Autismus und DIS, Die Helfer_Innen und die Hilfe, DIS?, Innenansichten

M.

M. setzt sich aus der Erschöpfung nach einer Stunde Schulweg und der Hoffnung auf Verstehen zusammen.
Schritt für Schritt, an der Seite von NakNak*, die sie sicher auf dem Bürgersteig hält.

M.’s Kosmos ist eine Mischung aus Angst, Wahrscheinlichkeitsberechnung, Beobachtungsanalysen und Neugier.
Sie will verstehen. Sie will Dinge können.
M. hatte noch nie eine Freundin und versucht zu verstehen, wie man das macht. Freunde.
M. war noch nie Fan von irgendwas und versucht zu verstehen, wie man das macht. Unkritische Begeisterung.

M. hat keine Hobby’s oder sonstige Er_Lebensräume außerhalb dessen, was „Schule“ ist.
M. hat keine Familie.

In ihrem Leben gibt es nichts, was man nicht irgendwie herausfinden kann.
Wenn sie etwas verstehen will, dann sorgt sie dafür, dass sie versteht.
Verstehen ist der einzige Lichtblick, dessen M. sich jederzeit zu erleben sicher sein kann.

M. ist 14 vielleicht 15 Jahre alt.

M. ist einfach nur M. und das was sie fühlt. Und das ist die meiste Zeit des Lebens Angst.
Manchmal auch die Hoffnung, etwas könnte sich verändern, wenn sie nur gut genug versteht. Sich für Menschen öffnet, die Hilfe oder Unterstützung anbieten.

M. hat Angst vor automatischen Türen. Und vor den Klinken von Türen, die eine Klinke haben.
Vor Quietsch- und Schleifgeräuschen. Vor dem Moment, in dem jemand sie umarmen will, statt einfach „Hallo“ zu sagen.
M. hat Angst vor Zahlen, die sich mit Buchstaben vermischen und einander verdrecken – ja sogar unansehaubar unansehnlich machen. Vor bestimmten Lebensmitteln und bestimmten Fragen.
Sie hat Angst davor nicht zu verstehen.

Wenn sie nicht versteht – besonders, wenn sie etwas selbst (falsch) gemachtes nicht versteht – kann sie nicht mehr sprechen. Sie erstarrt, arbeitet an Lösung und Rettung gleichzeitig, verliert sich in Verwirrung, Angst und Starre.
Manchmal weint sie. Meistens schweigt sie und rechnet sich aus einer Not, die man ihr nicht ansieht.

Sie versteht nicht, wie es anderen Menschen anders gehen kann als ihr.
Wie das sein kann, dass manchen Menschen scheiß egal ist, die Menschen und Dinge um sich herum nicht zu verstehen.
Wie das kommt, dass andere Menschen keine Angst haben in dieser Welt voller Dinge, die verstanden werden wollen/sollen/müssten, umherzuleben.

Das ist, was ich mit M. teile.
Es ist unsere Schnittstelle.

Ich kann sie manchmal beobachten.
Wie sie in meinem Körper durch ein Gebäude läuft, das mir jedes Mal neu und fremd vorkommt, obwohl ich weiß, wo ich bin. Wo sie jeden Tag hingeht. Um zu verstehen, was sie lernen soll, um richtig zu tun, womit wir später Geld verdienen wollen. Wenn später ist und Geld ist, was uns tragen muss.

Ich kann nicht mehr von ihr fühlen als ihre Angst und manchmal auch die Hoffnungslosigkeit davor, dass es für sie vielleicht nie enden wird. Dass es ist wie ist, weil alle glauben, dass es so sein muss. Schule. Andere Menschen. Die Welt und der Lauf der Dinge, den sie wahrnimmt.

Meistens denke ich, was für ein enorm starkes Innen sie ist. Und denke, dass wir allein schon ihretwegen die Ausbildung durchhalten müssen.
Ohne die Ausbildung hätten wir erneut keinen Anlass uns ihr zu widmen und vielleicht auch keinen Zugang zu ihr und dem System aus dem heraus sie funktioniert.

Daneben ist sie übermäßig stark belastet.
Es ist eben doch etwas anderes als 14 vielleicht 15 jährige unter 14-15 jährigen überfordert zu sein und zu glauben, mit einfach nur mehr und mehr und mehr und dann noch einmal mehr Anstrengung, würde sich alles auflösen.
Sie ist ostdeutsch aufgewachsen. Besuchte das Gymnasium. Hatte Ideen und Ziele, die auf Abitur und harter Arbeit Früchte basiert.

Und jetzt ist der Körper, den sie selbst nicht einmal richtig wahrnehmen kann 30 Jahre alt. Sie ist umgeben von westdeutschen Teenagern, weiß, dass sie gehandicapt ist und arbeitet sich – uns – nicht tot, doch zuweilen suizidal.
Weil das ist was sie tut und das ist, was wir tun müssen.
Die hochgelobte deutsche Bildung ist eben nicht barrierefrei zu genießen.
Weder für sie damals, noch für uns heute.

Das bringt uns in ein Dilemma.
Erfahren wir doch ständig, dass es Innens wie M. gibt, weil diese noch nicht verstanden haben, dass heute alles anders ist als früher.

Was sollen wir M. sagen, zeigen, ermöglichen, um ihr das zu vermitteln?

Lauf der Dinge

“deine Behinderung ist dein Vorteil…

…“normal” gibts schon genug.”

Einerseits ist so eine Aussage hochtoxisch.
Sie setzt das Leben mit einer Behinderung in einen Wettbewerb, der aufwendig zu kompensierende Behinderungen gar nicht mitdenkt und negiert die Relevanz von Normalität bzw. die Relevanz, die es hat als “normal” gelesen zu werden.

Andererseits gibt es aber doch Dinge, die ich ohne die Behinderungen in meinem Leben, nicht so gelernt hätte, wie ich sie gelernt habe. Und ohne die ich heute manchmal erheblich mehr Unterstützung bräuchte, mehr auffallen würde und auch abhängiger von Menschen wäre. (Doch natürlich ist die Behinderung hier nur der Anlass zur Entwicklung in anderen Kontexten vorteilhafter Fähigkeiten – nicht die Fähigkeit selbst!)

Wir haben gestern am Inklusionscamp in Dortmund teilgenommen und in einer Session über Kommunikation als Herausforderung in der Bildung gesprochen.
Beziehungsweise war das mein Vorhaben, das ich dann aber in etwas umwandelte, das sich auf konkrete Lösungen bezog, was auch gut und hilfreich war.

Aber.
In ebenjener Session wurde mir das gesagt. Dass meine Sicht auf die Dinge, gerade im Bereich der Kunst und Gestaltung etwas sein könnte, das mich abhebt und interessant macht.

Später auf dem Heimweg dachte ich, wie ungut das ist.
In der Kunst geht es miruns um Ausdruck. Manchmal um Abbildung. Manchmal darum, sich Dinge genau ansehen zu können. Es geht aber weder prim- noch sekundär darum angesehen zu werden. Ausgesucht zu werden.
Es geht mehr darum verstanden zu werden. Verbindungen zu schaffen.

Und heute einen Tag später denke ich, dass der Kunst und Kulturbetrieb eben doch wieder ein Betrieb ist.
Und ich das ausgeblendet habe gerade weil meine Wahrnehmung und meine Ausdrucksformen dort überdurchschnittlich oft ge.wert.schätzt werden.
Gerade weil ich oft mit Gewinn daraus hervorgehe. Vielleicht, weil ich einen Vorteil habe, den andere Menschen nicht haben.

Daneben sind und Kunst- und Kulturangebote nichts, was in meiner gesellschaftlichen Schicht passiert. Beziehungsweise nicht in der Form, dass es üblich ist regelmäßig ins Theater, ins Museum oder in Galerien zu gehen.
“Meine Leute” putzen die Toiletten in Galerien oder verkaufen als Aushilfe die Tickets dazu. “Meine Leute” studieren Schauspiel und tingeln zwischen Bühne und Burgerbraterei. “Meine Leute” machen Kunst auf Kopierpapier und teilen sie Instagram, bevor sie sie ins Altpapier geben.

Ich schreibe lieber “freie Autorin” auf meine Selbstdarstellung als “Künstlerin”, damit ich nicht als jemand gelesen werde, di_er entweder Geld hat oder darauf hinarbeitet mal (viel) Geld für etwas zu bekommen, das eigentlich jede_r machen könnte, worin aber nur wenige anerkannt und gewertschätzt werden.
Vielleicht ist das Teil meiner prekären Sozialisierung und damit Teil des Problems, das Kunst und Kultur hat.
Aber was soll ich sagen – ich muss zwischen Kunstkonsum und Kunstproduktion entscheiden. Entweder gehe ich ins Kino oder Theater oder kaufe mir drei vier mittelgroße Leinwände bei Xenos. Entweder lerne ich für meine schulische Berufsausbildung oder ich fahre zu Barcamps und anderen Veranstaltungen um zu netzwerken.

Prekäre Verhältnisse werden in so mancher neuen Kunst zur Performance pervertiert und damit nicht mehr als belastende (strukturelle) Behinderung, sondern als kreative Challenge, die – mit genug Einfallsreichtum begegnet – neue, bessere, besondere Fähig- und Fertigkeiten als Belohnung verheißt, dargestellt.
Diese neue Kunst ist es für mein Gefühl auch zunehmend, die sich behinderten /Künstler_innen/mit Behinderungen öffnet. Aus der gleichen Idee von Bereicherung und Kreativitätsvermehrung durch Teilhabe an den Kämpfen von Menschen, die sich ihre Kämpfe nicht aussuchen können.
Das Wort dazu ist “Inspirationporn” und ausgeblendet wird dort die Unfreiheit behinderter /Menschen/ mit Behinderungen bzw. wird die Auseinandersetzung damit vermieden.

Thema “inklusiver Künste” wird oft die Behinderung, die an den Personen verortet wird. Das kann eine Blindheit genauso wie ein Autismus sein – seltenst jedoch der Umstand, dass die behinderte /Person/ mit Behinderung sich kaum die Materialien und Assistenzen für ihre Kunstproduktion leisten kann und – aller guten Kompensationen zum Trotz – auch oft darum kämpfen muss überhaupt etwas mehr zu er_schaffen, als die Aufrechterhaltung des eigenen Lebens.

Es ist ein Ding geworden, als behinderte /Person/ mit Behinderung die an sich verortete Behinderung zu thematisieren. Nichts dagegen – aber das ist kein “inklusiver Kunst- und Kulturbetrieb”.
Einen solchen würde ich persönlich daran erkennen, dass ich erst in der Auseinandersetzung mit der Kunst selbst oder der Person hinter der Kunst etwas von den Behinderungen, die zur Erschaffung des Stücks zu kompensieren waren, erfahre. Und zwar als ganz üblicher Teil der Präsentation – und nicht als herausgestelltes Merkmal ebenjener Kunst.

Die Behinderungen mit denen Menschen leben, sind keine besonderen Merkmale der Personen.
Sie sind Merkmale der Normalität, die sie leben.

Diese Normalität auszudrücken, passiert wohl kaum in einem Wettbewerb um Aufmerksamkeit und Prestige.
Viel mehr ist es doch so, dass diese Normalität auszudrücken und mit.zu.teilen, ein noch immer unterschätzter und nachwievor exklusivierter Beitrag zur Inklusion ist, der von behinderten /Menschen/ mit Behinderung selbst kommt.

In diesem Sinne weiter zu arbeiten, darin hat mich das Barcamp gestern sehr bestärkt.
Nicht, weil ich es als Vorteil begreife mit Behinderungen leben und  infolge dessen immer wieder kreativ in der Lösungsfindung sein zu müssen, sondern weil mir noch einmal bewusster wurde, dass es noch ganz viel mehr Bewusstsein für verschiedene Normalitäten braucht. Auch in der Kunst und ihren Betrieben.

Lauf der Dinge

in einem anderen Kampf

… am Ende gehts dann doch immer wieder um die Demut, die man davor hat, überhaupt (noch) am Leben zu sein…

Das ist das Ende eines Gedankenganges, den ich diese Woche hatte.
Die Geschichte begann dort, wo mein Textteil bei der Mädchenmannschaft von jemandem verrissen wurde, weil ich schrieb, dass Arbeit für mich ein Privileg ist, das ich mir erkaufe. Der Preis dafür sind körper_eigene Fähig- und Fertigkeiten und der Gewinn ist das, was ich als Gewinn erlebe.

Da es der erste Mai war, schrieb ich noch dazu, dass nach meiner Ausbildung weder die Selbstständigkeit, noch die Festanstellung etwas sein werden, das für mich wirklich passt, weil es als behinderter /Mensch/ mit Behinderung strukturell bedingt oft nicht möglich ist, so verlustfrei zu arbeiten bzw. zu erwirtschaften, wie für Menschen ohne diesen Status. Und dass meine Forderung ist, dass das verändert wird.

Wenn man sich meinen Text durch eine marxistische Brille ansieht, ist die “Kritik” nachvollziehbar. Auf der sachlichen Ebene.
Persönlich ist es allerdings eher peinlich, sich ausgerechnet den Text einer behinderten Person zu nehmen und daran zu kritisieren, dass diese Person Arbeit als etwas, das in kapitalistischen (und also gewaltvollen) Kontexten passiert, nicht ablehnt oder von Grund auf neu gedacht haben will, sondern als Privileg für sich selbst betrachtet.

Es ist deshalb peinlich, weil es offenbart, wie wenig die Kämpfe und Lebensrealitäten von behinderten /Menschen/ mit Behinderung bewusst sind und wie noch weniger sie als sowohl aktuelles, als auch in der Zukunft bestehendes Ding in der antikapitalistischen Linken mitgedacht werden.

Mein Leben ist dem Kapitalismus scheiß egal. Meine Arbeitsfähigkeit steht ihm nicht zur Verfügung. Er will sie nicht. Er fragt nicht danach.
Der Kapitalismus braucht die Wohlfahrt als Vehikel, um irgendetwas mit mir und meiner Existenz anfangen zu können. Erst durch den moralischen und vielleicht ethischen Überbau von Fürsorge als zwischenmenschliche Pflicht werde ich, mein Körper und auch meine Seele, zu etwas, das der Kapitalismus für sich nutzen kann.
Stichwort: Pflege- und Gesundheitswirtschaft

Darauf aufbauend geht es weiter mit dem ganzen Wirtschaftszweig, der sich durch die neuen Technologien entwickelt.
Stichwort: Cyborgs
Oder dem, der sich entlang der neuen Möglichkeiten zu forschen entwickelt.
Stichwort: Gentherapie und Pränataldiagnostik

Und dann die Ökonomie, die sich im Bereich des sozialen Engagements inzwischen etabliert hat.
Stichwort: Inklusion, die von Menschen ohne bzw. problemlos kompensierbarer Behinderung erklärt, etabliert und gemacht wird.

Behinderte /Menschen/ mit Behinderung und das ableistische Wohlfahrtsdenken, das sich an ihnen entsponnen hat und bis heute gepflegt wird, ist es, was ganze Wirtschaftssektoren braucht, um überhaupt zu funktionieren bzw. legitimiert zu sein.
Und zwar für und von Menschen, die nicht behindert sind und/oder werden.

So hart es klingt: unsere Gesellschaft hält sich “uns behinderte Menschen /Menschen/ mit Behinderung”™ , weil die Moral es verlangt und die (Aus-)Nutzung möglich ist. Nicht, weil das, was von uns kommt als gleichermaßen menschlich und wertig betrachtet wird, wie das, was von Menschen ohne bzw. problemlos kompensierbare Behinderung kommt.

Natürlich wird auch der ablierte Mensch von der Gesellschaft aus diesen Gründen gehalten. Jedoch dient er eher der aktiven Produktion, als der passiven Existenz, die ohne die Produktivität anderer nicht lange da sein würde.

Und da ist der Punkt.
Passive Existenz.
So habe ich mich in meinen 10 Hartz 4 Jahren erlebt. So erlebe ich mich heute noch, wenn ich nichts weiter kann, als mit Schmerzen am ganzen Körper in meiner dunklen Butze zu liegen und zu hoffen, dass meine Assistenzhündin noch so lange warten kann, bis jemand kommt, der sie rauslässt.

Ich rede hier nicht von einem nicht wertschätzenden Blick auf sich selbst. Oder von einem Budenkoller, den man eben bekommt, wenn man, aufgrund von Krankheit und allgemeinem Scheiß, lange keine Stimulation hat.
Ich rede davon, wie man sich selbst auflöst, wenn man nichts produziert, erschafft, erdenkt, spricht – sich und die eigenen Ränder mit dem definiert, was aus dem eigenen Inneren kommt, weil man nicht kann.
Weil man einfach überhaupt _gar_ nichts kann, außer zu sein.
Irgendwie.

Dieses Auflösungsgefühl kenne ich aus den Nahtoderfahrungen, die ich in meinem Leben mehrfach machen musste.
Dieses Moment, in dem man nichts und niemand mehr ist. Wo man denkt: “Jetzt ist es vorbei” – ohne sofort zu begreifen, dass es da um da eigene Leben geht, dessen Ende man da kommen zu sehen glaubt und spürt.

Sterben ist leise.
Passives Existieren ist sterben.

Und das ist etwas, das, wenn man das durch hat, die Perspektive verändert.
Es macht nicht dankbarer.
Es macht demütig.

Und es macht die Momente, in denen man etwas er_schafft wert.voll.
Sei es ein Tag mit Schmerzen, den man durchsteht oder ein 8 Stunden-Arbeitstag für den es Geld gibt.

Für mich ist Arbeit nicht zwangsläufig “Lohnarbeit”.
Für mich ist es unüblich irgendetwas mehr als den Selbsterhalt für die harte Arbeit, die das Leben auf der ganz alltäglichen Basis für mich bedeutet, zu erhalten.
Am Leben zu sein ist für mich kein Lohn. Es ist eine scheiß Glücksache.
Etwas worum ich nicht gebeten hab und doch behalten will, wenn ich es zu verlieren drohe.

Für mich ist Brot zu backen genauso eine Arbeit, wie mich selbst sauber zu halten.
Es ist für mich Arbeit, anderen Menschen zu kommunizieren, was ich denke oder wahrnehme – ganz genauso wie es Arbeit für mich ist, einen ganzen Tag nur mit kreativem Tun zu verbringen.

Alles das muss man erstmal können. Alles das muss man lernen und mehrfach üben, bis man es unter vielen äußeren Umständen und vielen inneren Zuständen (gleich gut) kann.
Meine Ausgangslage zu lernen und zu üben, ist eine andere als die von Menschen, die Behinderungen problemlos kompensieren können.
Alles was ich tue, tue ich neben 24/7 Kompensationsarbeit, die nicht objektivierbar und damit auch nicht kapitalisierbar ist.
Aber sie ist da. Und zwar immer.
Auch dann, wenn ich in der Rolle des passiven Betreuungs-/Versorgungsgegenstandes (also passiver Existenz) bin.

Nicht alle Aspekte des behinderten /Lebens/ mit Behinderung ergeben sich aus dem Kontrast zu ablierten Menschen bzw. dem was als “der Mensch ohne Behinderung” gedacht wird.
Behinderungen sind keine Probleme, die man mit nur genug Schläue umgehen oder wegmachen kann.
Behinderungen sind die Folge von falschen Erwartungen an und Ideen von Fähig- und Fertigkeiten und Ignoranz bestehender Vielfalt von Menschen.

So zum Beispiel auch die Idee, dass jemand in meiner Situation und meiner “Bauart” die gleichen Fähig- und Fertigkeiten hätte, von einer antikapitalistischen Revolution zu profitieren, geschweige denn die gesamtgesellschaftliche Werteverschiebung einer solchen überhaupt zu überleben.

Auch im Kommunismus, im Sozialismus oder wie auch immer es heißen würde, würde ich jemanden brauchen, der mir entsprechend meiner Fähig- und Fertigkeiten hilft, einen Beruf zu erlernen, meinen Alltag zu schaffen und neue Fähig- und Fertigkeiten zu erlernen. Auch dort wird es das geben, was mich von Menschen, die auftauchende Behinderungen problemlos kompensieren können, unterscheidet.

Doch wie damit umzugehen sei, damit hat sich die feine linke Herr_schaft meines Wissens noch nicht besonders viel beschäftigt.
Weshalb es mich nicht wundern würde, wäre jemand wie ich auch in einem anderen Wirtschafts- und Wertesystem nicht viel mehr als passive Existenz.
Oder weniger krass formuliert: “gesellschaftlicher Rand”.

In meinem Text bei der Mädchenmannschaft habe ich geschrieben, dass Arbeit für mich ein Privileg ist.
Nach über 150 Bewerbungen auf eine Ausbildungsstelle, x Vorgesprächen und Kämpfen darum, überhaupt noch irgendwo einen Platz zum Lernen zu bekommen, der nicht in einer Werkstatt für behinderte /Menschen/ mit Behinderung oder mein eigenes Wohnzimmer ist, ist das keineswegs so eine absurde Aussage, wie sie in der “Kritik” dargestellt wurde.

Ich weiß, was es mich jeden Tag kostet dahin zu gehen – und ich weiß, dass ich letztlich mit weitaus weniger aus der Nummer rausgehe, als ich reinstecke. Aber ich weiß genauso gut, dass man meine Kämpfe auch erstmal können muss.
Dass man mein Glück erstmal haben muss.

Ich habe an keiner Stelle von Lohnarbeit (in kapitalistischen Kontext) geschrieben.
Weil ich nicht entlohnt werde.
Weder jetzt noch in der Zukunft.
Egal, ob diese Zukunft in politisch linken oder rechten Zeiten passiert.

Mein Arbeitsbegriff gehört nicht zum Kampf um links oder rechts.
Mein Arbeitsbegriff gehört zu meinem Leben.

Mein Leben passiert in einem anderen Kampf.

Autismus und DIS, Lauf der Dinge

„Ausbildung inklusive“ Episode 8 – es läuft schief

Donnerstage.

Donnerstage sind nach Mittwochen inzwischen der schlimmste Tag.
Und der beste Tag.

Die Mittwoche vergehen unter dem schlechten Gewissen einer eigenmächtig entschiedenen Fehlstunde. Schlimm genug, dass wir das selbst entscheiden mussten und auch das ganze Schuljahr über so entscheiden werden müssen.  Denn wir können es nicht aushalten mit der ganzen Klasse zusammen in die Werkstatt gequetscht zu arbeiten. Geht nicht. Haben wir versucht, endete mit Weinkrampf auf dem Schulklo.

Apropos – das Schulklo. Scheinbar unser neuer Pausenraum. Weil es sich da gut heulen, trockenlegen und allein sein lässt, wo niemand länger als nötig bleibt.
Vielleicht bedienen wir ein Klischee, wenn wir das so aufschreiben.
Mir egal – es ist wie es ist und wäre anders, wäre anders möglich.
Ist es aber im Moment nicht.

Vor allem Mittwochs nicht.
Morgens die Werkstattstunde, die uns fehlt und die wir in dem Fach aber eigentlich dringend bräuchten, denn wir brauchen länger als die anderen. Nach meiner Schätzung ist die Klasse nächste Woche fertig – unser Werkstück erst zu einem Drittel. Inmitten von Menschen für die Schule ein Leistungswettbewerb ist, eine Niederlage, die immer wieder Anlass für “nicht so gemeinte” Kränkungen sind.  (Again: für uns ist es nachwievor unnachvollziehbar, was die Intensionen anderer an unseren Gefühlen verändern soll.)

Danach gehts entweder zum Buchbinden (was toll ist) oder zum Arbeiten mit InDesign. An einem Mac.
Also einem Betriebssystem, das wir nicht kennen. Es ist ein Fest.
Ein Fest so toll wie Leichenschmaus mit Todesfall.

Danach: Politik.
In den letzten Wochen sehr gruppenarbeitslastig durch Unterricht von einem Referendar. Der Arme. Muss den ganzen Quatsch für eine Zielgruppe üben, die er – zumindest durch unsere Anwesenheit in der Klasse – gar nicht vor sich hat.
Wir können oft nicht gut teilnehmen und wenn, dann saugt es uns bis zum Letzten aus. Und ich merke das.
Wie ich schrumpfe, einreiße, zerreiße und in dem Krach versickere, auch wenn ich noch so viel trinke, mich kümmere und tue und mache.
Zusammen mit dem sozialen Konflikt und dem daraus entstehenden Isolationsgefühlen ist es einfach nur schlimm.
Aufm Schulklo in graues Klopapier heulen-schlimm.

Und auf so einen tollen Tag folgt der Donnerstag.
Der um halb 8 anfängt und zwar mit der Informatik zu Webdesign. Spannendes Zeug. Allerdings im Vorlesungsstil. Nur,  dass diese Vorlesung wie ein unberechenbares Quiz gestaltet ist und man nie weiß, ob die gestellte Frage rhetorisch oder ernsthaft gemeint ist.
Es ist viel und über meinem Arbeitsplatz flirrt seit 3 Wochen die Leuchtstoffröhre. Schaltet man dort das Deckenlicht aus, sitzen wir im Dunkeln, denn Fenster ohne Blende machen eine ganze Rechnerreihe unbenutzbar, weil man nichts mehr auf den Bildschirmen erkennt.

Danach wirds schön.
Highlight der Woche. Motor durch dieses Schuljahr. Insel in all dem Scheiß.
Die Freistunde, die wir durch die Abwahl des Religionsunterrichtes gewonnen haben. Wenn Klassenarbeiten anstehen, üben wir in der Zeit dafür.
Doch im Moment scheißen wir darauf und es ist gut so.
Statt in dem miefigen Raum zu sitzen, dürfen wir nämlich mit der halben Parallelklasse zusammen nochmal an einem Buchbinden-Unterricht teilnehmen.

Und es ist schön. Es tut uns gut.
Obwohl wir an dem Geheimnis auch schwer tragen und wissen, was für ein Glück wir da haben.
Und daneben steht, dass wir eine Not daran haben, dass nicht alle haben können, was wir da haben. Dass wir uns Sorgen darüber machen, uns vor der Lehrerin nicht als würdig für diese Möglichkeit zu erweisen.

Mit all dem sind wir alleine.
Wie wir mit allen anderen kleinen und großen Gewissenskonflikten an der Schule alleine sind.

Bekommen wir Ausnahmen von der Schulalltagsregel um teilnehmen zu können, dann sollen wir nicht weiter drüber reden – Unmut bei den Schüler_innen
Brauchen wir Hilfe müssen wir das offenlegen und sagen – was immer stört und manchmal nervt – ergo: Unmut bei den Schüler_innen
Fragen wir viel nach, weil die Kommunikation missverständlich ist, sorgen wir für – richtig: Unmut bei den Schüler_innen

Das sollen wir verstehen, weil: die haben Pubertät und wir ne Behinderung.

Das klingt hart und fühlt sich auch so an. Wie harte Scheiße, die einem wo man geht und steht, macht und tut und sich bemüht, vor die Füße geworfen und auf die Nase gebunden wird.
Denn ja: natürlich haben alle ihre Bedürfnisse.
Aber unsere Bedarfe zielen darauf ab, überhaupt gut teilhaben zu können – nicht besser teilhaben zu können, als alle anderen – es ergibt keinen Sinn unsere Bedarfe mit denen der Mitschüler_innen 1:1 gleichzusetzen.

Jedenfalls.
Nach der Oase des Donnerstag kommt der Aufprall. Mathematik.
Ich habs schon mal geschrieben: für uns haben Wörter eine andere Struktur als Zahlen – wir sind schnell aus abstrakten Kontexten rausverwirrbar, wenn jemand konkrete Beispiele benutzt um diese Abstraktion zu erklären.
In Mathe verlieren wir den inhaltlichen Anschluss in aller Regel so nach 5 bis 10 Minuten. Die restlichen 80- 85 Minuten, die diese Veranstaltung hat, sind Kampf um Verstehen und Begreifen. So aktiv wir können. Nicht, weil wir das so unbedingt wissen wollen, sondern, weil es ein Hauptfach ist und wir insgesamt auf dem Zeugnis weder eine Sport- noch eine Religionsnote haben, um mittelprächtige Leistungen im Schnitt auszugleichen.

Die Hauptarbeit und der Grund für unsere relativ guten Noten waren und sind stundenlanges Selbstlernen und üben zu Hause.
Das Problem: irgendwann kriegt man Heimarbeit und Schularbeit nicht mehr übereinander.
Die Irritation wird dem Unterricht immanent. Alles, was es dann noch braucht, um richtig abzuschmieren, liefert unser momentaner Schulalltag frei Haus: unruhige Klasse, noch wenig erfahrene Lehrer_in, die Auflagen rund um Schüler_innenunmut, Pubertät und diese Kleinigkeit, die wir so im Gepäck haben.

Es ist zum Kotzen.
Und zum Heulen.
Überwiegend zum Heulen.

Vor ein paar Tagen dachte ich noch, wie unterschätzt es ist, Inklusion herzustellen, wenn man sie vorher noch nie gelebt hat.
Es liegt unter anderem daran, dass man behinderte Menschen nachwievor zu Menschen mit “speziellen Bedürfnissen” erklärt, “die aber eigentlich ganz leicht zu händeln sind (wenn man nur will)”.
Don’t get me wrong – in vielen Fällen ist das auch so. Aber eben doch nicht immer und schon gar nicht in allen Kontexten.

Die echte Inklusion ist das Ergebnis einer allgemeinen und strukturellen Anerkennung der Behindertenbewegung als Bürgerrechts bzw. Menschenrechtsbewegung.
Es reicht nicht eine Rampe aufzustellen oder wie in unserem Fall zu erlauben, dass NakNak* bei uns sein darf und wir insgesamt hier und da nachteilsausgleichende Ausnahmen gewährt bekommen. Das ist Bedürfnismanagment. So geht man mit Spezialsituationen um.
Man stellt damit aber keine neue Normalität her. Im Gegenteil.

Wenn es schief geht – und bei uns geht es seit ein paar Wochen schon schief – landet alle Verantwortung fürs erfolgreiche Miteinander bei uns. Denn es fordert von uns eine spezielle Dankbarkeit, Geduld, Erklärungs- und Rechtfertigungsbereitschaft und zwar immer für alle und alles.
Wer kann das denn leisten?
Niemand.

Aber wir tragen das. Und wir tragen das alleine.
Wir haben nicht erwartet, dass es einfach wird. Auch nicht, dass es reibungslos wird.
Wir haben aber vor allem nicht erwartet, mit so vielem allein bleiben zu müssen.

Wir haben noch immer keinen Fahrdienst. Der Nachteilsausgleich ist noch immer nicht offiziell beantragt.
Der Begleitermensch schlägt eine I-Kraft vor – wir haben Angst das alles nicht zu packen.

Und morgen klingelt der Wecker wieder um 5 Uhr 15.

Autismus und DIS, Innenansichten

Fehler

Manchmal muss man mit sich ins Gericht gehen. Sich auf den Pott setzen. Erklärungen aus dem Inneren einfordern.
Manchmal muss man streng mit sich sein.

Mir wird oft gesagt, ich wäre immer zu streng mit mir. Perfektionistisch. Zu anspruchsvoll.
Blabla – wer hört das denn nicht über sich, wenn es um Enttäuschung vor dem eigenen Versagen geht.
Für mich ist es üblich zu hören, ich würde zu viel verlangen, erwarten, wollen. Dabei ist nicht mein Anspruch das Problem. Jedenfalls nicht meins.
Mein Problem ist das Versagen. Der Fehler. Das Nichtentsprechen.
Vor allem dann, wenn ich die Aus.Wirkungen dessen nicht erfassen und be.greifen kann.

Meine letzte Woche stand unter dem Thema der Fehler, des Versagens und der Menschen, die darauf für mich unverständlich, manchmal sogar irrational, reagieren.

Ich habe einen Mathenachschreibtest abbrechen müssen.
Eine kleine Verwirrung über eine Aufgabenstellung schubste mich ins Blackout, wo es außer Angstschweiß und Beklemmung nichts mehr gab. Der Schultag hatte grade begonnen, ein anderer Test stand noch an – ich musste abbrechen und die 20 Punkte sausen lassen. Es half nichts. Obwohl ich wollte und wusste, dass ich kann. Nur nicht so. Nur nicht zu diesem Zeitpunkt.
Mein Versagen wäre keines gewesen, wären Tests wie dieser nicht das erste Mittel der Wahl.

Es ist kein Problem die Punkte nachzuarbeiten.
Es ist jedoch ein Problem die Punkte anders als die anderen in meiner Klasse nachzuarbeiten.

Mein Versagen, mein Fehler ist, andere Wege zum gleichen Ziel gehen zu müssen.
Und zwar tatsächlich: zu müssen.
Denn ich krampfe, wo Vielviel und Überanstrengung mich fallen lassen.
Und die anderen nicht.

Ich bin streng mit mir und erwarte von mir immer das Beste, was ich geben kann.
Ich merke den Preis, den das hat.
Ich merke aber auch das Ergebnis.

Ich wäre nicht an dieser Schule, hätte ich allem “Ach, das musst du doch nicht…” und jedem “Nach allem, was du durchgemacht hast…” nachgegeben.
Wäre ich noch so weich und zart mit mir, wie zu einem früherem Zeitpunkt, hätte ich nie wieder gesprochen. Hätte ich  nie wieder dieses Schlachtfeld menschlicher Interaktion betreten.
Hätte ich keine Ansprüche an mich, wäre ich noch immer die Patientin auf deren Kosten sich profiliert und selbst versichert wird.
Würde ich nichts von mir verlangen, wäre ich seit Jahren tot.

Mit dem Selbstanspruch ist es jedoch so eine Sache.
Weil ich mich beanspruche, mich immer wieder heraus.fordere und niemals leichtfertig an eine Sache herangehe, bin ich auch nie unbeansprucht, ungefordert und leichtfertig. Ich bin ernst und ange.streng.t.
Wo ich bin, da gibt es den lockerleichten Spaß nicht oft. Ich bin unbequem. Selbst dann, wenn ich nichts tue.

Ich stehe anderen Menschen oft nicht so zur Verfügung, wie sie es von anderen Menschen gewohnt sind. Man kann nicht viel von mir verlangen, denn ich verlange oft schon genug von mir. Man kann nicht viel von mir einfordern, denn ich habe oft nur noch mir ungenügend erscheinende Reste zu geben.

In dieser Woche hatte ich auch einen Streit mit Mitschüler_innen, weil ich einer Forderung von ihnen nicht nachkommen konnte.
Und auch nicht wollte.

Dabei…
Ja – dabei können sie es nicht wissen. Und verstehen.
Niemand kann es wissen und verstehen.
Niemand ist ich. Niemand teilt meinunser Er_Leben als uns, die wir sind, in diesem Lauf der Dinge, wo es das Ergebnis aller geleisteten Anstrengungen ist, am Schul- und sonstigem Alltag teilzunehmen.

Und doch.
Ich habe die Idee, dass sie keine Anforderungen an sich stellen. Dass sie nichts von sich selbst fordern. Aus Gründen, klar. Die denke ich mit.
Aber da denke ich auch, wie tragisch das ist.
Wie junge Menschen nicht mehr dazu kommen, sich selbst ernst zunehmen, das eigene Leben und den eigenen Erfolg ernst zu nehmen und von sich selbst abzufordern, weil die ganze Welt 24/7 von ihnen fordert zu funktionieren. Lieb zu sein, brav zu sein – nicht der Fehler sondern, die Lösung zu sein.
Vielleicht auch: die Er_Lösung zu sein.
Denn Kinder sind ja die Zukunft.

Da denke ich, wie gut ich es habe. Denn von mir erwartet niemand mehr irgendwas.
Ich bin schon rausgefallen, weggefallen, am Boden gelandet und egal was ich tue- es ist die nette inspirierende Kür, nach verkackter Leistungsgesellschaftspflicht.
Egal, was ich tue, es ist etwas anderes als das, was alle machen.

Wir leiden darunter.
Aber das ist nun einmal so.
Wir hättens ja auch besser machen können. Damals.
Wenn wir gekonnt hätten.

Konnten wir aber nicht.
Passiert.
Muss man mit umgehen.
Leben ist, Fehler zu nehmen und als Weggabelung im Lauf der Dinge anzuerkennen.

So kann man manchmal nur noch neben allen anderen herlaufen.
Oder – so wie wir nun schon seit Wochen – neben ihnen stehen, ohne in Kontakt zu kommen.
Obwohl man möchte.

Autismus und DIS, Fundstücke, Innenansichten, Lauf der Dinge

Fundstücke #27

Da ist der “autistic pride”-Day und ein paar Artikel über die Stärken von Autist_innen.
Und diese vertraute Verwirrung zwischen “Ja, Stärke – ich kann das – das ist, was ich von mir kenne” und “Nein, Schwäche – das ist eine “böse Mädchen”-Sache – niemand mag das”. Das unschlüssige Erstarren zwischen der Erkenntnis zu sein und dem Erinnern an die Gefühle unerwünscht zu sein. Falsch zu sein.

Das “pride”-Ding kann ich nicht mit Stolz verbinden. Mag das nicht mit Stolz verbinden.
Sich nicht für etwas zu schämen oder wegen etwas beschämen lassen zu wollen, bedeutet für mich nicht zwangsläufig mir einen Stolz oder eine stolze Re_Präsentation meiner Selbst aneignen zu müssen.
Es bedeutet für mich anzuerkennen, dass es falsch ist mich zu beschämen, weil es mir weh tut. Es bedeutet, dass ich anerkenne, dass es Menschen gibt, die mich beschämen und beschämt haben, weil sie es können und konnten.
Es bedeutet, dass der 18. Juni ein Tag ist, an dem man darauf aufmerksam macht, dass die autistische Art zu sein, etwas ist, weshalb man beschämt, ausgegrenzt, verletzt, abgewertet, behindert wird, weil das geht.

 

 

Ich las den Text bei Something Autrageous und dachte darüber nach, was uns diese sogenannten “Vorzüge” je gebracht haben.
Überforderung. Man traut uns mehr zu als wir können. Man traut uns Dinge zu, für die wir Wörter, aber keine Handlungsabläufe im Kopf haben.
Man steht als Lehrer_in, als Elter, als Erzieher_in, als Mediziner_in, als Helfer_in, als Therapeut_in, als anderer Mensch vor uns und fragt mit dieser einen Delle im Faden, was denn jetzt plötzlich unser Problem ist. Fragt und versteht nicht. Und versteht nicht und versteht nicht und versteht nicht. Und versteht nicht, dass man nicht versteht.
Und wie das weh tut.
Wie man sich auf den Boden schmeißen, sich den Kopf auf den Boden schlagen will, um etwas anderes zu hören, als das Quietschen der Nacken-Kopfbereichmuskulatur unter der Anspannung. Wie man seinen Frust rausschreien will. Zuschlagen, tot schlagen, still schlagen will.
Und dann implodiert. Und sagt: “Is schon gut.” und sich wochenlang der intellektuellen Analyse von Fehlern, Dynamiken, Ursache und Wirkung widmet, um es wenigstens selbst zu verstehen.

Der Begleitermensch ist der erste Mensch, der uns gesagt hat, er würde unsere Ehrlichkeit und Direktheit schätzen und mögen. Ich glaube, dass noch mehr Menschen in unserem Leben das auch tun – halte das aber häufig für ein Ergebnis der Entscheidung nicht gekränkt sein zu wollen. Oder schlicht, sich nicht mit uns anzulegen, weil klar ist, dass wir auch im Streit ehrlich und vielleicht nicht nur kränkend, sondern auch tief verletzend ehrlich sind.
Man kann es “ehrlich und direkt” nennen, man kann es aber auch “schonungslos und brutal” nennen. Rücksichtslos. Erbarmungslos.
Es erfordert Kraft und vieles mehr diese unsere Eigenschaft, als Einsmensch immer als positive Ehrlichkeit in Verbindung mit Aufrichtigkeit aufzufassen. Wenn man die Kraft nicht hat, hält man uns für arrogant, narzisstisch, eingebildet, ignorant, bösartig und behandelt uns entsprechend. Mit allen Konsequenzen, die das hat.
Und auch schon immer für uns hatte.

Forscher schreibt in seinem Text vom “stärkenorientierten Blick” und ich denke: “Na – nee – das mach ich mal lieber nicht.”, weil ich, jedes Mal wenn ich da nach Außen mache, arrogant wirke und jedes Mal, wenn ich das nach Innen mache, Erinnerungen hochkommen.

Ein stärkenorientierter Blick führt zu der Idee, dass wir hart arbeiten würden.
Weil wir viel, oft und gut schreiben. Fotos machen. Bilder. Töne. Dinge.
“Wir arbeiten nicht hart – wir langweilen uns nur produktiver als andere.”, schrieb neulich jemand uns darüber.
Würden wir uns für Fahrpläne so interessieren wie für Wörter, Linien, Klänge und Wunder, käme man nicht auf die Idee, wir würden hart arbeiten und würden entsprechend verdienen, dass wir finanziell unterstützt oder beschenkt werden. Man würde uns gängeln wie unser Geschwist, doch endlich was Sinnvolles zu tun. Man würde noch anders genervt auf rosenblattsche Monologien reagieren und wahrscheinlich wären wir schon in der Pubertät mit ASS diagnostiziert worden.

Wir benutzen gesammelte Wörter, wo andere frei sprechen. Labern, sabbeln, babbeln, quatschen… Wir legen Wörterpuzzle, wenn wir Sachtexte schreiben und gatschen Wortmodder auf Wortklänge, wenn wir kreativ schreiben.
Das Tippen von Blogartikeln ist copy-paste. Das Kopfbild vom Wort wird um zum Bild auf dem Bildschirm.
Ist das harte Arbeit? Hm.

Ich finde es gut, dass wir das können und fühle mich ein bisschen special, nachdem ich nun weiß, dass das nicht bei allen Menschen auch so ist.
Würde aber dennoch eher sagen, dass unser Wörterding eine Spezialinteressenfähigfertigkeit ist.
Bin überhaupt unsicher, ob wir vielleicht nur deshalb Wörter sammeln, weil wir sie eh dauernd vor Augen haben, wenn um uns herum geredet wird. Frage mich, ob unser WörterBilderKlängesammeln (und Dinge daraus machen) weniger Spezialinteresse, als kompensatorisches Verhalten ist, das zufällig sozial anerkannt ist.

Frage mich, warum ich zur Stärke erklären soll, rausgefunden zu haben, wie ich mich unter Menschen, die keine Wörter und Klänge sehen, keine Oberflächen schmecken und für mich schmerzhafte Geräusche überhören können, zurechtfinden, einbringen, bei Verstand und Hoffnung halten kann.
Ich gehe davon aus, dass alle Menschen tun würden, was wir tun, würden sie empfinden, spüren, wahr.nehmen, was wir empfinden, spüren, wahr.nehmen.

Es ist mir nicht so klar, wie autistisches Sein – vielleicht generell wie auch immer definierte Arten des Seins – überhaupt in einem Stärke-Schwäche-Dyadismus betrachtet werden will, wenn man sich letztlich dafür aussprechen möchte, in diesem Sein akzeptiert zu werden, anerkannt und angenommen zu werden.

Klarnetaut schreibt von Eigenschaften, die für Arbeitgeber_innen interessant sein könnten.
Ich frage mich, ob ich irgendwann mal in einer Medienagentur vorspreche und damit argumentiere, das mein anstrengendes Sozialverhalten, häufige Fehlzeiten, die Diskomforte, die mit meiner hundischen Assistenz einhergehen und mein Hang zu, na sagen wir ruhig “speziellen Arten der Problemlösung”, voll ausgeglichen wird durch mein special WörterBilderKlänge-Ding.
Ich gedenke nicht, das jemals zu tun. Nicht, weil ich mich dafür schäme oder befürchte deshalb beschämt zu werden, sondern, weil es einfach scheiße nochmal echt anstrengend und aufreibend und nervig und schmerzhaft sein kann auf Dauer mit uns zu arbeiten oder allgemein: Zeit zu verbringen, und es kein beruflicher Erfolg der Welt wert ist das zu ertragen.

Das ist, was ich häufig als Barriere im Kopf von Menschen, die nicht oder anders kompensierbar behindert sind, erlebe – das Ausblenden des Umstandes, dass wir immer so sind. Und nicht nur wenn wir mal einen schlechten/guten/anstrengenden/stressigen Tag haben.
Wir sind jeden Tag autistisch. Jeden Tag traumatisiert. Jeden Tag hoch dissoziativ.
Wir sind wirklich jeden verdammten Tag im Jahr ein behinderter Mensch.

Ich glaube nicht, dass wir damit nur eine Belastung sind. Wir sind damit aber auch nicht nur ein Gewinn und ich halte es für wichtig an der Stelle auch Arbeitgeber_innen und Ausbilder_innen ehrlich gegenüber zu sein, damit überhaupt realistische Perspektiven für ein Miteinander entwickelt werden können.

Hobbithexe hat ihren Ausbildungsplatz bekommen, weil die Ausbildenden auch an Menschen mit Behinderungen gedacht haben. Weil sie auch etwas über Autismus wussten.

Auch.
“Auch” ist, was ich betonen will.
Ich halte unsere Spezialfähigfertigkeit für eine gute Ergänzung um Dinge zu erarbeiten, Probleme zu lösen und erfolgreich darin zu sein.
Schließlich halte ich die Spezialfähigfertigkeiten anderer Menschen ebenfalls für eine gute Ergänzung, um Dinge zu erarbeiten, Probleme zu lösen und erfolgreich darin zu sein.

Lauf der Dinge

und dann?

“Und dann machst du da jetzt GTA – gut gut – und dann?”, fragte der Leiter der Kunstschule. “Wie: “und dann?””, fragte ich zurück, “Dann habe ich einen Abschluss und dann muss ich sehen”.
“Wie “muss ich sehen” – du musst doch wissen, was du dann willst.”… “Wie alt biste jetzt – 30 – 3 Jahre Ausbildung dann biste 33 – nochmal Studium dran dann biste bald 40 – da musste schon wissen waste willst.” …
“Ja, aber … versuchte ich mich in dieses “Gespräch” einzubringen. Erfolglos.

– “Weißt du, was dein Problem ist…?”

Ja, manchmal weiß ich, was mein Problem ist: Menschen, die ihre Wichtigkeiten zu unseren Wichtigkeiten machen. Menschen, die glauben, wenn man nur weiß was man will, dann würde sich auch alles passend einrichten. Menschen, die uns alleinig dafür verantwortlich machen, was mit uns passiert.
Unser Problem ist, dass diese Menschen nicht merken, was sie da sagen, implizieren und von uns erwarten. Unser Problem ist, dass es unser Problem sein soll.

In den letzten 10 Jahren wollten wir nichts weiter als eine berufliche Perspektive. Eine Chance auf eine Berufsausbildung, die wir gut schaffen können.
Und jetzt, wo wir das geschafft haben – jetzt, wo wir mit diesem großen Geschenk auf dem Arm in der Gegend stehen und glücklich strahlend versuchen darauf klar zu kommen, dass es überhaupt jetzt wirklich und echt da ist, kommen Menschen an uns vorbei, gucken es sich kurz an und sagen: “Ja, aber das ist ja Pippifax für dich. Du kannst viel mehr. Du solltest nach Höherem streben. Du musst größer denken.”. (wie witzig das klingt so kurz nach der Unterstellung narzisstisch zu sein – but, well … alle Experten, ey ¯\_(ツ)_/¯ )

Die Lehrer_innen an der Berufsschule haben das auch gesagt. Dass sie befürchten uns nichts mehr beibringen zu können. Dass sie uns mit dem Stoff unterfordern und den Gegebenheiten des Schulalltags überfordern.
Und wir denken uns, wie gut das für uns wäre. Ein Bereich ist leicht zu schaffen, dann haben wir mehr Kraft für den Bereich, der Kraft frisst. Ein Bereich ist einer, der uns sehr entgegen kommt, weil er etwas enthält, das uns liegt – dann ist mehr Kraft für uns da, sich dem Bereich zu nähern, der uns nicht entgegenkommt.

Wir haben an der Abendrealschule ziemlich gelitten. Das war nicht leicht für uns. Nicht nur, weil wir nebenbei noch ausgebeutet und verletzt wurden, eine unzureichende Betreuung und eine semihilfreiche Therapie hatten. Schule ist einfach schmerzhaft laut, triggernd eng und leistungsbezogen.
Wir haben oft gefehlt und haben viel allein für uns nachgearbeitet. Der Abschluss mit Durchschnittsnote 2,0 war ein Wunder und nicht das Ergebnis eines Verständnisses dessen, worum es in der Prüfung ging.
Und während wir das wissen und wissen, was für Stoffmassen auf uns zukommen werden, weil wir eben auch einige Jahre aus der Lern- und Konzentrationsroutine raus sind, werden wir jetzt auch noch mit einem Imperativ an Zukunftsvisionen genervt.

Daneben denke ich auch: “Alter – lass uns doch erstmal sehen, ob wir in drei Jahren überhaupt noch leben.”.
Denke “Lass mich doch erstmal sehen.”
Verstehe nicht, wie man Dingen, die nicht sicher sind, so viel aufladen kann. Kognitiv verstehe ich es natürlich. Kenne diesen Motivationstrick der Zielvisualisierung und weiß, dass der manchen Menschen auch helfen kann. Doch ich verstehe nicht, wie man sich solche Dinge vorstellen kann, ohne zu wissen wie das Stück dazwischen aussieht. Wie es sich anfühlt, welche Muster in ihm sind, welche Gegebenheiten sich wie entwickeln. Wie machen die Leute das?!

Ich scheitere schon an dem Versuch mir vorzustellen, wie das wird, wenn wir jeden Morgen zu duschen aushalten müssen. Wie das wird, wenn wir jeden Morgen eine Stunde mit der Straßenbahn fahren müssen. Jeden Tag von 7 Uhr 30 bis 14 Uhr irgendwas aufnahmebereit, sozial verträglich, psychisch irgendwie beieinander zu sein. Jeden Tag nach der Schule noch diese Kleinigkeit von “Rest des Tages”, “Haushalt” und “schöne Dinge” zu schaffen. Und dieses kleine Dings – hier – na was war da noch – ach ja Traumatherapie.
Wir wissen noch nicht, ob wir neben der Schule noch arbeiten gehen müssen, um unseren Lebensunterhalt zu finanzieren. Wir haben keine Ahnung, wie wir unsere Projekte umstrukturieren müssen, damit sie nicht einschlafen, nur weil wir ein unheimlich großes Schlafbedürfnis haben werden.

Das Ding, das mich kritzig macht ist: Es geht bei uns nicht um Motivation durch Ziele. Ging es noch nie. Wir haben nie irgendwas gemacht, weil wir dachten: “Oh, wenn wir XY tun, dann wird sicher AB passieren und genau das will ich.”
Das ist eine Herangehensweise, die sämtlichen alltäglichen Erfahrungen, in unserem Leben, die im Zusammenhang mit Menschen bzw. mit von Menschen gemachten Strukturen passieren, widerspricht. Stichwort “soziale heiße-Herdplatte-Erfahrung”.
Unser Alltag besteht in weiten Teilen einzig daraus, zu versuchen, was alle machen und dann das weirde awkward Quirklevel irgendwie auszubalancieren.

Unser Problem ist nicht zu wenig Selbstbewusstsein oder nicht zu wissen, was aus uns werden soll. Unser Problem ist, dass es Leuten wie dem Leiter der Kunstschule nicht in den Kopf kommt, wie es für uns reichen kann, Dinge zu lernen, um sie zu lernen. Dinge zu tun, um sie zu tun.
Unsere Ambitionen erstrecken sich nicht auf Macht, Status oder Besitz, der uns in irgendeiner Form ergänzt oder optimiert, sondern darauf uns zu befähigen.

Wir wollen können, was eine GTA kann, damit wir GTA-Dinge tun können, um sie tun zu können. Vielleicht können wir damit später Geld verdienen, vielleicht kriegen wir uns damit irgendwann unabhängig finanziert. Vielleicht auch nicht – aber dann können wir immernoch, was eine GTA kann.
Das reicht uns, um motiviert zu sein.
Mit der gleichen Motivation stehen wir jeden Morgen auf, obwohl wir nie zu 100% wissen, wie der Tag für uns wird. Denn, auch wenn der Tag schlimm wird, so konnten wir ihn doch er_leben. Weil wir leben können.

Unser Problem ist nicht, keine Vision für die eigene Zukunft zu haben.
Unser Problem ist, eine haben zu müssen, um uns einfach aus solchen verbalen Übergriffssituationen herauswinden zu können, anstatt, das andere Menschen sich einfach mal zurückhalten.