Kategorie: Lauf der Dinge

das Stress-MRT

Später las ich im Aufklärungsbogen eines anderen Krankenhauses, dass es überhaupt nicht nötig ist, für so eine Untersuchung nüchtern zu sein. Wie kann das sein, dass die einen das so, die anderen so machen.
Für unseren Termin zum Stress-MRT des Herzens sollten wir nüchtern kommen. Um 14 Uhr 15.
Unsere Begleitperson durfte nicht mit im Raum sein.
Wenn man hungrig ist, ist alles schlimmer. Auch das. Und, dass wir warten mussten, dass uns Risiken genannt wurden, mit denen wir gar nicht gerechnet hatten. Kardiologie und Krankenhaus ist immer kurz vor Vollkatastrophe, die Not- und Sonderfälle sind so groß im Raum, dass für Popelprofanitäten wie mein kleines Flatterherz mit Stolperneigung, kaum noch Raum ist. Alles ist rechtssicher abgeriegelt, überwacht und kontrolliert. So sehr, dass ich Angst bekomme, mir Sorgen mache, an Szenarien denke, die in meinem Fall sehr unwahrscheinlich sind.

Die Person im MRT ist sehr nett. Ruhig, klar, eindeutig lesbar. Sehr angenehm.
Ich stieg in ein Flügelhemd und aus den Schuhen, legte mich auf den Tisch des MRT. Hoffte, sie würde die Vene in der Hand wählen, war überrascht von dem Schmerz in der Armbeuge, wo schon während des Krankenhausaufenthalts letzte Woche eine Kanüle lag und zu nichts außer Schmerz führte.

Diese Gerätemedizin fasziniert mich. So ein riesen Ding, mit dem man in Körper gucken kann, hallo sowas muss man erstmal erfinden. Fantastisch.
Es ist kalt in dem Raum, ich zitterte ein wenig. Die Person bedeckte meine Füße, meinen Bauch, die EKG-Elektroden beklebte Brust. Mir fiel dabei auf, dass ich aus Fleisch gemacht bin, aber gerade keine Option hatte, mal mit dem Finger reinzupieken.
Die Nebelfelder an meinen Rändern waren dicht, ich versuchte gar nicht erst durch sie zu sehen. War froh, dass meine “dissoziative Störung” genau jetzt meine Wahrnehmung einschränkte. Alles rückte in die Ferne, da konnte es von mir aus auch bleiben.

Ich habe der Person meinen Gehörschutz gegeben, weil ich mir Sorgen über eventuell enthaltene Metallteile machte. Dummer Fehler. Ich habe sie später nicht zurück bekommen, muss heute nochmal hin.
Die Geräusche des Geräts waren auch nicht schlimm. Überhaupt war es nicht schlimm in der Röhre zu sein. Schlimm war, hineinzufahren und nicht zu wissen, ob es nicht vielleicht doch Metall in mir gibt. Die MRT-Person beruhigte mich, riet mir, die Augen zu schließen und zuzulassen bis ich drin bin. Das war gut.
In der Röhre selbst war es auch gut. Schön eng, um mich herum tiefenloses Weiß.

Es hat lange gedauert. Sie haben Bilder gemacht, es hat geklopft und gescheppert, wurde warm aufanin der Brust. Zwischendurch hatte ich Druck auf dem Sternum, mir schlief der linke Arm ein. Wäre es nicht so kalt gewesen und wäre das Anhalten des Atems nicht dann und wann nötig gewesen, hätte ich gut schlafen können. Gleichzeitigkeit ist eine merkwürdige Realität.

Und dann kam das Adenosin. Da der Arzt von mehreren Stufen gesprochen hatte, hatte ich mir Stufen in der Wirkung vorgestellt. Vielleicht sowas wie “etwas nervös”, “leicht beklemmt”, “aufgeregt sein”, “aufgeregt angestrengt sein”, “enorm aufgeregt sein”. Auf jeden Fall nicht, von jetzt auf gleich Angst zu haben, körperlich ziemlich genau an dem Punkt zu landen, wo meine Kontrolle über mich selbst zu behalten absolut überfordert, weil Automatismen greifen, die über mich hinausgehen. Die Blutdruckmanschette, die mir den Arm gequetscht hat, war es dann aber, die ein Kinderinnen rausgezogen hat. Nur kurz, nur bis 2 Millimeter unter die Haut, genug, um mir in die Hose zu machen und von irgendetwas anderem wieder weggedrückt zu werden.
Vermutlich, dem Zittern. Das wurde nämlich unkontrollierbar.

Ich konnte nichts dagegen machen. Und gleichzeitig: Wie witzig. Da haben wir uns seit 2002 in Selbstberuhigung und Atmung und trallala geübt und jetzt, sollte das alles so sein. Jetzt war da niemand, die_r uns aufforderte, uns zu beruhigen, zu entspannen oder keine Angst zu haben. Nicht mal die, die wir als quälende Abbilder im Innen haben. Die Grenze, an der wir da waren, war allen bewusst. Und endlich war da mal niemand, die_r mir sagte, ich sollte müsste, könnte doch, weil sonst…

Das hat sehr gut getan und macht mich heute, einen Tag später total traurig. Es sollte normaler sein, es sollte nicht nur Bestandteil von extremen Momenten sein, in Überforderung und Handlungsunfähigkeit gesehen und an.erkannt zu werden.
Meinem, unserem, Extremerleben sollte nicht dauernd mit “Ruhig bleiben”, “Ruhig sein”, “Beruhig dich” begegnet werden. Es macht mich zu Recht wütend, wenn mir Menschen so begegnen. Auch, wenn sie es gut meinen. Es ist nicht okay. Es ignoriert meine Ohnmacht und schiebt mir Verantwortung zu, die ich in dem Moment weder halten noch tragen kann. Es lässt mich allein. Das ist nicht okay.

Das Zittern ging schnell durch den ganzen Körper, hörte nicht auf. Es hat das EKG unlesbar und damit die Untersuchung unmöglich gemacht. Der Arzt brach ab, ging zum Teil mit Kontrastmitteln über. Das Zittern hörte so abrupt auf, wie es gekommen war. Mehr als muffigen Seifengeschmack im Mund hat das Kontrastmittel auch nicht mit mir gemacht.

Und dann ging alles ganz schnell, fast überfallartig.
Eine zweite Person, die sich nicht vorgestellt hatte, riss mir die EKG-Aufkleber ab, zog den Zugang, redete auf mich ein. Die andere Person nahm alles andere von mir weg. Das hätte besser laufen können, ich war noch gar nicht soweit zu verarbeiten, was gesagt und von mir verlangt wurde.

Jetzt noch ein EKG und dann könne ich gehen. Das EKG wurde geschrieben, der Arzt kam rein. Es war die erste Stufe gewesen, in der wir abbrechen mussten. Was für ein Versagen. Aber so ein Zittern ist eine Nebenwirkung in 5% aller Fälle. Es lag nicht an mir. Hatte nichts mit Vermeidungsverhalten, nichts mit Unwillen zum Durchziehen zu tun. Nichts mit meiner traumatisierten Psyche, nichts mit meiner autistischen Knallbirne. Null. Nada.
Wie fucking gut das tut, schlicht und einfach nicht schuld zu sein.

Draußen haben wir etwas gegessen. Ich war und bin irgendwie noch, stolz auf meinen Körper, dass er gezittert hat. So machen das normale Körper, wenn sie gestresst sind. Sie zittern die Anspannung raus, ermöglichen sich selbst, den Stress zu verarbeiten. Zittern bei nach unter Stress ist gut. Es ist nicht unsere Verantwortung, unsere Schuld, unsere Schwäche, dass Maschinenmedizin normale Körperfunktionen nicht kompensieren kann.
Es bedeutet auch nicht, dass wir nie erfahren werden, was unser Herz für eine gute Funktion braucht. Es gibt noch mehr Maschinen und Untersuchungsmöglichkeiten.

Welche, erfahren wir heute im Gespräch mit unserem Kardiologen.
Vielleicht erfahren wir heute überhaupt insgesamt mal mehr als, dass da was ist.

Sperrmüll

Am Montag wird der Sperrmüll abgeholt. Das heißt: gut die Hälfte dessen, was unsere Wohnung möbliert.
Ein weiteres Stück Früher, das wir uns aus dem Heute operieren.

Ein Regal, noch von H., das wir heute nur deshalb noch haben, weil wir unser Hochbett am Fußende zustellen mussten, damit NakNak* nicht zufällig mal runterfällt.
Der Kleiderschrank, der schon 3 Umzüge und 2 neue Leben mitgemacht hat. Zwei Hello-Kitty-Kaugummi-Sticker kleben vorne drauf.
Der Tisch zum Planen. Kann weg. Der Tisch, auf dem wir Behörden- und Archivdinge gemacht haben. Kann weg. Der Tisch, auf dem wir Kunst gemacht haben. Kann weg. Der Tisch, auf dem wir genäht haben. Kann weg.
Wir haben gelernt, wie wir unsere Arbeitsumgebung gestalten müssen, um verschiedene Tätigkeiten auf ein und dem selben Tisch ausführen zu können. Ist kaum 3 Jahre her, kommt mir schon ewig vor.

Die Eckbank in der Küche. Ich liebe sie. Ich liebe Küchenbänke. Sie fühlen sich nach Großtante und Opa-Zuhauseküche an, sind ein Stuhl, der sich nie vom Fleck bewegt. Muss weg. Die neue Küche hat mehr Schräge.
Der früher mal S. gehörende Fernseher, der Röhrenbildschirm, der zu dem 5€-Gebraucht-PC mit Diskettenlaufwerk gehörte, den wir für den Realschulabschluss besorgten. Ein kaputter Staubsauger, ein zerdepperter Wäscheständer. Ein Badregal und zwei Fahrradleichen. Ein Käfig, zwei Katzenklos, Trittschalldämmungsfolie, ein Kratzbaum, eine Ballwurfschleuder.
Kann alles weg, es wird nicht mehr weh tun. Wie erstaunlich das ist.

Worum ich herumschleiche: der andere Käfig
Die Flugbox für große Hunde. In die ich manchmal hineinkrieche und manchmal hineingekrochen werde. Wir würden andere Möglichkeiten für beruhigende Enge und Isolation finden, davon bin ich überzeugt. Aber die anderen nicht. Für sie ist die neue Wohnung, die neue Umgebung noch total unbekannt, sie waren nie da. Ich habe sie noch nicht damit bekannt gemacht, denn die Weite des Fremden würde sie von mir wegspülen. Ich will das nicht. Nicht schon wieder. Diesmal sollen sie landen wie kleine Pusteblumensamen.

Würden wir die Box behalten, käme mir das wie ein Versagen vor …. meiner Beklopptheit?, Merkwürdigkeit?, Kaputtness? … vor. Und irgendwie auch, als würde ich vor einem Therapieschritt zurückweichen, den zu gehen von mir niemand erwartet, was mich nervt, denn ich bin durchaus bereit ihn zu gehen, aber …

Und dann ist da noch der Bilderrahmen mit einer Zeichnung von den Sommers und die Dinge aus dem Urlaub mit L.  Würde ich sie weggeben, käme ich mir selbst herzlos, brutal und böse vor, was ich, wir, für sie vermutlich auch sind. Aber.

Und dann sind da noch die Waschmaschine und der Kühlschrank. Hartz 4 Ersteinrichtungsgegenstände aus dem Jahr 2005. Dass sie überhaupt noch funktionieren ist ein Wunder. Wenn wir sie ersetzen, dann fängt wirklich so ganz richtig etwas Neues an.

Sperrmüll, das macht man immer bevor man mit Konfetti und Fanfaren ins neue Leben einzieht.
Wenn man noch ein bisschen beschäftigt ist mit Abschied nehmen und Angst haben.
Und Weinen. Ein bisschen auch das.

wenn was ist

Der Knopf an dem Beistelltisch ist rotorange und unter ihm ist eine androidhafte Gestalt mit Schwesternhaube abgebildet. Ich habe nichts zu tun. Liege hier rum, denke über die Tiefe dieser Grafik nach, höre den schnellen Gummisohlenquietscheschritten der Pfleger_innen über den Stationsboden zu.

Wenn was ist, soll ich mich melden.
Ich weiß nicht, was “was” hier bedeutet. Wenn mir der Puls im Hals flattert, wird er abgezählt und neben den aus meinem Arm gequetschten Blutdruckwert geschrieben. Dann werde ich wieder alleingelassen. Wenn es in meiner Brust wieder sticht, drückt, beengt und das Atmen schwer wird, dann wird der Puls abgezählt, der Blutdruck erquetscht und danach schließt sich die Tür wieder.
Mehr habe ich nicht. Nicht kommunizierbar und wenn, dann ist es innerlich. Psychisch, autistisch, traumatisch.

Ich traue meiner Wahrnehmung nicht. Weiß, dass ich weit über meine Kompensationsmöglichkeiten hinaus überreizt bin. Sensorisch wie geistig, wie psychisch. Ich, wir, haben nicht ein einziges Mal geweint, haben es nicht einmal versucht. Alle Geräusche der Welt sammeln sich in meinem Kopf und verdrängen jeden noch so kleinen Raum. Allein der Umstand, dass wir gerade nicht funktionieren müssen, verhindert einen explosiven Meltdown.
Was bleibt, bin ich. Der funktionale Shutdown.
Mein Sein ist das Schwingen. Vor und Zurück. Auf und Ab. Rein und Raus. Ich bin nicht durchlässig. Aber ich funktioniere so, als sei ich es.  Ich schwinge mit. Mit den Menschen, die mit mir sprechen und dem Innen, das sich unter meiner hauchdünnen Oberfläche zu einem undurchdringlichen Stein zusammengedrückt hat.
Dann und wann sickert Hannah bis zu mir und findet sich so normal wie lange nicht. Fühlt sich gut in dem Plauderkontakt mit der Mitzimmerbelebungsperson, badet in der Zeit mit dem Freund, C. und F., die zu Besuch kommen. Dass sie rausschwingt, was das Außen auf meine Oberfläche wirft, weiß sie nicht. Das merkt sie erst jetzt beim Lesen dieses Textes.

Wenn was ist, ist jemand da. Vielleicht ist man zu nichts anderem im Krankenhaus.
Dass man nicht alleine ist mit etwas, das man nicht so richtig versteht, das eigene Leben als bedroht empfinden lässt und manchmal auch mit Schmerzen einher geht.
Es ist so wie unser Da_Sein. Nur anders.

Dass was ist, erfahren wir, als wir entlassen werden.
Als etwas ist, da gibt es keinen Knopf zum Drücken.
Nur unser Da_Sein und die Freund_innen, die das aushalten.

Der Unterschied zwischen Derealisation und Verdrängung

„Übrigens wusstet ihr, dass Herzinfarkt-Brustschmerzen sich auch wie ein Baumpfahl durch Brust und Rücken anfühlen können? Und, dass Übelkeit, Erbrechen und Schwindel auch Herzinfarkt-Sympome sein können?“ – das habe ich gestern bei Twitter gefragt, denn ich wusste das nicht.

Heute, nach einem sehr langweiligen Krankenhaussonntag und einem anstrengend langweiligen Krankenhausmontag, weiß ich das und, dass ich ganz sicher keinen Herzinfarkt hatte. Was es war, wird sich vielleicht in den Untersuchungen morgen und übermorgen zeigen.

Ich habe nichts zu erzählen, denke wenig, fühle noch weniger.
Zwischendrin lehne ich mich an die Weichheit des neuen Namens, der überall steht und anzeigt, was zu mir gehört. Unsere Freund_innen versorgen NakNak*, ein Freund hat uns das Tabletlaptop, Süßigkeiten und Lesefutter gebracht. Morgen kommt der Freund.

In den Daten zu mir steht noch H. als Kontaktperson, wie ein letzter Versuch des alten schmerzenden Lebens in das heutige hineinzugreifen. Mit einem Ratsch hab ich die Zeile gestrichen. Es tat weh, blutete aber nicht. Mehr als eine Narbe ist es nicht mehr. Auch gut zu wissen.

Es ist kühl draußen, wir sind eine Runde im Park gelaufen, als die Person in unserem Zimmer etwas Zeit für sich und die Verarbeitung ihrer Diagnose brauchte. Es hat angestrengt und Brustschmerzen gemacht. Und obwohl ich nicht mehr heimlich denke, in einem Traum zu sein, wie das Samstagabend bis Sonntagnachmittag war, kann ich nicht glauben, dass da jetzt so richtig wirklich was ist.

Das ist er also, der Unterschied zwischen Derealisation und Verdrängung.

Dissoziation ist einfach eine mächtige Kackpottsau. Isso.

Der Druck steigt und mit ihm die Momente, in denen Widersprüche auffällig werden.
Ich starte in die Woche mit einem Bein im Nervenzusammenbruch, weil mich die Strukturierung der Umzugsorganisation überfordert. Am Abend des gleichen Tages stehen 6 Kisten im Schlafzimmer, zwei im Büro, ein Ablaufplan für die gesamte Woche liegt auf meinem Tisch. Und das 30 Minuten nach einer Therapiestunde, die ich mit dem Gefühl verlasse, gar nicht mehr so viel Zeit im Alltag zu verlieren – obwohl ich, wie mir später klar wird, einige Zeitfenster des Alltags benannt habe, die nachwievor nicht (so richtig) zugänglich für mich sind.

Was bedeutet das?
Bin ich das Innen, das für eine Einschätzung über uns alle taugt? Wie läuft das eigentlich in einer Diagnostik – wenn ich sage, dass mir viel fehlt, bedeutet das dann, dass ich die DIS habe, aber ein anderes Innen, das ebenjene meiner Löcher er_lebt, nicht? Nie drüber nachgedacht in gut 16 Jahren DIS-Diagnose. Wow einfach.

Mich stören solche Widersprüche nicht, daneben macht es mich total unruhig, wenn Außenmenschen solche Dinge auffallen und sie mich dazu befragen. Denn meistens ist das ein Abchecken – eine Versicherung, eine Einordnung. Mal gucken, ob das so richtig ist, klar geht, “normal “ ist. Als würde der Umstand, dass ich lebe und alles gut ist, nicht reichen. Auch kränkend sowas.
Und irgendwie ja aber, was die DIS eben macht: Dass alles läuft, obwohl nichts laufen dürfte oder könnte – nach Meinung all jener, die sich und ihre Umwelt kontinuierlich und kongruent erleben, denn für sie ist die von mir jeden Tag erlebte Brüchigkeit von Zeit und Raum nichts Übliches.

Im Moment schlafe ich nicht sehr gut. Im Grunde: kaum. Beim Einschlafen rutsche ich in Traumascheiß und mein Aufwachen hat mehr von einem Senkrechtstart, ausgelöst vom ersten Vogelzwitschern draußen. Wenige, viel zu wenige Stunden nach einer Reorientierungsrunde von 1-2 Stunden.
Und dann geht alles seinen Gang.
Aufstehen, Dinge tun, essen, Dinge regeln, ansprechbar sein, reagieren, arbeiten.
Aus dem gelegentlichen Zucken des linken Augenlids während der Prüfungsphase, ist ein physiognomisches Festival geworden. Am Mittwochmorgen hab ich mir zum ersten Mal seit längerem wieder durch einen nervösen Tick ins Gesicht gehauen. Bäng, in my face. Ohne Sterne.
Und gleichzeitig ist da diese emotionale Nulllinie. Wie weißes Rauschen. Manchmal überlagert von einer echten Emotion, aber immer da, als wäre sie manifest gewordene Wahrheit. Einzig und unverrückbar.

Am Mittwoch haben wir unseren Personalausweis ändern lassen.
Ich saß  in der Halle und twitterte irgendwie halbwegs humorig darüber, wie kurz vorm Heulen und Kotzen ich war, aber angesehen hat man mir das sicher nicht. Selbst mir kam das irgendwie mehr wie eine sehr wahrscheinliche Option meiner emotionalen Verfassung vor, als denn einer echten Empfindung. Selbst in dem Moment, als ich wegen der Notwendigkeit eines neuen Passbildes von jetzt auf gleich in Tränen ausbrach, ohne irgendwas vorher wegatmen oder querschieben zu können. Selbst da dachte ich noch, dass das irgendwie doch nur die Wahrscheinlichkeit für eine spezifische Emotion erhöht, aber noch lange nicht wirklich richtig in echt jetzt so ist. Weil ja eigentlich alles gut ist. Alles so, wie es soll. Tutti palletti sozusagen.

Dissoziation ist einfach eine mächtige Kackpottsau. Kannste nichts gegen sagen. Isso.

Wenn wir heute mit Leuten übers Vielesein sprechen, dann sagen sie manchmal sowas wie, dass sie sich nicht vorstellen können, wie man so ein Gewaltleben er_leben kann und niemand merkts. Weil das so ein Widerspruch ist.
Phasen, wie die, die wir jetzt gerade durchmachen, sind ziemlich genau so.
Ich sitze hier und schreibe eloquent und reflektiert, was los ist – obwohl ich nicht weiß, was los ist und selbst, die Ahnung, die ich haben könnte, nicht mehr ist, als eine möglicherweise zutreffende Einschätzung, die aber nicht von mir prüfbar ist, denn ich bin sowas von weit weg von mir, von uns, dass da einfach nirgendwo ein festes Stückchen ist, um einen Punkt zu machen.
Ich weiß, dass hier richtig was zieht und reißt – aber ich kann nicht fassen was, weiß nicht wo, verstehe nicht warum. Und obendrauf passiert es IN WAHRHEIT nicht einmal WIRKLICH mir. Und: Ich kann niemanden um Hilfe bitten – ich wüsste nicht wobei, denn ich kriege ja doch irgendwie alles alleine hin und jeder Hilfeversuch von außen kann nur falsch sein oder an einer falschen Stelle ansetzen, denn es kann nur geraten werden. Und Hilfe an der falschen Stelle raubt Kraft, die im Moment nur kleckerweise wieder reinkommt.

Ich merke, wie oft ich fast wie aus Gewohnheit im Dissoziationsmodus bleibe, selbst über schwierige Momente hinaus. Einfach, weil es sich gut anfühlt. Neblig, wattig, bisschen schweberig. So als wäre alles von mir in Luftpolsterfolie gepackt, um mich vor Dingen zu schützen, die mir nicht einmal mehr Angst machen, nachdem auch sie auf der anderen Seite der Polsterung sind.

Ich merke aber auch wie gleichermaßen gewohnheitlich ich da auch wieder rausgehe. Wie routiniert ich mir Anspannung rausschüttle, wegatme, auf dem Fahrrad in die Pedale presse, um mich vom Fahrwind ins Er_leben zurückpusten zu lassen.
Alles was bleibt ist dieses vage Derealisationserleben. Doch das ist okay.
Ich muss wirklich nicht alles von dieser krass heftigen Zeit als real empfinden. Wirklich nicht.

so nah dran

4 Uhr 30. Von draußen rieseln kleine kühle Winde auf meine nackte Haut. Den Kopf noch voller Schlaf gehen wir mit NakNak* raus, wieso weiß ich eigentlich nicht. Aufstehen, Hund, Kaffee, das kommt nach Aufwachen und das Immernochleben fühlen.

Heute bekommen wir unser Zeugnis. Unsere zwei Zeugnisse. Berufsabschluss und Fach-Abitur.
Wir machen uns seit Wochen Sorgen, wie das wird. Kommt der Begleitermensch? Nein. Er muss zu seinem scheiß Ausbeuterjob, bei dem er auch nicht zu sehen bekommt, zu was seine Arbeit konkret am Ende führt.

Mein Kaffee dampft, das Draußen hat klare Umrisse. Ich sitze am Fenster und frage mich, ob wir in der neuen Wohnung wohl auch irgendwo am Fenster sitzen werden, um Kaffee zu trinken und uns mit dem anbrechenden Tag bekannt zu machen.

Dann wasche ich ab, sauge Staub, räume Dinge herum, bringe zu kleine Kleidung, in die ich letztes Jahr noch so dringend hineinschrumpfen wollte weg. Ich will nie wieder so schrumpfen. Ab sofort gilt das Einsiedlerkrebsprinzip: Was passt, das passt.

„Wir müssen nicht mehr zur Schule. Nie wieder.“ Das sage ich M. und denen um sie herum, die seit dem letzten normalen Schultag nicht mehr aktiv im Außen waren. Nicht einmal zu den Prüfungen. „Ihr könnt ab jetzt andere Sachen probieren.“ Ich verspreche ihnen, dass sie sowas, wie die letzten Jahre nie wieder ertragen müssen. Wir besiegeln es mit von ihnen in den Container gedonnerten Glasflaschen.

Wir haben uns eine neue Hose und ein neues Oberteil gekauft. Gestern die 3 Schuljahre langen Haare abschneiden lassen. Als ich aus der Dusche ins Warten auf den Freund steige, ist es eine Bewegung ohne jede Kraftanstrengung.
Wir warten, trinken Wasser, bemerken, dass wir noch nichts gegessen haben, vergessen es wieder bis der Freund da ist. Bevor wir in der Schule ankommen, fahren wir Müll zum Wertstoffhof und als wir in der Schule sind, haben wir eine Ansprache mit Powerpoint-Präsentation verpasst. Es wird viel geklatscht, ein Foto gemacht. Wir haben NakNak* auf dem Schoß und flatterfuchteln einfach raus, was raus muss. Es tut so gut wie Furzen wegen Bohneneintopf.

Später sitzen wir in einem Klassenraum und essen Melone. Dann bekommen wir unsere Zeugnisse. Und werden mit dem neuen Namen aufgerufen. „Das sind wir“, sage ich den anderen so als würde ich ein Netz aufs offene Meer werfen. Und als wir die Mappe, eine Rose und ein Geschenk in der Hand unseren Lehrer_innen danken, merke ich, wie ich selbst das Netz bin, aus dem auch die anderen gemacht sind.

Es geht schnell vorbei, niemand muss etwas aushalten, wir gehen einfach wieder auf unseren Platz.
Wir sind, reden mit den anderen Leuten, wünschen allen, dass es gut für sie weitergeht.

Der Freund ordnet den Glamour der Veranstaltung im Spanplattenbereich ein, ich lache und denke, wie gut das zu uns passt. Funktionell, vielfältig, einfach. Er versteht jetzt wieder etwas mehr von dem, was es uns abverlangt hat und irgendwie tröstet das etwas, das ich vorher gar nicht als tröstlich erlebt habe.

Wir gehen sehr lecker essen, laufen an den Händen durch die Altstadt.
Es ist schön und so nah an uns dran.
So, als meint das alles uns und niemand anders.

das Handtuch

“Jetzt heul doch endlich!” schreie ich in das Hintermich und gehe weiter mit der Bastelschere durch das Handtuch.

Es war das Namensetikett. Das ist da seit 17 Jahren dran. Gestickt, von Oma dran genäht. Die Oma, die niemals auf uns zugekommen ist, um für sich selbst zu fragen, warum wir nicht mehr bei ihrem Sohn leben konnten.
Die von so vielen Kinderinnens geliebt wird bis heute. Die Oma.

Wir besitzen dieses Handtuch, weil sie es uns zu irgendeiner Gelegenheit vor dem ersten Klinikaufenthalt geschenkt hat. Es wurde uns nie geklaut, wie unsere Jacken, Hosen, Shirts, Lieblings-CDs und was nicht sonst noch alles verschwindet, wenn man in Institutionen und Wohngruppen wohnt, in denen alle immer nichts, nichts mehr oder nie genug haben.

Ich musste es waschen, nachdem ich damit das Abtauwasser vom Tiefkühlschrank im Keller aufgewischt hatte. Als ich es zum Trocknen aufhängte, bemerkte ich das Namensschild. Und fühlte nichts. Keinen Kommentar. Nicht einen einzigen anderen Seelenkörper.

Es verunsichert mich, so lange tot zu sein, wenn doch alles in Ordnung ist. Lässt mich meine Therapieerfolge in Frage stellen, wenn ich derartig zurückversetzt werde in mein Bevor-ich-von-den-Anderen-wusste-Er_Leben. Dieses funktionalfreundliche Gedankenträger_in-Sein.

Dann beschloss ich, das Handtuch zu zerschneiden. Brauche sowieso noch Stoffreste für Dinge.
Als ich anfange, drückt der Puls meinen Hals zu. Und dann werde ich wütend. K.-wütend, aber nicht nur. Auch Hannah-wütend. So fühlt sich das also an. Nach Handtuch in der linken und Bastelschere in der rechten Hand, nach Erstickungsfurcht und Druck hinter den Augen.

Ich schneide die erste Bahn, zerteile diese in Quadrate. Oma. Der alte Name. Damals.
Ich kenne Oma nicht und sie wird mich nie kennenlernen.
Im Garten schreien Kinder. Da steht ein aufblasbarer Pool.
Ich sehe mich als 4 jährige im Garten von Oma und Opa, schneide die nächste Bahn. Opa ist tot, die Vierjährige auch. Ich spüre das so deutlich wie den Druck, den ich aufbringen muss, um die Schere durch die Baumwolle zu kriegen.

Meine Augen brennen, mein Gesicht ist dicht. Ich will, dass sie da sind.

Das hab ich mir noch nie gewünscht. Hab noch nie gedacht, dass ich sie mal fühlen will.
Die Anderen.
Die, für die nichts in Ordnung ist.

die ersten Tage

Ich trete in das Büro ein, kurz nach 12. Um 12 arbeitet sie eigentlich nicht mehr. Sie macht eine Ausnahme. Ich reiße meine Aufmerksamkeit von dem Umstand weg, dass schon wieder eine Ausnahme passiert. Und dann auch noch meinetwegen.
Sie klatscht durch den Raum und prallt an allem ab, was sich seit dem letzten Termin hier verändert hat. Die Stille und die Aufmerksamkeit der Standesbeamtin quetschen sich in meine Wahrnehmung, ich sage auf einen neuen Zettel deutend: “Der ist neu.”
Sie sagt: “Ja, das kann sein. Es ist noch mehr neu.” und zieht die Urkunde über die Namensänderung aus einer Akte.

Der Rest ist Rauschen. Eine Unterschrift, die nicht mehr als ein hingeschriebenes Wort ist, ein Gedanke, ausgeleuchtet wie eine Werbung am Straßenrand: “Auskunftsperren beantragen”. Danken. Das Gebäude verlassen. Anders heißen.

Erst kann ich nicht darüber sprechen, zwei Stunden später will ich nicht mehr drüber sprechen.
Ich erfahre meine Abschlussnoten, schaue ihnen zu wie sie langsam von mir weggluckern. Ich schreibe einen Tweet dazu, damit ich nicht vergesse, was heute für ein Tag, was die Note für eine Leistung ist. 171 Leuten gefällt das.
Wie gut das tut, fühle ich erst später.

Die Sekretärin in der Schule ist die erste Person, der wir die Urkunde in die Hand geben. Sie liest den Namen laut vor, sagt wie schön er ist, ich lächle einen unerwartet empfundenen Schmerz weg. “Bitte nicht kommentieren, bitte nicht belächeln, bitte nicht ungewöhnlich machen, bitte bitte tu so, als wär alles normal.” Das denke ich, “Bitte nicht anfassen”, fühle ich. Aber niemandem, nicht einmal der Therapeutin, sage ich das, weil ich denke, dass es niemand versteht. Nicht so, wie es für mich ist.

Die Urkunde, diese Information, ist wie ein Filter, den man auf das Bild von mir legt. Er macht mich auf eine Art nackt, die Situation auf eine Art intim, der ich, der wir alle innen, überhaupt noch nicht gewachsen sind.
Jede Bemerkung berührt mich unangemessen. Jede Frage dazu dringt in mich ein.
Meine Erleichterung darüber, befreit vom alten Namen und dessen Aufladung zu sein, bietet nicht genügend Schutz, erst recht keinen Trost.

Und als am nächsten Tag jemand von einem Callcenter mich selbstverständlich mit dem alten Namen anspricht, merke ich, dass sie das auch gar nicht kann. Ich kann noch gar nicht richtig erleichtert sein, denn es wird in der nächsten Zeit noch viel dieser Ansprache geben. Wir werden jetzt eine ganze Weile noch beide, die_r mit dem neuen und die mit dem alten Namen, und deshalb niemand sein.

Lebensaufgaben

“Man nennt es manchmal “Lebensaufgabe”. Das, womit man im Leben immer wieder konfrontiert ist, bis es vorbei ist. Interessanterweise ist, die Lebensaufgabe zu schaffen selten das, wofür man irgendwann eine Lebenswerk-Ehrung erhält. “

Und dann ist mein Gedanke auch schon wieder vorbei.
Wir sitzen in der neuen Wohnung. Unserem neuen Büro.
Es ist viel lauter als bei uns, unten vor dem Fenster fahren Laster und Kleinwagen von links nach rechts, von hinten zwitschern Vögel dagegen an. Der Freund telefoniert unten und das Klicken meiner Tastatur platscht von Wand zu Wand, denn hier ist noch nichts, außer dem Sofakissen auf dem ich sitze und dem Fußhocker auf dem das Laptop auf dem umgedrehten Besteckkasten steht. Und der beißende Kampfergeruch von dem Polsterreinigungsschaum, den der Freund gestern auf dem Futonbezug verteilt hat.

Hier ist nichts wie zu Hause und das ist anstrengend.
Es ist anstrengend zu zweit, zu viert und obendrein noch mitten in der PMS-Phase des Zyklus zu sein.
Nach 3 Tagen Podstock, nach 6 Wochen Prüfungsphase, nach 3 Wochen Prüfungsvorbereitungsphase. Manchmal merke ich ganz dicht hinter mir, wie es etwas kippelt und ausrasten könnte, aber keine Energie aufbauen kann. Das ist noch schlimmer als wenn es einfach ausbrechen würde, denn es bleibt und wabert und zieht und zieht und zieht an meiner Kraft, statt sich einmal einfach zu entladen und dann wieder abtauchen zu können.

Vorne in der Hecke stecken Gespinstmottennester. Gestern haben wir Brennnesseln aus dem Boden gezogen, die uns bis zur Schulter reichten. Wir haben den Rasen gemäht und gemotorsenst. Wenn wir hier wohnen, wird es neue Routinen geben und ich freue mich auf den Moment, in dem sie einfach da sind.
Im Moment bringt jeder Tag etwas Neues und es ist spürbar schlimmschön.
Wir würden es nicht anders haben wollen, aber wir brauchen es anders und das in der Art zu spüren und im Innen als real zu erleben ist krass. Neu. Schlimm.
Und schön, denn um dahin zu kommen haben wir viele Jahre an uns gearbeitet.

Wir haben noch 6 Wochen vor uns, in denen einfach gar nicht mehr so sein wird, wie in den letzten Jahren.
Ich habe Angst vor einer Erschöpfungsdepression im August/September. Weiß, dass sie kommen wird. Weiß, was ich dann machen muss. Weiß, dass es trotzdem schlimm sein wird und gleichzeitig nicht zu verhindern ist.

Niemand krempelt das ganze Leben um und ist hinterher nicht tief erschöpft.
Niemand schafft eine Lebensaufgabe und ist dann nicht überfordert vor der nächsten.

Fundstücke #70

Ich habe einen amerikanischen DIS-Podcast im Podcatcher, in dessen Beschreibung steht, dass sie dissoziative Symptomatiken und Wechsel nicht rausschneiden. Für die Authentizität.
Das und anderes haben mich dazu gebracht, mich zu fragen, wie authentisch wir hier sind. Und ob das überhaupt geht – authentisch sein, ganz man selbst sein, wenn man gar nicht so recht weiß, wie man denn ist.

Wenn ich einen Podcast aufnehme, dann will ich ihn gut machen, denn ich mache das auch für andere. Und wenn ich etwas gut machen will, dann schneide ich raus, was mir ungut erscheint. Heulen zum Beispiel, weil ein Thema so unfassbar berührt und traurighilflos macht. Wechsel zu Innens, deren Emotionalität ein Thema in den Hintergrund drängen würden. Oder auch Wort- und Sprachlosigkeit, deren Stille zu einer großen Anstrengung für Hörer_innen werden würde.
Vermutlich bin ich also nicht authentisch in der Sache. Vielleicht ist dabei nur authentisch, dass ich das überhaupt mache und so viele andere Betroffene nicht. Denn irgendwie sind wir, bin ich, immer irgendwie die Person, die Dinge tut, obwohl und obwohl.

Das war auch Thema neulich.
Obwohl.
Bloggen, podcasten, workshoppen, für Geld monologisieren vortragen, ein Buch veröffentlichen, rausgehen und Dinge machen, Leute treffen – obwohl bei uns nicht alles gut ist. Obwohl wir auch Angst haben. Obwohl wir auch nicht von uns denken, dass wir die beste Person für das sind, was wir bewirken möchten. Obwohl es schwer ist.

Das sind keine Dinge, die uns abhalten etwas zu tun. Ehrlich gesagt sind das sogar Dinge, die so tief in mich hineingefräst sind, dass sie zu kompensieren ein Teil meines Ich, unseres Rosenblätter-Ich, sind.
Aber sie haben den gleichen Stellenwert wie den Ärger darüber, dass ich meine Schreibfehler in den Texten immer erst Stunden nach der Veröffentlichung sehe oder wie das Gefühl aus der DIS-Blog-Szene ausgeschlossen zu sein, weil mehr als “Gut gemacht”, “Danke” oder Quark von dem klar sein muss, dass wir ihn nicht freischalten, bei uns nicht kommentiert wird.

Es gibt so viele hätte würde könnte wenn’s in unserem Leben. Wir kommen nicht hinterher damit und die Konsequenz dieser Unübersichtlichkeit und unserer Unzulänglichkeit Dinge anders zu machen ist, die Dinge zu machen, die wir machen wollen und zwar so wie wir wollen.
Das ist die Authentizität, die wir leben. Glaube ich.
Dass wir Dinge tun, um sie zu tun, nachdem wir uns entschlossen haben sie zu tun. Nicht trotz oder obwohl da auch Angst, Unzulänglichkeits- und Isolationsgefühle sind, sondern, weil sich diese Gefühle nicht damit verändern, dass wir nichts tun.

Wir machen sie nicht (mehr), damit Dinge besser werden. Wir machen sie, um sie gut zu machen. So gut wir das eben hinkriegen.

Und ja, ich glaube unsere Flashback-Reaktionen aufzunehmen, emotionale Innens andere Leute anpöbeln zu lassen oder Kinderinnens an PC und Handy zu lassen, führt nicht dazu, dass wir etwas gut machen.

Ich glaube auch, dass viele Leute Authentizität mit Nahbarkeit verwechseln.
Viele bezeichnen Menschen authentisch, mit denen sie sich verbunden fühlen. In denen sie sich selbst irgendwie erkennen können. Wir erkennen uns selten in anderen Menschen, und wenn dann nur in Stückchen. Wir ver.binden uns bewusst und auf Grundlage von wohlüberlegten Entscheidungen. Gefühle haben dabei keine leitende Funktion, sondern eher eine beratende.
Wir haben noch nie einen Podcast oder ein Blog abonniert, weil wir authentische Leute lesen oder anhören wollen, sondern, weil wir gut präsentierte Inhalte lesen/anhören wollen.

Vielleicht macht uns das komisch und unnahbar. Vielleicht sind wir auch so.
Keine Ahnung.
Es ist auch nicht relevant.

Wir sind nicht, was wir machen.
Wir sind angstvoll, unzulänglich und oft einsam – und wir machen Dinge.
Gleichzeitigkeit zu leben ist authentisch.