Autismus und DIS, Die Helfer_Innen und die Hilfe, DIS?, Innenansichten

M.

M. setzt sich aus der Erschöpfung nach einer Stunde Schulweg und der Hoffnung auf Verstehen zusammen.
Schritt für Schritt, an der Seite von NakNak*, die sie sicher auf dem Bürgersteig hält.

M.’s Kosmos ist eine Mischung aus Angst, Wahrscheinlichkeitsberechnung, Beobachtungsanalysen und Neugier.
Sie will verstehen. Sie will Dinge können.
M. hatte noch nie eine Freundin und versucht zu verstehen, wie man das macht. Freunde.
M. war noch nie Fan von irgendwas und versucht zu verstehen, wie man das macht. Unkritische Begeisterung.

M. hat keine Hobby’s oder sonstige Er_Lebensräume außerhalb dessen, was „Schule“ ist.
M. hat keine Familie.

In ihrem Leben gibt es nichts, was man nicht irgendwie herausfinden kann.
Wenn sie etwas verstehen will, dann sorgt sie dafür, dass sie versteht.
Verstehen ist der einzige Lichtblick, dessen M. sich jederzeit zu erleben sicher sein kann.

M. ist 14 vielleicht 15 Jahre alt.

M. ist einfach nur M. und das was sie fühlt. Und das ist die meiste Zeit des Lebens Angst.
Manchmal auch die Hoffnung, etwas könnte sich verändern, wenn sie nur gut genug versteht. Sich für Menschen öffnet, die Hilfe oder Unterstützung anbieten.

M. hat Angst vor automatischen Türen. Und vor den Klinken von Türen, die eine Klinke haben.
Vor Quietsch- und Schleifgeräuschen. Vor dem Moment, in dem jemand sie umarmen will, statt einfach „Hallo“ zu sagen.
M. hat Angst vor Zahlen, die sich mit Buchstaben vermischen und einander verdrecken – ja sogar unansehaubar unansehnlich machen. Vor bestimmten Lebensmitteln und bestimmten Fragen.
Sie hat Angst davor nicht zu verstehen.

Wenn sie nicht versteht – besonders, wenn sie etwas selbst (falsch) gemachtes nicht versteht – kann sie nicht mehr sprechen. Sie erstarrt, arbeitet an Lösung und Rettung gleichzeitig, verliert sich in Verwirrung, Angst und Starre.
Manchmal weint sie. Meistens schweigt sie und rechnet sich aus einer Not, die man ihr nicht ansieht.

Sie versteht nicht, wie es anderen Menschen anders gehen kann als ihr.
Wie das sein kann, dass manchen Menschen scheiß egal ist, die Menschen und Dinge um sich herum nicht zu verstehen.
Wie das kommt, dass andere Menschen keine Angst haben in dieser Welt voller Dinge, die verstanden werden wollen/sollen/müssten, umherzuleben.

Das ist, was ich mit M. teile.
Es ist unsere Schnittstelle.

Ich kann sie manchmal beobachten.
Wie sie in meinem Körper durch ein Gebäude läuft, das mir jedes Mal neu und fremd vorkommt, obwohl ich weiß, wo ich bin. Wo sie jeden Tag hingeht. Um zu verstehen, was sie lernen soll, um richtig zu tun, womit wir später Geld verdienen wollen. Wenn später ist und Geld ist, was uns tragen muss.

Ich kann nicht mehr von ihr fühlen als ihre Angst und manchmal auch die Hoffnungslosigkeit davor, dass es für sie vielleicht nie enden wird. Dass es ist wie ist, weil alle glauben, dass es so sein muss. Schule. Andere Menschen. Die Welt und der Lauf der Dinge, den sie wahrnimmt.

Meistens denke ich, was für ein enorm starkes Innen sie ist. Und denke, dass wir allein schon ihretwegen die Ausbildung durchhalten müssen.
Ohne die Ausbildung hätten wir erneut keinen Anlass uns ihr zu widmen und vielleicht auch keinen Zugang zu ihr und dem System aus dem heraus sie funktioniert.

Daneben ist sie übermäßig stark belastet.
Es ist eben doch etwas anderes als 14 vielleicht 15 jährige unter 14-15 jährigen überfordert zu sein und zu glauben, mit einfach nur mehr und mehr und mehr und dann noch einmal mehr Anstrengung, würde sich alles auflösen.
Sie ist ostdeutsch aufgewachsen. Besuchte das Gymnasium. Hatte Ideen und Ziele, die auf Abitur und harter Arbeit Früchte basiert.

Und jetzt ist der Körper, den sie selbst nicht einmal richtig wahrnehmen kann 30 Jahre alt. Sie ist umgeben von westdeutschen Teenagern, weiß, dass sie gehandicapt ist und arbeitet sich – uns – nicht tot, doch zuweilen suizidal.
Weil das ist was sie tut und das ist, was wir tun müssen.
Die hochgelobte deutsche Bildung ist eben nicht barrierefrei zu genießen.
Weder für sie damals, noch für uns heute.

Das bringt uns in ein Dilemma.
Erfahren wir doch ständig, dass es Innens wie M. gibt, weil diese noch nicht verstanden haben, dass heute alles anders ist als früher.

Was sollen wir M. sagen, zeigen, ermöglichen, um ihr das zu vermitteln?

DIS?, Fundstücke, Innenansichten

Fundstücke #48

Es gibt diese Momente nach einer anstrengenden Therapiestunde, in denen ich merke, dass wir akut viel mehr körperliche Verausgabung bräuchten, als es die paar Kilometer auf dem Rad nach Hause hergeben.
Ich merke manchmal, wie Kinderinnens noch nicht damit fertig sind sich zu wehren. Oder immernoch kurz davor sind, ihren früheren Schmerz rauszuschreien. Wenn wir dann damit aus einer Stunde gehen ist das, als hätten sie noch nicht alles gesagt, was sie sagen wollen.

Manchmal entlädt sich die Anspannung darin, dass ich mich spontan übergeben muss und geht dann in mein Geheule darüber ein, dass ihnen passiert ist, was ihnen passiert ist und ich mich damit befassen muss, obwohl es zum Teil grauenhaft ist und es doch niemand von mir verlangen kann, mir das in den Kopf zu tun.

Und manchmal kommt eins zum anderen. Noch dazu.
NakNak* hat eine Blasenentzündung. Der Körper die Mens. Wir kriegen im Moment jeden Tag irgendeine jetzt-gleich-sofort-Email, die von uns irgendein Mitmachen, Entscheiden oder Arbeiten verlangen. Der Betreuerwechsel nervt. Der Begleitermensch kann im Moment nicht so verbindlich sein, wie er will und wir das brauchen. An allen Ecken und Enden schwelt es und wir machen von Tag zu Tag weiter.
Mein Alltag ist im Moment etwas, das die Therapiesunden genauso dringend braucht, wie das Früher das in den letzten Wochen immer Thema ist.

 

Ich hab das noch nie gemacht.
Mir ein Innenkind gegriffen und ihm befohlen etwas zu tun, um sich verdammt nochmal mit dem zu befassen, was mich betrifft.
Ja, ich hab ihm etwas mit “verdammt nochmal” gesagt und ich hab was befohlen.
Nicht “freundlich und ruhig ermuntert”. Nicht “liebevoll würdigend” vor dem innegehalten, was es mit sich herumträgt.

Und es hat geholfen.

Vielleicht kann man das nicht mit allen Kinderinnens machen. Vielleicht konnte ich das überhaupt nur mit diesem einen unserer Kinderinnens machen.
Es hat verhältnismäßig viel Kontakt mit dem Heute. Es weiß viel mehr als ich darüber wie viele Alltage sich in unsere 24 Tagesstunden drängeln.

Mir ist aufgefallen, dass ich es durch das Aussprechen seiner Erfahrungen und die Erfahrungen anderer Innens, inzwischen selber schon wie ein total zerstörtes Huschi zu sehen begonnen hatte. Dass es aber nie war.

Vielleicht war das nur so ein Moment von Gleichheit. Gleiche Belastung auf beiden Seiten. Das Kinderinnen fassungslos und ich ohne Rahmen, der mich hält.

Und am nächsten Morgen fiel mir auf, wie schräg das Außenstehenden erscheinen könnte, wenn ich das erkläre.
Wie es geholfen hat, ein Kinderinnen aufzufordern, mich anzufassen, damit es selbst spürt, dass es nicht unser gemeinsamer Hund ist.

Neulich hatte jemand unter unserem Podcast nach lustigen Momenten des Vieleseins gefragt.
Das war kein lustiger Moment. Aber kurz musste ich schon darüber lachen.

Trotz allem.

Autismus und DIS, DIS?, Innenansichten

ein guter Ort

Sonnenlicht schwappt von draußen hinein und es ist eine Verheißung.
Die Nacht war lang und so schwer, dass es paradox erschien, wie ich sie überhaupt hatte aus.halten können.
Nicht weiter drüber nachdenken, denke ich. Einfach nur registrieren und dann weitergehen lassen.

Ich frage mich, ob sie Sonne kennt. Ob sie sie kennt, so wie ich: als warmes Licht, das vom Himmel runterstrahlt und ein Licht macht, das langsam kommt und geht.

NakNak* robbt an unseren Körper heran und legt ihren Kopf an unseren. Ihr Atem ist noch müde. Ihre Anwesenheit so wundergut fantastischlimm mittendrin in diesem Dasein, das sie mit uns teilt.
Gerade noch liege ich sicher und gut in diesem Gefühl, da reißt mich ihre Angst wieder raus.

Ich stelle mir mich vor, wie eine Piratenkapitänin, an die ich mich in diesem Moment, warum auch immer erinnere. Mit langem dunklem Haar, mit Wind von vorn und weißer Puffärmelbluse; rotem Bauchband und dunklem Rauscherock – ganz sicher und stabil auf diesem zittrigen Schiff, das sich durchs Hier und Jetzt bewegt.
Die Idee verfliegt mit ihrem Zittern. Vielleicht war es nie da?

Es ist kurz nach 8. Draußen zwitschern Vögel. NakNak* ist nun richtig wach und fordert mich zum Geikeln auf.

Nach einer mittelgroßen Weile, denke ich, dass ich mir das vielleicht nur einbilde. Eigentlich war da nichts. Also naja, nicht so richtig. Kaum der Rede wert.
Dann schmiert ein Bild an mir vorbei. Ein Gefühl von ihr treibt es weiter.
Ich bin da, bin weg, war vielleicht in Wahrheit gar nicht. Oder doch?
Nichts deutet auf mich hin. Nichts reagiert auf mich. Gibt es mich? Wieder stehe ich mit zwei Drittel in ihrer Konfusion, ihrem Schutzzaubertod – unser beider Dissoziation.

Mir fällt nur NakNak* ein, die sie nicht lesen und ich im Moment kaum ertragen kann.
Ich muss mich übergeben. Sie fängt an zu weinen und erschrickt sich zu Tode, als sie merkt, dass ich tue, was sie gleichermaßen tut, wie nie tun konnte.
Wir werden versorgt, jemand atmet und etwas, das älter und jünger ist als ich, legt Reihe um Reihe getrockneter Erbsen auf den Küchentisch.

Später steige ich aufs Rad und manifestiere mich von Minute zu Minute mehr zu mir selbst. Jeder Autofahrer, der auf Radwegen parkt und jeder Fußgänger, der mich als Gefahr ausblendet, entfacht mein Feuer. Und ich mag das. Ich lasse es nicht raus. Behalte es in mir drin und genieße meine ganze Kraft auf diesem Rad, in diesem Körper, ganz da wo ich bin.
Ich brenne mich einen Berg hinauf und explodiere ihn hinunter. Sicher. Gefestigt. Zielsicher in einer gleißenden Schneise.
Ich bin sowas von da und unberührbar.

Um mich herum ist keine Menschenseele.
Wo ich bin, ist eine Wiese, in der es hummelbrummelt und grasraschelt.
Die Halme reagieren auf meine Berührung.
Ich berühre mich, berühre sie. Wir reagieren aufeinander. Erschrecken. Erkennen. Warten. Finden uns im Wiesengeräusch.

Hier können wir gut sein.
Ich glaub, das ist ein guter Ort für uns.

Die Helfer_Innen und die Hilfe, DIS?, Innenansichten

10 Jahre später

10 Jahre sind seit unserem Ausstieg vergangen.
10 Jahre, die ein Drittel unseres Lebens sind.

Manchmal denke ich: “Ach das ist doch wie ein Rezept. Ein Teil Freiheit, ein Teil Gewalt und ein Teil Lauf der Dinge…” und stelle mir uns und unser heute-am-leben-sein, wie einen Hefeteig vor, der wächst und reift und sich entwickelt und … zu etwas wird, das man anders benennen kann.
Kuchen, Keks, Butterbrot – mir egal. Hauptsache irgendwie fertig.
Fertiger als jetzt.

Als wir uns damals dazu entschieden haben, der Selbstverständlichkeit unserer Verfügbarkeit etwas entgegenzusetzen, taten wir das ohne konkrete Vorstellungen oder Ideen davon, was dann so passieren würde.
Wir taten es nicht, wie es in zahlreichen Büchern zum Thema vorgeschlagen oder angeraten wird. Wir taten es nicht getragen von einer großen inneren Übereinkunft, dass der Ausstieg das Beste für uns sei. Wir taten es nicht einmal im Bewusstsein aller Innens.

Wir haben diesen neuen Lebensabschnitt angefangen, wie wir alle neuen Lebensabschnitte angefangen haben.
Überfordert, dissoziativ und letztlich: allein.

Das macht unseren Ausstieg nicht zu einem falschen Ausstieg oder zu einem, der nicht echt ist.
Es ist nur einer, der die Kluft zwischen außen und innen verstärkt hat.

Ausstieg, das klingt, als würde man eine Tür öffnen und von einem Raum in einen anderen treten.
Tatsächlich sind wir einfach in irgendeine Richtung gelaufen und merkten erst viele Jahre später, dass wir nicht mehr “im Ausstieg” waren, sondern mitten in einem Niemandsland aus Therapie, Selbstreflektion, klar kommen, wachsen, schrumpfen, verzerren, zerfallen, sich sammeln, erstarken, Hoffnung schöpfen, doch Bitterkeit schmecken.

Für uns war das eine Zeit, in der Stabilisierung wichtig war. In alle Richtungen.
Essen, trinken, schlafen, ausscheiden, interagieren, sicher sein – um nicht viel anderes haben sich diese ersten Jahre gedreht, denn nichts davon hat normgerecht funktioniert.

Wir haben nicht über das, was vor dem Ausstieg war, gesprochen.
Die, die vor dem Ausstieg waren, haben bis heute nicht gesprochen.

Aber gefunden haben wir sie. Wir sind uns ihrer inzwischen bewusst.
Haben verstanden, dass wir nur ihre Schutzschicht, ihr Beiwerk, eine Art funktionaler Alltagsschmuck sind.
Verstehen uns als ihre Dissoziation auf das Trauma, das unser Ausstieg für sie war.
Denn unser Ausstieg – unser ach so gutes uns selbst retten, war ihr Kontrollverlust, ihre Todesangst, ihre Vernichtungserfahrung ohne Hilfe oder Rettung von außen.

10 Jahre, das kann man so lesen und denken: “Boa das ist aber ganz schön viel Zeit.”.
Das kann man denken, wenn man erlebt, wie Tag und Nacht einander abwechseln, wie sich eine Woche in Tage hacken und hintereinander wegleben lässt und Zeiträume zwischen “Anfang” und “Ende” klemmen kann.
Wenn es diese Eindrücke des Selbst- und Umwelterlebens jedoch nicht gibt, sind 10 Jahre eine bloße Zahl in einem irrelevanten Kontext.

Gestern hatten wir Anlass darüber nachzudenken, ob es ein Zurück geben könnte.
Könnte man heute noch so auf uns zugreifen, wie vor 10 Jahren?
Könnten wir heute noch so funktionieren, wie es vor 10 Jahren wichtig war?
Was, wenn die letzten 10 Jahre nur eine Pause, ein Spiel, Teil eines Plans sind und das überbordende Gefühl der Innens, denen unser Ausstieg passiert ist, dass das alles einfach gar nicht wahr ist, stimmt?

Wir sind heute nicht mehr so allein wie vor 10 Jahren.
Wir sind heute auch nicht mehr so einsam und insgesamt dysfunktional wie damals.
In den Jahren seit dem Ausstieg haben wir uns so viel Bewusstsein erarbeitet, so viele dissoziative Brüche verschlossen – haben uns eingebracht und die Welt angefasst.
Aber ist das ein Schutzschild?

Wir wissen noch immer nicht, woraus wir da eigentlich ausgestiegen sind. Wissen nur, dass wir ausgestiegen sind, weil wir dachten, dass das unsere Aufgabe ist. Dass man so Therapie macht, wenn man viele ist und andere Menschen das ausnutzen.
Wir haben das nicht für uns gemacht.

Wir konnten es aber auch nie für uns machen.
Wir wussten damals noch gar nicht wer wir sind, was wir können und wollen.
Was wir wünschen und was wir empfinden.
Wovor wir Angst haben und was das überhaupt sein soll: Leben

Das hat sich inzwischen verändert.
Wir wissen umeinander. Wir wissen um unsere Vorstellungen und Ideen. Haben Ziele, die über akute Bedürfnisbefriedigung hinausgehen.
Wir haben ein Bild von uns als Körper, der re_agiert und auf den hin re_agiert wird.
Nichts davon ist in jeder Situation sicher abrufbar – aber es ist da und wird mal schneller, mal erst nach einiger Zeit als fehlend erkannt, wenn es nicht da ist.

Realistisch gesehen ist das kein Schutz vor Täter_innenzugriff. Wir wissen, dass wir als inneres System nur dann funktionieren, wenn wir auch “an” sind. Wird ein anderes System angesprochen, funktioniert dieses System. Das ist nachwievor so und wir würden uns bescheißen, würden wir das ausblenden.
Aber unsere Funktion und unsere Arbeit bisher ist ein Schutzfaktor.

Bewusstsein ist keine Einbahnstraße. Therapeutische Arbeit keine Punktlandung. Interaktion mit anderen Menschen keine Einzelaktion.
Wir können nicht wissen, was es mit bisher noch gar nicht oder wenig für das Heute bewussten Innens macht, wenn wir mehr von ihnen oder über uns verstehen. Wir können nie ausschließen, dass die Entwicklungsschritte, die wir machen, nicht auch die Entwicklungsoptionen der anderen Innensysteme begrenzen oder erweitern oder in ihrer Form modifizieren.

Aber das Risiko erneuter Übergriffe müssen wir als immer bestehend anerkennen und akzeptieren.
Das ist, was einfach nicht in unserer Verantwortung liegt.

Vielleicht liest sich das ernüchternd für andere (Viele), die im Ausstieg sind oder auf ihren Ausstieg, der schon eine Weile zurückliegt, schauen.
Vielleicht gibt es die Idee, dass 10 Jahre später ALLES vorbei ist, das Leben gut, alles verarbeitet – insgesamt einfach: alles tutti paletti – und dann schreiben wir so einen Text und alles steht wieder in Frage.

Dazu möchten wir Folgendes sagen: Herzlichen Glückwunsch zu der Idee an sich.
Es ist gut eine zu haben und wichtig sie sich zu bewahren – ganz egal, als wie realistisch umsetzbar sie sich später entpuppt.
Es gut alles verarbeiten zu wollen.
Es ist gut, eine Idee davon zu haben, wie “alles tutti palletti” konkret aussehen könnte.

Wir haben ungefähr 7-8 Jahre bis zu dieser Idee gebraucht. Und 9 bis wir verstanden haben, dass es weder falsch noch böse, noch zu viel verlangt, noch etwas, wofür man eine Erlaubnis braucht, ist, sie zu verfolgen und ihre Umsetzung im eigenen Leben zu wünschen. (Und wer weiß, wie lange wir noch brauchen, bis wir dieses Verstehen in eine echte innere Wahrheit, die für alle Innens passt, transformieren können.)

Aus Kontexten jeder Art auszusteigen (und das gilt für die, die gut tun genauso wie für die, die eher schädigen) bedeutet immer einen Weg zu gehen. Entwicklung zu machen. Manche machen das wie wir, indem sie einfach so vorwärts stolpern ohne nach links und rechts oder auf sich selbst zu schauen (also hoch dissoziativ und reaktiv auf äußere Impulse hin) und manche sehr bewusst, einen Schritt nach dem anderen. Manche verfolgen mit ihrem Ausstieg ein konkretes Ziel, manche verstehen das Ziel erst im Ausstieg selbst und manche begreifen erst am Ziel, was sie eigentlich erreichen wollten.

In der Literatur finde ich diese Varietät der Ausstiegsarten, bzw. der Wege an sich, nicht so vertreten. Schon gar nicht der Entwicklungsverläufe danach.
Das wird aber auch an der Literatur liegen. Beziehungsweise daran, dass wir dazu nur psychologische Fachliteratur gelesen haben.
Nicht alle Aussteiger_innen haben 10-20 Jahre nach dem Ausstieg noch die gleichen Behandler_innen wie zu Ausstiegszeiten und nicht alle Aussteiger_innen haben 10-20 Jahre nach dem Ausstieg noch Therapiebedarfe. Oder den Wunsch oder die Motivation oder den Mut oder irgendeinen Anlass, ihre Erfahrungen aufzuschreiben und zu teilen.

Darum schreiben wir unseren Weg und unsere Auseinandersetzung damit auf.

Wir können jetzt, gut 10 Jahre später, nicht zurückgelehnt in einer Hängematte sitzen und davon ausgehen, dass wirklich alles von dem ALLES vorbei ist.
Wir wissen noch nicht alles über ALLES.
Erinnern noch nicht alles – schon gar nicht als selbst erlebt.
Aber wir haben mit unserem Ausstieg einen Raum verlassen, in dem wir immer wieder darin gestört werden, uns damit auseinanderzusetzen.

Das hat unser Ausstieg uns ermöglicht und in diesem Stadium angekommen, können wir sehen, dass wir so etwas wollten bzw. dass die Personen um uns herum damals, genau das für uns wollten: eine Unterbrechung permanenter Reaktion auf Todesangst, Verletzung und konkrete Bedrohung.

Es ist bitter für uns, am Ende des Tages mit der Dankbarkeit für 10 Jahre freien Entwicklungszeitraum im Herzen, die Realität von wer weiß vielen Jahren, die da noch kommen werden, Unsicherheit darüber, ob ES wirklich ganz und gar vorbei ist, im Hinterkopf vereinen zu müssen.
Aber so ist es.

Genauso wie viele andere Dinge auch.

Fundstücke, Innenansichten

Fundstücke #44

Sie hört sich fremd an. Unsere Gemögte, die ich anrufe, weil ich über den Text von vor 3 Jahren stolperte und plötzlich sehe, dass wahr wurde, was wir verhindern wollten: ein Kontakt, der ist, dann war und danach im Lauf der Dinge unterging, wie ein Boot aus Zeitungspapier.

“Wie geht es euch?”, fragt sie und es fühlt sich hohl an. Höflich.
Als nähme sie ein Stück Kuchen, das gerade verfügbar ist in die Hand und reiche es an uns, die gerade im Weg herumsteht.

Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Bin sowieso zurück in meinem dumpfen Brüten fern von allem, vor allem dem, was sie als “uns” kennt.
Ich frage mich, warum ich sie anrufe, wo ich die gleiche Kraft doch in Emails und Anrufe geben könnte, wo ich weniger erklären müsste.
Dann weint es Bäche aus mir heraus und ich denke: “Na gut, vielleicht dafür.” und warte bis es aufhört.

Sie sagt gar nichts. Vielleicht wartet sie auch.
Dann frage ich sie, ob ich zuerst fragen darf, weil doch ich es bin, die sich gefragt hat, wie es ihr geht. Was sie macht. Ob sie glücklich ist, oder wenigstens zufrieden.
Sie erzählt und ich höre zu.
Es ist ein fremder Alltag und doch ist sie es, die sich darin bewegt. Das merke ich und bin beruhigt.

Dann erzähle ich vom schwach sein, vom zum Opfer geworden sein und davon, was es mit mir macht, inzwischen einen Alltag zu leben, der für mich beinhaltet einmal ein Opfer gewesen zu sein, jedoch keinerlei Raum dafür in ihm zu haben.
Außer in der Therapie. Die ich im Moment aufgeben und kaputt machen will, gerade weil ich dort als Opfer gesehen werde.

Opfer-Talk – klar ist das das Einzige, was ich zu bieten habe. Nach gut einem Jahr, dass wir uns nicht gehört und gesehen haben, ist es das, was ich mit ihr teile und wieso ich mich noch gefragt habe, was unseren Kontakt hat austrocknen lassen, verstehe ich auch nicht mehr.
Ich ärgere mich schon wieder über mich selbst. Greife nach dem Wörterhahn, um ihn mir abzudrehen, denn what the fuck – es gibt doch so viel mehr als das.

Dann überrascht sie mich mit einem Dank und erzählt mir, dass es mein Opfer-Talk ist, der ihr heute immer wieder hilft Menschen zu verstehen, die früher mehr als ein Mal geschlagen, vergewaltigt, verkauft, ausgenutzt, verraten wurden.
Und plötzlich kann ich sie wieder fühlen. Spüren, wo sie steht und was es ist, was da so weit trennend zwischen mir und allem, was mich angucken kann, ist.

Es ist eben doch genau das. Das Opfer-Ding. Das Opfer-Ding, das schon so lange vorbei, aber doch in mir drin ist, wie in ihr das Vertrauen in Menschen, Welt und eigenes Wehe.

Ich werde es immer nur fühlen und anerkennen können. Selbst wenn mein Leben weiterhin so eine gute Wendung mit mir nimmt, werde ich immer wissen, woraus ich hervorgegangen bin. Auch dann, wenn ich mich dagegen entscheide, dem wie viel oder wie wenig Gewicht auch immer zu geben.

Meine Geschichte ist geschrieben. Und darin war ich Opfer.
Es gibt nichts, das ich dagegen tun kann.
Es gibt jedoch vieles, das ich dem hinzufügen kann.

Das Heute zum Beispiel. Und das, was ich über mich, uns und alle anderen in meiner Geschichte denke.
Was ich zunehmend erinnere. Und was ich mit mehr und mehr Erinnern über mich, uns und alle anderen denke.

Sie erinnert mich daran, dass ich nicht gezwungen bin, mich als Opfer zu sehen, nur weil ich eines war und wir lachen beide bitterlich, als wir wieder einmal merken, mit wie wenig Menschen man die Wahrheit, in dieser sich scheinbar widersprechenden Haltung, teilen kann, ohne Schaden zu nehmen.

Als wir uns von einander verabschieden, fühle ich mich anders. Ich fühle mein am Leben sein und spüre all die kleinen großen Quetschungen, die dieses unser neues Leben an mir macht, weil es mich darin nicht gibt. Nicht, weil man mich nicht will, sondern, weil es fremd ist so am Leben zu sein wie ich.

Ich sitze am Fenster und schaue auf ein Stückchen Welt, das mich nicht braucht und doch in sich trägt.
Das Heute bewegt sich ungerührt weiter.
Und ich bin immernoch da.

Lauf der Dinge

Fundstücke #43

Am Abend liege ich im Bett und komme nicht umhin zu spüren, dass es mich gibt.
Mich, meine Krise, mein Ge.Denken, meine Muskeln, die wie mit glühender Lava gefüllte Weintrauben an meinen Knochen hängen.

Ich liege da und denke darüber nach wie das so ist.
Wie weh es tut und doch kein Schmerz ist, den ich anderen zufügen kann.

Es ist dieser Punkt, den ich als turning point kenne und fürchte.
Ein Bein steht im Lauf der Dinge. Arbeitet. Funktioniert. Kreiert. Ist offen und reagibel.
Und ein Bein steht in der Stasis. Ist dumpf. Existiert. Nimmt für wahr, doch keinen Anteil an dem was passiert.

“Wir haben jetzt keine Zeit für eine suizidale Krise. Wir haben noch Hausaufgaben, eine Buchrezension und andere Dinge zu tun.”, sagt es im Innen und ich merke, wie sie versuchen sich aus dem Treibsand zu strampeln. Sie streiten sich über Freitod und ich bin froh, dass die Menschen um mich herum sie nicht hören, sehen, fühlen können wie ich.
Wie absurd das ist, denke ich und möchte lachen, aber es kommt nur weinen heraus, das mir noch absurder vorkommt.

Und wieder denke ich, dass die Linderung meines Leidens unter dem was ist, einem Eigentlich folgt, für das ich mich entscheiden kann. Muss. Soll. Darf.
Eigentlich geht es um Assoziationsprozesse dissoziierten Materials früherer Traumatisierungen.
Eigentlich geht es um Überforderung durch die Schule.
Eigentlich geht es um schwierige Lebensverhältnisse.
Eigentlich sind wir einfach nicht passend für diesen Lauf der Dinge.

Es gibt so viele Eigentlichs, die sein könnten, dass wir damit überfordert werden, überhaupt nur einen Schritt zu tun. Eine Entscheidung zu treffen. Eine Entscheidung zu treffen, sich zu entscheiden.

Es zieht in alle Richtungen.
Und wir ziehen uns in alle Richtungen.
Von mitten rein bis so weit raus, dass es uns nicht mehr gibt.

Jetzt in eine depressive Episode zu rutschen, ergibt so viel Sinn.
Neuronaler Selbstschutzkrisenüberlebensschlaf – ich kann ihn so nachvollziehen.