Pläne

„Je stressiger es im Alltag wird, desto mehr Struktur brauchen wir, um zu funktionieren.“ Das klingt für die meisten Leute total logisch und nachvollziehbar. Klar, wer viel vorhat, ist immer gut beraten sich einen Plan zu machen, um gut zu arbeiten oder Abläufe zu gewährleisten.
Für mich beginnt der Stress in „stressiger Alltag“ schon in dem Moment, in dem ich weiß, dass Dinge passieren werden, die üblicherweise nicht passieren. Und zwar nicht, weil sie passieren, sondern weil das Passieren dieser Dinge alles verändert und damit auch sämtliche Ressourcen und Stützen des Alltags beeinflusst. Was bedeutet, dass ich mich nicht nur um die passierenden Dinge, sondern auch ihre Wirkung auf mich kümmern muss.

Jahres-, Monats-, Wochen- und Tagespläne sind mir noch nie ein Korsett gewesen, nie ein Angriff auf meine persönliche Freiheit – viel eher sind sie der Grund dafür überhaupt in die Situation zu kommen, mich frei entscheiden zu können. Denn ich kann weder entspannen, noch ruhen, noch Kraft tanken, wenn ich nicht weiß, was in den folgenden Stunden und Tagen noch auf mich zukommt und wie ich was wann wie genau kompensieren kann und darf.
Im günstigsten Fall mag ich die Art der Störungen des üblichen Ablaufs einfach nicht oder bin nur irritiert. Dann finde ich Stabilität und Ruhe in Stimming oder meinen Projekten. Problematisch wird es, wenn ich mit den Ressourcen schon so weit runter bin, dass ich weder von Stimming noch von irgendetwas anderem profitiere. Am schlimmsten ist es, wenn der Ablauf über so lange Zeit gestört oder beeinflusst wird, dass ich überhaupt keinen üblichen Ablauf mehr ausmachen kann.
Das gesamte letzte halbe Jahr war so ein Zeitraum. Wir haben viel gearbeitet, viele emotionale Tiefschläge kompensiert, die unsere Freund_innnenschaften bzw. das, was wir dafür hielten, betrafen. Wir haben Physiotherapie und Fahrschulunterricht in Theorie und Praxis durchgezogen, sind alle zwei Wochen nach Bielefeld zur Therapie und alle zwei Wochen zur Autismustherapie woanders gefahren. Wir haben uns an eine Selbsthilfegruppe für Viele herangewagt, haben einige erste Interviews für unsere Podcast-Reihe aufgenommen und alles das immer mit dem Partner und den Beziehungsalltag im Hinterkopf, die Bedürfnisse der Hunde, die Pflicht, die Kür, die Versprechen bezüglich des Gartens, des Podcasts, unserer Projekte.
In den letzten drei Wochen hatte ich jeden Tag einen anstrengenden Termin, seit Ende Oktober habe ich wieder mit Weglaufimpulsen aus  Flashbacks/Alpträumen/Intrusionen aus dem Schlaf heraus zu kämpfen, was bedeutet, dass nicht einmal die Nachtstunden zuverlässig für Erholung da waren.
Dass ich noch nicht „ausgerastet bin“ (den Meltdown nach außen sichtbar hatte) liegt daran, dass ich eine Verzögerung in der Verarbeitung habe und in der Regel nach innen explodiere, also dissoziiere. Und weil die Dissoziation praktisch mein Betriebssystem ist – mich bisher niemand anders erlebt hat – fällt das nicht als Problem auf.
Manchmal finde ich das auch gut so. Denn mit der Ratlosigkeit, der Frage: „Ja und jetzt?“ umzugehen tut mir nur weh und oft ist es den Streit aus der Enttäuschung heraus, dass dieser Schmerz nicht bemerkt wird, einfach nicht wert.

Viele Menschen denken und planen nicht so weit im Voraus wie wir, weil sie es nicht müssen. Ihr Jetzt ist ein anderes als meins – ist nicht so leicht zu zerstören von morgen, bald oder nachher. Und viele Menschen schieben einfach gern auf, weil sie die Kraft für alles auf einmal aus einem viel tieferen, größeren Fass schöpfen als ich. Um in dem Bild zu bleiben, habe ich genau eine Tasse, aus der ich schöpfen kann und ich bin maximal geizig mit jedem noch so kleinen Tropfen, weil ich es muss. Nicht, weil es so schlimm ist, erschöpft zu sein, sondern weil „eine volle Tasse“ zu haben für mich a) nicht bedeutet, nicht erschöpft zu sein und b) weil auch das Management dieses Budgets, die Erfassung, die Planung, die Kommunikation des Budgets bereits daraus geschöpft wird.
Ich habe nie einen fixen Stand von 100 % und daraus kann ich dann hippy happy Leben gestalten – ich muss bereits 40 % weggeben, um in der Lage zu sein, mein hippy happy Leben erfassen, mich selbst darin fühlen und verstehen zu können. Und das ist, was die meisten Menschen – auch „meine Menschen“ – manchmal einfach vergessen: Die meisten Menschen müssen aus ihrem größeren Kraftfass vielleicht 10 oder 15 % dafür weggeben und das oft nicht einmal bewusst. Und am Ende eines Tages haben sie immer noch 20 bis 30 %, um zu verarbeiten, was sie erlebt haben. [1]

Ich habe nicht die Wahl irgendetwas von meinen Therapien (und dem, was wir darin machen) oder Projekten einfach zu lassen, denn ich benutze vieles davon zum Prozessieren und Verarbeiten sowohl dessen, was mir in der letzten Woche, aber auch vor 30 Jahren passiert ist. Jede Therapie, aber auch das Bloggen und Podcasten sind damit Hilfsmittel, die mir – bei aller Anstrengung, die sie bedeuten – ermöglichen, mich im Bezug zur Welt zu halten und damit ein fundamental wichtiger Teil eines mehr oder weniger festen Plans, der mich in diesem selbstbestimmten, autonomen Leben hält.

So einen Plan zu haben – ja, mir überhaupt erstmal einen zu überlegen, mich zu trauen an die Zukunft zu denken, mir eine auszudenken, zu wünschen, mich auf so viel hätte würde wäre wenn einzulassen, habe ich erst mit der Berufsausbildung geschafft. Das war 2016. Da waren wir gerade 9 Jahre aus organisierten Gewaltkontexten ausgestiegen, die uns sehr genau vorgegeben haben, was wann wie zu denken, zu wollen, zu machen war.
So frei wie heute verliert mein Leben und das, was ich darin tue, sofort an Bezug und damit Sinn und Bedeutung, wenn ich meinen Plan loslassen soll. Und das wird bewusst oder unbewusst öfter mal von mir verlangt oder „vorsichtig vorgeschlagen“, wenn der Eindruck entsteht, ich hätte mich verrannt oder überfordert. Oder – was eigentlich am meisten schmerzt – : Wenn ich selber sage, dass etwas zu schwierig für mich ist.
Der erste Reflex ist dann oft die Idee der Entlastung durch Vermeidung. Das Angebot mir irgendeine Aufgabe abzunehmen, irgendein Wagnis nicht zu begehen und zu erwarten, dass ich das okay finde – vielleicht sogar noch krass dankbar bin und mich einfach super fühle. Das tue ich in der Regel aber nicht, denn die Alternative zur Überforderung ist in meinem Fall immer der Ausschluss. Das nicht mitmachen, nicht dabei sein, ohne Bezug sein. Ein Zustand, den so, in dem Umfang wie ich es erlebe, kaum jemand wirklich innig er_leben möchte, weil Bezug für soziale Wesen wie uns Menschen ein existenzielles Grundbedürfnis ist. [2]

Wie viele andere autistische Menschen bin ich sehr hartnäckig. Was ich mir vornehme, das mache ich früher oder später auch. Ich nehme mir nichts vor, das unrealistisch ist und verfolge meinen Lebensplan jeden Tag, weil ich einen brauche, um mein Amlebensein in Existenz und Sinn auszuhalten und zu gestalten.
Das ist nicht banal. Nicht wegzulachen oder zum Quirk zu erklären.
Es ist bedingungslos zu respektieren und mitzudenken.

Immer.

 

[1] In diesem Text verwende ich das Bild von einem Fass bzw. einer Tasse voll Kraft als Flüssigkeit. Viele andere chronisch kranke, neurodiverse, behinderte Menschen verwenden das Bild von einem bestimmten Budget von Werkzeugen/Besteck, das sie zur Verfügung haben. In der Podcastepisode „Was helfen könnte – die Besteck-Theorien, eine Kommunikationshilfe“ habe ich sie genauer beschrieben.

[2] Angebote wie diese führen viele behinderte Menschen in die sogenannte „Schonraumfalle“, was dazu führt, dass Abhängigkeiten entstehen und also die Freiheit der Menschen eingeschränkt wird. Sowohl die der behinderten Menschen als auch die der Menschen, die ihnen die Schonräume ermöglichen und aufrechterhalten müssen.
Mir ist bei Überforderung am besten zu helfen, wenn man mich dabei unterstützt, den Punkt der Überforderung zu verstehen und mit dem auszustatten (oder mir zu ermöglichen, dass ich lerne), was ich brauche, um sie zu überwinden.
Jede Hilfe, die Helfende überflüssig macht, ist besser als der beste Schonraum.

Autismus, Trauma, Kommunikation #10

Es ist einer der größten Risikofaktoren für autistische Menschen im Kontakt mit anderen Menschen unbeabsichtigt negative Irritation, unangenehme Gefühle oder falsche Annahmen über die Ziele und Intentionen der jeweiligen Gespräche und anderen Interaktionen auszulösen. Da geht es um unterschiedliche Kommunikationsstile, unterschiedliche Fokussierung, um unterschiedliche Interpretationsgewohnheiten und die soziale Position, aus der heraus man spricht bzw. in der man sich wähnt.
Es geht aber auch darum, wie ein Gegenüber mit negativer Irritation und/oder unangenehmen Gefühlen umgeht. Und auch welche Strategien man entwickelt, um sich der Ziele einer anderen Person zu versichern und wie man die eigenen Grenzen oder auch den eigenen Status in einer Beziehung schützt.

Für mich ist die Wahrnehmung negativer Irritation wichtig, um mich zu schützen. Ich weiß, dass es mir nur selten gelingt, andere Menschen von meinen Intensionen und Zielen einer Interaktion zu überzeugen, sind diese erst einmal von ihrer Wahrnehmung von mir überzeugt.
Was für die meisten neurotypischen Menschen ein kleines, eher unbedeutendes Missverständnis ist, das sie in 5 bis 10 Phraselrunden wieder ausgebügelt haben, ist für mich schnell eine Erfahrung von Gaslighting. Eine Manipulationserfahrung. Eine Negierung meines Anteils an einem Kontakt. Und also alles andere als leicht wieder gutzumachen, denn es geht dann ja nicht nur um die Situation selbst, sondern auch um den Kontakt. Es ist schmerzhaft, sich manipuliert oder negiert zu fühlen und sich gleichzeitig darüber aber nicht sicher sein zu können, denn es könnte ja doch einfach nur ein Missverständnis sein. Das ist auf Dauer ein Problem für jede Beziehung, für jeden Kontakt über längere Zeit. Denn auch ich habe ja das Bedürfnis mir einer gemeinsamen Basis sicher sein zu können.
An der Stelle treffen Autismus und Trauma zusammen.

Menschen, die sich als Kinder nicht auf die gemeinsame Basis mit den Menschen um sie herum verlassen konnten, werden das später nie automatisiert einfach tun. Sie werden immer hinterfragen, immer unsicher sein, sich nie auf ihren Instinkt, ihre Intuition, ihr Bauchgefühl verlassen, wie es jemand mit ihnen meint. Was sie leider auch zu Menschen macht, die ihre Partner_innen oder nahe Familienangehörige eher in Situationen bringen, die diese als emotionales Gaslighting empfinden und immer wieder eine Versicherung über die Motive und Ziele von Interaktion zu fordern, die sie gleichzeitig aber gar nicht glauben und wirklich annehmen können.
Denn es ist ja das eine, sich damit zu schützen, dass man sich auf nichts verlässt und an nichts und niemanden bindet – es ist aber ein menschliches Grundbedürfnis, sich sicher und verbunden zu fühlen und man braucht für diese Art der Sicherheit im Kontakt mit anderen Menschen einfach Vertrauen in den Wahrheitsgehalt dessen, was man selber wahrnimmt und andere Menschen vermitteln.
Wenn sich diese Sicherheit über die Dauer eines Kontaktes nicht einstellt, begibt man sich miteinander schnell mal in eine Wiederholung der traumatisierenden Dynamik und damit in Gefilde, in denen man als traumatisierte Person wirklich allein ist, weil ja alles immer durch diese Angst- und Zweifelfilter durchgeht. Da ist es völlig egal, wie oft wer was wie sehr versichert oder beteuert, macht und tut. Man er_lebt tatsächlich unterschiedliche Realitäten und kann sie nur mit Vertrauen, Sicherheitsgefühl und der Fähigkeit zur Selbstberuhigung miteinander verbinden. Das Drama komplex traumatisierter Menschen ist jedoch, dass Menschen Sicherheitsgefühl, Selbstberuhigung und Vertrauen nur sicher gebunden überhaupt erlernen.

Das bedeutet, dass komplex traumatisierte (also als (kleine) Kinder (von den Eltern oder ähnlich nahen Menschen im direkten Umfeld) traumatisierte) Menschen als Erwachsene mit einem Defizit leben, das sie oft nur mit Mut und der Fähigkeit sich in die Gegenwart zu reorientieren kompensieren (lernen) können. Sie müssen wissen, wann sie sich „von ihren (früh_kindlichen Todes-)Ängsten verrückt machen lassen“ und wann es von ihnen kompensierbar ist, sich mal auf ein Sicherheitsgefühl einzulassen – um vielleicht überhaupt mal zu fühlen, wie das ist. Wie ist das, wenn man mal locker lässt? Mal annimmt, etwas ist, wie es zu sein scheint? Wie fühlt es sich an, wenn meine Erwartungen an einen guten Ausgang einer Situation sich auch wirklich erfüllen? Und wie oft werden meine Erwartungen an einen guten Ausgang von Situationen eigentlich erfüllt?
Außerdem müssen sie verstehen und begreifen, dass sie sich langfristig schaden, wenn sie sich vor Verbindung schützen, weil sie gegen ihre Menschlichkeit handeln. Sie behindern sich selbst, sie verletzen sich selbst, sie arbeiten – krass ausgedrückt – an ihrer Vernichtung. So wie das Trauma sie zu vernichten bedroht hat, weil ein (oder auch alle) Grundbedürfnisse nicht erfüllt wurde.n.

Immer, wenn mein Mut zum Sicherheitsgefühl (empfinden/annehmen) belohnt wurde, habe ich viel gelernt. Natürlich erst einmal, wie es sich anfühlt sich sicher zu sein und zu bleiben, aber auch, dass es durchaus klargeht. Dass ich richtig einschätzen kann, wann mein Mut zur Empfindung mich nicht gefährdet hat. Was ich gebraucht habe, um diesen Mut aufzubringen. Was geholfen hat und was nicht. Dass ich als erwachsener Mensch mit Ängsten umgehe, die früher ein wichtiger Marker für meine Gefährdung waren, aber heute ein Marker für eine andere Art von Gefährdung, weil ich meine Grundbedürfnisse spüre, ernst nehme und mir, soweit es geht, bedingungslos erfüllen kann, weil ich dafür niemanden mehr zwingend brauche.

Missverständnisse mit anderen Menschen haben früher mein Leben bedroht, und zwar ganz direkt.
Beleidigungen, Phrasen oder Redewendungen wörtlich zu nehmen, Trickfragen nicht erkennen können, den Anteil eines Gespräches, in dem jemand die eigene Überlegenheit und Macht über mich kommuniziert, übergehen, sich in Situationen sicher zu fühlen, weil bereits erlebte Misshandlungsszenarien in Details verändert wurden, die als Erkennungsmerkmal funktionierten … das sind Situationen gewesen, in denen mein autistisch sein zu negativer Irritation führte, den Täter_innen aber auch extrem erleichtert hat, die Gewalt an mir zu legitimieren oder meine Ausbeutung nicht als solche wahrzunehmen.

Heute sind es nicht mehr die großen körperlich bedrohlichen Szenarien, die mir Probleme bereiten, sondern die kleineren sozialen. Denn die bringen mich an emotionale Verletzbarkeiten und Traumata. Und die sind für mich bis heute schwer zu reorientieren, weil sie nie aufgehört haben. Ich kann es schaffen, sie von den Personen zu lösen. Kann mich daran erinnern, dass ich mehrheitlich von neurotypischen Menschen umgeben bin, die einfach immer alles als auf sie persönlich bezogen einordnen, die von mir gesagt bekommen müssen, was ich fühle und möchte (obwohl sie sich seltener die Mühe machen, sich mir zu übersetzen) und dass ich vieles einfach anders wahrnehme.
Das macht aber die Verletzung nicht weg. Und auch nicht das Gefühl, das sich einstellt, wenn das Grundbedürfnis nach sozialer Verbundenheit einfach nicht erfüllt werden kann, weil sich niemand in der direkten sozialen Umgebung ähnlich wie ich ver_bindet.
Aber es ist richtiger als der traumalogische Schluss, dass ich nichts dagegen tun kann. Dass ich deshalb komisch bin oder falsch und ja kein Wunder ist, dass mich niemand mag. Dass ich meine Einsamkeit irgendwie nicht anders verdient hätte und mich in ihr einrichten muss, obwohl ich das gar nicht will. Oder, dass meine Gefühle von Verletzung zu äußern falsch ist, nur weil andere Menschen unverletzt aus dem herausgehen, was sie als Missverständnis interpretieren.

Je mehr ich mich mit diesen Dingen auseinandersetze, desto bewusster wird mir, dass ich weiter sehr viel mehr Mut und vielleicht auch Opfer aufbringen muss, um ein alle Grundbedürfnisse erfülltes Leben zu führen. Das macht mich manchmal traurig, weil das sehr anstrengend ist und häufig auch mit Unverständnis des Umfelds einhergeht. Andererseits macht es mich auch froh und dankbar, weil es mich daran erinnert, dass die Alleinverantwortlichkeit für die Erfüllung meiner Grundbedürfnisse heute kein zu hoher Anspruch mehr an mich ist, wie damals als Kind und Jugendliche_r.

Und, weil ich das Leben heute als etwas fühlen kann, das eben nicht um (die Verhinderung von) Schmerz und Not kreist, sondern um Grundbedürfnisse, die sind, weil sie sind, weil das Leben ist und ist und ist.

Autismus und Dissoziation – Resilienz ist keine Eigenschaft

Wir wurden gestern auf dieses Video von Dr. Mike Lloyd von der CTAD Clinic in Großbritannien aufmerksam gemacht.
Er geht in dem Video ganz allgemein darauf ein, dass Menschen selbstverständlich sowohl autistisch als auch dissoziativ sein können und was das für die Aussage „Wo DIS da Trauma (durch (organisierte (Rituelle)) Gewalt)“ bedeutet.

Zwei Aspekte des Videos finde ich bemerkenswert.
Der Erste ist mir gerade zu schwer er.greifbar und ich gehe später noch einmal umfassender darauf ein – vorerst so viel: Er bestätigt meine Aussage, dass in dieser Welt, unserer von überwiegend neurotypischen ausschließlich für neurotypische Menschen gemachten Lebensumgebung jede einzelne Aktion, jede Interaktion, jede Kommunikation, jedes Erlebnis jeder Art für autistische Menschen mit höherer Wahrscheinlichkeit traumatisch ist als für neurotypische Menschen.
Das ist für mich insofern schwierig als dass es Traumawahrheiten so alt wie ich selber in mir bestätigt („Die Welt will mich töten“/“Es ist (zu) gefährlich zu leben (Ich sollte es besser gar nicht erst versuchen.)“/“Ich bin 24/7 bei egal was ich mit wem wie wo warum mache, möchte, will gefährdet.“/“Zu leben bedeutet Schmerz – Mit anderen Menschen zu leben bedeutet Agonie, die niemand sieht, niemand versteht, niemand nachfühlt, niemand glaubt.“)
Und es bestätigt eine Verklemmung, die wir in Bezug auf uns selbst als sowohl von Gewalt traumatisierte Person als auch autistische Person in der Selbstvertretung erleben, weil wir von anderen Vielen oft als Vertretung von Menschen, die Viele sind gedacht werden: Wir können unsere bis heute bestehende Gefährdung der Traumatisierung durch unser autistisches Er_Leben in dieser Welt nicht ausdrücken, ohne möglicherweise zu schmälern, was Menschen, die ausschließlich durch Gewalt traumatisiert wurden, berichten und fordern.

Und wir können entstandene Traumatisierungen, die etwas mit unserem autistischen Er_Leben und anderen Menschen zu tun hatten, nicht ausdrücken, ohne dass diese Menschen als Gewalttäter_innen an uns gedacht werden, mit aller Bewertung, die dieser Rolle gemeinhin zukommt. – Ja, wir können verstehen, dass es besonders hier im Blog oft auch schwer ist zu differenzieren, was wir wann mit Gewalt meinen, wann geht um Macht und wann um Überlegenheit, Gewalt im Sinne von „Auf die Fresse/die Seele/die Identität“ bliblablö – aber
Bottomline bleibt: Wir trauen uns nicht unserem autistischen Er_Leben den Raum in Bezug auf unsere Traumatisierung zu geben und auch hier darüber zu schreiben, weil wir Angst vor der Instrumentalisierung durch Leute haben, die die Erzählung von Vielen, die (organisierte (Rituelle)) Gewalt erlebten delegitimieren wollen, aber auch weil wir nicht den Eindruck entstehen lassen wollen, dass es so etwas wie „ursachenlose DIS“ oder „in einem Menschen selber begründete Traumata“ gibt.

*

Okay, zweiter Punkt: Resilienz.
Dr. Llyod sagt in dem Video, dass es für autistische Menschen schwerer ist zu Hilfe zu kommen und damit implizit auch: Resilienz zu entwickeln. Dabei finde ich bemerkenswert, dass er ausschließlich andere Menschen bzw. die Ver_Bindung zu anderen Menschen als Resilienzfaktor bzw. Quelle von Hilfe zu betrachten scheint, was ich mir spontan nur damit erklären kann, dass er ein neurotypischer Mensch ist. Denn ja, vermutlich sind andere Menschen für die meisten neurotypischen Menschen einfach das Go-To in all times for everthing. Für Freude, für Trauer, für Gemeinsamkeit, für Trost, für Beruhigung, für Versorgung…
Und derart eingebunden, verbunden miteinander Belastendes, Schwieriges, potentiell Traumatisches durchleben zu können, ohne verletzt zu werden oder zu bleiben, begründen sie mit einer persönlichen Eigenschaft. Resilienz nämlich. Dabei ist sie doch nur vorhanden, wenn diese Verbindung überhaupt besteht – unter anderem, weil es genau auch diese Verbindung zu anderen Menschen braucht, um ein selbst, eine Identität und also eine Verbindung zu sich selbst zu entwickeln und diese stabil zu er_halten.
Die neurotypische Erzählung von Resilienz unterschlägt also gewissermaßen, ihren Grundstoff: Bindung
Und in der Folge auch die Fähig- und Fertigkeiten, die zur neurotypischen Bindungserstellung und -pflege erforderlich ist.

So kann der Eindruck entstehen, autistische Menschen seien einfach nicht resilient vor belastenden Ereignissen und deshalb eher gefährdet traumatisiert zu werden. Was in dem Moment widerlegt ist, wenn man autistische Menschen nach ihren Quellen von Trost, Beruhigung, emotionaler Versorgung und ihren Arten des Mit_Teilens fragt – und diese als gleichermaßen wirkend wie den interpersonellen Kontakt neurotypischer Menschen miteinander bewertet.

Resilienz ist keine persönliche Eigenschaft, die man erlernt oder entwickelt. Sie ist etwas, das sich aus dem kongruenten Interagieren mit der direkten Mitwelt ergibt und ich glaube, dass das etwas ist, das neurotypische Menschen von autistischen – aber auch anders neurodivergenten Menschen! – lernen können und auch müssen, um zu verstehen, wie man (besser) unterstützen im Notfall, aber auch (besser) verstehen kann im allgemeinen Alltag.

Dazu ist erforderlich was auch Dr. Lloyd in dem Video tut: Wertschätzen und Integrieren, was autistischen Menschen, die sich als Viele erleben aus eigener Perspektive mitteilen. Einerseits weil die Studienlage sehr dünn ist, andererseits aber auch, weil selbst Studien mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht von den Menschen gemacht worden sind, die mit dem Thema der Studie leben. Es also immer gewisse „Übersetzungsverluste“ gibt und damit auch einfach nie „alles auf dem Tisch ist“, was wichtig zu wissen und zu verstehen ist.

ein verbindendes Element

In der Autismustherapie sprachen wir darüber, dass Menschen manchmal Dinge sagen und keine Aussage damit machen wollen. Dass sie einander manchmal einfach nur Phasen vortragen, als wären sie Teil des traditionellen Miteinander-Tanzes, über deren Schritte man nicht nachdenkt, die vielleicht unnötig sind aber irgendwie doch dazugehören. Und, dass es weder eine Konzentrationsfrage noch eine Motivationsfrage ist, diese Kommunikationsform zu bemerken. Es ist vielleicht nicht einmal nur eine Frage des Erkennens oder Entschlüsselns, sondern der Ver_Bindung. Das denke ich zumindest jetzt, eine Woche später.

Denn ja, manchmal bemerken wir es nicht, wenn man uns aus einem Gespräch herausphraseln möchte oder auf einer unverbindlichen Ebene des Gesprächs bleiben möchte oder unausgesprochene Ziele verfolgt. Was darunter allerdings leidet, ist in unserem Fall nicht unbedingt das Gespräch, sondern die Bindungsbereitschaft der anderen Person und damit eine Grundlage für das Miteinander als Ganzes.

Wir können es nicht verhindern, wenn Menschen zum Beispiel unangenehm finden, dass wir ihnen auf (für sie) kurz zu beantwortende Fragen, alles antworten, was wir dazu wissen, weil ihre Frage zu unspezifisch für eine kurze Antwort war. Oder wenn sie sich ertappt (oder bedroht) fühlen, weil wir ihnen im Versuch einer Problemlösung statt prosozialer Phrasen eine Analyse mitteilen, in der sie vielleicht nicht so harmlos, lieb und gut gemeint wirken, wie sie sich selber sehen.
Wir können es nicht verhindern – merken aber deutlich, dass wir Erwartungen enttäuschen und deshalb oft unverbunden mit anderen Menschen bleiben oder eine Ver_Bindung haben, die von Furcht vor Exposition, eigennütziger Intention oder Projektion auf uns motiviert und getragen ist.

Es gibt nur wenige Menschen, mit denen wir zu tun haben, die unsere Bemühungen die Erwartungen anderer Menschen zu erkennen (für) wahr_nehmen und noch weniger, die dies nicht als nur traumabedingt einordnen. Denn die Erzählung über komplex traumatisierte Menschen mit DIS enthält nach wie vor auch, dass Kinder zum Überleben davon abhängig sind, immer zu wissen, was von ihnen erwartet wird und immer auch herstellen/präsentieren/machen können, was von ihnen erwartet wird. Und weil sie es als Kinder so perfektionieren mussten, haben sie auch als Erwachsene noch dieses Muster, um sich selbst zu schützen, beziehungsweise darin Sicherheit zu finden.

Auf meiner „Traumaachse“ kann ich das durchaus auch sehen. Ich sehe aber vor allem die Traumalogik darin. Wenn ich aus traumalogischen Gründen, die Erwartungen anderer Menschen erfahren will, dann tue ich das aus Todesangst heraus. Ich habe Angst zu sterben, wenn ich nicht verstehe oder erfülle, was Menschen erwarten, denen ich eine momentane oder generelle Autorität zuschreibe.
Auf meiner „Autismusachse“ bin ich manchmal beeinflusst von meiner Traumalogik, in der Regel jedoch funktioniere ich nach allgemeiner Überforderungslogik und dem folgend nach den Prinzipien der Effizienz. Autorität zum Beispiel ist extrem ineffizient in einem 1 zu 1-Kontakt, also beachte ich sie nicht weiter, sondern konzentriere mich auf den Gegenstand des Kontaktes, um genug Energie dafür bereitzuhalten. Dabei treffe ich keine Entscheidung gegen die Autorität der Person oder gegen das Zeremoniell oder die Person selbst, sondern nur die Entscheidung mich auf das zu konzentrieren, weshalb wir in Kontakt sind. Beziehungsweise das, wovon ich glaube, dass es der Grund für den Kontakt ist.

Das ist etwas, worüber ich mich anderen Innens – auch die, die noch gar nicht orientiert sind, also sich noch im Trauma erleben – nähern kann. Wir teilen die Zerrissenheit etwas auslassen zu müssen, um Kontakte machen, halten, gestalten zu können – die Unverbundenheit mit Menschen, die wir ganz sehen und verstehen, aber nicht gleichermaßen ganz fühlen können – die Fragmentierung, die nicht (nur) (trauma)reaktiv dissoziativ, sondern auf eine Art irgendwie bio_logisch ist – und die Verwirrung darüber, welche Funktion und welche Bedeutung die Erwartung anderer Menschen an uns hat. Besonders dann, wenn diese Menschen gewaltvoll mit uns umgehen.

Perfektionismus

Jemanden, die_r Fehler und Lücken schnell sieht und sie benennt, wird oft als perfektionistisch und kontrollierend gerahmt.
Perfektionismus gilt als etwas, mit dem man Kontrolle ausübt oder herstellen möchte. Über sich oder über alles und alle im direkten Umfeld. Oft schwingen dabei Ideen mit, in denen es um das Selbstbild der perfektionistischen Menschen geht, manchmal aber auch Ideen darum, dass (komplex) traumatisierte Menschen mit ihrem Perfektionismus die Konfrontation mit dem Bewusstsein um die Ohnmacht und den globalen Kontrollverlust während traumatischer Erfahrungen vermeiden.

Perfektionismus kann aber auch ein Werkzeug sein, die Menge und Art zwischenmenschlicher Interaktion zu kontrollieren, das habe ich vor Kurzem an mir reflektiert. Die meisten Menschen stecken sehr viel Interaktion und Kommunikation über Fehler, Mängel, Imperfektion. Für Sieger_innen gibt es 5 Minuten Angeguckt werden auf einem Podest, für Verlierer_innen eine unabsehbar lange Zeit, in der das Versagen besprochen und bearbeitet wird. Beides ist mir unangenehm, denn beides bedeutet Druck. Beides bedeutet eine unkontrollierbare Aufmerksamkeit auf mich, die_r sich selber in einem ständigen Kampf um Kontrolle über die eigene Körper_Sprache und das eigene Selbst befindet.
Mache ich etwas einfach perfekt, dann ist eindeutig, wann diese Aufmerksamkeit endet und dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit nett gemeint ist (also keine Lebensgefahr bedeutet, obwohl mein traumatisierter Körper mir das vielleicht so rückmeldet).
Unter neurotypischen Menschen kann man nie nichts machen. Immer immer immer bedeutet irgendwas irgendwas und immer werden Annahmen formuliert, die eine Absicht implizieren. Etwa: „Du willst immer die_r Beste sein, um jemand besseres zu sein.“ oder „Du willst nur positive Aufmerksamkeit, damit niemand deine negativen Seiten bemerkt.“ oder „Du musst dich perfekt fühlen, um deine Annahme alle anderen seien weniger wichtig/richtig/gut, als du zu bestätigen.“
So klar eingerahmte Absichten wie die, die ich_wir tatsächlich verfolgen, werden mir_uns oft nicht geglaubt. Unter anderem, weil man Absichten an sich nicht wahrnimmt (zum Beispiel durch Verhaltens_Beobachtung), sondern die wahrgenommenen Reize mit der eigenen neurotypischen Lebenserfahrung, sozialen Werten und ihren Maßstäben und daraus resultierenden Erwartungen vermischt. So wird aus „Hannah rückt ein Bild gerade“ ein „Hannah kontrolliert ihre Umgebung, indem sie bestimmt wie ein Bild an der Wand zu hängen hat.“ oder eben aus „Hannah will die volle Punktzahl erreichen“ ein „Hannah will mal wieder die Geilste von allen sein.“

Perfektionismus wird häufig negativ gerahmt. Viele Menschen halten perfektionistische Menschen für dumm, weil diese etwas versuchen, was sie für unmöglich halten, weil es extrem anstrengend ist und es die Idee gibt, man hätte mehr Energie für „die wirklich wichtigen Dinge“ (wobei mir nach wie vor schleierhaft ist, was das konkret für Dinge sein sollen), würde man nicht immer in allem perfekt sein wollen. Dass es bei perfektionistischem Verhalten vor allem darum gehen könnte, den Kontakt zu Menschen zu reduzieren, die sich weder für den individuellen Begriff von Perfektion interessieren noch gleichermaßen wertschätzen (und also gar nicht auf die Idee kommen, wie sehr sich die Anstrengung dann eben doch lohnt) wird in aller Regel ausgeblendet.

Auch, dass „unter Perfektionismus zu leiden“ an sich oft gar nicht der Punkt ist, wenn perfektionistische Menschen leiden.
Perfektion macht einsam, weil sie überwiegend als Leistung(sergebnis) und weniger als Momentum wertgeschätzt wird. Ich für mich glaube, dass es kein Gefühl gibt, dass mir mehr Sicherheitsgefühle, mehr Ruhe, Gelassenheit und Entspannung vermittelt als das Wissen darum, dass etwas perfekt ist, einfach, weil ich weiß, dass ich in dem Moment absolut für mich und mit mir bin und sein darf – und niemandes Erwartung enttäusche oder eine andere Gefahr übersehe, der ich dann schutzlos ausgeliefert bin.
Wenn ich früher darunter gelitten habe, etwas nicht perfekt zu schaffen, dann habe ich darunter gelitten, dass ich eine Aufgabe, eine Herausforderung durchhalten muss, obwohl am Ende dieses Moment der Ruhe und „MitMir-Samkeit“ ausbleiben würde und sich vor mir ein unüberblickbarer Zeitraum von Sprechen und interagieren müssen vor mir ausbreitet. Von dem ich weiß, dass ich ihm nicht gewachsen bin, dass ich ihn nicht durchqueren kann, ohne mich selber zu verlieren und der in mir den Wunsch zu sterben aufkommen lassen wird, um mich entziehen zu können – und mit all dem allein, ungesehen, unverstanden, ohne jede Hilfe oder Rettung zu sein.
Mir in solchen Momenten zu sagen, dass man nicht in allem perfekt sein kann, war niederschmetternd für mich, denn das bedeutete ja, dass ich mich damit würde abfinden müssen, dass ich in meinem Leben überwiegend leiden muss, weil das eben so ist. Weil es anders ja gar nicht geht.

Zusammen mit dem, was mir_uns über die Gründe für die Gewalt an uns gesagt wurde, war das unfassbar schlimm.

 

das mit dem Mitfühlen

Eine Frage einer Teilnehmerin hat mich berührt.
Wir hatten gerade viel über Gefühle und Emotionen gesprochen. Sie fragte, wie das mit dem Mitfühlen ist. Dem „sich in andere Menschen hineinversetzen“.
Ich versuchte zu erklären, dass sich selbst zu fühlen, eigene Gefühle spüren, nicht die gleiche Tätigkeit ist wie „sich in andere Menschen einzufühlen“. Dass das eine ein Prozess und Merkmal des bloßen Am-Leben-Seins – und das andere das Ergebnis sozialer Interaktion im Rahmen der Lebensgestaltung ist.

Erst jetzt, fast einen Tag später, merke ich, wie wichtig diese Frage eigentlich für alle Teilnehmer_innen war, die wie wir, mit diesem einen heimlichen Koffer durchs Leben gehen, in dem Schuld, Scham und Schande darüber steckt, dass man eben nicht einfach immer „aus dem Bauch heraus“ weiß, was bei anderen Menschen los ist. Dass man immer irgendwie drum rum murkeln muss, jeden Menschen wie ein Objekt analysieren und abtasten muss, um schlau aus dessen Innenleben zu werden, ohne sich dabei irgendwie persönlich angezogen zu fühlen oder überhaupt zu erwarten, dass das sicher total spannend und toll zu wissen wäre, weil man damit ja so unfassbar viel anfangen könnte.

Die Person erzählte später, dass sie in der Sonderschule nichts darüber gelernt hat und weil ich einfach bleiben wollte, erwiderte ich nichts weiter darauf. Aber natürlich ist klar, dass über genau diese Dinge, genau dieses Erleben, auch in anderen Schulen nicht gesprochen wird, weil es abweichend, neurodivers, ist.
In unserem heimlichen Koffer stecken Schuld, Scham und Schande, weil es den meisten Menschen anders geht als uns. Weil sie uns beschämen, wenn wir nach Dingen fragen, die offensichtlich, intuitiv, „automatisch klar“ erscheinen. Weil sie uns gefühlskalt und mitleidslos schimpfen, wenn wir nicht sofort in uns unsinnig, weil ineffektiv erscheinenden Sozialinter_Aktionismus fallen. Weil sie uns für Manipulation und Hinterlist bestrafen, wo wir verzweifelt versuchen Sinn zu finden.

Weil neurotypische Menschen so gut wie nie – weder freiwillig noch unfreiwillig – etwas darüber lernen, wie neurodiverse Menschen er_leben und fühlen.

Umso mehr Dankbarkeit habe ich jetzt dafür, dass wir den Workshop machen durften und diese Frage aufkam.

Suchbilder

Solche Suchbilder (Link zu einem Tweet) sind für mich ein guter Aufhänger zu illustrieren, was ~ starke Detailwahrnehmung~ für uns (im Miteinander mit Menschen, die diese Wahrnehmung nicht auch haben) bedeutet.

1. Finden wir das Gesuchte in der Regel sofort und freuen uns. Weil wir uns freuen, sind wir mit Freuen beschäftigt und nicht mit den anderen Leuten. Sie halten das für Arroganz, Siegerpose, persönliche Abwertung – und freuen sich nicht.

Wenn wir mit Freuen fertig sind, merken wir: Die Freude wird nicht geteilt.
Das verunsichert mich und ich prüfe das Verhalten vor dem Gefühl. Die Aufgabe war doch das Handy z. B. zu finden, oder? Und als ich es fand, war das doch gut, oder? Ein Anlass zur Freude, oder? Und voilà! Wir sind in einer Situation, in der ich davon abhängig bin, dass die andere Person weiß, dass Gefühle und ihr Ausdruck uns sehr einnehmen und wir den Fokus nicht aus Unachtsamkeit oder Egoismus oder Narzissmus von ihnen nehmen.
2. Wir sehen solche „Fehler im Muster“ sofort. Auch, wenn niemand danach fragt. Auch, wenn sie niemand sonst sieht. Immer. Egal, was wir tun. Egal, wie bewusst oder gezielt wir auf Dinge schauen, wir sehen die Macken, die Fehler, die Dellen und Risse – und das macht uns etwas aus. Nicht, weil wir jeden Fehler korrigieren müssen oder wollen, sondern weil wir die Welt wie sie ist in all ihrer gescheiterten Möglichkeit zu sein sehen. Und das kann – besonders wenn Ungerechtigkeit, unsinniges Verhalten, Nachlässigkeit oder Ignoranz die Ursache ist – in richtig tiefe Täler führen. Besonders, weil diese Perspektive so schwer zu teilen ist.
Diese „Fehlerwahrnehmung“ ist ja nicht nur das Ergebnis bloßen Abgleichens, sondern auch das einer Vorstellung davon, wie Dinge sein könnten oder in jeweiligen Umständen sein müssten.
Dadurch entsteht 3. ein ganz anderer Ansatz dazu, wie man Dinge verändern sollte oder müsste. Also wie wann wo welchen „Fehlern“ zu begegnen sein könnte.
Unsere Ansätze in der Regel recht komplex, weil wir viele (alle die uns auffallen) Aspekte und Dynamiken einbeziehen – was von Leuten, die das Problem von vornherein nicht ~SEHEN~ oft abgelehnt wird, weil der Aufwand in Relation zum von uns aufgezeigten „Fehler“ zu groß erscheint. Was über Dauer und Umfang der „Fehler“ in unserer Umgebung hinweg ziemlich belastend ist und eine hohe Frustrationstoleranz sowie immer immer immer aufrecht zu erhaltende „Kraftdecke“ erfordert. Stichwort: Spoons (Link zu einem anderen Blogeintrag), die man fürs bloße „Irgendwo sein und DINGE sehen (ertragen können)“ aufbraucht.

Viele andere autistische Leute rahmen diese Wahrnehmung als positive Ressource – ich fühle mich ihr oft ausgeliefert und kämpfe bis heute mit reflexhaftem Selbsthass, wenn ich merke, dass ich mich_uns in eine Situation gebracht habe, in der sie sich offen zeigt oder als Element wirkt, das uns von anderen Menschen unterscheidet und also trennt.


Vor allem, wenn es 4. um traumatische Erfahrungen und Traumatherapie geht.

Wir haben eh das Problem, dass die meisten Menschen neurotypisch und „sozial gepolt“ sind. Sie denken nicht von alleine mit, dass das traumatisierende Element vielleicht nicht ist, WAS oder WARUM etwas passiert ist, sondern WANN, in welchem allgemeinen Zustand (der Überreizung z. B.) oder WIE oder auch mit welchen (in der Situation schon ganz klar bewussten (katastrophisierten)) Konsequenzen im Kopf etwas passierte. Und noch weniger Menschen sind bereit anzunehmen, dass auch Dinge traumatisieren können, die nicht mit konkreter Bedrohung für Leib und Leben einhergehen, sondern damit, permanent, in allen sozialen wie unsozialen Situationen, zu jeder Zeit mit der emotionalen Verletzung, die soziale Isolation oder Fremdheit ja bedeutet, und mit der permanenten Überstrapazierung sensorischer (Verarbeitungs-) Kapazitäten – und entsprechend diffusen oder schwer auszumachenden Triggern – konfrontiert zu sein und so über extrem lange Zeiträume keinen Winkel in der Welt zu haben, in dem man sich erholen, beruhigen, regenerieren kann.

 

Wir denken das immer mit und bleiben so stark von dem getrennt, was wir eigentlich mit.teilen wollen.
Wir wissen, dass wir zwei Kluften zu überbrücken haben. Die Trauma-Kluft und die Er_Lebenswelt-Kluft. Traumatisierung geht oft mit Verbindungsproblemen einher, weil man weiß, dass nicht alle Menschen jeden Tag zum Beispiel misshandelt werden. Das passiert zwar vielen Menschen, ist aber in Grundsatz doch eine Ausnahme im Alltag. Wie überwindet man diese Ausnahme, diesen „Fehler“, um sich zu verbinden und darüber zu reden? Viele Menschen schaffen das über Vertrauen, über sich verbindlich zeigen, über die Gemeinsamkeiten, die sie trotz des „Fehlers“ haben.
Aber wie überwindet man Er_Lebenswelt-Kluften? Für uns hat es nie gereicht, sich dafür auf die Gemeinsamkeiten zu berufen oder zu hören, wie andere Menschen er_leben. Ich muss ihre Perspektive verinnerlichen können – also eine extrem große Datenmenge über ihre Art und Verarbeitung von Wahrnehmung zur Verfügung gestellt bekommen und diese auf jede mir geschilderte Erfahrung anwenden – um sie überhaupt zu verstehen und zu wissen, was ich von mir als ähnlich anlegen kann.
Und ja, das ist uns bisher bei noch keinem Menschen gelungen.

Wir wissen, dass wir zwei Drittel des Gesehenen, des Gehörten, des Gedanken wegschneiden müssen, weil es nicht interessiert, nicht verständlich, nicht nachvollziehbar, nicht nachwahrnehmbar ist. Wir wissen nur nie ganz genau welche, dafür aber, dass wir deshalb weder die Trauma-Kluft noch die Er_Lebenswelt-Kluft wirklich richtig überbrückt kriegen, denn es bleibt immer etwas übrig.

Da bleibt immer eine Lücke.
Ein Fehler.

der Thread zu sozialem Maskieren und Authentizität

Disclaimer: Ich arbeite seit einiger Zeit an einem Comic über Alexithymie. Darin beschreibe ich, was bei mir passiert, wenn ich versuche, ganz ohne Hilfe mit Überforderung im sozialen Kontext zurechtzukommen. Als ich die Skizzenseite schrieb, fiel mir auf, dass ich es in dem Comic nicht schaffen werde, in aller Tiefe über einzelne Dinge zu schreiben. Deshalb habe ich einen Thread geschrieben.
Damit er leichter lesbar ist und weniger Fehler enthält, teile ich ihn hier noch einmal in leicht überarbeiteter Form.

Ich möchte noch ein paar Worte zu einem Aspekt, den ich in meinem Comic aufgeschrieben habe, mit euch teilen.
Ein #Thread über soziales Maskieren als autistische Person und dessen Rezeption.

Ich kann nicht mehr sprechen wie ich selber. Dann benutze ich Wörter von Leuten aus dem Fernsehen oder aus Büchern oder meinen Gemögten.

Ich wurde als Jugendliche_r immer wieder als „falsche Schlange“, als manipulativ und hinterlistig bezeichnet, weil meine Strategie im Kontakt mit anderen Menschen daraus bestand, sie praktisch 1 zu 1 in Mimik, Gestik, Sprache und Inhalten zu spiegeln. Das wurde von manchen als Versuch mich aufzuwerten eingeordnet und von manchen einfach nur als unaufrichtig und nicht authentisch.
Ich selbst habe das nie absichtlich und überlegt gemacht, sondern reflexhaft aus der Überforderung heraus, die soziale Interaktion und Kommunikation bei mir (bis heute) auslöst
Als erwachsene Person ist von diesem „Spiegelverhalten aus Überforderung“ bei mir nur noch die Echolalie übrig. Das heißt: Ich wiederhole Gesagtes oder Phrasen, manchmal auch ohne, dass diese in den Gesprächsinhalt oder die emotionale Lage passen. Ich empfinde das in der Regel als Reflex wie Blinzeln, eher selten wie Brechreiz also mit etwas Kontrollrahmen.
Weil das negativ bewertet wird im schlimmsten und Besorgnis (die zu mehr Interaktion und Kommunikation führt, was mehr Belastung bedeutet) auslöst im besten Fall, ziehe ich mich eher zurück und vermeide inhaltlich profunde Unterhaltungen, wenn es mir nicht gut geht.

Ich kann mir ableiten, wann welche Probleme zu welchen Problemen, führen und wer wie viel Einblick und Begreifen meiner Kommunikationsprobleme hat. Fremde haben meist gar kein Begreifen – wollen aber in der Regel auch nicht mit mir sprechen, sondern mit dem Bild, das sie sich von mir gemacht haben. In so einem Kontakt kann ich skripten (also auf vorher überlegte Sätze/Unterhaltungen zurückgreifen, was auch echolalisches Verhalten ist) ohne jedes Problem und habe auch keine Angst davor, dann zu „papageien“. Deshalb wirke ich vor Fremden oft total entspannt, selbstsicher, stark, eloquent. Bei Menschen, mit denen ich mich aber verbinden will, will ich authentisch sein, will ich verstanden werden, will ich verstehen und gemocht werden.

Ich brauchte viel Traumaarbeit, um mir den Wunsch, das grundmenschliche Bedürfnis, nach Kontakt und Ver_Bindung zu anderen Menschen überhaupt zu erlauben und meine Angst davor zu regulieren. Ich gehe bis heute dennoch nie unbelastet und entspannt in Kontakt.
Das bedeutet, dass mein Stresspegel nie bei 0 ist, ich also immer irgendwie schon von Anfang an in der Kompensation, in der Maske, bin. Ich verberge meine Anspannung und damit auch mich selbst. Selbst vor meinen engsten Liebsten bin ich also gar nicht „authentisch“ und „echt“.

Als ich jung war, war das mein sozialer Tod unter Gleichaltrigen. Denn obwohl sie meine Behinderung nicht erkannt/gekannt haben, haben sie sie über dieses Ding sofort wahrgenommen und darauf reagiert – und würden das bis heute tun.
Heute hilft mir manchmal die Erinnerung daran, dass niemand anders ein Anrecht auf „mein wahres Selbst“ hat als ich.
Es ist in meinem Fall logisch und bei anderen Menschen – die vielleicht ähnlich maskieren, auch wenn sie nicht autistisch sind – möglicherweise der einzige Schutz vor unerwünschtem Zugriff von außen oder vielleicht auch ein Verhalten, das mit anderen Absichten aufgezwungen wurde.

Ich halte es für wichtig, sich den Anspruch an Authentizität vor allem an behinderte und anders marginalisierte Menschen genau anzuschauen. Weil ich zum Beispiel schon mehrfach erlebt habe, was die Folge meines ganz eigenen Selbstseins ist: sozialer Ausschluss, Ekel vor mir, Angst vor mir, allgemeine Besonderisierung, Unverständnis, Pathologisierung, Befremdung – und auch: Enttäuschung und Vertrauensverlust. Für manche Gemögte stellt sich die Frage, warum ich mich vor ihnen „verstelle“ oder Dinge nicht so ausdrücke, wie ich es intuitiv möchte. Sie fragen sich, ob ich ihnen nicht genug vertraue, ob ich ihnen nicht glaube, dass sie mir aufrichtig wohlgesonnen sind und und und.

Das Problem: Ich kann Menschen nur schwer lesen. Ich müsste rückhaltlos glauben, dass mir jemand wohlgesonnen ist und diese Fertigkeit ist mir kaputt traumatisiert worden. Ich kanns einfach nicht. Es hat mich zu oft schon fast um- oder in Lebensgefahr gebracht, das zu tun.
Und zweitens ist man nicht deshalb „ganz man selbst“, weil andere das gern so wollen, sondern weil man es einfach ist.
Es ist auch authentisch in mir drin, also Teil meines Selbst, eben nicht einmal vor sehr nahen Menschen nicht zu kompensieren.

Ich habe schon oft darüber nachgedacht, ob es für manche Menschen eine Bedrohung ist, die eigene Nichtauthentizität im sozialen Kontakt nicht zu problematisieren, sondern als logische Folge des Anspruchs an Authentizität bzw. an Verhalten, das der Norm entspricht, zu sehen. Aber das lässt sich in unserer Gesellschaft so nicht gut erfragen und herausfinden.
Und deshalb endet der Thread hier.

der behinderte Therapeut – von Kompensation und keinen Bock mehr haben

Gestern haben wir zum ersten Mal mit einem Psychotherapeuten zu tun gehabt, der eine Behinderung allgemein sichtbar kompensiert.
Das war für uns etwas Besonderes und hat viel bewegt, unter anderem gerade weil er ebenfalls mit einer Behinderung lebt.

Er lebt mit einer Hörbehinderung und trotz Prothese muss er daneben noch viel selbst aktiv kompensieren, um andere Menschen gut zu hören. Für uns war es total gut das zu sehen.
Seine Kompensation ist mir überhaupt nur aufgefallen, weil ich mich davon bedrängt gefühlt habe, dass er immer wieder mein Gesicht bzw. mein Mundbild gesucht hat. Wir können es nicht gut haben, wenn Menschen uns mit ihrem Gesicht den Eingangsbereich in die Welt verstellen oder generell viel Bewegung in den Blickbereich reinbringen, weil es uns überreizt und überanstrengt. Er aber muss das ja machen. Obwohl er die Unterstützung durch ein Cochlea-Implantat hat.

Er war mir in der Situation ein gutes Vor_Bild davon, dass Behinderungen zu kompensieren nicht damit aufhört, dass man die beste™ Unterstützung hat, die möglich ist, um sich an die Menschen anzupassen, die diese Unterstützung nicht brauchen.
Und sein Verhalten hat mir deutlich gemacht, dass Kompensation ein aktiver Prozess ist.

Außer dem Begleitermenschen sagt mir niemand, was ich eigentlich immer übernehme, um meine Schwierigkeiten zu kompensieren. Und dass das einigermaßen viel und in aller Regel sehr viel mehr ist als andere Menschen machen müssen. Alle sagen mir immer nur, wie toll ich sie kompensiere. Wie viel ich so ganz toll schaffe und bliblablö. Was für mich eigentlich irrelevant ist, weil ich in der Regel froh bin, Dinge überhaupt verstanden und dann auch noch geschafft zu haben. Das ist in gewisser Weise das Einserschüler_in-Problem. Man strengt sich unfassbar an, wird aber für die 1 gelobt – nicht für die Anstrengung und auch nicht dafür, dass man sich diese Anstrengung überhaupt gegeben hat. Sie wird einfach als gegeben angenommen. Wie Luft. Oder Bäume. Einfach so da. Ganz selbstverständlich.

Meine eigenen Anstrengungen sind für das Außermir gleichermaßen unsichtbar. Und ich selbst denke oft, dass ich mich erst dann wirklich und richtig aufrichtig angestrengt habe, wenn ich in einem Kontakt in Dissoziation und danach vor Erschöpfung in Tränen zerfalle.
Meine eigene Aktivität, die aktive Kompensation der Behinderung, ist mir selbst nicht als außerordentliche Aktivität bewusst, denn ich kann mich dabei nicht beobachten und die Menschen, mit denen ich zu tun habe, müssen nicht kompensieren, was ich kompensiere. Was bedeutet, dass ich bei niemandem beobachten kann, was ich selbst immer mache.
Das bedeutet aber nicht, dass sie nicht da ist. Und auch nicht, dass sie selbstverständlich ist.

Bei dem Termin mit dem Therapeuten ging es darum abzuklopfen, ob wir miteinander arbeiten könnten.
Ich sagte ihm, dass ich schon sehr viele Therapeut_innen hatte und keine Haut mehr dafür habe, jemanden an mir lernen zu lassen. Mich als Anstoß für eine eigene berufliche Weiterentwicklung zu benutzen.
Ich habe das vor 8 Jahren auch unserer Therapeutin gesagt und musste in dem Moment daran denken. Wie ich das damals gesagt habe und doch damit okay war, dass sie sich selbst nicht als Expertin bezeichnen würde, aber versicherte, sie würde dafür sorgen, mir nicht zu schaden.
Wie ich damals den Schrei im Kopf und diesmal den Kloß im Hals hatte, als würde er gleich rauskommen und als alles zerstörende Bestie durch das Zimmer fahren. Nein, es ist echt nicht mehr drin. Nein, da ist keine Haut mehr. Da ist ein Ende, eine Grenze. Ein StoppAusEnde.

„Ja, das kann ich verstehen. Also dass man irgendwann keinen Bock mehr hat alles zu erklären und was das bedeutet“, hat er darauf geantwortet. Und ich hab mich verbunden gefühlt. Dass er das kennt, glaub ich. Sofort. Obwohl ich glaube, dass alle Menschen das kennen. Aber behinderte und chronisch kranke Leute kennen es einfach wie ich. Und er.
Für einen Moment war das wie damals in der Wohngruppe mit den ganzen anderen behinderten Mitbewohner_innen, in der wir kurz gewohnt haben. Als würden wir auf dem Sofa sitzen, rauchen und über die Welt, an deren Rand wir leben, reden. Weit weg. Als hätte das nichts mit uns zu tun, dass wir keinen Bock mehr haben uns erklären zu müssen. Als bliebe unsere Verweigerung folgenlos, weil sie nichts bedeutet.

In den letzten Wochen habe ich einen Brief an unsere Therapeutin formuliert. Am Ende, auf Seite 8, schreibe ich ihr, dass ich gemerkt habe, was das eigentlich für eine Aussage ist, wenn ich sage, dass ich keinen Bock mehr habe, mich zu erklären. Ich habe erkannt, dass ich das nur zu anderen Leuten mit meinen Anstrengungen im Leben sagen kann, um ernsthaft darin verstanden zu werden – und alle anderen das als vorübergehende Motivationslosigkeit verstehen. Verstehen müssen, denn sie sehen die Anstrengung ja nicht. Sie begreifen ja auch gar nicht, was ich ihnen damit offenbare. Sie begreifen nicht, dass ich ihnen damit sage, dass ich mich ihnen nicht zeige, mich vor ihren Augen verstecke. Mich ihnen und ihrer Einsicht entziehe. Aus dem Kontakt gehe und ihnen nichts weiter als einen reflexhaft Phrasen und Satzteile ausspuckenden Fleischsack zur Interaktion verfügbar mache, in den sie m.eine Persönlichkeit hineinprojizieren, um ihrem eigenen Handeln Sinn und Raum zu geben. Niemand begreift diese Art von Suizid.

Meine Verweigerung ergibt sich nicht daraus, dass die Kompensation in der Kommunikation, in der Erklärung, zu anstrengend ist. Sie ergibt sich daraus, dass sie nicht dazu führt, dass ich verstanden werde. Daraus, dass sie so oft vergeblich ist.
Und man doch nie umhinkommt, denn ohne Kommunikation keine Ver_Bindung.

die Auseinandersetzung mit der Therapie

„Ich muss mich schon auch hinterfragen, was die Therapie für mich eigentlich ist.“ Ich schaue aus dem Fenster und rolle das Kopfhörerkabel zwischen Daumen und Handinnenfläche. Am Telefon ist der Begleitermensch, dem ich die Therapiesituation zu erklären versuche, während sie für mich selbst noch nicht klar genug ist.
Wir haben alle zwei Wochen einen Termin. Liefern Material, haben Dinge aufgeschrieben, kommen im Grunde aber nicht dazu, das zu bearbeiten, weil Dinge passieren, die wichtiger sind. Same old also, aber verteilt auf alle zwei Wochen.
Ich bin frustriert. Verunsichert. Fühle mich wacklig vor innenkindlicher, innenjugendlicher Überzeugung, dass das alles einfach nur eine neue Art des Verlassenwerdens ist. „Sie entwöhnt uns“, drängt es mir immer wieder in den Kopf, wenn ich darüber nachdenke, was ich beim nächsten Termin besprechen möchte. „Lass es. Es hat keinen Sinn mehr. Du schadest dir selbst. Lass los.“ Und irgendwann, wie genau jetzt an diesem Samstag zum Beispiel, drei Tage vor dem nächsten Termin, merke ich: Ich habe etwas losgelassen, obwohl ich mich nicht dazu entschieden habe. Ich habe nichts notiert, weil es schon genug Aufgeschriebenes gibt, was wir besprechen wollten, sollten, müssen, ich kann es nicht mehr finden. Die Erinnerung, der Eindruck, das Ding ist weg und damit was auch immer ich in der Therapiestunde ordnen und konkretisieren zu können gehofft hatte.
Alles blank, als hätte ich mir nur eingebildet irgendetwas irgendwie mal gehabt zu haben, von dem ich dachte, dass die Therapiestunde dafür ein guter Rahmen sei.

Wir sind schon so lange in Therapie, dass es legitim ist zu fragen, ob es überhaupt noch das bringt, was man erreichen will und braucht. Wir sind in einer Pandemie und es gibt viele Menschen, die genau jetzt akut Hilfe brauchen. Viele meiner akuten Probleme haben weniger mit akuter posttraumatischer Belastung zu tun als damit, dass meine Dysfunktionalität (die praktisch durchgehende Dissoziation) dysfunktional wird – was vielleicht etwas ist, womit man so oder so ohne therapeutische Hilfe klarkommen muss? Weil, tja, also welche Traumatherapie wird je so lange bezahlt, dass diese Phase der Traumaverarbeitung genauso begleitet werden kann, wie die der akuten Symptome?

Ich könnte mein inneres Blanko, mein leeres Regal leer sein lassen und einfach weitermachen. Es funktioniert ja. Das haben wir ja erreicht. Mein leeres Regal beeinträchtigt meine Alltagsfunktionalität nicht mehr, weil ich nicht mehr die krass unkontrollierbaren PTBS-Symptome habe. Wenn eins aufkommt, kann ich es kontrollieren, sofort verkopfen und weiter machen.
Und weil meine Kindheit und Jugend vorbei ist, ist es ja im Grunde eh egal, wenn ich eine oder zwei Erinnerungen daran schon wieder verdisse, bevor sie mir eingeordnet und integriert ist. Niemand wird kommen und mich abfragen. Und ich weiß ja schon, dass es immer nur um irgendwelchen Abfuck geht, nach dem heute kein Hahn mehr kräht.

Im Gespräch mit dem Begleitermensch merke ich, wie ich die Entscheidung der Therapeutin verteidige, wie ich meine Mutter lange verteidigt habe, wenn sie Entscheidungen getroffen hat, die bedeutet haben, dass ich alleine mit Situationen war, die mich hoffnungslos überforderten. Registriere das Mamiding dadrin, bin kurz erschrocken, dann wieder völlig klar. Wieder lasse ich irgendetwas los ohne zu wissen, was genau und werde mir bewusst, dass auch das wieder etwas ist, das in der Therapie unbesprechbar wird.
Wieder bröseln mir Inhalte auf ein Maß zusammen, das ich deutlich spüre, aber nicht zusammenkriege.

Der Begleitermensch bietet an, wieder öfter in Kontakt zu sein. Das verändert etwas.
Ich merke, dass ich weniger Angst davor bekomme, wieder in die alte ohnmächtige Sprach- und Erklärlosigkeit zu geraten. Auch gegenüber der Therapeutin. Und ich merke, wie sehr mich das in meinem Erwachsensein stärkt.
Merke aber auch, dass das etwas ist, was ich brauche – und immer gebraucht habe – um die Therapie so machen zu können, dass ich wirklich auch mal fertig bin und nicht ständig das Gefühl habe, eigentlich nie alles sagen zu können, was ich wichtig finde, weil es den Rahmen sprengt, den Intellekt, den Mut, die Offenheit meines Gegenübers übersteigt oder, weil ich nicht die Kraft Geduld Kraft habe, alles so zu erklären, dass nicht noch mehr Redezeit für solche für mich inhaltlich wie persönlich irrelevanten Schleifen, draufgeht.

Ich will mich nicht dafür verurteilen, dass ich nach so langer Zeit in dieser Therapie bestimmte Schritte nicht schneller, besser, umfassender hinkriege. Merke aber, dass ich auch immer noch nicht richtig dahin komme zu akzeptieren, dass wir uns hier seit Jahren in einer Therapieform abmühen, die einfach größte Barriere für uns beinhaltet: Kommunikation und Interaktion – also: Reden, um zu verstehen.
Wir machen hier nicht nur etwas, was schwerfällt, weil die Dissoziation, Scham oder Täter_innendrohungen dauernd dazwischenfunken und Dinge schwer zu benennen macht, sondern kompensieren auch den Autismus und alles, was da im Gepäck dabei ist. Dazu gehört, dass wir mehr Zeit, mehr Umwege, längere Phasen der Auseinandersetzung brauchen – und ja, das alles auch in total heiklen Momenten, wo links und rechts meterhohe Triggertürme sind, die jederzeit kippen könnten und uns wieder durch das Trauma schicken.

Als Erwachsene_r will ich mir sagen: Hey, take your time. Du machst das nicht mit Absicht, du gibst dein Bestes, die Fortschritte zeigen das. Es ist nicht wirkungslos, diese Therapie zu machen.
Als Patient_in, die_r es mit großer Wahrscheinlichkeit nicht noch einmal schafft, sich so an eine_r Behandler_in zu binden denke ich: „Wenn ich nur nicht so scheiße wäre, wie ich bin, dann…“

Als jemand, die_r eine Lösung sucht, bin ich überfordert.
Und das ziemlich.