Nie nur Conni

„Conni steht mit ihrer Therapeutin in der Demo“, schießt es mir in den Kopf.
Und ich gehe.
Wende dem Jahnplatz, wo ich schon so oft gegen Rechts, gegen Rassismus, gegen Gewalt an Frauen, für Frieden, Freiheit, Klimaschutz und gutes Miteinander gestanden habe, den Rücken zu und lasse mich von Sookies Asche anziehen. Für mich ist erstmal Schluss mit Zeichen setzen. Ich bin müde. Unendlich traurig und bitter. Wünsche mir einen weichen, warmen Körper, der sich an mich lehnt und mir meinen Körper als Weltenteil fühlbar macht. Wünsche mir Sookie und dass das kleine Bisschen Glauben an das Gute und Richtige jedes Moments heil bleibt.
Dann gehts wieder. Gefühlswelle abgeflaut. Licht im Inneren wieder an.

Später feiern wir unsere schöne Freundin S. mit all ihren Freund_innen.
Reden lang und tief über die Kinder- und Jugendhilfe, Reden und Schweigen in Therapien, über unerfüllten Kinderwunsch und dessen Behandlung, über tote Embryonen und lebende Kinder vernachlässigender, kranker, hilfebedürftiger Eltern. „Conni hat keinen Lebensbereich, in dem nie mal keine Hilfe nötig war“, zischt es leise und scharf in mir, als ich tief in der Nacht zum Himmel raufschaue. Mein Puls drückt unangenehm schnell von meinem Bauch in den Hals. Das Atmen ist schwierig. Über die Übung, aus der Angst zu gehen, schlafe ich ein.

S. fragt mich morgens zwischen Abendentfernung und Frühstücksvorbereitung, wie es mir denn geht. „Ich habe alles. Nicht wie geplant oder gewollt, aber alles, was geht, ist da. Es ist gut. Es ist wirklich gut.“, antworte ich ohne zu zögern. „Das ist schön“, antwortet sie. „Conni wird für immer als Bedarfsfall erinnert“, streift mich kurz und fies. Wir lächeln einander an, räumen weiter und werden in andere Themen verwickelt.

Die Heimfahrt ist warm. Es wird geerntet. Noch zwei Wochen, dann fährt der Partytrecker wieder bei uns lang, weil der Ernteerfolg mit Alkohol konserviert werden muss. Man weiß ja nie, wie der Winter wird.
Zu Hause ist meine Menschenbatterie leer.
Mein Kopf prozessiert weiter, was die Bundesregierung da gemacht hat. Die „Reformen“. Und die Hitze. Die Arbeit. Die Themen. Das inzwischen tatsächlich körperlich schmerzende Vermissen von Sookie.

Dann entdecke ich eine Made im Flur. Gehe schlafen. Finde am nächsten Morgen noch mehr.
„Conni kriegt ihre Essstörung nie weg“ spüre ich jemanden aus meinem Hinterkopf gegen meinen Magen boxen. Verbringe den Morgen mit Ekel, Flashbacks und Skills, um eine Krankmeldung zu schaffen und die Wohnung auf links zu drehen.
Am Ende finde ich das verlassene Fressnest eines Kinderinnens. Räume, wische, desinfiziere, mache eine Notiz für die nächste Therapiestunde. Fahre mit Herzrasen und Druck auf der Brust in die Praxis meiner Hausärztin. Hole die AU ab, verabschiede mich ohne Redetermin. Am Donnerstag zu reden, ist mir früh genug.
„Conni braucht professionelle Hilfe zum Leben“, ätzt es mich an und sticht in meinem Magen herum.
„Nicht nur Conni“, antworte ich, „Nie nur Conni.“

APunkt

„Langsam, klar, immer wieder gleich“, denke ich und schaue APunkt an. Ich beobachte, wie sie mich, den Raum und jede Bewegung durch die Fransen ihrer Gesichtsbehaarung beobachtet. Bleibt ihre Aufmerksamkeit länger bei mir, reiche ich ihr ein Stück Fleischsnack.

„Langsam, klar, immer wieder gleich.“
In meinem Kopf habe ich vier Bildschirme an. Auf dem ersten ist der Ablauf unseres Trainings. Ich komme an, alle Hunde werden sanft und ruhig begrüßt. Sind APunkt und ich allein, kommen wir runter. Machen den Moment langweilig. Nur sitzen, gucken, sein. APunkt braucht eine Weile, bis sie gezielt mit mir in Kontakt geht.
Kontakt, das hieß bei APunkt anfangs Kontakt zum Snack, und flutsch – schnell wieder weg. Alles im Blick, nichts im Fokus. Dann hat sie bemerkt, dass ich immer das Gleiche mache. Inzwischen beobachtet sie mich beim Hantieren mit den Snacks. Schaut mich sogar direkt an. Und dann regnet es Snackstücke. Jeder Blick in den Bereich meiner Mimik und Gestik ist ein Hauptgewinn. Alle 5 Gewinne darf ich einige Zentimeter näher an sie heran. Trennen uns nur noch anderthalb Meter, kommt sie inzwischen auch zu mir. Nimmt sich erst schnell und geduckt die Stückchen von meinem Knie, dann macht sie einen Schritt zu mir hin. Letztes Mal hat sie sich abgelegt. Ruhig geatmet. Alles im Blick gehabt, doch mich beobachtet.
Dann zeige ich ihr das Geschirr. APunkt lässt sich anziehen, es aber auch über sich ergehen. Das muss anders werden. Sie soll wissen, dass sie an einem Signal vom Menschen erkennen kann, dass sie für einen Spaziergang angezogen wird. Sie soll wissen, dass ihr Signal für Nicht-einverstanden-sein, von Menschen akzeptiert wird (wenn es keine Ausnahmesituation ist). Sie soll wissen, dass sie beim An- und später auch Ausziehen des Geschirrs mitmachen kann. Und dass es Snacks regnet, wenn sie es macht.

APunkt ist nicht damit aufgewachsen, dass Menschen etwas von ihr wollen. Dass Menschen mit ihr zusammen sein, Dinge tun, erleben wollen. APunkt hat gelernt, dass Entfernung und schnelles Reagieren auf alles das Beste für sie ist. Sie hat es so gut gelernt, dass ihr Körper das manchmal auch ohne sie entscheidet.
APunkt ist bald 3 Jahre alt. Aus einer Vermehrungssituation durch animal hoarding. Sie wurde aufgenommen und bis jetzt einfach nicht vermittelt. Wer nimmt auch einen Hund, von dem man nur den Strubbelpo im Busch erkennt?

Ich trainiere mit ihr, wie ich mit Sookie trainiert habe. Wissend, dass ich es mit einem hochreaktiven Hütehund zu tun habe, der nicht die sorglose Neugier eines Welpen hat, aber genauso verwirrbar ist von zu vielen zu neuen Dingen.
Also sitzen wir da auf 3 bis 4 Quadratmetern und üben, dass APunkt ihren Kopf durch die große Öffnung ihres Sicherheitsgeschirrs steckt. Von allein, in Richtung Snackstück. Zwei Mal war sie schon fast durch. Dann war wieder was. Irgendein Geräusch im Haus. Ein Vogel vorm Fenster, eine unerwartete Berührung des Geschirrs in ihrem Gesicht, das Geräusch, das die Schnallen auf dem Boden machen. Und wir fangen wieder mit der Nasenspitze in der Mitte der Öffnung an.
„Langsam, klar, immer gleich. Ausatmen, tief einatmen. Und weiter“, denke ich mir dann und schaue auf den zweiten Bildschirm in meinem Kopf. „Langsam beeilen“ steht da neben einem Bild von einer senkrechten schwarzen Linie auf weißem Grund. Wenn ich angespannt oder selbst erschreckt von einem der Geräusche im Haus bin, wackelt sie. Ich muss sie gerade atmen. Auch meine lockeren Schultern ziehen sie glatt beim Ausatmen.

APunkt kann sich nicht lange konzentrieren. Nach etwa 10 Minuten mit dem Geschirr stresst sie mein Angebot. Ich lege es hinter mich. Nehme wieder etwas mehr Abstand ein. Wenn APunkt noch Kontakt möchte, muss sie kommen. Was sie meistens auch tut. Gab es Gewitter, wurden wir unterbrochen oder eine_r von uns beiden hatte einen komischen Tag, dann nicht. Dann mache ich meine Ende-Geste und lasse sie wieder raus. Alle werden nochmal begrüßt, wer mag, lässt sich streicheln. APunkt kommt inzwischen auch ganz selbstverständlich wieder dazu. Immer bekommt sie Snackstückchen.

Manchmal sprechen wir noch länger mit S., dem Menschen, der APunkt gerettet hat. Der Hof ist schön, das Leben wuselig, die Arbeit viel. Es gibt immer etwas, worüber wir kurz oder lang, seicht oder intensiv schnacken. Dafür brauche ich den dritten Bildschirm in meinem Kopf. Ich muss jetzt schnell sein. Unklarheiten weitgehend unhinterfragt, unergründet, unkommentiert lassen. Akzeptieren, dass wir nicht immer über die gleichen Dinge in der gleichen Struktur sprechen können. Dieser innere Bildschirm ist ein Transkript des Gesprächs. In den folgenden Stunden, wird mein Versteh-Gehirn es lesen.

Auf dem vierten Bildschirm ist mein Tetris der Unmöglichkeiten.
Da gibt es die Blöcke „APunkt“. Ihre Reaktivität, die Unsicherheit, der Umstand, dass man ihr Verhalten nur bedingt vorhersehen kann. Dann ist da mein Kinderwunsch mit seinen hundert Blöcken aus Orga, Kraftfressern, Gefühlen und ganz eigenen Dringlichkeiten. Und die feste Klarheit darum, auf gar keinen Fall gleichzeitig einen Säugling und einen Neuhund versorgen zu wollen. Neben der neuen Arbeit, für die ich 4 Stunden am Tag nicht zu Hause bin. Und der anderen Arbeit. Und der Verlagsarbeit. Und meinen Projekten.
Da ist auch noch meine Trauer um Sookie, die ich nach wie vor nur bedingt an mich heranlassen kann. Und meine ganz allgemeinen Wünsche an einen neuen Hund in meinem Leben. Die Wünsche meines Mannes an einen neuen Hund in seinem Leben. Unser alter Oppahund Bubi.
Und da ist die Bedarfslage von S.. Die Nützlichkeit, die mein Hundeverstand in dieser Situation hat. Die Frustration, die so improvisierte Trainingsumgebung und übliche Rückschläge mit sich bringen.
Und das, was ich von mir in APunkt gespiegelt empfinde. Obwohl diese Zeiten nun wirklich schon länger vorbei sind.

Seit Wochen fahre ich regelmäßig zu APunkt. Auf jedem Hin- und jedem Rückweg schüttle ich die Tetrisblöcke auf dem vierten Bildschirm durch und versuche zu erkennen, wie sie ineinandergreifen könnten. Es funktioniert einfach nicht.
Nicht ohne die Zukunft zu kennen.
Und so sind wir alle, APunkt, S. und ich, gerade im gleichen Nimbus. Angewiesen auf die gleiche langsame, klare Kontinuität des „und weiter“, auf das man sich so ungern einlässt, wenn es so viele große, drückende, treibende, wirbelnde, ziehende, schreckende, lockende „Ja aber“s oder „und was wenn?“s oder „vielleicht so?“s gibt.

Es ist anstrengend. Es ist eine Übergangsphase, eine Transition.
Wir werden alle irgendwie, irgendwo, irgendwann ankommen. Das ist sicher.
Vielleicht werde ich mir diesen kernigen kleinen Strubbelkobold, der APunkt auch ist, tatsächlich nicht mit nach Hause nehmen können. Aber Langsamkeit, Klarheit und Vorhersehbarkeit durch immer gleiche Anforderungen und Belohnungen, kann ich ihr geben. Damit kann sie anfangen, ihre generelle Pauschalreaktion auf alles und alle zu verändern. Und mit jemand anderem nicht bei 0, sondern vielleicht schon bei 1 in Sachen Hund-Mensch-Kommunikation anfangen.
Das ist definitiv. Da ist Bewegung drin. Es verändert sich etwas.
Es ist und wird.

die persönlichen Auswirkungen, ein Nachklapp

Ich habe ungewöhnlich viel Zuspruch auf meine Textreihe zu dem Reel bekommen.
Zu einem Aspekt möchte ich noch etwas nachtragen. Die persönlichen Auswirkungen solcher Reels auf mich.

Seit inzwischen zwei Jahren sitze ich an meinem neuen Buch und versuche zu vermitteln, wie es für mich war, Anfang der 2000er mit einer Diagnose konfrontiert zu sein, die damals schon sehr eng mit organisierter Ritueller Gewalt verknüpft war. Als 16-Jährige_r. Komplett allein. Anderthalb Jahre fast durchgehend geschlossen untergebracht.
Wie sich das ausgewirkt hat, in praktisch allem Selbstausdruck und auch jeder Selbstauskunft über mich missverstanden zu werden, weil die Menschen, die mir zugehört haben, immer auch den Filter des Unbekannten, Mysteriösen, Gefährlichen organisierter Ritueller Gewalt und die Folgen von Folter und gezielter Manipulation darübergelegt haben. Ungewollt wurde ich über Jahre von Therapeut_innen über praktisch jede Selbsterkenntnis, die ich über mich gewann, auch falsch verstanden, weil diese andere Ursachen oder Wirkungsprinzipien hinter meiner Wahrnehmung und Einordnung, Kontaktaufnahme und Schwierigkeiten annahmen als ich oder als auch tatsächlich vorlagen.
Das war für mich als erwachsen werdende Person zuweilen extrem isolierend und verwirrend. Es hatte Anteile von „Therapeut_innen reden mir was ein“ und „Ich habe aber auch wirklich Teile dessen erlebt, was mit dem Begriff der organisierten Rituellen Gewalt beschrieben wird – aber nicht so.“

Ich habe dann das gesamte Hilfesystem verlassen und eine Therapeutin für mich gesucht, die bereit war, mehr Fokus darauf zu legen, wie ich akut im Leben klarkommen kann. Und habe in der Therapeutin, mit der ich noch heute arbeite, so jemanden gefunden. Mein Hintergrund ist nicht irrelevant, aber ich merke, dass sie nicht erst daran denkt, was Täter_innen davon haben könnten, dass ich etwas nicht oder weniger gut kann, sondern daran, wie ich mich fühle, wenn ich versuche, etwas zu können; was ich mir vorstelle, wie ich etwas können müsste, sollte, gerne würde; welche Dinge tatsächlich akut gegenwärtig beeinflussen, dass ich bestimmte Dinge hinkriege oder auch nicht.
Es geht um mich. Meinen Bezug zu mir und der Welt, in der ich bin.
Es geht nicht darum, mit irgendwem in mir über DAS DA zu reden oder darum, mich anzeigefit zu kriegen oder darum, meine Lebendigkeit und Kraft zum Ätschibätsch gegen Täter_innen werden zu lassen. Ich habe in unseren probatorischen Sitzungen den Wunsch geäußert, eine eigene Erzählung über mein Leben und mich hinkriegen zu können, und das ist bis heute eins meiner Therapieziele.

Ich bin davon überzeugt, dass ich ohne diese Fokusverschiebung und ohne die kontinuierliche Wiederkehr zur ganz gegenwärtigen Pragmatik des Alltagslebens als etwas, das gelernt und verstanden werden muss, niemals bemerkt hätte, dass ich wiederkehrende Schwierigkeiten und Überforderungen erlebe, die mit der DIS und der Natur meiner Gewalterfahrungen in Kindheit, Jugend und jungem Erwachsenenleben allein nicht mehr erklärbar sind.
Ich hätte auch nie gemerkt, dass meine Therapeutin sich kommunikativ total um unsere Arbeit und mich bemüht, aber an manchen Stellen, die weder sie noch ich richtig fassen und begreifen konnten, einfach nicht weiterkam, obwohl alles in Ordnung schien.

Heute beobachte ich häufig, dass es diesen Punkt in der therapeutischen, betreuerischen, helferischen Kommunikation sehr oft geben kann. Und dass das einer der Punkte ist, an denen meine Analysefähigkeit sehr hilfreich wirken kann.
Mich hat sie damals in die Autismusambulanz gebracht. An den Wunsch zu hinterfragen: Ist es meine Hochbegabung, mein Hintergrund von organisierter Gewalt oder Autismus oder ADHS oder etwas, das dem sehr ähnelt, mir aber noch nicht bekannt ist?
Das ist eine Aufgabe, die manche Menschen einfach nur mit Intuition oder Bauchgefühl angehen. Ich nicht. Ich bin durch die Testung, die Literatur, die Betroffenenberichte, die Studien, die Theorien gegangen und habe das systematisch mit dem Diagnostiker, dem Begleitermenschen, dem Facharzt und meiner Therapeutin durchgearbeitet.
Ich wollte nicht mehr nur mit Theorien über mich arbeiten. Ich war damals schon so gut gestärkt, dass ich auch nicht mehr das Gefühl hatte, man könne über mich auch nur in Annahmen und Ideen, Theorien und man weiß ja nicht nachdenken. Ich war in dem Gefühl angekommen, dass ich tatsächlich passiere und wirke. Und wenn etwas passiert und wirkt, kann man es beschreiben. Und in seinem Wirken analysieren. Die Kommunikation und Interaktion systematisch erfassen und beurteilen.
Man kann mich objektiv eindeutig einordnen, ohne mein subjektives Erleben in Frage zu stellen.

Für mich war die Phase der Autismusdiagnostik das erste Mal, dass ich mich nicht durch Filter hindurch diagnostiziert erlebt habe. Meine Eltern hatten keine Möglichkeit, mich und ihr Leiden unter mir darzustellen, meine Therapeutin kam erst später dazu. Wir sprachen nicht nur in einem Psychologenbüro, sondern auch an Orten, wo ich mich wohlfühlte, und in Alltagssituationen, die mich überforderten. Alles war wichtig für die Diagnostik und alles wurde Thema – lange bevor wir irgendeinen Test durchgeführt haben.

Mir wurde damals klar, wie komplex diese Arbeit war. Und wie komplex die Intersektionen sind, in denen ich mich bewege. Wie schnell andere Menschen darin an kognitive Grenzen kommen, die für mich etwas anders verlaufen. Ich wurde damals sehr ermutigt, meine ganz eigene Haltung dazu wahr- und einzunehmen. Und eben nicht anzunehmen, nur weil andere zu ihren schnellen, weniger komplexen Filtern und Vorannahmen greifen, um damit umzugehen, sei das die Vorgehensweise, die ich mir besser auch antrainiere, obwohl ich darunter leide.
In gewisser Hinsicht habe ich mein Leiden damals so exakt gemapped wie nie zuvor. Einfach, weil ich es überhaupt auch mal verstanden und, wenngleich in Details weiterhin dissoziiert, so doch umfassend genug als auch objektiv erklärbar und mit meinem subjektiven Erleben verbunden begriffen habe.

Wenn ich heute dann Medien sehe, die dem Leben als autistischer Mensch oder als komplex traumatisierter Mensch ebenjene Vagheit, jene Übersubjektivierung zuschreiben, macht das natürlich etwas mit mir.
Da reagiere ich sowohl kognitiv stark drauf – und möchte, dass alle wissen, dass das faktisch alles nicht stimmt – als auch emotional. Da bin ich zurückversetzt in jede Sitzung, in der ich, wie ich heute weiß, Belastungssituationen kommuniziere, die entstanden, weil ich autistisch bin, aber nicht so leicht lösbar sind, weil ich auch komplex traumatisiert bin – und die Therapeutin mich fragt, ob mir der Mann mit der Satansmaske befohlen hat, dass es mir nie gutgehen soll. Übertrieben formuliert.

Es sind solche Therapiesitzungen, solche als Jugendliche im Grunde aufgezwungenen Kommunikationssituationen, die mich sehr lange begleitet und verletzt haben. Ich kompensiere bis heute in jeder Therapiestunde die Angst, sie wiederzuerleben. Ich wünsche sie absolut niemandem.

Wenn wir als Community zulassen, dass Diagnosen als vage, beliebig nutzbare Labels benutzt werden, um subjektive Erfahrungen zu benennen, dann werden wir es nie schaffen, solche Gewaltsituationen in Hilfekontexten überhaupt erkennbar zu machen. Wenn wir Autismus zur Identität verklären und in seiner genetischen Komponente negieren, wenn wir denken: „Och, die armen Therapeut_innen, die habens so schwer, wenn sie zu ORG, DIS oder Autismus arbeiten – die Therapie darf öffentlich nicht als etwas besprochen werden, das auch von Vorurteilen oder falschen Annahmen, Verschwörungsgläubigkeit oder Affinität zum Unbekannten oder Spirituellen flankiert sein kann“, dann erklären wir uns aus meiner Sicht einverstanden damit, dass anderen Betroffenen exakt die Quälerei und in manchen Situationen praktisch Folter passiert, wie mir als Jugendliche und junge Erwachsene.

Ich bin nicht damit einverstanden.
Es war schlimm. Es wirkt bis heute. Es war damals wie heute verhinderbar.
Es war Gewalt, für die sich bis heute niemand bei mir entschuldigt hat. Es war Leid, das ich juristisch nicht anerkennen lassen kann. Niemand der Beteiligten hat je Wiedergutmachung angeboten. Oder Aufarbeitung. Jedes Bemühen darum verläuft in Schweigen.
Das geht nur, weil das Stigma wirkt. Und wir als Gesellschaft uns durch viele Kanäle gegenseitig vermitteln, dass das so klargeht.
Obwohl es das absolut nicht tut.

definitiv ganz anders „irgendwie“

Am Abend fahre ich auf eine schwarze Wand zu. Die durstigen Bäume knarzen im Wind, der auch das Auto auf der gesamten Seite beaufschlagt. Das Gewitter kracht in der Ferne. Seine Blitze stempeln sich auf die knubbelige Wolkendecke. Ich versuche, an den wedelnden Scheibenwischern vorbeizuschauen, während ich fahre.
„Transformation“, denke ich, und löse die Umklammerung meiner Finger ums Lenkrad. „Es ist gut. Es ist richtig.“ Und dann merke ich, wie es beides hat. Erleichterung und Hingabe, aber auch Übergabe und diese spezielle Entschlossenheit, die Mut und Handlungsbereitschaft manchmal mit sich bringen.

Seit der unerwarteten Kündigung habe ich nach Arbeit gesucht. Wochenlang ging es zwischen meinem Mann und mir kaum um etwas anderes als Geld, meine Fähig- und Fertigkeiten, wer was einbringen kann, dass wir dies und das und jenes machen, nicht vergessen, hinkriegen müssen. Während ich an manchen Tagen definitiv noch arbeitsunfähig war. Traumakrank. Teils schwer leidend unter Symptomen, von denen ich gehofft hatte, sie würden nie wieder so viel Raum einnehmen. Nie wieder so stören.
Und dann fand ich eine Stelle, die perfekt zu mir passt. Hatte ein Bewerbungsgespräch, das sehr gut verlief. Hatte eine gewisse Quasi-Zusage. Aber der Prozess musste gestoppt werden. Interne Gründe. 5 Wochen Aufschub. Wenns gut ginge.
Meine Krankenversicherung muss ich behalten, aber ich bin ja auch Ehefrau. Ehefrau gehört zum Ehemann, Familienversicherung woanders, dies, das. Das war der nächste Klops im Dauerthemenbrei mit meinem Mann. Und in all dem hat meine Behinderung immer wieder im Weg gestanden und wurde doch irgendwie nicht so recht beachtet. Bis jetzt bin ich mir nicht sicher, ob es überhaupt ein best practice-Szenario für „Ehebürokratie, in der eine Person eine rechtliche Betreuung zur Vertretung vor Behörden hat“ gibt. Alle Welt hält ja den Ehemann für die Vertretung der Ehefrau (vor Behörden). 🤡

Dazwischen passierte der Wildwasser-Fachtag mit dem Einwurf eines Betroffenen, Peer-Beratung müsse bezahlt werden. Den ich wie gewohnt abwehrte, weil ich keinen Hintergrund in Sozialer Arbeit oder Sozial- oder irgendeiner anderen Pädagogik habe. Das gehört ja irgendwie zur allgemeinen Ausstattung der Selbstvertreter_innen, die man bei solchen Veranstaltungen auf Bühnen sieht. Profession zum Hinterverstecken und ernstgenommen werden und eigene Betroffenheit direkt daneben, damit niemand von den Betroffenen sagen kann, da würden ja nur Profis über Betroffene sprechen.
Und dann bahnte sich das nächste Gespräch einer Person, die sich als Viele erlebt, an, und wieder kam eine E-Mail von jemandem mit der Frage, ob wir mal zusammen auf die Hilfe gucken könnten, da passe etwas nicht. Und ich sagte natürlich nicht: „Nein, geh weg, ich möchte bitte sehr gerne hier in meiner zähen Arbeitssuche sein, die mir meine allgemeine Wertlosigkeit aufzeigt“, sondern erarbeitete eine Analyse am Montag, telefonierte am Donnerstag und merkte am Freitag, dass mein Konto fast leer ist und perspektivisch nur von meinem Mann aufgefüllt werden kann.

„Irgendwie wirds schon gehen“, das weiß ich, und alle sagen es mir immer wieder. Während ich weiß, wie es geht, wenn Jobcenter oder Arbeitsamt tragende Rollen im Leben einnehmen, selbst wenn man kein Geld von dort bekommt, und merke, wie sich die alte Hartz fear ihre Bahn durch mein bröseliges Arbeitsselbstbild fräst.

Und dann tickt die Uhr. Und ich denke, dass nichts kaputtgehen wird, wenn ich mal frage. Durch ein „Geht nicht“ würde sich nichts ändern. Also erzähle ich am nächsten Mittwoch von den Kontakten und Gesprächen, der Arbeit, die ich da so mache. Dann und wann. Nicht viel, nicht immer, nie in tragender Rolle, aber auch nie anteilslos. Und frage, ob es dafür vielleicht eine Struktur geben kann. Eine Möglichkeit des Abgleichs mit einer Fachperson und der Rückversicherung für mich, die Erfüllung eines Bedarfs, für den man zufällig vielleicht eh schon immer mal eine Lösung finden wollte.
Und es wird lebendig. Da kommt kein Nein. Aber Ideen. Viele.
Und am Freitag, morgens, direkt nachdem ich aufgewacht bin, kommt ein Ja.
Und dann der Termin, an dem ich meine Kundschaft beim Jobcenter nach 21 Jahren auflöse.

Mit einer wackeligen Unterschrift auf einer Veränderungsmitteilung ist es zu Ende. Wackelig, weil ich kurz hirnverdreht bin und ansetze, mit meinem alten Namen zu unterschreiben. Kurz eingesunken in die Erinnerung an das senfige Gelbgrün unterm Neonröhrenlicht des Bielefelder Muffelflurs, in dem ich den ersten Antrag auf ALG 2 unterschrieben hatte. Ganz genauso verwirrt und unsicher darüber, was genau die Unterschrift jetzt bedeutet. Ob das jetzt alles so richtig ist oder nachher wieder Ärger gibt und sich jemand – meine Betreuerin oder mein Mann – nochmal da melden muss, um zu sagen: „Äh jaha, äh – hier, das ist alles falsch. Das hat Frau Rosenblatt n bisschen falsch verstanden und Quatsch ausgelöst. Bitte wieder richtig machen.“
Die Mitarbeiterin lächelt und gibt mir einige Zettel mit, auf denen alles erklärt ist.
Ich schwanke zu meinem Auto, als wäre es ein Ufo, und versuche, Schritt zu halten mit den viel zu schnell ineinanderklappenden Gedankengebäuden in meinem Kopf. Die Hitze im Auto drückt sich deutlich gegen meine Haut, als ich die Zettel durchlese und mit der Veränderungsmitteilung abgleiche. „Ich bin da echt raus“, denke ich und höre mich ein merkwürdiges Geräusch machen, während R. und A. drauf und dran sind, den Wagen zu starten, um ihre Energie abzuleiten. Ich beschließe, dass es Zeit für eine richtige Reorientierung in meine Erwachsenheit wird, und fahre erstmal tanken. Dann einkaufen.

Zu Hause videotelefoniere ich mit meinem Mann, als ich eine E-Mail zum gestoppten Bewerbungsverfahren entdecke. „Manchmal geht es doch schneller, als man denkt“, beginnt die Nachricht. Und es folgt das zweite Ja, das mir einen Schwung Geigen in den Himmel hängt, als würde das unendliche Platzangebot dort auch richtig genutzt werden wollen.
Inzwischen kann man die Luft schneiden. Ich warte noch auf meine Gefühle. Brüte über den Ereignissen des Tages, als wären sie Eier mit besonders dicker Schale.
Am Abend fahre ich in das Gewitter. Zu Menschen, die mich zu etwas eingeladen haben, das ganz ganz früher, bevor alles kaputtgegangen ist, ein wichtiges Ding für Z. und andere Innere war. Zu jemandem, der mich dabei haben mag, wenn etwas Besonderes bei ihr_m passiert.

Ganz viel später ist die Luft feucht und lau. Steigt als Dampf vom Asphalt und wabert in die Wiesen. Da fahre ich neben dem Sonnenuntergang nach Hause und merke, dass es ohne mich weint, weil es bei jemandem angekommen ist.
Und diesmal definitiv ganz anders „irgendwie gehen“ wird.

drüber sprechen

„Und was genau soll man denn sagen, hm? Hm? Was solls denn bitte sein? Datenausgabe, emotionaler Tieftauchgang ins Drama der gequälten Seele, detaillierte Selbstauskunft – was zum Fick soll es denn sein, worüber man da reden soll?“ Es scheppert zwischen meinen Synapsen. Das dicke Seil um meinen Magen strafft sich. R. ist in Hochform, vibriert unter meiner Haut wie eine frierende Biene.
Wir hatten das Thema schon. Oft. Wirklich richtig oft. Das Schweigen der Opfer, die Ermutigung der Überlebenden, auszusprechen, was sie bedroht hat, die Anhörungen, die Frage, wer wann wozu genau eigentlich zuhört. Jedes Mal habe ich diese kleine Flipperkugel aus Titan in mir drin, die sich tobend gegen jede Wand schmeißt, als gäbe es dafür Punkte. Und jedes Mal baue ich ihr in Gedanken eine Art Durchknall-Labyrinth. „Nur weil dich niemand verstanden hat, als du geredet hast, heißt das nicht, dass das für alle gilt“ – Batsch – „Wenn niemand etwas sagt, wird ES für unsagbar gehalten.“ – Knall – „Worüber nicht geredet wird, bleibt unverändert.“ – Peng – Meine Phrasenkartei reicht, um ihr einen Sarg sicheren Raum zu zimmern. Irgendwann kann ich nicht mehr sagen, ob ich taub für sie bin oder sie mir gegenüber still.

Dann taumle ich mit Felice durch Bielefeld. Die erzählen, davon, dass sie noch nie in Worten über das gesprochen haben, was ich hier und immer ES nenne. Und ich teile mit ihr und allen, die uns später hören werden, dass ich vor allem über DAS, was Helfer_innen getan haben, spreche.
Später frage ich mich, ob ich da gelogen habe. Weil ich eigentlich nie darüber spreche, sondern vor allem darüber hinweg. Mit Substantiven wie Fixierung, Zwang(smedikation), Übertragung, Verstrickung, Projektion, Machtmissbrauch und anderen großen Phraselboxen, die für Lesende und Zuhörende greifbarer, anschlussfähiger, in autoritären Kontexten wie Akademik, Beruf und Behandlung besser einfügbar sind. Unbeeindruckt von Behandler_innen, die sich und ihre helfende Tätigkeit für richtig gut und fern jeglicher Gewalt halten. Mein Faktenwissen stützt mich. Ich brauche keine Ermutigung, keine Ermunterung und dank meiner Veröffentlichungsmöglichkeiten hier und im Podcast auch keine Erlaubnis, auszudrücken, was für ein bodenlos grausamer Zusammenhang sich aus Hilfe ergeben kann. Und warum es wichtig ist, sich damit zu befassen. Sowohl als Üb.er_lebende von Gewalt als auch als Mensch, der von sich selbst annimmt, das nie und nimmer je getan zu haben oder tun zu werden.

Wenn ich mit Helfer_innen spreche, die das Thema berührt, spreche ich auch nie ganz aus, was ich erlebt habe. Wenn es darum geht, Hilfe für jemanden zu reflektieren oder zu verbessern, dann würde ich damit Raum einnehmen, der für andere hergestellt wurde. Wenn es darum geht, Strukturen zu reflektieren oder zu verbessern, dann ist das Risiko hoch, dass meine Erfahrungen (unabsichtlich) bagatellisiert oder anders nicht angemessen beantwortet werden.
In der Realität ist es so: Ich teile meine Betroffenheit von (Helfer)Gewalt mit und meine Gegenüber reagieren darauf, als wäre das eine Art Outing. Radikale Offenlegung. Voll krass. Mutig. Und die Offenheit! – Und ich lasse das so stehen. Wir können Sinnvolleres tun, als darüber zu reden, dass eine Er.Lebensrealität zu teilen keineswegs Selbstoffenbarung ist. Dass es ihre Stigmatisierung von Opferschaft ist, die es ihnen mutig erscheinen lässt, sie sichtbar zu machen. Wir können uns auf unseren gemeinsamen Nenner konzentrieren und miteinander arbeiten. Und der gemeinsame Nenner ist nie DAS DA. Der gemeinsame Nenner ist, etwas dagegen tun zu wollen. ES als etwas aktiv und pragmatisch Verhinderbares verstehen zu wollen.

Ich finde mein zum Opfer von Helfergewalt geworden sein nicht peinlich. Ich schäme mich nicht dafür und halte nichts davon, jene gewaltvollen Helfer_innen für ihr zum_zur Täter_in geworden sein zu beschämen.
Ich weiß – und weiß, dass es alle Helfer_innen wissen –, dass es moralisch, ethisch, menschlich falsch ist, Menschen zu verletzen, die Hilfe brauchen. Es braucht mich und meine Erfahrungen überhaupt nicht ausbuchstabiert präsentiert, um darüber ins Gespräch und in den Prozess zu kommen. Deshalb kostet es mich so wenig Kraft. Deshalb kann ich mich in diesen Zusammenhängen ganz leicht bewegen. Ich kann über meine Erfahrungen sprechen, ohne über meine Erfahrungen zu sprechen. Lügen, ohne zu lügen. Verstecken vor aller Augen. Vermeiden, ohne zu vermeiden.

Und ja, das trägt überhaupt nicht dazu bei, dass ich überhaupt mal „richtig“ drüber spreche. Aber wenn mein wütendes Titanbienchen R. eins absolut offenlegt, dann ist es die blanke Überforderung vor so einem Unterfangen. Denn, was heißt denn „richtig drüber reden“ genau? Sie hat da auf jeden Fall einen Punkt. Gehts um die W-Fragen? Gehts um Gefühle, die ich damals gar nicht wahrnehmen konnte? Gedanken, die ich gar nicht als Gedanken fassen konnte? Was genau für ein Zauber soll denn passieren, wenn man sagt, was genau war? Und kriegt man von der Therapeutin einen Smiley-Stempel ins Therapiehausaufgabenheft, wenn mans richtig gemacht hat, oder wer genau bewertet eigentlich die Richtigkeit des Ausgesprochenen? Auf welcher Grundlage? Und wie genau ist genau?
Und das alles mal beiseite und rein in die Realität – wer geht in die Therapiestunde oder den Beratungstermin und befindet sich nicht in einer Gesprächssituation? Also einer beiderseits zu organisierenden Interaktion und Kommunikation? Niemand nirgendwo jemals würde in Kontakt treten mit: „Und dann hat mir einer die Schulter ausgekugelt – man, war ich froh, dass die mich eh sedieren wollten.“ Und zwar nicht aus Freundlichkeit oder Rücksicht, sondern, weil zum Reden und Schweigen über Gewalt einfach immer auch die Kommunikation von Kontext gehört. Etwas, das mich extrem anstrengt und häufig auch überfordert. Bis ich fertig damit bin, ist eine Therapiestunde einfach mal um. Und ich frage mich hinterher manchmal: „Hab ich da jetzt eigentlich drüber geredet oder nicht?“

Helfergewalt ist genauso komplex traumatisierend wie Gewalt in der Familie. Heim, Klapse, Knast sind einfach stigmatisiert und Familie nicht. Niemand hinterfragt, warum sie_r in eine Familie gekommen ist. Das macht den Kontext entdeckbar. Eroberbar. Deutbar. Heim, Klapse, Knast sind bereits definiert. In Bezug darauf gibt es selten Zweifel über Bezug und Kontextualisierung. So wenig, dass es mir oft widersinnig erscheint, überhaupt die Kraft aufzubringen, um meine Bezogenheit, den Zusammenhang meiner Verwundung, überhaupt zu benennen. Vor allem in der Psychotherapie, wo der Kontext faktisch weitgehend gleich ist.

„Es ist schwierig“, schreibe ich auf die Phrasenkiste, die ich für mich baue. „Es interessiert ja so jetzt akut auch niemanden“ – Bäm – „Windmühlenkampf“ – Bumm – „Was solls, geht auch ohne“ – Wumms.

„Die Wahrheit ist doch, dass niemand von den Beteiligten richtig mit mir darüber reden will.“

Fundstücke #94

Es ist mein erstes Vorstellungsgespräch seit 15 Jahren.
Ich bin hässlich angezogen, fühle mich ekelhaft und unwürdig. Es ist warm, eine Brise verwirft mein ungünstig fallendes Haar auf dem Weg zum Firmengelände.
Es ist das erste Mal, dass ich mich für eine Stelle bewerbe, die meine gesamte Zukunft nicht weiter beeinflussen soll. Mindestlohn, Mindeststunden, ein Jahr für die Mindestzeit, die es braucht, um bei der Agentur für Arbeit um einen Bildungsgutschein zu bitten, der mich formell dahin bringen soll, wo ich mit besseren Entscheidungen früher bereits hätte hinkommen können, hätte, würde, wäre, wenn …

Eine lächelnde Person mit langen Haaren reicht mir ihre kühle Hand, ich will mich entschuldigen. Ich sollte hier nicht sein, nicht so, nicht ich. Mir wird ein Platz in einem Besprechungsraum und ein Getränk angeboten, um auf den Kollegen zu warten. Mit jedem Schluck Wasser drücke ich meine Selbstablehnung hinter meine Aufmerksamkeit. Es geht hier nicht um mich, es geht hier um gar nichts.
Als die Tür aufgeht, bin ich leer und an. Aufmerksamkeit 3000.
Meine Gegenüber sind vorbereitet, sprechen klar und eindeutig.
Es ist ein ziemlich perfekter Arbeitsplatz für mich. Allein, im Halbdunkel, klimatisiert und im Ruhebereich der Firma für eine Stille, die für die Tätigkeit zwingend erforderlich ist. Nächstes Jahr macht das eine Maschine.

Als ich wieder in die Wärme unseres überhitzten Planeten trete, denke ich an jeden Roboterwitz, der über mich gemacht wurde. An das Autistenklischee der kalten Maschine, des seelenlosen Funktionsautomaten.
In den 4 Monaten Probezeit könnte ich es schaffen, viel von dem, was mich gerade an mir abstößt, abzutrainieren. Jeden Tag 30 Kilometer Radfahren, ein Mal die Woche zum Handball, vielleicht noch ein- oder zweimal schwimmen. Ich könnte mich so geil schreddern, während ich nebenbei nichts weiter tun muss als Dinge zu erledigen. Ich könnte ein Roboter sein und weniger Mensch. Ich hätte von der ganzen Nummer also noch etwas, selbst wenn sie dann merken, dass ichs einfach nicht bringe. Wenn sie mich erkannt, durchmein peinlich angestrengtes so tun als obschaut haben.

Zu Hause empfängt mich Bubi mit seinem Begrüßungsgrinsen. Legt sich zu mir, als ich meinem Mann eine Sprachnachricht über den Verlauf des Gesprächs aufnehme. Über dem Boden des Gartens liegt eine Schicht Insektenbewegung. Der Wind streift das Gras, kitzelt die jungen Blätter des Apfelbaums und verliert sich in den Blütenresten der Kirsche. Es ist still, alle sind fertig mit ihrem Rasen, der Hecke, dem Auto. Es ist alles gut und ich könnte schreien, weil ich meinen Körper nicht verlassen kann. Weil ich gefangen bin in dieser Quelle von Ekel, Hass, Zerstörungswut.
Bubi legt mir seinen Kopf auf die überkreuzten Unterschenkel und streckt sich schmatzend. Mit einem tiefen Seufzen schließt er die Augen und schnurrt, als ich ihm langsam und stetig vom Gesicht in die Ohrenspitzen streiche. Es ist alles gut. Und die absolute Ohnmacht.

crazy shit

Ich sitze im Auto und halte meinen inneren Blick auf dem Symbol für „Pause“. Ein Kreis mit zwei parallelen Strichen. Grau bei Deaktivierung, hellgrün bei Aktivierung. Er ist grün, ich kann mich frei und mühelos bewegen. Sicher Autofahren. Ohne Anstrengung Wörter formen. Keine 5 Minuten vorher konnte ich kaum die Augen offenhalten, meine Arme heben, irgendeinen Muskel gezielt anspannen und halten. Crazy shit.

Vor 22 Jahren konnte ich mich noch nicht so manipulieren überzeugen austricksen reinlegen … Glauben, dass die objektive Realität der Gegenwart gleichzeitig mit meiner subjektiven Realitätswahrnehmung existieren kann. Ich hatte noch keine Kontrollerfahrungen. Kein aktives, bewusstes, ich-liches Selbststeuerungserleben. Mir sind die Dinge passiert. Sie haben etwas mit mir gemacht, das meiste davon habe ich weder konkret und zeitgleich wahrgenommen, noch verstanden, noch umfänglich mit mir in Bezug setzen können.

Die Landschaft fliegt an mir vorbei. Das Halten der Imagination kostet mich überhaupt keine Energie. Der Flashback hat keinen Einfluss mehr auf mein Selbst- und Umweltempfinden. Ich bin in der Lage, Energie in die Anpassung an meine Mitwelt zu stecken.
Später wird mir bewusst, wie lang 22 Jahre eigentlich sind. Ich denke darüber nach, ob der Umstand, dass ich es jetzt kann, dieses hilfreiche Imaginieren, mich selbst umfassend reorientieren, stabilisieren, bedeutet, dass die letzten 22 Jahre in Therapie unnütz waren. Nicht hilfreich. Ineffizient.
Oder ob sie wichtig waren, um eine Chance zu bekommen, die Dinge zu erlernen und zu trainieren, die damals als meine Fähig- und Fertigkeiten vorausgesetzt wurden. Einfach, weil man damals noch weniger als heute durchdrungen hat, was es konkret bedeutet, wenn Selbst- und Weltbezug massiv fragmentiert sind.

Ich bin am Ziel. Steige aus, bewege mich absichtlich raumgreifend und aktivierend. Die Lücken zwischen Tätigkeiten sind für mich inzwischen weniger Kluft als Spalt. Ich bemerke sie, ich bemerke meinen Stress in der Transition und Neuausrichtung, aber ich kenne meine Schrittweite. Meine Sprungkraft. Meine Anlaufbedarfe. Und die andere Seite. Meistens. Und wenn nicht, dann, dass ich mit dem Unbekannten interagieren kann. Es passiert mir nicht mehr. Es passiert mit mir. Das macht mich nicht souverän und stark, selbstsicher und unverletzbar, wie ich mir das früher immer und heute noch manchmal wünsche, aber selbst.bewusst.

Die Luft berührt mich, der Boden hält mich, meinen Schritten folgen Geräusche.
Ich habe Angst zu fallen, unerwartet berührt zu werden, mich in meinen Annahmen über den Ort, an dem ich bin, zu täuschen. Und ich gehe weiter. Ich. Nicht jemand wie ich, oder etwas, das so tut, als sei es ich oder mein Körper, gelenkt von etwas, das eher theoretisch ein Ich sein könnte, oder eine formlose Präsenz, umgeben von ferngesteuerter, komplett eigenimpulsloser Masse.
Es ist erstaunlich irrelevant für diese Tätigkeit, wer ich eigentlich bin. Und wie ich beschaffen bin. Und was ich kann. Oder wie ich es kann. Ich erlebe die Augen der Täter_innen immer noch auf mir und oft genug suche ich Versicherung mit ihrem Blick auf mich. Aber ich kann mich inzwischen auch sehen. Kann mir mehr Augen leihen als die der Menschen, die mich verletzt haben.
Ich gehe hier einfach lang. Bin Teil des Moments wie der Laternenpfahl, der Absperrungspoller, der Straßenverkehr, die Tauben auf Futtersuche. Nichts davon ist egal, aber nicht alles relevant für mein Überleben. Mir passiert nichts mehr. Ich passiere Laterne, Poller, Tauben. Die Eindrücke kommen, wirken und flachen wieder ab.

Meine Angst ist ein paralleles Rauschen unter der allgemeinen Harmlosigkeit der Welt. Der rote Rand um die eitrigen Traumastellen in mir. Ich kann sie umgehen. Und ich kann mich nähern. Ich kann sie berühren, verschieben, manchmal auflösen, wenn ich mich gehalten fühle. Kontextualisiert. Bezogen. Verortet. Eindeutig positioniert, beauftragt, ver.antwort.bar.
Wenn die Umstände stimmen, ist es keine Manipulation, kein Selbstbeschiss, kein Trickbetrug an meiner Wahrnehmung, dass beides da ist. Die Angst, verletzt zu werden zu sterben und die allgemeine Ungefährlichkeit des Lebens.

Vor 22 Jahren stimmten die Umstände noch nicht für mich. Ich habe mich in Lug und Betrug an mir selbst gezwungen, weil ich weder die Welt noch mich selbst genug wahrnehmen und begreifen konnte. Ich kannte die Welt als Gefäß, in dem meine Qual, mein Leiden, mein Schmerz, meine Angst passieren. Als randlose Schale, in der ich hin- und hergeschleudert wurde. Ohne Anfang, ohne Ende, ohne Bedeutung, ohne Ziel und dadurch auch immer wieder, fast immer, ohne mich in mir selbst.
Ich musste glauben, dass irgendwas irgendwas bewirkt – ich hatte nie die Chance zu beobachten, wie irgendwas irgendwas bewirkt. Ich musste annehmen, was mir irgendwer über irgendwas erzählt – egal, was davon stimmte oder nicht, ich habe es sowieso sehr wahrscheinlich weder ganz aufgenommen, noch verstanden, noch den Sinn erfasst. Ich selbst konnte mir nie Quelle von Stabilität oder Kongruenz oder Klarheit sein. Was ich wahrnahm und einordnete, entpuppte sich immer wieder als Trittfalle ins Bodenlose, die Dissoziation.

Wieder fliegt Landschaft an mir vorbei. Meine Kopfhörer halten das Dröhnen des Zuges von mir fern. Mein Körper wackelt. Ich fahre zu einem Therapietermin. Bin eindeutig und klar in meinem Ziel der Stunde. Sicher darüber, was ich dafür und dagegen tun kann, um es zu erreichen. Der Raum ist für mich eindeutig und klar. Meine Optionen für und gegen die Zusammenarbeit sind sowohl mir als auch meiner Therapeutin klar.
Es ist der einzige Raum in meinem Leben, in dem das so ist. Der einzige, in dem diese Umstände in Bezug auf alle Aspekte bestehen. Es ist der Raum in meinem Leben, in dem ich glauben kann, dass ich etwas mache, um etwas zu erreichen, weil ich weiß, dass ich es auch nicht erreichen kann oder nicht sofort oder anders als ich dachte. Ein Kontakt, in dem es tatsächlich immer weitergegangen ist, obwohl ich sehr lange sehr oft darin gestorben bin. Wo immer alles wiederkam, was verschwunden, fragmentiert, dekontextualisiert war, weil nichts – auch ich nicht – verschwunden bleiben musste.

Ich erfahre von den Sparplänen der Bundesregierung.
Rutsche in Scham und Ärger, gleite über einen Schmierfilm von Angst und kann mich letztlich nur an meinem Glauben an die allgemeine Kontinuität festhalten. „Es ist nicht egal, aber jetzt gerade nicht relevant.
Wenn es relevant wird, kann ich immer noch prüfen, ob es mich töten wird. Es gibt Gleichzeitigkeit. Es gibt die Gefahr und die unspektakuläre Existenz.“ Innerlich greife ich in das Knäul aus Information und Gefühl und trenne es wie einen Wurzelballen, den ich in zwei Töpfe lege. Nicht egal links, aktuell nicht relevant rechts. Ich lege einen Deckel drauf und schiebe sie in ein Regal meines Hinterkopfes, das meinem Bücherregal im Büro ähnelt.
Ich mache große, weite Schritte durch die Bahnhofshalle.
Als ich hier vor 22 Jahren ausgestiegen bin, wäre mir diese Imagination gefährlich vorgekommen. Wie ein Angriff auf das, was mich am meisten schützt: meine Todesangst. Jetzt macht es mich handlungsfähig. Interaktionsbereit. Stabil. Selbst zur Quelle einer Ordnung. Crazy shit.

Überraschung

Überraschung ist eine Grundemotion, die ich erst im Zusammenhang mit der Autismusdiagnose näher erforscht habe. In meiner Traumatherapie ging es nie um Überraschung. Es ging um mein Kontrollbedürfnis, meine Ängste. Mein kompensierendes Vermeidungsverhalten. Überraschung und Schockerleben waren dabei nie Thema. Mir war selbst überhaupt nicht klar, dass ich Todesängste habe, wenn ich überrascht werde. Dass ich Überraschung vermeide, weil sie mir Angst macht. Dass ich Kontrollgefühle vor allem dafür brauche, um mit meiner Angst vor der Todesangst auf eine Art umzugehen, die unauffällig ist. Angepasst. Nicht peinlich. Sondern ruhig, rational, beherrscht, bewortbar. So, dass mich niemand verletzt.

Man kann Überraschung nicht vermeiden. Aber man kann die Wahrscheinlichkeit dafür absehen. Mustererkennung hilft dabei. Aktives Dauerscannen, traumareaktive Hypervigilanz. Katastrophisieren. Permanente Reaktionsbereitschaft. Hold-the-line-Modus, wann immer Quellen für Unvorhersehbares in der Nähe sind. Anderen Menschen mitteilen, dass man Überraschungen – auch die lieb gemeinten – nicht mag, nicht möchte, nicht schätzt.

*

Die Sonne schien. Die Wärme im Auto bildete eine Glocke um mich.
Ich faltete den Brief zusammen und versuchte, meinen Partner anzurufen. Keine Antwort. Bubi legte den Kopf auf die Rückbank und beobachtete das Treiben auf dem Parkplatz. Der Verlust meines Arbeitsplatzes, die Lüge der Vertrauten hinter der Ermutigung, mich um meine Gesundheit zu kümmern, schwemmte über mich hinweg. „Wusst ichs doch“, stand auf jedem Stachel, der sich aus meiner Panzerhaut schob, um alles Panische vom Jetzt abzutrennen.
Nach der Angst, die Härte. Der Haken aus Stahl, der die Unwürdigkeit jeder Form von Zutrauen und Glauben an die Aussagen anderer Menschen, bestätigt.
Als ich nach Hause fahre, kommt die Trauer. Die Trauer um eine Zukunft, um die ich seit Dezember ringe. Auch das also, kaputt. Kein Kind, kein Job, keine Kraft, keine Hoffnung.
Es hätte so anders werden sollen.
Auf dieses Ist bin ich nicht genug vorbereitet.

*

Überraschungen gehören zu dem, was ich als Alltagsterror empfinde. Sie sind der trauma-re.aktivierende Bestandteil meines Lebens mit anderen Menschen, mit dem ich am häufigsten konfrontiert werde. Nicht, weil Menschen nie tun, was ich sage oder will, sondern, weil Menschen für mich nicht eindeutig vorhersehbar tun, was sie sagen; sagen, was sie tun, und es meistens ein unausgesprochenes Rätsel ist, warum, wozu und welchem logischen Schluss folgend sie es tun oder sagen.
Und es ihnen egal ist.
Sie mich nicht trösten. Selten beruhigen. Die wenigsten sich die Arbeit machen, sich mir zu erklären. Nur manche nah genug an mich herantreten, um mich zum Teil ihres Er.Lebens zu  machen.

*

Mein Partner liest den Brief. Atmet ein und sagt: „Ja, scheiße.“
Ich weine, weil ich begreife, dass ich mich nicht verlesen oder in meiner negativen Annahme geirrt habe.

Sie haben mich angelogen. Alle.
Und weil ich ihnen geglaubt habe, wähnte ich mich in einer Sicherheit, die mir jetzt, ohne jede Vorbereitung, ohne jede Chance auf Widerrede, Beeinflussung oder Zugang zu Verständnis, genommen ist.

Ab jetzt er.lebe ich parallel. Gespalten. Gleichzeitig in unterschiedlichen Dimensionen.

*

Überraschung, Schock, ist ein zentrales Element vieler Traumatisierungen.
Wer überrascht wird, kann sich nicht selbstwirksam erleben. Es gibt kein Kontrollgefühl. Keine Sicherheit über die eigene Existenz.
Überraschung kann nur Spaß bereiten, wenn dieses Sicherheitsgefühl grundlegend da ist. Ich habe dieses Gefühl nie. Selbst dann nicht, wenn ich viel Kontrolle habe.
Jede Überraschung rührt direkt an ein Gefühl von realer Existenzbedrohung.
Und jedem Gefühl der Bedrohung folgt die Dissoziation.

*

Ich scanne den Brief und plane die Einberufung aller nötigen Helfer_innen.
Bahne ein Gespräch beim Verlag an.
Speichere die erste Stellensuche auf der Webseite der Arbeitsagentur.

Spüre, wie sie das letzte Jahr resümiert.
Beobachte, wie er versucht abzuschätzen, ob unsere Kraft für psychiatrische Krisenintervention und ihre erwartbar problematischen Folgen reicht.
Höre ihr beim Sprechen ins Mikrofon zu, während die Hände einer anderen vereinzelte Kröten aus Eimern hervorholt.
Registriere Kämpfe um Essen, Schlafen, Lebenswillen und ‑ziele. Notiere ihre Gewinner und Verlierer.

Als ich einen Tag früher als gedacht von meiner Menstruationsblutung überrascht werde, fühlt es sich an, als würde mir ein knöcherner Schalter im Inneren umgelegt werden.
Mein Partner sagt, es nutze nichts, wenn wir beide traurig seien. Ich spüre hinter mir alles zusammenbrechen und im Melt der letzten Tage versinken.

*

Die Blätter einer Rose sind als sogenannte „Fiederblätter“ angeordnet. Ein Fiederblatt besteht aus mehreren Einzelblättern und trägt so zu einer stabilen Form der Pflanze, aber auch ihrer Gesamtfläche zur Fotosynthese bei. Fällt eines ab, gibt es genug andere. Zum Überleben des Organismus braucht es nur eins. Im Winter nicht einmal das.

Draußen beginnt der Frühling.
Ich organisiere an einem Sommer für mich.
Gestalte Ideen und Pläne für mögliche Verläufe im Herbst.
Den Winter in mir drin, blende ich dabei aus.
Ich weiß, dass er von alleine endet.

*

Das Mismatch mit meiner Umwelt über Überraschungen verlangsamt meine Verarbeitungsmöglichkeiten. Um den Kontakt zu meinen Mitmenschen nicht zu verlieren, kann ich mich nicht auf die Überraschung konzentrieren, sondern muss mich auf das fokussieren, was sie mir anbieten.
Die überraschende Nachricht von meiner Kündigung bedeutet für sie, dass wir über Kündigung und Arbeit sprechen – nicht über die Überraschung. Den Verrat. Den erschreckenden Verlust des Sicherheitsgefühls. Die unerwartete Unmöglichkeit aller Pläne für die Zukunft, die zum Sicherheitsgefühl über die Gegenwart führten. Wir reden nicht über Angst. Meine Todesängste sind einfach undenkbar für sie. Und übertrieben, als ich sie andeute.

Ich kann mir nicht vorstellen, wie die Zukunft aussieht, weil ich nicht weiß, was dort möglich ist und was nicht. Man erwartet von mir ein Grundvertrauen in das Leben, das ich nicht habe. Ich kann nicht „einfach mal sehen“, „einfach mal abwarten, was sich ergibt“. Wenn ich nicht weiß, was ich sehen soll oder muss oder könnte, dann (vorher)sehe ich da nichts. Und wer nichts (vorher)sieht, kann von allem, was dann passiert, nur überrascht werden.

Das ist der absolute Horror.

klebriger Fokus

Und wieder sitze ich meiner Therapeutin gegenüber und esse.
Es ist 12 Uhr, wir wollen arbeiten, mein Treibstofftank ist leer.

Ich habs gewusst, ich hatte einen Timer und ein safe food dabei und hab’s trotzdem nicht gemacht. Mein Fokus hat noch an einer Aufgabe geklebt, die ich unterbrechen musste, um zu ihrer Praxis zu laufen. Der Timer ist an mir vorbeigeflogen. Ich weiß nicht, wie ich zur Praxis gekommen bin. Aber ich weiß, dass ich darauf geachtet habe, dass ich so pünktlich da sein würde, dass ich die Aufgabe noch zu Ende bringen konnte, damit ich vor der Therapie aufhören kann, daran zu denken.
Meine Therapeutin fragt, ob ich im Hyperfokus war. Ich verneine.
Das Wort finde ich ungünstig. Es legt eine Übertriebenheit nahe, eine Obsession, die ich nicht hatte und bewusst auch noch nie erlebt habe.

Ich verstehe meine Aufmerksamkeit als Folge einer Verklebung. Als „klebrigen Fokus“. Ich gehe durch die Welt und habe so etwas wie geistig adhäsionsfreudige Fäden, die sich an Themen, Dingen, Leuten, Stimmungen, Gefühlen, Gedanken, Geräuschen … allem Möglichen anheften, bis es fertig ist. Fertig erfasst, fertig verstanden, fertig verlaufen, abgeschlossen, vergangen. Ich kann nur bedingt steuern, woran sie sich anheften, und überhaupt nicht, wie lange. Und ziemlich sicher bin ich mir, dass meine Fadenklebrigkeit mitunter sehr viel stärker ist, als die vieler meiner Mitmenschen. Manchmal habe ich den Eindruck, sie hätten nur Post-it-Klebezettel-Klebrigkeit, während es bei mir die Art Leim ist, die man bei Fehlern innerhalb eines kleinen Zeitfensters zwar noch korrigieren kann, aber nicht ohne eine erhebliche Macke zu produzieren.
Bin ich stabil und gut drauf, hat dieser Leim etwas mehr Flexibilität – bin ich drauf wie im Moment, kann davon keine Rede sein.

Nach der Stunde denke ich weiter darüber nach.
Essen ist eine andere Aufgabe, als das, was ich noch fertig machen wollte. Und etwas anderes als Therapiearbeit. Sie hat mit weder mit dem einen noch dem anderen zu tun. Solche Wechsel bereiten mir immer Schwierigkeiten. Das sind die „Gleiswechsel“, von denen ich in „Starre unterscheiden“ geschrieben habe. Je komplexer die neue oder auffolgende Arbeit ist, desto schwerer ist so ein Wechsel für mich.
Und Essen ist ultrakomplex für mich. Da sind 28 Jahre Essstörungsmurks, diffus erinnerter Traumashit, Sensorik und Unverträglichkeiten mysteriöser Natur mit einem kaum vorhersehbaren Lauf der Dinge zusammenzubringen. Klar bringe ich für einen solchen Gleiswechsel tendenziell eher nicht die Kraft auf, meine Aufmerksamkeitsfäden von etwas anderem abzureißen – vor allem nicht, wenn die noch gar nicht „fertig sind“ und sich noch gar nicht von allein auf meine Körperwahrnehmung geheftet haben.

Ich denke aber auch an die Leute bei Instagram, die von einem Hyperfokus sprechen, wenn sie sich obsessiv zügellos rücksichtslos intensiv in Dinge einarbeiten. Und die paar Leute, die dazusagen, welchen Preis so ein Zustand hat, wenn man aufgrund einer Neurodivergenz dazu neigt. Und darüber, dass ein sogenannter Hyperfokus sich auch auf destruktive oder unsinnige, unproduktive, überhaupt nicht nützliche Dinge legen kann, die das gesamte Umfeld (über)belasten, habe ich bisher nur eine Person reden hören.

Dann kommen Erinnerungen an meine Eltern auf. Meine Mutter, die mir nicht glaubt, dass ich sie nicht gehört habe, weil mein Gehör in Ordnung ist. Mein Vater, der mich durch die Luft wirft und verprügelt, weil ich nicht gehört habe, dass er mir gesagt hat, was ich noch erledigen soll. Oder, weil ich etwas erst fertig machen wollte, bevor ich tat, was er wollte. Oder, weil es ihm zu lange gedauert hat, bis ich etwas so fertig hatte, dass ich selbst auch das Gefühl hatte, dass es fertig war. Oder, weil ich, während ich tat, was er mir aufgetragen hatte, nicht hörte, dass er oder meine Mutter oder andere Autoritätspersonen mit mir gesprochen haben.
Ich kann nicht wissen, wann ich früher immer dissoziiert habe und wann meine Kapazitäten zur Verarbeitung von Reiz-Input zu fragmentiert waren, weil „meine klebrigen Fäden“ ausschließlich auf einer Sache lagen. Aber ich finde es eine bemerkenswerte Redundanz in meinem Leben, dass auch mein Mann inzwischen aufgegeben hat, mich zu rufen, weil ich ihn einfach nicht höre, wenn ich nicht darauf eingestellt bin, ihn hören zu müssen.
Und, dass zu dieser Redundanz gehört, dass ich in diesen Momenten überhaupt gar nicht hyper bin, sondern einfach ich selbst. Entspannt, selbst.sicher, beschäftigt.

Ich nenne es „hold the line“, wenn ich weiß, dass ich spontan für alles Mögliche mit aufmerksam sein muss. Andere autistische Menschen nennen es „Servicemodus“. „Mom on the spectrum“ hatte zu dem Thema neulich einen Livestream bei YouTube. Dort wurde es als Überlebensstrategie besprochen.
Wenn ich im „hold the line“-Modus bin, dann ist es, als würde ich mit beiden Händen jeweils ein Büschel dieser klebrigen Fäden festhalten, auffächern und auf mögliche Ansprachequellen richten.
Das hat ganz eigene Konsequenzen. Meistens die, dass das, was ich eigentlich machen möchte, gar nicht richtig oder nur unter großer Anstrengung funktioniert. Vernünftig laufen, zielgerichtet und selbst.bewusst sprechen, feinmotorisch tätig sein, rechnen, Entfernungen abschätzen, mich örtlich zurechtfinden, sensorischen Input diskriminieren, andere Menschen sozial „lesen“, Dinge aus dem Kurzzeitgedächtnis abrufen, zum Beispiel. Wie auch – ich halte ja wichtige Kanäle belegt, über die ich den Datendown- und ‑upload meiner Lebensinteraktion erledige.

Polly Samuel hat das unter dem Namen Donna Williams schon 1996 in ihrem Buch „Autism, An Inside-Out Approach“ mit einer Metapher, ähnlich wie meine mit den klebrigen Fäden, beschrieben. Für sie war Autismus eine gemischte Tüte einander bedingender und beeinflussender Verarbeitungsprozesse. Sowohl sensorisch als auch psychisch und emotional. So betrachtet, war meine Lage nicht nur: „Ich hatte da ein Ding, das ich fertig haben wollte, und Essen vor dem Termin war keine Priorität.“
Sondern: Ich war in der Stadt, in der Bücherei, da darf man nicht essen. Dort war es ruhig genug, dass ich mit meinen Noise-Cancelling-Kopfhörern ohne Anstrengung meine Aufgabe machen konnte und auch den „Gleiswechsel“ in die nächste Aufgabe, nämlich den Weg zur Praxis, anstoßen konnte. Aber die Aufgabe war noch nicht fertig (meine klebrigen Fäden hatten sich noch nicht vollständig gelöst). Ein Büschel klebte noch daran, während ich mit dem Rest losmusste. Entsprechend fragmentiert war meine Wahrnehmung des Weges, entsprechend stressend waren Lärm, Leute, Umgebungsfaktoren wie Wind, Licht, Temperatur, Gerüche und Zeitdruck. Was wiederum mein Konzept über meinen Tagesablauf berührt hat. Ich wusste ja, warum ich die Aufgabe fertig haben wollte. Sie jetzt nicht passend fertig zu haben, bedeutete, dass ich mir nicht sicher darüber sein konnte, was nach der Therapiestunde passieren würde. Das bedeutete für mich noch mehr Stress und auch Angst, die reguliert werden muss. Dadurch stieg das Risiko, noch früher noch müder vom Tag zu werden als eingeplant und entsprechend noch viel mehr Stress zu erleben, weil die Verarbeitung des Inputs immer anstrengender und fragmentierter wird. Also noch mehr, wofür ich eigentlich „alle meine Fäden“ zur Kompensation brauchen würde.
Ich war in einem Verarbeitungsdelay und wusste, dass meine Möglichkeiten, das aufzuholen, an dem Tag sehr begrenzt waren. Und in all dem Stress und der aufbrandenden Angst zu essen, hätte meinen Delay, meinen „geistigen Stau“, nur eskaliert. Obwohl es Teil meines Tagesplans war, obwohl ich weiß, dass es wichtig ist, obwohl ich weiß, dass Therapiearbeit ohne Energie eher belastend als hilfreich ist.

Gleichzeitig, war es keine bewusste Entscheidung von mir, das Essen auszulassen. Vielmehr wurde die Handlungskette fragmentiert und der Punkt „Essen“ wurde zu einer Information mit unvollständigem Bezug. Genauso wie der Timer, der mich zum Essen prompten sollte. Ich konnte damit nichts anfangen. Ich habe ihn wahrgenommen, habe gewusst, dass es wichtig ist – aber wofür, wieso und wann und wie ich das umsetzen muss/kann/soll/darf, war für mich nicht mehr beisammen. Die Sache, die ich noch fertig machen wollte, und der nächste Termin hingegen waren mir noch klar. Also habe ich sie weiterverfolgt.
An der Stelle finde ich außerdem noch wichtig zu erwähnen, dass ich innerlich keinen Konflikt hatte. Keine traumapanischen Inneren, keine strengen Antreiber*innen, keine überhungrigen Kinder. Ich habe mich nicht gegen den Hunger gezwungen oder war eingenommen von Katastrophenszenarien, die passieren könnten, würde ich das nicht fertig machen. Ich habe nur gedacht: „Boah nee, ich will nicht an diese Aufgabe denken, wenn ich in der Therapiestunde sitze, und ich habe heute einen ganzen Tag im ‚hold the line‘-Modus, ich kann nicht noch mehr davon abgeben (ohne Anlass zu tatsächlich begründeten Ängsten vor Katastrophen aller Art zu geben).“

Den inneren Konflikt hatte ich erst, als ich im Therapiesetting und bei mir selbst ankam. Die Aufgabe fertig war, der Termin lief und der Tag für mich geistig wieder in überschaubare Ordnung zusammenrückte. Da kam das Hungergefühl wie eine Abrissbirne, während ich eigentlich etwas anderes zu tun hatte.
Und jemand anderes auch. Meine Therapeutin nämlich. – Sowas stresst und ängstigt mich unheimlich tief. Da kommen die Kinderängste raus, die brettharten Bestimmer*innen, der Druck, der Zwang, die Not, die Wirrheit, weil sich keine mögliche Lösung aus mir selbst heraus wirklich sicher anfühlt. Dann wird gekreiselt, gehasst, gekämpft, gequält, gelitten und ich fühle mich dem immer noch schneller ausgeliefert als lösungserfahren kompetent. Obwohl ich schon öfter (immer in Krisenzeiten) wenige Minuten nach Beginn der Stunde essen, trinken, zur Toilette gehen, unbequeme Sachen umziehen oder herausfordernde Momente auf dem Weg zur Praxis besprechen musste. Meine Therapeutin hat mir immer vermittelt, dass das in Ordnung ist, weil auch das dazu beiträgt, dass die Arbeit hilfreich ist.
Doch auch in diesen Momenten greift die Adhäsionsfreudigkeit meiner Geistesfäden. Die liegen im Therapietermin überwiegend auf dem Thema der Stunde, nicht beim Ankommen im Kontakt zu meiner Therapeutin, die erst einmal meinen aktuellen Zustand abfragt. Also muss ich wieder Fäden abreißen … die nächste Wolke fragmentierter Informationen verarbeiten … hinnehmen, dass auch das Thema der Stunde in Teilen oder komplett fragmentiert, bei mir ankommt … hoffen, dass ich in der Folge genug Ruhe habe, zu prozessieren … und gleichzeitig wissen, dass ich diese Ruhe immer nur dann habe, wenn ich ganz mit mir allein bin. Ohne „meine Fäden“ zu kontrollieren.

Wenn meine Therapeutin mir eine gute Erfahrung ermöglicht, passiert das meistens schon in einem Moment, in dem ich fragmentiert wahrnehme und innerlich kampfkreisle. Dann kann es sein, dass ich höre und kapiere: „Okay, ich kann hier essen“, aber alles andere, was zu einer Sicherheitserfahrung gehört, ist unter Umständen noch gar nicht bei mir angekommen, sondern sickert in Momenten wie diesem hier, wenn ich davon schreibe (allein und abgeschirmt in meinem Büro), nach. In der Situation bin ich nicht dazu fähig, einzuschätzen, in was für einer Lage ich gerade bin. Welche Emotionen in mir wirken. Ob ich gerne da bin oder nicht. Ob mir schmeckt, was ich esse. Obwohl ich räumlich und zeitlich absolut orientiert bin. Was mir dann klar ist, mache ich bis es fertig ist. Und dann geht es weiter mit dem einen nächsten Ding.

„Ach Frau Rosenblatt, wo fangen wir denn da an?“, hat meine Therapeutin in der Stunde an einer Stelle geseufzt, an der ich sie ein wenig in diese Dynamik habe blicken lassen. Stellt sich raus, dass ich tatsächlich mit komplexen Abläufen arbeite, erheblichen mental load in meinen sozialen Kontakten jongliere und die Folgen meiner Traumatisierungen das alles sehr stark stören und immer behindern.
Egal, wo man da anfängt, ist es komplex und schwer.
Aber um ehrlich zu sein, bin ich im Moment auch froh, dass meine aktuelle Krise meine Kompensation so sichtbar macht. Es ist heute viel leichter für mich, mit meiner Therapeutin darüber zu sprechen. Es ist mir trotzdem noch peinlich, vor ihr zu essen oder zuzugeben, an was für basalen Stellen ich gerade nicht gut zurechtkomme. Aber es ist leichter für mich, meine geistigen Fäden von diesen Gefühlen und Ängsten abzutrennen, bevor sich alle gleichzeitig drauflegen und gar nichts mehr bei mir ankommen kann.

der Friseurinnentermin

Als ich eintrete, beschlägt meine Brille.
Im Raum hallen Föhn, Wasser und Schritte. Die Gespräche darin tauchen auf und ab wie die Köpfe von Wellen auf offener See. Es ist ein Termin nach einem Termin, der vierte Tag ohne vertraute Routinen. Am Morgen wurde mein Zahn versorgt, die taube Wange hängt noch ein wenig. Das ist alles nicht ideal, aber die Alternative ist es auch nicht.

Lange kann ich das nicht mehr halten. Diese Atmung, die ich nach unten erzwinge, damit sie weder zu schnell noch zu offensichtlich ist. Die Spannung im Rücken, damit sich nicht irgendwas spontan aufrichtet, die Arme hochreißt und in die Luft greift. Oder in mein Gesicht, in meine Haut, mein Fleisch, meine Haare. Die Härte im Nacken und was auch immer ich da an meinen Ohren mache, damit mir die Geräusche weniger laut erscheinen.
Als ich meine Brille abnehme, damit die Friseurin meine Haare waschen kann, bemerke ich, dass ich, was auch immer ich da mache, auch immer noch halte, um weniger zu sehen. Doch als mir die Massagefunktion des Sessels in den Rücken boxt, ist es mir zu wenig. Da merke ich, wie ich mich in diesen Kontakt reindrehen will, damit er mir richtig wehtut. Es soll nicht nur so angedeutet sein, sondern richtig. Ich bitte die Friseurin, die Funktion auszuschalten. Über einen verzweifelten Druck hinweg liege ich auf diesem Stuhl und denke mich als flachen Stein, über den ein ganzer Fluss hinwegfließt.

Ich bin nicht gerne beim Friseur. Ich mag das alles nicht. Der Fokus auf mich, das angefasst werden am Kopf, das Reden über das, was man wie will, die merkwürdigen Komplimente, die Luft, die Geräusche, die Gerüche, das Kitzeln der abgeschnittenen Haare, die es doch unter den Umhang schaffen.
Aber ich liebe Autowaschanlagen. Ich mag das Durchfahren durch einen lauten, nassen Stinketunnel, dessen Wuschelstrukturen rhythmisch drehend alles vom Auto spülen, was nicht so schön ist und das Abtrocknen der letzten feinen Tropfen.
Also versuche ich mir das Ganze als Fahrt durch eine Waschanlage zu verkaufen. Das klappt ganz gut, bis ich mich im Spiegel sehe und merke, dass alles, was ich will, Schmerz, Hass und kaputt sein ist. Wie ich mir die Haare ausreißen, meine Zähne in mein Fleisch schlagen, ich mich zerstampfen und auseinanderreißen würde, wäre ich nicht in diesem Käfig aus Muskelstahl und Versteckhaut.

Meine Alltagsschicht ist ganz profan. Ganz die bald vierzigjährige Trine Dumpfbeutel ist mein einziges Thema, dass ich bitte nicht wieder einen Bob haben will, weil „nur das bei mir aussieht“. Ich bin fett, I know, aber kann ich bitte nicht deshalb immer so einen Raschelvorhang am Kopf behalten müssen? Wenn Sie mich schon anfassen und mit stinkendem Klebezeugs belästigen müssen, kann ich bitte wenigstens mal was anderes als sonst haben? Was Kurzes, was zum Spielen, was zum in Ruhe lassen …
Ich bin richtig peinlich. Und das Gespräch mit der Friseurin verläuft so, dass ich bei ihren ersten Schnitten heulen könnte, weil ich mir sicher bin, dass ich den Laden wieder mit einer bob-artigen Situation auf dem Kopf verlasse.

Es dauert eine Weile und ich merke, dass das wieder so einer „dieser Momente“ ist. Eigentlich bin ich richtig fertig. Total erschöpft und froh mich selbst gewissermaßen blind und taub machen zu können. Wenn ich will, kann ich es mir auch noch total egal machen. Einfach ganz desensibilisiert dafür sein, was passiert und das Ereignis verstreichen lassen.
Und gleichzeitig will ich genau das ja insgesamt weniger nötig machen. Ich möchte nicht mehr täglich von meinem durch die Länge der Haare allein schon unübersehbaren Haarausfall in Sorgen über meine Fertilität geraten. Ich möchte den permanenten Zug auf meiner Kopfhaut vom Zopf nicht mehr haben und die ständige Geräuschkulisse vom Reiben der Haare über die Kleidung auch nicht. Und der schmerzhafte Haare-kämm-Krampf nach dem Schwimmen – es wäre angenehmer ohne.
Ich muss mich nur trauen, das haben zu dürfen. Mich nur anstrengen, das so zu bekommen, wie ich das möchte. Mehr nicht. Ich muss jetzt nur in die Situation rein und dranbleiben und mich kümmern. Die Spannung halten. Die Angst balancieren. Den Traumascheiß von der Waage kippen und mit Realität ersetzen. Alles, was ich tun muss ist, das Leben anzufassen, dessen Berührung ich selbst gerade kaum aushalten kann.

Dafür nehme ich dann Anlauf. Beobachte die Friseurin. Versuche mir zu erklären, was sie macht und was ihr nächster Schritt sein könnte. An einem Punkt merke ich, dass sie nach einer anderen Schere sucht und mein Haar erneut befeuchten muss. In dem Moment wiederhole ich, was die Person neben mir vor 10 Minuten gesagt hat: „Zeigst du mir mal hinten? Die Länge an der Seite gefällt mir schon gut.“
Ab da geht es ganz leicht. Ich kann aus den Gesprächen in der Luft die Teile herausfischen, die mir nutzen. Die Friseurin versteht mich und schneidet mir keinen Bob, sondern was Kurzes mit was Längerem. Wenn ich jetzt alle 5 bis 6 Wochen wiederkomme, muss ich nichts mehr erklären, sondern nur „bitte nachschneiden“ sagen. Das kann ich ja üben.

Draußen ist es so kalt, dass ich mich dran anlehnen kann.
Der Dauerzug ist weg. Mein Kopfbereich erscheint mir konturierter in meinem geistigen Bild von meinem Körper. Jetzt ausruhen. Zurück in den Bereich, der alles zusammenhält. Statt mit der ganzen Hand mit einer Fingerspitze im Leben stehen. Das ist okay. Fürs Leben muss man Kraft haben. Um Kraft zu schöpfen, muss man sich welche er.holen.