Autor: H. C. Rosenblatt

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… und Erwachsene, die vorleben, wie man Grenzen anderer erfragt und erspürt. Die zeigen, wie man sie respektvoll und achtsam aufzeigt, schützt und vertritt.
Sie brauchen Erwachsene, die die Grenzen von Kindern als gleichwertig behandeln.

 

 

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Es war das Wort „Kinderzimmer“.
Erst in einer Therapiestunde, in der es DARUM ging und ich der Therapeutin und einem Innen dabei zugehört habe und dann bei der Anhörung am Freitag nochmal.
In dem Gespräch mit der Therapeutin hatte es mich stutzig gemacht, aber irgendwie Sinn ergeben. Das Innen, das mit ihr gesprochen hat, hatte ein Kinderzimmer. War ja ein Kind. Ist es ja jetzt noch.
Bei der Anhörung fiel das Wort auch und hebelte mich irgendwie neben den Inhalt.

Heute morgen hab ich mich gefragt, wieso und die Antwort kam dann jetzt.
Ich hatte nie ein Kinderzimmer. Ich hatte Wohngruppenzimmer und Klinikzimmer und dann 2-Zimmer-Küche-Bad.

DAS DA ist wo passiert, wo es mich auf mehreren Ebenen nicht gab.
Ich war nie Kind und ich war nie das Kind, dem DAS DA passiert ist. Geschweige denn dort, denn meine Zimmer hießen „die 4“, „im 3er“ oder „das, wo vorher X drin war“. Das entfernt die Gewalt, die da passiert ist, für mich doppelt.

Und da ist es wieder. Das Ding, das dazu verleitet von Vielen zu denken, sie hätten unterschiedliche Realitäten oder Welten in sich. Tatsächlich sind es die verschiedenen Lebensabschnitte, die zu eigenen Er_Lebenswelten werden, weil sie nicht miteinander verbunden und integriert sind.
Ich weiß, dass ich mal ein Kind war. Ich weiß, dass nicht nur den Anderen DAS DA passiert ist.
Aber so habe ich das nicht erlebt. So fühlt sich das nicht an.
Und toll ist das auch nicht für mich.

Man könnte ja denken: „K. die Dancefloorqueen im Vermeidungstanz, ist doch sicher total froh darum“. Aber so ist es nicht. Ich empfinde das als Verlust. Es macht mich traurig, ich habe das Gefühl, dass mir da mehr fehlt als die Erinnerung an eine Gewalterfahrung. Ein Kinderzimmer haben ist ja nicht nur das, was man darin erlebt. Es ist ja auch, was man selbst darin macht und auch, was es für den sozialen Status bedeutet, ein eigenes Zimmer zu haben bzw. ein Zimmer zu haben, in dem man Kinderkram, also eigenen Kram haben kann. Und vielleicht auch irgendwie so etwas wie eine eigene Welt haben kann? Kinderkram ist kleiner als Erwachsenenkram. Bunter. Schriller. Wenn ein Raum damit gefüllt ist bzw. insgesamt an die Bedürfnisse eines Kindes angepasst, dann gibt es nochmal ganz andere Optionen der Selbst_Erfahrung, als in der Welt, in der alles auf Erwachsene (Körper) ausgerichtet ist.

Tja. Dissoziative Amnesie.
Again: Kein ausgestanzter Shit, der ausschließlich das Schlimme wegnimmt.

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Schwierige Nacht, schwieriger Tag.

Nicht das Morgen, das ich mir gestern gewünscht habe. Immerhin: weder die Obst- noch die Salat- oder die Vor-dem-Schlafengehen-Wörter-ins -Blog-tippen-Routine sind daran kaputt gegangen.

Die kleinen großen Dinge.

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3 Dinge, die mir jetzt durch den Kopf schwirren.

Erstens, die Frage der einen Person bei der Anhörung: „Wollen Sie sich eigentlich wirklich daran erinnern? Wie geht man denn damit um?“
Zweitens, die Frage danach, was ich mir denn für meine Zukunft wünsche.
Und Drittens, die Erkenntnis, dass ich, wir Rosenblätter, unerwartet von unserem eigenen Traumading eingeholt wurden.

Zu allem würde ich gerade unheimlich gern alle meine Gedanken aufschreiben, Aber wofür. Ich hab das alles hier schon tausend Mal hingeschrieben. Vielleicht nicht so schmissig wie ich das jetzt, einen halben Liter Cola im Bauch und noch eine Menge Gilmore Girls-Schwung unter der Haut hinfetzen könnte, aber doch eben schon mal gesagt. Und trotzdem schreibe jetzt manches davon auf.

Ich will mich nicht erinnern, ich tus aber dauernd. Und niemals ist es eine Wahl. Eine Wahl ist, die Erinnerung einzuordnen. Sich zu widmen, sie in Bezug zu mir zu setzen.
Es geht mir besser wenn ich zulasse, dass es Erinnerungen sind. Deshalb wähle ich die Arbeit daran, damit, an mir, an meinen Möglichkeiten des Umgangs.
Ich verstehe, wo die Frage herkam. Verstehe auch, dass so einiges im Leben von Vielen so erscheint als gäbe es die Option, dass sich die einen für dies und die anderen für das entscheiden können. Tatsächlich bedeutet Vielesein aber, dass sich immer alle für alles gleichzeitig entscheiden. Selbst dann, wenn die einen etwas machen, was die anderen nicht wollen, so machen die, die es nicht wollen ja eben doch genau das, was die anderen wollen. Weil alle Eine_r sind. Es gibt nie entweder oder. Es gibt immer Leben mit innerem Widerspruch. Mal laut, mal leise, mal mit guten, mal mit unangenehmen Konsequenzen.
Ich will mich nicht erinnern. Aber es erinnert sich. Und mich und die anderen. Ich habe keine Wahl – nur Umgangsmöglichkeiten. Manchmal denke ich, dass das sogar gut ist. Denn wenn es mich zum Umgang bringen kann, dann bringt mein Umgang vielleicht an irgendeiner anderen Stelle irgendwas. Zum Beispiel, dass andere Leute in der gleichen Lage sehen, dass man das überleben kann. Obwohl es sich meistens nicht so anfühlt und der Sache, dem Leben in dieser Zeit, dieser Gesellschaft, auch nicht immer wirklich so richtig doll wert erscheint.

Womit wir beim Zweiten wären. Zukunft.
Sie hat gefragt, was ich mir für mich wünsche und ich hatte meinen ersten Gedanken und dachte, wie scheiße bin ich eigentlich. Was für eine egoistische oberflächliche Person. Ich schreibe das nicht hier auf, werde auch nicht mit jemandem darüber reden, es ist peinlich und bescheuert.
Aber – da war ein Wunsch und er ging über bloßen Überlebenswillen hinaus. Weit hinaus.
Und was bedeutet das? Sind wir im Leben angekommen? Sind wir fertig mit dem Überlebendsein? Bereit für die Phase, in der man nicht mehr permanent am seidenen Faden hängt, weil da einfach endlich mal sowas ist wie Lebens_Raum, in dem man sich selbst an einer Zeitachse entlang verortet und entsprechend irgendwie anfängt sowas wie Visionen für sich zu entwickeln?
Was ist das für eine Zukunft, in die ich uns das reingewünscht hab? Ist das eine, für die sich das alles gelohnt hat? Das ganze Kämpfen ums Über_Leben?

Und schlussendlich: Kämpfen ums Überleben
Es ist spät, gibt jetzt keine Brücke mit Tüll drauf und Schwänen drunter, dieser Aspekt kommt jetzt einfach so. Bumms.
Die Anhörung lief gut, wir haben geredet und wir wurden gehört.
Exakt wie in jedem Hilfeplangespräch, jedem Erstgespräch für eine Therapie, jedem ersten Beratungstermin in den Jahren von 2001 bis 2012.
Wir haben uns eine Über-uns-Reden-Routine antrainiert und wir haben das vergessen. Oder verdisst oder wollten nicht glauben, dass uns das nochmal einholen könnte. Aber es hat und zwar gründlich. Nicht in allen Aspekten, aber es hätte mir früher auffallen können und das ist es nicht.
Ich ärgere mich und jede_r die_r mir hier drunter schreibt oder irgendwann mal sagt, dass ich nicht so einen hohen Anspruch an mich, uns, stellen soll, kriegt von mir Pickel an den Arsch geflucht.
Denn was außer der Anspruch an mich, an uns, soll es denn sein, der uns zu irgendwas hinbringt?

Niemand stellt Ansprüche an uns. Niemand erwartet von uns „gesund“ zu werden. Niemand erwartet so richtig von uns, dass wir „weiter“ kommen. Alle sind immer froh und freuen sich mit uns, wenn wir mal was schaffen. Wenn wir weiter kommen, obwohl nicht so wirklich kommuniziert ist, was das eigentlich konkret bedeuten soll.
Mir kommt es manchmal so vor, als ob der Umstand, dass wir da sind, dass wir noch leben, dass wir in Kontakt gehen und bleiben irgendwie genau das von uns erwartete Optimum ist. Und ja, vielleicht ist das an manchen Tagen und in manchen Aspekten auch alles, was wir erfüllen können und wollen, aber ganz sicher nicht in Bezug auf alles.
An uns werden bestimmte Forderungen einfach nicht gestellt. Niemand erwartet von uns, dass wir bestimmte Dinge einfach mal sagen. Niemand stellt sich hin und sagt: „Ja ja Rosenblatt das ist deine Lebensgeschichte, was ist mit deiner Gewaltgeschichte?“ N I E M A N D und wir sind selber schuld. Beziehungsweise, wir produzieren das selber mit. Seit Jahren. Weil es schützt. Weil es dafür sorgt, dass man neben Erwachsenwerden mit komischer Skandalkrankheit und bizarrer Symptomatik ohne familiäre oder monetäre Sicherheiten inmitten von verantwortungsscheuen und/oder lichterloh brennenden Erwachsenen nicht auch fühlen, „sehen“, spüren muss, was sich da alles mitbewegt, wenn man mehr als „3 Wochen in XY gewohnt, Suizidversuch, Klapse“ sagt.

Wir arbeiten uns seit Jahren daran ab, einerseits unseren Schutz durch unser Rosenblättersein zu behalten und gleichzeitig eben nicht mehr rumzueiern und Dinge auszusprechen. Und gleichzeitig ist da niemand die_r das von uns erwartet. Es ist keine Bedingung in der Therapie, es ist nur klug, es genau hier nicht zu tun, es ist kein Teil irgendeines unserer Kontakte.
Und das ist toll, bitte versteht das nicht als Aufruf, die ihr das lest und ihr wisst, wer ihr seid.
Es ist nur so, dass durch so einen Nichtanspruch auch das Gefühl entsteht, dass es unwichtig ist, was da passiert. Aber das ist es nicht, denn es quält. Es ist da, es will gesagt werden, oft genug ist auch alles dazu da. Wissen, Gedanken, Sicherheit, Vertrauen – das ganze Paket – aber dann fehlt ein Anfang. Oder ein Anfangsatz. Oder Wörter insgesamt. Dann ist da die Dissoziation oder aber – wie jetzt bei dieser Anhörung – einfach keinerlei Alternative zu dem eingeübten Sprechen, von dem man weiß, dass es genug Informationen sind, um einem „keine Anforderungen“-Anspruch gerecht zu werden.

T. hat später am Telefon etwas Gutes gesagt. Nämlich, dass es nicht um Vollständigkeit geht. Ich glaube das ist wirklich gut. Tröstet auch. Nimmt Druck und löst das Gefühl irgendwie nicht gut genug mitgemacht zu haben, weil man andere relevante Aspekte nicht eingebracht hat.
Andererseits ist es  auch wieder ein Keine-Erwartungen-Anspruch, der damit erfüllt wird und damit auch wieder etwas, das mir das Gefühl gibt von mir, von uns, sei ja auch nichts zu erwarten. Nicht mal so etwas, wie die eigenen Lebenserfahrungen in wenigstens annähernder Gänze aussprechen zu können. Nicht mal das.

Und das ist knallbitter.
Denn am Ende dieser Gedankenkette sitze ich da und denke: „Okay, niemand erwartet was von mir. Wieso bin ich hier. Was mach ich das hier. Wozu das alles.“ Die ganze Bindungstraumakette einmal rauf und runter. Suizidmambo Nr. 5.

Und gleichzeitig hab ich jetzt diese Idee bewusst, wie es in einer okayen Zukunft sein könnte. Und den Anspruch an mich, an uns, aus uns selbst heraus genau da zu hinzukommen, wo wir dann sein wollen. Obwohl das niemand von uns erwartet.

Damit jetzt ins Bett. Schlafen für morgen, weitermachen für viele weitere Morgens. Morgene. Zukunft.

 

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Es war schön. Vegane Lebkuchen, Fencheltee und das Gebrabbel eines 7 Monate alten Babys.
Und Themen. Das war toll.
S. ist nett. Offen, klar, respektvoll. Einfach so. Wir teilen wohl viele Themen und wie heftig ist das. Was ist das für ein Zufall, was für eine Realität. Wie schön, wie unfassbar traurig.

Wir können ihren Walzenhäcksler haben. Wir treffen uns bald wieder. Ich freu mich.
Das waren schöne 2 einhalb Stunden.
Und der Bus fährt gar nicht mal so selten von mir zu ihr.

Ich hab fast gar nicht an die Anhörung morgen gedacht.

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„Na wer wächst schneller – ich oder der Kram, der mir versucht über den Kopf zu wachsen?“
Das hab ich heute gedacht und meine Arme ausgeschüttelt. Sich schütteln hilft. Und sieht albern aus. Aber hilft. Irgendwann gibts dazu einen Podcast, im Moment hab ich zu viel zu tun damit, nur ganz wenig zu tun und gleichzeitig alles auf Stand zu halten.

Ich hatte die Woche anders geplant, jetzt wird es doch alles etwas eng. Aber auch aus guten Gründen. Morgen treffen wir genau zwischen zwei 4 Stunden Arbeitsblöcken unsere erste neue Bekanntschaft in der Gegend. Bis jetzt war es ganz nett. Obwohl es auch ein spitzes Moment hatte. Ich hab mich ihr als Hannah vorgstellt. Obwohl ich den neuen Namen hätte benutzen können. Bescheuert, Reflex, Gewohnheit, meeh. Jetzt ist da wieder so ein Awkward-Dötsch an einem Kontakt, wieder etwas, das möglicherweise irgendwann erklärt werden muss.
Aber gut, vielleicht stellen wir ja morgen auch fest, dass es nicht so ein toller Kontakt ist. Vielleicht haben wir später gar nicht so viel miteinander zu tun. Wer weiß.

Erstmal hinfahren. Mit dem Bus. Hier draußen.
Wir stellen uns vorsichtshalber mal 10 Minuten vor der Abfahrtszeit an die Haltestelle.

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U., unsere Buchbinderei-Lehrerin, hat mich gefragt, wie Wien war und später dachte ich darüber nach, ob ich im Blog eigentlich darüber geschrieben hatte. Und konnte mich nicht dran erinnern.
Ich weiß nicht, ob es an den Anstrengungen und der Erschöpfung liegt, dass es mir so fern vorkommt. Das Schreiben ist gerade keine “die Intuition laufen lassen”-Routine, es ist echte Arbeit, richtiges sich an die Tastatur schleifen und alles Wortartige festhalten.

Ich hab mich gefragt, ob ich keine Themen mehr habe, ob die Steady-Unterstützung mehr Druck auslöst, ob die zunehmende Bekanntheit des Blogs mich bremsen. Aber nein, das ist es alles nicht.
Es ist die Redundanz. Ich kotze mich selber damit an, seit Jahren immer das Gleiche zu schreiben und es damit zu banalisieren noch lange bevor andere Leute überhaupt verstanden haben, was ich ausdrücken will oder analysiert habe. Und gleichzeitig – wir müssen hier ja nicht ständig unsere Analysen teilen oder irgendwelche Debattenbeiträge schreiben – ist es die neue Bewusstheit für uns.
Seit wir den Freund im Leben haben, versuchen wir uns vorzustellen, wie wir auf ihn wirken, wie das, was wir tun aussieht, ob es nachvollziehbar ist oder komplett w.irr wirkt.
Uns fallen dabei immer mehr Bereiche im Leben auf, die schwierig sind. Aspekte des Alltags für die wir nicht mehr so umfänglich amnestisch sind und deshalb in ihrer Problematik für uns bewusster werden. Ich weiß, dass es schwer zu glauben ist für manche Leute, die uns hier, zum Teil schon seit Jahren, lesen, aber wir Rosenblätter er.leben vielleicht 25- 40% des Alltags und davon nicht einmal alles direkt im Sinne von “als selbst er_lebt”.
Zu merken, wie viel da noch ist, ist heftig. Das war nie anders und hat eigentlich nie den Schrecken verloren.
Und jetzt merken wir noch dazu, wie viel da noch sein könnte, würden wir nicht so phobisch sein. Wäre unsere Phobie nicht so tief in uns hineingewebt, dass sie wie ein unwillkürlicher Reflex funktioniert.

Da tauchen immer wieder Themen auf, die wir hier gar nicht aufschreiben können, weil es uns wegreißt, sobald wir nur dran denken. Der Abstand ist noch nicht da. Und wenn er mal da sein wird, dann werden wir merken, dass wir wieder im rosenblattschen Analysemodus landen, der uns wieder wie jemand wirken lässt, die_r alles schon durch hat. Das ist unglaublich frustrierend. Und ja auch nicht nie dagewesen.

Wir wollens anders hinkriegen. Machen Dinge anders als sonst.
Das beansprucht uns. Deshalb fallen manche Dinge weg. Zum Beispiel ein Reisebericht oder ein Einblick da hinein, wie das ist, aus “aufgeschrieben” zu lesen und so anspruchsvolle Themen zu bearbeiten, während man allein, im Ausland, schon ziemlich weit erschöpft nach Schulabschluss, Umzug und viel Arbeit, ist.

Es ist Prozess. Mein, unser Frust am Blog, an uns auch. Das alles.
Verdammte Axt.

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Den ganzen Tag hab ich darauf gewartet, irgendetwas Unerwartetes kompensieren zu müssen, also habe ich alles erwartet. Einen alten Schienenersatzverkehrsbus, der NakNak* und mich eine Stunde lang durchschüttelt. Mal wieder eine Zugverspätung. C. mit einem Thema auf das ich nicht vorbereitet bin. In der Schule ist irgendwas gruselig anders. Die Therapiestunde enthält merkwürdiges.
Nichts davon ist passiert, obwohl doch auch, aber nicht so wie erwartet.

Es kam ein kleiner moderner Bus, in dem wir sogar eine Weile die Augen zu hatten und die Sonne auf dem Gesicht und NakNak* auf dem erspürten. Wir waren pünktlich am Zielort, C. war gar nicht da und in der Schule war alles wie immer außer hammergeilen neuen Arbeitstischen. Unbehandelte Massivholzplatten, helles Untergestell, etwas rauh, perfekte Höhe, noch kein einziges Krakel dran. Geil einfach.
Die Therapie war okay. Nicht merkwürdig. Ich war merkwürdig. Obwohl – vielleicht kommt mir das nur so vor. Ich hab mich über mich gewundert, ich kam mir merkwürdig vor. Bin froh morgen wieder zu Hause zu sein, an meinen Sachen arbeiten zu können, einen schönen Auftrag jetzt ganz bald beenden zu können. Ungefähr 120 Kilometer Abstand zu kriegen.

Ach und es ist doch etwas Unerwartetes passiert. Ich hab den Schlafanzug zu Hause vergessen und besitze jetzt lange Thermounterwäsche, die ein neuer Schlafanzug ist.
Gut, dass manche Dinge mit Geld kompensierbar sind.

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Die körperliche Komponente der Erschöpfung lässt nach und macht einem Britzeln unter der Haut Platz. Alles ist langweilig, kaum etwas hält wirklich lange bei der Stange. Und wenn es packt, dann packt es gleich ganz, führt zu Anflügen von Beklemmung und streift zuweilen den Kippschalter zur Angst. Es ist ein unangenehmer Zustand und woanders lang als hindurch gehts nicht.

Ich hab keinen Bock auf Rumgedeute, woran das jetzt alles liegt. Blabla das ganze Jahr bis jetzt bli blubb die ganzen Termine der letzten Wochen, dies das oh und nächste Woche dieses Anhörungsdings – äh ach und sag, ist jetzt nicht auch November tatütataaaa
Bla.
Es ist wurscht. Bringt mir nichts. Erklärt nicht mal was, weil es ja alles ist und sein könnte, aber vielleicht auch nicht. Vielleicht ist grad einfach nur so mal kurz Ende Gelände. Wird eine Nullinie gebraucht, weil wir auch nur ein Mensch sind. Mit einer gewissen Kapazität und der gleichen Chance, wie alle anderen Leute auch, daraus das Bestmögliche zu machen oder wenigstens zu versuchen.

Das Schreiben für das Schreibprojekt fließt immerhin. Langsam, nicht sonderlich gut, aber es kommt. Wenigstens das.

 

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Nightwish. Klapskindjahre. Es ist jetzt 16 Jahre her.
Und dann: wir hier in dieser großen Wohnung ganz allein, der Freund flauscht NakNak* nach dem Spaziergang, wir können hier schalten und walten, wie wir wollen.
Das ist alles be.merk.würdig.

Wie er seine CD’s durchwühlt, die bunten Haare im Gesicht, in meinem Schlafanzug, mein Abendbrot für den Freund und mich auf dem Herd. Er ist älter geworden, hat aufgehört zu rauchen, will im Frühling nicht mehr raus raus raus weglaufen. Seine Spannung ist eine andere als damals und doch noch immer irgendwie verloren. Er beobachtet mich und wackelt den Kopf mit dem Takt der Musik. Wartet auf mein Unbehagen über die Lautstärke. Ich deute auf das Umunsherum und sage ihm, dass auch um dieses Haus herum nicht viel ist. Wir wissen beide nicht, was das genau bedeutet, nur, dass es für jetzt okay ist.

Die Klapsmusik in laut anhören. Das bricht etwas auf, ohne, dass ich sagen könnte was. Es macht einen Unterschied, ob man sich in dem Raum zwischen zwei Kopfhörern versteckt oder eine Wohnung zu eben diesem Raum macht. Zu dem Raum für sich allein.