der Rest

Man muss sich von der Annahme verabschieden, eine dissoziative Identitätsstruktur sei eine multiple Persönlichkeit. Das problematische Wording führt zu problematischen Annahmen. Die problematische Annahme mehrfacher (=multipler) Persönlichkeiten verleitet zu dem Schluss einer Vollständigkeit, die einfach nicht vorliegt.
Das zu sagen, hat nichts mit Abwertung zu tun. Ist keine Herabsetzung. Ist weder Unterschätzung dessen, wozu Viele fähig sind noch Überschätzung dessen, was die bei den meisten Vielen vorliegende komplexe Traumatisierung angerichtet hat.

Es ist 101 Theorie der strukturellen Dissoziation.
Logisch. Real.

Ich weiß, kaum wer hat Bock sich das Buch reinzuziehen. Es ist leichter sich irgendwie vorzustellen, dass ein Trauma irgendwas Konkretes (hin)zufügt und ganz abstrakte Dinge wegnimmt. Leichter, das Gefühl von Ich-Fremdheit zu bestätigen, als die Realität von Dissoziation als mehr oder weniger stark ausdifferenziert strukturierter Funktionalitäten anzuerkennen.
Aber ganz platt gesagt nutzt das nichts.

Ja, vielleicht durfte man sich nie bestätigen, nie mitleidig mit sich sein, nie betrauern, was hätte wäre würde wenn… Ja, viele Viele brauchen Zeit und Raum sich mit dem vertraut zu machen, was in ihnen ist. Viele müssen sehr lange, sehr oft, über viele objektiv irrelevante Dinge bestätigt werden, brauchen Anerkennung und Bestätigung von Außen, um zu lernen, wie sie sich selbst nach innen anerkennen und bestätigen können.
Die Realität aber ist, dass die Selbstwahrnehmung von Menschen mit DIS verzerrt und dissoziiert ist. Das macht sie nicht falsch, das macht sie nicht irreal, das macht sie aber auch nicht richtig im Sinne von kongruent. Also hilfreich bei der Entwicklung eines allgemein übereinstimmenden Identitätsempfindens.

Es ist fundamental wichtig anzuerkennen, dass Nahtoderfahrungen und chronisches Erleben toxischen Stresses traumatisierende Zustände sind. Also Zustände der Verwundung. Und die Dissoziation der Zustand des Umgangs mit diesem Zustand der Verwundung.
Es ist eine Reaktion Viele zu sein. Ein Umgang.
Jede Wunde erfordert einen eigenen Umgang. Jeder Umgang muss zwingend in Einklang mit dem Kontext sein.
Die dissoziative Störung, sei es die DIS, die partielle DIS, die DSNND, die Ego State-Disorder … ergibt sich aus dem Umstand, dass der Zustand der Verwundung unverarbeitet erinnert wird, aber nicht mehr der akut real bestehende Zustand ist.
Mehr ist es nicht.
Und weniger auch nicht.

Wann immer ich im Blog von Vielen davon schreibe, dass ich ein Rest bin – oder eine Reaktion – oder eine Traumafolge – kommen hier Kommentare rein, die mich darin berichtigen wollen, weil sie es als Herabwürdigung lesen.
Hört auf damit. Das ist nicht wahr, das ist nicht richtig. Und übergriffig.

*

Im letzten Text beschrieb ich, dass wir Rosenblätter im Kontext psychiatrischer/psychologischer Aufmerksamkeit entstanden sind. Dass ich uns als eine Art Schutz-Update für eine schützende Instanz verstehe. Dass wir aus einem Rest entstanden sind.

Man könnte denken, dass ich die Situation, die ohne jeden Zweifel global überfordernd, von maximaler Ohnmacht, Schutzlosigkeit und ohne jeden Trost an ihrem Ende war, als etwas sehe, die alles bis auf irgendeinen diffusen, vielleicht magischen, übernatürlichen, special special unzerstörbaren Rest (Kern) von mir als Einsmensch genommen hat. Ja, wenn man Trauma mit Gewalt gleichsetzt, kann man das annehmen. Dann werden Menschen zerstört und man hat diese „unzerstörbarer Kern“-Story, über die man sich auf die eigenen Ressourcen einlassen und ihre Weiterentwicklung manchmal auch überhaupt erst zulassen kann. Ja, gut. Wers braucht. Das ist die leichtere Story und man muss es sich ja nicht immer schwer machen.

Tatsächlich aber ist Gewalt Gewalt und Menschen reagieren darauf. Mit Zuständen. Die von vielen komplexen Faktoren und Funktionssystemen des Körpers gewissermaßen „produziert“ werden. Zustände bestimmen alles. Beißen beim Sex kann sich super anfühlen – gebissen werden in einer Situation der Angst extrem schmerzhaft. Das Eis, das man immer geil findet, kann zum Kotzen schmecken, wenn man es nach der Beerdigung eines geliebten Menschen isst.
Der Zustand in Gewalterfahrungen ist einer, in dem man eben nicht alles abrufen kann. Es ist einfach nicht alles da. Da ist nur noch das da, was hilft zu überleben. Auch dann, wenn dieses Überleben vielleicht nur als gefährdet wahrgenommen wird, weil ein Trigger einen Erinnerungsprozess an eine real passierte Bedrohung des Überlebens angestoßen hat oder eine unfertige, akut unprüfbare Idee zu dem Schluss führt, man sei im Überleben bedroht.
Das, was dann noch da ist, ist der Rest, aus dem wir sind. Wir Innens in Vielen.

Ich könnte ein anderes Wort finden. „zustandabhängiges Set von Fähig- und Fertigkeiten“ vielleicht. Oder so.
Vielleicht klingt „Rest“ nicht nach genug in euren Ohren.
In meinen ist es genug. Es ist eindeutig für mich. Es ist real. Es ist keine selbstmitleidige Wabbelbegrifflichkeit, die auf einer Annahme beruht, die mich nicht dazu bringt anzuerkennen, dass ich Dinge verändern muss, wenn ich sie anders haben möchte. Wenn ich mich anders haben, anders er_leben möchte.

Das, was damals noch war, war etwas, das wir werden konnte.
Das ich werden konnte.
Das sich deshalb als Wir verstehen kann.
Und daran arbeiten kann, so viel Ich zu werden wie möglich.

die Update-Reihe

Diesmal hab ichs gespürt. Sehr deutlich. Wie das, was der Körper macht, wenn er ein Niesen anbahnt. Ihre Präsenz, ihre Konsequenz, die Panik auf die sie reagiert.

Wir waren im Gespräch mit der Psychologin, die den Begleitermensch ergänzen soll, weil dieser inzwischen sehr weit weg arbeitet. Sie begrüßt uns, wir reden, sie freut sich über die Nachricht der Kostenübernahme wie wir uns gefreut haben. Ihre Sprache ist konkret. Achtsam, nicht furchtsam, das finde ich gut. Bis sie mir sagt, was sie an uns sieht. Das triggert Erinnerungsprozesse und ich merke es. R. knallt die Türen zu den anderen zu, lässt mich übrig auf dem Präsentierteller, dem Seziertisch, unter der Lupe. Aufgespießt, aus_geliefert.

Ja, so haben wir angefangen. Wir Rosenblätter. So sind wir entstanden. Vor einer zugeknallten Tür, in der totalen Exposition psychologisch/psychiatrischer Überwachung, Kontrolle, Aufmerksamkeit, vor der es kein Verstecken, keinen Schutz gibt.
Ich beginne mit 16, erinnere vage was war, als ich 15 war. Alle Fremden. Jede Stationsroutine, jede Frage-, Test-, Behandlungssituation. Frühstück, Mittag, Abendbrot in praktisch parasozialem Miteinander. Keine Geschichte, keine Zukunft, die Gegenwart voller Fehler, Defizite, Unnormalitäten und dem Versuch sie auszugleichen. Allein und ungesehen, obwohl nie unbeobachtet.

Unsere Therapeutin kringelte uns in drei Bereiche. Mich, R., die, die sie_r schützt. Da gibt es einen Zusammenhang. „Eine Update-Reihe“, denke ich. Erst wird das Traumatisierte geschützt, dann der Schutz selbst. Was schützt mich?
Auf dem Nachhauseweg denke ich, dass es mein Alter ist. Meine gesetzliche Voll_Macht über mich. Der Umstand, dass Hannah 7 ist und sich in sich selber verpanzern kann. Zwei-Komponenten-Schutz. Äußerlich strukturell verbunden, innerlich strukturell dissoziiert. Werde ich bedroht, bin ich schon tot. Bin ich tot, werde ich die Asche, aus der ich schon mal geworden bin. Das klingt nach einer Phönix-Metapher, ist aber als Sandburg in der Wüste zu denken.
Ich bin nicht ganz. Nicht komplex. Auch ich, wir Rosenblätter, sind aus einem Rest entstanden. Dem, was da noch war, als niemand mehr war.

Wieder denke ich an die Zerstörungserzählung einiger Vieler. Dass ES so schlimm war, dass jemand anders kommen und das Überleben übernehmen musste.
Das würde für uns bedeuten, dass R. und alle anderen immer noch unsere Therapie überleben. Meinen Versuch mich, uns alle, zu verstehen, das Erlebte in Beisein und Beistand von unserer Therapeutin zu verarbeiten, als eine Gefahr erleben. Und das nicht erst die 8 Jahre, die wir mit unserer Therapeutin arbeiten, sondern auch schon die 10 Jahre davor.

der Arbeitsvertrag

Wann immer ich über Hartz fear und unser Leben in Armut geschrieben habe, schrieb ich auch über Gewalt. Über Endlosigkeit, über umfassende Ohnmacht. Darüber, dass wir etwas erleben, das uns persönlich niemand wünscht, aber für den eigenen Wohlstand braucht.

In den letzten 16 Jahren des Hartz 4-Bezuges habe ich mir oft gewünscht, gehört zu werden, obwohl ich wusste, dass gehört zu werden allein überhaupt nichts bedeutet. Vor allem nicht als arme Person. Und als die Anfragen dann kamen, musste ich ablehnen. Seit einiger Zeit bin ich nicht mehr arm, sondern Hartz 4-Kund_in mit Einnahmen aus einer selbstständigen Tätigkeit. Das bedeutet auf meinem Konto praktisch nichts, aber in Bezug auf Existenzängste alles. Und über die sollte meiner Ansicht nach berichtet werden. Die Öffentlichkeit soll es wissen. Niemand darf behaupten, sie_r hätte nichts gewusst. Aus den Berichten soll sie rausschreien. Die Panik, wenn kein Geld kommt, die Scham, wenn man Freund_innen, Bekannte, Fremde um Geld bittet, die Not, wenn man keine Medikamentenzuzahlung leisten kann, die Verzweiflung, wenn man merkt, wie niemand versteht, dass man sich in jedem Kontakt mit nicht armen Menschen fühlt wie der Schmierfilm unterm letzten Dreck.

Ich bin nicht mehr arm. Und ab dem 1. Juni auch nicht mehr arbeitslos.
Nach anderthalb Jahren hin und her, Untätigkeit des Jobcenters, mehreren Begutachtungen und bis zuletzt wenig Erwartungen an einen guten Ausgang, ist der Antrag bewilligt worden. Der Verlag erhält eine Arbeitgeberförderung, damit er mich einstellen kann, ich ein Jobcoaching, damit ich eingestellt bleibe.
Es ist also geschafft. Ich bin raus aus Hartz 4 und bewege mich nun im diffusen Bereich der „working poor“.

Ich habe mir keine Vorstellung davon gemacht, wie das wohl sein würde. Wie würde ich mich fühlen? Wie wäre das, einen Arbeitsvertrag in der Hand zu halten und zu wissen: „Ab jetzt ist es vorbei“?
Nun, es ist leise. Ein leiser Fall. Einer, in dem man noch nicht weiß, ob man zufällig Flügel oder einen Fallschirm auf dem Rücken hat, um einen tödlichen Aufprall zu verhindern.

Ich kenne das unkontrollierte, nicht von Behörden ge(maß)regelte Leben nicht. Dieses Endlospapierband aus Zwang und Existenzangst, das so lange etwas war, das mir passiert, weil und damit es mich gibt, das wird jetzt gekappt. Ab jetzt gehts allein_verantwortlich weiter.

In meinem Alltag wird sich nichts verändern, aber alles wird anders sein.

der Alptraum

Um 10 mussten wir ins Bett. So dringend, dass das eigentlich heimelige Pflanzenlicht früher aus und die Gewichtsdecke auf mir liegen bleiben musste. Der Tag war viel. Viele Tweets zu und über Barrierefreiheit, viele Gedanken über Inklusion und Arbeitsdinge und dann, ganz überraschend, noch Warten auf das Auto und die immer weiter einsickernde Erkenntnis, dass das jetzt echt dieses unser Leben ist. Wir werden ein E-Auto fahren. Ein ganz leichtes, kleines. Wir.
Wow.

Und um kurz vor halb 5 rissen sie mich aus dem Schlaf. Die Schmerzensschreie meiner Geschwister. Von irgendwann in den 90er-Jahren. In einem Traum, in dem es um einen Spaziergang und so viel Freude, das eine Geschwist nach all den Jahren wiederzutreffen und ihm alles Neue, Schöne von heute zeigen und mit.teilen zu können. Dass es immer noch vielleicht 6 Jahre alt war, war dabei unerheblich. Ich habe es getragen, gerochen, die giddelige Schicht auf seiner Haut gespürt. Ich wollte das. Wollte darin aufgehen und nicht aufwachen. Es sollte so sein. Sonnig, wir staksen durch unseren Garten, NakNak* umkreist uns, das andere Geschwist streichelt Bubi. Wir sind froh einander wiederzuhaben. Und dann bricht der Traumfilm ab. Zerschossen von einer Traumasequenz.

Wie sich Träume plötzlich mit Traumafragmenten verbinden, ist mir eigentlich kein Rätsel. Es ist logisch.
Aber es beißt sich mit der Idee von Kontrolle über das eigene Erinnern. In einem Traum kann man sich nicht gut re_orientieren. Ich kann das nur, wenn ich luzide Träume („Klarträume“) habe, also weiß, dass ich träume und selbst dann ist die Re_Orientierung nicht „Das ist vorbei“, sondern: „Nein, Stopp! – Ich wache jetzt auf.“
Und dann ist da ja noch das Ziel der Orientierung. Manchmal will man sich nicht in eine Gegenwart orientieren, wo überhaupt gar nichts so ist wie im Traum – selbst wenn er furchtbare Elemente in sich hat. Manchmal will man die Illusion, die Idee und die guten Gefühle dazu behalten, weil man weiß, dass sie in der Gegenwart ein Auslöser für unangenehme Gefühle sind, gerade weil sie so schön sind oder man um die Realitäten weiß.

Zu wissen, dass alles vorbei ist, ist kein Allheilmittel. Es ist nur die Realität.
Und die kann auch sehr weh tun. Vor allem, wenn man sie lieber anders hätte.

#Barrierefreiheit

Heute Abend stimmen die Bundestagesabgeordneten über einen Entwurf für ein Barrierefreiheitstärkungsgesetz ab und der Ticker läuft.
Viele Behindertenorganisationen und Selbstvertreter_innen kritisieren den Entwurf, weil er viele relevante Aspekte, die Barrierefreiheit tatsächlich für alle verpflichtend werden lassen würden, fehlen. Es wird befürchtet, dass der Entwurf trotzdem angenommen wird. Unter anderem, weil – as always – behinderte Menschen kaum in den Prozess eingebunden wurden.

Hier gibt es einen Text in einfacher Sprache darüber: https://barrierefreiheitsgesetz.org/2021/05/20/heute-wird-ueber-das-barriere-freiheits-gesetz-abgestimmt/nachrichten/#more-1597
Hier gibt es einen Text in Alltagssprache darüber: https://barrierefreiheitsgesetz.org/2021/05/20/heute-wird-uebers-barrierefreiheitsstaerkungsgesetz-abgestimmt/nachrichten/

Die Abstimmung soll 22 Uhr 50 stattfinden.
Eine völlig normale Arbeitszeit, um Entscheidungen von solcher Tragweite zu debattieren.
Das ist auf keinen Fall eine Barriere zwinkyzwonky.

Seid solidarisch und bringt und das Thema in die Twittertrends, die Instagramtrends, die was weiß ich wo Trends.
#Barrierefreiheit
@Rollifräulein schrieb gestern: „Ob wir morgen #Barrierefreiheit trenden lassen können? Morgen um 22.50 ist die Diskussion im Bundestag. Der Drops ist höchstwahrscheinlich zwar gelutscht, umso mehr brauchen wir öffentliche Empörung. (Und meine persönliche Seele braucht ein Zeichen von Solidarität)
Ich werde morgen erzählen, was Barrierefreiheit für mich bedeutet und welche Barrieren mich aktiv behindern im Leben. Nichtbehinderte allys könnten darüber reden, was ihnen durch die fehlende barrierefreiheit an Kontaktmöglichkeiten genommen wird zb.“ (Link zum Tweet)

Wir sind auch dabei und hoffen von vielen von euch zu lesen.
Denn: Was unsere Feinde machen – ph – wichtig ist doch, was unsere Freunde machen, wenn uns Unrecht passiert.

Wenn ich tot bin, will ich frei sein.

Gestern schickte Julian von Thanatos Bestattung (@_Bestattung) einen Tweet (Link zum Tweet) raus, den man vervollständigen kann.
„Wenn ich tot bin, möchte ich…“

Nachdem gerade der Vater des Partners gestorben ist, haben wir uns natürlich auch mal wieder mit den Formalia des eigenen Gestorbenseins befasst. Wir wollen nicht verbrannt werden. Wir wollen nicht auf einem Friedhof und auch nicht in einem Sarg beerdigt werden. Wir wollen einfach nackt in ein Tuch eingewickelt in der Natur eingegraben sein und fertig.
Unser Werk soll Gutes tun, unsere Sachen anderen hilfreich sein. Das ist nicht viel aber schon genug, um wieder etwas zu wünschen, was nicht erlaubt ist. Man darf nicht ohne Sarg beerdigt werden. Man darf nur auf Friedhöfen beerdigt werden. Man muss seine Sachen und Werke rechtssicher zuteilen. Man darf nicht erwarten, dass, nur weil man das auf einen Zettel geschrieben hat, im eigenen Sinne über die eigene Leiche, den eigenen Nachlass entschieden wird.

Für mich ist das schlimm. Denn wie im Leben zählt auch im Tod mein Wunsch über meinen Körper und mein Eigenes überhaupt nichts, weil unsere Gesellschaft das so will. Ich weiß, das klingt verkürzt – aber soll ich hier wirklich immer wieder hinschreiben, dass Gesetze von der Gesellschaft gemacht werden? Und dass sie da einen autoritären und also immer gewaltvollen Weg wählt?
Ja, auch das Sterben, das tot sein, ist politisch – und mein Sterben, mein Leichesein, der Anlass zur Wiederholung von Gewalt an mir. Selbst die Toten werden noch zum Machtgewinn oder -erhalt benutzt.

Wir leben mit einem Bewusstsein für unsere Sterblichkeit und Lebensgefahren, das stark geprägt ist von gemachten Gewalt- und Nahtoderfahrungen. Dass wir sterben könnten, denken wir jeden Tag mindestens ein Mal. Keine Woche vergeht ohne, dass wir uns einen Weg aus dem Dickicht von mehr oder weniger konkreten Todesängsten oder ihrem Nachhall schlagen müssen. Tod und Sterben sind für uns ganz alltägliche Denkgegenstände und nichts Abstraktes. Und schon gar nichts, das immer nur den anderen passiert.

Wir haben unser erstes Testament mit 9 geschrieben und schon da stand drin, dass wir mit der Welt verschmelzen wollen. Ohne Sarg, ohne Friedhof, ohne Balsamierung, mit einer Einladung an arme Menschen, sich aus unserem Zimmer zu nehmen, was sie haben möchten. Wir werden nicht mitkriegen, wer uns vermisst und mit welchen Gesten das wem kommuniziert. Wir brauchen das Zeremoniell des Bedauerns nicht und wollen auch nicht daran erinnern, dass es das gibt und man sich entsprechend fühlen sollte, indem wir es „weil man das so macht“ schon mal vorbereiten. Für mich, für uns, braucht es das alles nicht und ich halte es für wichtig, dass sich Hinterbliebene das klarmachen. Was ist für dich wichtig, was ist für mich wichtig. Und welcher Wille entscheidet – mein letzter und der, den du jetzt gerade in diesem Moment hast, bevor viele andere nachkommen?

Solange ich lebe, muss ich meinen Willen wie mich selbst prüfen, kommunizieren, um- und durchsetzen. So will es das Gesetz der Justiz und auch das des sozialen Miteinanders. Ich war und bin oft müde davon. Habe viele Jahre nicht gemerkt, dass diese Müdigkeit eine Traumafolge ist – eine Resignation vor immer wieder ignorierten, missachteten, ausgenutzten Wünschen und Willen. Eine Art Aufgeben, Nachlassen, entgrenzter Existenz, die nichts mit dem Leben, aber viel mit dem Sterben zu tun hat.
Gewalt tötet. Immer. Auch wenn danach noch Blut zirkuliert, ein Gehirn arbeitet, gesprochen, gefühlt, interagiert wird. Sich auf einen letzten Willen zu konzentrieren ist ein starker Pol für uns, denn es ist der letzte Wille, dem alle Angehörigen und auch die Rechtsprechung zumindest einmal richtig zuhören und Beachtung schenken. Es ist unsere sichere Bank, wenn wir an anderen Stellen scheitern.
Das macht die Bestattungsrealität in Deutschland für uns so schlimm.

Sie erinnert uns daran, dass wir nicht frei sind. Dass wir nicht selbstbestimmt sind. Dass wir über uns selbst zu keinem Zeitpunkt ganz und gar nur uns selbst gehören. Wir sind ein Objekt und sollen das in Ordnung finden.

 

Fundstücke #77

Da war dieser Post, in dem aufgeklärt wurde. Wieder einmal dachte ich: Das ist übergriffig. Deine Aufklärung hier, die ist gewaltvoll.
Und scrollte weiter. Wie ein Passant, der nicht in eine Schlägerei eingreift, nicht beisteht, namenloser Zeuge bleibt.

Ich kläre nicht auf. Glaube nicht an Unwissenheit als Grund für falsches Verhalten und problematische Meinungen. Jedenfalls nicht so sehr wie ich an Unbewusstsein über Zusammenhänge und daran, dass man bestimmte Sachverhalte nicht in ihren Zusammenhängen verstanden und in sich integriert hat, glaube.

Ich glaube ans Lernen. Nicht an Bildung.
Und ich merke, dass es genau das ist, was mich immer weiter scrollen, weiter mein eigenes Ding machen, weiter irgendwie nicht in eine Reihe stellen lässt mit Menschen, die meine Themen haben.

 

Ich bin kein_e Busfahrer_in – eine Kritik am Disability-Mainstream-Aktivismus

Letzte Woche wurden in einer Potsdamer Einrichtung 4 behinderte Menschen getötet und einer schwer verletzt. Seitdem strudelt und blubbert es in meiner Timeline. Es gibt viele Threads, viele laute, empörte, wütende, verzweifelte …~aktivistische~ Tweets und in mir drin eine dumpfe Nulllinie.
Nun merke ich, dass wir keine Aktivist_in sind. Nicht so. Wir können das nicht. Nicht so. Vielleicht nicht mehr, aber wenn wir ehrlich sind, vielleicht auch noch nie so richtig. Unsere Betroffenheit in der Sache ist einfach nicht, dass wir die Opfer betrauern, weil sie auch behindert waren und getötet wurden oder weil wir Heime für behinderte Menschen eh abgeschafft haben wollen, sondern weil wir an unsere Erfahrungen mit Psychiatriegewalt erinnert werden. An eine Station, auf der wir untergebracht wurden, weil uns niemand bei sich wohnen haben wollte. An das Team, das sowohl miteinander als auch mit den Patient_innen gewaltvoll und missbräuchlich funktioniert hat. An die 3 Tage, die der Aufenthalt dauern sollte und die 5 Monate, die wir dann letztlich aushalten mussten, ohne irgendeine Chance auf Rettung von außen. Daran, dass das unser Zuhause war und für alle anderen ein Arbeitsplatz.

Ich merke, dass so mancher Aktivismus Gewalterfahrungsberichte wie unsere benutzt, um sie in Slogans zu verdichten. Merke, dass die Unterkomplexität der Aktion die Realität verzerrt, der Wissenstransfer abgekürzt und oft sogar ganz unterlassen wird, um mit der Macht der Masse zu überzeugen. Die Punkte, auf die man sich einigt, sind oft quadratisch, praktisch – und vor allem unfassbar klein.
Nach #Aufschrei dachte ich noch, dies sei dem Thema geschuldet. Sexismus ist ein großes Thema, die Situationen, in denen Menschen sexistisch denken und handeln sind vielfältig an der Oberfläche, folgen aber einer einfachen Mechanik in ihrem Kern – ja gut, das muss man wohl oft aufzeigen. Ok, ja, da ist oft nicht viel Zeit, also verkürzen wir. Ah, den meisten Leuten ist es scheiß egal, weil sie auf die Gewaltdynamik des Sexismus angewiesen sind – oh aber das ist schon wieder too much zu erklären, wer soll dem denn folgen, was ist denn Gewalt huuu – hm, naja, ok also noch ein Text mit Erklärung – ja ja iiiirgendwaaaaann nimmt sich mal jemand die Zeit das zu lesen lol

Und jetzt ist es Ableismus.
Jetzt lese ich Texte und Threads über Ableismus und dass er scheiße ist und abgeschafft gehört und die Autor_innen teilen durchgehend in „Menschen mit Behinderung“ und „Menschen ohne Behinderung“ ein. Was eine ableistische Einteilung ist und behinderte Menschen ausschließt.
Dann wird mir unter meinem Thread darüber, was Ableismus ist bzw. wie er funktioniert, gesagt, der Gender Gap sei falsch, weil Screenreader ihn nicht gut vorlesen und überhaupt, wer so darüber schreibt wie ich würde sich intellektuell hervortun wollen und nicht an Leser_innen denken, die es einfach brauchen. Man begegnet mir also ableistisch, unterstellt mir mich und meinen Bauch zum Bepinseln vor das Thema zu stellen und fordert Einfachheit ein, als wäre sie automatisch inklusiv. Einfachheit ist aber unfassbar schwer herzustellen und für mich zumindest nur mit großer Anstrengung zu ertragen, weil Einfachheit in der Regel mit Weglassung konstruiert wird, die kompensiert werden muss. Tja, und dann steht man da.

Disability-Mainstream-Aktivismus ist wichtig. Nichts von meiner Kritik soll heißen, dass man das nicht machen soll oder es sei unwichtig „alle“ abzuholen. Aber „alle“ sind enorm viele Menschen. Unter anderem auch Menschen, die vom Mainstream – zum Beispiel aufgrund ihrer Behinderung – immer wieder weggestoßen werden.
In der Netflix-Doku „Der Sommer der Krüppelbewegung“ zählt eine Person die Hierarchie der Behinderungen auf. Diese Hierarchie bezieht sich darauf, wer wie gut oder schlecht von der Gesellschaft akzeptiert und integriert wurde (und bis heute wird). Das ist im aktivistischen Kontext meiner Meinung nach bei vielen behinderten Leuten überhaupt nicht reflektiert.
Es ist als Aktivist_in enorm wichtig sympathisch zu sein. Weiß zu sein. Gut sprechen zu können. Charmant und erfrischend witzig zu sein. Dem privilegierten Gegenüber nicht als Bedrohung zu erscheinen. Keine Schuldangst auszulösen oder ein Klima zu erschaffen, das sie auflöst. Dafür sind Fähig- und Fertigkeiten wichtig, die viele Menschen, die mit Behinderungen leben, welche im sozialen und interaktiven Bereich wirken, wenig oder gar nicht oder völlig anders zeigen können.
Als Aktivst_innen agieren wir untereinander ableistisch, wenn wir das ausblenden, unkritisch hinnehmen – ja uns sogar daran anpassen, weil wir glauben nur so etwas bewegen zu können – oder die Erwartung an einander richten, praktisch unbehindert aktiv zu sein.
Nicht ableistisch, nicht sexistisch, nicht rassistisch, nicht klassistisch – nicht normativ miteinander umzugehen, hat niemand von uns schon das ganze Leben lang gelernt, aber die Erwartung daran wird einander mit der gleichen Ignoranz angetragen, wie sie uns im Alltag mit Menschen, die Behinderungen leicht und ohne Hilfe kompensieren können, jeden Tag begegnet und verletzt.

Wir könnten es so anders machen und machen es dann doch wieder entlang der Mechanismen von Gewalt. Und wir sprechen untereinander nicht darüber, weil wir alle mitnehmen wollen.

Ich bin kein_e Busfahrer_in. Ich muss niemanden mitnehmen.

die Wurmkiste

Eigentlich haben wir eine große Wurmkiste im Garten stehen. Es ist der Komposthaufen.
Dort haben wir im letzten Jahr allerdings so viel Hecken- und Rasenschnitt, Unkrautbobbel und Geäst zusammengetragen, dass gerade mal genug Kompost für das Tomatenbeet entstanden und noch jede Menge unreife Masse übrig geblieben ist.
Dann haben wir von Wurmkisten erfahren. 1000 Eisenia fetida, Eisenia Andrei und Eisenia hortensis, die Schicht für Schicht pflanzliche Abfälle weggknupsern und damit nährstoffreichen Wurmhumus und – wenn die Bedingungen dafür stimmen – Wurmtee produzieren. Wir haben bei wurmwelten.de eine Wurmkiste gekauft, die schon gestartet ist. Das heißt, dass wir nicht zaghaft und mit dem ganzen Fehlerpotenzial anfangen mussten, sondern nach einer einige Tage langen Eingewöhnungszeit schon richtig loslegen konnten.

Noch steht unsere Kiste im Flur und verteilt dort erdigen Waldgeruch. Wenn es wärmer wird, stellen wir sie draußen in den Schatten. Die Würmchen (im Kompostforum auch „Judels“ genannt, weil sie zweigeschlechtlich und damit als JUngs und MäDELS leben) werden aktiver, wenn sie es warm haben und können in Spitzenzeiten bis zu 2 Kilo Grünzeug pro Woche verarbeiten. Man muss ein bisschen drauf achten, was man ihnen gibt, aber dazu findet man im Forum und auf der Webseite reichlich Informationen und Erfahrungswerte.

Ist eine Wurmkiste fancy schmäncy und man könnte auch einfach mehr Arbeit in den Gartenkompost stecken? Ja.
Hat man mit einer Wurmkiste eine Herausforderung in Sachen Objektkonstanz? Auf jeden Fall!
Ist es super interessant und bedeutet mehr Kontakt mit dem Kreislauf des Lebens, wenn man direkt beobachten kann, wie aus Essensresten ein Baustein für die Pflanzen werden, die dann zu Essen werden? Oh ja!

Möchtet ihr mal hören wie es in der Wurmkiste klingt? Bitte sehr:

Made im Speck

Ich grabe Schnittgrasbüschel aus und Erdbeerpflanzen ein. Und als ich damit fertig bin, könnte ich Kartoffeln unter meine Fingernägel stecken.
Die Vögel zwitschern und flirren um uns herum. Hummeln taumeln von Löwenzahn zu Löwenzahn. Mir ist düsig, dem Partner auch. „Vielleicht haben wir beide Jetlag“, denke ich und spüre dem Nesselbrennen der Brennesseln in meinem Fingerspeck nach. Es ist so viel passiert, vielleicht merken wir jetzt, wie gründlich es uns überholt hat.

Ich schütte Dreck in ein Töpfchen und bohre ein Loch ins Dunkle. Wann sind die Tomaten eigentlich so groß geworden? Ich kann mich kaum dran erinnern, dass ich sie ausgesät habe. Jetzt hängt ihr intensiver Geruch zwischen uns und ihre zarten Wurzeln wie Babyhaar in der Luft.
Anfang der Woche haben wir die erste Impfung erhalten. In der Woche davor die Nachricht, dass unsere Krankenkasse die Therapie finanziert. Gestern haben wir das Fahrzeug gefunden, mit dem wir unseren Führerschein machen könnten. Eine Made im Speck sind wir.
Vom Schwein, das wir haben.
Wahrscheinlich ein Glücksschwein.