alle sind immer genug

Es berührte mich mit Verspätung und unerwartet. Unerwartet, weil ich dachte, schon alles erfasst, verstanden und ins Außen gebracht zu haben. Aber vielleicht auch nicht? Ich kann mich nicht darauf verlassen und das ist ein Trigger. So offensichtlich wie ein 500 Kilo-Findling auf englischem Rasen. Jetzt.

*

Ich bin sehr froh darum, mit meiner Therapeutin sprechen zu können und einen Raum zu haben, in dem ich von Dingen befreit bin, wie „DIE Wahrheit“, „den Leuten“ oder „DER Normalität“. Ich vergesse manchmal, dass das nicht bedeutet, auch einen Raum zu haben, in dem ich nicht ganz genau darauf achten muss, was wie verstanden wird. In dem ich nicht einfach annehmen kann, dass ich in allen Selbstzuständen schon richtig verstanden werde. Ohne nochmal zu prüfen. Nochmal zu fragen. Und dann nochmal, weil es einfach nicht so einfach ist, sondern viel, komplex, alles.

Manchmal denke ich, dass sie mir in allem voraus ist, weil sie viel schneller als ich versteht oder einfach weiß?, welche Gefühle mit Geteiltem einhergehen. Dann aber gibt es diese Momente, in denen ich merke: Das sind oft Annahmen. Annahmen, die ebenfalls oft passen und wichtig sind und eigentlich ist alles gut damit, aber … es sind Glückstreffer. Glück für mich, weil ich so über die Therapeutin in Kontakt mit mir komme, aber sollte das nicht mehr sein?
Vielleicht nicht. Ich habe für mein Buch so viele Studien zur Kommunikation zwischen autistischen und nicht-autistischen Menschen gelesen, dass ich fast sagen würde: Jo, das ist typisch. Der Großteil der nicht-autistischen Kommunikation fußt auf routiniert getroffenen Annahmen über mehr oder weniger diffuse Reize. Glück ist darin nur, dass es mehr nicht-autistische als autistische Menschen gibt, die miteinander kommunizieren. So fällt es nicht auf. Und wenn doch, kann es jedem passieren. Nicht schlimm. Bis sich herausstellt, dass man (sich) als nicht-autistischer Mensch mit dem autistischen Gegenüber einfach sehr sehr oft nicht (richtig) versteht. Dann wirds anstrengend. Oft zu anstrengend.

Da ist die Gefahr von routinemäßigem Erfolg. Die Gewohnheit, immer richtigzuliegen. Das Sicherheitsgefühl. Die Überzeugung: „Ich weiß schon Bescheid, hier Checkbox 1 bis 5 passt, es kann nur Tor 3 sein, ein Zonk ist nicht dahinter zu erwarten.“ Aber dann ist da einer. Und es ist nicht einfach nur ein Irrtum oder ein Missverständnis, das man einfach ausräumen kann, indem man etwas auf andere Art formuliert oder strukturiert, sondern etwas, das aufzeigt, dass Checkbox 1, 3 und 4 doch nicht passen. Dass es nicht nur um ein Missverständnis geht, sondern um vier.
Ich weiß nicht, wie das für meine Therapeutin ist. Ich hoffe, dass sie Umgänge damit gefunden hat, die sie nicht entmutigen, frustrieren oder an sich selbst anzweifeln lassen. Hoffe einfach ins Tiefblaue hinein, dass sie nicht glaubt, ich könne ihr (ableistisch-) eigentlich besser helfen zu verstehen oder „in Wahrheit“ ja doch alles einfach aufklären.
Das ist nämlich meine Angst. Dass sie meine Fähigkeiten zur Auflösung ihrer Frustration oder Anstrengung in solchen Missverständnissen braucht, um dranzubleiben, aber ich kann sie nicht geben, weil ich wirklich und echt und tatsächlich – like profoundly, bottomline of all – nicht kann. Weder als Hannah, erwachsen, alltagsfähig und voller Bemühen um funktionierende Kommunikation mit dem Außen – noch in kindlichen oder jugendlichen Selbstzuständen, die weder erwachsen, noch in meinem Alltag problemlos fähig sind und in der Regel mehr oder weniger verzweifelt, frustriert, gekränkt, hoffnungslos, ohnmächtig, hilflos, überanstrengt vor den Herausforderungen der Kommunikation mit dem Außen stehen.

In den letzten Monaten waren wir so gut in der Arbeit zusammen. Und jetzt ist da wieder so eine Schleife. Eine etwa 30 Jahre alte in mir und eine, die ich mir als nachhaltig für immer aufgelöste und nie wieder auftauchend gewünscht hatte, in unserem Gespräch. Und vor beidem stehe ich mit so wenig. Kann ich so ganz offenkundig wenig tun, dass es möglicherweise nichts ist.
Ich könnte alles verlieren, denke ich. Alles könnte kaputtgehen. Es hängt alles von mir ab und ich versage. Ich bin schuld. Ich habe es ausgelöst, ohne es auflösen zu können. Wie unbedacht, unvorsichtig, dumm kann man sein. Ich habe nicht anders verdient, als dass alles kaputtgeht. Ich habe nicht genug getan. War nicht eindeutig, nicht eindeutlich genug. Bin einfach nicht genug. Das ist die nächste Schleife. Meine schöne Coping-Strategie aus autopoietischem Selbsthass, um bloß nicht zu viel Raum für die Möglichkeit entstehen zu lassen, dass es vielleicht natürlich, logisch, einfach so ist, dass man dann nicht viel tun kann. Oder auch nichts.

Neulich habe ich meinen ersten Wildunfall mit dem Auto gehabt. Ich habe einen Sperling angefahren. Sah ihn im Rückspiegel noch auf der Fahrbahn wild flattern, doch als ich umgekehrt war, hatte ein anderes Auto ihn schon totgefahren. Tagelang hatte ich das Bedürfnis, nochmal in die Situation zu können. Vor ihm abgebremst zu haben, sofort angehalten zu haben. Ich hätte ihn hochnehmen können – mich hätte das andere Auto nicht überfahren. Ich hätte ihn retten können, konnte aber nicht. Ich konnte in dem Moment noch nicht und ich kann jetzt nicht mehr. Es ist passiert und für immer so wie es war. Schlimm, traurig, tödlich, unbeabsichtigt.

Miss- und Unverständnisse erlebe ich nicht so selten wie Wildunfälle, aber ihre Wirkung in Bezug auf meine Ohnmachtsgefühle sind sich sehr ähnlich, nämlich traumanah. Ich denke mich darin automatisch ganz allein. Allein verantwortlich, allein betroffen, allein gelassen. Obwohl das nur in Bezug auf die traumatisierende Situation stimmt.
Ich kann durchaus sehen, dass ich nicht alleinverantwortlich für die Kommunikation in der Therapie bin. Dass ich schon getan hab, was ich konnte, weil ich mehr nicht kann. Ich weiß, dass es nicht meine Aufgabe als Patientin ist, passend für die Therapeutin oder das Therapiekonzept zu sein. Aber die Konsequenz dieses Wissens ist, dass ich etwas von meiner Therapeutin erwarten könnte. Und das macht mir Angst. Wieder irgendwas Traumanahes. Die nächste Kaskade, die mich erniedrigt, allein, weil da die Gefahr besteht eine Möglichkeit ist, dass unser Kontakt nicht nur für mich mit Anstrengung, Arbeit, dem Stoßen an Grenzen des Könnens verbunden ist, sondern auch für sie. Ich sie also nicht geschützt, nicht bewahrt, nicht verschont habe zu empfinden, was mich so oft im Leben schon gequält hat. Als wäre das etwas, das ich könnte. Das irgendwer könnte.
Kurz bin ich in dem Gedanken, dass der Kontakt mit mir einfach immer schwer ist. Immer anstrengend und viel. Wie unfassbar leid mir tut, dass es mich überhaupt noch gibt, obwohl das doch niemand wollen kann. Niemand kann doch wollen, dass so eine Belastung weiter besteht. Ich merke, wie es an mir zieht, das zu beenden. Aus dem Kontakt zu gehen, die Therapie zu beenden, meine Campingausstattung zusammenzupacken und wegzugehen. Fernwandern. Raus, weg, vielleicht plumpse ich unterwegs in eine Gletscherspalte oder werde von einem Problembären gegessen. Mutter Erde knows best how to manage Ballastexistenzen, darum brauche ich mich dann nicht mehr kümmern.

Da ist sie also. Die Gewalt, die ich mir selbst antue, um meine Gefühle der Trennung kongruent zur Situation zu machen. Gewalt kann das einfach so gut. Trennen, spalten, dissoziieren. Das funktioniert so zuverlässig.
Aber das ist nicht, was ich will. Für kurz war es jetzt aber vielleicht wichtig.

*

Vielleicht muss man den Trigger manchmal ganz durchfühlen. Bis zum Schluss durchmachen – so weit, bis man wirklich kurz davor ist, die Koffer zu packen oder sich das Leben zu nehmen, um leichter an den Punkt zu kommen, an dem man sich fragt, was man eigentlich wollte. Ob man das wollte – getrennt sein von allen und allem – oder doch etwas anders. Was man sich (noch) nicht zu wünschen traut, erlaubt oder zu wünschen aushalten kann. Oder, was (möglicherweise nur jetzt gerade in diesem Moment) einfach noch nicht funktioniert. Oder insgesamt unmöglich ist, aber nicht unersetzbar.

Ich wünsche mir, dass meine Therapeutin mit mir im Kontakt ist. Nicht mit Ideen von mir, die sie sich macht, weil sie Annahmen folgt, die sich aus Begriffen entwickeln, die wir unterschiedlich mit Bedeutung füllen. Wenn wir das hinkriegen (und wir haben das schon hingekriegt), dann fühle ich mich verbunden mit ihr. Nicht allein. Nicht getrennt. Sehr eindeutlich anders als traumanah. Das will ich. Das will ich nicht kaputtmachen, nicht verlieren. Das würde niemand verlieren wollen. Niemand hätte es verdient, das zu verlieren. Egal, wie viel oder wenig sie_r dafür tun kann. Alle sind immer genug für Kontakt, Beziehung, Verbindung.
Alle sind immer genug.

der Perfektionismus – #AutismAcceptanceMonth

Perfektionismus gilt als Persönlichkeitsmerkmal, das mit (extrem) hohen Leistungsstandards und Ansprüchen an die (soziale) Umwelt einhergeht. Viele autistische Menschen werden als perfektionistisch bezeichnet oder als solche gedacht. Vor allem, wenn es darum geht, ihnen zu vermitteln, dass ihre Ziele, Wünsche oder Ansprüche die Grenzen der (sozialen) Umwelt berühren oder brechen könnten.

In solchen Situationen wird nicht gesagt: „Du möchtest zu viel von mir“, „Du überforderst meine Möglichkeiten“, „Du willst etwas Unrealistisches“ sondern „Du bist perfektionistisch. Wärst du nicht, wie du bist, dann hätten wir hier kein Problem.“ oder „Dein Perfektionismus verzerrt deine Wahrnehmung der Realität – du bist nicht fähig richtig einzuschätzen, was richtig ist.“
Es passiert also eine Situation, in der eine Person die Deutungsmacht über die Situation an sich nimmt und die andere Person als nicht nur in ihrer Veräußerung, sondern auch in ihrer Persönlichkeit (ihrem Sein) falsch einordnet.

Perfektionismus ist meiner Ansicht nach ein Schutz- weil Verteidigungsmechanismus.
Wer sich stets und ständig 100 von 100 möglichen Punkten reinholt, stets und ständig alles und immer richtig macht, senkt das Risiko als Fehlerquelle wahrgenommen und abgelehnt oder ausgegrenzt zu werden. Perfektionismus ist ein Verhalten, das viele Menschen besonders in gewaltvollen Kontexten erlernen und einüben, weil es auch ihr Risiko der Verletzung (der Lebensgefahr) senkt. Es kann wie jedes andere Verhalten so lange eingeübt werden, dass es als genuiner Teil der Persönlichkeit, des Seins, eines Menschen erscheint und auch von den betroffenen Menschen selbst irgendwann nicht mehr als Reaktion, sondern als aktives Handeln aus sich selbst heraus empfunden wird.

Ich für mich selbst bin nicht perfektionistisch. Ich bin fixiert auf Vervollständigung und das ist ein Unterschied, den ich immer wieder deutlich zu machen versuche. In der Regel mit mäßigem Erfolg. Möglicherweise, weil ich Gewaltopfer war und man meine Selbstaussagen deshalb nicht ernst nimmt, möglicherweise aber auch, weil sich der Vorwurf von Perfektionismus in unserer Gesellschaft besser als (kommunikative) Waffe eignet.

Ich bevorzuge Vollständigkeit, weil ich mich darin leichter und weniger energieaufwendig zurechtfinde.
Meine Selbst- und Umweltwahrnehmung ist fragmentiert, also unvollständig. Was ich nun sowieso jeden Tag mehrmals machen muss, ist die Eindrücke von meiner Umwelt und mir zu verbinden, um ein (annähernd) vollständiges Bild davon zu erhalten, was (mir) passiert ist und wie der Status des Kontextes ist, in dem ich mich befinde, um eine (annähernd) korrekte Einschätzung darüber zu bekommen, wie ich mich wann wem gegenüber und warum verhalten könnte.
Diese ständige Vervollkommnungsarbeit wird mir erheblich erleichtert, wenn sich Menschen konkret ausdrücken, spezifische Sprache verwenden und mir eindeutig klargemacht wird, welches Verhalten oder auch welche Leistung von mir erwartet wird. Es hilft mir auch, vergleichsweise wenig Varianz in meiner Umwelt zu haben und so wenig wie möglich Abweichung kompensieren zu müssen. Wenn etwa Geräte genau nach Bedienungsanleitung verwendet werden können oder die Räume, in denen ich öfter Zeit verbringe, nicht immer wieder umgestellt oder neu dekoriert werden.

Ich brauche im Alltag mindestens eine Ahnung von der Vollständigkeit der Dinge und Kontexte um mich herum, damit ich mir bestimmter Dinge sicher sein kann. Dabei geht es nicht darum, dass ich mich sicher fühlen möchte, denn dieses Gefühl konnte ich bisher noch nie irgendwo wirklich vollständig herstellen. Es geht um Vorhersehbarkeit und um Klarheit darüber, wie umfassend ich auf meine Schutzmaßnahmen zurückgreifen kann. Also wie und womit ich mich verteidigen bzw. schützen kann.
Seit ich mir diesen Wunsch als legitimes Grundbedürfnis anerkannt habe, statt es weiter als perfektionistische oder traumabedingte Verzerrung meiner Realitätswahrnehmung und deshalb falsch, irrelevant, krankhaft, nicht zuverlässig … zu sehen, schaffe ich es, mir Kontakte und Räume zugänglich zu machen, in die ich vorher praktisch ausschließlich in mehr oder weniger stark dissoziierten Zuständen gehen konnte. Grundbedürfnisse gehören zum Leben. Wer sie nicht achtet, stirbt. Da kann man noch so perfekt die Realität gesehen haben.

Meine Vollständigkeitspraxis ist im Allgemeinen logisch.
Dennoch vervollständige ich (gleichermaßen logisch durch die inzwischen 37 Jahre lange Praxis dessen) zuweilen auch Dinge, die keiner Vervollständigung bedürfen oder nur unter unnötigem Energieaufwand oder auch nie zu vervollständigen sind. Zum Beispiel abgeschnittene Dekormuster. Wegplatten. Die Gespräche von Komparsen in Filmen. Geschirrsets. Serien, die ohne Finale eingestellt wurden. Ich bin mir dessen bewusst, habe Gefühle dazu, kann sie aber auch wieder ziehen lassen, wenn ich die Gründe dafür nachvollziehen kann.
Außerdem genieße ich geometrische Vollständigkeit, die mit Symmetrie einhergeht, sehr, weil sie mir als einziges visuelles Stimming ermöglicht, das in der Regel nicht sozial unerwünscht ist. Scheinbar gibt es hier eine Schnittmenge mit den meisten Menschen.

Vollständigkeit ist kein Synonym für Perfektion.
Zu vervollständigen kann eine Beschwichtigungsgeste sein, weil es (berechtigte) Ängste vor Fehlern oder Mängeln gibt. Ich habe die letzten mir fehlenden Staffeln „Emergency Room“ aber nicht gekauft, weil ich Angst davor habe, dass mein DVD-Regal scheiße aussieht, wenn eine unvollständige Serie darin steht, sondern weil ich weiß, dass ich sie im Kopf immer wieder vervollständige, wenn ich sie sehe.
Jetzt gehe ich daran vorbei, bin froh über die Vollständigkeit

und peste mich, dass die Boxen nicht alle das gleiche Design haben. 😅

der Himmel ist über den Lebenden

Der Himmel beginnt, wo die Erde aufhört. Kannst du das fühlen?
Wie deine Füße die Erde berühren, aber nicht die Erde sind.
Wo du dich mit dem Planeten verbindest, ohne ein Teil von ihm zu werden.
Wie leicht es ist, den Kontakt herzustellen.
Du musst nichts Besonderes machen, merkst du das?
Fühl mal, wie das einfach passiert.“

Ich höre ihnen zu. Spüre, wie sie spüren. Wie sie sich der Welt versichern und ineinander halten. „Sie sind frei beweglich“, das hat die Therapeutin stark betont. Ich bin steif und wund. Sitze im Zug nach Hause von einer Stunde, die so schlimm entgleist ist, wie lange nicht mehr. Ich habe keine Angst mehr, aber die Angst hat mich. Schrille Todesangst. So hochfrequent, dass sie kein heftiger Ausschlag ist, keinen Krater schlagend in mir wirkt, sondern wie eine gleißende Schnur alles durchdringt. Alle Energie ist in der Angst. Da ist nichts mehr übrig, um zu sagen: Ich habe Angst. Nichts mehr, um zu weinen, nach jemandem zu greifen, die Augen zu öffnen und Trost in der Omnipräsenz des Himmels und der Schwerkraft zu finden.

Es ist vorbei, sage ich mir am ersten Bahnsteig. Die Therapie. Ich stecke meine Nase in eine der Bäckertüten. Der süße Duft des Brotes krabbelt in mich hinein, bis ich nicht mehr einatmen kann. Als zwei junge Menschen auf mich zukommen, greife ich nach meiner Maske. Fühle die Scham, wie einen Sog in die Tiefe. „Do you speak English?“ Ich nicke und werde zum Streckengeleit. Sie kommen aus der Ukraine. Wollen nach Bremen. Die Bahn hat viele Baustellen und Verspätungen. Wir setzen uns zusammen. Sie sind tief müde, ich blute aus Wunden, die niemand sehen kann, der Zug fährt durch den Sonnenschein.

Auf der letzten Etappe wird eine 3G-Kontrolle angekündigt. Ich frage die beiden Menschen, ob sie die Corona Warnapp kennen, ob sie einen Test gemacht haben oder einen Impfnachweis besitzen. Nein, nein, nein, scheiße. Sie sind Schwarze Menschen. Die Angst, die bei den Worten „checking your verification“ in ihnen hochkriecht, ist ein Sturm, der nur von ihrer Haut bedeckt wird. Ich sage, dass meine Station gleich kommt, dass ich aber bleiben kann, wenn sie meine Unterstützung in der Situation wollen. Sie sagen ja, ich bleibe. Warte. Schreibe an meine Kolleg_innen, ob sie wissen, ob geflüchtete Menschen 3G erfüllen müssen, um zu einer Unterkunft zu kommen. Schreibe dem Partner. Warte. Die Unruhe zieht mich leer, bis ich ins Handeln falle.
Ich laufe den Kontrolleuren in die falsche Richtung entgegen. Der Krach im Zug ist wie ein Meer ohne Oberfläche. Als ich zurückkomme, palavert ein Coronaclown unsinniges Zeug mit einem anderen Coronaclown. Zum ersten Mal seit Pandemiebeginn ist mir so jemand in meiner Umgebung nützlich, denn sie werden sich nicht beschweren, wenn zwei Leute neben ihnen möglicherweise nicht geimpft oder getestet sind.

Und dann läuft alles ganz unspektakulär. Der Kontrolleur schickt seine Sicherheitsleute weiter und sagt mir, dass er eine Ausnahme macht, bevor er, ohne das Wort an die beiden Leute zu richten, weitergeht. Ich übersetze, teile meine Nummer und die Masken, die ich heute nicht mehr brauche. Wir trennen uns an meiner Station, ich wünsche ihnen alles Gute, ohne jede Vorstellung, was das sein könnte.

„Der Himmel ist alles, was du fühlen kannst, wenn du einfach so dastehst.“
„Sterben wir alle?“
„Ja. Und jetzt leben wir, merkst du das?
Der Himmel ist über den Lebenden.“

Fundstücke #78

„Kalte Wärme“ will ich es nennen, tatsächlich ist mir aber nur warm unter meinem morgenkalten von Radfahrschweiß feuchtem Körperspeck, den ich eingeschlossen im Bahnhofsklo trocken tupfe und dann in frische, zivile Kleidung stecke.
Wir sind zum Bahnhof geradelt, das sind 18 Kilometer. Es war neblig, feucht, kühl, wundervoll. Dort angekommen sahen wir die Zugausfälle und hörten außer den Durchsagen: nichts. Ok, das stimmt nicht, aber es tat nicht weh und so hört sich das Restnichts eines Bahnhofs ohne ständige An-, Ab- und Durchfahrt für mich an. Schmerzlos.

Ich twittere das und registriere dann den Gedanken, dass das vielleicht zu intim war. Danach, dass diese Einschätzung einer alten Perspektive entspringt, die nie genauso zu meinem Alltag gehörte. Ich werde nicht ständig beobachtet und beurteilt. Niemand teilt mir zu, wo ich anfange, ob und wenn ja bis wohin meine Intimsphäre reicht und wenn ich etwas von mir mit.teile, dann ist das prinzipiell in Ordnung, denn ich bin keine Ressource, die jemandem gehört.
Später frage ich mich, ob es an meinem PMDS liegt, dass mir so scheiß egal ist, wer diesen Gedanken hatte und wieso. Ob ich gerade brutal vermeide und zarte Versuche von Kinderinnens und – Jugendlichen, sich ein Bild vom Heute, meinem Heute, zu machen zerschmettere – oder daran, dass diesem Gedanken, auch diesem fremdvertrauten Kindergefühl der ständigen Beobachtung, Kontrolle, Überwachung, eine Angst zugrunde liegt, auf die ich einfach keinen Bock habe. Like: Wirklich keinen Bock, keinen Nerv, keine Zeit, weil mein Heute tausend andere, viel nützlicher mit Angst befühlbare Dinge enthält.
Und ja, weil ich meine Angst nutzbar haben will. Es ist meine Angst, mein Schmerz, meine Gefühle, meine Gedanken, alles meins und ich kann mir aussuchen, was ich damit anfangen will. Manchmal nur theoretisch, fein, aber meistens auch praktisch.

Ich hatte immer Angst vor meiner Angst, weil sie der Grund für viele Kontrollthemen in meinem Leben ist. Entweder ich musste kontrolliert werden, weil ich Angst hatte oder weil ich „allen“ Angst gemacht habe. Mich als Behältnis, als Quelle der Angst zu kontrollieren war der Umgang, der irgendwie immer möglich war, die Nutzbarkeit meiner Angst eine Idee, die ich erst umsetzen konnte, als ich begriff, dass ich dieses hin und her aus Angst für mein ganzes Leben hielt, statt einen Teil davon. Einen nutzbaren Teil. Einen von mir für mich nutzbaren Teil. 

Ja, da wäre ich nie hingekommen, hätte ich mich meinen Kinderinnens und Jugendlichen immer so gewidmet, wie ich das jetzt mache. Abwehrend, abwertend, ungeduldig, vermeidend. Aber ich frage mich auch, warum ich mich ihnen widmen soll, wenn sie sich auch mir widmen könnten. Besonders, wenn sie schon wissen, dass sie Kinder in einem Erwachsenenleben sind. Dass 2021 ist. Dass heute ein anderes Heute ist. Denn durch dieses Wissen treffen sie eine Entscheidung, wenn sie in ihrem früheren Erleben bleiben. Jedenfalls theoretisch. Dass das viel mit Gewohnheit, Unbewusstsein und einem unfassbar großen Lernprozess zu tun hat, weiß ich auch. Aber.
Wer sich mir in den Kopf und in die Gefühle hängen kann, um mein Überleben zu retten, obwohl es nicht mal im Ansatz gefährdet ist, kann sich mein Leben auch angucken und checken, dass alles anders ist.

So wie S., der sich im Zug neben mich setzt und so etwas wie Gedanken wie ein Echolot an mich richtet, um zu prüfen, ob immer noch alles ist, wie beim letzten Mal: Alles ok.

die Vermeidungsgewohnheit

Vielleicht hat sich nur das Level verändert, denke ich und kratze mit dem Kamm über meine Kopfhaut.
Die Vögel zwitschern, ein Laster kreischt am Haus vorbei. Mein Kaffee steht in der Küche, zwischen dem Morgen und mir klebt ein Nachtschlafrest wie Wundgaze. Ich versuche zu verarbeiten, was ich am Abend bemerkt hatte. Versuche zu denken, dass das schon immer da war, nur noch nicht verstanden.
Diese Arbeit durch den Gedanken, nicht allein im Schlafzimmer zu bleiben. Diese eine spezielle Anspannung im Bauch, in der Brust, um die Ohren, weil jemand kommen könnte. Bis ich einschlafe. Vor Erschöpfung.

Vielleicht ist es eine Angstgewohnheit, denke ich. Wie die, dass das Auto explodiert, wenn man einen Unfall hat oder die, dass man im Tunnel stecken bleibt. Oder die, dass man geschlagen wird, wenn man eine falsche Antwort gibt oder am Tag immer nur ein Mal um etwas bitten darf, weil man sonst des Kontaktes nicht mehr würdig ist.
Vielleicht wurdest du misshandelt und das schutzlose Liegen, im Dunkeln, erschöpft vom Tag, ist ein Trigger, denkt es neben mir. Ein Bild, ein Gefühl, Vogelzwitschern. Unten bellt NakNak* den Freund zur Raison.

Ich lasse es liegen. Weiß, in der nächsten Zeit habe ich niemanden, mit dem ich darüber reden kann. Die Therapie befasst sich gerade mit anderen Dingen, die Selbsthilfegruppe kann im Moment niemand aufnehmen, meine Anmeldung im Selbsthilfeforum war vermutlich eh eine Schnapsidee. Und am Ende ist es ja auch schon lange vorbei.

Maskenpflicht und Todesangst

Maskenpflicht.
Finden wir gut, wichtig, überfällig.
Und anstrengend, überfordernd, triggernd.

Für uns gibt es an der Stelle keine Diskussion. Kein “Ich will eine Ausnahmeregelung für mich, weil…” versus “Es muss auch andere Wege geben.”, denn es gibt andere Wege und in Kombination mit einer allgemeinen Maskenpflicht steigert sich deren Effizienz.

Ein Problem, das ich habe, ist, dass wir Gewalterfahrungen gemacht haben, an die wir erinnert werden, wenn wir etwas im Gesicht haben bzw. haben sollen und andere Leute uns dabei anschauen.
Und Asthma. Das obendrauf.  Jede Irritation der üblichen Atmung (die schon nicht “normal” ist, weil Asthma zu chronischer Hyperventilation durch unbewusste Anpassung der Atmung an die Erkrankung führen kann) bringt uns aus dem Tritt und damit einen Schritt näher an eine Attacke oder die Überblähung.
Und widersprüchliche Informationen. Hier lese ich dies, hier lese ich das, der Freund, der Krankenpfleger war, sagt jenes und draußen im Laden, auf der Straße passiert noch ganz anderes.
Und Autismus. Die Pandemie hat unsere Wochenroutinen zerstört. Wir brauchten und brauchen Zeit, um das zu realisieren und zu prozessieren. Und Kraft, um neue Routinen zu entwickeln, die sich nicht unsicher anfühlen, weil sie ja nur einen Übergang schaffen. Für uns ist die Pandemie aber eigentlich kein Übergang, sondern der Anfang von etwas Neuem, auf das wir uns nicht vorbereiten konnten, zu dem wir uns nicht entscheiden konnten, das wir in seinem Umfang und seiner Bedeutung für uns noch gar nicht erfassen können. Wir müssen uns davon lösen anzunehmen, dass wir bald wieder montags in der Schule Bücher binden und abends die Therapeutin sehen, dienstags mit C. arbeiten, beim Bäcker “unser Brot” kaufen und ein süßes Teilchen essen, während wir mit NakNak* auf dem Schoß im Zug nach Hause sitzen. Das ist alles vorbei. Es wird so sehr lange nicht mehr passieren. Selbst dann nicht, wenn alle schon fertig sind mit Lockdown und Abstand halten. Wir werden zu den letzten gehören, die sich ohne Ansteckungssorge in Bus und Bahn, Supermarkt oder Arztpraxis begeben können. Jetzt ist alles anders. Wir müssen uns daran anpassen und das kostet uns Kraft.  Der Übergang ist eigentlich nur die Zeit, die wir brauchen, um das zu akzeptieren.

Wir schauen uns deshalb genau an, was wir warum wie verändern sollen. Letzte Woche war eine Maske zu tragen noch freiwillig, jetzt soll es eine Pflicht sein. Wo die Masken für alle herkommen sollen, ist unklar. Zu lernen wie man eine Maske richtig und sicher trägt, pflegt und desinfiziert, gehört nicht zur Pflicht, wird auch nicht breit kommuniziert. Für mich sieht das nicht effizient aus. Eher wie etwas, das mir Kraft wegfrisst, die ich zum Ausgleich der Folgen der Ineffizienz brauche. Auch wie etwas, mit dem weiterhin konsequent zwischen “gesund” und “krank”, “arm” und “reich”, “be.hindert” und “be.hinderungen problemlos kompensieren können”, getrennt wird.

Es sieht mir auch nach etwas aus, das meine Probleme der Anpassung individualisiert und damit auch alle Verantwortung und weiter auch Schuld für mögliches Scheitern und dadurch eventuell entstehende Gefährdung Dritter. Und ja, sicherlich sind all die Dinge, die mir das Tragen einer Maske erschweren individuell – dass es mir schwerfällt eine zu tragen, ist es jedoch nicht. Damit sind aktuell eine ganze Menge Menschen konfrontiert und überfordert.
Es gibt im Moment so wenig, das hilft, sich anzupassen. Sich irgendwie einzufinden. Alle, die ich kenne, wurschteln sich irgendwie da durch, können gar nicht so richtig sagen, was ihnen hilft und was nicht. So oft enden unsere Gespräche mit der Feststellung, dass es ist, wie es ist, wir es akzeptieren und gucken müssen, wie wir durchkommen. Sie enden nie damit, dass wir mehr als symbolisch zusammenstehen müssen. Nie damit, dass man einander sagt, dass man Angst hat zu sterben. Man tröstet sich nicht. Man redet nicht über den Tod und die Angst davor. Immer noch nicht. Man redet darüber, wo man Masken kaufen kann. Dass man eine positive Einstellung haben muss. Dass es anderen viel schlechter geht. Dass man sehen wird, wie sich das alles entwickelt.

Die Angst ist für uns in allem. Unsere Gewalterfahrungen waren mit Todesangst verbunden. Jede Asthmaattacke ist mit Todesangst verbunden. Jeder Routinenbruch ist für uns mit der Angst verbunden, die Welt könnte zerbrochen sein und wir dadurch in Lebensgefahr. Eine Maske, eine Abstandsregel, eine Desinfektionsvorschrift berührt diese Angst nicht, eigentlich lenkt sie nur davon ab, verschiebt den Schwerpunkt der Vermeidung. Man hat einen Gesprächspunkt mehr, durch den man einander nicht sagen muss: “Ich weiß, dass du Angst hast, ich habe auch Angst. Mein Umgang damit ist…”

Wir trainieren uns das Tragen einer Maske jetzt an. Aus Gründen, die weniger mit Corona als damit zu tun haben, dass wir es für eine relevante Fertigkeit halten, eine Maske im Gesicht tolerieren zu können.
5 Minuten-YouTube-Video = 5 Minuten Maske im Gesicht aushalten. Das geht. Die Erinnerungen kommen, mit dem Ende des YouTube-Videos, enden auch sie. Imagination ist nichts anderes als gezielte Dissoziation. Es ist okay, sich durch die Tragezeit einer Maske zu dissoziieren. Es ist okay, Angst zu haben. Die Tragezeit ist begrenzt. Ihr Ende kann man sich deutlich machen, ihren Anfang kann man sich deutlich machen. Man kann kontrollieren, wann und wo und warum man sich ihr aussetzt. Und, ob es das wert ist. Die eigentliche Angst ist immer da. Ob mit oder ohne Maske, die triggert, die Atmung erschwert, den Ausnahmecharakter der Gesamtsituation extrem unterstreicht.

Gegen die Angst hilft nicht, sich gegen eine Maske zu entscheiden oder einfach nicht mehr rauszugehen (wenn man diese Option überhaupt (wirklich) hat). Gegen die Angst hilft nur Beruhigung, durch Sicherheit(sgefühl), durch Versorgung aller Bedürfnisse.
Wie immer.

nichts ist wie sonst

Und dann war die Therapeutin in unserem Büro. Psychotherapie übers Internet.
Ich erzählte ihr, dass wir zum ersten Mal eine Podcastaufnahme neu anfangen mussten, weil ich nicht aus einem Gefühl heraus kam. Sorge, Angst, die Therapie und alles, was wir bisher darin erarbeiten konnten durch die Epidemie wieder zu verlieren. Und darüber natürlich grundfeste Panik, dass wieder alles so wird wie früher. Früher, als Suizidalität normal, Angst und Verzweiflung der einzige Motor für alles war. Sie sagte aus dem kleinen Browserfenster, dass man Erlebtes nicht verlieren kann. Dass das für unsere Gewalterfahrungen genauso wie für die Therapieerfahrungen gilt.
Ein beruhigender Gedanke.

Bis ich heute Morgen aufwachte und keinen richtigen Gedanken fassen konnte.
Ich konnte nicht arbeiten, konnte mir keine Meinung bilden, verwirrte mich selbst mit dem, was ich dann aber doch an halbwegs konsistentem Zeug von mir geben konnte.
Bis ich merkte, dass ich die Pizza nicht abholen konnte, weil mich das Wissen um die Veränderung im Ablauf ängstigte. Bis ich gerade verstand, dass ich innerlich so total verklemmt und verdreht bin, weil sich um mich herum alles verdreht und verklemmt.
Es ist echt nicht viel, was sich für uns verändert. Es ist nur das Einkaufen gehen und dass wirklich dauernd das Handy vibriert, weil uns Leute schreiben und es Arbeitschats gibt. Aber das ist für uns, so in der Form, in dem Rahmen und dieser Unmöglichkeit die Dauer einschätzen zu können, schon zu viel. Und selbst, wenn man daran jetzt etwas ändern könnte, wäre diese Änderung ja auch wieder eine neue Änderung.

Und Ostern. Das auch noch. Auch diese Konstante – weg. Auf ein Mal. Jetzt. JETZT kommt da Kontakt zu den Dunkelbunten zustande. Nach 18 Jahren. Jetzt kommt da an: Dinge sind anders und gelten für alle. Auch DIE. Und klar sind die jetzt panisch. Nicht nur irritiert oder verunsichert. Scheißpanisch. Nicht nur, doch sicherlich auch, weil wir ihnen nicht sagen können, was das jetzt bedeutet. Wie das denn jetzt läuft. Und sie können ja auch nicht einfach fragen oder beobachten, was die anderen machen. Sie brauchen Halt. Und den gibts nicht. Für niemanden. ALLE müssen jetzt durch.halten, aus.halten und diesen Zustand Tag für Tag er.tragen.

Es hilft zu wissen, dass wir nichts anders machen als sonst.
Andererseits machen wir gerade alles anders als sonst. Wir sind keine Einzelperson mit Hund mehr. Wir sind ein_e Partner_in in einem Team. Wir leben uns nach wie vor in einer neuen Gegend ein. Wir wachsen in den neuen Namen rein. Wir haben gerade unser erstes gemeinsames Zuhause mit jemanden angefangen. Nichts ist wie sonst.
Außer der Angst.

die Kinder, das Trauma, die erstaunlich schöne Merkwürdigkeit

“Vielleicht ist es das andere Level der Dissoziation.”, damit beende ich einen Gedankengang, den ich nicht einmal wirklich richtig abgelaufen bin, als ich von der Bushaltestelle nach Hause laufe.
Wir haben die neue Bekannte in der nächsten Kleinstadt besucht. In ihrem Haushalt leben zwei kleine Kinder.
Ich mag den Kontakt, weil er mitteltiefe Gespräche beinhaltet. Die Kinder und ihre Belange unterbrechen uns immer wieder – so kommen wir gar nicht an Abgründe heran, alles kann angefangen irgendwie liegen bleiben und uns später nochmal auffallen und dann mit einem schnellen Abschluss bedacht werden.

Ich fühle mich normal in dem Kontakt. Begrenzt wie andere Menschen auch, bedürftig, wie andere Menschen auch. Das durchgehende Begleiten der Kinder bei der Bedarfskommunikation und ihrer Erfüllung macht bei mir eine Reduktion auf. Nichts ist mehr wichtiger als der Moment. Jetzt muss geklärt werden, ob und wenn ja welche Süßigkeiten gegessen werden. Jetzt muss rausgefunden werden, was das Kleine zum Einschlafen braucht. Jetzt muss mal der Tisch abgewischt werden. Jetzt sortieren wir die Rosinen aus dem Studentenfutter. Jetzt können wir mal über Beetumrandungen und das Anziehen von Blumenkohl sprechen. Jetzt muss ich mal überlegen, ob ich auch was essen muss.
Ich merke, dass es nicht leicht ist, so zu funktionieren. Es ist anstrengend, sicherlich auch zehrend, vor allem über Jahre hinweg. Ich merke aber auch: Ich habe keine Angst. Ich bin handlungskompetent, mein Kampf um Wörter und Sprechenkönnen ist nicht da. Ich bin mir meiner selbst sicher. Ich bin ich und ich bin da.
In meinem Leben gibt es ansonsten keinen Bereich, der dieses Gefühl einfach so in mir auslöst. Überall sonst muss ich mir das erarbeiten, der Dissoziation abtrotzen, mich ganz bewusst in die Selbstwahrnehmung reindrängeln und dran festketten, in der Hoffnung, das irgendwann mit weniger Angst im Backend laufen zu haben.

Im Bus nach Hause dachte ich kurz darüber nach, was unsere Gewalterfahrungen als Kind in diesen Situationen mit uns machen. Sind wir besonders achtsam? Sind wir besonders empfindlich? Denken wir den sogenannten “Missbrauch” der Kinder immer mit? Werden wir stark getriggert? Verhalten wir uns deshalb irrational und merkwürdig?
Ich glaube, ja. Ja wir sind besonders achtsam. Ja, als die Bekannte uns mit dem älteren der beiden Kinder schon mal vor auf den Heimweg geschickt hat, habe ich gedacht: “Ja, und wenn ich jetzt eine Täter_in wäre, wäre das genau der Zeitraum, in dem ich DAS DA mit dem Kind tun könnte.”.
Ja, wir sind besonders empfindlich. Als die Bekannte das jüngere Kind vor uns wickelte, dachte ich an Grenzverletzung, denn es war vor uns entblößt, ohne irgendeinen Entscheidungsspielraum.
Also, ja, wir denken immer mit, dass diesen Kindern passieren könnte, was uns passiert ist und, dass wir die Person sein könnten, die ES tut. Es ist keine Handlungsoption – da springen keine Täter_innenintrojekte in uns auf und wollen etwas tun. Aber ja, wir sind stark getriggert und es springen Täter_innenintrojekte auf und beobachten ganz genau, was da gerade passiert. Was ich tue, was die Mutter tut, wie miteinander umgegangen wird, wie angstbefreit die ganze Situation ist und – und ich glaube, dass ist das Nachlassen der Dissoziation bei uns – wie viele Kinderinnens die Situation auch beobachten. Das ist für uns merkwürdiges Verhalten – für alle um uns herum aber ganz normal.
Ich merke, wie ich mich in Angstkreisel hineinsteigern könnte, weil da ja Täter_innenintrojekte sind und die ja böse sind und ich die ja im Grunde eigentlich abtöten muss, weil sie böse sind und scheiße und und und – das aber gar nicht tun muss, weil es trotz der für mich heftigen Merkwürdigkeit irgendwie doch auch völlig in Ordnung ist.
Sie machen nichts anderes als die (anderen) Kinderinnens und die machen nichts anderes als ich, wir Rosenblätter.
Da passiert nichts Besonderes und das ist total besonders. Für uns alle gleich.

Erstaunlich. Merk_würdig.
Schön.

Oberflächenpsychoscheiß

Es ist weit nach Mitternacht. Ich kann nicht einschlafen. Hab schon geweint, mastubiert, getrunken, in 5 einhalb Stunden klingelt der Wecker zum anstrengensten Tag der Woche.
Bei Twitter retweetet @NetKlar Katrin Weßling und fragt: „Was tut ihr alles trotz Angst-/Angststörung?“. Und ich antworte „weiterleben“ und „Und: Tweets wie diesen stehen lassen“.

In der Küche piept die Spülmaschine. Das Geschirr ist fertig gebacken. Meine Kopfhaut juckt. Noch 5 Stunden bis zum Startschuss. Ich denke, dass mich dieser Oberflächenpsychoscheiß bei Twitter nervt. Bei Twitter und in den Blogs. Bei Instagram, bei YouTube. Symptom-Theater. Nichts weiter. Was machst du trotz deiner Angst? Die 5 peinlichsten Dinge, die mich meine Essstörung hat machen lassen. 10 Dinge, die mir bei der Selbstfindung geholfen haben. Der ultimative Tipp gegen Depressionen und Sucht. Meine Flashbacks sind so schlimm, aber ich bin ein starkes Opfer – meine Top 10 Skills.

Ich denke darüber nach, was ich alles trotz meiner Angst mache und denke, dass ich morgen zur Therapie gehe und etwas sage, das ich letztes Mal nicht gesagt habe. Obwohl ich weiß, dass ich das jedes Mal denke und dann doch nicht tue. Noch nie getan habe. Ich sage nie irgendwas.

Ich habe Angst und lebe weiter. Ganz absichtlich. Und niemandem kann ich begreiflich machen, was das bedeutet, weil es über Überwindung, Mut, Kraft oder Ambitionen und Ziele hinausgeht. Meine Ängste sind nicht meine Ängste allein. Sie sind auch meine Identität. Mein Ichwieichbin. Sie zu übergehen, ist mein ganz alltäglicher Selbsthass. Meine ganz alltägliche Gewaltanwendung mir selbst gegenüber. Das selbstverletzende Verhalten, das ich nie thematisieren kann, ohne eine Ohnmacht zu erzeugen, die unaushaltbar für die Menschen um mich herum ist.

Ich habe Angst und schreibe das hier auf. Hier. Und nicht in einer privaten Heimlichschublade, die ich bewachen und verteidigen müsste, damit sie privatheimlich bleibt. Weil es geht. Weil es eine Spur ist. Weil es zeigt, dass es mich gibt.

Noch 4 Stunden und 45 Minuten.
Was ich alles trotz der Angst mache. Das ist die falsche Frage, wenn man nichts ohne Angst macht.
Es ist eine Frage nach Funktionalität. Es ist Oberflächenpsychoscheiß. Warum hab ich drauf geantwortet.

4 Stunden 38 Minuten.
Damits jemand be.merkt. Irgendjemand.
Vielleicht schreibt irgendwann irgendjemand ja mal einen Instapost darüber. Hashtag mentalhealth staystrong keeponfighting

das Ende ist real

Neulich sah ich ein Video von einem Kolibri, der in einem Blütenblatt badete.
Grad lag ich im Bett und weinte. Meine Tränen sammelten sich in den Ohrmuscheln und ich dachte an Ertrinken. Und wieso? Weil ich mir das angewöhnt hab. Als Trost. Ist alles nicht schlimm, kannst ja sterben. Stress? Nicht schlimm, irgendwann ist ja eh Schluss. Angst? Alles gut, ist eh alles nur auf Zeit. Sorgen? Ohnmachtgefühle? Hilflosigkeit? Alles keine echten Probleme, das Ende ist real. Immer.

Ich bin nicht suizidal. Ich bin auch nicht „high functional depressiv“. Ich bin nur bindungsgestört. Meine Bindung ans Leben ist verkorkst und das hat irgendwie weniger mit den Menschen in meinem Leben zu tun als mit den Begleitumständen.
Immer, wenn ich mich gerade eigentlich ganz wohl fühle, passiert so etwas wie heute abend.
18 Uhr Mail von der Betreuerin. Hallo guten Tag, hier Dinge, die ihnen Todesangst machen. Gute Nacht, bis Morgen. Und meine Ver_Bindung reißt ab, als wäre sie nie gewesen. Vorsichtshalber. Sicherheitshalber. Ich erinnere mich daran, immer aufs Sterben gefasst zu sein. Wie auf Regen oder, dass der Bus vielleicht nicht pünktlich kommt. Das beruhigt mich. Das gibt mir Halt. Das ist so sicher. Tod lügt nicht, Tod irrt nicht, Tod ist weder gerecht noch ungerecht. Sterben ist vielleicht nicht schön, sterben tut vielleicht weh und ist schlimm, aber tot sein nicht. Das ist man einfach und es bedeutet nichts mehr außer sich selbst. Das ist so beruhigend.
Und wie unfassbar schön ist es, dass das Leben so ein klares, eindeutiges Sein in all dem Chaos, dem Prozess und Passieren für einfach alles und alle bereithält?

Ich bin einfach zu schnell überfordert vom Leben. In mir kleinem Rosenblatt kann niemand baden, denn ich breche immer gleich weg. Bin, wenn man so will, vielleicht eher ein Mimosenblatt. Ich hasse diese Eigenschaft. Hasse mich dafür, so zu sein. Denke, dass ich nur das zu bieten hab: Loslassen, Haftung verlieren, Verschwinden. Tot spielen, weil es so gut tut, sich einzubilden, dass all die großen schlimmen schmerzhaften Dinge des Lebens in Wahrheit überhaupt nichts bedeuten. Außer den Moment, in dem sie geschehen.

Andererseits kann ich mir selbst die Ohren vollheulen. Hannah kann das nicht.
Vielleicht ist das auch etwas, das nur sich selbst bedeutet.