Im Sommer 2015 veröffentlichte ich drei Ausschnitte meiner Auseinandersetzungen mit der Autismusdiagnose. Autismus und DIS #1, #2 und #3. Nicht lange danach bereute ich es.
Über den Verlauf der folgenden Monate wurde ich so instabil wie jahrelang schon nicht mehr. Ich konnte Sookie nicht mehr versorgen. Schließlich auch mich selbst.
Was mich beschäftigt hat, wollte ich hier nicht mehr so teilen. Mit den Menschen in meinem Leben hätte ich sprechen müssen. Das Ausmaß der zu prozessierenden Informationen und Schlüsse, zu denen ich über mein Erleben kam, und ihre Bedeutung für mich waren zu viel. Ich erlebte eine massive Dekompensation. Wurde suizidal. Stimmte einer psychiatrischen Krisenintervention zu, weil ich keine Kraft mehr hatte, mir eine Alternative zu wünschen.
Wenige Monate später passierte der Klinik-GAU.
Ich entschied, meine Therapeutin von meinem Autismus fernzuhalten. Ich hatte „meine Klinik“, meine feste, sichere Anlaufstelle zur Selbstsammlung und ‑stärkung, verloren – ich hatte Angst, auch sie zu verlieren.
Ich entschied auch, hier nicht so darüber zu schreiben, wie es mich tatsächlich beschäftigt oder womit ich mich diesbezüglich befasse. Der Begleitermensch und mein Facharzt wurden zu den einzigen Menschen, mit denen ich offen und rückhaltlos darüber sprach. Wenn sie Zeit dafür aufbringen konnten. Was sie immer weniger konnten und schließlich gar nicht mehr.
Das hat letztlich die Krise ausgelöst, die es nötig machte, meine Therapeutin zu konfrontieren. Ich musste von ihr verlangen, meinen Autismus nicht als Ergänzung zur DIS mitzudenken, und war fest davon überzeugt, dass sich der Klinik-GAU wiederholen würde.
Meine Therapeutin hat die Arbeit aber doch geleistet.
Die Therapie begann, wirklich hilfreich zu sein. Ich konnte anfangen zu prozessieren. Teile dieser prozessierenden Arbeit konnte ich in „Worum es geht, Autismus Trauma und Gewalt“ veröffentlichen.
Ganz und gar aufrichtig, offen, unverdeckt und frei, spreche ich nie von mir aus über meinen Autismus. Mit niemandem. Ich teile gern, was ich weiß, was ich gelesen, gesehen, gehört, von Diskurs und Forschung mitbekommen habe. Ich kläre gern auf, wenn mich jemand fragt, teile Quellen und Theorien, aber wie es für mich ist, was es bedeutet und auslöst, wie es meinen Alltag bestimmt und Situationen beeinflusst, das teile ich nur selten dezidiert mit.
Aus drei Gründen: das Stigma, die Medien, die persönlichen Auswirkungen
Fast jedes Gespräch, in dem ich meinen Autismus und meine Traumafolgestörung offenlegen muss, erfordert Entstigmatisierungsarbeit von mir. Die Benennung und Abgrenzung von Vorurteilen, die Einordnung der Relevanz dieser Information über mich in dem Kontext, der aktuell ist, und die soziale Versicherung aller Beteiligten, dass ihnen kein Schaden dadurch entsteht, wenn sie sich mit mir umgeben.
Außer wenn ich mit anderen (komplex) traumatisierten Autist_innen oder Menschen mit ADHS zusammen bin, habe ich keinen vorurteilsfreien, keinen nicht pathologisierenden oder problematisierenden Raum für mich und mein in der Welt sein.
In der Folge verstecke ich mich. Ich erwähne bestimmte Dinge nicht, thematisiere manche Belastungen, Anstrengungen oder Hindernisse nur dann, wenn ich die Kraft habe, mich oder meine Perspektive zu erklären und meinen Gegenübern dabei ein gutes Gefühl zu vermitteln. Was in der Regel bedeutet, dass ich sie egalisiere, bagatellisiere, zu einer Macke von mir erkläre, um die sich niemand weiter kümmern muss.
Die meisten Dinge, die ich als autismusbezogen verstehe, empfinde, denke oder prüfe, verhandle ich mit mir allein. Und immer bin ich darauf konzentriert, an den Folgen dieser Entscheidung nicht in einem Umfang zu leiden, der mich wieder suizidal macht.
Ich möchte mit dieser Offenlegung eine Idee davon vermitteln, wie gleichzeitig Selbstermächtigung und Stigmatisierung passieren und wirken. Und dass es nicht nur um Vorurteile geht oder darum, wer sie wie nutzt oder aufklärt.
Es geht auch darum, dass es für Menschen mit DIS oder Autismus – oder beidem – extrem schwer ist, nicht in ihrer Menschlichkeit infragegestellt oder mit der Gefahr dessen konfrontiert zu werden. Und dass das Folgen hat, die nichts mit der von der Diagnose beschriebenen Konstitution oder Funktionsfähigkeit zu tun hat, sondern mit der Gesellschaft, in der diese Menschen leben.
Jede Geschichte, die unsere Stigmatisierung in dieser Gesellschaft verfestigt, ist eine zu viel.
Widerspruch unbedingt und immer nötig.
Von allen. Denn es betrifft alle.
Beginnen müssen wir mit dem Stigma.
Als Stigma versteht man im Allgemeinen Merkmale, die negativ bewertet werden. In den Sozialwissenschaften nennt man es Stigmatisierung, wenn Individuen oder Gruppen eine negativ bewertete soziale Identität aufgrund real existierender oder unterstellter Merkmale zugeschrieben wird. Stigmatisierung ist also eine aktiv vorgenommene Handlung zum Zweck der Ab- und Ausgrenzung und damit letztlich auch zur Legitimation und Rechtfertigung von zwischenmenschlicher (und in der Folge auch institutioneller, struktureller – also organisierter) Gewalt.
Psychisch erkrankte und langfristig behinderte Menschen sind eine umfassend und komplex stigmatisierte Gruppe in unserer Gesellschaft. Die Stigmatisierung dieser Gruppe ist kulturell normalisiert und integraler Bestandteil vieler sozialer Praktiken. Sie zu erkennen, ist daher etwas, das man lernen und trainieren muss. Dazu ist, neben einer grundlegend respektvollen und Menschlichkeit anerkennenden Grundhaltung, erforderlich, alles zu hinterfragen, was man über die Gruppe tatsächlich weiß, zu reflektieren, wann man welche Zuschreibungen vornimmt, und zu prüfen, welche Funktion, die Zuschreibung jeweils hat.
Häufig wird Zuschreibung mit bloßer Beschreibung, also sachlicher Benennung, verwechselt oder nicht auch als Instrument von Macht und Machtausübung verstanden. Im Zusammenhang mit stigmatisierten Gruppen ist die Wahrscheinlichkeit nicht neutraler Sprechakte entsprechend enorm hoch. Daher erfordert das (öffentliche) Sprechen und Sprachhandeln in diesem Zusammenhang nicht nur intensive und achtsame Vorbereitung und Reflexion, sondern immer auch Offenheit für Kritik und die Bereitschaft zur Weiterentwicklung – wenn man weder aktiv stigmatisieren noch von bestehenden Stigmatisierungsprozessen profitieren möchte. Da gibt es also auch einen Raum, in dem man eine Entscheidung trifft. Entweder man macht bei der Stigmatisierung mit, profitiert davon, oder nicht.
Bei der Trias „organisierte rituelle Gewalt“ (ORG), „dissoziative Identitätsstörung“ (DIS) und Autismus-Spektrum-Störung (ASS) treffen drei Themenkomplexe aufeinander, die in ihrer gesamten Zeit als Diskursthema nie nicht von Vorurteilen und Stigmatisierung belegt waren. Das ist wichtig zu verstehen, denn Stigma ist „ansteckend“.
Zu einem dieser Themen zu arbeiten oder mit autistischen bzw. Menschen mit DIS oder Gewaltgeschichte in Kontexten von ORG zu arbeiten, bedeutet für Behandler_innen und Angehörige, Forschende und sozial Unterstützende immer auch ein soziales Risiko. In der Sozialwissenschaft nennt man das „Stigma durch Assoziation“. Diese Forschenden, Begleitenden, Familienmitglieder oder Freund_innen können noch so gute, richtige, faktisch, sachlich perfekte Öffentlichkeits-, Forschungs-, oder Aufklärungs.Arbeit leisten – dadurch, dass es darum geht, ist sie in manchen Zusammenhängen bereits weniger wert und damit über manche Ecken auch die Personen selbst. Ihre Beiträge werden anders rezipiert, ihre Zugänge zu Netzwerken geringer, ihre Aufstiegsoptionen kleiner, ihre Glaubwürdigkeit eher infrage gestellt. So zeigt sich letztlich dann auch die Macht, die mittels Stigma und Stigmatisierung gesichert und verteidigt wird.
Der Eindruck, der dadurch in der Allgemeinbevölkerung entsteht, ist: „Das ist ein umstrittenes Thema.“, „Da wird kontrovers diskutiert.“, „Da gibt es keinen Konsens.“, „Dazu gibt es viele Meinungen.“, „Darüber weiß man noch nichts Definitives.“, „Leute, die sich damit befassen – also, da muss man wirklich ganz genau hinschauen (manche von denen spinnen selber/sind verschwörungsgläubig/fehlgeleitet/Scharlatane).“, „Damit muss man zu einem Spezialisten, der absolut unangefochten ist, sonst erfährt man nur Unsinn darüber.“
Und es entsteht ein gewisser Freiraum, der zuweilen mit Freiheit verwechselt und aus dieser Annahme heraus auch verteidigt wird. Etwa mit Aussagen wie „Kennst du eine_n Autist_in, kennst du eine_n Autist_en.“ oder „Die DIS kann sich super individuell ausprägen.“ oder „Wissenschaft ist auch nicht alles.“
Und in diesem diskursiven Freiraum, dieser Art Meinungs-Wild-West, treffen wir uns dann bei Instagram. Oder in einem Blog wie hier. Oder in der Redaktion einer edgy Podcastredaktion. Oder bei einem Betroffenenkongress, in der Selbsthilfegruppe oder in der Peer-Beratung. Einerseits weiß man nichts, andererseits doch schon jede Menge, das nicht so leicht vergessen oder ignoriert werden kann. Einerseits sind sich jeweils autistische Menschen und Menschen mit DIS so ähnlich, dass man Diagnosen vergeben kann, andererseits ist alles hochindividuell. Einerseits ist alles an ORG special geheim und andererseits kennt die Allgemeinbevölkerung mindestens eine Gruppierung in Deutschland, die organisiert Rituelle Gewalt aus(ge)übt (hat).
Es ist ein schwieriger Balance-Akt, sich als selbst betroffene Person darin zu positionieren. Nicht jede Meinung, die ich zum Beispiel vertrete, ist ausschließlich faktenbasiert oder ausschließlich erfahrungsbasiert. Es gibt Unschärfen, es gibt unerforschte Bereiche, es gibt selbst anders oder auch gar nicht erlebte Erfahrungen. Und es gibt Sympathien und Antipathien. Es gibt eigene Abwehr- und Vermeidungsreaktionen aufgrund von Dynamiken, die sich aus ganz eigenen, innerhalb einer Gruppe entstehenden Stigmatisierungsprozessen heraus ergeben. Es gibt Viele, die sich nicht „solchen Vielen“ umgehen wollen, nicht „wie diese Vielen“ gesehen werden wollen, weil diese negative Eigenschaften haben (oder ihnen zugeschrieben werden). Ausschließlich Meinung oder freie Rede ist das jedoch nicht. Es ist eine Abgrenzung und ab einem gewissen Punkt auch eine Stigmatisierung. Eine von vielen sozialen Alltagsgewalttaten, die Gruppen untereinander ausüben, weil Macht vor allem in Gruppen schwer und mehrfach stigmatisierter Menschen eine ziemlich spezielle Verhandlungssache ist. Je stärker das Stigma ist, desto enger ist der Rahmen der Gruppe, die dadurch entsteht. Je mehr soziale Identitäten involviert sind, desto kleiner wird auch der (Zuwider-)Handlungsrahmen der Gruppe.
Das funktioniert so: Eine stigmatisierte Gruppe weiß, dass sie stigmatisiert ist und wie sie aufgrund dieses Stigmas von den stigmatisierenden Menschen wahrgenommen wird. „Wir Menschen mit DIS“ wissen etwa, dass man uns für psychisch krank, extrem in irgendeine Richtung, in der Regel für Frauen und für nicht normal hält. Zum Beispiel. Machen wirs nicht so kompliziert. Und weil wir das wissen, erkennen wir einander an genau diesen Merkmalen. Und weil wir unsere Gruppe definiert wissen und erhalten wollen, sortieren wir einander auch genau entlang dieser Merkmale bzw. erwarten von einander, diese Merkmale auch wirklich zu erfüllen. So definieren unsere Gruppenmerkmale unseren Handlungsrahmen sowohl als Gruppe als auch als Gruppenmitglieder.
In DIS-Bubbles, wo Vielesein ein Synonym für wehrlose Opferschaft ist, zum Beispiel, ist offener Widerspruch oder ein aktiver Lebensstil oder nach sexualisierter Gewalt ein befriedigendes Sexleben zu haben, ein massiver Ausbruch aus dem Handlungsrahmen und bereits ausreichend, um in der Zugehörigkeit infrage gestellt oder auch ganz ausgeschlossen zu werden. Für Personen mit einer seltenen Erkrankung, die in der Öffentlichkeit als „kontrovers diskutiert“ und mangelhaft behandelt wird sowie in ihrem Ausmaß an Leidensdruck im gesamten Lebensalltag noch weitgehend unsichtbar ist, kann das zu schweren Krisen und weiteren Zugehörigkeitskonflikten führen. Hochgradig stigmatisierte, marginalisierte, diskriminierte Menschen können in so einer Lage nicht einfach „einen Haken dran machen“. Egal, um welches Stigma bzw. welche negative soziale Identität es geht. Ob es der ökonomische Status ist, die Behinderung, die Leistungsfähigkeit, das Alter, die rassistische Einordnung …
Es entsteht also ein ganz ähnlicher Anpassungsdruck wie der außerhalb der Gruppe, die durch ein Stigma entsteht. Und entsprechende Erwartungen. Eine (meist unausgesprochene) Erwartung ist beispielsweise, einander zuzustimmen oder um nicht gesagte Aspekte zu ergänzen. Aber Widerspruch, Kritik oder offene Ablehnung bleiben verdeckt.
Ich hasse das.
Weil es unaufrichtig ist. Eine Scheinwelt erschafft. Einen Schonraum. Eine soziale Illusion, die jenseits herrschaftlicher Ausgrenzungsrealitäten produziert wird. Als würden nur Bestätigung und Zustimmung zu positiven Prozessen führen.
Wozu es tatsächlich führt, ist ständige soziale Unsicherheit. Unverbundenheit. Misstrauen. Kontaktschwebe. Ein ewiges Rumgeturne im sozialen Nebel. Und die Reproduktion von Gewalt durch (Deutungs-)Machterhaltende Maßnahmen.
Eine dieser Maßnahmen passierte unter dem Reel, als die Person meinen Kommentar zu meiner persönlichen Sicht herabsetzte und ihre Aussagen durch frühere Profession und Auseinandersetzung aufwertete sowie mit der Freiheit, vom Eigenen erzählen zu dürfen, legitimierte.
Mir ist schon klar, dass mein Einstieg in die Kommunikation zu dem Reel nicht sonderlich höflich oder fundiert war. Aber nur meine Perspektive, meine persönliche Meinung habe ich auch nicht formuliert. Ich bin eine autistische Person mit DIS, ich habe diese Doppeldiagnose und befasse mich inzwischen seit elf Jahren mit der Thematik. Neben dem Thema der organisierten Rituellen Gewalt als spezielles Gewaltphänomen des Turbo- bis Spätkapitalismus. Entsprechend deutlich erkenne ich reproduzierte Gewalterzählungen, negative Stereotype und Falschinformationen, wenn sie jemand veröffentlicht. Widerspruch erschien mir an der Stelle sowohl persönlich als auch faktisch und diskursiv relevant notwendig.
Die Abwertung hingegen hat aus meiner Sicht lediglich persönlichen Wert. Die Person behält die Deutungshoheit über etwas, das sie als etwas erlebt, das ihr ganz allein gehört. Das ganz individuell nur ihr Erleben betrifft. In Bezug darauf stimmt das auch. Sie darf sich als „in Anteilen als menschengemacht autistisch“ erleben und das auch öffentlich sagen. In Bezug auf die Herleitung ihrer Begründung und die mediale Darstellung, die sich an die allgemeine Öffentlichkeit richtet, stimmt das nicht mehr, weil die aktuelle Faktenlage ganz eindeutig eine andere ist. Und nicht nur ich persönlich das so finde, weil ich das anders erlebe, sondern weil es verifizierte und falsifizierte und reproduzierbare Daten dazu gibt. Sogenannte Fakten.
Wer sich egal womit in die Öffentlichkeit begibt, muss die Verantwortung dafür übernehmen. Und sei es in der eigenen Gruppe, während es die breite Öffentlichkeit gar nicht erst interessiert.
Man kann dann nicht das special Snowflake-Opfer sein oder die starke Selbstermächtigungsstimme, die alles (sogenannten „Hate“ zum Beispiel) an sich abprallen lässt, weil ihr möglicherweise jemand Böses will (und von Täter_innen geschickt wurde und wahrscheinlich sogar noch voll drin hängt). – Was eine häufige Deckerzählung über persönliche Abwehr ist und in der DIS-ORG-Bubble eine allgemein isolierende und desintegrierende Wirkung erzielt. Nicht wenige DIS-fluencer generieren Legitimation ihrer medialen Selbstdarstellung als besonders mutiges Opfer oder allgemein „nicht so wie diese Vielen“ (die sich nicht filmen oder fotografieren (lassen) oder öffentlich äußern) durch Andeutung oder Erzählung einer ständigen Bedrohung durch frühere Täter_innen oder ständig drohenden Shitstorm, einzig, weil die eigene Meinung vertreten wurde. Mit dieser Erzählung wird die Stigmatisierung von Opfern (sexualisierter Gewalt und Ausbeutung) als wehrlos benutzt. Und die Selbsterzählung von Täter_innen als immer und überall omnipotent.
Das Er.Kennen dieser gängigen Stereotype und Stigmatisierungen, mit denen die eigene Peergroup, die eigene Bubble, immer wieder konfrontiert wird, halte ich für eine Grundvoraussetzung in Austausch und öffentlicher Kommunikation.
Um diese Voraussetzung zu erfüllen reicht es nicht, es gut zu meinen. Es kann unter Umständen sehr viel Arbeit bedeuten. Zum Beispiel die Peer-Review von Material, das man verwenden möchte. Sensitivity-Readings von Texten oder anderen Medieninhalten, die man nutzen möchte, vornehmen zu lassen. Wissenschaftliche Beratung in Anspruch nehmen, das Lesen von wissenschaftlichen Abhandlungen lernen. Die Reflexion, der eigenen Motivation, der Absicht hinter der Veröffentlichung, vornehmen. Die Motivation und Absicht derer, die die Veröffentlichung ermöglichen oder erlauben, prüfen. Die Reflexion der eigenen Ansprüche an Verifikation und Falsifikation erwähnter Daten erarbeiten. Die kritische Prüfung der eigenen Fähig- und Fertigkeiten, um mit Kritik und Gegenrede umgehen zu können, machen. Und oft komplett unterschätzt: Die kritische Prüfung darauf, wie viel Zeit, emotionale und kognitive Kapazität für die Aufrechterhaltung der Kommunikation über das erstellte Medienstück aufgebracht werden kann. Viel Welle, massive Klickzahlen, sind in Sachen Entstigmatisierung und Diskurs wertlos, wenn alle nur reagieren, aber nicht miteinander interagieren und kommunizieren.
Und, wie zuvor erwähnt, braucht es zur Verantwortungsübernahme immer eine klar positionierende Antwort auf die Frage: Will ich vom Stigma profitieren? Will ich es aufgreifen und wieder aneignen? Oder will ich mich innerhalb der eigenen Bubble abgrenzen, indem ich andere stigmatisiere?
Der kommerzielle Erfolg, die „große Account“-Kooperationen und Presseanfragen, – den Bestseller gibt es nur, wenn man mitmacht. Kommerz braucht Stigma, sonst kauft oder klickt niemand mehr irgendwas, um Stigma zu beenden.
Die autonome Selbstvertretung, das ermächtigende und schützende Communityding, die Stimmenvielfalt, die die Forschung belebt, die im realen Leben zu fruchtbaren Projekten und Beziehungen führt, gibt es nur, wenn Stigmatisierung aufgearbeitet und als Gewalthandeln auch gegen die eigenen Leute überwunden wird.
Stigma ist kein Naturphänomen. Stigmatisierung kein Selbstläufer.
Es sind die Folgen von Entscheidungen.
Und wenn man sich öffentlich äußert, kommt man um die Entscheidung nicht herum. Auch nicht als Opfer. Als Mensch mit DIS. Als autistische Person. Als Mensch, der ORG üb.erlebt hat.
Das Gesicht einer weißen Person mit Brille und grauer Kopfbedeckung füllt die Hälfte des Handydisplays. Darüber steht schwarz unterlegt: „Autistische und nicht-autistische Identitäten in unserem DIS-System“. Sie sagt: „ORG missbraucht ja vor allem Bindung, die menschliche Bindung … missbraucht oder … führt dazu, dass diese Bindung unerträglich werden kann … auch (…) der Körper unerträglich werden kann … Von daher finden wir das als absolut naheliegend, dass ORG Autismus produziert. Menschengemachter Autismus. Und das ist bei uns so im System. Wir haben eben viele Anteile, die im Alltag ganz normal funktionieren und auch in der Bindung gut sind. „Ich mein, wir haben ja als Psychologin auch gearbeitet, wir waren da auch sehr empathisch, mit Patienten, und wir haben aber auch Anteile, die eben auch sehr stark autistische Züge haben.“
Ich sehe das Reel 2 Minuten nach Veröffentlichung und schreibe: „Entschuldige – das ist Unsinn.“ Sie antwortet: „aus eurer Sicht.“
Im Verlauf veröffentlicht die Person in ihrem Account „Seelenstrukturen“ eine Story nach der anderen. Fügt Erklärungen hinzu, ergänzt und wiederholt sich inhaltlich. Zieht eine Supervisionssitzung mit E. Nijenhuis, eine Onlinebefragung unter Menschen, die sich als Viele erleben, einen psychologischen Ratgeber aus der Kategorie Lebenshilfe zu Neurodivergenz und allein den Titel „Gewalt erleiden“ von Tabea Koepp als Argumentation heran.
Am Abend bin ich mir gänzlich unsicher, was die Person eigentlich möchte. Sie schreibt, das sei ihre Hypothese, auch als studierte Person. Dann, dass es ihre persönliche Wahrnehmung sei. Am nächsten Morgen, dass es beides gleichzeitig sei. Inzwischen hat das Video 24 Kommentare, die meisten argumentieren gegen ihre Aussagen.
Ich denke darüber nach, ob ich hier darüber schreiben möchte.
Auf so ein Reel mit Richtigstellung und Einordnung zu reagieren, macht es unter Umständen relevanter, als es ist.
Unter dem Schlagwort „ORG“, also „organisierte rituelle Gewalt“, gibt es unheimlich viele Inhalte ohne jede faktische Grundlage, und praktisch immer wird die dissoziative Identitätsstörung (kurz DIS) mindestens erwähnt. Manchmal entsteht dabei der Eindruck, die Themenlage sei so diffus und unklar, so subjektiv und komplex, dass im Grunde alle alles jederzeit behaupten können, ohne Konsequenzen durch Falsifizierung erwarten zu müssen. Sagen ja alle nur ihre Meinung, ihre ganz persönlichen Ansichten.
Ein Kommunikationsverhalten, das mich verärgert, weil es jede Forschungs.Arbeit, jedes Ringen um Fakten, jede Anstrengung für allgemeine Klarheit abwertet und unsichtbar macht.
Und meine Solidarität gegenüber anderen Gewaltüb.er.lebenden untergräbt.
Denn nicht nur wirre Skeptiker_innen und False-Memory-Fans verbreiten Unsinn über ORG und DIS, sondern auch Menschen, die sich als Betroffene zeigen, und Fachpersonen, die Aussagen dazu schon qua Grundstudium und Ausbildung mindestens differenzierter einordnen können sollten. Das führt bei mir dazu, dass ich mich unter anderen Vielen oder in Räumen, in denen diese Themen diskutiert werden, auf überhaupt keine Aussagen verlasse, die ich nicht sofort mit Quellen und Fakten überprüfen kann. Alles bleibt Behauptung oder These bis zum Beleg. Und das bedeutet eine ständig zu haltende Kontaktschwebe. Ich gehe nie näher dran, entferne mich aber auch nicht, denn es kann ja sein, dass stimmt, was mir erzählt wird. Das ist extrem anstrengend. Macht keinen Spaß. Und bringt mir letztlich nur eine gewisse Sicherheit darüber, dass ich weder aus Autoritätsrespekt noch aus Peer-Solidarität heraus von Unsinn, Falschinformation oder (gezielt) gestreuten Phantasieszenarien ausgehe. Und sie womöglich hier oder im Podcast oder in Vorträgen oder im direkten Kontakt weitergebe – und schwer erkrankten Menschen, von denen ein nicht unerheblicher Anteil mehrfachdiskriminiert ist, schade.
Dies – die Realität, dass Falschbehauptungen, Desinformation und Ausgedachtes erheblich schaden – ist für mich jedoch auch Anlass, zu reagieren. Und mich dann eben doch hinzusetzen und einen Text zu schreiben, der im Gegensatz zu Inhalten in social media Netzwerken, kostenlosen Blogplattformen oder Telegramgruppen, zukunftssicher zitierbar ist und einen direkten Kontakt zu mir als Diskutant ermöglicht.
Weil so viele Aspekte drinstecken, teile ich den Text auf.
„Und was genau soll man denn sagen, hm? Hm? Was solls denn bitte sein? Datenausgabe, emotionaler Tieftauchgang ins Drama der gequälten Seele, detaillierte Selbstauskunft – was zum Fick soll es denn sein, worüber man da reden soll?“ Es scheppert zwischen meinen Synapsen. Das dicke Seil um meinen Magen strafft sich. R. ist in Hochform, vibriert unter meiner Haut wie eine frierende Biene.
Wir hatten das Thema schon. Oft. Wirklich richtig oft. Das Schweigen der Opfer, die Ermutigung der Überlebenden, auszusprechen, was sie bedroht hat, die Anhörungen, die Frage, wer wann wozu genau eigentlich zuhört. Jedes Mal habe ich diese kleine Flipperkugel aus Titan in mir drin, die sich tobend gegen jede Wand schmeißt, als gäbe es dafür Punkte. Und jedes Mal baue ich ihr in Gedanken eine Art Durchknall-Labyrinth. „Nur weil dich niemand verstanden hat, als du geredet hast, heißt das nicht, dass das für alle gilt“ – Batsch – „Wenn niemand etwas sagt, wird ES für unsagbar gehalten.“ – Knall – „Worüber nicht geredet wird, bleibt unverändert.“ – Peng – Meine Phrasenkartei reicht, um ihr einen Sarg sicheren Raum zu zimmern. Irgendwann kann ich nicht mehr sagen, ob ich taub für sie bin oder sie mir gegenüber still.
Dann taumle ich mit Felice durch Bielefeld. Die erzählen, davon, dass sie noch nie in Worten über das gesprochen haben, was ich hier und immer ES nenne. Und ich teile mit ihr und allen, die uns später hören werden, dass ich vor allem über DAS, was Helfer_innen getan haben, spreche.
Später frage ich mich, ob ich da gelogen habe. Weil ich eigentlich nie darüber spreche, sondern vor allem darüber hinweg. Mit Substantiven wie Fixierung, Zwang(smedikation), Übertragung, Verstrickung, Projektion, Machtmissbrauch und anderen großen Phraselboxen, die für Lesende und Zuhörende greifbarer, anschlussfähiger, in autoritären Kontexten wie Akademik, Beruf und Behandlung besser einfügbar sind. Unbeeindruckt von Behandler_innen, die sich und ihre helfende Tätigkeit für richtig gut und fern jeglicher Gewalt halten. Mein Faktenwissen stützt mich. Ich brauche keine Ermutigung, keine Ermunterung und dank meiner Veröffentlichungsmöglichkeiten hier und im Podcast auch keine Erlaubnis, auszudrücken, was für ein bodenlos grausamer Zusammenhang sich aus Hilfe ergeben kann. Und warum es wichtig ist, sich damit zu befassen. Sowohl als Üb.er_lebende von Gewalt als auch als Mensch, der von sich selbst annimmt, das nie und nimmer je getan zu haben oder tun zu werden.
Wenn ich mit Helfer_innen spreche, die das Thema berührt, spreche ich auch nie ganz aus, was ich erlebt habe. Wenn es darum geht, Hilfe für jemanden zu reflektieren oder zu verbessern, dann würde ich damit Raum einnehmen, der für andere hergestellt wurde. Wenn es darum geht, Strukturen zu reflektieren oder zu verbessern, dann ist das Risiko hoch, dass meine Erfahrungen (unabsichtlich) bagatellisiert oder anders nicht angemessen beantwortet werden.
In der Realität ist es so: Ich teile meine Betroffenheit von (Helfer)Gewalt mit und meine Gegenüber reagieren darauf, als wäre das eine Art Outing. Radikale Offenlegung. Voll krass. Mutig. Und die Offenheit! – Und ich lasse das so stehen. Wir können Sinnvolleres tun, als darüber zu reden, dass eine Er.Lebensrealität zu teilen keineswegs Selbstoffenbarung ist. Dass es ihre Stigmatisierung von Opferschaft ist, die es ihnen mutig erscheinen lässt, sie sichtbar zu machen. Wir können uns auf unseren gemeinsamen Nenner konzentrieren und miteinander arbeiten. Und der gemeinsame Nenner ist nie DAS DA. Der gemeinsame Nenner ist, etwas dagegen tun zu wollen. ES als etwas aktiv und pragmatisch Verhinderbares verstehen zu wollen.
Ich finde mein zum Opfer von Helfergewalt geworden sein nicht peinlich. Ich schäme mich nicht dafür und halte nichts davon, jene gewaltvollen Helfer_innen für ihr zum_zur Täter_in geworden sein zu beschämen.
Ich weiß – und weiß, dass es alle Helfer_innen wissen –, dass es moralisch, ethisch, menschlich falsch ist, Menschen zu verletzen, die Hilfe brauchen. Es braucht mich und meine Erfahrungen überhaupt nicht ausbuchstabiert präsentiert, um darüber ins Gespräch und in den Prozess zu kommen. Deshalb kostet es mich so wenig Kraft. Deshalb kann ich mich in diesen Zusammenhängen ganz leicht bewegen. Ich kann über meine Erfahrungen sprechen, ohne über meine Erfahrungen zu sprechen. Lügen, ohne zu lügen. Verstecken vor aller Augen. Vermeiden, ohne zu vermeiden.
Und ja, das trägt überhaupt nicht dazu bei, dass ich überhaupt mal „richtig“ drüber spreche. Aber wenn mein wütendes Titanbienchen R. eins absolut offenlegt, dann ist es die blanke Überforderung vor so einem Unterfangen. Denn, was heißt denn „richtig drüber reden“ genau? Sie hat da auf jeden Fall einen Punkt. Gehts um die W-Fragen? Gehts um Gefühle, die ich damals gar nicht wahrnehmen konnte? Gedanken, die ich gar nicht als Gedanken fassen konnte? Was genau für ein Zauber soll denn passieren, wenn man sagt, was genau war? Und kriegt man von der Therapeutin einen Smiley-Stempel ins Therapiehausaufgabenheft, wenn mans richtig gemacht hat, oder wer genau bewertet eigentlich die Richtigkeit des Ausgesprochenen? Auf welcher Grundlage? Und wie genau ist genau?
Und das alles mal beiseite und rein in die Realität – wer geht in die Therapiestunde oder den Beratungstermin und befindet sich nicht in einer Gesprächssituation? Also einer beiderseits zu organisierenden Interaktion und Kommunikation? Niemand nirgendwo jemals würde in Kontakt treten mit: „Und dann hat mir einer die Schulter ausgekugelt – man, war ich froh, dass die mich eh sedieren wollten.“ Und zwar nicht aus Freundlichkeit oder Rücksicht, sondern, weil zum Reden und Schweigen über Gewalt einfach immer auch die Kommunikation von Kontext gehört. Etwas, das mich extrem anstrengt und häufig auch überfordert. Bis ich fertig damit bin, ist eine Therapiestunde einfach mal um. Und ich frage mich hinterher manchmal: „Hab ich da jetzt eigentlich drüber geredet oder nicht?“
Helfergewalt ist genauso komplex traumatisierend wie Gewalt in der Familie. Heim, Klapse, Knast sind einfach stigmatisiert und Familie nicht. Niemand hinterfragt, warum sie_r in eine Familie gekommen ist. Das macht den Kontext entdeckbar. Eroberbar. Deutbar. Heim, Klapse, Knast sind bereits definiert. In Bezug darauf gibt es selten Zweifel über Bezug und Kontextualisierung. So wenig, dass es mir oft widersinnig erscheint, überhaupt die Kraft aufzubringen, um meine Bezogenheit, den Zusammenhang meiner Verwundung, überhaupt zu benennen. Vor allem in der Psychotherapie, wo der Kontext faktisch weitgehend gleich ist.
„Es ist schwierig“, schreibe ich auf die Phrasenkiste, die ich für mich baue. „Es interessiert ja so jetzt akut auch niemanden“ – Bäm – „Windmühlenkampf“ – Bumm – „Was solls, geht auch ohne“ – Wumms.
„Die Wahrheit ist doch, dass niemand von den Beteiligten richtig mit mir darüber reden will.“
Wie kontraststark der Tag war. Wie hell die Sonne, wie blau der Himmel. Das kalte Ascheweiß im Gesicht meines Mannes neben dem Rapsgelb auf dem Feld, an dem wir halten. Er will aussteigen, sich hinstellen und begreifen, dass er es überstanden hat. 2 Wochen Intensiv. Atemnot, Lungenembolien. Isolation.
Immer wenn wir uns streiten, immer wenn ich merke, dass er unzufrieden mit mir ist, sich kontrolliert oder abgewertet fühlt, denke ich daran. Wie er da steht und atmet und seine Lebendigkeit in der Welt kontextualisiert und ich meine Aufmerksamkeit wie ein Netz über ihn werfe. So, als würde ich damit meine Chancen erhöhen, an die Informationen zu kommen, die ich brauche, um mich in seinem Kontext zu verorten.
Er hätte sterben können. Vom Krankenhaus hätte mich niemand informiert. Ich war noch nicht seine Ehefrau. Ich war das Jemand, das ihn vom Krankenhaus abgeholt hat. Der Grund, weshalb er keinen Taxischein brauchte. Keinen Hausnotruf, keine Pflegekraft, keine Haushaltshilfe. Der Grund dafür, dass kein Anlass zur Sorge bestand.
Das Frohsein, dass er noch lebt, habe ich erst gespürt, als wir geheiratet haben. Ein ganzes Leben als hilflos besorgte_r Mitbewohner_in, die_r sich nicht einmischen, nicht bestimmen, nicht alles so genau wissen soll, später.
Wenn wir uns streiten, dann denke ich an die Entscheidung, die wir füreinander getroffen haben. Und merke, dass sich zwischen meine Angst um unsere Beziehung auch die unbedingte Aufforderung zur Kontextualisierung unser beider Lebendigkeit schiebt. Er hat Ja zum Leben mit mir gesagt. Der Rest ist Arbeit. Von mir und von ihm. In guten wie in schlechten Zeiten.
Wenn ich schlechte Zeiten durchmache, trifft ihn das oft persönlich. Er schützt sich mit Abstand, Bagatellisierung, Humor. Als unsere Embryonen in mir gestorben sind, war er so weit weg von mir, dass ich meine Trauer als etwas empfunden habe, das in unserer Beziehung keinen Kontext hat. Stimmt natürlich nicht. Überhaupt gar nicht. Hat sich aber so angefühlt. Es ist mein Ja zum Leben mit ihm, das mir abnimmt, seinen Selbstschutz, sein in-solchen-Momenten-so-sein persönlich zu nehmen.
Ist das umgekehrt auch so? Ich kann es nicht sagen. Weiß es einfach nicht.
Wer sich mit Abstand schützt, kann sich nicht reinfühlen. Das funktioniert einfach nicht. Dann muss man mit Vorannahmen arbeiten. Mit kognitiver Empathie, mit allgemeinen Vorstellungen. Ideen, Phantasien. Wenn mein Autismus eines immer wieder und zuweilen brutal schmerzhaft konfrontiert, dann ist es das. Falsche Vorstellungen davon, wie es mir mit Dingen geht, wie Umstände auf mich wirken, was mich wie sehr beansprucht, anstrengt, beschäftigt, wie viel Arbeit und permanente Selbstkorrektur in mir passiert.
Auch zu diesem Aspekt des Lebens mit mir hat er Ja gesagt.
Annehmend, dass das mit der Zeit leichter wird? Unbewusst glaubend, dass es nicht für immer so sein würde? Hoffend, dass er sich daran gewöhnen würde? Erwartend, dass ich diesen Teil von mir ändern würde? Dass es schon nicht so schlimm sei? Dass es schon werden würde? Kein Problem, kein Thema, schon alles gut?
Ich kann es nicht sagen. Ich weiß es einfach nicht.
Ich weiß, dass ich an jenem Tag entschieden habe, seinen Sicherheitsabstand, als zu ihm gehörend zu akzeptieren. Mir nicht zu wünschen, dass ich näher dran sein darf. Mich damit einverstanden zu erklären, nie zu markieren, nie zu benennen, nie sichtbar zu machen, wenn wir einander sehr nah sind.
Und mich als Teil seines Lebens zu begreifen. Auch wenn ich mir manchmal nicht sicher bin, welcher.
Es ist mein erstes Vorstellungsgespräch seit 15 Jahren.
Ich bin hässlich angezogen, fühle mich ekelhaft und unwürdig. Es ist warm, eine Brise verwirft mein ungünstig fallendes Haar auf dem Weg zum Firmengelände.
Es ist das erste Mal, dass ich mich für eine Stelle bewerbe, die meine gesamte Zukunft nicht weiter beeinflussen soll. Mindestlohn, Mindeststunden, ein Jahr für die Mindestzeit, die es braucht, um bei der Agentur für Arbeit um einen Bildungsgutschein zu bitten, der mich formell dahin bringen soll, wo ich mit besseren Entscheidungen früher bereits hätte hinkommen können, hätte, würde, wäre, wenn …
Eine lächelnde Person mit langen Haaren reicht mir ihre kühle Hand, ich will mich entschuldigen. Ich sollte hier nicht sein, nicht so, nicht ich. Mir wird ein Platz in einem Besprechungsraum und ein Getränk angeboten, um auf den Kollegen zu warten. Mit jedem Schluck Wasser drücke ich meine Selbstablehnung hinter meine Aufmerksamkeit. Es geht hier nicht um mich, es geht hier um gar nichts.
Als die Tür aufgeht, bin ich leer und an. Aufmerksamkeit 3000.
Meine Gegenüber sind vorbereitet, sprechen klar und eindeutig.
Es ist ein ziemlich perfekter Arbeitsplatz für mich. Allein, im Halbdunkel, klimatisiert und im Ruhebereich der Firma für eine Stille, die für die Tätigkeit zwingend erforderlich ist. Nächstes Jahr macht das eine Maschine.
Als ich wieder in die Wärme unseres überhitzten Planeten trete, denke ich an jeden Roboterwitz, der über mich gemacht wurde. An das Autistenklischee der kalten Maschine, des seelenlosen Funktionsautomaten.
In den 4 Monaten Probezeit könnte ich es schaffen, viel von dem, was mich gerade an mir abstößt, abzutrainieren. Jeden Tag 30 Kilometer Radfahren, ein Mal die Woche zum Handball, vielleicht noch ein- oder zweimal schwimmen. Ich könnte mich so geil schreddern, während ich nebenbei nichts weiter tun muss als Dinge zu erledigen. Ich könnte ein Roboter sein und weniger Mensch. Ich hätte von der ganzen Nummer also noch etwas, selbst wenn sie dann merken, dass ichs einfach nicht bringe. Wenn sie mich erkannt, durchmein peinlich angestrengtes so tun als obschaut haben.
Zu Hause empfängt mich Bubi mit seinem Begrüßungsgrinsen. Legt sich zu mir, als ich meinem Mann eine Sprachnachricht über den Verlauf des Gesprächs aufnehme. Über dem Boden des Gartens liegt eine Schicht Insektenbewegung. Der Wind streift das Gras, kitzelt die jungen Blätter des Apfelbaums und verliert sich in den Blütenresten der Kirsche. Es ist still, alle sind fertig mit ihrem Rasen, der Hecke, dem Auto. Es ist alles gut und ich könnte schreien, weil ich meinen Körper nicht verlassen kann. Weil ich gefangen bin in dieser Quelle von Ekel, Hass, Zerstörungswut.
Bubi legt mir seinen Kopf auf die überkreuzten Unterschenkel und streckt sich schmatzend. Mit einem tiefen Seufzen schließt er die Augen und schnurrt, als ich ihm langsam und stetig vom Gesicht in die Ohrenspitzen streiche. Es ist alles gut. Und die absolute Ohnmacht.
„Sei da ruhig klarer – denk nicht so viel an ‚Was denkt sie jetzt, was denkt sie jetzt, was denkt sie jetzt?‘.“
Mein Mann und ich sitzen auf der Couch. Krisensitzung, nach Achsbruch Autismus, Trauma, Kommunikation.
Ich bin seit Tagen niedergeschlagen, belastet, erinnert, unzufrieden mit mir. Ich muss etwas klären, doch bin hin- und hergeworfen von Wichtigkeiten und Relevanzen, Erinnerungen und Ängsten.
Es geht um etwas, das mir wichtig ist. Deshalb ist der Rahmen, in dem ich darüber nachdenke und fühle, extrem groß. Am dritten Tag wurde es mir zu groß, zu belastend. Ich merkte, wie sich das Zeitfenster für angemessene Lösungskommunikation schloss und ich immer mehr Spannung in mir sammelte. Zeit für eine Sitzung mit meinem Mann.
Mit ihm werden Situationen wie diese pragmatisch lösbare Kommunikationsherausforderungen, wie er sie jeden Tag bei seiner Arbeit und manchmal auch mit mir im Alltag hat. Er ist im Training, ich bin empfangsbereite Satellitenanlage, wenn er mir etwas davon vermittelt.
Durch seine Brille bekommt die Lage eine Art bewusste Untiefe. „Die Situation für dich sieht so aus, für sie andere Person sieht sie wahrscheinlich so aus. Was ihr verhandeln müsst, ist dies; was du bisher nicht klar genug vermittelt hast, ist das. Du könntest es so formulieren; du könntest auch das schreiben. Soll ich dir einen Aufschlag formulieren oder einen von dir anschauen oder willst du ab hier allein weitermachen?“
Mir tut das gut. Aus dem Wurschtelwust in meinem Kopf wird eine strukturierte Reaktionslandschaft auf Hypothesenbasis. Ich weiß ja nicht, ob er recht hat. Aber ich weiß ja auch nicht, ob ich recht habe, und traue mich gar nicht erst, überhaupt eine Hypothese zu entwickeln – weshalb ich in Stress spirale, dissoziiere und Faden und Form, Bezug und Kontaktsicherheit komplett verliere.
Das ist die Bruchstelle der Achsen.
Autismus und Kommunikation sind bereits schwierig. Auch schwierig zu kommunizieren.
Ich gerate dabei oft in die Situation, mich selbst zu erklären, statt die Kommunikationsprobleme. Denn es geht nicht immer nur um Wörter, Aussprache, Mimik und Gestik. Für mich geht es meistens um Bezug und Kontext. Warum sagt jemand dies und das; wozu bekomme ich diese und jene Information; weshalb und wofür macht mir jemand dies und das ganz besonders deutlich klar?
Gespräche mit nicht-autistischen Menschen sind für mich eine meist unklar begrenzte, uneindeutig bezugnehmende und in der Regel erst später in ihrem Ziel (manchmal auch Sinn und Zweck) nachvollziehbare Abfolge von Transitionen. Schon während die andere Person spricht, mache ich mehrere Dinge gleichzeitig: Geräusch von Wort unterscheiden, Worte verstehen und als Sätze in mir abbilden und begreifen – und dann merken, dass darin in der Regel nicht auch „drinsteht“, worum es der Person geht oder worauf sie sich bezieht oder reagiert. Also rufe ich mir in Erinnerung, was ich oder eine evtl. weitere Person im Gespräch gesagt hat, und überlege, ob davon etwas passen könnte. Ist die Person fertig mit Sprechen, bin ich meistens gerade fertig mit der Analyse des Sprachpakets. Was ich darauf antworte, eher nicht.
Manchmal geht das, was ich eigentlich sagen möchte, im wahrsten Sinne „lost in Transition zwischen Rede und Antwort“.
Und da greift die traumabedingte Dissoziation. Die nächste Achse. Die schützende Maske. Das reaktive Vorzeigen von bezogenem Kontaktverhalten. Ich konzentriere mich ausschließlich auf das, was die andere Person gesagt hat, und rate das beste hoffend oder faktisch orientiert abschätzend die Antwort. Ich bin nicht mehr bei mir, ich bin nicht mehr bei meinem Thema und kann selbst in der Rückschau nicht mehr sagen, worüber ich nachgedacht, was ich empfunden oder als Idee verfolgt habe. Es ist ein Nimbus, ein weißes Rauschen. Mein Körper antwortet. Ein anderes Innen. Irgendwas, das passt, dem Gegenüber ein gutes Gefühl macht, mit größter Wahrscheinlichkeit keinen Konflikt auslöst und inhaltlich die Funktion des Gesprächs bedient. Und dann beginnt das Gegenüber zu antworten. Und damit beginnt eine weitere Transitionsphase zum nächsten Sprechakt.
Das erschöpft. Es führt sehr oft dazu, dass ich ich-fremde Gespräche führe, wenn diese weder reiner Informationsaustausch noch oberflächliches Kontakten sind. Und der Hintergrund ist komplex.
Ich habe auditive Verarbeitungsstörungen, muss Bezug immer wieder konkret gesagt bzw. aufgezeigt bekommen, weil ich ihn nicht implizit „lesen/erfassen“ (und im Arbeitsgedächtnis halten) kann, und ich habe bis heute Angst, verletzt zu werden, weil ich nicht schnell genug (performativ „richtig“/wie vom Gegenüber gewünscht oder gewohnt oder erwartet) reagiere.
Gespräche sind bis heute nicht neutral für mich. Es sind neben jeder Bedürfniserfüllung immer auch Triggersituationen, mit denen ich je nach Inhalt, Kontext, Rahmen strukturell reaktiv dissoziierend umgehe.
Nach dem Gespräch, das ich nun mit meinem Mann besprach, lag ich abends im Bett und wurde Stückchen für Stückchen mit Fragmenten des Gesprächs konfrontiert. Die Verarbeitung setzte ein und zunehmend wurde mir selbst bewusst, dass wir weder über das geplante Thema gesprochen haben, noch, dass durchgehend ich gesprochen habe. Obwohl mir das so wichtig war. Ich so dankbar über das Interesse und die Bereitschaft der Personen war, mit mir zu sprechen. Obwohl es keine Gefahr gab. Ich selbst habe überhaupt nichts von meiner Angst gespürt. Habe in dem Kontakt überhaupt nichts von meinem Stress und der Reaktivität gemerkt.
Und wie fast immer in solchen Momenten haben es meine Gegenüber auch nicht gemerkt. Sie fanden das Gespräch gut. Sie haben mich als im Kontakt erlebt – faktisch betrachtet haben sie das ja auch. Nur eben doch auch nicht.
In einem Gespräch mit dem Begleitermenschen im Rahmen der Autismusdiagnostik habe ich dafür das Bild von einem Spiegelkabinett gefunden. Weil es mir oft so erschien, als würden die Menschen in meinem Leben immer mit einem Bild von mir sprechen. Also ihrer Wahrnehmung von mir und dem, was sie davon abgeleitet haben. Während ich sie nie sehen kann und meistens eher mit einer Idee von ihnen arbeite, die ich aus den Analysen dessen, was sie mir sagen, entwickle.
Das war das Problem, das ich in der Therapie damals als besonders belastend empfand. Es kam mir vor, als würde meine Therapeutin intensiv nach mir suchen – angestrengt auf ihr Bild von mir schauen – und ich nicht einmal ihre Spiegelung finden können, obwohl mir jedes Signal, jeder Reiz von ihr überdeutlich spürbar war.
Mir ist damals bewusst geworden, wie viel von meinen „Erkennungsproblemen“ überhaupt nicht oder eher subtil wahrnehmbar sind. Und wie groß die Rolle der DIS dabei ist. Ein autistischer Mensch ohne DIS oder extremen Maskierungswillen wäre damit auffälliger. Diese Art des Auffälligseins war aber nicht nur in meiner Herkunftsfamilie ein ernstes Problem, sondern auch überall sonst. Selbst in Kontexten, in denen meine Sicherheit und Fürsorge professionell sichergestellt wurden. Nirgends, in keinem Kontakt mit anderen Menschen, ist es für mich rückhaltlos, bedingungslos, konsequenzlos möglich, irgendetwas davon nicht zu verstecken oder zu verschleiern. Und zwar nicht, weil die Welt böse ist oder ich da irgendetwas Spezielles an mir habe, sondern weil es umfassend ANDERS ist. Weil man sich dem immer nur annähern kann und eine gewisse Lücke, einen Bereich der Inkompatibilität, stehen lassen und akzeptieren muss. Sowohl ich als auch meine Mitmenschen. In der Metapher vom Spiegelkabinett ist es der Umstand, dass ich mich mit anderen Menschen als in einem Spiegelkabinett erlebe – und sie das nicht auch tun. Ihre Wahrnehmung funktioniert anders als meine.
Und während ich das jeden Tag und immer immer immer merke – und sie nicht, ist es eine irritierende Sache, wenn ich es offenbare. Manche fühlen sich dann manipuliert. Als würde ich ihnen die Wahrnehmung von mir absprechen oder in Frage stellen. Als wolle ich ihnen unterstellen, sie würden sich gar nicht für mich interessieren oder würden mir absichtlich schaden wollen. Es gibt Menschen, die können solche Gefühle und Gedanken dann mit Worten ausdrücken. Sie sind neugierig, wollen verstehen, Beziehung, Kontakt bewahren. In meiner sozialen Welt sind das die absoluten Ausnahmen. Einhörner sozusagen.
Und es gibt Menschen, die können das nicht. Oder wollen es nicht. Oder halten es für einen Teil ihrer professionellen Abgrenzung, noch mehr Abstand zu mir herzustellen und sich praktisch völlig unsichtbar für mich zu machen. Es gibt Menschen, die sich verunsichert fühlen, wenn ich ihnen davon berichte. Die sich fragen, was an unserem Kontakt echt ist. Authentisch. Und ver.trauen mir dann einfach nicht mehr. Gehen also auch aus dem Kontakt. Das ist die häufigste Erfahrung, die ich mit der Offenlegung dieser Gesprächserfahrung gemacht habe. Entsprechend wenig öffne ich mich.
Doch diesmal nicht.
Diesmal habe ich es mitgeteilt und mehrere gute Erfahrungen gemacht.
Die Gesprächspartner haben es gehört und verstanden. Wir haben eine praktische Lösung gefunden.
Mein Mann hat mich verstanden und mir genau die Hilfestellung gegeben, die ich brauchte.
Meine Therapeutin hat mich verstanden und mich bestärkt, meine inneren Prozesse auf Möglichkeiten der Entlastung und Prävention zu erforschen.
Keiner der auslösenden Faktoren ist davon berührt. Es wird mir wieder passieren. Und es wird wieder schlimm für mich sein. Aber es bleibt nicht mehr so schlimm.
Ich sitze im Auto und halte meinen inneren Blick auf dem Symbol für „Pause“. Ein Kreis mit zwei parallelen Strichen. Grau bei Deaktivierung, hellgrün bei Aktivierung. Er ist grün, ich kann mich frei und mühelos bewegen. Sicher Autofahren. Ohne Anstrengung Wörter formen. Keine 5 Minuten vorher konnte ich kaum die Augen offenhalten, meine Arme heben, irgendeinen Muskel gezielt anspannen und halten. Crazy shit.
Vor 22 Jahren konnte ich mich noch nicht so manipulierenüberzeugenaustricksenreinlegen … Glauben, dass die objektive Realität der Gegenwart gleichzeitig mit meiner subjektiven Realitätswahrnehmung existieren kann. Ich hatte noch keine Kontrollerfahrungen. Kein aktives, bewusstes, ich-liches Selbststeuerungserleben. Mir sind die Dinge passiert. Sie haben etwas mit mir gemacht, das meiste davon habe ich weder konkret und zeitgleich wahrgenommen, noch verstanden, noch umfänglich mit mir in Bezug setzen können.
Die Landschaft fliegt an mir vorbei. Das Halten der Imagination kostet mich überhaupt keine Energie. Der Flashback hat keinen Einfluss mehr auf mein Selbst- und Umweltempfinden. Ich bin in der Lage, Energie in die Anpassung an meine Mitwelt zu stecken.
Später wird mir bewusst, wie lang 22 Jahre eigentlich sind. Ich denke darüber nach, ob der Umstand, dass ich es jetzt kann, dieses hilfreiche Imaginieren, mich selbst umfassend reorientieren, stabilisieren, bedeutet, dass die letzten 22 Jahre in Therapie unnütz waren. Nicht hilfreich. Ineffizient.
Oder ob sie wichtig waren, um eine Chance zu bekommen, die Dinge zu erlernen und zu trainieren, die damals als meine Fähig- und Fertigkeiten vorausgesetzt wurden. Einfach, weil man damals noch weniger als heute durchdrungen hat, was es konkret bedeutet, wenn Selbst- und Weltbezug massiv fragmentiert sind.
Ich bin am Ziel. Steige aus, bewege mich absichtlich raumgreifend und aktivierend. Die Lücken zwischen Tätigkeiten sind für mich inzwischen weniger Kluft als Spalt. Ich bemerke sie, ich bemerke meinen Stress in der Transition und Neuausrichtung, aber ich kenne meine Schrittweite. Meine Sprungkraft. Meine Anlaufbedarfe. Und die andere Seite. Meistens. Und wenn nicht, dann, dass ich mit dem Unbekannten interagieren kann. Es passiert mir nicht mehr. Es passiert mit mir. Das macht mich nicht souverän und stark, selbstsicher und unverletzbar, wie ich mir das früher immer und heute noch manchmal wünsche, aber selbst.bewusst.
Die Luft berührt mich, der Boden hält mich, meinen Schritten folgen Geräusche.
Ich habe Angst zu fallen, unerwartet berührt zu werden, mich in meinen Annahmen über den Ort, an dem ich bin, zu täuschen. Und ich gehe weiter. Ich. Nicht jemand wie ich, oder etwas, das so tut, als sei es ich oder mein Körper, gelenkt von etwas, das eher theoretisch ein Ich sein könnte, oder eine formlose Präsenz, umgeben von ferngesteuerter, komplett eigenimpulsloser Masse.
Es ist erstaunlich irrelevant für diese Tätigkeit, wer ich eigentlich bin. Und wie ich beschaffen bin. Und was ich kann. Oder wie ich es kann. Ich erlebe die Augen der Täter_innen immer noch auf mir und oft genug suche ich Versicherung mit ihrem Blick auf mich. Aber ich kann mich inzwischen auch sehen. Kann mir mehr Augen leihen als die der Menschen, die mich verletzt haben.
Ich gehe hier einfach lang. Bin Teil des Moments wie der Laternenpfahl, der Absperrungspoller, der Straßenverkehr, die Tauben auf Futtersuche. Nichts davon ist egal, aber nicht alles relevant für mein Überleben. Mir passiert nichts mehr. Ich passiere Laterne, Poller, Tauben. Die Eindrücke kommen, wirken und flachen wieder ab.
Meine Angst ist ein paralleles Rauschen unter der allgemeinen Harmlosigkeit der Welt. Der rote Rand um die eitrigen Traumastellen in mir. Ich kann sie umgehen. Und ich kann mich nähern. Ich kann sie berühren, verschieben, manchmal auflösen, wenn ich mich gehalten fühle. Kontextualisiert. Bezogen. Verortet. Eindeutig positioniert, beauftragt, ver.antwort.bar.
Wenn die Umstände stimmen, ist es keine Manipulation, kein Selbstbeschiss, kein Trickbetrug an meiner Wahrnehmung, dass beides da ist. Die Angst, verletzt zu werden zu sterben und die allgemeine Ungefährlichkeit des Lebens.
Vor 22 Jahren stimmten die Umstände noch nicht für mich. Ich habe mich in Lug und Betrug an mir selbst gezwungen, weil ich weder die Welt noch mich selbst genug wahrnehmen und begreifen konnte. Ich kannte die Welt als Gefäß, in dem meine Qual, mein Leiden, mein Schmerz, meine Angst passieren. Als randlose Schale, in der ich hin- und hergeschleudert wurde. Ohne Anfang, ohne Ende, ohne Bedeutung, ohne Ziel und dadurch auch immer wieder, fast immer, ohne mich in mir selbst.
Ich musste glauben, dass irgendwas irgendwas bewirkt – ich hatte nie die Chance zu beobachten, wie irgendwas irgendwas bewirkt. Ich musste annehmen, was mir irgendwer über irgendwas erzählt – egal, was davon stimmte oder nicht, ich habe es sowieso sehr wahrscheinlich weder ganz aufgenommen, noch verstanden, noch den Sinn erfasst. Ich selbst konnte mir nie Quelle von Stabilität oder Kongruenz oder Klarheit sein. Was ich wahrnahm und einordnete, entpuppte sich immer wieder als Trittfalle ins Bodenlose, die Dissoziation.
Wieder fliegt Landschaft an mir vorbei. Meine Kopfhörer halten das Dröhnen des Zuges von mir fern. Mein Körper wackelt. Ich fahre zu einem Therapietermin. Bin eindeutig und klar in meinem Ziel der Stunde. Sicher darüber, was ich dafür und dagegen tun kann, um es zu erreichen. Der Raum ist für mich eindeutig und klar. Meine Optionen für und gegen die Zusammenarbeit sind sowohl mir als auch meiner Therapeutin klar.
Es ist der einzige Raum in meinem Leben, in dem das so ist. Der einzige, in dem diese Umstände in Bezug auf alle Aspekte bestehen. Es ist der Raum in meinem Leben, in dem ich glauben kann, dass ich etwas mache, um etwas zu erreichen, weil ich weiß, dass ich es auch nicht erreichen kann oder nicht sofort oder anders als ich dachte. Ein Kontakt, in dem es tatsächlich immer weitergegangen ist, obwohl ich sehr lange sehr oft darin gestorben bin. Wo immer alles wiederkam, was verschwunden, fragmentiert, dekontextualisiert war, weil nichts – auch ich nicht – verschwunden bleiben musste.
Ich erfahre von den Sparplänen der Bundesregierung.
Rutsche in Scham und Ärger, gleite über einen Schmierfilm von Angst und kann mich letztlich nur an meinem Glauben an die allgemeine Kontinuität festhalten. „Es ist nicht egal, aber jetzt gerade nicht relevant.
Wenn es relevant wird, kann ich immer noch prüfen, ob es mich töten wird. Es gibt Gleichzeitigkeit. Es gibt die Gefahr und die unspektakuläre Existenz.“ Innerlich greife ich in das Knäul aus Information und Gefühl und trenne es wie einen Wurzelballen, den ich in zwei Töpfe lege. Nicht egal links, aktuell nicht relevant rechts. Ich lege einen Deckel drauf und schiebe sie in ein Regal meines Hinterkopfes, das meinem Bücherregal im Büro ähnelt.
Ich mache große, weite Schritte durch die Bahnhofshalle.
Als ich hier vor 22 Jahren ausgestiegen bin, wäre mir diese Imagination gefährlich vorgekommen. Wie ein Angriff auf das, was mich am meisten schützt: meine Todesangst. Jetzt macht es mich handlungsfähig. Interaktionsbereit. Stabil. Selbst zur Quelle einer Ordnung. Crazy shit.
Überraschung ist eine Grundemotion, die ich erst im Zusammenhang mit der Autismusdiagnose näher erforscht habe. In meiner Traumatherapie ging es nie um Überraschung. Es ging um mein Kontrollbedürfnis, meine Ängste. Mein kompensierendes Vermeidungsverhalten. Überraschung und Schockerleben waren dabei nie Thema. Mir war selbst überhaupt nicht klar, dass ich Todesängste habe, wenn ich überrascht werde. Dass ich Überraschung vermeide, weil sie mir Angst macht. Dass ich Kontrollgefühle vor allem dafür brauche, um mit meiner Angst vor der Todesangst auf eine Art umzugehen, die unauffällig ist. Angepasst. Nicht peinlich. Sondern ruhig, rational, beherrscht, bewortbar. So, dass mich niemand verletzt.
Man kann Überraschung nicht vermeiden. Aber man kann die Wahrscheinlichkeit dafür absehen. Mustererkennung hilft dabei. Aktives Dauerscannen, traumareaktive Hypervigilanz. Katastrophisieren. Permanente Reaktionsbereitschaft. Hold-the-line-Modus, wann immer Quellen für Unvorhersehbares in der Nähe sind. Anderen Menschen mitteilen, dass man Überraschungen – auch die lieb gemeinten – nicht mag, nicht möchte, nicht schätzt.
*
Die Sonne schien. Die Wärme im Auto bildete eine Glocke um mich.
Ich faltete den Brief zusammen und versuchte, meinen Partner anzurufen. Keine Antwort. Bubi legte den Kopf auf die Rückbank und beobachtete das Treiben auf dem Parkplatz. Der Verlust meines Arbeitsplatzes, die Lüge der Vertrauten hinter der Ermutigung, mich um meine Gesundheit zu kümmern, schwemmte über mich hinweg. „Wusst ichs doch“, stand auf jedem Stachel, der sich aus meiner Panzerhaut schob, um alles Panische vom Jetzt abzutrennen.
Nach der Angst, die Härte. Der Haken aus Stahl, der die Unwürdigkeit jeder Form von Zutrauen und Glauben an die Aussagen anderer Menschen, bestätigt.
Als ich nach Hause fahre, kommt die Trauer. Die Trauer um eine Zukunft, um die ich seit Dezember ringe. Auch das also, kaputt. Kein Kind, kein Job, keine Kraft, keine Hoffnung.
Es hätte so anders werden sollen.
Auf dieses Ist bin ich nicht genug vorbereitet.
*
Überraschungen gehören zu dem, was ich als Alltagsterror empfinde. Sie sind der trauma-re.aktivierende Bestandteil meines Lebens mit anderen Menschen, mit dem ich am häufigsten konfrontiert werde. Nicht, weil Menschen nie tun, was ich sage oder will, sondern, weil Menschen für mich nicht eindeutig vorhersehbar tun, was sie sagen; sagen, was sie tun, und es meistens ein unausgesprochenes Rätsel ist, warum, wozu und welchem logischen Schluss folgend sie es tun oder sagen.
Und es ihnen egal ist.
Sie mich nicht trösten. Selten beruhigen. Die wenigsten sich die Arbeit machen, sich mir zu erklären. Nur manche nah genug an mich herantreten, um mich zum Teil ihres Er.Lebens zu machen.
*
Mein Partner liest den Brief. Atmet ein und sagt: „Ja, scheiße.“
Ich weine, weil ich begreife, dass ich mich nicht verlesen oder in meiner negativen Annahme geirrt habe.
Sie haben mich angelogen. Alle.
Und weil ich ihnen geglaubt habe, wähnte ich mich in einer Sicherheit, die mir jetzt, ohne jede Vorbereitung, ohne jede Chance auf Widerrede, Beeinflussung oder Zugang zu Verständnis, genommen ist.
Ab jetzt er.lebe ich parallel. Gespalten. Gleichzeitig in unterschiedlichen Dimensionen.
*
Überraschung, Schock, ist ein zentrales Element vieler Traumatisierungen.
Wer überrascht wird, kann sich nicht selbstwirksam erleben. Es gibt kein Kontrollgefühl. Keine Sicherheit über die eigene Existenz.
Überraschung kann nur Spaß bereiten, wenn dieses Sicherheitsgefühl grundlegend da ist. Ich habe dieses Gefühl nie. Selbst dann nicht, wenn ich viel Kontrolle habe.
Jede Überraschung rührt direkt an ein Gefühl von realer Existenzbedrohung.
Und jedem Gefühl der Bedrohung folgt die Dissoziation.
*
Ich scanne den Brief und plane die Einberufung aller nötigen Helfer_innen.
Bahne ein Gespräch beim Verlag an.
Speichere die erste Stellensuche auf der Webseite der Arbeitsagentur.
Spüre, wie sie das letzte Jahr resümiert.
Beobachte, wie er versucht abzuschätzen, ob unsere Kraft für psychiatrische Krisenintervention und ihre erwartbar problematischen Folgen reicht.
Höre ihr beim Sprechen ins Mikrofon zu, während die Hände einer anderen vereinzelte Kröten aus Eimern hervorholt.
Registriere Kämpfe um Essen, Schlafen, Lebenswillen und ‑ziele. Notiere ihre Gewinner und Verlierer.
Als ich einen Tag früher als gedacht von meiner Menstruationsblutung überrascht werde, fühlt es sich an, als würde mir ein knöcherner Schalter im Inneren umgelegt werden.
Mein Partner sagt, es nutze nichts, wenn wir beide traurig seien. Ich spüre hinter mir alles zusammenbrechen und im Melt der letzten Tage versinken.
*
Die Blätter einer Rose sind als sogenannte „Fiederblätter“ angeordnet. Ein Fiederblatt besteht aus mehreren Einzelblättern und trägt so zu einer stabilen Form der Pflanze, aber auch ihrer Gesamtfläche zur Fotosynthese bei. Fällt eines ab, gibt es genug andere. Zum Überleben des Organismus braucht es nur eins. Im Winter nicht einmal das.
Draußen beginnt der Frühling.
Ich organisiere an einem Sommer für mich.
Gestalte Ideen und Pläne für mögliche Verläufe im Herbst.
Den Winter in mir drin, blende ich dabei aus.
Ich weiß, dass er von alleine endet.
*
Das Mismatch mit meiner Umwelt über Überraschungen verlangsamt meine Verarbeitungsmöglichkeiten. Um den Kontakt zu meinen Mitmenschen nicht zu verlieren, kann ich mich nicht auf die Überraschung konzentrieren, sondern muss mich auf das fokussieren, was sie mir anbieten.
Die überraschende Nachricht von meiner Kündigung bedeutet für sie, dass wir über Kündigung und Arbeit sprechen – nicht über die Überraschung. Den Verrat. Den erschreckenden Verlust des Sicherheitsgefühls. Die unerwartete Unmöglichkeit aller Pläne für die Zukunft, die zum Sicherheitsgefühl über die Gegenwart führten. Wir reden nicht über Angst. Meine Todesängste sind einfach undenkbar für sie. Und übertrieben, als ich sie andeute.
Ich kann mir nicht vorstellen, wie die Zukunft aussieht, weil ich nicht weiß, was dort möglich ist und was nicht. Man erwartet von mir ein Grundvertrauen in das Leben, das ich nicht habe. Ich kann nicht „einfach mal sehen“, „einfach mal abwarten, was sich ergibt“. Wenn ich nicht weiß, was ich sehen soll oder muss oder könnte, dann (vorher)sehe ich da nichts. Und wer nichts (vorher)sieht, kann von allem, was dann passiert, nur überrascht werden.
Und wieder sitze ich meiner Therapeutin gegenüber und esse.
Es ist 12 Uhr, wir wollen arbeiten, mein Treibstofftank ist leer.
Ich habs gewusst, ich hatte einen Timer und ein safe food dabei und hab’s trotzdem nicht gemacht. Mein Fokus hat noch an einer Aufgabe geklebt, die ich unterbrechen musste, um zu ihrer Praxis zu laufen. Der Timer ist an mir vorbeigeflogen. Ich weiß nicht, wie ich zur Praxis gekommen bin. Aber ich weiß, dass ich darauf geachtet habe, dass ich so pünktlich da sein würde, dass ich die Aufgabe noch zu Ende bringen konnte, damit ich vor der Therapie aufhören kann, daran zu denken.
Meine Therapeutin fragt, ob ich im Hyperfokus war. Ich verneine.
Das Wort finde ich ungünstig. Es legt eine Übertriebenheit nahe, eine Obsession, die ich nicht hatte und bewusst auch noch nie erlebt habe.
Ich verstehe meine Aufmerksamkeit als Folge einer Verklebung. Als „klebrigen Fokus“. Ich gehe durch die Welt und habe so etwas wie geistig adhäsionsfreudige Fäden, die sich an Themen, Dingen, Leuten, Stimmungen, Gefühlen, Gedanken, Geräuschen … allem Möglichen anheften, bis es fertig ist. Fertig erfasst, fertig verstanden, fertig verlaufen, abgeschlossen, vergangen. Ich kann nur bedingt steuern, woran sie sich anheften, und überhaupt nicht, wie lange. Und ziemlich sicher bin ich mir, dass meine Fadenklebrigkeit mitunter sehr viel stärker ist, als die vieler meiner Mitmenschen. Manchmal habe ich den Eindruck, sie hätten nur Post-it-Klebezettel-Klebrigkeit, während es bei mir die Art Leim ist, die man bei Fehlern innerhalb eines kleinen Zeitfensters zwar noch korrigieren kann, aber nicht ohne eine erhebliche Macke zu produzieren.
Bin ich stabil und gut drauf, hat dieser Leim etwas mehr Flexibilität – bin ich drauf wie im Moment, kann davon keine Rede sein.
Nach der Stunde denke ich weiter darüber nach.
Essen ist eine andere Aufgabe, als das, was ich noch fertig machen wollte. Und etwas anderes als Therapiearbeit. Sie hat mit weder mit dem einen noch dem anderen zu tun. Solche Wechsel bereiten mir immer Schwierigkeiten. Das sind die „Gleiswechsel“, von denen ich in „Starre unterscheiden“ geschrieben habe. Je komplexer die neue oder auffolgende Arbeit ist, desto schwerer ist so ein Wechsel für mich.
Und Essen ist ultrakomplex für mich. Da sind 28 Jahre Essstörungsmurks, diffus erinnerter Traumashit, Sensorik und Unverträglichkeiten mysteriöser Natur mit einem kaum vorhersehbaren Lauf der Dinge zusammenzubringen. Klar bringe ich für einen solchen Gleiswechsel tendenziell eher nicht die Kraft auf, meine Aufmerksamkeitsfäden von etwas anderem abzureißen – vor allem nicht, wenn die noch gar nicht „fertig sind“ und sich noch gar nicht von allein auf meine Körperwahrnehmung geheftet haben.
Ich denke aber auch an die Leute bei Instagram, die von einem Hyperfokus sprechen, wenn sie sich obsessivzügellosrücksichtslos intensiv in Dinge einarbeiten. Und die paar Leute, die dazusagen, welchen Preis so ein Zustand hat, wenn man aufgrund einer Neurodivergenz dazu neigt. Und darüber, dass ein sogenannter Hyperfokus sich auch auf destruktive oder unsinnige, unproduktive, überhaupt nicht nützliche Dinge legen kann, die das gesamte Umfeld (über)belasten, habe ich bisher nur eine Person reden hören.
Dann kommen Erinnerungen an meine Eltern auf. Meine Mutter, die mir nicht glaubt, dass ich sie nicht gehört habe, weil mein Gehör in Ordnung ist. Mein Vater, der mich durch die Luft wirft und verprügelt, weil ich nicht gehört habe, dass er mir gesagt hat, was ich noch erledigen soll. Oder, weil ich etwas erst fertig machen wollte, bevor ich tat, was er wollte. Oder, weil es ihm zu lange gedauert hat, bis ich etwas so fertig hatte, dass ich selbst auch das Gefühl hatte, dass es fertig war. Oder, weil ich, während ich tat, was er mir aufgetragen hatte, nicht hörte, dass er oder meine Mutter oder andere Autoritätspersonen mit mir gesprochen haben.
Ich kann nicht wissen, wann ich früher immer dissoziiert habe und wann meine Kapazitäten zur Verarbeitung von Reiz-Input zu fragmentiert waren, weil „meine klebrigen Fäden“ ausschließlich auf einer Sache lagen. Aber ich finde es eine bemerkenswerte Redundanz in meinem Leben, dass auch mein Mann inzwischen aufgegeben hat, mich zu rufen, weil ich ihn einfach nicht höre, wenn ich nicht darauf eingestellt bin, ihn hören zu müssen.
Und, dass zu dieser Redundanz gehört, dass ich in diesen Momenten überhaupt gar nicht hyper bin, sondern einfach ich selbst. Entspannt, selbst.sicher, beschäftigt.
Ich nenne es „hold the line“, wenn ich weiß, dass ich spontan für alles Mögliche mit aufmerksam sein muss. Andere autistische Menschen nennen es „Servicemodus“. „Mom on the spectrum“ hatte zu dem Thema neulich einen Livestream bei YouTube. Dort wurde es als Überlebensstrategie besprochen.
Wenn ich im „hold the line“-Modus bin, dann ist es, als würde ich mit beiden Händen jeweils ein Büschel dieser klebrigen Fäden festhalten, auffächern und auf mögliche Ansprachequellen richten.
Das hat ganz eigene Konsequenzen. Meistens die, dass das, was ich eigentlich machen möchte, gar nicht richtig oder nur unter großer Anstrengung funktioniert. Vernünftig laufen, zielgerichtet und selbst.bewusst sprechen, feinmotorisch tätig sein, rechnen, Entfernungen abschätzen, mich örtlich zurechtfinden, sensorischen Input diskriminieren, andere Menschen sozial „lesen“, Dinge aus dem Kurzzeitgedächtnis abrufen, zum Beispiel. Wie auch – ich halte ja wichtige Kanäle belegt, über die ich den Datendown- und ‑upload meiner Lebensinteraktion erledige.
Polly Samuel hat das unter dem Namen Donna Williams schon 1996 in ihrem Buch „Autism, An Inside-Out Approach“ mit einer Metapher, ähnlich wie meine mit den klebrigen Fäden, beschrieben. Für sie war Autismus eine gemischte Tüte einander bedingender und beeinflussender Verarbeitungsprozesse. Sowohl sensorisch als auch psychisch und emotional. So betrachtet, war meine Lage nicht nur: „Ich hatte da ein Ding, das ich fertig haben wollte, und Essen vor dem Termin war keine Priorität.“
Sondern: Ich war in der Stadt, in der Bücherei, da darf man nicht essen. Dort war es ruhig genug, dass ich mit meinen Noise-Cancelling-Kopfhörern ohne Anstrengung meine Aufgabe machen konnte und auch den „Gleiswechsel“ in die nächste Aufgabe, nämlich den Weg zur Praxis, anstoßen konnte. Aber die Aufgabe war noch nicht fertig (meine klebrigen Fäden hatten sich noch nicht vollständig gelöst). Ein Büschel klebte noch daran, während ich mit dem Rest losmusste. Entsprechend fragmentiert war meine Wahrnehmung des Weges, entsprechend stressend waren Lärm, Leute, Umgebungsfaktoren wie Wind, Licht, Temperatur, Gerüche und Zeitdruck. Was wiederum mein Konzept über meinen Tagesablauf berührt hat. Ich wusste ja, warum ich die Aufgabe fertig haben wollte. Sie jetzt nicht passend fertig zu haben, bedeutete, dass ich mir nicht sicher darüber sein konnte, was nach der Therapiestunde passieren würde. Das bedeutete für mich noch mehr Stress und auch Angst, die reguliert werden muss. Dadurch stieg das Risiko, noch früher noch müder vom Tag zu werden als eingeplant und entsprechend noch viel mehr Stress zu erleben, weil die Verarbeitung des Inputs immer anstrengender und fragmentierter wird. Also noch mehr, wofür ich eigentlich „alle meine Fäden“ zur Kompensation brauchen würde.
Ich war in einem Verarbeitungsdelay und wusste, dass meine Möglichkeiten, das aufzuholen, an dem Tag sehr begrenzt waren. Und in all dem Stress und der aufbrandenden Angst zu essen, hätte meinen Delay, meinen „geistigen Stau“, nur eskaliert. Obwohl es Teil meines Tagesplans war, obwohl ich weiß, dass es wichtig ist, obwohl ich weiß, dass Therapiearbeit ohne Energie eher belastend als hilfreich ist.
Gleichzeitig, war es keine bewusste Entscheidung von mir, das Essen auszulassen. Vielmehr wurde die Handlungskette fragmentiert und der Punkt „Essen“ wurde zu einer Information mit unvollständigem Bezug. Genauso wie der Timer, der mich zum Essen prompten sollte. Ich konnte damit nichts anfangen. Ich habe ihn wahrgenommen, habe gewusst, dass es wichtig ist – aber wofür, wieso und wann und wie ich das umsetzen muss/kann/soll/darf, war für mich nicht mehr beisammen. Die Sache, die ich noch fertig machen wollte, und der nächste Termin hingegen waren mir noch klar. Also habe ich sie weiterverfolgt.
An der Stelle finde ich außerdem noch wichtig zu erwähnen, dass ich innerlich keinen Konflikt hatte. Keine traumapanischen Inneren, keine strengen Antreiber*innen, keine überhungrigen Kinder. Ich habe mich nicht gegen den Hunger gezwungen oder war eingenommen von Katastrophenszenarien, die passieren könnten, würde ich das nicht fertig machen. Ich habe nur gedacht: „Boah nee, ich will nicht an diese Aufgabe denken, wenn ich in der Therapiestunde sitze, und ich habe heute einen ganzen Tag im ‚hold the line‘-Modus, ich kann nicht noch mehr davon abgeben (ohne Anlass zu tatsächlich begründeten Ängsten vor Katastrophen aller Art zu geben).“
Den inneren Konflikt hatte ich erst, als ich im Therapiesetting und bei mir selbst ankam. Die Aufgabe fertig war, der Termin lief und der Tag für mich geistig wieder in überschaubare Ordnung zusammenrückte. Da kam das Hungergefühl wie eine Abrissbirne, während ich eigentlich etwas anderes zu tun hatte.
Und jemand anderes auch. Meine Therapeutin nämlich. – Sowas stresst und ängstigt mich unheimlich tief. Da kommen die Kinderängste raus, die brettharten Bestimmer*innen, der Druck, der Zwang, die Not, die Wirrheit, weil sich keine mögliche Lösung aus mir selbst heraus wirklich sicher anfühlt. Dann wird gekreiselt, gehasst, gekämpft, gequält, gelitten und ich fühle mich dem immer noch schneller ausgeliefert als lösungserfahren kompetent. Obwohl ich schon öfter (immer in Krisenzeiten) wenige Minuten nach Beginn der Stunde essen, trinken, zur Toilette gehen, unbequeme Sachen umziehen oder herausfordernde Momente auf dem Weg zur Praxis besprechen musste. Meine Therapeutin hat mir immer vermittelt, dass das in Ordnung ist, weil auch das dazu beiträgt, dass die Arbeit hilfreich ist.
Doch auch in diesen Momenten greift die Adhäsionsfreudigkeit meiner Geistesfäden. Die liegen im Therapietermin überwiegend auf dem Thema der Stunde, nicht beim Ankommen im Kontakt zu meiner Therapeutin, die erst einmal meinen aktuellen Zustand abfragt. Also muss ich wieder Fäden abreißen … die nächste Wolke fragmentierter Informationen verarbeiten … hinnehmen, dass auch das Thema der Stunde in Teilen oder komplett fragmentiert, bei mir ankommt … hoffen, dass ich in der Folge genug Ruhe habe, zu prozessieren … und gleichzeitig wissen, dass ich diese Ruhe immer nur dann habe, wenn ich ganz mit mir allein bin. Ohne „meine Fäden“ zu kontrollieren.
Wenn meine Therapeutin mir eine gute Erfahrung ermöglicht, passiert das meistens schon in einem Moment, in dem ich fragmentiert wahrnehme und innerlich kampfkreisle. Dann kann es sein, dass ich höre und kapiere: „Okay, ich kann hier essen“, aber alles andere, was zu einer Sicherheitserfahrung gehört, ist unter Umständen noch gar nicht bei mir angekommen, sondern sickert in Momenten wie diesem hier, wenn ich davon schreibe (allein und abgeschirmt in meinem Büro), nach. In der Situation bin ich nicht dazu fähig, einzuschätzen, in was für einer Lage ich gerade bin. Welche Emotionen in mir wirken. Ob ich gerne da bin oder nicht. Ob mir schmeckt, was ich esse. Obwohl ich räumlich und zeitlich absolut orientiert bin. Was mir dann klar ist, mache ich bis es fertig ist. Und dann geht es weiter mit dem einen nächsten Ding.
„Ach Frau Rosenblatt, wo fangen wir denn da an?“, hat meine Therapeutin in der Stunde an einer Stelle geseufzt, an der ich sie ein wenig in diese Dynamik habe blicken lassen. Stellt sich raus, dass ich tatsächlich mit komplexen Abläufen arbeite, erheblichen mental load in meinen sozialen Kontakten jongliere und die Folgen meiner Traumatisierungen das alles sehr stark stören und immer behindern.
Egal, wo man da anfängt, ist es komplex und schwer.
Aber um ehrlich zu sein, bin ich im Moment auch froh, dass meine aktuelle Krise meine Kompensation so sichtbar macht. Es ist heute viel leichter für mich, mit meiner Therapeutin darüber zu sprechen. Es ist mir trotzdem noch peinlich, vor ihr zu essen oder zuzugeben, an was für basalen Stellen ich gerade nicht gut zurechtkomme. Aber es ist leichter für mich, meine geistigen Fäden von diesen Gefühlen und Ängsten abzutrennen, bevor sich alle gleichzeitig drauflegen und gar nichts mehr bei mir ankommen kann.