Schlagwort: Freiheitspraxis

„Glücklich“ – mit Innenkindern tanzen

 

Es war einer der Filme, die wir vielleicht im Kino gesehen haben. Damals.
1999 – 2000 vielleicht sogar von einer Videokassette 2001. Die Neuverfilmung von Pünktchen und Anton.
Den Soundtrack hatten wir auf Kassette. Dann nicht mehr. Damals konnten wir erst nur das wichtigste, später was noch da war, mitnehmen.

Seitdem haben wir die Filmmusik gesucht. Hatten irgendwann 2005~6 eine Benachrichtigungseinstellung bei Ebay eingerichtet und letzte Woche war sie dann da. Die Mitteilung, dass der Soundtrack – wohlbemerkt nicht das Hörspiel zum Film, damit wurde und wird man bis heute immer regelrecht zugeschüttet – von dem Wiederverkäufer als Artikel eingestellt wurde.

 

Ich hätte nie gedacht, dass es mal wichtig werden würde, sich solche Inseln des Banalen näher zu bringen.
Die Geschichte des Films ist für uns irrelevant. Was uns treibt ist der Film, den die Musik im Kopf gemacht hat. Der Film, den frühere von uns in den Stunden und Tagen, Wochen und Wochen des Dauerschleifehörens gehabt haben. Manchmal, ganz manchmal noch mit einem der Geschwiste drin.
Die Farben, die Köstlichkeit der unterschiedlichen Töne.

Nun läuft die Musik durch das Büro und Tränen aus meinem Kopf. Weil es SO SCHÖN ist. Und weil ich so eine Glücklichkeit fühlen kann, die sich richtig an meine Körperränder drückt und alles kribbeln macht. Ich merke, dass das nicht meine Glücklichkeit ist. Aber ich merke das erste Mal ein aufrichtig glückliches Kinder~prä-Teen~innen und hallo wie krass gut ist das.  Ich kann seinen Film sehen, es wird so zum Teil meines Musikfilms. Es lässt mich seine buttrigsüße Leichtigkeit einer Zeit fühlen, von der ich nicht viel mehr als schale Bitterkeit und den Geschmack von Blut erwartet hätte. Da ist so viel Unschuld mit Träumen von Tanzen und Musik machen, Singen und Malen, fern von allen und allem, ganz beimit sich. So viel Versunkenheit, die nichts von ihrer Tiefe spürt, weil es kein Maß braucht.
Schön.
Eins.fach schön.

Das merke ich daneben auch. Dass es allein ist.
Nichts anderes, als das weiß und lebt. Da sind einige kleine Erinnerungen an das Geschwist, an Musik und das hellgelbe Glitzern des eigenen Glücks.
Ein schönes Da_sein eigentlich.

Und jetzt sitzen wir also hier. Wir beidalle. Eine Ladung Rosengeblätt und ein glitzeriges Früher.
Ich merke, dass es grad nicht darum geht diesem Kinderinnen zu sagen, dass heute heute ist, sondern mit ihm mitzugehen. Mitnach zu fühlen. Mitjetzt zu sein. Ein bisschen zu tanzen, ein bisschen zu singen.
Das hat so gar nichts von der Situation, Kinderinnens aus dem Elend des Früher zu holen oder ihnen klarzumachen, dass wir sie heute gar nicht brauchen. Quasi ihnen ihre Restigkeit bewusst zu machen. Es geht viel mehr darum, uns klar zu machen, dass es auch diese Reste gibt.

Ganz banale, schöne Reste eines Glücks.

 

Einfach – so – Jetzt

Und dann ist da so ein Moment, in den ich meine Nase tief und tiefer reindrücke, um zu prüfen, ob er nicht vielleicht doch verräterisch nach Scheiße riecht.
Doch außer meinen eigenen Anstrengungsschweiß rieche ich nichts, als ich im Zug nach Hause sitze. Die abendrote Oktoberlandschaft fliegt an mir vorbei, NakNak* schläft auf meinem Schoß. Herbstferien. Wir haben so viel Zeit.

Unser Buch hat heute eine ISBN-Nummer bekommen. Ich habe keine Schmerzen, bin weder hungrig noch durstig. Es ist alles okay. Sogar die kleinen Erinnerungskrümel, die seit Wochen mal hier und mal da im Hinterkopf knirschen. Wer hätte gedacht, dass das mal gehen würde. So eine undissoziierte Daseinsform, in der alles okay ist, weil es so ist und nicht, weil man es anders nicht ertragen könnte.

Das misstrauische Schnüffeln könnte ein Faden in die Erinnerung daran sein, wie lange an allem und jedem immer auch irgendeine Falle, Gefahr, Bedrohung klebte. Und auch heute noch klebt. Da sollten wir uns wohl nicht so große Hoffnungen machen.

Aber das ist doch interessant. Die Achtsamkeit, das Bewusst.Sein eines anderen Innens könnte ein Anfang für die Arbeit an oder mit Erinnerungen sein – nicht die Erinnerungen, die ein Innen teilt oder das Gekrümel an Bildern und Gefühlen, die einfach so in meinen Alltag gestreut werden, wie Salz auf Eis.

In der Heimatstadt angekommen, merke ich, wie mir das Jetzt gefällt. Dieses Einfach – so – Jetzt, in dem ich einfach so mit NakNak* zum Fahrradständer gehe, sie in den Anhänger setze, einfach so nach Hause fahre, esse, lese und von dem Faultier umarmt einschlafe und mich auf morgen freue, weil morgen auch vielleicht einfach so – Jetzt sein könnte. Und wie toll das wäre.

note von: MitSprache-Kongress 2018

note von: MitSprache-Kongress 2018

Das Gute ist: Du bist nicht allein mit deinen Erfahrungen sexualisierter Gewalt.
Das Schlechte ist: Du bist nicht allein mit deinen Erfahrungen sexualisierter Gewalt.

Wann immer wir Kongresse und Tagungen zum Thema besuchen, kommt uns das in den Sinn. So auch in diesem Jahr beim MitSprache-Kongress in Berlin. 250 Teilnehmer_innen, darunter einige aus dem Aus- und Umland, kamen zusammen, um in Diskussionspanels und Workshops und auch noch in den Pausen, miteinander über ihre Erfahrungen mit und nach der Gewalt zu sprechen, aber auch um politische Forderungen zu formulieren.

Wie muss man sich das vorstellen. Stehen wir da und erzählen uns wie schlimm der eine oder die vielen Übergriffe waren und einigen uns darauf, dass das bestraft gehört?
Manche Menschen, denen wir von dem Kongress erzählt haben, denken sich das so.
Dass wir konkret oder indirekt davon betroffenen Menschen doch eigentlich genau nur so auf einander treffen können. Und, dass es doch nur das Thema geben kann. Rachewünsche, Strafverhandlung, Gerechtigkeit und Genugtuung für den eigenen individuellen Fall.

Genau, weil es diese Haltung bei so vielen – selbst jenen, die eigentlich sehr offen und politisiert sind – gibt, fühlen wir uns persönlich oft einsam mit der Auseinandersetzung.
Denn über Schuldfragen, den Wunsch die Gewalterfahrungen mit.zu.teilen und Fragen der Genugtuung sind wir schon seit Jahren hinaus. Für uns geht es heute mehr und mehr um die stille Mittäter_innenschaft der Gesellschaft, die Frage nach Schutz in einer Öffentlichkeit, die sich selbst nicht als solche begreift. Uns geht es um politische Forderungen nach Anerkennung und Schutz, um die Erschaffung von Räumen und Wahlmöglichkeiten, sich unabhängig und selbstbestimmt zu helfen, zu verarbeiten und zu heilen.

Mit dem Betroffenenrat, der dem unabhängigen Beauftragten für Fragen des (dort so genannten) „sexuellen Missbrauchs“, beisteht, wurde eine Struktur etabliert, die konkret von sexualisierter Gewalt betroffenen Menschen nützen kann, solche Anliegen in die Auseinandersetzungen der Politik einzubringen.

Nun sind wir nicht gerade dafür bekannt, autoritäre Strukturen für gut im Sinne von unkritisch zu sehen. Es gefällt uns nicht, von einigen wenigen Betroffenen repräsentiert zu werden und gleichzeitig zu merken, wie einerseits unstrittig die Notwendigkeit von Betroffenenrat und UBSKM ist, andererseits aber doch klein die Möglichkeiten der Einflussnahme sind.
Aber auch mit dieser Sicht sind wir nicht allein und besonders in den beiden bisher veranstalteten Mitsprache-Kongressen zeigte sich, dass es eine solche bündelnde, ja, konzentrierende Struktur braucht, um die Kernprobleme zu erfassen.

So nahm auch in diesem Jahr die Thematik der sexualisierten Übergriffe durch Vertreter_innen der Kirche wieder viel Raum ein, nachdem in den vorangegangenen Tagen die ersten Ergebnisse der Studie der Deutschen Bischofskonferenz über das Ausmaß der sexualisierten Gewalt veröffentlicht wurden.
Die Ergebnisse mögen schockieren, jedoch werden sie es nur jene, die in den letzten Jahren kein einziges Mal ein Ohr für die Betroffenen hatten, die seit Jahren darüber reden, dass sie nie der Einzelfall waren, zu dem sie von Medien und Politik, aber und vor allem auch von der Kirche selbst gemacht wurden.
Und vertrauen kann der Studie sowieso nur, wer glaubt, dass unabhängig ist, wer von der Kirche über die Kirche spricht.

Dennoch. Als Betroffene sexualisierter Gewalt kommt man nicht zum Kongress, weil der eigene Hintergrund eine so tragende Rolle spielt und hier zeigt es sich.  Für viele ist es nicht relevant, wo und wann der Übergriff passierte. Ob im Sport, in einer Institution oder in der eigenen Familie – der Schmerz und die Leiden danach, die Folgen auf so viele Aspekte des Lebens nach der Gewalt, sind sich so ähnlich, dass sich ein Gefühl der Verbundenheit einfach so ergibt.

Wir profitieren sehr von diesen Verbundenheitsgefühlen. Davon, so viel im Kontakt überspringen zu können, um über das zu sprechen, was Aspekte des Lebens heute schwierig macht, weil manchmal eben doch noch eine Traumawahrheit danach greift.

Für uns ist es ein gegenwärtiges Da_Sein. Mit Blick auf das, was kommt.
Wir verstehen Aufarbeitung als Arbeit an der Zukunft. Als Akt der Sabotage an den Strukturen und Dynamiken, die Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene bis heute in Gefahr bringen unsere Erfahrungen auch machen zu müssen.
Das kann man Präventionsarbeit nennen. Aber vielleicht ist es auch das gegenseitige Bestärken darin, dass es okay und wichtig ist, die eigene Betroffenheit, das eigene Bewusstsein um die Fragilität der eigenen Körper-, Seelen- und Geistesgrenzen in den Alltag zu einzubringen und darüber zu sensibilisieren.

Wir gehen gestärkt und auf eine Art gekräftigt aus dem Kongress hervor, wie nur passieren konnte, weil uns andere von sexualisierter Gewalt betroffene Menschen an sensiblen Themen berührten und bestätigten.

Das bedeutet uns viel und hat uns ermöglicht die Kunstaktion am Ende der Veranstaltung mitmachen zu können. Wir gingen mit unseren Forderungen vor den Reichstag.
An anderen Tagen hätte uns das ganze Setting in die Flucht geschlagen. Um uns herum standen Touristen, die uns vermutlich für irgendeine schräge Berliner Aktion gehalten haben. Teilnehmer_innen des Marathons fuhren an uns vorbei, ohne den Raum, den wir dort gestalteten in Bezug zu etwas zu setzen mit dem auch sie direkt zu tun haben könnten.

Überhaupt – die Entfernung zwischen Menschen um uns herum und dem, weshalb und womit wir dort standen.
Die Polizisten, die sofort in Aktion gingen, als jemand seinen Rucksack an den Zaun gestellt hatte; die Tüpen, die sich mit ihrem Fußballvereinsbanner hinter uns stellten, als wir uns daran machten, den Betroffenen zu gedenken, die jetzt nicht mehr bei uns sein können; all die Glotzer oder Gaffer, das Treiben und Reißen dessen, was um uns herum passierte – es war in dem Moment für uns so nah an dem, was uns früher das Gefühl gegeben hat, aus der Welt gefallen zu sein, weil passiert ist, was passiert ist.

Und dann war da dieses Paar aus England. Eine Person, die sich weinend an der anderen festhielt. Selbst betroffen. Berührt von dem, was sie als Mut, Kraft und Stärke in uns als Gruppe wahrnahm.

Dafür wars gut.
Dafür ist es wichtig.

Fundstücke #65

„Diese Stadt…“, denke ich und laufe durch den Berliner Hauptbahnhof. Das Klo stinkt nach Scheiße und Putzmitteln, draußen stinkts nach Pisse und Abgasen. Es ist Sonntag, doch diese Stadt kann nicht anders als ums Überleben zu pulsen. Neben mir wird Busladung um Busladung Tourismus angekarrt, der sich einer Umgebung nähert, die dann doch irgendwie unerfassbar bleibt.

Wir sind auf dem Weg zu Programmratstreffen des Verlags, in dem wir gerade arbeiten und unser erstes Buch veröffentlichen werden. Merkwürdig ist das alles. Cool. Und be.merk_würdig.
Da fahren wir hin und treffen Leute, die Dinge machen und toll sind und Bücher schreiben und wer hätte das je gedacht. Das alles.

Wie ruhig wir im Zug nach Berlin sitzen und nicht völlig fertig mit der Welt herauspurzeln. Wie wir die Invalidenstraße hochlaufen und den Boden unter den Füßen als gegeben nehmen, um unsere Betonplattenrillen-Musik-Schritte zu tanzen.
Wer hätte gedacht, dass wir unser Lebensglück mal auch dann noch fühlen können, wenn wir in so einer insgesamt sensorisch überkrassen Situation sind.

Und irgendwann später am Tag und kurz vor Erschöpfungsnulllinie im Kopf, stellen wir unsere Novelle vor, obwohl es sich anfühlt wie ein Film, der durch unseren Kopf projiziert wird. Als die Gruppe applaudiert, drehen sich die Dinge in uns ineinander. Wir werden ein Buch veröffentlichen und es wird so sein wie wir sind. Es darf sein, wie wir unter diesen Menschen sein dürfen und alles ist okay.

„Jeg er glad“, denke ich am Abend, als wir in Hannover aus dem Zug klettern und uns eine weiche Schicht davor schützt das nackte Bündel aufgeschürfter Nervenenden zu sein, das wir früher nach solchen Touren gewesen wären. Früher, vor zwei, drei Jahren. Wir sind müde, deshalb kullern uns die Gedanken in den Sprachen, die wir können durch den Kopf und manchmal müssen wir zwei Mal hinschauen, um sie zu begreifen.

„Ich bin glücklich“, das kann ich dann fühlen. Als warmer Schauer, weil J. uns am Bahnhof abholt und als kurzer Moment, in dem ich ein Freudengefuchtel unterdrücke, weil er sich mit uns über alles freut, was uns freut.
Und weil es okay ist.

Besonders, weil all das okay ist.

Schritte

Wieder ist es ein Jahr länger her und wieder ist eine neue Schicht der Wahrnehmung entstanden.
Vielleicht auch Selbst_Bewusstsein.

Diesmal hat es sich nicht nach feiern wollen angefühlt. Oder danach, sich durch andere Menschen darin zu vergewissern, dass es eine gute Entscheidung war.
Diesmal ging es darum uns zu spüren. Heuteuns zu spüren und dabei so weit, so frei, so sicher und losgelöst von dem zu sein, was unser Heutehierundjetztalltag ist.

Nachwievor sind da 12, 13, 14 … 3, 4, 5 jährige Innens, die wirklich glauben, wir hätten es noch länger „probieren“ sollen. MÜSSEN. Können. Junge Erwachsene, die auf die Löcher, die wir mit unseren Unterstützer_innen zu umflicken versuchen, deuten und sagen: Guck dir das an – hierfür sind Eltern gut. Hierfür braucht man eine Familie. Siehste und auch das hier gibt es nicht für Leute, die keine Familie mehr haben.

Sie sind nicht orientiert, ihr Heutebegriff ist Früher.
Und in unserer Differenz ist Jetzt.
Wo sie sind und wir leben und wachsen und werden. Immer weiter.

In diesem Jahr dachte ich zum ersten Mal, dass es vielleicht auch wichtig ist, dem Gefühl, dass es okay ist, wie es jetzt ist, Raum zu lassen. Dass nach dem Weggehen noch ganz viele Dinge passiert sind. Dass die Zeit damals wie heute ganz von allein vergeht und das an sich nichts weiter bedeutet, als dass alles und alles immer in Bewegung ist, Entwicklung macht, Dynamiken entstehen, Prozess passiert.

Unser Weggehen damals war nur ein ganz kleiner Schritt.
Und der war nicht einmal relevant. Relevant war die Richtung.

Das war, was wir heute und in den letzten Tagen während unseres Besuchs bei J. bis heute wahr.ge.nommen haben. Dass wir uns für Richtungen entscheiden können und dann nichts weiter machen müssen, als einen Schritt nach dem anderen.

Die Zweifel sind im Lauf des Tages leiser geworden. Die Trauer um ein verlorenes, unwiederbringliches Familienleben, das es so oder so nie gegeben hat oder hätte geben können, ist wieder das feine weiße Rauschen, in dem wir uns verlieren wie wieder.finden können.

Wir sind erwachsen und tun Dinge.
Dinge wie Autofahren auf einem Verkehrsübungsplatz, Frühstücken mit Aufstrichverkostung, große schwarze Hunde streicheln und Gespräche führen, an denen man wächst und neue Stücke der Welt versteht.

Leben ist so viele Schritte.
Sie mit den richtigen Menschen machen zu können, das größte Glück.

Flügel spüren

Am Abend liege ich im Bett und denke, dass es sich nach Flügelspitzen anfühlt.

Vielleicht geht genau so „frei sein“, „eigene Entscheidungen treffen“, „eigene Ziele verfolgen“, „eigene Zukunftsideen wollen, wünschen, vertreten“, denke ich und finde, dass das schon ziemlich geil ist. Wir verbrachten den Tag im Zug nach und von Berlin und in Berlin selbst, denn Ironhack und Kleiderkreisel haben eine Scholarship-Aktion gestartet um mehr Frauen* in die Tech-Branche zu bringen.

Wir haben einen Schnellkurs in Javascript gestellt bekommen, um uns auf ein technisches Interview vorzubereiten, bei dem es auch ein 5 minütiges persönliches Interview gibt. Und dann wurden wir mit +150 anderen Bewerberinnen* zusammen eingeladen.

Wir konnten viele Aufgaben nicht lösen, aber das ist uns inzwischen fast egal – man braucht einfach mehr und vielleicht auch andere Hintergrundbildung und Lernmethoden als wir, um sich in 14 Tagen auf rein schriftlicher Basis (bzw in unserem Fall: einen Sololearnkurs, den man in der Straßenbahn auf dem Schulweg absolviert hat) sowas beizubringen. Hatte ich mir vorher schon gedacht und bin jetzt darin bestätigt.

Im persönlichen Interview kam dann die Angstfrage schlechthin: „Wo siehst du dich in der Zukunft?“

Es ist keine Angstfrage, weil wir Angst vor der Zukunft haben. Es ist eine, weil unsere Gegenwart so verwurschtelt und dezentral ist, dass die Antwort, die wir daraus ableiten eine ist, die von anderen Menschen oft als unrealistisch oder gesponnen eingeordnet wird.

Ich kann uns sehen, wie wir eine Arbeit in der IT~~irgendwas mit Medien~~technik-Branche haben, wie wir das Nachwachshaus umgesetzt haben und erhalten. Ich kann sehen, wie wir die Fotos machen, die wir machen wollen und die Dinge aufschreiben, die wir aufschreiben wollen. Alles in einem Leben, das näher an dem Heutejetzt ist, als das Früherdamals.

Wir werden es nie schaffen uns nach Außen zu verengen. Dafür sind wir einfach zu viele und unsere innere Bauweise so tiefgreifend darauf aufgebaut, dass wir uns von Kontext zu Kontext einengen, um durchzukommen.

Vielleicht ist das aber entgegen der Ratschläge, die wir so bekommen, wenn es um unsere nächsten Jahre geht, auch gar nicht schlimm. Vielleicht sind wir einfach eine „multipotentialite person„, die von allem ein bisschen und nichts ganz und gar macht. Das ist nicht Schlechtes – es ist nur nicht das, was verlangt wird.

Als der technische Teil des Termins vorbei ist, fragen wir andere Personen, wie es bei ihnen gelaufen ist. Bei manchen lief es wie bei uns, bei manchen sehr viel besser.
Was das für die Vergabe der Gelder bedeutet, weiß niemand von uns. Bei über 400 Bewerberinnen* kann es am Ende vielleicht nur darum gehen, wer am schnellsten genau so lernt, wie vorgegeben, um später auch von dem Bootcamp zu profitieren.

Es ist der Charakter des Zusätzlichen an der ganzen Sache, der mich entspannt und glücklich macht, obwohl es nicht so fehlerlos gelaufen ist, wie ich gehofft hatte.
Wir mussten nicht die Beste sein, nichts außer eine Chance auf eine Chance stand auf dem Spiel und am Ende haben wir so oder so gewonnen. Mit zwei Frauen* wollen wir in Kontakt bleiben – was ein Grad an Socialising ist, den wir bisher nur auf Tagungen zu Gewalt und Trauma erreicht haben.

Wir haben dank NachwachshausAG-Mitpersonenbegleitung einen Nachmittag in Berlins S- und U-Bahnen überstanden und als wir zu Hause ankamen, haben wir noch das Konzept für ein Redesign geschrieben, das heute eine Deadline hat.
Mit Schulschluss heute, werden wir zerschossen und k.o. sein, aber wir haben gemacht, was wir wirklich und genau so wollten, einfach, weil wir das für uns allein wollten und konnten. Weil wir so frei und gleichzeitig auch so unterstützt sind, dass das geht.

Dieses Gefühl habe ich so noch bewusst nicht gelebt und das ist be.merk_würdig.
Ich denke mir zwei kleine Federn, die mir aus der Haut gewachsen sind und vielleicht für länger bleiben.

Fundstücke #61

Als der Wecker klingelt, baut er sich selbst in mein ZwischendenZeiten ein.
Ich öffne die Stundenplan-App auf dem Handy. Die erste Stunde fällt aus, wir können noch eine Stunde schlafen.

Ich schlafe nicht, ich flashbackintrusioniere bis der Wecker ein zweites Mal klingelt. Jemand richtet uns auf. Trinkt Wasser. Wir loben es fürs Anziehen der Strickjacke. Rufen Ansporn und Versicherung von einer Zuschauertribüne jenseits von ihm. Oder ihr?

Als es aus dem Bett klettert, denke ich noch, dass wir es schaffen können. Kaffee, Beerenbrei, Dusche, Ranzen schnappen und los. Kurvendiskussion üben, den Lehrer um Hilfe bei der Photoshophausaufgabe bitten, Wirtschaft lernen, KeineAngstvorderWirtschaftslehrerinhaben trainieren.
Als ich im Bad stehe und mich nicht ausziehen kann, weiß ich, dass wir es nicht schaffen. Nicht jetzt. Wir sind heute nicht schnell genug. Nicht genug genug für Schulhier, Straßenbahnda oder MitdemFahrradunterwegs.

Das kann ich der Schulsekretärin nicht sagen. Der kann ich nur sagen: „Ich kann heute nicht kommen“ und hoffen, dass es nicht sehr schlimm ist. Denn noch mehr Dramen rund um die Schule packe ich einfach nicht mehr.

Jetzt sind wir also hier und haben Zeit.
Und ich merke, dass ich gern darüber reden würde und wie fremd mir das selbst vorkommt. Ich wollte nie darüber reden. Über Symptome, ja okay, aber doch nicht über diese Momente, in denen ich merke, das Zeit für uns manchmal gar nichts prozesshaftes ist. Die Momente, in denen ich mich nicht zum Duschen ausziehen kann, weil ich die Angstsicherheit habe, dass mich jemand dabei beobachtet, dirigiert, mich auf eine Art miss.be.handelt, die unsichtbar ist – obwohl obwohl obwohl

Ich habe gerade keinen Zusammenbruch. Keine heftige Krise. Ich brauche jetzt keinen Igelball oder geistigen Dreh in Heute zurück. Ich bin im Heute.

Heute bedeutet, die Dinge nicht mehr zu erleben. Heute bedeutet, die Dinge zu erinnern.
Manchmal ist das nicht genug Unterschied.
Nicht genug genug.

er_wachsen

Birke-Zeitenmosaik fragen unter dem letzten Beitrag, ob ein Blog erwachsen werden kann und wie wir das überhaupt definieren.
Erwachsen werden – kindlich sein.
Ich werde darüber jetzt nichts Konkretes schreiben.
Aber – ich werde etwas aufschreiben, das damit zu tun hat.

Das Blog von Vielen wird in diesem Jahr 10 Jahre alt.
Es ist das Projekt, das wir von Anfang alleine und allein verantwortlich immer immer weiter gemacht haben, egal ob uns Leute in die Kommentare geschissen haben, oder uns im analogen Miteinander darüber gedemütigt haben, dass wir es überhaupt machen und weiterführen.

Angefangen hatten wir bei Blogger – einer Plattform mit einem damals noch total unübersichtlichem Backend und einer für uns völlig fernen Community. Dann sind wir zu WordPress und alles wurde toll. Es kamen Leser_innen, wir hatten erste Lektionen in Webdesign und Usability.
Es entstand der Raum, den wir bis heute sehr schätzen, weil er uns die Möglichkeit gibt uns auszudrücken und getragen von Wörtern zu entfalten.

In den letzten 10 Jahren haben wir uns entwickelt. Nie trotz, sondern immer wegen dieses Raums und mit dem Projekt.
Was als Aufklärungsseite begann, die niemand brauchte, wurde zu der Dokumentation unseres Er_Lebens, die wir für unsere Weiterentwicklung brauchen, ohne uns darüber so klar zu sein, wie heute.

Das Blog von Vielen ist nicht nur das, was ihr Leser_innen hier in eurem Mailpostfach oder auf der Webseite findet.
Es ist auch die Auseinandersetzung mit juristischen Zwängen. Die Auseinandersetzung mit den großen und kleinen netzpolitischen Fragen.
Bloggen das ist auch Handwerk. Schreibhandwerk.
Das ist Ausdruck und Verantwortung für die Eindrücke, die man verursacht.
Bloggen ist Community. Verbundenheit über Worte und ihre Inhalte.
Bloggen ist sichtbares Denken, dokumentierte Auseinandersetzung.

Bloggen ist die Freiheit, die es in diesen unseren Zeiten gibt, um Presse- und Meinungsfreiheit und das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit zu leben. Jeder Text, den wir schreiben und hier veröffentlichen, ist von uns gelebte Freiheitspraxis.

Erwachsen sein, bedeutet für uns die umfängliche Fähig- und Fertigkeit zur Verantwortungsübernahme.
In Bezug aufs Bloggen bedeutet das für uns, die Seite allein zu hosten, dafür zu bezahlen, das Geld dafür kontinuierlich zu erwirtschaften.
Es bedeutet sich dem Umstand zu stellen, haftbar gemacht werden zu können, wenn man strafbare Dinge tut oder Schäden (mit)verursacht.
Es bedeutet Sichtbarkeit für unsere Unterstützer_innen, die für sie vielleicht nicht ungefährlich oder generell unproblematisch ist.

Ein Blog bei WordPress.com zu hosten ist einfach. Flüchtig.
Ein zwei Klicks und alles ist weg. Man kann die Seite laufen lassen, ohne Impressum und Datenschutzhinweise bereitzustellen oder andere Verpflichtungen, die an Webseitenbetreiber_innen gestellt werden, zu erfüllen. Es ist ein gutes Tool für den Einstieg, aber sich ganz und gar verantwortlich für die Inhalte und Dinge auf der Seite zu zeigen, ist etwas anderes.

Kindlich sein, bedeutet für uns, viele, wenn nicht alle Dinge im Leben für gegeben zu nehmen und auch so nutzen zu können, da es am Ende andere Instanzen sind, die dafür sorgen, dass es von diesen Dingen immer genug gibt und aus oder mit ihnen neue Dinge erschaffen werden können.

Punkt an dieser Art des Bloggens: andere profitieren davon.
Kostenlose Blogs sind nicht kostenlos. Man bezahlt mit Daten, mit Traffic, man verbreitet Werbung und Cookies, ob man will oder nicht – und kann sich in allerletzter Instanz doch nicht darauf verlassen, von ebenjener Firma in Urheberrechten oder kreativer Freiheit unterstützt zu werden. Von der Ebene der Monetarisierung einmal ganz abgesehen.

In dieser unseren Einordnung von “kindlichen oder erwachsenen Blogs”,  geht also nicht um Inhalte, es geht um das Maß an Verantwortungsübernahme, juristischer und technischer Kompetenz, die damit jeweils einhergehen.

In den letzten 10 Jahren haben wir immer wieder Fragen dazu bekommen, wie man das macht, dieses Bloggen, und ob wir vielleicht helfen können.
Wir konnten und können und helfen gern. Wir empfehlen auch immer wieder mit so einem kostenlosen Blog anzufangen, um sich auszuprobieren. Festzustellen: ist das Wort überhaupt mein Medium? Ist “online” überhaupt da, wo ich meine Dinge haben will? Gibt mir das Bloggen, das, was ich möchte, suche, will, brauche?

Oft genug wollen Menschen vom Bloggen auch nur haben, was sie glauben, dass Blogger_innen es haben.
Reichweite, Macht, permanentes Lob und nie enden wollende Anerkennung für das, was auf der Seite zu sehen ist. Bei kommerziellen Blogs geht es dann manchmal auch noch um Geld und damit einhergehenden sozialen Status.

Tatsächlich bedeutet Bloggen für uns auch: mitten in der Nacht das WordPress.com-Supportforum durchlesen (auf deutsch und auf englisch), weil irgendeine Rechtevergabe, irgendeine Einstellung, irgendein Plugin, irgendeine Vertragsklausel zu klären ist – weil tagsüber keine Zeit dafür ist.

Es bedeutet auch Stimmen von Kommentatoren im Kopf mit sich umherzutragen, weil ihre Worte so tief treffen, bewegen, verletzen – ohne die Gefühle und Gedanken dazu durch das Ventil der Wahl, nämlich das Blog, zu veräußern.
Es bedeutet in unserem Fall auch keine klinische Hilfe zu bekommen, weil es weder sachliches Verständnis noch generelle Bereitschaft zur Anerkennung individueller und zeitgemäßer Auseinandersetzung mit dem eigenen Er_leben gibt, sondern Vorurteile und die Art der Projektion, die typisch für Konsument_innen (von Webseiten) ist.

Bloggen bedeutet sehr oft eine Art von Sichtbarkeit, bei der man selbst nicht gesehen wird.
Und damit umzugehen gehört zum Blogger_innenhandwerk.

Für uns ist diese Form der Unsichtbarkeit Lebensthema.
Wir sind viele – andere Menschen sehen aber immer eine Person.
Wir sind und werden behindert – andere Menschen sehen eine Person, die sie nicht mit diesen Begriffen in Verbindung bringen können.
Wir haben Gewalt überlebt, die uns tiefgreifend verletzt zurück gelassen hat – andere Menschen sehen eine Person, die “nicht danach aussieht”.

Das Blog von Vielen hilft uns seit 10 Jahren damit umzugehen, ohne uns selbst zu verlieren.
Mit keinem anderen Projekt, das wir in den letzten Jahren angefangen haben, fühlen wir uns so kongruent zum “analogen”, bei gleichzeitiger Be- und Ermächtigung uns selbst zu finden, zu sehen und zu verstehen – völlig unabhängig davon, was oder wie andere Menschen uns lesen oder verstehen.

Unsere Texte und Bilder dokumentieren seit 2008 unseren Heilungs- und Lebensweg aus unserer Perspektive.
Das ist eine Verantwortungsübernahme, die wir lange gar nicht so wahrgenommen haben, sondern in Klinikbriefen oder Gutachten suchten.
Aber wer wenn nicht wir sollte unseren Weg aufschreiben? – das ist so ein banaler Gedanke und doch haben wir ihn lange weder gehabt, noch gelebt.

Erwachsen sein, das ist aber auch genau das. Die eigenen Dinge selbst machen und selbst verwalten. Selbst schützen, selbst verantworten, selbst möglich machen.So weit wie es geht.
Das ist nicht besser oder schlechter, als wenn sich dabei helfen lässt, oder Dienste in Anspruch nimmt, die diese Dinge für eine_n erledigen.
Für uns ist es nur unabhängiger und in der Konsequenz das, was Erwachsene von Kindern unterscheidet: Unabhängigkeit, Selbstermächtigung und die Fähig- und Fertigkeiten, genau das kontinuierlich und verantwortungsbewusst auch zu leisten.

Natürlich ist das eine ableistische und problematische Einteilung. Natürlich zeigt es unsere internalisierten Werte, überhaupt so einzuteilen.
Wir haben aber noch nie außerhalb dieser Ordnungen gelebt und sind, wie schon oft erwähnt in diesem Blog, selbst noch auf dem Weg neue, eigene Werte zu entwickeln.

Für uns ist nichts von dem, was man hier sehen kann in irgendeiner Form selbstverständlich.
Dass wir leben, dass wir unsere Gedanken und Ideen wahrnehmen und äußern, dass wir hier einen Text schreiben und der über das Internet von vielen Leuten gelesen werden kann (die das auch noch aus eigener Motivation heraus wollen!) … dass wir einen Internetanschluss haben, der das ermöglicht, dass wir die Technik besitzen, die das ermöglicht … dass wir das Geld haben und erwirtschaften können, dass das eine Weile so bleibt… dass uns Menschen unterstützen, Projekte, wie das Podcast oder das Nachwachshaus weiterzumachen …  dass wir nachwievor die Kraft aufbringen, uns darum zu kümmern, dass uns dieses Projekt nicht entgleitet, fremd oder mit unangenehmen Gefühlen belegt wird …

das ist alles sowas von nicht selbstverständlich und nicht zuletzt das Ergebnis von 10 Jahren Arbeit, die wir selbst nachwievor nur schwer als solche anerkennen können.

Das Blog von Vielen ist der Grundbaustein für alles, was wir in den letzten Jahren dazugewonnen haben.
Es ist zu kostbar geworden, um es aus der Hand zu geben.
Wir sind zu erwachsen, zu selbst_bewusst und auch selbst_sicher geworden, um es einer fremden Instanz in Obhut zu lassen.

Dieses Blog ist nicht unser Leben.
Es ist aus einer Zeit er_wachsen, in der wir uns jeden Tag neu entscheiden mussten, ob wir weiter leben wollen oder nicht.
Das ist, was wir als gegeben nehmen und was wir als Basis für alles, was noch kommt, behalten wollen.

Ab jetzt in Eigenregie.

… und raus bist du

Das Gefühl der Ausgrenzung kennen wohl alle Menschen.
Das setze ich an den Anfang des Textes, um zu zeigen: Ich weiß das. Und um anzuzeigen, dass es entsprechend keinen Grund gibt, mir zu sagen, dass meine Gefühle und Gedanken allein deshalb schon nichts besonderes sind.
Wie gesagt: Ich weiß das. Es ändert meine Gefühle und meine Not an ihnen nicht und ich schreibe sie hier auch nicht auf, weil ich denke, dass sie besonders sind.

Wieder einmal schreibe ich etwas dazu auf, gerade weil ich weiß, dass es normal ist, ausgegrenzt zu werden, weil man ist, wie man ist.
Besonders, wenn man anders ist.

Sprung.

In dieser Woche habe ich vielleicht einfach nur ein paar Enttäuschungen zu viel gehabt. Wer weiß. Vielleicht bin ich auch nur müde. Vielleicht steht der Mond ungünstig. Vielleicht hab ich nur noch nicht genug geweint und bin deshalb noch nicht an dem Punkt, an dem ich loslassen kann, um mich Wichtigerem zu widmen.
Vielleicht ist es aber auch einfach Teil meiner Strickweise, dass ich lange brauche um Dinge zu prozessieren, zu verstehen, zu begreifen – sie mir auseinanderzunehmen und als neu hinzugekommene Erfahrungen in mich und mein Bild von der Welt einzubauen. Was weiß ich.

Sprung.

Ich bin frustriert über meine Leistungen in diesem 3 Schulhalbjahr. Nicht, weil sie schlecht sind. Ich bekomme nachwievor selten eine 1, üblicherweise eine 2, wenn ich denke, ich habs ganz verkackt, reicht es noch für eine 3. Ich habe keinen Grund zu glauben versetzungsgefährdet zu sein oder die Ausbildung nicht zu schaffen, weil meine Leistungen nicht ausreichen.

Unzufrieden bin ich damit, dass ich – im Gegensatz zu meinen Lehrer_innen – weiß, dass ich nicht besser werde, wenn mich nur noch mehr motiviere, noch mehr lerne, noch mehr reinhänge, mich mehr öffne oder locker mache.
Ich weiß, dass es in vielen Dingen nur noch um dieses eine kleine µ der zwischenmenschlichen Kommunikation und Interaktion geht.

Und während ich das weiß und wieder einmal 3/4 meiner Alltagskraft in die Kompensation dessen stecke – merke ich: Sie sehen das nicht. Sie merken das nicht. Sie halten mich für perfektionistisch. Denken, ich sei nur mit Note 1 zufrieden. Ordnen mich als generell schwer zufriedenzustellen ein. Und eben nicht als autistisch und damit behindert im Bereich der zwischenmenschlichen Kommunikation und Interaktion.

Sie merken nicht, wie sie mich damit damit jedes Mal neu rauswählen.

Sprung.

Es bleiben mir noch zwei Stellen für eine Bewerbung um ein Berufspraktikum.
52 Stück habe ich seit September letzten Jahres weggeschickt.
Schriftliche Absagen: 11 Stille Absagen: 40 Wartend auf: 1
Niemand schreibt, dass meine Behinderung oder der strukturelle Aufwand, der nötig ist, mich als Praktikantin anzunehmen der Grund dafür ist.
Aber ich weiß, warum wir vor der Ausbildung jetzt mehr als 10 Jahre weder Arbeit noch Ausbildung hatten.

Ich habe nicht viele Informationen. Verstehe zu wenig von der wirtschaftlichen Lage und der Welt, in der Menschen leben, die so arbeiten, dass sie andere Menschen bei sich mitarbeiten lassen können, als dass ich mir selbst gut zureden kann, all die Nichtaussichten für mich wären in Faktor X oder Y – aber auf keinen Fall in mir und meinem So-Sein begründet.

Ich will das alles nicht persönlich nehmen. Doch wie soll ich es denn nehmen? Was soll ich denn denken, machen, glauben, wünschen?
Zufall? Bestimmung? Pech? Jede Niederlage ein Sieg für die Selbsterkenntnis?
Wie lange muss man so eine Situation ertragen, damit es vor anderen Menschen legitimiert ist, sie nie wieder aufzusuchen?

Sprung.

Ich habe erfahren, dass es den Studiengang “Medieninformatik” gibt. Das klingt gut für mich. Nach einer Richtung, die mir ein Tool in die Hand gibt, danach Dinge zu realisieren, die es ermöglichen Informationen auf vielleicht sogar ganz neuartige Art zu übermitteln.
Sehr motivierend so eine Aussicht. Gerade jetzt, wo ich mit den Mitteln, die ich zur Kommunikation nutzen kann, immer wieder scheitere.

Dann war ich gestern beim Tag der offenen Tür des “bib” in Bielefeld. Das bib ist ein privater Bildungsdienstleister, von dem diverse Studien und Ausbildungsgänge angeboten werden. Unter anderem auch Medieninformatik.

Weil ich nicht wusste, dass es ein Privatunternehmen ist, bin ich hin, wie ich bin.
Hätte ich es gewusst, hätte ich mich unter unbequemerer Kleidung und Make up versteckt und hätte die vielen kleinen Demütigungen, die so ein Umfeld für Menschen wie mich bereithält, an mir abprallen lassen können.
So stand ich dann da mit meiner C&A-Jeans und den Resten der Stresspickel, die mir die letzten zwei Schulwochen beschert hatten und versuchte mich mit meinen Wortgewändern und einer Lächelgrimasse anzupassen.

Menschen, die nicht am Existenzminimum leben, wissen meistens nicht, dass sie das tun. Sie glauben oft, dass sie “ja auch kämpfen müssen” und halten das für vergleichbar mit der Lebensrealität von Menschen wie mir. Sie haben häufig keine Rezeptoren für den Schmerz, den sie anderen zufügen, in dem sie die gleichen Sorglosigkeiten und Relevanzbewertungen, wie bei sich selbst, für gegeben annehmen.

Sprung.

Manchmal ist es für mich demütigender, wenn mir Menschen sagen, dass ich mich doch nur locker manchen müsse, weil doch eh alles immer irgendwie läuft, als wenn sie mir direkt sagen, dass ich einfach einer dieser Menschen bin, für den man in dieser Gesellschaft keine Ver_Wert_ung findet.

Ich dachte lange, mein Wunsch doch bitte gleich offen als wertloses Stück Scheiße benannt zu werden, hätte seine Wurzeln allein darin, dass ich mich nach langer Zeit des Gewalterfahrens selbst so sehe.
Heute weiß ich, dass ich in manchen Lebensbereichen noch immer so behandelt werde und es die permanente Anstrengung zur Dechiffrierung dessen in eine klare Aussage ist, die in mir diesen Wunsch logischerweise auslöst.

Es geht also nicht darum, dass ich das gerne hören möchte, um mich in meinem Selbstbild zu bestätigen, sondern darum, dass ich mir wünsche, die Menschen in meiner Umgebung hörten endlich auf, mir ihr Bild von mir nicht offen zu zeigen und/oder auch vor sich zu verschleiern.

Sprung.

Auf meine Frage nach Erfahrungen mit der Integration von Menschen mit Behinderung, erhielt ich eine lange Satzkette mit der kurzen Information “Nein” drin. Trotz dem es die Möglichkeit gibt, für eine Woche zu hospitieren, um zu schauen, wie sich der Lernalltag gestaltet, war ich am Boden zerstört.

Nicht, weil das so ist. Es hätte mich gewundert, wenn die Klientel, die dort lernt und studiert, so divers ist, dass es zu einem reichen Erfahrungsschatz kommen kann. Aber die Bestätigung meiner Annahme war nichts, was ich gern gehabt hätte.

Jeder Beweis für die nachwievor bestehende Ausgrenzung von behinderten Menschen, ist mir ein Beweis für meine Ausgrenzung. Für mein Nichtrepräsentiertsein. Für mein Nichtmitdabeisein. Und dafür, dass jeder einzelne Schritt inmitten dieser Menschen(gruppen/klassen) für mich einer ist, der allen Beteiligten neu, fremd, anstrengend, ängstigend… über_heraus_fordernd ist.

Und auch hier: Ich wünschte, ich könnte das nicht so persönlich nehmen. Es geht dabei ja nicht um mich persönlich.
Aber wie soll ich es denn nehmen? Es ist ja nicht so, dass sich an den entsprechenden Stellen jemand persönlich als verantwortlich bereiterklärt.

Sprung.

Und wie soll es für mich weitergehen?
Ich bin nicht gut darin mich selbst so tiefgreifend zu belügen und mich darauf aufbauend zu immer mehr Leistung zu motivieren. Ich brauche Perspektiven. Sicherheiten. Gewissheiten. Ich brauche Unterstützung und sehr viel öfter soziales Cheerleading, als ich das einfordere oder zum Ausdruck bringe.
Ich brauche mehr als das, was ich im Moment habe, um damit umzugehen, leider draußen bleiben zu müssen.

Nicht, weil ich behindert bin, sondern, weil ich es zusätzlich dazu oft auch noch werde und beides oft genug noch nicht einmal bemerkt und anerkannt wird.

Und wenn ich das so schreibe, dann bedeutet das nicht, dass ich mir wünsche, umgeben von Leuten zu sein, die mir ein Taschentuch geben und mich an ihrer Schulter ausweinen lassen, damit ich neue Kraft für den nächsten Kampf um Teilhabe, Zukunft und Lebensqualität tanken kann.
Ich wünsche mir mehr Leute in meiner Umgebung, die mit mir zusammen weinen, weil sie mit_fühlen, wie tief diese ganze Scheiße jeden einzelnen weiteren Tag weh tut – und mit mir zusammen kämpfen, damit das weder ich noch andere Menschen jeden einzelnen Tag weiter durchmachen müssen.

Was “kämpfen” an der Stelle bedeutet?
Es kann bedeuten weder mir noch anderen behinderten /Menschen/ mit Behinderung zu sagen, ihre Forderung nach Teilhabe unter Berücksichtigung und entsprechender Anpassungsleistung ihrer Umgebung, sei eine andere Forderung, als die als auch normaler Mensch anerkannt zu werden.
Es ist keine überzogene Forderung, wenn man bitte nicht ausgegrenzt und dadurch auch entmenschlicht werden möchte.

Es kann aber auch bedeuten, die eigenen Bedürfnisse und Bedarfe auszusprechen, um die Lebensumgebung aller mitzugestalten.
Je offener der Umgang mit der Vielfältigkeit des Menschseins und den Facetten dessen, was Menschen täglich leisten oder auch nicht leisten können, desto weniger besonders wird das, was man jetzt als Abweichung wahrnimmt.

Außerdem wird man so darin trainiert, sich schneller und effizierter an wechselnde Anforderungen anzupassen. Es wird leichter. Und dadurch auch weniger daran gebunden, wie sympathisch, wertvoll, menschlich man jemanden oder etwas einordnet. Man macht es dann einfach, weil es kein Akt mehr ist, es überhaupt zu machen.

Es kann auch bedeuten, sich der eigenen Ignoranz zu stellen, die man gegenüber der Thematik von Ausgrenzung allgemein, und der Inklusion, als gesellschaftliche Herausforderung unserer Zeit, hegt und eventuell sogar pflegt, ohne es bewusst zu haben.

Ja, Inklusion ist eine Riesenumwälzung. Ja, alles würde sich verändern. Ja, viele Dinge kosten Geld. Ja, Inklusion ist für manche Menschen fremd, neu und vielleicht auch zu viel, um sie sich überhaupt als Realität vorzustellen.
Aber all das sollte neugierig machen. Motivieren.
Und wenn schon nicht das, dann wenigstens erschrecken und beschämen, gerade weil sie noch nicht passiert ist.

Denn nichts anderes ist ein jeder “… und du bist raus”-Moment in unserer Gesellschaft, egal wem gegenüber und warum.
Beschämend und erschreckend.

vom Schluss machen und Kontrolle

Wir schauten auf die vielen kleinen Zettel vor uns, auf denen jeweils eine Sache steht, die bei uns gerade zu tun ist. Viele kleine Zettel. Viele Dinge. Alle irgendwie gleich laut auf uns einbrüllend, gleich wichtig, gleich dringend und sowieso schon eigentlich hätte würde wenn seit gestern schon hätte müsste erledigt gewesen worden sein.
“Was davon könnte ihnen denn Kraft geben, wenn sie es schaffen?”, fragte der Begleitermensch und gab noch ein bisschen Hilfestellung mit seinen Ideen zur Einordnung der Dinge. Wir entschieden uns für aufräumen. Platz schaffen. Sauber machen.
Und es war gut so.

Wir sortierten Kram und fuhren zum Wertstoffhof. Dort stopfte ein Bagger Elektroschrott der Klasse X tiefer in die Mulde, während direkt neben mir drei Männer ein Sofa und zwei Sessel in einen Container mit Sperrmüll hievten. Irgendwo klirrte es und eine Plastikplane flog über den Boden. Ein Mann in orange trug einen Krug aus Messing wie ein Baby im Arm von den Containern weg. Der Begleitermensch fragte, wie es mir ginge, ich sähe so wehmütig aus und ich überlegte, ob ich wehmütig war.
Nein, eigentlich nicht. Ich mag entrümpeln. Dinge rausschmeißen, Kompromisse beenden, Schluss machen, die Scheidung einreichen von Dingen, die nur noch da sind, weil ich sie nicht weit genug wegtragen kann. Ich mag es, wenn ich einmal mehr über etwas nicht so tun muss, als wäre es nutzbar, nützlich, gut und wichtig.

Doch dort auf dem Hof wurde mir klar, wie normal es ist, dass Dinge kaputt gehen und nicht mehr behalten werden. Es ist so normal, dass man große Sammelstellen dafür einrichtet, damit die Dinge recycelt oder vollständig vernichtet werden können. Es ist niemandes schuld. Niemand schafft es alles für immer und immer zu nutzen. Kaputt können Dinge auch dann sein, wenn sie nicht danach aussehen.

Mir wurde klar, wie nicht normal es ist, sich noch immer mit den Handtüchern abzutrocknen, die Oma uns geschenkt hatte, als wir irgendwas zwischen 12 und 15 Jahre alt waren. Wie nicht normal es ist, diesen Stapel CDs und Bücher, den wir der der Familie* geklaut haben und die x Pullover und Shirts, die uns die Mutterfrau aus dem eigenen Kleiderschrank gegeben hat, noch immer zu besitzen und im üblichen Fundus des Wohnraumgerümpels kreisen zu haben. Wie nicht normal es ist, so wenig ganz eigenes zu besitzen – so weniges, bei dem es nicht um die Art Kompromiss geht, die Un_Funktionalitäten ausgleicht.
Und: wie nicht normal es ist, den Gedanken nicht ertragen zu können, irgendetwas von diesen Gegenständen in so einem Container landen zu lassen.

Später saugte ich durch die Wohnung und räumte meine Kassettensammlung um. Mir fiel ein, wie meine Eltern meine sehr umfangreiche Kassettensammlung entsorgt hatten, nachdem ich das erste Mal weggegangen war. Es waren unheimlich schöne Hörspiele darunter, die meisten wurden seit den 80ern nicht wieder aufgelegt. Es war ein unwiederbringlicher Verlust und die Kränkung durch ihren Umgang mit unserem Schatz war enorm. Es war ja nicht nur schön sie anzuhören – die Sammlung war eines der Dinge, die wir heute als Spezialinteresse bezeichnen würden. Wir haben sie gern gehört und gesammelt, auswendig gelernt und die Hüllen sortiert. Dass diese Sammlung damals bei ihnen geblieben war, war ein Grund weshalb wir uns (neben vielem anderen) damals noch einmal dafür entschieden hatten zurückzugehen.
Für sie war es kein Ding die Kiste wegzuschmeißen. Sie haben mit uns Schluss gemacht und das war ihr Ausdruck dafür. Vielleicht. Was weiß ich.

Am Abend hatte ich die Wohnung aufgeräumt, ein paar Dinge aus dem Büro auf den Dachboden getragen und einen Plan für die kommenden Tage überlegt.
Es geht mir jetzt besser. Aus der Anlage, die wir besitzen seit wir 16 sind, klingt “Der kleine Vampir auf dem Bauernhof” und die Kassettenschublade ist einmal mehr neu sortiert. Zum ersten Mal seit inzwischen Monaten fühle ich mich nicht wie ein wirres Bündel aus Affekt und Panik, sondern als hätte ich etwas unter Kontrolle. Nicht mich. Doch immerhin die Dinge, die ich bei mir habe.