Kategorie: Momente mit Glitzer drin

ein Igel, ein Hund, ein Tag im Sommer

Vielleicht ist es nur die Geschichte von einem Igel, der an einem Tag gleich zwei Mal vom gleichen Hund gefressen zu werden versucht wurde. Vielleicht ist es aber auch die Geschichte von einem Tag, dessen Besonderheit es war gleichzeitig weichweit und festdicht zu sein.

So ist es uns, wenn es Sommer ist und die Grenze zwischen uns und der Welt der kleine Lichthof ist, den die Sonnenstrahlen um unsere salzige Haut wirft. Da ist ein bisschen Wind und ein Flüstern in den Bäumen. Da fliegen Insekten und die Wiese riecht nach würzigem Heu.

Im Sommer sind alle da. Pflanzen, Tiere, Menschen, die vier Elemente.
Es ist, als müsste man niemanden mehr suchen. Es gibt kein Vermissen, wie im Winter. Keinen Abschied, den man sich so lang wie möglich wünscht, wie im Herbst. Auch das große Hallo, das man in der Brust klein dämpft, damit es die ersten zarten Blumen und Blätter nicht versehrt, bleibt aus.

Wir sind einfach da und passen fast nahtlos in die Welt hinein.
Dieses Gefühl entspannt uns. Macht uns weichweit wie die Mittagshitze, die man spürt, wenn man unter einem Baum auf einer Decke liegt und jemanden neben sich hat, die_r weder stört noch schmerzt.

So wie wir gestern mit J..
Nach einem Frühstück um 10 und einem Malzbier zum Mittag. Mit Gesprächsthemen von “Seebrücke statt Seehofer” zu “Was sind die Bedingungen zum Erhalt von Bafög?”.

Später arbeiteten wir unseren Kram ab, während sich die Mittagshitze draußen in einen schweren Mantel verwandelte. Und dann hörte ich Bubi draußen im Garten winseln. Bubi ist J.’s Hund. Ein schwarzer Spaddelkopp-Hund von drei Jahren mit Autoscooter-Schwanz und Drahtrauhhaar.

Als ich ihn fand, hielt er ein Bündel zwischen den Pfoten, in das zu beißen ihm Schmerzen bereitete. Was ihn aber nicht davon abhielt, es weiter zu versuchen. Auf den zweiten Blick sah ich, dass es ein Igel war. Angelüllert von blutigem Hundespeichel, festdicht geschützt von seiner Stachelverpackung.

Igel sind Parasitenschleudern. Das war ein erster Gedanke und man möge mir das bitte verzeihen. Zwei Jahre Pflegestellesein für Wildtiere und damit unzählige Floh-Milben-Würmer-Einzeller-Paraden, die durch meine Wohnung stampften, hinterlassen dann eben doch Spuren, die manchmal sogar die Möglichkeit einer tödlichen Gefahr für ein Lebewesen überstrahlen.

Wir brachten Bubi rein, begutachteten den kleinen schnell und flach atmenden Stachelball und legten ihn in einen Karton unterm Baum. Igel, die sich noch so fest einrollen können, haben zumindest kein akutes Problem mit Schwäche.
Wir ließen ihn allein und als wir später nochmal nachschauten, war er weg.

So schüttelten wir die Köpfe, J. und wir. Darüber was für ein Spaddelkopphund man sein muss, mehrfach von einem Igel abbeißen zu wollen, obwohl es offensichtlich weh tut.
Natur. So krass.

Das dachten wir auch, als wir später einen neuen Weg durch einen kleinen Wald gingen. Wir sahen Bäume, in deren vielen Astgabeln Spinnennetze wie Trampoline hingen und in der Sonne glitzerten. Horchten auf das Knistern des trockenen Laubs unter unseren Füßen. Genossen den kühlen Schatten des Wäldchens mitten im dörflichen Irgendwo.

Und am Abend, als wir schon satt und zufrieden über einem Gurkensalatrest saßen und wieder mitten in einem Gespräch waren, hörten wir Bubi bellen. Und dann winseln. Wieder im Garten.
Und ja, er hatte wieder einen, vielleicht und wie wir vermuten, auch wieder genau DEN Igel zwischen seinen Pfoten.

Diesmal blieben wir bei dem Igelschutzpanzerbällchen sitzen. Warteten auf seine Entfaltung und gaben ihm den Namen Hannes, der Dödel. Der ließ eine Weile auf sich warten, doch reckte schon bald seine spitze Lakritznase heraus und sah sich in dem Karton um.

mittelgroßer Igel im Pappkarton, neben im ist ein pinkes Handtuch zu erkennen, Perspektive ist vom oberen Kartonrand. Der Igel ist entrollt und schnuppert.

Wir sahen keine Verletzungen, nur jede Menge Moos, trockene Grashalme und Flechten.
So trugen wir ihn durch die dunkle Nachbarschaft in ein Gebüsch und ließen ihn als kleine feste Stachelkugel dort zurück.

Den Karton haben wir verbrannt. Igel sind Parasitenschleudern.
Die Hitze in der Feuerschale vor unseren Füßen, die Kühle der Nacht an unserem Rücken, J.’s Arm an unseren Schultern entlang, bildeten den Rahmen für das Ende dieses Sommerstages, der besser nicht hätte passieren können.

Leben. So krass.

Flügel spüren

Am Abend liege ich im Bett und denke, dass es sich nach Flügelspitzen anfühlt.

Vielleicht geht genau so „frei sein“, „eigene Entscheidungen treffen“, „eigene Ziele verfolgen“, „eigene Zukunftsideen wollen, wünschen, vertreten“, denke ich und finde, dass das schon ziemlich geil ist. Wir verbrachten den Tag im Zug nach und von Berlin und in Berlin selbst, denn Ironhack und Kleiderkreisel haben eine Scholarship-Aktion gestartet um mehr Frauen* in die Tech-Branche zu bringen.

Wir haben einen Schnellkurs in Javascript gestellt bekommen, um uns auf ein technisches Interview vorzubereiten, bei dem es auch ein 5 minütiges persönliches Interview gibt. Und dann wurden wir mit +150 anderen Bewerberinnen* zusammen eingeladen.

Wir konnten viele Aufgaben nicht lösen, aber das ist uns inzwischen fast egal – man braucht einfach mehr und vielleicht auch andere Hintergrundbildung und Lernmethoden als wir, um sich in 14 Tagen auf rein schriftlicher Basis (bzw in unserem Fall: einen Sololearnkurs, den man in der Straßenbahn auf dem Schulweg absolviert hat) sowas beizubringen. Hatte ich mir vorher schon gedacht und bin jetzt darin bestätigt.

Im persönlichen Interview kam dann die Angstfrage schlechthin: „Wo siehst du dich in der Zukunft?“

Es ist keine Angstfrage, weil wir Angst vor der Zukunft haben. Es ist eine, weil unsere Gegenwart so verwurschtelt und dezentral ist, dass die Antwort, die wir daraus ableiten eine ist, die von anderen Menschen oft als unrealistisch oder gesponnen eingeordnet wird.

Ich kann uns sehen, wie wir eine Arbeit in der IT~~irgendwas mit Medien~~technik-Branche haben, wie wir das Nachwachshaus umgesetzt haben und erhalten. Ich kann sehen, wie wir die Fotos machen, die wir machen wollen und die Dinge aufschreiben, die wir aufschreiben wollen. Alles in einem Leben, das näher an dem Heutejetzt ist, als das Früherdamals.

Wir werden es nie schaffen uns nach Außen zu verengen. Dafür sind wir einfach zu viele und unsere innere Bauweise so tiefgreifend darauf aufgebaut, dass wir uns von Kontext zu Kontext einengen, um durchzukommen.

Vielleicht ist das aber entgegen der Ratschläge, die wir so bekommen, wenn es um unsere nächsten Jahre geht, auch gar nicht schlimm. Vielleicht sind wir einfach eine „multipotentialite person„, die von allem ein bisschen und nichts ganz und gar macht. Das ist nicht Schlechtes – es ist nur nicht das, was verlangt wird.

Als der technische Teil des Termins vorbei ist, fragen wir andere Personen, wie es bei ihnen gelaufen ist. Bei manchen lief es wie bei uns, bei manchen sehr viel besser.
Was das für die Vergabe der Gelder bedeutet, weiß niemand von uns. Bei über 400 Bewerberinnen* kann es am Ende vielleicht nur darum gehen, wer am schnellsten genau so lernt, wie vorgegeben, um später auch von dem Bootcamp zu profitieren.

Es ist der Charakter des Zusätzlichen an der ganzen Sache, der mich entspannt und glücklich macht, obwohl es nicht so fehlerlos gelaufen ist, wie ich gehofft hatte.
Wir mussten nicht die Beste sein, nichts außer eine Chance auf eine Chance stand auf dem Spiel und am Ende haben wir so oder so gewonnen. Mit zwei Frauen* wollen wir in Kontakt bleiben – was ein Grad an Socialising ist, den wir bisher nur auf Tagungen zu Gewalt und Trauma erreicht haben.

Wir haben dank NachwachshausAG-Mitpersonenbegleitung einen Nachmittag in Berlins S- und U-Bahnen überstanden und als wir zu Hause ankamen, haben wir noch das Konzept für ein Redesign geschrieben, das heute eine Deadline hat.
Mit Schulschluss heute, werden wir zerschossen und k.o. sein, aber wir haben gemacht, was wir wirklich und genau so wollten, einfach, weil wir das für uns allein wollten und konnten. Weil wir so frei und gleichzeitig auch so unterstützt sind, dass das geht.

Dieses Gefühl habe ich so noch bewusst nicht gelebt und das ist be.merk_würdig.
Ich denke mir zwei kleine Federn, die mir aus der Haut gewachsen sind und vielleicht für länger bleiben.

“Ausbildung inklusive”, Episode 10: “Halbzeit” oder “Warum Punktekonten problematisch sind”

“… die Anpassung des einen, kann das beHindernis, des anderen sein…”

Ein Gedanke, der mir kam, als ich am Tag der Zeugnisausgabe nach Hause ging.
Am Tag vorher hatte ich von meiner Note in Wirtschaftskunde erfahren. Auf dem Schulflur. Zwischen Tür und Angel, denn Wirtschaft in eines der Fächer, das wir uns überwiegend allein zu Hause erarbeiten.

Ich habe eine schlechtere Note als meine schriftlichen Tests vermuten ließen bekommen, weil ich nicht alle Wahlpflichtaufgaben des Punktekontos erfüllt hatte. Pudels Kern: Die Wahlpflichtaufgaben sind ohne beständige Präsenz  im Unterricht und mit einer Problematik in der sozialen Interaktion und Kommunikation nicht erbringbar.
Das nennt der Volksmund “Arschkarte”, ich sage, dass es eine unfaire Benotung ist.

Punktekonten sind der moderne heiße Scheiß.
Und für manche Schüler_innen super. Wenn sie zufällig Freund_innen in der Klasse haben, immer pünktlich, immer präsent und zufällig die Lerntypen sind, die mit Mind Maps, Vokabelkarten und anderen gut überprüfbaren Mitteln arbeiten können.

Für manche Lehrer_innen sind sie vermutlich auch super. Soweit ich das aus meiner Schüler_innenperspektive sehe, hat man damit ein strukturiertes, klares Mittel der Leistungserhebung, das davon befreit Schüler_innen individuell und/oder vielleicht sogar von Sympathie beeinflusst, zu benoten. Man kann sein Ding durchziehen. Muss nicht weiter überlegen. Behandelt alle Leistungen gleich.

Jedes Punktekonto ist ein Standard, eine Norm.
Jede Leistung, jeder Punkt, der in einem Halbjahr nicht erbracht wird (werden kann) frisst an der Endnote.
Motivation, Engagement, Eigeninitiative, Kreativität bei der Auseinandersetzung mit den Unterrichtsinhalten werden damit nicht gefördert – viel mehr werden sie für das Konto ab_geleistet.

So ergab ein Gespräch mit meinen Klassenkamerad_innen, dass niemand von uns Vokabelkarten für den Englischunterricht, in dem wir ebenfalls ein Punktekonto haben, verwendet, jedoch fast alle welche haben, um die Punkte aus dem Wahlpflichtbereich zu bekommen.
Was genau ist an der Stelle die Leistung? Die pünktliche Abgabe einer zu erbringenden Leistung ohne persönlichen Nutzen, oder die Englischvokabeln, die im späteren Leben zu persönlichem Nutzen verhelfen sollen?

Aus meiner Sicht sind Punktekonten auch schon deshalb problematisch, weil sie Tür und Tor für lerntoxische und übergriffige Akte im Miteinander von Schüler_innen und Lehrer_innen öffnen.

Ich finde es zum Beispiel grauenhaft, wenn Lehrer_innen meine Mappen einsammeln, um ihre Führung zu benoten – oder “für das Punktekonto zu bewerten”.
Denn meine Mappen sind mein Lern- und Arbeitswerkzeug. Da ist meine Ordnung wichtig. Ich muss damit arbeiten können – und auch damit arbeiten wollen. Das Wissen um die Durchsicht für Punkte und damit auch für Noten hemmt mich.

Tatsächlich entwickelt sich bei mir schnell eine Parallelwelt in der Mappenführung, weil ich 90% der Arbeitsblätter barrierefrei für mich umgestalten muss. Das heißt: die hübschen Kopien aus dem Lehrerzimmer, landen in der hübschen chronologischen Mappe, mit Deckblatt und Punktekonto und Inhaltsverzeichnis zu den durchnummerierten Seiten
– die Dinge, die dafür sorgen, dass ich verstehe, worum es geht, de zeige ich niemals irgendjemandem.

Meine Lernmittel, sind Notizen, Kringel, Schleifen, für Außenstehende vielleicht wirre Skizzen, diverse Webseiten und YouTube-Videos, in denen mir der Stoff wieder und wieder in Dutzenden Variationen erklärt wird, bis ich durch die Wiederholungen das konkrete Muster finde und mit den Unterrichtsmaterialien und den Worten der Lehrer_innen in Verbindung bringen kann.

Heißt: die Auseinandersetzung mit den Inhalten ist meine Art zu lernen. Das ist langwierig und manchmal ist es auch gar nicht sichtbar, weil ich die Inhalte in mir bewege und innerlich mit der Umgebung abgleiche.
Mein Weg um Dinge zu begreifen, führt nicht darüber, dass ich mit anderen darüber spreche oder Vokabeln lerne.
Ich lerne über Mustererkennung und brauche dafür eine Umgebung ohne Ablenkung und mit relativer Ruhe, in der ich mir ohne Probleme oder Sorge um mögliche Unterbrechung, ein Video nach dem anderen, einen Text nach dem anderen, über ein und dasselbe Thema reinziehen kann.

Ich lerne dabei nichts auswendig. Ich sammle die Wörter, behalte die, die am häufigsten genannt werden und mit jedem weiteren Text wird mir ihre Position – ihr Kontext klarer. Diese Kontexte brauche ich nach einer Weile immer weniger angestrengt suchen. Und irgendwann – meistens in der Phase vor einem Test, bin ich dann soweit, dass ich sogar im Unterricht anwesend sein kann, ohne mich daran zu verausgaben zu suchen, was die_r Lehrer_in erzählt, fordert, beschreibt.

Diesen Teil meiner Lernarbeit zu verstecken, gehört zu meinem Leben seit immer.
Denn: die meisten Menschen können das so nicht nachvollziehen.

Die verschiedenen Lerntypen sind über die Sinnes- und Interaktionskanäle definiert.
Es wird zwischen “auditiven” und “visuellen”, aber auch “motorischen” und “kommunikativen” Lerntypen unterschieden.
In diesem Modell fehlt sowohl die Annahme von Menschen, die nicht nur “visuell ein bisschen und motorisch etwas mehr”-Typen sind, sondern auch die Menschen, deren Sinnes- und Interaktionskanäle ganz anders funktionieren und miteinander zusammen (oder entgegen) arbeiten.

Lernen, das ist bedeutet ja nicht nur, Informationen aufzunehmen und abzurufen.
Lernen bedeutet auch die Beschaffenheit von Informationen zu erkennen, einzuordnen, flexibel einbringen/anwenden zu können und passend zur Fragestellung abrufen zu können.
Das erfordert neurologische Prozesse, die bei neurotypischen Menschen bereits prima erforscht sind und ergo zu solchen Lerntyp-Einordnungen führen.

Wie man meinen Lerntyp nennt, weiß ich nicht.
Ich kenne keine anderen Menschen, die sich mit Inhalten ganz genauso auseinandersetzen müssen, um sie zu erfassen und in die Lage zu kommen irgendwas damit anfangen zu können.

Ich kann anderen Menschen oft nicht gut klar machen, wie flach mir das vorkommt, was ich als neue Information erhalte.
So seltsam flach, dass ich es meistens als fast körperlich unangenehm empfinde und dann logischerweise verändern will.
Ich bin keine besonders wissbegierige Person. Bin kein “Streber” oder außerordentlich neugierig. Das, was heute mein großer Wortschatz ist, mein, im Kontext zu meinem Leben, meiner Klasse und der Nichtbildung in den letzten Jahren, erstaunlich breites Allgemeinwissen, ist das Ergebnis von dem angenehmen Gefühl eine unangenehm flache Information zu etwas werden zu lassen, das sich bewegen, be_greifen, anwenden lässt.

Da geht es nicht darum, dass ich mich dann schlauer fühle und deshalb gut oder überlegen.
Ich fühle mich einfach weniger gestört, unangenehm berührt … dumm … manchmal auch: gequält von etwas, das mir zuweilen sogar Angst macht, weil es so gar keine Tiefe oder Bezüge zu irgendetwas hat, aber DA ist und sich immer wieder bemerkbar macht.

Herrje – was für ein Abschwiff.
Zurück zur schlechteren Note.

Ich akzeptiere die Note so nicht und werde auch im nächsten Schuljahr den Wahlpflichtleistungsteil des Punktekontos in dem Fach nicht so akzeptieren. Die Lehrerin hatte mir keine alternativen Möglichkeiten zur Verfügung gestellt, so dass ich gar keine weiteren Punkte “machen” konnte, als die, die ich erbracht habe.
Die alternativen Möglichkeiten stehen mir als Nachteilsausgleich zu.

notsofunfact: der ist offiziell noch immer nicht für uns beantragt.
Warum? Wir haben das an die Schule bzw. die Menschen, die uns da unterstützen wollen, abgegeben.

Inzwischen ist die Hälfte der Ausbildungszeit um.
Wir haben nachwievor keine Unterstützung beim Schulweg, bringen die Kosten zur Anpassung des Materials selbst auf, unsere Betreuerin sammelt noch immer Absagen von Behörden, wenn es um die Kostenübernahme der Materialgebühren der Schule geht.

Anfang des Monats kam ein Brief von der Stadt wegen des Antrags auf eine I-Kraft, in dem nach dem “Hilfebedarf des Kindes” gefragt wurde.
Das war der Moment, in dem ich dem Direktor und der Klassenlehrerin sagte, dass ich mich manchmal selbst verletze, um handlungsfähig zu bleiben und gleichzeitig der Moment, in dem wir merkten: seit dem Jahr 2000 hat sich für mich (und damit für uns alle) in Bezug auf das “in einem Schulbetrieb sein und lernen” nichts verändert, außer dem Ausmaß der Scham, das mit so einem “Geständnis” einhergeht.

Und das Alter des Körpers, den wir uns teilen.
Und dem Bewusstsein darum, dass dieses So-sein “Autismus” heißt.
(Also vielleicht doch etwas?)

Wir sind trotzdem nicht unglücklich mit der Ausbildung an sich oder denken, dass wir das gar nicht schaffen.

Wir sind manchmal einfach nur sehr sehr müde.
Müde, frustriert und der Alleinsamkeit mit manchen Dingen so bewusst, dass es eben doch sehr weh tut.

 

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(die ersten Episoden „Ausbildung inklusive“, haben noch keinen Platz, sind aber bald wieder online)

technische Quirks #3

Jetzt seid ihr dran.
Mit unserem Umzug ins „alleine machen“, steht für euch die Frage an, ob ihr weiterhin unsere neuen Texte ins Mailpostfach bzw. den RSS-Feedcatcher geliefert haben wollt.

Auf einblogvonvielen.org findet ihr in der Seitenleiste wie gewohnt einen „Abonnieren“-Button.
Damit werdet ihr Follower auf der neuen Plattform und erhaltet wie gewohnt unsere Texte.

Hintergrund:

Ein Server ist ein sehr leistungsstarker Computer.
Ab jetzt laden wir unsere Texte auf einen anderen Server als bisher.

Das bedeutet: der Server, der euch jetzt die Seite „Ein Blog von Vielen“ anzeigt, ist ein anderer als vorher.

Ab heute laden wir keine Beiträge mehr auf den alten Server.
Wir freuen uns, wenn alle von euch ein neues E-Mailabonnement abschließen.

er_wachsen

Birke-Zeitenmosaik fragen unter dem letzten Beitrag, ob ein Blog erwachsen werden kann und wie wir das überhaupt definieren.
Erwachsen werden – kindlich sein.
Ich werde darüber jetzt nichts Konkretes schreiben.
Aber – ich werde etwas aufschreiben, das damit zu tun hat.

Das Blog von Vielen wird in diesem Jahr 10 Jahre alt.
Es ist das Projekt, das wir von Anfang alleine und allein verantwortlich immer immer weiter gemacht haben, egal ob uns Leute in die Kommentare geschissen haben, oder uns im analogen Miteinander darüber gedemütigt haben, dass wir es überhaupt machen und weiterführen.

Angefangen hatten wir bei Blogger – einer Plattform mit einem damals noch total unübersichtlichem Backend und einer für uns völlig fernen Community. Dann sind wir zu WordPress und alles wurde toll. Es kamen Leser_innen, wir hatten erste Lektionen in Webdesign und Usability.
Es entstand der Raum, den wir bis heute sehr schätzen, weil er uns die Möglichkeit gibt uns auszudrücken und getragen von Wörtern zu entfalten.

In den letzten 10 Jahren haben wir uns entwickelt. Nie trotz, sondern immer wegen dieses Raums und mit dem Projekt.
Was als Aufklärungsseite begann, die niemand brauchte, wurde zu der Dokumentation unseres Er_Lebens, die wir für unsere Weiterentwicklung brauchen, ohne uns darüber so klar zu sein, wie heute.

Das Blog von Vielen ist nicht nur das, was ihr Leser_innen hier in eurem Mailpostfach oder auf der Webseite findet.
Es ist auch die Auseinandersetzung mit juristischen Zwängen. Die Auseinandersetzung mit den großen und kleinen netzpolitischen Fragen.
Bloggen das ist auch Handwerk. Schreibhandwerk.
Das ist Ausdruck und Verantwortung für die Eindrücke, die man verursacht.
Bloggen ist Community. Verbundenheit über Worte und ihre Inhalte.
Bloggen ist sichtbares Denken, dokumentierte Auseinandersetzung.

Bloggen ist die Freiheit, die es in diesen unseren Zeiten gibt, um Presse- und Meinungsfreiheit und das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit zu leben. Jeder Text, den wir schreiben und hier veröffentlichen, ist von uns gelebte Freiheitspraxis.

Erwachsen sein, bedeutet für uns die umfängliche Fähig- und Fertigkeit zur Verantwortungsübernahme.
In Bezug aufs Bloggen bedeutet das für uns, die Seite allein zu hosten, dafür zu bezahlen, das Geld dafür kontinuierlich zu erwirtschaften.
Es bedeutet sich dem Umstand zu stellen, haftbar gemacht werden zu können, wenn man strafbare Dinge tut oder Schäden (mit)verursacht.
Es bedeutet Sichtbarkeit für unsere Unterstützer_innen, die für sie vielleicht nicht ungefährlich oder generell unproblematisch ist.

Ein Blog bei WordPress.com zu hosten ist einfach. Flüchtig.
Ein zwei Klicks und alles ist weg. Man kann die Seite laufen lassen, ohne Impressum und Datenschutzhinweise bereitzustellen oder andere Verpflichtungen, die an Webseitenbetreiber_innen gestellt werden, zu erfüllen. Es ist ein gutes Tool für den Einstieg, aber sich ganz und gar verantwortlich für die Inhalte und Dinge auf der Seite zu zeigen, ist etwas anderes.

Kindlich sein, bedeutet für uns, viele, wenn nicht alle Dinge im Leben für gegeben zu nehmen und auch so nutzen zu können, da es am Ende andere Instanzen sind, die dafür sorgen, dass es von diesen Dingen immer genug gibt und aus oder mit ihnen neue Dinge erschaffen werden können.

Punkt an dieser Art des Bloggens: andere profitieren davon.
Kostenlose Blogs sind nicht kostenlos. Man bezahlt mit Daten, mit Traffic, man verbreitet Werbung und Cookies, ob man will oder nicht – und kann sich in allerletzter Instanz doch nicht darauf verlassen, von ebenjener Firma in Urheberrechten oder kreativer Freiheit unterstützt zu werden. Von der Ebene der Monetarisierung einmal ganz abgesehen.

In dieser unseren Einordnung von “kindlichen oder erwachsenen Blogs”,  geht also nicht um Inhalte, es geht um das Maß an Verantwortungsübernahme, juristischer und technischer Kompetenz, die damit jeweils einhergehen.

In den letzten 10 Jahren haben wir immer wieder Fragen dazu bekommen, wie man das macht, dieses Bloggen, und ob wir vielleicht helfen können.
Wir konnten und können und helfen gern. Wir empfehlen auch immer wieder mit so einem kostenlosen Blog anzufangen, um sich auszuprobieren. Festzustellen: ist das Wort überhaupt mein Medium? Ist “online” überhaupt da, wo ich meine Dinge haben will? Gibt mir das Bloggen, das, was ich möchte, suche, will, brauche?

Oft genug wollen Menschen vom Bloggen auch nur haben, was sie glauben, dass Blogger_innen es haben.
Reichweite, Macht, permanentes Lob und nie enden wollende Anerkennung für das, was auf der Seite zu sehen ist. Bei kommerziellen Blogs geht es dann manchmal auch noch um Geld und damit einhergehenden sozialen Status.

Tatsächlich bedeutet Bloggen für uns auch: mitten in der Nacht das WordPress.com-Supportforum durchlesen (auf deutsch und auf englisch), weil irgendeine Rechtevergabe, irgendeine Einstellung, irgendein Plugin, irgendeine Vertragsklausel zu klären ist – weil tagsüber keine Zeit dafür ist.

Es bedeutet auch Stimmen von Kommentatoren im Kopf mit sich umherzutragen, weil ihre Worte so tief treffen, bewegen, verletzen – ohne die Gefühle und Gedanken dazu durch das Ventil der Wahl, nämlich das Blog, zu veräußern.
Es bedeutet in unserem Fall auch keine klinische Hilfe zu bekommen, weil es weder sachliches Verständnis noch generelle Bereitschaft zur Anerkennung individueller und zeitgemäßer Auseinandersetzung mit dem eigenen Er_leben gibt, sondern Vorurteile und die Art der Projektion, die typisch für Konsument_innen (von Webseiten) ist.

Bloggen bedeutet sehr oft eine Art von Sichtbarkeit, bei der man selbst nicht gesehen wird.
Und damit umzugehen gehört zum Blogger_innenhandwerk.

Für uns ist diese Form der Unsichtbarkeit Lebensthema.
Wir sind viele – andere Menschen sehen aber immer eine Person.
Wir sind und werden behindert – andere Menschen sehen eine Person, die sie nicht mit diesen Begriffen in Verbindung bringen können.
Wir haben Gewalt überlebt, die uns tiefgreifend verletzt zurück gelassen hat – andere Menschen sehen eine Person, die “nicht danach aussieht”.

Das Blog von Vielen hilft uns seit 10 Jahren damit umzugehen, ohne uns selbst zu verlieren.
Mit keinem anderen Projekt, das wir in den letzten Jahren angefangen haben, fühlen wir uns so kongruent zum “analogen”, bei gleichzeitiger Be- und Ermächtigung uns selbst zu finden, zu sehen und zu verstehen – völlig unabhängig davon, was oder wie andere Menschen uns lesen oder verstehen.

Unsere Texte und Bilder dokumentieren seit 2008 unseren Heilungs- und Lebensweg aus unserer Perspektive.
Das ist eine Verantwortungsübernahme, die wir lange gar nicht so wahrgenommen haben, sondern in Klinikbriefen oder Gutachten suchten.
Aber wer wenn nicht wir sollte unseren Weg aufschreiben? – das ist so ein banaler Gedanke und doch haben wir ihn lange weder gehabt, noch gelebt.

Erwachsen sein, das ist aber auch genau das. Die eigenen Dinge selbst machen und selbst verwalten. Selbst schützen, selbst verantworten, selbst möglich machen.So weit wie es geht.
Das ist nicht besser oder schlechter, als wenn sich dabei helfen lässt, oder Dienste in Anspruch nimmt, die diese Dinge für eine_n erledigen.
Für uns ist es nur unabhängiger und in der Konsequenz das, was Erwachsene von Kindern unterscheidet: Unabhängigkeit, Selbstermächtigung und die Fähig- und Fertigkeiten, genau das kontinuierlich und verantwortungsbewusst auch zu leisten.

Natürlich ist das eine ableistische und problematische Einteilung. Natürlich zeigt es unsere internalisierten Werte, überhaupt so einzuteilen.
Wir haben aber noch nie außerhalb dieser Ordnungen gelebt und sind, wie schon oft erwähnt in diesem Blog, selbst noch auf dem Weg neue, eigene Werte zu entwickeln.

Für uns ist nichts von dem, was man hier sehen kann in irgendeiner Form selbstverständlich.
Dass wir leben, dass wir unsere Gedanken und Ideen wahrnehmen und äußern, dass wir hier einen Text schreiben und der über das Internet von vielen Leuten gelesen werden kann (die das auch noch aus eigener Motivation heraus wollen!) … dass wir einen Internetanschluss haben, der das ermöglicht, dass wir die Technik besitzen, die das ermöglicht … dass wir das Geld haben und erwirtschaften können, dass das eine Weile so bleibt… dass uns Menschen unterstützen, Projekte, wie das Podcast oder das Nachwachshaus weiterzumachen …  dass wir nachwievor die Kraft aufbringen, uns darum zu kümmern, dass uns dieses Projekt nicht entgleitet, fremd oder mit unangenehmen Gefühlen belegt wird …

das ist alles sowas von nicht selbstverständlich und nicht zuletzt das Ergebnis von 10 Jahren Arbeit, die wir selbst nachwievor nur schwer als solche anerkennen können.

Das Blog von Vielen ist der Grundbaustein für alles, was wir in den letzten Jahren dazugewonnen haben.
Es ist zu kostbar geworden, um es aus der Hand zu geben.
Wir sind zu erwachsen, zu selbst_bewusst und auch selbst_sicher geworden, um es einer fremden Instanz in Obhut zu lassen.

Dieses Blog ist nicht unser Leben.
Es ist aus einer Zeit er_wachsen, in der wir uns jeden Tag neu entscheiden mussten, ob wir weiter leben wollen oder nicht.
Das ist, was wir als gegeben nehmen und was wir als Basis für alles, was noch kommt, behalten wollen.

Ab jetzt in Eigenregie.

Unterstützerhunde – Assistenzhunde

(Achtung: das ist ein 360° Video. Das heißt, man kann mit dem Mauscoursor auf der Videofläche, das Bild hin- und herziehen und dann alles wie in einem Raum ansehen. Es passieren viele Eindrücke gleichzeitig. Man kann aber auch nur Jessica angucken. Dann ist es fast wie üblich, außer einer leichten Bildkrümmung.)

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Ich freu mich über den Unterschied, den Jessica in dem Video zwischen Hunden macht, die ihre Menschen unterstützen und denen, die aktiv und zuverlässig, die Dinge tun, die von ihnen erwartet werden – und dadurch unterstützen.

Das freut mich, weil ich heut genau sowas in der Schule erlebt hab.

NakNak* ist immer bei mir in der Schule.
Am Anfang der Stunde hab ich sie auf dem Schoß. Meistens bin ich noch ein bisschen verwirbelt von der Pause oder dem Schulweg. Ihr Gewicht auf den Beinen hilft mir, mich darin zu versichern, dass es meine Beine sind und, dass sie wirklich da sind. Also: dass ich wirklich da bin und, dass ich da bin, wo ich sein soll. In der Schule.
Das unterstützt mich.

Wenn ich mich gut fühle (oder mir die Beine eigeschlafen sind, weil ich zu dick bin für die Stühle in der Schule), sag ich NakNak*, sie soll sich unter den Tisch legen. Das verlange ich von ihr und sie macht das. Ich kann mich drauf verlassen, dass sie nicht einfach aufsteht und zu Leuten läuft und Quatsch macht.
Das ist das Ergebnis ihrer Arbeit.

Heute war ein Lehrer von uns krank und wir waren mit den Mitschülern und Mitschülerinnen alleine. Wir hatten eine schwierige Aufgabe auf. Das hat mich so verwirbelt, dass mir NakNak* eher weh getan hat. Das heißt ich konnte sie nicht auf dem Schoß ertragen.
Mir hilft, wenn die eine andere von innen dann Dinge einfach macht und rumrennt und so. Sie ist also rumgelaufen und hat mit zwei von den Mitschülern und Mitschülerinnen zusammen gearbeitet.
NakNak* war immer an dem Platz, wo der Rechner stand, mit dem wir arbeiten. Ich hab gemerkt, dass mich das beruhigt hat. Ich hatte irgendwie Angst, dass der Raum zerfällt oder ich zerfalle. Aber NakNak* hat den Ort, wo sie war, sehr fest gemacht. Wie eine Insel, wo mein fester Platz ist und nichts Unberechenbares mich erreicht.

Ich war da wiedermal sehr dankbar, dass wir sie im Leben haben und auch in der Schule dabei haben dürfen.
Und ich bin jetzt grad sehr stolz darauf, dass wir und sie so gut arbeiten, dass wir uns auf sie verlassen können. Auch wenn Dinge passieren, die mich sehr verwirbeln und ich nicht mehr so viel mit ihr arbeiten kann, sondern brauche, dass sie viel arbeitet, damit es gut klappt.

Fundstücke #56

Sie sagt, wenn du magst, kannst du anrufen und mit mir reden. Ich mag das. Sie ist die einzige Person mit der ich rede. Die anderen haben Leben und Leute zum reden. Ich hab sie.

Ich rede von den Gefühlen der anderen, die das gemeinsame Innen so sehr füllen, dass es mich an das Früher drängt, wo es keine Wörter zum Reden gibt. Sie fragt, wie das für mich ist. Ich antworte, be_drückend.

Sind die anderen auch bedrückt, fragt sie und ich sage nein. Sie stehen unter Druck. Das ist alles.

Was könnte helfen fragt sie. Ich sage, schlafen. Ruhe. Pause. Langweile. 1-2-1-2-1-2-Tage. Abstand. Und Wörterwurzeln.

Wörterwurzeln?, fragt sie.

Ja, Wörterwurzeln, antworte ich. Zum Halt er_leben.

… und raus bist du

Das Gefühl der Ausgrenzung kennen wohl alle Menschen.
Das setze ich an den Anfang des Textes, um zu zeigen: Ich weiß das. Und um anzuzeigen, dass es entsprechend keinen Grund gibt, mir zu sagen, dass meine Gefühle und Gedanken allein deshalb schon nichts besonderes sind.
Wie gesagt: Ich weiß das. Es ändert meine Gefühle und meine Not an ihnen nicht und ich schreibe sie hier auch nicht auf, weil ich denke, dass sie besonders sind.

Wieder einmal schreibe ich etwas dazu auf, gerade weil ich weiß, dass es normal ist, ausgegrenzt zu werden, weil man ist, wie man ist.
Besonders, wenn man anders ist.

Sprung.

In dieser Woche habe ich vielleicht einfach nur ein paar Enttäuschungen zu viel gehabt. Wer weiß. Vielleicht bin ich auch nur müde. Vielleicht steht der Mond ungünstig. Vielleicht hab ich nur noch nicht genug geweint und bin deshalb noch nicht an dem Punkt, an dem ich loslassen kann, um mich Wichtigerem zu widmen.
Vielleicht ist es aber auch einfach Teil meiner Strickweise, dass ich lange brauche um Dinge zu prozessieren, zu verstehen, zu begreifen – sie mir auseinanderzunehmen und als neu hinzugekommene Erfahrungen in mich und mein Bild von der Welt einzubauen. Was weiß ich.

Sprung.

Ich bin frustriert über meine Leistungen in diesem 3 Schulhalbjahr. Nicht, weil sie schlecht sind. Ich bekomme nachwievor selten eine 1, üblicherweise eine 2, wenn ich denke, ich habs ganz verkackt, reicht es noch für eine 3. Ich habe keinen Grund zu glauben versetzungsgefährdet zu sein oder die Ausbildung nicht zu schaffen, weil meine Leistungen nicht ausreichen.

Unzufrieden bin ich damit, dass ich – im Gegensatz zu meinen Lehrer_innen – weiß, dass ich nicht besser werde, wenn mich nur noch mehr motiviere, noch mehr lerne, noch mehr reinhänge, mich mehr öffne oder locker mache.
Ich weiß, dass es in vielen Dingen nur noch um dieses eine kleine µ der zwischenmenschlichen Kommunikation und Interaktion geht.

Und während ich das weiß und wieder einmal 3/4 meiner Alltagskraft in die Kompensation dessen stecke – merke ich: Sie sehen das nicht. Sie merken das nicht. Sie halten mich für perfektionistisch. Denken, ich sei nur mit Note 1 zufrieden. Ordnen mich als generell schwer zufriedenzustellen ein. Und eben nicht als autistisch und damit behindert im Bereich der zwischenmenschlichen Kommunikation und Interaktion.

Sie merken nicht, wie sie mich damit damit jedes Mal neu rauswählen.

Sprung.

Es bleiben mir noch zwei Stellen für eine Bewerbung um ein Berufspraktikum.
52 Stück habe ich seit September letzten Jahres weggeschickt.
Schriftliche Absagen: 11 Stille Absagen: 40 Wartend auf: 1
Niemand schreibt, dass meine Behinderung oder der strukturelle Aufwand, der nötig ist, mich als Praktikantin anzunehmen der Grund dafür ist.
Aber ich weiß, warum wir vor der Ausbildung jetzt mehr als 10 Jahre weder Arbeit noch Ausbildung hatten.

Ich habe nicht viele Informationen. Verstehe zu wenig von der wirtschaftlichen Lage und der Welt, in der Menschen leben, die so arbeiten, dass sie andere Menschen bei sich mitarbeiten lassen können, als dass ich mir selbst gut zureden kann, all die Nichtaussichten für mich wären in Faktor X oder Y – aber auf keinen Fall in mir und meinem So-Sein begründet.

Ich will das alles nicht persönlich nehmen. Doch wie soll ich es denn nehmen? Was soll ich denn denken, machen, glauben, wünschen?
Zufall? Bestimmung? Pech? Jede Niederlage ein Sieg für die Selbsterkenntnis?
Wie lange muss man so eine Situation ertragen, damit es vor anderen Menschen legitimiert ist, sie nie wieder aufzusuchen?

Sprung.

Ich habe erfahren, dass es den Studiengang “Medieninformatik” gibt. Das klingt gut für mich. Nach einer Richtung, die mir ein Tool in die Hand gibt, danach Dinge zu realisieren, die es ermöglichen Informationen auf vielleicht sogar ganz neuartige Art zu übermitteln.
Sehr motivierend so eine Aussicht. Gerade jetzt, wo ich mit den Mitteln, die ich zur Kommunikation nutzen kann, immer wieder scheitere.

Dann war ich gestern beim Tag der offenen Tür des “bib” in Bielefeld. Das bib ist ein privater Bildungsdienstleister, von dem diverse Studien und Ausbildungsgänge angeboten werden. Unter anderem auch Medieninformatik.

Weil ich nicht wusste, dass es ein Privatunternehmen ist, bin ich hin, wie ich bin.
Hätte ich es gewusst, hätte ich mich unter unbequemerer Kleidung und Make up versteckt und hätte die vielen kleinen Demütigungen, die so ein Umfeld für Menschen wie mich bereithält, an mir abprallen lassen können.
So stand ich dann da mit meiner C&A-Jeans und den Resten der Stresspickel, die mir die letzten zwei Schulwochen beschert hatten und versuchte mich mit meinen Wortgewändern und einer Lächelgrimasse anzupassen.

Menschen, die nicht am Existenzminimum leben, wissen meistens nicht, dass sie das tun. Sie glauben oft, dass sie “ja auch kämpfen müssen” und halten das für vergleichbar mit der Lebensrealität von Menschen wie mir. Sie haben häufig keine Rezeptoren für den Schmerz, den sie anderen zufügen, in dem sie die gleichen Sorglosigkeiten und Relevanzbewertungen, wie bei sich selbst, für gegeben annehmen.

Sprung.

Manchmal ist es für mich demütigender, wenn mir Menschen sagen, dass ich mich doch nur locker manchen müsse, weil doch eh alles immer irgendwie läuft, als wenn sie mir direkt sagen, dass ich einfach einer dieser Menschen bin, für den man in dieser Gesellschaft keine Ver_Wert_ung findet.

Ich dachte lange, mein Wunsch doch bitte gleich offen als wertloses Stück Scheiße benannt zu werden, hätte seine Wurzeln allein darin, dass ich mich nach langer Zeit des Gewalterfahrens selbst so sehe.
Heute weiß ich, dass ich in manchen Lebensbereichen noch immer so behandelt werde und es die permanente Anstrengung zur Dechiffrierung dessen in eine klare Aussage ist, die in mir diesen Wunsch logischerweise auslöst.

Es geht also nicht darum, dass ich das gerne hören möchte, um mich in meinem Selbstbild zu bestätigen, sondern darum, dass ich mir wünsche, die Menschen in meiner Umgebung hörten endlich auf, mir ihr Bild von mir nicht offen zu zeigen und/oder auch vor sich zu verschleiern.

Sprung.

Auf meine Frage nach Erfahrungen mit der Integration von Menschen mit Behinderung, erhielt ich eine lange Satzkette mit der kurzen Information “Nein” drin. Trotz dem es die Möglichkeit gibt, für eine Woche zu hospitieren, um zu schauen, wie sich der Lernalltag gestaltet, war ich am Boden zerstört.

Nicht, weil das so ist. Es hätte mich gewundert, wenn die Klientel, die dort lernt und studiert, so divers ist, dass es zu einem reichen Erfahrungsschatz kommen kann. Aber die Bestätigung meiner Annahme war nichts, was ich gern gehabt hätte.

Jeder Beweis für die nachwievor bestehende Ausgrenzung von behinderten Menschen, ist mir ein Beweis für meine Ausgrenzung. Für mein Nichtrepräsentiertsein. Für mein Nichtmitdabeisein. Und dafür, dass jeder einzelne Schritt inmitten dieser Menschen(gruppen/klassen) für mich einer ist, der allen Beteiligten neu, fremd, anstrengend, ängstigend… über_heraus_fordernd ist.

Und auch hier: Ich wünschte, ich könnte das nicht so persönlich nehmen. Es geht dabei ja nicht um mich persönlich.
Aber wie soll ich es denn nehmen? Es ist ja nicht so, dass sich an den entsprechenden Stellen jemand persönlich als verantwortlich bereiterklärt.

Sprung.

Und wie soll es für mich weitergehen?
Ich bin nicht gut darin mich selbst so tiefgreifend zu belügen und mich darauf aufbauend zu immer mehr Leistung zu motivieren. Ich brauche Perspektiven. Sicherheiten. Gewissheiten. Ich brauche Unterstützung und sehr viel öfter soziales Cheerleading, als ich das einfordere oder zum Ausdruck bringe.
Ich brauche mehr als das, was ich im Moment habe, um damit umzugehen, leider draußen bleiben zu müssen.

Nicht, weil ich behindert bin, sondern, weil ich es zusätzlich dazu oft auch noch werde und beides oft genug noch nicht einmal bemerkt und anerkannt wird.

Und wenn ich das so schreibe, dann bedeutet das nicht, dass ich mir wünsche, umgeben von Leuten zu sein, die mir ein Taschentuch geben und mich an ihrer Schulter ausweinen lassen, damit ich neue Kraft für den nächsten Kampf um Teilhabe, Zukunft und Lebensqualität tanken kann.
Ich wünsche mir mehr Leute in meiner Umgebung, die mit mir zusammen weinen, weil sie mit_fühlen, wie tief diese ganze Scheiße jeden einzelnen weiteren Tag weh tut – und mit mir zusammen kämpfen, damit das weder ich noch andere Menschen jeden einzelnen Tag weiter durchmachen müssen.

Was “kämpfen” an der Stelle bedeutet?
Es kann bedeuten weder mir noch anderen behinderten /Menschen/ mit Behinderung zu sagen, ihre Forderung nach Teilhabe unter Berücksichtigung und entsprechender Anpassungsleistung ihrer Umgebung, sei eine andere Forderung, als die als auch normaler Mensch anerkannt zu werden.
Es ist keine überzogene Forderung, wenn man bitte nicht ausgegrenzt und dadurch auch entmenschlicht werden möchte.

Es kann aber auch bedeuten, die eigenen Bedürfnisse und Bedarfe auszusprechen, um die Lebensumgebung aller mitzugestalten.
Je offener der Umgang mit der Vielfältigkeit des Menschseins und den Facetten dessen, was Menschen täglich leisten oder auch nicht leisten können, desto weniger besonders wird das, was man jetzt als Abweichung wahrnimmt.

Außerdem wird man so darin trainiert, sich schneller und effizierter an wechselnde Anforderungen anzupassen. Es wird leichter. Und dadurch auch weniger daran gebunden, wie sympathisch, wertvoll, menschlich man jemanden oder etwas einordnet. Man macht es dann einfach, weil es kein Akt mehr ist, es überhaupt zu machen.

Es kann auch bedeuten, sich der eigenen Ignoranz zu stellen, die man gegenüber der Thematik von Ausgrenzung allgemein, und der Inklusion, als gesellschaftliche Herausforderung unserer Zeit, hegt und eventuell sogar pflegt, ohne es bewusst zu haben.

Ja, Inklusion ist eine Riesenumwälzung. Ja, alles würde sich verändern. Ja, viele Dinge kosten Geld. Ja, Inklusion ist für manche Menschen fremd, neu und vielleicht auch zu viel, um sie sich überhaupt als Realität vorzustellen.
Aber all das sollte neugierig machen. Motivieren.
Und wenn schon nicht das, dann wenigstens erschrecken und beschämen, gerade weil sie noch nicht passiert ist.

Denn nichts anderes ist ein jeder “… und du bist raus”-Moment in unserer Gesellschaft, egal wem gegenüber und warum.
Beschämend und erschreckend.

Fundstücke #55

Sie sagt, es sei gut, dass wir keine Angst vor dem Tod haben und seufzt.
Ich beobachte das Geräusch noch eine Weile und denke darüber nach, was es ist, das Menschen Angst vor dem Tod macht. Oder vor anderen Dingen.

Der Tod ist keine Sache. Ich glaube deshalb fällt es mir schwer, mich davor zu fürchten.
Tod macht nichts. Tut nichts. Tod ist einfach. Genau wie das Leben.

Ich habe Angst vor der Zeit, wenn NakNak* tot ist, sage ich ihr. Warum, fragt sie.
Weil andere Menschen davon erfahren werden, antworte ich und spüre, wie mir bei dem Gedanken daran der Oberkörper eng wird.
Sie werden mir Dinge sagen und Trost spenden wollen. Mich angucken und Dinge denken, die sie  nicht aussprechen. Das wird mich stören, nerven, ärgern. Vielleicht wird es mir weh tun. Und daran hindern, mich an das Jetzt nach dem Leben mit NakNak* zu gewöhnen.

Glaubst du nicht, dass du erst trauerst, fragt sie.
Wenn ich mich genug dran gewöhnt habe, ja, antworte ich. Wenn ich mich dran gewöhnt habe, dann werd ich trauern.

Hast du Angst vorm Trauern, fragt sie.
Ja natürlich, antworte ich.

Das ist doch, was weh tut.