alle sind immer genug

Es berührte mich mit Verspätung und unerwartet. Unerwartet, weil ich dachte, schon alles erfasst, verstanden und ins Außen gebracht zu haben. Aber vielleicht auch nicht? Ich kann mich nicht darauf verlassen und das ist ein Trigger. So offensichtlich wie ein 500 Kilo-Findling auf englischem Rasen. Jetzt.

*

Ich bin sehr froh darum, mit meiner Therapeutin sprechen zu können und einen Raum zu haben, in dem ich von Dingen befreit bin, wie „DIE Wahrheit“, „den Leuten“ oder „DER Normalität“. Ich vergesse manchmal, dass das nicht bedeutet, auch einen Raum zu haben, in dem ich nicht ganz genau darauf achten muss, was wie verstanden wird. In dem ich nicht einfach annehmen kann, dass ich in allen Selbstzuständen schon richtig verstanden werde. Ohne nochmal zu prüfen. Nochmal zu fragen. Und dann nochmal, weil es einfach nicht so einfach ist, sondern viel, komplex, alles.

Manchmal denke ich, dass sie mir in allem voraus ist, weil sie viel schneller als ich versteht oder einfach weiß?, welche Gefühle mit Geteiltem einhergehen. Dann aber gibt es diese Momente, in denen ich merke: Das sind oft Annahmen. Annahmen, die ebenfalls oft passen und wichtig sind und eigentlich ist alles gut damit, aber … es sind Glückstreffer. Glück für mich, weil ich so über die Therapeutin in Kontakt mit mir komme, aber sollte das nicht mehr sein?
Vielleicht nicht. Ich habe für mein Buch so viele Studien zur Kommunikation zwischen autistischen und nicht-autistischen Menschen gelesen, dass ich fast sagen würde: Jo, das ist typisch. Der Großteil der nicht-autistischen Kommunikation fußt auf routiniert getroffenen Annahmen über mehr oder weniger diffuse Reize. Glück ist darin nur, dass es mehr nicht-autistische als autistische Menschen gibt, die miteinander kommunizieren. So fällt es nicht auf. Und wenn doch, kann es jedem passieren. Nicht schlimm. Bis sich herausstellt, dass man (sich) als nicht-autistischer Mensch mit dem autistischen Gegenüber einfach sehr sehr oft nicht (richtig) versteht. Dann wirds anstrengend. Oft zu anstrengend.

Da ist die Gefahr von routinemäßigem Erfolg. Die Gewohnheit, immer richtigzuliegen. Das Sicherheitsgefühl. Die Überzeugung: „Ich weiß schon Bescheid, hier Checkbox 1 bis 5 passt, es kann nur Tor 3 sein, ein Zonk ist nicht dahinter zu erwarten.“ Aber dann ist da einer. Und es ist nicht einfach nur ein Irrtum oder ein Missverständnis, das man einfach ausräumen kann, indem man etwas auf andere Art formuliert oder strukturiert, sondern etwas, das aufzeigt, dass Checkbox 1, 3 und 4 doch nicht passen. Dass es nicht nur um ein Missverständnis geht, sondern um vier.
Ich weiß nicht, wie das für meine Therapeutin ist. Ich hoffe, dass sie Umgänge damit gefunden hat, die sie nicht entmutigen, frustrieren oder an sich selbst anzweifeln lassen. Hoffe einfach ins Tiefblaue hinein, dass sie nicht glaubt, ich könne ihr (ableistisch-) eigentlich besser helfen zu verstehen oder „in Wahrheit“ ja doch alles einfach aufklären.
Das ist nämlich meine Angst. Dass sie meine Fähigkeiten zur Auflösung ihrer Frustration oder Anstrengung in solchen Missverständnissen braucht, um dranzubleiben, aber ich kann sie nicht geben, weil ich wirklich und echt und tatsächlich – like profoundly, bottomline of all – nicht kann. Weder als Hannah, erwachsen, alltagsfähig und voller Bemühen um funktionierende Kommunikation mit dem Außen – noch in kindlichen oder jugendlichen Selbstzuständen, die weder erwachsen, noch in meinem Alltag problemlos fähig sind und in der Regel mehr oder weniger verzweifelt, frustriert, gekränkt, hoffnungslos, ohnmächtig, hilflos, überanstrengt vor den Herausforderungen der Kommunikation mit dem Außen stehen.

In den letzten Monaten waren wir so gut in der Arbeit zusammen. Und jetzt ist da wieder so eine Schleife. Eine etwa 30 Jahre alte in mir und eine, die ich mir als nachhaltig für immer aufgelöste und nie wieder auftauchend gewünscht hatte, in unserem Gespräch. Und vor beidem stehe ich mit so wenig. Kann ich so ganz offenkundig wenig tun, dass es möglicherweise nichts ist.
Ich könnte alles verlieren, denke ich. Alles könnte kaputtgehen. Es hängt alles von mir ab und ich versage. Ich bin schuld. Ich habe es ausgelöst, ohne es auflösen zu können. Wie unbedacht, unvorsichtig, dumm kann man sein. Ich habe nicht anders verdient, als dass alles kaputtgeht. Ich habe nicht genug getan. War nicht eindeutig, nicht eindeutlich genug. Bin einfach nicht genug. Das ist die nächste Schleife. Meine schöne Coping-Strategie aus autopoietischem Selbsthass, um bloß nicht zu viel Raum für die Möglichkeit entstehen zu lassen, dass es vielleicht natürlich, logisch, einfach so ist, dass man dann nicht viel tun kann. Oder auch nichts.

Neulich habe ich meinen ersten Wildunfall mit dem Auto gehabt. Ich habe einen Sperling angefahren. Sah ihn im Rückspiegel noch auf der Fahrbahn wild flattern, doch als ich umgekehrt war, hatte ein anderes Auto ihn schon totgefahren. Tagelang hatte ich das Bedürfnis, nochmal in die Situation zu können. Vor ihm abgebremst zu haben, sofort angehalten zu haben. Ich hätte ihn hochnehmen können – mich hätte das andere Auto nicht überfahren. Ich hätte ihn retten können, konnte aber nicht. Ich konnte in dem Moment noch nicht und ich kann jetzt nicht mehr. Es ist passiert und für immer so wie es war. Schlimm, traurig, tödlich, unbeabsichtigt.

Miss- und Unverständnisse erlebe ich nicht so selten wie Wildunfälle, aber ihre Wirkung in Bezug auf meine Ohnmachtsgefühle sind sich sehr ähnlich, nämlich traumanah. Ich denke mich darin automatisch ganz allein. Allein verantwortlich, allein betroffen, allein gelassen. Obwohl das nur in Bezug auf die traumatisierende Situation stimmt.
Ich kann durchaus sehen, dass ich nicht alleinverantwortlich für die Kommunikation in der Therapie bin. Dass ich schon getan hab, was ich konnte, weil ich mehr nicht kann. Ich weiß, dass es nicht meine Aufgabe als Patientin ist, passend für die Therapeutin oder das Therapiekonzept zu sein. Aber die Konsequenz dieses Wissens ist, dass ich etwas von meiner Therapeutin erwarten könnte. Und das macht mir Angst. Wieder irgendwas Traumanahes. Die nächste Kaskade, die mich erniedrigt, allein, weil da die Gefahr besteht eine Möglichkeit ist, dass unser Kontakt nicht nur für mich mit Anstrengung, Arbeit, dem Stoßen an Grenzen des Könnens verbunden ist, sondern auch für sie. Ich sie also nicht geschützt, nicht bewahrt, nicht verschont habe zu empfinden, was mich so oft im Leben schon gequält hat. Als wäre das etwas, das ich könnte. Das irgendwer könnte.
Kurz bin ich in dem Gedanken, dass der Kontakt mit mir einfach immer schwer ist. Immer anstrengend und viel. Wie unfassbar leid mir tut, dass es mich überhaupt noch gibt, obwohl das doch niemand wollen kann. Niemand kann doch wollen, dass so eine Belastung weiter besteht. Ich merke, wie es an mir zieht, das zu beenden. Aus dem Kontakt zu gehen, die Therapie zu beenden, meine Campingausstattung zusammenzupacken und wegzugehen. Fernwandern. Raus, weg, vielleicht plumpse ich unterwegs in eine Gletscherspalte oder werde von einem Problembären gegessen. Mutter Erde knows best how to manage Ballastexistenzen, darum brauche ich mich dann nicht mehr kümmern.

Da ist sie also. Die Gewalt, die ich mir selbst antue, um meine Gefühle der Trennung kongruent zur Situation zu machen. Gewalt kann das einfach so gut. Trennen, spalten, dissoziieren. Das funktioniert so zuverlässig.
Aber das ist nicht, was ich will. Für kurz war es jetzt aber vielleicht wichtig.

*

Vielleicht muss man den Trigger manchmal ganz durchfühlen. Bis zum Schluss durchmachen – so weit, bis man wirklich kurz davor ist, die Koffer zu packen oder sich das Leben zu nehmen, um leichter an den Punkt zu kommen, an dem man sich fragt, was man eigentlich wollte. Ob man das wollte – getrennt sein von allen und allem – oder doch etwas anders. Was man sich (noch) nicht zu wünschen traut, erlaubt oder zu wünschen aushalten kann. Oder, was (möglicherweise nur jetzt gerade in diesem Moment) einfach noch nicht funktioniert. Oder insgesamt unmöglich ist, aber nicht unersetzbar.

Ich wünsche mir, dass meine Therapeutin mit mir im Kontakt ist. Nicht mit Ideen von mir, die sie sich macht, weil sie Annahmen folgt, die sich aus Begriffen entwickeln, die wir unterschiedlich mit Bedeutung füllen. Wenn wir das hinkriegen (und wir haben das schon hingekriegt), dann fühle ich mich verbunden mit ihr. Nicht allein. Nicht getrennt. Sehr eindeutlich anders als traumanah. Das will ich. Das will ich nicht kaputtmachen, nicht verlieren. Das würde niemand verlieren wollen. Niemand hätte es verdient, das zu verlieren. Egal, wie viel oder wenig sie_r dafür tun kann. Alle sind immer genug für Kontakt, Beziehung, Verbindung.
Alle sind immer genug.

Worte

Am Morgen lag ein Amselweibchen neben meinem Schreibtisch. Die Augen geschlossen, die Schnabelspitze in einer kleinen Blutlache. Tot.
Sie musste in den frühen Morgenstunden durch das offene Flurfenster und gegen das nur gekippte Bürofenster geflogen sein.
Ich legte sie mir auf den Schoß und öffnete mir einen Raum zu verstehen, was passiert war. Ein Unfall. Eine Tragödie. Etwas, was noch nie passiert ist, ist passiert und endete unglücklich. Tödlich. Endgültig. Für immer.

Ich wartete auf F.. Wusste, dass sie ein Foto machen wollen würde. Dass sie sie anfassen wollen würde. Wusste, dass „tot sein“ in ihrer Kinderinnenwelt etwas anderes ist. Dass sie einen unbewortbaren Unterschied zwischen all den toten Meisenküken, Spatzenkindern, Rehkitzen, den gestorbenen Hunden und Katzen, Igeln und Füchsen, die sie schon fotografiert hat und ihrem Sterben in Gewaltsituationen macht, aber beides „tot sein“ nennt.

Wir haben in den letzten Wochen viel mit F. gearbeitet, weil der Krieg viele Traumawahrheiten hochgespült hat. Viele Pflichtgefühle, Verantwortungsübernahmen, Verwirrung und Unsicherheit. Tod und Sterben tauchten dabei immer wieder auf und immer wieder die Idee, der Gedanke, das Konzept eines unendlichen Sterbens. Eines, das kommt und geht, passiert und in scheinbar anlassloser Geburt endet. Eben, das Sterben, das ein chronisch dissoziierendes Kind erlebt, das ohnmächtig wird, weil der Schmerz zu groß ist. Das den eigenen Tod entsprechend vielleicht gar nicht schlimm findet, weil es ein Ende von etwas ist, das es nicht selbst beenden kann.
Es verändert das eigene Leiden; es entsteht eine ganz andere Todesangst, wenn man weiß, dass es ein Ende gibt, das nicht wirklich das Ende ist. Eine ganz andere Bereitschaft zum Leben in Gewalt und unter Menschen, die sie ausüben.

Ich wollte ihr das nicht nehmen. Und hatte doch keine andere Wahl, denn wir leben nicht mehr unter Menschen, die uns in die Ohnmacht quälen oder wie selbstverständlich oder zwingend nötig verletzen. In unserem Leben heute, braucht sie die Sicherheit um diesen Ausweg nicht mehr. Es gibt andere Sicherheiten. Etwa die, dass sie überlebt hat. Dass es vorbei ist. Dass sie nie wieder so sterben muss wie früher, weil sie nie wirklich gestorben ist.

Unsere Therapeutin hatte immer wieder versucht, ihr das klarzumachen. In der letzten Stunde entstand ein kleiner Raum um die Worte Tod, Sterben und tot sein. Ein „Frau N. sagt …“ -Raum, der mit seinen Inhalten besteht, aber noch keine Verbindung mit den inneren Räumen hat.
Die tote Amsel hat die Verbindung hergestellt. Eine gleichzeitige Präsenz der Worträume ermöglicht und mit meinem Verstehen verknüpft.

Die Amsel ist tot. Für immer. Das ist deckungsgleich mit dem, was Frau N. über das Sterben, den Tod und das tot sein gesagt hat. Es ist nicht, was sich für F. wie Sterben und tot sein angefühlt hat.
Was F. über ihr Gefühl gesagt hat, ist ein Vergleich. Keine Benennung. Ihre Worte eine Art geistiges Pflaster, damit etwas ist, wo sie nichts hat, spürt, konkret beworten kann. Vielleicht, weil sie damals dissoziiert war, vielleicht weil der Schmerz keine andere Reizinformation mehr aufzunehmen möglich gemacht hat.
In jedem Fall ist es eine Kompensationsstrategie zur Vermeidung (gewesen). Sowohl in Bezug auf die Gewalterfahrung als auch die Dissoziation. Genau wie ich hat sie eine Lücke mit Worten geschlossen, weil es keine gab und vielleicht auch nie gibt.
Ich weiß, dass ich damit eigentlich einen Gegensatz beschreibe, aber es ist keiner. Nicht wirklich. Ich kann es nur nicht anders beworten.

F. hat das Foto gemacht. Einige Stunden später haben wir mit der Therapeutin gesprochen. Ich merke Verschiebungen und Auflösungen in mir, die ich nicht beworten kann. Muss mich immer wieder aus jugendlichen Furcht- bis Angstkreiseln lösen, die Therapeutin könnte von mir verlangen Worte zu finden, die ihr Verständnis ermöglichen. Immer wieder merke ich, wie sehr es mich be.trifft, belastet, verzweifelt mich nur über Worte verbinden zu können. Nie mein Empfinden, mein Verstehen konkret teilen zu können.

Trauma wird oft mit Sprachlosigkeit verknüpft. Irgendwie scheinen sich alle damit abgefunden haben, dass Überlebende immer auf einem Stück Sprachlosigkeit für ihre Wunde sitzen bleiben. Als müsse man einfach akzeptieren, dass man nicht alles benennen kann oder manches einfach mit Worten nicht zu fassen ist.
Ich hingegen finde eigentlich für alles Worte und denke mir welche aus, wenn es keine gibt. Aber das ist nicht das gleiche wie Verstehen, Verbindung – etwas sagen.

Worte sind wie Brotkrumen, dachte ich später an dem Morgen, nachdem mir aufgefallen war, dass die ersten Worte des Partners über die tote Amsel die gleichen waren wie meine: „Oh nein“.
Sie sind ein Hinweis. Eine Fährte.
Nicht mehr, nicht weniger.

Leider.

die Wiederholung – das Helfertrauma

Und es kommt, wie es kommt.
Hat aber nichts mit mir zu tun. Nein, es ist Zufall. Kurz nachdem ich kommuniziert habe, dass wir Dinge anders machen müssen. Alles Zufall und Struktur. Weil ich erst brauche, was wir erarbeiten hätten müssen, um so viele Termine zu packen, wie von ihr gewünscht. Niemand kann etwas dafür, Verantwortung muss in dieser Sache niemand übernehmen, denn es gibt keine. Es ist einfach, wie es ist. Dafür soll ich Verständnis haben, aber das habe ich schon vor Jahren verloren. Tja.
Und so geht man dann auseinander. Ohne Ende. Mit viel Ent_Täuschung.
Und Wut.
Auf mich.
Denn ich bin ja noch da. Als einzige_r, die_r damit zu tun hatte.

Und dann die Stille.
Diese rasende Kakophonie der Ohnmacht, des Verlassenseins, des sich selbst überlassen seins.
Das alte, das frühere, es wird jetzt zur Waffe gegen mich. Wie klein jemand ist, die_r so etwas macht. Peinlich, irgendwie. Erbärmlich. Das auch. Was ich fühle, das rahmt sie als nicht angemessen, weil es traumabedingt ist – und was passiert ist, das kann ja kein Trauma sein. Es geht ja nicht um mich. Sondern die Strukturen. Was sie da gemacht hat, das kann ja unmöglich weh tun oder etwas mit Gewalt zu tun haben.

Schade, dass das nötig ist, um den Abstand herzustellen. Statt sich respektvoll zu begegnen, schrieb sie eine E-Mail. Statt ehrlich mit mir über die Gründe zu sprechen, schiebt sie Strukturen, die sie selber konstruiert und aufrechterhält, vor.
Wieso müssen mir die Red Flags eigentlich immer erst die Fresse polieren, bis ich es merke.
Warum ist es so leicht für Behandler_innen wie sie, die professionelle Abgrenzung als Werkzeug zur Verantwortungsabgabe zu benutzen.

Mein Respekt für sie ist verloren gegangen. Das finde ich schade, weil es mir jetzt so egal sein kann, wie ihr egal ist, wie es für mich weitergeht. Was das mit mir macht. Und meinen Gefühlen in Bezug auf Hilfen, Helfer_innen, Behandler_innen.
Respekt ist das einzige, was ich Helfer_innen nach all den Erfahrungen mit unvermittelten Arbeits_Beziehungsabbrüchen aufrichtig entgegenbringen kann, wenn ich es will. Es bedeutet etwas, wenn ich ihn spüre, es ist mir wichtig ihn zu pflegen, weil er mir dabei hilft Grenzen und Absprachen einzuhalten.
Ihn jetzt nicht mehr fühlen ist, als würde ich mir selbst etwas nehmen.

Wie geht es weiter, ich habe keine Ahnung.
Ich kann jemanden anrufen. Bin nicht verlassen auf der weiten Welt, bin unterstützt, wenn ich das möchte. Das ändert viel, aber doch nicht alles. Es ist eine Wiederholung. Ein weiterer Schlag auf eine ungeheilte Wunde. Eine Re_Traumatisierung. Auch wenn nichts blutet und mein Leben nicht auf dem Spiel steht. Selbst wenn es wirklich nicht so ist, wie ich denke – nämlich, dass sie mich und sich und alle anlügt, weil sie keinen Bock auf kompliziertes Zeugs hat – selbst dann nicht. Weil es nicht um sie geht.

Inzwischen habe ich eine Nacht geschlafen und drei Schlucke von meinem Kaffee getrunken. Die Sonne scheint von einem glatten Himmel auf junggrüne Felder, etwas Wind strubbelt am zarten Laub des Baumes vor meinem Fenster.
Ich bin froh, dass ich meine Arbeit habe. So kann ich mehr fühlen als kindliche Agonie, jugendlichen Furor, jung erwachsene Ver_Zweiflung an sich selbst. Mehr denken als meinen Selbsthass, mir mehr überlegen als Gründe für die Notwendigkeit eines Lebens ohne Menschen.

Man lernt durch Wiederholung.
Ich weiß noch nicht genau, was ich jetzt lerne. Einmal mehr, dass es nicht schützt, bereits am Anfang des Kontaktes zu sagen, dass man schon oft so fallen gelassen wurde. Einmal mehr, dass zu sagen und zu vertreten, was man in der gemeinsamen Arbeit braucht, nur am Anfang klargeht (wenn die_r Behandler_in noch nicht glauben will oder kann, dass es wirklich komplex ist und etwas (mehr) (oder anderes) (als sonst) von ihr_ihm abverlangt). Einmal mehr, dass es Behandler_innen gibt, die sich nicht kritisch reflektieren. Einmal mehr, dass man absolut ohnmächtig vor der Dummheit anderer Menschen ist. Einmal mehr, dass die fehlende Verantwortungsübernahme für Verletzungen einen ganz erheblichen Anteil daran hat, dass ich die Situation nicht als eine soziale rahmen kann, sondern als etwas von mir produziertes. Also etwas woran ich selbst schuld bin und daher auch selbst hätte verhindern können.

Durch die Wiederholung von traumatischen Erfahrungen habe ich bisher nur Anpassung gelernt. Schnauze halten, Konflikte vermeiden, mitmachen, die Sachebene fokussieren. Diese Anpassung schützt nicht. Das ist auch ein Lernergebnis.
Aber was ist die Konsequenz, wenn Schweigen nicht schützt und Sprechen zu Verletzung führt? Was soll ich denn dann machen?

In gewaltvollen Kontexten gibt es nichts, was nicht verletzen kann. Gewalt ist immer absolut.
Ich weiß, dass meine Suche nach dem richtigen Verhalten, der richtigen Strategie klassisches Opferdenken ist. Weiß aber auch: Ich bin auf Hilfen angewiesen und diese Hilfen gibt es einfach nicht im gewaltfreien Raum.

Möglicherweise spreche ich im Herbst bei einer Veranstaltung darüber. Über Helfergewalt und gewaltvolle Hilfe.
Dazu werde ich Worte finden und Wege aufzeigen können. Gewalt ist transformierbar, wenn sie verstanden ist.

Mein Helfertrauma habe ich verstanden. Glaube ich zumindest.
Transformieren kann ich es noch nicht.
Wie denn auch.

der Himmel ist über den Lebenden

Der Himmel beginnt, wo die Erde aufhört. Kannst du das fühlen?
Wie deine Füße die Erde berühren, aber nicht die Erde sind.
Wo du dich mit dem Planeten verbindest, ohne ein Teil von ihm zu werden.
Wie leicht es ist, den Kontakt herzustellen.
Du musst nichts Besonderes machen, merkst du das?
Fühl mal, wie das einfach passiert.“

Ich höre ihnen zu. Spüre, wie sie spüren. Wie sie sich der Welt versichern und ineinander halten. „Sie sind frei beweglich“, das hat die Therapeutin stark betont. Ich bin steif und wund. Sitze im Zug nach Hause von einer Stunde, die so schlimm entgleist ist, wie lange nicht mehr. Ich habe keine Angst mehr, aber die Angst hat mich. Schrille Todesangst. So hochfrequent, dass sie kein heftiger Ausschlag ist, keinen Krater schlagend in mir wirkt, sondern wie eine gleißende Schnur alles durchdringt. Alle Energie ist in der Angst. Da ist nichts mehr übrig, um zu sagen: Ich habe Angst. Nichts mehr, um zu weinen, nach jemandem zu greifen, die Augen zu öffnen und Trost in der Omnipräsenz des Himmels und der Schwerkraft zu finden.

Es ist vorbei, sage ich mir am ersten Bahnsteig. Die Therapie. Ich stecke meine Nase in eine der Bäckertüten. Der süße Duft des Brotes krabbelt in mich hinein, bis ich nicht mehr einatmen kann. Als zwei junge Menschen auf mich zukommen, greife ich nach meiner Maske. Fühle die Scham, wie einen Sog in die Tiefe. „Do you speak English?“ Ich nicke und werde zum Streckengeleit. Sie kommen aus der Ukraine. Wollen nach Bremen. Die Bahn hat viele Baustellen und Verspätungen. Wir setzen uns zusammen. Sie sind tief müde, ich blute aus Wunden, die niemand sehen kann, der Zug fährt durch den Sonnenschein.

Auf der letzten Etappe wird eine 3G-Kontrolle angekündigt. Ich frage die beiden Menschen, ob sie die Corona Warnapp kennen, ob sie einen Test gemacht haben oder einen Impfnachweis besitzen. Nein, nein, nein, scheiße. Sie sind Schwarze Menschen. Die Angst, die bei den Worten „checking your verification“ in ihnen hochkriecht, ist ein Sturm, der nur von ihrer Haut bedeckt wird. Ich sage, dass meine Station gleich kommt, dass ich aber bleiben kann, wenn sie meine Unterstützung in der Situation wollen. Sie sagen ja, ich bleibe. Warte. Schreibe an meine Kolleg_innen, ob sie wissen, ob geflüchtete Menschen 3G erfüllen müssen, um zu einer Unterkunft zu kommen. Schreibe dem Partner. Warte. Die Unruhe zieht mich leer, bis ich ins Handeln falle.
Ich laufe den Kontrolleuren in die falsche Richtung entgegen. Der Krach im Zug ist wie ein Meer ohne Oberfläche. Als ich zurückkomme, palavert ein Coronaclown unsinniges Zeug mit einem anderen Coronaclown. Zum ersten Mal seit Pandemiebeginn ist mir so jemand in meiner Umgebung nützlich, denn sie werden sich nicht beschweren, wenn zwei Leute neben ihnen möglicherweise nicht geimpft oder getestet sind.

Und dann läuft alles ganz unspektakulär. Der Kontrolleur schickt seine Sicherheitsleute weiter und sagt mir, dass er eine Ausnahme macht, bevor er, ohne das Wort an die beiden Leute zu richten, weitergeht. Ich übersetze, teile meine Nummer und die Masken, die ich heute nicht mehr brauche. Wir trennen uns an meiner Station, ich wünsche ihnen alles Gute, ohne jede Vorstellung, was das sein könnte.

„Der Himmel ist alles, was du fühlen kannst, wenn du einfach so dastehst.“
„Sterben wir alle?“
„Ja. Und jetzt leben wir, merkst du das?
Der Himmel ist über den Lebenden.“

Pläne

„Je stressiger es im Alltag wird, desto mehr Struktur brauchen wir, um zu funktionieren.“ Das klingt für die meisten Leute total logisch und nachvollziehbar. Klar, wer viel vorhat, ist immer gut beraten sich einen Plan zu machen, um gut zu arbeiten oder Abläufe zu gewährleisten.
Für mich beginnt der Stress in „stressiger Alltag“ schon in dem Moment, in dem ich weiß, dass Dinge passieren werden, die üblicherweise nicht passieren. Und zwar nicht, weil sie passieren, sondern weil das Passieren dieser Dinge alles verändert und damit auch sämtliche Ressourcen und Stützen des Alltags beeinflusst. Was bedeutet, dass ich mich nicht nur um die passierenden Dinge, sondern auch ihre Wirkung auf mich kümmern muss.

Jahres-, Monats-, Wochen- und Tagespläne sind mir noch nie ein Korsett gewesen, nie ein Angriff auf meine persönliche Freiheit – viel eher sind sie der Grund dafür überhaupt in die Situation zu kommen, mich frei entscheiden zu können. Denn ich kann weder entspannen, noch ruhen, noch Kraft tanken, wenn ich nicht weiß, was in den folgenden Stunden und Tagen noch auf mich zukommt und wie ich was wann wie genau kompensieren kann und darf.
Im günstigsten Fall mag ich die Art der Störungen des üblichen Ablaufs einfach nicht oder bin nur irritiert. Dann finde ich Stabilität und Ruhe in Stimming oder meinen Projekten. Problematisch wird es, wenn ich mit den Ressourcen schon so weit runter bin, dass ich weder von Stimming noch von irgendetwas anderem profitiere. Am schlimmsten ist es, wenn der Ablauf über so lange Zeit gestört oder beeinflusst wird, dass ich überhaupt keinen üblichen Ablauf mehr ausmachen kann.
Das gesamte letzte halbe Jahr war so ein Zeitraum. Wir haben viel gearbeitet, viele emotionale Tiefschläge kompensiert, die unsere Freund_innnenschaften bzw. das, was wir dafür hielten, betrafen. Wir haben Physiotherapie und Fahrschulunterricht in Theorie und Praxis durchgezogen, sind alle zwei Wochen nach Bielefeld zur Therapie und alle zwei Wochen zur Autismustherapie woanders gefahren. Wir haben uns an eine Selbsthilfegruppe für Viele herangewagt, haben einige erste Interviews für unsere Podcast-Reihe aufgenommen und alles das immer mit dem Partner und den Beziehungsalltag im Hinterkopf, die Bedürfnisse der Hunde, die Pflicht, die Kür, die Versprechen bezüglich des Gartens, des Podcasts, unserer Projekte.
In den letzten drei Wochen hatte ich jeden Tag einen anstrengenden Termin, seit Ende Oktober habe ich wieder mit Weglaufimpulsen aus  Flashbacks/Alpträumen/Intrusionen aus dem Schlaf heraus zu kämpfen, was bedeutet, dass nicht einmal die Nachtstunden zuverlässig für Erholung da waren.
Dass ich noch nicht „ausgerastet bin“ (den Meltdown nach außen sichtbar hatte) liegt daran, dass ich eine Verzögerung in der Verarbeitung habe und in der Regel nach innen explodiere, also dissoziiere. Und weil die Dissoziation praktisch mein Betriebssystem ist – mich bisher niemand anders erlebt hat – fällt das nicht als Problem auf.
Manchmal finde ich das auch gut so. Denn mit der Ratlosigkeit, der Frage: „Ja und jetzt?“ umzugehen tut mir nur weh und oft ist es den Streit aus der Enttäuschung heraus, dass dieser Schmerz nicht bemerkt wird, einfach nicht wert.

Viele Menschen denken und planen nicht so weit im Voraus wie wir, weil sie es nicht müssen. Ihr Jetzt ist ein anderes als meins – ist nicht so leicht zu zerstören von morgen, bald oder nachher. Und viele Menschen schieben einfach gern auf, weil sie die Kraft für alles auf einmal aus einem viel tieferen, größeren Fass schöpfen als ich. Um in dem Bild zu bleiben, habe ich genau eine Tasse, aus der ich schöpfen kann und ich bin maximal geizig mit jedem noch so kleinen Tropfen, weil ich es muss. Nicht, weil es so schlimm ist, erschöpft zu sein, sondern weil „eine volle Tasse“ zu haben für mich a) nicht bedeutet, nicht erschöpft zu sein und b) weil auch das Management dieses Budgets, die Erfassung, die Planung, die Kommunikation des Budgets bereits daraus geschöpft wird.
Ich habe nie einen fixen Stand von 100 % und daraus kann ich dann hippy happy Leben gestalten – ich muss bereits 40 % weggeben, um in der Lage zu sein, mein hippy happy Leben erfassen, mich selbst darin fühlen und verstehen zu können. Und das ist, was die meisten Menschen – auch „meine Menschen“ – manchmal einfach vergessen: Die meisten Menschen müssen aus ihrem größeren Kraftfass vielleicht 10 oder 15 % dafür weggeben und das oft nicht einmal bewusst. Und am Ende eines Tages haben sie immer noch 20 bis 30 %, um zu verarbeiten, was sie erlebt haben. [1]

Ich habe nicht die Wahl irgendetwas von meinen Therapien (und dem, was wir darin machen) oder Projekten einfach zu lassen, denn ich benutze vieles davon zum Prozessieren und Verarbeiten sowohl dessen, was mir in der letzten Woche, aber auch vor 30 Jahren passiert ist. Jede Therapie, aber auch das Bloggen und Podcasten sind damit Hilfsmittel, die mir – bei aller Anstrengung, die sie bedeuten – ermöglichen, mich im Bezug zur Welt zu halten und damit ein fundamental wichtiger Teil eines mehr oder weniger festen Plans, der mich in diesem selbstbestimmten, autonomen Leben hält.

So einen Plan zu haben – ja, mir überhaupt erstmal einen zu überlegen, mich zu trauen an die Zukunft zu denken, mir eine auszudenken, zu wünschen, mich auf so viel hätte würde wäre wenn einzulassen, habe ich erst mit der Berufsausbildung geschafft. Das war 2016. Da waren wir gerade 9 Jahre aus organisierten Gewaltkontexten ausgestiegen, die uns sehr genau vorgegeben haben, was wann wie zu denken, zu wollen, zu machen war.
So frei wie heute verliert mein Leben und das, was ich darin tue, sofort an Bezug und damit Sinn und Bedeutung, wenn ich meinen Plan loslassen soll. Und das wird bewusst oder unbewusst öfter mal von mir verlangt oder „vorsichtig vorgeschlagen“, wenn der Eindruck entsteht, ich hätte mich verrannt oder überfordert. Oder – was eigentlich am meisten schmerzt – : Wenn ich selber sage, dass etwas zu schwierig für mich ist.
Der erste Reflex ist dann oft die Idee der Entlastung durch Vermeidung. Das Angebot mir irgendeine Aufgabe abzunehmen, irgendein Wagnis nicht zu begehen und zu erwarten, dass ich das okay finde – vielleicht sogar noch krass dankbar bin und mich einfach super fühle. Das tue ich in der Regel aber nicht, denn die Alternative zur Überforderung ist in meinem Fall immer der Ausschluss. Das nicht mitmachen, nicht dabei sein, ohne Bezug sein. Ein Zustand, den so, in dem Umfang wie ich es erlebe, kaum jemand wirklich innig er_leben möchte, weil Bezug für soziale Wesen wie uns Menschen ein existenzielles Grundbedürfnis ist. [2]

Wie viele andere autistische Menschen bin ich sehr hartnäckig. Was ich mir vornehme, das mache ich früher oder später auch. Ich nehme mir nichts vor, das unrealistisch ist und verfolge meinen Lebensplan jeden Tag, weil ich einen brauche, um mein Amlebensein in Existenz und Sinn auszuhalten und zu gestalten.
Das ist nicht banal. Nicht wegzulachen oder zum Quirk zu erklären.
Es ist bedingungslos zu respektieren und mitzudenken.

Immer.

 

[1] In diesem Text verwende ich das Bild von einem Fass bzw. einer Tasse voll Kraft als Flüssigkeit. Viele andere chronisch kranke, neurodiverse, behinderte Menschen verwenden das Bild von einem bestimmten Budget von Werkzeugen/Besteck, das sie zur Verfügung haben. In der Podcastepisode „Was helfen könnte – die Besteck-Theorien, eine Kommunikationshilfe“ habe ich sie genauer beschrieben.

[2] Angebote wie diese führen viele behinderte Menschen in die sogenannte „Schonraumfalle“, was dazu führt, dass Abhängigkeiten entstehen und also die Freiheit der Menschen eingeschränkt wird. Sowohl die der behinderten Menschen als auch die der Menschen, die ihnen die Schonräume ermöglichen und aufrechterhalten müssen.
Mir ist bei Überforderung am besten zu helfen, wenn man mich dabei unterstützt, den Punkt der Überforderung zu verstehen und mit dem auszustatten (oder mir zu ermöglichen, dass ich lerne), was ich brauche, um sie zu überwinden.
Jede Hilfe, die Helfende überflüssig macht, ist besser als der beste Schonraum.

Kinderinnens reorientieren

Overme beschreibt es im Kommentar als „Baustelle“, M. hat es uns in der E-Mail beschrieben, die wir im letzten Beitrag erwähnten:
Wenn Kinderinnens schreien und alles damit fluten. Manchmal so stark, dass nichts mehr anzukommen vermag und man sich als erwachsener Mensch fragt: Wie soll das je enden? Da ist so viel Bedürftigkeit, so viel Not – und dann merken sie nicht mal, dass eigentlich alles ok ist – was doch DAS DING ist – das sollen sie doch merken und dann ist wieder Ruhe im Karton. Wieder alles gut, Reorientierung, yeah!

Das Problem haben Renée einmal in einer Podcastepisode mit uns angesprochen: Was heißt denn „RE – orientiert?“ Worauf soll denn zurück orientiert werden?
Ich, ein erwachsenes Innen, das überwiegend in Alltagssituationen mit anderen Menschen präsent ist, orientiert nie zurück auf einen Zustand, der ganz und gar sicher und entspannt ist. Ich orientiere immer in einen Zustand, in dem Fähigkeiten abgerufen werden können, um um Hilfe zu bitten, Situationen zu organisieren und Probleme zu intellektualisieren, aber sehr viel mehr auch nicht.
Auch ich muss mir meiner Orientierung bewusst werden, sein und bleiben und ich weiß, dass es anderen Innens ähnlich geht.

Ich bzw. das System aus dem Ich hervorging ist entstanden, weil man mich immer wieder als erwachsenen Pol in diesen Kindertraumafolgen gesehen und angesprochen und (therapeutisch) behandelt hat. Und das, obwohl ich meine Diagnose mit 16 erhielt und noch gar nicht erwachsen war. Ich hatte noch keine Kompetenzen überhaupt zu fühlen, was ich fühle oder zu begreifen, was meine Gefühle/Gedanken/Erinnerungen wann wie wo warum bedeuten, wie relevant sie wann wie für wen sind und wie ich ihnen „richtig“ begegne. Und wer eigentlich überhaupt über den richtigen Umgang damit bestimmen darf.

Es gibt viele Viele, die kompetente Erwachsene in ihrem System haben. Wo eine Reorientierung in das erwachsene Bewusst_Sein bedeutet, in einen Zustand der allgemeinen Lebensfähigkeit, der allgemeinen Selbst-Sicherheit und -Ver_bindung (zurück) zu kommen. Also nicht nur zu wissen, dass sie_r erwachsen ist, sondern auch über die Fähig- und Fertigkeiten von erwachsenen Menschen zu verfügen und diese allgemein angemessen anwenden zu können. Erwachsensein ist ja nicht nur, was man darf, wenn man volljährig ist, sondern auch wie vertraut man mit dem Leben ist. Welche Erfahrungen man wie oft schon gemacht hat, welche Strategien man wie oft mit welchem Erfolg genutzt hat, wie viel Basis die eigene Intuition hat, wie bewusst für welche Gefahren man sich in all dem bewegt.
Wenn man so ein erwachsenes Innen – mit Zugang zu einem Großteil dieser Fähig- und Fertigkeiten des Erwachsenseins – ist und es heißt, man solle sich aus der kindlichen Überflutung reorientieren, dann ist das wie die Referenz auf einen Rettungsanker. Festen Boden unter den Füßen. Die Erinnerung an eine Realität, in der existenziell abhängig zu sein (hoffentlich) die Ausnahme ist und Autonomie die Regel.
Dann bedeutet das geflutet werden von Kinderinnens oft wirklich schnell „nur“ eine Erinnerung an unangenehme Zustände früher oder Impulse, denen heute gar nicht mehr so unbedingt nachgegangen werden muss wie früher.

Wenn ich aber damit konfrontiert werde, Kinderinnens zu reorientieren, ist das wie eine Referenz darauf, dass ich kompensieren kann. Denn nichts anderes bin ich. Eine Coping-Strategie. Ein „vorzeigen, dass ich auch erwachsen kann“ – was wirklich wenig mit wahrhaftiger Reife oder dem zum Leben als erwachsene Person nötigen Kompetenzen zu tun hat. Ich bin ohne die anderen Inneren – andere Alltagsinnens oder Innens, die spezielle Funktionen für das System haben – einigermaßen nutzlos in Sachen Kinderinnens und deren Nöte und das sage ich nicht, um ermutigt zu werden, sondern weil es so ist.

Für diese Fälle ist es relevant zu begreifen, wie jemand Viele ist, also welches Ausmaß die Fragmentierung, die Dissoziation, hat. Sowohl als Behandler_in als auch man selbst.
Um genau das zu lernen und zu verstehen, braucht es die Auseinandersetzung mit den Inneren, mit inneren Landkarten, mit Situationsanalysen, mit Tagesprotokollen, mit Tagebüchern, mit der Dokumentation, was hilft und was nicht und all dem Kram, von dem man oft irgendwie denkt: „Meeh, damit mache ich ja gar nicht mein Trauma weg.“ und Außenstehende gerne mal denken, er wär unnütze Nabelschau und trage nur dazu bei, dass man um sich selbst kreist (statt um sie).

Tatsächlich macht die Kenntnis vom eigenen Funktionieren und Re_Agieren, den Umgang mit Traumafolgen erst einmal nicht leichter – aber logischer. Man bekommt einen Rahmen um etwas, auf das man vorher regiert hat, ohne genau zu wissen, wie und worauf eigentlich wirklich.
Ich habe so zum Beispiel verstanden, dass ich nicht das Innen war, auf das gut orientiert werden konnte, weil meine alleinige Anwesenheit einfach nicht bedeutet, dass alles gut ist und wir gut versorgt sind.
Seit das Alltagssystem um mich herum ein stabil in mir integrierter Bestandteil ist, ist das anders.
Ich kann Kinderinnens nach wie vor nicht versorgen und halten – und meine Funktion ist nach wie vor nicht das „happily ever after-Life“ – aber ich habe mein Helfertrauma soweit bearbeitet, dass Kinderinnens mir keine Todesangst mehr machen. Ich bin jetzt in einer Therapie, in der ich bestimmen kann, wann, wie und warum wir uns nähern – und in der ich nicht verletzt und bedroht werde, wenn ich sage, dass ich etwas im Zusammenhang mit ihnen nicht kann oder schaffe oder will.

Wenn ich heute von Kinderinnens geflutet werde, orientiere ich mich in mich selbst, um ihre Impulse zu distanzieren und mehr oder weniger gezielt wieder zu dissoziieren. Nicht, weil ich sie wertlos finde oder was sie mitbringen, irrelevant für mich ist, sondern weil ich sie in diesen Situationen nicht integrieren, nicht anhören, nicht aus_halten kann. Es hat überhaupt keinen Sinn zu versuchen, sie auf meine Er_Lebensrealität zu orientieren, weil sie damit genauso wenig anfangen können, wie ich mit ihrer und es hat genauso wenig Sinn außerhalb der Therapie, wo ich begleitet und unterstützt bin, irgendwelche Traumainhalte aufzunehmen und sie zu integrieren.
Ich bin in solchen Situationen genauso wichtig wie die Kinderinnens – auch wenn sie lauter, dringlicher, auf einer Ebene vielleicht auch berechtigter, schreien als ich. Ich bin in dem Moment die Person, die sie wahrnehmen kann, das macht mich aber nicht automatisch zu der Instanz, die immer sofort richtig und passend reagieren kann.

Wir haben uns in der Psychodynamisch Imaginativen-Therapie ein Innen eingefangen, das das kann.
Die innere Kraft, die weiche weite AllesgutmeinHerz-Wolke auf dem Rücken eines Schwans, in die alles Schwere, Verletzte, Kindliche hineingehen kann – das war der innere sichere Ort, meine Entlastung, meine sichere Bank im sonstigen Verlauf dieser Therapie, in der so vieles immer wieder so knapp an meinen Bedarfen und mir vorbeiging, dass man es kaum er_fassen und konkret kritisieren kann. Der gleiche Mechanismus, der früher geholfen hat überfordernde Anforderungen, Ängste, Empfindungen und so weiter zu kompensieren, hatte jetzt eine von Außen geforderte und unterstützte Form: Ein_e innere_r Helfer_in, die_r jederzeit und ohne eigene Stimme einfach immer alles und jeden schluckt, um mich, uns Alltagsinnens, die über Jahre mit nichts anderem beschäftigt waren, sich den Leuten um sie herum verständlich zu machen, zu entlasten und also weder das Personal noch die Therapeut_innen zu belasten. Etwa mit dem Auftrag, mir die Kompetenzen zu vermitteln, die es braucht, um sich selbst um die Entlastung kümmern zu können. Oder der Einsicht vielleicht gar nicht mal so wenig fragmentiert zu sein, wie man gedacht wird.

Heute wissen wir, dass wir das irgendwie wieder auflösen müssen, weil uns diese_r innere Helfer_in jetzt daran hindert Kontakt zu Kinderinnens herzustellen, wenn sie nicht gerade angetriggert und mitten in unser Er_Leben gespült sind. Aber in akuten Momenten, in Situationen, wo absolut gar nichts mehr geht, ist es das einzige, das funktioniert und hilft.
Wir kriegen schon mit, dass viele Viele genau das eigentlich immer nicht wollen. Weil die Kinder doch schon immer weggedrückt sind, weil sie eh nie raus dürfen, weil sie doch ihr ganzes Leben lang unerwünscht waren … und überhaupt, man soll doch endlich mal aufhören mit der ganzen Dissoziiererei, die ist doch das ganze Problem.

Wir für uns sehen nicht die Dissoziation als das Problem an – sondern die Vielzahl der Situationen, in denen sie gebraucht wird, um zu üb_er.leben bzw. die Chancen auf ein Überleben zu verbessern.
In einer Situation, in der ich verhindere, nicht bis 10 zählen zu können, nicht sagen zu können, wo ich wohne, aber, dass ich mache, was auch immer jemand von mir will, weil ich in einem kindlichen Selbstzustand bin, ist es eine gleichwertige Überlebensmaßnahme zu dissoziieren wie früher als die gleiche Reaktion verhindert hat, dass ich gefährdet bin zu sterben.

Wir können erst dann auf die Dissoziation verzichten, wenn wir in der Lage und dazu befähigt sind zu assoziieren.
Wenn das nicht vorhanden ist – wenn dafür nicht genug Kompetenz, Selbst, Funktion, Rahmen da ist – dann ist es selbst_quälerische Folter sich in die Assoziation zu zwingen. Es schadet. Und zwar ganz genauso wie die Gewalt, die früher passiert ist. Auch, wenn es in allerbester Absicht passiert.

Also – so machen wir das:
Wenn ich stark geflutet werde und nichts anderes machen kann, schiebe ich sie weg. Seit ich mehr mit anderen Innens verbunden bin und an meiner Perspektive auf Kinderinnens arbeite, hat sich der Rahmen, in dem ich das mache, stark verändert. Manchmal brauche ich sie nicht ganz wegschieben mitten ins Wolkennichts des Schwans rein auf Pseudo-Nimmerwiedersehen, sondern nur so weit wie ich es brauche, um funktional genug für eine Bedürfniserfüllung zu sein oder meiner Therapeutin mitzuteilen, was ich bemerke. Dann halte ich mich in mir orientiert und gebe das nach innen frei. Ob davon etwas bei Kinderinnens ankommt – keine Ahnung, das ist aber auch nicht relevant. Sie werden niemals Teil meines Alltags – sie müssen sich in meinem Leben nicht zurechtfinden. Ich bin in Traumatherapie, um ihr Leben als meins zu erleben. Ich muss mich in ihrem zurechtfinden.

Wie im Umgang mit Außenkindern geht es mir also nicht darum, mir die Kinder hinzubiegen, wie ich sie will, um zu kriegen, was ich will (und zu vermeiden, was ich nicht will), sondern dafür zu sorgen, dass ich in Umständen und mit Kompetenzen lebe, die mich darin bestmöglich stützen und halten, mit allem umzugehen, was das Leben mit Kindern, die ihre eigenen Fähig- und Fertigkeiten zu üb.er.leben erst entwickeln, erkunden, ausprobieren, so mit sich bringt. Und zwar ohne mich (und andere) zu zerstören oder zu gefährden.

schreiende Kinder(innens)

Ich kompensiere Vorbehalte bezüglich meines Kinderwunsches mit Information. Wann immer jemand um die Ecke getrollt kommt, um mir zu sagen, ich sollte mir aus dem Kopf schlagen, eigene Kinder zu bekommen, will ich vorbereitet sein. Wenn schon nicht zeigen, so doch wenigstens sagen können, dass ich weiß, was Kinder brauchen, was in der Schwangerschaft, unter der Geburt, im Wochenbett, im ersten Jahr, in allen Jahren danach für mich und ein, zwei, drei … Kinder (zwingend) nötig ist – und was nicht.
In dieser Auseinandersetzung kann ich meine Traumatisierung nicht ausblenden und tue das auch nicht. Warum auch immer ist es bei diesem Thema gar nicht so furchtbar unaushaltbar für mich, sie anzuerkennen und in mein Selbstbild zu integrieren. Und seit ich das tue, verändert sich meine Perspektive auf und darüber auch meine Beziehung zu den Kinderinnens in meinem Er_Leben.

Ich habe darüber nachgedacht, was mir am meisten Druck machen wird, wenn ich ein Kind zu versorgen habe.
Und natürlich ging es dabei viel um meine Genderthemen, um finanzielle Sicherheiten, um Sorge darum, wie sich die Beziehung zum Partner entwickelt, wenn sich unser beider Leben durch Schlafentzug, 24/7 zwingend notwendiger Verfügbarkeit für das Kind und der Anforderung immer wieder Entscheidungen fällen zu müssen, die niemand vorgeben, aber alle kritisieren können wollen, verändert.
Mir ist aber auch aufgefallen, dass der Umgang mit Kindern und viele der Probleme und Anstrengungen sich aus einem scheinbar ungeschriebenen Anspruch der Kontrolle ergeben. Es wird erwartet, dass man als Elter alles vorgibt, alles bestimmt – und vor allem deshalb alles über alles wissen muss, damit im Falle eines Kontrollverlustes mit Nachsicht vom Umfeld gerechnet werden kann. Denn Un- oder Zufälle, die kann man nicht verhindern – aber dass das Kind nicht jeden Tag nackte Nudeln isst oder 3 Wochen die gleiche Hose trägt, dass es gefälligst immer Bitte und Danke sagt, dass es nicht widerspricht, dass es in der Schule die Klappe hält und nur auf Verlangen von Autoritäten sein Wissen auskotzt … das scheint irgendwie das Mindeste des Elternjobs zu sein. Und das ist etwas, von dem ich jetzt schon weiß, dass ich es gar nicht erst als Ziel annehmen will.

Erstens, weil ich weiß, dass meine Kraftreserven nicht dafür ausreichen werden – zweitens aber auch, weil ich merke, dass ich genau so seit tausend Jahren versuche, mit meinen Kinderinnens umzugehen. Ohne jeden Erfolg und ohne mehr Sinn als den, mich von meinem Trauma und damit der Realität meiner damals unerfüllten Bedürfnisse fernzuhalten.

Und wo kommt das her? Wie komme ich denn darauf, dass ich meine Kinderinnens – kindliche Selbstzustände – kontrollieren (können) muss (um zu heilen = in Frieden leben zu können)? Weil ich sie als Fehler begriffen habe. Weil mein Umfeld auf sie als Fehler reagiert, den ich mache. Jeder Flashback, jeder Wechsel zu einem Kinderinnen durch eine Fehlinterpretation der äußeren Umstände gilt als Dysfunktion. Als Teil meiner Krankheit genannt „dissoziative Identitätsstörung“. Als gefährlich, als falsch, als unangemessen und deshalb als zu kontrollieren bis zu einer veränderten Funktion, die möglicherweise so nahtlos reinpasst, dass man mich als geheilt einordnen kann.

Seit ich die Diagnose habe, wende ich unfassbar viel Energie dafür auf, bloß nichts Kindliches nach außen zu bringen. Nichts und niemand bedürftiges, unfähiges, traumatisiertes – nichts und niemand kompromisslos existenziell abhängiges. Ich habe mit jeder Therapie neue und engere Mittel und Möglichkeiten aufgebaut, um ein Regime der Kontrolle über mich aufzubauen und damit aber vor allem dafür gesorgt, dass die Kinderinnens immer so bleiben, wie sie vom Außen wahrgenommen werden: chaotisch und unberechenbar, fremd und gefährlich. Ein Unfall, eine Ausnahme in meinem sonst so kontrollierten Auftreten und Sein. Eine einzige Katastrophe.

Und was macht man nach Katastrophen. Man räumt auf. Beseitigt die Spuren. Wischt alles weg, baut irgendwas drüber, richtet neue Kontrollen ein, macht sich vielleicht noch eine Gedenknotiz. Ein Ermahnmal, um ja nicht zu vergessen, wie unfassbar wichtig es ist, hier alles im Griff zu haben, alles und alle zu kontrollieren – damit man sich gleich noch schlechter, schwächer, unfähiger fühlt, wenn es doch wieder zu einem Kontrollverlust kommt. Es reicht ja nicht, wenn es ist, wie uns M. in einer E-Mail schrieb. Dass man sich fragt, was man macht, wenn da so viel Weh und Bedürftigkeit ist, so viel Schreien nach Ver_Bindung, dass es auch eine Unfähigkeit zur Wahrnehmung der aktuell bestehenden Ver_Bindungen und Sicherheiten gibt.

Ich will meine Zeit als Elter nicht darauf verschwenden, meine eigenen Kinder als so unberechenbar und deshalb zwingend in allem zu kontrollieren zu denken, wie Kinder im Allgemeinen gedacht und behandelt werden. Ein vielversprechender Ansatz dazu ist das bindungs-und bedarfsorientierte Elternsein. Darin ist die Grundlage des Eltern-Kind-Miteinanders nicht die Frage nach individuellen Ressourcen und sozialem Status, sondern die nach den Bedürfnissen aller und dem Verständnis dafür, dass die Bindung zueinander bestimmt, was wann wie wo warum artikuliert wird.
In diesem Modell ist ein Kind, das irgendeine Schulaufgabe nicht macht, kein Kind, das Bock auf Stress hat und sich als Klassenclown gefällt (also gerne die Ressourcen anderer Leute wegfrisst und so eine soziale Position für sich produziert), sondern ein Kind, dem möglicherweise etwas abverlangt wird, dass es (gerade oder noch) nicht kann und versucht eine wahrgenommene Enttäuschung des Gegenübers mit Witzen und Lachen aufzufangen (also versucht zu zeigen: „Mieh, ich kann das nicht – aber guck, wir können immer noch gemeinsam (verbunden) lachen.“)

Übertragen auf meine Kinderinnens ist diese Perspektive insofern hilfreich, als dass ich aufhöre zu glauben, dass mein Bedürfnis nach Sicherheit durch Unauffälligkeit wichtiger oder relevanter ist als mein Bedürfnis nach Sicherheit durch Ver_Bindung (oder auch Versorgung), wenn ich in einem kindlichen Zustand bin. Denn nichts anderes sind Kinderinnens. Sie sind ich in einem mehr oder weniger funktionellem Zustand der Traumatisierung. Also einem Zustand, in dem eins bis alle der essenziellen Grundbedürfnisse nicht erfüllt wurden, negiert wurden, ausgenutzt wurden.
Es ist logisch, dass ich mich bodenlos hilflos, ohnmächtig, schwach, haltlos, zu Tode verängstigt, verlassen, schmerzerfüllt und ohne jede Hoffnung fühle, wenn sie mir sehr nah sind. Und es ist logisch, dass ich sie getrennt von mir erlebe. Denn ich bin hier und heute gut versorgt. Ich bin in äußerer Sicherheit, kann mir selbstbestimmt zu essen und zu trinken nehmen, kann mich versichern, kann mich halten lassen, meine Schmerzen behandeln, ein Leben führen, dessen Sinn und Inhalt ich selbst gestalte.
Aber die Trennung zwischen uns macht weder mich realer als sie, noch ihre Bedürfnisse weniger real als meine. Und das zu akzeptieren hilft mir gerade sehr, mich in meinem Vermeidungsverhalten zu beobachten und viel weniger pauschal und grob vorzugehen, wenn ich sie spüre oder höre.

Auch im Umgang mit Außenkindern ist es wichtig, wie man über Bedürfnisse spricht – wie man Kindern überhaupt vermittelt und bewusst macht, welche Empfindungen und Wünsche aus welchen Bedürfnissen heraus entstehen und wie sie ihnen sicher und nachhaltig entsprechen können. Das kann man als Elter lernen.
Und als traumatisiertes Elter, das ich gerne sein möchte, lerne ich dabei doppelt, denn intuitiv einfach so weiß ich selbst oft nicht, was ich wann wie wo für Bedürfnisse habe und wie ich ihnen nachhaltig entspreche. Unter anderem, weil ich immer nur in Situationen des Kontrollverlustes Kontakt zu Kinderinnens, aber auch jugendlichen Innens, habe und dann weder ihnen noch mir einfach so den Raum nehme zu fühlen, was gebraucht wird und selbst wenn ich weiß, was gebraucht wird, noch zig Extraschleifen fahre, weil ich mir nicht sicher bin, ob ich diesen Bedarf wirklich (like: for real) habe, ob ich berechtigt bin ihn zu haben, ob es angemessen ist ihm nachzugehen, was es für alle anderen außer mich bedeutet, wenn ich dem nachgehe.
Um das zu ändern, fange ich jetzt nicht an Kindersocken zu tragen oder eskaliere auf einem Kinderspielplatz herum – es auch wird nie soweit kommen, dass ich Kinderinnenzeit im Außen freimache oder irgendwelche Außenpersonen anweise, doch bitte meine Kinderinnens zu beruhigen, weil sie so dringend Sicherheitsgefühle brauchen. Aber ich höre auf immer nur mich zu versorgen, wenn ich merke, dass mir – uns allen – etwas fehlt. Unsere Bedürfnisse stehen sich nicht in Wichtigkeit oder Relevanz gegenüber, sondern bedingen einander.

Auch das eine Parallele zum Umgang mit Außenkindern. Ich muss keins meiner Grundbedürfnisse negieren, nur weil die kleinen und großen anderen Menschen in meinem Leben auch welche haben und es vielleicht einigermaßen anstrengend wird, die alle miteinander zu befriedigen.
Kontrolle ist nur möglich durch Negierung von Aspekten ihres Ziels. Schreiende Kinder(innens) zu kontrollieren bedeutet also immer irgendein Bedürfnis zu negieren. Für mich ist das eine Wiederholung eines Aspektes meiner Traumatisierung.

Was ich jetzt also zum Beispiel bei einem Flashback oder nach einem Wechsel zu einem Kinderinnen herauszufinden versuche, ist (nach wie vor) nicht: „Was ist damals passiert?“ – denn mit dieser Frage rolle ich mir quasi den Teppich aus in Folgefragen wie: „War das wirklich so?“ um von der Antwort dann abhängig zu machen, wie berechtigt ist, was ich dazu denke, fühle oder im späteren Verlauf noch erinnere – was für mich einfach unnützer Quark ist, der mich überhaupt gar nicht weiterbringt, aber krank, leidend und vor allem dissoziiert hält.

Ich frage mich jetzt: „Welches Bedürfnis ist jetzt da?“ und prüfe, ob es etwas ist, dass ich selbst erfüllen kann oder ob es etwas ist, dass ich als erwachsene Hannah, die jetzt da steht, wo sie_r steht, wie sie_r ist, schon als erfüllt empfindet.
Da ich erwachsen bin, kann ich jetzt viele meiner Bedürfnisse einfach erfüllen und diskutiere das auch nicht mehr. Denn einfach alles worüber diskutiert wird, stellt die Legitimation eben jener Sache infrage. Grundbedürfnisse sind nicht diskutabel. Weder meine aktuellen noch meine früheren. Ich habe Grundbedürfnisse, weil ich existiere und um zu existieren. Sie gehen nicht weg, nur weil ich oder irgendjemand anderes meint, sie seien nicht angemessen oder real.
Wenn ich den Eindruck habe, dass eigentlich alles um mich herum meine Grundbedürfnisse erfüllt, erkläre ich das nach innen, in dem ich mich so sinnlich wie möglich dessen versichere. Meine Kinderinnens sind so viel mehr Körper als ich, die überwiegend Kopf bzw. Gedanke ist – es ist völlig logisch, dass ihnen die Info, dass alles ok ist, weil ich das weiß, überhaupt nichts sagt. Sie müssen fühlen, dass sie satt, sauber, unberührt, frei beweglich, warm und verbunden mit Menschen sind, die unsere Grenzen wahren. Ich muss mich dafür mit meinem Körper verbinden, muss mich anfassen, muss abchecken, in welchem Rahmen ich verdeutlichen kann, was jetzt gerade spürbar ist, ohne weitere Erinnerungskaskaden auszulösen. Und ich muss darauf achten, was diese Empfindungen in mir verändern.

Auch das ist ein Aspekt, den Kontrolle von Kinderinnens allein verhindert. Wenn ich sie nur kontrolliere, dann merke ich ausschließlich (aber das immerhin dann sehr eindeutig), ob sie mir nah sind oder nicht. Ich fühle mich sicher, wenn sie mir fern sind und Punkt. Dann fühle ich nicht, ob irgendwas von meinem Reorientierungszauber überhaupt gewirkt hat. Ob da irgendwer innen kapiert hat, dass es vorbei und alles ok ist – oder ob ich mich im Grunde schon mal drauf einstellen kann, dass ich immer wieder mit diesem Kinderinnen zu tun haben werde oder nicht.

Wie die Empfindungen erfüllter Grundbedürfnisse etwas in mir verändern, das ist ganz interessant eigentlich. Endlich habe ich kapiert, warum Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen in psychosomatischen Kliniken und eigentlich jeder Therapie so ein übliches Element sind.
Erfüllte Grundbedürfnisse entspannen. Unerfüllte Grundbedürfnisse sorgen für Anspannung (weil der Körper drauf eingestellt ist, etwas für seine Grundbedürfniserfüllung zu machen, denn das ist ja seine primäre Funktion: zu leben und dafür zu sorgen, dass das auch so bleibt 🤯).
Es ist also auch völlig sinnlos, wenn ich meine Kinderinnens – oder auch Außenkinder – ausschließlich frage, wie es ihnen jetzt geht, wo sie fühlen, dass alles ok ist und mir das anhöre. Ich muss nach Zeichen der aktiven Entspannung schauen. Nicht: reglos, schlaff und stumm „Ja ja alles ok – ich hab mich tot gestellt und empfinde gar nichts, was mich irgendwie anspannen könnte“, sondern: Präsent, stabil, beweglich, reagibel „Jupp, mich gibts. Ich bin hier – die Welt ist da, ich kann alles überschauen, ich bin versorgt, jetzt könnte ich irgendwas anderes machen als essen, trinken, schlafen, von jemandem gehalten werden – wie wärs mit Entdecken? Jemanden kennenlernen? Irgendwas erschaffen?“ Der ganze Entspannungstherapiezenober soll dabei helfen, ein Gespür dafür zu bekommen, wie sich Entspannung anfühlt bzw. sich daran zu erinnern, wie man sich in diesem Zustand anfühlt, damit man in schwierigen Situationen nicht erst überlegen muss: „Ok ok ich muss mich entspannen – Äh… wie ist das noch gleich?“
Für meinen Geschmack bin ich schon viel zu lange in Traumatherapie,  um das erst jetzt zu verstehen – aber es hat mir auch nie jemand gesagt.
Naja.

Zurück zur Entspannung von Kinderinnens.
Es ist für mich leichter auf Entspannungszeichen zu achten, weil ich mich dazu nicht so sehr ihren Inhalten nähern muss. Ich kann so ganz bei der Realität bleiben, dass jedes Kinderinnen ich selbst in einem angespannten Zustand aufgrund unerfüllter Bedürfnisse ist und mich um mich selber kümmern. Ich kann jedes meiner Gefühle, das ich in dem Moment mit meinem erwachsenen Bewusstsein spüren kann, ernst nehmen und überlegen, wie ich ihm begegne. Und ja, das ist nach wie vor oft die Entscheidung, dass ich mich davon entferne, weil ich mich zu unsicher fühle sie aufzufangen, aber ich weiß jetzt ganz sicher, dass ich nicht einfach traumaphobisch bin und sie deshalb in ihrem Zustand belasse, sondern, dass ich mich selbst noch nicht genug darin gehalten/gestützt/versichert fühle mit allem umzugehen, was ich (hauptsächlich im Flashback oder im kindlichen/jugendlichen Zustand) fühle. Das bedeutet für mich eine Baustelle und die nehme ich ernst. Denn so wie es ist, soll es nicht bleiben.

Auch das eine Entscheidung, die man nicht treffen muss, wenn man sich für 24/7 Kontrolle über sich entscheidet (und das auch hinkriegt).
Man kann sich gegen die Ver_Bindung mit den eigenen Kinderinnens entscheiden, wie man sich gegen die Ver_Bindung mit Außenkindern entscheiden kann. Manchmal ist das nötig und manchmal das einzige, was eine_n selbst am Leben erhält.
Aber schön, erfüllend – ganz – ist es eben nicht.

täter_innenloyale und -identifizierte Innens zivilisieren

[CN: Zivilisierung.
In diesem Text schreibe ich, dass Zivilisierung ein gewaltsames Konzept ist, das sich durch unsere Gesellschaft zieht und beeinflusst, wie wir mit täter_innenloyalen und -identifizierten Anteilen in Menschen, die Viele sind, aber auch Aussteiger_innen, umgehen. Nicht jede Gewalt, nicht jede Tat, die im Namen der Zivilisierung getan wurde, ist vergleichbar mit dem, worauf ich mich hier beziehe. Das ist mir bewusst und wird von mir bedingungslos anerkannt. Im Kern betrifft Zivilisierung jedoch immer die gleichen Aspekte, weshalb ich in diesem Text keine Abgrenzung von z. B. Kolonialverbrechen oder rassistisch motivierter Gewalt vornehme.]

Wir sind am Ende der vierten Staffel Star Trek „Voyager“ angekommen. Seit 9 Monaten wird Seven of Nine, eine Borgdrohne, nun schon von Captain Janeway und ihrer Crew re-assimiliert. Re-kolonialisiert. Re-zivilisiert. Und nun ist sie an dem Punkt, nicht mehr zurück zu den Borg zu wollen, sondern sich der Erde, dem Heimatort ihrer „natürlichen Rasse“ und der Vorstellung dort zu leben, zu öffnen.

Der Strang rund um diese Figur erinnert mich an unsere Ausstiegsarbeit und die Themen, die immer wieder aufkommen, wann immer es um täter_innenloyale, um täter_innenidentifizierte, um in Gewalt- und Traumawahrheiten verhaftete Innens geht.
Wir haben ihnen zwar nie die Identität beschnitten, wie Janeway als sie Seven of Nines Namen zu „Seven“ kürzte, weil ihr das besser gefiel, aber unsere dunkelbunten Innens schlafen auch in ihren Alkoven, fern ab von allen anderen und wir finden das ganz richtig so, denn das ist ja ihre Natur, nicht wahr? Sie sind nicht wir, weil sie keinen Wert auf ihre Individualität legen, sich nicht über sentimentales Geschwätz verbinden und in aller Regel mit den Dingen befasst sind, die relevant sind. Fürs Über_Leben. Was für uns auch wichtig ist, aber erst, wenn es wirklich wichtig ist. Beziehungsweise: Wenn wir einsehen, dass es das ist, weil uns etwas oder jemand überwältigt und hilflos, weil ohnmächtig macht. Nicht einfach so. Nicht, wenn wir gerade leben. Eigenmächtig. Kontrolliert. Sinneseindrücke wahrnehmend, befühlend, in uns und unser Bild von der Welt hineinwebend, wie es uns gefällt.

Wenigen weißen Menschen ist klar, wie schlimm das Konzept der Zivilisation eigentlich ist. Dass es eher etwas mit Formung nach Abbild, mit Folgsamkeit durch Unterwerfung zu tun hat, als mit einer Veredelung des Menschen als Gruppe oder einer Annäherung an Perfektion – an das Beste für alle. Wann immer jemand zivilisiert wird, wird sie_r zur Anpassung gezwungen, was jede individuelle Entscheidung und auch jede individuelle Weiterentwicklung aus allen dem Individuum inne liegenden Möglichkeiten heraus, ausschließt.
Und ja, auch einem Ausstieg aus gewaltvollen Kontexten, aus Sekten, aus Gruppen, deren Verbindung über die Dynamiken und Logiken der organisierten Gewalt entsteht, in die zivile Gesellschaft, die „normale“ Welt, hinein, ist ein Prozess, an dessen Ende ein gewisses Maß an Zivilisierung erwartet wird, um jemandes Integration beurteilen zu können. Und zwar nicht, weil alle Menschen immer wissen, dass sie Aussteiger_innen, Outlaws, Unnormale, Andere assimilieren zivilisieren wollen, sondern, weil sie gar kein anderes Instrumentarium für den Kontakt miteinander haben. Oder anwenden können. Vielleicht.

Es erscheint uns natürlich, dass unser Bild von der Welt richtig ist, weil wir nicht glauben, was täter_innenloyale oder -identifizierte Innens glauben und dieses Nichtglauben von unserer direkten wie indirekten (sozialen) Umgebung als richtig, als wahr, bestätigt wird. Nicht, weil irgendwer wirklich weiß, was zu glauben richtig ist oder falsch. Nicht, weil es so etwas wie „das richtig wirklich Wahre“ außerhalb individueller Vorstellungen überhaupt gibt. Sondern einfach nur, weil wir uns mit genug Menschen über eine Idee, eine Annahme verbinden und gegenseitig versichern können, passiert das in uns. Wir glauben einfach, dass wir Bescheid wissen.
Und alle, die nicht auch so sind, die nicht so verbunden sind mit uns, die unser Denken und Glauben nicht teilen, die sind uns vor allem deshalb fremd. Und nicht, weil sie anders aussehen, andere Dinge (nicht) können als wir, weil sie mächtig sind, wo wir ohnmächtig sind oder weil sie eine andere Sprache sprechen. Sie könnten andere Dinge wollen, andere Ziele verfolgen als wir. Sie könnten uns schaden, unsere Macht begrenzen, sie könnten tun und lassen, was sie wollen und das darf niemand. Außer denen, denen wir dies gewähren. Oder denen, die uns aus ihrer Macht über uns gewähren lassen.

Von aller Gewalt, die wir an uns selbst ausüben mussten, um der Gewalt durch Familie und Täter_innengruppe zu entgehen, ist diese die eigentlich schlimmste. Denn sie ist – in dieser Zeit, dieser Gesellschaft, dem Momentum, das wir in der Menschengeschichte haben – alternativlos. Widerstand ist zwecklos – und war nie möglich. Wir wurden assimiliert und in das Gewaltkollektiv hineingeboren, noch bevor uns irgendjemand körperlich oder psychisch versehrt hat. Niemand von uns ist einfach richtig. Wir werden alle von irgendwem oder irgendwas für richtig (genug) erklärt und erklären unsererseits andere für richtig (genug), um ein Überleben zu sichern, das wir für wertvoller, richtiger, vielleicht auch wichtiger halten als das anderer.

Ich merke, dass ich etwas Falsches tue, wenn ich dunkelbunten Innens widerspreche. Ich merke, dass ich ihnen keinen Lebensraum, kein gutes Leben biete, wenn ich ihnen vermittle, dass ES, DAS, hier und heute nicht mehr passiert und sie heute, hier, jetzt, weder gewollt noch gebraucht werden. Dass ich sie der Verstümmelung aussetze, wenn ich sie dem Heute und dessen Kontexten aussetze. Ich weiß, dass es einer abstoßend überheblichen Großzügigkeit der Überlegenen entspringt, wenn ich ihnen anbiete, sich neue Betätigungsfelder, neue Aufgaben, neue Überzeugungen und Weltbilder zu suchen – aber nicht das, was sie kennen und ihr Leben lang wollten.

Diese Erzählung über die Integration täter_innenloyaler und/oder -identifizierter Innens ist ziemlich weit verbreitet. Es gibt wenig Beschreibung von bedingungsloser Akzeptanz, geteiltem Trauma, Perspektivübernahme und der Inklusion von Täter_innenloyalität und Opferschaft in ein Leben danach. Oft, weil man dadurch mit der Zivilgesellschaft bricht. Weil man allgemeine Heilungserwartungen, Heilungsansprüche, enttäuscht, weil man anfängt etwas zu glauben, das etwas anderes, etwas eigenes ist.
Viele haben die Idee, wer dunkelbunten Innens zustimmt, stimme Täter_innen zu. Stimme Menschenverachtung, Brutalität, Gewalt zu, delegitimiere die Not der Opfer, negiere Freiheit und Selbstbestimmung als Wert an sich.
Auch das hat etwas mit dem Glauben Bescheid zu wissen zu tun. Mit der Annahme, man wisse schon, was in einem Menschen vorgeht, der Kinder vergewaltigt oder welche Interessen die Vertreiber von Gewaltdokumentation in Wahrheit haben. Die meisten täterloyalen und -identfizierten Innens werden (~irgendwie~) als Täter_innen gedacht – oder als Kinder, die Täter_innen sein wollten. In beiden Fällen werden sie nicht als eigen gedacht und das ist ein Fehler für mich. Denn das kann nur passieren, wem Täter_innenschaft als wesensfremd, als unnatürlich erscheint. Als fremd. Als Ausnahme. Als unvereinbar mit Opferschaft, mit Normalität, mit Gleichheit.

Nun bin ich in der Situation, in der ich nicht umhinkomme mir Welt_Ansichten und Wertkonzepte dieser Innens als mir als Einsmensch eigen anzuerkennen. In der ich nicht umhinkomme zu bemerken, dass mein (Über_)Leben in dieser Gesellschaft gefährdet ist, wenn ich mich nicht in Wort und Tat von ihren Werten und Glaubenssystemen distanziere – sie jedoch gleichzeitig in mich aufnehme, wie es meine Traumaheilung erfordert. Eine extrem widersprüchliche Situation mit erheblichem Potential, erneute Dissoziation erforderlich zu machen.
Einfach, weil es um Anpassung geht.
Nicht um Weiter_Entwicklung.

Autismus und Dissoziation – Resilienz ist keine Eigenschaft

Wir wurden gestern auf dieses Video von Dr. Mike Lloyd von der CTAD Clinic in Großbritannien aufmerksam gemacht.
Er geht in dem Video ganz allgemein darauf ein, dass Menschen selbstverständlich sowohl autistisch als auch dissoziativ sein können und was das für die Aussage „Wo DIS da Trauma (durch (organisierte (Rituelle)) Gewalt)“ bedeutet.

Zwei Aspekte des Videos finde ich bemerkenswert.
Der Erste ist mir gerade zu schwer er.greifbar und ich gehe später noch einmal umfassender darauf ein – vorerst so viel: Er bestätigt meine Aussage, dass in dieser Welt, unserer von überwiegend neurotypischen ausschließlich für neurotypische Menschen gemachten Lebensumgebung jede einzelne Aktion, jede Interaktion, jede Kommunikation, jedes Erlebnis jeder Art für autistische Menschen mit höherer Wahrscheinlichkeit traumatisch ist als für neurotypische Menschen.
Das ist für mich insofern schwierig als dass es Traumawahrheiten so alt wie ich selber in mir bestätigt („Die Welt will mich töten“/“Es ist (zu) gefährlich zu leben (Ich sollte es besser gar nicht erst versuchen.)“/“Ich bin 24/7 bei egal was ich mit wem wie wo warum mache, möchte, will gefährdet.“/“Zu leben bedeutet Schmerz – Mit anderen Menschen zu leben bedeutet Agonie, die niemand sieht, niemand versteht, niemand nachfühlt, niemand glaubt.“)
Und es bestätigt eine Verklemmung, die wir in Bezug auf uns selbst als sowohl von Gewalt traumatisierte Person als auch autistische Person in der Selbstvertretung erleben, weil wir von anderen Vielen oft als Vertretung von Menschen, die Viele sind gedacht werden: Wir können unsere bis heute bestehende Gefährdung der Traumatisierung durch unser autistisches Er_Leben in dieser Welt nicht ausdrücken, ohne möglicherweise zu schmälern, was Menschen, die ausschließlich durch Gewalt traumatisiert wurden, berichten und fordern.

Und wir können entstandene Traumatisierungen, die etwas mit unserem autistischen Er_Leben und anderen Menschen zu tun hatten, nicht ausdrücken, ohne dass diese Menschen als Gewalttäter_innen an uns gedacht werden, mit aller Bewertung, die dieser Rolle gemeinhin zukommt. – Ja, wir können verstehen, dass es besonders hier im Blog oft auch schwer ist zu differenzieren, was wir wann mit Gewalt meinen, wann geht um Macht und wann um Überlegenheit, Gewalt im Sinne von „Auf die Fresse/die Seele/die Identität“ bliblablö – aber
Bottomline bleibt: Wir trauen uns nicht unserem autistischen Er_Leben den Raum in Bezug auf unsere Traumatisierung zu geben und auch hier darüber zu schreiben, weil wir Angst vor der Instrumentalisierung durch Leute haben, die die Erzählung von Vielen, die (organisierte (Rituelle)) Gewalt erlebten delegitimieren wollen, aber auch weil wir nicht den Eindruck entstehen lassen wollen, dass es so etwas wie „ursachenlose DIS“ oder „in einem Menschen selber begründete Traumata“ gibt.

*

Okay, zweiter Punkt: Resilienz.
Dr. Llyod sagt in dem Video, dass es für autistische Menschen schwerer ist zu Hilfe zu kommen und damit implizit auch: Resilienz zu entwickeln. Dabei finde ich bemerkenswert, dass er ausschließlich andere Menschen bzw. die Ver_Bindung zu anderen Menschen als Resilienzfaktor bzw. Quelle von Hilfe zu betrachten scheint, was ich mir spontan nur damit erklären kann, dass er ein neurotypischer Mensch ist. Denn ja, vermutlich sind andere Menschen für die meisten neurotypischen Menschen einfach das Go-To in all times for everthing. Für Freude, für Trauer, für Gemeinsamkeit, für Trost, für Beruhigung, für Versorgung…
Und derart eingebunden, verbunden miteinander Belastendes, Schwieriges, potentiell Traumatisches durchleben zu können, ohne verletzt zu werden oder zu bleiben, begründen sie mit einer persönlichen Eigenschaft. Resilienz nämlich. Dabei ist sie doch nur vorhanden, wenn diese Verbindung überhaupt besteht – unter anderem, weil es genau auch diese Verbindung zu anderen Menschen braucht, um ein selbst, eine Identität und also eine Verbindung zu sich selbst zu entwickeln und diese stabil zu er_halten.
Die neurotypische Erzählung von Resilienz unterschlägt also gewissermaßen, ihren Grundstoff: Bindung
Und in der Folge auch die Fähig- und Fertigkeiten, die zur neurotypischen Bindungserstellung und -pflege erforderlich ist.

So kann der Eindruck entstehen, autistische Menschen seien einfach nicht resilient vor belastenden Ereignissen und deshalb eher gefährdet traumatisiert zu werden. Was in dem Moment widerlegt ist, wenn man autistische Menschen nach ihren Quellen von Trost, Beruhigung, emotionaler Versorgung und ihren Arten des Mit_Teilens fragt – und diese als gleichermaßen wirkend wie den interpersonellen Kontakt neurotypischer Menschen miteinander bewertet.

Resilienz ist keine persönliche Eigenschaft, die man erlernt oder entwickelt. Sie ist etwas, das sich aus dem kongruenten Interagieren mit der direkten Mitwelt ergibt und ich glaube, dass das etwas ist, das neurotypische Menschen von autistischen – aber auch anders neurodivergenten Menschen! – lernen können und auch müssen, um zu verstehen, wie man (besser) unterstützen im Notfall, aber auch (besser) verstehen kann im allgemeinen Alltag.

Dazu ist erforderlich was auch Dr. Lloyd in dem Video tut: Wertschätzen und Integrieren, was autistischen Menschen, die sich als Viele erleben aus eigener Perspektive mitteilen. Einerseits weil die Studienlage sehr dünn ist, andererseits aber auch, weil selbst Studien mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht von den Menschen gemacht worden sind, die mit dem Thema der Studie leben. Es also immer gewisse „Übersetzungsverluste“ gibt und damit auch einfach nie „alles auf dem Tisch ist“, was wichtig zu wissen und zu verstehen ist.

Eltern, die ihre Kinder hassen

Diesmal ist es kein Schnelldurchlauf, sondern eine Zeitlupe und das Quietschen meiner Nackenmuskeln. Gedämpfter Straßenlärm, das Atmen der Therapeutin mir gegenüber.
„Meine Eltern hassen mich.“ „Ich glaub, er wollte mich umbringen.“ So schieben sie sich zusammen. Sie von links aus der Sitzung mit der Autismustherapeutin, er von weiter weg aus der Traumatherapie. Keine Kinder mit großen feuchten Augen, die einem das Mitleid aus dem Herzen zapfen wie den Sirup aus dem Baum, sondern bodenlos hoffnungslose, verdreckte, abstoßende … Ichs in einem Zeit-Raumempfinden von vor über 20 Jahren.
Ich bin so weit weg, dass ich sie wahrnehme aber nicht spüre. Sie bleiben Fremde für mich. Sind Einheimische in einer Welt, die ich nur begleitet aufsuche, um zu vermitteln, dass ES vorbei ist und DAS DA nicht wieder passiert. Jedenfalls nicht so. Nie wieder so.

Diesmal habe ich keine Feldnotizen. Kriege meine Gedanken nicht um die Dimension ihrer Not, weil es nicht um Mangel geht, sondern um etwas, das über das Tabu der Gewalt an sich hinaus geht.
Gegen Hass kann man nichts machen. Der ist nicht in Liebe zu verwandeln. Nicht einmal in achtsame Zuwendung oder Fürsorge. Hass ist absolut, deshalb kann man aus ihm heraus so einfach gewaltvoll sein. Braucht fast so wenig Anstrengung wie aus Ignoranz oder Todesangst.
Und ja, was anderes sollte ein Kind über die Motive von jemandem denken, der es praktisch zu zerreißen versuchte, als dass es um einen Tötungsversuch ging?

Elternschaft ist ein Status, kein Zustand.
Liebe, Achtsamkeit, die Fähig- und Fertigkeiten sich selber zu regulieren, um die eigenen Kinder zu begleiten, Fürsorge, Mitgefühl, Geduld – ja nicht einmal das Interesse am Mensch „Kind“ sind nicht einfach so da, nur weil man ein Kind geboren und es am Leben erhalten hat. Am Ende sind alle Eltern einfach nur Leute, die sich an jemanden gewöhnen, den sie selbst gemacht bzw. für immer in ihr Leben eingeladen haben. Sie bedeuten für ihre Kinder nichts, weil sie Eltern sind, sondern weil sie überlegen sind und mit jeder ihrer Entscheidung für oder gegen den liebevollen, achtsamen, interessierten, fürsorglichen Umgang eine Entscheidung über das Über_Leben treffen. Wenn Eltern hassen sind ihre Kinder nicht nur machtlos, wie es Kinder nun einmal sind. Dann sind sie ausschließlich über die Gewalt an sie gebunden, denn das ist alles, was Hass will und braucht. Dann ist das eigene Kindsein kein Zustand, sondern ein Status, der keinerlei Bedeutung für das Leben mit den Eltern hat. Es macht dann also weder einen Unterschied noch ein Kind zu sein, noch das Kind dieser Eltern zu sein. Man könnte auch ihre Haustür, ein Stück Klopapier, der Biomüll von letzter Woche sein.

Ich kann mich nicht erinnern schon mal davon gelesen zu haben. Hassende Eltern.
Natürlich wird das oft unterstellt, wenn jemand das eigene Kind getötet hat. Oder anderen zum Töten überlassen hat. Oder sich einfach nicht gekümmert hat. Es ist so leicht zu glauben, dass man nur tötet, was man hasst. So viel leichter als sich Mörder_innen zu widmen. Gewalttäter_innen. Leuten, die getötet haben, ohne so richtig klar zu haben, warum eigentlich.
Wir leben in einer Zeit in der Mütter nicht bereuen dürfen Kinder bekommen zu haben. Wo soll da der Raum für das Thema „Hass auf die eigenen Kinder“ herkommen? Wie soll das kein Tabu bleiben?

Und dann bin da auch ich selbst. Die_r mit dieser kindlichen Wahrheit in Kontakt geht und weiß, dass es für immer eine innere, eine vielleicht ausschließlich traumalogische Wahrheit bleibt, weil wir nie den Tag erleben werden, an dem sie uns sagen: „Ja, wir hassen dich.“ oder „Nein, wir hassen dich nicht.“

Noch so eine Opfersache mit der man Ende völlig allein zurückbleibt.