Innenansichten, Lauf der Dinge

von Maßstab und Spektrum, Krieg und Frieden

Vor nun 5 Wochen hatte ich meine Taschen gepackt. Eine Radtour über insgesamt 700 Kilometer sollte es werden und ich freute mich schon seit über einem Jahr darauf. Draußen sein. Unterwegs sein. Rad fahren. Essen. Schlafen. Repeat. Einmal die Vielfältigkeit eines anders immer gleichen Rhythmus er.leben.
Die Tour war toll.
Doch um die Tour soll es in diesem Text nicht gehen. Es soll um Frieden gehen. Und um Krieg.

Während meiner Tourvorbereitungen war es mir bereits aufgefallen. Der Krieg.
Der Krieg, der für manche Menschen scheinbar bereits dann beginnt, wenn man keinen Strom zur unendlich freien Verfügung hat und sich verschärft, wenn die eigenen 4 Wände aus Zeltplane bestehen.

Ich bin kein Survivaltourist. Suche nicht das Abenteuer. Will mir die Mitwelt nicht zu eigen machen, um mein Leben zu retten. Ich will nur draußen sein. Mittendrin sein, wenn es regnet, windet, sonnig ist. Ich will dort sein, wo die Natur ihre ganz eigenen Geräusche macht. Passieren und wachsen, wo alles andere auch passiert und wächst.
Für mich ist das Frieden. Dieses Da sein. Mit allem anderen sein. Ganz direkt und nah. Ohne Schmerz daran.

Mich hat es seltsam bewegt zu erfahren, dass anderen Menschen genau das Angst zu machen scheint. So viel Angst, dass sie sich für ihre Touren rüsten, als zögen sie in den Krieg. Sie kaufen sich Bundeswehrausrüstung, um 2 bis 3 Julinächte im Naturschutzgebiet zu schlafen. Ernähren sich von hochkalorischen Riegeln, um einen Körper vor dem Verhungern zu bewahren, der ein paar Stunden am Tag gewandert war.
Offensichtlich sind ihre und meine Maßstäbe einfach andere. Das passiert – aber wie kommt es, dass es so ein krasser Gegensatz ist?

Eine Antwort liegt für mich in ableistischer Sozialisation.
Der fest ins westliche Leben hineingewobenen Idee des gesicherten Überlebens aufgrund eines allseits fähigen Körpers und der Fertigkeit, diesen zu beherrschen.
Der Idee von makelloser Körperlichkeit. Perfekter Gesundheit. Optimaler Stärke – Masse- Verhältnisse. Wer nicht gesund™ (also: jung™, dünn™, anspruchslos™ ) ist, der wird sterben. Vor allem da, wo outdoor ist.

Einmal abgesehen davon, dass sterben nur sterben und dies nur das Ende eines Lebens ist, ist es doch interessant, wie perfekt ebenjenes ausgekleidet sein muss, um sich seiner Natur ohne Angst zu nähern. Ohne Gewalt. Ohne die Energie, die in Kriegen ihre ganze Wucht zeigt.

Gerade in den letzten ein zwei Jahren lese ich immer mehr Appelle sich doch endlich zu lieben. Liebe deinen Körper – dann wird alles gut.
Selbstliebe allein bietet aber keinen Schutz vor gewaltsamen Eingriffen von außen. Ich kann mich und meinen Körper lieben bis zum geht nicht mehr – wenn mir jemand vors Schienbein tritt und beschimpft, wird es weh tun und etwas in mir verändern – vielleicht sogar so sehr, dass es kaputt geht.
Um diesen Umstand in mein Thema zu übersetzen: Ich kann in Frieden mit mir und allem um mich herum sein – kommt jemand und haut mir eine rein, ist etwas davon beschädigt und eben nicht mehr “Frieden”.
Aber was genau ist das dann?
Ist das gleich Krieg?

Ist ein nicht ganz so rundum-alles-auf-100%-Komfort er.leben gleich der totale Notstand (und damit also irgendwie Krieg)?
Ist sich und seinen Körper nicht 100% zu lieben und ehren und zu stählen und zu heilen und fit zu halten, gleich Selbsthass?

In den letzten 5 Wochen habe ich viel erlebt. Ständig klamme Kleidung. Sengende Sonne. Muskeln, die sich vor Anstrengung wie Holzstangen auf den Knochen anfühlen. Schweiß, der in den Augen brennt. Vor Erschöpfung einschlafen, sobald man nicht mehr in Bewegung ist. All das war nicht sonderlich friedlich. Nicht angenehm. Nichts, was ich jeden Tag erleben wollte. Und doch gehörte es zu genau dem Frieden mit mir, den ich er.leben wollte.

Nach 2 Wochen unterwegs sein, hatte ich gemerkt, dass ich mich nur auf Extreme eingestellt hatte. Auf Kriegsextreme. Auf Lebensbedrohung. Ich hatte gedacht, tagelang keine Stromquelle zu finden. Kein sauberes Wasser zu finden. Bemerkte sehr schnell, wie ich nicht darüber nachgedacht hatte, dass zwischenmenschliche Fremdheit mit einem schlichten “Hallo” überwindbar ist. Ich konnte “Nacht” nur als “kalt” und “gefährlich” denken. Gewitter und Sturm als “tödlich”, sobald man sich außerhalb einer menschlichen Siedlung befindet. Regen oder krassen Sonnenschein als “krank machend” – wenn ich mich nicht vollständig davor versiegle.

Weg ist dieses Denken inzwischen nicht. Aber es ist etwas dazu gekommen.
Die Idee von Frieden als Spektrum. Gefahr als Spektrum.

Das ist grundsätzlich kein neues Denken für mich. Ähnliches habe ich in den letzten Jahren in der Traumatherapie schon mitgenommen.
Und doch ist es neu.

In der Therapie habe ich vor allem gelernt, dass meine permanente Bereitschaft zum Überlebensmodus weder als kontextuell passend anerkannt wahrgenommen wird, noch sich als inhaltlich weiterbringend auswirkt. Immer wenn ich mich bedroht und/oder verletzt fühle, ist dort jemand, di_er mir sagt, dass ich eigentlich (in Wahrheit) gar nicht bedroht bin oder keinen echten Anlass zu Gefühlen von Verletzung habe.
Nach vorne nicke ich und nach innen weiß ich: ich bin vielleicht nicht existenziell bedroht, doch meine Gefühle sind hier auch nicht erwünscht. Meine Gedanken sind wichtig. Die sollen sich um Themen und Inhalte kümmern. Relevant ist, was gesagt wird. Nicht, was gefühlt wird. Damit kann man nichts machen. Außer es aushalten. Wie einen Fehler, den man nicht mehr rückgängig machen kann.

Draußen ist das anders.
Da brauche ich meine Gefühle, denn sie geben mir viel mehr Anleitung als es Worte und Ideen können. Ich bin darauf angewiesen zu spüren, wenn ich verletzt bin und brauche eine genaue Wahrnehmung davon, wie bedroht ich bin. Nicht, weil mir mein Kopf sagen kann, wie viele Stunden ohne Wasser man auf freiem Feld in Mittagshitze bei 36°C überleben kann, sondern, weil ich fühlen kann, dass nicht Durst mein erstes Problem ist, sondern durchgehend geblendet zu sein und keine Erleichterung zu finden, wenn man aufhört in Bewegung zu sein.

Auf der Tour hatten meine Gefühle so viel mehr Platz als meine Gedanken, dass ich mich ein ums andere Mal dabei erlebte, keine Scham zu empfinden. Nicht als ich am Straßenrand saß und zu weinen anfing, weil meine Strecke über eine ansteigende Landstraße ging und auch nicht, als ich mir am Rand einer Fußgängerzone passendere Kleidung anzog. Es ist eine große Entdeckung für mich, wie viele Gedanken und Annahmen für Schamgefühle nötig sind. Wie andere Menschen und eine eigene Angewiesenheit auf selbige dafür nötig sind.

Ich hatte so viel Raum für mich und mein Fühlen, dass mir das Spektrum meines Fühlens und damit auch: meines Friedens fassbarer erschien.
Und seine Zartheit. Ich spürte deutlicher welche Innens, wo sind und welchen Schutz sie über das leben, was wir “das Inmitten” nennen. Spürte: mit unserer Therapeutin zu sprechen ist auch eine Bedrohung. Sich vom Joker tragen zu lassen, ist auch eine Gefahr.
Bemerkte, dass wir, wie wir sind und funktionieren, wenn alles von uns da ist, von jeder An.Be.Rührung verletzbar sind und dies doch nicht mehr so zum Ausdruck bringen, wie wir das früher noch viel mehr getan haben.

So ein Schnitt in die Haut, so reine Worte – das wirkt dramatisch. Mach das mal lieber nicht. So nimmt dich niemand ernst. Wenn du so kommunizierst, ist das zu krass. Achte auf deinen Ton.

Jetzt denke ich, dass das wenigstens ehrlich war.
Heute frage ich mich, ob wir uns eine Art zu lügen angewöhnt haben. Verschleiern. Vernebeln. Verflauschen. Unser Empfinden weichzeichnen, damit sich niemand daran stößt.
Ich frage mich, ob wir einen fremden Maßstab übernommen haben. Einen Kriegsmaßstab. Einen, der unsere Gefühle als Extrem einordnet, während sie auf unserem eigenen im üblichen Spektrum passieren. Als da und Teil von allem. Mal mehr und mal weniger erträglich, beeinflussbar, angenehm oder unangenehm. Als etwas, das in, an und mit uns wirkt und in einem kompliziertem Wechselspiel mit dem Außen passiert.

Oder ist das alles nur ein Missverständnis? Ergebnis der Notwendigkeit sich auf Gedanken und Annahmen zu konzentrieren, statt sich Gefühlen zu öffnen und ihnen zu folgen.
Oder geht es um Angst?

Lösen wir Angst in Menschen aus, wenn wir sind wie wir sind, weil wir sind, wie wir sind?
Todesangst, dessen Kompensation als grobe Worte, überfordernde Ansprüche oder ignorante Zurechtweisung bei uns ankommt?

Ist es das, was so viele Menschen an der Natur und ihrem Lauf der Dinge erschreckt?
Das sie ist wie sie ist und – gleichsam wie wir – nur das Leben, das Sein im Fokus hat, ohne vorher auf Hierarchie, auf Anstand und Sitte, auf diesen ganzen Normenkontext, der definiert, wann was wie okay sein darf und wann nicht, zu achten?

Lauf der Dinge

Rechte haben

“Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.”.
Das war ein Satz, den ich Anfang der 2000er auf einer Demo aufgeschnappt hatte. Artikel 3 der allgemeinen Menschenrechtserklärung.
Damals war ich 14 oder 15 Jahre alt und begann mit “politischen Leuten” abzuhängen. Sozialistischen Leuten. Klar. Alle anderen waren Nazis oder nahe dran Nazis zu sein. Wenn man 14 oder 15 Jahre alt ist und in Ostdeutschland lebt, liegt es nahe die politische Landschaft so zu sehen.

Meine Leute hatten Namen wie “Schraube” oder “Henne”, trugen das letzte Hemd und standen am Wochenende lange in der von Touristen durchflossenen Innenstadt um Unterschriften gegen Globalisierung und Kapitalismus zu sammeln. Meine Leute waren transparent und konsistent. Sie haben mir nie irgendeine Falle gestellt, mich gedemütigt oder mir Fragen unbeantwortet gelassen.
Dass die allgemeinen Menschenrechte auch etwas mit meiner Lebensrealität zu tun haben, wurde mir durch unseren Kontakt jedoch nicht zugänglich.

Wir arbeiten bis heute daran uns als Mensch anzunehmen und einzuordnen.
Das ist der Schritt, den man getan haben muss, um die Menschenrechte mit sich in Verbindung zu bringen und der Schritt, der in unserem Fall ein großer ist.
Was für manche Menschen vielleicht schwer zu verstehen ist.

Wir haben kein Bild von uns als Tier oder Alien oder haben die Idee, dass wir ein göttliches Wesen sind. Wir sind nur nicht so selbstverständlich wie die Mehrheit in dem Bewusstsein ein Mensch unter Menschen zu sein.
Wir sind nicht einmal selbstverständlich damit von Menschen umgeben zu sein. Oder Teil einer Gemeinschaft zu sein, die mehr als eine Funktion hat bzw. vertritt.

Das ist eine Traumafolgestörung und unser Strickmuster.

Es ist schwierig diesen Text zu beginnen, denn es gibt viele mögliche Anfänge.
Ich beginne deshalb mit dem Satzteil, der uns am Besten ausdrückt, was wir da erleben: “aus der Welt gefallen sein”

Diesen Satzteil habe ich aus einem Bericht einer traumatisierten Person über sich und ihr Gefühl der Abtrennung nach einer schweren Gewalterfahrung und fand seitdem immer wieder ähnliche Formulierungen.
Viele Menschen, die nicht wie wir von Anfang an mit Gewalt auf.gezogen wurden, erlebten Gewalterfahrungen als etwas Außeralltägliches. Als etwas, das aus ihrem Leben heraussticht oder hineingreift. Eine Kluft auftut oder eine Mauer aufschichtet. Für viele passiert da eine ganz klare Grenze zwischen Vorher und Nachher. Zwischen Gut und Böse. Opfer und Täter_in. Zwischen Trauma und Normal.

Die Welt, von der sie sich getrennt erleben, ist die der Selbstverständlichkeit von Leben, Freiheit und Sicherheit der eigenen Person.
Denn das ist, was Gewalterfahrungen nehmen. Das Gefühl selbstverständlich heil zu sein, teilzuhaben, mit.einander zu sein.
Für manche Menschen sind es erst Gewalterfahrungen, die Gefühle von Demut für das eigene am Leben sein anstoßen.

Und wir?
Wir sind an dem Punkt, an dem wir sehen, dass es das für uns nie gab. Das Selbstverständnis von Ganzheit,  heil sein, sich ganz und gar mit Äußerem verbunden zu fühlen.
Als Jugendliche_r hat uns angetrieben wissen zu wollen, wie Leben ist, denn es hat uns fasziniert, dass zu leben ein relativer Zustand ist.
Das ist, was Depressionen und dissoziative Zustände geben können. Die Erkenntnis, dass man auch im Leben tot sein kann. Dumpf. Leer. Taub. Nichts.

Für uns ist es bis heute nicht normal, morgens in einem Bett aufzuwachen und zu wissen, dass wir uns grundversorgen können, ohne dabei beobachtet und kontrolliert zu sein. Es ist für uns nicht normal zu wissen, dass wir leben und Dinge tun können, wenn wir das wollen (und können).
Wir haben kein “vor dem Trauma” im Leben und auf eine gewisse Art trennt uns das von viel mehr als nur einem Normal, das keine Gewalt an uns enthält.

Es gibt so etwas wie ein allgemein gültiges Universalwissen in Gesellschaften. Soziale Konsense. Mehr der weniger klare Antworten auf Elementarfragen und –probleme. Dinge, auf die sich die meisten der Menschen einigen können – selbst dann, wenn sie sie nicht aussprechen.
Die meisten Menschen wissen einfach, dass sie leben. Dass sie Schutz brauchen. Dass sie Versorgung brauchen. Dass sie Nähe und Wärme brauchen. Für die meisten Menschen sind die eigenen Bedürfnisse keine Definitionsfrage, wie sie das für uns sind.

Wir finden uns immer wieder in Fragen und Zweifeln. In Unsicherheiten über die Räume und Zeiten, in denen wir uns bewegen. Sind froh, wenn wir einen Konsens für uns allein, in und für irgendeinem Zeit_Raum er.schaffen können.
Manchmal ist es leicht sich aus diesen Zweifeln zu lösen. Zum Beispiel, wenn sich diese durch alte Gewaltwahrheiten entwickeln.
Manchmal funktioniert es aber auch nicht. Zum Beispiel, wenn uns die Welt infrage steht, weil ein Essen komisch guckt oder wir uns mal wieder inmitten eines schwarzen Lochs zwischenmenschlicher Kommunikation befinden.

Für die meisten Menschen, die wir kennen ist Menschlichkeit etwas, das sich aus einem inneren Kern durch Handeln nach Außen zeigt. Als Barmherzigkeit, Wohltätigkeit – allgemeiner: eine Versorgung und Zuwendung, die lebenserhaltend oder –nährend wirkt. Manchmal geht es aber auch um Faulheit, Opportunismus und Rücksichtslosigkeit.
Für uns ist Menschlichkeit ein Status, den wir erst durch dieses Handeln erreichen können. Wir erleben keinen urmenschlichen Kern in uns.

Menschlichkeit ist für uns also mehr Ziel als Basis.
Und das ist eine der Klüfte im Ist und Passieren, die wir spüren.

Seit der Auseinandersetzung mit Autismus und dem differenzialdiagnostischen Abfuck, der mit daran hängt, fragen wir uns, welchen Ursprung das Gefühl des ewigen Andersseins denn “eigentlich wirklich” hat und erleben eine immer wieder aufwallende Verzweiflung darüber, dass wir keine Antwort in uns selbst dazu finden können.
Denn mit Autismus wird man geboren und mit genau diesem Zeitpunkt hat vermutlich auch schon das begonnen, woraus sich die Traumata entwickelten, die wir heute aufzulösen und zu verarbeiten versuchen.

Wir haben keine Sicherheit und Konsistenz über uns selbst. Wie sollen wir sie in Verbindung mit Äußerem haben?
Woraus soll sich so das Wissen oder die Überzeugung entwickeln, verbunden und mitgemeint zu sein, wenn es zum Beispiel um so etwas wie die Menschenrechte geht?

Weiter geführt zu dem Komplex um Wiedergutmachung, Genugtuung, Recht und Gesetz.

Wir haben uns vor Jahren darüber informiert, ob ein Antrag auf Leistungen nach dem OEG (Opferentschädigungsgesetz) für uns Sinn hat.
Wie so vieles, was wir nach dem Verlassen der Herkunftsfamilie beantragt haben, war auch das nicht wirklich etwas, das wir mit uns in Verbindung gebracht haben. Es ist etwas, das uns als mit uns in Verbindung stehend aufgezeigt wurde, nachdem man wusste, dass wir Gewalt erfahren haben.

Es war das gleiche Muster, wie das, was uns ursprünglich in Therapie brachte. Die Idee, dass es nötig sei, um heil zu werden. Ein normales Leben führen zu können. Alles wieder gut zu machen. Weil wir Gewalt erfahren haben.

Immer wieder geraten wir an Menschen, die nicht uns sehen, sondern ihre Ideen von uns als jemand, di_er Gewalt erfahren hat (oder viele ist oder oder oder…).
Zum Beispiel die Idee, dass Wiedergutmachung für uns möglich ist.

Wir wissen aber nicht, was genau das meinen soll. Was genau ist denn schlecht und könnte wieder gut gemacht werden?
Könnten wir eine gute Herkunftsfamilie bekommen? Könnten wir die guten Bildungschancen wieder bekommen? Könnten wir die Schäden aus psychiatrischen Behandlungen wieder gut gemacht bekommen? Könnten wir die Schäden aus 10 Jahren Hartz 4 wieder gut gemacht bekommen? Könnten wir die Löcher im Lebenslauf durch frisch sanierte Lebensabschnitte ersetzt bekommen?

Oder geht es um uns? Sind wir das Schlechte, das passiert ist? Diesem sogenannten Menschen, als der wir von allen gesehen werden, die heute in unserem Leben sind. Sind wir der Schaden? Das Kranke, das Wiedergutzumachende?

Diffizile Frage, nicht wahr?
Man müsste uns Innens, die wir fühlen und denken, autark handeln und re_agieren, die wir Weltbilder und innere Überzeugungen haben, zur Krankheit degradieren und damit vertreten, dass der Rechtskörper, um den es bei einer juristischen Auseinandersetzung geht, nichts weiter ist als ein Fleischsack mit Krankheit drin.

Für manche Menschen ist es ein positiver Ansatz eine DIS als Ergebnis schwerer Gewalterfahrungen zu sehen. Diese Sicht folgt dem Drang nach Sinn und Kongruenz, den wir im vorletzten Artikel bereits beschrieben haben.
Im Rahmen von Opferentschädigung jedoch ist eine DIS (so sie denn anerkannt wird) ein entstandener Schaden.

Im Rahmen unseres Lebens und Seins jedoch ist es einfach nur so da.
Es ist weder die großartig tolle Selbstrettung zu der sie manche Therapeut_innen erheben, noch die zerschmetterte Seele von der all jene sprechen, die den Verletzungen dahinter mehr Gewicht geben wollen.

Wir finden uns normal. Sehen nichts schlechtes oder kaputtes in unserem Sein.
Wir sehen, dass wir heute dysfunktional sind. Heute, wo alles anders ist. Heute, wo “Danach” ist.

Für manche von uns ist genau das der Schaden. Dass heute “danach” ist. Dass es vorbei ist und so nie wieder passieren wird.
Für sie ist der Lauf der Dinge kaputt. Ihre Welt zerschmettert. Und es gibt nichts, was wir für sie in irgendeiner Form “wieder gut” machen können, denn ihre Verluste sind absolut und tiefgreifend.
Sie haben nicht nur sich selbst in Verbindung mit der Außenwelt verloren, sondern auch die Außenwelt. Die Familie*, die Familie°, die Freunde, den Sinn, die Vision und bestimmte Selbstverständlichkeiten.

Aber sowas kann man Menschen oft nicht begreiflich machen.
Wie wenig schlimm es sich auch anfühlen kann, ein Leben lang miss.be.handelt und ausgenutzt worden zu sein. Und zwar nicht, weil man sich einen Schmerz daran verbietet oder sich diesen Umstand schön redet, sondern, weil man es nicht anders kennt und als ganz üblichen Bestandteil der eigenen Existenz in sich trägt, wie andere Menschen die schönen Erfahrungen, mit denen sie aufgewachsen sind.

Wir haben den Antrag auf Leistungen nach dem OEG nie gestellt.
Genauso wie wir nie eine Anzeige erstattet haben und nicht vorhaben das je zu tun.

Das haben wir nicht getan, weil wir die Gewalt nicht in einen Kontext mit dem Strafgesetzbuch bringen können. Oder, weil wir kein Interesse daran haben, andere davor zu schützen oder zu bewahren, was uns passiert ist. Oder, weil wir glauben, dass, was uns passiert ist, eigentlich etwas Gutes und Richtiges war.
Es geht darum, dass wir sehen, dass das Eine einen Scheiß mit dem Anderen zu tun hat.

Wir würden eine Anzeige erstatten, wenn wir wüssten, dass es um Weiterentwicklung geht.
Wir würden eine Anzeige erstatten, gäbe es so etwas ein Vergebungsgesetzbuch.

Ein Gesetzbuch, das den Prozess der Vergebung regelt und jedes Interesse an Weiterentwicklung von Täter_innen, wie zu Opfern gewordenen Personen unterstützt, schützt und/oder überhaupt möglich macht.

Denn das ist, was uns fehlt.
Die Option selbst einzufordern, dass die Täter_innen sich mit ihrem Handeln bzw. dessen Folgen auseinandersetzen. Und zwar nicht auf einer Ebene der Strafen und Bußen – denn davon hat niemand mehr als Macht aus Gewalt, die ihrerseits überhaupt erst Täter_innen und Opfer er.schafft – sondern auf der Ebene, der Entwicklung zu einer Person, die selbst keine Gewalt mehr ausüben will und/oder muss, weil ihr das Bewusstsein darum, wen diese trifft und welche Folgen (für die man die Verantwortung übernehmen muss) das haben kann, nicht mehr abhanden kommt.

Zuwendungen an Personen, die zu Opfern wurden, sollten nicht nur aus Einmalzahlungen und Opferrenten bestehen. Gerade dann nicht, wenn die zu Opfer gewordenen Personen solcherlei Anträge nicht für einen gesetzlichen Opferstatus und Opferrente, sondern für gesicherte Bildungschancen, bedarfsgerechte Gesundheitsbehandlungen, gesellschaftliche Teilhabeleistungen, politisches Gewicht und Anerkennung als normaler (as in „legitimer“) Teil der Gesellschaft stellen.

Die meisten zu Opfern gewordenen Menschen, die ich kenne, haben kein oder nur sehr wenig Interesse an Rache oder Vergeltung. An Strafen oder Erniedrigung der Täter_innen. Die meisten kämpfen um ihr Weiter.Leben. Um Alltag, um Zukunft. Um sich selbst und darum, nicht immer wieder von der eigenen Geschichte eingeholt und behindert zu werden.

Wir denken uns heute manchmal, dass wir unsere Therapie von den Täter_innen zwangsbezahlt bekommen haben wollen. Unsere Assistenzbedarfe von Ihnen gedeckt haben wollen. Alles bezahlt haben wollen, was unser Hartz 4 – Regelsatz nicht abdeckt.
Wir wollen all die Optionen, die sie damals gehabt haben, umgegolten auf Optionen, aus denen wir heute wählen könnten.
Dabei geht es uns um Ausgleich. Nicht um “ausgleichende Gerechtigkeit”.
Die werden wir im Leben nicht herstellen können, denn die Gewalt kennt keine Gerechtigkeit.

Wir tragen schwer daran, die Dinge so hinnehmen zu müssen, wie sie sind. Hadern manchmal noch damit keinen Kontakt mehr zur Herkunftsfamilie zu haben und zu wissen, dass wir es sind, die sich seit 15 Jahren damit auseinandersetzen, was damals passiert ist und welche Wirkung es auf und in uns hatte – und nicht sie.

Ich könnte vor ohnmächtiger Wut aufschreien, wenn ich daran denke, was für eine lange Zeit der unnötigen Not wir durch- und überleben mussten, um dahin zu kommen, wo wir heute sind – während in unserer Familie* nachwievor die Erzählung ist, dass wir die undankbare, kranke, verrückte Tochter sind, die Behörden und Behandler_innen anlügt und von der auch sonst nichts mehr zu erwarten ist, als die Enttäuschung, die sie schon immer war.

Das ist einfach ungerecht und etwas, womit zu leben bedeutet, nichts anderes zu haben als “danach”.

Ein Danach, in dem wir zum Prozess gezwungen sind – und nicht sie.
Ein Danach, in dem wir völlig allein für uns selbst einstehen müssen, weil wir uns niemals darauf verlassen können, dass sich irgendjemand so sehr mit uns verbunden fühlt, wie es die eigene Familie idealerweise tut.

Unser Danach ist eins für das wir allein verantwortlich gemacht werden, weil wir das Davor abgelehnt haben.

Das wirkt sich auf uns bisher wie eine Strafe auf Lebenszeit aus.
Denn wir haben nichts als unser Leben selbst damit gewonnen, auszusteigen und wegzugehen.

Für uns ist das tatsächlich auch kein Gewinn, denn am Leben waren wir auch vorher. Es war ein Leben in manchmal lebensbedrohender Gewalt, ja – aber es war kein Leben mit Bittstellerbriefen, Bettelanträgen und Gekrieche um Hilfe und Unterstützung, um nicht in lebensbedrohliche Umstände zu geraten. Es war kein Leben, in dem jeder Cent zählt und auch kein Leben, in dem jede Entscheidung allein getroffen und getragen werden musste, nicht wissend, was passiert, wenn man nicht mehr kann.

Es war nicht besser. Es war nicht schlechter.
Es war anders und es war das Leben, das wir nun einmal hatten, weil wir es hatten. Einfach so.

Das Leben heute haben wir gewählt.
Und manchmal schwappt die Reue hoch. Bedauern. Trauer. Der Gedanke, dass das alles falsch ist. Eine Lüge, auf die wir reingefallen sind und die uns noch bittertief schmerzen wird.
Damit umzugehen ist nicht einfach. Und in einer Gesellschaft zu leben, die solche Gedanken und Ideen auch nicht von außen entkräftet, ist dabei nicht hilfreich. Im Gegenteil.

Häufig werden Menschen, die ihre Gewalterfahrungen mit.teilen verhöhnt und gedemütigt. Vielen wird nicht geglaubt, die meisten erfahren auf dieses Moment des Mit.Teilens erneut Gewalt, über die Relativierung und ausbleibende Anerkennung der persönlichen Auswirkungen der gemachten Erfahrungen.

Wie oft zu Opfer gewordenen Menschen der Vorwurf gemacht wird, sie würden ihre Erfahrungen nur für Aufmerksamkeit teilen, macht mich lachen und weinen zugleich. Denn was soll man bitte sonst tun, damit man später nicht gesagt bekommt, man hätte ja nie irgendwas gesagt? Oder sich dem Vorwurf entgegenstellen muss, “nur” ein schweigendes Opfer zu sein. Oder damit auseinandersetzen zu müssen, dass ja alle Menschen immer so unsicher sind, wie mit Menschen umzugehen sei, denen Schwieriges passiert ist, weil ja NIEMAND mal ENDLICH OFFEN ausspricht, wie es WIRKLICH IST.

Aber darum geht es am Ende doch wieder gar nicht.
Es geht darum, dass zu Opfern gewordene Menschen auch Zeugen und Zeugnis der Gewalt sind, der man sich so gern nicht widmen möchte, dass man sie so weit es geht ausblendet.
Sie werden aber auch zu einem Denk.mal für Unterlegenheit gemacht. Eine Erinnerung daran, dass niemand immer alles Schlechte, Schwere, Schlimme von sich fernhalten kann.

So können wir am Ende immer wieder nur sagen, dass es sich für nichts außer den eigenen Prozess lohnt, gemachte Gewalterfahrungen und Erfahrungen des Umgangs damit mit.zu.teilen. Denn: Menschen, die wahr.nehmen, was man da sagt, werden reagieren und diese Reaktionen sind nur selten, die die gut tun, helfen oder “sich lohnen”.

Wir haben selbst jetzt nach 9 Jahren der Selbstvertretung in Form des Blogs noch immer das Problem, dass die meisten Leser_innen nicht einmal begreifen, dass das hier kein Literatur-Lifestyle-fancy Kunstzeug-Roman ist, sondern ein politisches Statement, ein offenes Aussprechen, eine reale Er_Lebensrealität, die mit.geteilt wird. Manche verstehen auch nicht, dass es uns nicht darum geht, für Menschen mit DIS zu sprechen. Und immer wieder erreichen uns Fragen, die zu beantworten für uns viel zu weitreichende Verantwortungen nach sich ziehen.

Sich als jemand di_er Gewalterfahrungen gemacht hat nicht zu verstecken, sondern einfach nur da zu sein, ansprechbar zu sein und für sich und das eigene Er_Leben zu stehen, macht so viel aus und wird doch so oft nicht einmal als das wahr.genommen, was es ist. Und das ist doch krass, oder nicht?

Manchmal denken wir, dass wir uns hier verändern müssten. Denken, dass wir uns zu einer Art Entrepreneur_in für Trauma und Folgen machen müssten.
Einfach, damit es sich mehr lohnt. Auch finanziell.
Aber was wäre das dann? Das wäre der fünfigstmillardste Aufguss von Therapeut- und Mediziner_innenerkenntnis. Amateurisiertes Profitum für etwas, das nicht von oder aus uns selbst kommt, sondern aus ICD 10 und DSM 4. Geil. Much authentisch. Very insightful.
Nicht.

Das ist auch nicht, was die meisten Menschen suchen, wenn sie “Trauma” oder “Viele sein” googeln.
Die meisten suchen sich selbst oder jemanden, den_die sie kennen. Suchen Hoffnung auf Besserung, suchen Antworten auf Fragen, die sich selbst noch nicht richtig stellen können. Und so viele suchen nach Hilfe und finden doch eher unser Blog als irgendeine Stelle, die sie einfach anrufen können, um zu bekommen, was sie brauchen.

Wir können das Gesuchte mit dem, was wir hier tun, meistens in keinster Weise geben – aber mit unserer Präsenz zeigen wir an, dass sie nicht allein sind. Dass wir schon hier sind und von wo gekommen sind. Dass wir Dinge beobachten und sie gern anders hätten. Was wir worüber denken und, dass in uns mehr passiert als Elend, Not und Bedürftigkeit.

Für uns ist das viel und meistens auch genug.
Und gemessen an der Präsenz, die das Thema “Leben nach massiver Gewalt” oder “Leben nach der Missbrauchsschlagzeile” oder “Leben mit DIS” oder “Leben mit Traumafolgen nach Gewalt in der Familie” insgesamt hat, ist es ein Riesending.
Unser kleines Blog von Vielen voller Tippfehler, fehlender Satzenden und willkürlich auf die Texte gestreuselter Kommas.

Unser kleines Blog, das schon so lange da ist und bleibt und wartet und ist, wenn wir sind.
Es ist eine erhebende Erfahrung so wichtig für etwas zu sein. Wenn wir nicht wären, wäre dieser 1.241 Beiträge-Koloss nicht und das fühlt sich gut an.
Für solche Gefühle lohnt sich da zu sein.

Für das Gefühl für etwas wichtig zu sein, das dann vielleicht irgendwann für irgendjemand auch wichtig ist.

Manchmal bringt mich das Gefühl näher an Menschen.
Und dann verstehe ich, warum man allen Rechte dazu einräumt sich selbst und andere Menschen so zu erleben. So miteinander und nah.
Und warum man das sicher haben will.

Warum ich und wir uns von diesen Rechten nachwievor nicht so verbunden fühlen, wissen wir selbst noch nicht.
Vielleicht aber irgendwann.

Autismus und DIS, Die Helfer_Innen und die Hilfe, DIS?, Innenansichten, Lauf der Dinge

Therapie

Hingehen. Machen. Wieder weggehen. So einfach hätten wir das gern. Therapie.
Dieses Ding, das 15 von 30 Jahren ein Teil unseres Lebens ist und wirklich alles. Nur nicht so einfach.

Als 14~15 Jährige Jugendliche saß ich erstmals regelmäßig vor einer Psychologin. Oder einer psychologischen Beraterin, das weiß ich nicht mehr genau.
Es hat nichts gemacht. Nur gekostet.
Und zwar meine Kraft. Meine Zeit.
Weil meine direkte soziale Umgebung selbiges nicht für mich freimachen wollte oder aufbringen konnte.
Das denke ich heute als Erwachsene. Die davon ausgeht, dass es sich um eine Verlegenheitslösung handelte.
Huch, latent suizidales Mädchen, das sich selbst verletzt. Da muss man doch was tun.

Wer was tun musste, waren wir.
Hingehen, machen, wieder weggehen. Weiter machen wie bisher. Denn nichts konnte sich verändern, nur weil wir in uns allein etwas veränderten.

Wir sprachen sehr lange nicht davon in Therapie oder psychiatrischer Behandlung zu sein.
Erst als wir mit den Eltern im Auto durch die Pforte der Uniklinik mit kinder- und jugendpsychiatrischer Station fuhren, fragte ich mich, ob das, was die Mutterfrau so sauber mit “Klinik” beschrieb, die Irrenanstalt, die Klapse, die Ballerburg sei.

Heute erinnere ich dieses Gefühl des Verrats und der Verwirrung.
Denn für mich war es, als würde ich mit einem Mal zwischen zwei Welten stehen. Zwischen “Ist schon alles okay, die Klinik ist eine Hilfe” und “Nichts ist okay, ab heute bist du irre.”. Es war wie ein Film mit logischem Fehler. Dem man folgt und entgegenbrüllt: “Hallo wie unrealistisch!”
Denn alle haben das gewusst. Alle. Nur wir nicht.
Wir haben mitgemacht. Haben an uns machen lassen. Unserem Leben. Unserem Sein. Unserem Werden.

Therapie ist jeder gelenkte Prozess. Irgendwie. Auf eine Art.
Psychotherapie ist ein von psychiatrischer, psychologischer, manchmal auch psychoanalytischer Deutungs- und Definitionsmacht gelenkter Prozess.
Da haben Menschen beobachtet, Schlüsse gezogen und Verfahren entwickelt.
Da haben befähigte Menschen beobachtet, Schlüsse gezogen und Verfahren entwickelt. Weiße Menschen. Männer. Altehrwürdigen Normen und Annahmen folgen und entsprechen könnende Menschen haben beobachtet, Schlüsse gezogen. Wissenschaft konstruiert und Verfahren definiert.

Therapie ist, was die Schüler_innen dieser Menschen davon in den gemeinsamen Prozess mit ihren Patient/Klient_innen einbringen.
Patient/Klient_innen, die ab dem Moment der Diagnose, ab dem pathologisierenden Moment ihres Leidens vieles, manchmal sogar nichts mehr von dem sind, was die sind, die sie umgeben. Noch bei Verstand. Ganz bei Trost. Ganz dicht. Wie jede_r andere. Befähigt. Selbstbestimmt.

Es hat der Menschenheit keinen Gefallen getan, der zwischenmenschlichen Begegnung, an der man wächst, versteht und einander bereichert und unterstützt, diesen Überbau der Deutungshoheiten und Mächte zu geben.
Es ist nicht gut, so viele manchmal unvereinbare und allzu oft sogar persönlich unversöhnbare Schulen und Lehren zu haben.
Denn jemand, di_er jemanden sucht, um sich und die eigenen Schwierigkeiten zu verstehen, zu verändern, loszuwerden oder zu heilen, braucht eigentlich das Wissen aus allen vergangen Prozessen. Aus allen verschiedenen Grundannahmen. Aus allen verschiedenen Beobachtungen und Schlüssen.
Sonst bleibt die Selbstbestimmung unmöglich.

Als Jugendliche in der Familie, in der ich damals lebte, war Selbstbestimmung kein Begriff für mich. Und doch hatte ich es vermisst, nicht selbst auch eine Entscheidung treffen zu dürfen. Selbst bestimmen zu dürfen, wie ich mich meiner Suizidalität und all dem, was da plötzlich alles mit und in mir passierte, widmen möchte.
Ich hatte keine Angst zu sterben. Ich hatte Angst davor das, was mich da immer wieder überrollte, mein Leben lang aushalten zu müssen. Während ich nicht wusste was da eigentlich war, wieso das immer wieder passierte – warum keine meiner Anstrengungen half.

Ich war damals sehr konkret in meinem Fokus. Gegenwart. Hier und jetzt war alles schrecklich und was ich wollte, waren Lösungen für nichts anderes als das. Die Erwachsenen in meiner Umgebung waren in der Zukunft und all dem, was sein könnte, würde, wenn… Wenn das so weiter geht, nimmt das kein gutes Ende… Würde man sie nicht in die Klinik bringen, dann…

Rückblickend denke ich immer noch, dass man uns mehr mit einem wochenlangen Wandertrip, einem Projekturlaub oder ähnlichem geholfen hätte.
Raus aus der Familie*. Raus aus der Familie°. Raus aus dem Schulstress. Raus aus dem Brei der Routinen und Gewohnheiten, in ein Umfeld, in dem nicht nur eine oder zwei (Gewalt)Komponenten anders waren.

Ich habe meine Wellen der Suizidalität und Nöte aus dem Nichts heraus, erst über 2 Jahre nach der ersten Einweisung in psychiatrische Kontexte selbst verstanden. Erst mit der richtigen Diagnose und in einem sehr viel weniger hierarchischem Umfeld hatte ich überhaupt ein Wort dafür.
“Wiedererleben”. “Flashback”.
Und selbst mit diesem Begriff dafür dauerte es noch einmal 2 fast 3 Jahre bis uns die objektive Ebene dieses Erlebens zugänglich wurde. Die Kontextualisierung mit dem Thema “Trauma” passierte. Bis wir, bis ich begriffen hatte, dass nicht ich die Quelle für die Not bin, sondern, das, was mir, was uns passiert ist.

Ich weiß nicht, wie das heute ist. Was heute in Kinder- und Jugendpsychiatrien der Behandlungsstandard ist. Ob und wie dort über die Diagnosen aufgeklärt wird. Ob die Möglichkeit besteht sich selbst zu diagnostizieren und darüber in Austausch zu gehen.
Das hätte ich gut gefunden.

Wenn ich meine Theorie der tausend Hirntumore mit jemandem hätte teilen können, als ich noch minderjährig war. Oder meine Idee von einer durch die Medikamente entwickelte Veränderung der Hirnchemie. Oder die damals alles bestimmende Angst, die sich darum drehte, dass es meine Bestimmung sei immer wieder so sehr zu leiden, ohne, dass ich oder irgendjemand anders es beenden kann. Dass es mein Leben sei zu leiden, weil ich nur dafür geboren wurde.
Jedes Gespräch darüber hätte mehr bewirkt als das Schweigen oder vorsichtige Nebelfahrtenkommando um das, was mit mir war.

Auch hier  finde ich es wieder. Die Komplikation durch unsere Kommunikations- und Interaktionsprobleme. Wir haben die Menschen, die nach Familie* und Familie° am meisten Macht über uns und unser Leben hatten, so oft nicht gut genug verstanden, sodass wir nicht wirklich effektiv dazu beitragen konnten ein stabiles und zutrauensvolles Bündnis aufzubauen.
Niemand geht auf Menschen oder Dinge ein, die unklar, schwammig, flüchtig sind. Niemand.
Und doch nennt man das bei Menschen, die als krank bezeichnet werden “Behandlungsverweigerung”, “fehlende Krankheitseinsicht” oder schlimmer noch “(bindungs)unfähig” (oder “persönlichkeitsgestört” as in “gestört von der kaputten, kranken, falschen Persönlichkeit(sstruktur)”).

Natürlich sehen wir, dass manche auch einfach nichts festlegen wollten. Kinder- und Jugendpsychiatrie ist an vielen Stellen nicht viel mehr als Kaffeesatz lesen und mit Modellen aus der Erwachsenenpsychiatrie übersetzen. Und doch gibt es universelle Begriffe. Gibt es etwas, womit gearbeitet wird.
Und das sind meistens irgendwelche Grundannahmen oder Ideen, die sich in Behandler_innen entwickeln, wenn sie sich mit ihren Patient/Klient_innen befassen und auseinandersetzen.

Das sollte man vermitteln können. Und zwar so, dass eine Kommunikation darüber entsteht.
Und sich daraus ein Prozess entwickeln kann.
Das geht. Das geht immer. Nicht nur in der Psychotherapie, sondern auch in der Betreuung, der Freund_innenschaft, der liebevollen Partner_innenschaft, der Elternschaft, der Pat_innenschaft, der Beratung, der kollegialen Zusammenarbeit.
Wenn etwas geht, dann kann man es machen. Einfach so.
Das braucht keine Erlaubnis. Eigentlich. (Außer klar: wenn es jemandem schadet/gewaltvoll ist)

Und wenn doch, dann ist die Umgebung prozessfeindlich und damit keine, in der man sich länger bewegen sollte, wenn man sich weiter_entwickeln möchte.
Denn Leben ist Prozess. Immer und überall, in alle möglichen Richtungen.

Hierarchie jedoch ist statisch. Gewalt, Macht, Hoheit ist ein statisches Ding.
Es kann weder sich noch andere Dinge in Veränderungen hinein bewegen. Es kann lediglich Machtbereiche wieder_herstellen und festigen.
Was manchmal hilft, jedoch nie über gewisse Punkte hinausgeht.

Wir erleben uns oft allein mit dieser Sicht auf Psychiatrie und ihre Wissenschaften. Auf Macht und Gewalt.
Erleben uns wütend ohnmächtig in den Momenten, in denen wir sehen, wie viele Menschen sich selbst so wenig selbstwirksam erleben, dass sie Orte der Macht und Propheten der Wahrheit produzieren. Im Fall von (traumatisierten) Menschen, die schwer leiden: Kliniken und Praxen (für Psychotherapie) und Behandler_innen, deren Ansichten und Theorien unantastbar sind.

Ohnmächtige Wut hat einen großen Anteil an unseren Erfahrungen mit stationärer Therapie gehabt. Heute bin ich dankbar dafür, dass mir zu Zeiten, in denen wir immer wieder in Kliniken entsorgt wurden, nicht bewusst war, wie sehr diese Konstellationen und Gefühle, die reale Unterwerfung und globale Auslieferung, dem ähnelten, was wir in der Familie* und der Familie° üb.er(ge)lebt haben.
Heute frage ich mich, ob ich das überlebt hätte, wäre es mir bewusst gewesen. Und antworte mir mit “Nein”.

Wäre es mir bewusst gewesen, hätte ich geglaubt, es gäbe keine anderen Facetten der Welt, des Lebens, des Prozesses, des mich-selbst-wahrnehmens und Er_lebens.
Ich hätte weiterhin geglaubt, dass ich Autoritäten brauche, die mir sagen, was richtig ist und was falsch. Wer oder was ich bin. Was ich darf und kann, und wozu ich bin. Wie mein Leben sein sollte, wie meine Ansichten sein sollten, um ernstgenommen zu werden. Wie ich re- und inter.agieren sollte, um angehört und respektiert zu werden. Ich würde immer noch denken, dass es falsch ist Fragen zu stellen und alternative Wege zu gehen.

Mein Leben würde sich darum drehen, Autoritäten zu entsprechen, die mich glücklich und zufrieden zu machen versprechen.
Statt darum, herauszufinden, was ich brauche und tun kann, um mir selbst einlösbare Versprechen zu machen. Um mir selbst das Leben zu bereiten, dass ich leben will und kann und möchte.
Mein Leben wäre darauf gerichtet, mich ein Leben lang wie eine für hässlich, störend, gefährlich befundene Hecke zuzuschneiden. Es ginge immer nur um mich. Und niemals um jene, die mich als zuzuschneidend befinden. Oder um die gemeinsamen Umstände, die zu diesem Befund an mir führen.

Ich denke heute, dass wir viel Glück hatten mit unseren Therapeut_innen.
Oft genug hatten wir auch Pech, doch es gab diese drei Frauen, die uns so begegnet sind, wie wir das gebraucht haben, um das Leben als Spektrum voller Möglichkeiten und Optionen zu begreifen – und in gewisser Weise auch: zu ergreifen.
Das war nicht die Oberärztin, die sagte, wenn ich mich nicht anfangen würde zu sprechen und zu essen, würde sie mich rausschmeißen und dann könne ich ja sehen, was mit mir passiert.
Das war nicht der Chefarzt, der mir sagte, dass Kinder ihren Eltern gegenüber verpflichtet seien.
Das war nicht die Therapeutin, die uns über Monate hinweg mit Konfrontationstrainings gequält hat.
Das war nicht die Therapeutin, die wusste, dass wir aus einer Misshandlungsfamilie kamen und nur darüber sprach, was wir lernen müssten, damit ES nicht von uns provoziert wird.

Wir haben so viele Gewalterfahrungen in Kliniken gemacht. Und so wenige Erfahrungen der Aufrichtigkeit, Offenheit, Sensibilität. Des Respekts und der Empathie. Des Versuchs unsere Perspektive einzunehmen und als valide anzuerkennen. Obwohl sie maximal von der der Behandler_innen abweicht.

Da werden wir im Leben nicht drüber wegkommen.
Wir werden niemals die Genugtuung erleben, dass dieses Unrecht in irgendeiner Form aufgedeckt und von der Gesellschaft, die das zugelassen hat, wieder gut gemacht wird. Oder leichter. Oder wenigstens: weniger schlimm.
Denn das ist eine Traumatisierung, die uns nicht von einer Einzelperson(engruppe) angetan wurde. Von unglücklichen Umständen gemacht oder aus unvorhersehbaren Dynamiken heraus, sondern von der neoliberal autoritären Gesellschaft selbst, die solcherart Institutionen nur leise zu kritisieren, jedoch nicht umfassend zu reformieren und umzuwandeln im Stande ist.

Alles was wir tun können ist, zu schauen, wie wir damit leben.
Mit dem Wissen, dass das so ist. Dass das nicht nur uns passiert ist. Dass es bis heute immer wieder in ganz verschiedenen Abstufungen, doch immer dem gleichen Muster folgend, passiert. Jeden Tag. Immer wieder.
Ohne, dass es aussichtsreiche Rechtsmittel und Schadenersatzmöglichkeit für die Betroffenen gibt.

Wir müssen aber auch schauen, wie wir damit Therapie machen. Mit diesen Erfahrungen.
Wie wir heute damit umgehen, mit einer Person in Kontakt zu gehen, die mit einem einzigen Schrieb eine Bewegung auslösen könnte, die uns maximal entrechtet und unterwirft, ohne mit Widerständen oder öffentlichem Skandal rechnen zu müssen.

Wie können wir uns für ein Gegenüber öffnen, von dem wir wissen, dass es ihn gelernt hat – den Blick auf Menschen als Objekt mit diversen Eigenschaften, die man einordnen, berechnen, be.messen kann. Und dem Beruf entsprechend auch muss. Im gewissen Maße.

Welche gemeinsame Ebene können wir finden, um einen konsistenten kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden, der unsere Zusammenarbeit zu tragen in der Lage ist?

Was brauchen wir als Überlebende von Helfer_innengewalt, um Helfer_innen mehr als nur Gewalt und Eigennutz zuzutrauen?

Was macht es uns möglich, in Helfer/Behandler_innen den Menschen zu sehen, der neben dem psychologischen auch einen eigenen Blick (auf uns) hat?

Welche Maßnahmen können wir treffen, um uns vor einer möglichen Absorption im Sinne einer übergriffigen Vereinnahmung zu schützen?
Wie verhindern wir von vornherein eine Abhängigkeit?
Das waren wichtige Fragen für uns. Manche davon sind auch bis heute immer wieder mal Thema.

Für uns hatte sich viel im „Therapie machen“ verändert, als wir uns unsere Suizidalität wieder angeeignet hatten.
Das war 10 Jahre nach dem ersten Suizidversuch und 11 Jahren, in denen wir gegen sie angekämpft, sie uns verboten haben. Letztlich, weil uns niemand helfen oder unterstützen, uns betreuen oder in der Nähe haben wollte, wenn wir suizidal waren.

Sehr lange hatten wir niemanden im Leben, di_er sich uns in diesem Zustand zugemutet hat. Und als wir dann das Glück hatten, eine Therapeutin zu treffen, die das tat, haben wir lange gebraucht um das zu verstehen, zu begreifen, zu glauben. Diesem Glück folgte das Glück, dass wir unsere Intervalltherapie immer mit ihr haben konnten. Und so erleben konnten, dass sie immer irgendwie da war. Auch dann, wenn zwischen unserer Zusammenarbeit viel Zeit lag.

Es gab keine Unterschiede in den Graden, die sie sich unsere Anwesenheit und das Arbeiten mit uns zugemutet hat.
Wenn wir miteinander zu tun hatten, dann war das konstruktiv auf das ausgerichtet, was wir erarbeiten wollten. Und nicht darauf, wie lieb wir sind und wie gut wir uns anpassen können. Wie gut wir gerade Therapie (in einer Klinik) machen können.

Heute denken wir, dass das einer der wichtigsten Etappen in unserer gesamten Therapiezeit war. Diese grundlegende Ausrichtung darauf, was wir für uns erarbeiten wollen – und eben weg von der (sozialen) Performance darum herum. Auch und obwohl wir uns in einem Klinikrahmen zum Arbeiten bewegt haben.
Für uns war es heilsam zu erfahren, dass jemand di_er innerhalb dieses Rahmens arbeitet, eigene Wichtigkeiten erhalten kann. Dass die strukturellen Gegebenheiten eben nicht alleinig die Handlungsmöglichkeiten definieren, sondern auch die Menschen, die darin und damit arbeiten.

Für uns war das das Vorbild zum Umgang mit der chronischen Suizidalität, der Essstörung und all dem anderen Horror, der heute das Hintergrundrauschen unseres Lebens ist, doch damals unser Lebenszentrum war.

Wir kamen nicht auf die Idee, dass die Dinge nebeneinander stehen könnten. Dass man sowohl suizidal als auch valide und ernstzunehmen sein kann. Dass man manche Dinge nicht können kann, aber manche Dinge schon. Dass manche Überzeugungen wichtig sind, manche andere aber auch.

Es wurde uns möglich unsere Schwierigkeiten in Dialog mit den Anforderungen an uns gehen zu lassen.
Und das war ein Ding. Das war eine der anstrengendsten aber wichtigsten Übersetzungsleistungen von außen nach innen, die wir geschafft haben.

Vom Beispiel der Interaktion zwischen Klinikrahmen (Regeln, Strukturen, persönlichen Machtdynamiken) und der Arbeit an und mit Inhalten (Befähigungen, anerkannten Belastungen und Bedürfnissen) – zur Interaktion der Symptome (ausgelöst und getragen von inneren Vorgaben, Strukturen, Machtdynamiken) und den Bereichen, die sie beeinflussen (unser Körper, unser Befinden, unser Leben (in der Zukunft) ).

Bis die Traumatisierung und das Vielesein anerkannt wurde, war die Suizidalität eine Frechheit. Ein anmaßendes Verhalten, das als persönlicher Angriff auf die Welt verstanden und entsprechend abgestraft wurde. Erst mit der Anerkennung der früher immer wieder herbeigeführten Todesnähe und der unverarbeiteten Bedeutung dessen, wurde sie zur logischen Folge. Zur Reaktion, bei der es auch um Selbstermächtigung, um einen jederzeit verfügbaren Not.Ausgang, eine Entscheidung, die uns niemand nehmen darf, geht.

Heute können wir anerkennen, dass jedes unserer potenziell lebensbedrohlichen Symptome etwas ist, das uns an unsere Macht über uns selbst erinnert. Manchmal auch ausübt, wenn wir sie in unserem Leben an irgendeiner Stelle nicht ausüben dürfen und wir darunter leiden.

Einmal an diesem Punkt angekommen, ging es nicht mehr zurück.

Wir haben heute keine Toleranzräume mehr in uns, gewaltvolle Helfer/Behandler_innen (in Kliniken) zu ertragen. Weil wir wissen, dass es geht, ist da kein Raum mehr für Legitimation, sondern nur noch für Anerkennung und die Entscheidung dagegen.
Eine schwierige Entwicklung vielleicht. Denn sie macht es uns vielleicht für immer unmöglich stationäre Hilfsangebote anzunehmen.
Andererseits ist es eine Entwicklung, die darauf fußt sich gegen Dinge zu entscheiden, die nicht gut tun.
Wer weiß.
Wir lassen das nebeneinander stehen.

Es geht auch nicht mehr in Zwangslagen zurück, die um Suizidalität und Hilfen/Unterstützungen/Behandlungen herum aufgebaut werden.
Wir unterschreiben keine “Anti-Suizid-Verträge” mehr. Wir weigern uns zu versprechen, dass wir uns nicht selbst verletzen und immer unseren Teller leer essen. Wir sagen nicht zu, dass wir lieb und artig alles mitmachen, was uns angetragen wird. Wir sichern nicht zu, immer alles so zu machen, wie das von uns erwartet wird, weil man von allen erwartet, was man so erwartet.
Wir erlauben es Behandler_innen nicht mehr, uns zum Gegenstand ihrer Behandlung zu machen.

Nicht weil wir denken, wir hätten eine besondere Behandlung verdient oder weil wir uns für jemanden halten, die besser als Behandler_innen wissen, was gut für uns ist oder sein könnte.
Sondern, weil wir denken, dass man die Folgen (massiver) Unterwerfung nicht innerhalb von Kontexten, die mit (massiver) Unterwerfung einhergehen, behandeln bzw. transformieren kann. Das ist als würde man nasse Pudel unter die Dusche stellen, um sie zu trocknen.

Wir sind Aus_Handelnde geworden.
Wir können anerkennen, warum in der therapeutischen Arbeit manche Absprachen wichtig sind. Und zwar nicht nur, weil sich die Person der_des Therapeut_in damit sicherer fühlt, sondern auch, weil si_er einen Anlass zum Wunsch danach hat, der vielleicht auch gar nicht mal nur in ihr_ihm liegt.

Unser Aus.Handeln mit unserer jetzigen Therapeutin begann damit zu schauen, ob so ein Anti-Suizid-Vertrag oder Nicht-Selbstverletzungs-Gebot von uns verlangt wird, weil man das schon immer so gemacht hat (struktureller Pauschalzwang) oder weil man sich persönlich damit besser fühlt (persönliche (Macht)Aneignung) oder weil man der beruflichen Verantwortung so gut es geht nachkommen will (basale Absicherung der Arbeitsbedingungen auf einer der beiden beteiligten Seiten).
Diese Frage hat zu einem guten Gespräch darum geführt, was wann wie in welchem Ausmaß vielleicht nötig abzusprechen sein könnte.

Wir haben die Absprache, dass wir grundsätzlich suizidal sein dürfen und uns auch suizidieren dürfen – aber vorher versuchen mit ihr darüber zu sprechen um zu schauen, ob das wirklich nötig ist. Das heißt konkret, dass wir uns bei ihr melden, wenn wir merken, dass wir diese Gedanken haben und sie sich für uns sehr greifbar entwickeln.
Wir sind die Manager_innen unserer Suizidalität. Die Therapeutin ist diejenige, die uns unterstützt, wenn wir den Eindruck haben, dass wir von der Suizidalität gemanagt werden.

Das Gleiche gilt für Selbstverletzung. Wir dürfen uns selbst verletzen, sollen aber dafür sorgen, weiterhin mit ihr daran arbeiten zu können, dass es nicht mehr nötig ist. Heißt: schwere Selbstverletzungen, die Infektions- und andere Risiken bedeuten könnten, sollen medizinisch versorgt werden. Es wäre einfach ungünstig an einer Sepsis zu sterben, während man mitten in der Arbeit daran ist, keine mehr zu entwickeln…

Ähnlich ist die Absprache um Kontakte zu Menschen, die zu Täter_innen an uns wurden.
Wenn wir welchen aufnehmen, dann sprechen wir darüber, wer warum, wann wie oft worüber – um zu verstehen, wie es dazu kam und zu prüfen, ob es dann noch sinnvoll ist die Therapie weiter zu machen.
Wir haben es als unheimlich entlastend erlebt, nicht auch die Verantwortung dafür übernehmen zu müssen, wenn diese Menschen Kontakt zu uns aufnehmen oder wir über die strukturellen Abhängigkeiten, in denen wir uns bewegen, mit ihnen in Kontakt kommen.

An der Stelle nehme ich mir die Freiheit diesem sehr langen Text noch einen Absatz hinzuzufügen, der auch gut in den Text zu sogenannten “Täter_innenkontakten” gepasst hätte.
Es gibt diese Art des Kontaktes mit Menschen, die zu Täter_innen wurden, über die strukturellen Gegebenheiten, auf die manche Menschen angewiesen sind. Das begann bei uns damit, dass wir ein Jugendhilfekind waren und ist auch heute noch immer wieder ein Thema, weil wir das behinderte 30 Jahre alte Kind unserer Eltern sind, das sich nicht selbst finanzieren kann. Obwohl es das will. Und trotz noch ganz vieler weiterer Obwohls.

Wir brauchen das Kindergeld. Wir brauchen BAföG. Wir sind eine schwerbehinderte Person, die seit dem 15 Lebensjahr weder lohnarbeiten noch sparen noch mit finanzieller Unterstützung aus der entfernteren Familie rechnen kann. Wir leben nicht von EU-Rente, nicht von Krankengeld. Wir sind nicht verheiratet oder in der Situation auf irgendein Erbe warten zu können. Wir können keine Kredite aufnehmen und ein Antrag auf OEG hat keine Erfolgsaussichten.

Wir waren schon immer da, wovor die meisten Angst haben, wenn es um Trennung vom gewalttätigen Menschen/Umfeld geht und haben bis heute keine einzige Möglichkeit unabhängig von staatlich aufgezwungenem Kontakt zur Familie an Gelder zu kommen.
Das ist unser Normal und das ist schlimm.

Und doch ist es kein Vergleich zu den Jahren, in denen der Kontakt nicht daraus bestand, dass beide Parteien Post über die Ämter jener Städte bzw. der vertretenden Instanzen erhalten, sondern aus Gewalt, die ich hier nicht näher beschreiben will.

Es gibt Behandler_innen, die auf Erfolgsgeschichten hinarbeiten. Die können Menschen mit einem Hintergrund wie unserem natürlich nicht gebrauchen. Denn ein Hintergrund wie unserer bedeutet, dass man sich mit der Krankenkasse streiten können müsste, wenn man keine langen Behandlungspausen riskieren will.
Es bedeutet, eine Lebensrealität kennenzulernen, der eine – der traumatischen sehr ähnlichen! – Ohnmacht mit zuweilen existenziellen Bedrohungen, immanent ist.
Es bedeutet eine Traumatherapie zu machen, während einer der stärksten Trigger auf einer anderen Ebene nicht mit einem lapidaren: “Die Bedrohung ist vorbei – du bist sicher – du bist versorgt – du kannst heute alles selbst bestimmen und erhalten, was du brauchst.” von heutigen Erfahrungen zu trennen ist.

Eine Beobachtung, die wir gemacht haben ist, dass sich die Üblichkeit der individuellen Freiheit, mit der sich die weißen, akademisch gebildeten, gut situierten und umfänglich befähigten Menschen, die sehr oft unsere Behandler_innen waren, umgeben, am Punkt “Hartz 4” oder “Schwerbehinderung” zu einer schmerzhaft ignoranten Grundhaltung wandeln kann.

Natürlich ist nicht von allen Behandler_innen zu erwarten, dass sie sich Menschen mit einem Hintergrund wie unserem auseinandersetzen. Aber wie unaufrichtig ist in der Folge dann ein jedes Engagement für komplex traumatisierte Menschen insgesamt?

Ab einer Behandlungsdauer von über 6 Monaten ist eine Krankheit als chronisch anerkennbar. Jede chronische Krankheit kann, je nach Lebensumständen, als Schwerbehinderung anerkannt werden.
Die Behandlungsdauer von Traumafolgestörungen nach komplexer Traumatisierung? Jahre.
Rein theoretisch hat es also jede_r Behandler_in, di_er nicht nur Kurzzeittherapien mit ihren Patient/Klient_innen macht, eine schwerbehinderte Person vor der Nase.
In der Folge wäre es also ein gar nicht mal so exotischer Schritt sich näher damit zu befassen, was das für die Lebensrealitäten der Klient_innen außerhalb ihrer individuellen Belastungsreaktionen und –umgänge bedeutet. Auch und gerade in Bezug auf strukturelle Hilfen und die damit einhergehenden Abhängigkeiten.

Wir haben uns in den letzten Jahren öfter in der Situation gesehen ein “101 Bürokratie des Lebenserhaltes” geben zu müssen, weil man unsere prekäre Situation nicht nur nicht mitgedacht hat, sondern auch schlicht ignorieren wollte, weil man diese Kontexte als etwas gesehen hat, das ja so nah dran am Individuum gar nicht sein kann.
Wir können anerkennen, dass Menschen, die nicht in diesem Kontext leben, das nicht sehen und verstehen. Akzeptieren, dass man den Patient/Klient_innen die Aufklärungsarbeit zuschiebt und sich dann doch dagegen entscheidet, mit diesem Wissen zu arbeiten, nicht.

Das fließt auch in eine weitere Absprache, die wir mit unserer Therapeutin haben. Dabei geht es darum keine Gewalt in dem Raum auszuüben und/oder dort etwas (oder jemanden) kaputt zu machen.
Das bedeutet für uns beide, alle, dass wir einander nicht schlagen oder sonstwie verletzen – es bedeutet für uns aber auch, dass wir uns auf einer Ebene bewegen, auf der es nicht um Recht, Schuld oder Wahrheit geht, sondern um Beobachtung, Analyse, Verstehen und (Weiter-) Entwicklung.

Uns tut diese Ebene sehr gut.
Vor allem, weil es uns eine ruhige Basis verschafft, von der aus wir uns langsam auch Traumamaterial nähern können.

In diesem Text wäre es vielleicht sinnvoll näher darauf einzugehen, was in der Traumatherapie eigentlich passiert, aber darüber haben andere Menschen schon so viel geschrieben.
Was wir dem noch anfügen können ist, dass “darüber reden” bei uns nicht im Zentrum der Therapie steht. Wir haben nicht das Ziel alles so genau wie möglich zu erinnern, sondern genug zu erinnern, um zu verstehen, zu transformieren und uns weiterzuentwickeln.

Für uns sind Stunden, in denen (desorientierte) Kinderinnens sprechen oder wir konkret über die Erfahrungen sprechen, sehr anstrengend und immer knapp an der Kante von “zu anstrengend”. Dem folgt zu Hause und in den Tagen (manchmal auch Wochen und Monaten) danach eine Phase, in denen dann vermehrt Erinnerungsstücke zusammenkommen – über die wir manchmal sprechen (können, wollen, müssen), manchmal aber auch nicht.
Diese Phase und die Integration dieser Erinnerungen als etwas, das uns allen passiert ist, stellt den Mammutanteil unserer Therapie.
Denn trotz viel intellektuellen Verständnisses um Dissoziation, Trauma und Gewalt und der Anerkennung der eigenen Beteiligung als logischer Fakt, ist die dissoziative Kluft zum emotionalen Begreifen nachwievor an vielen Stellen unüberwunden.

In Therapie zu sein, ist uns übrigens nicht peinlich. Obwohl wir sehen, dass unsere Leistungs- und Belastungsfähigkeit von diesem Umstand abgeleitet wird und nicht von unseren Leistungen bzw. dem Umgang mit Belastungen, sind wir offen damit.
Manchmal, weil wir denken, dass es einfach ein Teil unseres Alltags ist, der zu viel Raum einnimmt, um ihn zu verbergen, meistens jedoch, weil wir nicht einsehen, Kraft für ein Versteckspiel zu Performancezwecken aufzubringen. Wer Menschen nur dann als fähig, kompetent und ernstzunehmen einordnen kann, wenn diese keine Therapie machen oder psychisch unbelastet sind, der hat, denke ich, ein Reflektionsproblem an sich.

Die Stigmatisierung von Menschen, die ihre psychischen Belastungen auf ihre Art zu kompensieren oder transformieren versuchen, ist heute so tief in der Gesellschaft wie noch vor vielen Jahren. Meiner Ansicht nach ist die Antistigmatisierungsarbeit bis heute eher mittelerfolgreich und ich sehe nicht, dass sich das ändern wird, bis sich mehr und mehr Betroffene selbstvertretend äußern, obwohl und trotz all dem, was darauf erst einmal folgen kann.

Für mich persönlich ist es schon ein Stigma als “psychisch krank” bezeichnet zu werden.
Denn ich bin nicht krank. Ich habe mich an Gewalt anpassen müssen und funktioniere nun nach dem Ende dessen nicht mehr kongruent mit meiner Umgebung. Es geht nicht um mich allein – es geht um ein Zusammenspiel von mir und meiner Lebensumgebung.
Der Begriff der Krankheit deckt das in keinster Weise ab – auch dann nicht, wenn da “psychisch” vorsteht.
Trotzdem steckt diese Begrifflichkeit in jeder – wirklich jeder! –  Anti-Stigma-Kampagne von und mit Mediziner_innen.

Ich arbeite nicht an Heilung – niemand kann mich gesund doktern. Ich muss ein (soziales) Umfeld haben, in dem ich Entwicklungsschritte machen kann, die mir helfen, mich in Einklang mit meiner Umgebung zu erleben und meine Erfahrungen zu verarbeiten.

Ich persönlich brauche die Bezeichnung “krank” nicht, um mich in meiner Belastung und meinen Leiden anerkannt zu fühlen. Ich brauche dafür Worte und Gesten, alltägliche Momente und Räume, in denen ich grundsätzlich und mit allem, was da ist, anerkannt werde.

Einer dieser Räume ist die Praxis meiner Therapeutin. Ein anderer die Räume, in denen ich mit dem Begleitermenschen bin. Ein weiterer die Räume, in denen man von meinen Belastungen weiß und sie mitdenkt, wenn man mit mir zusammenarbeitet. Ein nächster ist meine eigene Wohnung.
Gerade diesen Raum so umzugestalten, dass er unseren Bedürfnissen weitestgehend möglich entspricht, hat sehr lange gedauert – aber im Ergebnis sind wir zufrieden.

Uns ist wichtig normal zu sein. Wir wollen, dass so wie wir sind und leben genauso normal ist, wie jedes andere Leben und Sein auch.
Die Belegung unserer Hilfebedarfe mit bürokratischen Aufwendungen und Konstrukten der Pathologie jedoch, machen uns und unser Leben unnormal. Anders. Fremd. Besonders.

Wir kennen Menschen, denen das sehr wichtig ist. Weil das, was sie erlebt haben für sie ganz fremd, anders, unnormal war. Ihnen kommt dieser Umstand des Othering von Hilfe und Leiden sehr zugegen und wir können das anerkennen und akzeptieren.

Dennoch sehen wir: Gewalt ist normal. Leiden ist normal. Belastet sein und Unterstützung brauchen ist normal.
Es gibt keinen Grund für den Ausschluss belasteter und bedürftiger Menschen aus der Norm, außer irrationale Ansteckungs-, Überforderungs- und Fremdheitsängste, die meiner Ansicht nach am besten mit Bewusstseinsarbeit über die Normalität als vielseitiges Spektrum aufgelöst werden können.

Was mich zum letzten Punkt bringt.
Öffentlichkeitsarbeit für Traumatherapie und Betroffeneninitiativen.
Wir engagieren uns inzwischen schon lange bei der Initiative Phönix, die sich für eine Ergänzung der Richtlinien zur Psychotherapie einsetzt und versucht den Interessen komplex traumatisierter Menschen eine Stimme zu geben.

Uns tut diese Arbeit gut. Wir lernen immer wieder etwas Neues und haben unser Verständnis von der strukturellen Ebene um Psychotherapie und Behandlungs- und/oder Hilfenfinanzierung sehr erweitern können.
Doch wir lernen auch: ohne Behandler_innen, die uns unterstützen, geht da noch gar fast nichts und das frustriert uns sehr.

Wir sind durch Zeiten gegangen, in denen wir sehr mit der von uns angenommenen Masse der traumatisierten bedürftigen Menschen gehadert haben, weil wir sie als passiv und kleinklein gedacht haben. Heute haben wir diese Gedanken durchaus immer noch manchmal, aber wir können dem mehr Verständnis entgegenbringen.

Nicht zuletzt, weil wir ja selbst merken, dass es in manchen Kontexten nur ein kleines Blog braucht, um Menschen so sehr zu verunsichern, dass sie nur noch mit Gewalt auf eine_n reagieren können. Was da dann wohl eine ernstzunehmende Bewegung oder andere Aktivitäten von Betroffenen für Betroffene auslösen könnten … Für manche Menschen ist das ein Horrorszenario.
Natürlich bleiben die Betroffenen vor solcherart Verhalten dann lieber in ihren sicheren, meist ja auch hart erkämpften, Räumen und tun nichts oder nur geheimes, anonymisiertes, von hinten durch die Brust ins Aug- iges.

Es ist nicht falsch das zu tun. Aber es ist auch nicht die Art Rückenstärkung, die man manchmal braucht. Gerade dann wenn man, so wie wir, ja nicht einmal als Stellvertreter_in für alle Menschen mit gleichen Problemen auftritt, sondern dazu gemacht wird, weil es nicht denkbar/glaubbar ist, zu tun was wir tun, wie wir das tun.

Mir wäre es manchmal lieb, wenn Menschen zu unseren Texten Abgrenzungen von sich machen. Oder wenn wir davon ausgehen könnten, dass auf Verleumdung oder Hetze gegen uns mehr als aufdringliches Grillenzirpen zu hören ist. Oder wenn wir einfach insgesamt mehr Betroffenenprojekte und Initiativen hätten.
Gleichzeitig wissen wir, wie schwierig das ist.

Und hassen dieses Dilemma.

Umso mehr spornen wir uns dazu an, die Initiative weiterhin zu unterstützen. Es fügt unserer Auseinandersetzung immer wieder so vieles hinzu, das uns hilft konstruktiv an sowohl den Zielen der Gruppe, als auch unseren persönlichen weiterzuarbeiten.

Es ist eine Art gelenkter Prozess.
Und damit irgendwie auch: Therapie

*Text als PDF zur freien Weitergabe

Autismus und DIS, DIS?, Innenansichten, Lauf der Dinge

adultistischer Ableismus und Kinderinnens

Wir haben ein Problem an dem Umgang mit Kindern.
Das macht unsere Texte über Kinderinnens oft zu einer unflauschigen Angelegenheit.
Zu Beginn schreibe ich hier über Außenkinder, um die Abgrenzung aber auch den Bezug zu Innenkindern (Kinderinnens) deutlich erkennbar vorzunehmen.

Ziemlich stark ist in uns die Ablehnung von Kindern als “die Zukunft”.
Und richtig kirre macht uns der west-wohlstandsgesellschaftliche Blick auf Kinder, in dem sie so kostbar sind, dass man sie 24/7 fördern muss, damit sie auch nur den Hauch einer Chance haben, den übersteigerten Erwartungen und Ansprüchen der Generationen vor ihnen in irgendeiner Form nachzukommen.

Kinder können ja nix. Sie sind ja immer gefährdet. Man muss sie schützen. Man muss sie bewahren. Kinder sollen die Erwachsenen mal machen lassen, damit diese ihnen “das Beste” antun können. Damit Erwachsene noch immer mehr Gründe haben, weitere Forderungen als legitimiert einfordern können.
Und selbstverständlich wissen nur Erwachsene, was genau “das Beste” eigentlich ist.

Adultismus ist das Wort dazu.

Adultismus ist ein Kind des Ableismus und gehört also zur Familie der Scheiße-ismen, die das zwischenmenschliche Miteinander unserer Gewaltkultur vollständig durchdrungen haben.
Es geht um Macht und damit auch um Gewalt.en.
Im Falle des Adultismus, geht es um die Macht bzw. die Diskriminierungen, die erwachsene (dezidiert umfänglich befähigte) Menschen über noch nicht erwachsene (also (in der Mehrheit der Fälle) aufgrund des anderen Reifegrades anders umfänglich befähigte) Menschen inne haben und ausüben.

Diese Macht bzw. diese Diskriminierung manifestiert sich in normalisierten Handlungen, gleichzeitig aber auch in Handlungen, die gesellschaftlich abgelehnt werden.
Es ist üblich Kinder einfach so zu einzuordnen und zu reglementieren, ohne sie zu fragen. Und selbst in Familien, die Wert darauf legen, dass die Kinder ihre Grenzen selbst festlegen dürfen, gibt es X Ausnahmesituationen, in denen ebenjene Grenzen aufgeweicht werden, um etwas durchzusetzen, das als “das Beste” für das Kind verstanden wird – ohne, dass das Kind ein Bestes für sich definieren kann oder darf.

An dieser Stelle will ich nicht auf “Ja, aber Kinder können doch noch gar nicht wissen/entscheiden…” eingehen. Denn: Ja mag sein, dass ich keinen Konsens mit einem einjährigen oder dreijährigen Kind über eine Impfung aushandeln kann – aber ich muss mein übergriffiges Handeln nicht damit rechtfertigen, dass ich mehr weiß oder mehr kann, als mein Kind und leugnen, dass ich an der Stelle gerade etwas entschieden habe, weil ich das konnte und wollte und sollte und vom Gesetz zugestanden auch: durfte – und das Kind nicht.
Es ist nur ehrlich und fair, wenn ich an der Stelle transparent um mein Handeln bin und so dem Kind ermögliche (im Rahmen der zu dem Zeitpunkt bestehenden Möglichkeiten) zu erkennen, was da gerade passiert ist, um selbst eine Einordnung vorzunehmen.

Für die Kinder in dieser unserer Gesellschaft gibt so wenig frühe Chancen, die Erwachsenen um sich herum und deren Handeln auch mal scheiße zu finden, ohne selbst sofort um Leib und Leben fürchten zu müssen. Das bedeutet im Umkehrschluss auch, dass Kinder niemals in der Lage sind ganz und gar autark zu meinen oder zu finden oder zu urteilen. Und folglich auch: zu fordern oder zu wollen.
Was im Zusammenspiel mit den wenig geschätzten Fähig- und Fertigkeiten überhaupt erst zu ebenjener Abhängigkeit vom “good will” der sozialen Umgebung führt, die allgemein mit Kindern in Zusammenhang gebracht wird.

Wie gesagt: Wir müssen nicht darüber reden, dass Kinder nicht die 20 Sahnetorten haben können, die sie gerne hätten.
Aber wir müssen darüber reden, aufgrund welcher Machtstrukturen es die erwachsenen Menschen sind, die ihnen diese Sahnetorten verwehren und was das für die Realitäten der Kinder bedeutet.

Aus Kindern, die in adultistischen Umfeldern aufwachsen, werden Erwachsene, die eine spezifische Sicht auf die eigenen Fähig- und Fertigkeiten internalisiert haben und, die sie folglich immer entlang von Autoritäten oder in Abgrenzung zu versagen/scheitern/noch nicht können, definieren.
Ein Marker dafür kann die ständige Ausrichtung auf die Zukunft der eigenen Fähig- und Fertigkeiten sein.
Ein kindliches: “Wenn ich groß bin, dann …”, kann zu einem erwachsenem: “Wenn ich meine Koch- und Backskills als Masterdiplom of the universe schriftlich mit Brief und Siegel hab, dann…”, werden.

Gleiches gilt für die Bewertung eigenen Handelns.
”Wenn Mama/Papa/Lehrer_in/Doktor_in/Richter_in/Bürgermeister_in/Bundeskanzler_in… sagt, was ich gemacht hab, war gut/schlecht, dann… ”.

Adultismus ist ein wichtiges Instrument der Kontrolle über Menschen.
Im Kontext der konkret körperbezogenen Gewalt an Kindern, kommt es so zu einer ganzen Reihe von Diskriminierungsfaktoren, die auch nach der Tat bestehen bleiben und so verhindern können, die strafbare Gewalt durch Erwachsene von der legalisierten/normalisierten Gewalt abzugrenzen.

Aus so miss.be.handelten Kindern, können folglich Erwachsene werden, die zum Einen den adultistisch-ableistischen Blick auf sich internalisiert haben, zum Anderen aber auch eine diffuse Haltung gegenüber der Frage, welches Verhalten wie übergriffig ist und welches Verhalten womit zu legitimieren oder begründen sein könnte.

In der Auseinandersetzung mit Kinderinnens haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Idee vom erwachsenen Menschen eine ist, die einem Kind immer und in jeder Situation überlegen ist. Aufgrund der jeweiligen Fähig- und Fertigkeiten.

Die Schieflage ist uns gefallen, nachdem wir die gleiche Haltung uns gegenüber von Mediziner_innen und anderen Behandler_innen erlebten, die sich uns überlegen fühlten, weil sie diverse Fähig- und Fertigkeiten, als bei uns fehlend oder “krankhaft” eingeordnet hatten.
Nachdem wir in unseren früheren Lebenskontexten festgestellt hatten, dass man uns als weniger wert einordnet, weil wir bestimmte “Leistungen” nicht erbringen konnten.

Diese Parallele mit “Ableismus” beworten zu können, ist etwas, das uns heute sehr stärkt. Denn es gibt uns ein Wort für die Dynamik selbst, ohne näher an die Personen, die so mit uns interagiert haben, herantreten zu müssen.

Mit dem Verständnis des Ableismus haben wir auch ein Werkzeug zur Erkennung von Umfeldern, in denen wir sicher sind, in denen wir wachsen und werden können. In einem Umfeld, in dem wir unsere eigenen Fähig- und Fertigkeiten entwickeln können, ist genauso viel Raum zum Versuchen, wie zum Scheitern.
In Umfeldern, wo unsere Fähig- und Fertigkeiten beobachtet werden, um anhand von Leistungs- und Beurteilungsschemata eingeordnet zu werden, gibt es weder Versuchen noch Scheitern. Dort gibt es eher “Daumen hoch” oder “Daumen runter”, wie damals in Cäsars Arena. Was einer DER Trigger für komplex traumatisierten Menschen ist.

Für einen komplex traumatisierten behinderten /Menschen/ mit Behinderungen ist letzteres Szenario also zwangsläufig wie eine durchgehende Gewalterfahrung(swiederholung).
Denn sowohl die Gegebenheiten, welche die Behinderung letztlich verursacht, als auch die Traumatisierung, die gewisse Anpassungen abverlangt (und ihrerseits zu Gegebenheiten führt, welche Behinderungen (mit)verursachen), erfordern häufig Leistungs- und Beurteilungsschemata, die anders aufgebaut sind, als jene, die an Menschen ohne diese Eigenschaften angelegt werden.

Im Ableismus ist der normale Mensch, dem man mit Respekt und unter Wahrung seiner Würde begegnet, “gesund”, “reif”, “kognitiv umfassend befähigt”, “körperlich voll funktionsfähig”.
Das “gesund”, “reif”, “kognitiv umfassend befähigt” und “körperlich voll funktionsfähig” behinderter Menschen – aber auch von Kindern – ist grundsätzlich ein anderes. Jedoch nicht, weil geforderte Leistungen auf einem anderen Weg erbracht werden – nein. Die Notwendigkeit einen anderen Weg zur Erbringung einer Leistung gehen zu müssen, ist bereits ein Ausschlusskriterium von der Norm.

Mich hat diese Erkenntnis damals schockiert. Nicht zuletzt, weil sie mir damals schon – mit 14/15, als wir zum ersten Mal in einer KJP untergebracht waren – aufzeigte, dass mir die kleine Welt, in der ich lebte, ein Ort ist, der mich wegstößt, isoliert und als noch einmal anders, als ich mich selbst anders erlebte, wegsortiert. Nur, weil meine Art mit dem umzugehen, was mir passiert war, ein anderer Weg war, als der von all den anderen tausenden Menschen, die das Gleiche jeden Tag erlebt haben.

An dieser Stelle ein kurzer Ausschwiff.
Wir haben vor Jahren einmal einen Artikel geschrieben, in dem wir sagten, dass es im “DSM-Rosenblatt” keine Krankheiten gibt, sondern nur Reaktionen.
Heute würden wir sagen, dass wir keine Krankheiten sehen, sondern Reaktionen und spezifisch begründete Wege zum Ziel.
Gesundheit ist ein ableistischer Machtbegriff. Gerade, weil in der Betrachtung dessen, was als “krank” (aber auch “behindert”) gilt, weder die Menschen als grundsätzlich variable Basis, noch ihre Er_Lebenswege als unterschiedlich begehbar anerkannt und angenommen werden.

Hinzu kommt die Problematik, dass kritische Bildung in Psychologie, Psychiatrie und Medizin so leicht zu umgehen ist.
Ans akademische Ziel kommt es sich bequemer, wenn man die eigenen (ableistischen, sexistischen, rassistischen…) Annahmen als gegeben und einzig verifizierbar etabliert.
Das heißt: wenn man sich eine Idee macht und dann nur noch nach Beweisen dafür – und nicht dagegen – sucht.
Kritische Bildung (also eine Idee zu entwickeln und alle Hinweise dafür und/oder dagegen in die Ergebnisse fließen zu lassen) könnte zu Wisssenschaftler-/Behandler_innen führen, die zu arbeitsintensiven Forschungs-/Diagnose- und Behandlungsphasen führen.
Oh Schreck.

Kapitalismus und wirtschaftlich orientierte Räume, wie Krankenhäuser und andere Orte psychiatrisch, psychologischen oder medizinischen (wissenschaftlichen) Wirkens mögen sowas gar nicht.

Aber auch der zwischenmenschliche Wettkampf um Egostreichelei und Reputation spielt eine Rolle.
Turbo-Abi mit 17/18 – im OP-Saal eine Aorta abklemmen mit 25 – tollster Retter aller Zeiten mit 35. Auf dem Klassentreffen mit 40 die Person, die reden kann, wie es vor ein paar Jahrzehnten nur 70 – 80 jährige Rentner_innen konnten. Nach dem Tod eine Institiution für Generationen sein.

Viel ist viel – viel ist aber nicht zwangsläufig “viel Gutes”.
Geschweige denn: “nicht gewaltvoll” im Sinne von “nicht diskriminierend”.
Um viele Patient_innen durchzuschleusen, muss man menschlich wie fachlich bestimmte Aspekte diskriminieren. Das geht nicht anders.
Schwierig ist jedoch, dass es dabei um Menschenleben und Individuen geht. Wenn man daran etwas abschneidet, verstößt man gegen das Prinzip weder Leid noch Schaden an seinen Patient_innen zu machen.
Und sichert sich damit selbst die Arbeit bis zum Ende der Karriere.

“Nachhaltige Gewaltwirtschaft” nennen wir das.

Wer daraus aussteigen will, muss sich selbst zurückstellen. Muss sich auf die Kernelemente des menschlichen Lebens konzentrieren. Muss in der Lage sein, seine Arbeit zu kritisieren, ohne sich selbst dabei gekränkt zu fühlen. Muss sich mit Gewalt und ihren Formen außerhalb von „schlagen, foltern und beschimpfen“ befassen. Muss sich selbst als jemand an.erkennen, di_er Gewalt ausübt, ohne in den reaktiven Täter-Opfer-Dyadismus zu verfallen.
Muss langsam bleiben.

Ausschwiff Ende.

Als mir zum ersten Mal gesagt wurde, ich hätte mich wie ein kleines Kind verhalten, ohne dass ich mich daran erinnern konnte, verfiel ich in den eigenen internalisierten Ableismus: “Ich muss mich mehr zusammenreißen. Besser funktionieren, mich besser kontrollieren, meiner Entwicklung in Richtung “erwachsen sein” stärker nachgehen.”.
Und versagte.

Ich war 16 Jahre alt, in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie und wenn ich eines nicht über mich und mein Leben hatte, dann war es Kontrolle. Und Verstehen. Und Ruhe oder Freiraum mich selbst unter nicht ableistischen Aspekten wahrzunehmen.

Die Diagnose der DIS wurde gestellt, eine Dauermedikation mit Tranquilizern wurde begonnen (diese sollte erst 5 Jahre später enden) und ich (wir) entwickelten alle möglichen Kontrolletti“krankheiten” (eine restriktive Essstörung, neue zwanghafte Anwandlungen, sehr strikte Vermeidungsmoves in der psychotherapeutischen Gesprächstherapie).

Auftauchende Innenkinder waren (sind) für mich der absolute Kontrollverlust. Die Rückmeldung von Außenstehenden darüber, eine nicht nur peinliche, sondern mitunter auch sehr demütigende Situation. Denn wo Außenkinder als nicht kompetent und bestenfalls süß (harmlos) und amüsant gelten, da gelten Kinderinnens wie eine Art Beweis für die “in Wahrheit” bestehende Inkompetenz, Harmlosigkeit und Berechtigung belächelt zu werden, einer gleichzeitig doch erwachsenen Person.

Erst als wir mit einer Therapeutin zusammenarbeiteten, die respektvoll und mit einer grundlegend offenen Haltung – trotz all der ableistischen und anderen Gewaltdynamiken um unsere gemeinsame Arbeit herum! – auf uns alle, die wir Innens in diesem einen Menschen sind, zuging, konnte sich das alles ein bisschen auflösen.
Bei ihr und auch bei der Therapeutin, die heute mit uns arbeitet, hatten wir nie das Gefühl, dass Kinderinnens nichts beitragen können. Oder ein aufreibender Quirk sind, der unnötig Zeit und Raum erfordert. Sie haben uns durch ihren Umgang vorgemacht, welche Sicht wir noch auf sie haben können und wie ein damit kongruenter Umgang aussehen kann.

Das ist so ein Aspekt, den wir oft nicht bewusst bei Behandler_innen (aber auch Verbündeten und sogar selbst Betroffenen) sehen. Es gibt einige, die Liebe und Fürsorge für Kinder(innens) “predigen”, aber Harmlosigkeit und Inkompetenz (die zu leiten/managen/kompensieren ist) dem eigenen Umgang zugrunde legen.
Also adultistische Interaktion vorleben bzw. fordern.

Dazu gehört zum Beispiel die Annahme, dass Kinderinnens nur bestimmte Dinge wollen oder brauchen könnten. Zum Beispiel spielen oder umsorgt werden.
Dazu gehören aber auch Forderungen danach, dass man nur mit erwachsenen Anteilen/Innens zu sprechen verlangt. Oder nur erwachsene Anteile/Innens zu sprechen erlaubt. Oder auf einer Station in einer Klinik verbietet, dass Kinderinnens irgendwo anders als heimlich ausnahmsweise in einzeltherapeutischen Settings sind.

Solche Forderungen sind im Kontext vom Bemühen um den effizienten und reibungslosen Klinikalltagsablauf, unter unmöglichen personellen und anderen strukturellen Gegebenheiten natürlich nachvollziehbar.
Unter dem Aspekt dessen, was Patient_innen mit so schweren Traumafolgestörungen brauchen, um von der Therapie_Zeit zu profitieren, jedoch nicht.

Im Gegenteil offenbaren solche Forderungen ein Verständnis der Dynamiken innerhalb dissoziierter Systeme, das nicht vereinbar ist mit dem, was die Diagnosen letztlich überhaupt erst definiert.
So ist das Verbot irgendwelcher Wechsel bei Menschen, die ihr ganzes Leben mit Wechseln jeder Art gerettet haben und deren Diagnose genau davon gekennzeichnet ist zu wechseln, wie das Verbot zu husten, wenn man Tuberkulose hat: irrational, sinnlos, ableistisch gesagt: strunzendumm.

Und: es reduziert die Personen selbst zur alleinigen Quelle ihrer Probleme und macht die Behandler_innen (und andere umgebende Personen) zu unbeteiligten Dritten und Räume wie Kliniken oder Praxen zu „neutralen“ Orte, die sie niemals sind und niemals werden können!

Doch gerade bei Traumafolgestörungen handelt es sich um Reaktionen auf Umfelder.
Um Anpassungsmechanismen, die nach Umfeldsveränderungen mehr oder weniger plötzlich dysfunktional sind.
In eine Klinik zu gehen bedeutet eine Umfeldveränderung.
In eine Praxis für Psychotherapie zu gehen bedeutet einen Umfeldveränderung.
In eine Selbsthilfegruppe zu gehen bedeutet einen Umfeldveränderung.
Neue Personen bedeuten eine Umfeldveränderung.

Für manche Behandler_in ist die Information, dass auch sie Akteur_innen im Leben(sabschnitt) ihrer Patient_innen sind, mehr oder weniger flash news.
Die sie von sich weisen (müssen).
Weil “professionelle Distanz”.
Statt “Anerkennung zwischenmenschlicher Beziehung in definierten Grenzen”.

Auch an der Stelle taucht manchmal wieder eine adultistisch-ableistische Grundannahme auf: “Jemand di_er als Kind so gelitten hat, dass si_er Kinderinnens entwickelt hat, braucht eine Art der Fürsorge und Nähe, wie sie im Kontext der Behandlung/Pflege unangemessen (“von mir nicht leistbar”) ist.”.

Die bei Außenkindern als notwendig anerkannte bedingungslose Globalfürsorge, wird bei Erwachsenen mit anderen Befähigungen (also Behinderungen oder Krankheiten) zu etwas, das nicht kritisch hinterfragt wird, sondern als mit oder von der Person ausgehende An_Forderung, die angenommen und/oder vorausgesetzt wird.

Das bedeutet für Menschen mit DIS, die (noch) oft zu Kinderinnens wechseln, dass sie nicht als erwachsene (befähigte) Person, die mit kindlicher Strategie auf etwas reagiert, gesehen wird, sondern als Person, die im Kern (auch) noch kindlich ist (oder schlimmer: sein will, weil sie ihr Umfeld kontrollieren oder manipulieren will).

Für uns haben sich Umfelder als hilfreich bewährt, die sich selbst als auch Wechsel/Flashback/Problem auslösende Quelle verstanden haben bzw. verstehen.
Denn ihr Umgang mit diesem Selbstverständnis liefert uns Ideen und Verhaltensblaupausen zum moderaten Umgang bzw. zur alternativen Strategieentwicklung für uns selbst.

Von Menschen, die dysfunktionales Verhalten einzig abstrafen und zu kontrollieren abverlangen, können wir auch nur lernen, unser dysfunktionales Verhalten abzustrafen und zu kontrollieren abzuverlangen.
Von Menschen, die andere Wege (als die eigenen, oder die der Mehrheit der Menschen) zum Ziel für unnormal, krankhaft, falsch, nervig … halten, können wir auch nur das übernehmen.

Von Behandler_innen wird nicht zuletzt deshalb auch ein grundsätzlich wertschätzender, anerkennender, respektvoller Blick bzw. wertschätzende, anerkennende, respektvolle Grundhaltung auf Klient_innen/Patient_innen abverlangt. Da geht es nicht darum einander zu mögen oder gut zu heißen, was die Personen jeweils tun. Da geht es darum, einander nicht zu demütigen oder herabzuwürdigen, weil man ist, wie man ist.

In einem früheren Artikel beschrieben wir Kinderinnens als eine Art innere “apokalyptische Reiter”.
Noch heute betrachten wir sie so.
Wir wissen, dass das Auftauchen eines Kinderinnens bei uns niemals für eine gute innere Gesamtverfassung spricht.
Immer geht es darum, sich (uns) so in Not und Bedrängnis oder innerer Inkongruenz zu erleben, dass ein früherer Zustand eintritt, der nur noch ganz spezifische Strategien zur Aufrechterhaltung des Lebens oder der Kommunikation – und Interaktion möglich macht.
Dieser Zustand ist es den wir mit “Kinderinnen” oder “Innenkind” bezeichnen.

Menschen, die nicht viele sind, können dazu sagen: “Ich fühle mich, als wäre ich wieder ein Kind.” – denn sie erinnern sich daran, wie es war ein Kind zu sein. Sie leben nicht mit einer umfassenden dissoziativen Amnesie für die eigene Biografie und können ihre inneren Zustände weniger fragmentiert erinnern.

Wir jedoch haben vermutlich schon als Kind dissoziiert er_lebt und erinnert. Entsprechend sind solche (erinnerten) Zustände fragmentiert und erlebt.
Durch das Zusammenspiel der fragmentarischen Wahrnehmung und immer wieder nötigen Dissoziation haben sich daraus Ich-Zustände entwickelt. Also etwas, das wir heute als “konsistentes Ich” also “Innens” bezeichnen.

Das bedeutet für uns in der therapeutischen Arbeit, dass wir uns nicht als eine Person, die in manchen Aspekten “unreif/kindlich/weniger befähigt” ist, sehen, sondern als Person, die unterschiedliche Zustände aus Zeiten der relativen Unreife/Kindlichkeit/weniger ausgeprägten Befähigung nicht kongruent und umfassend assoziiert.

Dieser Unterschied ist für uns ein wichtiger Punkt in er Therapiearbeit gewesen.
Denn lange saßen wir einem Missverständnis auf, das uns viele Jahre gekostet hat.
Man sagte uns (teilweise auch einzelnen von uns) immer wieder und wieder, wir müssten die Kinderinnens (aber natürlich auch alle anderen Innens) als Teil von uns akzeptieren und integrieren.
In unserem Verständnis bedeutete dies: Uns damit abfinden, dass wir ein fragmentierter und also immer irgendwie unfähiger, unreifer Mensch sind, der nicht in der Lage ist, jemals irgendwie kontinuierlich befähigt zu sein, wenn wir das nicht endlich mal begreifen.

Nun kann es sein, dass wir aufgrund unseres autistischen Strickmusters einfach sehr anfällig dafür sind, so fatale Missverständnisse über so unkonkrete Sprache zu entwickeln.
Daneben besteht jedoch durchaus auch die Möglichkeit, dass man sich als Behandler_in, gerade bei so diffizilen Diagnosen wie der DIS und DDNOS, die mit ihrem psychoanalytischen Überbau und der ganzen anderen Historie der Deutungshoheiten, sowieso schon immer irgendwie bedeutet, mit einem Bein in der Unglaubwürdigkeit oder dem Skandal zu stehen, lieber einmal mehr zu schwammig/waberig/unkonkret ausdrückt, als zu viel.

Auch hier wieder eine Stelle für flash news: Wo geraten werden muss, da kann falsch geraten werden – und wenn Menschen sich selbst ein Rätsel sind, dann hilft weiteres Rätselraten in 100% der Fälle nicht weiter.

Uns sind Behandler_innen, die das Rückgrat zum Fehler machen haben, in jedem Fall lieber, als “wischiwaschi irgendwie so durchschlängel-Künstler_innen”, denen das eigene Ego und die eigene Reputation am Ende wichtiger ist, als die Ergebnisse der Zusammenarbeit mit ihren Klient_innen.

Heute haben wir Kinderinnens als Marker für unseren allgemeinen Orientierungsstatus und als Informationsträger für bestimmte Strategien in unsere innere Arbeit inkludiert. Das heißt: Wir haben sie nicht als Teil von uns integriert, sondern als Teil dessen, was wir für unser (Über-) Leben zu leisten fähig sind.

Dass wir sie nicht als Teil von uns integriert haben, hat den einfachen Grund, dass wir nachwievor keinen umfassenden Ich bzw. Selbstbegriff haben, der uns alle umfasst, weil neben dem intellektuellen Erfassen von einander, noch kein emotionales/inneres/tieferes Begreifen und “natürliches” (also “unangestrengtes/unbewusstes”) Assoziieren von einander steht.

Wir sind nicht “Eine mit vielen” – wir sind “viele Eine mit vielen”. Ein Selbst haben wir nie entwickelt.
Es hat in unserem Fall also keinen Sinn, Kinderinnens als etwas zu sehen, das sich von einem Kern abgeleitet entwickelt hat und ergo zurück in diesen Kern hineinentwickeln könnte.

Unser Weg ist der, unsere Fähigkeiten jeweils miteinander zu erfassen, zu synchronisieren, miteinander kompatibel zu machen, gut zusammenarbeiten zu lassen und irgendwann vielleicht zu sehen, dass bestimmte Systeme zu einem System verschmelzen. Und dann mit einem anderen. Und dann mit einem nächsten.
Wenn sich daraus dann ein Kern entwickelt – dann können wir über die Anerkennung und Integration von Anteilen in diesen Kern sprechen.
Bis dahin besteht unser Kern aus dem Körper selbst als kleinster gemeinsamer Nenner.

Unsere Art Kinderinnens mit ihren Fähig- und Fertigkeiten in die innere Arbeit und auch Teile des Alltags zu integrieren, sieht wie folgt aus:

– wir analysieren die Situationen, in denen sie aufgetaucht sind, auf mögliche Trigger
– diese Trigger analysieren wir in der Therapie auf Missverständnisse (fehlerhafte Assoziationen traumatischen Materials, die die Ausentwicklung der Zustände zur Folge hatten, die wir heute als Kinderinnens wahrnehmen)

– wir versuchen herauszufinden, wie sie sich verhalten haben, welches Bild sie von sich und der Welt haben
– wir besprechen diese Dinge in der Therapie, um uns ihrer Perspektive anzunähern (um ihre Perspektive auf bestimmte Situationen, allgemein mitbedenken zu können, um Missverständnissen aktiv vorbeugen zu können)

– wir setzen uns mit Ableismus und Adultismus auseinander und arbeiten daran internalisierte Grundannahmen über unsere Fähig- und Fertigkeiten durch konkrete Selbsterfahrung zu revidieren oder zu ergänzen oder zu falsifizieren
– wir folgen Impulsen kindlicher Begeisterung und Neugier bzw. begleiten sie mit der Absicht sie durch unsere erwachsene Außenpräsenz (und damit auch den Rechten und Privilegien, die wir als erwachsene Person haben) zu unterstützen
(Konkreter formuliert: wenn wir merken, dass ein Kinderinnen etwas im Außen spannend findet, dann widmen wir uns dem spannenden Ding gemeinsam und ermöglichen die Auseinandersetzung damit als Person, die das auch darf – nicht weil sie erwachsen ist, sondern, weil man da etwas wahrgenommen hat, das man spannend findet)

– wir schützen unsere Kinderinnens vor adultistischen Übergriffen außenstehender Personen (“Oh wie süß ein Innenkind!”)
– wir schützen unsere Kinderinnens vor der Idee, sie wären “das Kind, dass wir nie sein durften”
– wir bieten unseren Kinderinnens Raum sich auszudrücken (in der Therapie, in der Freizeit, in Bereichen des Alltags, wo wir nur für uns funktionieren und Verantwortung tragen müssen)

– wir öffnen uns für ihre Erfahrungen, als Erfahrungen, die wir gemeinsam gemacht haben, obwohl es sich in den meisten Fällen nicht so anfühlt

Kinderinnens sind kein amüsantes Feature in Menschen, die viele sind.
In vielen Fällen sind autark nach außen agierende Kinderinnens der Grund, weshalb Menschen, die viele sind, überhaupt in psychiatrische Einrichtungen oder Psychotherapie müssen. Daran ist nichts amüsant oder niedlich.

Wir haben ein Kinderinnen, das sich tot stellt, wenn es sich (uns) zu stark von Menschen bedrängt erlebt.
Es gibt ein Kinderinnen, das Dinge erst isst, wenn sie so verfault sind, dass Maden drin rumkriechen.
Wir haben Kinderinnens, die Menschen nur anstarren und darauf warten miss.be.handelt zu werden.

Nichts daran ist süß. Keinem von ihnen hilft es betüddelt  und mit Liebe überschüttet zu werden. Sie brauchen völlig andere Räume und Wege, um sich überhaupt der Idee annähern zu können, dass ihr Er_Leben heute auch ein anderes sein könnte.
Da reicht oft auch nicht unser 10 km Waldwanderweg, auf dem wir uns einander nähern und der Welt bekannt machen.

Bei unseren Kinderinnens geht es um das 24/7 zu haltende Bewusstsein, dass sich (selbst) zu fühlen variabel und innerhalb bestimmter Grenzen von Zeit und Raum passieren kann. Dass Dinge und Erfahrungen einem_einer nicht einfach nur passieren, sondern auch selbst gemacht werden können oder selbst verhindert werden können. Dass es Kontexte gibt, in denen Verantwortung und verschiedene soziale Fertigkeiten eine Rolle spielen.
Adultistischer Ableismus verhindert jedoch genau diese Erfahrungen systematisch.

Deshalb wollen wir nicht, dass irgendjemand unsere Kinderinnens oder das was sie tun, für süß, niedlich oder harmlos hält.
Wir wollen, dass andere Menschen wissen, dass sie befähigt sind.
Dass sie Wege und Ziele kennen.
Dass sie Geschichten und Perspektiven auf den Lauf der Dinge haben.
Genauso wie wir erwachsenen Innens.

Sie haben den gleichen Respekt und den gleichen Anteil der Therapiearbeit verdient, wie wir.

 

* Text als PDF zur freien Weitergabe

Die Helfer_Innen und die Hilfe, DIS?

Sprechverbote und “täterloyale” Innens

Eine weitere Frage war, wie mit “täterloyalen” Anteilen/Innens umzugehen sei. Und was man tun solle, wenn sie zu sprechen verbieten.

Auch hier würde ich damit anfangen den Begriff “täterloyal” genauer anzusehen. Und zu fragen, wer diesem Innen/Anteil dieses Wort zugeteilt hat. Und warum. Denn es deutet ja auf zweierlei hin:
1. “nicht in Raum und Zeit orientiert” (siehe: “Wann ist jemand als Täter_in zu bezeichnen und wann vielleicht besser nicht”)
und 2. “nicht opfer- oder zeugenloyal” (also spezifisch (wert)gebunden)

Wir sehen es oft, dass Innens, die sich einer Psychotherapie kritisch gegenüberstellen oder überhaupt auch nur irgendwas, was ein anderer Teil des Systems zu akzeptieren und integrieren versucht, ablehnen, sofort als “täterloyal” oder (eigentlich fast noch schlimmer) “noch im Trauma” verortet werden.
Das ist ein gewaltvolles Vorgehen und sollte nicht passieren.
Weder von Außen, noch von Innen.

Innens/Anteile sind Selbst- und/oder Seinszustände einer Person.
Ich stelle hier nicht zur Diskussion inwiefern man hier von “es sind Menschen” oder “es sind Persönlichkeiten” sprechen könnte, sollte oder müsste.
Was man erforscht hat und immer wieder sieht ist, dass Menschen mit komplexen dissoziativen Traumafolgestörungen diese Zustände als “sehr anders” und manchmal auch als so sehr anders, dass man denkt/glaubt/überzeugt ist/denken könne, es wäre “jemand anders”, erleben und beschreiben.
Und, dass Außenstehende diese Veränderungen ebenfalls beobachten/wahrnehmen können. Und zwar immer wieder.

In unseren Texten über und aus uns selbst, beschreiben wir unsere Sicht auf uns selbst und stehen dabei auch nur für uns und unser Er_Leben.
In diesem Text nehme ich zeitweise die Perspektive einer außenstehenden Person ein, die sowohl “Viele” sieht, als auch “Eine_n mit verschiedenen Anteilen”.
Im Folgenden verwende ich “Innens” synonym für “Anteile”.

Innens mit Adjektiven zu belegen kann verlockend sein. Gerade wenn es um ein System mit vielen Innens geht, erscheinen definierende Begriffe hilfreich, um einen Überblick zu behalten. Doch was ist das für ein Vorgehen? Es ist sortierend und ordnend. Es ist ein- bis maximal zweidimensional.
Innens jedoch sind Zustände. Mehrdimensional erlebte Zustände, wie das Sein im Leben selbst.

Mit einem Begriff wie “täterloyal” legt man etwas fest. Loyalität ist jedoch keine unveränderliche/unbewegliche/starre Eigenschaft. Loyalität ist das Ergebnis einer Bindung an Werte und/oder Personen oder auch Institutionen. Es ist eine Art Erfahrungsergebnis.
Das bedeutet, dass so etwas wie Loyalität nur durch die Dimension der Zeit, der Bewegung… in einer Richtung und der Ausdehnung (Entwicklung) möglich ist.
Entsprechend: 4 Dimensionen, die nicht dann aufhören zu wirken, wenn ein System in Therapie geht oder für einen Ausstieg/Kontaktabbruch entscheidet.

Persönlich bemühen wir uns darum einander zu beschreiben, wenn wir mitteilen wollen, wer oder was wir sind bzw. als wen oder was wir uns selbst sehen und/oder wahrnehmen. Das kann sprachlich anstrengend und frustrierend sein, hat sich jedoch als weit weniger verstümmelnd und auf lange Sicht die Innenarbeit erleichternd herausgestellt.

So beschreiben wir Innens in etwa so:
– Heidi
– erlebt sich
– als X Jahre alt
– ordnet sich Geschlecht * zu
– findet A, B, C wichtig
– macht D, E, F,
– will G, H, I,
– hat Absprache J, K, L, zugestimmt
– lehnt Absprache M, N, O ab
– schlägt Absprache P vor
(- hat Geschichte XY)

Durch dieses Muster können wir einander besser in unseren Gemeinsamkeiten und Unterschieden erkennen.
Wir können sehen, dass wir manchmal die gleichen Ziele haben, obwohl wir einander als fremd und autark erleben und unterschiedliche Motivationen haben, diese Ziele zu erreichen. Vor allem aber können wir uns über die Grenzen eines Gut-Böse-Dyadismus hinweg bewegen.
Trotz unterschiedlicher Wertbindungen und Ansichten können wir zusammenarbeiten und so Raum für einander eröffnen.
Manchmal auch Räume, in denen wir uns die wahren Loyalitäten (im Sinne von Wert_Bindungen) von Innens näher ansehen können.

Wir haben festgestellt, dass wir keine wirklich “täterloyalen” Innens unter uns haben. Sehr wohl aber abhängige, absolut gehorsame, unterworfene Innens, die keinen Widerstand gegenüber Gewalt ausübenden Personen und ihren Forderungen aufbringen oder aufgebracht haben und damit okay sind.
Manchmal, weil sie dissoziiert sind von der Not, die mit der Unterwerfung einher ging und manchmal, weil sie die Not für wichtig/notwendig halten.

Der Begriff “Loyalität” beschreibt eine freiwillig eingenommene Haltung gegenüber Werten und damit einhergehend auch Menschen oder Institutionen, die diese Werte vertreten.
Nun ist zu fragen, wie viel Freiwilligkeit möglich ist, wenn Menschen in Situationen sind, in denen die (auch nur vorgetäuschte oder affektiv reaktiv vorgenommene) Werteübernahme belohnt wird. Zum Beispiel damit nicht zu sterben, nicht verletzt zu werden, nicht (mehr) gequält zu werden. Oder damit Anerkennung von einer sozialen Gruppe zu erfahren und eine bessere Lebensqualität genießen zu dürfen.

Ich halte es für wichtig bei der Kontaktaufnahme mit Innens, die sich an Werte gebunden fühlen, die von Menschen vertreten wurden/werden, die zu Täter_innen wurden, nicht “das Opfer im täterloyalen Innen” zu suchen. Auch dieses Vorgehen kann sich wieder nur im Täter-Opfer-Dyadismus bewegen und damit verstümmelnd wirken.

Der Weg zu einer Kontaktaufnahme und einem Austausch kann schwierig sein.
Früher konnten wir uns überhaupt nur schwer vorstellen, welche Möglichkeiten wir, außer den Gesprächen mit der Therapeutin und unseren eigenen Tagebuchaufzeichnungen, noch haben könnten, um einander zu begegnen und kennenzulernen.
Inzwischen hat sich die aufrichtige Auseinandersetzung mit “unseren Themen” als übliche Alltags- und Freiheitspraxis bewährt.

Wann immer wir Dinge tun, ob das nun Projekte sind oder alltägliche Notwendigkeiten, tun wir das mit aktivem Bewusstsein darum, aus welchen Gründen und für welche (höheren) Ziele wir sie tun. Daraus entsteht immer wieder ein innerer Austausch darüber, in welcher Zeit, in welchem Raum, aufgrund welcher Privilegien oder Limits, welchen Vorwissens und aus welchen Überzeugungen heraus, wir tun, was wir tun (weil wir es heute tun können).
So entsteht eine gewisse Verankerung in der Gegenwart bei gleichzeitig hoher Transparenz der Werte und Motivationen, die wir in dem Moment vertreten.

So entsteht aber auch Arbeit. Arbeit an Angst, an Irritation, an Desorientierung und auch neuen gemeinsamen Zielen aufgrund geteilter Werte.
Es vergeht kein Tag mehr, an dem wir uns nicht damit auseinandersetzen, was manche Innens als verboten, als falsch, als schlimm oder gefährlich erleben bzw. einordnen. Und sei es nur, dass es darum geht, ob wir eines der fünf Grundbedürfnisse dieses Körpers erfüllen dürfen/können/sollten/möchten – oder nicht.

Das ist etwas, das wir lange nicht so durchgehend gemacht haben.
Oft, weil die Kraft gefehlt hat oder der Mut. Manchmal, weil es Ängste gab, die durch nichts und von niemandem gelöst wurden. Lange auch, weil die Vermeidung nicht aufgegeben werden konnte. Und häufig auch, weil der Alltag insgesamt so überfordernd war, dass die etablierten Mechanismen der Dissoziation das Alltagsbewusstsein erneut stark fragmentierten.

Über diese Auseinandersetzung kommen wir nicht mehr umhin eine gewisse Konsequenz in unserem Handeln und Re_Agieren zu entwickeln.
Eine, die nach Außen manchmal als “kompliziert” oder “anstrengend” wahrgenommen wird und uns in soziale Situationen bringt, die von Isolation geprägt ist. Letztlich jedoch konnten wir in den letzten Jahren auch die Erfahrung machen, dass soziale Isolation oder anders ausgedrückt “Dinge anders als andere zu machen” bei aller Not daran, erheblich leichter zu er_tragen ist, wenn es im Innen eine große Kongruenz um die Richtigkeit/Okayheit dessen gibt.

In einem Fall, in dem eine Kongruenz nicht hergestellt werden kann – zum Beispiel wenn Innens eine Therapie ablehnen oder Sprechverbote durchsetzen wollen – entsteht ein Konflikt, den man sich näher ansehen muss.
Es hilft nicht, wenn man Systeme zum “Sprechen trotz Verbot” ermutigt, weil man den hier vertretenen Wert nicht hinterfragt.

Innens, die Werte und Wollen von Menschen (weiter) vertreten, die ihnen (oder dem Körper) Gewalt angetan haben, tun das immer aus Gründen. Und die meisten dieser Gründe haben etwas mit Wert- und sozialen Bindungen zu tun.

Gerade bei Sprechverboten haben wir uns angewöhnt zu fragen, worüber genau wir nicht sprechen sollen.
Einfach schon um klar zu machen, dass es viele Dinge gibt, die man im Laufe eines Tages aussprechen könnte. Man könnte über das Wetter sprechen, aber auch über Dinge, die man früher einmal erlebt hat.
Manchmal bewegt sich schon durch das Aufzeigen der vielen möglichen Optionen, die heute in diesem Leben in relativer Freiheit existieren, etwas bei den Innens. Manchmal ist das nur Irritation. Zum Beispiel wenn sie sich selbst noch in einer Situation verorten, die von Zwang und Gefahr geprägt ist.
Manchmal ist das aber auch Neugier auf Worte. Gerade dann, wenn ein Innen nicht mehr Worte kennt, als jene die es früher gehört hat oder die vom ihm zu sagen verlangt wurden.

Durch unsere Frage danach, was genau wir nicht aussprechen sollen, gehen wir in Kontakt mit diesen Innens. Das ist etwas, dass sie oft nicht kennen.
Innens, die immer wieder durch Appelle, Verbote, Drohungen, Mahnungen, “Slogans”, Ein-Satz-Konstruktionen allgemein auffallen, kennen den Dialog häufig nicht. Sie sind (nicht immer!) das Ergebnis von Situationen, in denen keine Resonanz, kein Mit- oder Nachdenken über die eventuell vorliegenden Gefühle und Absichten der anderen Person, möglich oder erlaubt war.

Sie haben oft etabliert “wie es läuft” – nämlich eingleisig. Eine Person sagt was, die andere Person folgt ihr. Egal, worum es geht, egal, wie die Lage konkret ist, egal, wie das eigene Befinden oder die eigenen Fähigkeiten sind. Antworten, eigene Gedanken, eigene Gefühle, eigene Werte waren oft irrelevant. Und also oft nicht einmal selbst bewusst gemacht oder erforscht – geschweige denn Neugier darauf entwickelt/erlaubt.

Hier kommt der Aspekt der Mehrdimensionalität von Innens allgemein wieder ins Spiel.
Selbst wenn sie ein- oder zwei dimensional erscheinen, so sind sie es doch häufig nicht. (Ausgenommen hier  evtl. States und andere dissoziative Fragmente des Ich oder Selbst) Ihnen nur entsprechend ihrer Erscheinung zu begegnen, bringt sie um die Chance sich gänzlich zu erfassen oder eine Idee von einer Gänze zu entwickeln. Und also auch sich selbst als entwicklungsfähig zu erleben.

Kontaktaufnahmen und Einladungen zum Dialog sind jedoch nicht alles.
Man kann sich das in der Wirkung vielleicht gut übertragen auf die eigenen Reaktionen auf Werbeprospekte und Emails mit Einladungstexten: nicht alles möchte man beantworten, manches erscheint krude und potenziell betrügerisch und manchmal hat man schlicht keine Nerven für irgendetwas mehr, als das eigene. Ähnlich kann es Innens gehen, denen zwar viel daran gelegen ist sich und den eigenen Vorstellungen Raum zu verschaffen, jedoch nicht gelernt haben, dass es Antworten, (Wider-) Worte oder Rückfragen geben kann. Miteinander.

Miteinander kann man auch über konkretere Wege als Worte herstellen.
Bei uns funktioniert konkretes Handeln/Machen am besten. Dinge, die einer gewissen Planung bedürfen, eine Finanzierung für Materialien und auch bestimmte Fähig- und Fertigkeiten erfordern, binden relativ viel von unserer insgesamt zur Verfügung stehenden Aufmerksamkeit und Energie.

Zu Beginn war davon nicht viel da. Wir hatten (und haben heute noch manchmal) nur sehr kurze Konzentrationsspannen und eine geringe Frustrationstoleranz. Doch die Wiederholung hat sich gut ausgewirkt.

Standen wir früher sehr lange im Laden für Bastelbedarf und trafen dann Entscheidungen, die wir bereuten, weil sie sich zu Hause als nicht passend herausstellten, tauschen wir uns heute zu Hause schon aus, wissen auf wessen Meldungen wir warten müssen, wissen, wer uns daran erinnern muss, dass wir etwas tun (wollen), das wir besser nicht tun sollten… Wir wissen, was uns erwartet, wenn wir nicht auf alle diejenigen warten, die irgendwie – und sei es nörgelnd, schimpfend, drohend am Rand stehend – mitbekommen haben, dass wir überhaupt etwas tun wollen.

Und wir wissen, wann es nur im Chaos enden kann Dinge zu tun. Vor allem Dinge, die Menschen, die uns früher verletzt und ausgebeutet haben, nicht gut heißen würden oder könnten. Allein schon, weil wir bestimmt haben, sie zu tun.
Darum hilft es uns insgesamt ein bisschen mehr, als nur tiefenpsychologische oder psychoanalytische Literatur zur eigenen Diagnose bzw. Traumafolgen insgesamt zu lesen.

Mit einem Verstehen der inneren Vorgänge kann man sich sicher fühlen und glauben, dass das alles irgendwie schon klappt, wenn man solche Innens einfach nur gekonnt überzeugt oder sie sehen/spüren/mit_erleben lässt, wie frei man heute ist und wie überholt und evtl. unnötig ihre Wortbeiträge sind.
Mit dem Verständnis der körperlichen Reiz-Reaktionsmöglichkeiten aufgrund der geleisteten Anpassung an toxischen Stress jedoch gibt es einen weiteren Weg zum Begreifen der Perspektive und eigenen tatsächlich vorhandenen Handlungsoptionen.

Zum Beispiel haben wir verstanden, dass uns unser Alltag an vielen Stellen überreizt und überfordert. Heute erheblich weniger als früher und doch genug, um zu sehen, dass die Bereitschaft unseres Körpers in einen traumaassoziierten Zustand zu fallen (also in eine der drei Richtungen von Flucht, Kampf oder Starre) nachwievor besteht. Und wir also schauen müssen, dass wir, so oft es geht, aktiv das mittlere Erregungslevel zu erreichen bzw. zu halten versuchen.
Dieses fühlt sich für uns wie folgt an:

– wir können gut zwischen Vordergrund und Hintergrund trennen
– wir sind motorisch sicher
– wir können Kontexte erkennen

– wir können kreativ sein
– wir können planvoll handeln
– wir können uns mit mittlerer Anstrengung verbal mitteilen (und erleben die Sprache mit dem was wir sagen wollen kongruent)

– wir können uns Texten widmen, die sowohl Worte als auch Zahlen beinhalten
– wir können Sachverhalte herleiten und verstehen (lernen)
– wir haben weniger Probleme uns auszurechnen, wie es anderen Menschen geht

Im Hyperarousel (Übererregung) tendieren wir zu Wechseln (was in der Stress-Trias vielleicht bedeutet “Fähig zu Kampf oder Flucht trotz Starre”).
Darüber verliere ich schnell mein Alltagsbewusstsein. Erlebe mich und meine Umwelt eher fragmentarisch, wenn überhaupt.
Wir haben insgesamt die Tendenz sehr schnell sehr viel körperliche Energie aufzubauen und dann doch an geistige Beschäftigung oder Navigation zu verlieren. So hat sich in der Vergangenheit oftmals eine schwierige Mischung aus massiver Erschöpfung und körperlicher Übererregung entwickelt. (Was als Trigger für Innens aus früheren Gewaltsituationen wirkt und Wiederholungen des Erlebten durch die eigene Hand zur Folge haben kann)

Im Hypoarousel (Untererregung) tendieren wir ebenfalls zu Wechseln, verbleiben dort jedoch meistens in einer Art stumpf stillen Starre.
Es gibt nichts, was die Aufmerksamkeit zieht, es gibt kein konsistentes Ich, kein Wir.
Ohne äußere Unterstützung dauert so ein Zustand eine ganze Weile. Währenddessen tun wir aber auch nichts.

Für uns ist es hilfreich um diese drei Level zu wissen. Zu wissen, wann wir sie erreicht haben. Zu wissen, dass sie im Rahmen unserer neuro-biologischen Reaktions.Möglichkeiten liegen.
Auflösend und entwicklungsfördernd haben sich jedoch die Schritte erwiesen, die uns unsere Beeinflussungsmöglichkeiten dieser Zustände zu begreifen und erleben möglich gemacht haben. Gerade in der Auseinandersetzung mit Innens, die schwierige Forderungen an uns stellten/stellen.

Uns stresst es sehr, wenn die Therapeutin will, dass wir mit ihnen Kontakt gehen. Gerade, wenn es Angst vor diesen Innens gibt. Gerade, wenn es um Innens geht, die nicht nur im Innen wirken, sondern auch nach außen aktiv sind.
Das sind die klassischen drei Engel für Traumascheiße: Überforderung, Stressschleifen aus Selbstverletzung, Selbsthass, Desorientierung um eigene Freiheiten und das Gefühl der Alternativlosigkeit/Ohnmacht/Hilflosigkeit

Es ist für uns besser uns an die Dinge zu erinnern, die uns entspannen, stärken und beweglich  machen. Und konkreter: die Handlungen, die uns entspannen, stärken und beweglich machen.
Was klingt wie eine sinnlose Phrase ist: “Mach doch einfach öfter mal einen Spaziergang/ Sport/ fernöstliche Bewegungsdinger/ Gartenarbeit/*”
Es klingt wie ein Hohn, wenn man da steht mit dem Schrei im Kopf, dem Puls im Hals und dem Gefühl, dass es nie wieder aufhören wird – aber am Ende ist es ein Schritt, den man machen kann. Und dann noch ein Schritt und dann noch ein Schritt.
Oder, wenn man nicht laufen kann, ein Anschieben und dann noch ein Anschieben. Oder eine Hantel hoch, dann die andere. Oder, wenn man gar nichts von allein bewegen kann, eine Hand (eine Körperseite) stimulieren lassen, dann die andere.

Bilaterale Stimulation finden Gehirne megageil. Es entspricht ihrem täglichen Reizverarbeitungsworkflow und wenn man etwas tut, das zufällig genau das viel fordert und ansonsten eher nicht viel daneben, dann können Kapazitäten für mehr frei werden. Mehr Empfinden. Mehr Beweglichkeit (seelisch wie körperlich). Mehr Gefühl für die eigenen Kräfte.

Wir haben, durch unsere Hündin und das Glück eines Wanderwegs auf einem Stück unseres Schulwegs, jeden Tag etwa 10 Kilometer nur für uns und bilaterale Stimulation. Auf diesen 10 Kilometern haben wir unsere inneren Konferenzen und den freien, ruhigen (immer gleichen also vorhersehbaren) Raum für Innens, die noch nie Bewusstseinsräume dafür frei haben konnten, dass es sowas gibt. Bewegung, Licht, die Option zu gehen oder stehen oder sich hinzusetzen oder ein Tier (NakNak*) zu beobachten (ohne etwas tun zu müssen) oder unter sicherer Anleitung zu berühren, zu füttern, Wasser anzubieten oder den Boden unter sich zu fühlen oder Fotos zu machen oder Bäume, Blätter, Früchte anzusehen, anzufassen… oder in Kontakt/Dialog mit etwas/jemand aus dem Inneren zu sein.

Was klingt wie eine dieser furchtbaren rettungsromantischen Szenen in Filmen um Menschen, die zu Opfern wurden, ist für unsere Innenarbeit jeden Tag sehr wichtig. Es reicht nicht solche Erfahrungsräume mal hier und mal da zu haben. Wir brauchen das jeden Tag. Manchmal auch öfter. Einfach, weil wir nicht nur ein Mal im Leben erfahren haben, dass die Welt zerbrechen kann und plötzlich gar nichts mehr ist, wie man glaubt, dass sie es sei.

Wir wissen nicht, wie viel davon von Innens wahrgenommen wird, die Sprechverbote oder andere Limitierungen durchsetzen wollen.
Wir wissen aber, dass viele andere Innens – nicht zuletzt wir, die wir im Alltag aktiv sind – es wahrnehmen und erstarkt daraus hervorgehen. Manchmal auch soweit erstarkt, dass wir über die wahrgenommenen Forderungen aus dem Innen in der Therapie sprechen können.
Und dann darüber sprechen können, von wem wir das wahrnehmen. Und wann.
In der Folge können wir beobachten, ob Aspekte unseres Alltags als Auslöser funktionieren und wie wir sie sichern können.
Manchmal hat es schon geklappt, dass sich solche Innens auch selbst in die Gespräche über ihre Forderungen einbringen konnten.

Überwiegend aber setzen wir auf Entschärfung der Notwendigkeit für Forderungen nach Schweigen.
Wir machen unsere Therapie nicht, um Menschen oder Geheimnisse (Ereignisse) zu verraten, sondern um zu verstehen, welche Ereignisse und Menschen für uns bzw. einzelne Innens so wichtig/dramatisch/grauenhaft/abstoßend/erhebend/befriedigend/* waren, dass das Viele sein sich daraus entwickelt hat bzw. entwickeln musste.
Das ist ein wichtiger Dreh.
Wir machen die Therapie und unser Leben nicht für andere Menschen oder in Richtung anderer Menschen und Werte. Es geht primär nicht darum etwas nach Außen zu bewirken, sondern nach Innen. Was dann auch Aus.Wirkungen nach Außen haben kann, aber nicht muss.

Die andere Seite von Sprechverboten sind also nicht nur die im System, die sich dadurch begrenzt und in Not fühlen, sondern auch die, zu denen nicht zu sprechen gefordert wird.
Unsere Therapeutin erinnert uns immer wieder daran, dass wir nichts aussprechen müssen, was von innen verboten ist oder zu viel Kraft erfordert rauszubringen. Uns hilft das in Balance zu bleiben und nicht aus Versehen oder aus einer inneren Rücksichtslosigkeit heraus Grenzen zu überschreiten, die anderen Innens wichtig sind. Aus Gründen, die wir uns vorgenommen haben zu verstehen.

Für uns ist auch wichtig, dass die Therapeutin wie ein Blinddarm unserer Schilderungen funktioniert.
Existent aber nicht agierend.

Unsere Erfahrungen hatten schon genug Aus.Wirkungen auf uns und unser Er_Leben. In der Vergangenheit und in unserer Gegenwart und vermutlich auch noch ein ganzes Stück in unsere Zukunft hinein. Für uns wäre es unerträglich, würde die Therapeutin einer anderen Person von unseren Erfahrungen erzählen. Nicht nur, weil es ein Bruch unserer Absprachen wäre.
Es wäre auch eine Weitergabe der Gewalt und Not, die wir durch unser Überleben und Verarbeiten zu transformieren versuchen.

Wir wollen etwas aus den Erfahrungen machen und benutzen die Therapie als Raum, sie innerhalb bestimmter Grenzen von Zeit, Raum, emotionaler Beteiligung und Begleitung, zu veräußern und kontrolliert wieder in uns aufzunehmen, um eine Verarbeitung vorzunehmen.
Würde die Therapeutin sie nehmen und mit anderen Menschen teilen, wäre das Gewalt an uns. Auch, wenn wir das nie erfahren würden. (Vielleicht mag man an dieser Stelle einmal kritisch darüber nachdenken, was es bedeutet, wenn wir als Betroffene Bücher von Therapeut_innen lesen, in denen Erfahrungen ihrer Klient_innen geschildert werden. Wir sehen dort einen gewaltvollen Umgang mit Gewaltüberlebenden/-erfahrenen, der nicht kritisiert oder skandalisiert wird, weil “Hilfe” und gute Absichten mit im Spiel sind.)

In diesem Text schreiben wir sehr selbstverständlich von Psychotherapie als Raum zur Auseinandersetzung mit Erfahrungen und dem Inneren.
So ganz selbstverständlich ist es jedoch für viele nicht in Therapie zu gehen oder sein oder zu bleiben.
Geschweige denn überhaupt einen guten Platz für sich zu finden und so lange, wie er gebraucht wird, behalten zu dürfen.

Persönlich kommt es für uns nicht mehr in Frage, über Erfahrungen und Innens/Inneres zu sprechen, wenn wir ohne psychotherapeutisches Back-up sind.
Für manche Betroffene “reicht” eine gute seelsorgerische Begleitung oder eine psychologische Beratung oder eine (sozial-)pädagogische Begleitung.
Für uns geht das nach diversen Helfersystemcrashs und mehr Bewusstsein um die enormen Kraftaufwendungen, die es für diese Formen der Begleitung oft braucht, nicht mehr.

Auch das ist ein wichtiger Aspekt im Umgang mit Innens, die Limits durchsetzen wollen, die früher einmal wichtig waren.
Sie werden ihre Forderungen verstärken, je mehr sie spüren, dass das System als ganzes überlastet ist.
Und ja, es kann überlasten hochmotivierte, jedoch nicht gut aus- fort- und weitergebildete Begleiter_innen im Leben zu haben. Die keine Super-, Inter- oder Fallsupervision in Anspruch nehmen. Die strukturell bedingt nicht einmal ansatzweise kontinuierlich und zuverlässig da sein können. Die eine eigene Gewaltgeschichte nicht genug reflektiert und transformiert haben.

Dabei ist es irrelevant, dass “man ja sonst niemanden hat”. Dabei ist auch irrelevant, dass die Person “doch ihr Bestes gibt und das ja noch nie jemand vorher getan hat”. Dabei ist auch irrelevant, dass “man doch schon viel Schlimmeres durchgestanden hat”.
Zu viel ist zu viel und wenn es eins gibt, worauf man zu achten anfangen muss, wenn sich irgendetwas verändern soll, dann ist das an genau dem Punkt achtsam zu sein.

Ein Trauma ist niemals das Ereignis selbst.
Es ist das Zuviel, dass dieses Ereignis bedeutet (hat).

Innens, die toben und fordern zu tun, was sich für sie vielleicht sogar als lebensrettend ausgewirkt hat, können beim Umgang mit allem Zuviel, dass das Leben heute bietet, die besten Verbündeten sein, die man sich auf dem Weg der Verarbeitung vorstellen und wünschen kann.

Wenn man mit Ihnen Bündnisse eingeht.

*Text als PDF zur freien Weitergabe

Die Helfer_Innen und die Hilfe

die Fragen zu “Täter_innen.kontakt” und noch ein bisschen mehr

“Täterkontakt” ist eines der Worte, die im Kontext komplexer Gewalterfahrung bzw. komplexer Traumatisierung nach Gewalt auftauchen und immer wieder Thema sein können.
Einige Fragen dazu haben mich neulich erreicht und während ich darüber nachdachte, wie sie gut zu beantworten seien, entspannen sich darauf mehrere Aspekte, auf die ich nun näher eingehen will.

Täterkontakt.
Worum gehts da eigentlich?

Ganz zu Beginn ein rosenblattscher Wortklaub.
“Täter_in” ist eine Person nur dann, wenn sie sich akut/konkret in einer Situation befindet, die von Täter-Opfer-Dynamik gekennzeichnet ist. Das Gleiche gilt für “Opfer”.

Außerhalb so einer Situation ist eine Dynamik gegeben, die mit anderen Worten besser zu erfassen ist.
Zum Beispiel “Name der Person, di_er Gewalt ausgeübt hat” oder “Name der Person, die Gewalt durch … /in Form von … (üb)erlebt hat” oder oder oder

Ich halte es für wichtig, weder sich selbst auf den Opferbegriff zu reduzieren, noch die Person(en), die Gewalt ausgeübt hat (haben) auf Täter_innenschaft.
Täter_innen wie Opfer sind Menschen. Individuen. Und beide Begriffe können dieselbe Person beschreiben. Je nachdem welche Perspektive man auf ein Ereignis einnimmt, in dem diese Dynamik herrschte.

“Täterkontakt” ist also einer dieser Begriffe, den man sich vielleicht übersetzen muss, um sich bewusst bzw. umfassend damit zu beschäftigen.

Komplexe Gewalterfahrungen sind dadurch gekennzeichnet, dass es um Gewalt im direkten sozialen Umfeld geht. Um Gewalt, die vielleicht erst später als solche begriffen wird (und vorher “einfach so dazu gehört hat”). Um Abhängigkeitsbezüge, die nicht eigenständig aufgelöst bzw. verlassen werden können. Und um Erfahrungen, die über einen längeren Zeitraum hinweg gemacht werden. In unterschiedlicher Erfahrungsqualität, variierenden Umfängen, Dynamiken und unterschiedlicher Schwere.

Es kann bei dieser Form der Gewalt im Konkreten also um Inzesterfahrungen gehen, aber auch um das Leben in einem Kriegs- und Krisengebiet oder Partner_innenschaftsgewalt.
Manchmal spielen (Pseudo-)Religion oder (politische/weltanschauliche) Ideologien eine Rolle. Manchmal organisierte Kriminalität.

So erklärt sich vielleicht besser, warum mir die Auflösung des Täter_innen- und Opferbegriffes wichtig sind.
In der eigenen Familie erlebt man als Kind gewaltvoller Eltern, sowohl die Gewalt als auch die vielleicht manchmal liebevollen Eltern.

Je enger der soziale Bezug ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit beides, wenn nicht alles, was man sich vorstellen kann durch und oder mit einer Person zu erleben.
Was für eine Verstümmelung an den eigenen Erfahrungen wäre es also, sich in der späteren Auseinandersetzung nur auf eine Rolle einer Person zu besinnen, um eine eigene Entscheidung zu treffen?

Im Folgenden beziehe ich mich nur auf Gewalt in Familien, in denen Inzest und oder organisierte Gewalt eine Rolle spielt bzw. gespielt hat und den Fall, dass eine Person mit komplexer PTBS oder ähnlicher Diagnose damit konfrontiert ist, “den Täterkontakt” zu beenden.

Auch hier ist wieder wichtig das Spektrum zu sehen.
Geht es darum keine Post mehr zu öffnen oder jeden Tag zum Essen rüber zu gehen?
Geht es darum immer wieder verletzt, ausgebeutet und selbstbestimmter Entscheidungen beraubt zu werden oder darum, dass die Eltern, die Gewalt ausgeübt haben und weiterhin ausüben wollen, ökonomische bzw. allgemeiner: strukturelle Hebel ansetzen könnten (z.B. Kindergeld einbehalten, BAföG-Verfahren verzögern, Versicherungen kündigen etc.), wenn sich das Kind/die strukturell abhängige erwachsene Person verweigert?
Sind die Personen, die unerwünscht Kontakt aufnehmen auch die Personen, die körperliche Gewalt ausüben?

Der Kontakt zu Personen, die Gewalt ausgeübt haben (und eventuell auch immer wieder ausüben (wollen)) kann unterschiedlich aussehen und unterschiedliche Auswirkungen haben.
Diese Auswirkungen bewusst als solche zu spüren und zu kontextualisieren, steht für manche Menschen zu Beginn im Vordergrund.

Wir begannen unsere Entfernung vom Elternhaus mit 15/16 Jahren.
Nach jedem Brief, jedem Päckchen, jedem Telefonat habe ich mich schlecht gefühlt. Traurig. Schmerzvoll. Obwohl da nie etwas trauriges oder verletzendes drin stand. Oft sogar Geschenke beilagen.
Ein zwei Tage später wurde ich unruhig. Unzufrieden mit mir, meiner Umgebung, den Dingen, die ich eigentlich mochte. Bis ich Gedanken hatte wie: “Ich bin zu Hause einfach besser aufgehoben.” oder “Meine Eltern sind besser zu mir als diese Leute hier.”. Gedanken, die ich üblicherweise nicht hatte.
Tatsächlich waren Gedanken an meine Eltern wirklich kaum vorhanden, seitdem wir das Elternhaus verlassen hatten.
Vielleicht ist das ein Anteil pubertärer Abnabelung, sehr wahrscheinlich aber auch logische Folge des Bezugspersonenwechsels.

Für mich (uns) war es wichtig die Verbindung zwischen “Post von den Eltern” zu “es geht mir nicht gut und plötzlich sind da Gedanken, die vorher nicht da waren” herzustellen. Vor allem, weil sich diese Gedanken im Laufe der Zeit und unserer Versorgungslage auch in ihrer Dringlichkeit veränderten.
War das Helfernetz unzuverlässig, hatten wir Konflikte, waren in irgendwelchen wie auch immer gelagerten Nöten, wurden die durch Post ausgelösten Gedanken zu Wahrheiten, denen zu entsprechen sich immer mehr Druck aufbaute.

In meinem (unseren) Fall hatte sich eine destruktive Schleife entwickelt.
Wir konnten dem Druck nicht nachgeben und ihn häufig auch nicht mit_teilen, ohne uns noch schlechter zu fühlen. Zum Beispiel, weil damalige Therapeut_innen in solchen Momenten mit Bewusstseinsarbeit um traumatische Erfahrungen in der Familie anfangen wollten, obwohl das der denkbar schlechteste Zeitpunkt war.
Es kam zu Selbstverletzungen, suizidalen Episoden, mehr und mehr Psychosomatik.
Das Prinzip “Schmerz für Erleichterung”, das schon vorher etabliert war, nahm Züge einer Selbsthilfe an.

Es hat sich für uns als hilfreich herausgestellt über Selbstverletzung und suizidale Momente zu sprechen. Nachdem sie passierten waren.
In akuten Situation waren uns andere Menschen selten eine Hilfe eine Selbstverletzung zu verhindern. Selbst wenn sich Menschen viel Zeit für uns genommen hatten um eine affektive Selbstverletzung zu verhindern, so war es unser Wissen um die Besonderheit viel Zeit mit anderen Menschen (in unserem Fall Betreuer_innen der Jugendhilfe oder auch Krankenschwestern einer Klinikstation) haben zu dürfen, die ihrerseits schwierige und teilweise unaushaltbare Spannungszustände auslösten. Denen wir damals nur mit Selbstverletzung begegnen konnten.

Es war und ist bis heute hilfreich für uns, nach Selbstverletzungen ganz konkret und sachlich über die auslösenden Gedanken und erlebten Dynamiken zu sprechen. Wir haben Protokolle für diese Momente eingeführt, um unsere Annahmen von Schuldigkeit und Rechtfertigung von körperlicher Versehrung zu falsifizieren.
Folgende  Spalten hatten wir in diesem Protokoll:

  • Was war direkt vorher,
  • Was war in den letzten zwei Wochen,
  • Welche Art der Selbstverletzung gab es,
  • Wer (im Innen) hats gemacht/gewollt/für wichtig befunden,
  • Worum ging es in dem Konflikt (aus dem der Druck entstand),
  • Was hätte helfen können (Ausgedacht als “Was wäre wenn”- Szenario ohne Rücksicht auf Umsetzbarkeit)

Es hat Jahre des Täter_innenkontaktes gebraucht um zu erkennen, dass es immer wir bzw. immer der mit uns verbundene Körper war, der an dem Konflikt um die Trennung von der Herkunftsfamilie gelitten hat. Und nicht die Familie. Und auch nicht die Familie*.
Das ist nicht nur deshalb bitter, weil es hier um viele Jahre ging, die wir auch schöner und insgesamt konstruktiver hätten nutzen können, sondern auch, weil es für diesen Schritt in unserem Fall wirklich den Kontakt zu diesen Menschen gebraucht hat.

Denn:
Unser Konflikt entspann sich immer wieder durch die Aktualisierung des Themas “Herkunftsfamilie” und “Verlassen der Herkunftsfamilie und die Konsequenzen”. Jede weitere Kontaktaufnahme durch fremde Dritte war danach ein leichtes Unterfangen.

Es ist ein Fehler Menschen, die sich von nahen Gewalt ausübenden Personen getrennt haben (oder aus Kriegs- und Krisengebieten geflüchtet sind) zu sagen, dass jetzt alles besser sei und immer besser werden würde.
Macht das nicht. Das ist eine Lüge. Immer.

Egal, wie schlimm, wie krass, wie umfassend die Gewalterfahrung(en) war(en) – darum herum gab es Leben, gab es soziale Bindungen, aber auch Wertebindungen und individuelle Überzeugungssysteme. Es hilft nicht, die Vergangenheit so schwarz wie möglich zu zeichnen (vor allem, wenn die betreffenden Personen noch überhaupt nichts darüber mit.geteilt haben!) um die Gegenwart in den neuen Kontexten und die Zukunft reizvoller und verheißungsvoller wirken zu lassen.

Je krasser der Unterschied zwischen Früher und Jetzt ist, desto mehr Fliehkräfte können sich in einem Konflikt wie unserem entwickeln.
Und eins muss man einfach als Fakt sehen: die Betreuungs- und Unterstützungsangebote für Menschen in diesen Situationen sind nicht ausreichend, um solche Dynamiken gut aufzufangen bzw. von vornherein aufzulösen.

Um das zu illustrieren nehme ich eine unserer Für und Wider-Listen aus dem Jahr 2004.
Da waren wir 18 Jahre alt, hatten 1,5 Jahre Kinder- und Jugendpsychiatrie hinter uns, 3 ziemlich furchtbare Wochen in einer Akutwohngruppe für Jugendliche und 5? Monate andere Kinder- und Jugendpsychiatrie. Unser Besitz war von einer Bulliladung auf 3 Kisten zusammengeschrumpft, in der letzten Klinik hatte man uns emotional wie körperlich miss.be.handelt. Die Mutterfrau war eingeladen worden und gekommen. Die Betreuer_innen der Akutwohngruppe hatten uns angelogen und verraten.

Wir lebten in einer Stadt (in einem Bundesland), in der wir nichts und niemanden kannten. In einem Zustand, in dem die Vorstellung von der eigenen Zukunft nicht über “gleich” hinausging, ohne zu einer Fantasie zu werden, die immer auch ein Früher beinhaltete. Und zwar das Früher, in dem es uns gut ging. Mit den Eltern. Den Geschwistern. Den Großeltern. Onkeln und Tanten. Der Familie* und ihren Versprechen.

Für (in der Einrichtung bleiben)
– ich kann nicht wieder nach Hause – irgendwo muss ich ja sein

Wider (in der Einrichtung bleiben)
– ich gehöre nach Hause
– zu Hause wär ich kein Jugendhilfekind
– es könnte wieder so werden wie früher
– ich wär wieder bei … [Freund_innen in der Herkunftsstadt]
– zu Hause kenne ich alles
– zu Hause wär ich normal und könnte schlafen

Gerade den letzten Punkt möchte ich unterstreichen.
Denn dieser Aspekt ist neben allen Loyalitäts- und Zugehörigkeitskonflikten wichtig: es ist unfassbar anstrengend und zermürbend in so einer Situation zu leben. Und dabei ist schon nicht mitgemeint von Dritten weiterhin misshandelt und ausgebeutet zu werden.

Da ist die nahsoziale Achse auf der man versucht sich zu binden und abzusichern (und dabei vielleicht scheitert, weil man sozial inkompetent unter sozial inkompetenten ist und von bezahlten Bezugspersonen eher gemanaged als umsorgt wird) und da ist die fernsoziale Achse auf der das Stigma von “psychischer Krankheit” und “Jugendhilfe” wirkt und wirkt und wirkt.

Da ist aber auch eine Achse der Klasse.
Für uns war die Jugendhilfe auch ein Sprung ins Prekariat aus dem wir bis heute nicht wieder rausgekommen sind. Prekariat ist das hübsche Wort für arm.
Arm sein ist anstrengend. Und ungesund. Armut bedeutet Limitierungen. Und wo Limits sind, da haben es Menschen, die Versprechen machen extrem leicht.

Sich immer wieder gegen die Versprechen und für die Limits zu entscheiden ist etwas, das nicht einmal gut situierte, sicher gebundene, gut ihre Behindernisse ausgleichen könnende Personen immer gut schaffen. Nun setze man an diese Stelle eine kindjugendliche Person, der es sowohl objektiv als auch subjektiv schlechter geht.

Die Versprechen der Leute, die wir nicht kannten kamen nicht nur von der Seite der Menschen, die uns ausgenutzt haben. Versprechen haben uns auch Klinikkontexte, sogenannte Freund_innen und die Schule gemacht.

Und für uns war jedes Versprechen eine Wahrheit. Alle haben uns immer wieder dazu gebracht Entscheidungen zu treffen, die wir in ihren weiterreichenden Konsequenzen kaum überblicken konnten und zum Teil auch nie vorhersehbar waren.

So machten wir den Realschulabschluss ohne Gefühl und Wissen um die eigenen Fähig- und Fertigkeiten, geschweige denn Selbstbild in einem Beruf.
So ging die Gewalt an uns weiter, ohne Problem- und Unrechtsbewusstsein oder Selbstbild als Opfer_Täter_in.
So gingen wir über Jahre in therapeutische Zusammenarbeiten und hatten nichts weiter als ehrliches Ziel als: Ich will, dass es mir besser geht.
So kämpften wir uns durch Jahre, in denen wir versuchten, irgendwo zwischen Herkunftsfamilienkontakt und dem therapeutischen Verbot desselben in Balance zu bleiben.

Die Ruhe um sich selbst zu sichern (und damit zurecht zu kommen) und das Ausmaß an Miteinander durch Begleitung und Neukontextualisierung der vielen neualltäglichen Erfahrungen hat kein einziges der Hilfsangebote, die wir in Anspruch genommen hatten leisten können.
Weder Betreuung, noch Therapie, noch Klinik, noch irgendeine Einzelperson.

Das bedeutet: Der Abbruch von Täter_innenkontakt ist für abhängige (weil erkrankte oder behinderte) Personen oft nicht nur die Entscheidung gegen Gewalt an sich, sondern auch gegen eine Quelle von Dingen, für die an anderer Stelle überhaupt nicht gesorgt wird.

Das Leben ohne Täter_innenkontakt (und damit auch: ohne weitere Erfahrungen bestimmter Gewaltformen) ist also auch immer eines dem etwas fehlt.
Wir nennen das “Frei_von_heit”-Leben und sind bis heute – 10 Jahre nach dem Ausstieg! – damit beschäftigt es zu füllen bzw. herauszufinden, was ein passender Ersatz sein könnte oder ob vielleicht gar kein Ersatz nötig ist, sondern vielleicht eher ein Umbau.

Wir haben oft den Eindruck, dass sich Helfer- und Behandler_innen dieser Dimension des Lebens von Betroffenen organisierter bzw. komplexer (Familien-)Gewalt nicht klar sind, wenn sie Täter_innenkontaktabbruch zur Bedingung ihrer immer* zeitlich, räumlich und emotional begrenzten Unterstützung/Hilfe machen. (*Ernsthaft: immer! Professionelle Hilfe ist die, die klare Grenzen hat!)

Es ist nachvollziehbar, dass eine Person ihre komplexe PTBS nicht therapeutisch bearbeiten kann, wenn sie immer wieder traumatisiert wird.
Und ja, es ist auch nicht für alle Behandler- und Helfer_innen aushaltbar zu wissen, dass eine Person an, mit und von der man einen Auftrag hat, immer wieder miss.be.handelt wird.
Aber Täter_innenkontakt bedeutet für die Betroffenen in der Regel mehr als das reine Erfahren von Gewalt.

Deshalb sollte man vielleicht mal schauen, ob es auch noch andere Wörter für diese Kontakte geben kann. Vielleicht gibt es ja eine Bezeichnung, die in der Lage ist auch auf die Benefits für die Betroffenen einzugehen? Vielleicht gibt es eine Formulierung, die es den Betroffenen ermöglicht ihr eigenes (Abhängigkeits)Verhältnis zu diesen Personen(kreisen) leichter zu erkennen?

Was erst mal aussieht, als ginge es mir um die reine Dekonstruktion einer Vorgehensweise, die sich über viele Jahre als für viele Menschen oft hilfreich etabliert hat, hat den Hintergrund, dass Sprache nicht nur dafür da ist, die Dinge, die wahrgenommen werden, zu benennen.

Sprache schafft nur die Wirklichkeiten, die man benennt. Mit dem Wort “Täterkontakt” benennt man etwas anderes, als mit der Formulierung “Kontakt zu Menschen/Personen, die etwas davon haben, (das ich nicht auch bekomme), wenn ich mich mit ihnen treffe/mit ihnen telefoniere/ihre Post öffne oder tue, was sie von mir verlangen” (was die für uns hilfreiche Umformulierung war und bis heute ist).

Was wir auch oft sehen ist, dass sich Ausstieg oder Kontaktabbrüche verzögern oder in Pendelbewegungen passieren, weil nicht konkret über das gesprochen wird, was passiert. Da wird nach Täter_innenkontakt gefragt, mit “ja” geantwortet und das war das Gespräch. Vielleicht schaffen es die Betroffenen noch auszudrücken, dass sie sich schlecht fühlen, weil sie Therapievorgaben nicht erfüllt haben oder sich um das Verhältnis zur Therapeutin bzw. zum Therapeuten sorgen. Vielleicht schafft man es dann gerade noch so einen Suizid- oder Selbstverletzungsakt zu verhindern, der sich sowohl aus der neuerlichen Gewalterfahrung als auch dem Konflikt zwischen Selbst- und Fremdanspruch entwickelt hat.
Aber ein Aussprechen dessen, was da wie wann mit wem und warum (und von wem im Innen initiiert oder getragen) war, passiert da oft nicht.
Und das ist schwierig.

Manche Betroffene können vielleicht nicht alle diese Fragen beantworten oder haben dissoziative Brüche in ihren Erinnerungen. Das macht es nochmal schwieriger überhaupt einen Anfang in der Erzählung zu finden.
Wir hatten sehr lange den Anspruch an uns nur Dinge mitzuteilen, um die wir uns zu 100% sicher sind, das sie wirklich passiert sind und eventuell auch justiziabel. Denn “Täter” ist ein Justizwort.

Inzwischen fangen wir immer wieder mit dem an, was uns als Erstes einfällt und prüfen am Ende der Erzählung die Bestandteile auf Wahrscheinlichkeit.
Als harmloses Beispiel: Wenn ich weiß, dass ich mit dem Postboten zu tun hatte, aber nicht mehr weiß, wie es dazu kommen konnte, dann denke ich darüber nach, ob ich einen Brief erwartet oder etwas bestellt habe. Manchmal fällt mir dann ein, wie der Bote geklingelt hat und ich die Treppen runter ging und den Schlüssel in der Hand hatte und …

Bei Täter_innenkontakten haben wir uns gefragt, ob wir Zettel im Briefkasten oder an der Haustür hatten. Ob wir auf dem Schulweg von einem Autofahrer nach dem Weg gefragt worden sind (das war eine Art der Kontaktaufnahme mit uns früher). Ob es insgesamt Begegnungen oder Nachrichten gab, die bei rationaler/objektiver Betrachtung vielleicht irritierend waren.

Das Sprechen über Kontakt mit Personen, die Gewalt ausüben, kann helfen ein Unrechtsbewusstsein zu entwickeln. Doch dies sollte nicht das oberste Ziel sein.
Es hilft einer abhängigen Person oft nicht eine ohnehin schon schwierige Situation auch noch als ein Unrecht zu markieren, gegen das sie nichts tun kann. Zumindest nicht so, dass sie selbst nicht Gefahr läuft doppelt zu verlieren.

Die Lage ist nachwievor so, dass Personen, die Opfer von Täter_innen wurden, in einer Art Beweisbringschuld sind. Nicht alleinig, aber genug um ständig im Zweifel zu sein, was “genug” Beweis ist.
Da Menschen in der Regel nicht über die Superkraft verfügen das eigene „in einer Gewaltsituation sein“ objektiv und umfassend zu dokumentieren, bleibt ihnen oft nur die eigene Sprache, das eigene Gedächtnis um Zeugnis über die eigenen Erfahrungen abzulegen.
Und das ist weder objektiv, noch zu 100% zuverlässig.
Gehirne sind auch nur überlastbare, täuschungsanfällige Biorechner.
Es gibt Fehler, es gibt Inkongruenzen.
Das ist normal und keinesfalls ein Marker für „wahr“ oder „unwahr“.

Gerade Personen, die in permanentem Terror und Gewalterfahren aufwachsen, entwickeln etwas, das man unter dem Begriff der “Neurodivergenz” zusammenfassen kann.
Das meint Depressionen genauso wie Angstpsychosen und schizophrene Episoden. Genauso wie komplexe posttraumatische Belastungsstörungen, dissoziative Erlebensarten und emotionales Verflachen.
Und vieles mehr, das man in anderen Kontexten unter “durchgeknallt/verrückt/abnorm/psychisch krank” zusammenfasst

Leben Menschen chronisch in toxischem Stress (werden also immer wieder mit Wahrnehmungsinformationen überreizt, sozial, geistig und emotional überfordert) passen sich Körper, Geist und Seele daran an. Die Divergenz wird zur Norm. Zur (er-)lebensrettenden Norm, die hilft eine Funktionalität aufrecht zu erhalten.

Dieser Umstand wird gefährlich oft als etwas betrachtet, das etwas mit der Persönlichkeit/der Seele/*** der betreffenden Personen zu tun hat. Überleben wird mit dieser Perspektive überhöht und drückt am Ende nichts weiter aus als den Blick einer außenstehenden Person.

Überleben ist ein Glück, das nur im Leben passieren kann.

Gewaltüberleben zu etwas zu machen, das große Kraft erfordert, die “irgendwo ungreifbar in einem Menschen drin steckt”, kann es Personen – gerade Personen, die unzählig oft über das belogen wurden, was alles in ihnen steckt, um ausgenutzt werden zu können! – schwer machen, das Erlebte mit dem eigenen Er_Leben der Gegenwart zu verknüpfen.
Denn wenn die Gewalt, der Terror, die akute Not vorbei ist, dann ist ein daran angepasstes Gehirn mehr oder weniger plötzlich dysfunktional.

Es wird schwierig sich und dem eigenen Erleben zu trauen.
Im schlimmsten Fall hat man dann auch noch Helfer-, Begleiter- oder Unterstützer_innen, die ihre Rolle mit der von Retter_innen verwechseln.
Die dann merken, dass das nicht geht und keine professionelle Super- oder Intervision in Anspruch nehmen oder sich sonst irgendwie von jemandem beraten lassen, der nicht selbst in dem Fall involviert ist. Und dann also anfangen an ihren Klient_innen zu zweifeln. Und also anfangen ihnen gegenüber illoyal, unaufrichtig oder gewaltvoll zu werden und sie letztlich an andere Instanzen verraten, um sich ihrer zu entledigen.
Klingt hart, ist aber Realität.
Immer wieder. Und viel zu oft nicht reflektiert.

Zum Beispiel in einem Fall, den wir vor ein paar Jahren am Rande miterlebt haben.

Eine Person wollte in den Ausstieg, hatte massive PTBS-Symptomatiken und hohe soziale Bedarfe. Ihre Lebenssituation war die klassische Abhängigkeit von äußeren Strukturen und Hilfen, die sie allein aber kaum aufrecht halten konnte.
Sie tat also, was man tut: das tun, was gerade noch geht. Das war in ihrem Fall um Hilfe schreien.

Sie wurde gehört. Aber nicht verstanden.
Die Personen, die auf sie reagierten, hatten ihre eigenen Ideen und Vorstellungen dazu, was für Hilfe sie “wirklich braucht”. Sie verpassten es die eigenen Vorstellungen auf internalisierten Ableismus zu prüfen und unterzogen ihr Handeln nicht der Prüfung auf Motive, die in ihnen selbst lagen.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass viele Menschen, die Menschen helfen wollen, selbst traumatische Erfahrungen in der Biografie haben.
Manche von ihnen sind der (ebenfalls Ableismus entstammenden) Falle zum Opfer gefallen zu glauben, dass sie ihre Erfahrungen überwunden haben, wenn sie (wieder) arbeitsfähig sind, ohne sich selbst (in Teilen) in den Klient_innen wiederzuerkennen.

Manche benutzen ihre Klient_innen und deren Er_Leben als Raum für die Inszenierung einer bestmöglichen Hilfe/Rettungssituation für sich selbst (in einem Damals, das oft schon lange vorbei ist) oder für ein Szenario, in dem sie sich selbst als so wirksam und kontrollierend (kontrolliert) erleben können, wie sie es im eigenen Er_Leben oft nicht konnten (und manchmal noch immer nicht können).

In dem Fall der Person, die in den Ausstieg wollte, war es so, dass die Personen, die eigentlich nur als Helfer_innen für die bürokratische Achse der Hilfen beauftragt wurden!, ihre Klient_in quasi überwachten, um zu prüfen, ob deren Erzählungen von Täterkontakten stimmten oder nicht.
Als anzunehmen war, dass die Klient_in eher krasse Angstzustände aus noch nicht bewussten Flashbacks erlebte, als tatsächlich 24/7 Täterkontakte, ließen die „Helfer_innen“ sie fallen und zogen sich aus dem Fall raus.

Wir wissen nicht, wie die Geschichte geendet hat. Für uns war sie in dem Moment beendet, als wir bemerkten, dass die Helfer_innen nicht reflektierten, dass sie ihre Rolle verließen, um sich selbst etwas zu ermöglichen. In dem Fall: selbst gemachte Objektivität auf dem Rücken der Klient_in, der sie zugesagt hatten, dass sie sie in allem ernst nehmen würden, was sie ihnen sagt. Der sie auch zugesichert hatten nicht objektiv (wahr/richtig) sein zu müssen.

Sie haben sie angelogen und hinter ihrem Rücken etwas getan, was sie nicht mit ihr abgesprochen haben.
Das ist ein Grundlagenfehler in der Arbeit mit Menschen. Und um den als solchen anzuerkennen braucht es kein Professionalitätsdiplom.

Am Ende ist dieser Fall einer, in dem es mich nicht wundern würde, wäre der Ausstieg nicht geglückt.
Die betroffene Person hatte nichts von dem, was Menschen brauchen, um sich sicher zu lösen, neue Erfahrungen zu machen und diese sicher und gut neu zu kontextualisieren. Und obendrauf haben sich die Personen, die ihr als Hilfe dargestellt wurden, ihr gegenüber sozial gewaltvoll verhalten.

Verloren hat nur diese Person.
Denn oft genug ist so ein misslungener Ausstiegversuch ein potenzielles Todesurteil in beiden Welten.
Organisierte Gruppen, in denen Ausbeutung und Gewalt üblich ist, nehmen “Dissidenten” oft nicht einfach mal eben so wieder in ihre Reihen auf.
Auch Inzestfamilien öffnen sich in der Regel nicht für Angehörige, die mehr oder weniger offen gelegt haben, dass etwas nicht richtig läuft.

Und Hilfen außerhalb dieser Kontexte erneut aufzusuchen oder einzufordern, nachdem man von Helfer_innen für deren Agenda missbraucht wurde, ist für manche Betroffene kaum noch schaffbar. Gerade für jene, die arbeitsunfähig, chronisch erkrankt/schwerbehindert und sozial herausgefordert sind.
Diese Personengruppe hat nirgendwo wirklich Platz, da sie mit ihrer Lebenssituation nirgends mitgedacht werden.

Für diese Menschen geht es um nichts weiter als ihr Leben und eine andere Lebensqualität. Da ist das Ziel gar nicht in Lohn und Brot zu kommen, ein Studium zu beenden oder ein umfassend selbstbestimmtes Leben zu gestalten – da geht es darum, in den bestehenden Abhängigkeiten so wenig wie möglich zu leiden und sich selbst so weit wie es geht zu entfalten.

Nicht alle Menschen, die in Gewalt aufgewachsen sind, können in den Sonnenuntergang reiten und sich rundum “frei und selbstbestimmt in allen Aspekten” nennen.
Manchmal geht es um die Wahl der Freiheit und die Ermächtigung die Lebensaspekte zu wählen, in denen sie gelebt werden kann.
Soviel Demut muss man manchmal auch aufbringen. Sowohl als Helfer-, Begleiter- oder Therapeut_in, als auch als Klient_in.

Eine der Fragen, die mich erreichten war, wie Therapeut_innen einen Ausstieg gut unterstützen können.
Nun muss ich sagen, dass ich keine Therapeut_in bin und nur teilen kann, was ich (wir) als gute Begleitung empfunden habe(n).

In unserem Fall haben Therapeut_innen wenig konkreten Anteil an unserem Ausstieg gehabt. Wir waren in der Zeit des Täterkontaktes, der mit wiederholter Ausbeutung und körperlicher Bedrohung zu tun hatte, nicht in der Lage mehr als halbgare Stabilisierungsarbeit und permanente Krisenintervention in der Therapie zu machen.
Bewusste aktive Innenarbeit konnten wir nicht leisten und vielleicht war das Aushalten dessen, die beste Begleitung durch Therapeut_innen, die uns passieren konnte.

Wir haben in den ersten Jahren (da waren wir 15 bis 21 Jahre alt) viel am Verständnis von Symptomen als Ausdruck für bestehende Belastung gearbeitet.
Und dann daran, nicht an den Symptomen zu sterben. Und dann daran, uns nicht aus Versehen oder aus einem Affekt heraus umzubringen. Oder andere. Menschen wie Tiere.
Und dann daran, keinen Täterkontakt aufzunehmen, nur weil wir keine Therapie mehr hatten und unsere Betreuungssituation so eine Katastrophe war.

Und dann war das äußere ausgestiegen sein irgendwie zur Normalität geworden und es war 2012. Wir waren wir 26 und begannen die Arbeit mit der Therapeutin, die uns noch heute begleitet.
Heute sind wir 30 und in der Innenarbeit, die für den inneren Ausstieg und die Verarbeitung des äußeren Ausstiegs wichtig ist.
Wir erleben an der Begleitung durch die Therapeutin als hilfreich:

– dass wir uns regelmäßig treffen (und wir wissen, mit wem wir uns treffen können, wenn sie krank/im Urlaub/auf Fortbildung/nicht erreichbar ist)
– dass wir gemeinsame Absprachen haben, an die wir uns beide halten können
– dass im Vordergrund der Arbeit das Verstehen und nicht die Kontrolle über uns und unsere Erfahrungen steht

– dass sie ihre Hilflosigkeiten offen legt und daran genauso arbeitet, wie wir
– dass sie sich regelmäßig fortbildet und insgesamt offen ist
– dass sie die Zusammenarbeit mit uns nicht beendet hat, als die Asperger-Diagnose dazu kam

– dass wir sie auch außerhalb der Termine kontaktieren dürfen (dazu gibt es Absprachen, die gut für sie und gut für uns sind)
– dass wir mit unterschiedlichen Mitteln und Techniken arbeiten (je nachdem, was wir gerade brauchen können)
– dass ihr Raum immer gleich aussieht (und weder mit Raumduft noch mit sehr vielen dekorativen Elementen gestaltet ist)

– dass wir eine Stundenroutine haben (Ankommen, Thema besprechen, orientiert und sicher gebunden verabschieden)
– dass wir einen Platz in dem Raum haben (und Dinge von uns neben anderen Dingen dort sein und bleiben dürfen)
– dass Neuerungen und Abweichungen vorhersehbar sind

– dass sie vor uns niemals die Menschen verurteilt, die uns mit Gewalt begegnet sind, sondern deren Handlungen
– dass wir manchmal Stunden machen können, in denen es weniger um uns, als die Welt und ihren Lauf der Dinge geht
– dass sie uns in unseren Wünschen nach mehr Selbstbestimmung und Autonomie bestärkt

– dass wir es schaffen, trotz langer Arbeitszeit miteinander, nicht an Stellen aufzuweichen, die später zu Konflikten und Abgrenzungsschwierigkeiten führen könnten
– dass sie ihre Veranwortungsbereiche aktiv von uns trennt

Uns hilft heute auch, dass wir mehr als nur die Therapie im Leben haben.
Auch wenn wir uns immer wieder mal überfrachten und überfordern mit den Projekten, die wir anfangen und durchziehen.
So sind wir. So ist das Leben.

Unsere Projekte sind selbstbestimmt begonnen, autark umgesetzt und frei gestaltet.
Sie tragen nicht immer und an allen Stellen dazu bei, dass unsere äußere Sicherheit maximal und konstant gewährleistet ist. Projekte, wie das Blog hier, haben uns schon Projekte verunmöglicht und (therapeutische) Zusammenarbeiten verhindert.
Und doch.

Wir sind an unseren Arbeiten gewachsen und haben Fähig- und Fertigkeiten entwickelt, die uns helfen uns als selbstwirksam und befähigt zu erleben.
Und zwar fern ab von psychologischer Deutung(smacht) oder Behandlungsplanung.
Es ist uns wichtig geworden, auch losgelöst von psychiatrisch/psychologischen Kontexten zu sein, zu funktionieren und uns okay zu fühlen, weil wir die Belegung unseres Seins als “krank” als gewaltvoll erleben.

Durch die Auseinandersetzung mit unseren Projekten haben und hatten wir die Gelegenheit das zu erkennen und als auch von uns internalisiert zu begreifen.
Das ist ein Privileg. Und wir nutzen das.

Kontakte zu Menschen, die von dem Körper, mit dem wir verbunden sind, profitieren, würden uns dieses und viele andere Privilegien, die wir in den letzten 10 Jahren erreicht haben, verlieren lassen.
Mit den Jahren wird dies auch nach innen immer bewusster.
Das Heute, in dem wir vor dieser Form des Zugriffs auf uns sicher sind, beginnt eigene neue Spuren in unserem Gehirn zu hinterlassen und die Spuren der Gewalt zu überschreiben.

Heute, 10 Jahre nach dem äußeren Ausstieg, kennen wir beides: das Früher, in dem alles schlimm und vieles schön war und das Heute, in dem alles schön und vieles schlimm ist.
Das gibt uns die Chance auf eine Idee von einer Zukunft.

Und vielleicht haben wir nur dafür den Kontakt zu Menschen, die uns verletzt und ausgenutzt haben, beendet.

*Text als PDF zur freien Weitergabe

Die Helfer_Innen und die Hilfe, DIS?, Innenansichten

10 Jahre später

10 Jahre sind seit unserem Ausstieg vergangen.
10 Jahre, die ein Drittel unseres Lebens sind.

Manchmal denke ich: “Ach das ist doch wie ein Rezept. Ein Teil Freiheit, ein Teil Gewalt und ein Teil Lauf der Dinge…” und stelle mir uns und unser heute-am-leben-sein, wie einen Hefeteig vor, der wächst und reift und sich entwickelt und … zu etwas wird, das man anders benennen kann.
Kuchen, Keks, Butterbrot – mir egal. Hauptsache irgendwie fertig.
Fertiger als jetzt.

Als wir uns damals dazu entschieden haben, der Selbstverständlichkeit unserer Verfügbarkeit etwas entgegenzusetzen, taten wir das ohne konkrete Vorstellungen oder Ideen davon, was dann so passieren würde.
Wir taten es nicht, wie es in zahlreichen Büchern zum Thema vorgeschlagen oder angeraten wird. Wir taten es nicht getragen von einer großen inneren Übereinkunft, dass der Ausstieg das Beste für uns sei. Wir taten es nicht einmal im Bewusstsein aller Innens.

Wir haben diesen neuen Lebensabschnitt angefangen, wie wir alle neuen Lebensabschnitte angefangen haben.
Überfordert, dissoziativ und letztlich: allein.

Das macht unseren Ausstieg nicht zu einem falschen Ausstieg oder zu einem, der nicht echt ist.
Es ist nur einer, der die Kluft zwischen außen und innen verstärkt hat.

Ausstieg, das klingt, als würde man eine Tür öffnen und von einem Raum in einen anderen treten.
Tatsächlich sind wir einfach in irgendeine Richtung gelaufen und merkten erst viele Jahre später, dass wir nicht mehr “im Ausstieg” waren, sondern mitten in einem Niemandsland aus Therapie, Selbstreflektion, klar kommen, wachsen, schrumpfen, verzerren, zerfallen, sich sammeln, erstarken, Hoffnung schöpfen, doch Bitterkeit schmecken.

Für uns war das eine Zeit, in der Stabilisierung wichtig war. In alle Richtungen.
Essen, trinken, schlafen, ausscheiden, interagieren, sicher sein – um nicht viel anderes haben sich diese ersten Jahre gedreht, denn nichts davon hat normgerecht funktioniert.

Wir haben nicht über das, was vor dem Ausstieg war, gesprochen.
Die, die vor dem Ausstieg waren, haben bis heute nicht gesprochen.

Aber gefunden haben wir sie. Wir sind uns ihrer inzwischen bewusst.
Haben verstanden, dass wir nur ihre Schutzschicht, ihr Beiwerk, eine Art funktionaler Alltagsschmuck sind.
Verstehen uns als ihre Dissoziation auf das Trauma, das unser Ausstieg für sie war.
Denn unser Ausstieg – unser ach so gutes uns selbst retten, war ihr Kontrollverlust, ihre Todesangst, ihre Vernichtungserfahrung ohne Hilfe oder Rettung von außen.

10 Jahre, das kann man so lesen und denken: “Boa das ist aber ganz schön viel Zeit.”.
Das kann man denken, wenn man erlebt, wie Tag und Nacht einander abwechseln, wie sich eine Woche in Tage hacken und hintereinander wegleben lässt und Zeiträume zwischen “Anfang” und “Ende” klemmen kann.
Wenn es diese Eindrücke des Selbst- und Umwelterlebens jedoch nicht gibt, sind 10 Jahre eine bloße Zahl in einem irrelevanten Kontext.

Gestern hatten wir Anlass darüber nachzudenken, ob es ein Zurück geben könnte.
Könnte man heute noch so auf uns zugreifen, wie vor 10 Jahren?
Könnten wir heute noch so funktionieren, wie es vor 10 Jahren wichtig war?
Was, wenn die letzten 10 Jahre nur eine Pause, ein Spiel, Teil eines Plans sind und das überbordende Gefühl der Innens, denen unser Ausstieg passiert ist, dass das alles einfach gar nicht wahr ist, stimmt?

Wir sind heute nicht mehr so allein wie vor 10 Jahren.
Wir sind heute auch nicht mehr so einsam und insgesamt dysfunktional wie damals.
In den Jahren seit dem Ausstieg haben wir uns so viel Bewusstsein erarbeitet, so viele dissoziative Brüche verschlossen – haben uns eingebracht und die Welt angefasst.
Aber ist das ein Schutzschild?

Wir wissen noch immer nicht, woraus wir da eigentlich ausgestiegen sind. Wissen nur, dass wir ausgestiegen sind, weil wir dachten, dass das unsere Aufgabe ist. Dass man so Therapie macht, wenn man viele ist und andere Menschen das ausnutzen.
Wir haben das nicht für uns gemacht.

Wir konnten es aber auch nie für uns machen.
Wir wussten damals noch gar nicht wer wir sind, was wir können und wollen.
Was wir wünschen und was wir empfinden.
Wovor wir Angst haben und was das überhaupt sein soll: Leben

Das hat sich inzwischen verändert.
Wir wissen umeinander. Wir wissen um unsere Vorstellungen und Ideen. Haben Ziele, die über akute Bedürfnisbefriedigung hinausgehen.
Wir haben ein Bild von uns als Körper, der re_agiert und auf den hin re_agiert wird.
Nichts davon ist in jeder Situation sicher abrufbar – aber es ist da und wird mal schneller, mal erst nach einiger Zeit als fehlend erkannt, wenn es nicht da ist.

Realistisch gesehen ist das kein Schutz vor Täter_innenzugriff. Wir wissen, dass wir als inneres System nur dann funktionieren, wenn wir auch “an” sind. Wird ein anderes System angesprochen, funktioniert dieses System. Das ist nachwievor so und wir würden uns bescheißen, würden wir das ausblenden.
Aber unsere Funktion und unsere Arbeit bisher ist ein Schutzfaktor.

Bewusstsein ist keine Einbahnstraße. Therapeutische Arbeit keine Punktlandung. Interaktion mit anderen Menschen keine Einzelaktion.
Wir können nicht wissen, was es mit bisher noch gar nicht oder wenig für das Heute bewussten Innens macht, wenn wir mehr von ihnen oder über uns verstehen. Wir können nie ausschließen, dass die Entwicklungsschritte, die wir machen, nicht auch die Entwicklungsoptionen der anderen Innensysteme begrenzen oder erweitern oder in ihrer Form modifizieren.

Aber das Risiko erneuter Übergriffe müssen wir als immer bestehend anerkennen und akzeptieren.
Das ist, was einfach nicht in unserer Verantwortung liegt.

Vielleicht liest sich das ernüchternd für andere (Viele), die im Ausstieg sind oder auf ihren Ausstieg, der schon eine Weile zurückliegt, schauen.
Vielleicht gibt es die Idee, dass 10 Jahre später ALLES vorbei ist, das Leben gut, alles verarbeitet – insgesamt einfach: alles tutti paletti – und dann schreiben wir so einen Text und alles steht wieder in Frage.

Dazu möchten wir Folgendes sagen: Herzlichen Glückwunsch zu der Idee an sich.
Es ist gut eine zu haben und wichtig sie sich zu bewahren – ganz egal, als wie realistisch umsetzbar sie sich später entpuppt.
Es gut alles verarbeiten zu wollen.
Es ist gut, eine Idee davon zu haben, wie “alles tutti palletti” konkret aussehen könnte.

Wir haben ungefähr 7-8 Jahre bis zu dieser Idee gebraucht. Und 9 bis wir verstanden haben, dass es weder falsch noch böse, noch zu viel verlangt, noch etwas, wofür man eine Erlaubnis braucht, ist, sie zu verfolgen und ihre Umsetzung im eigenen Leben zu wünschen. (Und wer weiß, wie lange wir noch brauchen, bis wir dieses Verstehen in eine echte innere Wahrheit, die für alle Innens passt, transformieren können.)

Aus Kontexten jeder Art auszusteigen (und das gilt für die, die gut tun genauso wie für die, die eher schädigen) bedeutet immer einen Weg zu gehen. Entwicklung zu machen. Manche machen das wie wir, indem sie einfach so vorwärts stolpern ohne nach links und rechts oder auf sich selbst zu schauen (also hoch dissoziativ und reaktiv auf äußere Impulse hin) und manche sehr bewusst, einen Schritt nach dem anderen. Manche verfolgen mit ihrem Ausstieg ein konkretes Ziel, manche verstehen das Ziel erst im Ausstieg selbst und manche begreifen erst am Ziel, was sie eigentlich erreichen wollten.

In der Literatur finde ich diese Varietät der Ausstiegsarten, bzw. der Wege an sich, nicht so vertreten. Schon gar nicht der Entwicklungsverläufe danach.
Das wird aber auch an der Literatur liegen. Beziehungsweise daran, dass wir dazu nur psychologische Fachliteratur gelesen haben.
Nicht alle Aussteiger_innen haben 10-20 Jahre nach dem Ausstieg noch die gleichen Behandler_innen wie zu Ausstiegszeiten und nicht alle Aussteiger_innen haben 10-20 Jahre nach dem Ausstieg noch Therapiebedarfe. Oder den Wunsch oder die Motivation oder den Mut oder irgendeinen Anlass, ihre Erfahrungen aufzuschreiben und zu teilen.

Darum schreiben wir unseren Weg und unsere Auseinandersetzung damit auf.

Wir können jetzt, gut 10 Jahre später, nicht zurückgelehnt in einer Hängematte sitzen und davon ausgehen, dass wirklich alles von dem ALLES vorbei ist.
Wir wissen noch nicht alles über ALLES.
Erinnern noch nicht alles – schon gar nicht als selbst erlebt.
Aber wir haben mit unserem Ausstieg einen Raum verlassen, in dem wir immer wieder darin gestört werden, uns damit auseinanderzusetzen.

Das hat unser Ausstieg uns ermöglicht und in diesem Stadium angekommen, können wir sehen, dass wir so etwas wollten bzw. dass die Personen um uns herum damals, genau das für uns wollten: eine Unterbrechung permanenter Reaktion auf Todesangst, Verletzung und konkrete Bedrohung.

Es ist bitter für uns, am Ende des Tages mit der Dankbarkeit für 10 Jahre freien Entwicklungszeitraum im Herzen, die Realität von wer weiß vielen Jahren, die da noch kommen werden, Unsicherheit darüber, ob ES wirklich ganz und gar vorbei ist, im Hinterkopf vereinen zu müssen.
Aber so ist es.

Genauso wie viele andere Dinge auch.