Schlagwort: Depersonalisation

über reine Nervensachen, Traumastille und gedrückt werden

“Alles Nervensache”, denke ich und schiebe uns durch den Verkehr.
Ich habe Schmerzen und das, was Alltags ist, strömt zäh_flüssig mit mir wie einem Korken draufdrin dem Tick-Tack nach.

Später zu Hause eingeklemmt zwischen Schrank und Wand denke ich: “Ja, alles Nervensache” und erinnere mich an die eine Gruppentherapie vor was weiß ich nicht wie vielen Jahren. Wo eine Person versucht hatte zu erklären, wie sehr es weh tun kann, depressiv zu sein und die Therapeutin fragte, was genau denn da weh tun würde.

Das ist mein Schmerz im Alltag, denk ich. Das ist der gleiche Schmerz, wie der, der mich quält, wenn ich so runter bin – weil der Zug rumpelt, Leute reden, atmen, Kleidung bewegen, Zeitungen, Handtaschen oder Rucksäcke durchkruscheln, weil sich alles bewegt, Aufmerksamkeit, Reaktion und Einordnung verlangt. Wenn einfach nur die Welt passiert und der Platz dafür in sich drin, nicht mehr gepolstert ist.

Nachdem wir in Biologie etwas über Zellkerne gelernt hatten, hab ich sie mir dann manchmal in das Wortbild vom “Laufen auf dem Zahnfleisch” eingebaut und mir gedacht, dass es vielleicht deshalb wehtut, weil die Zellkerne wie Legosteine da liegen und es dann natürlich weh tun muss, wenn man drauftritt.

Ich bin im Moment nicht depressiv. Eigentlich gehts mir und uns sogar ganz gut.
Was es irgendwie noch schlimmer macht, dennoch mit diesem Schmerz konfrontiert zu sein und einen Umgang haben zu müssen. Wäre da eine Depression, dann würde die Kraft für mehr als die Wahrnehmung dessen fehlen. Wir würden liegen, schlafen und wenn wir erwachen, die Augen zuhalten und uns in einem weißen Nebel bewegen, der neben der Zeit passiert.

Ich habe gelesen, dass es dem Schmerzgedächtnis scheiß egal ist, welcher Ursache ein Schmerz ist.
Und habe mich an den Schmerz erinnert, den ich mit Traumastille verbinde. Das ist die Stille, die sich ausbreitete, wenn der letzte Schlag, der letzte Stoß, der letzte Druck auf den Körper zum Ende kam und dann nichts mehr passierte. Die Zeit zwischen dem Moment, in dem die gewaltausübende Person ihren Verdrängungsschängel zu einem Spruch, einer Anweisung, irgendeinem weiteren groben Über_Griff machte und dem, in dem sie ihn machte.

Manchmal habe ich einen Schmerz als überkrasses Geräusch oder geblendet oder verbrannt werden wahrgenommen. Auch diese Art von Schmerz ist Traumastille für mich.
Ich kann bis heute nicht sagen, was genau da weh getan hat. Oder wie sich dieses überkrasse Geräusch für mich angehört hat oder welchen Ursprungs die Blendung war, die ich da empfunden habe.

Heute weiß ich, dass das eine Nervensache ist. War.
Das Nervensystem von Klein_Kindern ist nicht das von Erwachsenen. Gerade vor ein paar Tagen konnten wir das bei der anderthalb Jahre alten Tochter von Freund_innen miterleben. Sie stolperte, tat sich weh – doch drückte den Schmerz als Schmerz erst fast 10 Sekunden später aus.
Was war es in den 10 Sekunden, bevor sie zu weinen begann und bei ihrer Mutter Erleichterung davon suchte?
Ich glaube, da war es noch Nervensache. Also: alles mögliche. Alles Nervenmögliche.
Es hätte auch geblendet werden oder auditiv überflutet werden sein können. Das Gehirn prüfte noch nach Einordnungsmöglichkeiten, während das Empfinden schon längst da war.

Manchmal denke ich, dass das vielleicht mein, unser chronisches Schmerzproblem heute ist.
Die Nervensache ist so oft nur rudimentär eingeordnet worden, dass sie bis heute eine Nervensache ist.

Als die Gewalt passiert ist, war ja mehr als nur Schmerz da. Es tut eben nicht nur weh, miss.be.handelt zu werden. Es ist auch einfach nur grob, dumpf, vielleicht auch mal mit einer Quetschung oder einem Druck verbunden. Manchmal sind da auch noch Komponenten die körperliche Resonanzen mit sich bringen, wie Angst, Horror, Ekel, Beschämung oder Demütigung. Der peinsame Cringe, den man hat, wenn man vor anderen bloßgestellt wird, kann das gleiche Reißen im Zwerchfell sein, das entsteht, wenn man mit aller Macht gegen einen Brechreiz, ein panisches Erstickungsgefühl oder schlichtes Schock-raus-schreien angehen soll muss.

Manchmal hilft es uns, Anspannung zu veratmen. Dann denke ich mir, dass meine Nerven zittern und wackeln, weil sie so unter Spannung stehen, dass auch das banalste kleinste sie ganz zwangsläufig berühren muss – und mir dann einmal mehr Schmerzen bereitet.
Ich atme den Bauch raus und drücke mit dem Daumennagel in die Rille zwischen Oberlippe und Nase.
Die Geschichte mit dem Gedanken ein Baum zu sein, ist auch gut dafür.

Noch mehr hilft es uns Druck zu fühlen. Schwere Decken oder zwischen Wand und Schrank gedrückt sein. Oder NakNak* auf dem Schoß haben. Oder NakNak*, die sich an unseren Oberkörper drückt.
Das ist scheinbar eindeutig genug für unser Gehirn. Es dauert keine zwei Sekunden bis das Schmerzempfinden nachlässt, wenn wir so “gedrückt” werden. Aus Nervensache wird Drucksache. Wird Wort, wird Zeit und Raum, wird eigener Körper und damit Entlastung.

Ich finde das erstaunlich.
Auch, weil ich dann manchmal einfach anfangen muss zu weinen und nicht weiß, ob ich vielleicht schon vorher hätte einfach zu weinen versuchen sollen oder nicht. Ob mir die Welt und ihre Reize vielleicht eigentlich gar nicht wehgetan haben, sondern sie mich traurig gemacht hat. Oder, ob sich da gerade noch ein Traumafizzel mit verarbeitet hat und es als eine Art nachträgliche Affektabfuhr passiert.

“Alles reine Nervensache”, das wird oft gesagt, wenn man meint, etwas sei nichts Ernstes, Dringendes gar Be_Drängendes und daher beherrschbar oder auch kontrollierbar. Manche Menschen sagen so etwas, um andere Menschen mit ihren Empfindungen allein zu lassen, denn die eigenen Nerven hat man eben nun einmal nur für sich.

Auch das ist etwas, das in mir Traumastille-Schmerz macht.
Denn es erfordert schon etwas jemandem von so unbestimmten Dingen zu erzählen. Vertrautheit, Nähe und die Annahme im Schmerz an.erkannt und verstanden zu werden.
Mir kommt das wie eine Anbahnung vor.

So wie wir es brauchen zu wissen, dass wir nach der Arbeit oder der Schule nichts mehr machen müssen, das Handy greifbar ist und der Schrank stabil steht, um uns in den wohltuenden Druck zu begeben, brauchen manche anderen Menschen, eben diese sozialen Flauschigkeiten, um gedrückt zu werden und das auszuhalten.

Für uns werden reine Nervensachen erst dadurch zu etwas, das beeinflusst werden kann.
Für andere sind es andere Menschen.

Irritierend wie sich je die Annahme entwickeln konnte, Menschen mit Schmerzen jeder Art unberührt (ungedrückt) zu lassen (außer sie wünschen sich das so), sei eine gute Idee.

Sternschnuppenwünsche

„Schlafen“, denke ich und schaue dem kleinen Flitz am Nachthimmel nach. „Schlafen.“ Nächster Flitz.
Irgendwann höre ich auf, mir Schlaf zu wünschen und setze mich an den Schreibtisch.

Wieso das alles schon wieder so zäh ist, möcht ich mal wissen. Was um alles in der Welt ist denn jetzt schon wieder nicht richtig, irgendwie kaputt, schief gerutscht, angetickt?
Wir schlafen schlecht ein, sind früh wach, aber nicht ausgeschlafen. Manchmal fühle ich mich, als hätten wir die meiste Zeit irgendwie doch mehr der Dunkelheit ins offene Maul geglotzt, als wirklich geschlafen.

Gut, da war der Geburtstag, da ist das Praktikum, da ist J. und das ganze ungewohnte Gute an ihm, da sind die Projekte, die wir jetzt irgendwie halbwegs stabil anfangen, damit wir sie übers nächste Schuljahr locker fertigstellen können. Das ist alles nicht wenig, aber außer dem Umstand, dass wir noch ein Monsterschuljahr vor uns haben und gleichzeitig gerade denken, dass wir am Ende doch eigentlich so gar nichts davon haben, belastet uns nichts.

Ich klemme mich wieder aus dem Klofenster, um den Perseiden nachzuschauen.
„Schlafen“, denke ich. Diesmal ist da kein Flitz am Himmel, aber ein Schwusch von irgendwo weit hinter mir. MIr steigt ein Weinen hoch, kriecht in die Mitte meines Gesichts und lungert unentschlossen da herum, als würde es sich nicht trauen, einfach so rauszulaufen.

„Vielleicht ist es die Müdigkeit, die uns belastet“, denke ich und gehe zurück in unsere letzte Therapiestunde, in der es um Familienwünsche und Zukunftsgedanken ging. Und darum, dass wir uns Sorgen darüber machen, zu all den Kämpfen, wie wir heute schon haben, in Zukunft noch einige mehr kommen. Und darum, dass wir Dinge durchaus können. Auch jene, die uns nicht so zugetraut werden. Darum, dass das für uns nur einfach sehr anstrengend ist. Vielleicht auch: anstrengender als für andere Menschen.

Es ist schwer sich einzugestehen, wie das ist zwischen der Realität und Legitimität eigener Wünsche zu stehen und die Realität der Traumafolgen und Behinderungen darin einbinden zu müssen, weil alles andere der pure Selbstbeschiss und ein Problem für alle Beteiligten werden würde.

Die Müdigkeit ist ein Teil unseres Heute-Lebens und wir müssen sie als Teil des Morgen-Lebens mitdenken. Nicht nur, weil es jetzt schon wieder kurz vor halb 2 ist, sondern weil es immer irgendetwas geben wird, das irgendwie gerade in Bewegung ist, gerade heilt oder unerwartet nochmal weh tut.

Ein letztes Mal schaue ich über den Himmel, um einem letzten Flitz einen Wunsch an den Schwanz zu hängen. Als keiner kommt, wünsche ich mir einfach so, dass ich morgen das Weinenwollen verstehen und jetzt okay im Bett ruhend liegen bleiben kann.
Am Ende muss ja eh immer alles auch einfach mal so gehen.

von Freiräumen und der Frage, was man mit der Vergangenheit macht

Es ist ein bisschen so, als würde man Muskeln ansteuern, die noch gar nicht da sind, als die Therapeutin fragt: “Geht es ein bisschen darum, was sie damit machen? Mit ihrer rituellen Vergangenheit..?”.

Ich weiß, worum es geht. Weiß, es ist die Dissoziation, die mir alles Gesagte, Mit.geteilte und Erinnerte in dieser Stunde fremd und fern erscheinen lässt. Weiß, es geht um mich. Weiß, es geht um meine Vergangenheit.
Aber ja: Ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll.

Was soll ich denn auch anfangen mit einem Tier, das um sich beißt. Mit einem Kind, dass blind vor Panik an Türen kratzt. Mit einem Selbst, das weder Ich noch Nichtich ist. Mit Innens, für die alles außerhalb dieses einen Ists nichts außer Lug und Trug ist.
So eine Truppe ist der Stoff aus dem abgefahrene Road-Trip-Filme sind, aber mein Leben hat keine Räume für sie.

Wir bemühen uns allgemein darum allen Innens ihre Räume zu geben und zu lassen.
Bei uns meint das nicht, dass wir schauen, dass alle von uns ihre Außenzeit haben oder bestimmte Dinge haben dürfen – es meint eher, dass wir soziale wie asoziale Räume schaffen und freihalten, in denen es nicht zwingend ist, dass ausschließlich versorgungs-, schul-, therapie-, freundschafts-, produktivitäts-, oder gewaltfunktionale Systeme bzw. Innens aktiv sind.

Wir sind darin inzwischen ganz gut und durch die Unterstützungen, die wir erhalten, können wir diese Räume auch stabil halten und ausbauen. So ist es nicht mehr schlimm für mich, wenn wir zu Hause auseinanderfallen. Wir sind dort sicher, haben dort alles was wir brauchen, um mit den Konsequenzen der Anwesenheit dieser Innens umzugehen.

Aber das ist vielleicht genau mein Knackpunkt. So gehe ich mit den Anderen in meinem Leben um. Ich mache ihnen Räume, in denen ich das Chaos, die Not, die Unruhe und zuweilen auch Zerstörung, die sie mitbringen oder verursachen, kontrolliert passieren lassen und wieder bereinigen kann.
Ich gehe nicht mit ihnen um. Ich gehe mit den Folgen ihrer Anwesenheit um und das ist so ziemlich genau mal gar nichts anderes, als das, was ich schon immer mit ihnen mache. Heute mache ich das therapeutisch wertvoll und nenne meine Amnesie bzw. das depersonalisierte Erleben, das ich durch ihre Anwesenheit habe, “Freiraum für die Anderen in meinem Leben”.

Das ist nicht gut. Weiß ich. Aber was soll ich denn sonst machen?
Ich merke, dass wir zu wenig adhäsive Eigenschaften für einander haben. Es ist nicht wie in meinem Funktionssystem, wo sich die anderen mehr oder weniger oft zeitgleich – immer jedoch inhaltlich immer zu 100% auf meiner Ebene bewegen. Wir sind füreinander erkennbar, wir haben Kontakt – hatten ihn, bevor wir ihn gezielt gesucht haben. Wenn ich etwas entscheide, dann tue ich das inzwischen automatisch auch irgendwie mit ihnen. Unsere Kluft ist nicht zu, aber sie ist leicht zu überqueren.

Diese meine, unsere “rituelle Vergangenheit” mit der wir uns in der Therapiestunde befasst haben, ist nicht nur etwas, das nicht mir passiert ist, es ist auch noch Innens passiert, mit denen ich damals wie heute nur wenig mehr als Leben und Körper teile.
Das klingt für manche Menschen vielleicht nach viel, für mich ist das jedoch nicht mehr als das, was ich mit meinen Nieren zu tun habe: Ich weiß, dass sie zur gleichen Zeit wie ich geboren wurden und eine lebenswichtige Funktion haben – aber bei unserem nächsten Umzug werden sie mir keine Kiste packen können.

Vielleicht geht es am Ende nur um Akzeptanz? Anerkennung und fertig?
Wir teilen uns die Kenntnis um etwa 6qm Überlebens.zeit_los.raum.
In gewisser Weise teilen wir uns also einen Traumakrümel.

Ich hab nicht diesen ganzen Therapiequatsch mitgemacht, um jetzt noch zu glauben, dass ich mich nicht damit beschäftigen muss, was ihre Perspektive auf meinen Entstehungsort ist. Ich habe aber auch genug Therapiequatsch mitgemacht um zu wissen, dass es mehr als einen Traumakrümel braucht, um eine Perspektive zu verstehen oder mehr Kontakt aufzubauen.

Will ich mich also immer noch nicht damit auseinandersetzen? Vermeidung? ANP-typisches Schutz-Mimimi?

Ja. Nein. Vielleicht.
Alles.

Ich weiß, was ich machen muss. Ich weiß, wie das geht. Wir haben genug Werkzeug uns zu befassen. Wir haben eine gute Therapeutin. Was mir fehlt ist Bezug und eine Idee, wo es hingehen soll.
Ich weiß nicht, was ich verstehen muss, um diese Innens zu verstehen. Ich weiß nicht, was sie verstehen und vielleicht auch können müssen, um mich zu verstehen. Ich weiß nicht, welche Freiräume ich diesen Innens geben muss und wie wir diese dann absichern könnten.

Wir hatten und haben triftige Gründe für ihr Exil so fern im Innen, wie es nur geht.
Für sie kann es noch keine Zeit geben, sich frank und frei in der Welt zu bewegen, ohne uns zu gefährden.

Vielleicht klingt es fies und ist super selbstschädigend und gewaltvoll, aber im Moment denke ich oft, dass ich auch gut damit zurecht kommen würde, sie als so in der Zeit verloren zu akzeptieren, wie sie sind.
Wir haben viele Innens, die das sind. Wir haben sie mit Schutzimaginationen im weißen Rauschen des Inmitten beerdigt und wissen: Was als therapeutisches “in Sicherheit bringen” passiert ist, wird nie als das therapeutische Töten anerkannt werden, dass es auch war.

Nicht alle können reorientiert und für den Alltag nach der Gewalt funktionalisiert werden.
Und Innens, die aus Spaß an der Freude erhalten bleiben, gibt es nicht.

Etwas, was die Frage der Therapeutin berührt hat, ist für mich auch die Frage danach, was ich mit unserer Vergangenheit mache. Im Moment mache ich nichts anderes damit, als sie zum Forschungsobjekt zu machen.
Sie ist das Ziel vieler Fragen und der Grund für Krisen, die auf die Antworten folgen.
Ich mache diese Therapie nicht, um “meine Vergangenheit zu verarbeiten” – ich will eine Vergangenheit haben und muss dafür therapeutisch arbeiten.

Vielleicht auch, um damit klar zu kommen, dass ich nichts mehr mit etwas machen kann, das schon längst vorbei ist.

Fundstücke #62

“Werde, wer du wirklich bist”, heißt ein Buch von Alison Miller, in dem es um rituelle Gewalt und die Überwindung von Mind Control geht.
Es ist ein Selbsthilfebuch für Betroffene und steht bei uns auf der Liste der Bücher, die wir irgendwann vielleicht eventuell mal lesen wollen. Dann, wenn wir wissen, wer wir denn wirklich sind.

Diese Lücke ist mir gestern noch einmal bewusst geworden, als ich einen Artikel über narzisstische Menschen, die mit einer Borderline-Persönlichkeitsorganisation leben, las.
Seit wir als narzisstisch persönlichkeitsgestört “diagnostiziert” wurden, stolpern wir öfter über solche und ähnliche Texte. Und natürlich versuchen wir uns darin zu finden. Immer noch. Obwohl wir wissen, dass wir keine so gelagerte Persönlichkeits”störung” haben.

Aber es entstehen interessante Gedanken und Fragen.
Zum Beispiel die danach, wer wir denn nun sind. Wie es denn nun wirklich um unser Selbstwertgefühl steht. Ob, und wenn ja, inwiefern und wozu wir Menschen ausbeuten. Ob, und wenn ja, wir Kritik fürchten. Ob, und wenn ja, für wie großartig wir uns denn halten. Ob, und wenn ja, wie überzogen unsere Ansprüche und Anforderungen an unsere direkte und indirekte Umwelt denn wirklich sind.

Tatsächlich finden wir uns in Schilderungen von Menschen mit sogenannter “narzisstischer Persönlichkeitsstörung” nicht wieder. Aber wir verstehen, weshalb die Ärztin damals Anlass hatte das in uns zu sehen. Und obwohl uns das nachwievor belastet, weil wir nichts daran ändern, geschweige denn andere Patient_innen vor ihr schützen können, können wir uns daraus ableiten, für wen es (im Kontext der Traumatherapie) wichtig ist, an so etwas wie ein “wahres Ich” oder “wahres Selbst” zu glauben. Und warum.

Die dissoziative Identitätsstruktur wird nachwievor oft und überwiegend durch eine psychoanalytische Brille betrachtet und behandelt. Danach gibt es eine Persönlichkeit, die “Stellvertreterpersönlichkeiten” entwickelt, weil das erlebte Trauma zu schrecklich ist um weiter am Leben zu bleiben bzw. das soziale Umfeld zu ertragen, in dem das Trauma erlitten wurde.

Für grundsätzlich falsch halte ich das nicht, aber diese Sichtweise legt die Vorannahme einer Persönlichkeit, die da ist und etwas erschafft, das neben sich steht und passiert, fest.
In diesem Modell wird häufig dann auch Hierarchie eingebettet und Kämpfe um “gut” oder “böse”, “stark” oder “schwach”, “männlich” oder “weiblich”, “erwachsen” oder “kindlich” verortet.
Die therapeutische Arbeit ist dann eine Art “kontinuierliche Demaskierung” der “Stellvertreterpersönlichkeiten”, als Selbstschutzmechanismen oder eben auch verselbstständigte narzisstische Reflexe.
(Like: “Du hast es nicht ertragen, dass die Person dich, die du dich für so großartig/wichtig/besonders hältst/gehalten hast (weil dir das so eingeredet/vermittelt wurde), behandelt wie ein Stück Scheiße, also hast du jemanden erfunden, der ein Stück Scheiße ist, damit dich das nicht erreicht”).
Daneben kommen noch Aspekte der Reorientierung als erwachsene Person, die helfen sollen, die “Stellvertreterpersönlichkeiten” nicht mehr als etwas zu sehen, das fremd ist, sondern eigen und er.tragbar von der “eigentlichen Persönlichkeit”.

Wir haben schon Menschen mit dissoziativer Identitätsstruktur getroffen, bei denen diese Herangehensweise geholfen hat und insgesamt auch passt: Menschen sekundärer struktureller Dissoziation. Menschen mit DDNOS.
Also Personen mit einer “Kernpersönlichkeit” und mehreren Alter Egos, die zu bestimmten Zeiten oder bestimmten Aspekten im Leben der Person aktiv waren oder sind.
In der Serie “United States of Tara” ist so eine Person (filmkünstlerisch und kapitalistisch verwertbar aufbereitet) dargestellt.

Weniger passt diese Herangehensweise bei uns.
Bei uns gibts es durchaus auch “Stellvertreter”, allerdings sind das keine autarken Innens, also “Persönlichkeiten”, sondern Zustände, auch “States” genannt, die innerhalb eines Systems verortbar sind und nur dort überhaupt funktionieren.

Als wir die Diagnose als Jugendliche gestellt bekamen, hatten wir uns bereits daran abgearbeitet unseren “ursprünglichen Kern” zu finden. Sahen uns immer wieder damit konfrontiert, dass Menschen “das eigentliche Problem”, den “wahren Ursprung” von uns Innens “als Ganzes” sehen, finden, behandeln wollten.
Und als wir an dem Punkt waren zu merken, dass es den bei uns nicht gibt – samt aller Implikationen, die das für uns hat und hatte – begann für uns eine Forschungsreise, an deren Ende wir in dem Buch „Das verfolgte Selbst“ auf unsere Struktur stießen: das Modell der tertiären strukturellen Dissoziation.

Darin gibt es einen solchen Kern nicht, wohl aber Funktionssysteme, die zu bestimmten Lebenszeiten, sozialen Kontexten und Anforderungen aktiv werden bzw. sind und durch dissoziative Barrieren nicht oder kaum mit den anderen Systemen in Kontakt sind.

Hier funktionieren therapeutische Ansätze von “Demaskierung” und Reorientierung nur teilweise, nämlich nur in ebenjenen Systemen, die in der Therapiestunde aktiv sind (oder für die Therapie entstanden sind) oder aktiv sein müssen oder aktiv sein dürfen oder die Fähigkeit haben in der Therapie aktiv sein zu können.

Das heißt bei uns: Wenn wir Rosenblätter in der Therapiestunde sind und erkennen, dass wir untereinander funktionale Stellvertreter sind, um mit den Anforderungen von interpersoneller Kommunikation (in zum Beispiel Psychotherapie, Behörden, Blogkommentarspalten, ehrenamtlicher Tätigkeit usw.) zurecht zu kommen, weil unser Gesamtsystem (unserer Ansicht nach ist das unser Gehirn bzw. unser Körper) eben dies als potenziell lebensgefährliche Bedrohung missinterpretiert, dann können wir das nur so akzeptieren und in unser „Rosenblätter-Leben“ integrieren.

Nicht aber in eine “Kernpersönlichkeit”, die dadurch mehr Kraft oder allgemeine Integrität erhält.
Bei uns wird mit so einer Art therapeutischen Arbeit am Ende also nichts und niemand “ganzer” oder “echter”, außer wir selbst als System, neben anderen Systemen.

Diese Kernpersönlichkeitsidee, ihre Implikationen und der Anspruch das als Therapieziel zu verfolgen, werden aber immer das sein, was uns dazu zwingt eine “Stellvertreterpersönlichkeit” aufrecht zu erhalten – nämlich so etwas wie eine Hannah C. Rosenblatt, die es gibt, um als eine Persönlichkeit gelesen und angesprochen werden zu können, obwohl man keine ist.

Nach der Lektüre des Borderline-Narzissmus-Textes habe ich verstanden, wie praktisch so ein Kernpersönlichkeitsmodell ist.
Gerade dann, wenn man selbst nicht dissoziativ funktioniert, aber selbst sehr verschiedene soziale Rollen erfüllen muss oder will. Dann kann man etwas von sich selbst in der anderen Person finden und man kann ähnliche, wenn nicht gleiche Maßstäbe an sie anlegen.

Das funktioniert genauso wie in der Sparte des Inklusionsaktivismus, in der die Person, die auf einen Rollstuhl angewiesen ist, “eigentlich ja gar nicht so anders ist, als die Person, die keinen braucht”.
„Da ist ja nur eine kleine Unterschiedlichkeit, welche die Person, die keinen Rollstuhl braucht ja sogar an sich selbst simulieren kann, um der anderen Person zu gleichen.“

Was dabei das Problem ist, ist das Gleiche wie bei der Identifikation nicht dissoziativ strukturierter Menschen mit Menschen, bei denen diese Struktur vorliegt:

Wie es ist, eben nicht und niemals wählen zu können so zu er_leben; wie das ist, damit 24/7, vielleicht bis zum Lebensende so zu leben; wie das ist, damit umgehen zu müssen, dass andere Menschen glauben, dieser Unterschied wäre “eigentlich” nichtig – diese Erfahrung ist exklusiv. Und zwar nicht, weil das so geil ist und eine Aufwertung vor anderen Menschen bedeutet, sondern, weil der Unterschied eben alles andere als “eigentlich nichtig” ist, sondern fundamental.

Es ist eine andere Er_Lebensform. Ein anderes in der Welt sein.
Nicht besser, nicht schlechter – einfach nur fundamental anders.

Mit “dem anderen” umzugehen ist niemandes Job. Interessanterweise gehen mit “dem anderen” nur jene um, die anders sind. Und zwar, indem sie leben und sind, wie sie sind.
Psycholog_innen, Mediziner_innen und was weiß ich nicht so alles, sind nicht damit beauftragt menschlich, individuell damit umzugehen, dass es das gibt. Sie sind für wissenschaftliche, gesellschaftliche, individuelle Einordnung und die Sicherstellung sozialer Kontrolle durch Diagnosen und Behandlungen zuständig.

Davon auszugehen, dass “das Andere” “eigentlich” gar nicht anders ist, ist also auch eine Art positiver Diskriminierung, um realen gesellschaftlichen Ausschluss aufgrund von Andersartigkeit zu verschleiern.
Und damit natürlich auch der eigenen Beteiligung daran.

Mir ist dieser Gedanke nur deshalb gekommen, weil wir merken, wie sehr das Kernpersönlichkeiten-Modell bei uns nicht greift und wie schwierig es ist, an Erfahrungsberichte zu kommen, wo jemand nicht auf der Grundlage dieses Modells gearbeitet hat.

Erst recht haben wir noch kein Material gefunden, in dem die Lebensumgebung der betreffenden Personen gleichermaßen ausgeleuchtet wurde, wie ihre inneren Landschaften.
Damit wird sich in der Praxis einfach nie beschäftigt. Die Person und ihr Verhalten in diesem einen speziellen Setting einer Behandlung wird angeschaut, ähnlich bis gleich gemacht mit Menschen, die sich nicht in diesem Setting befinden und das wars.

Mich würde sehr interessieren, wie oft Menschen, die mit offensiv mit ihren Unterstützungsbedarfen umgehen und keine Schamperformance machen, als Person, die mit ihrer Rolle kokettieren, wahrgenommen werden und vielleicht sogar aufgrund dessen pathologisiert werden.
Genauso interessiert mich – besonders bei Menschen, die viele und über den akuten Krisenstatus hinaus sind – wie oft es vorkommt, das durch Therapie entwickelte Resilienzen und Abgrenzungsfähigkeiten, irgendwann (Wann genau?) als Arroganz oder Hochmütigkeit gelesen werden.
Wann werden Selbstschutzmechanismen als Noncompliance, wann die Nutzung von positiven Ressourcen als kritisch eingeordnet?

Geht es um die verwendeten Modelle, die einer Diagnose zugrunde liegen, oder um die Personen, die diese Modelle wählen, um sich selbst in der Beziehung zu der Person leichter zu verorten?

Oder geht es darum, wer wer „eigentlich“ ist und wessen “wahres Selbst” wann wie wo als das legitimiert ist, was es ist?

 

Vielleicht werden wir “Werde wer du wirklich bist” nie lesen, denke ich gerade.
Wir machen unsere Therapie nicht, um wirklich zu werden.
Wir sind schon wirklich da. Uns gibt es schon so wie wir sind.

Unser Ziel ist, das auch genau so selbst wahrnehmen zu können, ohne aufgrund dissoziativer Selbst- und Umweltwahrnehmung darin behindert zu werden. Ich weiß nicht, inwiefern sich dafür unser Selbstsein verändern muss?

Fundstücke #61

Als der Wecker klingelt, baut er sich selbst in mein ZwischendenZeiten ein.
Ich öffne die Stundenplan-App auf dem Handy. Die erste Stunde fällt aus, wir können noch eine Stunde schlafen.

Ich schlafe nicht, ich flashbackintrusioniere bis der Wecker ein zweites Mal klingelt. Jemand richtet uns auf. Trinkt Wasser. Wir loben es fürs Anziehen der Strickjacke. Rufen Ansporn und Versicherung von einer Zuschauertribüne jenseits von ihm. Oder ihr?

Als es aus dem Bett klettert, denke ich noch, dass wir es schaffen können. Kaffee, Beerenbrei, Dusche, Ranzen schnappen und los. Kurvendiskussion üben, den Lehrer um Hilfe bei der Photoshophausaufgabe bitten, Wirtschaft lernen, KeineAngstvorderWirtschaftslehrerinhaben trainieren.
Als ich im Bad stehe und mich nicht ausziehen kann, weiß ich, dass wir es nicht schaffen. Nicht jetzt. Wir sind heute nicht schnell genug. Nicht genug genug für Schulhier, Straßenbahnda oder MitdemFahrradunterwegs.

Das kann ich der Schulsekretärin nicht sagen. Der kann ich nur sagen: „Ich kann heute nicht kommen“ und hoffen, dass es nicht sehr schlimm ist. Denn noch mehr Dramen rund um die Schule packe ich einfach nicht mehr.

Jetzt sind wir also hier und haben Zeit.
Und ich merke, dass ich gern darüber reden würde und wie fremd mir das selbst vorkommt. Ich wollte nie darüber reden. Über Symptome, ja okay, aber doch nicht über diese Momente, in denen ich merke, das Zeit für uns manchmal gar nichts prozesshaftes ist. Die Momente, in denen ich mich nicht zum Duschen ausziehen kann, weil ich die Angstsicherheit habe, dass mich jemand dabei beobachtet, dirigiert, mich auf eine Art miss.be.handelt, die unsichtbar ist – obwohl obwohl obwohl

Ich habe gerade keinen Zusammenbruch. Keine heftige Krise. Ich brauche jetzt keinen Igelball oder geistigen Dreh in Heute zurück. Ich bin im Heute.

Heute bedeutet, die Dinge nicht mehr zu erleben. Heute bedeutet, die Dinge zu erinnern.
Manchmal ist das nicht genug Unterschied.
Nicht genug genug.

wie absurd es ist

Manchmal ist es aber dann doch, als würde ich aus einem Alptraum aufwachen. Froh, um das Wachsein, doch auch noch eingehüllt von Angst, bitterklebrigem Notgefühl und Tränen, die sich selbst den Ausgang versperren.

Ich will nicht so viel drüber nachdenken. Mit jedem Gedanken mehr, wird es echter, rückt an mich heran und zeigt mir die Heutewelt in all ihrer Absurdität.

Ja absurd kommt es mir vor. Wieso fahre ich gleich zur Schule, wenn mir? doch DAS DA passiert ist. Wie komme ich dazu, überhaupt noch das Bett zu verlassen, einen Schritt vor den anderen zu setzen – liegen bleiben, schlafen, mental so unerreichbar sein, wie es nur geht, das fühlt sich doch viel kongruenter an.

Gerade dachte ich, dass es schon so ist, als schaute man in eine fremde Welt, wenn man sich an die Gewalt erinnert, die andere Innens üb.erlebt haben. Und weil sie für mich nicht mehr das unfassbare Schlimmschlimm, das ich nur gut genug unterdrücken muss, um besser klarzukommen, sind, ist es mir noch absurder. Wie krass das alles ist. Wie verdammt krass das alles und alles und alles ist. War.

Wie das ist, wo es so weh getan hat und wie man davon so gar nichts mehr sieht.

Wie das ist, wo Not und Verzweiflung alles zerrissen und verschoben haben, mir jetzt aber wie natürlich gewachsen und voll innerer Ordnung erscheint.

Wir stehen auf, waschen das Alptraumgefühl ab, kämmen die Haare, ziehen uns an und es ist keine Verkleidung oder das Auftragen einer Schutzschicht. Es ist Heuteweltleben.

Wie absurd das ist. Dass wir Heutewelt leben.

Fundstücke #58

Und dann sind die Termine und Verabredungen, die wir ausmachen, nur noch Steine, die ich wahllos ins Nirgendwo werfe, um mich von ihrem dumpfen Aufprall trösten zu lassen.

Eine Englisch-Gruppenarbeits-Deadline am Sonntag, Nachhilfe und Laptop-Hospiz am Samstag. Freitag morgens wackelt die provisorische Krone am Schneidezahn, abends fällt das Kronenprovisorium rechts oben raus.
Ich sehe jemandem im Spiegel und könnte kotzen, als es in meinen Mund hineingreift, um den Kunststoff mit Zahnpasta festzukleben.

Montag, Dienstag sind kaum zu erwarten. Ein Etwas flattert wie wild in meinem Zwerchfell umher, weil es einen Virtual-Reality-Workshop besuchen darf. Gruppenarbeit mit fremden Mitschüler_innen, in einer fremdem Umgebung, mit fremden Lehrer_innen. 6 Stunden ab 10, kurz vorher noch mal schnell zur Zahnärztin, die Krone richtig ankleben lassen. Montagabend Therapie und die Angst, all das runtergeschluckte Kotzen der letzten Wochen auf einmal nicht mehr drinnen behalten zu können.

Es freut sich so, ich habe Angst krank zu werden. Verdammt nochmal, wieso husten und niesen so viele Leute ohne die Hand oder ein Taschentuch vor dem Gesicht?!

Der Deal ist am Mittwoch krank zu werden. Schlafen und genesen bis Montag, dann ist die Matheklausur für die ich noch gar nicht lernen konnte. Aber Termin ist Termin nicht wahr – von irgendwo wird sie schon hergeflogen kommen, die Leistung, die „ich“ eigentlich immer erbringe oder nicht erbringe, egal ob ich lerne oder nicht, ob ich will oder nicht, ob ich kann oder nicht.

Ist alles zu viel? Nein. Ja. Doch. Und nein.
Gleichzeitig.

Mist ich wollte noch eine Email wegen der Lernpartnerschaft schreiben. Oh man, wir müssen schlafen. So dringend ausschlafen, Ferien haben, Pause machen, Leerlauf haben.
Und gleichzeitig ist alles okay.
Frühlingsflüstern, erste Wärme.

Alles wird besser, denn es ist alles gut.
Eigentlich.

Medikamente

Wir waren schon einmal über den Punkt hinaus, an dem ich durch innere Rahmen gehe, eine Tür nach innen schließe und alles von mir streife, um in das Hier und Jetzt zu gehen, das mich er_fordert.

Das merke ich jetzt, wo wir einmal mehr Medikamente nehmen, als in der Weglaufkrisen-Episode am Jahresende.
Jetzt, wo keine Therapietermine waren. Jetzt, wo alles einfach läuft. Glatt mit üblichen Lebenshuckeln. Emotional mittig mit bloßem Dämmern einer Erinnerung daran, wie tief man fallen könnte, würde man die Tiefen mitleben.

Die Medikation lässt das Innen nicht verschwinden.
Ich kann es fühlen. Kann sehen, was da passiert. Merke, dass es etwas mit mir zu tun hat. Alles ist okay. Es ist nur nicht da, wo ich bin, wenn ich da bin.
Es ist ein kleines Stück der Verschiebung. Ganz subtil. Aber es reicht, um vom Lauf der Dinge nicht so grob hin- und hergeworfen zu werden, wie sonst.

Dinge passieren und ich bin da. Immernoch. Obwohl sie mich sonst weggewischt, zerrissen oder verwässert hätten. Und ich kann reagieren, einfach und genau so, wie ich mir das überlegt habe.

Was mir auffällt sind Liebsein, Warmsein, Zärtlichkeiten uns gegenüber, die mir sonst nicht auffallen.
Was mir einmal mehr bedeutet, dass dissoziative Amnesien eben doch real sind. Dass sie mir eben nicht nur das nehmen, was ich nicht aushalten kann, weil ein aversiver Reiz zu groß ist, sondern auch die Facetten menschlichen Miteinanders, die nicht primär an mich gerichtet sind, sondern an das von anderen Menschen wahrgenommene oder empfundene Innere, das an anderer Stelle des Innen passiert.

Was ich merke ist, dass ich das passieren lassen kann. Selbst dann, wenn ich gerade zu gedämpft, vielleicht auch betäubt?, bin, um zu danken oder andere Gesten zu machen, die so etwas wie eine adäquate Reaktion sein sollen.
Ich kann uns das passieren lassen und es fühlt sich an wie eine aktive Tat, obwohl ich nichts weiter tue als gezieltes Nichtsdagegen oder –dafür tun.

Von mir aus kann es für immer so weiter gehen.
Alles funktioniert. Nichts tut weh, außer das Wissen, dass es Medikamente sind, die mich so beruhigen, ordnen, stabil machen. Doch selbst das kann ich im Laufe eines Tages passieren lassen, ohne, dass es mich umhaut.

Ich bin kein Zombie. Ich bin nicht ausgeschaltet. Niemand von uns wird unterdrückt oder “weggemacht”.
Dieser Zustand ist keiner, der irgendwie problematisch ist.

Er ist nur nicht echt.

Fundstücke #58

„Das ist bestialisch“, hatte die Therapeutin dazu gesagt. Und während ich mich unter dem Gefühl der Kongruenz durch ihren Ausdruck von Abscheu und Abgrenzung entspannte, fiel mir auf, wie praktikabel das Mittel der Entmenschlichung ist. Nicht nur heute, wo es eine tückische Entlastung ist, menschlicher Gewalt den Wortmantel der Unmenschlichkeit anzulegen, sondern auch früher, wo sich die Energie der Gewalt ihre Bahn durch Selbst und Sein eines Kindes brach und keine als menschlich akzeptierte Eigenschaft hinterließ.

Es ist tückisch, denn es bestätigt die Ablehnung des Ausmaßes der Folgen für das Kind, in der es die Gewalt als etwas wahrnimmt, das nie aus einer gemeinsamen Basis kam.
Doch genau das stimmt nicht.
Und das ist das Problem.

Menschen, die Gewalt ausüben, durchdringen und versehren eine Entität, die sich im günstigsten Fall darüber nie Gedanken machen musste. Das ist ein Schmerz, den Menschen vermeiden, sobald sie geboren sind und durch viele soziokulturelle Praxen und Technologien im Laufe des Lebens immer sicherer nicht zu erleben versuchen.
Warum sollte ein Mensch einem anderen Menschen diesen Schmerz zufügen? Was sollte denn jemand von etwas haben, das niemand will?

Zwischenmenschliche Gewalt wird heute so vielfältig erklärt und analysiert. Da gibt es Machtanalysen, da gibt es Pathologisierung, da gibt es Räume voller Fragezeichen und individueller Erzählungen von Menschen, die über ihre eigene Täter_innenschaft reflektieren.
Hinterher. Wenn ES vorbei ist und die Gewalt_Hinterbliebenen versuchen sich selbst und die Welt, in der sie passieren, in dem wieder zu finden, was ihnen geblieben ist: Leib, Leben, Da_Sein.

Das Geständnis vom Monster im Innen, den Tieren unter uns, dem Biest unter der Haut, das die Welt zerstören kann, haben wir nie abgelegt, um einen Selbsthass auszudrücken oder um mehr als eine, mal mehr mal weniger nah, wahrgenomme Zerstörungs- bis Tötungsenergie zu benennen.
Diese Innens/Anteile/Energien nehmen wir so wahr und wissen, dass es Menschen gibt, die diese Wahrnehmung wenigstens in dem Moment geteilt haben, in dem sie sich davon bedroht gefühlt haben. Vielleicht, weil da eine Facette von Menschlichkeit – menschlicher Überrestigkeit – spürbar war, die nicht mit dem eigenen Wahrnehmen und Erleben von Menschlichkeit in Einklang zu bringen war.

Es ging auch nie darum anderen Menschen die Angst zu breiten, die wir vor uns selbst haben und uns selbst von eben jener Angst abzutrennen, indem wir uns als etwas positionieren, das nie mit ihnen zusammen passiert.

Heute denke ich, dass es dem Kind, das ichwir einmal waren, damals schon klar war, dass ein Mensch, dem so viel zerstört wurde, einen anderen Rahmen übrig hat. Ein anderes Funktionieren. Eine andere Art des Lebens.
Ein unmenschliches Leben. Nicht: ein schlechteres Leben, nur: ein unmenschliches

Es gibt die Idee in der Erklärung wie sich Identitätsstrukturen ausentwickeln und -gestalten, dass es fixe Ideen bzw. mehr oder weniger reflexhaft assoziierte Identifikationen sind, die dazu führen, dass man in manchen Vielen Roman- oder Fantasiefiguren findet. Unter anderem Monster, Tiere, Bestien.

Eine Therapeutin vertrat uns gegenüber aber auch schon die Ansicht, dass diese von uns als unmenschlich wahrgenommenen Innens der Versuch war/ist, die Identität und die Zerstörungsintension der Täter_innen uns gegenüber zu erklären und abzuwehren. Am Ende: dass wir aufhören müssten, uns und dadurch jene, die an uns zu Täter_innen wurden, zu verkleiden.
Als wäre das alles eine schiefgegangene Scharade. Ein Eskapismus, eine Flucht vor einer Realität, die wir uns kreiert haben, weil uns die gegebene nicht gefallen hat.
Nicht, weil es das war, was wir noch aus dieser Realität danach machen konnten.
Diese Flucht in Aspekte der Realität, die so vielen Menschen in unserem damaligen Kinderleben scheinbar verborgen war.

Wir selbst schreiben oft von Dissoziation als trennendes Element. Jedoch merke ich gerade, wo DAS DA in mir arbeitet und wie ein auf leichter Flamme vor sich hin wirkendes Geblubber auch da sein kann, dass es manchmal auch um Verschmelzung geht.
Verschmelzung mit Dingen, die von der Gesellschaft, der Realität, dem Leben, das von so vielen Menschen abkürzungshalber „Normalität“ genannt wird, getrennt passieren.
Mit dem Moment, in dem jemand „wie ein Tier“ rast, wütet, Gewalt ausübt (… leidet …) – und doch ein Mensch ist, der menschliches tut (… erlebt).

Nur nicht mehr als solcher akzeptiert wird.
Von allen anderen um ihn herum.

Als würde die Menschlichkeit der Täter_innen als Bestie verkleidet, um sie und ihre Tat zu verstecken.
Abzutrennen. Zu Dissoziieren.
Als sei nur so ein Urteil zu fällen oder eine Einordnung zu treffen. Als könne man der Gewalt und ihren Folgen nur so begegnen.

Mit Gewalt durch Aberkennen der Zugehörigkeit zur Menschenheit.
Einem unveränderlichen, unbeeinflussbaren, unwählbaren Merkmal.

und wenn es funktioniert, ist es merkwürdig

NakNak* geht es nicht sehr gut im Moment.
Über die Weihnachtsferien hat sie Gewicht verloren und ist insgesamt ziemlich schlapp. Die Lymphknoten unter ihren Ohren sind seit inzwischen 4 Wochen geschwollen. Doch Fieber hat sie nicht.
So eine Kombination ist immer kacke.

Am Montag waren wir beim Tierarzt, der von einer Tierärztin vertreten wurde.
Und seitdem erlebe ich merkwürdige Zeitanomalien.
Bis “Sie denken sicher auch an etwas Tumoröses”, passierte alles im Schnelldurchlauf. Wie sie NakNak* abtastet, anschaut, abhört, mit Hilfe einer Assistentin ein paar Röhrchen Blut abnimmt. Zack Zack zack. Schwusch an mir vorbei.
Dann überlege ich, ob ich an “etwas Tumoröses” denke und merke: nein, eigentlich denke ich an gar nichts. NakNak*s Zustand ist für mich nicht einzuordnen. Also ordne ich ihn unter “jemanden um Hilfe bitten” ein und hoffe, dass mir geholfen wird, einzuordnen, was mit ihr los ist.

Die folgenden Sätze der Tierärztin quellen wie zäher Brei auf den Untersuchungstisch der Praxis. Worauf meine wie Schnellfeuer daneben auf den Boden klappern. “Lyyyyyyyyyyyyymphdrüüüüüüüüüüüüüseeeeeeeeeeennnnnkreeeeeeeeeeeeeeeebs” “AchdasglaubichejetztnichtgleichIsdochrechtseltensowas”.

Dann laufen wir nach Hause und telefonieren uns schon auf dem Weg Unterstützung zusammen. Müssen noch ein paar Stunden auf die ersten Blutergebnisse warten. Schrödingers Zeitverlauf. Es sind nur ein paar Stunden – es fühlt sich nach Tagen an. Und als wir die Assistentin am Telefon haben, die uns sagt, was der Tierarzt über die Ergebnisse denkt, kommt kaum an, was sie uns mitteilt, so schnell ist das Gespräch wieder vorbei.

NakNak*s Leberwerte sind schlecht.
Aber das Internet sagt, dass das eigentlich genau so eine Wabbelinformation wie geschwollene Lymphknoten ohne Fieber sind. Es ist das “alles kann, nichts muss”, des großen Blutbildes.
Immerhin: eine der üblichen Zeckenkrankheiten ist es nicht und auch sonst ist alles im Rahmen.

Am Dienstag merke ich ein Kinderinnen, unter meiner Haut, als ich NakNak* aus den Augenwinkeln beobachte, die mich nicht beobachtet, obwohl ich gerade mit Lebensmitteln rummache. “Ist sie tot?”. Ich lege meinen Blick auf unsere Hündin und suche die Bewegung ihres Brustkorbs. “Nein.”, antworte ich und merke, wie wir einander im Innen kreuzen. Wie ihre Frage meine Angst ist und meine Beobachtung ihre Beruhigung.
Es ist total merkwürdig.

In den nächsten Stunden ist es immer wieder mal da. “Ist sie tot?” – “Nein.” – “Oke gut.”.

Als wir uns zum Schlafen hinlegen, fällt es in mich hinein und ich bin kurz davor loszuheulen, weil mich das Bild eines Hundewelpen überschwemmt, der neben mir im Bett verwest.
“Ist sie tot?” – “Nein. Ich höre ihren Atem.” – “Oke gut.”

Am Mittwochmorgen ist NakNak* fitter. Während wir unser Aufwachwasser trinken, stupst sie uns mit ihrem Spieltau im Maul an. Ein Zeitlupenschnelldurchlaufmoment. Eine Stunde später fällt sie uns fast sie Treppen runter und hängt wie ein nasser Sack auf unserem Schoß.
Die Schule tobt um uns herum. Alles ist viel viel scheiße verdammt nochmal so viel zu viel für eine erste Schulwoche. Auf unserem Schoß und unter unserem Pult ist Zeitlupe. Wir lassen NakNak* in Ruhe. Fordern nichts. Lassen sie da_sein. Denken, zu Hause allein hätte sie unnötig viel mehr Stress.

Auf dem kürzeren Nachhauseweg dreht sie wieder auf. Rennt, spielt, geikelt mit Stöckchen durchs Gebälk.
Am Abend sitzt sie als Küchenbodenpatrouille neben uns, während wir das Abendessen bereiten. Ich fange an, mich bewusst in den Gedanken reinzusteigern, dass sie wahrscheinlich nur irgendeinen Quirk hat, der von allein wieder weggeht und, dass der Ultraschall und die Biopsie am Freitag nichts Besonderes zeigen werden.

“Und wenn es schlimm ist?” – “Dann lösen wir unser Versprechen sein.” – “Oke gut.”

Der Donnerstag ist ein Schlauch voller Hektik und Vielviel, das uns nicht erreicht, weil wir durch einen Tunnel mit Schneckentempolimit durchsuppen.
“Hat sie Schmerzen?” – “Ich bin mir nicht sicher” – “Ich auch nich.” – “Wenn wir uns sicher sind, fahren wir zur Tierarztpraxis, okay?” – “Oke.”

Es funktioniert.
Und es ist surreal merkwürdig.
Das alles.