der Rest

Man muss sich von der Annahme verabschieden, eine dissoziative Identitätsstruktur sei eine multiple Persönlichkeit. Das problematische Wording führt zu problematischen Annahmen. Die problematische Annahme mehrfacher (=multipler) Persönlichkeiten verleitet zu dem Schluss einer Vollständigkeit, die einfach nicht vorliegt.
Das zu sagen, hat nichts mit Abwertung zu tun. Ist keine Herabsetzung. Ist weder Unterschätzung dessen, wozu Viele fähig sind noch Überschätzung dessen, was die bei den meisten Vielen vorliegende komplexe Traumatisierung angerichtet hat.

Es ist 101 Theorie der strukturellen Dissoziation.
Logisch. Real.

Ich weiß, kaum wer hat Bock sich das Buch reinzuziehen. Es ist leichter sich irgendwie vorzustellen, dass ein Trauma irgendwas Konkretes (hin)zufügt und ganz abstrakte Dinge wegnimmt. Leichter, das Gefühl von Ich-Fremdheit zu bestätigen, als die Realität von Dissoziation als mehr oder weniger stark ausdifferenziert strukturierter Funktionalitäten anzuerkennen.
Aber ganz platt gesagt nutzt das nichts.

Ja, vielleicht durfte man sich nie bestätigen, nie mitleidig mit sich sein, nie betrauern, was hätte wäre würde wenn… Ja, viele Viele brauchen Zeit und Raum sich mit dem vertraut zu machen, was in ihnen ist. Viele müssen sehr lange, sehr oft, über viele objektiv irrelevante Dinge bestätigt werden, brauchen Anerkennung und Bestätigung von Außen, um zu lernen, wie sie sich selbst nach innen anerkennen und bestätigen können.
Die Realität aber ist, dass die Selbstwahrnehmung von Menschen mit DIS verzerrt und dissoziiert ist. Das macht sie nicht falsch, das macht sie nicht irreal, das macht sie aber auch nicht richtig im Sinne von kongruent. Also hilfreich bei der Entwicklung eines allgemein übereinstimmenden Identitätsempfindens.

Es ist fundamental wichtig anzuerkennen, dass Nahtoderfahrungen und chronisches Erleben toxischen Stresses traumatisierende Zustände sind. Also Zustände der Verwundung. Und die Dissoziation der Zustand des Umgangs mit diesem Zustand der Verwundung.
Es ist eine Reaktion Viele zu sein. Ein Umgang.
Jede Wunde erfordert einen eigenen Umgang. Jeder Umgang muss zwingend in Einklang mit dem Kontext sein.
Die dissoziative Störung, sei es die DIS, die partielle DIS, die DSNND, die Ego State-Disorder … ergibt sich aus dem Umstand, dass der Zustand der Verwundung unverarbeitet erinnert wird, aber nicht mehr der akut real bestehende Zustand ist.
Mehr ist es nicht.
Und weniger auch nicht.

Wann immer ich im Blog von Vielen davon schreibe, dass ich ein Rest bin – oder eine Reaktion – oder eine Traumafolge – kommen hier Kommentare rein, die mich darin berichtigen wollen, weil sie es als Herabwürdigung lesen.
Hört auf damit. Das ist nicht wahr, das ist nicht richtig. Und übergriffig.

*

Im letzten Text beschrieb ich, dass wir Rosenblätter im Kontext psychiatrischer/psychologischer Aufmerksamkeit entstanden sind. Dass ich uns als eine Art Schutz-Update für eine schützende Instanz verstehe. Dass wir aus einem Rest entstanden sind.

Man könnte denken, dass ich die Situation, die ohne jeden Zweifel global überfordernd, von maximaler Ohnmacht, Schutzlosigkeit und ohne jeden Trost an ihrem Ende war, als etwas sehe, die alles bis auf irgendeinen diffusen, vielleicht magischen, übernatürlichen, special special unzerstörbaren Rest (Kern) von mir als Einsmensch genommen hat. Ja, wenn man Trauma mit Gewalt gleichsetzt, kann man das annehmen. Dann werden Menschen zerstört und man hat diese „unzerstörbarer Kern“-Story, über die man sich auf die eigenen Ressourcen einlassen und ihre Weiterentwicklung manchmal auch überhaupt erst zulassen kann. Ja, gut. Wers braucht. Das ist die leichtere Story und man muss es sich ja nicht immer schwer machen.

Tatsächlich aber ist Gewalt Gewalt und Menschen reagieren darauf. Mit Zuständen. Die von vielen komplexen Faktoren und Funktionssystemen des Körpers gewissermaßen „produziert“ werden. Zustände bestimmen alles. Beißen beim Sex kann sich super anfühlen – gebissen werden in einer Situation der Angst extrem schmerzhaft. Das Eis, das man immer geil findet, kann zum Kotzen schmecken, wenn man es nach der Beerdigung eines geliebten Menschen isst.
Der Zustand in Gewalterfahrungen ist einer, in dem man eben nicht alles abrufen kann. Es ist einfach nicht alles da. Da ist nur noch das da, was hilft zu überleben. Auch dann, wenn dieses Überleben vielleicht nur als gefährdet wahrgenommen wird, weil ein Trigger einen Erinnerungsprozess an eine real passierte Bedrohung des Überlebens angestoßen hat oder eine unfertige, akut unprüfbare Idee zu dem Schluss führt, man sei im Überleben bedroht.
Das, was dann noch da ist, ist der Rest, aus dem wir sind. Wir Innens in Vielen.

Ich könnte ein anderes Wort finden. „zustandabhängiges Set von Fähig- und Fertigkeiten“ vielleicht. Oder so.
Vielleicht klingt „Rest“ nicht nach genug in euren Ohren.
In meinen ist es genug. Es ist eindeutig für mich. Es ist real. Es ist keine selbstmitleidige Wabbelbegrifflichkeit, die auf einer Annahme beruht, die mich nicht dazu bringt anzuerkennen, dass ich Dinge verändern muss, wenn ich sie anders haben möchte. Wenn ich mich anders haben, anders er_leben möchte.

Das, was damals noch war, war etwas, das wir werden konnte.
Das ich werden konnte.
Das sich deshalb als Wir verstehen kann.
Und daran arbeiten kann, so viel Ich zu werden wie möglich.

Perfektionismus

Jemanden, die_r Fehler und Lücken schnell sieht und sie benennt, wird oft als perfektionistisch und kontrollierend gerahmt.
Perfektionismus gilt als etwas, mit dem man Kontrolle ausübt oder herstellen möchte. Über sich oder über alles und alle im direkten Umfeld. Oft schwingen dabei Ideen mit, in denen es um das Selbstbild der perfektionistischen Menschen geht, manchmal aber auch Ideen darum, dass (komplex) traumatisierte Menschen mit ihrem Perfektionismus die Konfrontation mit dem Bewusstsein um die Ohnmacht und den globalen Kontrollverlust während traumatischer Erfahrungen vermeiden.

Perfektionismus kann aber auch ein Werkzeug sein, die Menge und Art zwischenmenschlicher Interaktion zu kontrollieren, das habe ich vor Kurzem an mir reflektiert. Die meisten Menschen stecken sehr viel Interaktion und Kommunikation über Fehler, Mängel, Imperfektion. Für Sieger_innen gibt es 5 Minuten Angeguckt werden auf einem Podest, für Verlierer_innen eine unabsehbar lange Zeit, in der das Versagen besprochen und bearbeitet wird. Beides ist mir unangenehm, denn beides bedeutet Druck. Beides bedeutet eine unkontrollierbare Aufmerksamkeit auf mich, die_r sich selber in einem ständigen Kampf um Kontrolle über die eigene Körper_Sprache und das eigene Selbst befindet.
Mache ich etwas einfach perfekt, dann ist eindeutig, wann diese Aufmerksamkeit endet und dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit nett gemeint ist (also keine Lebensgefahr bedeutet, obwohl mein traumatisierter Körper mir das vielleicht so rückmeldet).
Unter neurotypischen Menschen kann man nie nichts machen. Immer immer immer bedeutet irgendwas irgendwas und immer werden Annahmen formuliert, die eine Absicht implizieren. Etwa: „Du willst immer die_r Beste sein, um jemand besseres zu sein.“ oder „Du willst nur positive Aufmerksamkeit, damit niemand deine negativen Seiten bemerkt.“ oder „Du musst dich perfekt fühlen, um deine Annahme alle anderen seien weniger wichtig/richtig/gut, als du zu bestätigen.“
So klar eingerahmte Absichten wie die, die ich_wir tatsächlich verfolgen, werden mir_uns oft nicht geglaubt. Unter anderem, weil man Absichten an sich nicht wahrnimmt (zum Beispiel durch Verhaltens_Beobachtung), sondern die wahrgenommenen Reize mit der eigenen neurotypischen Lebenserfahrung, sozialen Werten und ihren Maßstäben und daraus resultierenden Erwartungen vermischt. So wird aus „Hannah rückt ein Bild gerade“ ein „Hannah kontrolliert ihre Umgebung, indem sie bestimmt wie ein Bild an der Wand zu hängen hat.“ oder eben aus „Hannah will die volle Punktzahl erreichen“ ein „Hannah will mal wieder die Geilste von allen sein.“

Perfektionismus wird häufig negativ gerahmt. Viele Menschen halten perfektionistische Menschen für dumm, weil diese etwas versuchen, was sie für unmöglich halten, weil es extrem anstrengend ist und es die Idee gibt, man hätte mehr Energie für „die wirklich wichtigen Dinge“ (wobei mir nach wie vor schleierhaft ist, was das konkret für Dinge sein sollen), würde man nicht immer in allem perfekt sein wollen. Dass es bei perfektionistischem Verhalten vor allem darum gehen könnte, den Kontakt zu Menschen zu reduzieren, die sich weder für den individuellen Begriff von Perfektion interessieren noch gleichermaßen wertschätzen (und also gar nicht auf die Idee kommen, wie sehr sich die Anstrengung dann eben doch lohnt) wird in aller Regel ausgeblendet.

Auch, dass „unter Perfektionismus zu leiden“ an sich oft gar nicht der Punkt ist, wenn perfektionistische Menschen leiden.
Perfektion macht einsam, weil sie überwiegend als Leistung(sergebnis) und weniger als Momentum wertgeschätzt wird. Ich für mich glaube, dass es kein Gefühl gibt, dass mir mehr Sicherheitsgefühle, mehr Ruhe, Gelassenheit und Entspannung vermittelt als das Wissen darum, dass etwas perfekt ist, einfach, weil ich weiß, dass ich in dem Moment absolut für mich und mit mir bin und sein darf – und niemandes Erwartung enttäusche oder eine andere Gefahr übersehe, der ich dann schutzlos ausgeliefert bin.
Wenn ich früher darunter gelitten habe, etwas nicht perfekt zu schaffen, dann habe ich darunter gelitten, dass ich eine Aufgabe, eine Herausforderung durchhalten muss, obwohl am Ende dieses Moment der Ruhe und „MitMir-Samkeit“ ausbleiben würde und sich vor mir ein unüberblickbarer Zeitraum von Sprechen und interagieren müssen vor mir ausbreitet. Von dem ich weiß, dass ich ihm nicht gewachsen bin, dass ich ihn nicht durchqueren kann, ohne mich selber zu verlieren und der in mir den Wunsch zu sterben aufkommen lassen wird, um mich entziehen zu können – und mit all dem allein, ungesehen, unverstanden, ohne jede Hilfe oder Rettung zu sein.
Mir in solchen Momenten zu sagen, dass man nicht in allem perfekt sein kann, war niederschmetternd für mich, denn das bedeutete ja, dass ich mich damit würde abfinden müssen, dass ich in meinem Leben überwiegend leiden muss, weil das eben so ist. Weil es anders ja gar nicht geht.

Zusammen mit dem, was mir_uns über die Gründe für die Gewalt an uns gesagt wurde, war das unfassbar schlimm.

 

zum Weltautismustag 2021

Gerade setzen wir „Sprechen und Schweigen über sexualisierte Gewalt, Ein Plädoyer für Kollektivität und Selbstbestimmung“ von Lillian Schwerdtner (Link zur Verlagsseite). Es ist ein Buch, in dem mit vielen Fußnoten beschrieben wird, wer wann wie wo mit welcher Wirkung und warum über sexualisierte Gewalt spricht oder schweigt.
Während ich von Absatz zu Absatz scrolle, klicke, setze, verwebt sich in mir die letzte Therapiestunde – in der über erfahrene sexualisierte Gewalt gesprochen wurde – mit mir. Ich erfahre von den Gedanken eines Kindes, von einem Moment, in dem Bewusstsein über Unbewusstsein für alles außerhalb des eigenen Funktionierens auf dringenden Hilfebedarf von außerhalb trifft. Begreife, dass wir vielleicht nicht auf den Punkt des Innens gekommen wären, wüssten wir nicht vom Autismus und nicht, was „unser Autismus“ ist.

„Vielmehr wird Sprechen über sexualisierte Gewalt regelmäßig für Zwecke instrumentalisiert, die mit den Intentionen und Bedürfnissen der Sprechenden nicht übereinstimmen oder diesen sogar entgegenlaufen. Die Offenbarung von Erfahrungen sexualisierter Gewalt wird in solchen Fällen etwa zur Reproduktion und Rechtfertigung sexistischer, rassistischer oder klassistischer Vorurteile missbraucht“, fliegt aus dem Buch an mir vorbei und berührt einen Punkt, an dem ich zum Weltautismustag morgen kaue.

Seit wir hier darüber schreiben, werden wir öfter angeschrieben von Vielen, die sich „autistisch fühlen“ oder als Erklärung für „nicht traumabedingtes Verhalten“ Autismus heranziehen und sich fragen, wo man als erwachsene Person zu einer Diagnose Diagnostik kommen könnte. Wir antworten immer was wir können und wissen, urteilen nicht, wollen helfen und schaffen das wohl manchmal auch.
Aber.
Die Vorurteile bemerken wir auch. Die Annahmen, was Autismus sei und woran man ihn erkenne. Die Idee, Autismus sei eine Traumafolgestörung, eine von den ganz krassen ultra deepen für immer bestehenden Verletzungen, die man nicht sieht, aber eindeutig angetan wurden. Voll logisch bei Opfern. Die ja, ebenfalls voll logisch, auf jeden Fall für immer und ewig davon gezeichnet sind, was ihnen passiert ist und nur durch unfassbare Stärke/ein Wunder/ganz exzellente Traumatherapeut_innen Traumatherapie so etwas wie unauffällige Alltagsfunktionalität hinkriegen.
auch die ableistischen Vorurteile über Autismus und autistische Menschen bemerken wir. Das Konglomerat aus dem sich das Bild des zarten, weißen, cis, hetero und ergo zutiefst unschuldigen autistischen Mädchens ergibt, welches eigentlich super klug/konzentriert/über_natürlich ist und alles hätte sein und schaffen können, müsste es nicht immer schaukeln, weil es Zentrum der Gewalterfahrung war und durch die Unwillkürlichkeit der global überfordernden, schrecklichen, gewissermaßen retraumatisierenden Erinnerungen, praktisch immer wieder zum Opfer wird.

Wir stellen uns nicht so dar, schreiben nicht so, weder über „unseren Autismus“ noch über unsere Gewalterfahrungen bzw. unser Er_Leben mit deren Folgen, sodass wir uns nicht als Ursache für diese Vorurteile sehen müssen. Wohl aber werden unsere Erzählungen benutzt, um im Weltbild anderer Menschen Sinn zu erzeugen, den sie für sich annehmen und in ihre Selbstsicht integrieren können. Was nicht mit Absicht passieren wird und erst recht nicht mit dem Bewusstsein dafür, was das mit uns persönlich und dem, was wir hier erreichen wollen, macht, aber – as always – geht es bei getaner Gewalt nicht um Absichten, sondern um Verantwortungsübernahme und Veränderung, um (wieder) gut zu machen.

In meinem Text zum Weltautismustag wollte ich meine Unzufriedenheit über die Besonderisierung autistischer Menschen, die mehrfach marginalisiert sind, zum Ausdruck bringen und formulieren, wie frustrierend es ist, dass ebenjene Mehrfachmarginalisierung als Begründung für diese ausschließende Zuordnung herangezogen wird. Nun denke ich, dass ich mir das auch schenken kann, weil der Raum, in den wir hineinerzählen, einer ist, der unsere Erzählung einfach nicht aufnehmen, begreifen, ver-ich-lichen will, sondern einer, der uns als Quelle fremder Einflüsse wahr.nimmt und benutzt. Auch schon tausend Mal aufgeschrieben.

Schon die Einordnung in „Betroffene“ und „alle anderen“ ist ein Problem. – Auch eine schöne Fußnote in dem Buch übrigens: „If it takes a village to raise a child, it takes a village to abuse one.“ [1] – Ich weiß nicht, wie oft, wie lange, mit welcher Performance, zu welchen Punkten in der Geschichte noch erzählt werden muss, dass es so etwas wie „Unbetroffenheit“ nicht gibt, wenn Menschen anderen Menschen Gewalt antun. Wir sind nicht alle eins, aber die Welt ist ein Dorf und außer den Tod gibt es keinen realen Ausschluss.
Realer, wirklicher Ausschluss würde es ermöglichen, ganz eigene Strukturen zu entwickeln. Wir könnten sie einfach haben die Nachwachshäuser, die Dörfer voller Autis, Depressiver oder Zwängler_innen und könnten drauf kacken, was die Normalen machen. So läuft es ja aber nicht. Und zwar, weil es diesen Ausschluss braucht. Er wird gebraucht um normal, funktional, fähig zu definieren.

Scheiße ist das.
Und Realität.

Eine, in der ich mich frage, ob, wenn ich hier veröffentliche, was ich über „unseren Autismus“ lerne und verstehe, dies als Vorlage missbraucht wird, um sich nicht aufrichtig mit sich selber und den Gründen dafür zu befassen, weil es nach wie vor die Denke gibt, ausgeschlossene Menschen könnten nicht selber ausschließen, Verletzte nicht selbst verletzen, als „richtig echte Opfer“ eingeordnete Menschen, nicht selbst der Grund dafür sein, dass es „nicht echte Opfer“ gibt.
Dafür muss ich keine Verantwortung übernehmen und das wird auch nie der Grund sein, hier nicht mehr zu veröffentlichen – aber: Es braucht alles das hier nicht, um zu wissen, dass es das gibt. Ich brauche das hier für mich und mache es für alle zugänglich, weil ich damit nicht allein sein möchte. Das ist das eigentliche Dilemma und das, was mich einfach sehr schmerzt: Der Versuch, der Wunsch, das zutiefst menschliche Bedürfnis, sich mit einer Gesellschaft zu verbinden, von der nicht zu erwarten ist, dass sie sich gemeinsam mit mir macht, weil sie sonst anerkennen müsste, was sie Menschen wie mir warum antut und sehr viel ändern müsste.

 

[1] Brachmann, Jens (2019): Täter, Tätersysteme, Ermöglichungsbedingungen sexualisierter Gewalt. In: Jens Brachmann (Hg.): Tatort Odenwaldschule. Das Tätersystem und die diskursive Praxis der Aufarbeitung von Vorkommnissen sexualisierter Gewalt. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt, S. 27–311.

„schwere psychiatrische Erkrankung“

Wir stehen auf dem Gleis, eine Möwe im Wind über dem Baggersee neben uns. Die Sonne scheint und der Zugführer sagt uns, dass wir weiter warten müssen. Weichenstörung, Signalstörung.

Ich falle in mir zusammen. Wir sind auf dem Weg nach Bielefeld zu unserer Neurologin von der wir neben Rezepten auch ein Attest haben wollen, das uns berechtigt in der zweiten Gruppe geimpft zu werden. Wenn man eine „schwere psychiatrische Erkrankung“ hat, geht das. Haben wir jedenfalls gehört. Und wir wollten fragen, ob das wirklich so ist. Und ob das wirklich geht. Weil wenn, dann könnten wir kurz nach dem Partner geimpft werden und dann … wow. Einkaufen und Behandlungstermine wahrnehmen, ohne Sorge ihn umzubringen.

Wie schon beim letzten Mal muss ich auch diesmal gegen Derealisation ankämpfen, noch bevor ich die Reizüberflutung als solche wahrnehme. Die Entwöhnung von Betonbauten und Fliesenhall, von Straßenlärm und Menschengruppen ist krass. Es fühlt sich nicht nach einem Angriff an, eher nach einer Annexion. Nach 4 statt anderthalb Stunden Reise wanke ich durch die Stadt zu K. wo wir schlafen, essen, arbeiten werden. Es summt unter der Haut, brummt im Kopf. Ist das hier eigentlich wirklich?

Später laufen wir durch den botanischen Garten. Machen Fotos, denken nichts. Durchqueren einen Friedhof, denken an den Vater vom Partner und daran wie typisch für unser Leben ist, dass die erste Beerdigung, die wir je besucht haben, die von jemandem ist, den wir uns länger im Leben gewünscht haben.

Irgendwann tun die Füße weh, wir gehen zurück. Ich bin eine diffuse Hannahmasse auf zwei Schmerzpunkten, hab vergessen, die Banane zum Mittag zu essen, schaue zum fünften Mal nach, wieso ich eigentlich hier bin und was meine Anliegen sind. Die Sonne geht unter, ich muss eine kleine Panikwelle veratmen, weil jemandem in mir nicht klar ist, wo wir schlafen und wie wir wieder nach Hause kommen werden. Ist das wohl meine „schwere psychiatrische Erkrankung“?

Suchbilder

Solche Suchbilder (Link zu einem Tweet) sind für mich ein guter Aufhänger zu illustrieren, was ~ starke Detailwahrnehmung~ für uns (im Miteinander mit Menschen, die diese Wahrnehmung nicht auch haben) bedeutet.

1. Finden wir das Gesuchte in der Regel sofort und freuen uns. Weil wir uns freuen, sind wir mit Freuen beschäftigt und nicht mit den anderen Leuten. Sie halten das für Arroganz, Siegerpose, persönliche Abwertung – und freuen sich nicht.

Wenn wir mit Freuen fertig sind, merken wir: Die Freude wird nicht geteilt.
Das verunsichert mich und ich prüfe das Verhalten vor dem Gefühl. Die Aufgabe war doch das Handy z. B. zu finden, oder? Und als ich es fand, war das doch gut, oder? Ein Anlass zur Freude, oder? Und voilà! Wir sind in einer Situation, in der ich davon abhängig bin, dass die andere Person weiß, dass Gefühle und ihr Ausdruck uns sehr einnehmen und wir den Fokus nicht aus Unachtsamkeit oder Egoismus oder Narzissmus von ihnen nehmen.
2. Wir sehen solche „Fehler im Muster“ sofort. Auch, wenn niemand danach fragt. Auch, wenn sie niemand sonst sieht. Immer. Egal, was wir tun. Egal, wie bewusst oder gezielt wir auf Dinge schauen, wir sehen die Macken, die Fehler, die Dellen und Risse – und das macht uns etwas aus. Nicht, weil wir jeden Fehler korrigieren müssen oder wollen, sondern weil wir die Welt wie sie ist in all ihrer gescheiterten Möglichkeit zu sein sehen. Und das kann – besonders wenn Ungerechtigkeit, unsinniges Verhalten, Nachlässigkeit oder Ignoranz die Ursache ist – in richtig tiefe Täler führen. Besonders, weil diese Perspektive so schwer zu teilen ist.
Diese „Fehlerwahrnehmung“ ist ja nicht nur das Ergebnis bloßen Abgleichens, sondern auch das einer Vorstellung davon, wie Dinge sein könnten oder in jeweiligen Umständen sein müssten.
Dadurch entsteht 3. ein ganz anderer Ansatz dazu, wie man Dinge verändern sollte oder müsste. Also wie wann wo welchen „Fehlern“ zu begegnen sein könnte.
Unsere Ansätze in der Regel recht komplex, weil wir viele (alle die uns auffallen) Aspekte und Dynamiken einbeziehen – was von Leuten, die das Problem von vornherein nicht ~SEHEN~ oft abgelehnt wird, weil der Aufwand in Relation zum von uns aufgezeigten „Fehler“ zu groß erscheint. Was über Dauer und Umfang der „Fehler“ in unserer Umgebung hinweg ziemlich belastend ist und eine hohe Frustrationstoleranz sowie immer immer immer aufrecht zu erhaltende „Kraftdecke“ erfordert. Stichwort: Spoons (Link zu einem anderen Blogeintrag), die man fürs bloße „Irgendwo sein und DINGE sehen (ertragen können)“ aufbraucht.

Viele andere autistische Leute rahmen diese Wahrnehmung als positive Ressource – ich fühle mich ihr oft ausgeliefert und kämpfe bis heute mit reflexhaftem Selbsthass, wenn ich merke, dass ich mich_uns in eine Situation gebracht habe, in der sie sich offen zeigt oder als Element wirkt, das uns von anderen Menschen unterscheidet und also trennt.


Vor allem, wenn es 4. um traumatische Erfahrungen und Traumatherapie geht.

Wir haben eh das Problem, dass die meisten Menschen neurotypisch und „sozial gepolt“ sind. Sie denken nicht von alleine mit, dass das traumatisierende Element vielleicht nicht ist, WAS oder WARUM etwas passiert ist, sondern WANN, in welchem allgemeinen Zustand (der Überreizung z. B.) oder WIE oder auch mit welchen (in der Situation schon ganz klar bewussten (katastrophisierten)) Konsequenzen im Kopf etwas passierte. Und noch weniger Menschen sind bereit anzunehmen, dass auch Dinge traumatisieren können, die nicht mit konkreter Bedrohung für Leib und Leben einhergehen, sondern damit, permanent, in allen sozialen wie unsozialen Situationen, zu jeder Zeit mit der emotionalen Verletzung, die soziale Isolation oder Fremdheit ja bedeutet, und mit der permanenten Überstrapazierung sensorischer (Verarbeitungs-) Kapazitäten – und entsprechend diffusen oder schwer auszumachenden Triggern – konfrontiert zu sein und so über extrem lange Zeiträume keinen Winkel in der Welt zu haben, in dem man sich erholen, beruhigen, regenerieren kann.

 

Wir denken das immer mit und bleiben so stark von dem getrennt, was wir eigentlich mit.teilen wollen.
Wir wissen, dass wir zwei Kluften zu überbrücken haben. Die Trauma-Kluft und die Er_Lebenswelt-Kluft. Traumatisierung geht oft mit Verbindungsproblemen einher, weil man weiß, dass nicht alle Menschen jeden Tag zum Beispiel misshandelt werden. Das passiert zwar vielen Menschen, ist aber in Grundsatz doch eine Ausnahme im Alltag. Wie überwindet man diese Ausnahme, diesen „Fehler“, um sich zu verbinden und darüber zu reden? Viele Menschen schaffen das über Vertrauen, über sich verbindlich zeigen, über die Gemeinsamkeiten, die sie trotz des „Fehlers“ haben.
Aber wie überwindet man Er_Lebenswelt-Kluften? Für uns hat es nie gereicht, sich dafür auf die Gemeinsamkeiten zu berufen oder zu hören, wie andere Menschen er_leben. Ich muss ihre Perspektive verinnerlichen können – also eine extrem große Datenmenge über ihre Art und Verarbeitung von Wahrnehmung zur Verfügung gestellt bekommen und diese auf jede mir geschilderte Erfahrung anwenden – um sie überhaupt zu verstehen und zu wissen, was ich von mir als ähnlich anlegen kann.
Und ja, das ist uns bisher bei noch keinem Menschen gelungen.

Wir wissen, dass wir zwei Drittel des Gesehenen, des Gehörten, des Gedanken wegschneiden müssen, weil es nicht interessiert, nicht verständlich, nicht nachvollziehbar, nicht nachwahrnehmbar ist. Wir wissen nur nie ganz genau welche, dafür aber, dass wir deshalb weder die Trauma-Kluft noch die Er_Lebenswelt-Kluft wirklich richtig überbrückt kriegen, denn es bleibt immer etwas übrig.

Da bleibt immer eine Lücke.
Ein Fehler.

Und was, wenn..?

Ganz oder gar nicht, das ist etwas, was uns häufig als problematische Haltung eingeordnet wird. Oft, weil man denkt, wir würden traumalogisch urteilen, manchmal weil man selbst mehr als zwei Optionen zu sehen glaubt und uns diese Alternativen vorschlagen möchte.

Ja, wir sind ein rigider Mensch. Sehr scharf, sehr klar, sehr starr in unseren Entscheidungen. Einmal etwas angenommen, wird es schwierig etwas davon wieder aufzulösen. Das gilt im Positiven wie im Negativen. Wir sind konsequenter als viele andere Menschen und hartnäckiger. Damit sind wir aber auch nerviger und verursachen mehr Umstände als viele andere Menschen.
Wenn wir wissen, was wir wollen, dann tun wir alles, was nötig ist, um es zu erreichen. Auch, wenn wir eigentlich nicht mehr können. Auch, wenn es vielleicht für alle anderen Menschen als zum Scheitern verurteilt erscheint. Wir ziehen durch, weil wir uns durchzuziehen vorgenommen haben.

Wir haben uns vorgenommen zu leben, also sind wir ausgestiegen, haben angefangen zu essen, zu trinken, uns zu versorgen. Obwohl es weh getan hat, obwohl es schlimm war und manchmal noch heute ist. Wir ziehen das durch mit allen Konsequenzen. Das war eine Entscheidung und damit in unserem Empfinden keine Wahl mehr. Wir hätten wählen können, ob wir uns entscheiden oder nicht, aber einmal entschieden ist ent_schieden, also vereint auf die eine Linie.

Fehlannahmen sind für uns schwierig, aber lösbar. Wir treffen unsere Entscheidungen in der Regel basierend auf Fakten und Erfahrungswerten. Stimmen die Fakten nicht oder sind unvollständig, fällt es leicht, die darauf beruhenden Entscheidungen zu widerrufen und zu neuen Einsichten zu gelangen.
Was aber bei Dingen, die eine Folge unserer Entscheidungen sind und selbst eine Entscheidung abverlangen?

Wir können bei unserer Entscheidung für das Leben bleiben, sind aber dennoch mit den Entscheidungen über unsere Lebensqualität konfrontiert. Ist unsere Lebensqualität nicht gut, müssen wir unsere Entscheidung für das Leben neu überdenken, was wir nicht mehr wollen. Wir wollen nicht mehr infrage stellen, ob wir leben wollen, können, dürfen, sollten. Und doch müssen wir auch diesen Strang immer mitdenken. Denn entweder wir denken vollständig über Dinge nach oder nicht. Wie tragisch wäre ein halb durchdachter Suizid, wie grauenhaft ein halb erfülltes Leben?

Unsere Neurologin regte mich, in Bezug auf unser Therapie~ding~, dazu an, auch daran zu denken, dass die von uns gewollte Traumaverarbeitung als Therapieziel vielleicht nicht erreichbar ist. Ein Gedanke, den wir von Beginn der Therapie an vermeiden, um so wenig Raum wie möglich dafür entstehen zu lassen, dass das, was wir da tun sinnlos, falsch, zum Nachteil von anderen belasteten Menschen und der Therapeutin sein könnte. Wir wissen, dass, sobald wir dem Raum geben, der Fall in Altes sofort folgt. Traumawahrheiten wie „Du kannst nichts dagegen tun“, „Es wird nie aufhören“, „Was hast du gedacht – hast du gedacht, du könntest irgendwas bestimmen/kontrollieren.“ und Ähnliches senken unsere Therapiearbeitsmoral, lassen uns Kraft verlieren und am Ende auch Lebensqualität. Es wird schwierig nach innen zu motivieren und unmöglich innere Bünde aufrechtzuerhalten, die komplett auf Hoffnung und Vertrauen in die Möglichkeit der Zielwerdung beruhen.

Seit wir mit der DIS diagnostiziert sind, haben wir als Therapieziel, das Erfahrene zu verarbeiten. Seit 18 Jahren trägt uns diese Entscheidung und seitdem nehmen wir es als Auftrag an uns als Patient_in an. Wir müssen wollen, wir müssen therapiearbeitsfähig sein, wir müssen unsere Vermeidungsstrategien erkennen und auflösen, denn das ist unser Ziel. Traumaverarbeitung, um klarzukommen, um ein insgesamt befriedigendes, erfülltes, selbstbestimmtes Leben führen zu können.
Weil in den letzten Jahren vor allem die Vorarbeiten für dieses Ziel im Vordergrund standen, war nie Thema, ob es überhaupt wirklich erreichbar ist. Was wenn nicht? Was machen wir dann? Sind wir bereit unser Leben lang, mit unverarbeitetem Trauma zu leben? Mit Flashbacks, mit Alpträumen, mit dissoziativen Brüchen, mit biografischer Amnesie, mit all dem psychosomatischen Kladderadatsch? Als wir uns für das Leben entschieden haben, haben wir uns nicht für so ein Leben entschieden, sondern für eines, das wir uns gut gestaltet haben würden. Eins ohne Trauma als alles bestimmende Größe.

Ich bin nicht bereit für so ein Leben. Für irgendeine funktionale Vermeidungsstrategie. Für dunkle Geheimnisse oder unberührbare Themenzonen haben wir nicht Kraft, nicht dauerhaft, nicht den Rest unseres Lebens.
Ja, „der Rest unseres Lebens“ ist wieder eine sehr absolute Aussage. Ja, wer weiß, was in 10 Jahren ist blablabla – aber die 10 Jahre müssen erstmal gelebt werden. Irgendwie muss man ja aushalten, zu leben ohne Aussicht auf eine Veränderung oder natürliche Auflösung der Schwierigkeiten. Ich bin nicht bereit, mich durch 10 scheiß Jahre zu quälen, nur weil danach eventuell vielleicht irgendetwas passiert, das alles anders macht als jetzt.
Wir sind Mitte 30, wir haben noch so viel mehr Zeit für ein geiles Leben mit ordentlich aufgeräumter Traumascheiße auf dem Dachboden, wie um alles in der Welt könnte ich mich damit ok kriegen, das nicht zu erreichen? Und wozu? Und für wen?

Ich würde damit sagen: „Ja, gut, gibt halt keine oder nicht die richtigen Therapieformen oder -mittel, dass ich das hinkriege“ und die Hände in den Schoß legen, weil ich halt kein_e Therapieform- und mittel-Ausdenker_in bin, sondern irgendwelche Leute, die bei ihren Formungen nicht an autistische traumatisierte Menschen denken.
Und wie zum Henker soll mich das kaltlassen. Warum um alles in der Welt soll ich das ok finden und mich halt damit abfinden, dass es ist wie es ist, kann man nix machen, muss man halt leiden.
DAS IST DOCH DER GLEICHE SCHEIß WIE FRÜHER UND OB ICH DAFÜR 18 JAHRE PSYCHOTHERAPIE GEMACHT HAB WILL ICH WISSEN

Atmung

Nein, es ist keine Option. Kann es nicht sein.
Wir haben uns für etwas anderes entschieden und vielleicht schützt uns, unsere Rigidität an dieser Stelle vor etwas, das uns das Leben kurz erleichtert, weil es uns einen Kampf abnimmt, aber auf lange Sicht nicht dazu beiträgt überhaupt für sich einzutreten, sich um sich zu kümmern und also an der eigenen Lebensqualität mitzuwirken.

stabilisierte Instabilität

Zwei Tage später wird mir klar, dass es ok ist. Dass sie Abstand nimmt und nicht dranbleibt. Die Therapeutin mit Kapazitäten ohne Kassenzulassung, die nach dem ersten Ruckeln im Kostenerstattungsverfahren mit der Krankenkasse glaubt, da würde gar nichts gehen.
Ich hätte mich in den Kampf geworfen, weil ich von der Betreuerin, die wir jetzt haben, so gut vertreten werde und ansonsten erodiere. Ich fühle die Jugendlichen, ich fühle die Kinder, ich fühle meine Gedanken und wie ich unter dem Druck der letzten Wochen an Konsistenz verliere. Es ist der perfekte Zeitpunkt für irgendeinen beknackten Bürokratiescheiß, von dem ich mich verletzen lassen kann, um nicht selber zur Klinge greifen zu müssen.
Aber nein, sie steigt aus. Einige Tage nach dem Termin mit der letzten Therapeutin und dem Begleitermenschen, in einem inneren Zustand, den ich weder überschauen, noch sortieren, noch beworten kann.

Sie ist die zweite Person, der ich davon erzähle, dass die Therapeutin uns ein Angebot gemacht hat, unser Kommunikationsproblem anzugehen und die dritte, die uns sagt, dass das doch prima ist und wir das annehmen sollten.
Plötzlich bin ich die Person vor einem Tisch voller Optionen, die nur zugreifen müsste, aber zu keiner Regung fähig ist.

Denn da ist sie wieder. Die Hilfe-Falle.
Mein Zustand jetzt ist mit „stabilisierte Instabilität“ am besten zu beschreiben, ich habe keine eigene, erwachsene, Haltung zur Lage, möchte, dass alles ~einfach irgendwie gut wird~ und keine 2 Millimeter hinter mir passiert alles von Traumawiedererleben bis kalte Ordnung, um möglichst glatt abzuschließen.
Das ist nicht der Zustand, in dem ich mich für irgendeine Hilfe oder Unterstützung oder irgendwas, das mich persönlich betrifft entscheiden kann und sollte. Und gleichzeitig ist es der Zustand, in dem ich Hilfe oder Unterstützung dringend brauche.

Eine Woche später wird klar, dass sie Krankenkasse vielleicht nicht mal die Kosten für die probatorischen Sitzungen bei der privat behandelnden Therapeutin übernimmt und R., die mir nun seit Monaten mit ihrem „Menschen sowieso aber Therapeuten ganz besonders-Misstrauen“ im Ohr, im Hirn, im Sein hängt, wird zu einem glühenden Stahlgerüst entlang meiner Knochen. Unfassbar schmerzhaft, ständig präsent und starr.
Das kenne ich von K., aber meine Lösungsversuche scheitern. Es ist, als wäre da etwas eingerastet, das ich nun wirklich nicht mehr allein frei kriege und meine Motivation nach einer neuen Therapeutin zu suchen, hat ihren Tiefpunkt erreicht.

Ich glaube nicht, dass wir in dieser Zeit jetzt jemanden finden. Ich sehe auch nicht, woher ich noch einmal Kraft nehmen könnte, noch einmal alles zu erklären, noch mal alles zu erzählen, noch mal eine Schicht mehr über R. und damit eins der wichtigsten inneren Systeme zu legen, die kennen zu lernen doch so ein großer Fortschritt war.

Also entscheide ich gar nichts. Dass ich bleibe, ist wichtig und das merke ich auch. Früher wäre schon längst niemand mehr da gewesen. R. hätte geregelt, bis sie nicht mehr kann, dann K., bis das, was durch ihre traumalogische Regelei nötig wird, ein Ich ist, das auch ohne sie funktioniert. Jetzt regle ich, indem ich gar nichts regle und mich auf den Lauf der Dinge verlasse. Not sure if win.

traumabasierte „Entscheidungen“ erkennen und was helfen könnte

Es gibt traumareaktives Verhalten, das man selbst als Entscheidung wahrnimmt.
Man glaubt, man würde sehr rational bewerten, würde das einzig Mögliche Richtige tun; in eine Zukunft handeln, die besser wäre als ~alles~ jetzt. Und dann bleibt man bei Menschen, die eine_n nicht gut behandeln, verlässt von jetzt auf gleich eine Arbeitsstelle, Freund_innen, die Stadt, das eigene Leben. Oder man geht invasiver vor als nötig, wendet körperliche, seelische, psychische, ökonomische, strukturelle Gewalt an und lügt, um die eigene Ohnmacht, Angst, „Schwäche“ so weit von sich zu weisen bis man sie nicht mehr fühlt.

Dieses Verhalten dient der Stress- und Emotionsregulation. Alle Menschen kennen dieses Verhalten von sich, nicht alle haben dazu auch eine komplexe Traumafolgestörung, die es ihnen erschwert, es auch als solches zu erkennen und zu verändern.
Traumareaktive/traumabasierte Entscheidungen werden oft gefällt, um unaushaltbare Gefühle zu beenden vermeiden. Emotionale Betäubung zu  unterbrechen, bedrängende Ohnmachtsgefühle, Verwirrung, Unsicherheit, die an Todesangst erinnert, zu stoppen verdrängen. Häufig werden auch Probleme, die sich durch das Fehlen eigener Werte und Meinungen oder der Angst, diese zu vertreten, ergeben, mit  solchen Entscheidungen gelöst aufgeschoben.
Nicht jede traumabasierte Entscheidung ist deshalb irrational oder falsch – aber sie ist nicht wirklich selbstbestimmt, nicht so frei, wie nicht traumatisierte Menschen entscheiden können und in der Regel dient sie der Kompensation von Problemen – nicht der Lösung.

Traumabasierte Entscheidungen bestätigen so gut wie immer auch Traumawahrheiten. Also die Wahrheiten, Einsichten, Ideen, die man brauchte, um der erlittenen Traumatisierung Sinn und Kontext zu bieten. „Mir wurde XY angetan, weil ich … bin.“, „Alle [Berufsbezeichnung/Geschlecht/äußerliche Eigenschaft/sonstige Zugehörigkeit des_der Täter_in] sind abstoßende Arschlöcher“, „X ist tödlich/Y ist lebensgefährlich“, „Ich habs nicht anders verdient, weil ich …“
Traumawahrheiten sind keine Lügen. Sie sind nur nicht so umfassend, belastbar richtig, wie man sie wahrnimmt – und so manche Traumawahrheit ist als Legitimationsgrund für Gewaltausübung sehr tief ins kollektive Gedächtnis eingegraben. Etwa: „Leute, die X tun, sind selber schuld, wenn dann Y [etwas Schlimmes, Traumatisierendes] passiert.“

Woran erkennt man eine Traumawahrheit?
Sie dreht sich immer (irgendwann in der Argumentationskette) um Leben und Tod, um 100 % richtig/wahr und 100 % falsch/gelogen, um Top oder Flop. Es gibt kein Dazwischen, kein „Moment mal kurz…“, keine Optionen für Gleichzeitigkeit. Sie sorgt dafür, dass man an sich selbst einen anderen Maßstab anlegt als an andere Menschen.
Und was viele Traumawahrheiten noch auszeichnet, ist der Zirkelschluss. Also eine logische Kette, die immer wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurückfindet und sich damit selbst bestätigt. Das ist die Eigenschaft, die viele Traumareinszenierungen anstößt und auch diesen Erfahrungen wiederum Kontext und Logik gibt.

Was kann man tun, wenn man merkt, dass man sich in einer Situation befindet, die zu traumabasierter Entscheidung führen könnte?
Was mir gut hilft ist, zu prüfen, wie erwachsen meine Gefühle und Einschätzungen zu einer Situation gerade sind und wie erwachsen ich mich fühle in Bezug auf das Entscheiden selbst.
Für mich ist ein Marker für „Ich fühle mich erwachsen“, dass ich mich traue, in Betracht zu ziehen, gar keine Entscheidung zu treffen und mir Zeit dafür zu erbitten oder sie mir zuzugestehen. Ich weiß, dass mein erwachsen sein, mein überlegt und rational sein, im vorderen Teil meines Gehirns steckt und dass dort tendenziell Sendepause ist, wenn ich Zeitdruck habe. Also sorge ich für so viel Zeit, wie ich aushalten und vor anderen auch verantworten kann. Das kann ein Zeitraum von 5 Minuten sein, es können aber auch Wochen und Monate sein. Je länger ich mir, uns, Zeit für eine Entscheidung gebe, desto breiter wird das Spektrum dessen, was die Entscheidung für mich, für uns, bedeutet. Aus einer 1 oder 0-Entscheidung wird so eine 1 oder 2 oder 3 oder 4 oder auch gar nix-Entscheidung und dies wiederum erfordert auch mehr Überlegung (Erwachsenheit) von mir und festigt mich in der Situation.
Denn was das Kindliche, Jugendliche, Traumatisierte in mir sehr gut kann, sind 1 oder 0-Entscheidungen. Also die klassische Traumamechanik. Alles, was schnell gehen muss, um das Überleben zu sichern. Die Dinge, mit denen ich heute konfrontiert bin, sind aber Entscheidungen des Lebens. Gestaltungsfragen, wenn man so will. Wenn ich uns mehr Zeit gebe, können sie diesen Unterschied manchmal miterleben, was hilft, wenn es darum geht noch mehr zwischen früher und heute zu unterscheiden.

Was mir auch hilft ist, ist zu prüfen, ob ich Angst vor den Konsequenzen meiner Entscheidungen habe.
Das ist ziemlich tricky, weil oft auch extrem konfrontativ, aber manchmal muss man da durch, weil es nur so weitergeht. Eine Situation kann zum Beispiel sein, dass man sich überlegt eine Beziehungsperson zu verlassen, weil man nicht (mehr) zufrieden ist mit der Beziehung. Dann kann es sein, dass man vor allem kindliche Panik vor dem Beziehungsabbruch spürt – aber auch die erwachsene Überforderung (die Todesängste triggert) vor einem Leben ohne irgendeine Beziehungsperson im Leben.
Und dann hilft es vielleicht zu gucken: Habe ich wirklich keine andere Beziehungsperson in meinem Leben? Wofür genau brauche ich eigentlich eine Beziehungsperson in meinem Leben? Sterbe ich, wenn da keine_r ist oder ist es nicht vielleicht eher so, dass ich aus mir heraus keine Selbstfürsorge oder -versorgung oder Lebensziele und -sinn aufrechterhalten kann/will/werde, weil noch nie alleine gemacht? Das sind schmerzende Fragen und vielleicht geht man mit Antworten aus dem Prozess, die niemand wissen darf, weil es so peinlich ist – aber was sich daraus ergibt, hilft eine reflektierte, informierte Entscheidung zu treffen.

In Bezug auf die kindliche Panik, die man in so einer Situation vielleicht fühlt, nur eine Sache: Man hilft Kindern nicht, wenn man ihnen gibt, was sie wollen, weil sie Todesangst haben – man hilft ihnen, wenn man ihnen die Todesangst nimmt, indem man für Sicherheit sorgt. Und man ist nicht in einer sicheren Situation, wenn sie Todesangst auslöst.

Überforderungsgefühle von erwachsenen Menschen werden selten benannt. Meistens, weil sie mit Schwäche und Unfähigkeit verbunden werden und deshalb auch mit Minderwertigkeit. Überforderung ist aber nichts weiter als ein Marker dafür, dass etwas fehlt. Vielleicht braucht es Fähigkeiten, vielleicht Werkzeug, vielleicht Unterstützung, vielleicht eine Änderung der Aufgabe – alles Dinge, die übrigens in Bezug auf schwierige Erfahrungen den Unterschied zwischen Trauma und „belastendes Lebensereignis“ ausmachen. Überforderung ist das Stück vor Trauma, das zu spüren im Alltag für mich enorm an Wichtigkeit gewonnen hat. Reguliere ich meine Überforderung, reguliere ich das traumatisierende Potenzial von neuen Erfahrungen, neuen Aufgaben, plötzlich eintretenden Sondersituationen.
Auch hier ist es natürlich wichtig wieder zu gucken, was ich wirklich selbst regulieren kann, aber in Bezug auf wichtige, große Entscheidungen, die ich für mich selbst treffe, ist es einfach wichtig, dass ich mir klarmache, dass ich mit Überforderung etwas machen kann und ihr nicht so hilflos ausgeliefert bin wie in früheren traumatisierenden Situationen.

Was möglicherweise noch helfen könnte, ist eine Liste zu haben, auf die man sich in Bezug auf das eigene Leben geeinigt hat. Oder eine Liste mit Dingen, die einem_einer einfallen, wenn man sich fragt, was man im Leben möchte, was man vom Leben möchte oder woraus das eigene Leben bestehen soll. Wichtig dabei: Nicht als „Irgendwann mal in der Zukunft, möchte ich…“ gedacht oder formuliert, sondern ganz konkret, jetzt und hier.
Bei uns steht drauf, dass wir leben wollen, dass dieses Leben nicht mehr wehtun soll und dass wir uns so in unserem Leben auskennen (können) wollen, dass wir darüber erzählen können. Das sind Punkte, die wir uns erarbeitet haben und die wir als Messlatte für alles herannehmen.
Das heißt nicht, dass wir jeden Schmerz vermeiden und auch nicht, dass wir uns zum Beispiel gegen das Schweigen über unser Leben entschieden haben, aber es bedeutet, dass wir uns zum Beispiel auf jeden Fall von Menschen trennen, die uns (wiederholt) verletzen oder unseren Schmerz am Leben nicht ernst nehmen oder erleichtern helfen und auch, dass wir so lange weiter Traumatherapie machen, bis wir uns für uns genug und sicher im eigenen Leben auskennen (und uns das auch nicht gegenseitig erschweren oder verunmöglichen) bzw. so lange wir es aushalten, daran zu arbeiten.

Was noch helfen könnte, ist sich mit jemandem zu beraten, die_r nicht von der Entscheidung betroffen ist. Am besten mit jemand, die_r Traumalogik kennt, versteht, enttarnen kann. Es nutzt überhaupt nichts, wenn mir in einer Situation, in der in mir nur noch traumalogisches Denken passiert und meine Entscheidung eigentlich eine Reaktion ist, eine andere Person mir ihr (untraumatisiertes) Bauchgefühl zur Situation mitteilt. Ja, das kann auch mal passen, aber das hilft mir nicht, von der Reaktion zur informierten, erwachsenen Entscheidung zu kommen.
Ich brauche dann jemanden, die_r mich fragt, was ich fühle, was ich denke, welchen Druck ich spüre und mir anträgt zu prüfen, ob und wenn ja in welchen Aspekten, diese Gefühle wirklich heutig und der Situation angemessen sind. Jemand, die_r emotionale Distanz zu meinem Problem einhält und mir so zeigt, dass das überhaupt möglich ist.

Und, wenn eine andere Person involviert ist, kann es helfen, mit dieser Person über diese Entscheidung zu sprechen.
Manchmal entstehen Dynamiken zwischen Leuten, in denen man sich gegenseitig in Reiz-Reaktions-Dynamiken bringt, die nur mit Konfrontation zu stoppen sind. Und damit meine ich nicht „stoppen, wie einen Zug“, sondern, wie in „innehalten und mal aussprechen, was man gerade denkt und möchte oder will oder eben nicht mehr möchte“. Manchmal merkt man dann, dass man eigentlich die ganze Zeit (traumabasiert) reagiert und gar nicht wirklich macht, was man eigentlich möchte.

Das ist alles nicht einfach, aber machbar. Es ist möglich im üblichen Alltag Entscheidungen zu treffen und Dinge zu verändern. Indem man Entscheidungen trifft, die sich auf die realen konkreten HierHeuteJetzt-Umstände und Fakten beziehen, trifft man eine Entscheidung, die der Heilung oder, anders formuliert, Weiterentwicklung nach dem Trauma, mehr Raum gibt und so direkt dazu beiträgt.

Vorbereitung mit dem Begleitermensch

Ist es eine Angewohnheit oder beobachte ich gerade wie ihre Selbstverletzung aussieht, ich weiß es nicht. Und egal ist es mir eigentlich auch. Wir sind nicht mehr an eine Therapie gebunden, in der es zu den Regeln gehört, Selbst_Verletzungen zu versorgen und zu besprechen.
Sie beißt sich in die Fingerkuppen, quetscht sich die Lippen an den Zähnen taub und beobachtet die Bilder, die wir beide sehen.
Fünf Erwachsene mit Zetteln auf dem Tisch, im Halbkreis vor ihr, das Fenster im Rücken, dessen Licht sie blendet. Ich merke, dass sie voll in ihrem Ding ist und ich nicht. Für mich ist das ein Stummfilm, den ich ähnlich künstlich nachvollziehe, wie sie meinen Heutealltag.
Ich warte auf einen Anruf vom Begleitermensch. Wir sind verabredet, um einen Termin mit der Therapeutin vorzubesprechen. Ich weiß nicht mehr, wieso ich dachte, das wäre eine gute Idee. Weiß nicht mehr, was mein erwachsenes Ziel an dem Termin war. Und als ich darüber nachdenke, was die Ziele der anderen gewesen sein könnten, stoße ich an ihr Trauma und rutsche ab.

Sie fragt ihn, wozu wir den Termin denn machen. Kriegt die Antwort nicht prozessiert. Wackelt zwischen Abwehr dieses Erwachsenen, der diesen Termin ermöglicht hat und Ab_Tasten nach einer Ver_Bindung. Ihr Stress spült mich immer weiter weg und macht es ihr gleichzeitig immer schwerer sich zu halten. Dann fällt mir auf, dass er ihr eine Brücke zu bauen versucht. Das löst mich aus ihrem Erinnerungssturm.
„Was soll denn nicht passieren?“, fragt er. „Sie solln nich so reden und dann hängt alles an mir und ich bin selber schuld, dass es nicht aufhört. Ich weiß, dass es nicht meine Schuld ist. Sie soll nich sagen es ist nicht meine Schuld, aber es ist doch meine Schuld, weil sie wegen mir weg ist.“
Ich merke, dass sie mit ihrer Antwort nicht unbedingt etwas für ihn erklärt, aber ein Stück Brücke zu ihm angelegt hat. Er wird antworten und sich sichtbar machen, da bin ich sicher. Sie werden sich irgendwie verbinden, ohne sich gegen die Therapeutin zu verbünden. Das ist anders und gut. So als ob man etwas mit Kraft und Gewalt stemmen könnte, aber dann eher im richtigen Winkel hebt.

Sie glaubt nicht daran, dass es klappt und ich lasse ihr das, um den Kontakt nicht zu zerstören. Ich glaube selber nicht daran. Weiß, dass ich hingehe, weil ich keine andere Möglichkeit habe, wenigstens für mich irgendetwas an der Sache zu verstehen.

Aber ja, es ist wie die Hilfeplangespräche, die Klinikvisiten, die Patienteninquisitionen zur Besiegelung jedes Abbruchs, der uns mit allem allein gelassen hat. Ohne Halt, ohne Hilfe, ohne Perspektive und viele Male auch zurück in die Gewalt, von der alle wussten, die aber niemand zu beenden fähig oder willens war.

Dass ich verstehen will, ist neu. 2016 Klinikkonfliktrest-neu.
Aber kein Raum für Hoffnung oder Illusion. Am Ende bleiben wir allein und müssen aus uns selber entwickeln, woraus wir Halt und Kraft, sich halten zu können, ziehen. Zu verstehen, warum das so ist, wird mit aller Wahrscheinlichkeit alles noch viel unerträglicher machen. Denn Wissen ist eben nicht gleich Macht.

fatal error/language pack „neurotypisch“ failed – der Apfel

Irgendwann ist es nur noch der Gedanke: Weil ihr einfach dumm seid.
Als Wochen vergangen, das gegenseitige Unverständnis unüberbrückbar, das Ende meiner Worte erreicht ist. Ja, da denke ich Fuck you all, ihr seid zu dumm, ihr rafft es einfach nicht, ich kann nicht mehr. Ende. Schluss. Dann eben nicht. War ja klar. Sowieso.
In meinem Rücken Leute, die ihre Unsicherheit ausdrücken, ja auch keine Ahnung haben und aber hier und aber da, allen geht es ja immer schlecht, nie hat man Zeit sich sicher zu werden und man weiß auch nicht. Das wollte man auf jeden Fall nicht und ja, danke für die Info, ich war auch nicht dafür da.

Der Fehler liegt nie bei den anderen, schlimmer noch, nie hat irgendjemand irgendetwas falsch gemacht, ich hab einfach Pech, irgendwie irgendwo falsch abgebogen und man kriegt es nicht mehr klar, weil keiner kapiert und ich einfach nicht mehr kann, nicht mehr weiß, aber soll und muss, weil sonst keiner will und sich einredet, ja eigentlich in Wahrheit auch nicht zu können.
Gruppen, andere Menschen und ich, das ist eine Geschichte, die für mich immer immer immer wieder mit dem Gefühl endet, für alles verantwortlich zu sein, an allem schuld zu sein, alles aus mir selbst heraus klären zu müssen, obwohl alle was von zwei Seiten sagen. Aber ich bin die Seite, die was sagt. Vermutlich, weil ich selbst einfach am allerdümmsten bin. Die andere Seite schweigt. Vor Angst erstarrt irgendwo zitternd und total verwirrt und hat ja keine Ahnung flatter flatter armes Mäuschen. Das Böse bin ich. Aggressiv, immer nur wütend, gefährlich.

Dass ich auch nicht verstehe, nicht verstehe, wie man nicht verstehen kann, obwohl ich schon alles gesagt hab – ich nicht verstehe, wie die meisten Leute mich verstehen, was von dem, was ich sage oder schreibe, ja blabla scheinbar versickert das irgendwie immer oder ist einfach zu konkret, mit zu viel autistischer Grammatik, was weiß ich. Wer redet kann kein Kommunikationsproblem haben, richtig? Jemand, die_r so viele Wörter kennt, von so vielen Leuten gehört wird, kann doch kein Problem mit Verständnis haben.

Verstehen bedeutet für die meisten Leute aber etwas anderes als für mich. Sie reden von emotionalem Verstehen. Von ei ei, wenn man sagt, dass etwas weh tut oder geteilten Emotionen oder schlicht einem Zuhause im anderen. Und ich meine, dass, wenn ich von einem Apfel rede, die andere Person versteht, dass ich von einem Apfel rede.
Nicht von Apfelmus, nicht darüber, wie ich Äpfel oder diesen einen Apfel finde, nicht, dass ich einen oder diesen Apfel will, nicht, dass der Apfel mich stört, dass er mich triggert und auch nicht, dass jemand den Apfel essen soll oder ich ein mega Rezept für Apfelkuchen kenne, weil ich die geilste Person unter der Sonne bin.

Die meisten Leute können ihre Missverständnisse mit einem einfachen Trick lösen, um sich selber aus ihrer Rolle in einem Konflikt rauszudrehen: Ich-Botschaften.
Weil die meisten Leute in den meisten Fällen irgendwelche emotionalen Sozialkonflikte haben und vornehmlich sagen wollen: „Ich mag dich, ich will dich nicht vernichten“, ist es wichtig und nötig, dass die einander sagen, was sie wie gehört haben und was das bei ihnen ausgelöst hat.
In meinen Konflikten, ist das eine Strategie, die mir nur Energie frisst, weil sie mich zwingt, die ganze Zeit immer und immer wieder zu sagen: Ja, fein, aber hier, es geht um einen Apfel. Nicht um dich, nicht um mich, ich habe hier ein Ding und ich bin deshalb in Gefühlen, weil ihr mich komplett aufraucht in dem Versuch mir mitzuteilen, wie lieb ihr seid, wie toll ihr mich findet, was in Bezug auf diese Sache hier eigentlich alles nur schlimmer macht, weil ihr mir total widersprüchlich erscheint. Ja, ihr habt mich lieb und wollt mir nicht schaden, warum hört ihr dann nicht einfach, dass es um diesen fucking APFEL geht?! Warum zur Hölle hilft mir dann niemand von euch? Warum bin ich denn jetzt hier der Arsch, „hab den Konflikt gewählt“, warum fühlt es sich denn für mich an, als würde ich mich eurer Zuneigung nicht würdig erweisen, weil ich sage, dass ich da etwas habe, das mit euren Gefühlen zu mir überhaupt nichts zu tun hat?

Am Ende solcher Konflikte reden Leute schlecht über mich oder machen mich zum Opfer meines Traumas, behaupten, ich wäre nicht konfliktfähig, entwerten meine Arbeit und so manche haben mir jeden Weg in andere Gruppen verwehrt.
Und ich bleibe mit der erneut bestätigten Traumawahrheit, dass jeder Space ein safe Space ist, wenn ich nicht (mehr) drin bin, zurück. Nicht, weil ich meine Trigger nicht klarkriege, nicht weil mich keiner mag, sondern nur, weil ich kein Emo-Verständnis will und das keiner kapiert.

Und weil der Apfel für niemanden außer mir überhaupt relevant ist.