das mit dem Mitfühlen

Eine Frage einer Teilnehmerin hat mich berührt.
Wir hatten gerade viel über Gefühle und Emotionen gesprochen. Sie fragte, wie das mit dem Mitfühlen ist. Dem „sich in andere Menschen hineinversetzen“.
Ich versuchte zu erklären, dass sich selbst zu fühlen, eigene Gefühle spüren, nicht die gleiche Tätigkeit ist wie „sich in andere Menschen einzufühlen“. Dass das eine ein Prozess und Merkmal des bloßen Am-Leben-Seins – und das andere das Ergebnis sozialer Interaktion im Rahmen der Lebensgestaltung ist.

Erst jetzt, fast einen Tag später, merke ich, wie wichtig diese Frage eigentlich für alle Teilnehmer_innen war, die wie wir, mit diesem einen heimlichen Koffer durchs Leben gehen, in dem Schuld, Scham und Schande darüber steckt, dass man eben nicht einfach immer „aus dem Bauch heraus“ weiß, was bei anderen Menschen los ist. Dass man immer irgendwie drum rum murkeln muss, jeden Menschen wie ein Objekt analysieren und abtasten muss, um schlau aus dessen Innenleben zu werden, ohne sich dabei irgendwie persönlich angezogen zu fühlen oder überhaupt zu erwarten, dass das sicher total spannend und toll zu wissen wäre, weil man damit ja so unfassbar viel anfangen könnte.

Die Person erzählte später, dass sie in der Sonderschule nichts darüber gelernt hat und weil ich einfach bleiben wollte, erwiderte ich nichts weiter darauf. Aber natürlich ist klar, dass über genau diese Dinge, genau dieses Erleben, auch in anderen Schulen nicht gesprochen wird, weil es abweichend, neurodivers, ist.
In unserem heimlichen Koffer stecken Schuld, Scham und Schande, weil es den meisten Menschen anders geht als uns. Weil sie uns beschämen, wenn wir nach Dingen fragen, die offensichtlich, intuitiv, „automatisch klar“ erscheinen. Weil sie uns gefühlskalt und mitleidslos schimpfen, wenn wir nicht sofort in uns unsinnig, weil ineffektiv erscheinenden Sozialinter_Aktionismus fallen. Weil sie uns für Manipulation und Hinterlist bestrafen, wo wir verzweifelt versuchen Sinn zu finden.

Weil neurotypische Menschen so gut wie nie – weder freiwillig noch unfreiwillig – etwas darüber lernen, wie neurodiverse Menschen er_leben und fühlen.

Umso mehr Dankbarkeit habe ich jetzt dafür, dass wir den Workshop machen durften und diese Frage aufkam.

Suchbilder

Solche Suchbilder (Link zu einem Tweet) sind für mich ein guter Aufhänger zu illustrieren, was ~ starke Detailwahrnehmung~ für uns (im Miteinander mit Menschen, die diese Wahrnehmung nicht auch haben) bedeutet.

1. Finden wir das Gesuchte in der Regel sofort und freuen uns. Weil wir uns freuen, sind wir mit Freuen beschäftigt und nicht mit den anderen Leuten. Sie halten das für Arroganz, Siegerpose, persönliche Abwertung – und freuen sich nicht.

Wenn wir mit Freuen fertig sind, merken wir: Die Freude wird nicht geteilt.
Das verunsichert mich und ich prüfe das Verhalten vor dem Gefühl. Die Aufgabe war doch das Handy z. B. zu finden, oder? Und als ich es fand, war das doch gut, oder? Ein Anlass zur Freude, oder? Und voilà! Wir sind in einer Situation, in der ich davon abhängig bin, dass die andere Person weiß, dass Gefühle und ihr Ausdruck uns sehr einnehmen und wir den Fokus nicht aus Unachtsamkeit oder Egoismus oder Narzissmus von ihnen nehmen.
2. Wir sehen solche „Fehler im Muster“ sofort. Auch, wenn niemand danach fragt. Auch, wenn sie niemand sonst sieht. Immer. Egal, was wir tun. Egal, wie bewusst oder gezielt wir auf Dinge schauen, wir sehen die Macken, die Fehler, die Dellen und Risse – und das macht uns etwas aus. Nicht, weil wir jeden Fehler korrigieren müssen oder wollen, sondern weil wir die Welt wie sie ist in all ihrer gescheiterten Möglichkeit zu sein sehen. Und das kann – besonders wenn Ungerechtigkeit, unsinniges Verhalten, Nachlässigkeit oder Ignoranz die Ursache ist – in richtig tiefe Täler führen. Besonders, weil diese Perspektive so schwer zu teilen ist.
Diese „Fehlerwahrnehmung“ ist ja nicht nur das Ergebnis bloßen Abgleichens, sondern auch das einer Vorstellung davon, wie Dinge sein könnten oder in jeweiligen Umständen sein müssten.
Dadurch entsteht 3. ein ganz anderer Ansatz dazu, wie man Dinge verändern sollte oder müsste. Also wie wann wo welchen „Fehlern“ zu begegnen sein könnte.
Unsere Ansätze in der Regel recht komplex, weil wir viele (alle die uns auffallen) Aspekte und Dynamiken einbeziehen – was von Leuten, die das Problem von vornherein nicht ~SEHEN~ oft abgelehnt wird, weil der Aufwand in Relation zum von uns aufgezeigten „Fehler“ zu groß erscheint. Was über Dauer und Umfang der „Fehler“ in unserer Umgebung hinweg ziemlich belastend ist und eine hohe Frustrationstoleranz sowie immer immer immer aufrecht zu erhaltende „Kraftdecke“ erfordert. Stichwort: Spoons (Link zu einem anderen Blogeintrag), die man fürs bloße „Irgendwo sein und DINGE sehen (ertragen können)“ aufbraucht.

Viele andere autistische Leute rahmen diese Wahrnehmung als positive Ressource – ich fühle mich ihr oft ausgeliefert und kämpfe bis heute mit reflexhaftem Selbsthass, wenn ich merke, dass ich mich_uns in eine Situation gebracht habe, in der sie sich offen zeigt oder als Element wirkt, das uns von anderen Menschen unterscheidet und also trennt.


Vor allem, wenn es 4. um traumatische Erfahrungen und Traumatherapie geht.

Wir haben eh das Problem, dass die meisten Menschen neurotypisch und „sozial gepolt“ sind. Sie denken nicht von alleine mit, dass das traumatisierende Element vielleicht nicht ist, WAS oder WARUM etwas passiert ist, sondern WANN, in welchem allgemeinen Zustand (der Überreizung z. B.) oder WIE oder auch mit welchen (in der Situation schon ganz klar bewussten (katastrophisierten)) Konsequenzen im Kopf etwas passierte. Und noch weniger Menschen sind bereit anzunehmen, dass auch Dinge traumatisieren können, die nicht mit konkreter Bedrohung für Leib und Leben einhergehen, sondern damit, permanent, in allen sozialen wie unsozialen Situationen, zu jeder Zeit mit der emotionalen Verletzung, die soziale Isolation oder Fremdheit ja bedeutet, und mit der permanenten Überstrapazierung sensorischer (Verarbeitungs-) Kapazitäten – und entsprechend diffusen oder schwer auszumachenden Triggern – konfrontiert zu sein und so über extrem lange Zeiträume keinen Winkel in der Welt zu haben, in dem man sich erholen, beruhigen, regenerieren kann.

 

Wir denken das immer mit und bleiben so stark von dem getrennt, was wir eigentlich mit.teilen wollen.
Wir wissen, dass wir zwei Kluften zu überbrücken haben. Die Trauma-Kluft und die Er_Lebenswelt-Kluft. Traumatisierung geht oft mit Verbindungsproblemen einher, weil man weiß, dass nicht alle Menschen jeden Tag zum Beispiel misshandelt werden. Das passiert zwar vielen Menschen, ist aber in Grundsatz doch eine Ausnahme im Alltag. Wie überwindet man diese Ausnahme, diesen „Fehler“, um sich zu verbinden und darüber zu reden? Viele Menschen schaffen das über Vertrauen, über sich verbindlich zeigen, über die Gemeinsamkeiten, die sie trotz des „Fehlers“ haben.
Aber wie überwindet man Er_Lebenswelt-Kluften? Für uns hat es nie gereicht, sich dafür auf die Gemeinsamkeiten zu berufen oder zu hören, wie andere Menschen er_leben. Ich muss ihre Perspektive verinnerlichen können – also eine extrem große Datenmenge über ihre Art und Verarbeitung von Wahrnehmung zur Verfügung gestellt bekommen und diese auf jede mir geschilderte Erfahrung anwenden – um sie überhaupt zu verstehen und zu wissen, was ich von mir als ähnlich anlegen kann.
Und ja, das ist uns bisher bei noch keinem Menschen gelungen.

Wir wissen, dass wir zwei Drittel des Gesehenen, des Gehörten, des Gedanken wegschneiden müssen, weil es nicht interessiert, nicht verständlich, nicht nachvollziehbar, nicht nachwahrnehmbar ist. Wir wissen nur nie ganz genau welche, dafür aber, dass wir deshalb weder die Trauma-Kluft noch die Er_Lebenswelt-Kluft wirklich richtig überbrückt kriegen, denn es bleibt immer etwas übrig.

Da bleibt immer eine Lücke.
Ein Fehler.

der Thread zu sozialem Maskieren und Authentizität

Disclaimer: Ich arbeite seit einiger Zeit an einem Comic über Alexithymie. Darin beschreibe ich, was bei mir passiert, wenn ich versuche, ganz ohne Hilfe mit Überforderung im sozialen Kontext zurechtzukommen. Als ich die Skizzenseite schrieb, fiel mir auf, dass ich es in dem Comic nicht schaffen werde, in aller Tiefe über einzelne Dinge zu schreiben. Deshalb habe ich einen Thread geschrieben.
Damit er leichter lesbar ist und weniger Fehler enthält, teile ich ihn hier noch einmal in leicht überarbeiteter Form.

Ich möchte noch ein paar Worte zu einem Aspekt, den ich in meinem Comic aufgeschrieben habe, mit euch teilen.
Ein #Thread über soziales Maskieren als autistische Person und dessen Rezeption.

Ich kann nicht mehr sprechen wie ich selber. Dann benutze ich Wörter von Leuten aus dem Fernsehen oder aus Büchern oder meinen Gemögten.

Ich wurde als Jugendliche_r immer wieder als „falsche Schlange“, als manipulativ und hinterlistig bezeichnet, weil meine Strategie im Kontakt mit anderen Menschen daraus bestand, sie praktisch 1 zu 1 in Mimik, Gestik, Sprache und Inhalten zu spiegeln. Das wurde von manchen als Versuch mich aufzuwerten eingeordnet und von manchen einfach nur als unaufrichtig und nicht authentisch.
Ich selbst habe das nie absichtlich und überlegt gemacht, sondern reflexhaft aus der Überforderung heraus, die soziale Interaktion und Kommunikation bei mir (bis heute) auslöst
Als erwachsene Person ist von diesem „Spiegelverhalten aus Überforderung“ bei mir nur noch die Echolalie übrig. Das heißt: Ich wiederhole Gesagtes oder Phrasen, manchmal auch ohne, dass diese in den Gesprächsinhalt oder die emotionale Lage passen. Ich empfinde das in der Regel als Reflex wie Blinzeln, eher selten wie Brechreiz also mit etwas Kontrollrahmen.
Weil das negativ bewertet wird im schlimmsten und Besorgnis (die zu mehr Interaktion und Kommunikation führt, was mehr Belastung bedeutet) auslöst im besten Fall, ziehe ich mich eher zurück und vermeide inhaltlich profunde Unterhaltungen, wenn es mir nicht gut geht.

Ich kann mir ableiten, wann welche Probleme zu welchen Problemen, führen und wer wie viel Einblick und Begreifen meiner Kommunikationsprobleme hat. Fremde haben meist gar kein Begreifen – wollen aber in der Regel auch nicht mit mir sprechen, sondern mit dem Bild, das sie sich von mir gemacht haben. In so einem Kontakt kann ich skripten (also auf vorher überlegte Sätze/Unterhaltungen zurückgreifen, was auch echolalisches Verhalten ist) ohne jedes Problem und habe auch keine Angst davor, dann zu „papageien“. Deshalb wirke ich vor Fremden oft total entspannt, selbstsicher, stark, eloquent. Bei Menschen, mit denen ich mich aber verbinden will, will ich authentisch sein, will ich verstanden werden, will ich verstehen und gemocht werden.

Ich brauchte viel Traumaarbeit, um mir den Wunsch, das grundmenschliche Bedürfnis, nach Kontakt und Ver_Bindung zu anderen Menschen überhaupt zu erlauben und meine Angst davor zu regulieren. Ich gehe bis heute dennoch nie unbelastet und entspannt in Kontakt.
Das bedeutet, dass mein Stresspegel nie bei 0 ist, ich also immer irgendwie schon von Anfang an in der Kompensation, in der Maske, bin. Ich verberge meine Anspannung und damit auch mich selbst. Selbst vor meinen engsten Liebsten bin ich also gar nicht „authentisch“ und „echt“.

Als ich jung war, war das mein sozialer Tod unter Gleichaltrigen. Denn obwohl sie meine Behinderung nicht erkannt/gekannt haben, haben sie sie über dieses Ding sofort wahrgenommen und darauf reagiert – und würden das bis heute tun.
Heute hilft mir manchmal die Erinnerung daran, dass niemand anders ein Anrecht auf „mein wahres Selbst“ hat als ich.
Es ist in meinem Fall logisch und bei anderen Menschen – die vielleicht ähnlich maskieren, auch wenn sie nicht autistisch sind – möglicherweise der einzige Schutz vor unerwünschtem Zugriff von außen oder vielleicht auch ein Verhalten, das mit anderen Absichten aufgezwungen wurde.

Ich halte es für wichtig, sich den Anspruch an Authentizität vor allem an behinderte und anders marginalisierte Menschen genau anzuschauen. Weil ich zum Beispiel schon mehrfach erlebt habe, was die Folge meines ganz eigenen Selbstseins ist: sozialer Ausschluss, Ekel vor mir, Angst vor mir, allgemeine Besonderisierung, Unverständnis, Pathologisierung, Befremdung – und auch: Enttäuschung und Vertrauensverlust. Für manche Gemögte stellt sich die Frage, warum ich mich vor ihnen „verstelle“ oder Dinge nicht so ausdrücke, wie ich es intuitiv möchte. Sie fragen sich, ob ich ihnen nicht genug vertraue, ob ich ihnen nicht glaube, dass sie mir aufrichtig wohlgesonnen sind und und und.

Das Problem: Ich kann Menschen nur schwer lesen. Ich müsste rückhaltlos glauben, dass mir jemand wohlgesonnen ist und diese Fertigkeit ist mir kaputt traumatisiert worden. Ich kanns einfach nicht. Es hat mich zu oft schon fast um- oder in Lebensgefahr gebracht, das zu tun.
Und zweitens ist man nicht deshalb „ganz man selbst“, weil andere das gern so wollen, sondern weil man es einfach ist.
Es ist auch authentisch in mir drin, also Teil meines Selbst, eben nicht einmal vor sehr nahen Menschen nicht zu kompensieren.

Ich habe schon oft darüber nachgedacht, ob es für manche Menschen eine Bedrohung ist, die eigene Nichtauthentizität im sozialen Kontakt nicht zu problematisieren, sondern als logische Folge des Anspruchs an Authentizität bzw. an Verhalten, das der Norm entspricht, zu sehen. Aber das lässt sich in unserer Gesellschaft so nicht gut erfragen und herausfinden.
Und deshalb endet der Thread hier.

der behinderte Therapeut – von Kompensation und keinen Bock mehr haben

Gestern haben wir zum ersten Mal mit einem Psychotherapeuten zu tun gehabt, der eine Behinderung allgemein sichtbar kompensiert.
Das war für uns etwas Besonderes und hat viel bewegt, unter anderem gerade weil er ebenfalls mit einer Behinderung lebt.

Er lebt mit einer Hörbehinderung und trotz Prothese muss er daneben noch viel selbst aktiv kompensieren, um andere Menschen gut zu hören. Für uns war es total gut das zu sehen.
Seine Kompensation ist mir überhaupt nur aufgefallen, weil ich mich davon bedrängt gefühlt habe, dass er immer wieder mein Gesicht bzw. mein Mundbild gesucht hat. Wir können es nicht gut haben, wenn Menschen uns mit ihrem Gesicht den Eingangsbereich in die Welt verstellen oder generell viel Bewegung in den Blickbereich reinbringen, weil es uns überreizt und überanstrengt. Er aber muss das ja machen. Obwohl er die Unterstützung durch ein Cochlea-Implantat hat.

Er war mir in der Situation ein gutes Vor_Bild davon, dass Behinderungen zu kompensieren nicht damit aufhört, dass man die beste™ Unterstützung hat, die möglich ist, um sich an die Menschen anzupassen, die diese Unterstützung nicht brauchen.
Und sein Verhalten hat mir deutlich gemacht, dass Kompensation ein aktiver Prozess ist.

Außer dem Begleitermenschen sagt mir niemand, was ich eigentlich immer übernehme, um meine Schwierigkeiten zu kompensieren. Und dass das einigermaßen viel und in aller Regel sehr viel mehr ist als andere Menschen machen müssen. Alle sagen mir immer nur, wie toll ich sie kompensiere. Wie viel ich so ganz toll schaffe und bliblablö. Was für mich eigentlich irrelevant ist, weil ich in der Regel froh bin, Dinge überhaupt verstanden und dann auch noch geschafft zu haben. Das ist in gewisser Weise das Einserschüler_in-Problem. Man strengt sich unfassbar an, wird aber für die 1 gelobt – nicht für die Anstrengung und auch nicht dafür, dass man sich diese Anstrengung überhaupt gegeben hat. Sie wird einfach als gegeben angenommen. Wie Luft. Oder Bäume. Einfach so da. Ganz selbstverständlich.

Meine eigenen Anstrengungen sind für das Außermir gleichermaßen unsichtbar. Und ich selbst denke oft, dass ich mich erst dann wirklich und richtig aufrichtig angestrengt habe, wenn ich in einem Kontakt in Dissoziation und danach vor Erschöpfung in Tränen zerfalle.
Meine eigene Aktivität, die aktive Kompensation der Behinderung, ist mir selbst nicht als außerordentliche Aktivität bewusst, denn ich kann mich dabei nicht beobachten und die Menschen, mit denen ich zu tun habe, müssen nicht kompensieren, was ich kompensiere. Was bedeutet, dass ich bei niemandem beobachten kann, was ich selbst immer mache.
Das bedeutet aber nicht, dass sie nicht da ist. Und auch nicht, dass sie selbstverständlich ist.

Bei dem Termin mit dem Therapeuten ging es darum abzuklopfen, ob wir miteinander arbeiten könnten.
Ich sagte ihm, dass ich schon sehr viele Therapeut_innen hatte und keine Haut mehr dafür habe, jemanden an mir lernen zu lassen. Mich als Anstoß für eine eigene berufliche Weiterentwicklung zu benutzen.
Ich habe das vor 8 Jahren auch unserer Therapeutin gesagt und musste in dem Moment daran denken. Wie ich das damals gesagt habe und doch damit okay war, dass sie sich selbst nicht als Expertin bezeichnen würde, aber versicherte, sie würde dafür sorgen, mir nicht zu schaden.
Wie ich damals den Schrei im Kopf und diesmal den Kloß im Hals hatte, als würde er gleich rauskommen und als alles zerstörende Bestie durch das Zimmer fahren. Nein, es ist echt nicht mehr drin. Nein, da ist keine Haut mehr. Da ist ein Ende, eine Grenze. Ein StoppAusEnde.

„Ja, das kann ich verstehen. Also dass man irgendwann keinen Bock mehr hat alles zu erklären und was das bedeutet“, hat er darauf geantwortet. Und ich hab mich verbunden gefühlt. Dass er das kennt, glaub ich. Sofort. Obwohl ich glaube, dass alle Menschen das kennen. Aber behinderte und chronisch kranke Leute kennen es einfach wie ich. Und er.
Für einen Moment war das wie damals in der Wohngruppe mit den ganzen anderen behinderten Mitbewohner_innen, in der wir kurz gewohnt haben. Als würden wir auf dem Sofa sitzen, rauchen und über die Welt, an deren Rand wir leben, reden. Weit weg. Als hätte das nichts mit uns zu tun, dass wir keinen Bock mehr haben uns erklären zu müssen. Als bliebe unsere Verweigerung folgenlos, weil sie nichts bedeutet.

In den letzten Wochen habe ich einen Brief an unsere Therapeutin formuliert. Am Ende, auf Seite 8, schreibe ich ihr, dass ich gemerkt habe, was das eigentlich für eine Aussage ist, wenn ich sage, dass ich keinen Bock mehr habe, mich zu erklären. Ich habe erkannt, dass ich das nur zu anderen Leuten mit meinen Anstrengungen im Leben sagen kann, um ernsthaft darin verstanden zu werden – und alle anderen das als vorübergehende Motivationslosigkeit verstehen. Verstehen müssen, denn sie sehen die Anstrengung ja nicht. Sie begreifen ja auch gar nicht, was ich ihnen damit offenbare. Sie begreifen nicht, dass ich ihnen damit sage, dass ich mich ihnen nicht zeige, mich vor ihren Augen verstecke. Mich ihnen und ihrer Einsicht entziehe. Aus dem Kontakt gehe und ihnen nichts weiter als einen reflexhaft Phrasen und Satzteile ausspuckenden Fleischsack zur Interaktion verfügbar mache, in den sie m.eine Persönlichkeit hineinprojizieren, um ihrem eigenen Handeln Sinn und Raum zu geben. Niemand begreift diese Art von Suizid.

Meine Verweigerung ergibt sich nicht daraus, dass die Kompensation in der Kommunikation, in der Erklärung, zu anstrengend ist. Sie ergibt sich daraus, dass sie nicht dazu führt, dass ich verstanden werde. Daraus, dass sie so oft vergeblich ist.
Und man doch nie umhinkommt, denn ohne Kommunikation keine Ver_Bindung.

die Auseinandersetzung mit der Therapie

„Ich muss mich schon auch hinterfragen, was die Therapie für mich eigentlich ist.“ Ich schaue aus dem Fenster und rolle das Kopfhörerkabel zwischen Daumen und Handinnenfläche. Am Telefon ist der Begleitermensch, dem ich die Therapiesituation zu erklären versuche, während sie für mich selbst noch nicht klar genug ist.
Wir haben alle zwei Wochen einen Termin. Liefern Material, haben Dinge aufgeschrieben, kommen im Grunde aber nicht dazu, das zu bearbeiten, weil Dinge passieren, die wichtiger sind. Same old also, aber verteilt auf alle zwei Wochen.
Ich bin frustriert. Verunsichert. Fühle mich wacklig vor innenkindlicher, innenjugendlicher Überzeugung, dass das alles einfach nur eine neue Art des Verlassenwerdens ist. „Sie entwöhnt uns“, drängt es mir immer wieder in den Kopf, wenn ich darüber nachdenke, was ich beim nächsten Termin besprechen möchte. „Lass es. Es hat keinen Sinn mehr. Du schadest dir selbst. Lass los.“ Und irgendwann, wie genau jetzt an diesem Samstag zum Beispiel, drei Tage vor dem nächsten Termin, merke ich: Ich habe etwas losgelassen, obwohl ich mich nicht dazu entschieden habe. Ich habe nichts notiert, weil es schon genug Aufgeschriebenes gibt, was wir besprechen wollten, sollten, müssen, ich kann es nicht mehr finden. Die Erinnerung, der Eindruck, das Ding ist weg und damit was auch immer ich in der Therapiestunde ordnen und konkretisieren zu können gehofft hatte.
Alles blank, als hätte ich mir nur eingebildet irgendetwas irgendwie mal gehabt zu haben, von dem ich dachte, dass die Therapiestunde dafür ein guter Rahmen sei.

Wir sind schon so lange in Therapie, dass es legitim ist zu fragen, ob es überhaupt noch das bringt, was man erreichen will und braucht. Wir sind in einer Pandemie und es gibt viele Menschen, die genau jetzt akut Hilfe brauchen. Viele meiner akuten Probleme haben weniger mit akuter posttraumatischer Belastung zu tun als damit, dass meine Dysfunktionalität (die praktisch durchgehende Dissoziation) dysfunktional wird – was vielleicht etwas ist, womit man so oder so ohne therapeutische Hilfe klarkommen muss? Weil, tja, also welche Traumatherapie wird je so lange bezahlt, dass diese Phase der Traumaverarbeitung genauso begleitet werden kann, wie die der akuten Symptome?

Ich könnte mein inneres Blanko, mein leeres Regal leer sein lassen und einfach weitermachen. Es funktioniert ja. Das haben wir ja erreicht. Mein leeres Regal beeinträchtigt meine Alltagsfunktionalität nicht mehr, weil ich nicht mehr die krass unkontrollierbaren PTBS-Symptome habe. Wenn eins aufkommt, kann ich es kontrollieren, sofort verkopfen und weiter machen.
Und weil meine Kindheit und Jugend vorbei ist, ist es ja im Grunde eh egal, wenn ich eine oder zwei Erinnerungen daran schon wieder verdisse, bevor sie mir eingeordnet und integriert ist. Niemand wird kommen und mich abfragen. Und ich weiß ja schon, dass es immer nur um irgendwelchen Abfuck geht, nach dem heute kein Hahn mehr kräht.

Im Gespräch mit dem Begleitermensch merke ich, wie ich die Entscheidung der Therapeutin verteidige, wie ich meine Mutter lange verteidigt habe, wenn sie Entscheidungen getroffen hat, die bedeutet haben, dass ich alleine mit Situationen war, die mich hoffnungslos überforderten. Registriere das Mamiding dadrin, bin kurz erschrocken, dann wieder völlig klar. Wieder lasse ich irgendetwas los ohne zu wissen, was genau und werde mir bewusst, dass auch das wieder etwas ist, das in der Therapie unbesprechbar wird.
Wieder bröseln mir Inhalte auf ein Maß zusammen, das ich deutlich spüre, aber nicht zusammenkriege.

Der Begleitermensch bietet an, wieder öfter in Kontakt zu sein. Das verändert etwas.
Ich merke, dass ich weniger Angst davor bekomme, wieder in die alte ohnmächtige Sprach- und Erklärlosigkeit zu geraten. Auch gegenüber der Therapeutin. Und ich merke, wie sehr mich das in meinem Erwachsensein stärkt.
Merke aber auch, dass das etwas ist, was ich brauche – und immer gebraucht habe – um die Therapie so machen zu können, dass ich wirklich auch mal fertig bin und nicht ständig das Gefühl habe, eigentlich nie alles sagen zu können, was ich wichtig finde, weil es den Rahmen sprengt, den Intellekt, den Mut, die Offenheit meines Gegenübers übersteigt oder, weil ich nicht die Kraft Geduld Kraft habe, alles so zu erklären, dass nicht noch mehr Redezeit für solche für mich inhaltlich wie persönlich irrelevanten Schleifen, draufgeht.

Ich will mich nicht dafür verurteilen, dass ich nach so langer Zeit in dieser Therapie bestimmte Schritte nicht schneller, besser, umfassender hinkriege. Merke aber, dass ich auch immer noch nicht richtig dahin komme zu akzeptieren, dass wir uns hier seit Jahren in einer Therapieform abmühen, die einfach größte Barriere für uns beinhaltet: Kommunikation und Interaktion – also: Reden, um zu verstehen.
Wir machen hier nicht nur etwas, was schwerfällt, weil die Dissoziation, Scham oder Täter_innendrohungen dauernd dazwischenfunken und Dinge schwer zu benennen macht, sondern kompensieren auch den Autismus und alles, was da im Gepäck dabei ist. Dazu gehört, dass wir mehr Zeit, mehr Umwege, längere Phasen der Auseinandersetzung brauchen – und ja, das alles auch in total heiklen Momenten, wo links und rechts meterhohe Triggertürme sind, die jederzeit kippen könnten und uns wieder durch das Trauma schicken.

Als Erwachsene_r will ich mir sagen: Hey, take your time. Du machst das nicht mit Absicht, du gibst dein Bestes, die Fortschritte zeigen das. Es ist nicht wirkungslos, diese Therapie zu machen.
Als Patient_in, die_r es mit großer Wahrscheinlichkeit nicht noch einmal schafft, sich so an eine_r Behandler_in zu binden denke ich: „Wenn ich nur nicht so scheiße wäre, wie ich bin, dann…“

Als jemand, die_r eine Lösung sucht, bin ich überfordert.
Und das ziemlich.

mein Trauma gehört mir – alles davon

Ich bin in dem Glauben erwachsen geworden, die Traumafolgestörungen mit denen ich lebe, seien eine Art Manifestation der erlebten Traumata in mir. Was mir passierte, war mir allein passiert und deshalb passierten die Symptome auch in mir allein und deshalb musste ich in die Psychiatrie, in Therapie, in die Opferrolle, in ein Leben, das nie wieder frei von der Thematik und allem, was sie mit sich bringt, sein kann.

Welche Rolle was in meinem Leben gespielt hat, ist für mich bis heute Forschungsgegenstand.
Ich schaue nicht auf die Gewalt in meinem Leben und sehe tausend Traumata, verurteile Täter_innen als schlechte Menschen und bewerte jedes schwierige Ereignis als Trauma. Wie bei einfach allem sehe ich mich vor einem riesigen Haufen von Stücken und Details, die ich mir immer wieder und wieder, ganz bewusst und in aller Anstrengung zu Kontext, zeitlicher Reihenfolge, Ursache und Wirkung zusammenpuzzeln muss, was immer oft überfordert und ein ganz eigenes traumatisierendes Potenzial in sich trägt.

Ich weiß, dass ich, was mein eigenes Leben angeht, viel viel langsamer bin als Äußere. Für mich ist nicht mit einem Blick alles klar. Für mich sind viele der Zusammenhänge von Trauma und aktuellem Leiden nicht so klar, wie man das zuweilen von mir erwartet.
Ich lebe in einer manchmal wirklich albtraumhaften Realität der Inkongruenz und Widersprüchlichkeit aus der ich nicht rauskomme, weil ich sie empfinde, sie aber nicht in mir passiert und es trotzdem von niemandem wahr.genommen wird. Damit meine ich zum Beispiel Situationen des gegenseitigen Missverstehens, die sich ja immer dadurch ergeben, dass man sich jeweils nicht auf die gleichen Dinge bezieht oder zu unterschiedlichen Schlüssen kommt, weil man unterschiedliche Vorannahmen hat oder unterschiedliche Bewertungen vornimmt.
Damit meine ich aber auch Situationen, in denen ich überfordert werde, weil man Dinge über meine Haltungen und mich annimmt, die nicht stimmen – und von mir auch nicht richtig gestellt werden können, weil man mir nicht glaubt, oder falsch interpretiert, was ich sage.

Übrigens ein Grund, weshalb ich „Loriot“ so abgrundtief traurig und schlimm finde.
Alle lachen über jemanden, der nicht aus einem Missverständnis heraus kommt oder der nicht gegen eine Struktur ankommt, die aller menschlichen Logik widerspricht, egal was er tut oder sagt. Ich habe bisher noch nicht eine Person getroffen, die in der Wahrnehmung der Grausamkeit dessen mit mir übereinstimmt oder sich wenigstens mal ein bisschen hineinfühlen kann, wie es ist, was es für einen Eindruck macht, wenn man sieht: Für andere ist das, was mein tägliches Leben im Kleinen wie im Großen, im Dringlichen, wie Brandgefährlichen im Kern ausmacht, ein Witz. Ein Moment sozialer Verbundenheit mit allen, die das auch als Witz empfinden. Etwas, das dazu beiträgt, Leichtigkeit ins Leben zu bringen. Inkongruenz ist für sie die Ausnahme. Und zwar so sehr, dass sie als Witz taugt.
Sie haben die Unaushaltbarkeit von Un- und Missverstandenheit nie als so bedrohlich, so umfassend isolierend, so traumatisierend erlebt wie ich – und sie erleben sie nicht jeden Tag in all ihrer Unauflöslichkeit, Unverhinderbarkeit, Unerträglichkeit.
”Meine Menschen” erleben das wenn, dann mit mir. Und manchmal können wir einander nähern, indem wir darüber reden, doch oft frage ich nach, lasse mir ihre Sicht erklären und nehme das an. Bis ich fertig bin, meine Sicht zu erklären – und verständlich zu machen – , bis ich fertig bin, formulieren zu können, was ich meine oder glaube oder auf welches Hintergrundwissen ich mich beziehe, ist meine Kraft vorbei oder die der anderen Person. Oder der Rahmen passt nicht oder es ist nicht wichtig genug oder das Risiko, dass wir in Streit geraten ist mir zu hoch.

Gerade Streit will ich vermeiden, weil der Grat zur Aggression und Wut für mich ein haarfeiner ist.
Meine Wut, meine Aggression wurde mir immer als Kraftquelle angerechnet, aber treffen soll sie nie jemanden. Wie meine Traumafolgesymptomatik soll ich sie fühlen, passieren soll sie aber nirgendwo.

Ich schreibe das hier gerade alles auf, weil ich – inmitten meiner Recherchen zu Autismus und Trauma – sehr stark an Traumata erinnert werde, die ich als solche nicht ausdrücken, nicht kommunizieren, nicht haben darf (read as: keine soziale Erlaubnis dafür haben), weil sie nicht die Art Trauma sind, wie sie im DSM-5 stehen.
Ich merke, dass ich noch gar nicht genug wütend war bisher. Noch gar nicht zerstörerisch, aktiv rachsüchtig, willentlich verletzend, laut, er_schreckend und brutal genug war – nicht einmal in meinen Gedanken. Ein einziges Mal war ich in den letzten Jahren so wütend, wie ich es innerlich bin und die Bestrafung folgte auf dem Fuß. Und niemand war in dem Moment für mich da. Niemand hat meine Wut legitimiert. Niemand hat meine Verzweiflung, meine Ohnmacht, die Unaushaltbarkeit der Wut und meiner Überforderung von allem, überhaupt begriffen oder irgendein Verstehen angedeutet. Das einzig Gute war, dass ich sie erschreckt habe. So hat wenigstens niemand gelacht und dass ich krasse Gefühle hatte, war eindeutig für alle.

“Mein Trauma gehört mir”, ist mir gerade ein starker Satz.
Während ich mich durch dutzende Studien arbeite, die dann zu Fußnoten hinter meinen Aussagen werden, realisiere ich, dass in der ganzen Zeit der Traumatherapien – egal, wer mich wie behandelt hat – nie eine Rolle gespielt hat, was konkret das traumatisierende Element für mich war. Immer wieder wurde und wird mir angetragen, dass die Situation an sich eine traumatisierende gewesen sei. Vergewaltigt zu werden, misshandelt, ausgebeutet zu werden kann traumatisierend sein, ja, aber es ist eben nicht nur das Geschehen dessen, sondern auch, das Erleben an sich, das traumatisieren kann.
Kein traumatisierend wirkendes Ereignis passiert allein in einer Person. Jede zwischenmenschliche Gewalt passiert zwischen Menschen.

Zwischenmenschliche Gewalt ist ein Kommunikations- und Interaktionsgeschehen.

Zu realisieren, dass unsere Interaktions- und Kommunikationsprobleme offenbar nie auch als Teil einer Traumatisierung oder als Trigger gedacht werden, fühlt sich im Moment sehr schrecklich an und ich kann gerade nicht sehen, ob ich das je vergeben kann – und will, denn es war immer und immer und immer wieder Thema. Immer wieder haben wir das auszudrücken versucht und immer wurden – und werden – wir mit der Klarstellung der Rollen in Täter_in(en) und Opfer überfahren, als wäre das alles, was dazu wichtig zu verstehen sei.
Es gibt viele Menschen, denen das hilft und reicht. Mir reicht es nicht. Am Ende meiner Auseinandersetzung mit dem, was mir passiert ist, soll kein Urteil oder eine Bewertung über die traumatisierenden Ereignisse oder die Täter_innen stehen. Ich habe bereits ein Urteil und eine Bewertung über den Umstand überhaupt traumatisiert worden zu sein, und über die Täter_innen stehen mir weder Urteil noch Bewertung zu, denn ich habe von vielen nur ihre Taten an mir erlebt, aber weiter nichts. Was ich will, ist Kontext. Ich will ein Narrativ. Ich will meine Geschichte. Ich will keinen ungeordneten Haufen Details, die sich unterschiedlich fremd und nah anfühlen, irreal, unverständlich, unlogisch und bizarr. Ich will mich in meinen Erfahrungen und mir zurechtfinden können. Dabei wird mir kein Urteil jemals helfen.

Am Dienstag hatten wir eine Online-Therapiestunde in der ich, nach einer halben Stunde, in der ich wiederholt versuchte mich und ein Thema von mir zu erklären, die Verbindung unterbrach, weil ich merkte, wie ich jeden Moment entweder ausraste und alles um mich herum oder mich selbst zerstöre. Ich hatte das Gefühl, dass die Therapeutin mir einen wesentlichen Aspekt meiner Traumatisierung wegnehmen will, indem sie meine Versuche eine andere als meine eigene Perspektive auf unser Familienleben einzunehmen, um vielleicht zu weiteren, anderen, Einschätzungen und damit auch Möglichkeiten des Verstehens zu kommen, mit dem Implizit begegnete, dass doch schon alles klar sei. Wir Opfer, die_r Täter_in, fertig. Was hat es denn da für einen Zweck noch irgendeine andere Perspektive drauf zu haben? Was sonst außer, dass da Gewalt passiert ist, könnte denn noch relevant sein?

Sie schrieb mir eine Nachricht, dass mein Verhalten inakzeptabel sei.
Ich konnte nicht anders als zu denken: “Ja, passt doch. Alles das hier ist verdammt noch mal inakzeptabel.”

“gut gemeint” schützt nicht

Die Betreuerin will nicht mehr unsere Betreuerin sein.
Die Mail, in der sie mit uns Schluss macht, kommt nach einer Nacht, die von Angst und Flashbackrestschmerzen geprägt war. Wir sind nicht arbeitsfähig, hängen mit dem Freund auf dem Sofa, spielen später Phase 10. Während er mischt, lese ich, dass sie am Abend lange darüber nachgedacht hat und es nicht für sinnvoll hält.

Ich verstehe nicht, was sie nicht für sinnvoll hält. Die Arbeit mit und in meinen Angelegenheiten? Den Kontakt, der von viel Anstrengung in der Kommunikation für uns beide geprägt ist? Den Versuch zu verstehen und sich für mich verständlich zu machen? Oder zu kompensieren, dass mir egal ist, von wie viel Gutgemeint ihre Interaktion und Kommunikation angetrieben ist?

Wir wurden oft genug von Helfer_innen verlassen, um nicht weiter dran festzuhalten. Das würde wehtun. Altes mit Gegenwärtigem vermischen. Es ist okay loszulassen. Ausatmen und gehen lassen.
Wir gewinnen Phase 10 und rufen beim Gericht an, um zu erfahren, wie viel wir im weiteren Verlauf der Betreuer_innensuche jetzt bestimmen können. Es gibt keine Liste von Betreuer_innen, die rausgegeben werden darf. Wir werden Besuch bekommen und mit dem Mitarbeiter sprechen. Wir legen auf und schlucken mit Presslufthammerkraft die Furcht runter, einen Marathon der Sozialkontakte vor uns zu haben, bei dem wir immer wieder uns, unseren Fall, unsere Angelegenheiten ausbreiten müssen. Ins Leere raten müssen, ob die Person es packt oder nicht, ob sie viel oder wenig Eiei von uns abverlangt, um bei Laune zu bleiben. Ob sie flexibel oder starr ist, ob sie fähig ist, im richtigen Moment zu schalten, um unseren Schutz aufrechtzuerhalten oder nicht.

Dann kommt die Mail der Betreuerin, dass sie zufällig den Gerichtsmitarbeiter in der Stadt getroffen hat und ja jetzt alles klar ist. In mir öffnet sich eine Klappe und lässt mich ins Bodenlose fallen.
Klar, sie hat keine Peilung. Sie hat es in 10 Monaten nicht gerafft. Und wir haben ihr 10 Monate lang wichtige Aspekte unseres Schutzes anvertraut. Sie meint es gut und macht gleichzeitig sowas. Deshalb liebe Kinder, ist es manchmal scheiß egal, wie intensiv das Gutgemeint ist. Es schützt nicht.

Worte und Taten gut zu meinen, ist nichts Besonderes. Immer, wenn wir nicht schaden wollen, meinen wir es gut. Und wann will man schon schaden? Das ist sehr selten und noch seltener bewusst der Fall. Man muss also nicht permanent sagen, dass man irgendetwas gut meint, es sei denn, man braucht die Versicherung von außen darüber. Braucht zu hören: “Ja, ich sehe, dass du mir gut gesonnen bist und mir ohne böse Absicht begegnest.” oder braucht vielleicht sogar: “Ja, ich sehe, dass du ein guter Mensch bist.” Als würde das bei Anwesenheit von etwa 7,8 Milliarden anderen guten Menschen auf der Welt irgendetwas bedeuten.

Ich werde oft als misstrauisch und aggressiv wahrgenommen, weil ich nicht ständig sage, dass ich die guten Absichten anderer Menschen wahrnehme. Ich, wir können sie nicht ablesen, oder uns aus irgendwelchen Signalen ableiten – ich nehme sie einfach nicht wahr und lüge Menschen nicht an. Also sage ich, sagen wir, nicht ständig: “Ja, du meinst es ja gut. Du bist ja ein guter Mensch.” oder machen automatisch die sozialen Gesten und Gebräuche, um das verknörgelt auszudrücken.
Ich habe irgendwann verstanden, dass jeder Mensch so gut ist, wie er das für sich selbst, das direkte Umfeld und die gesamte Mitwelt ist. Mehr Information brauchte ich nie, um zu verstehen, dass die Gewalt an mir und uns, nicht im Kontext von Gut- oder Bösegemeint besprochen und die Welt mit ihrem sozialen Geschehen auch nicht daran beurteilt werden sollte. Selbst Menschen, die mir schaden oder geschadet haben, können gute Menschen sein und mir nicht geschadet haben wollen. So ist das, Punkt.

In der Betreuung war das noch nie ein Problem. Bis jetzt. Sie war die erste Betreuerin, die es so gut gemeint hat und gleichzeitig so einen Fehler machte.
Rechtliche Betreuung ist keine soziale Betreuung. Es geht nicht darum, wie ich mich mit Dingen fühle. Meine Anträge ans Jobcenter, an Ämter und Behörden müssen korrekt sein und im Bearbeitungsverlauf für mich erklärt werden, auch wenn ich keinen Dank kommuniziere oder sage:”Hey, ich habe nicht verstanden, du erklärst nicht gut genug für mich.” Das bedeutet keinen “Arschlochfreifahrtschein”, wie viele Menschen bei so einer Aussage vermuten. Es bedeutet für mich, für uns, dass wir in unserer Kommunikation und Interaktion so sein können, wie wir sind, um nicht enorm viel Kraft auf Kompensationsverhalten verwenden zu müssen und so mehr Kraft haben zu verstehen, was uns erklärt wird. Uns zu erlauben diese Ebene so rauszulassen, wie sie für uns draußen ist, ermöglicht es uns zu Wissen und Kompetenzen zu kommen, die eine Unterstützung langfristig obsolet macht. Und wenn sie obsolet ist, dann haben wir auch die Kapazitäten uns dieser Ebene für die Leute, denen sie sehr wichtig ist, zu widmen.

Der Begleitermensch hat uns mal gesagt, dass er schätzt, dass wir uns diese Mühe für andere Menschen machen, obwohl es für uns keine Rolle spielt. Für mich hat sich das gut angefühlt. Es war das erste Mal, dass ich mich getraut hatte das “zuzugeben”, denn ich habe es immer wieder verleugnet, weil die meisten Menschen uns deshalb für gefühlskalt, sozio- oder psychopathisch oder bis in die soziale Verkrüppelung gefoltert halten, was alles nicht wahr ist.
Es hat sich auch deshalb gut angefühlt, weil ich so wusste, dass er meine, unsere, Mühe bemerkt und als solche anerkennt und, weil er Wertschätzung für dieses Verhalten geäußert hat. Etwas, das die meisten Menschen nicht tun, weil es für sie weder Mühe noch (bewusstes) aktives Handeln ist. Etwas, das ihnen erst dann als Ausnahme vorkommt, wenn sie es ganz bewusst tun, um anderen ein gutes Gefühl zu machen.
Für viele Leute, mit denen wir bisher in egal welchen Kontexten zu tun hatten, sind wir die erste Person gewesen, die diese Ebene rauslässt. Wenn wir nicht als aggressiv und misstrauisch gelten, dann als erfrischend direkt, witzig naiv, schockierend ehrlich, entwaffnend analytisch oder schlicht einschüchternd “klug”.
Wir sind nie lieb. Nie “ein_e Gute_r”. Kein Kumpeltyp, kein “herzlicher Mensch”. Unsere Wärme zu erkennen ist Arbeit. Unsere liebevolle Zuneigung zu sehen, zwingt die Einnahme einer – unserer – Perspektive ab. Und zwar immer wieder und immer wieder mit genau der Mühe, die wir uns für andere Menschen machen. On the go. Jeden Tag. Egal, wie es uns geht. Egal, ob es uns “etwas bringt” oder nicht.

Ich will darüber nicht heroisch wirken – das zu machen ist unser Alltag und wir sind oft genug völlig überlastet damit, weshalb wir auch vertreten, das Autismus eine Behinderung ist.
In unserer Betreuung erst recht, denn dort gibt es nichts, was einfach ist oder wenig Mühe bedeutet. Nicht mal auf der sachlichen Ebene.
Wir sind vom Gesetz nicht gut geschützt, wir sind gleichzeitig arbeitsunfähig und chronisch erkrankt und schwerbehindert und arbeiten 2 bis 3 Stunden am Tag, wovon manches vergütet ist und manches nicht und manches über Aufwandsentschädigung und manches über Honorar und ach obendrauf trifft diese Lage auf eine Behördenlandschaft, die flexibel ist wie Stahlbeton.
Wer uns betreut, macht mehr als Formulare auszufüllen, die immer gleichen Verlängerungsanträge zu formulieren und uns in groben Zügen zu umreißen, was da läuft. Wir stellen Fragen, wir wollen mit_bestimmen, wir wollen verstehen, um später selbst zu können.
Wir sprengen.
Ob wir wollen oder nicht, ob wir lieblieb machen oder nicht, ob wir hudeln und mudeln oder nicht.

Ich glaube, dass unsere letzte Betreuerin uns nicht geglaubt hat, als wir ihr das gesagt haben. Als wir sie vorgewarnt haben. Ich glaube, dass sie sich das nicht vorstellen konnte. Und dass sie geglaubt hat, es würde reichen, wenn wir gut miteinander können.
Ich, wir können aber nicht gut mit anderen Menschen. Wir können angestrengt, wir können achtsam, wir können analytisch herleitend, wir können bemüht, wir können so gut wie wir können und das ist anders als bei den meisten anderen Menschen. Ja, auch wenn sie das nicht glauben, weil sie den Unterschied bei uns in aller Regel weder sehen, noch hören, riechen, schmecken oder fühlen können.

Deshalb braucht es mehr Bewusstsein, mehr Aufklärung, mehr Zeigen, was Autismus ist, was er aus_macht und was es bedeutet. Auch bei Leuten, die ganz viel mit behinderten Menschen zu tun haben.
Uns normal finden und alles immer gut meinen reicht einfach nicht.

Fundstücke #74

„So will ich nicht sein.“ Das sagt Hannah immer wieder. Obwohl die Situation, in der sie das sagen wollte und auch gesagt hat, schon seit gut 3 Stunden vorbei ist. Draußen regnet es, eine große Fliege versucht sich durch die Schlafzimmerfenster zu bohren. Müdigkeit liegt wie eine Bleischürze auf mir. „So will ich nicht sein.“
Das sagt sie, weil sie nicht verletzen, irritieren, überraschen, überfordern, will. Weil sie „keine Situation entstehen lassen will“.
Ich hatte am Vormittag für unser nächstes Buch aufgeschrieben, wie Hannah entstanden war. Musste weinen, weil ihr keine Traumatisierung mit Todesgeschmodder und dramatische Szenen der Gewalt voranging, sondern einfach nur unsere Angst zu sterben, weil wir von jetzt auf gleich absolut allein auf der Welt waren. In der absoluten Frei_von_heit, wie sie viele Aussteiger_innen erleben, wenn ihre Verbündeten oder, wie in unserem Fall, Behandler_innen, nicht mehr (für sie) da sind oder sein können/wollen/dürfen.

Hannah kann Menschen. Sie ist unsere beste soziale Rechenmaschine und die einzige, die Ver_Bindungen nicht nur ertragen, sondern auch herstellen und gestalten kann. Was unser Leben nach der Gewalt angeht, trägt sie am meisten der Last, die damit einhergeht, es auch zu erhalten. Niemand von uns anderen hat Freund_innen. Niemand von uns kann Menschen. Wir haben Angst und können Menschen aushalten. Manche jedenfalls. Dass unsere Therapie einen anderen Menschen erfordert, war und ist bis heute eine der größten Barrieren der Traumatherapie für uns. Dass wir das Bedürfnis nach menschlicher Nähe, Verbundenheit und Kontakt haben, ist für manche von uns der schlimmste Verrat voreinander. Dass der Freund in unserem Leben ist, liegt an Hannah und ihrem Brückenschlag zwischen ihm und uns.

Warum Hannah so ist, wie sie ist und wir nicht, können wir nicht verstehen. Aber sie ist da und ohne sie wären wir es nicht mehr.

„So will ich nicht sein.“, das fühle ich wie etwas, das von innen durch meinen Kehlkopf nach außen will. Als die Fliege neben dem Lichtkegel der Leselampe landet, rinnt es mir aus den Augen. „Du solltest nie sein“, denke ich in ihre Richtung. Weine fertig, gehe ins Bad, wasche mir das Gesicht.
„Und doch sind wir hier.“

Autismus, Trauma, Kommunikation #8

Ich hing gestern gut 6 Stunden im Support meines Webhosters, um die E-Mail-Adresse, die ich hier seit Jahren verwende, um über Blog, Podcast und darüber hinaus erreichbar zu sein, zu retten.
Es war das Ende einer langen Kette von Miss- und Unverständnissen, die ich in diesem Text nicht weiter ausbreiten will, unter anderem, weil sie nicht sind, die mich belasten oder jetzt, einen Tag später endlich meine Erschöpfung von allem spürend, auch unfassbar schmerzlich berühren.

Worüber ich hier schreiben will ist, warum es mich so schmerzt. Warum es ein Trigger für uns ist. Was genau der Punkt ist, wo sich Autismus und Trauma bei uns so vermischen, das die zwischenmenschliche Kommunikation und Interaktion in jeder Situation eine retraumatisierende sein kann.

Im Blog von Vielen haben wir die Textkategorie „Die Helfer_innen und die Hilfe“.
Entstanden ist sie aus der Erkenntnis, dass Helfer_innen und Hilfe schaden können. Aber auch aus dem Wunsch zu erfassen, was uns hilft und wieso. In dieser Kategorie finden sich auch Texte aus der Zeit vor der Autismusdiagnose, in der wir dachten, dass wir einfach unverständlich sind. In der wir dachten: „Wir machen das halt einfach immer falsch mit dieser Hilfe. Wir müssen die richtigen Worte finden, wir müssen uns genau abgucken, wie andere sich verhalten, damit sie Hilfe bekommen und wir müssen das nachmachen (, um dann zu merken, dass wir selbst das noch falsch machen, weil unser Blick auf Menschen dazu führt, dass wir die falschen Verhaltensweisen in falschen Reihenfolgen kopieren).“

Missverständnisse zu vermeiden, den richtigen Eindruck zu vermitteln, das Richtige im richtigen Moment zu sagen, oder zu verschweigen, war in meiner Kindheit über.lebenswichtig. Dabei  außerhalb der familiären Gewaltkontexte immer wieder zu scheitern, zum Beispiel in der Schule, im Hort, im Sportverein, in Chor und Band und was wir nicht alles noch besuchten, ist das Eine.
Es bestätigte die Traumawahrheit, dass niemand hilft, niemand glaubt und auch niemand versteht. Das AußerhalbderFamilie wurde mir immer wieder als unwürdig, falsch, schlecht, dumm dargestellt und so erschien die Botschaft auch valide.
Diese Dynamik beschreiben viele Menschen, die als Kinder in gewaltvollen Familien, in Sekten und organisierten Gewaltkontexten, auswachsen mussten. Es gibt ein Außen auf das du nicht zählen kannst und es gibt ein Innen, das immer für dich da ist – die Familie/Sekte/Gruppe/die Anderen.

Als autistisches Kind hatte ich das nicht.
Autismus greift in jede Interaktion und in jede Kommunikation hinein. Die gleichen Miss- und Unverständnisse, die ich im Außen erlebte, erlebte ich auch im Innen. Nur dort in seinen Auswirkungen erheblich brutaler, einfach schon, weil ich ein Kind war. Abhängig auf allen Ebenen und dadurch schlicht nicht in der Lage, überhaupt meiner Sicht auf die Dinge die Be_Achtung einzufordern, die nötig ist, um Miss- und Unverständnisse aufzuzeigen oder zu klären.

Wer durch ein Minenfeld laufen muss, aber nicht, wie alle anderen Leute auf Merkmale der Minen achtet, wird verletzt. Ganz zwangsläufig. Und so – auf diese Art gehen wir durchs Leben. Immer wieder und wieder und wieder und wieder. Ohne, dass unsere Gesprächpartner_innen das merken. Ohne, dass wir ihnen das immer so begreiflich machen können, dass sie sich nicht als Person gekränkt, bedrängt, abgewertet oder irritiert erleben. Ohne, dass sie uns den Schmerz nehmen oder uns trösten können. Ohne, dass sie ~ einfach mal eben so, ohne jede Anleitung und Herumprobieren und der dazu nötigen Konsequenz ~ etwas dagegen tun können.

Nun ist die Metapher natürlich nicht ganz passend. Die Merkmale einer einzelnen Mine kann man auswendig lernen. Man kann sich zwingen, sich selbst gegenüber brutal restriktiv dazu bringen immer, zu jeder Zeit auf den Boden zu schauen und auf Minen zu achten. Zwischenmenschlichkeit ist aber kein fester Gegenstand. Kommunikation verläuft nicht immer gleich, nicht immer vorhersehbar. Interaktion wird von so einer großen Zahl von Faktoren beeinflusst, dass sie einfach nicht in allem immer berechnet oder angenommen werden kann. Schon gar nicht von einem Kind, das zusätzlich dazu noch in einem sozialen Umfeld aufwächst, das unvorhersehbar und immer unnachvollziehbar in Gründen und möglichen Konsequenzen absichtlich irreführend kommuniziert.

Was sich für uns aus diesem Umstand (und vielleicht noch anderen, bisher nicht bekannten Faktoren) entwickelt hat, ist, dass es für uns ein Außerhalbvonuns, ein AußerhalbderFamilie und das InderFamilie gibt.
„Autismus“ als Wort kommt laut Wikipedia von altgriechisch „autós“ – also „selbst“. Die meisten Autist_innen, die ich bisher kennenlernen durfte, kennen diese Trennung von sich. Es gibt sie und gibt alle anderen. Und immer stehen dahinter ähnlich schwierige Kommunikations- und Interaktionserfahrungen. Ich persönlich sehe das nicht darin begründet, dass alle Menschen speziell autistischen Menschen gern das Leben zur Hölle machen wollen, sondern darin, dass die meisten Menschen eben nicht autistisch sind oder die autistische Wahrnehmung und Einordnung nicht von sich selbst kennen und also nicht nachvollziehen und also nicht beachten können.
Das macht Autismus für mich zu einer Behinderung, die noch einmal mehr als bei anderen Behinderungen, nicht als etwas Individuelles angenommen und behandelt werden darf, da auch nicht autistische oder anders neurodivergente Menschen in ihrer Kommunikation mit autistischen Menschen die Barrieren der Kommunikation und Interaktion zu kompensieren gezwungen sind.

Die im wahrsten Sinne des Wortes herrschende Ansicht ist allerdings eine andere und so ergibt sich für mich eine immer wieder auftauchende Dynamik der Traumatisierung (s. „seelische Verwundung“) in meinem Alltag, die sich auch noch einmal verschärft hat, seit ich weiß, dass ich autistisch bin.
Meine Bemühungen um Verstehen und Verstandenwerden passieren in aller Regel einseitig, weil mein autistisch sein als meine Behinderung angenommen wird. Etwas, das ich überwinden muss, um mit nicht autistischen und anders als ich neurodivergenten Menschen in einander verstehender Kommunikation „richtig“ zu funktionieren. Ich werde da mit etwas auf eine Art allein gelassen, die im Umfang ihrer Implikationen für mich unermesslich ist. Die Welt – das Außerhalbvonmir – ist damit eine nie versiegende Quelle von Schmerz, von Überforderung, von Not, von Ohnmacht und Hilflosigkeit und gleich meiner mich jahrelang quälenden Misshandlungsfamilie in ihrer Anmutung.

Und das tut weh.
Das tut wirklich weh und ist im Ausmaß nicht zu beschreiben.

Denn auch wenn ich weiß, dass ich am glücklichsten allein bin; dass ich weiß, dass ich mir selbst am meisten Vergnügen bereite und auch sonst immer und immer alles irgendwie auch allein schaffe (mich durch alles durch dissoziieren kann) so will ich doch auch vertrauen können, andere Perspektiven als meine er_leben, von anderen lernen, meine Kräfte schonen, indem ich Herausforderungen mit Unterstützung anderer Menschen bewältige und so weiter und so fort. Ich will leben. Nicht überleben.

Missverständnisse bedeuten für mich oft, von jetzt auf gleich völlig auf mich allein gestellt über_leben zu müssen. Sie sind mir Trigger für Erinnerungen an Vergangenes und reales Jetztgeschehen gleichzeitig und weil das so ist, hat dieser Text keine Punchline am Ende, die zu einem Like oder einem Klick auf den Share-Button führt, sodass mehr autistische traumatisierte Leute davon lesen können. Es ist wieder einfach nur gesagt. Aufgeschrieben. Ums zu sagen. Zu erklären. Zu zeigen, dass es passiert und dass es weh tut und ich nichts dagegen tun kann, weil grad einfach alles so ist, wie es ist und ich mittendrin bin und nichts und niemand – weder mein Wissen zu Trauma, Autismus, Menschen und ihrem Ableismus, noch irgendjemand, der helfen will, helfen kann.
Denn der Schmerz passiert in mir allein und alles andere ist Außerhalbvonmir.

R.

Erstaunlich ist, wie klar sie ist.
Ganz eindeutig ist Verzweiflung, die als Aggression gelesen wird, ihr Motor. Ohne Umschweife sagt sie, was sie aus_sagen will. Da ist kein Zögern, keine Pause, um die (soziale) Lage zu prüfen.
Wir sitzen der Therapeutin gegenüber, bis sie sich rausschält und sagt was ist, während ich noch nach Gedanken fingere, beobachte und überlege, mich in alle Richtungen absichere, keine Situation zu produzieren.

Ich habe schon oft gedacht, dass es merkwürdig ist, wie schief die frühen Hilfen gegangen sind. Sie hat nie irgendwas verschwiegen, hat nie irgendwas versteckt. Nie irgendwas verklausuliert oder anders gesagt, als sie das meint.

„Wie gut können Sie denn GoogleMaps – ich dacht, vielleicht brauchen Sie ewig, um da was einzugeben“. Während sie mit der Therapeutin über frühere gute Orte spricht, berührt mich das Trauma, das mich, uns Rosenblätter, hervorgebracht hat. Ich merke, dass ich ein Pflaster über viele von R.s Wunden bin. Dass sie es ohne mich nicht einmal ertragen könnte, ganz bewusst zu spüren, dass sie gerade mit „einem dieser Therapiemenschen“ spricht.

Zwischen unseren Leben liegen ungefähr 8 Jahre. 1, wenn ich mich nur auf die Rosenblätter als kompensatorisches System beziehe. Und doch ist es eine ganze Welt. Für sie ist jede Hoffnung auf Verstehen und Verstandenwerden tot. Sie sucht keine Freund_innen mehr, sie hat abgehakt, jemals nicht mehr (verlassen) alleinverantwortlich zu sein. Es ist gesetzt, dass nichts, was von ihrem „uns“ kommt, außen okay ist. Weder sie noch andere sind erwünscht, sie weiß das und spuckt auf die schmerzende Stelle. Sie kommt klar.

Wieder denke ich, dass es viel mit Performance zu tun hatte. Aggressiv gelesene Opfer sind schwerer als solche anzuerkennen. Es bietet keinerlei Raum für Mitleid oder Mit-Schmerz-Empfinden, wenn ein Opfer auf Rettung und Hilfe besteht, anstatt darum zu bitten und betteln.
Die Enttäuschung über den Entzug einer Unterstützung oder Hilfe und die folgende Überforderung und ihr Trigger in die Todesangst, bleibt viel eher unbemerkt. Jedes Helferversagen ist eine bestätigte Traumawahrheit mehr. Und zwar eine, die genauso nicht reflektiert und aufgelöst werden kann, wie jene, die in der ursprünglich traumatischen Situation nicht reflektiert und aufgelöst werden kann.

Die Erwachsenen haben an R. versagt. Das Hilfesystem hat an R. und ihren Schatten versagt. Jede Instanz außer sie selbst.

Die Therapeutin fragt, wie R. zu ihrem Ort kam und diese sagt, dass sie einfach über die Straße gelaufen ist. Die vierspurige Bundesstraße in der Nähe ihres damaligen Wohnortes. Und dass das ja das Ding war. Nach links war die Straße, nach rechts Bahngleise. Niemand außer ihr, war jemals da. Und würde jemand kommen, dann … – ich denke das nicht weiter, mir reicht es zu spüren, wie grundlegend gut sich diese Möglichkeit für sie anfühlt. Wie sicher.
Die Therapeutin sagt Dinge, die R. überfordern, da ihr Erfahrungswerte zur Analyse fehlen. Ich merke wie R. ihren, meinen, unseren Autismus nicht kompensieren kann. Sie nimmt, was die Therapeutin sagt, kann nichts damit anfangen und weiß sofort, dass es mal wieder nichts war, von ihr mal wieder nichts kam, was okay ist, weil es hilfreich ist. Ich kann keine Übersetzung zaubern, die ihr diesen Aspekt erleichtert. Weiß auch nicht genau, was die Therapeutin jetzt sagen wollte und was wir machen sollen. Die Stunde ist um, wir gehen nach Hause.

R. kommt klar, ich komme nicht mit. Merke, wie ich wieder als einzige Option übrig bleibe.
Sie ist weg und mit ihr alle Erinnerungen an die Gegend damals.