Autismus und DIS, Die Helfer_Innen und die Hilfe, DIS?, Innenansichten

M.

M. setzt sich aus der Erschöpfung nach einer Stunde Schulweg und der Hoffnung auf Verstehen zusammen.
Schritt für Schritt, an der Seite von NakNak*, die sie sicher auf dem Bürgersteig hält.

M.’s Kosmos ist eine Mischung aus Angst, Wahrscheinlichkeitsberechnung, Beobachtungsanalysen und Neugier.
Sie will verstehen. Sie will Dinge können.
M. hatte noch nie eine Freundin und versucht zu verstehen, wie man das macht. Freunde.
M. war noch nie Fan von irgendwas und versucht zu verstehen, wie man das macht. Unkritische Begeisterung.

M. hat keine Hobby’s oder sonstige Er_Lebensräume außerhalb dessen, was „Schule“ ist.
M. hat keine Familie.

In ihrem Leben gibt es nichts, was man nicht irgendwie herausfinden kann.
Wenn sie etwas verstehen will, dann sorgt sie dafür, dass sie versteht.
Verstehen ist der einzige Lichtblick, dessen M. sich jederzeit zu erleben sicher sein kann.

M. ist 14 vielleicht 15 Jahre alt.

M. ist einfach nur M. und das was sie fühlt. Und das ist die meiste Zeit des Lebens Angst.
Manchmal auch die Hoffnung, etwas könnte sich verändern, wenn sie nur gut genug versteht. Sich für Menschen öffnet, die Hilfe oder Unterstützung anbieten.

M. hat Angst vor automatischen Türen. Und vor den Klinken von Türen, die eine Klinke haben.
Vor Quietsch- und Schleifgeräuschen. Vor dem Moment, in dem jemand sie umarmen will, statt einfach „Hallo“ zu sagen.
M. hat Angst vor Zahlen, die sich mit Buchstaben vermischen und einander verdrecken – ja sogar unansehaubar unansehnlich machen. Vor bestimmten Lebensmitteln und bestimmten Fragen.
Sie hat Angst davor nicht zu verstehen.

Wenn sie nicht versteht – besonders, wenn sie etwas selbst (falsch) gemachtes nicht versteht – kann sie nicht mehr sprechen. Sie erstarrt, arbeitet an Lösung und Rettung gleichzeitig, verliert sich in Verwirrung, Angst und Starre.
Manchmal weint sie. Meistens schweigt sie und rechnet sich aus einer Not, die man ihr nicht ansieht.

Sie versteht nicht, wie es anderen Menschen anders gehen kann als ihr.
Wie das sein kann, dass manchen Menschen scheiß egal ist, die Menschen und Dinge um sich herum nicht zu verstehen.
Wie das kommt, dass andere Menschen keine Angst haben in dieser Welt voller Dinge, die verstanden werden wollen/sollen/müssten, umherzuleben.

Das ist, was ich mit M. teile.
Es ist unsere Schnittstelle.

Ich kann sie manchmal beobachten.
Wie sie in meinem Körper durch ein Gebäude läuft, das mir jedes Mal neu und fremd vorkommt, obwohl ich weiß, wo ich bin. Wo sie jeden Tag hingeht. Um zu verstehen, was sie lernen soll, um richtig zu tun, womit wir später Geld verdienen wollen. Wenn später ist und Geld ist, was uns tragen muss.

Ich kann nicht mehr von ihr fühlen als ihre Angst und manchmal auch die Hoffnungslosigkeit davor, dass es für sie vielleicht nie enden wird. Dass es ist wie ist, weil alle glauben, dass es so sein muss. Schule. Andere Menschen. Die Welt und der Lauf der Dinge, den sie wahrnimmt.

Meistens denke ich, was für ein enorm starkes Innen sie ist. Und denke, dass wir allein schon ihretwegen die Ausbildung durchhalten müssen.
Ohne die Ausbildung hätten wir erneut keinen Anlass uns ihr zu widmen und vielleicht auch keinen Zugang zu ihr und dem System aus dem heraus sie funktioniert.

Daneben ist sie übermäßig stark belastet.
Es ist eben doch etwas anderes als 14 vielleicht 15 jährige unter 14-15 jährigen überfordert zu sein und zu glauben, mit einfach nur mehr und mehr und mehr und dann noch einmal mehr Anstrengung, würde sich alles auflösen.
Sie ist ostdeutsch aufgewachsen. Besuchte das Gymnasium. Hatte Ideen und Ziele, die auf Abitur und harter Arbeit Früchte basiert.

Und jetzt ist der Körper, den sie selbst nicht einmal richtig wahrnehmen kann 30 Jahre alt. Sie ist umgeben von westdeutschen Teenagern, weiß, dass sie gehandicapt ist und arbeitet sich – uns – nicht tot, doch zuweilen suizidal.
Weil das ist was sie tut und das ist, was wir tun müssen.
Die hochgelobte deutsche Bildung ist eben nicht barrierefrei zu genießen.
Weder für sie damals, noch für uns heute.

Das bringt uns in ein Dilemma.
Erfahren wir doch ständig, dass es Innens wie M. gibt, weil diese noch nicht verstanden haben, dass heute alles anders ist als früher.

Was sollen wir M. sagen, zeigen, ermöglichen, um ihr das zu vermitteln?

Autismus und DIS, Lauf der Dinge

fault

Später dachte ich an die Diagnose der “Anpassungsstörung” und sah mir dabei zu, wie ich die Anführungszeichen abmontierte, um sie um das Wort ‘Diagnose’ zu klemmen.

Die Anpassungsstörung ist da.
Ich bin die Störung und ihre Ursache gleichzeitig.

Anpassung ist etwas, das nur vom Außen gesehen und eingeordnet werden kann.
Anpassung ist ein Entwicklungsbegriff.
Ein Wort aus der Verhaltens_Evolution.
Niemand weiß, ob etwas oder jemand angepasst ist oder nicht. Es sei denn, man hat eine Vorstellung von angepasstem Sein und beobachtet ein Scheitern.

 

Menschen machen es sich mir gegenüber leicht.
Manche erklären das unpassende Fehlersein zur Kunst, zur Revolution, zu einem Teil des fernen Laufs der Dinge, der ach so öde und reizlos, kaum mit ihnen selbst verbunden ist.
Sie hören meine Not daran, doch halten sie für meinem Sein immanent. Nicht dem, das ich mit ihnen teile.

Und manche nutzen es für sich.
Werden von dem, worauf ich deute, was ich mit_teile und aufzeige, inspiriert und angestoßen. Sie stehen neben meinen Kämpfen und wärmen sich an der Hitze meiner Gefechte.
Ohne zu hinterfragen welche Rolle sie dabei spielen könnten.
Welche aktive Rolle sie dabei spielen könnten.
Sie denken an sich und vergessen mich.

Manchmal merke ich, wie ich nicht ernstgenommen werde und denke darüber nach, ob ich mich gekränkt oder unverstanden fühle.
Relativierung ist etwas, das meiner Not immanent ist. Klein machen. Entschärfen. Emotionalisieren. Subjektivieren. Und darüber: entwerten.
Nicht vor mir – aber vor denen, an die ich mich richte. Wenn ich mich an jemande richte.

In der Regel richte ich mich nicht mehr an konkrete Gegenüber.
Wenn ich etwas sage, spreche ich in eine diffuse Idee, die ich mir nicht konkreter wünsche.
Wenn ich etwas sage, dann sage ich es nicht, weil ich mir für mich etwas erhoffe. Sondern, weil es da ist. Und oft nicht okay. Oft ein Skandal. Oft ein Fehler.
Oft etwas, das zu ignorieren mir nicht in den Sinn kommt.
Wer ignoriert denn einen Elefanten im Wohnzimmer?

 

Ich weiß nicht mehr, warum ich mich einmal dazu entschieden hatte, mich und das, was ich sehe mit.zu_teilen.
Es gab nie einen Gewinn zu erwarten. Außer den der Gemeinsamkeit mit dem, was um mich herum ist und passiert.
Miteinander.

 

Miteinander ist für Gewinner_innen.
Nicht für Fehler.
Gewinne werden entlang von Verlusten definiert.

Mit anders sein, ist nicht_s zu gewinnen.

Autismus und DIS, Innenansichten

Fehler

Manchmal muss man mit sich ins Gericht gehen. Sich auf den Pott setzen. Erklärungen aus dem Inneren einfordern.
Manchmal muss man streng mit sich sein.

Mir wird oft gesagt, ich wäre immer zu streng mit mir. Perfektionistisch. Zu anspruchsvoll.
Blabla – wer hört das denn nicht über sich, wenn es um Enttäuschung vor dem eigenen Versagen geht.
Für mich ist es üblich zu hören, ich würde zu viel verlangen, erwarten, wollen. Dabei ist nicht mein Anspruch das Problem. Jedenfalls nicht meins.
Mein Problem ist das Versagen. Der Fehler. Das Nichtentsprechen.
Vor allem dann, wenn ich die Aus.Wirkungen dessen nicht erfassen und be.greifen kann.

Meine letzte Woche stand unter dem Thema der Fehler, des Versagens und der Menschen, die darauf für mich unverständlich, manchmal sogar irrational, reagieren.

Ich habe einen Mathenachschreibtest abbrechen müssen.
Eine kleine Verwirrung über eine Aufgabenstellung schubste mich ins Blackout, wo es außer Angstschweiß und Beklemmung nichts mehr gab. Der Schultag hatte grade begonnen, ein anderer Test stand noch an – ich musste abbrechen und die 20 Punkte sausen lassen. Es half nichts. Obwohl ich wollte und wusste, dass ich kann. Nur nicht so. Nur nicht zu diesem Zeitpunkt.
Mein Versagen wäre keines gewesen, wären Tests wie dieser nicht das erste Mittel der Wahl.

Es ist kein Problem die Punkte nachzuarbeiten.
Es ist jedoch ein Problem die Punkte anders als die anderen in meiner Klasse nachzuarbeiten.

Mein Versagen, mein Fehler ist, andere Wege zum gleichen Ziel gehen zu müssen.
Und zwar tatsächlich: zu müssen.
Denn ich krampfe, wo Vielviel und Überanstrengung mich fallen lassen.
Und die anderen nicht.

Ich bin streng mit mir und erwarte von mir immer das Beste, was ich geben kann.
Ich merke den Preis, den das hat.
Ich merke aber auch das Ergebnis.

Ich wäre nicht an dieser Schule, hätte ich allem “Ach, das musst du doch nicht…” und jedem “Nach allem, was du durchgemacht hast…” nachgegeben.
Wäre ich noch so weich und zart mit mir, wie zu einem früherem Zeitpunkt, hätte ich nie wieder gesprochen. Hätte ich  nie wieder dieses Schlachtfeld menschlicher Interaktion betreten.
Hätte ich keine Ansprüche an mich, wäre ich noch immer die Patientin auf deren Kosten sich profiliert und selbst versichert wird.
Würde ich nichts von mir verlangen, wäre ich seit Jahren tot.

Mit dem Selbstanspruch ist es jedoch so eine Sache.
Weil ich mich beanspruche, mich immer wieder heraus.fordere und niemals leichtfertig an eine Sache herangehe, bin ich auch nie unbeansprucht, ungefordert und leichtfertig. Ich bin ernst und ange.streng.t.
Wo ich bin, da gibt es den lockerleichten Spaß nicht oft. Ich bin unbequem. Selbst dann, wenn ich nichts tue.

Ich stehe anderen Menschen oft nicht so zur Verfügung, wie sie es von anderen Menschen gewohnt sind. Man kann nicht viel von mir verlangen, denn ich verlange oft schon genug von mir. Man kann nicht viel von mir einfordern, denn ich habe oft nur noch mir ungenügend erscheinende Reste zu geben.

In dieser Woche hatte ich auch einen Streit mit Mitschüler_innen, weil ich einer Forderung von ihnen nicht nachkommen konnte.
Und auch nicht wollte.

Dabei…
Ja – dabei können sie es nicht wissen. Und verstehen.
Niemand kann es wissen und verstehen.
Niemand ist ich. Niemand teilt meinunser Er_Leben als uns, die wir sind, in diesem Lauf der Dinge, wo es das Ergebnis aller geleisteten Anstrengungen ist, am Schul- und sonstigem Alltag teilzunehmen.

Und doch.
Ich habe die Idee, dass sie keine Anforderungen an sich stellen. Dass sie nichts von sich selbst fordern. Aus Gründen, klar. Die denke ich mit.
Aber da denke ich auch, wie tragisch das ist.
Wie junge Menschen nicht mehr dazu kommen, sich selbst ernst zunehmen, das eigene Leben und den eigenen Erfolg ernst zu nehmen und von sich selbst abzufordern, weil die ganze Welt 24/7 von ihnen fordert zu funktionieren. Lieb zu sein, brav zu sein – nicht der Fehler sondern, die Lösung zu sein.
Vielleicht auch: die Er_Lösung zu sein.
Denn Kinder sind ja die Zukunft.

Da denke ich, wie gut ich es habe. Denn von mir erwartet niemand mehr irgendwas.
Ich bin schon rausgefallen, weggefallen, am Boden gelandet und egal was ich tue- es ist die nette inspirierende Kür, nach verkackter Leistungsgesellschaftspflicht.
Egal, was ich tue, es ist etwas anderes als das, was alle machen.

Wir leiden darunter.
Aber das ist nun einmal so.
Wir hättens ja auch besser machen können. Damals.
Wenn wir gekonnt hätten.

Konnten wir aber nicht.
Passiert.
Muss man mit umgehen.
Leben ist, Fehler zu nehmen und als Weggabelung im Lauf der Dinge anzuerkennen.

So kann man manchmal nur noch neben allen anderen herlaufen.
Oder – so wie wir nun schon seit Wochen – neben ihnen stehen, ohne in Kontakt zu kommen.
Obwohl man möchte.

Autismus und DIS, Die Helfer_Innen und die Hilfe, DIS?, Fundstücke, Innenansichten

Fundstücke #40

In der Deutschklassenarbeit gab es eine Aufgabe,
die mir geholfen hat etwas über (Innen)Kinder zu verstehen.
Das will ich mit.teilen.

Die Aufgabe zeigte eine Zeichnung.
Die Zeichnung sah so aus:

Man sieht 2 Figuren, die auf unterschiedlichen Ebenen stehen.
Die Figuren werden durch einen Dialog verbunden.
Das sieht man, an der Form des Wortes “Dialog”.
Die Form soll an eine Leiter erinnern.

In der Aufgabe sollten wir erklären, warum es wichtig für gute Kommunikation ist,
wenn man auf der gleichen Ebene zueinander spricht.

Was ich über (Innen)Kinder verstanden habe,
zeige ich jetzt auch mit einer Zeichnung.
Die Zeichnung sieht so aus:

Man sieht eine kleine Figur und eine große Figur.
Die kleine Figur bedeutet ein (Innen)Kind.
Die große Figur bedeutet eine erwachsene Person.

Die Figuren werden durch den Dialog verbunden.
Das Wort sieht wieder wie eine Leiter aus.
Weil das Kind kleiner ist als die erwachsene Person.

Obwohl beide Figuren auf einer Ebene stehen
funktioniert jede Kommunikation zwischen ihnen wie eine Leiter.

Ich kenne Leitern.
Ich finde es anstrengend Leitern zu benutzen.
Man muss aufpassen
– dass man nicht daneben tritt
– dass man das Gleichgewicht behält
– dass man nicht vergisst, was man machen will
– dass jemand da ist, der die Leiter gut festhält

Wenn (Innen)Kinder einen Dialog mit erwachsenen Personen machen,
müssen sie auch aufpassen.
– Dass sie die richtigen Wörter benutzen
– Dass sie alles sagen, was sie wollen
– Dass sie beim Sprechen nicht vergessen,
dass sie laut genug sein müssen

Mir ist aufgefallen, dass viele Kinder, die mit erwachsenen Personen sprechen,
Hilfe beim Dialog machen bekommen.
Zum Beispiel:
– die erwachsene Person gibt Wörter, wenn dem Kind eins fehlt
– die erwachsene Person versucht alle Wörter zu verstehen
– die erwachsene Person macht leicht verständliche Dialoge mit dem Kind
– zum Beispiel mit leichten Wörtern
oder mit kurzen Sätzen

Mir ist aufgefallen, dass wir andere Dialoge machen.
Dafür habe ich eine Zeichnung gemacht.
Die Zeichnung sieht so aus:

Man sieht zwei Gesichter und zwei Sprechblasen.
In der oberen Sprechblase* steht:
“Monolog
– Einleitung/These
– Begründung/Beispiele
– Fazit/Spiegelfrage/Überleitung”

In der unteren Sprechblase steht:
“viele Wörter-Antwort”
Man sieht viele kleine Pünktchen und Linien,
die durcheinander sind.

Ein Pfeil zeigt auf die untere Sprechblase.
Dort steht:
“dazwischen verstecken sich die Wörter,
die man zum Überlegen einer Antwort braucht”

Das soll darstellen, dass wir ein festes Schema beim Reden haben.
Und, dass wir die Antworten von anderen Menschen nicht als Schema erkennen,
sondern als Aufgabe.
Oder als Rätsel.

Jetzt schreibe ich, was ich über Innenkinder verstanden habe.

Ich habe verstanden, dass sie einen Dialog immer wie eine Leiter machen müssen,
weil sie noch klein sind.
Und gleichzeitig die  Wörter für eine Antwort finden müssen,
und ihnen niemand hilft.
Weil die anderen Menschen eine erwachsene Person sehen
und anders mit Wörtern und Sprache umgehen,
als wir.

Ich habe verstanden, dass wir den Innenkindern helfen können,
damit es nicht so anstrengend für sie ist.
Zum Beispiel
– wenn wir unsere gesammelten Wörter mit ihnen teilen
– wenn wir bei ihnen sind, wenn sie einen Dialog mit einer erwachsenen Person machen
– wenn wir alles leicht verständlich für sie sagen
– wenn wir versuchen alles zu verstehen, was sie uns sagen wollen

Wir sind erwachsen.
Wir können für die Innenkinder gute An.Sprechpartner_innen sein.
Dann wird es weniger anstrengend für uns alle.

Dafür habe ich auch eine Zeichnung gemacht.
Weil ich Lust dazu hatte.


*Das Sprechschema ist von Innensystem zu Innensystem unterschiedlich starr bzw. wird unterschiedlich flexibel gehandhabt.

Autismus und DIS, Innenansichten, Lauf der Dinge

Gleichzeitigkeiten

Zum Erinnern an frühere Gewalterfahrungen kommt für mich inzwischen auch Stück für Stück das Erinnern an das Inmitten_Erleben in diesen Situationen. Neben der Erkenntnis, dass ich die Ereignisse, die ich als verschwommenes Dämmern oder Erinnerungsgrollen in meinem Denken und Fühlen wahrnehme, tatsächlich durchlebt habe, ergibt sich in der Traumatherapie auch die wachsende Idee davon, kein 100% passives, dumpfes Wesen mit geistiger Nulllinie gewesen zu sein.

Ich will es nicht verklären – ich merke, wie fieberhaft manche Innens die Situationen zu berechnen und einzuschätzen versuchten. Ich merke, welche dissoziativen Phänomene jeweils überhaupt erst ermöglich(t)en, dass bestimmte Strategien sich in bestimmten Innens haben entwickeln können (und bis heute bestehen).
Ich will nicht sagen: „Obwohl die Welt gebrannt hat, blieben wir cool.“ – das wäre falsch.

Aber ich will sagen: „Während die Welt gebrannt hat, ist etwas in uns vorgegangen.“ und setze in Klammern hinzu: (das mir hilft).
Auch das will ich richtig verstanden wissen: Es hilft mir heute – und Punkt.
Es hat nicht geholfen zu überleben, es hat nichts erträglicher gemacht – es war einfach nur auch da und hilft mir heute.

Ein Beispiel hat mit einer Taube, deren Gefieder braun-weiß gesprenkelt war, zu tun.
Sie war auf dem Fensterbrett eines Zimmers gelandet, in dem andere Wir’s von uns verletzt wurden.
Alles was war, passierte – Schonhaltungen, Täter_innenfokus, der Sprint der Kognition hinter der körperlich-seelischen Überreizung her – und gleichzeitig auch eine Erinnerung an (einen erst weiß-braun gesprenkelten) Kakao in einem Topf, auf einem Herd, in einer Klinikküche, in einem Moment, in dem es eine Idee eines Okay-Gefühls gab.
Nicht lange – aber lange genug.
Wofür auch immer.

Das bedeutet nicht, dass ich oder diese Wir’s damals nicht gelitten haben. Oder diese Gedanken nur deshalb da waren, weil es so schlimm war.
Es fällt mir schwer an die Theorie zu glauben, nach der sich überreizte/gestresste Gehirne in eskapistische Schleifen verirren, um sich zu entlasten.
Je mehr ich erinnere, desto mehr komme ich an die Überzeugung, dass solcherart Gedanken da waren (und heute erinnerbar sind), weil sie Teil der Gleichzeitigkeit dieser Situation waren.

Für mich ist die permanente Gleichzeitigkeit von allem der Grund, weshalb mir der Alltag und verschiedene Tätigkeiten darin schwer fallen.
Für mich ist es zum Beispiel schwierig zu entscheiden, wann ich dran bin etwas zu sagen, weil ich nicht durchgehend sicher priorisieren kann, was für wen wie wo und warum relevant und überhaupt wahrnehmbar ist. Woher soll ich wissen, ob mein Gegenüber es nicht so schlimm wie ich, findet, wenn der Klang meiner Stimme asynchron und allgemein dissonant mit dem Klang des Lampentickens ist? Welche Parameter gibt es für so eine Entscheidung?

Gewaltsituationen sind für mich ein Stück Lauf der Dinge, in dem die übliche Gleichzeitigkeit in einem Zustand wahrgenommen wird, der im und am Körper mit Gleichzeitigkeiten zu tun hat und deshalb als überreizend, überbordend, unaushaltbar einzustufen ist.
Mit dem Erinnern heute kommt das Gefühl der Vertrautheit dessen, was schon früher schwierig war und sich bis heute kaum verändert hat – obwohl heute heute ist.

Ich dachte oft, die Menschen, mit denen ich über eine Gewalterfahrung sprach, nähmen mich nicht ernst, wenn sie sich auf bestimmte Aspekte oder Dynamiken innerhalb der Erfahrung konzentrierten und andere Dinge ausgeklammert ließen.
Heute verstehe ich, dass wir einfach anders erfassen und auch in Gewaltsituationen früher anders erfasst haben, was passierte. Für uns passierte schon damals immer alles (mal mehr mal weniger gut voneinander abgrenzbar) gleichzeitig und ein Großteil unserer kognitiven Ressourcen ging (und geht) in die Vereinzelung der Dinge, obwohl wir allen Dingen den gleichen Wert in Raum, Zeit, Ist, zuschreiben, um mit anderen Menschen darüber sprechen zu können.

Aus einer Situation, in der ein Tagesplan kaputt geht, eine Heizung rauscht, eine Uhr tickt, Kleidung raschelt, 5 verschiedene Menschengeräuschdynamiken passieren, die Haare zwischen Kopf und Boden reiben,  meine Haut andere Haut fühlt, Schmerz passiert, nicht klar ist, welche Bewegung oder Handlung erwartet/gefordert ist, Ekel passiert, Angst passiert, das faszinierende Webmuster eines Stoffs vor Augen tausend Fragen in den Kopf schüttet, ein Kühlschrank pfeift, der Geruch von Büchern und Holz von Menschenkörpergerüchen bedrängt wird, eine Enge im Hals nicht zum Geräusch passt, das aus ihm kommt, eine Sockennaht schmerzhaft auf den kleinen rechten Zeh drückt … muss ein Satz werden, der nur noch die Informationen erhält, die für andere Menschen in etwa nachempfindbar sind, sonst verstehen sie die Schlimmheit des Moments für mich nicht.

Ich muss vereinzeln, reduzieren und damit auch meine Erfahrung kleiner_reden.
Manchmal passiert es dann, dass ich darüber bei scheinbar neutralen Sätzen wie: “Eine Person hat eine andere verletzt” lande, während für mich bereits die Benennung meiner Selbst als “Person” (also “Mensch” oder auch “Individuum” aus den Räumen “Menschenrechte” und “Seele”) für mich bereits hochgradig aufgeladen erscheint. Die Dichte unserer Vereinzelungen wird häufig nicht wahrgenommen. Der Umstand, wie stark wir vereinzeln und wie viel Energie wir daran verlieren diese Sortierungen vorzunehmen, wird häufig nicht wahrgenommen.
Heute erlebe ich es als wichtig mir das klar zu machen, wenn ich mich nicht ernstgenommen fühle.

Es ist wichtig, weil es auch die eigene Sortierung des erinnerten Inmitten_Erlebens betrifft.
Für uns ist ein Gedanke an Hausaufgaben während einer Vergewaltigung nie ein random Brainfart gewesen, der vernachlässigbar ist, weil der Kontext wichtiger ist oder die Bedeutung des Ereignisses oder seine Auswirkungen im Heute.

Ich merke, dass wir unseren Auftrag an die Traumatherapie verändern müssen, weil unser Zugang ein anderer ist.
Merke, wie sehr für uns selbst weder relevant ist, wie oder warum moralisch falsch oder justiziabel, noch wie schlimm oder zwingend wieder gutmachbar war, was wir erfahren haben.
Es geht nicht darum bestimmte schmerzhafte, quälende Handlungen an unserem Innern und seinem Körper zu erinnern oder bestimmte Kränkungen oder Zwänge, oder Ängste, denen wir ausgeliefert wurden. Es geht auch nicht darum zu ergründen, warum und für wen das passiert ist.
Für uns ist das, egal in Bezug worauf, nicht das Einzige, was uns dazu bringt über eine Gewalterfahrung zu sagen: “Das war so schlimm, dass wir das nicht verarbeiten konnten” oder auch “Das war so schlimm – ich kann mich gar nicht konkret erinnern.”.

Deshalb hilft mir die Erinnerung an auch solche Gedanken in Gewalterfahrungssituationen.
Und auch: deshalb tröstet mich die Erinnerung an solche Gedanken, denn sie zeigen mir, dass meine Annahme von Gewalt als alles abtötendes Gift in einem Menschen vielleicht falsch ist.
Sicher ist sie schlecht für die Entwicklung eines Menschen. Sicher ist sie schlecht für achtsam respektvolles Miteinander. Sicher kann sie töten.

Aber daneben ist sie dennoch immer auch nur ein Anteil einer Gleichzeitigkeit.
Und wir tragen mit unserer Anpassung an Menschen mit anderem Wahrnehmen als wir dazu bei, dass genau das aus dem Blick gerät – obwohl wir das gar nicht wollen. Wir vereinzeln unser Erfahren solcher Situationen – und wundern uns, warum wir im Innen so vereinzeln bleiben. Wir verdichten unsere Worte dafür – und wundern uns über Miss- und Unverständnis oder fühlen uns umgeben von Menschen, die scheinbar gar kein Erfahren mit uns teilen.

Hm.

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Tag mit Macke

Es ist 6 Uhr 38 als ich an der Straßenbahnhaltestelle stehe, um zur Schule zu fahren. Unser Unterricht beginnt um 7 Uhr 30 und ich bin beschwingt es geschafft zu haben, in die perfekte Bahn steigen zu können. Sie ist fast leer, ich setze mich mit NakNak* auf “unseren” Platz, verstaue Ranzen und Sportbeutel unter mir.
Der Morgen lief glatt, der Tagesplan scheint einhaltbar.

Bis wir an der Umsteigehaltestelle aussteigen und sehen, dass die Bahnen in falscher Reihenfolge abgefahren sind. Wir müssen 10 Minuten warten, bis wir erfahren, dass unsere nächste Bahn 20 Minuten verspätet ist.

Der Bahnsteig wird voller. Jetzt strömen die Schulkinder durch die Halle, von zweien kann ich die in NakNak*s Richtung schießenden Hände umlenken, ein drittes spreche ich bereits an, als es uns viel zu nah kommt.

Ich könnte heulen, weil mir der ganze Tag durch die Finger rinnt und ich nichts tun kann, als auszuhalten. In der Schule zu fehlen, macht mir Stress – völlig egal, wie ich die Gründe dafür bewerte. Es stresst mich, weil es Mehrarbeit bedeutet. Weil ich nicht unzuverlässig sein will. Weil mich interessiert, was wir da machen und wissen will, was wir dort zu wissen erfahren dürfen. Weil es einfach der Plan in der Woche ist, zur Schule zu gehen.
Es ärgert mich, wie schlecht der Bahnbetreiber auf solche Fälle zu reagieren in der Lage ist. Ich ärgere mich darüber, wie ich wegen NakNak*s Unterstützung von weitem angeguckt werde, während ich so einen Druck erlebe und in getriggerte Gefühle rutsche.

Als ich trotz der Ohrstöpsel alles noch lauter wahrzunehmen beginne, raffe ich meine Sachen und wechsle das Gleis. Steige in die Bahn zurück nach Hause.
Komme in der Wohnung an und zerfalle zu einem Bündel Krampf und Tränen, als die Tür hinter mir zu ist.
Und merke wie groß der Hass für mich selbst in diesem Moment ist.

Weil es doch nur so eine kleine Macke im Tag ist. Weil ich mich doch an x vielen anderen Tagen erfolgreich durch solche Situationen kämpfen konnte. Weil ich nicht verstehe, wie mir solche Ereignisse so einfach den Boden unter den Füßen wegreißen können und mich in einem Zustand zurück lassen, in dem es mir nicht mehr möglich ist, mich als “Ich”, geschweige denn als ein Wesen mit “Selbst” zu erleben.
Es erschreckt mich so tief und unerwartet – obwohl ich es fast jeden Tag erlebe.
Obwohl ich weiß, dass es Gründe mit Wörtern dafür gibt, die in sich erklären, warum es an manchen Tagen kein Problem ist und an manchen jedoch sehr stark.

In unserem Umfeld ist niemand, di_er uns sagt, dass wir irgendwas schaffen müssen oder sollen.
Immer wieder sagen uns Menschen, dass wir uns mit oder wegen der Schule keinen Stress machen sollen und manchmal erlebe ich mich dabei gekränkt. Denn ich will schon auch jemand sein, an die_n man Erwartungen richtet, wie an alle anderen Menschen auch.
Ich will nicht, dass man davor kapituliert dysfunktionale Strukturen (wie zum Beispiel ein all morgendlich wackeliges Verkehrskonzept) zu verändern oder sich verkneift mir zu sagen, welche Teile meiner Strukturen ich zu verändern mal überlegen sollte, weil man sich von vorherein überlegt, keine Erwartungen zu haben.

Mein Schulbesuch ist nicht so etwas wie dieses Blog hier oder das Podcast oder das Nachwachshaus, wo wir enorm viel Zeit, Kraft und Arbeit investieren, weil wir das um das Projekt selbst willen gerne möchten. Es ist etwas, was durchzuziehen sehr schwer wird, wenn man von allen Seiten den Eindruck bekommt, dass es seltsam pseudoirrelevanter Quatsch ist, den wir wider besseren Wissens so angefangen haben, wie wir ihn angefangen haben.

Jedes Mal, wenn uns – und ja tut mir leid, vielleicht ist die Trennung jetzt blöd – nicht autistische/behinderte/traumatisierte Menschen sagen, ihre Ausbildung/ihr Alltag/ihr Leben sei ja auch nicht einfach, aber wir hätten uns ja dazu entschieden das jetzt zu machen, sagen uns damit gleichzeitig auch: “Dann mach es doch einfach nicht. Mach dir keinen Stress, lass es einfach bleiben. (Ist doch sowieso Quatsch – du kannst das doch schon alles.)”.
und lassen uns mit einem Gefühl zurück, das wir niemandem wünschen.

Wenig von dem, was uns im Moment begegnet ist etwas, womit wir rechnen konnten.
Wir sind zuletzt in Zeiten zur Schule gegangen, in denen wir weder Hunger noch Durst, noch Schlafbedürfnisse kannten. Wir saßen teils massiv verletzt in Klassenzimmern und kompensierten dabei eine Behinderung von der wir nicht einmal wussten, dass es eine ist.

Wir kennen die Welt außerhalb von Hartz 4 und der entsprechenden Isolation nur in diesem Modus und sind jetzt nicht nur in der Situation etwas Neues zu erleben und neue Dinge zu lernen. Wir selbst sind anders und neu für uns in dieser Situation und erleben es im Moment oft so, dass unser Außen es nicht schafft, diesen Komplex aus mehreren Ebenen der Unsicherheiten gepaart mit dem überall passierenden Ableismus und unserem Komplex in uns selbst zu erfassen und zu sehen.

Das heißt nicht, dass wir uns in unserer Belastung ungesehen fühlen oder, dass wir finden, alle müssten viel mehr für uns da sein – es heißt einfach nur, dass wir uns allein mit einer komplexen Situation erleben, die wir weder so mitteilen können, wie sie in allen Einzelheiten für uns ist, noch für uns selbst in irgendeiner Form sortieren und verarbeiten können.
Das ist nicht damit lösbar, dass uns unsere Leute flauschen oder sagen, dass sie uns verstehen. Vielleicht macht genau der Umstand, dass unsere Leute das tun, es sogar noch schlimmer, weil Flausch und Verständnis nicht sind, was wir brauchen, um uns mutiger, kräftiger, selbst_sicherer vor dem Er_Leben fühlen, das uns begegnet und in uns wirkt.

Es ist 8 Uhr 30, als ich mit einer Tasse Tee am Fenster stehe und darüber nachdenke, was wir heute noch schaffen können.
Ich setze mich hin, fange an zu schreiben und merke, wie dieser Tag mit Macke von Wort zu Wort zu einem anderen Tag wird.

Zu einem Tag mit Macke, an dem wir eine Freundin besuchen, in die Bücherei gehen und das Wochenende am Nachmittag beginnen lassen.

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Fundstücke #36

Immer wieder mal kommen solche Phasen, in denen “Alpträume”, Flashbacks, allgemein intrusives Erleben ein Thema sind.
In diesen Phasen schlafen wir schlecht, wachen aus einer Mischung aus unterschiedlich quälenden Erlebensqualitäten auf, müssen über den Tag verteilt , etwas halten oder umgehen, das zeitver.rückt ist.

Wir wissen, dass es Phasen sind. Wir wissen, dass es auch wieder aufhört.
Es geht schneller, wenn wir darüber sprechen. Es tut mehr weh, wenn wir darüber sprechen. Und dann geht es doch nicht schnell genug, weil das, was man darüber sagen kann, meist doch nur ein aus der Kehle gequetschter Laut ist, der sich echter anfühlt, als jedes Wort, das man aus ihm zu formen versucht.

Wenn wir uns vornehmen, in der Therapie darüber zu sprechen, dann erscheint mir immer alles ganz klar.
Hingehen, was sagen, wieder weggehen.
Und dann sind wir da und es ist, als gäbe es nichts zu sagen. Oder lauter Dinge, die eigentlich nichts sind. Oder Dinge, die man lieber zeigen will, statt sie mit dem eigenen Blick anzufassen und über die Zunge im eigenen Mund nach draußen zu tragen.

Und dann ist da das Problem, dass wir (Rosenblätter) das Erinnerte häufig nicht mit einem Kontext verknüpfen können.

Wir haben uns das immer so leicht vorgestellt. Damals.
Man erinnert sich an etwas – kann das vielleicht sogar planen oder so hübsch in Phasen aufteilen, wie es die kranke Kasse oder Klinikkonzepte mitunter darstellen – und dann ist es bewusst und dann schaut man, dass man das irgendwie gut in sich verpackt bekommt und fertig aus.
Dann ist die Dissoziation in Assoziation umgewandelt und damit der erste Schritt zum Integrationsprozess angestoßen. Den Rest macht das Gehirn von allein – wir sind nur noch dazu da, es dabei möglichst nicht zu stören, sondern mit passendem Verhalten zu unterstützen.

Tatsächlich bin ich seit inzwischen Monaten in so einer Phase des spontan unwillkürlichen Erinnerns und habe erst in der letzten Therapiestunde den Faden zur Frage gefunden, welche Haltung ich, zu dem was ich erinnere, überhaupt einnehmen will.
Das Paradoxe ist ja, dass ich weiß, dass es irgendwie mit mir zu tun hat, denn ich erinnere es. Ich könnte nichts erinnern, wäre nichts von mir dabei gewesen.
Ich weiß aber nicht, was genau, wie, wo, durch wen, warum. Und stoße deshalb immer wieder an den Zweifel, ob es überhaupt Erinnern ist, was da mit mir passiert.

Es könnte ja auch ein einfacher Alptraum sein. Zu viele komische Bücher, zu viele komische Blogs gelesen, zu viele komische Filme gesehen. Zu viele verdrängte komische Phantasien. Sowas gibts – das steht in Büchern, in Blogs, in Filmen und ich kanns mir gut vorstellen.

Ich schaffe es inzwischen, nicht mehr stundenlang implodiert bis ins Kleinste im Bett zu liegen und die in mir wirkenden Empfindungen zu durchleiden, ohne mich davor schützen zu können.
Ich schaffe es, mich aufzurichten, das Licht anzumachen, NakNak* zu streicheln, aus dem Bett zu klettern und mich ans Küchenfenster zu setzen. Ich spiele Candy Crush und sage mir, was ich tun kann. Was alles geht. Was ich alles entscheiden kann.
Ich lüge mich an und spiele mir selbst eine Souveränität im Leben dieses Lebens vor, die ich nicht habe. Die Zettelberglandschaft auf meinem Küchentisch, die sich aus Kassenzetteln, Jobcenter-, Betreuungs- und anderen wichtigen Korrespondenzen zusammensetzt, zeigt mir das gnadenlos auf.

Irgendwann gehe ich zurück ins Bett und zwinge mich mit dem Weckerklingeln aufzustehen. Auch wenn das bedeutet am Ende nur 2-3-4-5 Stunden Schlaf zur Erholung gehabt zu haben. Die Tagesstunden werden schließlich gebraucht, um wenigstens zu versuchen dem Selbstbeschiss zu entsprechen.

Meine Selbstfürsorge basiert auf Beschiss und ich weiß das.
Ich lüge, wenn ich nach innen gebe, dass ich mich darum kümmere, dass wir in Sicherheit sind. Ich lüge, wenn ich nach inne gebe, dass wir sicher sind.
Niemand ist sicher, wenn si_er sich nicht vor sich selbst beschützen kann. Wo “Ich” so ein wackeliger Begriff ist, wo “Sicherheit” so relativ anzusetzen ist, wo die Fähig- und Fertigkeiten sich kompetent kümmern zu können, so unsicher abrufbar sind – da geht es nicht ohne Lug und Betrug.

Vorgestern gab es eine weitere Spitze um unsere Lebensverwaltung. Da ging es um Bafög und ergänzende Hartz 4 – Leistungen und uns, die sich zwischen angesägten Leimholzplatten, Vierkanthölzern und Sägespanschnee befanden.
Inzwischen ist klar, dass die Betreuerin erneut eine für unseren Fall unzutreffende Informationsbasis erstellt hat, die wir berichtigen müssen, um strukturell den Status zu halten, den wir haben. Es ist wie immer und wie immer ist es zu viel.
Und wie immer, wenn ich unsere Absprachen um Selbstschädigung berührt sehe, rief ich unsere Therapeutin an. Wie immer überrumpelte ich sie damit und erneut kam es darüber zu Missverständnissen und Verletzungen.

Ich merkte, wie sehr es mich zum Bahnhof zog. Wie weit weg jemand von uns wollte, um nie wieder zurück zu kommen. Um irgendwo anzukommen, wo es all das nicht mehr gibt. Weder meine Überforderung, noch meinen Selbst.Beschiss für den sie sich lohnen soll.

Am nächsten Tag entschuldigte ich mich bei der Therapeutin dafür, dass ich sie überrumpelt hatte. Mehr für mich als für sie, denn für mich war klar, dass sie mich nicht verletzt hätte, wäre sie nicht so spontan mit meiner unserer Not konfrontiert gewesen. Für mich wurde nur einmal mehr klar, dass sie nicht diejenige ist mit der ich sprechen kann, wenn es mir so geht, wie es mir ging.

Wann immer unsere Lebensverwaltung der Auslöser ist, sprechen die Menschen mit uns über eben jene Lebensverwaltung. Wir reden nicht darüber, dass wir nicht weglaufen müssen. Ich werde nicht von außen daran erinnert, atmen zu können, Dinge zu dürfen, sicher zu sein. Für mich setzt sich niemand ans Küchenfenster, zeigt mir bunte Farben und den Selbstzweck des Lebens.
Ich erwarte das von niemandem und fordere das auch nicht ein. Ich kann mir selbst machen, nicht den Kopf zu verlieren – aber das kostet Zeit, Kraft und nicht zuletzt auch Körper. Was wiederum bedeutet, das von mir immer weniger zu verlangen ist, denn mehr als ich habe, kann ich nicht geben.

Ich hatte die Therapeutin aufgefordert mir aufzuzählen, wozu wir das hier alles durchkämpfen. Wozu das alles sein soll.
Nicht, weil ich das nicht weiß oder, weil wir uns darüber noch keine Gedanken gemacht haben, sondern weil es mir fern, klein, unbedeutend und wahrhaftig gelogen erschien. Und noch immer erscheint.

Denn ich habe nie entschieden vor der Familie* wegzulaufen. Ich habe mich nie gegen die Lebensqualität entschieden, aus der heraus ich entstanden bin.
Ich, K., das monströse Kampfrosenblatt, hatte nie eine Familie. Ich weiß, wie meine Eltern aussehen, weil ich eine Hand voll Fotos aus den 80er und 90er Jahren besitze, die meine Familie* zeigen. Ich weiß, dass ich zur Schule gegangen bin, weil ich Zeugnisse besitze. Ich weiß, dass es mich gibt, weil es Entitäten gibt, die darüber bestimmen, was mit mir passiert, seit ich mich als mich denken kann.
Ich beginne zu einem Zeitpunkt, in dem übergriffige und/oder inkompetente Helfer_innen die zentrale Achse des Alltagsgeschäfts sind. Ich beginne aktiv dort, wo es nicht mehr möglich ist, wegzugehen, weil es nichts mehr gibt, wo man hingehen könnte. Außer die ewigen Jagdgründe.

Ich habe mich immer dafür entschieden nicht einzuknicken. Ich bin nie hingefallen, hab nie nachgegeben, hab nie aufgehört festzuhalten. Nie.
Obwohl ich bis heute nicht weiß, warum. Meine Grundhaltung für dieses Leben und mein Wirken dafür, hat keinen bewusst ursächlichen Kontext für mich. Ich weiß, dass es wichtig für uns alle ist, dass ich tue, was ich tue. Ich weiß, dass es uns das Leben gerettet hat und bis heute tut.
Doch der Ursprung dafür liegt an einem Punkt, den ich nicht begründen kann. Weder mir, noch anderen Menschen.

Ich weiß nicht, wie klar es für Außenstehende wird, wie bedrohlich und kontextlos, unverbunden und haltlos ich mich in der Folge fühle, wenn mir dann in solchen Momenten auch noch der für mich in die Zukunft gerichtete Grund fehlt. Wie das ist, wenn man weder weiß warum man ist, noch, weshalb man bleibt.
Bleiben will.

Unsere Therapeutin sagt an der Stelle oft, ich würde mich dagegen wehren, die Opferschaft anderer Innens als meine anzuerkennen. Weil Opfer ja schwach seien und das nicht mit meiner Stärke  zu vereinbaren sei.
Dass sie diejenige ist, die mich in dem Zusammenhang als stark bezeichnet, habe ich ihr schon oft gesagt.
Sie folgt dem Ansatz, der der Idee folgt, dass der Grund zu bleiben und für mich und uns weiterzukämpfen, quasi automatisch bewusst wird, wenn mir nur klar ist, wogegen man sich entschieden hat. Wovor man geflüchtet ist.

In meinem Fall ist das leider nicht anwendbar und auch das habe ich schon oft gesagt.
Ich treffe meine Entscheidung selten bis nie negativistisch. Also, dass ich mich für Dinge entscheide, weil ich gegen andere Dinge bin. Ich entscheide mich für Dinge, weil ich diese Dinge möchte. Mehr ist da nicht und mehr war da auch nie. Mehr brauche ich in der Regel auch nicht.

Ich muss nicht selbst erfahren haben, wie es ist Gewalt zu erleben, um anzuerkennen, dass jemand sie nicht (mehr) erfahren möchte.
Für mich hat die Familie* noch nie eine größere Rolle gespielt als die, ein nervenaufreibend zu kompensierender Nullpunkt in unserer Lebensverwaltung und –perspektive zu sein.
Eine Waise zu sein, deren Eltern noch leben, ist ein struktureller Gau, wenn man behindert ist. Dennoch habe ich nie den Wunsch gehabt, doch bitte deshalb keine Waise mehr zu sein oder ein besseres/anderes Verhältnis zu ihnen zu haben – sondern den Wunsch leichter bestehende Behinderungen kompensieren zu können, arbeiten zu können, mich und uns selbstbestimmt versorgen zu können.

Am Ende geht es mir in meinem Wirken immer nur darum, das “nicht aufgeben”, “nicht hinfallen”, “nicht loslassen”, “nicht nachgeben” weniger schwer für mich zu machen.

Ich bin egoistisch damit und ich weiß, dass ich Glück damit habe, dass genau das mein Anteil an diesem Inneren der H. C. Rosenblatt ist.
Es gibt andere Innens, deren Wirken besteht in der Zerstörung des Körpers, unserer Bindungen und Werte – deren Wirken wird weitaus stärker sanktioniert als meins. Die dürfen ihren Egoismus nicht im Ansatz so ausleben wie ich und manchmal tut mir das leid für sie.
Sie würden viel besser in solche Argumentationslogiken der Therapeutin passen und könnten sich viel besser auseinandersetzen mit den Themen “Abwertung von Schwäche bzw. Opferschaft” oder “die Familie* bevorzugen, weil hier gerade so viel überfordernder Scheiß läuft”.

Stattdessen höre ich mir das an, frage mich, ob ich in den letzten Jahren nicht schon oft genug gesagt habe, dass das für mich nicht passt, beantworte mir die Frage mit: “Ja, offensichtlich nicht, sonst würde sie ja nicht schon wieder damit ankommen” und falle in ein Loch, denn plötzlich fühle ich mich ihr fern, fremd und unverbunden. Als hätten wir niemals etwas miteinander geteilt oder wären je verbunden gewesen.
Dann warte ich eine Weile, stoße meine Gedanken wie Bergsteigerpickel in den wabbelweichen Haufen aus allen mit ihr gemachten Erfahrungen und schlage mein Zelt auf einer Schicht Fatalismus auf. Ich erzähle mir, wie ich jederzeit aufhören kann, mit ihr zu arbeiten. Wie ich jederzeit aufgeben könnte, wenn ich nur wollte, obwohl ich weiß, dass ich es nicht kann und nie konnte.

Wieder lüge ich mich an und wieder merke ich, dass es das Beste für uns alle ist, das zu tun.

Ich habe der Therapeutin gesagt, was ich sagen konnte und beendete das Gespräch mit der Gewissheit, dass mein Erinnern nutzlos ist, weil es ohne Kontext ist.
Die Therapiearbeit braucht diesen Kontext. Ich kann ihn nicht liefern.

Ich gehöre zu einem anderen Ende dieses Lebens und dieses Ende gehört im Moment nicht zur Therapie.
An meinem Ende passiert nur eine Phase.

Phasen sind irgendwann auch wieder vorbei.
Man muss sie nur durch.stehen.