Schlagwort: Vielesein

Kongruenz

„Dieser Monat wird der Wahnsinn“, das denke ich seit Januar oder Februar.
Ich denke das in vollem Bewusstsein über alle Implikationen des Wortes „Wahnsinn“ und doch auch in vollem Bewusstsein darum, dass mir einfach kein anderes Wort dazu einfällt. Und schon beim Aufschreiben dieses Satzes beginnt in mir eine Bewegung darum, die Schlimmheit dieser Ohnmacht zu spüren, ihr so hilflos gegenüber zu stehen. Wächst da eine weitere Schicht Anspruch an mich, gefälligst nicht so zu sein. So hilflos. Vor all dem.
Es ist ja gewählt, es ist ja gewollt, in Wahrheit ist es von mir gemachte Ohnmacht, eingebildete Ohnmacht, lieber als angenommene Verantwortung-Ohnmacht. Und doch auch nicht. Denn am Ende zählt nicht, was „in Wahrheit“ ist, sondern, was in uns passiert. Und das ist Ohnmachtsgefühl. Egal wovor eigentlich genau.

Nach dieser langen, dichten, schönen Woche in Wien fahren wir nach Hause und wissen einmal mehr, was wir alles schaffen können. Wir können durch die Fremde laufen, stundenlang auf Beton in Barfußschuhen. Können ohne NakNak*, ohne irgendjemand anders an unserer Seite sein. Wir schaffen es, „den Faden zu halten“ zu unseren Leuten, ohne sie zu sehen, zu hören, zu lesen, mit ihnen zu sprechen. Wir fühlen sie und können sie uns auch dann als zu uns gehörend einordnen, wenn wir gerade nicht bei ihnen sind. Das ist viel. Enorm viel. Objektkonstanz. Wow.

Und gleichzeitig fühlen wir aber auch die anderen. Innen. Und zwar konstant. Selbst dann, wenn unsere Grenzen und Kapazitäten schon weit ausgereizt sind und uns eigentlich in die Schmerzlosigkeit des Funktionierens, der Euphorie, des einzig Reagierens hineindissoziiert haben müsste.
Die beschriebene Ohnmacht hat genau damit zu tun. Und mit ihnen.
Damit, dass wir ohnmächtig vor ihrer Existenz sind. Sie sind da und wirken in unser Er_leben hinein und es gibt nichts, was wir dagegen tun können. Nicht einmal „dagegen sein“, denn wir wollen das ja. Merken ja selbst, wie viel mehr da ist, wenn beides da ist – wir und sie –

aber

Wir merken, was für ein Wahnsinn das alles ist.
Dass wir tun, was wir tun, obwohl sie und alles von ihnen da ist und obwohl nicht zuletzt auch sie ja überhaupt ein Grund dafür sind, tun zu können, was wir können und letztlich genau das zu tun, was wir tun.
Aber auch, dass wir es tun. Dass wir das tun und nichts anderes. Zum Beispiel auf Wände starren und uns im Muster der Tapete oder den Geräuschen aus uns selbst zu verlieren. Oder uns zu betäuben oder uns wegzugeben.

Was für ein Wahnsinn ist das, keine 2 Millimeter hinter sich eine traumaschleimige Hölle brodeln zu haben und gleichzeitig mit der Banalität des Hier und Jetzt zu verwachsen.
Ja, ich könnte das auch einfach „Widerspruch“ nennen, aber das ist es nicht. Hier spricht niemand jemandem zuwider. Wir er_leben hier keinen Widerspruch, sondern uns. Und ja, wir sind wahnsinnig.

Wir können nichts dafür, dass Wahnsinn und wahnsinnig sein für die meisten Menschen etwas schlechtes ist. Dass es mit Freiheitsentzug, mit Isolation bestraft wird. Wir können auch nichts dafür, dass wir gerade nur so unser Amlebensein ertragen können.
Ja, nein, ich schreibe nicht „Ich kann gerade nur am Leben sein, wenn ich mich überarbeite, überreize, zu viel mache. Ich brauche meine Vermeidung gerade so sehr.“, ich schreibe, dass wir sind, so wie wir sind. Dass es ist, wie es (für uns) ist und wir spüren, dass es wahrhaftig ist.

Wir stellen Kongruenz her.
Nicht mit dem Außen, mit dem Innen. Und das geht.
Es ist der Wahnsinn, wir fühlen uns ohnmächtig davor. Und es geht.

so nah dran

4 Uhr 30. Von draußen rieseln kleine kühle Winde auf meine nackte Haut. Den Kopf noch voller Schlaf gehen wir mit NakNak* raus, wieso weiß ich eigentlich nicht. Aufstehen, Hund, Kaffee, das kommt nach Aufwachen und das Immernochleben fühlen.

Heute bekommen wir unser Zeugnis. Unsere zwei Zeugnisse. Berufsabschluss und Fach-Abitur.
Wir machen uns seit Wochen Sorgen, wie das wird. Kommt der Begleitermensch? Nein. Er muss zu seinem scheiß Ausbeuterjob, bei dem er auch nicht zu sehen bekommt, zu was seine Arbeit konkret am Ende führt.

Mein Kaffee dampft, das Draußen hat klare Umrisse. Ich sitze am Fenster und frage mich, ob wir in der neuen Wohnung wohl auch irgendwo am Fenster sitzen werden, um Kaffee zu trinken und uns mit dem anbrechenden Tag bekannt zu machen.

Dann wasche ich ab, sauge Staub, räume Dinge herum, bringe zu kleine Kleidung, in die ich letztes Jahr noch so dringend hineinschrumpfen wollte weg. Ich will nie wieder so schrumpfen. Ab sofort gilt das Einsiedlerkrebsprinzip: Was passt, das passt.

„Wir müssen nicht mehr zur Schule. Nie wieder.“ Das sage ich M. und denen um sie herum, die seit dem letzten normalen Schultag nicht mehr aktiv im Außen waren. Nicht einmal zu den Prüfungen. „Ihr könnt ab jetzt andere Sachen probieren.“ Ich verspreche ihnen, dass sie sowas, wie die letzten Jahre nie wieder ertragen müssen. Wir besiegeln es mit von ihnen in den Container gedonnerten Glasflaschen.

Wir haben uns eine neue Hose und ein neues Oberteil gekauft. Gestern die 3 Schuljahre langen Haare abschneiden lassen. Als ich aus der Dusche ins Warten auf den Freund steige, ist es eine Bewegung ohne jede Kraftanstrengung.
Wir warten, trinken Wasser, bemerken, dass wir noch nichts gegessen haben, vergessen es wieder bis der Freund da ist. Bevor wir in der Schule ankommen, fahren wir Müll zum Wertstoffhof und als wir in der Schule sind, haben wir eine Ansprache mit Powerpoint-Präsentation verpasst. Es wird viel geklatscht, ein Foto gemacht. Wir haben NakNak* auf dem Schoß und flatterfuchteln einfach raus, was raus muss. Es tut so gut wie Furzen wegen Bohneneintopf.

Später sitzen wir in einem Klassenraum und essen Melone. Dann bekommen wir unsere Zeugnisse. Und werden mit dem neuen Namen aufgerufen. „Das sind wir“, sage ich den anderen so als würde ich ein Netz aufs offene Meer werfen. Und als wir die Mappe, eine Rose und ein Geschenk in der Hand unseren Lehrer_innen danken, merke ich, wie ich selbst das Netz bin, aus dem auch die anderen gemacht sind.

Es geht schnell vorbei, niemand muss etwas aushalten, wir gehen einfach wieder auf unseren Platz.
Wir sind, reden mit den anderen Leuten, wünschen allen, dass es gut für sie weitergeht.

Der Freund ordnet den Glamour der Veranstaltung im Spanplattenbereich ein, ich lache und denke, wie gut das zu uns passt. Funktionell, vielfältig, einfach. Er versteht jetzt wieder etwas mehr von dem, was es uns abverlangt hat und irgendwie tröstet das etwas, das ich vorher gar nicht als tröstlich erlebt habe.

Wir gehen sehr lecker essen, laufen an den Händen durch die Altstadt.
Es ist schön und so nah an uns dran.
So, als meint das alles uns und niemand anders.

Buchrezension: “zusammen gehalten, Dissoziation, Identität, Struktur”

Dieser Text enthält unbeauftragte Werbung.
Das Exemplar haben wir kostenlos von P. Rabe erhalten.

 

Spürbare Fragmente
Als “buntes Puzzlewerk” beschreibt sich die Autor_in Paula Rabe, die ihr Buch “zusammen gehalten, Dissoziation, Identität, Struktur” im Selbstverlag veröffentlicht hat.
Rabe ist Viele, die dissoziative Identitätstruktur nach organisierter Gewalt Kernthema der 93 Seiten starken Broschur. In Gedichten, Kurzgeschichten und aufbereiteten Momentaufnahmen wird das dissoziierte Sein anschaulich und er.fassbar beschrieben.

Stück für Stück
Jeder Text in dem Buch, ob Poesie oder Kurztext, ist Teil und Solitär zugleich. Zusammenhänge zwischen den Texten bieten einzig die Kapitelnamen, die wiederum einzelne Aspekte eines Er_lebens benennen.
”zusammen gehalten” erzählt keine Geschichte, es zeigt auf Geschichten, Er_Leben, Sein und Prozess in jemandem, die_r Viele unter Vielen nach organisierter Gewalt ist.

Intuition statt Kognition
Die Lektüre führt in das bisher für DIS-Literatur eher wenig genutzte Feld der Intuition als Mittel zur Annäherung. Nur wer mitschwingt, kann folgen. Wer das Erfasste kognitiv einordnen möchte, bleibt zuweilen ohne Orientierung.  Was bleibt ist das Weiterlesen. Die Motivation dazu muss intrinsisch sein, denn das multidimensional strukturierte Buch bietet keinen Anreiz linear von Anfang bis Ende zu folgen.
Wer es jedoch tut, wird mit Poetry-Slam tauglichen Gedichten und Einblicken in die innere Kommunikation des_der Autor_in.nen belohnt.

Für alle, die ein Gefühl dafür bekommen wollen
Paula Rabe gelingt mit “zusammen gehalten” eine Sammlung emotional anrührender Stücke, die Verbündeten und Helfer_innen eine Idee von dem vermittelt, was es bedeutet Viele zu sein und sich in Richtung Heilung von komplexer Traumatisierung zu bewegen.
Dies und der Aspekt der Signalwirkung, die jede von selbst konkret betroffenen Menschen verfasste Literatur hat, kann sicherlich auch anderen Vielen hilfreich und wohltuend sein.

zum DID-Awareness-Day

Klingt komisch. Awareness-Day.
Ein Bewusstseinstag für eine “Erkrankung”, die so vieles unbewusst bleiben lässt.
Und irgendwie auch schlimmer wird, je mehr Bewusstsein für sie entsteht.

Die dissoziative Identitäts”störung” ist mehr als ein psychiatrisches Krankheitsbild von besonders dispositionierten Individuen.
Sie ist auch eine soziale Diagnose, denn die Ursachen sind überwiegend soziale Akte.
Misshandlung, Vernachlässigung, emotionale Grausamkeit, sadistische Quälerei, sexualisierte Ausbeutung, psychische Manipulation, jahrelang anhaltende latente Lebensgefahr, Folter. Zum Beispiel.
Das liest man schnell mal so weg und die Abstraktion der Begriffe geht soweit, dass sie die Menschen darin oft mitnimmt. Der soziale Akt, die Menschlichkeit, die auch Gewaltbereitschaft, Lust an Gewaltausübung, Selbsterhöhung durch Erniedrigung anderer enthält.

Ein Bewusstseinstag für DIS kann nicht nur ein Tag sein, an dem man sagt: Guck mal hier, das gibts!
Das wäre zu wenig, auch wenn es für die meisten Menschen dann doch wieder zu viel ist.

Mit dem Bewusstsein für Menschen wie uns, für Menschen, deren Identitätsstruktur von dissoziativen Brüchen definiert ist, kommt die Konfrontation mit der eigenen Dissoziation.
Der Dissoziation, die vor dem Bewusstsein schützt, dass die Welt auch ein gefährlicher, schlimmer, schlechter grauenhafter, moralisch abstoßender, erschreckender, bestialischer Ort sein kann. Jederzeit und genau jetzt für so viele Menschen, die sich zu diesem Zeitpunkt absolut schutzlos darin befinden.
Die Dissoziation um die Wahrheit, dass es wahr ist, wenn Menschen über Menschen sagen, dass sie das gefährlichste Lebewesen auf der Welt sind.
Die Dissoziation um die Realität der Überlebenden. Um die relative Nähe zueinander.

Ich halte es für problematisch nicht auch dafür Bewusstsein herzustellen.
Denn allein das Wissen um eine Problematik, Erkrankung, Störung reicht nicht, um Umgänge zu finden oder Ideen um Fragen nach Heilung, nach Rehabilitation, nach Verarbeitung zu diskutieren.
Nicht alle Menschen mit DIS sehen sich als krank. Wir sind einer davon. Deshalb nennen wir es Identitätsstruktur, sprechen von “Traumafolgen” oder “Traumafolgeproblemen”.

Die Diagnosekriterien der DIS sagen uns nur, dass wir gesehen und erkannt, eingeordnet und klassifiziert werden können. Das bedeutet: die Diagnose validiert uns aufgrund dessen, was jemand außen verstanden und anerkannt hat.  Es geht dabei um uns, wie wir “wir” sind. Dass wir da sind und uns als Ichs im Leben eines Einsmenschen erleben.
Es geht nicht um die Flashbacks, es geht nicht um dissoziative Phänomene wie Krampfanfälle, Sinnesausfälle, Depersonalisation, Derealisation. Es geht nicht um Angst, nicht um Depressionen. Es geht nicht um die Isolation unter Menschen, deren Identität so grundlegend anders strukturiert ist.
Nicht einmal gestreift wird dieser Aspekt des Lebens in einer Gesellschaft, die jene Umstände zulässt, aus denen wir hervorgegangen sind, und kollektiv an der Aufrechterhaltung der Dissoziation dazu arbeitet. Nie gedacht an den Verrat, den das auch bedeutet.

Die Diagnose selbst ist das Ergebnis dieser kollektiven Gewaltdissoziation.
Es gäbe eine völlig andere Struktur der Hilfen, der Forschung, der Heilungsdiskurse, wäre das nicht so.
Es erscheint so vielen Menschen unvorstellbar, sich Menschen frei von Gewalt zu widmen, dass es noch mehr von ihnen undenkbar ist.
Wie soll man jemandem helfen, wenn man gar kein Doktor ist?
Hmm wenn die Person viele ist ach nee da soll mal lieber ein Profi dran – ein_e echte_r Psycholog_in am Besten!

Das ist Vermeidungsverhalten. Und zwar eins das an allen Ecken und Enden in unserer Gesellschaft nicht problematisiert wird. Es wird im Gegenteil sogar bestärkt, gestützt und als natürlich gegebene Funktionalität unserer Gesellschaft als Ganzes verhandelt.

Aber Menschen, die Viele sind, die bekommen solcherart Stützen nicht. Die versuchen das oft sehr lange und sehr aufwendig in ihrem Leben aufzubauen. Versuchen sich mehr oder weniger erfolgreich in ihre Wechsel und Brüche, ihre Vermeidungen, ihre Symptome und Schwierigkeiten hineinzuorganisieren, doch scheitern endgültig in dem Moment, in dem ihnen gesagt wird: “Das ist krank. Was du da machst, wie du bist, was du da erlebt hast und bis heute erlebst, das ist nicht normal.”
Obwohl es extrem normal ist. Es ist extrem normal Gewalt zu erleben. So viele Menschen erleben genau jetzt Gewalt. Genau jetzt, während du das hier liest, sterben Kinder an Gewalt, die ihnen angetan wurde. Genau jetzt überleben wer weiß wie viele Menschen Folter, Qual und Not.
Krank werden diese Überlebenden aber erst mit dem einordnenden Blick einer dazu legitimierten Macht.

Das ist wichtig zu verstehen.
Denn Viele zu sein bzw. mit einer dissoziativen Identitätsstruktur zu leben, ist keine Krankheit, sondern ein Zustand. Und zwar einer, der ganz natur_logisch eingebaut entstehen kann, wenn er nötig ist um zu überleben. Nichts daran ist krank oder falsch oder irgendwie künstlich.

Was krank und falsch ist ist, wenn die gleichen Leute, die das Erlebte entnormalisieren und das Gelebte pathologisieren sagen: “Wenn du normal sein willst und also unterstützt, versichert, heil und gut, dann offerieren wir dir diesen wunderbunten Strauß der Optionen, aus dem du frei* wählen kannst. Wenn du nichts wählst, ja dann kann dir auch niemand helfen. Selbst schuld. Stirbste halt doch vielleicht.” [*solche Entscheidungen sind niemals frei, denn in unserer Gesellschaft ist niemand frei]

Das hier soll kein Text sein, der dazu führt, dass man Therapien und Unterstützungsmöglichkeiten für Menschen, die mit einer DIS leben, ablehnt oder für allesamt falsch erklärt.
Aber er soll dazu beitragen sich bewusst zu machen, dass das der Kosmos ist, in dem dieser Zustand nicht nur be- sondern auch verhandelt wird.

Spricht man über oder von DIS, dann nutzt man psychologische, psychiatrische, medizinische Modelle des Menschseins. Man bewegt sich in psychologischer, psychiatrischer, medizinischer Terminologie. Man denkt an die Möglichkeiten und Grenzen der Veränderung, man forscht und seziert die Mechanik der Psyche durch die Brille ganz spezifischer Deutungshoheiten über objektifizierte, also versachlichte, Subjekte.

Das ist ein ernstes Problem, denn es trägt nicht dazu bei, dass die ursächliche Gewalt nicht mehr passiert.
Es trägt nicht zu einem Verständnis der verschiedenen Lebensrealitäten der Betroffenen bei.
Es trägt einzig zur Einordnung, Klassifizierung, Erforschung und Veränderung des Zustands überlebender Individuen bei.
Das ist viel, ja, aber nicht alles.
Und längst nicht genug.

Das möchten wir in diesem Text bewusst machen.
Wir wissen, dass die meisten Leute lieber eine fesche Infografik wollen, irgendein witziges Meme, das verlinkt ist mit irgendeinem psychologischen Text, der sagt: “Ja, gibts wirklich. Ja, ist echt schlimm. Ja, muss man therapieren.”
Wir wissen, dass man den Überbau dazu lieber vermeiden will.
Deshalb machen wir das so und nicht anders.

Anders machen andere schon genug.
–> #DIDawarenessday (auf Twitter)
–> “Separating Fact from Fiction: An Empirical Examination of Six Myths About Dissociative Identity Disorder” (PDF aus der US national library of medicine der national institutes of health)
–> DID Research (amerikanische Info-Webseite)

Wenn ihr eine informative Seite habt oder kennt, könnt ihr sie gern in den Kommentaren teilen.

note on: Namensänderung

Ich hab in den letzten Wochen viel geweint. Meistens, weil ich glücklich war, mehr jedoch, weil mich der unangenehme Stress in unserem Leben mein Glück hat weder fassen noch halten lassen.
Um etwas dagegen zu tun, tun wir die Dinge, die zu tun sind.
Zum Beispiel Grenzen setzen, wo viel zu lange keine gesetzt wurden. Pausen einfordern, wo sie nötig sind. Atmen. Spazierengehen. Hausaufgaben. Pausen, wann immer der erste Gedanke daran aufkommt. Dinge passieren lassen, obwohl das Gefühl, dass sie fern ab neben mir herlaufen, genauso unerträglich ist, wie die Zeit, in der alles so schön ist, dass mit alles aus dem Gesicht läuft.

Wir sind im Stress, seit Wochen “an” und ach, ich weiß doch, was uns hilft. Trotzdem habe ich die “mentale To-Do-Liste” erst jetzt so langsam wieder auf einem überschaubaren Level.
Abhaken ist nie schöner als dann, wenn die eigenen Haken im Leben auszugehen drohen.
So waren wir am Montag im Standesamt und machten den ersten Schritt auf den Antrag zur Vor- und Nachnamensänderung.
Von dem ganzen Termin habe ich, neben einem seltsamen Erleichterungsgefühl um Kostensorgen und Erlaubnis solcher Anträge, einen Zettel mit Notizen eines anderen Innen und einen Kommentar einer Sachbearbeiterin mitgenommen.

Nämlich den, dass man triftige Gründe dafür haben muss und diese sehr genau geprüft werden.
Sie schaute mich an, als suchte sie an oder vielleicht auch in mir nach dieser Triftigkeit und das wars dann schon wieder für mich. Jetzt im Nachhinein weiß ich das. Es ist “mein Trigger”. Andere Menschen die Triftigkeit meiner Gründe, die Hintergründe meines So-Seins, So-Handelns, die Wahrheit meiner Worte, aus mir rauswühlen zu spüren. Ich verliere dabei meine Haut, fühle mich schwach, rechtlos und ohnmächtig – selbst dann, wenn die Frage, die Suche, ja von mir aus auch das Wühlen eine wie auch immer gelagerte Notwendigkeit haben.

Vielleicht ist es noch nicht meine Zeit, meine Haut über den neuen Namen – vielleicht überhaupt den Wunsch danach – mit Menschen zu sprechen, wer weiß.
Aber schreiben kann ich darüber. Auch die Begründung für den Antrag kann ich schreiben.

Das ist nun ein neuer Punkt auf der Liste. Aber einer, dessen Auswirkungen schon bekannt sind.
Die Gedankenkreisel um die Realität der Gewalterfahrung. Die Kreisel darum, ob und wie es ist, so viel von sich abzutrennen, um anders weitermachen zu können. Vermutlich nicht viel freier, sicher aber befreiter.
Daneben das Wissen, dass es nie der eigene Name war und nie werden wird, denn die Zeit hat bereits jemand anderen aus uns gemacht. Egal, ob die Gewalt wirklich war oder nicht. Egal egal egal was – wir heißen für niemanden mehr so, wie es in unserem Ausweis steht. Seit Jahren nicht und für alle Jahre, die wir noch haben, soll das so bleiben.

Die Aussicht auf ein Leben ohne dieses eine Erbe, das Eltern ihren Kindern mitgeben, obwohl sie noch nicht tot sind, das macht mich glücklich. Nicht Heuli-glücklich, aber doch schon nah dran.
Wir haben einen ausgesucht, der passt und nicht schon von weitem schreit “Hallo ich bin ein Schutzname!!!”. Das war uns wichtig. Normalität. Obwohl nichts daran normal ist, den eigenen Namen komplett zu ändern.
Obwohl – wer weiß. ES passiert jeden Tag. Hinterlässt jeden Tag Spuren in Seelen, Leben, Identitäten. Vielleicht ist die Notwendigkeit einer Begründung, einer Prüfung auf Triftigkeit eines Wunsches, der letztlich doch auch wieder nur ein Akt der Selbstbestimmung ist, einmal mehr das, was eigentlich unnormal ist.

Denn um mehr geht es nicht.
Selbst.bestimmung.

Liebe, Hass und Eigenverantwortung

“Ich hasse Autisten”, schreibt Julia Booa unter ein YouTube-Video, in dem es um die Therapie eines Kindes geht.
”Dieser Kanal hat keine Inhalte”, steht in ihrem YouTube-Profil.

Hass im Netz ist im Moment ein großes Thema in meiner Netzumgebung und ich merke: Nur die wenigsten setzen sich damit auseinander, was Hass ist.

Ist Hass eine Tat? Wenn ich mir die Texte und Talks der letzten Monate (Jahre) ansehe, dann ist ein jeder Kommentar auf einen Tweet, ein Video, ein Foto, das man ins Netz gestellt hat, um etwas mit.zu.teilen, der nichts weiter tun soll, als weh zu tun, zu verunsichern, zu entmachten, der pure Hass.
Genauso schlimm wie Unterkünfte für Geflüchtete anzünden, Steine schmeißen oder den Kopf eines Schweins an eine Moschee oder Synagoge nageln.

Da ist sie. Die Schlimmskala unserer Gesellschaft.
Was am krassesten weh tut ist Hass und Gewalt. Wem was warum weh tut, spielt eine untergeordnete Rolle. Was zählt ist der Schaden und worin der Schaden liegt, das bestimmen jene, denen die Macht zur Bestimmung und Wertung verliehen ist. Autoritäten also. Nicht die zu Opfern gewordenen. Nicht die Verletzten.

Ich folge einigen Transpersonen auf Twitter.
Was ihnen entgegenschlägt ist Hass. Doch nicht jeder Tweet, der schmerzt – selbst mir, die_r überhaupt nicht gemeint ist – ist Hass an sich. Obwohl er aus Verachtung, Hass und Ignoranz heraus formuliert und adressiert wurde.

Das ist wichtig zu differenzieren, denn es bedeutet eine Verortung des Hasses weg von der Tat, hin auf die Person, die ihre Tat zur Kommunikation eines von ihr internalisierten und/oder anerzogenen und/oder aus Gründen proaktiv vorgegebenen Hasses gewählt hat.
Denn nicht die Tat verkörpert den Hass. Es ist die Person, die ihn in Wort und Tat kommuniziert, nachdem sie ihn – bewusst oder unbewusst, allein oder in Gruppenprozessen – in sich getragen hat, wo er zu etwas heranwachsen konnte, das als solcher mehr oder weniger klar als Hintergrund jeglicher Kommunikation erkennbar ist.

Ein Vorschlag zum Umgang mit Hass im Netz war Liebe. Und Zeugenschaft. Solidarität.
Als wäre das keine längst widerlegte Idee, mit dem Gegenteil von Irgendwas, Irgendwas anderes erreichen zu können.

Und überhaupt. Was ist denn Liebe?
Und wie wird diese kommuniziert?

Ist es Liebe, wenn ich nur noch ein Wassereis im Kühlschrank habe und auf die Erfüllung des Wunsches mit jemand anderer_m zusammen jeweils eins zu essen, verzichten kann, weil ich weiß, dass die Person Eis mag und sich freuen würde? Ist es dann keine Liebe mehr, wenn ich das Eis dann doch selbst aufesse, weil es draußen 38°C hat und die Person noch nicht da ist?

Wie auch immer die eigene Antwort auf die Frage danach, was Hass oder Liebe sei ausfällt, halte ich es für unübersehbar, dass es sich bei beidem um etwas handelt, das sowohl aus dem Sozialen entsteht, als auch damit kommuniziert wird.
Es sind Gefühle, die Menschen miteinander zeugen, gebären, entwickeln lassen.

Die Wikipedia schreibt zu “Hass”:

“Hass entsteht, wenn tiefe und lang andauernde Verletzungen nicht abgewehrt und/oder bestraft werden können. Hass ist somit eine Kombination aus Vernunft und Gefühl. Die Vernunft ruft nach dem Ende der Verletzung und nach einer Bestrafung des Quälenden. Laut Meyers Kleines Lexikon Psychologie ist das Gefühl des Hasses oft mit dem Wunsch verbunden, den Gehassten zu vernichten. Das Gefühl des Hassenden ist das des Ausgeliefertseins, der Gefangenschaft, der Wehrlosigkeit.”

Demnach ist Hass eine Traumafolge(“störung”), die sich in der Vernichtung eines als Aggressor_in gedachten/erlebten/eingeordneten Gegenübers ausdrückt.

Mir persönlich fällt es schwer, Menschen, die anderen Menschen über das Internet, aber auch über Strukturen und andere Kanäle verletzen, demütigen und diskriminieren, so zu sehen.
Ich kann die “tiefe und lang andauernde Verletzung” nicht erkennen, welche die schlichte Existenz von Transpersonen, Queers oder Nonbinarys, von Schwarzen, von WoC, PoC, von Autist_innen und anders Behinderten, von Armen, von Nichtheterosexuellen, von Juden, von Sinti und Roma, von Dicken und Fetten … you name it – für manche Menschen bedeuten soll, kann, will, muss.

Noch schwerer fällt es mir, die Phantasie dafür aufzubringen mir zu überlegen, was genau denn da verletzt werden könnte. Ist es ganz banal und einfach nur ein Selbstbild oder noch banaler das Ego? Oder ist es ganz kompliziert und das komplett Eigene, das in der Welt passieren will?

Ich habe mich im Zuge der Auseinandersetzung mit dem eigenen Autismus gefragt, wo der Hype um Liebesgeschichten mit autistischen Charakteren herkommt.
Ich brauchte nicht lange suchen, um den Hass zu finden.
Die Idee, dass Menschen, die keine (für unser Dafürhalten: offensive) Liebesperformance machen oder offensichtlichen Hass kommunizieren, absolut emotionsbefreit seien. Und damit: nicht menschlich. Kein empfindsames und gleichsam empfindliches Gegenüber. Ganz und gar anders.

Eine permanente Kränkung des Bedürfnisses/Wunsches nach Nähe, Einigkeit und Kongruenz, das die meisten Menschen, die nicht autistisch sind, mit unzähligen sozialen Normen, Gesten und Riten kommunizieren und produzieren.

Eine Kränkung, die auch egozentrisch ist, denn sie kann weder die Kränkung der autistischen Person, noch das Leiden an der manchmal absolut unmöglich zu überbrückend erscheinenden Kluft anerkennen oder ihr gleichermaßen Raum geben.

Wir haben unser Leben lang gelernt, mit eben jener Kränkung alleinverantwortlich leben zu müssen.
Hass, Entwertung, Verachtung oder absichtliche Verletzung aus der absolut gleichen Kränkung heraus, wie sie uns neurotypische Menschen so oft haben fühlen lassen, war zu keinem Zeitpunkt eine Option für uns. Niemals.
Was uns im Leben außerhalb der Herkunftsfamilie erlaubt wurde und wir uns als pathologisch beschreiben lassen durften war und ist bis heute das Leiden darunter. Die Ursache war und ist manchen Menschen zwar sehr fremd, doch zu leiden ist ein Beweis für Empfindsamkeit. Für Menschlichkeit.
Es ist die Art wie Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie als Autoritäten herausdeklinieren, was Seele ist.

Warum geht jemand wie Julia Booa oder der Mensch hinter dem Eieraccount bei Twitter nicht eigenverantwortlich mit dem eigenen Hass um? Und warum ist genau das überhaupt nie die Forderung, wenn es um Hass allgemein, oder im Netz im Besonderen geht?

Auch hier geht es meiner Ansicht nach wieder um Autoritäten. Um Macht. Um die Folgen mangelhafter bis autoritärer Erziehung zum Miteinander, das, wenn schon nicht von Liebe und Fürsorge, so doch von Respekt und Anerkennung geprägt ist.
Es geht darum, dass solche Menschen noch nie mit dem Anderen leben mussten. Noch nie das Andere, das Fremde als etwas akzeptieren mussten, das eine Rolle in ihrem Leben hat, die völlig außerhalb von Autorität steht.

Es geht um eine Konzentration auf einen Kränkungsschmerz, der absolut keinen Platz mehr für eine Wahrnehmung eigener Sicherheiten oder Privilegien übrig lässt.
Und um ein Umfeld, das diese Konzentration nährt, statt sie als etwas zu verhandeln, das durchaus veränderbar ist. Und dessen Veränderung durchaus einzufordern bzw. abzuverlangen ist.

Ich möchte an dieser Stelle keinen weiteren Abschnitt über die Rolle von Opfer(haltungs)mythen oder die Entwicklung des Inklusionsbegriffs eröffnen, jedoch soviel zum Ende dieses Textes sagen: Es gibt nicht DIE Lösung für Hass und erst recht nicht DAS Patentrezept dafür, wie er zu verhindern sei.

Aber es gibt die lohnenswerte Auseinandersetzung mit der Frage, warum man es einer maximal unsichtbaren Entität, wie zum Beispiel einem Algorithmus, überlassen will, Menschen vor Hass zu schützen, jedoch keinerlei Energien in die Entwicklung von Strukturen oder Mechanismen, die eigenverantwortlichen Umgang mit Gefühlen jeder Art belohnen, unterstützen und verteidigen, steckt.

ein Igel, ein Hund, ein Tag im Sommer

Vielleicht ist es nur die Geschichte von einem Igel, der an einem Tag gleich zwei Mal vom gleichen Hund gefressen zu werden versucht wurde. Vielleicht ist es aber auch die Geschichte von einem Tag, dessen Besonderheit es war gleichzeitig weichweit und festdicht zu sein.

So ist es uns, wenn es Sommer ist und die Grenze zwischen uns und der Welt der kleine Lichthof ist, den die Sonnenstrahlen um unsere salzige Haut wirft. Da ist ein bisschen Wind und ein Flüstern in den Bäumen. Da fliegen Insekten und die Wiese riecht nach würzigem Heu.

Im Sommer sind alle da. Pflanzen, Tiere, Menschen, die vier Elemente.
Es ist, als müsste man niemanden mehr suchen. Es gibt kein Vermissen, wie im Winter. Keinen Abschied, den man sich so lang wie möglich wünscht, wie im Herbst. Auch das große Hallo, das man in der Brust klein dämpft, damit es die ersten zarten Blumen und Blätter nicht versehrt, bleibt aus.

Wir sind einfach da und passen fast nahtlos in die Welt hinein.
Dieses Gefühl entspannt uns. Macht uns weichweit wie die Mittagshitze, die man spürt, wenn man unter einem Baum auf einer Decke liegt und jemanden neben sich hat, die_r weder stört noch schmerzt.

So wie wir gestern mit J..
Nach einem Frühstück um 10 und einem Malzbier zum Mittag. Mit Gesprächsthemen von “Seebrücke statt Seehofer” zu “Was sind die Bedingungen zum Erhalt von Bafög?”.

Später arbeiteten wir unseren Kram ab, während sich die Mittagshitze draußen in einen schweren Mantel verwandelte. Und dann hörte ich Bubi draußen im Garten winseln. Bubi ist J.’s Hund. Ein schwarzer Spaddelkopp-Hund von drei Jahren mit Autoscooter-Schwanz und Drahtrauhhaar.

Als ich ihn fand, hielt er ein Bündel zwischen den Pfoten, in das zu beißen ihm Schmerzen bereitete. Was ihn aber nicht davon abhielt, es weiter zu versuchen. Auf den zweiten Blick sah ich, dass es ein Igel war. Angelüllert von blutigem Hundespeichel, festdicht geschützt von seiner Stachelverpackung.

Igel sind Parasitenschleudern. Das war ein erster Gedanke und man möge mir das bitte verzeihen. Zwei Jahre Pflegestellesein für Wildtiere und damit unzählige Floh-Milben-Würmer-Einzeller-Paraden, die durch meine Wohnung stampften, hinterlassen dann eben doch Spuren, die manchmal sogar die Möglichkeit einer tödlichen Gefahr für ein Lebewesen überstrahlen.

Wir brachten Bubi rein, begutachteten den kleinen schnell und flach atmenden Stachelball und legten ihn in einen Karton unterm Baum. Igel, die sich noch so fest einrollen können, haben zumindest kein akutes Problem mit Schwäche.
Wir ließen ihn allein und als wir später nochmal nachschauten, war er weg.

So schüttelten wir die Köpfe, J. und wir. Darüber was für ein Spaddelkopphund man sein muss, mehrfach von einem Igel abbeißen zu wollen, obwohl es offensichtlich weh tut.
Natur. So krass.

Das dachten wir auch, als wir später einen neuen Weg durch einen kleinen Wald gingen. Wir sahen Bäume, in deren vielen Astgabeln Spinnennetze wie Trampoline hingen und in der Sonne glitzerten. Horchten auf das Knistern des trockenen Laubs unter unseren Füßen. Genossen den kühlen Schatten des Wäldchens mitten im dörflichen Irgendwo.

Und am Abend, als wir schon satt und zufrieden über einem Gurkensalatrest saßen und wieder mitten in einem Gespräch waren, hörten wir Bubi bellen. Und dann winseln. Wieder im Garten.
Und ja, er hatte wieder einen, vielleicht und wie wir vermuten, auch wieder genau DEN Igel zwischen seinen Pfoten.

Diesmal blieben wir bei dem Igelschutzpanzerbällchen sitzen. Warteten auf seine Entfaltung und gaben ihm den Namen Hannes, der Dödel. Der ließ eine Weile auf sich warten, doch reckte schon bald seine spitze Lakritznase heraus und sah sich in dem Karton um.

mittelgroßer Igel im Pappkarton, neben im ist ein pinkes Handtuch zu erkennen, Perspektive ist vom oberen Kartonrand. Der Igel ist entrollt und schnuppert.

Wir sahen keine Verletzungen, nur jede Menge Moos, trockene Grashalme und Flechten.
So trugen wir ihn durch die dunkle Nachbarschaft in ein Gebüsch und ließen ihn als kleine feste Stachelkugel dort zurück.

Den Karton haben wir verbrannt. Igel sind Parasitenschleudern.
Die Hitze in der Feuerschale vor unseren Füßen, die Kühle der Nacht an unserem Rücken, J.’s Arm an unseren Schultern entlang, bildeten den Rahmen für das Ende dieses Sommerstages, der besser nicht hätte passieren können.

Leben. So krass.

Fundstücke #56

Sie sagt, wenn du magst, kannst du anrufen und mit mir reden. Ich mag das. Sie ist die einzige Person mit der ich rede. Die anderen haben Leben und Leute zum reden. Ich hab sie.

Ich rede von den Gefühlen der anderen, die das gemeinsame Innen so sehr füllen, dass es mich an das Früher drängt, wo es keine Wörter zum Reden gibt. Sie fragt, wie das für mich ist. Ich antworte, be_drückend.

Sind die anderen auch bedrückt, fragt sie und ich sage nein. Sie stehen unter Druck. Das ist alles.

Was könnte helfen fragt sie. Ich sage, schlafen. Ruhe. Pause. Langweile. 1-2-1-2-1-2-Tage. Abstand. Und Wörterwurzeln.

Wörterwurzeln?, fragt sie.

Ja, Wörterwurzeln, antworte ich. Zum Halt er_leben.

weglaufen

Ich weiß nicht, ob die Person am Steuer des Wagens mich nicht gesehen hatte oder für Einbildung hielt. Wundern würde es mich nicht. Wie wahrscheinlich ist es, dass dir nachts um 3, wenn du, warum auch immer im Auto sitzt und irgendwohin unterwegs bist, jemand über die Landstraße vors Auto rennt und mehr zufällig als durch aktives Zutun nicht unter die Räder kommt?

Für mich war es nichts weiter als ein Moment der Verwirrung. Das Gefühl den Faden eines Willens oder Gedankens verloren zu haben. Puls, der mir gegen den Unterkiefer wummert, kalte feuchte Haut. So außer Atem sein, dass es brennt.

Diesmal war es nicht weit. Vielleicht 5 Kilometer von unserer Wohnung entfernt. Aber es war das erste Mal, dass es auf diese Art gefährlich war. Und – vielleicht muss ich das hinzufügen, weil ich es nicht genauer weiß – das erste Mal, dass ich es als so gefährlich wahrgenommen habe, wie es ist.

Das Auto fuhr weiter, ich blieb mit einem Fuß im Straßengraben stehen und sah ihm nach. Es war Dienstagmorgen, in ein paar Stunden würden wir in die Schule müssen. Klausuren schreiben, Dinge lernen. Reden. Zuhören. Und später arbeiten. Und am Abend würden wir mit unserer Therapeutin darüber reden, warum es wieder losgegangen ist.

Dieses Weglaufen mitten in der Nacht, das wir seit ein paar Jahren schon immer wieder um diese Zeit herum erleben. Nie um irgendwo hinzukommen, wohl aber um wegzukommen, scheinbar egal wie.

Als ich nach Hause lief, dachte ich nur darüber nach, was für eine verdammte Scheiße das ist und warum ich mich eigentlich nie zusammenreißen kann. Ich schmückte meine Unzufriedenheit über mein Unvermögen mit Flüchen und festem Auftreten auf die Straße, die niemand außer mir benutzte, und wärmte mich daran auf. Wie tröstlich so eine Prozession mit allem, was man kennt. Wut, Aggression, alles über_greifende Strenge.

13 Wachstunden später, machte die Therapeutin eine Geste zu einem Geräusch, die sie noch nie gemacht hatte. Vielleicht brauche ich merkwürdige Erstmaligkeiten, um zu Bewusstsein zu kommen, denke ich jetzt. Denn wieder war es, als würde ich in einem Gedankensein unterbrochen oder würde einen Faden verloren haben, den zu haben mir vorher nicht bewusst war. Ich hörte ihr zu und begriff, dass wir diese Nacht hätten verletzt werden können. Sterben können. Überfahren von jemandem, der nachts übers Land donnert, weil er nicht mit Menschen oder Tieren rechnet, die seine Strecke kreuzen.

In der nächsten Nacht verpackten wir den Haustürschlüssel und schlossen uns ein. Das hatte wohl in den letzten Jahren geholfen, aber mehr als die Erinnerungen und Notizen der Therapeutin begründete diese Maßnahme nicht für mich.

Heute beschäftigt mich, ob das meine Art von Vertrauen ist. Dinge zu tun, die auf der Erfahrung und Erinnerung anderer Menschen beruhen und nicht auf dem, was ich denke oder glaube. Über das Weglaufen dachte ich nämlich im Grunde nichts außer, dass es scheiße ist, weil es mir beweist, wie wenig Kontrolle ich über mich (uns) habe. Und, weil es gefährlich ist und zwar so gefährlich, dass unsere Therapeutin etwas tut, das sie sonst nicht tut. Was irgendwie in sich eine neue Gefahr ist.

In der Nacht blieben wir zu Hause. Ich fand mich verwirrt und abgekämpft im Flur wieder, so ausgelaugt und ängstlich wie mich nur desorientierte Innens fühlen lassen.

Das ist besser als beinahe überfahren zu werden und im Dezember mit nassen Hosen nach Hause zu laufen. Aber mehr auch nicht.

durchaushalten

Der Regen schneit in aller Unförmigkeit auf uns runter, als wir durch den Wald nach Hause laufen. Sie könnte schreien vor Schmerzen, doch wieder ist es das Fehlen einer konkreten Quelle, die einen Ausdruck dessen unlogisch macht. Die Haut ist taub. Kalt, aufgerissen, feucht unter Kleidung. Weh tut es darunter.

„Es ist ja kein Aufgeben von allem“, sagt sie und argumentiert uns in eine Mauer hinein. „Wir sind viele, ja, aber das allein bedeutet doch nichts weiter. Außer Arschkarte halt.“.

Sie hat zuletzt am Wochenende mehr als 2 Stunden geschlafen. In unser beidaller Blut schwimmen Medikamente, die man nicht ins Klo entsorgen darf.

Klausurenphase. Zweifelzeit. Beklommenheit.

Während die Schritte unter uns in Matsch und Regenwasser verwinden, denken wir einander mit Gefühlen und Wahrheiten zu. Wissen, der Schlafmangel verzerrt alles. Die Not hat keinen Platz, dort wo wir sind. Wissen, wo wir sind, hätten wir nie hingemusst.

Wir laufen weiter. Nach Hause. Zu Tee am Küchenfenster und Klausurenvorbereitung auf dem Schoß. In unsere Festung des Durchaushaltens.