Schlagwort: Autismus

der Nichtschweigeskill

Wir gehen gerade mit einer Situation um, in der eine Person etwas über eine andere Person behauptet und sich das weiterträgt. Gossip, Klatsch, Rufschädigung, Gerüchtestreuung. Sowas in etwa.

Wir haben nicht oft mit sowas zu tun, denn die meisten Leute, die uns so etwas antragen tun das in der Regel nur einmal. Mit uns macht sowas einfach keinen Spaß, denn wir reden mit möglichst mit allen Leuten gleich, sind froh, wenn wir nicht vor den einen dieses und vor den anderen jenes sagen müssen, um mit ihnen Zeit verbringen zu dürfen. Wir haben keine Kraft dafür, denn es kostet uns schon Kraft uns zusammenzuhalten. Mitzukriegen, wer von uns mit wem was wie laufen hat – das können wir im Außen einfach nicht tragen. Vielleicht mal kurz, wenn eine Situation das erfordert, aber selbst dann brauchen wir Leute, denen wir sagen können, dass wir da grad was tragen, damit wir das schaffen.

Jedenfalls.
Diese Situation und das was sie macht, erinnert mich an Schweigegebote.

Schweigegebote haben für uns mit “mitmachen” zu tun. Gebote sind für uns Regeln, denen man entgegenstrebt.
“Sag nichts, dann passiert irgendetwas, wofür sich das lohnt/ passiert was Gutes/Wichtiges/Richtiges”.
Das heißt: man verspricht sich etwas davon oder bekommt etwas versprochen.

Im alltagsgewaltvollen Umgang bedeutet das, dass viele Leute Dinge einfach nicht sagen, weil sie sich etwas davon versprechen. Keinen Stress und akute Harmonie vielleicht. Jemandem nicht zu sagen, dass sie_r krassen Mundgeruch hat ist zum Beispiel so eine Sache. Man redet nicht darüber. Es gibt ein soziales Schweigegebot darüber. Vielleicht ist es auch ein Tabu – wobei mir dazu gerade die Abgrenzung nicht einfällt und ich eigentlich auch gar nicht über Tabus schreiben will.

Anyway.
Interessant finde ich, wenn Gewaltüberlebende/Gewalterfahrene und ihre Verbündeten (und deren Behandler_innen)so etwas miteinander machen. Die Einen über die Anderen, diese über jene und “Ach DIE also NEE!”, bei gleichzeitiger Weitergabe von so etwas wie “Aber pscht, ne?!” oder schlimmer noch: von sich selbst wegtransferierte Verantwortung für die Weitergabe von Gerüchte, Klatsch und Hörensagen über Personen, die nicht im Raum (und bereits damit konkret unterlegen!) sind.

Der Klassiker ist da das Gerücht ohne Urheber_in.
Dem kann man nichts entgegnen, man kann evtl. zugrunde liegende Missverständnisse oder Fehlinformationen nicht aufklären. Als Opfer/Ziel von einem Gerücht ohne Urheber_in ist man maximal ohnmächtig und soll es auch sein. Man soll nur die negativen Auswirkungen zu spüren kriegen und die_r Urheber_in im Schutz der Unsichtbarkeit bleiben können.

Interessant finde ich das, weil es ein Verhalten von Kindern ist, die die Schwächen/”Fehler” anderer zielsicher finden und gegen sie zu verwenden, sobald diese sie verlassen oder kränken oder verletzen oder oder oder. Solche Kinder haben meistens lügen, tarnen, verwässern und verwischen gelernt, um zu überleben. Und das ist ein Skill. Einer, der sehr feine, gut funktionierende Antennen für soziale Geflechte und eine gewisse “akute Skrupellosigkeit” im Miteinander erfordert.
Lügen, zum Beispiel, bedeutet ja nicht nur die Unwahrheit zu sagen oder Dinge vorzugeben, die nicht stimmen – man muss in der Regel schnell sein, erfassen, wie und womit sich das Gegenüber überhaupt täuschen lässt und dann darf man die Lüge das ganze Leben lang nicht vergessen, weil man ja vielleicht immer mit der Person zu tun hat.
Deshalb nenne ich das einen Skill. Menschen so lesen zu können, kann an anderen Stellen sehr hilfreich sein.

In einer Szene, die sich zusammenfindet, weil es Menschen gibt, die andere Menschen von Kleinkindalter an belügen, verwirren, ihre Motivationen verwässern und und und, ist das meiner Ansicht nach so zynisch wie logisch.
Das Eine schließt das Andere nicht aus und trotzdem ist es bitterbitterbitter, weil das bedeutet, dass solche Zusammenschlüsse (noch) nicht als etwas gesehen werden (können), in denen neue Möglichkeiten probiert und gelebt werden können, um bewährte Fähig- und Fertigkeiten umzumünzen in etwas, das die Gewalt nicht weiterträgt.

Wir sprechen sowas immer an. Sind transparent mit dem was uns über andere Leute erzählt wird, vorrangig um uns selbst zu entlasten, denn wie gesagt: wir sind nicht gut in so etwas.
Wir erkennen den sozialen Sinn für uns nicht, erkennen aber sehr wohl die Gewalt darin und das, was sie machen soll. Gerüchte sollen verunsichern. Niemand soll sich mit einer Person sicher fühlen – bei urheber_innenlosen Gerüchten geht es oft sogar darum sich gar nirgendwo und mit gar niemandem sicher zu fühlen.
Wie das bei Menschen andockt, die sowieso schon jeden Tag mit Angst umgehen und enorm vieles leisten, um sich sicher zu fühlen, ist denke ich klar.

Manchmal merke ich, dass unser Umgang mit solchen Sachen irritiert, Schuldgefühle auslöst oder sogar als Zeichen von Unsolidarität gelesen werden. Und dann fühle ich mich nicht nur sozial unfähig, weil ich wieder denke, dass es da vielleicht doch irgendeinen geheimen Wink gibt, den zu erkennen ich einfach unfähig bin, sondern auch noch mies, weil wir damit umgehen, wie wir damit umgehen: nicht schweigend oder verdeckend.

Wir machen das nicht, weil wir uns für ein moralisches Neutrum halten, wir machen das, weil die beste soziale Interaktion, die wir hinkriegen die dingliche/sachbezogene ist.
Wenn wir klar haben worum es geht, warum wir was wie machen und wollen und was das Ziel sein soll, dann kann es für uns auch mal emotional werden oder um Dinge gehen, die heikel sind. Aber wir brauchen den konkreten Bezug.
Und der konkrete Bezug ist Leuten, die Gerüchte oder Gossip oder auch einfach bloßen Klatsch verbreiten, meistens scheiß egal oder völlig wegdissoziiert. Die meisten Leute, die das machen, haben nicht klar, dass es um sie geht, wenn sie über andere (schlecht) reden.

Wir kennen jemanden, die_r wenn wir sie_ihn treffen, immer schlecht von Leuten redet, mit denen sie_r selbst persönlich überhaupt nichts zu tun hat. Einfach so als normaler Talk, ganz oberflächlich und manchmal auch ganz in dem Ton wie Bunte, Glamour und Bild der Frau titeln.
Wenn die Person mit den Leuten an einem Tisch säße, würde sie ihnen das nie sagen.
Durch unsere Beziehung und eben diesem Hang zum Reden über andere Leute vor anderen Leuten, habe ich Angst jemals irgendwen von den Leuten zu treffen, über die diese Person spricht. Was wenn ich sie mal treffe und dann macht sie diese Sache von der die Person so schlecht geredet hat? Darf ich dann sagen, was ich von wem darüber gehört hab? OF COURSE NOT!

Oder doch?
Wovor ich Angst habe ist, dass die Person von da an auch schlecht über mich redet. Wobei sie das vermutlich sowieso schon tut, ich bis jetzt nur noch nichts davon weiß. Sicher kann ich mir darüber nicht sein.
Gesetzt den Fall ich würde es sagen, wäre die unangenehme Situation da und das Moment, in dem eine oder vielleicht auch wir beide anerkennen müssen, dass es vor allem deshalb unangenehm ist, weil man plötzlich nicht nur mit “Verrat” oder “Gebotsbruch” umgehen muss, sondern auch damit, dass es keine Routine im gewaltfreien Umgang mit solchen Situationen gibt.

Wir sind nicht so gut in sozialer Ausschlussperformance – also: Schweigen als soziales Mittel, Leute dissen oder Leute anziehen, um sie “auf unsere Seite zu bringen”, darin sind wir ziemlich schlecht.
Was wir können sind Reflektionen, Analysen, Auseinandersetzung, Fragen stellen, Klarheit schaffen und daraus Überlegungen anstellen, was helfen könnte.
Very konkret, much dinglich.
Und: ohne Schweigen
Unser ganz eigener Nichtschweigeskill.

Ich persönlich finde das okay so.
Und ich denke, dass das vielleicht auch ein guter Skill ist. Also heute jedenfalls.
Früher war das oft nicht sehr hilfreich. Und auch heute ist es im sozialen Miteinander eher irritierend.
Aber heute bedeutet Irritation keine Lebensgefahr mehr. Wir müssen nicht schweigen und wir müssen die verschiedenen Schweigerituale anderer Menschen nicht mitmachen – auch wenn wir uns deshalb manchmal nicht gut damit fühlen, weil wir nachwievor allzu oft allein damit sind. Obwohl wir uns in Szenen bewegen, die viel von unserem Er_Leben teilen.

Aber wir sind ja nicht die einzige Person auf der Welt, der es manchmal so ergeht, oder?

Fundstücke #60

Wenn ich lese, dass “der Feminismus” alle Männer zu Tätern (sigh) erklärt, dann denke ich mir den Verfasser des Textes als jemanden, in dessen Leben ich gerne einmal hineinschlüpfen möchte.
An der Stelle geht es mir nicht ums Privileg oder darum, mal zu schauen zu schauen, wie das so ist als Mann mit Dingen konfrontiert zu sein. Ich frage mich wieder einmal, wie das wohl ist, wenn man nicht von anderen Menschen traumatisiert wurde.

Ich wurde von zwischenmenschlicher Gewalt in der eigenen Familie, in Institutionen, in erweiterten sozialen Gruppenkontexten traumatisiert. Tatsächlich bedeutet heute jede Person– unabhängig von jeglichen Eigenschaften, die sie von einer anderen Person unterscheidet – für mich eine potenzielle Gefahr.
Immernoch. Obwohl das Schlimmste inzwischen schon seit gut 11 Jahre vorbei ist.

Wenn ich Sätze aufschnappe wie: “Die (Feminist_innen) erklären alle Männer zu Tätern!”, dann denke ich sofort, dass das ein falscher Satz ist. “Täter_in” ist ein Wort, das eine im Nach-etwas-das-passiert-ist-hinein-Begrifflichkeit ist. Es muss etwas passiert sein – jemand muss etwas getan haben, um Täter_in zu sein. Einfach so, pauschal kann man das über niemanden sagen. Weder über Männer, noch über Menschen, die keine Männer sind.

Das ist wichtig. Gerade, wenn es um die (feministische) Auseinandersetzung mit sexistischer Alltagsgewaltpraxis geht. Die sexistische Alltagsgewalt wird von manchen als Tat eingeordnet und bedeutet in der Folge, viele aktive Täter-, Ermöglicher-, Mittäter_innen (!) , die auch als solche benannt werden.
Ob das jetzt so nötig, ist, um Sexismus als solchen abzuschaffen, kann ich nicht abschließend sagen, aber, dass es in dem Fall keinen generellen Outcall an Männer gibt, sie seien Täter, ist an der Stelle klar. Hoffe ich.

Was ich aber auch verstehe ist, dass das ungerecht vorkommen kann.
Wenn es in der eigenen Wahrnehmung so normal ist sexistisch zu sein, zu handeln, zu denken und zu bewerten, und es zusätzlich noch eine krasse Ausnahmesituation ist im eigenen Da_Sein, Handeln, Denken und Werten kritisiert, bezweifelt, und aufgrund dessen vielleicht sogar im sozialen Rahmen abgewertet und ausgeschlossen zu werden, ja dann kann einem die Welt schon mal brennen.
Das bedeutet aber noch lange nicht, dass andere dafür zuständig sind, das wieder in Ordnung zu bringen.

Für mich sind  WWcM*-Texte deshalb interessant, weil ich darin etwas finde, das mir sehr fremd ist.
Und damit meine ich nicht den öffentlichen Ausdruck von Unzufriedenheit mit der eigenen Situation und auch nicht den Umstand, dass dort eine völlig fremde Perspektive auf etwas fassbar wird.
Ich meine die Grundhaltung zu anderen Menschen.

Für mich sind andere Menschen im günstigen Fall etwas, deren störender Einfluss auf mich, in irgendeiner Form erwartbar ist. Im ersten Moment sind sie jedoch eine Gefahr. Das ist die Macke, die man mitnimmt, wenn man von klein auf damit konfrontiert ist, dass es so etwas wie einen “sicheren Menschen” schlicht nicht gibt..

Ich habe mich noch nicht viel mit anderen Menschen beschäftigt. Keine meiner Beziehungen ging über klar eingegrenzte Miteinander-Tätigkeiten hinaus, ich habe keine Menschen im Leben, die ich in allen Alltagssituationen und Zuständen einschätzen oder verstehen kann.
Eine “tiefe innige Verbundenheit” empfinde ich zu niemandem.

Mein neutrales – nicht von Anpassungen an Traumafolgen oder allagsgewaltbedingten Sozialmustern verformtes – Interesse an Menschen habe ich erst entwickelt, nachdem ich begriff, dass in jedem Menschen ein anderer Kosmos wirkt. Da waren wir etwa 21 Jahre alt. Heute weiß ich, dass das vielen Autist_innen so geht und nichts ist, was mich zurm Psychopath_in oder gefühlskalten Egoman_in macht. Und auch nicht zum „unfähig zur Liebe traumatisiertem Opfer“.

Ich weiß heute, dass soziale Interaktion nichts naturgegebenes ist, sondern das Ergebnis eines lebenslangen Lernprozesses, der immer nur in dem Rahmen passieren kann, der individuell zur Verfügung steht..

Vielleicht ist es an der Stelle schwierig für Lesende, die Parallele zum Täter_innenvorwurf zu finden.
Deshalb schreibe ich es so:
Manchmal mache ich mir Sorgen, dass mir Ähnliches gesagt wird, wenn ich meine Sicht auf Menschen so klar ausdrücke, wie ich sie erlebe. Dass ich alle Menschen vorverurteilen würde oder, dass ich Menschen instrumentalisiere, (weil ich sie als minderwertig(er als mich selbst) einordne) oder dass ich damit aufhören solle. Als wäre das etwas, was im ersten Schritt von mir gewählt wurde und ich mir im zweiten Schritt nicht selbst anders wünschen würde.

Diese Welt, die WWcM in ihren Texten als Schreckensszenario aufmachen, ist bereits meine Lebens_Realität.
Ich kann schon immer nicht einfach sagen, was ich wirklich denke, glaube und werte, gerade weil es sexistische, ableistische, klassistische Alltagsgewalt gibt, die mir Alltagspraxen und Verhaltenskorsette aufzwingen, in denen es mir in irgendeiner Form schadet, wenn ich ausdrücke (verkörpere) wer und was und wie ich bin, denke, glaube, handle, werte.

Mich beschäftigt die Frage, wie das ist, wenn das nicht so ist.

Wie ist das die Wohnung zu verlassen und einfach keine Angst zu haben?
Wie ist das an der Straßenbahnhaltestelle zu stehen und nicht schon längst von den Umgebungsreizen bis ins Mark aufgeschürft zu sein?
Wie ist das Menschen, die entgegen kommen oder von hinten überholen, nicht darauf abzuscannen, ob ihre Hand erhoben, das Gesicht verzerrt, die von ihnen ausgehende Lautstärke auf eine_n gerichtet ist?

Wie ist das, wenn man morgens aufsteht und einfach irgendwie weiß und glaubt, dass die Welt ein Ort für eine_n ist? Vielleicht sogar nicht einmal so klar und bewusst – sondern so ganz tief drin. Ganz sicher und fest.
Ohne jeden Zweifel. Jemals.

Ist es besser? Oder ist es anders?

Wie ist dieses Normal?
Wie ist es sich in einer Welt zu bewegen, in der man selbst die Regel und nicht die Ausnahme ist – ganz egal, wo, wie, warum man sich mit wem befindet?

In meiner Vorstellung ist da unheimlich viel Potenzial.
Zeit und Raum und Kraft für Schöpferisches, für Entdeckungen, für Kunst, für Fürsorge, für die Lösung von Problemen. Das ist zumindest was ich an mir feststelle, wenn ich in einem Moment von Okaysein in der Welt und meiner direkten Umgebung bin. Dann geht mir keine Energie daran verloren, mich zu schützen oder zu rechtfertigen. Dann habe ich keine Angst vor dem was andere Menschen an oder von mir verurteilen. Dann bin ich einfach da und mache meine Dinge und die Dinge, die anderen Menschen vielleicht etwas geben.
Das ist nicht die Erfüllung – aber es ist einfach so ein Passieren und Da-Sein, von dem ich denke: „Das ist Leben.“. Einfach so.

Da ist aber auch Machtpotenzial.
Wenn man so viel Kraft zur Verfügung hat, dann gibt es vielleicht auch einen Willen dazu, sie um jeden Preis zu erhalten. Notfalls mit Gewalt. Mit jenen *istischen Gewalten, von denen unsere Gesellschaft bereits durchzogen ist.

Ich habe damals vor 11 Jahren unseren Ausstieg unterstützt, weil wir verstanden hatten, dass Gewalt unser Leben bestimmt. Damals noch mehr als heute ganz im wortwörtlichen Sinne. Wir sind für Gewalt an uns aufgestanden, nachdem wir uns mit Gewalt (mittels Medikamenten, Alkohol und Drogen) in den Schlaf gebracht haben. Wir sind zur Schule gegangen, weil die Staatsgewalt, das so vorschreibt. Wir haben unser Verhalten und Da_Sein an jenen Instanzen ausgerichtet, die uns mit Gewalt zu was auch immer zwingen konnten, wenn sie nur gewollt hätten. Jedes Wollen und Wünschen wurde mit Gewalt beantwortet – manchmal von außen, manchmal von uns selbst.

Wir haben damals gesagt, dass wir keine Gewalt mehr leben und ausüben wollen.
Und heute denke ich, dass es deshalb überhaupt nur geklappt hat. Wir haben uns als aktiv Gewalt ausübend erlebt und akzeptiert– obwohl uns damals schon Jahre und Jahre lang gesagt wurde, dass es “die Täter_innen” waren, die uns Gewalt angetan haben.
Für uns war damals klar, dass es eine sich gegenseitig immer wieder anstoßende Gewaltspirale war, in der wir uns bewegt haben – egal, wie andere Menschen (Verbündete und Helfer_innen) das eingeordnet haben.

Sich selbst davon zu entfernen und nach Alternativen zu suchen, hätte nicht funktioniert ohne dieses Bewusstsein.

So denke ich das auch in Bezug auf solche Diskursblüten wie die, mit der dieser Text angefangen hat.
Ich denke, dass es wichtig ist zu verstehen, dass selbstverständlich alle Menschen potenzielle Gewalttäter_innen sind und auf jeden Fall auch schon einmal Gewalt ausgeübt haben. Darüber darf es keine Zweifel, von dieser Annahme, darf es keine Ausnahmen geben, denn wir leben (noch) nicht in einer Gesellschaft, in der es so etwas wie Gewaltlosigkeit nicht gibt.

Das schreibe ich nicht, weil ich als Teil eines Wir in diesem Körper, die Gewalt zu der Menschen fähig sind so genau kenne und sie mir deshalb nicht mehr als friedliche Wesen denken oder glauben kann.

Ich schreibe das, weil ich fest davon überzeugt bin, dass es Diskurs wie diesen weder gäbe noch bräuchte, wären Menschen diese friedlichen Wesen, als die sie sich selbst gerne verorten möchten.
Friedliche Wesen hätten die Kraft neugierig aufeinander zu sein. Schöpferisch und kreativ miteinander zu sein. Fürsorglich und nachhaltig mit sich und der Mitwelt umzugehen.

Friedliche Wesen haben keine Angst vor einander.

 

*weinende weiße cis Männer

von Haien und Sardinen, Ausgrenzung und Selbstvertretung

“Euer Podcast gibt mir immer weniger.”, sagte uns eine Freundin am Samstag, kurz bevor wir den Film starteten, den wir uns ausgesucht hatten. Sie sagte, sie könne für sich immer weniger rausziehen, die Folgen seien zu lang und das Geplänkel zwischendurch wäre mal ganz nett, aber …
Hm ja, dachte ich. Feedback ist wichtig, wir legen uns das mal an die Seite.

Auf dem Weg nach Hause dachte ich darüber nach, was die Dinge, die wir tun, anderen Leuten überhaupt geben soll und ob wir beeinflussen können, was sie sich nehmen wollen und was nicht.

Am Sonntag bekamen wir Besuch für ein Projekt, in dem es ums Vielesein geht.
Wenn die Person da ist, sprechen wir über uns, wie wir uns wahrnehmen, wie was bei uns funktioniert und was es bedeutet, dass es so ist, wie es ist.

Am Abend stellten wir ein Modell fertig, das unsere “innere Landkarte” symbolisiert.
Eine Arbeit, die wir schon lange für die Therapie machen wollten, aber doch nie gemacht haben.
Zum Einen, weil wir Angst davor hatten, unerwartet mit Dingen konfrontiert zu werden, auf die wir nicht vorbereitet sind. Zum Anderen, weil es in uns nachwievor Unsicherheit darüber gibt, ob das überhaupt wichtig ist. Ob das jemand wissen will. Ob das Sehen unseres Seins etwas ist, das anderen Menschen (der Therapeutin, der Projektperson, den Personen, die das Projekt später sehen oder generell: überhaupt irgendjemandem) “etwas gibt”, was auch uns mit einschließt.

Für uns ist es normal so zu sein, wie wir sind. Wie wir funktionieren, ist für uns nichts fremdes oder besonderes – das ist es erst geworden, nachdem uns gesagt wurde, dass es das nicht sei. Dass es eine Krankheit sei, dass es eine Störung sei, dass das, was dazu geführt hat, unnormal sei. Unrecht. Falsch. Schlecht.
Wir, wie wir sind und wie wir geworden sind, hat also nur durch die Gegenüber- oder Nebeneinanderstellung mit dem Leben und Sein anderer Menschen überhaupt diesen Status von etwas, dem man sich anders widmet und/oder widmen will/muss/sollte, als dem, was diese als üblich wähnen.

Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass Dinge, die wir wahrnehmen und denken, teils massiv von dem abweichen, was andere Menschen wahrnehmen und denken. Nicht, weil wir andere politische Haltungen vertreten, nicht, weil wir Dinge mögen, die jemand anders nicht mag – einfach nur, weil unsere Perspektive durch unser Sosein, durch unser Sogewordensein eine völlig andere ist.
Und auch das nicht nur so ein bisschen. So ein bisschen, dass andere Menschen sich eventuell vielleicht doch – mit ein bisschen Anstrengung, Empathie und intellektueller Verdrehung – in uns und unseren Blick auf die Welt hineinversetzen können.

Nein. Wir sind auf eine Art anders gestrickt, dass wir nicht nur ein zwei Aspekte anders erleben und entsprechend einordnen, wenn Wind und Mond mal zufällig komisch stehen oder ein Trigger wirkt oder uns irgendetwas irritiert.
Die grundlegende Struktur ist zu jedem Zeitpunkt anders, als bei Menschen, die nicht viele sind (und zufällig auch noch autistisch).

Für mich beginnt der Unterschied schon dort, dass ich die Normalität der Menschen, die nicht autistisch und nicht viele sind, weder kenne, noch erklärt bekomme, noch als etwas erlebe, das ich als etwas potenziell auch von mir er_lebbares nachvollziehen kann, wenn ich mich in diese Menschen hineinversetze.
Es ist für mich weder denkbar, noch vorstellbar, nicht so zu sein wie ichwir.

Interessanterweise geht mir das auch so mit Tieren.
Ich kann mir nicht im Mindesten vorstellen, wie es ist eine Giraffe zu sein, geschweige denn einen Begriff von ihrem Bewusstsein oder der Art ihrer Wahrnehmung und ihrem Ich-Erleben zu haben.
Dieser Umstand wird von allen Menschen als gegeben akzeptiert. Niemand verlangt es von irgendjemandem und niemand maßt sich selbst ernsthaft an, all das über eine Giraffe zu wissen oder “mit ein bisschen Anstrengung/Empathie schon irgendwie nachvollziehen zu können”.
Es würde sich auch niemand mit vorwurfsvoller Miene vor eine Giraffe stellen und ihr sagen, sie solle sich mal ein bisschen klarer (bitte ohne Geplänkel) ausdrücken, damit man ebenjene Dinge über sie in Erfahrung bringen kann.

Ich will uns und Menschen in ähnlicher Situation nicht mit einem Tier gleichsetzen.
Ich will hier auch nicht zu dem Schluss kommen, dass wir “in einer anderen Welt” als andere Menschen leben. Ich will auch nicht das so oft bemühte “wrong planet”-Bild nutzen.
Ich will aufzeigen, wie groß die Kluft zwischen unseren Wahrnehmungen und Er_Lebensrealitäten ist.
Und wie ungleich groß zuweilen die Bemühungen darum sind, miteinander in Kontakt zu kommen und einander zu verstehen. Und wie verschieden die Motivationen dazu sind, das überhaupt anzustreben.

Ich will es nicht darauf reduzieren, aber schreibe es nun doch so auf:
Ohne die Pathologisierung, die Stigmatisierung, die Ausgrenzung, ohne den tiefen krassen Schmerz, den es bedeutet so wie wir sind in dieser Welt und in diesen Kontexten zu leben, würden wir uns kein Stück um ein Miteinander mit Menschen kümmern. Wir würden es sein lassen.
Wir würden all die Kraft, die es uns kostet in Lautsprache zu denken, zu erklären, zu kommunizieren einsparen und all die Dinge tun, die uns und vielleicht sogar nur uns allein zur Kommunikation und Interaktion mit der Welt dienen.  Wir würden uns nicht erklären, würden nicht all die großen und kleinen sozialen Dressuren aufführen, die es braucht, um überhaupt von als Mensch mit Seele und Sein an_erkannt zu werden.

Wir fragen uns nie, “was es uns gibt” uns die Abbildungen und Darstellungen in Film und Fernsehen, in Romanen, in Erzählungen oder Klatsch und Tratsch von neurotypischen (nicht komplex traumatisierten) Leuten reinzuziehen, weil wir von vornherein wissen, dass das, was dort verhandelt wird, aus einer Perspektive kommt, die wir niemals je selbst einnehmen werden. Da werden Interaktionsmuster gezeigt, die wir nur kopieren, jedoch nie in ihrer Tiefe und Intension selbst auch erfahren. Da werden Werte und Normen repräsentiert, die uns nicht mehr sagen, als, dass sie wichtig für diese Personen sind. Da werden zwischenmenschliche Dramen und Erfahrungen mit_geteilt, die wir selbst entweder gar nicht machen (können) oder, die wir machen, ohne mehr damit anfangen zu können, als das, was wir ohnehin schon 24/7 tun: analysieren, entschlüsseln und mit anderen Erfahrungskontexten abgleichen, bevor sie abgespeichert werden.

Wir wissen, dass uns all diese Medieninhalte nichts geben – wir wissen, dass sie euch etwas geben. Deshalb nehmen wir uns all die Dinge daraus, die uns im Kontakt mit euch eventuell mal hilfreich sein können.

Wir werden daneben übrigens auch nie gefragt, wie das für uns ist nirgendwo kongruent in unserem Sein und Er_leben repräsentiert zu werden.
Manche Menschen erwarten Reaktionen von uns auf Filme, in denen Viele sein oder autistisch sein vorkommt, aber sie erwarten selbst von unseren Reaktionen auf Medien, die Menschen mit einer so krass anderen Perspektive und Er_Lebensrealität über (Aspekte) unseres Seins und Er_Lebens gemacht haben, noch einen Mehrwert für sie und ihre Sicht auf das Thema.
Was sie nicht erwarten ist Unverständnis dafür. Gekränkt davon zu sein, schon wieder von jemandem ohne gleichen Hintergrund für einen Kontext benutzt worden zu sein, in dem wir selbst weder mitgedacht werden, noch sonstwie in einer Art passieren, die auf gegenseitigem Begreifen, Verstehen und inkludiertem Miteinander beruht.

Um ein weiteres Tierbild zu bemühen:
Manche Haie kapieren nicht, dass es Sardinen kränkt, wenn ein Hai einen Sardinenfilm dreht, um unter Haien als der geilste Filmer bekannt zu werden, Haie ins Kino zu bringen, Haien ein weiteres Mittel zur Etablierung einer Haikultur zu schenken, in der sich Haie erkennen und so zu einer Verbesserung oder Veränderung des Haimiteinanders beitragen können.
Und manche Haie haben darüber für Sardinen dann oft auch nicht mehr übrig als “Nja mag ja sein, dass das für dich persönlich jetzt voll blöd ist, aber mich brings voll weiter.” – während die Sardine zurückbleibt. Nicht nur mit ihrer persönlichen Verletzung, sondern auch mit dem Bewusstsein selbst eben nicht weitergekommen zu sein, sondern nur dazu benutzt worden zu sein, einer Gruppe weiterzuhelfen, die nichts außer ebenjene Benutzung mit ihr zu tun hat.
Und, die ihrerseits zu keinem Zeitpunkt überhaupt einen Anlass hat sich einer anderen Gruppe als sich selbst zu widmen.

Die Selbstverständlichkeit mit der sie sich selbst vielleicht mal gut, vielleicht mal eher schlecht repräsentiert wieder_finden können, lässt die Information von komplettem Ausschluss für sie völlig absurd wirken.
Denn selbst sehr schlechte Darstellungen werden ja nur für sie gemacht. Nur sie können die Tiefe, die unausgesprochenen Codes entschlüsseln, nur sie sind gemeint. Nur um sie geht es bei der ganzen Sache. Um ihre Kultur, ihr Miteinander, ihr Sein.

So sitzen wir also da mit der Kritik an einem Projekt, das ist wie es ist, weil wir sind, wie wir (und Renée) sind und sich an Menschen richtet, die sich davon nehmen dürfen sollen, was sie selbst auch nehmen wollen.
Um dann vielleicht auch mal mit Menschen, die erheblich viel anders sind, als sie in an_erkennenden Kontakt zu kommen.

So sitzen wir nun da mit einem Modell von unserem Innen und wissen gleichzeitig, dass wir das Modell des Innen eines Menschen, der nicht viele und nicht autistisch ist, vermutlich niemals zu sehen kriegen werden.
Geschweige denn erklärt und im gleichen Format beschrieben.

Wir sitzen da und fragen uns, was wir denn davon haben, das so zu machen.
Und wieder einmal kommen wir zu dem Schluss, dass wir davon nicht mehr haben als das Wissen, dass wir wenigstens versuchen unseren Schmerz an der Kluft zu anderen Menschen zu lindern. Dass es uns wenigstens nicht so selbstgefällig scheißegal ist, wie es uns damit geht, dass mit uns so umgegangen wird, wie mit uns umgegangen wird.

Wir wissen, dass wir alles dafür getan haben, was wir können, damit es Miteinander gibt. Dass es mehr Möglichkeiten zu Verstehen und Begreifen gibt. Dass niemand sagen kann, wir hätten ja in Wahrheit gar kein Interesse daran.
Wir wissen, dass wir jeden Tag alles was wir können tun, um sowohl uns selbst, als auch anderen Menschen in ähnlichen Lagen zu markieren, dass der Status Quo einer ist, in dem die Mehrheit über aufwendig konstruierte Minderheiten bestimmt.

Wir wissen, dass wir nichts weiter tun und wollen, als uns selbst zu repräsentieren und selbst in unseren Themen und Forderungen zu vertreten.
Und zwar, damit wir selbst am Ende etwas davon haben.
Nämlich die An_Erkennung in unserem Sosein, wie wir sind.
Nämlich die Gewährung von Respekt, von Schutz, von gesellschaftlicher, kultureller, ökonomischer und struktureller Gleichstellung mit genau den Menschen, an deren Normen und Werten entlang, wir, egal wie wir dazu stehen, als anders, fremd, krank definiert werden.

“Ausbildung inklusive”, Episode 10: “Halbzeit” oder “Warum Punktekonten problematisch sind”

“… die Anpassung des einen, kann das beHindernis, des anderen sein…”

Ein Gedanke, der mir kam, als ich am Tag der Zeugnisausgabe nach Hause ging.
Am Tag vorher hatte ich von meiner Note in Wirtschaftskunde erfahren. Auf dem Schulflur. Zwischen Tür und Angel, denn Wirtschaft in eines der Fächer, das wir uns überwiegend allein zu Hause erarbeiten.

Ich habe eine schlechtere Note als meine schriftlichen Tests vermuten ließen bekommen, weil ich nicht alle Wahlpflichtaufgaben des Punktekontos erfüllt hatte. Pudels Kern: Die Wahlpflichtaufgaben sind ohne beständige Präsenz  im Unterricht und mit einer Problematik in der sozialen Interaktion und Kommunikation nicht erbringbar.
Das nennt der Volksmund “Arschkarte”, ich sage, dass es eine unfaire Benotung ist.

Punktekonten sind der moderne heiße Scheiß.
Und für manche Schüler_innen super. Wenn sie zufällig Freund_innen in der Klasse haben, immer pünktlich, immer präsent und zufällig die Lerntypen sind, die mit Mind Maps, Vokabelkarten und anderen gut überprüfbaren Mitteln arbeiten können.

Für manche Lehrer_innen sind sie vermutlich auch super. Soweit ich das aus meiner Schüler_innenperspektive sehe, hat man damit ein strukturiertes, klares Mittel der Leistungserhebung, das davon befreit Schüler_innen individuell und/oder vielleicht sogar von Sympathie beeinflusst, zu benoten. Man kann sein Ding durchziehen. Muss nicht weiter überlegen. Behandelt alle Leistungen gleich.

Jedes Punktekonto ist ein Standard, eine Norm.
Jede Leistung, jeder Punkt, der in einem Halbjahr nicht erbracht wird (werden kann) frisst an der Endnote.
Motivation, Engagement, Eigeninitiative, Kreativität bei der Auseinandersetzung mit den Unterrichtsinhalten werden damit nicht gefördert – viel mehr werden sie für das Konto ab_geleistet.

So ergab ein Gespräch mit meinen Klassenkamerad_innen, dass niemand von uns Vokabelkarten für den Englischunterricht, in dem wir ebenfalls ein Punktekonto haben, verwendet, jedoch fast alle welche haben, um die Punkte aus dem Wahlpflichtbereich zu bekommen.
Was genau ist an der Stelle die Leistung? Die pünktliche Abgabe einer zu erbringenden Leistung ohne persönlichen Nutzen, oder die Englischvokabeln, die im späteren Leben zu persönlichem Nutzen verhelfen sollen?

Aus meiner Sicht sind Punktekonten auch schon deshalb problematisch, weil sie Tür und Tor für lerntoxische und übergriffige Akte im Miteinander von Schüler_innen und Lehrer_innen öffnen.

Ich finde es zum Beispiel grauenhaft, wenn Lehrer_innen meine Mappen einsammeln, um ihre Führung zu benoten – oder “für das Punktekonto zu bewerten”.
Denn meine Mappen sind mein Lern- und Arbeitswerkzeug. Da ist meine Ordnung wichtig. Ich muss damit arbeiten können – und auch damit arbeiten wollen. Das Wissen um die Durchsicht für Punkte und damit auch für Noten hemmt mich.

Tatsächlich entwickelt sich bei mir schnell eine Parallelwelt in der Mappenführung, weil ich 90% der Arbeitsblätter barrierefrei für mich umgestalten muss. Das heißt: die hübschen Kopien aus dem Lehrerzimmer, landen in der hübschen chronologischen Mappe, mit Deckblatt und Punktekonto und Inhaltsverzeichnis zu den durchnummerierten Seiten
– die Dinge, die dafür sorgen, dass ich verstehe, worum es geht, de zeige ich niemals irgendjemandem.

Meine Lernmittel, sind Notizen, Kringel, Schleifen, für Außenstehende vielleicht wirre Skizzen, diverse Webseiten und YouTube-Videos, in denen mir der Stoff wieder und wieder in Dutzenden Variationen erklärt wird, bis ich durch die Wiederholungen das konkrete Muster finde und mit den Unterrichtsmaterialien und den Worten der Lehrer_innen in Verbindung bringen kann.

Heißt: die Auseinandersetzung mit den Inhalten ist meine Art zu lernen. Das ist langwierig und manchmal ist es auch gar nicht sichtbar, weil ich die Inhalte in mir bewege und innerlich mit der Umgebung abgleiche.
Mein Weg um Dinge zu begreifen, führt nicht darüber, dass ich mit anderen darüber spreche oder Vokabeln lerne.
Ich lerne über Mustererkennung und brauche dafür eine Umgebung ohne Ablenkung und mit relativer Ruhe, in der ich mir ohne Probleme oder Sorge um mögliche Unterbrechung, ein Video nach dem anderen, einen Text nach dem anderen, über ein und dasselbe Thema reinziehen kann.

Ich lerne dabei nichts auswendig. Ich sammle die Wörter, behalte die, die am häufigsten genannt werden und mit jedem weiteren Text wird mir ihre Position – ihr Kontext klarer. Diese Kontexte brauche ich nach einer Weile immer weniger angestrengt suchen. Und irgendwann – meistens in der Phase vor einem Test, bin ich dann soweit, dass ich sogar im Unterricht anwesend sein kann, ohne mich daran zu verausgaben zu suchen, was die_r Lehrer_in erzählt, fordert, beschreibt.

Diesen Teil meiner Lernarbeit zu verstecken, gehört zu meinem Leben seit immer.
Denn: die meisten Menschen können das so nicht nachvollziehen.

Die verschiedenen Lerntypen sind über die Sinnes- und Interaktionskanäle definiert.
Es wird zwischen “auditiven” und “visuellen”, aber auch “motorischen” und “kommunikativen” Lerntypen unterschieden.
In diesem Modell fehlt sowohl die Annahme von Menschen, die nicht nur “visuell ein bisschen und motorisch etwas mehr”-Typen sind, sondern auch die Menschen, deren Sinnes- und Interaktionskanäle ganz anders funktionieren und miteinander zusammen (oder entgegen) arbeiten.

Lernen, das ist bedeutet ja nicht nur, Informationen aufzunehmen und abzurufen.
Lernen bedeutet auch die Beschaffenheit von Informationen zu erkennen, einzuordnen, flexibel einbringen/anwenden zu können und passend zur Fragestellung abrufen zu können.
Das erfordert neurologische Prozesse, die bei neurotypischen Menschen bereits prima erforscht sind und ergo zu solchen Lerntyp-Einordnungen führen.

Wie man meinen Lerntyp nennt, weiß ich nicht.
Ich kenne keine anderen Menschen, die sich mit Inhalten ganz genauso auseinandersetzen müssen, um sie zu erfassen und in die Lage zu kommen irgendwas damit anfangen zu können.

Ich kann anderen Menschen oft nicht gut klar machen, wie flach mir das vorkommt, was ich als neue Information erhalte.
So seltsam flach, dass ich es meistens als fast körperlich unangenehm empfinde und dann logischerweise verändern will.
Ich bin keine besonders wissbegierige Person. Bin kein “Streber” oder außerordentlich neugierig. Das, was heute mein großer Wortschatz ist, mein, im Kontext zu meinem Leben, meiner Klasse und der Nichtbildung in den letzten Jahren, erstaunlich breites Allgemeinwissen, ist das Ergebnis von dem angenehmen Gefühl eine unangenehm flache Information zu etwas werden zu lassen, das sich bewegen, be_greifen, anwenden lässt.

Da geht es nicht darum, dass ich mich dann schlauer fühle und deshalb gut oder überlegen.
Ich fühle mich einfach weniger gestört, unangenehm berührt … dumm … manchmal auch: gequält von etwas, das mir zuweilen sogar Angst macht, weil es so gar keine Tiefe oder Bezüge zu irgendetwas hat, aber DA ist und sich immer wieder bemerkbar macht.

Herrje – was für ein Abschwiff.
Zurück zur schlechteren Note.

Ich akzeptiere die Note so nicht und werde auch im nächsten Schuljahr den Wahlpflichtleistungsteil des Punktekontos in dem Fach nicht so akzeptieren. Die Lehrerin hatte mir keine alternativen Möglichkeiten zur Verfügung gestellt, so dass ich gar keine weiteren Punkte “machen” konnte, als die, die ich erbracht habe.
Die alternativen Möglichkeiten stehen mir als Nachteilsausgleich zu.

notsofunfact: der ist offiziell noch immer nicht für uns beantragt.
Warum? Wir haben das an die Schule bzw. die Menschen, die uns da unterstützen wollen, abgegeben.

Inzwischen ist die Hälfte der Ausbildungszeit um.
Wir haben nachwievor keine Unterstützung beim Schulweg, bringen die Kosten zur Anpassung des Materials selbst auf, unsere Betreuerin sammelt noch immer Absagen von Behörden, wenn es um die Kostenübernahme der Materialgebühren der Schule geht.

Anfang des Monats kam ein Brief von der Stadt wegen des Antrags auf eine I-Kraft, in dem nach dem “Hilfebedarf des Kindes” gefragt wurde.
Das war der Moment, in dem ich dem Direktor und der Klassenlehrerin sagte, dass ich mich manchmal selbst verletze, um handlungsfähig zu bleiben und gleichzeitig der Moment, in dem wir merkten: seit dem Jahr 2000 hat sich für mich (und damit für uns alle) in Bezug auf das “in einem Schulbetrieb sein und lernen” nichts verändert, außer dem Ausmaß der Scham, das mit so einem “Geständnis” einhergeht.

Und das Alter des Körpers, den wir uns teilen.
Und dem Bewusstsein darum, dass dieses So-sein “Autismus” heißt.
(Also vielleicht doch etwas?)

Wir sind trotzdem nicht unglücklich mit der Ausbildung an sich oder denken, dass wir das gar nicht schaffen.

Wir sind manchmal einfach nur sehr sehr müde.
Müde, frustriert und der Alleinsamkeit mit manchen Dingen so bewusst, dass es eben doch sehr weh tut.

 

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(die ersten Episoden „Ausbildung inklusive“, haben noch keinen Platz, sind aber bald wieder online)

Unterstützerhunde – Assistenzhunde

(Achtung: das ist ein 360° Video. Das heißt, man kann mit dem Mauscoursor auf der Videofläche, das Bild hin- und herziehen und dann alles wie in einem Raum ansehen. Es passieren viele Eindrücke gleichzeitig. Man kann aber auch nur Jessica angucken. Dann ist es fast wie üblich, außer einer leichten Bildkrümmung.)

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Ich freu mich über den Unterschied, den Jessica in dem Video zwischen Hunden macht, die ihre Menschen unterstützen und denen, die aktiv und zuverlässig, die Dinge tun, die von ihnen erwartet werden – und dadurch unterstützen.

Das freut mich, weil ich heut genau sowas in der Schule erlebt hab.

NakNak* ist immer bei mir in der Schule.
Am Anfang der Stunde hab ich sie auf dem Schoß. Meistens bin ich noch ein bisschen verwirbelt von der Pause oder dem Schulweg. Ihr Gewicht auf den Beinen hilft mir, mich darin zu versichern, dass es meine Beine sind und, dass sie wirklich da sind. Also: dass ich wirklich da bin und, dass ich da bin, wo ich sein soll. In der Schule.
Das unterstützt mich.

Wenn ich mich gut fühle (oder mir die Beine eigeschlafen sind, weil ich zu dick bin für die Stühle in der Schule), sag ich NakNak*, sie soll sich unter den Tisch legen. Das verlange ich von ihr und sie macht das. Ich kann mich drauf verlassen, dass sie nicht einfach aufsteht und zu Leuten läuft und Quatsch macht.
Das ist das Ergebnis ihrer Arbeit.

Heute war ein Lehrer von uns krank und wir waren mit den Mitschülern und Mitschülerinnen alleine. Wir hatten eine schwierige Aufgabe auf. Das hat mich so verwirbelt, dass mir NakNak* eher weh getan hat. Das heißt ich konnte sie nicht auf dem Schoß ertragen.
Mir hilft, wenn die eine andere von innen dann Dinge einfach macht und rumrennt und so. Sie ist also rumgelaufen und hat mit zwei von den Mitschülern und Mitschülerinnen zusammen gearbeitet.
NakNak* war immer an dem Platz, wo der Rechner stand, mit dem wir arbeiten. Ich hab gemerkt, dass mich das beruhigt hat. Ich hatte irgendwie Angst, dass der Raum zerfällt oder ich zerfalle. Aber NakNak* hat den Ort, wo sie war, sehr fest gemacht. Wie eine Insel, wo mein fester Platz ist und nichts Unberechenbares mich erreicht.

Ich war da wiedermal sehr dankbar, dass wir sie im Leben haben und auch in der Schule dabei haben dürfen.
Und ich bin jetzt grad sehr stolz darauf, dass wir und sie so gut arbeiten, dass wir uns auf sie verlassen können. Auch wenn Dinge passieren, die mich sehr verwirbeln und ich nicht mehr so viel mit ihr arbeiten kann, sondern brauche, dass sie viel arbeitet, damit es gut klappt.

… und raus bist du

Das Gefühl der Ausgrenzung kennen wohl alle Menschen.
Das setze ich an den Anfang des Textes, um zu zeigen: Ich weiß das. Und um anzuzeigen, dass es entsprechend keinen Grund gibt, mir zu sagen, dass meine Gefühle und Gedanken allein deshalb schon nichts besonderes sind.
Wie gesagt: Ich weiß das. Es ändert meine Gefühle und meine Not an ihnen nicht und ich schreibe sie hier auch nicht auf, weil ich denke, dass sie besonders sind.

Wieder einmal schreibe ich etwas dazu auf, gerade weil ich weiß, dass es normal ist, ausgegrenzt zu werden, weil man ist, wie man ist.
Besonders, wenn man anders ist.

Sprung.

In dieser Woche habe ich vielleicht einfach nur ein paar Enttäuschungen zu viel gehabt. Wer weiß. Vielleicht bin ich auch nur müde. Vielleicht steht der Mond ungünstig. Vielleicht hab ich nur noch nicht genug geweint und bin deshalb noch nicht an dem Punkt, an dem ich loslassen kann, um mich Wichtigerem zu widmen.
Vielleicht ist es aber auch einfach Teil meiner Strickweise, dass ich lange brauche um Dinge zu prozessieren, zu verstehen, zu begreifen – sie mir auseinanderzunehmen und als neu hinzugekommene Erfahrungen in mich und mein Bild von der Welt einzubauen. Was weiß ich.

Sprung.

Ich bin frustriert über meine Leistungen in diesem 3 Schulhalbjahr. Nicht, weil sie schlecht sind. Ich bekomme nachwievor selten eine 1, üblicherweise eine 2, wenn ich denke, ich habs ganz verkackt, reicht es noch für eine 3. Ich habe keinen Grund zu glauben versetzungsgefährdet zu sein oder die Ausbildung nicht zu schaffen, weil meine Leistungen nicht ausreichen.

Unzufrieden bin ich damit, dass ich – im Gegensatz zu meinen Lehrer_innen – weiß, dass ich nicht besser werde, wenn mich nur noch mehr motiviere, noch mehr lerne, noch mehr reinhänge, mich mehr öffne oder locker mache.
Ich weiß, dass es in vielen Dingen nur noch um dieses eine kleine µ der zwischenmenschlichen Kommunikation und Interaktion geht.

Und während ich das weiß und wieder einmal 3/4 meiner Alltagskraft in die Kompensation dessen stecke – merke ich: Sie sehen das nicht. Sie merken das nicht. Sie halten mich für perfektionistisch. Denken, ich sei nur mit Note 1 zufrieden. Ordnen mich als generell schwer zufriedenzustellen ein. Und eben nicht als autistisch und damit behindert im Bereich der zwischenmenschlichen Kommunikation und Interaktion.

Sie merken nicht, wie sie mich damit damit jedes Mal neu rauswählen.

Sprung.

Es bleiben mir noch zwei Stellen für eine Bewerbung um ein Berufspraktikum.
52 Stück habe ich seit September letzten Jahres weggeschickt.
Schriftliche Absagen: 11 Stille Absagen: 40 Wartend auf: 1
Niemand schreibt, dass meine Behinderung oder der strukturelle Aufwand, der nötig ist, mich als Praktikantin anzunehmen der Grund dafür ist.
Aber ich weiß, warum wir vor der Ausbildung jetzt mehr als 10 Jahre weder Arbeit noch Ausbildung hatten.

Ich habe nicht viele Informationen. Verstehe zu wenig von der wirtschaftlichen Lage und der Welt, in der Menschen leben, die so arbeiten, dass sie andere Menschen bei sich mitarbeiten lassen können, als dass ich mir selbst gut zureden kann, all die Nichtaussichten für mich wären in Faktor X oder Y – aber auf keinen Fall in mir und meinem So-Sein begründet.

Ich will das alles nicht persönlich nehmen. Doch wie soll ich es denn nehmen? Was soll ich denn denken, machen, glauben, wünschen?
Zufall? Bestimmung? Pech? Jede Niederlage ein Sieg für die Selbsterkenntnis?
Wie lange muss man so eine Situation ertragen, damit es vor anderen Menschen legitimiert ist, sie nie wieder aufzusuchen?

Sprung.

Ich habe erfahren, dass es den Studiengang “Medieninformatik” gibt. Das klingt gut für mich. Nach einer Richtung, die mir ein Tool in die Hand gibt, danach Dinge zu realisieren, die es ermöglichen Informationen auf vielleicht sogar ganz neuartige Art zu übermitteln.
Sehr motivierend so eine Aussicht. Gerade jetzt, wo ich mit den Mitteln, die ich zur Kommunikation nutzen kann, immer wieder scheitere.

Dann war ich gestern beim Tag der offenen Tür des “bib” in Bielefeld. Das bib ist ein privater Bildungsdienstleister, von dem diverse Studien und Ausbildungsgänge angeboten werden. Unter anderem auch Medieninformatik.

Weil ich nicht wusste, dass es ein Privatunternehmen ist, bin ich hin, wie ich bin.
Hätte ich es gewusst, hätte ich mich unter unbequemerer Kleidung und Make up versteckt und hätte die vielen kleinen Demütigungen, die so ein Umfeld für Menschen wie mich bereithält, an mir abprallen lassen können.
So stand ich dann da mit meiner C&A-Jeans und den Resten der Stresspickel, die mir die letzten zwei Schulwochen beschert hatten und versuchte mich mit meinen Wortgewändern und einer Lächelgrimasse anzupassen.

Menschen, die nicht am Existenzminimum leben, wissen meistens nicht, dass sie das tun. Sie glauben oft, dass sie “ja auch kämpfen müssen” und halten das für vergleichbar mit der Lebensrealität von Menschen wie mir. Sie haben häufig keine Rezeptoren für den Schmerz, den sie anderen zufügen, in dem sie die gleichen Sorglosigkeiten und Relevanzbewertungen, wie bei sich selbst, für gegeben annehmen.

Sprung.

Manchmal ist es für mich demütigender, wenn mir Menschen sagen, dass ich mich doch nur locker manchen müsse, weil doch eh alles immer irgendwie läuft, als wenn sie mir direkt sagen, dass ich einfach einer dieser Menschen bin, für den man in dieser Gesellschaft keine Ver_Wert_ung findet.

Ich dachte lange, mein Wunsch doch bitte gleich offen als wertloses Stück Scheiße benannt zu werden, hätte seine Wurzeln allein darin, dass ich mich nach langer Zeit des Gewalterfahrens selbst so sehe.
Heute weiß ich, dass ich in manchen Lebensbereichen noch immer so behandelt werde und es die permanente Anstrengung zur Dechiffrierung dessen in eine klare Aussage ist, die in mir diesen Wunsch logischerweise auslöst.

Es geht also nicht darum, dass ich das gerne hören möchte, um mich in meinem Selbstbild zu bestätigen, sondern darum, dass ich mir wünsche, die Menschen in meiner Umgebung hörten endlich auf, mir ihr Bild von mir nicht offen zu zeigen und/oder auch vor sich zu verschleiern.

Sprung.

Auf meine Frage nach Erfahrungen mit der Integration von Menschen mit Behinderung, erhielt ich eine lange Satzkette mit der kurzen Information “Nein” drin. Trotz dem es die Möglichkeit gibt, für eine Woche zu hospitieren, um zu schauen, wie sich der Lernalltag gestaltet, war ich am Boden zerstört.

Nicht, weil das so ist. Es hätte mich gewundert, wenn die Klientel, die dort lernt und studiert, so divers ist, dass es zu einem reichen Erfahrungsschatz kommen kann. Aber die Bestätigung meiner Annahme war nichts, was ich gern gehabt hätte.

Jeder Beweis für die nachwievor bestehende Ausgrenzung von behinderten Menschen, ist mir ein Beweis für meine Ausgrenzung. Für mein Nichtrepräsentiertsein. Für mein Nichtmitdabeisein. Und dafür, dass jeder einzelne Schritt inmitten dieser Menschen(gruppen/klassen) für mich einer ist, der allen Beteiligten neu, fremd, anstrengend, ängstigend… über_heraus_fordernd ist.

Und auch hier: Ich wünschte, ich könnte das nicht so persönlich nehmen. Es geht dabei ja nicht um mich persönlich.
Aber wie soll ich es denn nehmen? Es ist ja nicht so, dass sich an den entsprechenden Stellen jemand persönlich als verantwortlich bereiterklärt.

Sprung.

Und wie soll es für mich weitergehen?
Ich bin nicht gut darin mich selbst so tiefgreifend zu belügen und mich darauf aufbauend zu immer mehr Leistung zu motivieren. Ich brauche Perspektiven. Sicherheiten. Gewissheiten. Ich brauche Unterstützung und sehr viel öfter soziales Cheerleading, als ich das einfordere oder zum Ausdruck bringe.
Ich brauche mehr als das, was ich im Moment habe, um damit umzugehen, leider draußen bleiben zu müssen.

Nicht, weil ich behindert bin, sondern, weil ich es zusätzlich dazu oft auch noch werde und beides oft genug noch nicht einmal bemerkt und anerkannt wird.

Und wenn ich das so schreibe, dann bedeutet das nicht, dass ich mir wünsche, umgeben von Leuten zu sein, die mir ein Taschentuch geben und mich an ihrer Schulter ausweinen lassen, damit ich neue Kraft für den nächsten Kampf um Teilhabe, Zukunft und Lebensqualität tanken kann.
Ich wünsche mir mehr Leute in meiner Umgebung, die mit mir zusammen weinen, weil sie mit_fühlen, wie tief diese ganze Scheiße jeden einzelnen weiteren Tag weh tut – und mit mir zusammen kämpfen, damit das weder ich noch andere Menschen jeden einzelnen Tag weiter durchmachen müssen.

Was “kämpfen” an der Stelle bedeutet?
Es kann bedeuten weder mir noch anderen behinderten /Menschen/ mit Behinderung zu sagen, ihre Forderung nach Teilhabe unter Berücksichtigung und entsprechender Anpassungsleistung ihrer Umgebung, sei eine andere Forderung, als die als auch normaler Mensch anerkannt zu werden.
Es ist keine überzogene Forderung, wenn man bitte nicht ausgegrenzt und dadurch auch entmenschlicht werden möchte.

Es kann aber auch bedeuten, die eigenen Bedürfnisse und Bedarfe auszusprechen, um die Lebensumgebung aller mitzugestalten.
Je offener der Umgang mit der Vielfältigkeit des Menschseins und den Facetten dessen, was Menschen täglich leisten oder auch nicht leisten können, desto weniger besonders wird das, was man jetzt als Abweichung wahrnimmt.

Außerdem wird man so darin trainiert, sich schneller und effizierter an wechselnde Anforderungen anzupassen. Es wird leichter. Und dadurch auch weniger daran gebunden, wie sympathisch, wertvoll, menschlich man jemanden oder etwas einordnet. Man macht es dann einfach, weil es kein Akt mehr ist, es überhaupt zu machen.

Es kann auch bedeuten, sich der eigenen Ignoranz zu stellen, die man gegenüber der Thematik von Ausgrenzung allgemein, und der Inklusion, als gesellschaftliche Herausforderung unserer Zeit, hegt und eventuell sogar pflegt, ohne es bewusst zu haben.

Ja, Inklusion ist eine Riesenumwälzung. Ja, alles würde sich verändern. Ja, viele Dinge kosten Geld. Ja, Inklusion ist für manche Menschen fremd, neu und vielleicht auch zu viel, um sie sich überhaupt als Realität vorzustellen.
Aber all das sollte neugierig machen. Motivieren.
Und wenn schon nicht das, dann wenigstens erschrecken und beschämen, gerade weil sie noch nicht passiert ist.

Denn nichts anderes ist ein jeder “… und du bist raus”-Moment in unserer Gesellschaft, egal wem gegenüber und warum.
Beschämend und erschreckend.

anders. und weiter nichts.

“Wir haben abends noch lange über deinen Text diskutiert.”, erzählt sie mir. “Darüber was wir in der Situation mit der Nachbarin gemacht hätten und so.”.
Wir geraten in ein Gespräch über Normen und Angst vor dem Fremden. Ich klemme mich zwischen die Feuerlöwin und sie, versuche die körperlose Verwunderung in meinen Händen nicht fallen zu lassen.

Wie leicht ihr das fällt Bescheid zu wissen. Dinge einfach so anzunehmen, nach denen wir gezielt suchen müssten, selbst, wenn wir nach Überlegen und Analysieren, ahnen oder wissen, was es ist.

Später sitzen wir in der Straßenbahn nach Hause. Beobachten zwei Menschen, die sich angucken und küssen, obwohl die eine Person die andere immer wieder grob anfasst, zwickt, Abwehrbewegungen umgeht. Beide lachen die ganze Zeit.

Nein, wir wissen nie einfach so, was irgendwer warum wann wie braucht. Ob von uns oder von irgendwem.
Nein, wir sind keine Selbstbestimmungshippies, die Normen und Grenzen für überflüssigen Killefit halten. Oder spießig und grundsätzlich schlecht.
Aber wir wissen, dass Selbstbestimmung nur so viel Wirkmacht entfalten kann, wie man Raum für sie freilässt. Dass wir nur dann etwas verstehen können, wenn sich jemand oder etwas entfalten kann. Und dass wir bestimmen können, was wir verstehen wollen.

Nazis wollen wir zum Beispiel nicht verstehen. Zumindest im Moment nicht. Vielleicht ändert sich das irgendwann. Aber bis dahin bekommt kein Nazi von uns Platz zur Entfaltung.

Wir wissen: wenn wir uns verdichten, nicht verstehen wollen, dann sollten wir keine Entscheidungen treffen, Urteile fällen, Ratschläge geben und das, was wir denken auch nicht als “Meinung” bezeichnen. Denn mehr als ein Erahnen von Zusammenhängen, die uns verwirren und zu ungezielten, meist reaktiven Re_Aktionen verleiten, können wir dann nicht von uns erwarten.

Als wir aus der Bahn treten, hat die Interaktion der beiden Personen einen Lautstärkepegel erreicht, vor dem unsere Verwirrung über die beiden über uns zusammenschlägt wie Wellen an der See. Es ist weder Zeit noch Raum irgendetwas von diesen Menschen zu verstehen. Was in meinen Haaren kleben bleibt, ist nur ein weiteres dieser Menschenrätsel, das in uns das Gefühl auslöst deutungsdumm zu sein. Grundlegend unfähig jemals zu der Art intuitiver Sicherheit unserer Freundin zu kommen, wenigstens zu glauben, dass wir wissen, was gerade die normative Richtschnur des Moments und darüber hinaus ist.

“Wenn ihr die Menschen verstehen wollt, macht ihr etwas anders als die meisten.”, sagt die andere Freundin am Telefon. Ich beobachte Hannah’s Tränen an meinen Wimpern und streichle ihre Hand mit NakNak*s Fell unter den Fingerspitzen. “Es ist anders. Weiter nichts.”.
Wir fragen nicht nach.
Anders und weiter nichts, das reicht als Einordnung.

vom Schluss machen und Kontrolle

Wir schauten auf die vielen kleinen Zettel vor uns, auf denen jeweils eine Sache steht, die bei uns gerade zu tun ist. Viele kleine Zettel. Viele Dinge. Alle irgendwie gleich laut auf uns einbrüllend, gleich wichtig, gleich dringend und sowieso schon eigentlich hätte würde wenn seit gestern schon hätte müsste erledigt gewesen worden sein.
“Was davon könnte ihnen denn Kraft geben, wenn sie es schaffen?”, fragte der Begleitermensch und gab noch ein bisschen Hilfestellung mit seinen Ideen zur Einordnung der Dinge. Wir entschieden uns für aufräumen. Platz schaffen. Sauber machen.
Und es war gut so.

Wir sortierten Kram und fuhren zum Wertstoffhof. Dort stopfte ein Bagger Elektroschrott der Klasse X tiefer in die Mulde, während direkt neben mir drei Männer ein Sofa und zwei Sessel in einen Container mit Sperrmüll hievten. Irgendwo klirrte es und eine Plastikplane flog über den Boden. Ein Mann in orange trug einen Krug aus Messing wie ein Baby im Arm von den Containern weg. Der Begleitermensch fragte, wie es mir ginge, ich sähe so wehmütig aus und ich überlegte, ob ich wehmütig war.
Nein, eigentlich nicht. Ich mag entrümpeln. Dinge rausschmeißen, Kompromisse beenden, Schluss machen, die Scheidung einreichen von Dingen, die nur noch da sind, weil ich sie nicht weit genug wegtragen kann. Ich mag es, wenn ich einmal mehr über etwas nicht so tun muss, als wäre es nutzbar, nützlich, gut und wichtig.

Doch dort auf dem Hof wurde mir klar, wie normal es ist, dass Dinge kaputt gehen und nicht mehr behalten werden. Es ist so normal, dass man große Sammelstellen dafür einrichtet, damit die Dinge recycelt oder vollständig vernichtet werden können. Es ist niemandes schuld. Niemand schafft es alles für immer und immer zu nutzen. Kaputt können Dinge auch dann sein, wenn sie nicht danach aussehen.

Mir wurde klar, wie nicht normal es ist, sich noch immer mit den Handtüchern abzutrocknen, die Oma uns geschenkt hatte, als wir irgendwas zwischen 12 und 15 Jahre alt waren. Wie nicht normal es ist, diesen Stapel CDs und Bücher, den wir der der Familie* geklaut haben und die x Pullover und Shirts, die uns die Mutterfrau aus dem eigenen Kleiderschrank gegeben hat, noch immer zu besitzen und im üblichen Fundus des Wohnraumgerümpels kreisen zu haben. Wie nicht normal es ist, so wenig ganz eigenes zu besitzen – so weniges, bei dem es nicht um die Art Kompromiss geht, die Un_Funktionalitäten ausgleicht.
Und: wie nicht normal es ist, den Gedanken nicht ertragen zu können, irgendetwas von diesen Gegenständen in so einem Container landen zu lassen.

Später saugte ich durch die Wohnung und räumte meine Kassettensammlung um. Mir fiel ein, wie meine Eltern meine sehr umfangreiche Kassettensammlung entsorgt hatten, nachdem ich das erste Mal weggegangen war. Es waren unheimlich schöne Hörspiele darunter, die meisten wurden seit den 80ern nicht wieder aufgelegt. Es war ein unwiederbringlicher Verlust und die Kränkung durch ihren Umgang mit unserem Schatz war enorm. Es war ja nicht nur schön sie anzuhören – die Sammlung war eines der Dinge, die wir heute als Spezialinteresse bezeichnen würden. Wir haben sie gern gehört und gesammelt, auswendig gelernt und die Hüllen sortiert. Dass diese Sammlung damals bei ihnen geblieben war, war ein Grund weshalb wir uns (neben vielem anderen) damals noch einmal dafür entschieden hatten zurückzugehen.
Für sie war es kein Ding die Kiste wegzuschmeißen. Sie haben mit uns Schluss gemacht und das war ihr Ausdruck dafür. Vielleicht. Was weiß ich.

Am Abend hatte ich die Wohnung aufgeräumt, ein paar Dinge aus dem Büro auf den Dachboden getragen und einen Plan für die kommenden Tage überlegt.
Es geht mir jetzt besser. Aus der Anlage, die wir besitzen seit wir 16 sind, klingt “Der kleine Vampir auf dem Bauernhof” und die Kassettenschublade ist einmal mehr neu sortiert. Zum ersten Mal seit inzwischen Monaten fühle ich mich nicht wie ein wirres Bündel aus Affekt und Panik, sondern als hätte ich etwas unter Kontrolle. Nicht mich. Doch immerhin die Dinge, die ich bei mir habe.

shutdown

Dieses Jahr versuchte ich mich zu entspannen. Ganz dringend sehr schnell Ruhe zu finden und Kraft zu tanken, für all die Dinge, die zu tun sind. Allein mit meinen Büchern sein, zeichnen, das Hörbuch, das wir schon länger geschenkt bekommen hatten, anhören, Kekse essen, lange Runden mit NakNak* machen.
Nichts davon hat bis jetzt wirklich zu Entspannung geführt.

Am Morgen bin ich noch müde, denn Traumascheiß kennt keine Feiertage oder den Moment, in dem man nicht mehr nachtritt, weil jemand schon am Boden liegt. Mittags bin ich fertig mit den Nerven, weil ich noch keine Ferienroutine habe. Da sitze ich in der Küche und weiß: Ich habe Dinge zu tun – kann Dinge tun, die ich in der Schulzeit nicht tun kann – und weiß nicht wo wie womit wann anfangen. Und fange dann gar nichts an. Bleibe sitzen und starre Brandflecken in die Luft bis NakNak* kommt und mich nervt, damit wir rausgehen.

Draußen ist es kalt und nass. Draußen ist Weihnachten und ich laufe an Häusern vorbei, die entweder voll mit Familie sind oder leer, weil alle bei der Familie oder Freund_innen sind. Ich muss uns eingestehen, dass wir es nicht schaffen unseren Freund zu besuchen. Muss andere, hellwach überreizte Ichs hinter mir daran erinnern, dass wir keine Familie haben, zu der wir fahren wollen.
Merke, wie mir die zwei Wochen Ferien zu wenig sind, für das Ausmaß an Ruhe und Alleinseinbedarf, der direkt neben dem Wunsch steht, mit all dem nicht allein sein zu müssen. Der neben dem Wissen steht, dass wir das auch nicht müssen. Neben dem wiederum die Klarheit ist, dass genau das nicht aushaltbar ist, weil es zu viel erfordert und abverlangt.

Nach 3 Tagen weint es einfach aus mir raus und ich merke meinen Selbsthass wie etwas, das von meinen Schultern klettert, um mir durch Augen, Nase, Mund und Ohren in den Kopf hineinzukommen. Alles ist dicht, jeder zusätzliche Reiz zu viel. Meine Tränen brennen mir Schneisen ins Gesicht und es gibt nichts, das macht, dass es aufhört. Ich würde sagen, das ist ein Nervenzusammenbruch. Von nichts. Denn ich weiß nicht, woher es kommt.

Ich will, dass es aufhört. Das weiß ich schon. Ich weiß auch, dass es ein so traumanaher Gedanke ist, dass es gute Chancen auf einen alltagstriggerscheiß Zustand gibt, der latent mit dem Alltag mitschwingt. Aber ich weiß auch: ich bin gerade nicht im Flashback. Ich bin real überreizt von all dem Alles in einer Zeit, in der ich sehr viel Nichts brauche. Doch sobald ich zur Ruhe komme, kriecht das Trauma wieder hoch.

Ph und: “das Trauma” wie das klingt. Viel zu weich, um diesen baumstammdicken Schmerzreiz, der mir senkrecht durch den Rumpf schießt, um in der Mitte angekommen, eine schrille Kaskade nach der anderen loszutreten, zu beschreiben.
Es ist ein Horrorloop. Einer, bei dem es nicht reicht bei der Telefonseelsorge anzurufen, oder der Therapeutin zu schreiben, oder mit dem Begleitermenschen zu sprechen.

Es ist eine Ecke von “nichts hilft”, der man nur wahrnehmend zunicken, aber keinesfalls um Halt ersuchen darf, weil man sie erkannt hat.
“Nichts hilft” ist das Medusenhaupt der Traumascheiße. Du darfst wissen, dass du das gerade fühlst und es dich gerade anschaut, aber du musst die Augen schließen und warten. Augen zu und durch_über_leben. Du weißt nicht, wie lange das dauert und wie schlimm es noch wird, aber irgendwann geht es nicht mehr darum, was hilft, sondern, dass es vorbei ist. Das traumatisierende Moment, genauso wie das Loophole aus PTBS-Symptomatik und dem Dauerlauf der Kompensation dessen. Irgendwann kommt es bei uns immer und es ist immer eine Frage von Zeit und Raum. Der Shutdown. Das Moment, in dem nichts mehr rein und nichts mehr rauskommt.

Es hat keinen Sinn dagegen anzukämpfen. Es vielmehr so, dass dieser Zustand etwas für uns erkämpft, in dem er uns zum Aufhören zwingt.
Also hören wir auf, mehr als die Basis zu wollen oder zu müssen.
Mehr von uns zu fordern, als weiter am Leben zu bleiben.

Themenwoche “Ableismus”

Seit NakNak*s Diagnose haben wir Themenwoche “Ableismus”.
Und weil wir gerade niemandem all das sagen können, was wir sagen wollen, schütten wir unsere Worte mal wieder hier hin.

Es begann damit, dass wir unsere eigene Behinderung und die damit einhergehenden Begrenzungen gespürt haben.
Das informierende, beratende Gespräch mit dem Tierarzt war wenig informativ und vielleicht zu holterdipolter nach der Diagnose, um beratend zu wirken. Er spricht kein glattes Deutsch und was meistens kein Problem ist, war diesmal, wo es mir um wirklich jeden Aspekt der Erkrankung des Hundes ging, ein Riesenproblem.

Ich konnte den Sinn seiner Worte nicht verstehen. Konnte mich nicht auf einer Ebene mit ihm bewegen und entsprechende Fragen stellen. Was ich aber wichtig finde, wenn es darum geht, was für NakNak* gut und wichtig ist. Sie ist scheiße nochmal so sehr davon abhängig, dass wir gute Entscheidungen für sie treffen. Es ist wichtig, dass wir alles verstehen. Und es klappte einfach nicht. Mein Verstehstress, tickte meine Ohnmachtsgefühle an, ein anderes Innen tauchte auf. Scheiterte. Wir kamen richtig in Stress und sind da ~irgendwie~ raus.
Super Leistung.
Nicht.

Wir wissen, dass in uns in solchen Momenten sehr alter Selbsthass wieder angeht, der teils erlernt und von außen nach innen genommen wurde, sich aber auch aus unserem Anspruch an unser Funktionieren ergibt. Und ich weiß, dass viel von unserem Selbsthass aus den ableistischen Demütigungen in  unserer Kindheit und Jugend kommt. Ich weiß, warum es in meinem Kopf 24/7 dauerschleift, dass ich gefälligst reden soll, wenn man mit mir redet. Dass ich nicht so behindert glotzen soll. Dass ich meinen blöden Arsch hochkriegen soll, um Dinge so zu tun, wie man es mir gesagt hat.
Und trotzdem.
Es ist etwas anderes in so einem Moment.

Da reicht es nicht zu wissen, dass das alles vorbei ist. Dass ich, dass wir Dinge können und bla bla bla – denn in diesem Moment ist da eine Behinderung und sie passiert genau da, wo ichwir und meinunsere Fähigkeiten enden. Und allein aus uns heraus kommen wir da auch nicht drüber.
Und so denken wir uns gerade die Zukunft mit NakNak*, die blind wird und uns immer und konsistent klar und auf sie passend eingestimmt braucht: Wir brauchen Hilfe dabei und niemand raffts.

Und wenn wir daran scheitern, dann sind wir die Person, die ihren Hund weggibt, weil sie nur eine funktionierende Maschine benutzen will.

Stichwort “funktionierende Maschine” – das ist die andere Seite
Seit wir das wissen, fragt uns jede_r die_r davon erfährt, ob man das operieren kann. Wegmachen kann. Aufhalten kann.
Und niemand redet mit uns darüber so, als hielte man es für notwendig, dass wir das machen, oder so, als würde man von uns erwarten, dass wir das machen lassen – sondern EINFACH NUR SO – was ich nicht verstehe.
Alle Menschen in unserem Leben wissen, dass wir uns das nicht leisten können und aus Gründen, die mit unserer Haltung zu Speziezismus zu tun haben, auch nicht wollen. Und trotzdem reden sie mit uns lieber über eine Operation, als darüber, wie (ob) wir uns fühlen, welche Ideen wir haben, was für (ob) Gedanken uns bewegen, was man sich als hilfreich für den Umgang vorstellen könnte.

Meistens weiß ich auch gar nicht, wie ich mich fühle. Denn ich hab Themenwoche Ableimus an NakNak* und daneben noch zig andere Baustellen, die teilweise ihr ganz eigenes Feature in ebenjene Themenwoche einfließen lassen.
Die Menschen sind alle zugewandt und wollen mit uns sein – aber es verletzt so sehr, wie sie es versuchen.

Ich, wir, versuchen NakNak*s Blindheit als etwas zu akzeptieren, das passiert. Als das “Risiko”, das wir eingegangen sind, als wir uns dafür entschieden haben, einen gemeinsamen Weg zu gehen. Nicht als etwas, “wogegen man angehen muss”, was “ja eigentlich nicht so schlimm” oder “eine traurige Sache ist”.
Denn genau diesen Scheiß haben wir mit unseren Behinderungen jeden scheiß verdammten Tag schon für und über uns und unsere Un_Fähigkeiten, x-mal am Tag auf dem Tableau.

Es ist nämlich genau das auch mit unserem Autismus. Weil es “bei uns ja nicht so schlimm ist”, sieht niemand unsere Kommunikationsprobleme und überfordert uns immer wieder. Weil “es ja so eine traurige Sache ist”, bietet man uns manchmal Hilfe an, wo wir gar keine brauchen oder bevorzugt uns schneller mal auf sozialen Ebenen. Weil “man ja dagegen angehen muss”, halten so viele Leute unseren überdurchschnittlichen Lern- und Arbeitszeitraum für legitim und nicht das Ergebnis von Bewusstsein über die Notwendigkeit mehr als andere Menschen kompensieren zu müssen.

Kompensation ist, was die Leute sehen, doch nicht begreifen. Sie sehen einen Rollstuhl und denken: “Ah behindert, weil kann wohl nicht (so gut/lange/weit..) laufen.” und eben nicht: “Ah kompensiert mit dem Rollstuhl die Behinderung, die dadurch entsteht, dass…” und das ist der Punkt.

NakNak* war und ist nachwievor etwas und jemand, die_r uns sowohl Kompensations/Hilfsmittel als auch Begleiter_in ist.
Sie ist nicht wichtig für uns, weil wir behindert sind.
Sie ist, wichtig für uns, weil der Großteil von uns nicht sprechen kann/will bzw. nicht spricht, um zu kommunizieren. Sie ist wichtig, weil sie uns damit geholfen hat eine Routine zu etablieren – und bis heute hilft, diese aufrecht zu erhalten. Sie ist wichtig, weil wir in ihr viele Anhaltspunkte für das eigene Stresslevel haben und ach vieles mehr. Manches haben wir Stefan auf dem Podstock erzählt und manches in dem Text über sie letztes Jahr.

Ihre gesamte Ausbildung basierte auf Sicht bzw. alle Signale/Befehle an sie sind (und manche: auch) Handzeichen.
Aus Gründen, die wir nicht einfach mal eben so umstricken können oder wo man einfach so sagen kann: “Ja ach das wird schon…”. Wir hatten uns dabei schon was gedacht und müssen auch heute noch sagen, dass sich keiner dieser Gründe erledigt hat.
Und nein – es ist auch nicht aufmunternd oder tröstlich oder hilfreich, wenn uns Leute schreiben, dass sie in einer ähnlichen Situation auch dachten, sie würden das nie schaffen, aber dann doch geschafft, weil… Das ist es schon deshalb nicht, weil sich sowas aus der Retrospektive immer leicht sagen lässt und Geschichten vom Nichtgeschaffthaben so gut wie nie erzählt/geteilt werden.

Gerade bei Haustieren ist Nichtgeschaffthaben so eine Sache. Ein Tier aus dem Tierheim zu holen ist Gold, wer vom Züchter abkauft, elitärer Scheißspießer, der einen Designerhund will, der dann doch im Tierheim landet, weil besonders so ne Leute doch alle Versager sind. Tierheimtiere brauchen Retter_innen blablabla Ein Herz für Tiere zeigt sich in bedingungsloser Aufopferung kotzbrechbla

Und in so einer Lage, wie meinunserer?
Wo wir uns sehr wohl auch reflektieren müssen, ob wir mit den Problemen, die NakNak* kriegen wird, langfristig wirklich die richtige Person sind, schmeißen wir sie damit weg oder was? Oder denken wir da nicht vielleicht irgendwie doch so verantwortungsbewusst, wie man das von Haustierhalter_innen erwartet?

In einem anderen Haushalt würde man sie vielleicht operieren können (finanziell) und würde sich mit der Entscheidung nicht herumquälen (weil man ihr Einverständnis dazu nicht einholen kann, aber das nicht problematisch findet). In einem anderen Haushalt würde das Leben vielleicht auch nicht auf die Richtung zugehen, wie bei uns mit Auswander- Berufseinstiegverselbstständigungs- und Familienplanungsüberlegungen – da hätte sie vielleicht noch Zeit sich umzugewöhnen, so lange sie noch sehen kann und ist dann bis zum Lebensende supergechillt und glücklich, weil sich nicht dauernd alles ändert?
In einem anderen Haushalt müsste sie nicht mehr arbeiten. Da wären vielleicht Leute, deren Schwierigkeiten im Alltag anders und nicht so kontinuierlich wie bei uns vorliegen?

Ich würde anders darüber nachdenken, wenn wir in den letzten Jahren mehr Fortschritte an den Stellen gemacht hätten, die NakNak* uns kompensieren hilft. Haben wir aber nicht. Auch aus Gründen. (Die völlig okay sind und andere gemachte Fortschritte deshalb nicht abwerten).

Ich weiß im Moment nicht, wie ableistisch mein Blick auf uns ist. Mache ich gerade zu viel von meinunseren Fähig- und Fertigkeiten abhängig? Unterschätze ich die Fähigkeiten, die NakNak* hat, selbst wenn sie blind ist? Entlang welcher Parameter kann man alternativ entscheiden bzw. auseinandersetzen?

Ich wünsche mir im Moment so sehr meine Anti-Ableismus Timeline in die direkte Nachbarschaft.
Wünsche mir lange Stunden mit Auseinandersetzung und Diskurs darüber, wo es langgehen kann, wenn man die ableistischen etablierten Pfade verlassen will.
Ich hätte gern, dass mich niemand trösten will, sondern auf das stößt, was ich gerade ausblende.
Kein Vermeidungstanz, sondern echte aufrichtige Mit-mir-zusammen-Auseinandersetzung.

Zum Einen um dahin zu kommen, einen Umgang zu finden – zum Anderen aber auch, um selbst in der Situation anzukommen.
Denn eigentlich – emotional – stehen wir (Rosenblätter) da noch in der Praxis und verstehen gar nichts außer: Wir haben keine Ahnung, was wir tun sollen und ob wir dem genug sein können.

Während andere Innens Schule, Alltag und Gedöns weitermachen als wär nichts gewesen und wir uns fragen müssen, ob da überhaupt irgendwas von dem Tierarzttermin angekommen ist.