Autismus und DIS, Innenansichten, Lauf der Dinge

das Loch, die Dunkelbunten und “das Verleugnen der eigenen Vergangenheit”

Jane schreibt bei Twitter, dass ihr die komplette Ausblendung der früheren Leben(sumstände) von Transpersonen problematisch erscheint.
Auf dieses Thema will ich hier nicht näher eingehen, aber ich empfehle sehr, den Thread dazu zu lesen, denn viele Personen, die trans* sind, haben sich dazu geäußert und ich finde, dort gibt es viel zu lernen.

Woran mich Janes Haltung erinnert hatte, nachdem ich verstanden habe, worum es ihr geht, möchte ich hier aufschreiben. Auch, weil das Thema des inneren Ausstiegs und unsere Auseinandersetzung mit den Innens, die wir “dunkelbunt” nennen, im Moment viel da war.

Also.
Es geht darum, dass man irgendwann im Leben etwas von sich versteht. Da wird etwas bewusst und dann wird aus dem Leben, das man immer irgendwie so ertragen hat, etwas, von dem man spürt, dass man es verändern muss. Weil man sonst kaputt geht. Also stirbt.
Entweder, weil man so wie wir real in gewaltvollen Kontexten gelebt hat, die mit Lebensbedrohung einher gingen oder, weil man ganz dringend spürt, dass man sich selbst tötet, um es nicht mehr ertragen zu müssen.

Da beginnt die Zeit, in der man das, was man da (von sich) verstanden hat einordnen muss. In der man anfängt sich zu überlegen: Was bedeutet das jetzt für mich? Was bedeutet das in Bezug zu mir als Person, als (Lebe?-) Wesen und meiner Umwelt? Was kann ich mit dem neuen Wissen über mich anfangen?

Für uns war der erste Moment der, von dem ich schon einmal geschrieben habe.
Der Moment, in dem ich Origamifische, auf denen Anti-Gewalt-Slogans standen, an die Wand meines Zimmer klebte, weil ich verstanden hatte, dass mein Vater mich schlug, weil er selbst geschlagen worden war. Im Zuge dieser Auseinandersetzung fiel mir auf, wie unfair ich es fand, dass er geschlagen wurde – mir selbst gegenüber aber nichts weiter als abgeklärtes Schulterzucken aufbringen konnte.
Das war etwas, das mich irritierte und nie wieder losgelassen hat. Bei keiner Ohrfeige, keiner Demütigung, bei nichts was er mir danach noch antat, konnte ich darüber hinwegdenken, wie schlimm das für ihn gewesen sein muss, das zu erleben, während ich selbst neben mir stand und seine Hand auf ihrem Weg in mein Gesicht beobachtete – und nichts fühlte außer Irritation, Verwirrung und das, was man eben fühlt, wenn man merkt: da ist etwas unfair.

Für uns hat sich damals eine gefährliche Dopplung aufgetan. Denn es war immer schon Irritation, “etwas ist nicht richtig” und “hier läuft etwas nicht, wie es soll” im Raum, bevor er die Kontrolle über sich verloren hat und meine Gefühle kamen noch dazu. Für mich hat damals nichts mehr Sinn ergeben. Weder sein Austicken, noch meine Gedanken und Gefühle dazu.
Meine Auseinandersetzung endete mit der Gewissheit, dass ich selbst nichts daran ändern konnte. Ich konnte mein Bewusstsein nicht wegdrücken und ihn hatten wir noch nie ändern können. Das einzige, was ich, was wir machen konnten, war wegzugehen.

Nicht als großer Selbstbefreiungsschlag, mit Gefühlen der Überlegenheit oder der Idee zu wissen, was genau wir da eigentlich entscheiden, denn wir waren 15/16 Jahre alt und mehr als “Hauptsache das hört auf und ich überlebe”, habe ich nicht gedacht.
Es war auch keine Entscheidung, die sich in Abgrenzung zu den Personen in der Familie° abgespielt hat. Es ging um die Abgrenzung zum Tod, dem wir uns zu der Zeit so nah gefühlt haben, dass das alles war, was wir überhaupt als etwas empfunden haben, wovon wir uns noch abgrenzen können.

In den folgenden Jahren lebten wir anders. Wir wurden gesehen, nicht mehr von den Leuten geschlagen, die uns beschützen sollen. Dass wir viele sind konnten wir endlich mitteilen und als etwas begreifen, das tatsächlich da ist. Das ernstzunehmen ist, das respektiert werden muss, das nie entschieden wurde, sondern ist, wie wir als Einsmensch/Individuum gewachsen sind.
Wir wurden von außen anerkannt und das war die erste Stufe dessen, was wir als Selbst_Verwirklichung bezeichnen. Wir begannen uns als echt zu erleben. Als etwas, das am Leben ist und auch so behandelt werden muss, um es zu bleiben.

Es hat noch viele Momente gegeben, in denen der Tod eine große Rolle gespielt hat, aber mit jedem Mal ist auch das Bewusstsein erstarkt, dass es uns wirklich gibt. Dass wir wirklich leben und da sind und echt sind und wahrhaft sind.
Dieses Bewusstsein haben wir uns hart erkämpft. Das ist uns nicht in die Wiege gelegt worden, indem uns Menschen willkommen geheißen haben und uns bedingungslos geliebt und versorgt haben – nein, das haben wir uns in einem Umfeld erkämpfen müssen, in dem wir von Anfang an nicht willkommen waren, wie wir waren und sind.
Das ist die eigene Familie am Anfang gewesen und heute ist es noch immer die Gesellschaft, die Identitäten in genau zwei Geschlechter, drei Altersklassen, drei Gesellschaftsschichten und zwei Zustände der Befähigung einsortiert.

Wir haben neulich mit Renée darüber gesprochen, wie lange wir schon in Therapie sind und warum.
Dass die Gewalt ihre Spuren und ungünstigen Anpassungen in uns hinterlassen haben, ist das Eine – das Andere ist, dass wir nachwievor darum kämpfen müssen, nicht immer wieder zu vergessen, dass es uns wirklich gibt, obwohl die Gesellschaft und ihre Strukturen da draußen so tut, als gäbe es uns nicht.
Dass wir uns nicht verunsichern lassen, wenn Menschen so tun, als würde die Körperlichkeit darüber bestimmen, wer oder was man “eigentlich” ist.
Dass wir nicht den Mut verlieren, wenn strukturelle Versorgungslücken im System dazu führen, dass wir an Herausforderungen scheitern, weil man uns aufgrund der Abwesenheit von zugänglichen Hilfen, den Bedarf danach abspricht.

Das sind alles wir. Die Gewaltfolgen, der Autismus, das Queersein, das Armsein, das Ohnefamiliesein und damit auch: das Ohnesowiefrühersein.

Wir grenzen uns heute ganz aktiv und ganz bewusst von der Familie° und von Freund_innen ab, die all das nicht in uns annehmen und akzeptieren.
Die, als die wir früher gelebt haben, gibt es heute nicht mehr und nichts von dem, was wir damals mit_gemacht haben (lassen (mussten)), wollen wir heute noch in unserem Leben.

Die Momente, in denen wir an früher denken, sind keine schönen. Auf jede gute Erinnerung, die wir uns annehmen und als gut bewahren wollen, keimt die Bitternis darum auf, dass wir damals schon wussten, dass wir kein “Mädchen” waren, nicht geliebt waren, keinen Tag ohne Verletzung erlebt haben und uns nie “normal” oder in echter Verbindung mit anderen Menschen gefühlt haben, weil wir ganz klar nicht die gleichen Er_Lebenserfahrungen machten. Und, weil wir heute wissen, dass und wie sehr, wir damals schon darunter gelitten haben und das immer wieder beiseite gedrückt und/oder dissoziiert haben.
Manchmal damit sich andere Menschen mit uns wohl fühlten, meistens einfach nur um “keinen Ärger zu machen” oder “uns nicht in den Vordergrund zu drängen” oder “uns nicht wichtig zu machen” – um zu überleben.

So ein Leben nicht weiterführen zu wollen ist legitim. Es ist legitim, wenn wir uns mit Hannah ansprechen lassen, uns als queer bezeichnen und wollen, dass das akzeptiert wird. Es ist legitim, wenn wir nicht 24/7 daran denken wollen, dass es Zeiten gab, in denen das nicht so war. Es gab nichts Gutes in unserem Früher, denn es hatte nichts mit uns zu tun. Es gab immer wieder nur Gutes für Menschen, die es gut fanden (und finden), wenn wir uns so weit zurückstellen, dass es uns nicht mehr gibt. Ganz wahrhaftig und voll und ganz so wie und wer wir sind.

Für uns hat das 0 von “die eigene Vergangenheit leugnen”.
Für uns ist das Leben. Das Leben für das wir uns entschieden haben, nachdem wir bewusst hatten, dass es uns gibt – völlig unabhängig davon, wie und ob andere Menschen uns sehen.

Für unsere “Dunkelbunten” bedeutet das unheimlich schmerzliche Ablösung, der sie sich auf ihre ganz eigene Art entziehen (wollen).
Wir sind heute nicht mehr so unbewusst füreinander wie früher. Sie haben all unsere Entwicklungen immer irgendwie verschlängelt, manchmal verspätet und teilweise auch nur bruchstückhaft mit_wahrgenommen – sich selbst aber nie den Raum genommen (oder von uns zugestanden bekommen) ihre eigenen Erkenntnisse auszubreiten oder sich selbst wahrhaftig am Leben seiend wahrzunehmen.

Ums gleich zu sagen: Es geht dabei nicht darum, dass wir sie gerne ein paar Runden über eine von Sonnenlicht geflutete Wiese mit Bambi und seinen Freunden schicken wollen, damit sie sehen wie toll es doch eigentlich ist und wie viel schlechter es damals war.
Es geht darum, dass unser Bewusstsein um uns auch ihres werden und in ihrer Sicht auf unser Sein in dieser Zeit heute, ganz eigene Auswirkungen haben kann.

Während es für mich immer wieder darum ging, mich zu fragen, wie ich trotz des Lochs, wo mal meine Kindheit und Jugend in der Familie° waren, ein erfülltes Leben haben und gestalten kann, ging und geht es für de Dunkelbunten in weiten Teilen nachwievor darum, wie sie ihren Wunsch/Drang/Impuls am Leben sein zu wollen, damit vereinbaren können, dass sie (durch unser Verhalten und Bestimmen im Außen) gerade überhaupt gar nicht so leben, wie sie es doch so lange sollten und als gutes/richtiges Familienmitglied auch ertragen getan haben.
Das ist ein schwerer Konflikt.

Und mehr als Leben (so wie es jetzt gerade ist)_szeit und Raum darin können wir nicht geben.
Es geht nicht mehr zurück.

Und das ist gut so.

Lauf der Dinge

vom Schluss machen und Kontrolle

Wir schauten auf die vielen kleinen Zettel vor uns, auf denen jeweils eine Sache steht, die bei uns gerade zu tun ist. Viele kleine Zettel. Viele Dinge. Alle irgendwie gleich laut auf uns einbrüllend, gleich wichtig, gleich dringend und sowieso schon eigentlich hätte würde wenn seit gestern schon hätte müsste erledigt gewesen worden sein.
“Was davon könnte ihnen denn Kraft geben, wenn sie es schaffen?”, fragte der Begleitermensch und gab noch ein bisschen Hilfestellung mit seinen Ideen zur Einordnung der Dinge. Wir entschieden uns für aufräumen. Platz schaffen. Sauber machen.
Und es war gut so.

Wir sortierten Kram und fuhren zum Wertstoffhof. Dort stopfte ein Bagger Elektroschrott der Klasse X tiefer in die Mulde, während direkt neben mir drei Männer ein Sofa und zwei Sessel in einen Container mit Sperrmüll hievten. Irgendwo klirrte es und eine Plastikplane flog über den Boden. Ein Mann in orange trug einen Krug aus Messing wie ein Baby im Arm von den Containern weg. Der Begleitermensch fragte, wie es mir ginge, ich sähe so wehmütig aus und ich überlegte, ob ich wehmütig war.
Nein, eigentlich nicht. Ich mag entrümpeln. Dinge rausschmeißen, Kompromisse beenden, Schluss machen, die Scheidung einreichen von Dingen, die nur noch da sind, weil ich sie nicht weit genug wegtragen kann. Ich mag es, wenn ich einmal mehr über etwas nicht so tun muss, als wäre es nutzbar, nützlich, gut und wichtig.

Doch dort auf dem Hof wurde mir klar, wie normal es ist, dass Dinge kaputt gehen und nicht mehr behalten werden. Es ist so normal, dass man große Sammelstellen dafür einrichtet, damit die Dinge recycelt oder vollständig vernichtet werden können. Es ist niemandes schuld. Niemand schafft es alles für immer und immer zu nutzen. Kaputt können Dinge auch dann sein, wenn sie nicht danach aussehen.

Mir wurde klar, wie nicht normal es ist, sich noch immer mit den Handtüchern abzutrocknen, die Oma uns geschenkt hatte, als wir irgendwas zwischen 12 und 15 Jahre alt waren. Wie nicht normal es ist, diesen Stapel CDs und Bücher, den wir der der Familie* geklaut haben und die x Pullover und Shirts, die uns die Mutterfrau aus dem eigenen Kleiderschrank gegeben hat, noch immer zu besitzen und im üblichen Fundus des Wohnraumgerümpels kreisen zu haben. Wie nicht normal es ist, so wenig ganz eigenes zu besitzen – so weniges, bei dem es nicht um die Art Kompromiss geht, die Un_Funktionalitäten ausgleicht.
Und: wie nicht normal es ist, den Gedanken nicht ertragen zu können, irgendetwas von diesen Gegenständen in so einem Container landen zu lassen.

Später saugte ich durch die Wohnung und räumte meine Kassettensammlung um. Mir fiel ein, wie meine Eltern meine sehr umfangreiche Kassettensammlung entsorgt hatten, nachdem ich das erste Mal weggegangen war. Es waren unheimlich schöne Hörspiele darunter, die meisten wurden seit den 80ern nicht wieder aufgelegt. Es war ein unwiederbringlicher Verlust und die Kränkung durch ihren Umgang mit unserem Schatz war enorm. Es war ja nicht nur schön sie anzuhören – die Sammlung war eines der Dinge, die wir heute als Spezialinteresse bezeichnen würden. Wir haben sie gern gehört und gesammelt, auswendig gelernt und die Hüllen sortiert. Dass diese Sammlung damals bei ihnen geblieben war, war ein Grund weshalb wir uns (neben vielem anderen) damals noch einmal dafür entschieden hatten zurückzugehen.
Für sie war es kein Ding die Kiste wegzuschmeißen. Sie haben mit uns Schluss gemacht und das war ihr Ausdruck dafür. Vielleicht. Was weiß ich.

Am Abend hatte ich die Wohnung aufgeräumt, ein paar Dinge aus dem Büro auf den Dachboden getragen und einen Plan für die kommenden Tage überlegt.
Es geht mir jetzt besser. Aus der Anlage, die wir besitzen seit wir 16 sind, klingt “Der kleine Vampir auf dem Bauernhof” und die Kassettenschublade ist einmal mehr neu sortiert. Zum ersten Mal seit inzwischen Monaten fühle ich mich nicht wie ein wirres Bündel aus Affekt und Panik, sondern als hätte ich etwas unter Kontrolle. Nicht mich. Doch immerhin die Dinge, die ich bei mir habe.

Autismus und DIS, Innenansichten

shutdown

Dieses Jahr versuchte ich mich zu entspannen. Ganz dringend sehr schnell Ruhe zu finden und Kraft zu tanken, für all die Dinge, die zu tun sind. Allein mit meinen Büchern sein, zeichnen, das Hörbuch, das wir schon länger geschenkt bekommen hatten, anhören, Kekse essen, lange Runden mit NakNak* machen.
Nichts davon hat bis jetzt wirklich zu Entspannung geführt.

Am Morgen bin ich noch müde, denn Traumascheiß kennt keine Feiertage oder den Moment, in dem man nicht mehr nachtritt, weil jemand schon am Boden liegt. Mittags bin ich fertig mit den Nerven, weil ich noch keine Ferienroutine habe. Da sitze ich in der Küche und weiß: Ich habe Dinge zu tun – kann Dinge tun, die ich in der Schulzeit nicht tun kann – und weiß nicht wo wie womit wann anfangen. Und fange dann gar nichts an. Bleibe sitzen und starre Brandflecken in die Luft bis NakNak* kommt und mich nervt, damit wir rausgehen.

Draußen ist es kalt und nass. Draußen ist Weihnachten und ich laufe an Häusern vorbei, die entweder voll mit Familie sind oder leer, weil alle bei der Familie oder Freund_innen sind. Ich muss uns eingestehen, dass wir es nicht schaffen unseren Freund zu besuchen. Muss andere, hellwach überreizte Ichs hinter mir daran erinnern, dass wir keine Familie haben, zu der wir fahren wollen.
Merke, wie mir die zwei Wochen Ferien zu wenig sind, für das Ausmaß an Ruhe und Alleinseinbedarf, der direkt neben dem Wunsch steht, mit all dem nicht allein sein zu müssen. Der neben dem Wissen steht, dass wir das auch nicht müssen. Neben dem wiederum die Klarheit ist, dass genau das nicht aushaltbar ist, weil es zu viel erfordert und abverlangt.

Nach 3 Tagen weint es einfach aus mir raus und ich merke meinen Selbsthass wie etwas, das von meinen Schultern klettert, um mir durch Augen, Nase, Mund und Ohren in den Kopf hineinzukommen. Alles ist dicht, jeder zusätzliche Reiz zu viel. Meine Tränen brennen mir Schneisen ins Gesicht und es gibt nichts, das macht, dass es aufhört. Ich würde sagen, das ist ein Nervenzusammenbruch. Von nichts. Denn ich weiß nicht, woher es kommt.

Ich will, dass es aufhört. Das weiß ich schon. Ich weiß auch, dass es ein so traumanaher Gedanke ist, dass es gute Chancen auf einen alltagstriggerscheiß Zustand gibt, der latent mit dem Alltag mitschwingt. Aber ich weiß auch: ich bin gerade nicht im Flashback. Ich bin real überreizt von all dem Alles in einer Zeit, in der ich sehr viel Nichts brauche. Doch sobald ich zur Ruhe komme, kriecht das Trauma wieder hoch.

Ph und: “das Trauma” wie das klingt. Viel zu weich, um diesen baumstammdicken Schmerzreiz, der mir senkrecht durch den Rumpf schießt, um in der Mitte angekommen, eine schrille Kaskade nach der anderen loszutreten, zu beschreiben.
Es ist ein Horrorloop. Einer, bei dem es nicht reicht bei der Telefonseelsorge anzurufen, oder der Therapeutin zu schreiben, oder mit dem Begleitermenschen zu sprechen.

Es ist eine Ecke von “nichts hilft”, der man nur wahrnehmend zunicken, aber keinesfalls um Halt ersuchen darf, weil man sie erkannt hat.
“Nichts hilft” ist das Medusenhaupt der Traumascheiße. Du darfst wissen, dass du das gerade fühlst und es dich gerade anschaut, aber du musst die Augen schließen und warten. Augen zu und durch_über_leben. Du weißt nicht, wie lange das dauert und wie schlimm es noch wird, aber irgendwann geht es nicht mehr darum, was hilft, sondern, dass es vorbei ist. Das traumatisierende Moment, genauso wie das Loophole aus PTBS-Symptomatik und dem Dauerlauf der Kompensation dessen. Irgendwann kommt es bei uns immer und es ist immer eine Frage von Zeit und Raum. Der Shutdown. Das Moment, in dem nichts mehr rein und nichts mehr rauskommt.

Es hat keinen Sinn dagegen anzukämpfen. Es vielmehr so, dass dieser Zustand etwas für uns erkämpft, in dem er uns zum Aufhören zwingt.
Also hören wir auf, mehr als die Basis zu wollen oder zu müssen.
Mehr von uns zu fordern, als weiter am Leben zu bleiben.

Lauf der Dinge

weglaufen

Ich weiß nicht, ob die Person am Steuer des Wagens mich nicht gesehen hatte oder für Einbildung hielt. Wundern würde es mich nicht. Wie wahrscheinlich ist es, dass dir nachts um 3, wenn du, warum auch immer im Auto sitzt und irgendwohin unterwegs bist, jemand über die Landstraße vors Auto rennt und mehr zufällig als durch aktives Zutun nicht unter die Räder kommt?

Für mich war es nichts weiter als ein Moment der Verwirrung. Das Gefühl den Faden eines Willens oder Gedankens verloren zu haben. Puls, der mir gegen den Unterkiefer wummert, kalte feuchte Haut. So außer Atem sein, dass es brennt.

Diesmal war es nicht weit. Vielleicht 5 Kilometer von unserer Wohnung entfernt. Aber es war das erste Mal, dass es auf diese Art gefährlich war. Und – vielleicht muss ich das hinzufügen, weil ich es nicht genauer weiß – das erste Mal, dass ich es als so gefährlich wahrgenommen habe, wie es ist.

Das Auto fuhr weiter, ich blieb mit einem Fuß im Straßengraben stehen und sah ihm nach. Es war Dienstagmorgen, in ein paar Stunden würden wir in die Schule müssen. Klausuren schreiben, Dinge lernen. Reden. Zuhören. Und später arbeiten. Und am Abend würden wir mit unserer Therapeutin darüber reden, warum es wieder losgegangen ist.

Dieses Weglaufen mitten in der Nacht, das wir seit ein paar Jahren schon immer wieder um diese Zeit herum erleben. Nie um irgendwo hinzukommen, wohl aber um wegzukommen, scheinbar egal wie.

Als ich nach Hause lief, dachte ich nur darüber nach, was für eine verdammte Scheiße das ist und warum ich mich eigentlich nie zusammenreißen kann. Ich schmückte meine Unzufriedenheit über mein Unvermögen mit Flüchen und festem Auftreten auf die Straße, die niemand außer mir benutzte, und wärmte mich daran auf. Wie tröstlich so eine Prozession mit allem, was man kennt. Wut, Aggression, alles über_greifende Strenge.

13 Wachstunden später, machte die Therapeutin eine Geste zu einem Geräusch, die sie noch nie gemacht hatte. Vielleicht brauche ich merkwürdige Erstmaligkeiten, um zu Bewusstsein zu kommen, denke ich jetzt. Denn wieder war es, als würde ich in einem Gedankensein unterbrochen oder würde einen Faden verloren haben, den zu haben mir vorher nicht bewusst war. Ich hörte ihr zu und begriff, dass wir diese Nacht hätten verletzt werden können. Sterben können. Überfahren von jemandem, der nachts übers Land donnert, weil er nicht mit Menschen oder Tieren rechnet, die seine Strecke kreuzen.

In der nächsten Nacht verpackten wir den Haustürschlüssel und schlossen uns ein. Das hatte wohl in den letzten Jahren geholfen, aber mehr als die Erinnerungen und Notizen der Therapeutin begründete diese Maßnahme nicht für mich.

Heute beschäftigt mich, ob das meine Art von Vertrauen ist. Dinge zu tun, die auf der Erfahrung und Erinnerung anderer Menschen beruhen und nicht auf dem, was ich denke oder glaube. Über das Weglaufen dachte ich nämlich im Grunde nichts außer, dass es scheiße ist, weil es mir beweist, wie wenig Kontrolle ich über mich (uns) habe. Und, weil es gefährlich ist und zwar so gefährlich, dass unsere Therapeutin etwas tut, das sie sonst nicht tut. Was irgendwie in sich eine neue Gefahr ist.

In der Nacht blieben wir zu Hause. Ich fand mich verwirrt und abgekämpft im Flur wieder, so ausgelaugt und ängstlich wie mich nur desorientierte Innens fühlen lassen.

Das ist besser als beinahe überfahren zu werden und im Dezember mit nassen Hosen nach Hause zu laufen. Aber mehr auch nicht.

Die Helfer_Innen und die Hilfe, Innenansichten

Zweifel

Es begann mit dem Zeitungsartikel, in dem vom Insektensterben berichtet wurde.
Heute gibt es 75% weniger Insekten im Vergleich zu einem Zeitraum, der noch gar nicht so lange her ist.

Es ging weiter mit Artikeln zum Klimawandel. Nicht als “könnte eventuell vielleicht”-Blablabla, wie ich es als Jugendliche in den 2000ern noch lesen durfte, sondern als “HALLO WERDET AKTIV”- Ausrufezeichen mitten in meine Gefühle der Ohnmacht.
Dazu kam ein Atomstörfall in Russland, eine Regierung, die es gar nicht gibt, weil – ja warum eigentlich? Haben die Leute da vergessen, dass sie mit einem Job beauftragt wurden, oder was? – Puerto Rico hat noch immer keinen Strom überall, Flint kein sauberes Wasser, ständig brennt eine Unterkunft für Geflüchtete und immer noch gibt es Menschen, die anderen Menschen grundlegende Rechte nicht zugestehen wollen.

Ich saß unserer Therapeutin gegenüber und versuchte mich auszudrücken, obwohl ich gleichzeitig von der inneren Gewissheit eingenommen war, dass es sinnlos sein würde, darüber zu sprechen.
Mein Angefasstsein von solchen Dingen gehört einfach in mein kleines Kämmerlein, weil drüber heulen nur genau dort Sinn hat. Außerhalb dessen muss man den Arsch hoch kriegen, weiter machen, immer wieder ansprechen, bewusst machen, wo Verschwendung passiert und wie es anders besser funktionieren könnte sollte müsste.
Müllvermeidung, aufhören Tiere zu essen, Bus- und Bahn statt Auto fahren, solidarisch sein und bleiben, Gefallenen beim Aufstehen helfen – immer weiter immer weiter machen. Nicht aufhören, nicht ergeben, nicht fallen lassen, denn irgendwann bleibt man liegen und wofür hat mans dann überhaupt je gemacht?

Seit dem Klinikding, denke ich dauernd, ich müsse meine Motivationen und Gedanken rechtfertigen. Muss unterstreichen, dass ich wirklich und in echt nicht meinetwegen darüber verzweifle, nicht mehr tun zu können, als meinen Müll zu vermeiden, nachhaltig gewirtschaftet zu konsumieren und andere Leute damit zu nerven, dass sie die x-te Petition gegen Regenwaldzerstörung, Ölbohrungen im Meer, Monsanto und Glyphosat unterstützen sollen.
Jedes Mal drehe ich mich aus dem Gefühl nicht ernst genommen zu werden, weil man sich meine Worte zurechtdreht und in ihrer Wichtigkeit abtut. Jedes Mal unterdrücke ich den Wunsch Leute zu schütteln oder anzuheulen, wenn sie mir sagen, dass das doch eh alles gar nicht reicht oder genug ist. Noch mehr, wenn sie mir in ankumpelnden Ton sagen, sie halten Weltverbesserer für selbstsüchtige Gutmenschen und würden deshalb extra einfach gar nichts verändern.

Jedes Mal, wenn wieder sowas war und ich am Ende doch wieder in meinem Kämmerlein darüber heule, denke ich, dass das eigentlich alles ist, was das mit mir zu tun hat: dass es mich fertig macht und so viele andere nicht.
Vielleicht, eventuell, denn was weiß ich über die Kämmerlein anderer Leute.

Während der Therapiestunde kam noch eine weitere Komponente für mich über uns dazu.
Nämlich die des Dramas von Menschen, die an Dinge glauben und deshalb Dinge tun. Auch in anderen Kontexten.

Es ist ein Thema von uns, Dinge dafür zu tun oder wollen oder zu machen, weil wir davon überzeugt sind, dass sie das Richtige und Wichtige sind, um die Welt zu einem guten Ort für alles und alle zu machen. Dafür mache ich heute viel und dafür haben andere Innens früher viele Dinge getan. Und: an sich tun lassen.
Und zwar nicht, um selbst etwas davon zu haben oder deshalb für sich einzufordern, sondern, weil man ihnen sagte, dass es um den Fortbestand der Welt als eine bessere geht.

Natürlich kann man sich der Erzählung vom Sozialmärchen des Altruismus und der Selbstlosigkeit hingeben. Kann zynisch auf Gruppen wie die, in der wir über_gelebt haben schauen und sehen: “Ja ha genauso läuft das nämlich – mächtige Leute bringen dumme kleine Würstchen dazu zu denken, sie würden etwas für ein höheres Wohl tun, aber in Wahrheit…”
Man kann sich aber natürlich aber auch fragen, warum man selbst kein solches “höheres Wohl” im Kopf hat. Warum man so bereitwillig aufgibt, daran zu glauben, dass es mehr geben kann, als Unterdrückung, Zerstörung und Überlebenskampf. Oder warum man auf Menschen herabschaut, die das nicht tun.

Man kann sich fragen, warum manche Menschen so viel bereitwilliger Verantwortung für den Bockmist anderer einstehen und sich bemühen, Dinge besser zu machen und manche nicht. Warum manche Menschen im Grunde die ganze Zeit damit beschäftigt sind, sich nicht einzumischen, über Macher_innen zu lästern und selbst nichts anderes als Eskapismus zu zelebrieren und warum das für manch andere die schlimmste Form der Kapitulation vor den herrschenden Verhältnissen ist. (Selbst dann, wenn man erkannt hat, dass Eskapismus als solcher auch eine Protestform sein kann!)

Nach der Sitzung schrieb ich bei Twitter, dass ich festgestellt hatte, dass für mich die Apokalypse schon da ist.
Und zwar nicht, weil ich denke, dass jetzt schon alles kaputt ist, sondern weil ich bemerkt hatte, dass ich dieser unserer Gesellschaft nicht (mehr) zutraue, dass sie den Arsch hochkriegt, weil sie begreift, was hier gerade jetzt in dieser unserer gemeinsamen Lebenszeit passiert.
Zu einfach ist es, die Tage mit Dingen zu verbringen, die unser Klima negativ beeinflussen und Ausbeutung fördern, ohne es überhaupt zu bemerken. Zu leicht ist es, sich selbst nicht als Teil dessen zu empfinden, was alles krepiert, wenn Flora und Fauna, Klima und Planet abkratzen.

Und warum fasst mich das so an?

Weil ich dafür nicht überlebt haben will.
Weil ich die Enttäuschung darüber, dass es kein echtes “besser als früher” gibt, nicht einfach so akzeptieren will.

Es war für mich, für uns, damals schon schlimm genug zu merken, dass nach dem Ausstieg nichts aber auch wirklich gar nichts kam, das irgendwie “gut” war. Dass wir uns jedes und es sei es ein noch so kleines “besser” oder “okay” alleine erkämpfen und erbetteln mussten und selbst bei Erfolg nicht einmal davon ausgehen konnten, dass das für immer bleiben würde.
Es ist mir schlimm genug, bis heute diesen de facto unausgleichlichen Mangel im Leben zu haben und zu wissen, dass das niemand nachvollziehen kann, die_r das nicht genauso auch üb_erlebt (hat).

Wir haben in unserer Therapie noch nie viel darüber geredet. Über dieses Gefühl von Beschiss von beiden Seiten. Den “Guten” wie den “Bösen”.
Geschweige denn über das Gefühl, das auch nirgends wirklich genauso ausdrücken zu können, ohne diesen Touch von “Die glaubt wohl sie hätte was besseres verdient” oder “Undankbares Miststück, die Rosenblatt” oder “Das Leben ist kein Ponyhof – deal with it” als Reaktion miterwarten zu müssen.

Denn: ja klar haben wir was Besseres erwartet. Warum sonst hat man uns denn jahrelang damit unter Druck gesetzt auszusteigen und angebotene Hilfen anzunehmen, wenn nicht dafür, dass es uns besser er_gehen soll? (Vielleicht eventuell etwa doch, weil man uns etwas glauben lassen wollte, damit wir etwas tun, was wir aus uns selbst heraus gar nicht getan hätten, wenn wir es nicht geglaubt hätten…?)

Sicher erscheinen wir undankbar, wenn wir sagen, dass es uns nicht reicht so zu leben, wie wir gerade gezwungen sind zu leben. Gerade dann, wenn man sich schwer tut uns zu glauben, dass unser Leben ein unfreies und trotz vieler Fortschritte nachwievor scheiße nochmal schmerz_volles ist. Obwohl wir nicht mehr ausgebeutet und konkret verletzt werden. Und, obwohl es Millionen von Menschen noch ganz viel schlechter geht.

Es ist die Parallele, die es so unaushaltbar macht.
Für mich, weil ich zwar nicht genau weiß, was wir konkret nicht mehr erleben, aber sehr wohl weiß, was es bedeutet, keine Familie, keine gänzlich bewusste Geschichte und keine strukturelle Einbettung zu haben.
Und für uns als Person, die sich in einen Kontext einzubinden versucht, der von Trennung dominiert ist.

In jedem Fall geben wir viel uns weg, strengen uns an, verzichten, nehmen uns Verantwortungen an, auf die andere ganz gezielt scheißen – und bleiben mit nichts weiter da stehen, als dem Wissen, dass wir damit zwar nicht allein, aber auch nicht in einer Masse gemeinsam sind, die genau das verändern kann.
Manche Aktivist_innen beschreiben genau das Gefühl mit dem Begriff “activist burn out”. Das “sich aufrauchen” an einer Herausforderung, die überfordern muss, weil sie weit über das Individuum hinausgeht.

Vielleicht will ich am Ende einfach nur nicht akzeptieren, dass das Leben in dieser Zeit, dieser Gesellschaft, diesem Lauf der Dinge nun einmal so ist und wir einfach reingefallen sind. Vielleicht will ich es am Ende doch aus ganz eigennützigen Gründen nicht akzeptieren, für so eine Scheiße so gelitten und verzichtet zu haben, aber bedeutet das denn zeitgleich, dass meine Bemühungen nie um etwas anderes als mich selbst gekreist sind?

Immer wieder muss ich an den Grabstein denken, von dem H. uns mal erzählt hatte. “Ihr Leben war Last und Müh’ “ hatte da drauf gestanden.
Sowas nicht zu wollen – nicht akzeptieren zu wollen, dass es eventuell sein kann, dass dieses ganze Gekämpfe niemals aufhört, ganz egal was man warum und für wen und für welches Ziel auch immer – Himmel ja das ist egoistisch hoch zehn. Aber ist das nicht auch eine Hoffnung, die man braucht, um neugierig auf das zu sein, was man stattdessen tun könnte?

Als wir uns damals gegen die Familie* und alles entschieden haben, dachten wir, wir könnten ja vielleicht irgendetwas anderes lernen. Irgendwas machen, was für andere hilfreich ist. Irgendwas erschaffen, was das, was danach kommt, zu einem guten Zeit_Raum macht. Sowohl für uns, als auch für andere. Weil wir ja nicht mehr allein sein würden. Weil wir ja nicht mehr so seltsam fern und fremd von dem sein würden, was uns umgibt.
Ich hatte mir das so gut ausgemalt.

Vielleicht zu gut?
Vielleicht hätte ich das nie machen sollen? Würde es dann heute weniger weh tun?

Autismus und DIS, DIS?, Innenansichten

Themenwoche “Ableismus”

Seit NakNak*s Diagnose haben wir Themenwoche “Ableismus”.
Und weil wir gerade niemandem all das sagen können, was wir sagen wollen, schütten wir unsere Worte mal wieder hier hin.

Es begann damit, dass wir unsere eigene Behinderung und die damit einhergehenden Begrenzungen gespürt haben.
Das informierende, beratende Gespräch mit dem Tierarzt war wenig informativ und vielleicht zu holterdipolter nach der Diagnose, um beratend zu wirken. Er spricht kein glattes Deutsch und was meistens kein Problem ist, war diesmal, wo es mir um wirklich jeden Aspekt der Erkrankung des Hundes ging, ein Riesenproblem.

Ich konnte den Sinn seiner Worte nicht verstehen. Konnte mich nicht auf einer Ebene mit ihm bewegen und entsprechende Fragen stellen. Was ich aber wichtig finde, wenn es darum geht, was für NakNak* gut und wichtig ist. Sie ist scheiße nochmal so sehr davon abhängig, dass wir gute Entscheidungen für sie treffen. Es ist wichtig, dass wir alles verstehen. Und es klappte einfach nicht. Mein Verstehstress, tickte meine Ohnmachtsgefühle an, ein anderes Innen tauchte auf. Scheiterte. Wir kamen richtig in Stress und sind da ~irgendwie~ raus.
Super Leistung.
Nicht.

Wir wissen, dass in uns in solchen Momenten sehr alter Selbsthass wieder angeht, der teils erlernt und von außen nach innen genommen wurde, sich aber auch aus unserem Anspruch an unser Funktionieren ergibt. Und ich weiß, dass viel von unserem Selbsthass aus den ableistischen Demütigungen in  unserer Kindheit und Jugend kommt. Ich weiß, warum es in meinem Kopf 24/7 dauerschleift, dass ich gefälligst reden soll, wenn man mit mir redet. Dass ich nicht so behindert glotzen soll. Dass ich meinen blöden Arsch hochkriegen soll, um Dinge so zu tun, wie man es mir gesagt hat.
Und trotzdem.
Es ist etwas anderes in so einem Moment.

Da reicht es nicht zu wissen, dass das alles vorbei ist. Dass ich, dass wir Dinge können und bla bla bla – denn in diesem Moment ist da eine Behinderung und sie passiert genau da, wo ichwir und meinunsere Fähigkeiten enden. Und allein aus uns heraus kommen wir da auch nicht drüber.
Und so denken wir uns gerade die Zukunft mit NakNak*, die blind wird und uns immer und konsistent klar und auf sie passend eingestimmt braucht: Wir brauchen Hilfe dabei und niemand raffts.

Und wenn wir daran scheitern, dann sind wir die Person, die ihren Hund weggibt, weil sie nur eine funktionierende Maschine benutzen will.

Stichwort “funktionierende Maschine” – das ist die andere Seite
Seit wir das wissen, fragt uns jede_r die_r davon erfährt, ob man das operieren kann. Wegmachen kann. Aufhalten kann.
Und niemand redet mit uns darüber so, als hielte man es für notwendig, dass wir das machen, oder so, als würde man von uns erwarten, dass wir das machen lassen – sondern EINFACH NUR SO – was ich nicht verstehe.
Alle Menschen in unserem Leben wissen, dass wir uns das nicht leisten können und aus Gründen, die mit unserer Haltung zu Speziezismus zu tun haben, auch nicht wollen. Und trotzdem reden sie mit uns lieber über eine Operation, als darüber, wie (ob) wir uns fühlen, welche Ideen wir haben, was für (ob) Gedanken uns bewegen, was man sich als hilfreich für den Umgang vorstellen könnte.

Meistens weiß ich auch gar nicht, wie ich mich fühle. Denn ich hab Themenwoche Ableimus an NakNak* und daneben noch zig andere Baustellen, die teilweise ihr ganz eigenes Feature in ebenjene Themenwoche einfließen lassen.
Die Menschen sind alle zugewandt und wollen mit uns sein – aber es verletzt so sehr, wie sie es versuchen.

Ich, wir, versuchen NakNak*s Blindheit als etwas zu akzeptieren, das passiert. Als das “Risiko”, das wir eingegangen sind, als wir uns dafür entschieden haben, einen gemeinsamen Weg zu gehen. Nicht als etwas, “wogegen man angehen muss”, was “ja eigentlich nicht so schlimm” oder “eine traurige Sache ist”.
Denn genau diesen Scheiß haben wir mit unseren Behinderungen jeden scheiß verdammten Tag schon für und über uns und unsere Un_Fähigkeiten, x-mal am Tag auf dem Tableau.

Es ist nämlich genau das auch mit unserem Autismus. Weil es “bei uns ja nicht so schlimm ist”, sieht niemand unsere Kommunikationsprobleme und überfordert uns immer wieder. Weil “es ja so eine traurige Sache ist”, bietet man uns manchmal Hilfe an, wo wir gar keine brauchen oder bevorzugt uns schneller mal auf sozialen Ebenen. Weil “man ja dagegen angehen muss”, halten so viele Leute unseren überdurchschnittlichen Lern- und Arbeitszeitraum für legitim und nicht das Ergebnis von Bewusstsein über die Notwendigkeit mehr als andere Menschen kompensieren zu müssen.

Kompensation ist, was die Leute sehen, doch nicht begreifen. Sie sehen einen Rollstuhl und denken: “Ah behindert, weil kann wohl nicht (so gut/lange/weit..) laufen.” und eben nicht: “Ah kompensiert mit dem Rollstuhl die Behinderung, die dadurch entsteht, dass…” und das ist der Punkt.

NakNak* war und ist nachwievor etwas und jemand, die_r uns sowohl Kompensations/Hilfsmittel als auch Begleiter_in ist.
Sie ist nicht wichtig für uns, weil wir behindert sind.
Sie ist, wichtig für uns, weil der Großteil von uns nicht sprechen kann/will bzw. nicht spricht, um zu kommunizieren. Sie ist wichtig, weil sie uns damit geholfen hat eine Routine zu etablieren – und bis heute hilft, diese aufrecht zu erhalten. Sie ist wichtig, weil wir in ihr viele Anhaltspunkte für das eigene Stresslevel haben und ach vieles mehr. Manches haben wir Stefan auf dem Podstock erzählt und manches in dem Text über sie letztes Jahr.

Ihre gesamte Ausbildung basierte auf Sicht bzw. alle Signale/Befehle an sie sind (und manche: auch) Handzeichen.
Aus Gründen, die wir nicht einfach mal eben so umstricken können oder wo man einfach so sagen kann: “Ja ach das wird schon…”. Wir hatten uns dabei schon was gedacht und müssen auch heute noch sagen, dass sich keiner dieser Gründe erledigt hat.
Und nein – es ist auch nicht aufmunternd oder tröstlich oder hilfreich, wenn uns Leute schreiben, dass sie in einer ähnlichen Situation auch dachten, sie würden das nie schaffen, aber dann doch geschafft, weil… Das ist es schon deshalb nicht, weil sich sowas aus der Retrospektive immer leicht sagen lässt und Geschichten vom Nichtgeschaffthaben so gut wie nie erzählt/geteilt werden.

Gerade bei Haustieren ist Nichtgeschaffthaben so eine Sache. Ein Tier aus dem Tierheim zu holen ist Gold, wer vom Züchter abkauft, elitärer Scheißspießer, der einen Designerhund will, der dann doch im Tierheim landet, weil besonders so ne Leute doch alle Versager sind. Tierheimtiere brauchen Retter_innen blablabla Ein Herz für Tiere zeigt sich in bedingungsloser Aufopferung kotzbrechbla

Und in so einer Lage, wie meinunserer?
Wo wir uns sehr wohl auch reflektieren müssen, ob wir mit den Problemen, die NakNak* kriegen wird, langfristig wirklich die richtige Person sind, schmeißen wir sie damit weg oder was? Oder denken wir da nicht vielleicht irgendwie doch so verantwortungsbewusst, wie man das von Haustierhalter_innen erwartet?

In einem anderen Haushalt würde man sie vielleicht operieren können (finanziell) und würde sich mit der Entscheidung nicht herumquälen (weil man ihr Einverständnis dazu nicht einholen kann, aber das nicht problematisch findet). In einem anderen Haushalt würde das Leben vielleicht auch nicht auf die Richtung zugehen, wie bei uns mit Auswander- Berufseinstiegverselbstständigungs- und Familienplanungsüberlegungen – da hätte sie vielleicht noch Zeit sich umzugewöhnen, so lange sie noch sehen kann und ist dann bis zum Lebensende supergechillt und glücklich, weil sich nicht dauernd alles ändert?
In einem anderen Haushalt müsste sie nicht mehr arbeiten. Da wären vielleicht Leute, deren Schwierigkeiten im Alltag anders und nicht so kontinuierlich wie bei uns vorliegen?

Ich würde anders darüber nachdenken, wenn wir in den letzten Jahren mehr Fortschritte an den Stellen gemacht hätten, die NakNak* uns kompensieren hilft. Haben wir aber nicht. Auch aus Gründen. (Die völlig okay sind und andere gemachte Fortschritte deshalb nicht abwerten).

Ich weiß im Moment nicht, wie ableistisch mein Blick auf uns ist. Mache ich gerade zu viel von meinunseren Fähig- und Fertigkeiten abhängig? Unterschätze ich die Fähigkeiten, die NakNak* hat, selbst wenn sie blind ist? Entlang welcher Parameter kann man alternativ entscheiden bzw. auseinandersetzen?

Ich wünsche mir im Moment so sehr meine Anti-Ableismus Timeline in die direkte Nachbarschaft.
Wünsche mir lange Stunden mit Auseinandersetzung und Diskurs darüber, wo es langgehen kann, wenn man die ableistischen etablierten Pfade verlassen will.
Ich hätte gern, dass mich niemand trösten will, sondern auf das stößt, was ich gerade ausblende.
Kein Vermeidungstanz, sondern echte aufrichtige Mit-mir-zusammen-Auseinandersetzung.

Zum Einen um dahin zu kommen, einen Umgang zu finden – zum Anderen aber auch, um selbst in der Situation anzukommen.
Denn eigentlich – emotional – stehen wir (Rosenblätter) da noch in der Praxis und verstehen gar nichts außer: Wir haben keine Ahnung, was wir tun sollen und ob wir dem genug sein können.

Während andere Innens Schule, Alltag und Gedöns weitermachen als wär nichts gewesen und wir uns fragen müssen, ob da überhaupt irgendwas von dem Tierarzttermin angekommen ist.

Lauf der Dinge

hinterherwachsen

Ich bin neben der Spur. Durch den Wind.
Und doch mehr bei mir als bei ihr.
Meiner warmen weichen Hündin mit der kalten Nase und der Angewohnheit ihren Kopf auf meinen Oberschenkel zu legen, wenn ich schreibe, so wie jetzt.

8 Jahre ist sie jetzt schon Teil unseres Lebens. Und von Anfang an war sie vertrauensvoll. Lieb. Quatschig. Neugierig.
Warm. Weich.
Bedingungslos an unserer Seite.
Sie lässt uns etwas spüren, das wir von Menschen bis heute kaum länger ertragen können: Nähe. Physisches immer-da-sein.
Wir haben so viel mit und an ihr lernen dürfen. Über uns, das Leben. Über die Dinge, die passieren, weil sie passieren können.

Und jetzt wird sie blind.
Unsere  Assistenzhündin braucht in absehbarer Zeit unsere Assistenz und ich spüre meinunsere Grenzen so sehr, dass mich der Schmerz daran beschämt.
Nicht, weil sie irgendwann nur noch hell und dunkel unterscheiden können wird – wenn es denn hell genug ist – sondern, weil ich spüre, wieviel ich kann, nur weil sie viel kann, ohne mich zu brauchen.

Sie hat grauen Star, sagt der Tierarzt.
Man kann es operieren, sagt der Tierarzt.

Ja klar, sagt das der Tierarzt. Selbstverständlich haben Menschen Wege und Mittel gefunden sich mit so etwas wie Blindheit nicht abzufinden.
Natürlich wird es möglich gemacht, nicht akzeptieren zu müssen, dass manche Körper so altern, wie es der unserer Hündin tut. Dass manche Körper dysfunktional werden. Sind. Bleiben. Schon immer waren.

Was ich nicht akzeptieren will ist, dass sie uns braucht. Dass sie einmal mehr von uns und unserem Verhalten ihr gegenüber abhängig ist.
Ich habe es so klar in mir drin, dass wir dieser Verantwortung hinterherwachsen müssen.
Und zwar schnell.

Es macht mir Angst zu fühlen, dass es diesmal nicht egal ist, ob wir das können, oder nicht.