Schlagwort: Schmerz

Fundstücke #59

Ich hab mich mal gefragt, wie sie das so durchstehen konnten. Damals. Jeder Tag muss in irgendeiner Form schmerzhaft gewesen sein. Hier ein blauer Fleck. Da eine Demütigung. Hier eine Angst. Da eine Bedrohung. Und irgendwo da ganz klein vor sich hinschrumpelnd der Gedanke, der vielleicht auch Hoffnung war, dass das endlich irgendwie aufhört.

Ich bin grad krank, glaube ich. Irgendwas brütet in diesem Körper und stößt eine Kaskade nach der anderen an. Der Zeitpunkt, an dem ich noch wusste, was antriggertes Erinnern ist und was nicht, ist an mir vorbeigedümpelt wie ein nur halb untergangenes Boot.
Mit dem Workshop hatten wir uns übernommen. Wir waren Dienstagnachmittag total erschöpft und es ist nicht neu für uns dann extrem empfindlich zu sein. Also haben wir geschlafen. Fast den ganzen Mittwoch.

Am Donnerstag kamen die Schmerzen. Erst im linken Oberarm, dann in der Schulter. Am Nachmittag im rechten Oberschenkel, dann im Bereich zwischen Zehenspitzen und Knöchel. Erst als merkwürdiger Schmerz, der sich weder von Bewegung noch Wärme beeinflussen lässt, dann als Pfahl aus Eis, der sich von der Knochenmitte bis runter ins Gliedmaß runterbohrt bis er schmilzt und ein derartig tiefes Reißen an den Knien und Ellenbogen zurück lässt, dass ich deutlich merke wie ich der Dissoziation auch nichts mehr entgegensetzen will.

Ich bin müde und mir ist schwindelig. Also liege und schlafe ich. Drehe mich wenn der Schmerz mehr wird, stehe auf, wenn die Schmerzmittelwirkung nachlässt. Irgendwann bin ich wach und sitze so, dass ich das Laptop vor mir habe und nur Augen und Finger bewegen muss, um zu reden, zu witzeln, in der Welt zu sein.

Ich habe die Telefonnummer von Hausärztlichen Notdienst hier liegen. Ich warte auf das Moment, in dem ichs echt nicht mehr ertragen kann. Samstag ist heute. Ich weiß nicht, wie ich das bis jetzt ertragen habe, aber ich habs und deshalb rufe ich da nicht an.

Und vielleicht war das früher auch so.
Vielleicht haben sie auf etwas gewartet, was nicht passiert ist, weil sie nicht wussten, wie das worauf sie gewartet haben ist.
Ich weiß nicht wie “Ich ertrag das nicht mehr” ist. Ich weiß nur, wie der Gefühlsgedanke ist, es nicht mehr zu schaffen. Und dann greift die Dissoziation. Und die Dinge, die man sich einredet, damit das alles keine Angst macht.

Ich hab bestimmt nur einen Infekt. Ich bin nur erschöpft und etwas empfindlich. Kurz NakNak*versorgen. Essen.
Schlafen. Schonen. Montag zur Hausärztin. Noch ein paar Ibuprofen, noch ein bisschen Diclofenac. Viel Wasser.
Und wenn ichs nicht mehr ertragen kann, kann ich ja da anrufen.

Fundstücke #55

Sie sagt, es sei gut, dass wir keine Angst vor dem Tod haben und seufzt.
Ich beobachte das Geräusch noch eine Weile und denke darüber nach, was es ist, das Menschen Angst vor dem Tod macht. Oder vor anderen Dingen.

Der Tod ist keine Sache. Ich glaube deshalb fällt es mir schwer, mich davor zu fürchten.
Tod macht nichts. Tut nichts. Tod ist einfach. Genau wie das Leben.

Ich habe Angst vor der Zeit, wenn NakNak* tot ist, sage ich ihr. Warum, fragt sie.
Weil andere Menschen davon erfahren werden, antworte ich und spüre, wie mir bei dem Gedanken daran der Oberkörper eng wird.
Sie werden mir Dinge sagen und Trost spenden wollen. Mich angucken und Dinge denken, die sie  nicht aussprechen. Das wird mich stören, nerven, ärgern. Vielleicht wird es mir weh tun. Und daran hindern, mich an das Jetzt nach dem Leben mit NakNak* zu gewöhnen.

Glaubst du nicht, dass du erst trauerst, fragt sie.
Wenn ich mich genug dran gewöhnt habe, ja, antworte ich. Wenn ich mich dran gewöhnt habe, dann werd ich trauern.

Hast du Angst vorm Trauern, fragt sie.
Ja natürlich, antworte ich.

Das ist doch, was weh tut.

Fundstücke #41

Es sind 4998 Emails, die ich aus meinem Handyspeicher löschen will. Und weil ich mich mit der App so gut auskenne, mache ich es falsch.
Umständlich. Händisch.
Ich gehe die letzten zwei Jahre in 100 Email-Schritten zurück.
Und treffe auf dich.

Es tut nur noch weh wie ein blauer Fleck, auf dem man herumdrückt, weil er seltsam aussieht.
Fremd. Fern. Unüblich.
Aber er ist da, wie ein schwankender Baum neben der Wirbelsäule.

“Ihr Lieben”
“Guck mal …”
“Bin online und wollte fragen…”

Komisch, dass das mal ging.
Seltsam, dass das mal war und jetzt nicht mehr.

Es passt in die Betrachtung einer anderen Verletzung.
Du hältst uns für faul und konsumierend. Zu schwach, zu krank, zu wenig engagiert in der eigenen Heilung und  Funktionalität, die du weniger verachten kannst.
Bemerkenswert, dass sich das scheinbar nie verändert und vermutlich immer – von Anfang an in den Kontakt reingewirkt hat.
Und wir beide immer wieder drauf reingefallen sind, zu glauben, das würde jemals von etwas, was wir tun, beeinflusst werden können.

Spannend, diese Täter_innenintrojeke.

Sonntag

Manchmal sehe ich mich wie eine 5 jährige in der Welt, wenn sie kommt – mal wieder und immer und immer und trotzdem und weil.
Wenn ich im Flur stehe und längst über Worte und Ordnung hinaus bin und sie auf mich zugeht, um mir über den Kopf zu streicheln, weil ich weine, ohne es zu merken.

Sie schaut mich nicht an, spricht nicht. Atmet einfach und streichelt über meine Haare.
Irgendwann sagt sie, dass es viel zu sein scheint. Fragt: “Möchtet ihr mit mir frühstücken?”.

Und wir zeigen auf den Tisch für anderthalb und heben die Hand an der ihre Tasse baumelt.

Irgendwann sprechen wir. Über Konflikte in Momenten, in denen man am wenigsten zu geben hat. Über Therapien und ihre Folgen. Über Fragmente. Über DAS DA und was werden kann.
Und irgendwann schwärmen wir. Von der Dunkelkammer und einem Ferienhaus an der Steilküste von Dänemark. Von Lauten und Geräuschen des Sommers, der unser Wehklagen bedächtig eintrocknet und zu Staub zerfallen lässt.

Und dann sind wir leer und übrig ist ein Schmerz, den man nur halten kann. Vielleicht in einer Schachtel, die man in ein Regal stellt, das neben dem Inmitten steht.

”Schafft ihr die Woche in Berlin?”, fragt sie.
Wir nicken. Zucken die Schultern. Antworten mit einem Laut.

Morgen früh geht es los.

als ich meine Wohnung umgeräumt hatte…

“Die Störung ist das Wiederkehren des Leidens.”, denke ich gerade.

Ich sitze in meinem Büro und stinke vor mich hin. An meinen Schläfen haben sich kleine Schweißtröpfchen in den Fisselhaaren verfangen und kühlen mich ab.
Zwei Stunden hat es gedauert, bis ich meine Wohnung umgestellt habe.
Ich finde mich zu nett. Bin wütend auf mich, weil ich meine Nachbarin für ihre inzwischen allabendliche auditiv extreme Fickshow verachte und es nicht hinkriege, einfach runter zu gehen und ihr zu sagen, dass es nervt. Dass sie mich in der letzten Woche 3 x in den frühen Morgenstunden damit geweckt hat. Dass mich ihre Zigarettenrauchproduktion anekelt.

Dass ich erst jetzt merkte, dass sie mich anekelt.
Vielleicht wegen dieser Künstlichkeit ihres Lustgeschreis und allem, was ihre Anwesenheit aufdrängt, wenn man den Hausflur betritt.
Vielleicht ist es auch kein richtiger Ekel, sondern einfach so ein Gefühl von “Du bist gefährlich- ich muss mich von dir fernhalten.”.

Ich habe in meinem Kopf ganz klar, dass meine Nachbarin so eine Show abziehen zu müssen glaubt. Ich habe sie irgendwie in die Schublade “Personen, die sich davon abhängig sehen, als gut fickbar zu gelten, damit sie von den Personen, von denen sie gewertschätzt werden wollen, auch gewertschätzt (=gut behandelt) werden”, gesteckt. Tja, shame on me.
Mein Konflikt an der Sache ist, dass ich ja immer denke, wenn ich Menschen ihre Not oder Zwänge oder An.Triebe anerkenne, dann würde es für mich leichter mit bestimmten Verhaltensweisen von ihnen umzugehen.
Oft ist das auch so.

Aber mit meiner Nachbarin ist es nicht so.
Meine Wut steht mir im Weg. Diese große brüllende Masse, die sich vom inneren Hinten gegen mich drückt, mich boxt, mich tritt, mir die Messer im Rücken herumdreht, sobald meine Nachbarin anfängt rumzuschreien, macht mich handlungsunfähig. Das Wissen, dass für den Rest der Welt, das Verhalten meiner Nachbarin als normaler gelabelt ist, als das, was in mir vorgeht, wenn sie loslegt, lähmt mich und lässt mich ohnmächtig zurück.

Immer, wenn ich mit meinen Möbeln umziehe oder sie verstelle, denke ich daran, wie es war, als wir sie gekauft haben. Was für eine Geschichte unsere Möbel so haben.
Die kleinen Kommoden, die es 2007 für 10€ das Stück bei IKEA gab, hatte ich noch mit meiner Jugendhilfebetreuerin gekauft.
Als wir die Päckchen ins Auto luden, sprachen wir darüber, ob man “multiple Persönlichkeitsstörung” als Diagnosenbegriff wirklich so scheiße finden kann, wie wir das damals schon taten.

Ich hatte ihr gesagt, dass ich nicht mehrfach meine Persönlichkeit in mir habe, sondern viele unterschiedliche und, dass ich mich noch nie von meiner Persönlichkeit oder der eines anderen Menschen gestört gefühlt habe.  Sie verstand nicht, was ich ihr damit sagen wollte und irgendwie ist es auch versickert.
Jetzt schob ich diese Kommode durch mein hellstes größtes, eigentlich schönstes Zimmer, das durch eine massive Störung zum unbenutzbaren Raum verkommen ist und sitze zusammengepresst in all der Vielheit dessen, was wir tun, inmitten aller angefangenen und im Lauf befindlichen Projekte, des dazugehörenden Materials, direkt neben meinem Bett.

Und ich lache mich aus.
Weil ich denke: “Wenn das alles mal vorbei ist…” und gleichzeitig kein einziges Wort für den Schmerz habe, der damit gemeint ist.

und dann…

BesuchLichterausschnittund dann öffnet sie die Tür und die Dezemberkälte rieselt von ihren Kleidern auf die Schmutzfangmatte.
Die Stimme vom anderen Ende, der Körper aus dem Früher
es ist… sie ist tot
und blutet aus den Augen im Warten auf das Ende.
Sie schaut sie an und fragt: “Darf ich reinkommen?”. Bohrt eine Lanze in ihren Bauch.
Sie nickt, lächelt, weitet das Loch, reißt an sich herum.
Der Hund, die Begrüßung, das Geraschel, das Trippeln, die letzten 6 Monate fallen im Flur übereinander her und an ihr vorbei.

“Sie wartet darauf, dass sie ihre Geliebte hervorwürgt, wie ein sorgfältig angedautes Gewölle”, denkt sie und wartet darauf, verscheucht zu werden. “So ist es immer wenn Menschen wissen, dass man viele ist. Eine zwei drei werden geschätzt gemocht geliebt, ein paar mehr bemitleidet und getragen, der Rest aus konstruierter Ferne beäugt und für das Dunkle gehalten”, weiß sie und schraubt das Lächeln aus dem Gesicht.

Sie hängt die fremde Jacke auf und verfolgt diesen Körper mit den Augen in die Küche.
Betrachtet den Blick auf sich und in das Loch hinein.
“Ich hab Lebkuchen.”, schrillt es daraus hervor.
Der Körper lächelt und nickt. Lässt die Stimme an ihren Haaren zündeln.

Ein Gedanke scheppert auf den Boden und lässt es in der Küche regnen.
“Du bist da.”.
“Ich bin da.” sagt sie und schneidet Seelenfleisch in Streifen bevor es ertrinken kann.

Unaushaltbar ist es, wenn sie jemand mag.
Wenn sie jemand mag, dann tickt im Hintergrund eine Uhr. Nicht lange dauert es, bis DER Fehler passiert. DAS Moment da ist. DER Augenblick, in dem sie alles verderben und alles Ticken ein Ende hat.

So halten sie inne und warten, lauschen auf das Ticken und lassen alles ohne sie passieren.
Am Rand spulen kleine Radikale ihre Kreisel in die Luft und spülen ab und zu einen Brocken aus dem großen Lauf der Dinge an sie heran. Sie nehmen keinen Anteil, sie berühren nichts und niemanden. Sie warten bis sie vergessen, dass sie warten und verschmelzen zum Nichts. Nichts ist nie falsch. Nie greifbar. Nie schuldig. Nie mehr Etwas als nichts und niemand selbst.

Sie sind das Loch. Wo sie enden, beginnt das Schweigen.

Und dann ist sie da.
Dann ist sie einfach da und alles wird zu allem.

Und das Ticken auf den Moment zu, wird zu dem Moment selbst.
“Ich möchte das verstehen.”, sagt sie und legt die Hände um die Teetasse.

Vor ihren Augen wird sie die Gemögte, die mit ihren Worten Sprache in das weiße Leer des Innen kleckst.
Einfach so.

Weil es um ein Verstehen geht und darum etwas zu tragen, das un.aus.haltbar ist. 

 

und dann sagte ich zu ihr…

Tag 3

Erst dachte ich, das wäre die erste richtige Körperkrankheit in diesem Jahr, doch das stimmt nicht. Anfang des Jahres lag ich mit einem Infekt flach. Wobei – wirklich flach lag ich da auch nicht. Damals (oh G’tt ja damals, im Januar? Februar?) als mir der Weg ins Jahr 2014 so klar erschien: Buch fertig kriegen, Nachwachshaus anleiern, Geld verdienen, Dinge bewegen, BOOOYAAAH- es würde hart, aber es würde zu schaffen sein, weil – wieso denn nicht?! , lag ich nicht im Bett, sondern machte noch ein Irgend-wie-Interview für das Buch und zeichnete im Bett Skizzen von Hausgrundrissen und versuchte mich auf Texte zu konzentrieren, die sich darum drehten, was gute Literaturagent_Innen ausmacht.

Und jetzt ist Dezember.
Es ist Tag 2 des Pendelns zwischen 38° und 39° C und der erste ohne „Guten-Morgen-Magensäure aus der Tupperdose neben dem Bett spülen“.
Ich habe mein Buch nicht fertig. Will es sogar nochmal neu schreiben. Ich liege im Bett und döse, träume von einer Hütte im Irgendwo mit Stille im nächsten Umkreis. 3 Wochen nichts weiter tun als schlafen, essen und schreiben. Hach.
Ich schlafe fast, da rollt an, was anrollen muss, wenn jeder Muskel und Knochen im Körper schmerzt: Erinnern.
Ich bilde mir ein, ich könnte mein Erinnern gut vermeiden, gut wegschieben, gut in kleine Kisten und Umschläge stecken, die verstreut geparkt werden können. Jetzt spüre ich, wie viel tatsächliche Muskelkraft es erfordert und wie wenig davon in mir ist, wenn ich krank bin. Ich kann nichts wegdrücken, nur selbst vergehen und als Geist über mir schweben.
Es sind Träume, die ich da sehe. Ganz sicher, denn niemand würde so etwas jemandem antun. Ganz sicher sind es Träume oder Fieberhalluzinationen.

Aufwachen, erbrechen, weinen, frieren, NakNak*s Zunge an der Hand, die mich vom Boden abstützt spüren. Atmen, warten, Krankheit realisieren. #Mimimi

Aufstehen spülen, waschen, dem Piepen der Mikrowelle zuvorkommen und die Wärmestofftiere befreien.
Die Warmies sind großartig. Sie sind sehr weiche Plüschtiere mit Hirse und Lavendel drin. Wir haben eine Eule und eine Robbe vom Weihnachtsmarkt. Die Robbe haben wir am Donnerstag gekauft. Nach der Therapiestunde, die so furchtbar war, weil uns niemand angebrüllt hat.
Manchmal ist es einfach so, dass alles besser wäre, wenn Menschen uns nur anbrüllen und herumschubsen würden. Wegschubsen und einsperren und wenn die Tür wieder aufgeht ist alles auf Anfang. Vom Point of no return auf reset und los. Neues Spiel neues Glück.
Gewonnen haben wir nie, aber wer weiß? Beim nächsten Mal…?

In dieser Lavendelwolke herumschweben ist schön. Eine Schmerztablette, eine halbe Tasse Tee. Erst zu heiß zum trinken, dann eiskalt aufklirrend im Magen, obwohl doch nur ein Wimpernschlag vergangen ist.

DSC_3102NakNak* schläft mit. Drückt ihren Rücken an die warme Robbe auf meinem Bauch und ich darf meine Hand auf ihrer Seite liegen lassen.
Peter Härtling liest uns die Geschichte von den Scheurers vor und draußen regwindet es.
Meine Beine werden aus den Hüftgelenken gerissen und Blut sickert langsam aus dem Inmitten von mir. Ich sehe mich schreien und zerfallen, und fühle das dichte Fell meiner ruhig atmenden Hündin direkt vor mir. Es legen sich weiche weiße Federn auf meinen Kopf und alles wird dicht und dichter und schwammiger und als ich aufwache tapst NakNak* an meine Schulter. Kratzt mich sachte.
17.58 Uhr

Abendbrot um 18 Uhr- Verspätungen werden hingenommen, doch nicht kommentarlos.
Ob ich ihr Futter aus dem Plastik drücke oder mein eigenes Fleisch kann ich nicht trennen. “Guten Appetit liebste Mopsmaus”, sage ich “bitte nicht”, schreit es dumpf irgendwo da ganz irgendwo dort, wo man nichts mehr erkennt.
Ich mag Kartoffelbrei. Er erinnert mich an Kranksein mit Bibi Blocksbergkassetten und der ersten Gemögten.
Jetzt koche ich Kartoffeln zu Tode und zerdrücke sie zu Kartoffelbrockenmatsch.

Meine erste Gemögte hat mich verlassen dieses Jahr. Ich will nicht mehr dran denken, aber tue es dann doch. 2014, ein Jahr voll Trennungschmerz und ich hasse mich, weil ich keines meiner Projekte beendet bekomme. Wir sitzen in der Küche und zittern uns die Muskeln wund. “Siehst- Mögen tut weh. Einfach lassen in Zukunft.”
Schwaches Nicken. Okay. Mir egal. Alles egal.
Der Kartoffelbrei ist zu salzig. Er brennt bei seiner Wiederkehr.

#Magenmimimi und #Bauchbubu  baden in Magenbalance Kräutertee und ich hänge über dem Waschbecken und schaue meiner Nase beim Bluten zu.
Ich frage mich, ob sie mich anschauen könnte. Sie hatte uns gesehen begraben unter Rettungssanitätern auf ihrer Couch. Geschüttelt von Krampfanfällen, kotzend wegen Narkotika, die kaum halfen. Heulend im Wunsch nach Kontakt zu Menschen, die uns misshandelten. Da sind so viele Tiefen gewesen, die sie gesehen hat.
Und 7 Jahre später reicht es nicht einmal zu einem Anruf.

Blutblüten im Waschbecken. Tropfkunst mit Ende.

Wieder ins Bett. Ich nehme mir vor, die Matratze zu drehen. Ich fühle schon wieder den Lattenrost durch den Schaumstoff. Aber jetzt bleibe ich liegen.
Ich traue mir kein Feuermanagment zu. Weine ein bisschen, weil Chanukkah mein liebstes Fest ist. Weil ich an diesem Wochenende eigentlich meine Familie° besuchen wollte.

Nun liege ich im Bett und sehe mir beim Sterben zu, während ich mich über meinen Pathos auslache.
Morgen wirds vorbei sein. Das ist nur ein Virus. Nur ein Magen-Darm-irgendwas Virus und ich sollte nicht denken, nicht fühlen, das stört nur den Prozess.

Und ruckartig lösen sich meine Oberarme aus den Schultern. Es knirscht im oberen Rücken und jede weitere Bewegung wäre jetzt das Ende.
Ich denke nicht, ich fühle nicht. Das stört nur den Prozess, der mir gemacht wird.

Und als ich aufstehe, bin ich tot. Alles ist taub außer der Schmerz im Nacken- und im Lendenwirbelbereich. Kein Erbrechen, kein Fieber mehr.
Nur dumpf drückende Masse hinter dem Gesicht. Schwindelgefühle. Zittern, das nicht aufhört. Wimmern und ein Schrei im Kopf.

Da sind Muskeln, die sich gegen das Erinnern stemmen und glühend heiß gelaufen durch die Haut brennen. Alles nur ein Traum. Erinnern an Fieberhalluzinationen.

Ich sitze vor dem Bett und streichle über ihren verschwitzen Kopf.
Ziehe die Decke noch ein bisschen höher.
Lege Federn über sie.

Es ist Sonntag, der 21. Dezember 2014
die Rosenblätter kranken

Gut, dass ich keins von ihnen bin.

ein Rant über die Sinnsuche im Trauma

Und was hatte dein grauenhaftes Erlebnis für einen Sinn?
Erzähl doch mal.

Ob es Samuel Koch in “Wetten dass…?”, Natascha Kampusch bei Günther Jauch oder “Name von der Redaktion geändert” in einer anderen Bespaßungslücke der Medienlandschaft ist, jedes Mal gibt es dieses Moment, das sich wie eine Blase mit der Frage “Und?” und all den erwartungsvollen Blicken ausnimmt. Dieses “Du bist etwas besonderes, weil dir etwas Besonderes passiert ist”- Moment, das sich in einer “weil mir das in meiner Lebensrealität noch nie passiert ist, ist es etwas Besonderes” – Norm ausdehnt und in einem Schwall rühriger Musik mit Nahaufnahmen feuchter Augen und verschämten Naseputzens platzt.

Ich bin inzwischen an einem Punkt mit meiner (Er-)Lebensrealität, an dem ich für mich verstehe, dass das Krasseste an einem (traumatischen) Ereignis ist, dass sich die Welt weiter dreht und der Lauf der Dinge sich nicht verändert hat, obwohl er völlig neu wahrgenommen wird.

Gewalt, Unfälle, die Auswirkungen der Natur auf uns Menschen haben keinen Sinn.
Sie haben eine Logik, eine Mechanik, die zu verstehen immer wieder versucht werden kann, doch die in sich unbezwingbar ist.

Selbst wenn man verstanden hat, warum Ereignis A auf 30 verschiedene Personen 30 verschiedene Auswirkungen hat, ist Ereignis A immer noch passiert.
Selbst wenn man verstanden hat, warum Ereignis B geschehen ist, ist Ereignis B geschehen.

Ich habe eine Zeit gehabt, in der ich dachte, dass ich an der Gewalt, die mir passiert ist, so kaputt gegangen bin, hätte den Vorteil, von nichts mehr gleichartig kaputt gemacht werden zu können. Außerdem dachte ich, dass es doch ganz gut für mich sein kann, dass ich nun als 28 Jährige viele Dinge, Umstände und Abläufe neu erfasse, mit denen sich andere Menschen völlig selbstverständlich seit ihrer Kindheit umgeben.

Und irgendwann spürte ich, dass ich mit der Suche nach dem Sinn der Gewalt an mir, mit der Suche nach dem Guten in dem, was mir passierte, vor allem eins versuchte: das Auftragen eines Trostpflasters auf einen Schmerz, der so umfassend tiefgreifend und verschlingend ist, dass er schlicht nie “gut”, nie “weg” sein _kann_
Mir wurde nie gewährt so untröstlich zu sein, wie ich nun einmal bin, weil diese Welt, unsere Gesellschaft, vielleicht auch unsere menschliche Natur – was wissen wir denn schon darüber? – auf Lerneffekte ausgelegt ist.

In unserem Sein ist noch viel zu wenig Platz dafür so umfassende Zerstörungen und Schmerzen an uns ohne Beeinträchtigungen oder konkrete Veränderungen zu überleben.
Menschen, wie Tiere, wie Pflanzen, wie unser Klima, reagieren mit Veränderungen.

Wir haben immer etwas von etwas.
Aber wir Menschen, wir müssen auch noch eine Wertung haben. Wir weißwestlichen Menschen müssen sogar noch eine Wertung haben, die mit Vorteilen einhergeht.
Uns dürfen Dinge nicht einfach so passieren.
Die Dinge dürfen nie so sein, wie sie sind, weil es ja IMMER etwas zu verändern gibt. All das Potenzial, all die Kraft, all die weltenbeherrschende MACHT.

Wir leben ohne Demut vor dem Lauf der Dinge und der Ohnmacht, die er mit sich bringt. Deshalb stellen wir Personen, denen dann doch einfach so etwas passierte, weil es eben passierte, die Frage nach dem Sinn und helfen ihnen bei der Sinnsuche im Trauma, statt ihnen zu sagen, dass ihr Schmerz, ihre ganze universelle und nicht in dieser Welt verankerte Untröstlichkeit, im Hier und Jetzt einen Platz haben darf; dass all der furchtbar tiefe Schmerz mitgetragen werden kann.
Auch dann, wenn es darum geht anzunehmen, dass man sehr wohl immer wieder die eigene Zerstörung spüren kann oder darum, dass eine Kindheit und Jugend wirklich nachzuholen, nicht möglich ist.

kleines Dings- großes Kino

Dass es ein Film sein könnte, fiel mir auf, als ich die Hände abwehrend vor mein Gesicht hielt und es spürbar besser wurde. Hinter dieser Händewand kann nichts sein, das mir das Gefühl macht einen viel zu kleinen Kopf zu haben.

PingPingPing Jäckpot! Sie haben ein Ticket in erster Reihe gewonnen. Gezeigt wird ihnen nichts- aber glauben sie mir- es wird sie überwältigen!

„Danke nein“, dachte ich, „Ich mache mir einen vorbildlichen Tee, atme nach Übungsschema, rede mir ein wahnsinnig groß zu sein. Vielleicht hänge ich mich ein bisschen aus dem Fenster und tue so, als ob der Blick direkt herunter, der Blick zu meinen Füßen sei. Ich kann echt nicht jeden Tag so verdissen.“.

Irgendwann später spürte ich, dass es mir plötzlich grundsätzlich wieder gut ging. Keine Schmerzen, kein Druck unter den Augen; Nase und Hals schleimfrei, vom Zahn nur ein sachter Restdruck.
Dafür ein Gedanke, der in seiner Mächtigkeit fast an eine Erinnerung herankommt und sich doch meinem Be-Greifen entwindet.

Ich brauche eine bessere Strategie. Vielleicht eine andere Schmerzmittelversorgung. Vielleicht muss meine Gemögte doch ein bisschen hier schlafen.
Vielleicht kriege ich mich auch endlich einfach mal ein, verdammt Axt.

Es ist doch nur ein winzig kleiner Zahn. So ein klitzekleines Gnupsdings aus „hart“ mit Autschn drin, das sich hier aufführt wie Käpt’n Iglo auf Landgang.

Schmerzkunst2Ich kann mich so schwer konzentrieren und pendle zwischen dissen, schlafen, geikeln und Wörter auf die Blogmaske schmeißen. Zwischendurch das sabbertriefende Ententier von NakNak* vom Bein pflücken und zum Spielen benutzen. Tee kochen, kalt werden lassen, einen Schluck trinken und den Nächsten aufsetzen. Den Abwasch betrachten und froh sein, dass kein Sommer ist. Den Kakaobecher eines Kinderinnens umstoßen, Angst haben und darüber nachdenken, was schlimmer ist: Die Umweltzerstörung durch dieses hübsche Küchenpapiergeschenk oder der Angstpuls, der durch den Kiefer jagt und den Hals wieder verengt.

Hallooohooo Filmfestival
Gucken, ob
die Sommers schon einen weiteren Film geschafft haben.
Gute Gedanken hinschicken. Schadet ja nie und wo man schon mal dabei, ist gleich noch überall da hin, wo es gerade aus unterschiedlichsten Gründen eventuell noch ängstlich, traurig, schmerzerfüllt pochen könnte.

Der Wecker klingelt.
Erlaubnis für eine weitere Schmerztablette und die Hoffnung auf ein Zeitfenster, in dem Schlaf gehen könnte.

Das mit dem Kriegen und Einkriegen dann, wenn die Wirkung wieder nachlässt.

Tag mit Zahnschmerzen

Plätschern„Ich glaub, die Kariusse und Baktusse graben einen Tunnel aus ihrem Zahnhaus raus.“, sie sitzt im Schlafanzug in der Höhle, streichelt NakNak* über den Kopf und spricht ins Telefon.
Sie erzählt der Gemögten die Geschichte von dem Bullergeddo, das Karius und Baktus, wie dereinst die Siedler von Catan, in unserem Mund errichtet haben. „Mit Spielplätzen und Gärten, wo Gemüse wächst für die ganzen Kinder auch noch!“.

Übertreiben kann sie. Ihre Vermeidungstänze sind immer so besonders kreativ aufgebläht. Haarscharf an der Grenze zwischen ehrlich und tonnenschwer aufgelockert weg, von dem was ist.

Zahnschmerz ist ein Schmerz am Kopfinneren. Einer, der nicht von Schonhaltung oder Anpassungsverhalten weggeht.
Das ist ein Schmerz, der uns mit Leichtigkeit in Ohnmachtsgefühle schmeißt und dort auch hält, bis er weg ist.
Aber Ideen sähen und Welten pflücken kann sie noch.

„Konntet ihr ein bisschen schlafen letzte Nacht?“, fragt die Gemögte. Aus meiner Ecke, etwas von ihr entfernt, schaue ich die Kleine fragend an. Sie schüttelt mir den Kopf zu und sagt: „Ich weiß nicht genau.“.
Sie schweigen.

Im Dunkeln hocken Augen und Schreie, die rausquellen, wenn man sie zu lange anguckt.
NakNak*s Herzchen puckert unter der Hand der Kleinen.

Sie will raus. Stößt sich den Kopf. Hat vergessen, dass sie auf einem Auge blind ist. Taumelt kurz gegen den Schmerzschatten, fängt sich kurz vorm Fall und hopst auf einem Bein weiter. „Wie ein Clown“, denke ich. „Das soll so.“, sagt mir ihr ernster Blick.

„Wann geht ihr wieder zur Frau Doktor?“
– „Üüüühmmmmm ich glaub, ich weiß nicht genau aber vielleicht in 2 Stunden?“

Kurze komme ich mir vor wie einer dieser unförmigen Teletubbies, der ein qieksiges „OhOooh!“ in die Kamera quäkt, als mir klar wird, wie lange ich jetzt gerade schon nebenaußer mir herumschwebe, ohne etwas dagegen zu tun.
„Seid ihr schon angezogen?“
„Schon mit NakNak* unten gewesen?“
„Haben schon alle ihre Wachmacher gehabt?“
„Zähne geputzt, Haare gekämmt und Gesicht gewaschen?“

Jetzt prasseln ihre Fragen, überfordern die Kleine und ziehen an mir wie eine Angelschnur. Ich überlege, ob es sinnig ist zur Schmerzprüfung (harrharr) zur Zahnärztin zu gehen und mir vorher die Höchstdosis Ibuprofen in den Kopf zu schmeißen. Es ist erst morgens- der Tag wird sicher sehr lang… Mir fällt die Junkiedenke auf und ich schwanke schon wieder.

„Hey- äh- kannst du mir grad mal bitte sagen, dass ich auch wenn ich heute Abend noch richtig schlimme Schmerzen haben sollte, eine Möglichkeit habe irgendwas dagegen machen zu können?“
Sie sagts. Verspricht mit uns in die Notaufnahme zu fahren, wenn es gar nicht anders geht. Sagt, dass es okay ist. Sagt, dass ich okay bin.

Sagt, dass ich die Hufe schwingen muss, wenn ich nicht zu spät kommen will.
Wir verabschieden uns.
Verabreden uns für den späten Abend.

Ich springe von einem Punkt zum Nächsten. Bin so bewusst wie möglich, bei dem was ich tue. Keine Schmerzen. Nur Handlung. Nicht ohnmächtig.

14 Stunden später bin ich ein Schemen im Schatten der Höhle, der Fetzen des Gesprächs hört und sich fragt, wie der Tag nun abgelaufen ist.
Dieser Ende- Oktober- Tag mit Zahnschmerzen.