vom Funktionieren – Teil 2, „Grenzen“, Punkt 2

„Viele komplex traumatisierte Menschen mit DIS operieren nur mit dem existenziellen Extrem. „Ich habe X gemacht und das hat funktioniert (Ich lebe noch)“ oder „Ich habe X gemacht und das hat nicht funktioniert (Ich bin irgendwie/seelisch/innerlich gestorben, als ich X gemacht habe)“. Fokus und Maßstab ist (manchmal auch erst am Ende einer traumalogischen Überzeugungskette) fast immer das subjektive Erleben von Todesangst oder Lebensbedrohung.“
An dieser Stelle zweigt mein zweiter Punkt ab. Grenzwahrnehmung als Auslöser für Dissoziation und ihre funktionelle Relevanz für die Person als Ganzes.

Die dissoziative Identitätsstruktur (mit kPTBS) ist eine richtig fiese Bitch, wenn die Sache mit dem Überleben (dem tatsächlichen existenziellen Extrem) vorbei ist. Denn wenn sie nicht mehr wirklich gebraucht wird, dann ist es ihre Struktur und Funktionalität, die sich selbst aufrechterhält und erklärt. Und zwar sehr oft über das Erleben von Grenzen.

In einem Vortrag zum Leben mit DIS habe ich ein Mal auf den Film „Alles steht Kopf“ zurückgegriffen. Dort gibt es zu Beginn nur genau einen Knopf zur Reaktion auf äußere Reize (Grenzen etwa), den der Charakter „Freude“ bedienen kann. Ich beschrieb mein Erleben so, als hätten meine Gefühlscharaktere jeweils einzelne Büros und nicht einen gemeinsamen Raum, in dem alle Reaktionsträger (also die Gefühle) das Gleiche sehen und über die gleiche Knopf- und Schalterarmatur re.agieren. Und dass nicht alle immer Strom haben, geschweige denn sicher immer Bild- und Tonübertragung. Ich beschrieb mein Erleben so, als hätte sich in meinem Aufwachsen allein „Angst“ zu einer konstant kompetenten Figur entwickeln können. Aber nicht so wie in dem Film, ständig zitternd und nervös, sondern eher wie ein schneller, starker Geheimagent, der, ohne dass es jemand weiß, auch der Drahtzieher jeder Operation ist. Also einerseits alles bestimmt und andererseits alles ausführt.
Also auch den anderen „Gefühlen“ in mir „den Strom abstellt“, sodass sie überhaupt keine Reaktionsoption haben – und im Nachgang sich selbst darstellt, als hätte es ohne sein Eingreifen tödlich enden können. Das Pult mit dem „Angst“ re.gierte beschrieb ich in dem Vortrag als sehr professionell, das Pult der anderen „Gefühle“ als jeweils mit einem, vielleicht auch zwei Knöpfen ausgestattet.
Um das gesamte Erleben und Sein eines Menschen mit DIS zu beschreiben, ist diese Metapher natürlich viel zu unterkomplex. Ich habe sie auch nicht gewählt, um das zu beschreiben, sondern, um das Missverhältnis der Reaktionskompetenz abhängig vom emotionalen Status zu illustrieren.

Ich zum Beispiel konnte nicht eine einzige Emotion ohne Beimischung von Angst bzw. später dann aktives Beruhigen von Angst empfinden. Und zwar nicht, weil ich im Kern ein ängstlicher Mensch war oder mich bewusst alles Mögliche an traumatische Erfahrungen erinnerte und mir Angst machte, sondern weil ich ohne Angst nicht inter.agiere. Ich bin bis heute nicht immer und schnell über meine Gefühle klar, wenn keine Angst oder Körperempfindungen, die zu Angst gehören, dabei sind.
In der Auseinandersetzung mit meinem chronisch dissoziativen „In-der-Welt-sein“ habe ich dann geschlossen, dass Angst meine funktionelle Basis für die Interaktion mit dem Außen zu sein scheint. Denn selbst jetzt, nach der Integrationsleistung von zwei nach außen interagierenden Alltagssystemen zu einem (den Rosenblättern) – bis hin zu mir, Hannah, bin ich/funktioniere ich nicht als ein Ich, wenn Angst nicht gleichzeitig auch aktiviert ist.
Ist alles fun and games oder überwiegend eine andere Emotion präsent, erlebe ich mehr oder weniger starke Dissoziation. – Und manchmal holt mich genau das wieder „mehr zurück“ bzw. „entdissoziiert“ – bzw. noch ganz viel richtiger – reaktiviert meinen Hannah/Alltags/andere Menschen-Funktionsmodus. Denn so manches dissoziative Erleben ist einfach ängstigend.

Zurück zum Grenzerleben. Betrachten wir die DIS weniger als umfassende Schutzreaktion (vor der Erinnerung an traumatische Erfahrungen) und mehr als das Ergebnis desintegrierter Funktionsmodi (aufgrund der Art und Weise, wie eine Person aufgewachsen ist bzw. sich entwickeln konnte), fällt es leicht, davon auszugehen, dass es auch unterschiedliches Grenzerleben und entsprechend unterschiedliche Grenzkompetenzen gibt. Um das Bild vom Beginn nochmal zu bemühen, könnte man sich vorstellen, dass jedes Innen oder auch jedes (Unter/Sub)System von jemandem mit DIS ein anderes „Gefühlebüro“ im Kopf hat, bei dem jeweils andere Emotionen im Missverhältnis zueinander stehen. Systeme innerer Jugendlicher und Kinder zum Beispiel basieren bei mir zum Beispiel viel eher auf Neugier, Freude, Bindungsbedürfnis (Liebe), Wut, Ekel und Überraschung (Schock). Ihre Grundlage ist komplett anders und entsprechend auch ihre Funktionalität.

Ich als Kommunikator_in/Alltagsperson/hauptsächlich „frontender“ Anteil bin nach wie vor auf die Hilfe Außenstehender und viel aktiven Prozess angewiesen, um berührte oder verletzte Grenzen zu erkennen, in ihrer Bedeutung zu begreifen und realistisch einzuordnen, gerade weil ich primär angstbasiert funktioniere. Angst bremst den Frontallappen aus – den braucht man aber, um sich (und andere) zu reflektieren. Ich nehme manche Dinge bedrohlicher wahr, als sie sind, weil ich ohne Katastrophisierung über jeden Kontakt gar nicht erst sicher interagieren kann. Im Konfliktfall kostet es mich enorme Kraft, nicht in vermeidendes Verhalten zu rutschen oder auf meine Rechte oder Ansprüche zu verzichten, nur weil ich kompetenter darin bin, die Folgen dessen zu kompensieren. Und sehr oft überstrahlt genau dieser Kraftaufwand, den ich erst seit der Therapie betreibe, noch zusätzlich, dass ich den Konflikt überhaupt als Grenzthema begreife.

All dieses Wissen und Verständnis über mich bedeutet übrigens nicht automatisch auch, dass ich die Kompetenz habe, meine Grenzen zu kommunizieren, einzufordern, dass andere Menschen sie wahren und bedenken, oder sie zu vertreten. Dieses Wissen bedeutet nur, dass ich mich inzwischen häufiger mit weniger Angst selbst erleben und reflektieren konnte. Wissen allein befähigt nicht zum Handeln.
Aktuell erlebe ich es so, dass ich von meinem direkten Umfeld befähigt werden muss, um meine Grenzkompetenzen zu trainieren und zu modulieren. Wenn ich es mit Menschen zu tun habe, die primär mit ihrem Bild von mir bzw. ihrer Idee von mir interagieren, bin ich nicht in einem befähigenden Umfeld. Genauso wenig, wenn ich es mit Menschen zu tun habe, die von meiner angstbasierten Funktionalität profitieren. Etwa weil sie bei gemeinsamen Aufgaben wissen, dass ich zur Not halt alles allein mache (bevor wir beide sterben) und sich entspannt zurücklehnen.

Entsprechend ist meine Idee von meinem Funktionieren. Ich halte es nicht für eine Dysfunktion, wenn ich es nicht schaffe, den richtigen Menschen im allgemein angemessenen Zeitraum, passend zu vermitteln, wenn ich etwas nicht möchte, mit etwas nicht einverstanden bin oder den Umgang mit mir respektlos oder grenzverletzend empfinde. Im Hinblick auf meine traumabedingt entwickelten Fähig- und Fertigkeiten zum Überleben ist genau das mein Funktionieren.
Und hier lohnt es sich meiner Ansicht nach, sich selbst nicht nur als „System“ einzuordnen, sondern als der Organismus, der man ist als Mensch. Auch als sogenanntes „gemachtes/programmiertes“ DIS‑System. In dem Zusammenhang ist es meiner Meinung nach sogar besonders wichtig, die Depersonalisierung, der Gewalterfahrung nicht als Natur des eigenen Selbst anzunehmen. So nach dem Motto: „Sie haben mich wie einen Apparat benutzt, also bin ich jetzt einer (und werde wohl nie etwas anderes, ohne mich selbst zu verlieren).“

Die Anpassung an bestimmte Lebensumfelder ist nie die passive, ich-lose Reaktion, zu der manche Viele und auch so manche Literatur zum Thema ebenjene Funktionalität v.erklärt.
Passiv zu sein, kann aber durchaus Folge aktiver Prozesse (Funktionen) sein. Etwa im Kontakt mit der eigenen Familie oder Menschen, denen man eine gewisse Autorität (Macht) zuschreibt, nie zu widersprechen. Da denken viele Viele von sich, dass sie sich immer einfach ergeben und alles mit sich machen lassen. Praktisch selbst komplett verschwinden. Es mag traumatische oder extrem stressende Momente geben, in denen es zu einer kompletten Selbstaufgabe kommt. So etwas sieht dann aber von außen nicht aus wie ein Familienausflug, bei dem sich eine Person einfach komplett übernimmt, weil sie es in dem Kontext nicht schafft, eine Pause einzufordern. Sie mag von sich denken, sie sei kaputt, weil sie es nicht hinbekommt – was sie aber aus Sicht anderer Innerer schafft, ist, keinen Konflikt auszulösen (was aus Gründen evtl. sogar ganz gut ist). Sie hat den Eindruck, sich immer im Stich zu lassen – andere Innere fühlen sich aber vielleicht genau davon beschützt.

Die Funktionalitäten, mit denen die meisten Menschen mit DIS nach der Gewalt bzw. in weniger stressenden Zusammenhängen, zu kämpfen haben, sind oft genau die, die sie während ihres Lebens in ständig drohender Lebensgefahr gar nicht bewusst miterlebt haben. Die ihr Selbstbild in Frage stellen. Die manchmal mehr, manchmal weniger zur tatsächlichen Realität passen. Ich zum Beispiel habe mir meinen Hirntumor (ein unfassbar ängstigendes Ding btw) gewünscht, weil ich mich in der Zeit der Diagnosestellung oft total enthemmt, absolut frei und offen in aus meiner Perspektive todesgefährlichen Kontakten mit anderen Menschen erlebt habe. Ich hab einfach eine geraucht mit denen! Hab Musik gemacht – vor anderen Leuten! – Die mich angeguckt haben!!!
Heute sind das für mich die klassischen DIS‑Stories. Da habe ich andere Innere (andere Funktionssysteme) miterlebt, weil das allgemeine Erregungsniveau nicht mehr für eine spontane Dissoziation gereicht hat. Unser aller Funktionsgrundlage – Stress – hatte sich verändert. Aber unsere Funktionen nicht. Ich wusste nicht, empfand es nicht als zu mir gehörend, nicht mal als im möglichen Rahmen meiner Fähig- und Fertigkeiten, auch so im Leben sein zu können.
Für mich war jeder Moment, in dem ich andere Innere (andere Funktionsmodi von mir selbst) wahrgenommen habe, ein Extrem. Ein Grenzerleben, an dem ich „zerbreche“ oder manchmal auch innerlich „sterbe“ (dissoziiere). Ich habe auf diese Selbstwahrnehmung genauso reagiert, wie auf die Wahrnehmung von Grenzen von außen: angstbasiert, überlebensorientiert, vermeidend. – Die Inneren, die ich damals wahrgenommen habe, hingegen, konnten zunehmend weniger mit anderen Menschen umgehen. Seit der Zeit der Diagnosestellung ist vor anderen Menschen zu singen, ein Instrument zu spielen oder zu tanzen, kaum noch drin. Weder diese Inneren noch ich erreichen heute, unter den Bedingungen, in denen wir jetzt leben, mit dem Stressniveau, der Lebensbedrohung und so weiter, das Funktionsniveau, das wir jeweils früher hatten.

Manche Menschen würden das als Dysfunktionalität einordnen. Etwas, das früher ging, geht heute nicht mehr – Maschine kaputt. Ich ordne es heute eher als Baustelle ein. Anpassung an neue Funktionsgrenzen in progress. Ich muss umlernen, welche Ängste wann wie berechtigt und für den Rahmen funktionell sind – die anderen Inneren müssen umlernen, dass ihr Handeln mehr Bedeutungsumfang hat, als den, Dinge zu machen, weil sie sie können und schon immer gemacht haben. Wir beidalle nutzen hier die Anpassungsfunktion unseres menschlichen Organismus. Die ohne Grenzempfinden gar nie ausgeführt werden kann, jedoch bei mir anders erlebt wird, als bei diesen Inneren. Was wir also voneinander an Grenzkompetenz erwarten können, ist total unterschiedlich. Ich kann mich sehr darauf verlassen, dass diese Inneren wissen, wie man singt und tanzt. Aber auf gar keinen Fall, dass sie genauso sicher wissen, wer ihnen warum mit welchem Motiv dabei zusieht oder von ihnen verlangt, zu singen und zu tanzen.
Sie wiederum können sich bei mir total darauf verlassen, dass ich soziale Situationen vermeide, die uns in Lebensgefahr bringen könnten – jedoch nicht, dass ich über angstvolles Vermeiden, Analysieren und Katastrophisieren hinaus großartig irgendwie handlungsfähig bin.

Es ist wichtig, von diesem unterschiedlichen Funktionieren aufgrund unterschiedlichen Grenzerlebens zu wissen. Nicht nur für uns als Viele in einem Menschen_er.Leben, sondern auch für unsere Helfer_innen und Behandler_innen. Wer uns nicht kennenlernt, wie wir uns kennenlernen, wird uns überfordern. Wer annimmt, jedes Gespräch, jede gemeinsame Erfahrung würde von allen Inneren gleich erfasst, eingeordnet und (für) wahr_genommen, ähnlich erlebt und in Bezug zu sich begriffen werden, oder träfe auf die gleichen Kompetenzen, hat Vielesein, das Kernproblem der dissoziativen Identitätsstruktur, nicht verstanden und wird Fehler machen. Vielleicht auch richtig schlimme, richtig schwere Fehler.
Wenn Viele über sich sagen, dass sie alle innen unterschiedlich sind, dann ist praktisch nie gemeint, dass der eine Bonbons  mag und der andere sie hasst. Und auch nicht immer, dass die einen Gewalt erlebt haben und die anderen nicht. Meistens referenzieren wir auf grundlegend andere Fähig- und Fertigkeiten (Kompetenzen) zur Interaktion und Kommunikation, Weltbilder, Erklärungsmodelle vom Funktionieren der Welt und ihrer Bewohner sowie Konzepte von sich selbst. Wir sprechen von umfassend voneinander abweichenden Funktionsmodi, die bei manchen teilweise, bei anderen wiederum (noch) gar nicht aufeinander abgestimmt sind. Davon, dass wir gleichzeitig funktional und dysfunktional sind – weil unser Organismus unter verschiedenen Bedingungen unterschiedlich funktioniert und unterschiedlich viel oder wenig kongruente Bewusstseinsbildung dazu ermöglicht. Davon, dass wir uns plötzlich selbst erfahren und uns das absolut an unsere Grenzen bringt. Und oft auch einfach weit darüber hinaus.

vom Funktionieren – Teil 1, „Systeme“

Kaum ein Thema wird so häufig in der DIS-(Selbst)Hilfe besprochen wie das des Funktionierens. Ob es darum geht, dass man unter der eigenen Funktionalität leidet; dass man sich dazu wie gezwungen oder automatisiert fühlt zu funktionieren, oder dass man spürt, dass man zunehmend weniger gut funktionieren kann oder auch will – es kommt immer wieder auf.
Ich habe an dem Thema etwa drei Themen und einige Punkte.
Und gleich zu Beginn eine kritische Bemerkung zum Wording.

Auch wenn ich anerkenne, dass man sich im Themenkreis offenbar endgültig darauf geeinigt hat, sich nicht primär als Mensch zu bezeichnen – z. B. als Mensch mit DIS oder als „Viele-Mensch“ –, sondern als „System“, möchte ich hier ausschreiben, warum das ein Problem ist. Vor allem, wenn es um die Auseinandersetzung mit dem Thema der Funktionalität geht.

Soweit ich das überblicken kann, gab es schon immer Menschen mit DIS, die ihre innere Verfasstheit, ihr „Vielesein“, mit Modellen von Systemen beschrieben haben. Manche nannten sich „Bande“, manche „Schwarm“, wieder andere „Truppe“ oder auch „Hausgemeinschaft“. Von einer Person, die sich als „Bienenschwarm“ beschrieb, habe ich einmal gelesen, das Bild würde ihre Rolle als „Host“ (Bienenkönigin) am besten beschreiben und ihr helfen, ihre inneren Kämpfe und Schutzmaßnahmen zu verstehen. Sie hat ganz konkret mit ihrem Wissen über Bienen und deren Organisation gearbeitet, um sich selbst in ihren Fähigkeiten und Grenzen der Funktionalität zu repräsentieren. Die Natur von Bienenvölkern und die Beschaffenheit ihrer Lebensumstände haben in dieser Schilderung eine relevante Rolle gespielt. Das Außen – Wetter, Bedrohungen von Tieren oder Menschen, der Standort der Beute – spielte eine wesentliche Rolle dabei. Es war durchgehend klar, dass die Funktionalität des Schwarms immer im Zusammenspiel mit der Um- und Mitwelt passierte.

Fast forward. 2006 wird „das verfolgte Selbst“ veröffentlicht und mit ihm ein theoretisches, hochabstraktes Modell über die Funktionsweise und -wirkung von (komplex)traumabedingter Dissoziation beschrieben.
Bis 2015 ungefähr war es in den meisten Austauschforen und -chats noch üblich, sich gegen die Einteilung in ANP oder EP auszusprechen, weil es komplexe innere Vorgänge zu stark vereinfacht und bestimmte Aspekte des Er_Lebens mit (und aufgrund einer) DIS verunsichtbart. Bis es irgendwann doch viele einfach angenommen haben. Gerade jüngere Betroffene hatten und haben ihre gesamte Psychoedukation über ihre Erkrankung ausschließlich entlang von diesem Modell. Das war früher stärker noch als heute, als hat man sich entscheiden müssen: Hier der kitschige Individualtüdelüt mit Bienenschwärmchen und Multis im „Zauberwald“ (so hieß mein Forum, I kid you not) und da die klare, wissenschaftliche (wahre, richtige)  Logik der Theorie der strukturellen Dissoziation.
Und klar – was ist denn bitte nicht verführerisch an einer Selbstbezeichnung, die scheinbar wenig emotionalisierbar ist, wenn es Menschen gibt, die Zweifel an der Diagnose über die Emotionalisierbarkeit ihrer Betroffenen (und deren Behandler_innen) schüren?
Wie groß die Anziehungskraft einer Selbstbezeichnung, die mehr Referenz als tatsächliche Identifikation ist, wenn diese nicht erlaubt erscheint? Eine bessere Rampe in die Vermeidung der Erkenntnis, Teil der Welt, der Menschheit und Gesellschaft zu sein – mit allen Konsequenzen, schmerzlich wie wunderbar – gibt es eigentlich nicht.

Welche Rolle Vermeidung und Vermeidungsverhalten bei der Selbstbezeichnung als „System“ spielen, finde ich unübersehbar und gleichzeitig viel zu wenig benannt. Man vermeidet eine Angriffsfläche für False-Memory-Erzählungen. Man vermeidet den ableistischen Vorwurf, aus der eigenen Krankheit eine Identität zu machen. Man vermeidet die Realisation der Traumatisierung der ureigenen Seele und des Leibs als untrennbar von der direkten und indirekten Mitwelt. Man vermeidet die Markierung des eigenen Seins als menschlich. – Als wäre etwas davon gefährlich oder als würde die Vermeidung in irgendeiner Form konstruktiv zur Lösung beitragen. Und nicht etwa Gewalt legitimieren und in ihrer Wirkung normalisieren, was wiederum an ganz anderer Stelle sichtbar wird.
Nämlich dort, wo diese Selbstbezeichnung die Entmenschlichung psychisch erkrankter Menschen erleichtert. Sind ja keine Menschen mehr, die da durch die Kliniken und Praxen tingeln – sind ja „komplexe Systeme“, unlösbare, undurchschaubare Rätsel – wer soll denn dafür Kopf und Zeit haben – in this economy. Was soll da denn menschliche Hilfe bewirken können? Kann ja alles nur ungenügend sein – geht ja gar nicht anders. Mensch und System – wo soll denn die Schnittstelle sein? Wo soll Therapie da ansetzen, wenn nicht bei einer tiefgreifenden Entkernung und Umwandlung vom System hin zum Menschen? Also einer kompletten Umkrempelung, Kernveränderung, Ent-Selbst-ung, wenn man so will. Einer absolut gewaltvollen Anpassungserzwingung. Einer Assimilation.

I know its not that deep für die meisten, die sich „System“ nennen. Aber was, wenn es eben doch so deep ist? Wenn es ausgerechnet die Selbstbezeichnung (aufgrund einer allzu theoretischen, überabstrakten Psychoedukation) ist, die es verhindert, sich selbst tatsächlich und konkret zu begreifen und infolge dessen auch nicht zu merken, wenn sich Gewalt abspielt (und legitimiert oder naturalisiert wird)? Zum Beispiel beim Sprechen (und Schweigen) über die Funktionalität von Menschen mit DIS.

Fundstücke #98

„Wieder so ein Selbstgespräch“, denke ich. In mir schließen sich die Schotten, während ich den Kontakt in Echtzeit analysiere. Ich lese keine Aufmerksamkeit für mich. Kein Warten auf eine Reaktion von mir. Die Person erwartet nicht einmal, dass ich mich beteilige. „Aber sie fühlt sich im Kontakt, oder? Das ist kein förmlicher Kontakt. Hier wird überhaupt auf gar keine Form geachtet. Keine Grenzen des Anstands, den Fremde füreinander haben. Keine Grenzen des Respekts, den Freund*innen füreinander aufbringen. Wow – warte – ist das – was ist das hier?“ und wie in einer Art innerer Zeitlupe merke ich, wie das Wasser steigt. Die Flut kommt. Meine Verwirrung, fremde Ängste und Hilflosigkeitsgefühle. Erinnerungsflocken und unwillkürliche Reaktionen darauf.
Wer auch immer sich gerade hinter den Schotten verbirgt, war total schlau.

Ich hingegen ziehe mein Training durch. Pragmatische Orientierung, Klärung der Fakten. Missachtete Grenzen erwähnen, aber weder deren Verletzung noch deren Relevanz für mich betonen, um die Kontaktfläche so schmal und flach zu halten wie möglich.
Die Flut, in der ich mich ertrinkend fühle, ist für mein Gegenüber so sehr nicht real, wie sie für mich noch nicht differenzierbar ist. Ich bin von allen Seiten bedrückt, mein Gegenüber fühlt sich entlastet. Geklärt, geordnet, frei von allem, was mich in den nächsten Tagen, vielleicht auch Wochen, noch bewegt. Ich spüre schon jetzt jemand Inneres einen Mopp schwingen und darauf bestehen, nie wieder mit irgendwem Kontakt aufzunehmen. „Immer diese Scheiße hier! Nur wegen … DARGH!“ die Grenze der Aussprechbarkeit ist erreicht.

Ich akzeptiere. Kanns mir leisten. Ich kann den Kontakt loslassen. War dafür vielleicht von Anfang an nie wirklich relevant. Für manche Menschen ist man einfach besser Projektionsfläche als irgendetwas anderes. Ich kenne das schon. Heute schmerzt das anders. Früher dachte ich noch, dass es nur mit mir zu tun hätte. Heute tut mir weh, dass es keinen Schutz dafür gibt. Dass es leider zum Leben mit Menschen dazu gehört.

Trotzdem muss ich wissen, was das war. Brauche Vibes, Einschätzung von außen, Abgleich, Meinung von anderen und hole sie mir auch ein. Bin erleichtert, als mir niemand absolute Übersichtlichkeit, Klarheit, Eindeutigkeit der Situation bescheinigt. Beruhigt, als sich kein grober oder offensichtlicher Fehler von mir abzeichnet, sondern ein Komplex, in dem ich von Anfang an wenig Optionen hatte.
Das hilft. Beruhigt die Wogen der Flut, lenkt ihre Energien um, stützt mich.

Die innere Debatte verändert sich von „nie wieder mit irgendwem irgendwas zu tun haben“ zu „Okay, heute erstmal nicht und morgen können wir in Ruhe abwägen“ zu „Ja, aber mein Mann ist ja nicht ‚irgendwer‘“ -„Und meine Freund*innen übrigens auch nicht …“ bis wir irgendwann einig sind, erst einmal nur genau dieser einen Person keinen Zugang mehr zu uns zu geben. Weil wir das können. Grenzen nicht nur haben und übertreten lassen, sondern auch überlegt und bewusst wieder herstellen. Und Entscheidungen darüber treffen, ob wir sie mitteilen oder nicht.

Am Ende fühle ich mich, als hätte ich eine Gartenarbeit geschafft. Weirdly proud und froh, dass es geschafft ist.

Fundstücke #95

Als würde sie an einer verkrusteten Wundoberfläche kratzen. So fühlt sich das an. Unzufrieden mit dem knusprigen Deckel, allein interessiert an meiner wunden Stelle. Meinen Fragen an sie. Einem Moment von Überlegenheit, weil sie darüber viel mehr weiß als ich. Sie weiß, dass ich eigentlich immer noch gar nichts weiß. Und dass das etwas ist, was ihr Macht über mich gibt. Sie kann mich Schmerzen fühlen lassen, die sie nicht berühren und sie kann mich damit allein lassen.

So aufgeschrieben klingt es, als würde es nur um Macht gehen. Kontrolle. Und einfach nur so draufgeschaut, erinnere ich mich selbst darin an meine Therapeutin, die in der ganzen Zeit unserer Arbeit 4 Mal zum Ausdruck gebracht hat, dass es für sie weder irrelevant noch emotional neutral ist, dass sie manches in meinem Inneren bis heute nicht so richtig überblicken kann. Zumindest was genau diese Dynamiken betrifft. Immer wieder stehen „Schweigegebote?“, „Redeverbote?“, „schlechte Geheimnisse?“, „Scham?“, „Angst vor Konfrontation?“ im Raum und selten kann ich dazu irgendetwas sagen. Wenn ich ihr etwas nicht sagen will, dann meistens, weil ich unser bereits anstrengendes Sprechen nicht überanstrengend für mich werden lassen will. Ich will nicht mehr vor ihren Augen und doch unsichtbar dissoziieren. Für die anderen Innens will ich, kann ich, diesbezüglich nicht sprechen.

Sie, die andere Innere, kommt mir in ihrem Tun eher verspielt vor. Frech. Provozierend vielleicht. „Mal gucken, was passiert, mir kann ja nichts passieren“-sicher. „Was macht ihr, wenn ich das mache?“-neugierig. „Und das? Was, wenn ich das mache?“-beobachtend. Und immer unerwartet, bis heute nicht wirklich von mir selbst vorhersehbar, „Paff!“- unerreichbar weit für mich im Innen verschwindend. Und gleichzeitig ist sie ausströmend. Eine unkontrollierbare Emotionsblutung, die Schweres leicht, Unmögliches möglich, Gefährliches harmlos erscheinen lässt.
Ich weiß ganz genau, wenn sie da war. Sich selbst in ein Thema, einen Gedanken, eine Auseinandersetzung reingemischt hat. Es gibt hinterher immer Probleme. Nerviges Hin und Her im Innen, manchmal auch im Außen. Uneinsheit. Unstimmigkeit. Ungereimtheit. Einen Dammbruch am Rande der Komfortzone. Ein Stück harte Kruste, das die Wunde nicht mehr ganz bedeckt.

Ich glaube, dass sie zuletzt vor etwa 20 Jahren an unserer Therapiearbeit und anderen Lebensbestandteilen aktiv beteiligt war. Aktiv as in „da und beeinflussend“, aber auch as in „ununterdrückt, unabgewürgt von Rosenblätterbuschwurzeln“. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mich tatsächlich gezielt gegen dieses Einblutenlassen „aus dieser inneren Ecke“ entschieden habe und keine einzige Therapiestunde, keinen Betreuungstermin, generell überhaupt gar keine Kontakte mit anderen Menschen mehr so gestaltet habe, dass es passieren könnte. An uns kam einfach niemand mehr vorbei.
Alle haben die gleichen Rosenblätter kennengelernt. Keine Kinderinnens, keine jugendlichen Inneren. Alle haben die gleiche biographische Erzählung bekommen, wie wir sie in Kliniken und Heimen eingeübt haben. Die gleichen Erklärungen übers Vielesein bekommen und viel Nebel darüber, was davon auf mich zutrifft und was nicht. Und das konsequent. Auch das ist Vielesein.

Man kann sich als Viele gegeneinander entscheiden. Bestimmen, was wie vermieden wird. Was wie beschützt wird. Es ist eins der unbesprochenen Spezialgeheimnisse, wie wir einander herstellen, wenn es nicht Gewalt ist, die uns zu Keimen zersprengt und verstreut, um irgendwann als irgendwer neu zu wachsen. Man braucht nur vermeiden, sich dieser Entscheidung bewusst zu werden, zu sein, zu bleiben. Nur sehr intensiv, ohne jede Kommunikation mit sich oder der Welt, entscheiden, dass es nun so ist. Wo keine Kommunikation ist, kann keine Brücke sein. Kein Weg, kein Pfad, kein Bild, kein Zeichen, keine Sicht, keine Idee. Ohne Kommunikation keine Verbindung. Assoziation. Ohne Verbindung kein gemeinsamer Prozess.
Das ist die Rolle von Schweigen im ganzen Dissoziationsthema.

Ich will nicht darüber reden, weil sich innere Pfade ergeben, auf denen Innere zu mir gelangen können. Ich will nicht darüber reden, weil es meine Entscheidungen aufhebt. Ich will nicht darüber reden, weil ich meine geistigen Kapazitäten auf mich und mein Gegenüber aufteilen muss. Und immer wieder Grenzen dabei spüre. Zeitliche, räumliche, kapazitäre. Emotionale. Traumabedingte. Meine.
Das besprochene Trauma oder auch das Besprechen des Traumas ist nicht so schlimm. Meine Auflösung ist es. Meine Verwandlung vom verwundeten Selbst zum abreißbaren Wundverschluss ist es. Bisschen witzig, weil es ein Egoding übers Egosein ist, aber auch bisschen tragisch, weil es sich auch nach Verbindung anfühlt, die nicht kommunizierbar ist. Jedenfalls nicht besser als so, wie es jetzt hier steht.

Nie nur Conni

„Conni steht mit ihrer Therapeutin in der Demo“, schießt es mir in den Kopf.
Und ich gehe.
Wende dem Jahnplatz, wo ich schon so oft gegen Rechts, gegen Rassismus, gegen Gewalt an Frauen, für Frieden, Freiheit, Klimaschutz und gutes Miteinander gestanden habe, den Rücken zu und lasse mich von Sookies Asche anziehen. Für mich ist erstmal Schluss mit Zeichen setzen. Ich bin müde. Unendlich traurig und bitter. Wünsche mir einen weichen, warmen Körper, der sich an mich lehnt und mir meinen Körper als Weltenteil fühlbar macht. Wünsche mir Sookie und dass das kleine Bisschen Glauben an das Gute und Richtige jedes Moments heil bleibt.
Dann gehts wieder. Gefühlswelle abgeflaut. Licht im Inneren wieder an.

Später feiern wir unsere schöne Freundin S. mit all ihren Freund_innen.
Reden lang und tief über die Kinder- und Jugendhilfe, Reden und Schweigen in Therapien, über unerfüllten Kinderwunsch und dessen Behandlung, über tote Embryonen und lebende Kinder vernachlässigender, kranker, hilfebedürftiger Eltern. „Conni hat keinen Lebensbereich, in dem nie mal keine Hilfe nötig war“, zischt es leise und scharf in mir, als ich tief in der Nacht zum Himmel raufschaue. Mein Puls drückt unangenehm schnell von meinem Bauch in den Hals. Das Atmen ist schwierig. Über die Übung, aus der Angst zu gehen, schlafe ich ein.

S. fragt mich morgens zwischen Abendentfernung und Frühstücksvorbereitung, wie es mir denn geht. „Ich habe alles. Nicht wie geplant oder gewollt, aber alles, was geht, ist da. Es ist gut. Es ist wirklich gut.“, antworte ich ohne zu zögern. „Das ist schön“, antwortet sie. „Conni wird für immer als Bedarfsfall erinnert“, streift mich kurz und fies. Wir lächeln einander an, räumen weiter und werden in andere Themen verwickelt.

Die Heimfahrt ist warm. Es wird geerntet. Noch zwei Wochen, dann fährt der Partytrecker wieder bei uns lang, weil der Ernteerfolg mit Alkohol konserviert werden muss. Man weiß ja nie, wie der Winter wird.
Zu Hause ist meine Menschenbatterie leer.
Mein Kopf prozessiert weiter, was die Bundesregierung da gemacht hat. Die „Reformen“. Und die Hitze. Die Arbeit. Die Themen. Das inzwischen tatsächlich körperlich schmerzende Vermissen von Sookie.

Dann entdecke ich eine Made im Flur. Gehe schlafen. Finde am nächsten Morgen noch mehr.
„Conni kriegt ihre Essstörung nie weg“ spüre ich jemanden aus meinem Hinterkopf gegen meinen Magen boxen. Verbringe den Morgen mit Ekel, Flashbacks und Skills, um eine Krankmeldung zu schaffen und die Wohnung auf links zu drehen.
Am Ende finde ich das verlassene Fressnest eines Kinderinnens. Räume, wische, desinfiziere, mache eine Notiz für die nächste Therapiestunde. Fahre mit Herzrasen und Druck auf der Brust in die Praxis meiner Hausärztin. Hole die AU ab, verabschiede mich ohne Redetermin. Am Donnerstag zu reden, ist mir früh genug.
„Conni braucht professionelle Hilfe zum Leben“, ätzt es mich an und sticht in meinem Magen herum.
„Nicht nur Conni“, antworte ich, „Nie nur Conni.“

definitiv ganz anders „irgendwie“

Am Abend fahre ich auf eine schwarze Wand zu. Die durstigen Bäume knarzen im Wind, der auch das Auto auf der gesamten Seite beaufschlagt. Das Gewitter kracht in der Ferne. Seine Blitze stempeln sich auf die knubbelige Wolkendecke. Ich versuche, an den wedelnden Scheibenwischern vorbeizuschauen, während ich fahre.
„Transformation“, denke ich, und löse die Umklammerung meiner Finger ums Lenkrad. „Es ist gut. Es ist richtig.“ Und dann merke ich, wie es beides hat. Erleichterung und Hingabe, aber auch Übergabe und diese spezielle Entschlossenheit, die Mut und Handlungsbereitschaft manchmal mit sich bringen.

Seit der unerwarteten Kündigung habe ich nach Arbeit gesucht. Wochenlang ging es zwischen meinem Mann und mir kaum um etwas anderes als Geld, meine Fähig- und Fertigkeiten, wer was einbringen kann, dass wir dies und das und jenes machen, nicht vergessen, hinkriegen müssen. Während ich an manchen Tagen definitiv noch arbeitsunfähig war. Traumakrank. Teils schwer leidend unter Symptomen, von denen ich gehofft hatte, sie würden nie wieder so viel Raum einnehmen. Nie wieder so stören.
Und dann fand ich eine Stelle, die perfekt zu mir passt. Hatte ein Bewerbungsgespräch, das sehr gut verlief. Hatte eine gewisse Quasi-Zusage. Aber der Prozess musste gestoppt werden. Interne Gründe. 5 Wochen Aufschub. Wenns gut ginge.
Meine Krankenversicherung muss ich behalten, aber ich bin ja auch Ehefrau. Ehefrau gehört zum Ehemann, Familienversicherung woanders, dies, das. Das war der nächste Klops im Dauerthemenbrei mit meinem Mann. Und in all dem hat meine Behinderung immer wieder im Weg gestanden und wurde doch irgendwie nicht so recht beachtet. Bis jetzt bin ich mir nicht sicher, ob es überhaupt ein best practice-Szenario für „Ehebürokratie, in der eine Person eine rechtliche Betreuung zur Vertretung vor Behörden hat“ gibt. Alle Welt hält ja den Ehemann für die Vertretung der Ehefrau (vor Behörden). 🤡

Dazwischen passierte der Wildwasser-Fachtag mit dem Einwurf eines Betroffenen, Peer-Beratung müsse bezahlt werden. Den ich wie gewohnt abwehrte, weil ich keinen Hintergrund in Sozialer Arbeit oder Sozial- oder irgendeiner anderen Pädagogik habe. Das gehört ja irgendwie zur allgemeinen Ausstattung der Selbstvertreter_innen, die man bei solchen Veranstaltungen auf Bühnen sieht. Profession zum Hinterverstecken und ernstgenommen werden und eigene Betroffenheit direkt daneben, damit niemand von den Betroffenen sagen kann, da würden ja nur Profis über Betroffene sprechen.
Und dann bahnte sich das nächste Gespräch einer Person, die sich als Viele erlebt, an, und wieder kam eine E-Mail von jemandem mit der Frage, ob wir mal zusammen auf die Hilfe gucken könnten, da passe etwas nicht. Und ich sagte natürlich nicht: „Nein, geh weg, ich möchte bitte sehr gerne hier in meiner zähen Arbeitssuche sein, die mir meine allgemeine Wertlosigkeit aufzeigt“, sondern erarbeitete eine Analyse am Montag, telefonierte am Donnerstag und merkte am Freitag, dass mein Konto fast leer ist und perspektivisch nur von meinem Mann aufgefüllt werden kann.

„Irgendwie wirds schon gehen“, das weiß ich, und alle sagen es mir immer wieder. Während ich weiß, wie es geht, wenn Jobcenter oder Arbeitsamt tragende Rollen im Leben einnehmen, selbst wenn man kein Geld von dort bekommt, und merke, wie sich die alte Hartz fear ihre Bahn durch mein bröseliges Arbeitsselbstbild fräst.

Und dann tickt die Uhr. Und ich denke, dass nichts kaputtgehen wird, wenn ich mal frage. Durch ein „Geht nicht“ würde sich nichts ändern. Also erzähle ich am nächsten Mittwoch von den Kontakten und Gesprächen, der Arbeit, die ich da so mache. Dann und wann. Nicht viel, nicht immer, nie in tragender Rolle, aber auch nie anteilslos. Und frage, ob es dafür vielleicht eine Struktur geben kann. Eine Möglichkeit des Abgleichs mit einer Fachperson und der Rückversicherung für mich, die Erfüllung eines Bedarfs, für den man zufällig vielleicht eh schon immer mal eine Lösung finden wollte.
Und es wird lebendig. Da kommt kein Nein. Aber Ideen. Viele.
Und am Freitag, morgens, direkt nachdem ich aufgewacht bin, kommt ein Ja.
Und dann der Termin, an dem ich meine Kundschaft beim Jobcenter nach 21 Jahren auflöse.

Mit einer wackeligen Unterschrift auf einer Veränderungsmitteilung ist es zu Ende. Wackelig, weil ich kurz hirnverdreht bin und ansetze, mit meinem alten Namen zu unterschreiben. Kurz eingesunken in die Erinnerung an das senfige Gelbgrün unterm Neonröhrenlicht des Bielefelder Muffelflurs, in dem ich den ersten Antrag auf ALG 2 unterschrieben hatte. Ganz genauso verwirrt und unsicher darüber, was genau die Unterschrift jetzt bedeutet. Ob das jetzt alles so richtig ist oder nachher wieder Ärger gibt und sich jemand – meine Betreuerin oder mein Mann – nochmal da melden muss, um zu sagen: „Äh jaha, äh – hier, das ist alles falsch. Das hat Frau Rosenblatt n bisschen falsch verstanden und Quatsch ausgelöst. Bitte wieder richtig machen.“
Die Mitarbeiterin lächelt und gibt mir einige Zettel mit, auf denen alles erklärt ist.
Ich schwanke zu meinem Auto, als wäre es ein Ufo, und versuche, Schritt zu halten mit den viel zu schnell ineinanderklappenden Gedankengebäuden in meinem Kopf. Die Hitze im Auto drückt sich deutlich gegen meine Haut, als ich die Zettel durchlese und mit der Veränderungsmitteilung abgleiche. „Ich bin da echt raus“, denke ich und höre mich ein merkwürdiges Geräusch machen, während R. und A. drauf und dran sind, den Wagen zu starten, um ihre Energie abzuleiten. Ich beschließe, dass es Zeit für eine richtige Reorientierung in meine Erwachsenheit wird, und fahre erstmal tanken. Dann einkaufen.

Zu Hause videotelefoniere ich mit meinem Mann, als ich eine E-Mail zum gestoppten Bewerbungsverfahren entdecke. „Manchmal geht es doch schneller, als man denkt“, beginnt die Nachricht. Und es folgt das zweite Ja, das mir einen Schwung Geigen in den Himmel hängt, als würde das unendliche Platzangebot dort auch richtig genutzt werden wollen.
Inzwischen kann man die Luft schneiden. Ich warte noch auf meine Gefühle. Brüte über den Ereignissen des Tages, als wären sie Eier mit besonders dicker Schale.
Am Abend fahre ich in das Gewitter. Zu Menschen, die mich zu etwas eingeladen haben, das ganz ganz früher, bevor alles kaputtgegangen ist, ein wichtiges Ding für Z. und andere Innere war. Zu jemandem, der mich dabei haben mag, wenn etwas Besonderes bei ihr_m passiert.

Ganz viel später ist die Luft feucht und lau. Steigt als Dampf vom Asphalt und wabert in die Wiesen. Da fahre ich neben dem Sonnenuntergang nach Hause und merke, dass es ohne mich weint, weil es bei jemandem angekommen ist.
Und diesmal definitiv ganz anders „irgendwie gehen“ wird.

Gespräche im Spiegelkabinett

„Sei da ruhig klarer – denk nicht so viel an ‚Was denkt sie jetzt, was denkt sie jetzt, was denkt sie jetzt?‘.“
Mein Mann und ich sitzen auf der Couch. Krisensitzung, nach Achsbruch Autismus, Trauma, Kommunikation.
Ich bin seit Tagen niedergeschlagen, belastet, erinnert, unzufrieden mit mir. Ich muss etwas klären, doch bin hin- und hergeworfen von Wichtigkeiten und Relevanzen, Erinnerungen und Ängsten.
Es geht um etwas, das mir wichtig ist. Deshalb ist der Rahmen, in dem ich darüber nachdenke und fühle, extrem groß. Am dritten Tag wurde es mir zu groß, zu belastend. Ich merkte, wie sich das Zeitfenster für angemessene Lösungskommunikation schloss und ich immer mehr Spannung in mir sammelte. Zeit für eine Sitzung mit meinem Mann.

Mit ihm werden Situationen wie diese pragmatisch lösbare Kommunikationsherausforderungen, wie er sie jeden Tag bei seiner Arbeit und manchmal auch mit mir im Alltag hat. Er ist im Training, ich bin empfangsbereite Satellitenanlage, wenn er mir etwas davon vermittelt.
Durch seine Brille bekommt die Lage eine Art bewusste Untiefe. „Die Situation für dich sieht so aus, für sie andere Person sieht sie wahrscheinlich so aus. Was ihr verhandeln müsst, ist dies; was du bisher nicht klar genug vermittelt hast, ist das. Du könntest es so formulieren; du könntest auch das schreiben. Soll ich dir einen Aufschlag formulieren oder einen von dir anschauen oder willst du ab hier allein weitermachen?“
Mir tut das gut. Aus dem Wurschtelwust in meinem Kopf wird eine strukturierte Reaktionslandschaft auf Hypothesenbasis. Ich weiß ja nicht, ob er recht hat. Aber ich weiß ja auch nicht, ob ich recht habe, und traue mich gar nicht erst, überhaupt eine Hypothese zu entwickeln – weshalb ich in Stress spirale, dissoziiere und Faden und Form, Bezug und Kontaktsicherheit komplett verliere.

Das ist die Bruchstelle der Achsen.
Autismus und Kommunikation sind bereits schwierig. Auch schwierig zu kommunizieren.
Ich gerate dabei oft in die Situation, mich selbst zu erklären, statt die Kommunikationsprobleme. Denn es geht nicht immer nur um Wörter, Aussprache, Mimik und Gestik. Für mich geht es meistens um Bezug und Kontext. Warum sagt jemand dies und das; wozu bekomme ich diese und jene Information; weshalb und wofür macht mir jemand dies und das ganz besonders deutlich klar?
Gespräche mit nicht-autistischen Menschen sind für mich eine meist unklar begrenzte, uneindeutig bezugnehmende und in der Regel erst später in ihrem Ziel (manchmal auch Sinn und Zweck) nachvollziehbare Abfolge von Transitionen. Schon während die andere Person spricht, mache ich mehrere Dinge gleichzeitig: Geräusch von Wort unterscheiden, Worte verstehen und als Sätze in mir abbilden und begreifen – und dann merken, dass darin in der Regel nicht auch „drinsteht“, worum es der Person geht oder worauf sie sich bezieht oder reagiert. Also rufe ich mir in Erinnerung, was ich oder eine evtl. weitere Person im Gespräch gesagt hat, und überlege, ob davon etwas passen könnte. Ist die Person fertig mit Sprechen, bin ich meistens gerade fertig mit der Analyse des Sprachpakets. Was ich darauf antworte, eher nicht.
Manchmal geht das, was ich eigentlich sagen möchte, im wahrsten Sinne „lost in Transition zwischen Rede und Antwort“.

Und da greift die traumabedingte Dissoziation. Die nächste Achse. Die schützende Maske. Das reaktive Vorzeigen von bezogenem Kontaktverhalten. Ich konzentriere mich ausschließlich auf das, was die andere Person gesagt hat, und rate das beste hoffend oder faktisch orientiert abschätzend die Antwort. Ich bin nicht mehr bei mir, ich bin nicht mehr bei meinem Thema und kann selbst in der Rückschau nicht mehr sagen, worüber ich nachgedacht, was ich empfunden oder als Idee verfolgt habe. Es ist ein Nimbus, ein weißes Rauschen. Mein Körper antwortet. Ein anderes Innen. Irgendwas, das passt, dem Gegenüber ein gutes Gefühl macht, mit größter Wahrscheinlichkeit keinen Konflikt auslöst und inhaltlich die Funktion des Gesprächs bedient. Und dann beginnt das Gegenüber zu antworten. Und damit beginnt eine weitere Transitionsphase zum nächsten Sprechakt.

Das erschöpft. Es führt sehr oft dazu, dass ich ich-fremde Gespräche führe, wenn diese weder reiner Informationsaustausch noch oberflächliches Kontakten sind. Und der Hintergrund ist komplex.
Ich habe auditive Verarbeitungsstörungen, muss Bezug immer wieder konkret gesagt bzw. aufgezeigt bekommen, weil ich ihn nicht implizit „lesen/erfassen“ (und im Arbeitsgedächtnis halten) kann, und ich habe bis heute Angst, verletzt zu werden, weil ich nicht schnell genug (performativ „richtig“/wie vom Gegenüber gewünscht oder gewohnt oder erwartet) reagiere.
Gespräche sind bis heute nicht neutral für mich. Es sind neben jeder Bedürfniserfüllung immer auch Triggersituationen, mit denen ich je nach Inhalt, Kontext, Rahmen strukturell reaktiv dissoziierend umgehe.

Nach dem Gespräch, das ich nun mit meinem Mann besprach, lag ich abends im Bett und wurde Stückchen für Stückchen mit Fragmenten des Gesprächs konfrontiert. Die Verarbeitung setzte ein und zunehmend wurde mir selbst bewusst, dass wir weder über das geplante Thema gesprochen haben, noch, dass durchgehend ich gesprochen habe. Obwohl mir das so wichtig war. Ich so dankbar über das Interesse und die Bereitschaft der Personen war, mit mir zu sprechen. Obwohl es keine Gefahr gab. Ich selbst habe überhaupt nichts von meiner Angst gespürt. Habe in dem Kontakt überhaupt nichts von meinem Stress und der Reaktivität gemerkt.
Und wie fast immer in solchen Momenten haben es meine Gegenüber auch nicht gemerkt. Sie fanden das Gespräch gut. Sie haben mich als im Kontakt erlebt – faktisch betrachtet haben sie das ja auch. Nur eben doch auch nicht.

In einem Gespräch mit dem Begleitermenschen im Rahmen der Autismusdiagnostik habe ich dafür das Bild von einem Spiegelkabinett gefunden. Weil es mir oft so erschien, als würden die Menschen in meinem Leben immer mit einem Bild von mir sprechen. Also ihrer Wahrnehmung von mir und dem, was sie davon abgeleitet haben. Während ich sie nie sehen kann und meistens eher mit einer Idee von ihnen arbeite, die ich aus den Analysen dessen, was sie mir sagen, entwickle.
Das war das Problem, das ich in der Therapie damals als besonders belastend empfand. Es kam mir vor, als würde meine Therapeutin intensiv nach mir suchen – angestrengt auf ihr Bild von mir schauen – und ich nicht einmal ihre Spiegelung finden können, obwohl mir jedes Signal, jeder Reiz von ihr überdeutlich spürbar war.
Mir ist damals bewusst geworden, wie viel von meinen „Erkennungsproblemen“ überhaupt nicht oder eher subtil wahrnehmbar sind. Und wie groß die Rolle der DIS dabei ist. Ein autistischer Mensch ohne DIS oder extremen Maskierungswillen wäre damit auffälliger. Diese Art des Auffälligseins war aber nicht nur in meiner Herkunftsfamilie ein ernstes Problem, sondern auch überall sonst. Selbst in Kontexten, in denen meine Sicherheit und Fürsorge professionell sichergestellt wurden. Nirgends, in keinem Kontakt mit anderen Menschen, ist es für mich rückhaltlos, bedingungslos, konsequenzlos möglich, irgendetwas davon nicht zu verstecken oder zu verschleiern. Und zwar nicht, weil die Welt böse ist oder ich da irgendetwas Spezielles an mir habe, sondern weil es umfassend ANDERS ist. Weil man sich dem immer nur annähern kann und eine gewisse Lücke, einen Bereich der Inkompatibilität, stehen lassen und akzeptieren muss. Sowohl ich als auch meine Mitmenschen. In der Metapher vom Spiegelkabinett ist es der Umstand, dass ich mich mit anderen Menschen als in einem Spiegelkabinett erlebe – und sie das nicht auch tun. Ihre Wahrnehmung funktioniert anders als meine.

Und während ich das jeden Tag und immer immer immer merke – und sie nicht, ist es eine irritierende Sache, wenn ich es offenbare. Manche fühlen sich dann manipuliert. Als würde ich ihnen die Wahrnehmung von mir absprechen oder in Frage stellen. Als wolle ich ihnen unterstellen, sie würden sich gar nicht für mich interessieren oder würden mir absichtlich schaden wollen. Es gibt Menschen, die können solche Gefühle und Gedanken dann mit Worten ausdrücken. Sie sind neugierig, wollen verstehen, Beziehung, Kontakt bewahren. In meiner sozialen Welt sind das die absoluten Ausnahmen. Einhörner sozusagen.
Und es gibt Menschen, die können das nicht. Oder wollen es nicht. Oder halten es für einen Teil ihrer professionellen Abgrenzung, noch mehr Abstand zu mir herzustellen und sich praktisch völlig unsichtbar für mich zu machen. Es gibt Menschen, die sich verunsichert fühlen, wenn ich ihnen davon berichte. Die sich fragen, was an unserem Kontakt echt ist. Authentisch. Und ver.trauen mir dann einfach nicht mehr. Gehen also auch aus dem Kontakt. Das ist die häufigste Erfahrung, die ich mit der Offenlegung dieser Gesprächserfahrung gemacht habe. Entsprechend wenig öffne ich mich.

Doch diesmal nicht.
Diesmal habe ich es mitgeteilt und mehrere gute Erfahrungen gemacht.
Die Gesprächspartner haben es gehört und verstanden. Wir haben eine praktische Lösung gefunden.
Mein Mann hat mich verstanden und mir genau die Hilfestellung gegeben, die ich brauchte.
Meine Therapeutin hat mich verstanden und mich bestärkt, meine inneren Prozesse auf Möglichkeiten der Entlastung und Prävention zu erforschen.
Keiner der auslösenden Faktoren ist davon berührt. Es wird mir wieder passieren. Und es wird wieder schlimm für mich sein. Aber es bleibt nicht mehr so schlimm.

crazy shit

Ich sitze im Auto und halte meinen inneren Blick auf dem Symbol für „Pause“. Ein Kreis mit zwei parallelen Strichen. Grau bei Deaktivierung, hellgrün bei Aktivierung. Er ist grün, ich kann mich frei und mühelos bewegen. Sicher Autofahren. Ohne Anstrengung Wörter formen. Keine 5 Minuten vorher konnte ich kaum die Augen offenhalten, meine Arme heben, irgendeinen Muskel gezielt anspannen und halten. Crazy shit.

Vor 22 Jahren konnte ich mich noch nicht so manipulieren überzeugen austricksen reinlegen … Glauben, dass die objektive Realität der Gegenwart gleichzeitig mit meiner subjektiven Realitätswahrnehmung existieren kann. Ich hatte noch keine Kontrollerfahrungen. Kein aktives, bewusstes, ich-liches Selbststeuerungserleben. Mir sind die Dinge passiert. Sie haben etwas mit mir gemacht, das meiste davon habe ich weder konkret und zeitgleich wahrgenommen, noch verstanden, noch umfänglich mit mir in Bezug setzen können.

Die Landschaft fliegt an mir vorbei. Das Halten der Imagination kostet mich überhaupt keine Energie. Der Flashback hat keinen Einfluss mehr auf mein Selbst- und Umweltempfinden. Ich bin in der Lage, Energie in die Anpassung an meine Mitwelt zu stecken.
Später wird mir bewusst, wie lang 22 Jahre eigentlich sind. Ich denke darüber nach, ob der Umstand, dass ich es jetzt kann, dieses hilfreiche Imaginieren, mich selbst umfassend reorientieren, stabilisieren, bedeutet, dass die letzten 22 Jahre in Therapie unnütz waren. Nicht hilfreich. Ineffizient.
Oder ob sie wichtig waren, um eine Chance zu bekommen, die Dinge zu erlernen und zu trainieren, die damals als meine Fähig- und Fertigkeiten vorausgesetzt wurden. Einfach, weil man damals noch weniger als heute durchdrungen hat, was es konkret bedeutet, wenn Selbst- und Weltbezug massiv fragmentiert sind.

Ich bin am Ziel. Steige aus, bewege mich absichtlich raumgreifend und aktivierend. Die Lücken zwischen Tätigkeiten sind für mich inzwischen weniger Kluft als Spalt. Ich bemerke sie, ich bemerke meinen Stress in der Transition und Neuausrichtung, aber ich kenne meine Schrittweite. Meine Sprungkraft. Meine Anlaufbedarfe. Und die andere Seite. Meistens. Und wenn nicht, dann, dass ich mit dem Unbekannten interagieren kann. Es passiert mir nicht mehr. Es passiert mit mir. Das macht mich nicht souverän und stark, selbstsicher und unverletzbar, wie ich mir das früher immer und heute noch manchmal wünsche, aber selbst.bewusst.

Die Luft berührt mich, der Boden hält mich, meinen Schritten folgen Geräusche.
Ich habe Angst zu fallen, unerwartet berührt zu werden, mich in meinen Annahmen über den Ort, an dem ich bin, zu täuschen. Und ich gehe weiter. Ich. Nicht jemand wie ich, oder etwas, das so tut, als sei es ich oder mein Körper, gelenkt von etwas, das eher theoretisch ein Ich sein könnte, oder eine formlose Präsenz, umgeben von ferngesteuerter, komplett eigenimpulsloser Masse.
Es ist erstaunlich irrelevant für diese Tätigkeit, wer ich eigentlich bin. Und wie ich beschaffen bin. Und was ich kann. Oder wie ich es kann. Ich erlebe die Augen der Täter_innen immer noch auf mir und oft genug suche ich Versicherung mit ihrem Blick auf mich. Aber ich kann mich inzwischen auch sehen. Kann mir mehr Augen leihen als die der Menschen, die mich verletzt haben.
Ich gehe hier einfach lang. Bin Teil des Moments wie der Laternenpfahl, der Absperrungspoller, der Straßenverkehr, die Tauben auf Futtersuche. Nichts davon ist egal, aber nicht alles relevant für mein Überleben. Mir passiert nichts mehr. Ich passiere Laterne, Poller, Tauben. Die Eindrücke kommen, wirken und flachen wieder ab.

Meine Angst ist ein paralleles Rauschen unter der allgemeinen Harmlosigkeit der Welt. Der rote Rand um die eitrigen Traumastellen in mir. Ich kann sie umgehen. Und ich kann mich nähern. Ich kann sie berühren, verschieben, manchmal auflösen, wenn ich mich gehalten fühle. Kontextualisiert. Bezogen. Verortet. Eindeutig positioniert, beauftragt, ver.antwort.bar.
Wenn die Umstände stimmen, ist es keine Manipulation, kein Selbstbeschiss, kein Trickbetrug an meiner Wahrnehmung, dass beides da ist. Die Angst, verletzt zu werden zu sterben und die allgemeine Ungefährlichkeit des Lebens.

Vor 22 Jahren stimmten die Umstände noch nicht für mich. Ich habe mich in Lug und Betrug an mir selbst gezwungen, weil ich weder die Welt noch mich selbst genug wahrnehmen und begreifen konnte. Ich kannte die Welt als Gefäß, in dem meine Qual, mein Leiden, mein Schmerz, meine Angst passieren. Als randlose Schale, in der ich hin- und hergeschleudert wurde. Ohne Anfang, ohne Ende, ohne Bedeutung, ohne Ziel und dadurch auch immer wieder, fast immer, ohne mich in mir selbst.
Ich musste glauben, dass irgendwas irgendwas bewirkt – ich hatte nie die Chance zu beobachten, wie irgendwas irgendwas bewirkt. Ich musste annehmen, was mir irgendwer über irgendwas erzählt – egal, was davon stimmte oder nicht, ich habe es sowieso sehr wahrscheinlich weder ganz aufgenommen, noch verstanden, noch den Sinn erfasst. Ich selbst konnte mir nie Quelle von Stabilität oder Kongruenz oder Klarheit sein. Was ich wahrnahm und einordnete, entpuppte sich immer wieder als Trittfalle ins Bodenlose, die Dissoziation.

Wieder fliegt Landschaft an mir vorbei. Meine Kopfhörer halten das Dröhnen des Zuges von mir fern. Mein Körper wackelt. Ich fahre zu einem Therapietermin. Bin eindeutig und klar in meinem Ziel der Stunde. Sicher darüber, was ich dafür und dagegen tun kann, um es zu erreichen. Der Raum ist für mich eindeutig und klar. Meine Optionen für und gegen die Zusammenarbeit sind sowohl mir als auch meiner Therapeutin klar.
Es ist der einzige Raum in meinem Leben, in dem das so ist. Der einzige, in dem diese Umstände in Bezug auf alle Aspekte bestehen. Es ist der Raum in meinem Leben, in dem ich glauben kann, dass ich etwas mache, um etwas zu erreichen, weil ich weiß, dass ich es auch nicht erreichen kann oder nicht sofort oder anders als ich dachte. Ein Kontakt, in dem es tatsächlich immer weitergegangen ist, obwohl ich sehr lange sehr oft darin gestorben bin. Wo immer alles wiederkam, was verschwunden, fragmentiert, dekontextualisiert war, weil nichts – auch ich nicht – verschwunden bleiben musste.

Ich erfahre von den Sparplänen der Bundesregierung.
Rutsche in Scham und Ärger, gleite über einen Schmierfilm von Angst und kann mich letztlich nur an meinem Glauben an die allgemeine Kontinuität festhalten. „Es ist nicht egal, aber jetzt gerade nicht relevant.
Wenn es relevant wird, kann ich immer noch prüfen, ob es mich töten wird. Es gibt Gleichzeitigkeit. Es gibt die Gefahr und die unspektakuläre Existenz.“ Innerlich greife ich in das Knäul aus Information und Gefühl und trenne es wie einen Wurzelballen, den ich in zwei Töpfe lege. Nicht egal links, aktuell nicht relevant rechts. Ich lege einen Deckel drauf und schiebe sie in ein Regal meines Hinterkopfes, das meinem Bücherregal im Büro ähnelt.
Ich mache große, weite Schritte durch die Bahnhofshalle.
Als ich hier vor 22 Jahren ausgestiegen bin, wäre mir diese Imagination gefährlich vorgekommen. Wie ein Angriff auf das, was mich am meisten schützt: meine Todesangst. Jetzt macht es mich handlungsfähig. Interaktionsbereit. Stabil. Selbst zur Quelle einer Ordnung. Crazy shit.

Überraschung

Überraschung ist eine Grundemotion, die ich erst im Zusammenhang mit der Autismusdiagnose näher erforscht habe. In meiner Traumatherapie ging es nie um Überraschung. Es ging um mein Kontrollbedürfnis, meine Ängste. Mein kompensierendes Vermeidungsverhalten. Überraschung und Schockerleben waren dabei nie Thema. Mir war selbst überhaupt nicht klar, dass ich Todesängste habe, wenn ich überrascht werde. Dass ich Überraschung vermeide, weil sie mir Angst macht. Dass ich Kontrollgefühle vor allem dafür brauche, um mit meiner Angst vor der Todesangst auf eine Art umzugehen, die unauffällig ist. Angepasst. Nicht peinlich. Sondern ruhig, rational, beherrscht, bewortbar. So, dass mich niemand verletzt.

Man kann Überraschung nicht vermeiden. Aber man kann die Wahrscheinlichkeit dafür absehen. Mustererkennung hilft dabei. Aktives Dauerscannen, traumareaktive Hypervigilanz. Katastrophisieren. Permanente Reaktionsbereitschaft. Hold-the-line-Modus, wann immer Quellen für Unvorhersehbares in der Nähe sind. Anderen Menschen mitteilen, dass man Überraschungen – auch die lieb gemeinten – nicht mag, nicht möchte, nicht schätzt.

*

Die Sonne schien. Die Wärme im Auto bildete eine Glocke um mich.
Ich faltete den Brief zusammen und versuchte, meinen Partner anzurufen. Keine Antwort. Bubi legte den Kopf auf die Rückbank und beobachtete das Treiben auf dem Parkplatz. Der Verlust meines Arbeitsplatzes, die Lüge der Vertrauten hinter der Ermutigung, mich um meine Gesundheit zu kümmern, schwemmte über mich hinweg. „Wusst ichs doch“, stand auf jedem Stachel, der sich aus meiner Panzerhaut schob, um alles Panische vom Jetzt abzutrennen.
Nach der Angst, die Härte. Der Haken aus Stahl, der die Unwürdigkeit jeder Form von Zutrauen und Glauben an die Aussagen anderer Menschen, bestätigt.
Als ich nach Hause fahre, kommt die Trauer. Die Trauer um eine Zukunft, um die ich seit Dezember ringe. Auch das also, kaputt. Kein Kind, kein Job, keine Kraft, keine Hoffnung.
Es hätte so anders werden sollen.
Auf dieses Ist bin ich nicht genug vorbereitet.

*

Überraschungen gehören zu dem, was ich als Alltagsterror empfinde. Sie sind der trauma-re.aktivierende Bestandteil meines Lebens mit anderen Menschen, mit dem ich am häufigsten konfrontiert werde. Nicht, weil Menschen nie tun, was ich sage oder will, sondern, weil Menschen für mich nicht eindeutig vorhersehbar tun, was sie sagen; sagen, was sie tun, und es meistens ein unausgesprochenes Rätsel ist, warum, wozu und welchem logischen Schluss folgend sie es tun oder sagen.
Und es ihnen egal ist.
Sie mich nicht trösten. Selten beruhigen. Die wenigsten sich die Arbeit machen, sich mir zu erklären. Nur manche nah genug an mich herantreten, um mich zum Teil ihres Er.Lebens zu  machen.

*

Mein Partner liest den Brief. Atmet ein und sagt: „Ja, scheiße.“
Ich weine, weil ich begreife, dass ich mich nicht verlesen oder in meiner negativen Annahme geirrt habe.

Sie haben mich angelogen. Alle.
Und weil ich ihnen geglaubt habe, wähnte ich mich in einer Sicherheit, die mir jetzt, ohne jede Vorbereitung, ohne jede Chance auf Widerrede, Beeinflussung oder Zugang zu Verständnis, genommen ist.

Ab jetzt er.lebe ich parallel. Gespalten. Gleichzeitig in unterschiedlichen Dimensionen.

*

Überraschung, Schock, ist ein zentrales Element vieler Traumatisierungen.
Wer überrascht wird, kann sich nicht selbstwirksam erleben. Es gibt kein Kontrollgefühl. Keine Sicherheit über die eigene Existenz.
Überraschung kann nur Spaß bereiten, wenn dieses Sicherheitsgefühl grundlegend da ist. Ich habe dieses Gefühl nie. Selbst dann nicht, wenn ich viel Kontrolle habe.
Jede Überraschung rührt direkt an ein Gefühl von realer Existenzbedrohung.
Und jedem Gefühl der Bedrohung folgt die Dissoziation.

*

Ich scanne den Brief und plane die Einberufung aller nötigen Helfer_innen.
Bahne ein Gespräch beim Verlag an.
Speichere die erste Stellensuche auf der Webseite der Arbeitsagentur.

Spüre, wie sie das letzte Jahr resümiert.
Beobachte, wie er versucht abzuschätzen, ob unsere Kraft für psychiatrische Krisenintervention und ihre erwartbar problematischen Folgen reicht.
Höre ihr beim Sprechen ins Mikrofon zu, während die Hände einer anderen vereinzelte Kröten aus Eimern hervorholt.
Registriere Kämpfe um Essen, Schlafen, Lebenswillen und ‑ziele. Notiere ihre Gewinner und Verlierer.

Als ich einen Tag früher als gedacht von meiner Menstruationsblutung überrascht werde, fühlt es sich an, als würde mir ein knöcherner Schalter im Inneren umgelegt werden.
Mein Partner sagt, es nutze nichts, wenn wir beide traurig seien. Ich spüre hinter mir alles zusammenbrechen und im Melt der letzten Tage versinken.

*

Die Blätter einer Rose sind als sogenannte „Fiederblätter“ angeordnet. Ein Fiederblatt besteht aus mehreren Einzelblättern und trägt so zu einer stabilen Form der Pflanze, aber auch ihrer Gesamtfläche zur Fotosynthese bei. Fällt eines ab, gibt es genug andere. Zum Überleben des Organismus braucht es nur eins. Im Winter nicht einmal das.

Draußen beginnt der Frühling.
Ich organisiere an einem Sommer für mich.
Gestalte Ideen und Pläne für mögliche Verläufe im Herbst.
Den Winter in mir drin, blende ich dabei aus.
Ich weiß, dass er von alleine endet.

*

Das Mismatch mit meiner Umwelt über Überraschungen verlangsamt meine Verarbeitungsmöglichkeiten. Um den Kontakt zu meinen Mitmenschen nicht zu verlieren, kann ich mich nicht auf die Überraschung konzentrieren, sondern muss mich auf das fokussieren, was sie mir anbieten.
Die überraschende Nachricht von meiner Kündigung bedeutet für sie, dass wir über Kündigung und Arbeit sprechen – nicht über die Überraschung. Den Verrat. Den erschreckenden Verlust des Sicherheitsgefühls. Die unerwartete Unmöglichkeit aller Pläne für die Zukunft, die zum Sicherheitsgefühl über die Gegenwart führten. Wir reden nicht über Angst. Meine Todesängste sind einfach undenkbar für sie. Und übertrieben, als ich sie andeute.

Ich kann mir nicht vorstellen, wie die Zukunft aussieht, weil ich nicht weiß, was dort möglich ist und was nicht. Man erwartet von mir ein Grundvertrauen in das Leben, das ich nicht habe. Ich kann nicht „einfach mal sehen“, „einfach mal abwarten, was sich ergibt“. Wenn ich nicht weiß, was ich sehen soll oder muss oder könnte, dann (vorher)sehe ich da nichts. Und wer nichts (vorher)sieht, kann von allem, was dann passiert, nur überrascht werden.

Das ist der absolute Horror.

der Friseurinnentermin

Als ich eintrete, beschlägt meine Brille.
Im Raum hallen Föhn, Wasser und Schritte. Die Gespräche darin tauchen auf und ab wie die Köpfe von Wellen auf offener See. Es ist ein Termin nach einem Termin, der vierte Tag ohne vertraute Routinen. Am Morgen wurde mein Zahn versorgt, die taube Wange hängt noch ein wenig. Das ist alles nicht ideal, aber die Alternative ist es auch nicht.

Lange kann ich das nicht mehr halten. Diese Atmung, die ich nach unten erzwinge, damit sie weder zu schnell noch zu offensichtlich ist. Die Spannung im Rücken, damit sich nicht irgendwas spontan aufrichtet, die Arme hochreißt und in die Luft greift. Oder in mein Gesicht, in meine Haut, mein Fleisch, meine Haare. Die Härte im Nacken und was auch immer ich da an meinen Ohren mache, damit mir die Geräusche weniger laut erscheinen.
Als ich meine Brille abnehme, damit die Friseurin meine Haare waschen kann, bemerke ich, dass ich, was auch immer ich da mache, auch immer noch halte, um weniger zu sehen. Doch als mir die Massagefunktion des Sessels in den Rücken boxt, ist es mir zu wenig. Da merke ich, wie ich mich in diesen Kontakt reindrehen will, damit er mir richtig wehtut. Es soll nicht nur so angedeutet sein, sondern richtig. Ich bitte die Friseurin, die Funktion auszuschalten. Über einen verzweifelten Druck hinweg liege ich auf diesem Stuhl und denke mich als flachen Stein, über den ein ganzer Fluss hinwegfließt.

Ich bin nicht gerne beim Friseur. Ich mag das alles nicht. Der Fokus auf mich, das angefasst werden am Kopf, das Reden über das, was man wie will, die merkwürdigen Komplimente, die Luft, die Geräusche, die Gerüche, das Kitzeln der abgeschnittenen Haare, die es doch unter den Umhang schaffen.
Aber ich liebe Autowaschanlagen. Ich mag das Durchfahren durch einen lauten, nassen Stinketunnel, dessen Wuschelstrukturen rhythmisch drehend alles vom Auto spülen, was nicht so schön ist und das Abtrocknen der letzten feinen Tropfen.
Also versuche ich mir das Ganze als Fahrt durch eine Waschanlage zu verkaufen. Das klappt ganz gut, bis ich mich im Spiegel sehe und merke, dass alles, was ich will, Schmerz, Hass und kaputt sein ist. Wie ich mir die Haare ausreißen, meine Zähne in mein Fleisch schlagen, ich mich zerstampfen und auseinanderreißen würde, wäre ich nicht in diesem Käfig aus Muskelstahl und Versteckhaut.

Meine Alltagsschicht ist ganz profan. Ganz die bald vierzigjährige Trine Dumpfbeutel ist mein einziges Thema, dass ich bitte nicht wieder einen Bob haben will, weil „nur das bei mir aussieht“. Ich bin fett, I know, aber kann ich bitte nicht deshalb immer so einen Raschelvorhang am Kopf behalten müssen? Wenn Sie mich schon anfassen und mit stinkendem Klebezeugs belästigen müssen, kann ich bitte wenigstens mal was anderes als sonst haben? Was Kurzes, was zum Spielen, was zum in Ruhe lassen …
Ich bin richtig peinlich. Und das Gespräch mit der Friseurin verläuft so, dass ich bei ihren ersten Schnitten heulen könnte, weil ich mir sicher bin, dass ich den Laden wieder mit einer bob-artigen Situation auf dem Kopf verlasse.

Es dauert eine Weile und ich merke, dass das wieder so einer „dieser Momente“ ist. Eigentlich bin ich richtig fertig. Total erschöpft und froh mich selbst gewissermaßen blind und taub machen zu können. Wenn ich will, kann ich es mir auch noch total egal machen. Einfach ganz desensibilisiert dafür sein, was passiert und das Ereignis verstreichen lassen.
Und gleichzeitig will ich genau das ja insgesamt weniger nötig machen. Ich möchte nicht mehr täglich von meinem durch die Länge der Haare allein schon unübersehbaren Haarausfall in Sorgen über meine Fertilität geraten. Ich möchte den permanenten Zug auf meiner Kopfhaut vom Zopf nicht mehr haben und die ständige Geräuschkulisse vom Reiben der Haare über die Kleidung auch nicht. Und der schmerzhafte Haare-kämm-Krampf nach dem Schwimmen – es wäre angenehmer ohne.
Ich muss mich nur trauen, das haben zu dürfen. Mich nur anstrengen, das so zu bekommen, wie ich das möchte. Mehr nicht. Ich muss jetzt nur in die Situation rein und dranbleiben und mich kümmern. Die Spannung halten. Die Angst balancieren. Den Traumascheiß von der Waage kippen und mit Realität ersetzen. Alles, was ich tun muss ist, das Leben anzufassen, dessen Berührung ich selbst gerade kaum aushalten kann.

Dafür nehme ich dann Anlauf. Beobachte die Friseurin. Versuche mir zu erklären, was sie macht und was ihr nächster Schritt sein könnte. An einem Punkt merke ich, dass sie nach einer anderen Schere sucht und mein Haar erneut befeuchten muss. In dem Moment wiederhole ich, was die Person neben mir vor 10 Minuten gesagt hat: „Zeigst du mir mal hinten? Die Länge an der Seite gefällt mir schon gut.“
Ab da geht es ganz leicht. Ich kann aus den Gesprächen in der Luft die Teile herausfischen, die mir nutzen. Die Friseurin versteht mich und schneidet mir keinen Bob, sondern was Kurzes mit was Längerem. Wenn ich jetzt alle 5 bis 6 Wochen wiederkomme, muss ich nichts mehr erklären, sondern nur „bitte nachschneiden“ sagen. Das kann ich ja üben.

Draußen ist es so kalt, dass ich mich dran anlehnen kann.
Der Dauerzug ist weg. Mein Kopfbereich erscheint mir konturierter in meinem geistigen Bild von meinem Körper. Jetzt ausruhen. Zurück in den Bereich, der alles zusammenhält. Statt mit der ganzen Hand mit einer Fingerspitze im Leben stehen. Das ist okay. Fürs Leben muss man Kraft haben. Um Kraft zu schöpfen, muss man sich welche er.holen.