Kategorie: Momente mit Glitzer drin

so nah dran

4 Uhr 30. Von draußen rieseln kleine kühle Winde auf meine nackte Haut. Den Kopf noch voller Schlaf gehen wir mit NakNak* raus, wieso weiß ich eigentlich nicht. Aufstehen, Hund, Kaffee, das kommt nach Aufwachen und das Immernochleben fühlen.

Heute bekommen wir unser Zeugnis. Unsere zwei Zeugnisse. Berufsabschluss und Fach-Abitur.
Wir machen uns seit Wochen Sorgen, wie das wird. Kommt der Begleitermensch? Nein. Er muss zu seinem scheiß Ausbeuterjob, bei dem er auch nicht zu sehen bekommt, zu was seine Arbeit konkret am Ende führt.

Mein Kaffee dampft, das Draußen hat klare Umrisse. Ich sitze am Fenster und frage mich, ob wir in der neuen Wohnung wohl auch irgendwo am Fenster sitzen werden, um Kaffee zu trinken und uns mit dem anbrechenden Tag bekannt zu machen.

Dann wasche ich ab, sauge Staub, räume Dinge herum, bringe zu kleine Kleidung, in die ich letztes Jahr noch so dringend hineinschrumpfen wollte weg. Ich will nie wieder so schrumpfen. Ab sofort gilt das Einsiedlerkrebsprinzip: Was passt, das passt.

„Wir müssen nicht mehr zur Schule. Nie wieder.“ Das sage ich M. und denen um sie herum, die seit dem letzten normalen Schultag nicht mehr aktiv im Außen waren. Nicht einmal zu den Prüfungen. „Ihr könnt ab jetzt andere Sachen probieren.“ Ich verspreche ihnen, dass sie sowas, wie die letzten Jahre nie wieder ertragen müssen. Wir besiegeln es mit von ihnen in den Container gedonnerten Glasflaschen.

Wir haben uns eine neue Hose und ein neues Oberteil gekauft. Gestern die 3 Schuljahre langen Haare abschneiden lassen. Als ich aus der Dusche ins Warten auf den Freund steige, ist es eine Bewegung ohne jede Kraftanstrengung.
Wir warten, trinken Wasser, bemerken, dass wir noch nichts gegessen haben, vergessen es wieder bis der Freund da ist. Bevor wir in der Schule ankommen, fahren wir Müll zum Wertstoffhof und als wir in der Schule sind, haben wir eine Ansprache mit Powerpoint-Präsentation verpasst. Es wird viel geklatscht, ein Foto gemacht. Wir haben NakNak* auf dem Schoß und flatterfuchteln einfach raus, was raus muss. Es tut so gut wie Furzen wegen Bohneneintopf.

Später sitzen wir in einem Klassenraum und essen Melone. Dann bekommen wir unsere Zeugnisse. Und werden mit dem neuen Namen aufgerufen. „Das sind wir“, sage ich den anderen so als würde ich ein Netz aufs offene Meer werfen. Und als wir die Mappe, eine Rose und ein Geschenk in der Hand unseren Lehrer_innen danken, merke ich, wie ich selbst das Netz bin, aus dem auch die anderen gemacht sind.

Es geht schnell vorbei, niemand muss etwas aushalten, wir gehen einfach wieder auf unseren Platz.
Wir sind, reden mit den anderen Leuten, wünschen allen, dass es gut für sie weitergeht.

Der Freund ordnet den Glamour der Veranstaltung im Spanplattenbereich ein, ich lache und denke, wie gut das zu uns passt. Funktionell, vielfältig, einfach. Er versteht jetzt wieder etwas mehr von dem, was es uns abverlangt hat und irgendwie tröstet das etwas, das ich vorher gar nicht als tröstlich erlebt habe.

Wir gehen sehr lecker essen, laufen an den Händen durch die Altstadt.
Es ist schön und so nah an uns dran.
So, als meint das alles uns und niemand anders.

die ersten Tage

Ich trete in das Büro ein, kurz nach 12. Um 12 arbeitet sie eigentlich nicht mehr. Sie macht eine Ausnahme. Ich reiße meine Aufmerksamkeit von dem Umstand weg, dass schon wieder eine Ausnahme passiert. Und dann auch noch meinetwegen.
Sie klatscht durch den Raum und prallt an allem ab, was sich seit dem letzten Termin hier verändert hat. Die Stille und die Aufmerksamkeit der Standesbeamtin quetschen sich in meine Wahrnehmung, ich sage auf einen neuen Zettel deutend: “Der ist neu.”
Sie sagt: “Ja, das kann sein. Es ist noch mehr neu.” und zieht die Urkunde über die Namensänderung aus einer Akte.

Der Rest ist Rauschen. Eine Unterschrift, die nicht mehr als ein hingeschriebenes Wort ist, ein Gedanke, ausgeleuchtet wie eine Werbung am Straßenrand: “Auskunftsperren beantragen”. Danken. Das Gebäude verlassen. Anders heißen.

Erst kann ich nicht darüber sprechen, zwei Stunden später will ich nicht mehr drüber sprechen.
Ich erfahre meine Abschlussnoten, schaue ihnen zu wie sie langsam von mir weggluckern. Ich schreibe einen Tweet dazu, damit ich nicht vergesse, was heute für ein Tag, was die Note für eine Leistung ist. 171 Leuten gefällt das.
Wie gut das tut, fühle ich erst später.

Die Sekretärin in der Schule ist die erste Person, der wir die Urkunde in die Hand geben. Sie liest den Namen laut vor, sagt wie schön er ist, ich lächle einen unerwartet empfundenen Schmerz weg. “Bitte nicht kommentieren, bitte nicht belächeln, bitte nicht ungewöhnlich machen, bitte bitte tu so, als wär alles normal.” Das denke ich, “Bitte nicht anfassen”, fühle ich. Aber niemandem, nicht einmal der Therapeutin, sage ich das, weil ich denke, dass es niemand versteht. Nicht so, wie es für mich ist.

Die Urkunde, diese Information, ist wie ein Filter, den man auf das Bild von mir legt. Er macht mich auf eine Art nackt, die Situation auf eine Art intim, der ich, der wir alle innen, überhaupt noch nicht gewachsen sind.
Jede Bemerkung berührt mich unangemessen. Jede Frage dazu dringt in mich ein.
Meine Erleichterung darüber, befreit vom alten Namen und dessen Aufladung zu sein, bietet nicht genügend Schutz, erst recht keinen Trost.

Und als am nächsten Tag jemand von einem Callcenter mich selbstverständlich mit dem alten Namen anspricht, merke ich, dass sie das auch gar nicht kann. Ich kann noch gar nicht richtig erleichtert sein, denn es wird in der nächsten Zeit noch viel dieser Ansprache geben. Wir werden jetzt eine ganze Weile noch beide, die_r mit dem neuen und die mit dem alten Namen, und deshalb niemand sein.

„how autism feels from the inside“

„Sometimes, like, you make plans, but, again, these promises and plans always go into chaos.
Its like – I think according, like, to Nietzsche, that life you think has one circle, but no, there are added circles to extra added circles, which create chaos. And than you – its sort of like you’re drowning.“

Ja, „like you’re drowning“, als würde man ersticken. Die Welt verliert alles Licht, jede Richtung, jeder Kontext verliert sich in Mustern, Kreisen, Ebenen. Als würde man das Sterben leben. Ohne Sinn, ohne Halt. Und dann kickt die Traumascheiße. Die Erinnerung daran, wie das war, als man kurz davor war zu ertrinken. Als man kurz vor dem Ersticken war. Als Leben um das Sterben, das beinahe, das ersehnte, das unkontrollierbare Sterben kreiselte.
Und dann ist es bei uns kein Tagtraum, sondern das Leben von jemand anders. Ein anderer kleiner extra hinzugefügter Kreisel, der die Lücken schließt, Kontexte verbindet, die Zeit, den Moment, das Alles festhält und in sich zu etwas verbindet, das er_lebbar ist.

Behinderungen sind nicht sekundär. Nicht für uns. Wir sind die Behinderung, unser Menschsein ist auch, behindert zu sein. Ist wir sein. Deshalb sagen wir „behinderte Menschen“.

Ich mag, wie unsere Perspektive, der Perspektive von Jordan in dem Film, einen kleinen Kreisel hinzufügt und die Verbindung die self advocacy ist. Kein Chaos.

der formale Antrag auf Vor- und Nachnamensänderung

Die Sonne schien, NakNak* wuselte mit uns im Bett herum, als das Telefon klingelte.
“Unsere Standesbeamtin” war dran. Einige Tage nachdem wir schon dachten sie würde sich nicht melden, weil unsere Begründung nicht ausgereicht hat.
Wir vereinbarten einen Termin, keine zwei Stunden später. Kamen an, saßen rum, traten ein und stellten den formalen Antrag auf Änderung des Vor- und Zunamens. Bei Ausstellung des neuen Personalausweises würde auch der Künstler_innenname eingetragen werden.
Jetzt ist es nur noch ein Führungszeugnis und eine Kopie des Geburtseintrags, dann werden wir anders heißen. Wenn alles glatt geht bereits auf dem Abschlusszeugnis.

Wir kamen aus dem Rathaus, machten gleich einen Termin für das Führungszeugnis, völlig Banane nächste Woche, da sind wir gar nicht da. Kauften uns ein Brötchen, obwohl wir gar nicht hungrig waren. Auch interessant so ein Übersprung in der Schüssel.

Unsere Behördenkrambetreuerin sagte erst am Montag, dass das ja alles auch kathartisch werde würde.
Der Abschluss, der Umzug, der neue Name. Große Befreiung, als weg, alles raus. Neuanfang, weiße Weste trallala
Sie weiß nicht so viel über strukturelle Dissoziation, vielleicht hat sie es deshalb als etwas Positives erwähnt.
Für uns ist genau das eher zu verhindern. Alles hier lassen, ganz neu im neuen Zuhause starten, alles loslassen, bei 0 anfangen. Das hatten wir schon oft und jedes Mal ist ein neues Alltagssystem aufgetaucht, das keinen oder nur spezifisch Bezug zum Vorher hatte.

Sicherlich, wird sich das jetzt heute nicht so wiederholen. Wir sind abgesichert, gestützt, gehalten, sind in uns so viel konsistenter als früher, wir denken nicht, dass es diesmal zu so einer Spaltung kommt, aber mitdenken müssen wirs.
Deshalb haben wir bereits jetzt Monatsmülltüten. Ein Mal im Monat schmeißen wir kreuz feldein weg, was wir nur behalten, weil wir es nicht ersetzen können. Oder weil wir denken, man könne uns verübeln, dass wir es nicht behalten. Oder weil wir denken, unsere Herkunftsfamilie würde das mitbekommen.
Alles weg damit, warten, nachfühlen, merken: Alles ist wie immer, alles ist an seinem Platz.

Das könnten wir nach dem Umzug noch nicht so schnell sagen, denn dort muss alles erst einmal an den richtigen Platz gelebt werden. Deshalb machen wir es jetzt. So lange bis nur noch da ist, was uns das Gefühl gibt, dass alles okay ist. Denn genau das werden wir im neuen Zuhause brauchen. Nicht mehr, nicht weniger.
Ein Vorgehen, das nicht lauter HALLO GESUNDES VORGEHEN brüllen könnte. Nicht antidissoziativer wirken könnte.

Und der neue Name?
Wir haben den alten schon weggeschmissen. Schon vor 19 Jahren.
Er ist eine Hülle, die das Außen auf uns drauf wirft, uns aber nie benennt. Uns schmerzt, nie nutzt.
Wir heißen nun schon seit Jahren für alle ‘Hannah’, das muss sich nicht ändern, nur weil ein neuer Ausweisname da ist. Alles bleibt gleich, alles bleibt an seinem Platz.

Außer der Schmerz.
Der bleibt im Standesamt der Stadt aus der wir wegziehen.

die Veröffentlichungswoche

Ich schenkte dem Lehrer, der mir bei der Paginierung von “aufgeschrieben” geholfen hatte, ein Exemplar. Eine dreiviertel Stunde später gab er zwei Bestellungen von anderen Lehrer_innen an mich weiter.
Leute, die über das hier – also ALLES DAS HIER, was meine beiden Arme selbst in einem Bogen ausgestreckt nicht berühren können, nichts wissen.
Ist das ein Outing? Hm, nee. Aber vielleicht für sie. Wer weiß.

Menschen haben das Buch in der Hand gehabt und gesagt: “Oh das ist aber schön.”. Awkwardness at it’s max. Das wollte ich sie empfinden lassen – wieso klappt das so einfach? Das klappt doch sonst nicht? Oder doch? Wie reagieren Leute eigentlich sonst auf meine Machwerke? Ist das Dissoziation? Hm. Wer weiß.

Die Sonne scheint. Der Wind zupft an meinen Wimpern. “aufgeschrieben” zwischen Krokussen. Vor einer Steinwand. Vor einer Wand aus gesprungenem Glas. In eine Metallwand geklemmt. Auf Holz. Auf Gras. Was passt zum Buch, was zum Style des Instagramaccounts des Verlags. Oh man, alle werden sehen, dass wir .. dass das .. es ist wirklich jetzt da. Wir haben das gemacht und es ist da. Ist das Angst? Hm. Wer weiß.

Die Plastikfolie um jedes Exemplar ärgert mich. Die Grafiken sind nicht gelungen. An einigen Stellen ist der Text falsch gesetzt. Wenn man es aufmacht, stinkt es. Jedenfalls in meiner Nase. Das Papier ist zu dünn. Wir hätten noch so viel anders machen müssen. Mein Exemplar liegt drei Tage offen, dann muss ich reinschauen, weil mich Leute nach dem Inhalt fragen oder bitten etwas darüber zu sagen. “Es ist nicht so perfekt wie es an meinem Computer in den letzten 3 Monaten ausgesehen hat, das tut mir so unendlich leid, ich wollte es besser, richtiger, perfekt schaffen, aber vielleicht geht das auch gar nicht, vielleicht geht nur “gut genug”, findest auch “gut genug”, gut genug zum Angucken und Lesen?”, das will ich schreiben, aber das ist nicht, wonach gefragt wurde. Es steht für niemanden in Frage sich ihm zu widmen und vielleicht auch zu lesen. Das ist so krass. Oder? Hm. Wer weiß.

Die Sonne scheint mehr. Blendet, wärmt, brutzelt zuweilen.
Im Mailpostfach einige Anfragen für Lesungen. Beim Öffnen des Kalenders Zukunftsmusik. Hier Lesungen, da der Schulabschluss, dort Umzug zum Freund und, mit Bleistift am Rand, der Moped-Führerschein.
Ist das schön?
Ja. Ziemlich.

19

Faszinierend dieses Körperding.
An einem Tag noch Fleischsack mit mehr oder weniger glucksendem Schleim drin, am nächsten kann er wieder riechen, schmecken, ja, sogar halbwegs frei atmen.
Spannend.

Neulich habe ich gelernt, dass in einem Gramm gesunder Menschenkacke etwa 100 Milliarden Bakterien, 100 Millionen Viren und zehn Millionen Archaeen drin sind. Dazu kommen noch zehn Millionen Schleimhautzellen und eine Ladung einzelliger Pilze, darunter Hefen und deren Counsins und Cousinen.
In einem Gramm. Von etwas, das man als stoffwechselndes Lebewesen gar nicht braucht.
Ist das nicht großartig?

Das ist nicht das erste, woran man denkt, wenn man an den „Reichtum der Natur“ denkt, aber man sollte das öfter mal machen.
Ich frage mich, wie viele Millionen kleine Zellen diese Erkältung platt gemacht haben.
Und wie krass das ist, dass man selbst das gar nicht so richtig spürt.

Außerdem hab ich gerade gelernt, dass die eigenen Popel zu essen gesund ist.
Das wussten früher schon die Ärzte. Die haben das Nasenkotlett in den 90ern noch ausführlich besungen.

Ich wünsche guten Appetit.
Und geh wieder ins Bett. Ist nämlich doch ein bisschen ganz schön anstrengend so ein Bakterienkampf im eigenen Körperdings.

das Buch

“Ich freue mich euch mitteilen zu können…” so liegt der Textanfang schon ein paar Tage in meinem Notizbuch. “Ich freue mich”, ist so falsch wie wahr und das verwirrt mich.
Ich freue mich, dass es jetzt fertig ist.
Ich freue mich, dass ihr mir mitteilt, dass ihr euch über das Buch freut .
Unser Buch. Meine Wörter in Kapitel und Seiten eingerahmt.
Was gesagt werden muss.te, aufgeschrieben.

Es ist schön. Ein guter Text. Alles daran ist mir wichtig. Vielleicht noch zu wichtig, um anderer Menschen Blicke, Denken, Fühlen dazu, ohne Angst und Schmerzerwartung wahrzunehmen.
Vielleicht geht das nie weg, aber vielleicht ist das auch gut so.

Im März kann man es kaufen. Jetzt kann man es vorbestellen.
Manche kennen die ersten groben Anfänge des Manuskriptes aus diesem Blog.
Es ist mehr geworden seitdem. Anders. Und, etwas anderes.

Wir werden ab Sommer 2019 Lesungen machen.
Die Termine und Orte teilen wir rechtzeitig hier mit.