Schlagwort: soziale Interaktion

“gut gemeint” schützt nicht

Die Betreuerin will nicht mehr unsere Betreuerin sein.
Die Mail, in der sie mit uns Schluss macht, kommt nach einer Nacht, die von Angst und Flashbackrestschmerzen geprägt war. Wir sind nicht arbeitsfähig, hängen mit dem Freund auf dem Sofa, spielen später Phase 10. Während er mischt, lese ich, dass sie am Abend lange darüber nachgedacht hat und es nicht für sinnvoll hält.

Ich verstehe nicht, was sie nicht für sinnvoll hält. Die Arbeit mit und in meinen Angelegenheiten? Den Kontakt, der von viel Anstrengung in der Kommunikation für uns beide geprägt ist? Den Versuch zu verstehen und sich für mich verständlich zu machen? Oder zu kompensieren, dass mir egal ist, von wie viel Gutgemeint ihre Interaktion und Kommunikation angetrieben ist?

Wir wurden oft genug von Helfer_innen verlassen, um nicht weiter dran festzuhalten. Das würde wehtun. Altes mit Gegenwärtigem vermischen. Es ist okay loszulassen. Ausatmen und gehen lassen.
Wir gewinnen Phase 10 und rufen beim Gericht an, um zu erfahren, wie viel wir im weiteren Verlauf der Betreuer_innensuche jetzt bestimmen können. Es gibt keine Liste von Betreuer_innen, die rausgegeben werden darf. Wir werden Besuch bekommen und mit dem Mitarbeiter sprechen. Wir legen auf und schlucken mit Presslufthammerkraft die Furcht runter, einen Marathon der Sozialkontakte vor uns zu haben, bei dem wir immer wieder uns, unseren Fall, unsere Angelegenheiten ausbreiten müssen. Ins Leere raten müssen, ob die Person es packt oder nicht, ob sie viel oder wenig Eiei von uns abverlangt, um bei Laune zu bleiben. Ob sie flexibel oder starr ist, ob sie fähig ist, im richtigen Moment zu schalten, um unseren Schutz aufrechtzuerhalten oder nicht.

Dann kommt die Mail der Betreuerin, dass sie zufällig den Gerichtsmitarbeiter in der Stadt getroffen hat und ja jetzt alles klar ist. In mir öffnet sich eine Klappe und lässt mich ins Bodenlose fallen.
Klar, sie hat keine Peilung. Sie hat es in 10 Monaten nicht gerafft. Und wir haben ihr 10 Monate lang wichtige Aspekte unseres Schutzes anvertraut. Sie meint es gut und macht gleichzeitig sowas. Deshalb liebe Kinder, ist es manchmal scheiß egal, wie intensiv das Gutgemeint ist. Es schützt nicht.

Worte und Taten gut zu meinen, ist nichts Besonderes. Immer, wenn wir nicht schaden wollen, meinen wir es gut. Und wann will man schon schaden? Das ist sehr selten und noch seltener bewusst der Fall. Man muss also nicht permanent sagen, dass man irgendetwas gut meint, es sei denn, man braucht die Versicherung von außen darüber. Braucht zu hören: “Ja, ich sehe, dass du mir gut gesonnen bist und mir ohne böse Absicht begegnest.” oder braucht vielleicht sogar: “Ja, ich sehe, dass du ein guter Mensch bist.” Als würde das bei Anwesenheit von etwa 7,8 Milliarden anderen guten Menschen auf der Welt irgendetwas bedeuten.

Ich werde oft als misstrauisch und aggressiv wahrgenommen, weil ich nicht ständig sage, dass ich die guten Absichten anderer Menschen wahrnehme. Ich, wir können sie nicht ablesen, oder uns aus irgendwelchen Signalen ableiten – ich nehme sie einfach nicht wahr und lüge Menschen nicht an. Also sage ich, sagen wir, nicht ständig: “Ja, du meinst es ja gut. Du bist ja ein guter Mensch.” oder machen automatisch die sozialen Gesten und Gebräuche, um das verknörgelt auszudrücken.
Ich habe irgendwann verstanden, dass jeder Mensch so gut ist, wie er das für sich selbst, das direkte Umfeld und die gesamte Mitwelt ist. Mehr Information brauchte ich nie, um zu verstehen, dass die Gewalt an mir und uns, nicht im Kontext von Gut- oder Bösegemeint besprochen und die Welt mit ihrem sozialen Geschehen auch nicht daran beurteilt werden sollte. Selbst Menschen, die mir schaden oder geschadet haben, können gute Menschen sein und mir nicht geschadet haben wollen. So ist das, Punkt.

In der Betreuung war das noch nie ein Problem. Bis jetzt. Sie war die erste Betreuerin, die es so gut gemeint hat und gleichzeitig so einen Fehler machte.
Rechtliche Betreuung ist keine soziale Betreuung. Es geht nicht darum, wie ich mich mit Dingen fühle. Meine Anträge ans Jobcenter, an Ämter und Behörden müssen korrekt sein und im Bearbeitungsverlauf für mich erklärt werden, auch wenn ich keinen Dank kommuniziere oder sage:”Hey, ich habe nicht verstanden, du erklärst nicht gut genug für mich.” Das bedeutet keinen “Arschlochfreifahrtschein”, wie viele Menschen bei so einer Aussage vermuten. Es bedeutet für mich, für uns, dass wir in unserer Kommunikation und Interaktion so sein können, wie wir sind, um nicht enorm viel Kraft auf Kompensationsverhalten verwenden zu müssen und so mehr Kraft haben zu verstehen, was uns erklärt wird. Uns zu erlauben diese Ebene so rauszulassen, wie sie für uns draußen ist, ermöglicht es uns zu Wissen und Kompetenzen zu kommen, die eine Unterstützung langfristig obsolet macht. Und wenn sie obsolet ist, dann haben wir auch die Kapazitäten uns dieser Ebene für die Leute, denen sie sehr wichtig ist, zu widmen.

Der Begleitermensch hat uns mal gesagt, dass er schätzt, dass wir uns diese Mühe für andere Menschen machen, obwohl es für uns keine Rolle spielt. Für mich hat sich das gut angefühlt. Es war das erste Mal, dass ich mich getraut hatte das “zuzugeben”, denn ich habe es immer wieder verleugnet, weil die meisten Menschen uns deshalb für gefühlskalt, sozio- oder psychopathisch oder bis in die soziale Verkrüppelung gefoltert halten, was alles nicht wahr ist.
Es hat sich auch deshalb gut angefühlt, weil ich so wusste, dass er meine, unsere, Mühe bemerkt und als solche anerkennt und, weil er Wertschätzung für dieses Verhalten geäußert hat. Etwas, das die meisten Menschen nicht tun, weil es für sie weder Mühe noch (bewusstes) aktives Handeln ist. Etwas, das ihnen erst dann als Ausnahme vorkommt, wenn sie es ganz bewusst tun, um anderen ein gutes Gefühl zu machen.
Für viele Leute, mit denen wir bisher in egal welchen Kontexten zu tun hatten, sind wir die erste Person gewesen, die diese Ebene rauslässt. Wenn wir nicht als aggressiv und misstrauisch gelten, dann als erfrischend direkt, witzig naiv, schockierend ehrlich, entwaffnend analytisch oder schlicht einschüchternd “klug”.
Wir sind nie lieb. Nie “ein_e Gute_r”. Kein Kumpeltyp, kein “herzlicher Mensch”. Unsere Wärme zu erkennen ist Arbeit. Unsere liebevolle Zuneigung zu sehen, zwingt die Einnahme einer – unserer – Perspektive ab. Und zwar immer wieder und immer wieder mit genau der Mühe, die wir uns für andere Menschen machen. On the go. Jeden Tag. Egal, wie es uns geht. Egal, ob es uns “etwas bringt” oder nicht.

Ich will darüber nicht heroisch wirken – das zu machen ist unser Alltag und wir sind oft genug völlig überlastet damit, weshalb wir auch vertreten, das Autismus eine Behinderung ist.
In unserer Betreuung erst recht, denn dort gibt es nichts, was einfach ist oder wenig Mühe bedeutet. Nicht mal auf der sachlichen Ebene.
Wir sind vom Gesetz nicht gut geschützt, wir sind gleichzeitig arbeitsunfähig und chronisch erkrankt und schwerbehindert und arbeiten 2 bis 3 Stunden am Tag, wovon manches vergütet ist und manches nicht und manches über Aufwandsentschädigung und manches über Honorar und ach obendrauf trifft diese Lage auf eine Behördenlandschaft, die flexibel ist wie Stahlbeton.
Wer uns betreut, macht mehr als Formulare auszufüllen, die immer gleichen Verlängerungsanträge zu formulieren und uns in groben Zügen zu umreißen, was da läuft. Wir stellen Fragen, wir wollen mit_bestimmen, wir wollen verstehen, um später selbst zu können.
Wir sprengen.
Ob wir wollen oder nicht, ob wir lieblieb machen oder nicht, ob wir hudeln und mudeln oder nicht.

Ich glaube, dass unsere letzte Betreuerin uns nicht geglaubt hat, als wir ihr das gesagt haben. Als wir sie vorgewarnt haben. Ich glaube, dass sie sich das nicht vorstellen konnte. Und dass sie geglaubt hat, es würde reichen, wenn wir gut miteinander können.
Ich, wir können aber nicht gut mit anderen Menschen. Wir können angestrengt, wir können achtsam, wir können analytisch herleitend, wir können bemüht, wir können so gut wie wir können und das ist anders als bei den meisten anderen Menschen. Ja, auch wenn sie das nicht glauben, weil sie den Unterschied bei uns in aller Regel weder sehen, noch hören, riechen, schmecken oder fühlen können.

Deshalb braucht es mehr Bewusstsein, mehr Aufklärung, mehr Zeigen, was Autismus ist, was er aus_macht und was es bedeutet. Auch bei Leuten, die ganz viel mit behinderten Menschen zu tun haben.
Uns normal finden und alles immer gut meinen reicht einfach nicht.

Fundstücke #74

„So will ich nicht sein.“ Das sagt Hannah immer wieder. Obwohl die Situation, in der sie das sagen wollte und auch gesagt hat, schon seit gut 3 Stunden vorbei ist. Draußen regnet es, eine große Fliege versucht sich durch die Schlafzimmerfenster zu bohren. Müdigkeit liegt wie eine Bleischürze auf mir. „So will ich nicht sein.“
Das sagt sie, weil sie nicht verletzen, irritieren, überraschen, überfordern, will. Weil sie „keine Situation entstehen lassen will“.
Ich hatte am Vormittag für unser nächstes Buch aufgeschrieben, wie Hannah entstanden war. Musste weinen, weil ihr keine Traumatisierung mit Todesgeschmodder und dramatische Szenen der Gewalt voranging, sondern einfach nur unsere Angst zu sterben, weil wir von jetzt auf gleich absolut allein auf der Welt waren. In der absoluten Frei_von_heit, wie sie viele Aussteiger_innen erleben, wenn ihre Verbündeten oder, wie in unserem Fall, Behandler_innen, nicht mehr (für sie) da sind oder sein können/wollen/dürfen.

Hannah kann Menschen. Sie ist unsere beste soziale Rechenmaschine und die einzige, die Ver_Bindungen nicht nur ertragen, sondern auch herstellen und gestalten kann. Was unser Leben nach der Gewalt angeht, trägt sie am meisten der Last, die damit einhergeht, es auch zu erhalten. Niemand von uns anderen hat Freund_innen. Niemand von uns kann Menschen. Wir haben Angst und können Menschen aushalten. Manche jedenfalls. Dass unsere Therapie einen anderen Menschen erfordert, war und ist bis heute eine der größten Barrieren der Traumatherapie für uns. Dass wir das Bedürfnis nach menschlicher Nähe, Verbundenheit und Kontakt haben, ist für manche von uns der schlimmste Verrat voreinander. Dass der Freund in unserem Leben ist, liegt an Hannah und ihrem Brückenschlag zwischen ihm und uns.

Warum Hannah so ist, wie sie ist und wir nicht, können wir nicht verstehen. Aber sie ist da und ohne sie wären wir es nicht mehr.

„So will ich nicht sein.“, das fühle ich wie etwas, das von innen durch meinen Kehlkopf nach außen will. Als die Fliege neben dem Lichtkegel der Leselampe landet, rinnt es mir aus den Augen. „Du solltest nie sein“, denke ich in ihre Richtung. Weine fertig, gehe ins Bad, wasche mir das Gesicht.
„Und doch sind wir hier.“

Autismus, Trauma, Kommunikation #8

Ich hing gestern gut 6 Stunden im Support meines Webhosters, um die E-Mail-Adresse, die ich hier seit Jahren verwende, um über Blog, Podcast und darüber hinaus erreichbar zu sein, zu retten.
Es war das Ende einer langen Kette von Miss- und Unverständnissen, die ich in diesem Text nicht weiter ausbreiten will, unter anderem, weil sie nicht sind, die mich belasten oder jetzt, einen Tag später endlich meine Erschöpfung von allem spürend, auch unfassbar schmerzlich berühren.

Worüber ich hier schreiben will ist, warum es mich so schmerzt. Warum es ein Trigger für uns ist. Was genau der Punkt ist, wo sich Autismus und Trauma bei uns so vermischen, das die zwischenmenschliche Kommunikation und Interaktion in jeder Situation eine retraumatisierende sein kann.

Im Blog von Vielen haben wir die Textkategorie „Die Helfer_innen und die Hilfe“.
Entstanden ist sie aus der Erkenntnis, dass Helfer_innen und Hilfe schaden können. Aber auch aus dem Wunsch zu erfassen, was uns hilft und wieso. In dieser Kategorie finden sich auch Texte aus der Zeit vor der Autismusdiagnose, in der wir dachten, dass wir einfach unverständlich sind. In der wir dachten: „Wir machen das halt einfach immer falsch mit dieser Hilfe. Wir müssen die richtigen Worte finden, wir müssen uns genau abgucken, wie andere sich verhalten, damit sie Hilfe bekommen und wir müssen das nachmachen (, um dann zu merken, dass wir selbst das noch falsch machen, weil unser Blick auf Menschen dazu führt, dass wir die falschen Verhaltensweisen in falschen Reihenfolgen kopieren).“

Missverständnisse zu vermeiden, den richtigen Eindruck zu vermitteln, das Richtige im richtigen Moment zu sagen, oder zu verschweigen, war in meiner Kindheit über.lebenswichtig. Dabei  außerhalb der familiären Gewaltkontexte immer wieder zu scheitern, zum Beispiel in der Schule, im Hort, im Sportverein, in Chor und Band und was wir nicht alles noch besuchten, ist das Eine.
Es bestätigte die Traumawahrheit, dass niemand hilft, niemand glaubt und auch niemand versteht. Das AußerhalbderFamilie wurde mir immer wieder als unwürdig, falsch, schlecht, dumm dargestellt und so erschien die Botschaft auch valide.
Diese Dynamik beschreiben viele Menschen, die als Kinder in gewaltvollen Familien, in Sekten und organisierten Gewaltkontexten, auswachsen mussten. Es gibt ein Außen auf das du nicht zählen kannst und es gibt ein Innen, das immer für dich da ist – die Familie/Sekte/Gruppe/die Anderen.

Als autistisches Kind hatte ich das nicht.
Autismus greift in jede Interaktion und in jede Kommunikation hinein. Die gleichen Miss- und Unverständnisse, die ich im Außen erlebte, erlebte ich auch im Innen. Nur dort in seinen Auswirkungen erheblich brutaler, einfach schon, weil ich ein Kind war. Abhängig auf allen Ebenen und dadurch schlicht nicht in der Lage, überhaupt meiner Sicht auf die Dinge die Be_Achtung einzufordern, die nötig ist, um Miss- und Unverständnisse aufzuzeigen oder zu klären.

Wer durch ein Minenfeld laufen muss, aber nicht, wie alle anderen Leute auf Merkmale der Minen achtet, wird verletzt. Ganz zwangsläufig. Und so – auf diese Art gehen wir durchs Leben. Immer wieder und wieder und wieder und wieder. Ohne, dass unsere Gesprächpartner_innen das merken. Ohne, dass wir ihnen das immer so begreiflich machen können, dass sie sich nicht als Person gekränkt, bedrängt, abgewertet oder irritiert erleben. Ohne, dass sie uns den Schmerz nehmen oder uns trösten können. Ohne, dass sie ~ einfach mal eben so, ohne jede Anleitung und Herumprobieren und der dazu nötigen Konsequenz ~ etwas dagegen tun können.

Nun ist die Metapher natürlich nicht ganz passend. Die Merkmale einer einzelnen Mine kann man auswendig lernen. Man kann sich zwingen, sich selbst gegenüber brutal restriktiv dazu bringen immer, zu jeder Zeit auf den Boden zu schauen und auf Minen zu achten. Zwischenmenschlichkeit ist aber kein fester Gegenstand. Kommunikation verläuft nicht immer gleich, nicht immer vorhersehbar. Interaktion wird von so einer großen Zahl von Faktoren beeinflusst, dass sie einfach nicht in allem immer berechnet oder angenommen werden kann. Schon gar nicht von einem Kind, das zusätzlich dazu noch in einem sozialen Umfeld aufwächst, das unvorhersehbar und immer unnachvollziehbar in Gründen und möglichen Konsequenzen absichtlich irreführend kommuniziert.

Was sich für uns aus diesem Umstand (und vielleicht noch anderen, bisher nicht bekannten Faktoren) entwickelt hat, ist, dass es für uns ein Außerhalbvonuns, ein AußerhalbderFamilie und das InderFamilie gibt.
„Autismus“ als Wort kommt laut Wikipedia von altgriechisch „autós“ – also „selbst“. Die meisten Autist_innen, die ich bisher kennenlernen durfte, kennen diese Trennung von sich. Es gibt sie und gibt alle anderen. Und immer stehen dahinter ähnlich schwierige Kommunikations- und Interaktionserfahrungen. Ich persönlich sehe das nicht darin begründet, dass alle Menschen speziell autistischen Menschen gern das Leben zur Hölle machen wollen, sondern darin, dass die meisten Menschen eben nicht autistisch sind oder die autistische Wahrnehmung und Einordnung nicht von sich selbst kennen und also nicht nachvollziehen und also nicht beachten können.
Das macht Autismus für mich zu einer Behinderung, die noch einmal mehr als bei anderen Behinderungen, nicht als etwas Individuelles angenommen und behandelt werden darf, da auch nicht autistische oder anders neurodivergente Menschen in ihrer Kommunikation mit autistischen Menschen die Barrieren der Kommunikation und Interaktion zu kompensieren gezwungen sind.

Die im wahrsten Sinne des Wortes herrschende Ansicht ist allerdings eine andere und so ergibt sich für mich eine immer wieder auftauchende Dynamik der Traumatisierung (s. „seelische Verwundung“) in meinem Alltag, die sich auch noch einmal verschärft hat, seit ich weiß, dass ich autistisch bin.
Meine Bemühungen um Verstehen und Verstandenwerden passieren in aller Regel einseitig, weil mein autistisch sein als meine Behinderung angenommen wird. Etwas, das ich überwinden muss, um mit nicht autistischen und anders als ich neurodivergenten Menschen in einander verstehender Kommunikation „richtig“ zu funktionieren. Ich werde da mit etwas auf eine Art allein gelassen, die im Umfang ihrer Implikationen für mich unermesslich ist. Die Welt – das Außerhalbvonmir – ist damit eine nie versiegende Quelle von Schmerz, von Überforderung, von Not, von Ohnmacht und Hilflosigkeit und gleich meiner mich jahrelang quälenden Misshandlungsfamilie in ihrer Anmutung.

Und das tut weh.
Das tut wirklich weh und ist im Ausmaß nicht zu beschreiben.

Denn auch wenn ich weiß, dass ich am glücklichsten allein bin; dass ich weiß, dass ich mir selbst am meisten Vergnügen bereite und auch sonst immer und immer alles irgendwie auch allein schaffe (mich durch alles durch dissoziieren kann) so will ich doch auch vertrauen können, andere Perspektiven als meine er_leben, von anderen lernen, meine Kräfte schonen, indem ich Herausforderungen mit Unterstützung anderer Menschen bewältige und so weiter und so fort. Ich will leben. Nicht überleben.

Missverständnisse bedeuten für mich oft, von jetzt auf gleich völlig auf mich allein gestellt über_leben zu müssen. Sie sind mir Trigger für Erinnerungen an Vergangenes und reales Jetztgeschehen gleichzeitig und weil das so ist, hat dieser Text keine Punchline am Ende, die zu einem Like oder einem Klick auf den Share-Button führt, sodass mehr autistische traumatisierte Leute davon lesen können. Es ist wieder einfach nur gesagt. Aufgeschrieben. Ums zu sagen. Zu erklären. Zu zeigen, dass es passiert und dass es weh tut und ich nichts dagegen tun kann, weil grad einfach alles so ist, wie es ist und ich mittendrin bin und nichts und niemand – weder mein Wissen zu Trauma, Autismus, Menschen und ihrem Ableismus, noch irgendjemand, der helfen will, helfen kann.
Denn der Schmerz passiert in mir allein und alles andere ist Außerhalbvonmir.

R.

Erstaunlich ist, wie klar sie ist.
Ganz eindeutig ist Verzweiflung, die als Aggression gelesen wird, ihr Motor. Ohne Umschweife sagt sie, was sie aus_sagen will. Da ist kein Zögern, keine Pause, um die (soziale) Lage zu prüfen.
Wir sitzen der Therapeutin gegenüber, bis sie sich rausschält und sagt was ist, während ich noch nach Gedanken fingere, beobachte und überlege, mich in alle Richtungen absichere, keine Situation zu produzieren.

Ich habe schon oft gedacht, dass es merkwürdig ist, wie schief die frühen Hilfen gegangen sind. Sie hat nie irgendwas verschwiegen, hat nie irgendwas versteckt. Nie irgendwas verklausuliert oder anders gesagt, als sie das meint.

„Wie gut können Sie denn GoogleMaps – ich dacht, vielleicht brauchen Sie ewig, um da was einzugeben“. Während sie mit der Therapeutin über frühere gute Orte spricht, berührt mich das Trauma, das mich, uns Rosenblätter, hervorgebracht hat. Ich merke, dass ich ein Pflaster über viele von R.s Wunden bin. Dass sie es ohne mich nicht einmal ertragen könnte, ganz bewusst zu spüren, dass sie gerade mit „einem dieser Therapiemenschen“ spricht.

Zwischen unseren Leben liegen ungefähr 8 Jahre. 1, wenn ich mich nur auf die Rosenblätter als kompensatorisches System beziehe. Und doch ist es eine ganze Welt. Für sie ist jede Hoffnung auf Verstehen und Verstandenwerden tot. Sie sucht keine Freund_innen mehr, sie hat abgehakt, jemals nicht mehr (verlassen) alleinverantwortlich zu sein. Es ist gesetzt, dass nichts, was von ihrem „uns“ kommt, außen okay ist. Weder sie noch andere sind erwünscht, sie weiß das und spuckt auf die schmerzende Stelle. Sie kommt klar.

Wieder denke ich, dass es viel mit Performance zu tun hatte. Aggressiv gelesene Opfer sind schwerer als solche anzuerkennen. Es bietet keinerlei Raum für Mitleid oder Mit-Schmerz-Empfinden, wenn ein Opfer auf Rettung und Hilfe besteht, anstatt darum zu bitten und betteln.
Die Enttäuschung über den Entzug einer Unterstützung oder Hilfe und die folgende Überforderung und ihr Trigger in die Todesangst, bleibt viel eher unbemerkt. Jedes Helferversagen ist eine bestätigte Traumawahrheit mehr. Und zwar eine, die genauso nicht reflektiert und aufgelöst werden kann, wie jene, die in der ursprünglich traumatischen Situation nicht reflektiert und aufgelöst werden kann.

Die Erwachsenen haben an R. versagt. Das Hilfesystem hat an R. und ihren Schatten versagt. Jede Instanz außer sie selbst.

Die Therapeutin fragt, wie R. zu ihrem Ort kam und diese sagt, dass sie einfach über die Straße gelaufen ist. Die vierspurige Bundesstraße in der Nähe ihres damaligen Wohnortes. Und dass das ja das Ding war. Nach links war die Straße, nach rechts Bahngleise. Niemand außer ihr, war jemals da. Und würde jemand kommen, dann … – ich denke das nicht weiter, mir reicht es zu spüren, wie grundlegend gut sich diese Möglichkeit für sie anfühlt. Wie sicher.
Die Therapeutin sagt Dinge, die R. überfordern, da ihr Erfahrungswerte zur Analyse fehlen. Ich merke wie R. ihren, meinen, unseren Autismus nicht kompensieren kann. Sie nimmt, was die Therapeutin sagt, kann nichts damit anfangen und weiß sofort, dass es mal wieder nichts war, von ihr mal wieder nichts kam, was okay ist, weil es hilfreich ist. Ich kann keine Übersetzung zaubern, die ihr diesen Aspekt erleichtert. Weiß auch nicht genau, was die Therapeutin jetzt sagen wollte und was wir machen sollen. Die Stunde ist um, wir gehen nach Hause.

R. kommt klar, ich komme nicht mit. Merke, wie ich wieder als einzige Option übrig bleibe.
Sie ist weg und mit ihr alle Erinnerungen an die Gegend damals.

Autismus und Trauma(therapie)

Unsere Form der Orientierung passiert am Handeln anderer Menschen.
Die Traumakomponente dabei ist die Furcht vor dem Fehler, da der Fehler als Ursache von Gewalt und damit Schmerz, (Lebens)Gefahr und Mangel erlernt wurde.
Die Autismuskomponente ist, dass zu Handeln für uns aktiv und bewusst eingeübtes Copy & Paste ist. Immer noch. Während die meisten Menschen diese Strategie anwenden, wenn sie neue Dinge lernen und einüben, wenden wir das bei praktisch allen Tätigkeiten an. Dabei geht es – besonders heute, wo keine akute Gewalt mehr droht – nicht um den Versuch ein „richtiges“ oder „perfektes“ Ergebnis zu erreichen, sondern darum, es richtig zu machen. Denn auch mit der Art, wie man handelt kommuniziert man mit anderen Menschen. Aus unserer Sicht kommuniziert man darüber besonders Zugehörigkeit und Anerkennung, manchmal sogar Wertschätzung, für den Umstand der Zugehörigkeit oder auch der Notwendigkeit von Zugehörigkeit in diesem Kontext.

Die fragmentierte Selbst- und Umweltwahrnehmung mit der wir leben, stellt bei diesem Unterfangen oftmals die eigentliche Behinderung dar. Wir brauchen länger als andere Menschen, um komplette Handlungsstränge zu erfassen, zu prozessieren, mit unseren Fähig- und Fertigkeiten abzugleichen und sie 1 zu 1 zu kopieren. Sich selbst nicht kontinuierlich spüren, erfassen und reflektieren zu können, bedeutet zusätzliche Zeit- und Raumaufwendung. Noch mehr, wenn es um Aktivitäten geht, die kritischer Prüfung bedürfen, weil sie MIssbrauchspotenziale enthalten oder zu direkten und indirekten Schäden an uns oder anderen führen.

Anpassung ist ein Vorteil in evolutionären Prozessen. Anpassung geht über „Unauffälligkeit“ weit hinaus.
Anpassung kann auch bedeuten so auffällig zu sein, wie andere eine_n haben wollen oder (für ihr Gewaltkonzept) brauchen. Anpassung kann auch bedeuten, immer weiter leben, überleben zu wollen und Sterben zu verhindern, weil sonst niemand anderes in der direkten Umgebung sterben will, sterben erlaubt oder Suizid duldet.
Es ist nicht zu unterschätzen, an wie vielen Punkten Zugehörigkeit und dazu nötige Anpassungsleistungen zutiefst menschliche Instinkte überblenden. Vor allem dann nicht, wenn man es mit Opfern von (organisierter) Gruppengewalt zu tun hat.

Auch hier müssen wir uns mit zwei Seiten befassen.
Auf der Traumaseite steht ein abhängiges Kind, das instinktiv (aber vielleicht doch auch sehr sehr früh bewusst) weiß, dass es Bezugspersonen braucht, um zu üb.er_leben und sich an die Gruppengewalt (die Familiengewalt)-Kontexte anpasst, um das eigene Leben zu schützen und auf der Autismusseite steht ein Kind, das diese Anpassung nicht schafft, weil es nicht alle sozialen Hinweise, nicht jede Ebene der Kommunikation und Interaktion so erfasst, dass die Anpassung zufriedenstellend (im Sinne von umfassend, „nahtlos“) passiert.

Man darf nicht vergessen, dass Anpassung an soziale Kontexte, zwischenmenschliche Interaktionsmuster und -praktiken die Zugehörigkeit kommuniziert. Und auch, ob man diese Zugehörigkeit stärken, wertschätzen oder herausfordern will. Zugehörigkeit trägt in nicht unerheblichem Maße zur Identitätsentwicklung bei. Wer zur Familie gehört, ist Familie. Wer zur Gruppe gehört, ist Gruppe.

Zugehörigkeit kann man gut vorzeigen. Vor allem mit einem umfassenden Repertoire von verbalen Skripten und Handlungsabfolgen in einem sozialen Kontext, dessen Kommunikation von Unschärfe und Ungenauigkeit geprägt ist. Häufig reichen nachgemachte Gesten ohne jede eigene, innere, emotionale Verbindung, damit sie ihre Funktion bei anderen Menschen (unbewusst) erfüllen. In der Regel reicht eine bestimmte Begrifflichkeit zu verwenden, um etwas zu beschreiben und dem Gegenüber damit zu sagen: „gleicher Kontext“, „gleiches Thema“, „Ich weiß, was du meinst“, „Ich weiß, wo du (inhaltlich) bist.“

Die Einsamkeit, die wir oft empfinden, speist sich aus genau diesem Umstand.
Wir fühlen uns nicht zugehörig. Wir fühlen uns wenn überhaupt verbunden. Und diese Verbundenheit produzieren wir über Kognition.
Die Person hat mich geboren – sie ist meine Mutter. Diese Person hat meine Mutter schwanger gemacht – das ist mein Vater. Diese Personen dürfen Dinge über mich bestimmen, die ganz konkret und direkt meine Er_Lebensqualität auf einem Spektrum von angenehm, gut, nährend bis unangenehm, schlecht, mangelnd beeinflussen und das ist (in wechselndem Rahmen) ausschließlich über folgende Gesten, Worte, Wortabfolgen, Mimiken steuerbar.

Als Kind und Jugendliche mussten wir mehr leisten als heute, weil wir mehr Autoritäten unterworfen waren. Die ganze Welt bestand für uns aus Menschen, die wir in ihrem Bezug zu uns erfassen und ertragen mussten. Heute als erwachsene Person dürfen wir Unverbundenheit mit Fremdheit synonym verwenden und unsere Energien in den Ausbau unserer Kontakte und Bindungen fließen lassen.

Das erscheint uns an manchen Stellen, wie ein Entwicklungsschritt, den andere Menschen in der Zeit zwischen 10 und 20 Jahren machen. „Hier bin ich, ich bin so, ich gehöre zu dem und dem und das das und das nicht.“.
Wir sind in einigen (psychischen) Entwicklungsschritten erheblich verzögert. Schon der Umstand erst mit 21 zu erfassen und zu begreifen, dass jeder Mensch einen eigenen inneren Kosmos hat, der bei allen anders ist und es entsprechend gar nicht unser Ziel sein muss, unseren zu verändern, um weniger einsam und fremd mit ihnen zu sein, deutet darauf hin.
Die Trauma-Erklärung dafür ist: „Abgrenzung – ihr habt gelernt, dass ihr nichts eigenes haben dürft und deshalb habt ihr nie eine Grenze zugelassen (durftet keine Grenzen entwickeln) zwischen euch und denen, die euch überlegen waren (also allen/der ganzen Welt)“
Unsere Erklärung damals: „Da ist ein Unterschied, der uns trennt, was uns gefährdet und wo wir, egal was wir mit welchem Drive versuchen, nicht drüber kommen, sondern nur überdecken können. Wir gehören nicht dazu, aber alle Kognition sagt, dass wir es tun. Hier passiert ein unaushaltbarer Widerspruch, den wir weder kommunizieren noch auflösen können.“ blieb unverstanden, weil sie immer wieder von „autistisch“ zu „neurotypisch“ zu „traumatisiert“ übersetzt wurde.
Bibel-religiöse Menschen können verstehen, was für fatale Probleme dadurch entstehen, wenn etwas zu oft in zu weit auseinanderliegende Sprachen übersetzt wurde.

Unsere Geschichte enthält lange Abschnitte psychiatrischer und psychotherapeutischer Behandlung. Es hat nicht geholfen die eigene Alexithymie niemals ausdrücken zu dürfen bzw. nicht als solche anerkannt zu wissen, weil die allgemeine Übersetzung ausschließlich „Bedrohung für andere“ (krasser Fall von Psychopathie/ verletzt ohne Mit_Gefühle/ wurde auf Gefühlskälte programmiert (traumatisiert)) oder „absolute Zerstörung des Eigenen“ (armes traumatisiertes Huschi ist völlig zerstört/dissoziiert von den eigenen Gefühlen/darf (durfte) nicht mal was empfinden) für ihre Auswirkungen bereithält.

Die Anpassung an die Lebensumstände der Psychiatrie und der Behandlungskontexte der Psychotherapie decken wir noch heute an unerwarteten Stellen auf.
Zuletzt am Begriff der Reorientierung.
Da wir schon so lange in Therapie sind, schon so viele Fremdwörter benutzen, um bestimmte Themen zu umreißen und Gespräche schneller an ihren Punkt zu bringen, wird schnell vergessen, dass wir in der Regel skripten, wenn wir Lautsprache verwenden. Das bedeutet, dass wir (Fremd)Wörter verwenden und das auch inhaltlich angemessen, sie aber mitnichten auch immer mit uns in Verbindung bringen können, wo die Verbindung auch wirklich ist.

Am Beispiel der Reorientierung ist das meiner Ansicht nach besonders fatal, macht doch die Re_Orientierung einen erheblichen Teil dessen aus, was nötig ist, um erfahrene Traumatisierungen zu verarbeiten und zu integrieren.
Erst nach bald 18 Jahren Traumatherapie zu verstehen, dass Re_Orientierung nicht nur meint, dass alle von uns wissen, welches Datum wir haben und, dass wir der Familie*° nicht mehr ausgeliefert sind – als Information! – ist eine solche unerwartete Stelle.
Eine mit erheblichen Auswirkungen und Krisenpotenzial.

Fundstücke #73

WhatsApp auf, “Entschuldige dich, Arschloch”, löschen, schließen. Augen zu. Atmen. Zittern. Vor Angst vor Wut vor dem Kontrollverlust, den ich entlang meiner Knochen von mir weggieße. Heiß glühend, weiß, bis alles wieder starr und steif ist.  Ich schließe die Tür zu meinem Büro, kühle mich mit Tränen ab, die hinter meinen Augen bleiben.

“Andererseits – für so einen kleinen Zettel mal eben 200€ kriegen. Andere arbeiten dafür einen halben Tag.” Wichser Arschloch verpiss dich aus meinem Leben Was bist du für ne miese Sau ich box dir die Fresse weich

Ich bin geblieben. Kontrolliert. Sachlich. Konnte nicht deutlicher sagen, dass es nicht vergleichbar ist. Weil: offensichtlich war es das ja doch. Einen Folgeantrag an den Fonds sexueller Missbrauch zu schreiben und ein halber Arbeitstag. Fuck you shithead. Fuck you very much. Du hast keine Ahnung.

Du hast sowas von keine Ahnung.

 

 

Und warum hab ich überhaupt was davon gesagt.

die Reibe, die Schule, die Selbst_Verletzung

Es gab Reibekuchen. Das Reiberaspelding steht neben der Spüle. Bereit abgewaschen und wieder in die letzte Ecke gestellt zu werden. Weit weg. Aus dem Blick. Aus dem Sinn.
Als meine Narben noch hart waren, hatte ich beim Rüberstreichen manchmal gedacht, dass ich sie mal als Reiberaspel benutzen könnte. Oder als Waschbrett. Waschbrettbauch, Waschbrettarme, Wäsche würde nie ein Problem für mich sein.
Heute sitze ich in der Küche und denke darüber nach, ob ich mir den Traumascheiß runterratschen könnte, wie das Außen einer Karotte.

Wir sind seit mehr als einer Woche zu Hause. Alleine. Wir haben zu oft weder gesprochen, noch in Worten gedacht. Nicht mal beim Schreiben ehrlich gesagt.
Es tut uns nicht gut. Nicht so. Das alleinsam sein, obwohl man in der Schule sein oder wenigstens etwas für die Schule tun müsste. Wir würden mehr für die Schule machen, müssten wir nicht mehr dahin. Komisch, aber isso.

Heute sind wir in der Schule verabredet, um zur Schule zu gehen, aber keine Schule zu haben. Nur lernen. Keine Schule. Das geht. Glaub ich. Die Starre ist noch nicht wieder da. Ich habe keine Angst, fühle mich nur bedrängt. Unsicher, weil ich nicht weiß, was ich erwarten kann. Neben dem, was ich erwarten muss und mir schon beim Gedanken daran die Überforderungsübelkeit in den Bauch rauschen lässt.

Hätt ich eine Mutti würd ich sie fragen, ob sie mit mir kommt. Mir die Hand hält, mir das Gefühl gibt sicher zu sein. Ganz generisch. Hab ich aber nicht. Nicht mehr und eh nie so. Wär meine Mutter hier, wüsste von all dem, sie würde sagen “Nu komm.” oder “Nu mach” und ihren Kopf in einer vagen Bewegung durch die Luft schwenken wie so ein Weihrauchdings in der katholischen Kirche.

Ich weiß nicht mal wovor ich Angst habe. Niemand da sieht mich so jung und nichtig, hilflos, ohnmächtig, wie ich mich fühle. Sie sehen mich als Erwachsene und gehen entsprechend mit mir um. Sie wissen nicht, dass sie mich damit überfordern. Nicht, weil ich in Wahrheit ein Kind bin, sondern weil mich von einem Kind in vielen Dingen nur das Alter unterscheidet.

Wie oft habe ich mich früher nach solchen Schulverquerungen verletzt, um mich selbst davon zu überzeugen, wie wirklich schwach, verletzbar, grundfest unsicher ich tatsächlich bin. Wie wirklich unerträglich die Dissonanz, die Inkongruenz zwischen dem ist, wie ich auf andere Menschen wirke und dem, wie ich bin.
Komisch, wie ich heute vor allem diese Gefühle von Verletzlichkeit und profunder Eigentlichgarnichtsicherheit aus mir rausschneiden will.

9 Uhr 22. Der Heizungsmensch war da. Die Wohnung wird wieder warm.
In einer halben Stunde muss ich los.
Die Reibe bleibt wo sie ist.

24

In dem Fach mit ~dem~ Lehrer wird es eine 3 zum Halbjahresende. Meinen Frust darüber merke ich, wie durch dickes Eis. Ich bin müde. Hatte gestern einen Durchfall-Bauch- und Magenschmerztag mit viel liegen, etwas arbeiten, etwas dissen. Heute morgen kam ich zur Schule und dachte nur: Der kann mich nicht mal, so sehr will ich mir die Probleme mit ihm egal sein lassen.
Es soll mich nicht berühren. Nicht so. Nicht dafür. Es ist so egal.
Er wird es einfach nicht mehr raffen. Ich behalte meine Kraft.

“… Das, was du da hast … diese ~Krankheit ..?” Ich bin eiskalt. Es berührt mich nicht. Es trifft mich. Ich bin kalt kalt kalt. An meinen Rändern stapeln sich die Eiskristalle zu langen spitzen Stacheln, um die Entfernung zwischen ihm und mir zu füllen. “Behinderung” denke ich. “Sag doch einfach Behinderung, meine Fresse, das ist kein böses Wort, bedeutet nichts schlechtes, ist nicht ansteckend. Nenn es einfach beim Namen.”

Nichts. Ich lasse das wegplätschern. Ist egal. So egal.

Die Lehrerin in dem Fach hat mir heute gesagt, dass wir die praktische Prüfung von 6 Stunden in einem Rutsch, in 2 Teile von je 3 Stunden aufteilen. Enthinderung. Wunderbar.
Nachteilsausgleich, was bist du für ne geile Scheiße.

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Ein Aspekt, der in solchen Situationen auch immer wieder untergeht ist, weshalb wir überhaupt ständig so ein Kanarienvogel werden. Es gibt Menschen, die uns immer wieder antragen, dann doch einfach nichts zu sagen. Und es gibt Menschen, die glauben, dass wir dann immer etwas sagen, weil wir so mutig und stark sind. Oder weil wir ein bisschen Stunk machen wollen. Weil wir Regeln ablehnen und generell keine Autorität anerkennen wollen.

Alles Quatsch und tragisch schlimme Missachtung dessen, was wirklich bei uns vorgeht.

Würden wir keine Verantwortung tragen müssen (aka Würden wir zu anderen Zeiten leben), würden wir keinerlei direkten Kontakt zu anderen Menschen aufnehmen. Selbst dann nicht, wenn wir sehr krank wären oder in irgendeiner anderen Not.

Wir gehen zur Schule, weil wir müssen. Weil man sich die Grundversorgung in unserer Gesellschaft erarbeiten und also verdienen muss. Wir waren in Betreuung, weil wir mussten. Weil man Verantwortung für sich und die eigene Bürokratie begleitet erlernen muss, will man zukünftige Entwicklungen selbst schaffen. Wir haben erste Freund_innenschaften geknüpft, weil wir mussten. Wir brauchten Leute, die bemerkt hätten, wenn man uns wie immer wieder angedroht, getötet hätte.

Heute haben wir Freund_innen, die damit zurecht kommen, überwiegend über dieses Blog, Twitter und Messenger mit uns in Kontakt zu sein. Indirekt also. Sehr selten und meist sehr konkret über eine Sache verbunden auch direkt.

Was uns in unseren heutigen Menschenkontakten immer wieder zum Verhängnis wird ist, dass wir aufrichtig daran interessiert sind die Dinge zu tun, die uns aneinander binden. Wir gehen nicht zur Schule, weil man uns zwingt und dann sitzen wir da unsere Zeit ab und alles ist uns egal. Wir gehen dahin, weil wir gezwungen sind, mit etwas da raus zu gehen. Und um das zu kriegen, müssen wir Lehrer_innen gut zuhören, ihren Anweisungen folgen und in uns so transformieren, dass wir am Ende auch kriegen können, was wir wollen. Den Abschluss.
Wir hören ihnen also zu. Wir sind also aufrichtig daran interessiert, was sie uns sagen. Und wir machen auch wirklich so gut wir können das, was sie uns sagen.

Das ist an sich schon mal irritierend für die meisten Berufschullehrer_innen. So hohe Eigenmotivation und Interesse an der Sache erleben sie nicht oft. Bei manchen habe ich auch den Eindruck, dass sie überhaupt keinen Umgang damit haben, einfach so anerkannt zu sein als jemand, die_r etwas beibringen kann und also auch soll. Dass sie wirklich und echt einfach so anerkannt werden – auch ohne soziales Rumgebuckel, Geschleime oder andere soziale Täuschungsmanvöver – und angesprochen werden wie Leute, an die man ganz selbstverständlich auch Dinge wie bessere, konkretere Erklärungen abverlangt, gerade, weil das ihr Job ist.

Einerseits ist das total traurig und andererseits total normalisiert.
Eine der üblichen Alltagsdissonanzen, die wir wir bis heute nicht verstehen. Status wird über Fähigkeit und Funktion definiert, aber Funktion und Fähigkeit zu fordern, gerade, weil das so ist, ist falsch, gilt als stark und mutig, frech, machtkritisch … manchmal aber auch als naiv und zu belächeln.

Wir kommen über dieses Nichtverstehen nicht hinweg. Vor allem nicht, weil das so besteht und es niemanden stört bzw. von niemandem sonst auch als Dissonanz eingeordnet wird.

Wir geraten immer wieder in solche Momente, weil wir zu spät merken, dass wir wieder mitten drin sind.
Das Klinikding vor inzwischen bald 3 Jahren war so ein Ding. Sehr viele Probleme mit Lehrer_innen, Behördenpersonen und ehemalig als Freund_innen und Gemögte eingeordnete Personen gehen darauf zurück.
Darauf, dass wir sie und ihre Funktionen, ihre Rollen und alles, was sie uns sagen – dass wir unsere gemeinsame Verbindung so ernst nehmen, wie wir denken, dass man sie ernstnehmen muss und also nicht einfach sagen darf: “Ja ok mir egal/Ja ok will ne Autorität sein, obwohl sie_r sagt sie_r will ne Partner_in sein – scheiß egal/Ja ach scheiß was drauf, sind halt Lehrer_innen/Chefs_innen, is halt scheiß Schule/Arbeit…”.

Unser Fehler ist einfach diese Verbindung einzugehen und aufrichtig in dieser Verbindung zu sein.
Wir machen das nie halb oder nur ein bisschen oder mit Intensionen, die wir dann nicht offen aussprechen, weil man dann vielleicht nicht mehr mit uns verbunden sein will. Wenn wir Kontakte eingehen, dann gehen wir richtig rein.

Heute denke ich, dass wir aufgrund dieser Eigenschaft auch nur in den Ausstieg und die Ablösung von der Familie*° gehen konnten. Wir können Dissonanzen nicht ausblenden und weil wir gleichzeitig so sehr in Verbindung mit Menschen gehen, sagen wir ihnen auch, wenn so eine Dissonanz da ist. Nicht, weil wir so hammer mutig sind oder immer Kraft für die Konsequenzen haben, sondern, weil die Dissonanz da ist und es keine geben sollte, wenn alles richtig läuft. Beziehungsweise, alles richtig ist. Und dass alles richtig ist bzw. richtig läuft: das sollte in einer Beziehung/Verbindung doch im Interesse aller sein, sonst hätte sie keinen Sinn. Jedenfalls nicht für uns.

Wir benennen Dissonanzen/Unlogiken/Unstimmigkeiten, weil es solche Dissonanzen sind, die uns quälen, absorbieren und bis heute spalten, wenn wir alleine damit sein müssen. Und, weil wir einfach unser Leben lang genau damit immer allein sind.
Auch dann, und das ist, was uns regelmäßig in depressive Einbrüche bringt, wenn wir anderen Menschen davon erzählen und sie versuchen zu verstehen. In der Regel verstehen sie nämlich nicht oder kommunizieren uns ihr Verständnis immer wieder so, dass wir zu dem Schluss kommen, sie verstünden gar nichts und für uns eine weitere Runde soziale Flauschigkeit für andere Leute eingeläutet wird, damit sie ihre Intension für genug gewertschätzt empfinden plus Alleinigkeit mit dem, worum es eigentlich geht.

Das ist Spaltung. Das ist eine Dissonanz in uns. Denn nach außen flauschen wir, damit wenigstens eine Person okay aus der Situation kommt und nach innen leiden wir und prozessieren etwas, was niemand versteht, niemand sieht und niemand als anstrengende Nebenherarbeit im Alltag mitdenkt.
Wenn wir sagen, dass uns soziale Interaktion über alle Maße anstrengt, dann liegt das auch an genau solchen Nebenherprozessen, die Kapazitäten für Einfühlen, Mitdenken, Sprechen, passende Mimik und Gestik machen, Sinnbilder und Memes erkennen und decodieren, Kontakt zum Eigenen behalten, rauben.

Und wofür das alles?
Ganz runtergedampft und alle soziale Konnotation rausgestrichen: Um in einer Welt zu überleben, die so ist, wie die, in der wir gerade leben.

In früheren Menschenszeiten wären wir ein_e Einzelgänger_in geworden, sobald wir uns die groben Basics zum Überleben angeeignet hätten. Wir brauchen andere Menschen nicht, um uns draußen in der Natur/Wildnis sicher zu fühlen. Wir brauchen andere Menschen nicht, um uns selbst zu spüren. Irgendwie funktionieren wir an der Stelle einfach anders und spüren genauso sicher, dass dieser Wahrnehmung keine traumabedingte Begründung hintersteht.
Wir hassen Menschen nicht. Wir misstrauen ihnen in der Regel, wenn sie auf uns zukommen und so tun, als würden sie uns niemals schaden können oder wollen. Wir sind in dem Misstrauen bestätigt, wenn sie die Möglichkeit, dass das irgendwann, warum auch immer, mal der Fall sein könnte, vehement abstreiten. Aber das ist nicht der Grund weshalb wir von uns annehmen, eigentlich als Einzelgänger_in glücklicher, entspannter, ungespaltener zu sein.

Wir müssten einfach keine Dissoanz mehr ertragen. Und wir müssten damit nicht mehr allein sein, obwohl die Chance auf Mehrsamkeit scheinbar so so so nah ist. Wir würden unsere Dinge machen und wenn wir etwas außerhalb von uns wünschen, dann würden wir es aufschreiben.

Es gäbe keine Verbindungen mit Sollbruchstelle am gegenseitigen Verstehen mehr. Kein “So-tun-als-ob-man sie eigentlich-in-Wahrheit-ja-auch-umgehen-kann-wenn-man-nur… “

Wir wären in Kongruenz mit unserer inneren Aufrichtigkeit über den Kontakt mit anderen Menschen.
Und ja, nein, das sind wir im Moment nicht und waren es noch nie.
Einfach, weil wir in heutigen Menschenzeiten leben und wir uns dafür entschieden haben. Für die Verbindung dazu. Für das Leben. Unser Leben.

Vielleicht hätten wir das nicht machen sollen. Aber jetzt ist es so und vielleicht ist das einfach die Aufgabe, die wir haben. Mit allen Konsequenzen für uns und die Menschen in unserem Leben.

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“Mach dir nicht so viele Gedanken.”, “Mach dir keinen Stress.”, “Reg dich nicht darüber auf.”.
Das sind die Dinge, die uns Menschen zu dem Problem mit dem Lehrer sagen. Und generell zu vielen, den meisten der Probleme, die wir im Leben sehen. Beruf, Zukunft, Lebensausrichtung, die Ordnung unserer Dinge und Handlungen.

So etwas macht einen Schmerz, der immer wieder neu weh tut einerseits und andererseits kaum richtig “echter Schmerz” im Sinne einer emotionalen Verwundung ist. Es ist eher eine, die!, schmerzliche Erinnerung daran, wo die Grenzen zu anderen Leuten verlaufen. Sie verlaufen für uns genau dort, wo Leute annehmen, wir würden uns Gedanken zu Dingen machen, wie man Kuchen backt oder sich selbst eine Frisur macht: zielgerichtet, eine Absicht verfolgend, vielleicht, weil man etwas anderes gerade weder will noch kann oder mag.

Unser Ausdruck von Stress über Dinge entsteht in der Regel erst dann, wenn wir durch die Kommunikation unserer Gedanken zu Dingen als etwas, das frei wählbar und vermutlich die Folge von Vermeidung anderer Optionen sei, merken, dass wir allein mit dem Problem sind. Sicher nicht, weil die Menschen sich dafür entscheiden uns damit allein zu lassen. In der Regel wollen sie ja alle das Beste für uns. Sie sind uns zugewandt und sehen, dass es uns nicht gut geht. Aber sie verstehen uns nicht. Und, sie sehen die Dissonanz zwischen dem, was sie an uns herantragen und dem, was sie sich für uns wünschen nicht. Auch damit sind wir meistens allein.

Wir sind nicht gut in der Lösung von zwischenmenschlichen Problemen. Wir wissen das. Wir merken das. Wir leben schon einige Jahre mit dieser Unfähigkeit und trotz vieler Hilfsmittel und Krücken, die für die andere Partei in der Regel ermöglicht, gute Lösungen zu finden, bleiben wir oft mit dem Wissen zurück, dass wir ein Problem lösen, bei dem wir nichts weiter als ein Kanarienvogel in der Kohlenmine waren.

Wir geraten nie „einfach nur so“ in Schwierigkeiten. Wir zeigen sie auf und werden deshalb als die Problemursache verortet. Schlicht deshalb, weil wir unsere Gedanken nicht „machen“, sondern sie durch all die Fragezeichen und Unstimmigkeiten in der Zwischenmenschlichkeit und der Unmöglichkeit, die Zukunft vorherzusehen, zwangsläufig entstehen.

In ultra autoriären Kontexten hatten wir nie Probleme damit. Darin hatten wir unsere Gedanken und die Spaltung zwischen innen und außen. Wir haben nicht gesagt, was wir denken, haben nie geäußert, was wir uns fragen. Wir haben gehört und gefolgt und am Ende war das Ende. Es gab keine Zukunft, es gab ein Ziel, das ein weiteres Ende sein würde, über das weder nachzudenken, nachzufragen oder sich zu sorgen erlaubt nötig möglich war.

In Momenten wie dem, in dem unsere Therapeutin aus der Sache mit dem Lehrer zum Beispiel etwas macht, das in uns begründet ist; unser Klassenlehrer, dem wir von der Sache erzählten, weil er sagte, wir sollten bei Problemen immer sofort zu ihm kommen und davon erzählen, uns sagt, wir sollen uns weder aufregen noch sorgen; der Begleitermensch schon wieder nicht erreichbar ist, obwohl er uns zugesichert hatte, dass wir in der Schulzeit nicht allein mit solchen Situationen sein müssten,

da ist der Wunsch nach so einem ultra autoritären Kontext wieder da
und ich kann’s verstehen
ja, sogar nachfühlen.

Nicht, weil die Aussicht auf die globale Unterwerfung und Lossagung solcher Problemlagen so toll ist, sondern, weil es weder die real entstehenden zwischenmenschlichen Probleme, noch den Schmerz der Alleinigkeit damit, noch das Spüren der weiterreichenden Konsequenzen dieses Schmerzes gibt.

Es geht ja nicht nur um dieses eine Problem. Sondern auch um die, die da noch kommen werden. Es geht auch darum, immer Kraft für sowas bereit haben zu müssen und niemals vergessen zu dürfen, dass das ein Kraftvorrat ist, der dazu da ist, immer einsetzbar zu sein – egal, wie anstrengend der ganze Rest ist.

Es geht auch um das Gefühl der Isolation. Es gibt Menschen, die mit unserer Selbstbezogenheit wenig mehr als Pathologisierung und Negativbewertung anfangen können. Die meisten brauchen entweder lange oder schaffen es nie zu verstehen, dass wir uns nicht wie sie oder die meisten Leute, über andere Menschen oder die Interaktion mit ihnen spüren. Wir also keinen Wert für uns darin sehen, mit ihnen zu tun zu haben, sondern darin, was konkret wir mit ihnen zu tun haben. Um das etwas näher zu erklären, ein Beispiel.

Eine Person mit der wir befreundet sind, fragt uns, ob wir mit ihr Zeit verbringen. Sagen wir, wir machen eine kleine Radtour. Wir werden uns gut fühlen, weil wir radfahren und sie auch. Weil wir beide das Gleiche tun und einander erzählen können, wie es für uns war. Uns macht daran glücklich, dass wir Rad gefahren sind und, dass wir beide die gleiche Erfahrung gemacht haben und, dass wir einander davon erzählen können. Auch wenn die andere Person es vielleicht nicht so toll fand, so steht für uns nicht das im Vordergrund, sondern die Schönheit der Kongruenz, über die wir uns verbinden können. Wir sind dann nicht glücklich, weil eben genau diese Person da war. Oder weil wir besondere Momente miteinander erlebt haben. Die Gleichheit der Handlung (die planbar, machbar, schaffbar war) erfüllt uns mit Zufriedenheit.

Übertragen auf soziale Problemlagen, wie dem mit dem Lehrer, ist für uns irrelevant, wie er sich fühlt, wenn wir uns schlecht fühlen. Für uns ist seine emotionale oder soziale Bewertung der Situation auch egal. Wir brauchen für uns auch nicht zu wissen, wie es ihm geht, denn uns geht es um das Ergebnis seiner Handlung bzw. einen faktisch existenten Umstand.
Beschäftigen werden wir uns in den nächsten Tagen aber vor allem damit, ihm das klar zu machen, ohne, dass er sich tödlich beleidigt oder missachtet fühlt. Und erst dann können wir vielleicht eventuell zu dem kommen, was für uns eigentlich relevant ist. Ein Problem, das wir nur durch achtsame und sachbezogene, also sehr konkrete, Kommunikation lösen und in der Zukunft verhindern können. Obwohl Schulalltag um uns herum ist, obwohl es für ihn irrelevant ist, obwohl es unbezahlte Mehrarbeit für ihn ist und obwohl es eine Veränderung in seiner Kommunikation bedeutet, von der erst einmal nur wir etwas haben (aber später könnte sich herausstellen, dass alle etwas davon haben – auch er).

Was in der Reihenfolge einfach kräftezehrend für uns ist und auch wieder ganz eigene Unfairheiten mit sich bringt. Denn ihm wird niemand sagen, er solle sich nicht aufregen, sich Gedanken machen, keinen Stress damit haben.
Ihn wird man eher noch bedauern, jemanden wie mich unterrichten zu müssen, obwohl man als Lehrer_in doch so gar nicht darauf vorbereitet wird. Ihm würde man eher noch das Fehlen von eigenen Gedanken dazu entschuldigen, denn, wie hätte er denn je darauf kommen sollen. Niemand würde ihm sagen, er solle sich keinen Stress damit machen, weil man weiß: Er hat eh schon genug unverhinderbaren Stress, weil Lehrer_in zu sein, einfach als stressreicher Job mit enorm vielen Aufgaben gedacht und akzeptiert wird. Und sollte er sich doch Gedanken und Stress machen, dann wird ihm das als Merkmal guten Lehrerseins angetan – nicht als unnötige Selbstsabotage oder Merkmal einer Pathologie der Psyche, wie bei uns.

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