Schlagwort: soziale Interaktion

Todesstrafe für sogenannten “sexuellen Kindesmissbrauch”

Donnerstag morgen.
Wie wunderbar ist das Gefühl mit einem dicken Pinsel voller Buchbinderleim über die Deckelpappen zu streichen. Schmitz schmatz hmmm ausatmen, Bezugsstoff ausbreiten, Pappen auflegen, einatmen, andrücken, ausatmen verstreichen.

Über mir brummte das Neonlicht, am Schreibtisch vorne brummte meine Buchbindelehrerin über ihre Zeitung. Wir waren allein, denn meine Klasse hatte Sport und sie frei. Wir waren allein und es war herrlich.
Sie las mir eine absurde Meldung über einen Gerichtsprozess vor und wir kamen zu juristischen Ungerechtigkeiten. Zu Recht haben und Recht bekommen und dann zur Todesstrafe für Menschen, die Kinder missbraucht haben.

Ich hörte ihr zu und nahm mir die Zeit für die Pause, die es braucht, zu antworten, was ich antworten will. Ich wischte mir die klebrigen Finger ab und fragte: “Du, weißt, dass mich das Thema betrifft, oder?“ “Nein, weiß ich nicht”, antwortete sie und ich stellte mich sofort mit beiden Füßen und allem, was ich hab, auf die Stille, die sich in mir auftürmen wollte, um der Scham mehr Platz zu lassen. “Na dann weißt dus jetzt – Also es betrifft mich und deshalb hab ich mir schon oft Gedanken zur Todesstrafe für Menschen, die sowas machen, gemacht. Willst du das hören?”
Sie sagte einfach “Ja” und schon das machte mich unendlich dankbar. Wie sie wieder einmal unterstützte, dass ich mich vor ihr nicht schäme für irgendetwas, das mit Mangel, Defizit oder Ungänze zu tun hat.

Ich erzählte, dass das Thema aus mir selbst heraus nie aufkam, obwohl es mich betrifft.
Ich habe nicht den Wunsch nach einer Todesstrafe für die, die an mir zu Täter_innen wurden, doch komme ich nicht umhin, wie viele – oft weit rechts von mir stehende – Menschen diesen Wunsch haben und zuweilen sogar als Forderung formulieren.
Mir ist nicht klar, was Strafen für diese und vielleicht auch noch andere Menschen bedeuten. Ich verstehe das Konzept von Strafe nicht als etwas, das etwas macht, wovon man insgesamt etwas hat. Eine Strafe ist nicht das Gleiche, wie Rache; ist nicht das Gleiche wie Genugtuung, Ausgleich oder Wiedergutmachung.
Strafe ist einfach nur die mögliche Folge eines Urteils, das jemand fällt, die_r sich die Macht dazu gibt oder übertragen bekommen hat und bedeutet an sich weder Gutes noch Schlechtes, Konstruktives oder Destruktives. Strafen sind ein eindeutiges Merkmal von Autorität. Also einem Machtungleichgewicht. Also einer ungleichen Verteilung von Selbstbestimmung und Freiheit über sich selbst.

Warum sollte ich nach einer Gewalterfahrung – die einzig in autoritärer Konstellation überhaupt passieren konnte – Interesse an noch mehr Autorität in meinem Leben haben? Was in aller Welt soll ich denn in so einem Setting finden, wenn nicht die Bestätigung der Täter_innenwahrheit, nach der ich nichts zu bestimmen und zu sagen habe, aber eine warum auch immer und wodurch auch immer legitimierte andere Autorität?

Und was genau soll eine Strafe der Täter_innen mit mir machen? Oder: für mich?
Ich spreche hier noch nicht einmal von der Todesstrafe, sondern von sagen wir einem Jahr in Haft. Oder 5. Oder 10. Oder 15. Ich bin heute kein Kind mehr. Mir passiert die Gewalt nicht mehr. Früher, vor 25 Jahren, da hätte es mir etwas gebracht, denn damals wäre ich noch als kleines Kind in eine Pflegefamilie gekommen und viele Dinge wären nicht passiert. Es wäre zwar immer noch heftig und schlimm, vor allem, weil es einfach scheiße ist, wenn die eigenen Eltern im Knast sitzen und später als fremde aus dem Knast entlassene Leute, ja auch irgendwie noch mit einem_einer zu tun haben wollen, aber sie wären an mir nicht mehr zu Täter_innen geworden. Sondern vielleicht jemand anderes. Sporttrainer_in, Lehrer_in, fremder Onkel, unangenehme Tante, die_r erste Freund_in, der Typ von einer Party, der mir k.o.-Tropfen ins Getränk mischt. Zum Beispiel.

Haftstrafen werden allerdings nicht leichtfertig verhängt, sondern gelten als das was sie sind: eine hohe Strafe.
Das bedeutet, dass eine spezifische Schwere der Schuld, eine spezifische Tatsituation festgestellt worden sein muss. Kann das Gericht dies nicht feststellen – warum auch immer! – gibt es eine andere Strafe und was dann? Was wäre dann für die Person, die zum Opfer geworden war, konkret anders?
Sicher, manche fühlen sich bestärkt von Gerichtsverfahren. Für manche ist es enorm wichtig und auch heilend, von einer Autorität in der Sache anerkannt zu werden. Aber was genau wird davon in Bezug auf die Wunde der Tat und ihrer sozialen, psychischem körperlichen, ökonomischen, ideellen Auswirkungen konkret besser?

Ich stecke da nicht drin, kann mir nichts vorstellen. Allein der Akt von Anzeige, Rede und Antwort, Aussage, Briefe, Reden, Erklären, Anwaelt_in suchen, Anwaelt_in finden, Anwaelt_in bezahlen können müssen, Gerichtsverhandlung mit Täter_innen- und Tatkonfrontation – allein die Vorstellung macht mich müde, ängstlich und damit bereits in meinem Selbsterleben klein und schwach.
Aber gut – andere Menschen, sind anders als ich.

Zurück zum Strafgedanken.
Was genau ist an einer Haftstrafe, die Strafe? Richtig – die Haft. Der Entzug der Freiheit über den eigenen Lauf der Dinge. Also: eine Gewalterfahrung. Obendrauf noch eine, die man hinnehmen muss, denn da sie durch maximale Autorität ausgeübt wird, gibt es weder sozial noch juristisch die Möglichkeit davon entschädigt zu werden, so lange diese Strafe als richtiges Strafmaß eingeordnet wird.

Vielleicht ist das irritierend für andere Menschen, aber das ist nicht, was ich anderen Menschen wünsche. Auch denen nicht, die mir so viel Schmerz bereitet haben und mich so nachhaltig verletzten. Nicht, weil mein Herz so groß ist, sondern, weil ich weiß, wie sich so eine Gewalterfahrung anfühlt und wieviel mehr als konkrete Verletzungen dabei entsteht.

Eine Todesstrafe würde solche Dinge nicht entstehen lassen. Aber sie wäre tödlich und damit etwas, das meiner Haltung zum Leben widerspricht. Wir leben nicht, um alles immer richtig zu machen oder alle um uns herum glücklich. Wir leben als Faktor der Entwicklung anderer Lebewesen, um eine Entwicklung zu machen – egal welche. Gut, böse, reich und geizig, oberflächlich und egozentrisch, liebevoll – das kann man bestimmen und wählen – das MUSS wählbar und selbst bestimmbar sein.
Menschen, die Schlimmes getan haben, zu töten, würde bedeuten, Menschen zu töten und damit einen Teil der ganz realen Entwicklungsfaktoren des Lebens zu eliminieren.
Um es zu sagen, wie ich es meiner Lehrerin gesagt habe: “Was soll ich davon haben, wenn meinen Geschwistern die Eltern abgemurkst werden, weil die mir etwas angetan haben?”

Damit meine ich keinesfalls, dass Straftäter_in zu sein eine natürliche oder g’ttgegebene Aufgabe ist, die man akzeptieren muss, sondern, dass es immer und immer und immer eine Entscheidung zur Straftat ist, die jemanden eine Straftat begehen lässt. Und, dass man sich mit den Gründen und Motiven auseinandersetzen muss, die diese Entscheidung innerlich wie äußerlich ermöglicht haben bzw. ihr zugrunde liegen.

Damit meine ich auch nicht, dass ich finde, dass heute hier in Deutschland strafbare Handlungen ohne jede Konsequenz bleiben sollen. Aber eine Konsequenz ist etwas anderes, als eine Strafe. Und das ist, worum es mir geht.
Ich will wissen und verstehen, warum mir das passiert ist.
Und ich werde es nie erfahren, denn diese Auseinandersetzung zu machen, würde weit mehr erfordern als einen Gerichtstermin und eine Handvoll Therapiestunden für mich allein. Sie erfordert Kontakt zu den Täter_innen, es erfordert ihr Einsehen und die Bereitschaft dazu. Es erfordert ihre Entscheidung dazu und die wird nicht kommen. Niemals.

Gar nicht mal, weil sie nicht dazu in der Lage sind, oder reflektionsunfähig, sondern, weil es für sie keinen Anlass dazu gibt. Es ist normaler einander vor Gericht mit Staatsgewalt zu bedrohen, als sich hinzusetzen und die zwischenmenschliche Gewalt, die Entscheidungen, die man getroffen hat, auszusprechen. Es ist üblicher einander zu verurteilen, als einander zu verstehen und das ist etwas, von dem mir niemand erzählen kann, dass das kein ganz erheblicher Anteil daran ist, dass Menschen einander gewaltvoll begegnen.
Es ist nicht normalisiert von sich aus für Schäden aufzukommen, die man anderen Menschen beigebracht hat – es ist normalisiert zu Schmerzensgeldzahlungen verurteilen zu lassen und einen Antrag auf Opferentschädigung bei einer Behörde zu stellen. Also: Autoritäten für sich entscheiden und ver.walten zu lassen.

Ich sagte meiner Lehrer_in, dass ich den Impuls verstehen kann, weil man vielleicht die Idee hat, speziell diese Form der Gewalt würde einen Menschen für immer zerstören oder zeichnen. Sagte ihr, dass das in meinem Fall auch nicht ganz unrichtig ist – aber ganz richtig ist es eben auch nicht. Und etwas, das so uneindeutig ist, kann doch nicht mit so eindeutigen Dingen, wie dem Tod (der Täter_innen) begegnet werden.

Vor Kurzem erst hatte ich in einer Tweetkette über die Verjährungsfristen bei sogenanntem sexuellen Kindesmissbrauch geschrieben, dass ich es in Ordnung finde, wenn diese Verjährung bestehen bleibt.
Dabei ging ich darauf ein, warum Verjährungen sinnvoll sind und versuchte folgenden Umstand zu beschreiben.
Egal, womit die Menschen, die an mir zu Täter_innen wurden, heute von einem Gericht bestraft werden würden, es stünde nicht mehr im Verhältnis zur Tat. Denn meine Verarbeitung dieser Tat, mein inneres Framing dessen und das, was es als Mensch aus mir gemacht hat, das war vor 10, 20 Jahren ein völlig anderes als heute. Meine Bedarfe aufgrund dieser Tat und ihrer Folgen für mich sind völlig andere und nicht mehr nur auf diese Tat zurückzuführen.
Sie sind damit im wörtlichsten Sinne nicht mehr eindeutig strafbar und das ist gut so. Denn diese Regelung traut mir zu, auch als Person, die zum Opfer wurde, eine Entwicklung zu machen. Also: zu leben, zu wachsen, zu werden und zu sein. Obwohl, weil, trotz … das passiert ist bzw. als passiert vom Gericht anerkannt werden könnte.

Diese Regelung berührt zu Recht nicht die Täter_innen, denn auch diese könnten sich weiterentwickeln. Und zwar so, dass sie sich immer wieder zu Straftaten entscheiden. Die Verjährungsfrist beginnt jedoch immer wieder neu.
Immer wieder haben zu Opfern gewordene Menschen also die Möglichkeit, sich für eine Anzeige zum Zweck des Schutzes anderer Menschen zu entscheiden. Doch ich persönlich muss das deshalb nicht zwingend auch machen. Ich muss diese Verantwortung nicht tragen. Ich muss es nicht und ich will es auch nicht.

Ich will andere Verantwortungen in der Sache tragen. Will mich anders einbringen, auf anderen Wegen dazu beitragen, dass andere Menschen gut geschützt sind und eine gute Entwicklung er.leben können.

Mein Gespräch mit meiner Lehrerin endete bei einem völlig anderen Thema und ich fand das schön.
Früher wäre ich daran kleben geblieben, hätte es immer und immer wieder und in mir bewegt, hätte mit der Scham um mein ungeplantes Outing gerungen und mich nicht getraut eine feste Position in der Thematik einzunehmen. Heute ist das anders und ich merke viel innere Stabilität in mir – trotz der Brüchigkeit in mir drin, trotz der Verwundung, die natürlich auch wieder schmerzhaft spürbar war. Trotzdem sich nun plötzlich auch unser Verhältnis zueinander ein wenig verändert hat. Ich habe keine Angst mehr vor dem, was meine eigenen Erfahrungen für andere Menschen sind.

Ich hätte diese Stabilität und Ruhe nicht in mir, wäre ich verpflichtet zur Strafanzeige, gäbe es Todesstrafen oder keine Verjährungsfrist. Ich hätte mich nicht entwickeln können, ohne diese Freiheit.
Und ohne diese meine Entwicklung könnte ich anderen Betroffenen, bei denen es wieder völlig anders ist als bei mir, nicht gut zuhören. Könnte hier nicht schreiben, hätte so viel in den letzten 11 Jahren schlicht weder angefangen noch wenigstens mal als Idee verfolgt.

Ich könnte niemals mit irgendjemandem darüber reden, müsste ich jederzeit damit rechnen, dass noch heute ein Gerichtsverfahren mit möglicherweise tödlichem Ausgang für jemanden passieren könnte, das schon so lange her ist. Es gäbe in den Statistiken weniger sogenannten “sexuellen Kindesmissbrauch”, weil mehr zu Opfern gewordene Menschen schweigen würden. Es gäbe nicht weniger sogenannten “sexuellen Kindesmissbrauch”.

Diese Illusion gilt es aufzuzeigen.

Autismus, Trauma, Kommunikation #5

Das sozial mit Anstrengendste für uns ist die Wiederholung. Schlimmer noch: die Wiederholung von Wiederholungen. Am Schlimmsten: die Wiederholung von Dingen, die etwas mit gemachten Gewalterfahrungen zu tun haben.

Wir haben oft das Gefühl, uns zu wiederholen und wiederholen zu müssen, weil wir von anderen Menschen nicht oder nur teilweise, oft auch gar nicht verstanden werden.
Missverständnisse sind nur so zu lösen, das verstehen wir – und doch, es frisst einfach so viel Zeit und Kraft und Sicherheitsgefühl.

Besonders in der Traumatherapie und in nahen Beziehungen erleben wir es als belastend und merken, dass es manchmal diese Belastung ist, die an empfindlichsten Punkten fressen und zu Instabilität beitragen, dass wir bestimmte Dinge, immer wieder sagen müssen.

Für viele neurotypische Menschen bedeutet es keine Wiederholung, wenn sie das gleiche, was sie wörtlich ausgedrückt haben, auch noch in Taten und allgemeinem Gebaren kommunizieren. Im Gegenteil, die meisten Menschen glauben anderen Menschen eine Gefühlslage oder innere Haltung erst dann, wenn sie Gesagtes auch noch in irgendeiner Form selbst miterleben. Etwa, wenn sie Tränen sehen, nachdem jemand gesagt hat: „Ich bin traurig“ oder, wenn aus allem Verhalten und Denken ein Leiden abzuleiten ist.

Wir erleben das als Wiederholung und oft genug auch als Fakeübertreibung von uns selbst, wenn wir so etwas machen, um andere Menschen unsere Gefühle oder Haltungen zu kommunizieren. Denn für uns reicht es in der Regel, etwas ein Mal auf eine Art etwas gesagt zu haben.

In diversen Therapiesettings und besonders in Klinikkontexten jedoch, haben wir die Erfahrung gemacht, dass sich permanent zu wiederholen – sei es mit Themen, die man immer wieder bespricht, um am Ende doch wieder mit dem gleichen Ergebnis nach Hause zu gehen, oder mit Verhalten – nötig ist, um bestimmte Hilfen und Unterstützungen nicht nur mal hier und mal da, sondern kontinuierlich und so lange wie nötig, gewährt zu bekommen.

Doch nicht nur in diesen Kontexten ist das so.
Wir beobachten die gleiche Dynamik bei Twitter, in Podcasts und in Blogs. Bei Konferenzen, Tagungen und Fortbildungen. In Plena, in Debatten, auf der ganzen Welt.
Eine Person(engruppe) wird erst dann gehört und ernstgenommen, ihr wird erst dann geglaubt, wenn sie jahrelang und immer und immer und immer wieder das Gleiche sagt und tut und macht.
Das heißt: wenn sie sich nicht oder nur innerhalb bestimmter Grenzen bewegt und auch selbst nicht weiterentwickelt. Eine Person muss für andere Personen ihre Botschaft und ihr Fordern immer und zu jeder Zeit verkörpern, sonst wird sie nicht gehört, (angeblich) nicht verstanden und niemand beschäftigt sich mit ihr.

Und andersherum brauchen viele Menschen auch immer wieder eine Wiederholung der Bestätigung von anderen Menschen, um sich wahrgenommen zu fühlen.

Menschen funktionieren wohl so. Anders ist uns die Wiederholung der Konstruktion von Echokammern nicht zu erklären. Eine Familie ist eine Echokammer, eine Beziehung ist eine Echokammer, Freund_innen, Facebook, Fernsehen, die Gesellschaft einbeiniger Dackelfreunde ist eine Echokammer.
Wir können uns das nur so erklären, dass neurotypische Menschen solche Räume immer wieder erschaffen, weil es sie nicht fertig macht, sich ständig zu wiederholen und sich immer wieder mit den gleichen Dingen zu beschäftigen.

Uns macht das fertig, denn für uns ergibt es keinen Sinn. Wenn wir etwas gesagt haben, dann meinen wir in der Regel auch genau das und nichts anderes. Und zwar so lange, bis wir etwas anderes darüber sagen.
Es ergibt keinen Sinn außer der Verdeutlichung oder manchmal auch Verständlichmachung noch mehr Kanäle zum Transport einer Botschaft zu verwenden und das immer wieder.

Wir haben lange gegen das Gefühl ankämpfen müssen, unsere Schwierigkeiten übertrieben dramatisch auszudrücken und zu kommunizieren, indem wir alles zur Verfügung stehende genutzt haben, um uns und unsere Gefühle der Todesangst verständlich zu machen.
Verstärkt wurden diese Falschgefühle von Menschen, die ihre Reaktion darauf mit „Ja, aber…“ eingeleitet oder mit schlichter Abwehr reagiert haben. Also: uns gesagt haben, wir würden lügen oder übertreiben, oder theatralisch, weil hysterisch sein.

Besonders da ist für uns ist an der Stelle bis heute eine Falle.
Wir haben einen Hang zu Katastrophisierung. Sehen in Dingen, die schief laufen, sehr schlimme Dinge und finden es unaushaltbar verunsichernd und ängstigend – nicht, weil nicht alles nach unseren Wünschen abläuft, sondern weil es für uns ungeheuer anspruchsvoll ist, kognitiv und emotional so flexibel zu sein, sich auf Schiefgegangenes einzustellen. Insbesondere dann, wenn wir vorher nicht besprochen haben, was wir machen, wenn etwas schief geht. Egal, wie unwahrscheinlich ein Schiefgehen sein mag – wir brauchen das, um mit dem sofort ablaufenden Katastrophenszenario in unserem Kopf umgehen zu können.

Sich spontan auf fremde, unerwartete, schiefgegangene Dinge umzustellen, geht für uns nur mit Hilfe von Außen. Wir kriegen es allein nicht hin, ohne auf Kompensationsverhalten wie Dissoziation zurückzugreifen bzw. in die Dissoziation zu rutschen, weil wir uns sofort überfordern. Das ist, was uns Angst macht.
Denn das ist, was sich für uns jedes Mal wie Sterben anfühlt, weil wir die Kontrolle verlieren, darüber in Erinnern an Nahtoderfahrungen getriggert werden und nichts, aber auch gar nichts tun können, um etwas daran zu verändern. Weil wir in diesen Momenten tatsächlich zu 100% überfordert und unfähig sind und eben nicht nur in einem traumahistorischen Wiederleben einer Situation, in der wir auch real zu 100% überfordert waren stecken, aus dem wir uns rausorientieren können.

Mit jedem Ding, auf das wir uns nicht einstellen konnten, spüren wir gnadenlos und brutal, wie sehr wir der Welt und ihrem Lauf der Dinge unterlegen sind und erleben es auch immer wieder als eine hoffnungslose, (durch die Traumabrille zusätzlich auch oft lebensbedrohliche) und furchtbare Situation in der wir aus der Welt geschleudert werden. Egal, wie sehr wir uns mit ihr verbinden oder an ihr festhalten. Egal, wie sehr wir „realistisch drauf schauen“. In solchen Momenten schauen wir nicht auf das gleiche Ding, wie andere Menschen und merken, dass wir nicht im Ansatz mehr als unsere Gefühle von Überforderung und Angst kommunizieren können.

So etwas ist der furchtbarst mögliche Moment um zu merken: Meine Ölmolekülaugen, mein Ölmolekülgehirn kriegt es nicht hin zu sehen und zu bewegen, was andere sehen – ich kann meine Gefühle und Haltungen nicht verändern, denn ich kann mich nur auf eine von mir so wahrgenommene Katastrophe beziehen – andere Menschen und ihre Sicht können mich nicht erreichen. Es ist faktisch unmöglich.

An der Stelle greifen bei uns dann die Anpassungsmechanismen der Traumatisierungen unserer Kindheit. Wir werden dumpf, depersonalisieren, wechseln zu Innens, die in er Lage sind, ohne jede eigene Beteiligung auf Ansprache zu reagieren, Verhalten zu spiegeln und – dank jahrelanger Trainings in der Familie*° und in Kliniken – weder auszurasten, noch sonst wie „typisch autistisch“ (what ever that means) auffällig zu sein.

Wir sind in unserer Entwicklung in der Pubertät auffällig geworden. Wurden in unserer Wiederholung der Kommunikation tagtäglich empfundener Todesangst (aufgrund von wiederholter Traumatisierung und autistischer Er_Lebensart und -weise) drastisch und radikal. Es kam zu selbstverletzendem Verhalten und parasuizidalen Gesten. Am Ende zu mehr und mehr Suizidversuchen.

Für uninformierte und unachtsame, vielleicht auch einfach schlecht ausgebildete und auch schlicht ignorante Mediziner_innen und Therapeut_innen, ist so ein Verhalten selbstverständlich keine Wiederholung. Sie sehen quasi die letzte Fassung – das extreme Ende und machen mit ihrer Diagnose nichts weiter als eine Benennung eines Akutzustands. Doch es ist ebenjene Diagnose, die für uns in der Folge zum angenommenen Normalzustand wurde.

Das mussten wir erst einmal verstehen und akzeptieren, um zu verstehen, warum wir so viele Helfer_innen als nutzlose Arschlöcher empfunden haben, die uns einfach nicht verstanden oder schlimmer noch: verstanden und trotzdem nicht reagiert und geholfen haben.

Daneben steht natürlich noch die patriarchale Geschichte der Hilfen und Medizin.
Hysterie heißt heute „histrionische Persönlichkeitsstörung“ und bedeutet nichts anderes als „Frau, die irrational überreagiert (um irgendwas zu kriegen, was ihr nicht zusteht oder, weil sie nicht kriegt, was sie glaubt, dass es ihr zusteht)“. Das ist wichtig nicht zu vergessen: Als Person, die als Frau eingeordnet wird, ist sich zu wiederholen gleichermaßen nötig wie verhängnisvoll.
Wir haben in der Hinsicht den Scheißejackpot deluxe schon mit 14 Jahren im Leben gehabt.

Denn das Geschlecht, dem wir zugeordnet werden schließt für viele Personen, besonders im medizinisch psychiatrischen Bereich vieles aus. Unser Autismus wurde erst mit 30 diagnostiziert – der Autismus unseres Geschwists, das ein anderes Geschlecht hat, im Grunde bereits im Kindergarten.
Und wir haben nicht erheblich viel anders gemacht oder gelebt als eben jenes Geschwist. Wir waren nur eben nicht jenes Geschwist oder andere Menschen, die schneller gehört und richtig verstanden wurden.

Mit 14 galten wir als theatralisch.
Nicht als (typisch für viele Autist_innen) katastrophierend, aufgrund der Erfahrung sehr schnell, sehr tiefgreifend überfordert zu sein mit bestimmten Dingen.
In unserem Leben war diese äußere Rezeption, dieses Missverständnis unseres Inneren, eine krasse Weichenstellung. Und ja, die Folgen dessen waren dramatisch. Weitaus dramatischer als nötig.
Und wir können das bis heute nicht gut loslassen. Können das bis heute nicht vergessen, weil wir wissen, dass diese Menschen absolut keinen Einblick da hinein haben, wie sehr wir in den nachfolgenden Jahren darunter gelitten haben, was sie an uns verbockt hatten.

Heute sind wir unter Menschen, denen gegenüber wir uns nicht mehr als einmal wiederholen müssen.
Wenn sie uns beim ersten Mal nicht verstehen, dann sagen sie uns das und wir versuchen gemeinsam einander zu verstehen.
Das ist so entlastend und gut für uns, dass wir kaum noch Momente haben, in denen wir denken, wir wären ihnen sehr fern. Wir merken, das unser Ölmolkülsein manchmal die Ursache für Missverständnisse sind, merken aber auch, dass unsere Wassermolkülmitmenschen verstehen und reflektieren, dass es um Missverständnisse und nicht „Rosenblättereigene Meeh-Eigenschaften“ geht, wenn etwas mit uns irgendwie nicht gut zueinander passt.

Sie haben uns gehört, als wir ihnen gesagt haben, dass wir sie lieben, sie mögen, gern mit ihnen arbeiten, gern mit ihnen Zeit verbringen, dass sie ein guter, wichtiger, angenehmer Teil unseres Lebens sind, der uns wichtig ist.
Wir müssen es ihnen nicht immer und immer wieder sagen. Und wenn doch, dann sagen sie uns das.
Das bedeutet für uns viel mehr Kraft für gemeinsame Dinge und Raum, um neue Dinge zu erkunden und zu probieren.

Auch und besonders in der Therapie, ist das zu einem Faktor geworden, der unsere Kurve steil nach oben hat gehen lassen. Wir müssen unserer Therapeutin nicht mehr x-mal versuchen irgendetwas klar zu machen. Sie hört sich das einmal an und nimmt an, was dann kommt. Auch wenn unser Verhalten (unsere Performance) nicht alles von uns mit nach außen trägt.

Man sollte meinen, dass das selbstverständlich ist. Kein_e Patient_in sollte in die Situation kommen immer alle Symptome zu zeigen oder zu benennen, damit die_r Therapeut_in oder Mediziner_in auch wirklich glaubt und mitdenkt, dass bestimmte Schwierigkeiten und dazu gehörige Gefühle und Gedanken, Konflikte und Probleme auch wirklich da sind und passend hilft/behandelt/unterstützt.
Aber dem ist nicht so. Es gibt Behandler_innen, die permanente Wiederholung einfordern, um sich selbst in der Haltung zu und der Diagnose für die_n Patient_in zu versichern und auch vor Dritten im eigenen Vorgehen zu legitimieren.

So zu behandeln ist unprofessionell und ein Merkmal schlechter Therapeut_innen. Unabhängig davon, ob man wie wir enorm darunter leidet diese Wiederholungsarbeit immer wieder leisten zu müssen, oder nicht.

 

 

*Diese Textreihe soll (nach nochmaliger Überarbeitung und Ergänzung mit Grafiken und Hinweisen zu weiterführender Literatur) ein analoges Zine werden.
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Autismus, Trauma, Kommunikation #4

Von Menschen misshandelt zu werden, verändert den Blick der misshandelten Person auf Menschen.
Manchmal ganz pauschal, manchmal ganz spezifisch. Manchmal sehr stark und manchmal nur ein wenig.
Dass das passiert ist keine Entscheidung, sondern Glanzstück menschlicher Evolution.
Es dient der Anpassung, sich sehr genau mit allen möglichen Anzeichen tödlicher Bedrohungen zu befassen und darauf zu reagieren. Zum Beispiel, in dem man die innere Einstellung, die innere Haltung, die innere Bewertung in Bezug auf das, was einmal als (auch konkret versehrende/ traumatisierende) Bedrohung erfahren wurde, verändert.

Viele Menschen, die von Menschen misshandelt, gequält, gefoltert, ausgebeutet wurden, sind Beobachtungsspezialist_innen für das, was andere Menschen tun, sagen, machen – oder genau nicht tun, sagen und machen. Manchen Menschen hilft bei dieser Beobachtung ein erhöhtes Erregungslevel (der Hyperarousel), bei dem durch den entsprechenden Stresshormonspiegel eine zeitweise erhöhte Leistungsbereitschaft gegeben ist. Viele Menschen, die von anderen Menschen misshandelt und sogar davon traumatisiert wurden, erleben andere Menschen als Trigger (Auslöser) für das Erinnern/Wiedererleben an die Misshandlungserfahrung.
So ergibt sich für viele dieser Menschen eine quasi automatische Dauerleistung, wenn sie unter Menschen sind. Und ein entsprechender Energieabfall, wenn die Situation vorbei ist. Manchmal verbunden mit Erinnerungslücken, depressiven Verstimmungen, extremer Müdigkeit und Antriebslosigkeit.

Wir nennen das “Aufregungsachterbahn” und haben viele Jahre unserer Traumatherapie damit zugebracht daraus auszusteigen. Denn dieses (stresshormonbedingte) Energie- auf-und –ab hat bei uns viele ungute körperliche Auswirkungen gehabt. Von Tagen/Wochen/Monaten, in denen wir etwa 3-4 Stunden am Tag “echt” schlafen konnten, zu Tagen/Wochen/Monaten, in denen uns 20 Stunden liegen und “schlafen” noch viel zu wenig war, bis zu Zeiten, in denen dieser krasse Energieabfall sogar zu Suizidversuchen aus “heiterem Himmel” geführt hat, war für uns viel dabei. Geblieben ist uns ein Stoffwechsel, der dazu führt, dass wir sofort sehr viel zunehmen oder sofort sehr viel abnehmen, wenn bei uns irgendwas irgendwie ~traumastressig wird; aber auch, dass wir völlig unberechenbar auf Medikamente reagieren.

Kurzer Einschub dazu: Es gibt die Erzählung, dass verschiedene Innens bei Menschen, die viele sind, verschieden auf Medikamente reagieren. Können wir bestätigen, allerdings alles auf Basis des Erregungslevel bzw. den für das Innen jeweils typische Hormonmix. Wir alle Innens sind unterschiedliche Mixturen – logisch, reagieren wir unterschiedlich auf die Mixtur, die wir uns reintun.
Allerdings ist die Wirkung von Medikamenten auf lange Sicht bei uns dann doch relativ ähnlich und wir vermuten, dass das daran liegt, dass wir als Einsmensch dann eben doch am Ende des Tages irgendwie “durchschnittlich” (also “normal” im Sinne von “traumatisiert und daher erwartbar abweichend”) durchmischt sind.

Warum dieses Trauma 101?
Weil es ebenjenes Beobachten war und ist, dass uns sehr lange nicht als auch autistisch erkennbar gemacht hat.
Die meisten Menschen verbinden mit Autismus die völlige Abwesenheit von Blickkontakt und/oder generellem Interesse an dem, was andere Menschen tun, denken, wollen, fordern.
Autistischen Menschen wird auch oft abgesprochen lernen zu können oder sich in irgendeiner Form anpassen zu können. Genauso wie noch viel zu viele Menschen glauben, autistische Menschen könnten nicht traumatisiert werden, weil sie scheinbar keine Emotionen haben bzw. generell einfach gar kein emotionales Selbst_Erleben haben.

Wenn wir sehr konzentriert und aufmerksam sind für das, was uns jemand sagt, dann schauen wir die Person nicht an. Wenn wir höflich und sympathisch wirken wollen (und die Kraft dafür haben), dann schauen wir einer Person auf den Mund bzw. die Stelle zwischen Nase und Mund.
Wenn wir uns vor einer Person fürchten oder aus irgendeinem Grund irgendwie wissen, dass sie uns gefährlich ist oder sein könnte (das sind für uns besonders Autoritäten oder uns überlegene Personen), machen wir etwas mit unseren Augen, das schwierig zu erklären ist. Wir schauen sie an – aber sehen nichts. Wir wissen nicht, wie das im Spiegel aussieht – vielleicht schielen wir oder drehen sie irgendwie anders merkwürdig? Auf jeden Fall sieht es so aus wie Blickkontakt, ist aber keiner. Wir wissen ganz genau, wie wir das gelernt haben und, dass wir das nicht freiwillig gelernt haben, so wie man vielleicht lernt, ohne Stützräder mit dem Rad zu fahren.

Aufzuwachsen in einer Umgebung, in der das, was Menschen tun, nie vorhersehbar und begreifbar war, hat sicherlich dazu beitragen, dass wir einen gesteigerten Antrieb haben, Anzeichen für Gewalt an uns möglichst vorherzusehen oder zu erahnen bzw. begreifen zu wollen, was da passiert (ist).

Unser Problem: Wir haben das auch bei banalen Alltagsdingen, die 0,0000irgendwas0 mit Gewalt, Angst, Furcht, Trigger oder so zu tun haben.
Anzeichen für die Intension eines Verhaltens erkennen und einordnen zu können, erfordert zwingend die Fähigkeit (und bis zu einem Punkt auch Fertigkeit) sich vorstellen zu können, was die andere Person denkt und also glaubt und fühlt (also auch: ein gewisses Mitfühlen dafür zu haben, was was in einer Person auslösen könnte) Stichwort dazu: “theory of mind” – nicht: “Empathie”

Uns in die Sicht anderer Menschen hinzuversetzen, bedeutet enorm viele Optionen für uns und enorm viele Endergebnisse, die für uns alle gleich wahr, alle gleich realistisch, alle gleich wahrscheinlich und alle gleich relevant erscheinen. Erst mehr Zeit und Ruhe ermöglicht uns, das alles auseinanderzuhalten und zu ordnen.
Und erst Rückfragen, “Testfragen” oder andere aktive  Wahrscheinlichkeitsüberlegungen versichern uns dann am Ende.

Im letzten Text habe ich das schon einmal formuliert und endete damit, dass man sich vorstellen möge, wie es ist, so zu funktionieren und dann in eine Gesprächspsychotherapie zu gehen.

Man kann sich das so vorstellen, dass diese Form der Psychotherapie für uns das Anstrengendste aus allen Welten bereithält und entsprechend irgendwo zwischen “Ich mach das, weil ich Schiss hab, aus Versehen zu sterben, weil ich mich nicht genug um meine “Heilung” kümmere” (also etwas, was wir aus einer gewissen Todesangst~Überlebenschance heraus tun – egal wie anstrengend es ist) und “Ich mach das, weil es keine Alternative zu dieser Form gibt”, rangiert.

Wir arbeiten in der Therapie. Und das machen wir nachwievor mit all der Motivation, die wir angesichts der Alternativen eben aufbringen können. Allerdings haben wir in dieser bei uns ja doch sehr langen Arbeitszeit übermäßig lange eher so “Basiserfolge” gehabt, die durchaus hätten mehr sein können.

Das schreiben wir nicht, weil wir überhöhte Ansprüche an uns stellen. Wir haben nicht die Idee, dass wir schon längst hätten geheilt sein können oder wenigstens mal ein komplett hergestelltes biografisches Erinnern im normalen Rahmen oder nicht mehr viele sein oder oder oder.
Das schreiben wir, weil wir merken, was für eine steile Kurve wir genommen haben, seit die Autismusdiagnose steht, gezielt an Probleme herangegangen wurde und wir dadurch selbst ganz konkret merken: so komplett kaputt und gefühlskalt traumatisiert, wie wir von einigen Therapeut_innen eingeordnet wurden, sind wir überhaupt nicht.  Wir sind ja gar nicht unfähig, dieses tiefenpsychologische Gerede zu verstehen – da war jemand unfähig zu verstehen, dass wir nicht vermeiden (oder sich eine Soziopathie zeigt), wenn wir sagen, dass wir Dinge, die uns Therapeut_innen oder auch Selbsthilfemedien antragen, nicht nachvollziehen können.

Wir sind jahrelang immer wieder darüber gestolpert, dass wir gefragt wurden, was es bedeutet, wenn wir etwas fühlen oder denken oder glauben.
Manchen neurotypischen Menschen hilft diese Formulierung, einen anderen Blick und eine andere Ebene in Bezug auf sich selbst einzunehmen und so ihre Schwierigkeiten anders zu betrachten. Uns hat es einfach nur verwirrt und manchmal auch frustriert, denn es hat dazu geführt, dass wir uns Therapeut_innen massiv unterlegen gefühlt haben, weil sie unserem Verstehen nach etwas zu sehen bzw. um etwas gewusst zu haben schienen, von dem wir weder wussten noch selbst etwas empfanden. Und selbst nach ewiger Auseinandersetzung, Konfrontation und sogar Explorationen traumatischer Erfahrungen (auch nicht für uns allein) auf den gleichen Stand gekommen sind.
Wir haben deutlich gemerkt, dass uns da etwas fehlt – und es wurde immer als Ergebnis der Dissoziation angenommen. „Sie sind dissoziiert, deshalb sind sie getrennt von Gefühlen (für andere)“. Das mag für traumatisierende Situationen (oder Situationen, die daran erinnern aufgrund des erwähnten Stresshormonmixes) stimmen, passt aber nicht mehr in Alltagssituationen.

Nun frage man sich, was das mit uns gemacht hat, nach dem gewaltvollen Leben in Manipulation und permanenter Ansage, man wisse alles von und über uns, ausgerechnet in einem therapeutischen Setting immer wieder in genau diese Verwirrung bzw. dieses Gefühl der Unterlegenheit bzw. „Durchschautheit“ zu kommen.
Richtig: es hat Spaltung gemacht. Dissoziation. Und zwar gründlich.
Wir Rosenblätter sind daraus (und aus anderen negativen Erfahrungen mit Menschen, die (therapeutisch, medizinisch, pflegerisch) helfen wollten oder “geholfen haben”) entstanden. Ein System, dass damit umgehen kann; die Kraft dafür aufbringen kann und trotz aller Kampfverluste einfach immer weiter dahin gehen kann, statt hinzuschmeißen und aufzugeben.

Auf unserem traumatherapeutischen Weg ist also schon mal grundlegend was schief gelaufen.
Ich denk, das können wir ruhig so festhalten und auch entsprechend bitter, enttäuscht, frustriert und zuweilen auch maßlos verärgert darüber sein. So lange wir wollen und müssen.
Denn nicht zuletzt war und ist für uns die Möglichkeit von Psychotherapie immer auch ein Versprechen von Veränderung und Verbesserung. Immer Alternative zu dem, was wir als unaushaltbares Leiden empfunden haben. Es so oft nicht eingelöst bekommen zu haben und das einfach, weil man wahlweise eine (und manchmal auch unsere) Symptomatik oder eine (und doch nie unsere) Persönlichkeit diagnostiziert und behandelt hat, aber nie bis an das Funktionieren als Mensch, der wir sind und der auch dafür ein eigenes Bewusstsein entwickeln musste,  herangegangen ist, ist eine wirklich heftige Erkenntnis. Eine bittere heftige Erkenntnis, mit dessen Schmerzensdimensionen wir mal mehr mal weniger allein sind.

Einen Erkenntnis gebenden Punkt wollen wir hier aufführen.

diagnostische Fragebögen – bzw. das Dilemma um konkrete Nachfragen

Eigentlich sind wir Fragebögen und besonders multiple choice – Fragebögen sehr offen gegenüber.
Die wählbaren Optionen geben bereits die Kategorie der Antwort vor – es fallen enorm viele Antwortoptionen weg.
Bei Sachfragen sind sie also großartig für uns.
Bei emotionalen Fragen sind sie das weniger.

So gibt es in der Klinik, in der wir einige Intervalle mitgemacht haben, einige Fragebögen, die man zu Beginn der Behandlung ausfüllen soll. Darunter ist mindestens einer, der sich auf ein “Vorher” in den Fragen bezieht, das nicht näher definiert ist.
Da sieht eine Frage beispielsweise etwa so aus: Ich mag mich weniger als vorher 1 nein Ich mag mich 2 ja ich mag mich etwas weniger als vorher 3 ja ich mag mich meistens weniger als vorher 4 ja ich hasse mich

Konfrontiert mit der Frage, haben wir Nachfragen (zum Beispiel: Was heißt “Ich mag mich?” Aussehen? Verhalten? Werte? Körper? Können? Was bedeutet hier “Ich” in Bezug auf uns?), die wir uns nicht beantworten lassen können, weil diese Fragen allein zu beantworten vorgesehen sind, zum einen und zum anderen, weil dafür keine Zeit ist. Man hat einen Termin á 50min in der Woche und das wars. Daran zu rütteln ist böse böse und sowieso sinnlos, denn es geht dabei um Geld und nicht um Menschen_sach_verstand.

Die Daten aus dem Fragebogen sollen dazu dienen, am Ende des Aufenthalts einen Therapieerfolg oder –misserfolg zu errechnen. Es geht also einen Scheiß darum, was die Fragen anstoßen oder was man überhaupt “richtig” (im Sinne von “bewusst reflektiert”) beantworten kann, ob Fähig- und Fertigkeiten da sind, die Fragen zu beantworten.
Es geht dabei nicht um das Innenleben und die echte Selbstwahrnehmung der Klient_innen, es geht um Schätzwerte. Also um Kaffeesatzlesen.

In unserem Fall einen Kaffeesatz, unter dem wir ja genau gelitten haben, da es die umfassende dissoziative Problematik war, die es uns verunmöglicht hat, irgendetwas von uns so bewusst wahrzunehmen, dass wir es als eigen und selbstzugehörig empfinden können. Über wessen Selbsthass, Depressionen und Essverhalten – ja sogar dissoziative Symptomatik sollten wir nun Fragen beantworten? Wir lebten alleine – wir konnten nicht mal mehr etwas angeben, das andere über uns und unsere Symptomatik als Einsmensch zurückgemeldet hatten.

Auch wenns jetzt drüber klingt: Das ist echt heftig und in keinster Weise als etwas zu sehen, das man ja vernachlässigen kann, weil es ja am Ende um nichts geht, was mit unseren inneren Themen zu tun hat.
Für uns ging es um etwas und diese Herangehensweise führte für uns zwangsläufig in ein erstes Versagen.

Eins, dass wir schon kurz nach der Autismusdiagose nicht mehr so annehmen wollten. Wir haben an den Rand der Fragebögen geschrieben, haben Bemerkungen dran gemacht, haben uns mit jemandem besprochen, was bei Frage X wohl gemeint sein könnte.
Erst dabei ist uns dann aufgefallen, wie oft wir in diesen Fragebögen jahrelang falsche Angaben gemacht haben, weil wir von völlig anderen Dingen ausgegangen sind.
Aber glücklicherweise war es ja eh nicht so wichtig?
(Glaub ich nicht – will ich nicht glauben.)

Kurzer Schwenk.
Eins unserer Geschwiste ist ebenfalls autistisch. Es hatte größere Schwierigkeiten als wir, frei über Erlebnisse zu erzählen. Auf die Frage: Was gabs im Hort zum Mittagessen?, konnte es keine Antwort formulieren. Auch hier war das multiple choice-Verfahren hilfreich. Auf die Frage: Gab es Nudel, Kartoffeln oder Reis?, konnte es antworten. Wir brauchten dieses Verfahren zu solchen Ereignissen nicht. Wir hatten den Essensplan auswendig gelernt, sobald er unten an der Küchentür hing. Vorbereitung ist alles für uns. Immer. Bei allem. Bis heute kommen wir in Stress sobald wir uns nicht auf Situationen vorbereiten und einstellen können.

Wo wir heute multiple choice Fragen sehr gut gebrauchen könnten, wären Therapiegespräche.
Aber.
Das geht so einfach nicht, denn wo vorgegebene Antwortmöglichkeiten sind, da ist Raum zur Beeinflussung – und zwar weitaus mehr, als ohnehin schon durch die vielen Übertragungsdynamiken entsteht.

Für uns bedeutet es eine Was gab es zum Mittagessen?-Fragesituation ohne ausgehängten Speiseplan, wenn eine Therapiestunde anfängt mit einer offenen Einladung durch die Frage: Und? Wie ist die Lage?
Zu viele Antwortoptionen. Zu viele möglicherweise gemeinten Themenfelder. Zu viele mögliche Perspektiven, die eingenommen werden müssten. Keine Vorbereitungsmöglichkeit.
Wir haben auf solcherlei unkonkrete Fragen also in der Regel keine Antwort. Sagen: Ich weiß nicht. Oder geben eine Wörterantwort, ohne Konsistenz. Und wirken dadurch viel dissoziierter (alltagsamnestischer) als wir sind.

Eine konkrete Frage wäre: Konnten sie in der letzten Woche ausreichend* schlafen? oder Konnten sie in der letzten Woche ausreichend essen und trinken? (*ausreichend natürlich vorher klar definiert)
Für uns wäre es super, würde jede Therapiestunde eine so gestaltete Bestandsaufnahme am Anfang haben.

Denn:
Für uns bedeutet das Geeier auf die Frage, wie es uns denn geht, keineswegs ein erwartbares Ding, auf das wir uns dann doch gezielt vorbereiten könnten. Dadurch, dass wir diese Frage einfach immer irgendwie beantworten und es immer irgendwie klappt, wissen wir noch lange nicht, ob das jetzt die Antwort war, um die es ging. Dabei geht es uns nicht einmal mehr darum, “die richtige Antwort” zu geben. Darum ging es aber lange, als wir die Therapie anfingen, weil wir damals noch dachten, richtige Antworten seien ein Schutz vor Gewalt.

Es bedeutet jedes Mal eine neue Unsicherheitssituation, die zuweilen auch triggern kann.
Und es bedeutet eine Situation, in der uns unser “Ölmolekül”-Sein in Bezug auf die “Wasser”-Therapeutin (s. #3) manchmal sehr schmerzhaft bewusst wird. Wir merken, wie wir ihr Dinge nicht sagen können, weil wir nicht wissen wo anfangen, was ist gefragt, wie wichtig ist was, wofür ist die Antwort wichtig. Wir merken, wie wir in eine Redesperre geraten, die absolut 0 mit Redeverboten oder Schweigegeboten zu tun haben.
Das macht Ohnmachtsgefühle und kratzt total an der Motivation die Therapie weiterzuverfolgen.

In Bezug auf das Sprechen über schwierige Erfahrungen stehen wir vor einem noch größeren Dilemma.
Denn da insbesondere Therapeut_innen, die Menschen mit DIS und anderen Traumafolgeproblemen behandeln, nachwievor immer mal wieder unter Verdacht gestellt werden, sie würden ihren Patient_innen Erinnerungen einreden, ist es komplett ausgeschlossen, dass wir mit unserer Therapeutin nach multiple choice-Vorgehen über Gewalterfahrungen sprechen können.
Eine Nische bietet zwar Kunsttherapie bzw. das Aufmalen von Aspekten, die zwecks Deutungssicherheit nachgefragt werden müssen (Like: Ist das eine Person? Wie heißt diese Person? Was macht diese Person da?) – das kriegen wir jedoch bei weitaus weniger Dingen hin, als wir das bräuchten. Besonders, weil wir einander beim Aufzeichnen schneller gegenseitig mit Material fluten und insgesamt nicht gut tun, als wenn wir in der Therapiesituation selbst sind und uns dort auseinandersetzen.

Jetzt sind wir in einer privilegierten Situation.
Unsere Therapeutin kann sich mehr Zeit für uns nehmen und nimmt sie auch, wenn wir über schwierige Dinge reden wollen. Das ist leider durch nichts anderes zu ersetzen. Wir könnten hier noch das teilen, was wir machen, bevor wir zur Therapie gehen und wie wir uns womit vorbereiten, aber am Ende ist es einfach immer nur dieses Mehr an Zeit und damit auch Mehr an Raum das, was auf uns einströmt, wenn wir uns dafür öffen, zu ordnen und zu kommunizieren, das uns hilft, über das Erlebte zu sprechen.

Es ist auch mehr Raum für Fehler, für “sich nicht gleich zurecht finden”, für “die Reihenfolge erst rausfinden” – was für uns alles in dem Moment, in dem wir beschließen etwas auszusprechen, noch überhaupt nichts mit dissoziativer Fragmentierung zu tun hat oder damit, dass uns gesagt wurde, wir dürften nicht darüber sprechen, sondern damit, dass diese traumatisierenden Erfahrungen manchmal schon vorher völlig überreizend für uns war und an sich schon weder Kontext, noch Reihenfolge, noch Sinn hatte.
Oder, manchmal auch, weil die Orte, an denen etwas passierte, fremd für uns war – und besonders früher war ein Raum für uns schon dadurch fremd und völlig neu, wenn jemand einfach die Lampe verstellt hat oder ähnliches. Das Problem haben wir noch heute, wenn auch in weitaus weniger ängstigenden Dimensionen.

Was außerdem neulich hilfreich war, war eine Bildbeschreibung, die für uns gut funktioniert.
Seit wir uns mit barrierefreier Webgestaltung auseinandersetzen, versuchen wir mehr darüber zu lernen, wie man Bilder für blinde und anders sehbehinderte Menschen beschreibt, damit sie wissen, was alles auf dem Bild zu sehen ist. Das ist für uns eine echte Herausforderung, weil auch dabei sehr viele Details, die wir sehen, vielleicht gar nicht erwähnt werden müssten, um ein Bild zu beschreiben.
Für Erinnerungsbilderbeschreibung gehen wir ähnlich vor. Wir stellen uns vor, dass die Therapeutin diese Bilder nicht sehen kann (und machen damit einen Schritt, den wir vorher nicht gemacht haben, weil wir genau diesen Umstand nicht mit im Bewusstsein hatten – zing: theory of mind).

Dann gehen wir von außen nach innen in das Bild.
Raumbeschreibung, [manchmal schieben sich dann schon die ersten nächsten Bilder dazu]
Distanzierungsatmen, [wenn okay: Idee über Kontext (zu Hause, fremd, bekannt, Ort, wenn bekannt)],
Personenbeschreibung, Distanzierungsatmen, [wenn okay: Idee über Kontext (zu Hause, fremd, bekannt, sozialer Bezug)],
Handlungsbeschreibung, Distanzierungsatmen, [wenn okay: Idee über Kontext (Gefühle, Gedanken, Häufigkeit)].

Für manche Menschen ist so eine schematische Vorgehensweise vielleicht undenkbar, besonders, wenn Bilder und Erinnerungen noch total schwierig zu kontrollieren sind und scheinbar völlig willkürlich aufkommen.
Wir haben das Gefühl mehr Kraft für die nötige Reorientierung zu haben, seit wir so schematisch und unter Beachtung unserer Strukturierungsschwierigkeiten an diese Arbeit herangehen.

Da passiert aber auch eine Dopplung, die wir nicht aus den Augen verlieren dürfen.
Einerseits kommt uns das eigene Erinnern klar und fest und dadurch aussprechbar vor, wenn wir an die Auseinandersetzung damit, wie an ein Arbeitsprojekt angehen – andererseits ist natürlich auch das eine Distanzierungsnummer – aka Vermeidungsdings, das uns das Gefühl gibt, dass wir potenziell vielleicht gar nicht so nah an Gefühle dran müssen, weil wir ja jederzeit aussteigen können.
Es hilft, dass unsere Therapeutin in jedem Distanzierungsatmungsmoment fragt, ob wir weitergehen wollen oder nicht.

Autismus, Trauma, Kommunikation #3

Wir arbeiteten bereits einige Zeit mit dem Begleitermenschen, als wir ihm von unserem “inneren Regal” erzählten. Das haben wir etabliert, nachdem uns jahrelang reintherapiert und rangenörgelt wurde, wir würden Lob und positive Rückmeldung nicht annehmen, aber sollten das doch mal machen. Das würde gegen Selbsthass helfen und ganz insgesamt doch ganz fein sein.

So haben wir unser Regal entwickelt. Denn mit Lob und positiver Rückmeldung ist für uns wie mit dem sinnlosen Kladderadatsch, den man von mittelnahen Freund_innen im Nanu Nana oder 1 Euro-Laden gekauft bekommt, weil man Geburtstag hat: man weiß wieso man es bekommt, versteht die Intension, freut sich über die Intension und – legt es dann in ein Regal, bis man es unbemerkt von eben jenen Freund_innen an die Straße stellt oder in den Sperrmüll gibt.

Lob und positive Rückmeldung ist eine soziale Geste.
In der Regel loben die Menschen, die an uns einen Arbeitsauftrag haben, etwas, das sie für lobenswert halten. Also eine Tat oder einen Akt, den sie als zu loben bewerten. Einem Lob geht also immer eine positive Bewertung voraus und orientiert sich darin an persönlichen (oder therapeutisch als positiv eingeordneten) Wertbindungen. Diese Wertbindungen, werden dann durch ein Lob ausgedrückt.
Das bedeutet: Ein Lob soll im Grunde nicht viel mehr sagen als “Ich mag, was du da gemacht hast. (Mach gerne weiter so.)”

Eine Information, die für uns good to know ist, aber auch nicht mehr.
Wir machen unsere Dinge ja nicht, weil andere sie toll finden, sondern, weil wir sie toll finden. Oder, weil wir keine andere Wahl haben, als sie zu machen. Oder, weil wir uns dezidiert dafür entschieden haben, extra etwas für andere Menschen zu machen. Dann wärs ja Quatsch etwas zu machen, was ihnen nicht gefällt.
So wird Lob zu einer Regalsache. Wir verstehen warum uns das gesagt wird, verstehen die Intension, aber am Ende können wir damit nichts anfangen.

Selbsthass und negative Selbstansichten haben wir noch nie mit Lob und sozialem Heischibubu aufgelöst bekommen. Unser Selbsthass ist asozial. Also etwas, das losgelöst von sozialem Miteinander passiert. Wir hassen uns, weil das Hassgefühl da ist – nicht weil uns jemand oder etwas das Gefühl gibt, uns hassen zu müssen.
Wenn wir unsere Arbeiten, den gemeinsamen Körper oder irgendetwas von uns ablehnen, dann tun wir das nicht einzig aus der Sozialisierung in permanenter Ablehnung und Negativbewertung heraus, sondern aus profund aktuellen Hassgefühlen, die etwas mit ebenjener Asozialität des eigenen Da_Seins zu tun hat.

Das heißt: Wir lehnen uns ab, weil wir sind, wie wir sind, nämlich 24/7 asozial trotz sozialer Kontaktmöglichkeiten/-bemühungen und Umgebungen. Das ist schwierig zu verstehen, aber vielleicht hilft ein Bild.
Öl und Wasser.
Man kann diese beiden Flüssigkeiten nur dann augenscheinlich verbinden, wenn man das Öl in extrem kleine Stücke zerteilt – und selbst dann bleibt Öl einfach Öl (nur eben sehr klein) und Wasser einfach nur Wasser.

Das Öl kann sich richtig doll anstrengen. Den ganzen Tag reden, Mimik und Gestik machen, so tun als ob und sich richtig reinsteigern in eine Wasserverkleidung des sozialen Getöses ohne greifbare Konsistenz, aber es wird nie ein Wasseröl oder gar selbst Wasser. Es gehört irgendwie zum Wasser, denn beides passiert im gleichen Glas (im gleichen Kontext), aber es ist unverbundenes Öl. Selbst dann wenn es sich zu einer Freundschaft, einem positivem Miteinander und gegen ein traumabedingtes Misstrauen entscheidet.

Wir als Ölmolekül hassen uns aus Kampfverlustfrustration. Hassen es, dass wir nie ankommen, nie so verbunden sind, wie wir merken, dass wir es sein müssten, um die Menschen (das Wasser) um uns herum zu verstehen und manchmal auch zu empfinden bzw. ihre Empfindungen nachzufühlen.

Unser Kampf ist ein hochsozialer. Das ist wichtig zu verstehen. Wenn wir uns als asozial bezeichnen, dann meint es niemals, dass wir unsozial sind. Der Begriff “asozial” beschreibt die Unfähigkeit inmitten sozialer Gemeinschaft leben zu können. Also eben jene Unverbundenheit, unter der wir so oft auch leiden.
“Unsozial” sind Menschen, die andere Menschen verletzen und/oder alles tun, um ein gutes Miteinander zu verhindern oder zu zerstören.

Unsoziale Menschen würden kein Regal in sich etablieren.
Ihnen ist es egal, was andere an ihren Taten gut finden.

Wir räumen unser inneres Regal erst dann aus, wenn wir verstanden und begriffen haben, wie es dazu gekommen ist, dass wir gelobt wurden oder eine andere positive Rückmeldung bekamen.
Dafür müssen wir uns in Ruhe Fragen widmen wie: Wie kommt es, dass eine Person uns sagt, sie sei stolz uns und das, was wir bisher alles geleistet haben? Woher weiß die Person denn, was wir gemacht haben und was genau daran entwickelt in ihr das Stolzgefühl? Sie hat doch mit unseren Sachen überhaupt nichts zu tun?

An der Stelle passiert, was wir “Ebenendissonanz” nennen.
Bleiben wir bei Lob. Wir wurden in den letzten Wochen von mehreren Menschen für unser Buch gelobt (erscheint im März – ihr werdet es mitkriegen). Sie sagten so etwas wie: “Euer Buch ist richtig gut. Das habt ihr toll gemacht.” und wir wissen nicht, was damit jetzt gemeint ist. Welche Ebene. Das Machen? Das Machen, obwohl? Das Machen von etwas, das sie gut finden? Das Machen von etwas, das sie gut finden, obwohl? Das Machen von etwas, das sie gut finden, weil? Und was genau haben wir gut gemacht? Den Inhalt? Die Wörter? Das alles? Dass es fertig geworden ist? Toll wieso? In Abgrenzung zu was?
Oder die Ebene: Ich will was Nettes sagen und dir vermitteln, dass ich dich und dein Projekt unterstütze.

Die meisten Menschen sprechen auf der letzten Ebene. (Das wissen wir und trotzdem sind uns dessen erst sicher, wenn wir die andere ausgeschlossen bzw. überprüft haben.)
Mit der wir nichts anfangen können, weil wir sie in der Regel nicht brauchen. Nicht zu verwechseln mit “nicht wollen”. Unterstützer_innen finden wir gut – allerdings können wir mit Unterstützer_innen, die uns sagen, was sie über konkrete Dinge denken und welche Änderungsvorschläge sie haben, mehr machen, als mit good-to-know-Informationen über die soziale Position einer Person.

Etwas über die soziale Position einer Person zu uns zu wissen, brauchen wir persönlich nur aus einem Grund: Traumafolgen

Wir müssen wissen, ob uns jemand nicht mag, um gut abwägen zu können wie “berechtigt” eine Interpretation als reale Bedrohung vom Verhalten einer Person ist.
Jemand die_r uns mag, hat weniger im Sinn uns zu verletzen, als jemand die_r uns nicht mag.
Egal, wie uns jemand gesonnen ist, wird unser Körper bzw. unser Traumahirn aber auf Verhalten reagieren. Unter Umständen auch so, als würde gerade eine potenziell traumatische Situation passieren.
Es hilft uns, uns sozial zu vergewissern (zu versichern), wie die soziale Lage ist ist, um uns zu re_orientieren.

Das führt allerdings auch zu Missverständnissen. Manche Menschen fühlen sich gekränkt, wenn wir sie fragen, ob sie uns mögen oder okay mit uns sind, weil sie uns das mit vielen Gesten und Bedeutungshülsen schon gesagt haben und denken, wir wären darin total klar.
Manche sind auch gekränkt, wenn sie merken, dass etwas von ihrem Verhalten bei uns ein unangenehmes und unkontrollierbares Erinnern angetriggert haben. Sie verletzt die Idee von uns als potenzielle Täter_innen (also jemand die_r uns nicht wohlgesonnen ist) wahrgenommen zu werden.

Fiese Falle. Vor allem dann, wenn diese Kränkung nicht reflektiert wird und wir dann sagen müssen, dass unsere soziale Beziehung zueinander irrelevant ist, wenn es um Traumawiedererleben geht. Das ist die nächste Kränkung für manche Menschen. Das ist aber die Wahrheit und was soll man dann machen?
Viele neurotypische Menschen gehen dann in die prosoziale Lüge, damit die andere Person nicht mehr gekränkt ist. Wir sagen: Sei nicht gekränkt, das ist halt, wieso wir das “Traumascheiße” nennen und nicht “Traumaflausch”. Manchen erzählen wir dann wie oft wir von “netten Onkels” und “lieben Tanten” miss.be.handelt wurden und das erst Jahre später als eben jene Gewalt überhaupt erst mal decodieren konnten.

Ich weiß nicht, welches Vorgehen besser ist – aber ich weiß, welches Miteinander für uns leichter zu zu schaffen ist. Für andere ist die prosoziale Lüge vielleicht leichter, weil man die Scheiße hinter der Traumafolge so weder benennen noch begreifen (lassen) muss.

Zurück zu unserem Regal.
Es ist eine Distanzierungstechnik und eine Art Zwischenspeicher, wenn man so will. Also eine Ressource, die wir bereitstellen, um uns mit sozialer Kommunikation zu beschäftigen.
Auch kritische Anmerkungen oder negative Rückmeldungen, die uns nicht eindeutig erscheinen, legen wir darauf ab. Interessanterweise sind die meisten Menschen in ihrer Kritik und Ablehnungskommunikation viel eindeutiger, als in positiven Bemerkungen oder auch Lob. Zumindest fällt es uns leichter zu unterscheiden, was soziale Positionsmitteilung und was konkrete Handlungsanweisung ist.

Soziale Kommunikation zu decodieren, erfordert gefühlt etwa 5 mal so viel Zeit und Kraft, wie die Decodierung von wissenschaftlicher Fachsprache in Alltagssprache. Dabei geht es nicht nur darum Mimik und Gestik, Stimmlage und Wortwahl zu erkennen und einzuordnen, sondern auch diese Einordnung mit Intensionen zu verbinden.
Letzteres ist unser Problemfeld, vor allem, weil die Einordnung vorher manchmal schwierig ist und spätere Ergebnisse verzerrt.

Das, was wir als einen Ausdruck der Überraschung einordnen, kann auch Schock über eine Nachricht sein.
Uns wird das Schockerleben der Person aber nur dann klar, wenn wir wissen, was sie erfahren hat und was das für sie bedeutet. Wir müssen die Bedeutung wissen, bevor wir die Reaktion der Person (und damit unter Umständen auch die Intension späteren Verhaltens) verstehen können.
Das ist ein Zeitproblem. Menschen sind in der Regel erst geschockt und dann in der Lage uns den Grund dafür zu erklären. In der Zwischenzeit sind wir schon völlig verwirrt, unter Zeitdruckstress und davon potenziell schon wieder angetriggert und also absolut gar nicht in der Lage etwas zu verstehen, weil das Fronthirn gar nicht angesteuert wird.

Unser Regal hilft uns in solchen Momenten quasi die Zeit anzuhalten. Vielleicht auch: kontrolliert zu dissoziieren.
Denn wir trennen quasi unsere ganzen Fragezeichen und Gefühle ab, legen die unklare Situation auf das Regal und bekommen dadurch genug Ressourcen für das Erraten der Bedeutung des Moments, die Überlegung, welche Reaktion (mit passender Mimik, Gestik, Wortwahl und Stimmlage) jetzt gut wäre.

Als Kind und Jugendliche sind wir immer gegen die Zeit angerannt. Waren immer zu langsam. Immer zu träge, immer irgendwie nicht ganz auf der Höhe mit solchen Dingen. Aber für viele Mitmenschen gruselig gut in der nachträglichen Analyse dessen, was wo los war.
Auch das wieder etwas, was kognitive Dissonanz bei manchen Leuten auslöst.
“Wie kann sie das denn nicht geschnallt haben, sie kann doch sagen, was da passiert ist…”

Der Begleitermensch war der erste, der uns ein Verständnis dessen, was uns zwischenmenschliche soziale Interaktion und Kommunikation kostet, geäußert hat. Denn es ist eben nicht nur Zeit und Kraft, sondern immer auch etwas von uns selbst, das wir aus solchen Situationen raustrennen müssen, um sie zu er_leben und sozial verträglich zu bearbeiten.

Und jetzt denke man bitte einmal daran, was Gesprächspsychotherapie unter diesen Umständen für uns bedeutet. Vor allem im Hinblick darauf, dass wir genau dort ja versuchen, so viel wie möglich von uns dort sein und passieren zu lassen.

Dazu mehr im nächsten Text dieser Reihe.

Autismus, Trauma, Kommunikation #2

Im Deutsch-Kommunikationsunterricht lernten wir das Kommunikationsmodell von Schulz von Thun kennen.
Demnach enthält jede Botschaft 4 Ebenen:

  • die Sachinformation
  • eine Beziehungsinformation
  • einen Appell
  • eine Selbstkundgabe.

Paul Watzlawik lernten wir in diesem Unterricht auch kennen. Seine 5 pragmatischen Axiome (nicht nötig zu beweisende Grundsätze) lauten:

  • man kann nicht nicht kommunizieren
  • jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt
  • Kommunikation ist immer Ursache und Wirkung
  • menschliche Kommunikation bedient sich analoger und digitaler Modalitäten
  • Kommunikation ist symmetrisch oder komplementär

Für uns ist nie ein Problem gewesen zu erfassen, was was ist. Wir können sehr wohl Appelle von Sachinformationen unterscheiden. Aber einen Appell, eine Selbstkundgabe und eine Beziehungsinformation in Gestalt einer Sachinformation wie “Deine Klamotte ist ganz schön verdreckt” zu finden, kommt uns vor wie ein Kreativitätswettbewerb. Denn woraus soll man das denn ableiten und wieso sollte jemand das sagen, aber eigentlich etwas anderes wissen lassen wollen?

Wir kommen über so etwas in Stress, der mit Unlogik zu tun hat. Wir kennen sehr wohl den Sinn von Lügen und Betrügen, auch von Verschleiern und ironischer Verzerrung zum Zweck des Witzes.
Warum man die Prinzipien der Lüge allerdings auf die normale Alltagskommunikation mit mehr oder weniger nahen Personen anwendet, verstehen wir bis heute nicht.

Das ist alles etwas anderes, wenn man in machtungleichen Situationen steckt.
Uns ist schon klar, warum Menschen auf der Arbeit oder unter weniger nahen Mitmenschen öfter prosozial lügen oder ihre Forderungen in Sozialverträglichkeitskostüme quetschen. Das verstehen wir als das was nötig ist, um in Gewaltkultur zu überleben. Also: sehr logisch.
Allerdings: eine logische Folge, die sich aus einem für uns unlogischen Moment ergibt, besonders, seit wir keine Gewalt wie früher mehr erfahren

Bleiben wir bei prosozialem Lügen. Also lügen, um Konflikte zu vermeiden, die entstehen könnten, wenn man die Wahrheit sagt.

In unserer Familie° war lügen und täuschen und besonders verschleiern, essenziell. Jede_r belügt jede_n und der Appell ist immer – jedes Mal, wenn jemand das Wort an dich richtet – : das wird nicht benannt, das wird nicht infrage gestellt, das wird mit allen Menschen so gemacht, die nicht zur Familie* gehören.

Wir haben einander vorgelogen, uns zu lieben, uns vorgelogen, eine normale Familie° zu sein, uns vorgelogen, tippitoppi in Ordnung zu sein und da niemand je die Wahrheit gesagt hat, haben wir bis heute keine Sicherheit darüber, ob wir uns eigentlich vielleicht doch nur gehasst haben. Ob diese Familie° vielleicht am Ende nur davon zusammengehalten wird, dass man sich nur unter potenzieller Lebensgefahr aus dem Zement, den prosoziales Lügen erschafft, herausbewegen kann.

Oder, wie wir heute annehmen: rausbröselt, wenn man das Konzept nur nachahmt, statt intuitiv gestützt mitmacht und verinnerlicht.

Heute ist uns klar, dass wir sehr lange auf eine Auflösung gewartet haben, an die in unserer Familie° niemals jemand auch nur kurz einen Gedanken verschwendet hat. Denn das ist, wie es Menschen in gewaltvollen Kontexten manchmal bis zum Schluss aushalten: die Lüge wird zur Realität. Gar nicht mal wirklich zur Wahrheit, aber doch zur Realität und damit unhinterfragbar und unandersdenkbar.

Das ist schon der ganze Zauber hinter dem Phänomen, das viele Gewaltüberlebende aus zwischenmenschlichen Gewaltkontexten beschreiben: wie sie plötzlich zur persona non grata werden, nachdem sie die Gewalt aufgezeigt haben. Zwischenmenschliche Gewalt in Familien (und in Institutionen wie Heimen, Klinken und Gefängissen) ist nur möglich mit einem engen zementartigen Lügen- und Täuschungskonstrukt, das Realität (geworden) ist.

Wem die Lüge klar ist, wem klar ist, das man hier widersprüchliche Dinge miteinander austauscht, der_dem ist das völlig offensichtlich. Für uns war es immer völlig klar, dass wir das mitmachen müssen, weil es sonst Probleme gibt – für uns mit der Dissoziation im Leben sogar doppelt: entweder wir verlieren Zeit und Selbst, oder wir werden Gewalt erfahren, wenn wir nicht mitmachen.

Was wir – und manche von uns noch – geglaubt haben ist, dass sich das alles auflösen wird. Irgendwann würden wir sicher erfahren, wieso das so wichtig ist. Wieso wir das machen müssen. Wieso das überhaupt alle Leute machen. Wieso in der Schule alle einander anlügen, wieso im Hort, wieso in Filmen und Romanen… .
Wir dachten, als ältere Person würden wir das alles durchschauen können. Und als das nicht passierte, wir aber immer mehr darunter litten uns und alles und alles und alles nicht richtig ausdrücken zu können, sind wir da rausgefallen. Nicht, weil wir so mega stark für uns eingetreten sind. Wir konnten einfach nicht mehr.
So banal ist das.

Heute kennen wir den Begriff des “autistic burnout” und denken, dass in der Zeit unserer Adoleszenz, in der sich so viel gleichzeitig in uns, aber auch unserem Leben in der Familie*° veränderte, auch das zu dem beigetragen hat, was uns mit 14~15 das erste Mal in eine Psychiatrie brachte: die Erschöpfung etwas unauassprechliches Aussprechen zu wollen, während gleichzeitig schon die ganz banale Alltagskommunikation eine massive Kompensationsleistung erforderte.

Wir selbst haben keinen enorm stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, finden wir. Wir sind keine edelweißen Stolzritterlein, die für Liebe und Gerechtigkeit das Löwenherz pochen lassen. Aber lügen und betrügen tun wir nicht. Wir sind im allgemeinen nicht mal gute Partner_innen, um Überraschungen vorzubereiten oder Geheimnisse und Heimlichkeiten bei uns zu lassen.

Zum Einen, weil es anstrengend ist. Eine Lüge muss immer gleich sein, man muss herausfinden, wen man wie belügen kann – dafür muss man sehr sehr gut Perspektiven übernehmen können und alle Eventualitäten der Aufdeckung zu erkennen in der Lage sein. Und dann muss man das Ergebnis der Lüge auch noch gut oder wenigstens okay genug finden, um das alles auf sich zu nehmen. Und dann muss man auch noch verdrängen, dass man das Ergebnis nur durch Lüge hat und nicht, weil man darum gebeten oder verhandelt hat.

Zum Anderen, weil es unlogisch ist.
Etwas wünschen oder zu wollen halten wir für menschlich. Das kann nerven und unbequem sein, ja – und das kann total schwer auszuhalten sein (besonders wenn traumatische Erfahrungen damit verknüpft sind), ja – aber grundsätzlich sehen wir darin nicht das soziale Sprengmaterial, was die meisten neurotypischen Menschen darin sehen.

Entsprechend kommunizieren wir direkt das, was wir wollen oder wünschen. Oder denken oder glauben. In der Regel, ohne noch andere Dinge zu denken oder mitzumeinen, die wir damit für andere vielleicht auch noch kommunizieren.

Ein Beispiel ist der Kuchen-und Kerzen-Vorfall an unserem Geburtstag dieses Jahr.
J. wollte uns mit brennenden Kerzen auf dem Kuchen vor unserer Wohnungstür überraschen. Und wir sagten ihm, er könne ja schon mal hochgehen – wir müssten grad einmal die Wäsche machen.

Im sozialen Code, den er uns dann erklärte, hätten wir sofort unsere Freude ausdrücken und ihm danken müssen. Er hätte sich und seine Überraschung dann gewertschätzt gefühlt und sich auch gefreut.
Für uns hingegen wäre das unlogisch und unaufrichtig gewesen. Denn wir waren mit der Wäsche beschäftigt und hätten nur das Gesicht verzogen, die Stimme verknörgelt und gesagt, dass wir uns freuen, obwohl wir uns noch gar nicht richtig gefreut hätten.
Vor einigen Jahren hätten wir das auch noch gemacht, um zu verhindern, dass uns was passiert. Genau wie früher, genau wie immer dann, wenn wir heute ganz besonders angepasst und unauffällig unter Leuten sein wollen.

So aber machten wir die Wäsche fertig, öffneten uns für die Kuchen- und Kerzensituation und fühlten in aller Ruhe nach, ob wir uns freuen oder (noch) nicht. Für uns war das schön und kongruent mit dem eigenen Inneren. J. hingegen, musste uns seine Gefühle und Gedanken dazu mitteilen – wir haben sie in dem Moment weder erkannt noch erahnt.
Nicht, weil wir keinen Begriff von Höflichkeit oder Konvention haben, sondern weil das einfach so war in dem Moment. Da war die Wäsche, da war die Überraschung, da war die Spontanität und alles – da war kein Moment für eine schnelle Metaanalyse unserer Situation. Und erst recht war dort nicht die Absicht ihm zu sagen, dass er und seine Überraschung weniger wichtig oder relevant ist, als das, was wir gerade tun. Wir hatten die Absicht unsere Wäsche zu machen und ihn das wissen zu lassen. Nicht mehr, nicht weniger.

Es sind schnelle Analysen und Berechnungen, die uns im Alltag mit fremden Menschen oder vor Filmen ermöglichen solche Momente zu umgehen bzw. bestimmte Dinge zu decodieren.
Aber das ist enorm energieintensiv.

Und: oft „lohnt“ es sich für uns nicht einmal, diese Energie immer wieder aufzubringen.

von Haien und Sardinen, Ausgrenzung und Selbstvertretung

“Euer Podcast gibt mir immer weniger.”, sagte uns eine Freundin am Samstag, kurz bevor wir den Film starteten, den wir uns ausgesucht hatten. Sie sagte, sie könne für sich immer weniger rausziehen, die Folgen seien zu lang und das Geplänkel zwischendurch wäre mal ganz nett, aber …
Hm ja, dachte ich. Feedback ist wichtig, wir legen uns das mal an die Seite.

Auf dem Weg nach Hause dachte ich darüber nach, was die Dinge, die wir tun, anderen Leuten überhaupt geben soll und ob wir beeinflussen können, was sie sich nehmen wollen und was nicht.

Am Sonntag bekamen wir Besuch für ein Projekt, in dem es ums Vielesein geht.
Wenn die Person da ist, sprechen wir über uns, wie wir uns wahrnehmen, wie was bei uns funktioniert und was es bedeutet, dass es so ist, wie es ist.

Am Abend stellten wir ein Modell fertig, das unsere “innere Landkarte” symbolisiert.
Eine Arbeit, die wir schon lange für die Therapie machen wollten, aber doch nie gemacht haben.
Zum Einen, weil wir Angst davor hatten, unerwartet mit Dingen konfrontiert zu werden, auf die wir nicht vorbereitet sind. Zum Anderen, weil es in uns nachwievor Unsicherheit darüber gibt, ob das überhaupt wichtig ist. Ob das jemand wissen will. Ob das Sehen unseres Seins etwas ist, das anderen Menschen (der Therapeutin, der Projektperson, den Personen, die das Projekt später sehen oder generell: überhaupt irgendjemandem) “etwas gibt”, was auch uns mit einschließt.

Für uns ist es normal so zu sein, wie wir sind. Wie wir funktionieren, ist für uns nichts fremdes oder besonderes – das ist es erst geworden, nachdem uns gesagt wurde, dass es das nicht sei. Dass es eine Krankheit sei, dass es eine Störung sei, dass das, was dazu geführt hat, unnormal sei. Unrecht. Falsch. Schlecht.
Wir, wie wir sind und wie wir geworden sind, hat also nur durch die Gegenüber- oder Nebeneinanderstellung mit dem Leben und Sein anderer Menschen überhaupt diesen Status von etwas, dem man sich anders widmet und/oder widmen will/muss/sollte, als dem, was diese als üblich wähnen.

Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass Dinge, die wir wahrnehmen und denken, teils massiv von dem abweichen, was andere Menschen wahrnehmen und denken. Nicht, weil wir andere politische Haltungen vertreten, nicht, weil wir Dinge mögen, die jemand anders nicht mag – einfach nur, weil unsere Perspektive durch unser Sosein, durch unser Sogewordensein eine völlig andere ist.
Und auch das nicht nur so ein bisschen. So ein bisschen, dass andere Menschen sich eventuell vielleicht doch – mit ein bisschen Anstrengung, Empathie und intellektueller Verdrehung – in uns und unseren Blick auf die Welt hineinversetzen können.

Nein. Wir sind auf eine Art anders gestrickt, dass wir nicht nur ein zwei Aspekte anders erleben und entsprechend einordnen, wenn Wind und Mond mal zufällig komisch stehen oder ein Trigger wirkt oder uns irgendetwas irritiert.
Die grundlegende Struktur ist zu jedem Zeitpunkt anders, als bei Menschen, die nicht viele sind (und zufällig auch noch autistisch).

Für mich beginnt der Unterschied schon dort, dass ich die Normalität der Menschen, die nicht autistisch und nicht viele sind, weder kenne, noch erklärt bekomme, noch als etwas erlebe, das ich als etwas potenziell auch von mir er_lebbares nachvollziehen kann, wenn ich mich in diese Menschen hineinversetze.
Es ist für mich weder denkbar, noch vorstellbar, nicht so zu sein wie ichwir.

Interessanterweise geht mir das auch so mit Tieren.
Ich kann mir nicht im Mindesten vorstellen, wie es ist eine Giraffe zu sein, geschweige denn einen Begriff von ihrem Bewusstsein oder der Art ihrer Wahrnehmung und ihrem Ich-Erleben zu haben.
Dieser Umstand wird von allen Menschen als gegeben akzeptiert. Niemand verlangt es von irgendjemandem und niemand maßt sich selbst ernsthaft an, all das über eine Giraffe zu wissen oder “mit ein bisschen Anstrengung/Empathie schon irgendwie nachvollziehen zu können”.
Es würde sich auch niemand mit vorwurfsvoller Miene vor eine Giraffe stellen und ihr sagen, sie solle sich mal ein bisschen klarer (bitte ohne Geplänkel) ausdrücken, damit man ebenjene Dinge über sie in Erfahrung bringen kann.

Ich will uns und Menschen in ähnlicher Situation nicht mit einem Tier gleichsetzen.
Ich will hier auch nicht zu dem Schluss kommen, dass wir “in einer anderen Welt” als andere Menschen leben. Ich will auch nicht das so oft bemühte “wrong planet”-Bild nutzen.
Ich will aufzeigen, wie groß die Kluft zwischen unseren Wahrnehmungen und Er_Lebensrealitäten ist.
Und wie ungleich groß zuweilen die Bemühungen darum sind, miteinander in Kontakt zu kommen und einander zu verstehen. Und wie verschieden die Motivationen dazu sind, das überhaupt anzustreben.

Ich will es nicht darauf reduzieren, aber schreibe es nun doch so auf:
Ohne die Pathologisierung, die Stigmatisierung, die Ausgrenzung, ohne den tiefen krassen Schmerz, den es bedeutet so wie wir sind in dieser Welt und in diesen Kontexten zu leben, würden wir uns kein Stück um ein Miteinander mit Menschen kümmern. Wir würden es sein lassen.
Wir würden all die Kraft, die es uns kostet in Lautsprache zu denken, zu erklären, zu kommunizieren einsparen und all die Dinge tun, die uns und vielleicht sogar nur uns allein zur Kommunikation und Interaktion mit der Welt dienen.  Wir würden uns nicht erklären, würden nicht all die großen und kleinen sozialen Dressuren aufführen, die es braucht, um überhaupt von als Mensch mit Seele und Sein an_erkannt zu werden.

Wir fragen uns nie, “was es uns gibt” uns die Abbildungen und Darstellungen in Film und Fernsehen, in Romanen, in Erzählungen oder Klatsch und Tratsch von neurotypischen (nicht komplex traumatisierten) Leuten reinzuziehen, weil wir von vornherein wissen, dass das, was dort verhandelt wird, aus einer Perspektive kommt, die wir niemals je selbst einnehmen werden. Da werden Interaktionsmuster gezeigt, die wir nur kopieren, jedoch nie in ihrer Tiefe und Intension selbst auch erfahren. Da werden Werte und Normen repräsentiert, die uns nicht mehr sagen, als, dass sie wichtig für diese Personen sind. Da werden zwischenmenschliche Dramen und Erfahrungen mit_geteilt, die wir selbst entweder gar nicht machen (können) oder, die wir machen, ohne mehr damit anfangen zu können, als das, was wir ohnehin schon 24/7 tun: analysieren, entschlüsseln und mit anderen Erfahrungskontexten abgleichen, bevor sie abgespeichert werden.

Wir wissen, dass uns all diese Medieninhalte nichts geben – wir wissen, dass sie euch etwas geben. Deshalb nehmen wir uns all die Dinge daraus, die uns im Kontakt mit euch eventuell mal hilfreich sein können.

Wir werden daneben übrigens auch nie gefragt, wie das für uns ist nirgendwo kongruent in unserem Sein und Er_leben repräsentiert zu werden.
Manche Menschen erwarten Reaktionen von uns auf Filme, in denen Viele sein oder autistisch sein vorkommt, aber sie erwarten selbst von unseren Reaktionen auf Medien, die Menschen mit einer so krass anderen Perspektive und Er_Lebensrealität über (Aspekte) unseres Seins und Er_Lebens gemacht haben, noch einen Mehrwert für sie und ihre Sicht auf das Thema.
Was sie nicht erwarten ist Unverständnis dafür. Gekränkt davon zu sein, schon wieder von jemandem ohne gleichen Hintergrund für einen Kontext benutzt worden zu sein, in dem wir selbst weder mitgedacht werden, noch sonstwie in einer Art passieren, die auf gegenseitigem Begreifen, Verstehen und inkludiertem Miteinander beruht.

Um ein weiteres Tierbild zu bemühen:
Manche Haie kapieren nicht, dass es Sardinen kränkt, wenn ein Hai einen Sardinenfilm dreht, um unter Haien als der geilste Filmer bekannt zu werden, Haie ins Kino zu bringen, Haien ein weiteres Mittel zur Etablierung einer Haikultur zu schenken, in der sich Haie erkennen und so zu einer Verbesserung oder Veränderung des Haimiteinanders beitragen können.
Und manche Haie haben darüber für Sardinen dann oft auch nicht mehr übrig als “Nja mag ja sein, dass das für dich persönlich jetzt voll blöd ist, aber mich brings voll weiter.” – während die Sardine zurückbleibt. Nicht nur mit ihrer persönlichen Verletzung, sondern auch mit dem Bewusstsein selbst eben nicht weitergekommen zu sein, sondern nur dazu benutzt worden zu sein, einer Gruppe weiterzuhelfen, die nichts außer ebenjene Benutzung mit ihr zu tun hat.
Und, die ihrerseits zu keinem Zeitpunkt überhaupt einen Anlass hat sich einer anderen Gruppe als sich selbst zu widmen.

Die Selbstverständlichkeit mit der sie sich selbst vielleicht mal gut, vielleicht mal eher schlecht repräsentiert wieder_finden können, lässt die Information von komplettem Ausschluss für sie völlig absurd wirken.
Denn selbst sehr schlechte Darstellungen werden ja nur für sie gemacht. Nur sie können die Tiefe, die unausgesprochenen Codes entschlüsseln, nur sie sind gemeint. Nur um sie geht es bei der ganzen Sache. Um ihre Kultur, ihr Miteinander, ihr Sein.

So sitzen wir also da mit der Kritik an einem Projekt, das ist wie es ist, weil wir sind, wie wir (und Renée) sind und sich an Menschen richtet, die sich davon nehmen dürfen sollen, was sie selbst auch nehmen wollen.
Um dann vielleicht auch mal mit Menschen, die erheblich viel anders sind, als sie in an_erkennenden Kontakt zu kommen.

So sitzen wir nun da mit einem Modell von unserem Innen und wissen gleichzeitig, dass wir das Modell des Innen eines Menschen, der nicht viele und nicht autistisch ist, vermutlich niemals zu sehen kriegen werden.
Geschweige denn erklärt und im gleichen Format beschrieben.

Wir sitzen da und fragen uns, was wir denn davon haben, das so zu machen.
Und wieder einmal kommen wir zu dem Schluss, dass wir davon nicht mehr haben als das Wissen, dass wir wenigstens versuchen unseren Schmerz an der Kluft zu anderen Menschen zu lindern. Dass es uns wenigstens nicht so selbstgefällig scheißegal ist, wie es uns damit geht, dass mit uns so umgegangen wird, wie mit uns umgegangen wird.

Wir wissen, dass wir alles dafür getan haben, was wir können, damit es Miteinander gibt. Dass es mehr Möglichkeiten zu Verstehen und Begreifen gibt. Dass niemand sagen kann, wir hätten ja in Wahrheit gar kein Interesse daran.
Wir wissen, dass wir jeden Tag alles was wir können tun, um sowohl uns selbst, als auch anderen Menschen in ähnlichen Lagen zu markieren, dass der Status Quo einer ist, in dem die Mehrheit über aufwendig konstruierte Minderheiten bestimmt.

Wir wissen, dass wir nichts weiter tun und wollen, als uns selbst zu repräsentieren und selbst in unseren Themen und Forderungen zu vertreten.
Und zwar, damit wir selbst am Ende etwas davon haben.
Nämlich die An_Erkennung in unserem Sosein, wie wir sind.
Nämlich die Gewährung von Respekt, von Schutz, von gesellschaftlicher, kultureller, ökonomischer und struktureller Gleichstellung mit genau den Menschen, an deren Normen und Werten entlang, wir, egal wie wir dazu stehen, als anders, fremd, krank definiert werden.

anders. und weiter nichts.

“Wir haben abends noch lange über deinen Text diskutiert.”, erzählt sie mir. “Darüber was wir in der Situation mit der Nachbarin gemacht hätten und so.”.
Wir geraten in ein Gespräch über Normen und Angst vor dem Fremden. Ich klemme mich zwischen die Feuerlöwin und sie, versuche die körperlose Verwunderung in meinen Händen nicht fallen zu lassen.

Wie leicht ihr das fällt Bescheid zu wissen. Dinge einfach so anzunehmen, nach denen wir gezielt suchen müssten, selbst, wenn wir nach Überlegen und Analysieren, ahnen oder wissen, was es ist.

Später sitzen wir in der Straßenbahn nach Hause. Beobachten zwei Menschen, die sich angucken und küssen, obwohl die eine Person die andere immer wieder grob anfasst, zwickt, Abwehrbewegungen umgeht. Beide lachen die ganze Zeit.

Nein, wir wissen nie einfach so, was irgendwer warum wann wie braucht. Ob von uns oder von irgendwem.
Nein, wir sind keine Selbstbestimmungshippies, die Normen und Grenzen für überflüssigen Killefit halten. Oder spießig und grundsätzlich schlecht.
Aber wir wissen, dass Selbstbestimmung nur so viel Wirkmacht entfalten kann, wie man Raum für sie freilässt. Dass wir nur dann etwas verstehen können, wenn sich jemand oder etwas entfalten kann. Und dass wir bestimmen können, was wir verstehen wollen.

Nazis wollen wir zum Beispiel nicht verstehen. Zumindest im Moment nicht. Vielleicht ändert sich das irgendwann. Aber bis dahin bekommt kein Nazi von uns Platz zur Entfaltung.

Wir wissen: wenn wir uns verdichten, nicht verstehen wollen, dann sollten wir keine Entscheidungen treffen, Urteile fällen, Ratschläge geben und das, was wir denken auch nicht als “Meinung” bezeichnen. Denn mehr als ein Erahnen von Zusammenhängen, die uns verwirren und zu ungezielten, meist reaktiven Re_Aktionen verleiten, können wir dann nicht von uns erwarten.

Als wir aus der Bahn treten, hat die Interaktion der beiden Personen einen Lautstärkepegel erreicht, vor dem unsere Verwirrung über die beiden über uns zusammenschlägt wie Wellen an der See. Es ist weder Zeit noch Raum irgendetwas von diesen Menschen zu verstehen. Was in meinen Haaren kleben bleibt, ist nur ein weiteres dieser Menschenrätsel, das in uns das Gefühl auslöst deutungsdumm zu sein. Grundlegend unfähig jemals zu der Art intuitiver Sicherheit unserer Freundin zu kommen, wenigstens zu glauben, dass wir wissen, was gerade die normative Richtschnur des Moments und darüber hinaus ist.

“Wenn ihr die Menschen verstehen wollt, macht ihr etwas anders als die meisten.”, sagt die andere Freundin am Telefon. Ich beobachte Hannah’s Tränen an meinen Wimpern und streichle ihre Hand mit NakNak*s Fell unter den Fingerspitzen. “Es ist anders. Weiter nichts.”.
Wir fragen nicht nach.
Anders und weiter nichts, das reicht als Einordnung.

Themenwoche “Ableismus”

Seit NakNak*s Diagnose haben wir Themenwoche “Ableismus”.
Und weil wir gerade niemandem all das sagen können, was wir sagen wollen, schütten wir unsere Worte mal wieder hier hin.

Es begann damit, dass wir unsere eigene Behinderung und die damit einhergehenden Begrenzungen gespürt haben.
Das informierende, beratende Gespräch mit dem Tierarzt war wenig informativ und vielleicht zu holterdipolter nach der Diagnose, um beratend zu wirken. Er spricht kein glattes Deutsch und was meistens kein Problem ist, war diesmal, wo es mir um wirklich jeden Aspekt der Erkrankung des Hundes ging, ein Riesenproblem.

Ich konnte den Sinn seiner Worte nicht verstehen. Konnte mich nicht auf einer Ebene mit ihm bewegen und entsprechende Fragen stellen. Was ich aber wichtig finde, wenn es darum geht, was für NakNak* gut und wichtig ist. Sie ist scheiße nochmal so sehr davon abhängig, dass wir gute Entscheidungen für sie treffen. Es ist wichtig, dass wir alles verstehen. Und es klappte einfach nicht. Mein Verstehstress, tickte meine Ohnmachtsgefühle an, ein anderes Innen tauchte auf. Scheiterte. Wir kamen richtig in Stress und sind da ~irgendwie~ raus.
Super Leistung.
Nicht.

Wir wissen, dass in uns in solchen Momenten sehr alter Selbsthass wieder angeht, der teils erlernt und von außen nach innen genommen wurde, sich aber auch aus unserem Anspruch an unser Funktionieren ergibt. Und ich weiß, dass viel von unserem Selbsthass aus den ableistischen Demütigungen in  unserer Kindheit und Jugend kommt. Ich weiß, warum es in meinem Kopf 24/7 dauerschleift, dass ich gefälligst reden soll, wenn man mit mir redet. Dass ich nicht so behindert glotzen soll. Dass ich meinen blöden Arsch hochkriegen soll, um Dinge so zu tun, wie man es mir gesagt hat.
Und trotzdem.
Es ist etwas anderes in so einem Moment.

Da reicht es nicht zu wissen, dass das alles vorbei ist. Dass ich, dass wir Dinge können und bla bla bla – denn in diesem Moment ist da eine Behinderung und sie passiert genau da, wo ichwir und meinunsere Fähigkeiten enden. Und allein aus uns heraus kommen wir da auch nicht drüber.
Und so denken wir uns gerade die Zukunft mit NakNak*, die blind wird und uns immer und konsistent klar und auf sie passend eingestimmt braucht: Wir brauchen Hilfe dabei und niemand raffts.

Und wenn wir daran scheitern, dann sind wir die Person, die ihren Hund weggibt, weil sie nur eine funktionierende Maschine benutzen will.

Stichwort “funktionierende Maschine” – das ist die andere Seite
Seit wir das wissen, fragt uns jede_r die_r davon erfährt, ob man das operieren kann. Wegmachen kann. Aufhalten kann.
Und niemand redet mit uns darüber so, als hielte man es für notwendig, dass wir das machen, oder so, als würde man von uns erwarten, dass wir das machen lassen – sondern EINFACH NUR SO – was ich nicht verstehe.
Alle Menschen in unserem Leben wissen, dass wir uns das nicht leisten können und aus Gründen, die mit unserer Haltung zu Speziezismus zu tun haben, auch nicht wollen. Und trotzdem reden sie mit uns lieber über eine Operation, als darüber, wie (ob) wir uns fühlen, welche Ideen wir haben, was für (ob) Gedanken uns bewegen, was man sich als hilfreich für den Umgang vorstellen könnte.

Meistens weiß ich auch gar nicht, wie ich mich fühle. Denn ich hab Themenwoche Ableimus an NakNak* und daneben noch zig andere Baustellen, die teilweise ihr ganz eigenes Feature in ebenjene Themenwoche einfließen lassen.
Die Menschen sind alle zugewandt und wollen mit uns sein – aber es verletzt so sehr, wie sie es versuchen.

Ich, wir, versuchen NakNak*s Blindheit als etwas zu akzeptieren, das passiert. Als das “Risiko”, das wir eingegangen sind, als wir uns dafür entschieden haben, einen gemeinsamen Weg zu gehen. Nicht als etwas, “wogegen man angehen muss”, was “ja eigentlich nicht so schlimm” oder “eine traurige Sache ist”.
Denn genau diesen Scheiß haben wir mit unseren Behinderungen jeden scheiß verdammten Tag schon für und über uns und unsere Un_Fähigkeiten, x-mal am Tag auf dem Tableau.

Es ist nämlich genau das auch mit unserem Autismus. Weil es “bei uns ja nicht so schlimm ist”, sieht niemand unsere Kommunikationsprobleme und überfordert uns immer wieder. Weil “es ja so eine traurige Sache ist”, bietet man uns manchmal Hilfe an, wo wir gar keine brauchen oder bevorzugt uns schneller mal auf sozialen Ebenen. Weil “man ja dagegen angehen muss”, halten so viele Leute unseren überdurchschnittlichen Lern- und Arbeitszeitraum für legitim und nicht das Ergebnis von Bewusstsein über die Notwendigkeit mehr als andere Menschen kompensieren zu müssen.

Kompensation ist, was die Leute sehen, doch nicht begreifen. Sie sehen einen Rollstuhl und denken: “Ah behindert, weil kann wohl nicht (so gut/lange/weit..) laufen.” und eben nicht: “Ah kompensiert mit dem Rollstuhl die Behinderung, die dadurch entsteht, dass…” und das ist der Punkt.

NakNak* war und ist nachwievor etwas und jemand, die_r uns sowohl Kompensations/Hilfsmittel als auch Begleiter_in ist.
Sie ist nicht wichtig für uns, weil wir behindert sind.
Sie ist, wichtig für uns, weil der Großteil von uns nicht sprechen kann/will bzw. nicht spricht, um zu kommunizieren. Sie ist wichtig, weil sie uns damit geholfen hat eine Routine zu etablieren – und bis heute hilft, diese aufrecht zu erhalten. Sie ist wichtig, weil wir in ihr viele Anhaltspunkte für das eigene Stresslevel haben und ach vieles mehr. Manches haben wir Stefan auf dem Podstock erzählt und manches in dem Text über sie letztes Jahr.

Ihre gesamte Ausbildung basierte auf Sicht bzw. alle Signale/Befehle an sie sind (und manche: auch) Handzeichen.
Aus Gründen, die wir nicht einfach mal eben so umstricken können oder wo man einfach so sagen kann: “Ja ach das wird schon…”. Wir hatten uns dabei schon was gedacht und müssen auch heute noch sagen, dass sich keiner dieser Gründe erledigt hat.
Und nein – es ist auch nicht aufmunternd oder tröstlich oder hilfreich, wenn uns Leute schreiben, dass sie in einer ähnlichen Situation auch dachten, sie würden das nie schaffen, aber dann doch geschafft, weil… Das ist es schon deshalb nicht, weil sich sowas aus der Retrospektive immer leicht sagen lässt und Geschichten vom Nichtgeschaffthaben so gut wie nie erzählt/geteilt werden.

Gerade bei Haustieren ist Nichtgeschaffthaben so eine Sache. Ein Tier aus dem Tierheim zu holen ist Gold, wer vom Züchter abkauft, elitärer Scheißspießer, der einen Designerhund will, der dann doch im Tierheim landet, weil besonders so ne Leute doch alle Versager sind. Tierheimtiere brauchen Retter_innen blablabla Ein Herz für Tiere zeigt sich in bedingungsloser Aufopferung kotzbrechbla

Und in so einer Lage, wie meinunserer?
Wo wir uns sehr wohl auch reflektieren müssen, ob wir mit den Problemen, die NakNak* kriegen wird, langfristig wirklich die richtige Person sind, schmeißen wir sie damit weg oder was? Oder denken wir da nicht vielleicht irgendwie doch so verantwortungsbewusst, wie man das von Haustierhalter_innen erwartet?

In einem anderen Haushalt würde man sie vielleicht operieren können (finanziell) und würde sich mit der Entscheidung nicht herumquälen (weil man ihr Einverständnis dazu nicht einholen kann, aber das nicht problematisch findet). In einem anderen Haushalt würde das Leben vielleicht auch nicht auf die Richtung zugehen, wie bei uns mit Auswander- Berufseinstiegverselbstständigungs- und Familienplanungsüberlegungen – da hätte sie vielleicht noch Zeit sich umzugewöhnen, so lange sie noch sehen kann und ist dann bis zum Lebensende supergechillt und glücklich, weil sich nicht dauernd alles ändert?
In einem anderen Haushalt müsste sie nicht mehr arbeiten. Da wären vielleicht Leute, deren Schwierigkeiten im Alltag anders und nicht so kontinuierlich wie bei uns vorliegen?

Ich würde anders darüber nachdenken, wenn wir in den letzten Jahren mehr Fortschritte an den Stellen gemacht hätten, die NakNak* uns kompensieren hilft. Haben wir aber nicht. Auch aus Gründen. (Die völlig okay sind und andere gemachte Fortschritte deshalb nicht abwerten).

Ich weiß im Moment nicht, wie ableistisch mein Blick auf uns ist. Mache ich gerade zu viel von meinunseren Fähig- und Fertigkeiten abhängig? Unterschätze ich die Fähigkeiten, die NakNak* hat, selbst wenn sie blind ist? Entlang welcher Parameter kann man alternativ entscheiden bzw. auseinandersetzen?

Ich wünsche mir im Moment so sehr meine Anti-Ableismus Timeline in die direkte Nachbarschaft.
Wünsche mir lange Stunden mit Auseinandersetzung und Diskurs darüber, wo es langgehen kann, wenn man die ableistischen etablierten Pfade verlassen will.
Ich hätte gern, dass mich niemand trösten will, sondern auf das stößt, was ich gerade ausblende.
Kein Vermeidungstanz, sondern echte aufrichtige Mit-mir-zusammen-Auseinandersetzung.

Zum Einen um dahin zu kommen, einen Umgang zu finden – zum Anderen aber auch, um selbst in der Situation anzukommen.
Denn eigentlich – emotional – stehen wir (Rosenblätter) da noch in der Praxis und verstehen gar nichts außer: Wir haben keine Ahnung, was wir tun sollen und ob wir dem genug sein können.

Während andere Innens Schule, Alltag und Gedöns weitermachen als wär nichts gewesen und wir uns fragen müssen, ob da überhaupt irgendwas von dem Tierarzttermin angekommen ist.

von Maßstab und Spektrum, Krieg und Frieden

Vor nun 5 Wochen hatte ich meine Taschen gepackt. Eine Radtour über insgesamt 700 Kilometer sollte es werden und ich freute mich schon seit über einem Jahr darauf. Draußen sein. Unterwegs sein. Rad fahren. Essen. Schlafen. Repeat. Einmal die Vielfältigkeit eines anders immer gleichen Rhythmus er.leben.
Die Tour war toll.
Doch um die Tour soll es in diesem Text nicht gehen. Es soll um Frieden gehen. Und um Krieg.

Während meiner Tourvorbereitungen war es mir bereits aufgefallen. Der Krieg.
Der Krieg, der für manche Menschen scheinbar bereits dann beginnt, wenn man keinen Strom zur unendlich freien Verfügung hat und sich verschärft, wenn die eigenen 4 Wände aus Zeltplane bestehen.

Ich bin kein Survivaltourist. Suche nicht das Abenteuer. Will mir die Mitwelt nicht zu eigen machen, um mein Leben zu retten. Ich will nur draußen sein. Mittendrin sein, wenn es regnet, windet, sonnig ist. Ich will dort sein, wo die Natur ihre ganz eigenen Geräusche macht. Passieren und wachsen, wo alles andere auch passiert und wächst.
Für mich ist das Frieden. Dieses Da sein. Mit allem anderen sein. Ganz direkt und nah. Ohne Schmerz daran.

Mich hat es seltsam bewegt zu erfahren, dass anderen Menschen genau das Angst zu machen scheint. So viel Angst, dass sie sich für ihre Touren rüsten, als zögen sie in den Krieg. Sie kaufen sich Bundeswehrausrüstung, um 2 bis 3 Julinächte im Naturschutzgebiet zu schlafen. Ernähren sich von hochkalorischen Riegeln, um einen Körper vor dem Verhungern zu bewahren, der ein paar Stunden am Tag gewandert war.
Offensichtlich sind ihre und meine Maßstäbe einfach andere. Das passiert – aber wie kommt es, dass es so ein krasser Gegensatz ist?

Eine Antwort liegt für mich in ableistischer Sozialisation.
Der fest ins westliche Leben hineingewobenen Idee des gesicherten Überlebens aufgrund eines allseits fähigen Körpers und der Fertigkeit, diesen zu beherrschen.
Der Idee von makelloser Körperlichkeit. Perfekter Gesundheit. Optimaler Stärke – Masse- Verhältnisse. Wer nicht gesund™ (also: jung™, dünn™, anspruchslos™ ) ist, der wird sterben. Vor allem da, wo outdoor ist.

Einmal abgesehen davon, dass sterben nur sterben und dies nur das Ende eines Lebens ist, ist es doch interessant, wie perfekt ebenjenes ausgekleidet sein muss, um sich seiner Natur ohne Angst zu nähern. Ohne Gewalt. Ohne die Energie, die in Kriegen ihre ganze Wucht zeigt.

Gerade in den letzten ein zwei Jahren lese ich immer mehr Appelle sich doch endlich zu lieben. Liebe deinen Körper – dann wird alles gut.
Selbstliebe allein bietet aber keinen Schutz vor gewaltsamen Eingriffen von außen. Ich kann mich und meinen Körper lieben bis zum geht nicht mehr – wenn mir jemand vors Schienbein tritt und beschimpft, wird es weh tun und etwas in mir verändern – vielleicht sogar so sehr, dass es kaputt geht.
Um diesen Umstand in mein Thema zu übersetzen: Ich kann in Frieden mit mir und allem um mich herum sein – kommt jemand und haut mir eine rein, ist etwas davon beschädigt und eben nicht mehr “Frieden”.
Aber was genau ist das dann?
Ist das gleich Krieg?

Ist ein nicht ganz so rundum-alles-auf-100%-Komfort er.leben gleich der totale Notstand (und damit also irgendwie Krieg)?
Ist sich und seinen Körper nicht 100% zu lieben und ehren und zu stählen und zu heilen und fit zu halten, gleich Selbsthass?

In den letzten 5 Wochen habe ich viel erlebt. Ständig klamme Kleidung. Sengende Sonne. Muskeln, die sich vor Anstrengung wie Holzstangen auf den Knochen anfühlen. Schweiß, der in den Augen brennt. Vor Erschöpfung einschlafen, sobald man nicht mehr in Bewegung ist. All das war nicht sonderlich friedlich. Nicht angenehm. Nichts, was ich jeden Tag erleben wollte. Und doch gehörte es zu genau dem Frieden mit mir, den ich er.leben wollte.

Nach 2 Wochen unterwegs sein, hatte ich gemerkt, dass ich mich nur auf Extreme eingestellt hatte. Auf Kriegsextreme. Auf Lebensbedrohung. Ich hatte gedacht, tagelang keine Stromquelle zu finden. Kein sauberes Wasser zu finden. Bemerkte sehr schnell, wie ich nicht darüber nachgedacht hatte, dass zwischenmenschliche Fremdheit mit einem schlichten “Hallo” überwindbar ist. Ich konnte “Nacht” nur als “kalt” und “gefährlich” denken. Gewitter und Sturm als “tödlich”, sobald man sich außerhalb einer menschlichen Siedlung befindet. Regen oder krassen Sonnenschein als “krank machend” – wenn ich mich nicht vollständig davor versiegle.

Weg ist dieses Denken inzwischen nicht. Aber es ist etwas dazu gekommen.
Die Idee von Frieden als Spektrum. Gefahr als Spektrum.

Das ist grundsätzlich kein neues Denken für mich. Ähnliches habe ich in den letzten Jahren in der Traumatherapie schon mitgenommen.
Und doch ist es neu.

In der Therapie habe ich vor allem gelernt, dass meine permanente Bereitschaft zum Überlebensmodus weder als kontextuell passend anerkannt wahrgenommen wird, noch sich als inhaltlich weiterbringend auswirkt. Immer wenn ich mich bedroht und/oder verletzt fühle, ist dort jemand, di_er mir sagt, dass ich eigentlich (in Wahrheit) gar nicht bedroht bin oder keinen echten Anlass zu Gefühlen von Verletzung habe.
Nach vorne nicke ich und nach innen weiß ich: ich bin vielleicht nicht existenziell bedroht, doch meine Gefühle sind hier auch nicht erwünscht. Meine Gedanken sind wichtig. Die sollen sich um Themen und Inhalte kümmern. Relevant ist, was gesagt wird. Nicht, was gefühlt wird. Damit kann man nichts machen. Außer es aushalten. Wie einen Fehler, den man nicht mehr rückgängig machen kann.

Draußen ist das anders.
Da brauche ich meine Gefühle, denn sie geben mir viel mehr Anleitung als es Worte und Ideen können. Ich bin darauf angewiesen zu spüren, wenn ich verletzt bin und brauche eine genaue Wahrnehmung davon, wie bedroht ich bin. Nicht, weil mir mein Kopf sagen kann, wie viele Stunden ohne Wasser man auf freiem Feld in Mittagshitze bei 36°C überleben kann, sondern, weil ich fühlen kann, dass nicht Durst mein erstes Problem ist, sondern durchgehend geblendet zu sein und keine Erleichterung zu finden, wenn man aufhört in Bewegung zu sein.

Auf der Tour hatten meine Gefühle so viel mehr Platz als meine Gedanken, dass ich mich ein ums andere Mal dabei erlebte, keine Scham zu empfinden. Nicht als ich am Straßenrand saß und zu weinen anfing, weil meine Strecke über eine ansteigende Landstraße ging und auch nicht, als ich mir am Rand einer Fußgängerzone passendere Kleidung anzog. Es ist eine große Entdeckung für mich, wie viele Gedanken und Annahmen für Schamgefühle nötig sind. Wie andere Menschen und eine eigene Angewiesenheit auf selbige dafür nötig sind.

Ich hatte so viel Raum für mich und mein Fühlen, dass mir das Spektrum meines Fühlens und damit auch: meines Friedens fassbarer erschien.
Und seine Zartheit. Ich spürte deutlicher welche Innens, wo sind und welchen Schutz sie über das leben, was wir “das Inmitten” nennen. Spürte: mit unserer Therapeutin zu sprechen ist auch eine Bedrohung. Sich vom Joker tragen zu lassen, ist auch eine Gefahr.
Bemerkte, dass wir, wie wir sind und funktionieren, wenn alles von uns da ist, von jeder An.Be.Rührung verletzbar sind und dies doch nicht mehr so zum Ausdruck bringen, wie wir das früher noch viel mehr getan haben.

So ein Schnitt in die Haut, so reine Worte – das wirkt dramatisch. Mach das mal lieber nicht. So nimmt dich niemand ernst. Wenn du so kommunizierst, ist das zu krass. Achte auf deinen Ton.

Jetzt denke ich, dass das wenigstens ehrlich war.
Heute frage ich mich, ob wir uns eine Art zu lügen angewöhnt haben. Verschleiern. Vernebeln. Verflauschen. Unser Empfinden weichzeichnen, damit sich niemand daran stößt.
Ich frage mich, ob wir einen fremden Maßstab übernommen haben. Einen Kriegsmaßstab. Einen, der unsere Gefühle als Extrem einordnet, während sie auf unserem eigenen im üblichen Spektrum passieren. Als da und Teil von allem. Mal mehr und mal weniger erträglich, beeinflussbar, angenehm oder unangenehm. Als etwas, das in, an und mit uns wirkt und in einem kompliziertem Wechselspiel mit dem Außen passiert.

Oder ist das alles nur ein Missverständnis? Ergebnis der Notwendigkeit sich auf Gedanken und Annahmen zu konzentrieren, statt sich Gefühlen zu öffnen und ihnen zu folgen.
Oder geht es um Angst?

Lösen wir Angst in Menschen aus, wenn wir sind wie wir sind, weil wir sind, wie wir sind?
Todesangst, dessen Kompensation als grobe Worte, überfordernde Ansprüche oder ignorante Zurechtweisung bei uns ankommt?

Ist es das, was so viele Menschen an der Natur und ihrem Lauf der Dinge erschreckt?
Das sie ist wie sie ist und – gleichsam wie wir – nur das Leben, das Sein im Fokus hat, ohne vorher auf Hierarchie, auf Anstand und Sitte, auf diesen ganzen Normenkontext, der definiert, wann was wie okay sein darf und wann nicht, zu achten?

Trauma, Trigger, Volvo fahren

Neulich stand ich mit einer Freundin in einem Laden. Aus den Lautsprechern dudelte “This Love” von den Maroon 5. Ein Song aus dem “Dragostei din tei-Sommer”. Dem Sommer, in dem wir 18 wurden und wussten, dass wir nie wieder einfach mal eben so in eine Psychiatrie abgeschoben werden konnten. Der Sommer, in dem wir zwischen neuen Betreuer_innen, Lebensperspektiven und erneutem Kontakt zu Menschen, die uns ausgenutzt haben, standen.

Für mich war er wieder da. Komplett mit den klebrigen Händen, dem zuckenden Augenlid und dem inneren Drive, den man hat, wenn man versucht sich dazu zu zwingen nichts zu essen, nichts zu verraten, nichts falsch zu machen – und trotzdem das Moment relativ greifbaren Schutzes und Schönen zu verinnerlichen.

Vor ein paar Jahren hätte ich nicht so darüber schreiben können wie heute. Mein Flashback – mein unkontrolliertes, spontanes Erinnern (Assoziieren) – hätte sogar aus dem „im Nachhinein darüber reden“ heraus mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit weitere spontane Erinnerungsprozesse katalysiert. Oder, wie man auch sagen kann, “angetriggert” oder “ausgelöst” oder “angestoßen” oder “angemacht”.
Mehr bedeutet “Trigger” nicht. Nur: “Ding, das macht, das was passiert”.

“Flashbacks” werden oft auch als “Wiedererleben” bezeichnet. Meistens werden sie auch unter “Erinnern” bzw. “Assoziieren” mitgemeint.

Erinnern ist normal. Flashbacks sind normal.
Einmal den Macarena anhören und zack: Flashback in den Sommer, als die halbe Welt einen peinlichen Tanz zu überwiegend unverständlichem „Gesang“ machte.
Für manche Menschen ist dieser Song ein Trigger in Erinnerungsprozesse an den Spaß daran – für andere an schwierige bis traumatische Erfahrungen in dem Sommer.

Heute hilft uns in Momenten wie neulich einfach nur auszudrücken oder mitzuteilen, dass wir uns erinnern.
Einfach nur so. Ohne groß weiter auf das einzugehen, woran genau oder sich dem sonst wie zu nähern. Alle Menschen um uns herum kennen Flashbacks – viele kennen nur das Wort dazu nicht. Sie nennen das manchmal auch “sich zurückversetzt fühlen” oder wie gesagt: “erinnern” und erwarten auch keine näheren Worte zu dem, was es in mir macht. Es hilft uns, wenn Menschen dann sagen: “Ah ja kenne ich auch…” ebenfalls ohne groß daran hängen zu bleiben.

Uns ist das wichtig geworden. Denn der allgemeine Umgang mit dem Thema Trauma und dem Umgang mit traumatisierten Menschen ist häufig geprägt von Furcht, (Über)Vorsicht und gerade bei Menschen, bei denen Erinnern in zwei Richtungen kompliziert ist, manchmal auch mit der Idee “alles (von früher) rauszukriegen” bzw. dabei helfen zu wollen.
Wir brauchen unsere Art zu erinnern und gleichzeitig auch (noch) nicht erinnern zu können (und/oder als von sich selbst erlebt zu erinnern) normalisiert.

Einfach, weil wir erheblichen Schaden daran genommen haben, dass viele Betreuer_innen, Freund_innen und Verbündete unser Erinnern besonders gemacht haben. Zum Einen hat uns “alles rauskriegen” und “alles explizit aussprechen” müssen/sollen immer wieder nur überflutet, überfordert und in der Folge immer tiefere Spaltungen verursacht und zum Anderen, ist es selten eine Erinnerung selbst, die uns hilft etwas zu verstehen oder aufzulösen, sondern die Auseinandersetzung mit der Perspektive, die wir auf eine Erinnerung einnehmen können.

Wir leben mit einer dissoziativen Amnesie, die weite Teile von Kindheit und Jugend betreffen. Da sind Brocken und Krümel, aber keine zusammenhängenden Stränge. Keine spontanen und konkreten Antworten auf Wann, Wer, Warum, Wo…? möglich.
Das heißt übersetzt soviel wie: Das damals Erlebte ist nicht zusammenhängend abgespeichert worden. Warum auch immer.
Es gibt Modelle, die sagen, dass manche unaushaltbare/schwere/schlimme Dinge einfach zu schrecklich sind, um sie in ihrer Gänze in sich aufnehmen zu wollen (bzw. bewusst haben zu wollen) und es gibt das Modell um toxischen Stress, der es neurologisch unmöglich macht die üblichen Reizverarbeitungs- und Re-Assoziationsvorgänge vorzunehmen.

Letzteres ist das Modell an dem wir uns orientieren. Zum Einen, weil wir uns bis heute nicht als jemanden erleben, di_er sich für oder gegen Wahrnehmung oder Bewusstsein entscheidet und zum Anderen, weil wir insgesamt einfach nicht sehr viel mit tiefenpsychologischen und psychoanalytischen Modellen anfangen können.

Was ist toxischer Stress?
Der Stress, der macht, dass man weder lernen, noch denken, noch aufnehmen kann. Der Stress, den man erleben kann, wenn man in einer lebensbedrohlichen Situation ist oder glaubt in einer zu sein (ohne Hilfe in Aussicht zu haben oder zu erhalten/ohne sich selbst in Sicherheit bringen zu können).
Toxischer Stress ist also auch nicht gleich „Gewalt erfahren“. Dieses Stresslevel können auch Menschen haben, wenn sie Gewalt ausüben, Gewalt beobachten, Gewalt miterleben oder auch „nur“ glauben gleich Gewalt zu erfahren/beobachten/miterleben oder auch selbst ausüben zu sollen/müssen/zu wollen (!).

Wenn Menschen mit diesem Level an Stress (egal wodurch konkret ausgelöst) aufwachsen, passt sich ihre gesamte Biologie an diesen Umstand an.
Denn Stress ist ein Nervengift, ähnlich wie Alkohol. Mal hier und mal da ein moderates klitzebisschen in guter Gesellschaft ist kein Problem – jeden Tag bis ins Blackout rein, hat erhebliche Schäden zur Folge. Und der Körper gewöhnt und passt sich daran an.

Wie Menschen, die regelmäßig viel trinken, bei kleinen Dosen nicht mehr betrunken werden, kann bei chronisch mit toxischem Stress konfrontierten Menschen die Empfindlichkeit für bestimmte Hormone und Neurotransmitter nachlassen, die üblicherweise Dinge rückmelden wie “körperliche Nähe/Sex wär mal wieder gut”, “Ich hab genug gegessen” oder auch “Ich bin grad nicht so gut versorgt” und viele andere.
Doch nicht nur Hormone wirken dann anders. Auch die vielen kleinen und großen Helferlein, die für Reiz.Verarbeitungsprozesse gebraucht werden, werden nicht mehr in der Menge produziert und/oder auf den Weg gebracht und/oder aufgenommen.

Was für spätere Erinnerungsprozesse schwierig ist, aber auch gerade im Fall von Klein_Kindern bedeutet, dass beispielsweise auch das Hirn.Wachstum verlangsamt bis verunmöglicht wird. Es gibt Studien, die physische Löcher in Gehirnen von schwer misshandelten und vernachlässigten Kleinkindern mit diesen ausbleibenden Prozessen in Verbindung bringen.

Warum habe ich jetzt diese Stressschleife gemacht?
Weil Stress auch später, wenn die Gewalt vorbei ist, noch eine Rolle spielt. Der gute Stress (das “mittlere Erregungslevel”) wird gebraucht, um Verarbeitungsprozesse anzutriggern – der auf das Erleben von toxischem Stress konditionierte Körper reagiert darauf aber manchmal nicht so, dass das auch wirklich passiert.

Und hier komme ich zu einem wirklich wichtigen Ding in der ganzen Trauma-Sache.
Es ist etwas anderes, ob man von Geburt an bis man erwachsen ist mit toxischem Stress zurecht kommen muss, oder ob man damit als Berufssoldat_in, als Polizist_in, als Rettungssanitäter_in oder während eines einmaligen Erlebnisses konfrontiert ist.

Es verändert nichts am Leiden darunter selbst.
Oder daran, wie ernst man das nehmen muss.
Oder wer wie viel Hilfe mehr oder weniger verdient hat.
Aber es verändert den Rahmen innerhalb dessen die betreffenden Personen ganz real damit umgehen können.

Eine Person, die sich in ihrem Leben immer als selbstwirksam, umgeben von hilfreichen, freundlichen, liebevollen Menschen und in grundsätzlich guter Versorgung erleben konnte, entwickelt völlig andere Fähig- und Fertigkeiten um mit toxischem Stress umzugehen, als eine Person, bei der das alles nicht oder nicht ausreichend vorlag.

Es braucht für viele schon in der Kindheit misshandelte Menschen lange Phasen der (Re-)Sensibilisierung für Üblichkeit im Vergleich zu Unüblichkeit.
Das haben wir vor ein paar Texten und in unserem Podcast zu Energieproblemen mit der Entdeckung der Langeweile gemeint. Wir haben (grob überschlagen) 4 Jahre voller Nichts bzw. Wenig mit Ausschlägen ins Viel(zu Viel) gebraucht, um überhaupt eine Idee davon zu entwickeln wie sich “nicht gestresst/angespannt den Überfall/die Überforderung/die Überflutung vorhersehen wollend/überachtsam sein” anfühlt.

Und erst jetzt in den letzten paar Jahren haben wir die Fertigkeiten, um uns selbst zur Entspannung und Beruhigung zu befähigen. Was nachwievor nicht heißt, dass wir diese Fähigkeiten dann auch immer wirklich nutzen können, aber unsere Trefferquote hat einen klaren Aufwärtstrend.
Und das hilft beim Umgang mit Flashbacks jeder Art.
Denen, die kommen und wieder gehen und denen, die kommen und weitere unkontrollierte Prozesse anstoßen.

Wenn wir mit Menschen darüber sprechen, was eine posttraumatische Belastung.störung zu einer Belastung macht, dann fangen wir immer mit der Unkontrolle an.
Damit wie das ist, wenn man sich erinnert, ohne sich das vorzunehmen, geschweige denn zu wollen. Wie das ist, wenn man urplötzlich an einer noch nicht verheilten Wunde berührt wird, ohne, dass man sich dieser Wunde als einer solchen bewusst ist oder weiß, welcher Umgang damit gut tut oder schadet.

Denn das bedeutet der Begriff “Trauma”: “Wunde” oder auch “Verletzung”.
Nicht mehr, nicht weniger.
“Trauma” bedeutet nicht: “Krieg” oder “sexueller Miss.ge.brauch” oder “Vergewaltigung” oder “Hassnachrichten übers Internet” oder “Stalking”.
Ein Trauma ist niemals ein Ereignis oder ein Verb. Niemals. Unter keinen Umständen oder irgendwelchen perspektivischen Definitionsansätzen.

Krieg ist Krieg.
Krieg kann zu Traumatisierungen in und an den Menschen, die ihn üb.er(ge)lebt haben verursachen.
Krieg ist deshalb aber immer noch kein Trauma. Krieg ist ein Ereignis. Ein unter Umständen auch traumatisierendes Ereignis.
Aber auch das ist es nicht in 100% der Fälle.

Nur 33% der Menschen, die Krieg erlebten, haben kurze Zeit später eine akute posttraumatische Belastungsreaktion auf dieses Ereignis. Ein weiteres Drittel erlebt eine verzögerte Belastungsreaktion.
Ein Drittel zeigt diese Reaktion jedoch nicht.
Obwohl es in 100% der Fälle ist ein sicherlich belastendes Lebensereignis, das die Menschen geprägt und verändert hat ist.

Es ist ein meiner Ansicht nach gefährlicher Fehlschluss, aus belastenden/prägenden Lebensereignissen
a) auf ein Trauma
b) mit tiefgreifenden Folgen wie zum Beispiel einer PTBS oder anderen Traumafolgediagnose
c) umfassende Hilfe- und/oder Rettungsbedarfe (also anhaltend globale Ohnmacht der betroffenen Person)
zu schließen.

Denn.
Das ganze Ding hat vier Achsen.
1. Die Subjektive
Die Wunde, das Trauma, das nur die Person, die damit lebt überhaupt selbst spüren und definieren kann. Und niemand sonst. Auch nicht die Personen, die dabei waren. Oder die Personen, die ähnliches einmal erlebt haben. Oder die Personen, die Menschen mit ähnlichen Erfahrungen behandeln.

2. Die sogenannt “Objektive” (der Behandler_innen aus Psychiatrie, Medizin und Psychotherapie)
Die Belastungsreaktion, die aus beobachteten Verhaltensweisen und interpretierten Schilderungen abgeleitet und mit einer Diagnose bewortet wird. Die dann entsprechend behandelt wird.

3. Die der Verbündeten/der Freund_innen/der Begleiter_innen
Die Auswirkungen auf Alltag und soziale Beziehungen innerhalb der gemeinsamen Kontexte. Mit all dem, was diese Personen für richtig und wichtig halten.

4. Die Strukturelle
Die Ebenen der Gesellschaftsordnung, ihrer Bürokratien und Versorgungsmöglichkeiten. Die Rechtsprechung, die Politik, die gemeinsamen Werte.

Wenn man so wie wir das Thema Trauma als Spezialthema im Leben hat, stößt man sich oft an bestimmten Art, wie das Thema aufgenommen wird.
So ärgere ich mich sehr, wenn Menschen nur Soldat_innen oder Unfallopfern das Erleben posttraumatischer Belastungen zugestehen, weil sie zum Beispiel Aktivist_innen, die 24/7 gestalkt und beschimpft, gedemütigt und bedroht werden, keine Todesängste oder Lebensbedrohungsgefühle in der Situation zugestehen können.

Das verärgert mich, denn: es ist niemals die Art eines Ereignisses selbst, die sich traumatisierend auswirkt.

Wenn Jonas noch nie irgendwas Schlimmes passiert ist – Jonas aber urplötzlich von einem Hund angesprungen und abgeleckt und gekratzt wird – und sich nicht wehren kann und glaubt, er würde jetzt sterben und er keine Hilfe kriegt – und ihm später noch von allen gesagt wird, da wär ja nix gewesen (ihm also auch kein Trost zuteil wird) – stehen die Chancen nicht schlecht, dass Jonas Verarbeitungsprobleme bekommt, die auch darin münden können, dass dieses Ereignis eine offene Wunde für ihn bleibt.

Traumatisierungen entstehen durch mehrere Faktoren, die zwar ein paar Dinge immer gemeinsam haben (Todesangst, Hilflosigkeit, Ohnmachtsgefühle, keine Hilfe, kein Trost, keine Möglichkeit/Fähigkeit der Selbstwirksamkeit währenddessen und/oder danach) – aber eben doch nicht immer alles.

Zum Beispiel spielt die körperliche Bedrohung bzw. Versehrung nicht immer eine Rolle. Manchmal ist das Ereignis selbst auch gar nicht das verletzende Moment, sondern ein Konflikt um einen nicht erfüllten Auftrag und die daran geknüpften Erwartungen von sozialer Isolation oder gesellschaftlichem Statusverlust.
Deshalb wirken und arbeiten zum Beispiel Soldaten- und Rettungssanitätertruppen immer wie eine Art Familie – man weiß wie viel leichter die Verarbeitung der selbst ausgeübten Gewalt bzw. der Anblick von schrecklichen Szenen fällt, wenn man offen sagen kann: “Das war echt schrecklich für mich”, ohne ausgeschlossen zu werden und allein damit bleiben zu müssen.

Ich ärgere mich aber auch, wenn von PTBS betroffene Menschen in allen anderen Menschen, die gerade durch schwierige Zeiten gehen oder eine ähnliche Erfahrung gemacht haben wie sie selbst, die gleiche Belastung/Störung/“Krankheit” sehen bzw. “diagnostizieren”, mit der sie leben.
Eine Traumafolge.störung ist keine persönliche Eigenschaft und zeigt sich niemals in der traumatischen Situation selbst, sondern immer danach.
Deshalb heißt es “post (also: “nach”) traumatische Belastungsstörung”.
Ich wünsche mir da häufig etwas mehr Abgrenzung und Differenzierung – kann aber natürlich auch sehen, dass es den Menschen, die sowas machen, manchmal auch darum geht ein Bindungsmoment auszudrücken. Also zu sagen: “Ich finde etwas von mir und meinen Erfahrungen, in der Person und ihrem Umgang mit schwierigen Dingen.”.
Warum man sowas dann nicht gleich sagt, entzieht sich meinem Verständnis.

Auch problematisch finde ich, wenn ich Angehörige oder Verbündete von traumatisierten Menschen sehe, die übergriffig und sachunverständig “helfen” (wollen) und nicht reflektieren (können/wollen), dass sie mit reinstem Gewissen echte Gewalt ausüben.
Hier geht es immer wieder um die Grundannahme, dass die traumatisierte Person  immer und in ausnahmlos allem hilflos, ohnmächtig ausgeliefert ist und jemanden/etwas außerhalb von sich braucht, um klar zu kommen.

Vielleicht ist das eine kontroverse Äußerung jetzt aber: In den meisten Fällen ist diese Annahme der totale Bullshit.
Ja – viele Personen, die mit PTBS und anderen Traumafolgediagnosen leben, erleben sich auch bestimmten Symptomen gegenüber erstmal hilflos und haben das Gefühl das würde nie wieder aufhören und es gäbe da keine Hoffnung und ach überhaupt ist doch so oft alles wie damals als sie wirklich gar nichts tun konnten und ihr Leben bedroht war.
Aber: was gibt es alles neben diesem Empfinden?

Meiner Ansicht nach müssen sich Verbündete und Angehörige sehr klar machen, dass genau sie immer neben diesem Empfinden stehen müssen. DANEBEN – nicht mittendrin!

Eine der Anpassungen an das Leben in chronisch toxischem Stress kann sein, die Überforderung immer und überall zu erwarten. Das heißt immer eher davon auszugehen in einer Pfütze zu ertrinken, als nasse Füße zu kriegen.
Wenn eine Person aber nicht mehr in Kontexten lebt, in denen diese Erwartungen lebensrettend sind, dann wird es Zeit zu schauen, welche anderen Erwartungen sich wahrscheinlicher erfüllen werden.

Um beim Pfützenbeispiel zu bleiben, kann es sein, dass eine Person bei Regen nicht rausgeht, oder unkontrollierbare Panikattacken hat, wenn es regnet oder sie an einer Pfütze vorbei gehen muss. Eine verbündete Person tut dann gut daran, weder die Person über die Pfütze zu tragen, noch über die Erfahrungen der Person mit zum Beispiel Beinahertrinken zu reden, noch sich selbst in die Pfütze zu schmeißen um dessen Harmlosigkeit zu beweisen.

Wir haben sowas nie als hilfreich erlebt. Im Gegenteil.
Uns über eine Pfütze zu tragen, bedeutet uns abzuerkennen, dass wir das selbst schaffen könnten (wenn wir es wollten). Im Moment des angetriggerten Erinnerungs- und Reaktionsprozesses über die unverarbeitete Erfahrung dahinter zu sprechen hilft nicht, diese als vergangen einzuordnen (dazu komme ich gleich nochmal).

Und Verbündete, die sich selbst zum Maßstab der “wirklichen” oder “echten” oder “eigentlichen” Realitäten machen, sind keine Verbündeten, sondern eine Gefahrenquelle. Denn da wirkt etwas, das sich um etwas in der verbündeten Person dreht – und nicht um die Situation oder den Wunsch jemandem zu helfen, um der Person selbst Willen, sondern für sich selbst.
Sowas ist gefährlich. Ohne Mist.

Wenn:
– dir jemand nur hilft, weil si_er es nicht ertragen kann, dass es dir schlecht geht oder du bestimmte Erfahrungen gemacht hast
– dir nur hilft, wenn du bestimmte Verhaltensauflagen, die dir (zu) viel Kraft abverlangen und/oder nicht einmal dir selbst (auch) nutzen, einhältst
– nur dann für dich da ist, wenn du hinterher in irgendeiner Form eine Dankbarkeit zeigst
– von dir hören will, dass nur diese Person dir wirklich richtig und eigentlich als einzige richtig gut hilft
– dir die eigene Wahrnehmung von Dingen als krank, verzerrt oder grundlegend immer und bezüglich allem als falsch beschreibt

dann: Abstand einnehmen!

Wenn man mit Belastungen lebt, die bestimmte Situationen macht, in denen man sich (immer wieder) extrem hilflos fühlt (weil man eine frühere extreme Hilflosigkeit wiedererlebt), dann ist es total verführerisch, sich auf Personen einzulassen, die sicher und ruhig und furchtlos und mächtig wirken.
Aber es sind nicht die Personen, die dich davor schützen jemals wieder an Schlimmes zu erinnern oder es wiederzuerleben, die die “guten Verbündeten” sind.

Die Guten sind jene, die dich vor einer solchen Situation fragen, was dir helfen könnte, dich in einer Situation des Wiedererlebens daran zu erinnern, dass das früher Geschehene vorbei ist und du heute, hier und jetzt Möglichkeiten hast, die du früher in der erinnerten Situation nicht hattest. Es sind die, die sich für deine neuen Erfahrungen und veränderten Erwartungen interessieren.

Die guten Verbündeten haben so viel Abstand zu dir, dass ihre Fähig- und Fertigkeiten kein Ersatz für deine Unfähig- und Fertigkeiten sind – stehen aber so nah, dass sie hören, was du als Ersatz gebrauchen könntest (und dir helfen, diesen Ersatz zu entwickeln oder aufzutreiben).
Die guten Verbündeten wissen nicht alles – sind aber bereit mit dir zusammen zu lernen und zu erkunden.

Die guten Verbündeten nehmen dich grundsätzlich als Person mit eigenem Kosmos, der okay ist wie er ist, an.
Gibt es diese Grundannahme nicht passieren Fehler.

Als ein gerade gegenüber Menschen mit retrograder bzw. dissoziativer Amnesie passierender Fehler-Klassiker ist beispielsweise die “Du musst dich an alles genau erinnern”-Katharsis-Idee nachwievor weit verbreitet und führt immer wieder zu unnötigem Leiden.
Wir haben selbst lange daran geglaubt und uns darüber mehrfach fast zugrunde gerichtet, weil wir nach Außen entsprechen wollten und durch den Anspruch an sich geglaubt haben, es sei uns “in Wahrheit” möglich uns zu erinnern. Wir müssten uns nur anstrengen, müssten nur ehrlich sein, müssten nur aufrichtig sein, müssten nur stärker sein, um mit den Gefühlen umgehen zu können.

Die Amnesie, mit der wir leben, funktioniert aber nicht so, dass wir sie bewusst spüren. Wir wissen nicht, was wir nicht erinnern. Entsprechend haben wir keinen konkreten Raum innerhalb dessen wir uns überlegen können, ob wir uns jetzt erinnern wollen oder nicht.
Was wir entscheiden können ist, ob wir die Auseinandersetzung vermeiden oder nicht.
Das ist etwas anderes und hat mit der Amnesie an sich erstmal wenig zu tun.

Das Vermeiden der Auseinandersetzung mit traumatischen Erfahrungen ist eine typische Reaktion von traumatisierten Menschen.
Eine total schlaue Reaktion ist das, weshalb sie sich in der menschlichen Evolution auch schon fantastillionen mal bewährt hat. Es ist einfach schlau Dinge zu meiden, die weh tun oder potenziell lebensbedrohlich sind. Es gäbe weniger Menschen gäbe es dieses Muster nicht.

Viele Menschen, die ein posttraumatisches Reiz- und entsprechend auch Stressverarbeitungsproblem haben, meiden bestimmte Dinge oder Umstände, weil sie sie in unkontrollierte Erinnerungsprozesse bringen könnten, ohne, dass sie diesen Vorgang beeinflussen können.
Wir haben das sehr lange als “Ich vermeide Trigger” bezeichnet, wissen heute aber, dass das eigentlich falsch gesagt ist. Denn Trigger kann man nicht vermeiden.

Leben triggert. Alles triggert alles.

Es ist nie nur ein bestimmtes Symbol oder eine bestimmte Aussage, die ein Erinnern bei uns auslöst und uns schwierige Dinge wiedererleben lässt. Erinnern ist ein multifaktor-needed Prozess.
In entspannter Grundstimmung sind wir viel weniger leicht in unkontrollierte Prozesse zu triggern, als in der ängstlichen Grundhaltung jetzt gleich sofort könnte uns ein Trigger von der Seite anspringen. Wenn wir etwas tun, von dem wir genau und sicher wissen wann, wie, wo und wofür wir etwas tun, sind wir auch nicht so einfach darüber zu verwirren, ob wir gerade soviel können, wie damals als… oder so viel wie heute als Person im Alter von… mit Auftrag X zum Zweck Y, aufgrund der Fähigkeit …

Sind wir ängstlich, verwirrt, auf vielen Ebenen irgendwie zu irgendwas gezwungen oder verpflichtet, können/dürfen/sollen wir die Situation nicht aktiv mit.bestimmen, weil irgendeine evtl. schwierige Konsequenz droht oder drohen könnte, stehen wir schon mit anderthalb Beinen im Flashback und kein Triggervermeidungsversuch der Welt kann da irgendwas verhindern.

Wir fordern die Menschen, die mit uns zu tun haben immer wieder dazu auf, einfach ganz normal/üblich mit uns umzugehen, weil es uns Angst macht, wenn die Menschen um uns herum Angst haben. Auch Angst davor uns aus Versehen einem Trigger auszusetzen oder etwas zu tun, dass uns traurig macht oder ängstlich oder was auch immer.

Es ist das schlimmste für uns, wenn außenstehende Menschen Angst vor unseren Traumafolgeproblemen haben. Denn das bedeutet, dass wir nicht mehr nur für uns die Verantwortung für den Umgang damit tragen müssen, sondern auch für sie. Und das bedeutet für uns: Menschen meiden (um sie davor zu schützen) oder ihnen gegenüber verschweigen, dass wir damit leben (was nicht geht, denn wir sind viele und das wirkt sich früher oder später einfach immer irgendwie aus).

Viele Menschen glauben, dass sich traumatisierte Menschen einigeln und isolieren, weil sie sich schuldig fühlen, dass ihnen passiert ist, was ihnen passiert ist.
Für manche viele Menschen kann das stimmen.
Wir haben uns nie deshalb isoliert. Wir fühlen uns bis heute nicht schuldig, dass Dinge passiert sind. Schuld spielt für uns einfach keine eigene Rolle.

Wir haben uns isoliert, weil viele Menschen in unserer Umgebung Angst vor dem hatten, was uns passiert ist und aus dieser Angst heraus die wildesten, manchmal auch gewaltvolle, Ideen dazu hatten (und umgesetzt haben), uns davon zu „befreien“ oder zu „heilen“.
Das war uner anderem der erwähnte “Du musst dich an alles erinnern und aussprechen”-Fail.

An der Stelle vermischten sich die Idee, dass wir als Viele nicht normal und auch üblich sind, wie wir sind und die eigenen angstauslösenden Schlüsse über die Wirk.Mächtigkeit dessen, was uns passiert ist. Die Person sah uns als kaputt und krank und dachte, unser Vermeidungsverhalten fuße auf Schweigegeboten und dem Verbot sich zu erinnern, damit wir keine Strafanzeige erstatten.

Zu keinem Zeitpunkt hat uns die Person mal gefragt, ob wir überhaupt eine Strafanzeige stellen wollten (überhaupt, was wir wollten) oder sich damit befasst, wie Viele sein überhaupt entsteht oder sich darüber informiert, wie sich Traumafolge.störungen überhaupt entwickeln. In ihrer Vorstellung funktionierte ein Trauma wie eine Infektion mit etwas, das man mit Konfrontation allein bekämpfen kann. Also quasi wie ein Gegensatzpaar, das sich gegenseitig ausgleicht und dadurch alles normalisiert.
Wir schwiegen und litten eher passiv-reaktiv vor uns hin – also mussten wir ihrer Ansicht nach reden und aktiv ins Kämpfen/Angreifen kommen.

Das endete darin, dass wir Angst davor bekamen, in ihrer Anwesenheit zu erinnern, weil die Person aus jedem von ihr miterlebtem Flashback eine stundenlange Aktion der Konfrontation und Aussprache machte, bei der in uns immer mehr und mehr völlig desorientierte Innens angestoßen wurden, die ihrerseits keine Chance bekamen zu sehen, dass “ihre Zeit” schon längst vorbei war und die Gewalt, die uns da gerade passierte, eine völlig andere war.

Die Person hat uns am Ende, glaube ich, nicht mehr als “Hannah, die schwierige Erfahrungen gemacht hat” gesehen, sondern als “wegzumachende, schwierige Erfahrung, die Hannah als gemacht nicht akzeptieren will, weshalb sie sie vermeidet, weshalb man sie ihr 24/7 sagen und verlangen muss, dass sie sie ausspricht, damit sie sie endlich akzeptiert und loslässt”.

Needless to say, dass wir ziemlich gelitten haben, oder?
Im Rückblick hatten wir damals aber noch Glück. Es war nur eine “Freundin” und kein_e Behandler_in. Auf der Suche, die dann bei unserer jetzigen Therapeutin endete, hatten wir ein Vorgespräch bei einer Psychoanalytikerin, die diese invasive Konfrontation als Therapie an uns verbrochen hätte, hätten wir nicht schon gewusst, dass uns diese Form der Auseinandersetzung nur schadet.

Aber wie ist das denn nun mit dem Erinnern und Vergessen und Verdrängen und Trauma und Amnesie und Verarbeiten?
Wie kommt es, dass wir uns heute kaum an die Kindheit erinnern, aber trotzdem sagen können, dass wir schwere Gewalterfahrungen gemacht haben?
Wie kann es sein, dass wir von Erinnerungen gequält werden, aber gleichzeitig eigentlich gar keine haben?
Und: sind Erfahrungen überhaupt eigentlich wirklich “vergessbar”?

In diesem Blog haben wir schon viele Bilder für diese Fragen gefunden, deshalb denke ich mir kein neues mehr aus und bleibe bei einem Klassiker:
Alltägliche Erfahrungen zu machen ist üblicherweise wie eine Überlandfahrt in einem geräumigen Volvo.
Es passen viele Schnick-Schnack-Informationen in den Kofferraum hinein, man hat die Ruhe und Gelassenheit mal aus dem Fenster zu sehen und Ähnlichkeiten festzustellen. Man kann Freund_innen und Bekannten davon erzählen, weil man ein Fotoalbum anlegen konnte, auf das man auch später immer wieder zurückgreifen kann.

Eine traumatische Erfahrung ist eine Überschallreise in einer winzigkleinen Schutzkapsel.
Es passt nur der eigene Körper (das eigene Ich) hinein und man ist froh, dass man lebendig wieder heraus kommt. Man hat eine Zilliarde Informationsschnipsel, die man ungeordnet und zusammenhanglos in eine Rumpelkammer schaufelt, weil man selbst nicht mehr weiß, was jeweils wozu gehört. Es ist ein so extremes Ereignis, dass man davon ausgehen muss: Niemand wird verstehen, was ich davon erzähle. Oder auch selbst weiß: “Würde mir jemand so schreckliches/krasses und/oder unzusammenhängendes Zeug erzählen, ich würde ihn für bekloppt halten/nicht gut verstehen/nicht zuhören wollen.”.

In unserem Fall kommt dazu, dass wir die Informationsschnipsel, die uns manchmal aus der “Rumpelkammer” vor die Füße rutschen, meistens nicht einmal mit uns jeweils in Verbindung bringen, sondern mit jemand anderem. Zum Beispiel einem anderen Innen. Oder einer völlig außenstehenden Person. Oder einem Film, den wir denken gesehen zu haben. Oder einem abgefahrenen Traum.

Erinnerungen sind immer das, was ein Gehirn aus Reizrohmaterial und vorhandenen (bereits verarbeiteten und eingeordneten) Reizinformationen macht.
Das ist der Grund weshalb 50 Leute das gleiche Ereignis auf 50 verschiedene Arten beschreiben.
50 Perspektiven, 50 Er_Lebenshintergründe, 50 verschiedene Reizverarbeitungsbefähigungen, 50 verschiedene Erinnerungen.

Schon allein deshalb lehnen wir es ab von Erinnerungen auf Wahrheiten zu schließen und sehen an der Stelle auch das Gerangel zwischen False Memory- Anhänger_innen und Traumatherapeut_innen und Justiz kritisch.

Wir sehen unsere Erinnerungen als Hinweis auf unsere Perspektive auf ein Ereignis, bei dem wir dabei waren.
Nicht mehr und nicht weniger.
Für uns ist nicht relevant, was damals “wirklich” passiert ist. Als Handlung bzw. als äußeres Geschehen – relevant ist, wie wir das üb.er(ge)lebt haben, denn das ist, womit wir heute leben und worauf die heutigen Erfahrungen immer wieder auftreffen.
Denn die Rumpelkammer bzw. das Fotoalbum in dem Bild sind das Gedächtnis.

Das Gedächtnis spielt nicht nur eine Rolle, um sich aktiv an Dinge zu erinnern – es ist auch von zentraler Bedeutung neue Dinge einzuordnen und sich selbst zu verorten und in Kontexte zu setzen. Hat man ein hübsch sortiertes Fotoalbum des eigenen Lebens, braucht es ein zwei Schritte und man weiß wer man ist, was man kann, welche Erwartungen lebensrettend sind und welche eher unwahrscheinlich eintretend. Man hat ein relativ kongruentes Bild von sich in Bezug auf die eigene Um- und Mitwelt.

Hat man eine wilde Mischung aus Fragmenten in eine Rumpelkammer gestopft, sieht die Lage ganz anders aus. Da wird geraten, grob und schnell entschieden/”eingeordnet” und aufgepasst, dass einem da nicht alles auf einmal wieder rauspurzelt (denn das wäre der Flashback, den man unbedingt vermeiden will).

Man denkt immer, man könne das eigene Gedächtnis gezielt und alleinig benutzen, weil man gemeinhin annimmt, Erinnerungen wären immer nur die Dinge, die man beworten kann. Also die man beschreiben und erzählen kann.
Tatsächlich greift man aber schon dann auf das Gedächtnis zu, wenn man aufwacht und guckt, wo man ist. Wenn man ein Plakat anguckt und weiß: das ist ein Plakat. Wenn man aufs Klo geht und sich die Hosen runterzieht. Wenn man Hunger hat und zu einem Lebensmittel statt einem Backstein greift.

Spätestens jetzt sollte jede_r verstanden haben, was ich meine, wenn ich schreibe: Leben triggert
Trigger sind in 100% der Lebensfälle wichtig und richtig und gut für uns, denn sonst wären wir tot.

Die Erinnerungen, die wir beworten können aber, sind uns gerahmter und bewusster als die, die wir jeden Tag on the daily turn vornehmen. Das hat mit der Gewohnheit zu tun, aber auch damit, dass die Assoziationswege viel kürzer sind. Gegenstände und ihre Namen haben einen Weg – Erfahrungen, die mit körperlichen Empfindungen, emotionalen Vorgängen, sozialen Beziehungsgeflechten und eventuell einem extrem ungewöhnlichen Charakter zu tun haben, nehmen viele Wege ein.

Wir können das an der Struktur, die wir für Lautsprache entwickelt haben, auch ganz gut ablesen.
Wir haben uns das Sprechen in Clusterstrukturen beigebracht – also bewussten Assoziationsketten (aktiv gesammelter und eingeprägter Wörter im Zusammenhang sozialer Interaktion).
So steht das Wort “Baum” im Raum “Natur” der im Raum “draußen” passiert.
Im Raum “Baum” stehen “Borke”, “Laub”, die verschiedenen Namen von Bäumen, jeweils umgeben von den Worten, die man benutzt um ihre Merkmale zu beschreiben und und und…
Angebunden an den Raum “Baum” ist der Raum zu Wörtern um eigene Empfindungen im Kontext des Baumes auszudrücken.
Dieser Raum ist einer auf den wir auch von anderen Worträumen aus zugreifen können. Denn das Empfinden eines Baumes oder die Reaktion auf einen Baum ist zwar besonders – Empfinden und Reagieren an sich ist aber etwas, das in Bezug auf andere Dinge oft ähnlich ist. Wir können beeindruckt von einem Baum sein, aber auch von einem Bäumchen oder einem Ast oder einem Wasserfall oder einem Gefühl oder einem Gedanken.

Das macht den Raum “Empfindungen” zu etwas das uns ganz nah ist und nicht viele Schritte braucht – den Raum “draußen” hingegen aber zu etwas, das wir nur kontextabhängig mal brauchen und entsprechend auch immer erstmal finden müssen (weil wir immer erst vom klitzekleinen ins kleine ins mittlere ins große ins Gesamtbild gehen).

Im Fall von alltäglichen Erinnerungen gibt es so viele kleine Dinge, die den meisten Menschen nicht bewortet werden, weil sie so üblich sind.
Erinnerungen an krasse überfordernde fragmentarisch aufgenommene Erfahrungen können oft nicht bewortet werden, weil erst durch die Verknüpfung mit alltäglicheren Erfahrungen ein Zugang zu Worten und damit ein gezielt ansteuerbarer Weg entsteht.
Da spielt auch mit hinein, dass Lautsprache evolutionär betrachtet noch neumodischer Schnickschnack ist und sich in einer Hirnregion befindet, die nicht so fix bedient wird, wie jene, die es schon länger gibt.

Ein Punkt übrigens, weshalb Sprechen für alle Menschen in gewisser Weise auch anstrengend ist. Es ist ein energieaufwendiges Ding dieses Gehirnstück. Und Sprechen an sich ist auch eine motorisch recht lernintensive Sache (hat schon einen Grund weshalb Menschen von Geburt bis in die Kindheit dafür so ihre Zeit brauchen).
Gibt man dieser Anstrengung noch die Schwierigkeit hinzu traumafolgebedingte Aspekte (und die eigenen Reaktionen darauf) kompensieren zu müssen, kommt man auf eine krasse Energiebedarfsbilanz.
Just for the record.

Wir erleben unsere Erinnerungsprobleme manchmal wie das Spiel “das verrückte Labyrinth”.
Jedes Innen hat eigene Zugriffe und Ordnungen in der von uns allen genutzten Rumpelkammer und bringt jeweils eigene Erfahrungsschnipsel mit ein. Dadurch verändert sich immer wieder das ganze Bild und auch die jeweils möglichen Zugänge zu mehr Informationen.

Das bedeutet, dass auf unsere Schnipselsammlung bis heute noch keine geordnete Sammlung trifft, sondern immer wieder nur mal hier ein Schnipsel und mal da einer.

Wir funktionieren nachwievor so, als würde jeder Moment des Lebens wie die lebensgefährliche Fahrt in der Überschallkapsel passieren.
Denn so sind wir aufgewachsen. Unsere Reaktion auf die Anforderungen des Lebens war es viele kleine Ichs in eine Kapsel zu setzen und auf dem Weg wenn (überlebens)nötig welche rauszuschmeißen.
Einen Volvo zur gemütlichen Überlandfahrt hatten wir nur ganz selten zur Verfügung. So selten, dass wir uns mit seiner Benutzung noch gar nicht so gut auskennen. Deshalb gehen wir heute nochmal zur Fahrschule. Quasi.
Oh man… vielleicht ist diese Metapher doch etwas schräg. Sorry. ^^

Also “Fahrschule” meint an der Stelle die Therapie.
Wir holen in der Therapie keine verdrängten Erinnerungen hervor. Wir versuchen uns Innens alle an einen Tisch (auf ein gemeinsames Stresslevel) zu kriegen, um zu schauen, wer welchen Überschallflug wann durchgemacht hat, um eine Idee zu bekommen, welche Schnipsel wozu gehören.
Um dann eine gemeinsame Erinnerung als solche erfahrbar zu machen. Und als gemeinsam selbst gemacht zu begreifen. Und als beendet und vergangen zu begreifen. Und an einen Platz in der Rumpelkammer zu stellen, wo man sie sicher und stabil gelagert erreichen kann, ohne ständig irgendetwas anderes umzuschmeißen.

Es geht also nicht um eine Tiefenwanderung zur Ergründung von Wahrheiten aus den Tiefen der Seele.
Es geht uns darum überhaupt erstmal richtig zu schnallen, was da los war, welche Innens beteiligt waren und was ihre Perspektive für unser Leben heute bedeutet.

“Verdrängung” ist so ein Begriff aus der Tiefenwanderungsszene. Wir haben nie irgendwas verdrängt, um uns nicht zu erinnern.

Um uns nicht zu erinnern, haben wir nie irgendwas gemacht. Wir konnten nie mehr machen als schlicht zu überleben bzw. dem Impuls folgen alles mögliche zu tun, um das eigene Leben zu retten bzw. nicht zu gefährden. Dazu gehört damals wie heute auch Vermeidungsverhalten.
Wir haben da den Begriff des „Vermeidungstanze“ für bestimmte Schlängeleien, wenn wir Angst davor haben die Kontrolle zu verlieren oder an etwas zu rühren, das möglicherweise sehr weh tut, ohne, dass wir uns selbst dann helfen können.

Wir haben da aber auch das Bewusstsein um Momente, in denen es nur Vermeidungsverhalten ist, was uns davor bewahrt im Alltag an Funktionalität zu verlieren.
Weshalb wir durchaus verstehen, wie es heute nun dazu kommt, dass der Traumabegriff so oft verwässernd benutzt wird.

Würde man sich umfassend damit auseinandersetzen, was Traumatisierungen (über lange (Entwicklungs)Zeiträume) bedeuten und auch, was es bedeutet, wenn Menschen genau das eben nicht tun, könnte man zu der Erkenntnis und darüber vielleicht sogar an einen emotionalen Einblick dahin kommen, wie tatsächlich (posttraumatisch) belastend es ist, eine (komplex) traumatisierte Person zu sein.

Und das muss man erstmal aushalten können.
Und wollen.

*Text als PDF zur freien Weitergabe