Schlagwort: Viele-sein

von Freiräumen und der Frage, was man mit der Vergangenheit macht

Es ist ein bisschen so, als würde man Muskeln ansteuern, die noch gar nicht da sind, als die Therapeutin fragt: “Geht es ein bisschen darum, was sie damit machen? Mit ihrer rituellen Vergangenheit..?”.

Ich weiß, worum es geht. Weiß, es ist die Dissoziation, die mir alles Gesagte, Mit.geteilte und Erinnerte in dieser Stunde fremd und fern erscheinen lässt. Weiß, es geht um mich. Weiß, es geht um meine Vergangenheit.
Aber ja: Ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll.

Was soll ich denn auch anfangen mit einem Tier, das um sich beißt. Mit einem Kind, dass blind vor Panik an Türen kratzt. Mit einem Selbst, das weder Ich noch Nichtich ist. Mit Innens, für die alles außerhalb dieses einen Ists nichts außer Lug und Trug ist.
So eine Truppe ist der Stoff aus dem abgefahrene Road-Trip-Filme sind, aber mein Leben hat keine Räume für sie.

Wir bemühen uns allgemein darum allen Innens ihre Räume zu geben und zu lassen.
Bei uns meint das nicht, dass wir schauen, dass alle von uns ihre Außenzeit haben oder bestimmte Dinge haben dürfen – es meint eher, dass wir soziale wie asoziale Räume schaffen und freihalten, in denen es nicht zwingend ist, dass ausschließlich versorgungs-, schul-, therapie-, freundschafts-, produktivitäts-, oder gewaltfunktionale Systeme bzw. Innens aktiv sind.

Wir sind darin inzwischen ganz gut und durch die Unterstützungen, die wir erhalten, können wir diese Räume auch stabil halten und ausbauen. So ist es nicht mehr schlimm für mich, wenn wir zu Hause auseinanderfallen. Wir sind dort sicher, haben dort alles was wir brauchen, um mit den Konsequenzen der Anwesenheit dieser Innens umzugehen.

Aber das ist vielleicht genau mein Knackpunkt. So gehe ich mit den Anderen in meinem Leben um. Ich mache ihnen Räume, in denen ich das Chaos, die Not, die Unruhe und zuweilen auch Zerstörung, die sie mitbringen oder verursachen, kontrolliert passieren lassen und wieder bereinigen kann.
Ich gehe nicht mit ihnen um. Ich gehe mit den Folgen ihrer Anwesenheit um und das ist so ziemlich genau mal gar nichts anderes, als das, was ich schon immer mit ihnen mache. Heute mache ich das therapeutisch wertvoll und nenne meine Amnesie bzw. das depersonalisierte Erleben, das ich durch ihre Anwesenheit habe, “Freiraum für die Anderen in meinem Leben”.

Das ist nicht gut. Weiß ich. Aber was soll ich denn sonst machen?
Ich merke, dass wir zu wenig adhäsive Eigenschaften für einander haben. Es ist nicht wie in meinem Funktionssystem, wo sich die anderen mehr oder weniger oft zeitgleich – immer jedoch inhaltlich immer zu 100% auf meiner Ebene bewegen. Wir sind füreinander erkennbar, wir haben Kontakt – hatten ihn, bevor wir ihn gezielt gesucht haben. Wenn ich etwas entscheide, dann tue ich das inzwischen automatisch auch irgendwie mit ihnen. Unsere Kluft ist nicht zu, aber sie ist leicht zu überqueren.

Diese meine, unsere “rituelle Vergangenheit” mit der wir uns in der Therapiestunde befasst haben, ist nicht nur etwas, das nicht mir passiert ist, es ist auch noch Innens passiert, mit denen ich damals wie heute nur wenig mehr als Leben und Körper teile.
Das klingt für manche Menschen vielleicht nach viel, für mich ist das jedoch nicht mehr als das, was ich mit meinen Nieren zu tun habe: Ich weiß, dass sie zur gleichen Zeit wie ich geboren wurden und eine lebenswichtige Funktion haben – aber bei unserem nächsten Umzug werden sie mir keine Kiste packen können.

Vielleicht geht es am Ende nur um Akzeptanz? Anerkennung und fertig?
Wir teilen uns die Kenntnis um etwa 6qm Überlebens.zeit_los.raum.
In gewisser Weise teilen wir uns also einen Traumakrümel.

Ich hab nicht diesen ganzen Therapiequatsch mitgemacht, um jetzt noch zu glauben, dass ich mich nicht damit beschäftigen muss, was ihre Perspektive auf meinen Entstehungsort ist. Ich habe aber auch genug Therapiequatsch mitgemacht um zu wissen, dass es mehr als einen Traumakrümel braucht, um eine Perspektive zu verstehen oder mehr Kontakt aufzubauen.

Will ich mich also immer noch nicht damit auseinandersetzen? Vermeidung? ANP-typisches Schutz-Mimimi?

Ja. Nein. Vielleicht.
Alles.

Ich weiß, was ich machen muss. Ich weiß, wie das geht. Wir haben genug Werkzeug uns zu befassen. Wir haben eine gute Therapeutin. Was mir fehlt ist Bezug und eine Idee, wo es hingehen soll.
Ich weiß nicht, was ich verstehen muss, um diese Innens zu verstehen. Ich weiß nicht, was sie verstehen und vielleicht auch können müssen, um mich zu verstehen. Ich weiß nicht, welche Freiräume ich diesen Innens geben muss und wie wir diese dann absichern könnten.

Wir hatten und haben triftige Gründe für ihr Exil so fern im Innen, wie es nur geht.
Für sie kann es noch keine Zeit geben, sich frank und frei in der Welt zu bewegen, ohne uns zu gefährden.

Vielleicht klingt es fies und ist super selbstschädigend und gewaltvoll, aber im Moment denke ich oft, dass ich auch gut damit zurecht kommen würde, sie als so in der Zeit verloren zu akzeptieren, wie sie sind.
Wir haben viele Innens, die das sind. Wir haben sie mit Schutzimaginationen im weißen Rauschen des Inmitten beerdigt und wissen: Was als therapeutisches “in Sicherheit bringen” passiert ist, wird nie als das therapeutische Töten anerkannt werden, dass es auch war.

Nicht alle können reorientiert und für den Alltag nach der Gewalt funktionalisiert werden.
Und Innens, die aus Spaß an der Freude erhalten bleiben, gibt es nicht.

Etwas, was die Frage der Therapeutin berührt hat, ist für mich auch die Frage danach, was ich mit unserer Vergangenheit mache. Im Moment mache ich nichts anderes damit, als sie zum Forschungsobjekt zu machen.
Sie ist das Ziel vieler Fragen und der Grund für Krisen, die auf die Antworten folgen.
Ich mache diese Therapie nicht, um “meine Vergangenheit zu verarbeiten” – ich will eine Vergangenheit haben und muss dafür therapeutisch arbeiten.

Vielleicht auch, um damit klar zu kommen, dass ich nichts mehr mit etwas machen kann, das schon längst vorbei ist.

Hoffnung

“Sag mal K. – worum geht es dir eigentlich?”, fragt sie mich aus einem zusammengedrückten Gesicht. Das Schleimpfeifen aus meiner Lunge führt meinen rasselnden Atem an wie eine unbeirrbare Vorhut. Dieser Spaziergang ist schon viel zu lang für mich. Die Luft zu dicht, um die Flügel in meinem Oberkörper anzuheben.
Hinter uns grollt ein Wärmegewitter den Berg hinauf, den wir gerade bestiegen haben.

Ich drücke mein Gesicht zusammen, wie ihres und frage, was sie denn mit “eigentlich” meint. Frage sie, was sie denn glaubt für wie viele Eigentlichs ich neben dem, was ich, was wir, so mühsam rausbringen, noch Kraft aufbringen würde.
Wieder bin ich da, wo ich mich frage, ob sie mich für dumm hält, oder heimlich doch nicht glaubt, dass es schwer für mich ist zu sprechen, obwohl ich es tue. Ärgere mich darüber, weil es ineffizient und doch wieder eine Etappe ist.

“Brauchst du jetzt ein Eigentlich von mir, weil dir nicht klar ist, was ich dir gesagt hab oder willst du “den einen schlimmen Aspekt” wissen?” Ich bleibe stehen, hebe die Arme über den Kopf und versuche mich zu weiten.
Sie beobachtet mich. Ich merke, wie ihr jemand ins Gesicht springen will.
Sie fragt: “Gibt es denn mehr als einen schlimmen Aspekt?” und es ist als würde sie mich mit einem Fingerpieks einen Abgrund runterschubsen.

Antworten, die Fragen sind. Sie weiß das. Ich hab ihr das schon so oft gesagt. Warum macht sie das trotzdem.

Ich wühle nach meinem Notfallspray und dem Wasser in meinem Rucksack. Sage nichts mehr, bis wir zu Hause sind. Das Cortison treibt uns an, wir werden schneller als sie. NakNak* läuft voraus. Hält bei jedem Donner inne.
Ich fühle mein Trauma unter meiner Haut. Merke, wie da etwas wühlt, kämpfen will, doch nicht durch meine Haut aus Stein kommt. Das schnelle Gehen fühlt sich falsch an. Die Bewegung ist jetzt, aber nicht in Einklang zu bringen mit dem, was ich wie eine Hülle den Berg hinunter trage.

Unsere Gemögte spricht weiter auf mich ein, doch es kommt mir eher vor, als würde sich mich mit Wörtern abduschen, als mit mir zu kommunizieren. Sie perlen von mir ab, bedeuten nichts außer sich selbst. Versickern spurlos in der Zeit, brauchen weder mich noch sie.

Als wir in der Küche sitzen und dem Donner über dem Haus zuhören, fragt sie, ob es immer noch um die Akzeptanz geht, DAS DA erlebt zu haben. Ich sage “Nein” und denke: “Aber vielleicht doch.”

“Ich verlier die Hoffnung, M.”, sage ich. “Darum gehts mir.”
Sie streichelt NakNak* die Ohren. “Die Hoffnung worauf?”. “Dass wir alles aufgelöst kriegen.”
Es donnert. Draußen raschelt Birkengeblätt im Gewitterwind.

“Ich will Frieden machen mit dem ganzen Scheiß. Ich will es leichter haben. Ich will, dass sich alles auflöst und kein Problem mehr ist.”. Ich nerve mich selbst mit dem was ich sage. Höre auf zu reden. Es kommt mir sinnlos vor.

M., die uns schon lange, mich immerhin seit ein paar Jahren kennt, schweigt mit mir den Moment in die Breite.
Mit einem langen Schluck trinkt sie ihr Glas aus.

“Ich hab noch keine Klientin gehabt, deren Wunden von Hoffnung allein geheilt wurden.”

Fundstücke #62

“Werde, wer du wirklich bist”, heißt ein Buch von Alison Miller, in dem es um rituelle Gewalt und die Überwindung von Mind Control geht.
Es ist ein Selbsthilfebuch für Betroffene und steht bei uns auf der Liste der Bücher, die wir irgendwann vielleicht eventuell mal lesen wollen. Dann, wenn wir wissen, wer wir denn wirklich sind.

Diese Lücke ist mir gestern noch einmal bewusst geworden, als ich einen Artikel über narzisstische Menschen, die mit einer Borderline-Persönlichkeitsorganisation leben, las.
Seit wir als narzisstisch persönlichkeitsgestört “diagnostiziert” wurden, stolpern wir öfter über solche und ähnliche Texte. Und natürlich versuchen wir uns darin zu finden. Immer noch. Obwohl wir wissen, dass wir keine so gelagerte Persönlichkeits”störung” haben.

Aber es entstehen interessante Gedanken und Fragen.
Zum Beispiel die danach, wer wir denn nun sind. Wie es denn nun wirklich um unser Selbstwertgefühl steht. Ob, und wenn ja, inwiefern und wozu wir Menschen ausbeuten. Ob, und wenn ja, wir Kritik fürchten. Ob, und wenn ja, für wie großartig wir uns denn halten. Ob, und wenn ja, wie überzogen unsere Ansprüche und Anforderungen an unsere direkte und indirekte Umwelt denn wirklich sind.

Tatsächlich finden wir uns in Schilderungen von Menschen mit sogenannter “narzisstischer Persönlichkeitsstörung” nicht wieder. Aber wir verstehen, weshalb die Ärztin damals Anlass hatte das in uns zu sehen. Und obwohl uns das nachwievor belastet, weil wir nichts daran ändern, geschweige denn andere Patient_innen vor ihr schützen können, können wir uns daraus ableiten, für wen es (im Kontext der Traumatherapie) wichtig ist, an so etwas wie ein “wahres Ich” oder “wahres Selbst” zu glauben. Und warum.

Die dissoziative Identitätsstruktur wird nachwievor oft und überwiegend durch eine psychoanalytische Brille betrachtet und behandelt. Danach gibt es eine Persönlichkeit, die “Stellvertreterpersönlichkeiten” entwickelt, weil das erlebte Trauma zu schrecklich ist um weiter am Leben zu bleiben bzw. das soziale Umfeld zu ertragen, in dem das Trauma erlitten wurde.

Für grundsätzlich falsch halte ich das nicht, aber diese Sichtweise legt die Vorannahme einer Persönlichkeit, die da ist und etwas erschafft, das neben sich steht und passiert, fest.
In diesem Modell wird häufig dann auch Hierarchie eingebettet und Kämpfe um “gut” oder “böse”, “stark” oder “schwach”, “männlich” oder “weiblich”, “erwachsen” oder “kindlich” verortet.
Die therapeutische Arbeit ist dann eine Art “kontinuierliche Demaskierung” der “Stellvertreterpersönlichkeiten”, als Selbstschutzmechanismen oder eben auch verselbstständigte narzisstische Reflexe.
(Like: “Du hast es nicht ertragen, dass die Person dich, die du dich für so großartig/wichtig/besonders hältst/gehalten hast (weil dir das so eingeredet/vermittelt wurde), behandelt wie ein Stück Scheiße, also hast du jemanden erfunden, der ein Stück Scheiße ist, damit dich das nicht erreicht”).
Daneben kommen noch Aspekte der Reorientierung als erwachsene Person, die helfen sollen, die “Stellvertreterpersönlichkeiten” nicht mehr als etwas zu sehen, das fremd ist, sondern eigen und er.tragbar von der “eigentlichen Persönlichkeit”.

Wir haben schon Menschen mit dissoziativer Identitätsstruktur getroffen, bei denen diese Herangehensweise geholfen hat und insgesamt auch passt: Menschen sekundärer struktureller Dissoziation. Menschen mit DDNOS.
Also Personen mit einer “Kernpersönlichkeit” und mehreren Alter Egos, die zu bestimmten Zeiten oder bestimmten Aspekten im Leben der Person aktiv waren oder sind.
In der Serie “United States of Tara” ist so eine Person (filmkünstlerisch und kapitalistisch verwertbar aufbereitet) dargestellt.

Weniger passt diese Herangehensweise bei uns.
Bei uns gibts es durchaus auch “Stellvertreter”, allerdings sind das keine autarken Innens, also “Persönlichkeiten”, sondern Zustände, auch “States” genannt, die innerhalb eines Systems verortbar sind und nur dort überhaupt funktionieren.

Als wir die Diagnose als Jugendliche gestellt bekamen, hatten wir uns bereits daran abgearbeitet unseren “ursprünglichen Kern” zu finden. Sahen uns immer wieder damit konfrontiert, dass Menschen “das eigentliche Problem”, den “wahren Ursprung” von uns Innens “als Ganzes” sehen, finden, behandeln wollten.
Und als wir an dem Punkt waren zu merken, dass es den bei uns nicht gibt – samt aller Implikationen, die das für uns hat und hatte – begann für uns eine Forschungsreise, an deren Ende wir in dem Buch „Das verfolgte Selbst“ auf unsere Struktur stießen: das Modell der tertiären strukturellen Dissoziation.

Darin gibt es einen solchen Kern nicht, wohl aber Funktionssysteme, die zu bestimmten Lebenszeiten, sozialen Kontexten und Anforderungen aktiv werden bzw. sind und durch dissoziative Barrieren nicht oder kaum mit den anderen Systemen in Kontakt sind.

Hier funktionieren therapeutische Ansätze von “Demaskierung” und Reorientierung nur teilweise, nämlich nur in ebenjenen Systemen, die in der Therapiestunde aktiv sind (oder für die Therapie entstanden sind) oder aktiv sein müssen oder aktiv sein dürfen oder die Fähigkeit haben in der Therapie aktiv sein zu können.

Das heißt bei uns: Wenn wir Rosenblätter in der Therapiestunde sind und erkennen, dass wir untereinander funktionale Stellvertreter sind, um mit den Anforderungen von interpersoneller Kommunikation (in zum Beispiel Psychotherapie, Behörden, Blogkommentarspalten, ehrenamtlicher Tätigkeit usw.) zurecht zu kommen, weil unser Gesamtsystem (unserer Ansicht nach ist das unser Gehirn bzw. unser Körper) eben dies als potenziell lebensgefährliche Bedrohung missinterpretiert, dann können wir das nur so akzeptieren und in unser „Rosenblätter-Leben“ integrieren.

Nicht aber in eine “Kernpersönlichkeit”, die dadurch mehr Kraft oder allgemeine Integrität erhält.
Bei uns wird mit so einer Art therapeutischen Arbeit am Ende also nichts und niemand “ganzer” oder “echter”, außer wir selbst als System, neben anderen Systemen.

Diese Kernpersönlichkeitsidee, ihre Implikationen und der Anspruch das als Therapieziel zu verfolgen, werden aber immer das sein, was uns dazu zwingt eine “Stellvertreterpersönlichkeit” aufrecht zu erhalten – nämlich so etwas wie eine Hannah C. Rosenblatt, die es gibt, um als eine Persönlichkeit gelesen und angesprochen werden zu können, obwohl man keine ist.

Nach der Lektüre des Borderline-Narzissmus-Textes habe ich verstanden, wie praktisch so ein Kernpersönlichkeitsmodell ist.
Gerade dann, wenn man selbst nicht dissoziativ funktioniert, aber selbst sehr verschiedene soziale Rollen erfüllen muss oder will. Dann kann man etwas von sich selbst in der anderen Person finden und man kann ähnliche, wenn nicht gleiche Maßstäbe an sie anlegen.

Das funktioniert genauso wie in der Sparte des Inklusionsaktivismus, in der die Person, die auf einen Rollstuhl angewiesen ist, “eigentlich ja gar nicht so anders ist, als die Person, die keinen braucht”.
„Da ist ja nur eine kleine Unterschiedlichkeit, welche die Person, die keinen Rollstuhl braucht ja sogar an sich selbst simulieren kann, um der anderen Person zu gleichen.“

Was dabei das Problem ist, ist das Gleiche wie bei der Identifikation nicht dissoziativ strukturierter Menschen mit Menschen, bei denen diese Struktur vorliegt:

Wie es ist, eben nicht und niemals wählen zu können so zu er_leben; wie das ist, damit 24/7, vielleicht bis zum Lebensende so zu leben; wie das ist, damit umgehen zu müssen, dass andere Menschen glauben, dieser Unterschied wäre “eigentlich” nichtig – diese Erfahrung ist exklusiv. Und zwar nicht, weil das so geil ist und eine Aufwertung vor anderen Menschen bedeutet, sondern, weil der Unterschied eben alles andere als “eigentlich nichtig” ist, sondern fundamental.

Es ist eine andere Er_Lebensform. Ein anderes in der Welt sein.
Nicht besser, nicht schlechter – einfach nur fundamental anders.

Mit “dem anderen” umzugehen ist niemandes Job. Interessanterweise gehen mit “dem anderen” nur jene um, die anders sind. Und zwar, indem sie leben und sind, wie sie sind.
Psycholog_innen, Mediziner_innen und was weiß ich nicht so alles, sind nicht damit beauftragt menschlich, individuell damit umzugehen, dass es das gibt. Sie sind für wissenschaftliche, gesellschaftliche, individuelle Einordnung und die Sicherstellung sozialer Kontrolle durch Diagnosen und Behandlungen zuständig.

Davon auszugehen, dass “das Andere” “eigentlich” gar nicht anders ist, ist also auch eine Art positiver Diskriminierung, um realen gesellschaftlichen Ausschluss aufgrund von Andersartigkeit zu verschleiern.
Und damit natürlich auch der eigenen Beteiligung daran.

Mir ist dieser Gedanke nur deshalb gekommen, weil wir merken, wie sehr das Kernpersönlichkeiten-Modell bei uns nicht greift und wie schwierig es ist, an Erfahrungsberichte zu kommen, wo jemand nicht auf der Grundlage dieses Modells gearbeitet hat.

Erst recht haben wir noch kein Material gefunden, in dem die Lebensumgebung der betreffenden Personen gleichermaßen ausgeleuchtet wurde, wie ihre inneren Landschaften.
Damit wird sich in der Praxis einfach nie beschäftigt. Die Person und ihr Verhalten in diesem einen speziellen Setting einer Behandlung wird angeschaut, ähnlich bis gleich gemacht mit Menschen, die sich nicht in diesem Setting befinden und das wars.

Mich würde sehr interessieren, wie oft Menschen, die mit offensiv mit ihren Unterstützungsbedarfen umgehen und keine Schamperformance machen, als Person, die mit ihrer Rolle kokettieren, wahrgenommen werden und vielleicht sogar aufgrund dessen pathologisiert werden.
Genauso interessiert mich – besonders bei Menschen, die viele und über den akuten Krisenstatus hinaus sind – wie oft es vorkommt, das durch Therapie entwickelte Resilienzen und Abgrenzungsfähigkeiten, irgendwann (Wann genau?) als Arroganz oder Hochmütigkeit gelesen werden.
Wann werden Selbstschutzmechanismen als Noncompliance, wann die Nutzung von positiven Ressourcen als kritisch eingeordnet?

Geht es um die verwendeten Modelle, die einer Diagnose zugrunde liegen, oder um die Personen, die diese Modelle wählen, um sich selbst in der Beziehung zu der Person leichter zu verorten?

Oder geht es darum, wer wer „eigentlich“ ist und wessen “wahres Selbst” wann wie wo als das legitimiert ist, was es ist?

 

Vielleicht werden wir “Werde wer du wirklich bist” nie lesen, denke ich gerade.
Wir machen unsere Therapie nicht, um wirklich zu werden.
Wir sind schon wirklich da. Uns gibt es schon so wie wir sind.

Unser Ziel ist, das auch genau so selbst wahrnehmen zu können, ohne aufgrund dissoziativer Selbst- und Umweltwahrnehmung darin behindert zu werden. Ich weiß nicht, inwiefern sich dafür unser Selbstsein verändern muss?

Schritte

Wieder ist es ein Jahr länger her und wieder ist eine neue Schicht der Wahrnehmung entstanden.
Vielleicht auch Selbst_Bewusstsein.

Diesmal hat es sich nicht nach feiern wollen angefühlt. Oder danach, sich durch andere Menschen darin zu vergewissern, dass es eine gute Entscheidung war.
Diesmal ging es darum uns zu spüren. Heuteuns zu spüren und dabei so weit, so frei, so sicher und losgelöst von dem zu sein, was unser Heutehierundjetztalltag ist.

Nachwievor sind da 12, 13, 14 … 3, 4, 5 jährige Innens, die wirklich glauben, wir hätten es noch länger „probieren“ sollen. MÜSSEN. Können. Junge Erwachsene, die auf die Löcher, die wir mit unseren Unterstützer_innen zu umflicken versuchen, deuten und sagen: Guck dir das an – hierfür sind Eltern gut. Hierfür braucht man eine Familie. Siehste und auch das hier gibt es nicht für Leute, die keine Familie mehr haben.

Sie sind nicht orientiert, ihr Heutebegriff ist Früher.
Und in unserer Differenz ist Jetzt.
Wo sie sind und wir leben und wachsen und werden. Immer weiter.

In diesem Jahr dachte ich zum ersten Mal, dass es vielleicht auch wichtig ist, dem Gefühl, dass es okay ist, wie es jetzt ist, Raum zu lassen. Dass nach dem Weggehen noch ganz viele Dinge passiert sind. Dass die Zeit damals wie heute ganz von allein vergeht und das an sich nichts weiter bedeutet, als dass alles und alles immer in Bewegung ist, Entwicklung macht, Dynamiken entstehen, Prozess passiert.

Unser Weggehen damals war nur ein ganz kleiner Schritt.
Und der war nicht einmal relevant. Relevant war die Richtung.

Das war, was wir heute und in den letzten Tagen während unseres Besuchs bei J. bis heute wahr.ge.nommen haben. Dass wir uns für Richtungen entscheiden können und dann nichts weiter machen müssen, als einen Schritt nach dem anderen.

Die Zweifel sind im Lauf des Tages leiser geworden. Die Trauer um ein verlorenes, unwiederbringliches Familienleben, das es so oder so nie gegeben hat oder hätte geben können, ist wieder das feine weiße Rauschen, in dem wir uns verlieren wie wieder.finden können.

Wir sind erwachsen und tun Dinge.
Dinge wie Autofahren auf einem Verkehrsübungsplatz, Frühstücken mit Aufstrichverkostung, große schwarze Hunde streicheln und Gespräche führen, an denen man wächst und neue Stücke der Welt versteht.

Leben ist so viele Schritte.
Sie mit den richtigen Menschen machen zu können, das größte Glück.

Fundstücke #61

Als der Wecker klingelt, baut er sich selbst in mein ZwischendenZeiten ein.
Ich öffne die Stundenplan-App auf dem Handy. Die erste Stunde fällt aus, wir können noch eine Stunde schlafen.

Ich schlafe nicht, ich flashbackintrusioniere bis der Wecker ein zweites Mal klingelt. Jemand richtet uns auf. Trinkt Wasser. Wir loben es fürs Anziehen der Strickjacke. Rufen Ansporn und Versicherung von einer Zuschauertribüne jenseits von ihm. Oder ihr?

Als es aus dem Bett klettert, denke ich noch, dass wir es schaffen können. Kaffee, Beerenbrei, Dusche, Ranzen schnappen und los. Kurvendiskussion üben, den Lehrer um Hilfe bei der Photoshophausaufgabe bitten, Wirtschaft lernen, KeineAngstvorderWirtschaftslehrerinhaben trainieren.
Als ich im Bad stehe und mich nicht ausziehen kann, weiß ich, dass wir es nicht schaffen. Nicht jetzt. Wir sind heute nicht schnell genug. Nicht genug genug für Schulhier, Straßenbahnda oder MitdemFahrradunterwegs.

Das kann ich der Schulsekretärin nicht sagen. Der kann ich nur sagen: „Ich kann heute nicht kommen“ und hoffen, dass es nicht sehr schlimm ist. Denn noch mehr Dramen rund um die Schule packe ich einfach nicht mehr.

Jetzt sind wir also hier und haben Zeit.
Und ich merke, dass ich gern darüber reden würde und wie fremd mir das selbst vorkommt. Ich wollte nie darüber reden. Über Symptome, ja okay, aber doch nicht über diese Momente, in denen ich merke, das Zeit für uns manchmal gar nichts prozesshaftes ist. Die Momente, in denen ich mich nicht zum Duschen ausziehen kann, weil ich die Angstsicherheit habe, dass mich jemand dabei beobachtet, dirigiert, mich auf eine Art miss.be.handelt, die unsichtbar ist – obwohl obwohl obwohl

Ich habe gerade keinen Zusammenbruch. Keine heftige Krise. Ich brauche jetzt keinen Igelball oder geistigen Dreh in Heute zurück. Ich bin im Heute.

Heute bedeutet, die Dinge nicht mehr zu erleben. Heute bedeutet, die Dinge zu erinnern.
Manchmal ist das nicht genug Unterschied.
Nicht genug genug.

Fundstücke #58

Und dann sind die Termine und Verabredungen, die wir ausmachen, nur noch Steine, die ich wahllos ins Nirgendwo werfe, um mich von ihrem dumpfen Aufprall trösten zu lassen.

Eine Englisch-Gruppenarbeits-Deadline am Sonntag, Nachhilfe und Laptop-Hospiz am Samstag. Freitag morgens wackelt die provisorische Krone am Schneidezahn, abends fällt das Kronenprovisorium rechts oben raus.
Ich sehe jemandem im Spiegel und könnte kotzen, als es in meinen Mund hineingreift, um den Kunststoff mit Zahnpasta festzukleben.

Montag, Dienstag sind kaum zu erwarten. Ein Etwas flattert wie wild in meinem Zwerchfell umher, weil es einen Virtual-Reality-Workshop besuchen darf. Gruppenarbeit mit fremden Mitschüler_innen, in einer fremdem Umgebung, mit fremden Lehrer_innen. 6 Stunden ab 10, kurz vorher noch mal schnell zur Zahnärztin, die Krone richtig ankleben lassen. Montagabend Therapie und die Angst, all das runtergeschluckte Kotzen der letzten Wochen auf einmal nicht mehr drinnen behalten zu können.

Es freut sich so, ich habe Angst krank zu werden. Verdammt nochmal, wieso husten und niesen so viele Leute ohne die Hand oder ein Taschentuch vor dem Gesicht?!

Der Deal ist am Mittwoch krank zu werden. Schlafen und genesen bis Montag, dann ist die Matheklausur für die ich noch gar nicht lernen konnte. Aber Termin ist Termin nicht wahr – von irgendwo wird sie schon hergeflogen kommen, die Leistung, die „ich“ eigentlich immer erbringe oder nicht erbringe, egal ob ich lerne oder nicht, ob ich will oder nicht, ob ich kann oder nicht.

Ist alles zu viel? Nein. Ja. Doch. Und nein.
Gleichzeitig.

Mist ich wollte noch eine Email wegen der Lernpartnerschaft schreiben. Oh man, wir müssen schlafen. So dringend ausschlafen, Ferien haben, Pause machen, Leerlauf haben.
Und gleichzeitig ist alles okay.
Frühlingsflüstern, erste Wärme.

Alles wird besser, denn es ist alles gut.
Eigentlich.

Fundstücke #58

„Das ist bestialisch“, hatte die Therapeutin dazu gesagt. Und während ich mich unter dem Gefühl der Kongruenz durch ihren Ausdruck von Abscheu und Abgrenzung entspannte, fiel mir auf, wie praktikabel das Mittel der Entmenschlichung ist. Nicht nur heute, wo es eine tückische Entlastung ist, menschlicher Gewalt den Wortmantel der Unmenschlichkeit anzulegen, sondern auch früher, wo sich die Energie der Gewalt ihre Bahn durch Selbst und Sein eines Kindes brach und keine als menschlich akzeptierte Eigenschaft hinterließ.

Es ist tückisch, denn es bestätigt die Ablehnung des Ausmaßes der Folgen für das Kind, in der es die Gewalt als etwas wahrnimmt, das nie aus einer gemeinsamen Basis kam.
Doch genau das stimmt nicht.
Und das ist das Problem.

Menschen, die Gewalt ausüben, durchdringen und versehren eine Entität, die sich im günstigsten Fall darüber nie Gedanken machen musste. Das ist ein Schmerz, den Menschen vermeiden, sobald sie geboren sind und durch viele soziokulturelle Praxen und Technologien im Laufe des Lebens immer sicherer nicht zu erleben versuchen.
Warum sollte ein Mensch einem anderen Menschen diesen Schmerz zufügen? Was sollte denn jemand von etwas haben, das niemand will?

Zwischenmenschliche Gewalt wird heute so vielfältig erklärt und analysiert. Da gibt es Machtanalysen, da gibt es Pathologisierung, da gibt es Räume voller Fragezeichen und individueller Erzählungen von Menschen, die über ihre eigene Täter_innenschaft reflektieren.
Hinterher. Wenn ES vorbei ist und die Gewalt_Hinterbliebenen versuchen sich selbst und die Welt, in der sie passieren, in dem wieder zu finden, was ihnen geblieben ist: Leib, Leben, Da_Sein.

Das Geständnis vom Monster im Innen, den Tieren unter uns, dem Biest unter der Haut, das die Welt zerstören kann, haben wir nie abgelegt, um einen Selbsthass auszudrücken oder um mehr als eine, mal mehr mal weniger nah, wahrgenomme Zerstörungs- bis Tötungsenergie zu benennen.
Diese Innens/Anteile/Energien nehmen wir so wahr und wissen, dass es Menschen gibt, die diese Wahrnehmung wenigstens in dem Moment geteilt haben, in dem sie sich davon bedroht gefühlt haben. Vielleicht, weil da eine Facette von Menschlichkeit – menschlicher Überrestigkeit – spürbar war, die nicht mit dem eigenen Wahrnehmen und Erleben von Menschlichkeit in Einklang zu bringen war.

Es ging auch nie darum anderen Menschen die Angst zu breiten, die wir vor uns selbst haben und uns selbst von eben jener Angst abzutrennen, indem wir uns als etwas positionieren, das nie mit ihnen zusammen passiert.

Heute denke ich, dass es dem Kind, das ichwir einmal waren, damals schon klar war, dass ein Mensch, dem so viel zerstört wurde, einen anderen Rahmen übrig hat. Ein anderes Funktionieren. Eine andere Art des Lebens.
Ein unmenschliches Leben. Nicht: ein schlechteres Leben, nur: ein unmenschliches

Es gibt die Idee in der Erklärung wie sich Identitätsstrukturen ausentwickeln und -gestalten, dass es fixe Ideen bzw. mehr oder weniger reflexhaft assoziierte Identifikationen sind, die dazu führen, dass man in manchen Vielen Roman- oder Fantasiefiguren findet. Unter anderem Monster, Tiere, Bestien.

Eine Therapeutin vertrat uns gegenüber aber auch schon die Ansicht, dass diese von uns als unmenschlich wahrgenommenen Innens der Versuch war/ist, die Identität und die Zerstörungsintension der Täter_innen uns gegenüber zu erklären und abzuwehren. Am Ende: dass wir aufhören müssten, uns und dadurch jene, die an uns zu Täter_innen wurden, zu verkleiden.
Als wäre das alles eine schiefgegangene Scharade. Ein Eskapismus, eine Flucht vor einer Realität, die wir uns kreiert haben, weil uns die gegebene nicht gefallen hat.
Nicht, weil es das war, was wir noch aus dieser Realität danach machen konnten.
Diese Flucht in Aspekte der Realität, die so vielen Menschen in unserem damaligen Kinderleben scheinbar verborgen war.

Wir selbst schreiben oft von Dissoziation als trennendes Element. Jedoch merke ich gerade, wo DAS DA in mir arbeitet und wie ein auf leichter Flamme vor sich hin wirkendes Geblubber auch da sein kann, dass es manchmal auch um Verschmelzung geht.
Verschmelzung mit Dingen, die von der Gesellschaft, der Realität, dem Leben, das von so vielen Menschen abkürzungshalber „Normalität“ genannt wird, getrennt passieren.
Mit dem Moment, in dem jemand „wie ein Tier“ rast, wütet, Gewalt ausübt (… leidet …) – und doch ein Mensch ist, der menschliches tut (… erlebt).

Nur nicht mehr als solcher akzeptiert wird.
Von allen anderen um ihn herum.

Als würde die Menschlichkeit der Täter_innen als Bestie verkleidet, um sie und ihre Tat zu verstecken.
Abzutrennen. Zu Dissoziieren.
Als sei nur so ein Urteil zu fällen oder eine Einordnung zu treffen. Als könne man der Gewalt und ihren Folgen nur so begegnen.

Mit Gewalt durch Aberkennen der Zugehörigkeit zur Menschenheit.
Einem unveränderlichen, unbeeinflussbaren, unwählbaren Merkmal.

<!–kaskadierende Traumascheiße–>

disclaimer: Für uns sind Gleichsetzungen mit Maschinen und ihren Funktionen okay. Das gilt nicht für alle Menschen, die mit Traumafolgen leben.

Wenn ich versuche Menschen zu erklären, was Vielesein ist und wie es bei uns funktioniert, greife ich gerne auf folgendes Bild zurück.

Gegeben sei ein Mensch als Computer.
Es gibt Inputkanäle (Tastatur, Maus, USB und sonstige Anschlüsse für Kamera und Mikrophon, CD/Diskettenlaufwerke) und Outputkanäle (Bildschirm, Drucker, Lautsprecher). Es gibt ein Gedächtnis (die Festplatte), es gibt Verarbeitungssysteme (Prozessoren und der ganze Kladderadatsch, der mit dazu gehört). Es gibt verschiedene Selbst-Schutzmechanismen (mechanisch: die Kühlung, digital: Codeangaben, die Prozesse beenden, die zu lange dauern oder zu viel abverlangen).
Es gibt bestimmte grundlegende Dinge, die gegeben sein müssen (Strom, Unversehrtheit, Code, der wenigstens Hardware und Betriebssystem richtig zusammenbringt (Informatiker_innen, die ihr das lest, bitte nehmt das jetzt einfach so hin  ^__^’ ).

Menschen, die in ihrem Leben wohl auch schwierige und belastende Erfahrungen gemacht haben, jedoch nicht davon traumatisiert wurden, finden in ihrem Betriebssystem (ihrem Erfahrungsschatz, ihren Fähig-und Fertigkeiten) Möglichkeiten damit umzugehen, ohne Umbaumaßnahmen an sich vornehmen zu müssen.
Sie kommen mit einem Laufwerk zurecht, teilen sich dies aber zuweilen auf in “privat” und “Arbeit” oder in “allein”, “mit Freund_innen”, “unter Kolleg_innen”, “mit Freizeitpartner_innen”.
Der Bedarf an Rechenleistung und Speicherkapazität war und ist immer vom Gesamtsystem zu leisten gewesen. Auch in Momenten, die schwierig waren.

Die Kommunikation von Hardware und Software wird bei diesen Menschen kontinuierlich verbessert, Schwerpunkte der Nutzung/Belastung von In- und Outputkanälen werden von individueller Rechnungsleistung im Zusammenspiel mit der Ansprache ausgebildet. Sprich: Wenn ein Mensch eher der visuelle Typ ist, dann verbessert sich die Kommunikation zwischen Dateninputkanal “Tastatur” und Datenoutputkanal “Bildschirm” im Laufe seines Lebens zu einer insgesamt stabilisierenden Säule der Funktionalität des Gesamtsystems.

Mir wird zunehmend bewusst, dass es bei uns insgesamt anders läuft.
Da sind sensorische Quirks, wie die automatisch gemeinsame Nutzung von Lautsprecher und Bildschirm (die Synästhesie, die wir im Zusammenhang von Geräuschen und Farben/Formen erleben), eine generell instabile Inputkanalisation und die scheinbar willkürlichen Funktionen des Selbstschutzes, die das System immer wieder zum Absturz bringen, chronisch überlasten oder In- und Outputkanäle zusätzlich dysfunktional werden lassen.
Und das ist nur die Hardwarekomponentenseite.

Das Gehäuse hat Risse, hier und da fehlen Schrauben, manches baumelt an Kabeln, von denen man nicht so richtig weiß, wo sie eigentlich hinführen und wann sie was genau machen. Eigentlich braucht unser Gehäuse ein Gehäuse, aber die Schadensberichte kommen nur dann wann im Rechenzentrum an und werden noch seltener auch (richtig) verarbeitet. Es ist ein Glücksfall, wenn der Output dessen gelingt  und eine Sensation, wenn ein anderes System (ein anderer Mensch) es aufnimmt und versteht (und helfen kann/hilft).

Das Innere – also uns – beschreiben wir so:
Es gibt mehrere Laufwerke. Auf jedem Laufwerk ist ein eigenes Betriebssystem (ein System von Innens) installiert.
Das bedeutet: Jedes Laufwerk hat eigene Funktionsbereiche, die auf spezifische Art und Weise auf In- und Outputkanäle zugreifen; um eingehende Daten aufzunehmen und entsprechend der zur Verfügung stehenden Software (Fähig- und Fertigkeiten) darauf zu reagieren.
Zum Beispiel gibt es auf dem Laufwerk “Rosenblätter” die Software “Hannah C. Rosenblatt”, die Zugriff auf die zentrale Wörtersammlung des Laufwerks hat, gut mit dem Outputkanal “Tastatur” (den Fingern) kommunizieren kann, jedoch an anderen Aufgaben scheitert, wenn sie nicht mit anderen Komponenten auf dem Laufwerk zusammenarbeitet.

Jedes Laufwerk hat sich im Zuge überlebensnotwendiger Umbauarbeiten entwickelt.
Aufgrund des frühen Alters konnte es so keine insgesamt stabilisierenden Säulen entwickeln. Die Ausbildung der verschiedenen Laufwerke und Betriebssysteme ist die tragende Säule des Gesamtsystems.
Diese Aufteilung verteilt die notwendige Rechenleistung zur Ausführung bestimmter Tätigkeiten und Funktionen auf ein leistbares Maß, das jedoch gleichzeitig erfordert andere Prozesse anzuhalten und als sekundär einzuordnen.

Als für die Aufrechterhaltung des Systems sekundär eingeordnet sind Dateninputs traumatisierender Erfahrungen.
Dank dieser Einordnung hatte das System im Moment der Eingabe die Möglichkeit den Betrieb aufrecht zu erhalten und die Daten in ursprünglich als Zwischenspeicher bereitgestellte Laufwerke zu geben.
Da die schiere Datenmenge das System nicht nur akut, sondern auch nachhaltig überforderte – und in unserem Fall 21 Jahre lang immer wieder derartig überfordernde Mengen auf uns einströmten – wurde aus dem Zwischenspeicher ein Laufwerk. Und noch eins. Und noch eins. Und noch eins. Und …

Ein Laufwerk herzustellen wurde nie von einer Software initiiert. Die gesamte Ausentwicklung war von Anfang an im Rechenzentrum als zur Verfügung stehende Möglichkeit angelegt. In der letzten Instanz denken wir jedoch, dass es einer zufällig passenden Konstellation von Faktoren geschuldet ist, dass diese Möglichkeit vor einer anderen aktiviert wurde.

Als Computer könnten wir so sehr lange leben, ohne je mit Dysfunktionalität rechnen zu müssen.
Doch sind wir leider, trotz aller bis hier hin passierenden Ähnlichkeiten, keine Maschine.

Eine Maschine hat keine Triebe. Sie existiert, weil sie existiert und fertig.
Sie stellt keine Fragen, die sie nicht auch beantworten kann. Jede Maschine – selbst eine, die etwas macht, was sie nicht kann! – greift auf eine für diesen Fall hinterlegte Option zurück.

Wir jedoch stürzen ab, wenn wir das versuchen. Denn sowohl unsere Struktur als Funktions-System, als auch als Speicher-(Verarbeitungs)System sind so wenig miteinander vernetzt, dass es wenig bis nichts gibt, was für diesen Fall hinterlegt ist.
Wer sowohl Apple, als auch Linux als auch Windows-Produkte gleichzeitig verwendet, kann unser Dilemma verstehen.
Grundsätzlich funktioniert alles – nur nicht miteinander.
Es braucht zusätzliche Software, die die Kommunikation aller Produkte ermöglicht – doch selbst das funktioniert oft nicht, weil es von Grund auf nicht vorgesehen ist, jemals mit einem anderen Betriebssystem zusammen zu arbeiten.

Was man sich im realen Alltag außerhalb dieser von mir beschriebenen Metapher überlegen und kontrollieren kann, können wir nicht.
Wir stecken gemeinsam in diesem klapprigen Gehäuse, teilen uns Input- und Outputkanäle und funktionieren auch heute noch, nach vielen Jahren Therapie und Bewusstseinsarbeit, weitestgehend autark nebeneinander her, ohne sofort zu merken, wann wir die jeweils anderen Laufwerke und Komponenten überlasten oder beschädigen.

Der Grund dafür liegt jedoch nicht allein in unserer Konstruktion. Es liegt auch an der versprengten, unvollständigen, unsortierten Datenbank auf spontan hingerotzten Laufwerken.

Der Vorteil, den Menschen mit nur einem Laufwerk haben, ist der kurze Dienstweg, den das Rechenzentrum überall hin hat.
Es braucht nur eine Anweisung pro Funktion und gibt auch nur zwei Rückmeldungen darauf: 1 oder 0 (“Check” oder “Fehlermeldung”).
Unser Rechenzentrum muss immer erstmal überlegen, welches Laufwerk es denn wohl braucht, um eine Anweisung richtig zu adressieren. Und kann dann nicht davon ausgehen, dass die Daten zur Ausführung der Funktion auch auf diesem Laufwerk hinterlegt sind, denn nicht immer liegt die Software auch da, wo die zur Ausführung benötigten Daten liegen. Es braucht also eine Extraanweisung. Also: extra Rechenzentrumsarbeit, die unter Umständen auch ins Blaue führen kann, weil es ein ewiges Ratespiel ist, mit einer unsortierten Datenbank umzugehen.

Je weniger Rechenkapazität – etwa durch ungünstige Umgebungsfaktoren und mangelhafte Versorgung, oder ein Laufwerk, das gerade völlig frei dreht und wer weiß was für ein Ding am Laufen hat – desto weniger Anweisungen werden ausgegeben,
Je weniger Angaben, desto wahrscheinlicher ist das Ausbleiben von Funktionen. Also: Funktionalität, die gezielt angestoßen wird und entsprechend als kontrolliert, selbst gemacht, selbst gewollt, zielgerichtet wahrgenommen und ausgeführt wird.

Für das menschliche Gehirn ist die Dissoziation (die Auftrennung von Daten) nur ein Zwischenschritt. Sie wird zu keinem Zeitpunkt dazu benutzt endgültige Lösungen zu kreieren oder überhaupt “produzierend tätig zu sein”.
Dissoziation passiert, um kurzzeitig Platz für Berechnung und Ordnung zu sorgen. Platt gesagt. Sehr platt gesagt.

Die menschliche Aufnahmefähigkeit übersteigt die Fähigkeit zur Verarbeitung immer um ein gewisses Maß. Niemand, kein einziger Menschen auf der Welt, dissoziiert nicht. Niemand nimmt die Welt 1:1 genauso wahr, wie die Sinne (die Inputkanäle) sie aufnehmen und ins Gehirn leiten. Schon deshalb nicht, weil diese Daten mehrfach umgewandelt werden müssen, um überhaupt interpretierbar und damit abgleichbar (assoziierbar=… erinnerbar) gemacht werden zu können.

Das bedeutet im Kontext mit dem Vielesein, was unsere umgangssprachliche Bezeichnung für die dissoziative Identitätsstruktur, die wir bei uns sehen, ist, dass unser derzeitiges Sein und Funktionieren eine Art chronifizierte Zwischenlösung ist. Also sowas wie der Pflegenotstand in Krankenhäusern und Altenheimen: eigentlich solls nicht so sein, aber wenns nicht so wäre, würde die ganze Schose in sich zusammenbrechen und jemand wäre in Lebensgefahr.

 

Weshalb ich das jetzt noch einmal so lang und breit aufschreibe.
Ich wünsche mir gerade so eine Maschine zu sein. Eine, der ich vielleicht selbst ins Zentrum schreiben könnte: Bitte jetzt keine Links (Verbindungen/Assoziationen) erstellen.

Es ist ein scheiß Dilemma. Jedes Mal neu.
Ich weiß, dass es gut ist, wenn ich Dinge erinnere, wenn ich mehr in Kontakt komme mit dem, was ich in der Metapher als “anderes Laufwerk” bezeichnen würde. Ich weiß, dass es vielleicht das einzige ist, das bei uns noch genauso so läuft wie zu dem Zeitpunkt unserer, meiner, Geburt, wenn der Prozess der Zusammenführung von dissoziierten Daten aus den vielen verschiedenen Winkeln und Nischen passiert.

Und: Ich bin neugierig auf das Ergebnis davon. Ich will wissen wie das ist, wenn wir zusammen ein Maß an Kompatibilität und Zusammenarbeit erreicht haben, das weniger energieaufwendig, weniger komplex, mehr Wissen als Raten ist.

Wenn M. eine Webseite schreibt, dann teilt sie sich das auf. Eine Datei enthält die bloßen Informationen und eine die Anweisungen, wie diese Informationen aussehen sollen und wo sie positioniert werden sollen.
Im Zuge des letzten Übungsprojekts dachte ich, dass ich genauso so lebe und funktioniere. Alles, was ich tue ist das Rausbringen von Informationen. Genau so, dass es Instanzen mit bestimmten Übersetzungsfähig- und fertigkeiten interpretieren und aufnehmen können.
Ich bin wie eine funktionale HTML-Datei. Um mehr als das grundlegend nötige (überlebenswichtige) zu übertragen, brauche ich einen ergänzenden Link zu einer CSS (einem cascading stylesheet) um meine Informationen in ihren Kontexten erscheinen zu lassen.

Im Moment bin ich mit kaskadierender Traumascheiße verlinkt.
Ich kann nichts dagegen tun, dass, was ich äußere oder tue, davon beeinflusst und im gewissen Maße auch davon definiert wird, was aus diesem Datenknäul kommt.
Ich verwandle mich von einer ~neutralen~ Datenausgabequelle zu etwas, das mich verändert und damit auch das gesamte Laufwerk in seiner Kommunikation sowohl intern als auch extern beeinflusst und in der Funktionalität auf eine neue Art beschränkt wie erweitert.

Das geht über das Erleben eines Triggers hinaus.
Ein Trigger kommt und geht. Ein Trigger kommt für mich meistens von Außen und hat für mich in der Regel nur noch mehr Dissoziation zur Folge.
Ein Trigger ist kein gesetzter Link für mich, sondern eher das Signal vor meiner Abschaltung, die ich selbst nicht kontrollieren kann.

Ein Link zu Traumascheiße ist wertvoller als ein Trigger – obwohl beides mit der krassen Überflutung von Reizdaten einher geht und beides etwas ist, was außerhalb meines direkten Einflussbereichs liegt.

In HTML kann man Kommentare setzen. Das sieht so aus: <!—Hier kommt rein, was kommentiert wird –>.
Wenn man das in einen Text schreibt, zeigt der Browser den kommentierten Teil nicht an.

Ich möchte mein Dilemma an dem Traumascheiß lösen und habe ich mir überlegt, es mit dieser Kommentarfunktion zu versuchen.
Ich will mich nicht verschließen, aber ich will nicht auch nicht von etwas verändern lassen, das zum Einen schon längst vorbei ist, zum Nächsten nicht aus mir selbst heraus auf mich einwirkt und zum Anderen nachwievor völlig wirr und unsortiert ist.

Ich finde, dass das eine gute Zwischenlösung für mich ist. Eine, die nichts komisch verwachsen lässt, weil sie der Verarbeitung ihren Raum lässt und gleichzeitig aber auch eine Verbindung bestehen lässt, die wenn nicht jetzt, so doch zu einem anderen Zeitpunkt für mich (und andere) nützlich sein könnte.

Fundstücke #57

Im Nachhinein merke ich, dass ich immer dachte, es gäbe so etwas wie eine Grenze des unkontrollierten Erinnerns. So, als wäre ein “nicht richtig aufwachen und in eine desorientierte Gewalt-Wiederleben-Schleife sinken” das obere Ende dessen, was unverarbeitete Erfahrungen mit sich bringen.
Vielleicht ist meine letzte Nacht auch nicht wirklich eine Steigerung dessen.
Vielleicht ist es insgesamt unsinnig Symptomatiken zu skalieren, wenn es doch mehr meine Gefühle dazu sind, die ich skalieren will, damit sie mir gleichzeitig greifbar und entfernt von mir sind.

Dieses “Einsinken” ist grauenhaft. Mir ist dabei nicht klar, dass ich etwas erinnere bzw. erlebe, was längst vorbei ist. Selbst “Ich” ist mir in dem Moment nicht so klar. “Einsinken” ist wie eine Art Ohrwurm der Sinne, der mich total absorbiert, sich aufdrängt und nicht weggeht bis irgendein unbestimmtes Moment ihn unterbricht.
Aber wenn es einmal unterbrochen ist, dann ist es das auch.
Ich fühle mich scheiße, aber ich weiß, dass ich da bin, wo ich bin und was ich tun kann.

Heute Nacht bin ich aus etwas aufgewacht, dass ich mit “Ekel5000” überschreiben will.
Ich weiß nicht wovor, ich habe keine Bilder dazu, keine Gedanken – nur Ekel und einen drückenden, stauchenden, stiebenden Wust aus einander widersprechenden Impulsen und Körper_Reaktionen.

Jetzt einige Stunden später denke ich, ob ich vielleicht das unterbrechende Moment war, denn ich bin aufgewacht, weil ich mich übergeben musste und das auch rückhaltlos tat, als wäre ich selbst das andere Ende dessen, was sich zusammenreißt, hart macht, verdichtet – sich von mir abtrennt und so viel Platz wie möglich frei, leer, dissoziationsnebelweiß lässt.

Normalerweise erdet und beruhigt es uns insgesamt chaotische Bettsituationen aufzulösen.
Für manche Innens ist es bis heute gut “Spuren zu vernichten” oder “alles wieder gut zu machen”. Für mich ist es das Gefühl etwas tun zu können, das mir hilft. Ich mag die Muster, die sich für mich auftun, wenn ich etwas tun kann, das mit dem Alltag zu tun hat. Und sei es das Bettzeug abzuziehen, zu waschen, neu zu beziehen und zu lüften.
Es ist Alltag. Heute-Alltag. Ich-Alltag.

Und diesmal hätte ich die ganze Zeit kotzen können. Über mich, über die Situation, darüber, dass meine Bettwäsche nicht nur mit einem Handgriff, sondern einer ganzen Menge Handgriffe zu wechseln ist, darüber wie meine Haare über die Ohren rascheln – alles, was den noch so kleinsten Widerstand in mir aufmachte, brachte dieses “Ekel5000”- Ding mit sich.
Das ist, was es anders macht. Und schlimmer.

Üblicherweise sind es ja genau diese kleinen Widerstände und die Möglichkeit sie durchzusetzen, was es mir ermöglicht mehr und mehr Orientierung aufzubauen. Sie mit diesen Gefühlen und Impulsen beantwortet zu kriegen, hat mir diese Möglichkeiten genommen. Mehr als das zu erleben und auszuhalten, ging nicht und es hat bis in den frühen Morgen gedauert, bis ich an dem Punkt war, an dem aus mir heraus keine Widerstände mehr kamen. Nicht, weil ich sie aktiv unterdrückt hatte, sondern, weil da einfach keine mehr waren.

Für mich hatte das nicht nur so eine Ebene des Aufgebens, sondern irgendwie auch von Entfernung zu dem, was wir seit Jahren machen und wollen. Wir wollen diese unkontrollierten Momente nicht mehr, also machen wir therapeutisches Resilienzen pflegen, hören nicht auf mit ständiger Orientierung, mit Verankerung, mit klaren Bewegungen weg von dem, was uns nicht gut tut und stärkt.
Das loslassen zu müssen, um Erleichterung zu empfinden, verwirrt mich noch immer. Es ergibt keinen Sinn und widerspricht allen Erfahrungen, die ich bisher im Umgang mit solchen Situationen gemacht habe.

Vielleicht geht es am Ende wieder nur um meine komischen Kontrollquirks, das weiß ich gerade nicht, aber es ist eine neue Ebene der Unkontrolle und eine Konfrontation mit Erinnerungsfragmenten, die ich in der Form noch nicht hatte.

Es verunsichert mich.

von Haien und Sardinen, Ausgrenzung und Selbstvertretung

“Euer Podcast gibt mir immer weniger.”, sagte uns eine Freundin am Samstag, kurz bevor wir den Film starteten, den wir uns ausgesucht hatten. Sie sagte, sie könne für sich immer weniger rausziehen, die Folgen seien zu lang und das Geplänkel zwischendurch wäre mal ganz nett, aber …
Hm ja, dachte ich. Feedback ist wichtig, wir legen uns das mal an die Seite.

Auf dem Weg nach Hause dachte ich darüber nach, was die Dinge, die wir tun, anderen Leuten überhaupt geben soll und ob wir beeinflussen können, was sie sich nehmen wollen und was nicht.

Am Sonntag bekamen wir Besuch für ein Projekt, in dem es ums Vielesein geht.
Wenn die Person da ist, sprechen wir über uns, wie wir uns wahrnehmen, wie was bei uns funktioniert und was es bedeutet, dass es so ist, wie es ist.

Am Abend stellten wir ein Modell fertig, das unsere “innere Landkarte” symbolisiert.
Eine Arbeit, die wir schon lange für die Therapie machen wollten, aber doch nie gemacht haben.
Zum Einen, weil wir Angst davor hatten, unerwartet mit Dingen konfrontiert zu werden, auf die wir nicht vorbereitet sind. Zum Anderen, weil es in uns nachwievor Unsicherheit darüber gibt, ob das überhaupt wichtig ist. Ob das jemand wissen will. Ob das Sehen unseres Seins etwas ist, das anderen Menschen (der Therapeutin, der Projektperson, den Personen, die das Projekt später sehen oder generell: überhaupt irgendjemandem) “etwas gibt”, was auch uns mit einschließt.

Für uns ist es normal so zu sein, wie wir sind. Wie wir funktionieren, ist für uns nichts fremdes oder besonderes – das ist es erst geworden, nachdem uns gesagt wurde, dass es das nicht sei. Dass es eine Krankheit sei, dass es eine Störung sei, dass das, was dazu geführt hat, unnormal sei. Unrecht. Falsch. Schlecht.
Wir, wie wir sind und wie wir geworden sind, hat also nur durch die Gegenüber- oder Nebeneinanderstellung mit dem Leben und Sein anderer Menschen überhaupt diesen Status von etwas, dem man sich anders widmet und/oder widmen will/muss/sollte, als dem, was diese als üblich wähnen.

Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass Dinge, die wir wahrnehmen und denken, teils massiv von dem abweichen, was andere Menschen wahrnehmen und denken. Nicht, weil wir andere politische Haltungen vertreten, nicht, weil wir Dinge mögen, die jemand anders nicht mag – einfach nur, weil unsere Perspektive durch unser Sosein, durch unser Sogewordensein eine völlig andere ist.
Und auch das nicht nur so ein bisschen. So ein bisschen, dass andere Menschen sich eventuell vielleicht doch – mit ein bisschen Anstrengung, Empathie und intellektueller Verdrehung – in uns und unseren Blick auf die Welt hineinversetzen können.

Nein. Wir sind auf eine Art anders gestrickt, dass wir nicht nur ein zwei Aspekte anders erleben und entsprechend einordnen, wenn Wind und Mond mal zufällig komisch stehen oder ein Trigger wirkt oder uns irgendetwas irritiert.
Die grundlegende Struktur ist zu jedem Zeitpunkt anders, als bei Menschen, die nicht viele sind (und zufällig auch noch autistisch).

Für mich beginnt der Unterschied schon dort, dass ich die Normalität der Menschen, die nicht autistisch und nicht viele sind, weder kenne, noch erklärt bekomme, noch als etwas erlebe, das ich als etwas potenziell auch von mir er_lebbares nachvollziehen kann, wenn ich mich in diese Menschen hineinversetze.
Es ist für mich weder denkbar, noch vorstellbar, nicht so zu sein wie ichwir.

Interessanterweise geht mir das auch so mit Tieren.
Ich kann mir nicht im Mindesten vorstellen, wie es ist eine Giraffe zu sein, geschweige denn einen Begriff von ihrem Bewusstsein oder der Art ihrer Wahrnehmung und ihrem Ich-Erleben zu haben.
Dieser Umstand wird von allen Menschen als gegeben akzeptiert. Niemand verlangt es von irgendjemandem und niemand maßt sich selbst ernsthaft an, all das über eine Giraffe zu wissen oder “mit ein bisschen Anstrengung/Empathie schon irgendwie nachvollziehen zu können”.
Es würde sich auch niemand mit vorwurfsvoller Miene vor eine Giraffe stellen und ihr sagen, sie solle sich mal ein bisschen klarer (bitte ohne Geplänkel) ausdrücken, damit man ebenjene Dinge über sie in Erfahrung bringen kann.

Ich will uns und Menschen in ähnlicher Situation nicht mit einem Tier gleichsetzen.
Ich will hier auch nicht zu dem Schluss kommen, dass wir “in einer anderen Welt” als andere Menschen leben. Ich will auch nicht das so oft bemühte “wrong planet”-Bild nutzen.
Ich will aufzeigen, wie groß die Kluft zwischen unseren Wahrnehmungen und Er_Lebensrealitäten ist.
Und wie ungleich groß zuweilen die Bemühungen darum sind, miteinander in Kontakt zu kommen und einander zu verstehen. Und wie verschieden die Motivationen dazu sind, das überhaupt anzustreben.

Ich will es nicht darauf reduzieren, aber schreibe es nun doch so auf:
Ohne die Pathologisierung, die Stigmatisierung, die Ausgrenzung, ohne den tiefen krassen Schmerz, den es bedeutet so wie wir sind in dieser Welt und in diesen Kontexten zu leben, würden wir uns kein Stück um ein Miteinander mit Menschen kümmern. Wir würden es sein lassen.
Wir würden all die Kraft, die es uns kostet in Lautsprache zu denken, zu erklären, zu kommunizieren einsparen und all die Dinge tun, die uns und vielleicht sogar nur uns allein zur Kommunikation und Interaktion mit der Welt dienen.  Wir würden uns nicht erklären, würden nicht all die großen und kleinen sozialen Dressuren aufführen, die es braucht, um überhaupt von als Mensch mit Seele und Sein an_erkannt zu werden.

Wir fragen uns nie, “was es uns gibt” uns die Abbildungen und Darstellungen in Film und Fernsehen, in Romanen, in Erzählungen oder Klatsch und Tratsch von neurotypischen (nicht komplex traumatisierten) Leuten reinzuziehen, weil wir von vornherein wissen, dass das, was dort verhandelt wird, aus einer Perspektive kommt, die wir niemals je selbst einnehmen werden. Da werden Interaktionsmuster gezeigt, die wir nur kopieren, jedoch nie in ihrer Tiefe und Intension selbst auch erfahren. Da werden Werte und Normen repräsentiert, die uns nicht mehr sagen, als, dass sie wichtig für diese Personen sind. Da werden zwischenmenschliche Dramen und Erfahrungen mit_geteilt, die wir selbst entweder gar nicht machen (können) oder, die wir machen, ohne mehr damit anfangen zu können, als das, was wir ohnehin schon 24/7 tun: analysieren, entschlüsseln und mit anderen Erfahrungskontexten abgleichen, bevor sie abgespeichert werden.

Wir wissen, dass uns all diese Medieninhalte nichts geben – wir wissen, dass sie euch etwas geben. Deshalb nehmen wir uns all die Dinge daraus, die uns im Kontakt mit euch eventuell mal hilfreich sein können.

Wir werden daneben übrigens auch nie gefragt, wie das für uns ist nirgendwo kongruent in unserem Sein und Er_leben repräsentiert zu werden.
Manche Menschen erwarten Reaktionen von uns auf Filme, in denen Viele sein oder autistisch sein vorkommt, aber sie erwarten selbst von unseren Reaktionen auf Medien, die Menschen mit einer so krass anderen Perspektive und Er_Lebensrealität über (Aspekte) unseres Seins und Er_Lebens gemacht haben, noch einen Mehrwert für sie und ihre Sicht auf das Thema.
Was sie nicht erwarten ist Unverständnis dafür. Gekränkt davon zu sein, schon wieder von jemandem ohne gleichen Hintergrund für einen Kontext benutzt worden zu sein, in dem wir selbst weder mitgedacht werden, noch sonstwie in einer Art passieren, die auf gegenseitigem Begreifen, Verstehen und inkludiertem Miteinander beruht.

Um ein weiteres Tierbild zu bemühen:
Manche Haie kapieren nicht, dass es Sardinen kränkt, wenn ein Hai einen Sardinenfilm dreht, um unter Haien als der geilste Filmer bekannt zu werden, Haie ins Kino zu bringen, Haien ein weiteres Mittel zur Etablierung einer Haikultur zu schenken, in der sich Haie erkennen und so zu einer Verbesserung oder Veränderung des Haimiteinanders beitragen können.
Und manche Haie haben darüber für Sardinen dann oft auch nicht mehr übrig als “Nja mag ja sein, dass das für dich persönlich jetzt voll blöd ist, aber mich brings voll weiter.” – während die Sardine zurückbleibt. Nicht nur mit ihrer persönlichen Verletzung, sondern auch mit dem Bewusstsein selbst eben nicht weitergekommen zu sein, sondern nur dazu benutzt worden zu sein, einer Gruppe weiterzuhelfen, die nichts außer ebenjene Benutzung mit ihr zu tun hat.
Und, die ihrerseits zu keinem Zeitpunkt überhaupt einen Anlass hat sich einer anderen Gruppe als sich selbst zu widmen.

Die Selbstverständlichkeit mit der sie sich selbst vielleicht mal gut, vielleicht mal eher schlecht repräsentiert wieder_finden können, lässt die Information von komplettem Ausschluss für sie völlig absurd wirken.
Denn selbst sehr schlechte Darstellungen werden ja nur für sie gemacht. Nur sie können die Tiefe, die unausgesprochenen Codes entschlüsseln, nur sie sind gemeint. Nur um sie geht es bei der ganzen Sache. Um ihre Kultur, ihr Miteinander, ihr Sein.

So sitzen wir also da mit der Kritik an einem Projekt, das ist wie es ist, weil wir sind, wie wir (und Renée) sind und sich an Menschen richtet, die sich davon nehmen dürfen sollen, was sie selbst auch nehmen wollen.
Um dann vielleicht auch mal mit Menschen, die erheblich viel anders sind, als sie in an_erkennenden Kontakt zu kommen.

So sitzen wir nun da mit einem Modell von unserem Innen und wissen gleichzeitig, dass wir das Modell des Innen eines Menschen, der nicht viele und nicht autistisch ist, vermutlich niemals zu sehen kriegen werden.
Geschweige denn erklärt und im gleichen Format beschrieben.

Wir sitzen da und fragen uns, was wir denn davon haben, das so zu machen.
Und wieder einmal kommen wir zu dem Schluss, dass wir davon nicht mehr haben als das Wissen, dass wir wenigstens versuchen unseren Schmerz an der Kluft zu anderen Menschen zu lindern. Dass es uns wenigstens nicht so selbstgefällig scheißegal ist, wie es uns damit geht, dass mit uns so umgegangen wird, wie mit uns umgegangen wird.

Wir wissen, dass wir alles dafür getan haben, was wir können, damit es Miteinander gibt. Dass es mehr Möglichkeiten zu Verstehen und Begreifen gibt. Dass niemand sagen kann, wir hätten ja in Wahrheit gar kein Interesse daran.
Wir wissen, dass wir jeden Tag alles was wir können tun, um sowohl uns selbst, als auch anderen Menschen in ähnlichen Lagen zu markieren, dass der Status Quo einer ist, in dem die Mehrheit über aufwendig konstruierte Minderheiten bestimmt.

Wir wissen, dass wir nichts weiter tun und wollen, als uns selbst zu repräsentieren und selbst in unseren Themen und Forderungen zu vertreten.
Und zwar, damit wir selbst am Ende etwas davon haben.
Nämlich die An_Erkennung in unserem Sosein, wie wir sind.
Nämlich die Gewährung von Respekt, von Schutz, von gesellschaftlicher, kultureller, ökonomischer und struktureller Gleichstellung mit genau den Menschen, an deren Normen und Werten entlang, wir, egal wie wir dazu stehen, als anders, fremd, krank definiert werden.