtet und geliebt von jemandem, der das gar nicht muss.
Heute werden wir um Einschätzungen zu für Traumaüb.erlebende und ihre Behandler_innen relevanten Themen gefragt. Werden als Autorin geschätzt und werden für Analysen, die noch vor einigen Jahren als (zu) hochgeistige Vermeidungstendenzen nicht einmal angehört wurden, gelobt, belohnt und gezielt angefragt. Wir sind stolz auf unsere Arbeit und lassen uns das nicht mehr pathologisieren.

Der letzte Punkt ist der Name. Wir heißen nun anders und spüren, dass damit ein neuer Abschnitt beginnt. Es ist ein zweiter Ausstieg, das lässt sich nicht von der Hand weisen. Wir gehen seit der Namensänderung durch Prozesse, die vorher nicht möglich waren, fühlen uns okayer als je zuvor. Nicht alles wird einfach werden, schon jetzt zeichnet sich auch viel Schmerz und Trauer ab, doch wir fühlen uns auch stark und sicher genug, dem begegnen zu können.

Zum Abschluss dieses Textes, vielleicht das, was mir für andere Viele, die es bis hierhin zu lesen geschafft haben, wichtig ist. 10 Jahre sind eine lange Zeit. 10 Jahre sind für manche Innens ihr ganzes Leben. Wie viele Prozesse und Ereignisse in 10 Jahre passen, hat mir dieser Text deutlich aufgezeigt und wieder eine Idee zu den inneren Kosmen der Kinderinnens und jugendlichen Innens gegeben. Sie tragen so unfassbar viel unserer Leben, wenn sie 10 sind. Oder 5. Oder 13. Sie sind mehr als ein Speicher, mehr als eine Datenbank, eine Sedimentschicht von allem, was uns ausmacht.
Eine Angabe von Jahren – auch über die Jahre, in denen man therapeutisch daran arbeitet, die erfahrenen Traumatisierungen zu erinnern und/oder zu verarbeiten – ist der Versuch, etwas einzugrenzen, was in sich keine Grenzen kennt. Nämlich Prozess. Entwicklung.

Wir möchten hier keine 10 Jahre Erfolgsgeschichte präsentieren. Sondern die Erfolge, die wir in den letzten 10 Jahren hatten. Aus Gründen. Einer davon ist, dass wir das im Moment für uns brauchen.
Es wird dir, euch, in 10 Jahren vielleicht ähnlich gut bis besser gehen. Vielleicht auch nicht. Aber Prozesse, Entwicklungen wird es gegeben haben und darum geht es in dieser Rückblende.
Prozess spüren, um ihm im Alltag mehr und mehr zu vertrauen.
Denn neben allem was war, ob es schlecht war oder nicht, wird es immer Prozess in dir, in euch, gegeben haben und vielleicht ist das etwas, das als Wissen Platz bei dir, bei euch, bekommen darf und zu einer Kraftquelle werden kann.

Schale

Ich fühle mich geschält. Wie diese Kartoffeln im Glas, nur dass der Zug, in dem ich sitze, das Glas ist und in kein Supermarktregal passen würde. Aber ich. Ich fühle mich so klein geschält, dass ich froh bin um diese große Hülle. Es ist Dienstagabend, reichlich spät, denn wieder hat mein Zuganschluss in Minden nicht geklappt. Wieder warten wir im Dunkeln, im Kalten, im Alleinen zwischen zwei Welten und sind dabei selbst weder fest noch flüssig.

NakNak* atmet auf meinen Schoß, in ihrem Fell wuseln die Anderen wie Flöhe auf der Suche nach Nähe, Wärme, Halt. Alles ist schwer, sogar an meinen Wimpern hängen Senklote.
Als wir aus dem vorletzten Zug aussteigen wollen, spricht mich eine Person an. Ich reagiere nicht, bin verzehrfertige Kartoffel-klein. Denke, soll er sich große Leute suchen, um zu sprechen. Er winkt mir zu, tritt näher an mich heran. Ich höre zu. Dann doch. Weil ich mich ohne Schale einfach nicht abgrenzen kann. Und weil ich keine Kraft mehr habe. Für Widerspruch, für meine eigenen Grenzen, für nichts und niemanden. „Wobei würde der Hund denn assistieren?“ fragt die Person und ich höre wieder weg. Dafür – für all das, was an dieser Situation falsch ist – habe ich erst recht keine Kraft. „Das ist eine extrem private Frage.“. Sagt eine andere. Dann hält der Zug und wir steigen aus.

Es ist kalt. Es ist dunkel. Ich bin allein.
Und trotzdem gibt es Dinge, die total privat sind.
Und eine andere, die noch eine Schale hat. Oder ist.

29

Heute gab es die Frage, wie man es geschafft hat, sich von Täter_innen zu distanzieren.
Ich hab überlegt, ob wir das haben. Und wenn ja, wie.

Wenn es keinen Tag im Leben gibt, in denen diese Leute nicht irgendwie Thema sind – ist dann da Distanz? Irgendwie nicht. Aber irgendwie doch. Denn es geht nie um die Leute, sondern um die Folgen ihres Handelns an uns und deren Auswirkungen auf unser Leben.
Speziell, wenn es um die Herkunftsfamilie geht, geht es vor allem um diese Distanz. Aber schafft das Sprechen über den Wunsch nach Distanz nicht irgendwie auch Nähe? In der Herkunftsfamilie wird sicher nicht jeden Tag über uns und unsere Abwesenheit gesprochen, wohl aber (Achtung jetzt kommt eine Homeproduction aus unserem Hirnkino) werden wir oft als schlechtes Beispiel und Quelle verschiedenster Ungemache beschrieben, wann immer nötig oder schlicht hilfreich.
Wir sind für sie das böse, kranke, fehlgeleitete Mädchen, das wir mit 15/16 sein mussten und werden sicher niemals die erwachsene, weitgehend selbstbestimmte und völlig okaye Person sein, die wir sind.
Gleichzeitig sind die Eltern und Geschwister für uns auch nie gealtert. Wir wissen absolut nichts über sie, haben sie nie anders als denn als Jugendliche_r erlebt.
Das ist doch auch unglaublich viel Distanz.

Ich glaube als Person, die Gewalt in einer Familie oder Partner_innenschaft erlebt, beginnt die Distanzierung oft mit der Erkenntnis, dass etwas schief läuft und, dass eigene Erwartungen regelmäßig enttäuscht werden.
Besonders das ist wichtig für uns gewesen. Erwartungen, die enttäuscht werden.
Denn es ist ja so: verletzt zu werden, passiert. Es ist die Rahmung, die das Bewusstsein und die persönliche Einordnung fördert oder hemmt. Wer verletzt wird und das als logische Konsequenz, g’ttlichen Willen oder natürliche Ordnung erklärt bekommt, muss mit viel mehr von der Welt und dem eigenen Bild davon hadern, als jemand die_r weiß: „Ich wurde verletzt, weil jemand sich dazu entschieden hat, mich zu verletzen.“
Und das ist das Problem. Viele Gewalt.üb.erlebende hadern mit der ganzen Welt und sich selbst als Teil davon, weil sie sich als festen Bestandteil dessen einordnen, was da irgendwie schräg ist. Die Ordnung und damit die Macht bleibt bei denen, die die Gewalt ausüben – um diese Menschen werden feste Grenzen gezogen. Sie werden sowohl als Versuch der Kontrolle über die Gewalt zu erlangen (z.B. durch ständiges Hervorheben von ihren Eigenschaften, Triggerpunkten und Wünschen), als auch als allgemeiner (im Fall von Kindern und Jugendlichen lebenswichtiger) sozialer Bezugspunkt der Macht, quasi ins Leben zementiert.

Es gibt auch Täter_innen, die das gezielt abverlangen und Täter_innen, die erst im Laufe der Gewaltbeziehung verstehen und ausnutzen, dass das passiert. In jedem Fall aber passiert es und für ihre Opfer gibt es nur schmerzhafte Wege da heraus. – Obwohl der Weg da hinein auch schon schmerzhaft war. Das ist die erste enttäuschte Erwartung gewesen, die man sich bewusst machen muss, aber oft nicht kann. Besonders nicht, wenn man als Kind von den eigenen Eltern verletzt wurde. Kinder haben keine andere Wahl, als zu erwarten oder entlang der Erwartung aufzuwachsen, dass sie nicht verletzt werden, weil das jemand so will und sich dafür entscheidet, das zu tun.
So funktionieren wir Menschen. Wir erwarten nicht verletzt zu werden, wenn wir es mit Lebewesen zu tun haben, denen Verletzungen auf die gleiche Art weh tun, wie uns. Das ist eine unglaublich wertvolle Erwartung und sie ist grundgut. Vielleicht der beste Teil an Menschlichkeit, denn darin liegt doch etwas, das ganz wunderbar ist: die Möglichkeit, dass Menschen alle miteinander gut sein könnten, wenn sie wollten.

Wir haben als Jugendliche_r ein Leben gelebt, in dem wir nicht wussten, dass unsere Grundannahmen von zwischenmenschlicher Interaktion und Kommunikation auf autistischer wie dissoziierter Selbst- und Umweltwahrnehmung fußen. Wir wurden ständig enttäuscht. Freund_innen waren eigentlich keine Freund_innen; Was uns gefiel, was wir für wichtig hielten, das war irgendwie nie richtig mit.teilbar. Zeit und Raum, sozialer Kontext, das eigene Wünschen, Wollen und Werden – nichts, aber auch gar nichts davon war für uns  sicher vorhersehbar, erklärbar, kontrollierbar und mit am schlimmsten: irgendwie auch nie „unsers“, aber immer in unserer Verantwortung.

Die Distanz mit der wir in der Herkunftsfamilie gelebt haben, war immer schon groß und sie hat sich in der Pubertät vermutlich einfach nur in einer weiteren Facette gezeigt. Wir haben uns für den Suizid entschieden und das war die Art von Distanz, die für uns nur logisch war. „Alles ist falsch, alles ist schlecht, krank, nicht okay und dann kann man es noch nicht einmal verstehen, weil von allen Seiten unterschiedliche Impulse und Zwänge auf uns einwirken, die in alle Richtungen widersprüchlich sind.“ Uns ist damals der Bezugspunkt verloren gegangen und wir haben auch noch lange danach keine solche Bezüge hergestellt.

Ich erzähle das deshalb, weil ich glaube, dass man sich klar machen muss, wozu oder auch worin man Distanz zu Täter_innen einnehmen möchte.
Wir wollten Distanz zum Unaushaltbaren – das wir in unserem Amlebensein verortet haben und nicht in dem, was uns von anderen Menschen angetan wurde. Für uns war es entsprechend gar nicht so der krasse Akt von der Familie wegzugehen (es war ein krasser Akt – aber eben doch keiner, der mit Tränen, Schuldgefühlen oder schwerer Last auf dem Herzen verbunden war, sondern eher vom Willen getragen bitte nicht so zu sterben, wie es sich damals für uns abzeichnete).
Uns war klar, dass wir bald sterben würden und keine Kontrolle darüber haben würden, würden wir da bleiben. Keine Ahnung, wo das Entitlement zum selbstbestimmten Sterben in der Situation herkam, aber es war da und es hat uns ironischerweise das Leben gerettet. Und es ist die maximale Distanz, die man einnehmen kann ohne irgendetwas zu fordern oder zu wünschen. Man erwartet nur noch das Ende und wenn diese Erwartung enttäuscht wird, dann lebt man weiter, was durch den instinktiven Überlebenstrieb dann gar nicht mal so eine schlimme Enttäuschung ist.

Und ganz ehrlich: Insgesamt nicht ansatzweise so sehr weh tut, wie die Enttäuschung über Eltern, die sich dazu entschieden haben zu verletzen und obendrauf keinerlei Bewusstsein für die Tiefe und die Auswirkungen dafür haben bzw. zeigen.
Und die Enttäuschung der Hoffnung, dass sich das durch irgendetwas verändert, was man selbst tut.
Und die Enttäuschung, dass es Dinge auf der Welt gibt, die so sind. So unveränderbar, so schmerzhaft, so – weit weg vom eigenen Kontrollbereich, obwohl sie doch so nah gehen.

Ich glaube, weil wir uns dieser Enttäuschungen heute bewusst sind, können wir die Distanz einnehmen, aufrecht- aber auch aus_halten, die es braucht, um weitere Verletzungen an uns zu verhindern.
Wir haben eine okaye Routine um Gefühle, die damit zu tun haben, können uns selbst viel erklären und rahmen, was wir fühlen und denken und was Kinder- und jugendliche Innens fühlen und denken – wir können heute ganz andere Erwartungen an uns und die Umwelt entwickeln und ganz unterschiedliche Distanzbedarfe erforschen.
Und auch beobachten, was sich daraus so ergibt.

Aus manchen Distanzbedarfen ergibt sich eine Vermeidungsdynamik, aus anderen wiederum ein Weg in die Gewalt zurück, zum Beispiel wenn Kinderinnens denken, es wäre wichtig, nochmal zu versuchen, sich mit den Eltern lieb zu machen. Daraus ergeben sich Anlässe zu innerem Kontakt, woraus wieder Zugang zu Erinnerungen wird, woraus wieder etwas werden kann, das hilft zu verstehen, was da passiert ist.

Das ist Prozess. Entwicklung.
Wir wollen Prozess. Das ist eine der aktuellen Erwartungen an uns selbst in diesem Leben.
Prozessieren, Verstehen – und dann gucken, was sich daraus entwickelt, was zu prozessieren ist… was verstanden werden muss …
Da wollten wir nicht unbedingt hin und das ist auch nicht der Grund, der uns Kraft für alles gibt, aber es ist nah an uns dran und da wollten wir auf jeden Fall hin.

Unterstützung

Wir brauchen keine Unterstützung.
Aber wenn es welche gibt, wird vieles einfacher.

Zwei Sätze. Ganz einfach. So klar. Der Kampf um sie ging über Jahre und viele davon sind im Blog von Vielen dokumentiert. Heute sind sie eine der wichtigsten Säulen in unserem Leben.

Für viele Viele ist die Wahrnehmung der eigenen Begrenzungen mit Todesangst und also auch mit Dissoziation besetzt, weil sie wie wir in einem Klima aufgewachsen sind, in dem etwas nicht zu können, etwas nicht genügend zu schaffen oder bestimmte Fähigkeiten nicht rechtzeitig, gut, schnell, lieb … genug abrufen zu können mit akuter Gefahr für Leib und Leben verbunden war. Und für manche, die nachwievor in gewaltvollen Kontexten leben müssen, noch immer ist.

Bis heute können wir nicht gut mit Hilfe und Hilfsangeboten umgehen.
Denn Hilfe nimmt uns etwas weg. Wir haben psychiatrische und andere klinische Angebote als “Hilfsangebote” präsentiert bekommen, haben Betreuungen als Hilfen kennengelernt. Immer mussten wir dabei auf Dinge verzichten, die uns als Individuum, als Person mit angeblich unantastbarer Würde, Schutz und damit auch Kontakt zu uns selbst hätten gewähren können.
Ein Umstand, der uns als komplex traumatisierte Person immer wieder retraumatisiert hat, denn kein Schutz ist kein Schutz und keinen Schutz zu haben, bedeutet immer Gefahr – egal, ob diese real potenziell tödlich ist oder nur als solche wahrgenommen wird.

Wir haben uns in unserem Leben immer am Besten selbst helfen können. Wir haben uns gerettet, wir haben uns geschützt – zum Einen, weil es niemand für uns getan hat und zum Anderen, weil das, was wir an uns schützen, etwas ist, das so tief ins Menschsein hineingeschrieben ist, dass es im Grunde kaum bewortbar ist, geschweige denn sichtbar gemacht werden kann.

In den Extremen, die wir überlebt haben war das wichtig. Und auch in den Mittelmäßigkeiten, den alltäglichen Einerleiigkeiten bleibt das wichtig. Denn die Erfahrung ist da. Sie ist uns in das Innen gepresst, wie die Erfahrung, dass Wasser nass und Eis kalt ist.

Was wir außerdem gelernt haben ist, dass zu leben hart ist.
Überleben ist in einigen Qualitäten vielleicht härter, doch wenn man lebt, dann gibt es keinen einzigen Zeitpunkt, an dem nicht alles auch von Kräften aus sich selbst zehrend ist.
Heute, mit mehr Kontakt untereinander, merken wir, an wie vielen Stellen wir an unsere absoluten Limits gehen. Wie viel wir jeden Tag von unserer gesamten Lebenskraft in alle möglichen Dinge schütten, nur, um sie überhaupt machen zu können.

In unserem Leben haben wir das Glück und die Privilegien, von Menschen umgeben zu sein, die uns nicht helfen wollen. Die verstehen, warum wir das nicht wollen und sich selbst so weit reflektieren können, warum das überhaupt insgesamt immer auch eine Gefahr für Menschen darstellen kann. Selbst dann, wenn es ganz lieb gemeint ist.

Wir bekommen Unterstützung von ihnen. Manchmal, weil wir darum bitten, meistens, weil sie uns welche anbieten, ohne je Bedingungen daran geknüpft zu haben.
Das ist eine krasse Erfahrung für uns gewesen, als wir zum ersten Mal damit konfrontiert waren.
Dass man uns hat machen lassen und bei Bedarf, oder der Annahme von einem solchen, so unterstützt hat, dass wir auch weiterhin alleine weitermachen können.
Heute bedeutet uns Unterstützung die Kommunikation von Respekt. Respekt für das, was wir tun und wie wir das tun. Auch, warum wir tun, was wir tun. Es ist unsere Sache und trotz des Umstandes, dass wir unsere Dinge durch Unterstützung tun, bleibt sie das auch.
Was für eine große Sache das ist, können wir kaum kommunizieren, denn nachwievor berührt es die Wunde um das, was die Gewalterfahrungen neben vielen anderen Dingen angefasst haben: das Eigene, das niemals angefasst werden darf.

Ich habe diesen Text geschrieben, um aufzuzeigen, was uns Unterstützung bedeutet.
Auch finanzielle Unterstützung für unsere Projekte.
Ja, wir können ohne Geld von anderen Menschen bloggen. Ja, wir können auch ohne Geld das Podcast machen. Ja, wir können all die Verantwortung, die mit unseren Veröffentlichungen einhergehen, allein tragen.
Aber es ist leichter, wenn wir unterstützt werden.
Wenn es leichter ist, macht es mehr Spaß.
Wenn es leichter ist, ist es freier, sind wir freier.

Das Blog von Vielen wird im Moment von 2.433 Menschen verfolgt.
Das sind enorm viele Menschen, selbst dann, wenn die Hälfte das Abo vielleicht schon vergessen hat, ein Drittel nur dann und wann mal reinschaut, und nur 1 Prozent regelmäßig liest.
Es ist Öffentlichkeit. Eine kleine vielleicht im Vergleich zu der anderer Blogger_innen mit anderen, vielleicht eher anschlussfähigen Themen, aber eine große für uns, die sich anders als andere Personen eben nicht so öffentlich zeigen können und wollen, wie man das in der allgemeinen Verwertungslogik von Öffentlichkeit so tut.

Wir wollen diese Öffentlichkeit nutzen. Für unsere Themen, für die Verbreitung von Wissen über die Folgen komplexer Traumatisierung in den Leben der Überlebenden, für einen Beitrag zur Weiter_Entwicklung einer politischen Bewegung der traumatisierten, diskriminierten und ausgebeuteten Menschen in unserer Gesellschaft.

Dabei könnt nur auch ihr uns unterstützen.
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und irgendwann – eventuell vielleicht – auch mal in einen Bonbon für unsere Arbeitszeit, aber auch die von Renée und Christiane, mit denen wir Formate des Podcast zusammen machen, und Judith, die uns die Podcastfolgen nach und nach transkribiert.

Das Blog von Vielen wird immer kostenlos lesbar sein.
Aber wir möchten vom Schreiben und unseren Schriften leben können. Das geht in dieser unserer Zeit, unserer Gesellschaft und auch in unserer persönlichen Lebenssituation nicht anders als mit einem Preisschild an unserer Arbeit. Ihr könnt wählen, ob ihr uns in der Form unter die Arme greifen möchtet, oder nicht.

Das ist die Unterstützung, die wir annehmen können und wollen.
Sie macht uns freier und damit auch unsere Arbeit besser.

Vielen Dank

Fundstücke #73

WhatsApp auf, “Entschuldige dich, Arschloch”, löschen, schließen. Augen zu. Atmen. Zittern. Vor Angst vor Wut vor dem Kontrollverlust, den ich entlang meiner Knochen von mir weggieße. Heiß glühend, weiß, bis alles wieder starr und steif ist.  Ich schließe die Tür zu meinem Büro, kühle mich mit Tränen ab, die hinter meinen Augen bleiben.

“Andererseits – für so einen kleinen Zettel mal eben 200€ kriegen. Andere arbeiten dafür einen halben Tag.” Wichser Arschloch verpiss dich aus meinem Leben Was bist du für ne miese Sau ich box dir die Fresse weich

Ich bin geblieben. Kontrolliert. Sachlich. Konnte nicht deutlicher sagen, dass es nicht vergleichbar ist. Weil: offensichtlich war es das ja doch. Einen Folgeantrag an den Fonds sexueller Missbrauch zu schreiben und ein halber Arbeitstag. Fuck you shithead. Fuck you very much. Du hast keine Ahnung.

Du hast sowas von keine Ahnung.

 

 

Und warum hab ich überhaupt was davon gesagt.

Fundstücke #72

Woche 8 nach dem Umzug, ich durchsuche die Kartons auf denen “Unterlagen” steht. In Niedersachsen braucht es einen Sachkundenachweis, ich habe den bereits erbracht. Vor 11 Jahren oder so, bei einem Tierarzt, den ich zuletzt vor … hm … 5 Jahren aufgesucht habe?
In der Praxis findet man mich nicht mehr, sie können mir den Beweiszettel nicht nochmal zukommen lassen. Uff.

Aber ey – 11 Jahre, wer hebt schon 11 Jahre irgendwelche Quatschzettel auf? – sprachs und wühlte sich durch bald 20 Jahre alte Klinik- und Jugendhilfeberichte la li la

Zwei Boxen fallen mir in die Hände. Die eine voller Kleinigkeiten mit dem alten Namen drauf. Schülerausweis, Schwebi-Ausweis, ein Stück von dem Handtuch. Mir kommt es vor wie ein creepy Totenschrein, aber ich weiß auch, dass es das nicht ist. Irgendjemand lebt da drin, muss noch da drin bleiben. Im Dunkeln, allein, sicher vor Heute, Hier und mir. Der übliche Vieleshit, wenn man so will, aber ich bin ja grad nicht Viele. Das legt sich wie eine zweite Schutzhaut um mich drum, nichts von all diesem staubigen, grauen Schrunz kann mich wirklich anfassen.
Es ist alles wie doppelt und dreifach fern. Vor allem die zweite Box.

Hier ein Zertifikat über irgendein Handywerksdings – ach ja ach ja die Handwerksphase, dachts und fühlte wie ein erinnertes Geräusch versucht, sich durch den Kopf zu fressen. Nothing to see here la li la

Diese bescheuerte Rumgetänzel, dieses dumpfe Sichselbstverweigern dummdummdudumm du dumm dumm dumm

Ich finde den Zettel nicht, denke darüber nach, ob und wie wir weiter ausräumen, einräumen, Möbel bauen wollen. Wir. Denn da ist es eben doch. Die Wahrheit über mich. Dieses beschissene Vielesein. Ich kann mich denken hier und jetzt, aber wie ich etwas tue, das über Augen zu und lalala hinausgeht, beinhaltet die Anderen wie die Luft in meinen Lungen.
Die Anderen und ihren Scheiß.
Ihren g’ttverdammten Traumascheiß.

Traumascheiße

Es ist mittags, halb 1, ich fühle mich nach halb 1 in der Nacht.
”Das Runterkommen fühlt sich genauso scheiße an, wie das Aufrechthalten”, denke ich und beschließe, dann jetzt doch zu bloggen. Obwohl ich weiß, wer das alles liest, obwohl ich weiß, dass jede_r darauf reagiert, obwohl es nichts mit ihnen zu tun hat. Zur Zeit ist es kaum möglich, irgendetwas im weitesten Sinne “unbe(ob)achtet” zu tun, das ist so. Vielleicht hört das bald auf, vielleicht müssen wir später – mit mehr Kraft, mehr Haut, mehr Grenze – deutlich machen, dass das passiert und tief reintriggert. Wer weiß, jetzt nicht, nicht noch eine Baustelle öffnen. Obwohl und obwohl.
Jetzt ist Donnerstag. Gestern hat uns der Freund nach mehr als einer Woche voller Arzttermine, Arbeitstreffen, Festival-Workshop-Reise und Therapiestunde abgeholt. Wenn ich so darüber nachdenke, kommt mir das wie ein Traum vor. Das alles. Es war einfach so viel, so viel zu viel des Guten, Interessanten, Aufregenden, Neuen, Wichtigen. Es ist noch nicht realisiert, nicht verarbeitet. Jetzt will ich mich eingraben, fern sein, versorgt sein, schlafen, mich Gedanke um Gedanke abarbeiten, lochen, einordnen. Stempel drauf, Echtheitszertifikat drüber.
Aber.
Es fühlt sich scheiße an.
Traumascheiße.

Es ist die alte Dynamik: Alles ist aufregend, ich könnte auf einer Egowelle hoch zehn schweben, weil ich noch da bin, alles geschafft habe – nicht gestorben bin und alles immer noch da ist – doch alles Wasser steht mir am Hals und begräbt mich zuweilen unter sich. Vornehmlich dann, wenn ich allein bin. Mit meinen Gedanken, meinem Sein, mir – uns.
Und weil ich so aufgerieben bin, weil ich gerade nicht mehr so ganz richtig gut kann, ist es keine Option mehr, mit Menschen zu sein, mit jemandem zu reden, sich damit zu befassen. Niemand kann gerade etwas für mich tun, ohne, dass es meine wunden Stellen aufreibt oder mich zu sehr berührt.
Ich hasse das. Ich hasse mich, wenn ich so bin. Ich will nicht so zart, so sensibel sein. Will mich an die Wand schmeißen, damit das von mir abplatzt und meinen unzerstörbaren Kern freilegt. Meine Härte, meine Stärke – das, was unendlich hochfahren kann, ohne müde, hungrig, durstig, schmerzig zu werden.

Und während ich das so aufschreibe, denke ich, dass das einfach genau das Problem ist.
Dass mein “Hochfahren” eins ist, das meinen von Trauma und Scheiße gestählten Kern erfordert und nicht einfach so ein zwei Hautläppchen weniger, auf die man mal kurz gut verzichten kann.
Es ist einfach kein aufregendes Abenteuer, eine lange Reise mit interessantem Input und ach ja uff, ist es nicht immer irgendwie anstrengend. Es ist immer – immer noch, nach so viel Traumatherapie – sofort eine traumafunktionelle Handlung. Ein Überleben.
Sicher eins, das Spaß macht, ganz sicher eins, dem ich mich auch entziehen könnte, wenn ich das wollte. Es ist kein Gewaltwiedererleben – aber es ist nachwievor ein Wie-auch-im-Trauma-üb_Er.Leben.

Vor allem für die, die ich jetzt – immer noch – in mir schreien spüre.
Scheiße ist das.
Traumascheiße.