Training fürs Leben im Niemandsland

Als ich auf dem Nachhauseweg bin, begreife ich, was ich hier eigentlich mache.
Ich trainiere mich normal. Zwinge mich zu unauffälligem Wieallesein. Konditioniere mich auf einen weiteren Bereich außerhalb meiner Grenzen. Weil ich ein Kind haben aufziehen eine Familie gründen möchte. Weil ich denke, dass das meinem Partner Sicherheit gibt, mir alles einfacher macht, es dann überhaupt nur klappen kann.
Wieder dreht eine Zeile des Songs eine Runde in meiner Erinnerung. Ich trete in die Pedale und mir in den Arsch. Weiter jetzt.

Den Ohrwurm habe ich mir beim Wassersport-Kurs eingefangen. Ein Charthit der frühen 2000er, die ich überwiegend unter Schmerzen, ständig blutend und verkrustet erlebt habe. Verzweifelt und ebenfalls ständig außerhalb meiner Grenzen.
Ich war eine Stunde mit dem Rad gefahren, um dann eine dreiviertel Stunde im Wasser zu arbeiten und dann wieder zurückzufahren. Um weiter Gewicht zu verlieren, weiter Kraft und Ausdauer aufzubauen, Stress zu kanalisieren und leichter schwanger werden zu können. Es ist total bescheuert, aber das ist der Kinderwunsch an sich wohl auch. Denn jetzt, wo ich 35 bin, wollte ich es nicht mehr versuchen. Ich wollte fertig sein, zwei Kinder versorgen, dem Windelhorizont mindestens entgegengehen. Jetzt stehe ich hier im Niemandsland und kann nicht mal darüber entscheiden, in welche Richtung ich weitergehe.

Ich könnte sagen: „Ja, das wars.“ Und mir das Herz brechen, weil ich wieder etwas normales, gesundes, einfaches … natürliches … an meine Unnormalität, meine Abartigkeit, meine Kaputtheit verloren habe. Und dann irgendwas von den Dingen machen, die gehen, gerade, weil ich keine Kinder zu versorgen habe. Das Architekturstudium zum Beispiel. Irgendwie muss das Nachwachshaus ja schließlich gebaut werden. Oder die Wanderung von Kreta nach Spitzbergen. Oder das Bücherschreiben in einer Muchtelbude irgendwo im Ausland.
Aber – werden diese Dinge mich glücklich machen, wenn sie auch das Eingeständnis sind, dass ich zu kaputt für eine Familiennormalität bin?

Ich könnte es aber auch nicht aufgeben. Könnte warten. Hoffen. Noch mehr Geduld mit dem Prozess haben, obwohl 10 Jahre Kinderwunsch und 3 Jahre Geduld haben schon wirklich viel ist. Vor allem, wenn es sich nach Lebens_Zeitverschwendung anfühlt und immer auch nach etwas, das mir in Wahrheit überhaupt nicht zusteht, weil es alle sicher besser hinkriegen würden als ich. Weil die normal sind und ich nicht. Weil die nicht ich sind.

Ich bin zur Schwimmhalle gefahren, obwohl ich Angst vor einem Unfall hatte. Die Hunde allein zu Hause, ich tot auf der Landstraße, der Partner im Bergurlaub – eine lähmende Horrorvorstellung, die ich hinter mich gepresst habe, wie das Erinnern an die Gewalt in meiner Kindheit.
Ich habe meinen Gehörschutz im Spind gelassen, obwohl ich weiß, dass gerade Schwimmhallen und Wassersport mich sensorisch schnell überreizen. Aber der Partner schwimmt gerne. Ich will mit ihm schwimmen können. Ohne Hilfsmittel, die mich als unnormal auszeichnen. Will ihm zeigen können: „Hier guck, das hier ist die Hölle für mich, aber ich weine gar nicht, weil ich mich absolut sicher im Griff habe!“

Ich muss das trainieren, wie ich jeden anderen Teil meines anscheinend normalen Er_Lebens eintrainieren musste. Würde ich meine Grenzen und Gefühle beachten, wäre ich nicht da, wo ich heute bin. Nicht mehr allein, nicht mehr arbeitslos, in der Lage, mich nachhaltig und bedarfsgerecht zu versorgen und selbst_bewusst genug zu sagen: „Ich kann dieses Er_Leben.“
So oft sagen Leute, dass das schlimm ist. Dass man für niemanden die eigenen Grenzen übergehen soll und dass es nichts gibt, was die Quälerei wert ist. Und gleichzeitig haben sie einfach keine Ahnung, wie die Welt wäre, würden alle immer auf die eigenen Grenzen achten und gäbe es auch gesellschaftsstrukturell keine Notwendigkeit, sie immer wieder überwinden zu müssen.

In meinem Leben hat sich lange niemand um meine Grenzen überhaupt geschert und danach wurden meine Grenzen an Punkten gedacht, wo sie selten auch wirklich waren. Jetzt weiß ich, dass sie tatsächlich sind, wo für andere noch lange keine sind. Jetzt verstehe ich, warum ich mich mein Leben lang im Niemandsland bewegt habe – und vermutlich auch für immer bewegen werde. Auch, wenn es alle gut und lieb mit mir meinen.
Ich werde mich immer zwingen, trainieren, ein Stück weit von meinem Empfinden dissoziieren müssen, um mit anderen Menschen zusammen sein zu können. Das ist der Deal, ich habe ihm zugestimmt, als ich mich für mein AmLebensein entschieden habe. Nur, was ich darin bereit bin zu tragen, ist mir noch nicht so klar.
Denn: Wenn ich mich schon so anstrenge, dann sollte es doch wenigstens so sein, wie ich es mir wünsche?

6 thoughts on “Training fürs Leben im Niemandsland

  1. Hey,…
    Deine/Eure Worte beim Lesen nur zustimmendes Nicken. Ich krieg Innendisteln, wenn die Therapeutin vorschlägt freundlicher mit uns zu sein…. Wäre ich das gewesen wäre es wahrscheinlich nicht möglich gewesen an nach Außen gerichteter Normalität zu geraten. Von der Schule für psychisch Kranke hin zum Fachabi. Weiter Ausbildung und ein Studium, das mehr Gekostet als gebracht hat. Zumindest Kräftemäßig. Heirat. Kinder. Haus. Alles prima Normalisiert. Und bitter, dass es dann brach…. Und Weißt du/ihr. Es ist immer noch so unfassbar schmerzlich, Weil man dachte, dass man es geschafft hat. Wirklich ernsthaft. Bähm….. Dass das Innen nicht mitgewachsennormalisiert wurde wie gedacht. Die Jahre der „Normalisierung“ Waren eben auch nicht ohne Schmerz und Kraft. Und es ist ja nicht so, dass man gegen die Grenzen und sich selbst angeht und ja, man will es ja auch „normal“ So viel normal, dass man Dinge macht die viele machen. Und ja, wir verstehen euer Denken am Ende so sehr wut schmerzend trotz bockig, dass man doch dann erwarten kann, dass es so ist, wie man sich wünscht!!! Und sich dann auch so anfühlt. Liebe Grüße.

    1. Ja, alles das.
      Außer die Erwartung daran, dass es läuft wie gewünscht. Das ist uns als Illusion bewusst. Es wird nie laufen wie gewünscht. Deshalb ist die Entscheidung ja so schwierig. Eine Familie gründen kann aus vielen Gründen schiefgehen – auch Gründen, die gar nichts mit uns zu tun haben. Und was dann? Dann müssten wir uns zu anderen neuen Dingen zwingen, um andere Dinge so normal wie möglich zu versuchen.
      Und das Innere, ja, das muss immer mitwachsen, obwohl es im Hier und Heute gar keinen Boden dafür hat, denn die Welt hat sich verändert in den letzten 20 Jahren. Es muss umwachsen, transformiert werden, um mitwachsen zu können. Dafür gehen wir zur Therapie. Obwohl es uns unnormal erscheinen lässt.
      Es ist total verfahren und verquer. Nicht einfach.
      Leider.

  2. Was ist eine Muchtelbude? Das liest sich alles sehr aufregend und auch so voller Hoffnung. Vielleicht ist es auch nicht so gut sich so zu stressen mit dem Alter?

    1. Wir nennen kleine Hütten voller Krempel „Muchtelbude“ 😅
      Und mit dem Alter: Ab 36 sinken die Chancen drastisch und die Risiken steigen
      Wir wollen so wenig medizinisches Gedöns wie möglich brauchen – und auch nicht schon in Rente sein, wenn Junior auszieht.

      Also, ja, Todesstress muss nicht sein, aber grundlos haben wir uns die Grenze auch nicht gesetzt.

  3. Ja, das stimmt. Kann aus mehreren Gründen schief gehen. Damit dann klar zu kommen ist das eine. Was dann das andere. Aber habt ihr dann den Drang etwas stattdessen oder eher mit dem Gedanken, Weil es weiter gehen muss und geht, Weil man Ziele braucht? Oder weil ihr noch nicht, doof gesagt aber, mit „so normal wie möglich sein.“ Noch nicht fertig seid.

    Ja, es ist komplex…. Und leider.

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