Schlagwort: Dissoziation

Überforderung

“So ein kleines Zeltpäckchen hatten wir noch nie im Arm”, dachte ich und wappnete mich für den Weg nach Hause.
Das nächste, was ich wirklich erinnere, ist ein Sanitäter, der mich anspricht. Ich bin nicht weit weg von zu Hause, bin bei mir, bin ganz da. Ich bin da und lebe. Ich könnte zurück auf mein Rad klettern und zu meinem Abendessen fahren. Es wäre okay für mich. Das, was gerade passiert, ergibt keinen Sinn für mich. Die Fragen, die Zahlen, das Piepen des Sauerstoff-Pulsdings an meinem Finger.

Wir fahren ins Krankenhaus und warten eine Weile. Dann kommt ein Arzt und fragt, wie es mir geht. Ich sage “Besser, danke.”, obwohl ich mich frage, was er denn meint. Was von all dem, was in mir vor sich geht, geht denn gerade mit mir?

Ich würde gerne jemanden anrufen und lass es dann bleiben. Jemand hat F. abgesagt. Das Smartphone ist plötzlich nichts weiter als ein Hafen, der von niemandem benutzt wird.

Haben Sie das öfter – Ja
Kennen Sie die Auslöser – Ja
Oh hm. Ja gut. Können Sie denn jetzt nach Hause – Ja

Ich werde entlassen und fahre zu NakNak*, die auf ihr Abendessen wartet.

Als mich das scharfe heiße Curry endlich richtig aus der Dissoziation reißt, ärgere ich mich darüber, dass ich dem Arzt den Auslöser nicht genannt habe. Es ist legitim unter Überforderung zusammenzubrechen. Scheiß egal, ob es eine emotionale oder physische Überforderung ist. Irgendwann bricht auch der stabilste Balken.

Wir brauchen Urlaub. Und emotionale Entlastung.
Die Freiheit und den Mut manchen Menschen in unserem Leben zu sagen, dass wir sie nicht länger tragen können. Dass wir im Moment ein zerbrochener Balken sind.

Fundstücke #62

“Werde, wer du wirklich bist”, heißt ein Buch von Alison Miller, in dem es um rituelle Gewalt und die Überwindung von Mind Control geht.
Es ist ein Selbsthilfebuch für Betroffene und steht bei uns auf der Liste der Bücher, die wir irgendwann vielleicht eventuell mal lesen wollen. Dann, wenn wir wissen, wer wir denn wirklich sind.

Diese Lücke ist mir gestern noch einmal bewusst geworden, als ich einen Artikel über narzisstische Menschen, die mit einer Borderline-Persönlichkeitsorganisation leben, las.
Seit wir als narzisstisch persönlichkeitsgestört “diagnostiziert” wurden, stolpern wir öfter über solche und ähnliche Texte. Und natürlich versuchen wir uns darin zu finden. Immer noch. Obwohl wir wissen, dass wir keine so gelagerte Persönlichkeits”störung” haben.

Aber es entstehen interessante Gedanken und Fragen.
Zum Beispiel die danach, wer wir denn nun sind. Wie es denn nun wirklich um unser Selbstwertgefühl steht. Ob, und wenn ja, inwiefern und wozu wir Menschen ausbeuten. Ob, und wenn ja, wir Kritik fürchten. Ob, und wenn ja, für wie großartig wir uns denn halten. Ob, und wenn ja, wie überzogen unsere Ansprüche und Anforderungen an unsere direkte und indirekte Umwelt denn wirklich sind.

Tatsächlich finden wir uns in Schilderungen von Menschen mit sogenannter “narzisstischer Persönlichkeitsstörung” nicht wieder. Aber wir verstehen, weshalb die Ärztin damals Anlass hatte das in uns zu sehen. Und obwohl uns das nachwievor belastet, weil wir nichts daran ändern, geschweige denn andere Patient_innen vor ihr schützen können, können wir uns daraus ableiten, für wen es (im Kontext der Traumatherapie) wichtig ist, an so etwas wie ein “wahres Ich” oder “wahres Selbst” zu glauben. Und warum.

Die dissoziative Identitätsstruktur wird nachwievor oft und überwiegend durch eine psychoanalytische Brille betrachtet und behandelt. Danach gibt es eine Persönlichkeit, die “Stellvertreterpersönlichkeiten” entwickelt, weil das erlebte Trauma zu schrecklich ist um weiter am Leben zu bleiben bzw. das soziale Umfeld zu ertragen, in dem das Trauma erlitten wurde.

Für grundsätzlich falsch halte ich das nicht, aber diese Sichtweise legt die Vorannahme einer Persönlichkeit, die da ist und etwas erschafft, das neben sich steht und passiert, fest.
In diesem Modell wird häufig dann auch Hierarchie eingebettet und Kämpfe um “gut” oder “böse”, “stark” oder “schwach”, “männlich” oder “weiblich”, “erwachsen” oder “kindlich” verortet.
Die therapeutische Arbeit ist dann eine Art “kontinuierliche Demaskierung” der “Stellvertreterpersönlichkeiten”, als Selbstschutzmechanismen oder eben auch verselbstständigte narzisstische Reflexe.
(Like: “Du hast es nicht ertragen, dass die Person dich, die du dich für so großartig/wichtig/besonders hältst/gehalten hast (weil dir das so eingeredet/vermittelt wurde), behandelt wie ein Stück Scheiße, also hast du jemanden erfunden, der ein Stück Scheiße ist, damit dich das nicht erreicht”).
Daneben kommen noch Aspekte der Reorientierung als erwachsene Person, die helfen sollen, die “Stellvertreterpersönlichkeiten” nicht mehr als etwas zu sehen, das fremd ist, sondern eigen und er.tragbar von der “eigentlichen Persönlichkeit”.

Wir haben schon Menschen mit dissoziativer Identitätsstruktur getroffen, bei denen diese Herangehensweise geholfen hat und insgesamt auch passt: Menschen sekundärer struktureller Dissoziation. Menschen mit DDNOS.
Also Personen mit einer “Kernpersönlichkeit” und mehreren Alter Egos, die zu bestimmten Zeiten oder bestimmten Aspekten im Leben der Person aktiv waren oder sind.
In der Serie “United States of Tara” ist so eine Person (filmkünstlerisch und kapitalistisch verwertbar aufbereitet) dargestellt.

Weniger passt diese Herangehensweise bei uns.
Bei uns gibts es durchaus auch “Stellvertreter”, allerdings sind das keine autarken Innens, also “Persönlichkeiten”, sondern Zustände, auch “States” genannt, die innerhalb eines Systems verortbar sind und nur dort überhaupt funktionieren.

Als wir die Diagnose als Jugendliche gestellt bekamen, hatten wir uns bereits daran abgearbeitet unseren “ursprünglichen Kern” zu finden. Sahen uns immer wieder damit konfrontiert, dass Menschen “das eigentliche Problem”, den “wahren Ursprung” von uns Innens “als Ganzes” sehen, finden, behandeln wollten.
Und als wir an dem Punkt waren zu merken, dass es den bei uns nicht gibt – samt aller Implikationen, die das für uns hat und hatte – begann für uns eine Forschungsreise, an deren Ende wir in dem Buch „Das verfolgte Selbst“ auf unsere Struktur stießen: das Modell der tertiären strukturellen Dissoziation.

Darin gibt es einen solchen Kern nicht, wohl aber Funktionssysteme, die zu bestimmten Lebenszeiten, sozialen Kontexten und Anforderungen aktiv werden bzw. sind und durch dissoziative Barrieren nicht oder kaum mit den anderen Systemen in Kontakt sind.

Hier funktionieren therapeutische Ansätze von “Demaskierung” und Reorientierung nur teilweise, nämlich nur in ebenjenen Systemen, die in der Therapiestunde aktiv sind (oder für die Therapie entstanden sind) oder aktiv sein müssen oder aktiv sein dürfen oder die Fähigkeit haben in der Therapie aktiv sein zu können.

Das heißt bei uns: Wenn wir Rosenblätter in der Therapiestunde sind und erkennen, dass wir untereinander funktionale Stellvertreter sind, um mit den Anforderungen von interpersoneller Kommunikation (in zum Beispiel Psychotherapie, Behörden, Blogkommentarspalten, ehrenamtlicher Tätigkeit usw.) zurecht zu kommen, weil unser Gesamtsystem (unserer Ansicht nach ist das unser Gehirn bzw. unser Körper) eben dies als potenziell lebensgefährliche Bedrohung missinterpretiert, dann können wir das nur so akzeptieren und in unser „Rosenblätter-Leben“ integrieren.

Nicht aber in eine “Kernpersönlichkeit”, die dadurch mehr Kraft oder allgemeine Integrität erhält.
Bei uns wird mit so einer Art therapeutischen Arbeit am Ende also nichts und niemand “ganzer” oder “echter”, außer wir selbst als System, neben anderen Systemen.

Diese Kernpersönlichkeitsidee, ihre Implikationen und der Anspruch das als Therapieziel zu verfolgen, werden aber immer das sein, was uns dazu zwingt eine “Stellvertreterpersönlichkeit” aufrecht zu erhalten – nämlich so etwas wie eine Hannah C. Rosenblatt, die es gibt, um als eine Persönlichkeit gelesen und angesprochen werden zu können, obwohl man keine ist.

Nach der Lektüre des Borderline-Narzissmus-Textes habe ich verstanden, wie praktisch so ein Kernpersönlichkeitsmodell ist.
Gerade dann, wenn man selbst nicht dissoziativ funktioniert, aber selbst sehr verschiedene soziale Rollen erfüllen muss oder will. Dann kann man etwas von sich selbst in der anderen Person finden und man kann ähnliche, wenn nicht gleiche Maßstäbe an sie anlegen.

Das funktioniert genauso wie in der Sparte des Inklusionsaktivismus, in der die Person, die auf einen Rollstuhl angewiesen ist, “eigentlich ja gar nicht so anders ist, als die Person, die keinen braucht”.
„Da ist ja nur eine kleine Unterschiedlichkeit, welche die Person, die keinen Rollstuhl braucht ja sogar an sich selbst simulieren kann, um der anderen Person zu gleichen.“

Was dabei das Problem ist, ist das Gleiche wie bei der Identifikation nicht dissoziativ strukturierter Menschen mit Menschen, bei denen diese Struktur vorliegt:

Wie es ist, eben nicht und niemals wählen zu können so zu er_leben; wie das ist, damit 24/7, vielleicht bis zum Lebensende so zu leben; wie das ist, damit umgehen zu müssen, dass andere Menschen glauben, dieser Unterschied wäre “eigentlich” nichtig – diese Erfahrung ist exklusiv. Und zwar nicht, weil das so geil ist und eine Aufwertung vor anderen Menschen bedeutet, sondern, weil der Unterschied eben alles andere als “eigentlich nichtig” ist, sondern fundamental.

Es ist eine andere Er_Lebensform. Ein anderes in der Welt sein.
Nicht besser, nicht schlechter – einfach nur fundamental anders.

Mit “dem anderen” umzugehen ist niemandes Job. Interessanterweise gehen mit “dem anderen” nur jene um, die anders sind. Und zwar, indem sie leben und sind, wie sie sind.
Psycholog_innen, Mediziner_innen und was weiß ich nicht so alles, sind nicht damit beauftragt menschlich, individuell damit umzugehen, dass es das gibt. Sie sind für wissenschaftliche, gesellschaftliche, individuelle Einordnung und die Sicherstellung sozialer Kontrolle durch Diagnosen und Behandlungen zuständig.

Davon auszugehen, dass “das Andere” “eigentlich” gar nicht anders ist, ist also auch eine Art positiver Diskriminierung, um realen gesellschaftlichen Ausschluss aufgrund von Andersartigkeit zu verschleiern.
Und damit natürlich auch der eigenen Beteiligung daran.

Mir ist dieser Gedanke nur deshalb gekommen, weil wir merken, wie sehr das Kernpersönlichkeiten-Modell bei uns nicht greift und wie schwierig es ist, an Erfahrungsberichte zu kommen, wo jemand nicht auf der Grundlage dieses Modells gearbeitet hat.

Erst recht haben wir noch kein Material gefunden, in dem die Lebensumgebung der betreffenden Personen gleichermaßen ausgeleuchtet wurde, wie ihre inneren Landschaften.
Damit wird sich in der Praxis einfach nie beschäftigt. Die Person und ihr Verhalten in diesem einen speziellen Setting einer Behandlung wird angeschaut, ähnlich bis gleich gemacht mit Menschen, die sich nicht in diesem Setting befinden und das wars.

Mich würde sehr interessieren, wie oft Menschen, die mit offensiv mit ihren Unterstützungsbedarfen umgehen und keine Schamperformance machen, als Person, die mit ihrer Rolle kokettieren, wahrgenommen werden und vielleicht sogar aufgrund dessen pathologisiert werden.
Genauso interessiert mich – besonders bei Menschen, die viele und über den akuten Krisenstatus hinaus sind – wie oft es vorkommt, das durch Therapie entwickelte Resilienzen und Abgrenzungsfähigkeiten, irgendwann (Wann genau?) als Arroganz oder Hochmütigkeit gelesen werden.
Wann werden Selbstschutzmechanismen als Noncompliance, wann die Nutzung von positiven Ressourcen als kritisch eingeordnet?

Geht es um die verwendeten Modelle, die einer Diagnose zugrunde liegen, oder um die Personen, die diese Modelle wählen, um sich selbst in der Beziehung zu der Person leichter zu verorten?

Oder geht es darum, wer wer „eigentlich“ ist und wessen “wahres Selbst” wann wie wo als das legitimiert ist, was es ist?

 

Vielleicht werden wir “Werde wer du wirklich bist” nie lesen, denke ich gerade.
Wir machen unsere Therapie nicht, um wirklich zu werden.
Wir sind schon wirklich da. Uns gibt es schon so wie wir sind.

Unser Ziel ist, das auch genau so selbst wahrnehmen zu können, ohne aufgrund dissoziativer Selbst- und Umweltwahrnehmung darin behindert zu werden. Ich weiß nicht, inwiefern sich dafür unser Selbstsein verändern muss?

kreiseln

Gestern Abend bekamen wir eine Email zur Scholarship-Aktion von Ironhack und Kleiderkreisel.
Gute Nachrichten. Irgendwie.
Wir haben 2000€ zugesprochen bekommen – für ein Bootcamp, das 6500€ kostet.

Klassischer LOL-Shit, also.
Irgendwie ist es super – doch ganz praktisch kein echter Gewinn.
Außer für die Firma – bei der dürften nun einige Absagen eintrudeln und am Ende dafür sorgen, dass von den ursprünglich geplanten 100.000€ gar nicht mehr so viel ausgegeben werden muss. Kann.

Mich nervt das.
Ich bin seit Wochen genervt von genau den Gedankenkreiseln, mit denen ich mich beschäftige. Nichts ist eindeutig. Nichts ist fest. Nichts ist klar. Alles besteht nur aus Chancen auf Chancen und eventuell ja vielleicht mal sehen, kommt Zeit kommt Rat, alles bisschen Ja bisschen Nein.
Nach unserem Abschneiden für die Aktion war ja schon klar, dass wir keine Kandidatin für das Vollstipendium sind – umso schlimmer trifft es dann irgendwie keine richtige Absage zu bekommen, sondern eine, die keine ist, aber doch wie eine funktioniert, weil unsere Lebensumstände nicht passig sind.

Ich mach mir Sorgen über das nächste Jahr und das, was danach kommt. Abschluss, Studium – oder doch noch eine Ausbildung? Kriegen wir dann noch Bafög? Was wenn nicht? War dann alles umsonst? Einfach bewerben und gucken? Was kommt da auf uns zu? Hach wär schon geil so ein duales Studium – aber was wenn wir wieder mehr Inklusionsversuchskaninchen als üblich Lernende_r sind? Geht sowas überhaupt in Teilzeit? Und wenn wir doch erstmal aussetzen und wie geplanwünscht den AT wandern? Aber das ist doch Wasser auf die Ablehnungsmühlen vom Bafög-Amt. Nein, diesmal geben wir der Müdigkeit nicht nach – diesmal machen wir weiter. Diesmal machen wirs fertig. Fertiger Beruf. Am Besten einer, der Geld einbringt und nicht für eine Fingerübung eines web/pc-affinen Millenials gehalten wird. Irgendwas Geiles. IT, Elektrotechnik, Medieninformatik, Maschinenbau… Aber was wenn … Aber man könnte ja … Und wenn..?

Das kann ich gerade nicht abschalten, kann es seit Monaten nicht abschalten.
Einerseits – Andererseits – Hoffnung – Realität – Erfahrung – mutiges Vorwärtsspinnen – Enttäuschung – Aufklärung – Einerseits – Andererseits
So geht mir das den ganzen Tag. Und manchmal, wenn ich müde davon bin und mich ohnmächtig, scheiße, unwürdig und weltballastofflich fühle, dann kommt der Traumaschleim hoch.

Ich würde gerne etwas entscheiden, damit wir etwas verfolgen können, statt uns wieder einmal so aufzufasern wie immer, wenn es nicht genug Halt, nicht genug Richtung und Klarheit gibt.
Die Einen machen Bücher, die Anderen lernen Dinge wie Programmieren und Roboterbau, die nächsten recherchieren duale Studiengänge – ich mach mir Sorgen, überesse mich an 7 von 7 Tagen, finde mich in diesem Körper inzwischen so abstoßend, wie meine Gefühle von Überforderung an all dem gutbeschissenem, das uns passiert, wir erleben und haben und und und

Vielleicht brauche ich nur längere Pausen.

Mehr Nichtsmüssen, mehr Zeit die Zeit zu fühlen und mich wieder mit ihr zu verbinden.
Vielleicht muss ich auch einfach nur wieder jeden Tag 20-30km Fahrrad fahren.

Manchmal hilft es ja, wenn man sich kleine neue Routinen in den Alltag einbaut.

Fundstücke #59

Ich hab mich mal gefragt, wie sie das so durchstehen konnten. Damals. Jeder Tag muss in irgendeiner Form schmerzhaft gewesen sein. Hier ein blauer Fleck. Da eine Demütigung. Hier eine Angst. Da eine Bedrohung. Und irgendwo da ganz klein vor sich hinschrumpelnd der Gedanke, der vielleicht auch Hoffnung war, dass das endlich irgendwie aufhört.

Ich bin grad krank, glaube ich. Irgendwas brütet in diesem Körper und stößt eine Kaskade nach der anderen an. Der Zeitpunkt, an dem ich noch wusste, was antriggertes Erinnern ist und was nicht, ist an mir vorbeigedümpelt wie ein nur halb untergangenes Boot.
Mit dem Workshop hatten wir uns übernommen. Wir waren Dienstagnachmittag total erschöpft und es ist nicht neu für uns dann extrem empfindlich zu sein. Also haben wir geschlafen. Fast den ganzen Mittwoch.

Am Donnerstag kamen die Schmerzen. Erst im linken Oberarm, dann in der Schulter. Am Nachmittag im rechten Oberschenkel, dann im Bereich zwischen Zehenspitzen und Knöchel. Erst als merkwürdiger Schmerz, der sich weder von Bewegung noch Wärme beeinflussen lässt, dann als Pfahl aus Eis, der sich von der Knochenmitte bis runter ins Gliedmaß runterbohrt bis er schmilzt und ein derartig tiefes Reißen an den Knien und Ellenbogen zurück lässt, dass ich deutlich merke wie ich der Dissoziation auch nichts mehr entgegensetzen will.

Ich bin müde und mir ist schwindelig. Also liege und schlafe ich. Drehe mich wenn der Schmerz mehr wird, stehe auf, wenn die Schmerzmittelwirkung nachlässt. Irgendwann bin ich wach und sitze so, dass ich das Laptop vor mir habe und nur Augen und Finger bewegen muss, um zu reden, zu witzeln, in der Welt zu sein.

Ich habe die Telefonnummer von Hausärztlichen Notdienst hier liegen. Ich warte auf das Moment, in dem ichs echt nicht mehr ertragen kann. Samstag ist heute. Ich weiß nicht, wie ich das bis jetzt ertragen habe, aber ich habs und deshalb rufe ich da nicht an.

Und vielleicht war das früher auch so.
Vielleicht haben sie auf etwas gewartet, was nicht passiert ist, weil sie nicht wussten, wie das worauf sie gewartet haben ist.
Ich weiß nicht wie “Ich ertrag das nicht mehr” ist. Ich weiß nur, wie der Gefühlsgedanke ist, es nicht mehr zu schaffen. Und dann greift die Dissoziation. Und die Dinge, die man sich einredet, damit das alles keine Angst macht.

Ich hab bestimmt nur einen Infekt. Ich bin nur erschöpft und etwas empfindlich. Kurz NakNak*versorgen. Essen.
Schlafen. Schonen. Montag zur Hausärztin. Noch ein paar Ibuprofen, noch ein bisschen Diclofenac. Viel Wasser.
Und wenn ichs nicht mehr ertragen kann, kann ich ja da anrufen.

Medikamente

Wir waren schon einmal über den Punkt hinaus, an dem ich durch innere Rahmen gehe, eine Tür nach innen schließe und alles von mir streife, um in das Hier und Jetzt zu gehen, das mich er_fordert.

Das merke ich jetzt, wo wir einmal mehr Medikamente nehmen, als in der Weglaufkrisen-Episode am Jahresende.
Jetzt, wo keine Therapietermine waren. Jetzt, wo alles einfach läuft. Glatt mit üblichen Lebenshuckeln. Emotional mittig mit bloßem Dämmern einer Erinnerung daran, wie tief man fallen könnte, würde man die Tiefen mitleben.

Die Medikation lässt das Innen nicht verschwinden.
Ich kann es fühlen. Kann sehen, was da passiert. Merke, dass es etwas mit mir zu tun hat. Alles ist okay. Es ist nur nicht da, wo ich bin, wenn ich da bin.
Es ist ein kleines Stück der Verschiebung. Ganz subtil. Aber es reicht, um vom Lauf der Dinge nicht so grob hin- und hergeworfen zu werden, wie sonst.

Dinge passieren und ich bin da. Immernoch. Obwohl sie mich sonst weggewischt, zerrissen oder verwässert hätten. Und ich kann reagieren, einfach und genau so, wie ich mir das überlegt habe.

Was mir auffällt sind Liebsein, Warmsein, Zärtlichkeiten uns gegenüber, die mir sonst nicht auffallen.
Was mir einmal mehr bedeutet, dass dissoziative Amnesien eben doch real sind. Dass sie mir eben nicht nur das nehmen, was ich nicht aushalten kann, weil ein aversiver Reiz zu groß ist, sondern auch die Facetten menschlichen Miteinanders, die nicht primär an mich gerichtet sind, sondern an das von anderen Menschen wahrgenommene oder empfundene Innere, das an anderer Stelle des Innen passiert.

Was ich merke ist, dass ich das passieren lassen kann. Selbst dann, wenn ich gerade zu gedämpft, vielleicht auch betäubt?, bin, um zu danken oder andere Gesten zu machen, die so etwas wie eine adäquate Reaktion sein sollen.
Ich kann uns das passieren lassen und es fühlt sich an wie eine aktive Tat, obwohl ich nichts weiter tue als gezieltes Nichtsdagegen oder –dafür tun.

Von mir aus kann es für immer so weiter gehen.
Alles funktioniert. Nichts tut weh, außer das Wissen, dass es Medikamente sind, die mich so beruhigen, ordnen, stabil machen. Doch selbst das kann ich im Laufe eines Tages passieren lassen, ohne, dass es mich umhaut.

Ich bin kein Zombie. Ich bin nicht ausgeschaltet. Niemand von uns wird unterdrückt oder “weggemacht”.
Dieser Zustand ist keiner, der irgendwie problematisch ist.

Er ist nur nicht echt.

und wenn es funktioniert, ist es merkwürdig

NakNak* geht es nicht sehr gut im Moment.
Über die Weihnachtsferien hat sie Gewicht verloren und ist insgesamt ziemlich schlapp. Die Lymphknoten unter ihren Ohren sind seit inzwischen 4 Wochen geschwollen. Doch Fieber hat sie nicht.
So eine Kombination ist immer kacke.

Am Montag waren wir beim Tierarzt, der von einer Tierärztin vertreten wurde.
Und seitdem erlebe ich merkwürdige Zeitanomalien.
Bis “Sie denken sicher auch an etwas Tumoröses”, passierte alles im Schnelldurchlauf. Wie sie NakNak* abtastet, anschaut, abhört, mit Hilfe einer Assistentin ein paar Röhrchen Blut abnimmt. Zack Zack zack. Schwusch an mir vorbei.
Dann überlege ich, ob ich an “etwas Tumoröses” denke und merke: nein, eigentlich denke ich an gar nichts. NakNak*s Zustand ist für mich nicht einzuordnen. Also ordne ich ihn unter “jemanden um Hilfe bitten” ein und hoffe, dass mir geholfen wird, einzuordnen, was mit ihr los ist.

Die folgenden Sätze der Tierärztin quellen wie zäher Brei auf den Untersuchungstisch der Praxis. Worauf meine wie Schnellfeuer daneben auf den Boden klappern. “Lyyyyyyyyyyyyymphdrüüüüüüüüüüüüüseeeeeeeeeeennnnnkreeeeeeeeeeeeeeeebs” “AchdasglaubichejetztnichtgleichIsdochrechtseltensowas”.

Dann laufen wir nach Hause und telefonieren uns schon auf dem Weg Unterstützung zusammen. Müssen noch ein paar Stunden auf die ersten Blutergebnisse warten. Schrödingers Zeitverlauf. Es sind nur ein paar Stunden – es fühlt sich nach Tagen an. Und als wir die Assistentin am Telefon haben, die uns sagt, was der Tierarzt über die Ergebnisse denkt, kommt kaum an, was sie uns mitteilt, so schnell ist das Gespräch wieder vorbei.

NakNak*s Leberwerte sind schlecht.
Aber das Internet sagt, dass das eigentlich genau so eine Wabbelinformation wie geschwollene Lymphknoten ohne Fieber sind. Es ist das “alles kann, nichts muss”, des großen Blutbildes.
Immerhin: eine der üblichen Zeckenkrankheiten ist es nicht und auch sonst ist alles im Rahmen.

Am Dienstag merke ich ein Kinderinnen, unter meiner Haut, als ich NakNak* aus den Augenwinkeln beobachte, die mich nicht beobachtet, obwohl ich gerade mit Lebensmitteln rummache. “Ist sie tot?”. Ich lege meinen Blick auf unsere Hündin und suche die Bewegung ihres Brustkorbs. “Nein.”, antworte ich und merke, wie wir einander im Innen kreuzen. Wie ihre Frage meine Angst ist und meine Beobachtung ihre Beruhigung.
Es ist total merkwürdig.

In den nächsten Stunden ist es immer wieder mal da. “Ist sie tot?” – “Nein.” – “Oke gut.”.

Als wir uns zum Schlafen hinlegen, fällt es in mich hinein und ich bin kurz davor loszuheulen, weil mich das Bild eines Hundewelpen überschwemmt, der neben mir im Bett verwest.
“Ist sie tot?” – “Nein. Ich höre ihren Atem.” – “Oke gut.”

Am Mittwochmorgen ist NakNak* fitter. Während wir unser Aufwachwasser trinken, stupst sie uns mit ihrem Spieltau im Maul an. Ein Zeitlupenschnelldurchlaufmoment. Eine Stunde später fällt sie uns fast sie Treppen runter und hängt wie ein nasser Sack auf unserem Schoß.
Die Schule tobt um uns herum. Alles ist viel viel scheiße verdammt nochmal so viel zu viel für eine erste Schulwoche. Auf unserem Schoß und unter unserem Pult ist Zeitlupe. Wir lassen NakNak* in Ruhe. Fordern nichts. Lassen sie da_sein. Denken, zu Hause allein hätte sie unnötig viel mehr Stress.

Auf dem kürzeren Nachhauseweg dreht sie wieder auf. Rennt, spielt, geikelt mit Stöckchen durchs Gebälk.
Am Abend sitzt sie als Küchenbodenpatrouille neben uns, während wir das Abendessen bereiten. Ich fange an, mich bewusst in den Gedanken reinzusteigern, dass sie wahrscheinlich nur irgendeinen Quirk hat, der von allein wieder weggeht und, dass der Ultraschall und die Biopsie am Freitag nichts Besonderes zeigen werden.

“Und wenn es schlimm ist?” – “Dann lösen wir unser Versprechen sein.” – “Oke gut.”

Der Donnerstag ist ein Schlauch voller Hektik und Vielviel, das uns nicht erreicht, weil wir durch einen Tunnel mit Schneckentempolimit durchsuppen.
“Hat sie Schmerzen?” – “Ich bin mir nicht sicher” – “Ich auch nich.” – “Wenn wir uns sicher sind, fahren wir zur Tierarztpraxis, okay?” – “Oke.”

Es funktioniert.
Und es ist surreal merkwürdig.
Das alles.

Erwartungen haben

Wir fuhren die Landstraße entlang und sahen das Auto, das uns keine 20 Sekunden später rammen würde, dem Fahrzeug vor uns ausweichen. Dann ein Knall. Rauch. Schmerzen, die sich vertraut und dennoch unangenehm ausbreiteten.
Das war vor ein paar Jahren. Ein Autofahrer war zu schnell unterwegs und hatte die Kontrolle über sein Auto verloren, weil er niesen musste.

Ich weiß noch, dass ich eher genervt als panisch “Scheiße” dachte. Dass ich den Aufprall, den Schmerz und die Notwendigkeit sich an den Erste Hilfe-Kurs, der schon länger her war, zu erinnern, erwartete. Und ich weiß noch, wie sehr ich mich dafür gehasst hatte, nicht handeln zu können. Wie ich mich dabei beobachtete von einem Baby-Sein verdrängt zu werden und um ein Leben zu schreien, das als solches gar nicht richtig bewusst ist.
Wie erbärmlich und wehleidig ich mir vorkam, meine Bewegungen so abzuzirkeln, dass es möglichst wenig weh tat.

Dieses Ereignis war keine traumatische Erfahrung für mich.
Ich hatte den Aufprall erwartet. Wusste zwar nicht, ob ich ihn überleben würde, ging aber davon aus, dass ich ihn auch überleben könnte. Ich hatte Schmerz erwartet. Wusste zwar nicht, welchen und in welchem Ausmaß, wusste aber, dass mein Körper schon viele Schmerzarten “weggesteckt” hatte.
Ich hatte erwartet, dass Ersthelfer_innen kommen würden. Sie kamen.
Ich hatte erwartet, dass andere Menschen mir ansehen können würden, dass mir dieser Unfall passiert war und mit mir darüber sprechen würden. Und sie konnten. Und sie sprachen. Manchmal auch mit mir.

Die Erwartungen, mit denen Menschen durchs Leben gehen, sind wichtig. Zu erwarten, dass bestimmte Dinge passieren, spielt maßgeblich in ihre Bewertung und in die Entscheidungen, die man trifft ein.
Erwartungen entstehen aus Erfahrungen mit Dingen, die passieren.

Die Lebenserfahrungen, die ein Mensch durchgemacht hat, helfen sich ein Bild von der Welt und sich selbst zu machen.
Je kongruenter und vielfältiger diese Bilder sind, desto besser sind Menschen davor geschützt, Abweichungen oder Widersprüche als irritierend oder nachhaltig verwirrend, verunsichernd oder sogar tiefgreifend schockierend, lebensbedrohlich und unaushaltbar zu erleben.

Das heißt nicht, dass jede_r schon einmal einen Autounfall gehabt haben muss, um den nächsten gut zu verarbeiten.
Das heißt, dass es hilft einen Autounfall gut zu verarbeiten, wenn man beispielsweise schon einmal Schmerzen hatte (diese Wahrnehmungsqualität und mögliche Umgänge damit kennt), schon einmal davon gehört hat oder einen gesehen hat und erlebt, dass dieses Wissen bzw. diese und ähnliche Erfahrungen auch bei den Menschen im direkten Umfeld vorhanden sind.

Es hilft, vieles zu erwarten. Je mehr man erwartet, desto mehr kann davon bestätigt werden. Wird von 50 Erwartungen eine enttäuscht, sind da immer noch 49, die bestätigt werden. Und obwohl menschliche Gehirne darauf ausgerichtet sind, sich besonders die Enttäuschungen, Schmerzen oder andere weniger angenehme Dinge zu merken und besonders zu verarbeiten, so sind es die angenehmen Erfahrungen und Bestätigungen, die diese Einordnung überhaupt erst möglich machen.

Man kann sich bestätigte Erwartungen wie einen Stoff vorstellen, der dem Gehirn Futter und Arbeitsanlass zugleich ist. Ein Gehirn, das in schöner Regelmäßigkeit leichte Arbeiten zu verrichten hat und dabei immer gut versorgt wird, kommt mit einem Zeitraum härterer Arbeit besser zurecht, als eines, das durchgehend überfordert ist und mangelhaft versorgt.

„Erwartung“, das ist ein Wort, das heute einen fast negativen Beigeschmack hat, weil es oft mit “Anspruch” übersetzt wird.
Eine Erwartung zu haben, sagt aber mehr über innere Er_Lebens:qualitäts:gewohnheiten aus, als darüber, was man im Zusammenhang mit dem Außen als legitim oder gerechtfertigt einordnet.

Wenn ich zum Beispiel erwarte, dass ich etwas sehe, wenn ich die Augen öffne, dann hat das etwas damit zu tun, dass ich mein Leben lang immer sehen konnte, sobald ich sie geöffnet hatte.
Wenn ich aber in einem dunklen Raum sitze, dann ist etwas sehen zu wollen ein Anspruch, den ich erhebe, weil mir die Gewohnheit meines Sehens legitim erscheinen lässt, auch hier etwas zu sehen.

Das heißt: Anspruch ist von Erwartung nicht zu trennen – es handelt sich aber um zwei unterschiedliche Dinge.
Und das ist wichtig im Hinterkopf zu haben, wenn man sich damit auseinandersetzt, warum manche Erfahrungen traumatisch sind und manche nicht. Und warum ein und dasselbe Ereignis für die eine Person traumatisch war und für eine andere nicht.
Und warum es für Menschen, die bereits als Säugling oder Kleinkind immer wieder Gewalt erfahren haben, noch einmal schwieriger ist, sich im Lebensalltag danach zurechtzufinden. Selbst dann, wenn sie keine posttraumatischen Belastungen im Sinne einer PTBS oder ähnliches erleben.

 


 

Der Autounfall, den ich zu Beginn schildere, war eine krasse Irritation für mich. Der Schmerz, die Hilflosigkeit und die Idee jetzt gleich sofort zu sterben, jedoch nicht. Schließlich bin ich 16 Jahre lang immer unfallfrei in Autos mitgefahren, hatte aber auch immer wieder Situationen erlebt, in denen ich mit unvorhersehbaren, unausweichlichen, unbeeinflussbaren Schmerzen, Todesangst und globaler Hilflosigkeit konfrontiert war.

Waren meine Gewalterfahrungen in dem Moment also ein Schutzfaktor von dem Autounfall traumatisiert zu werden?
Keine Ahnung – in jedem Fall haben sie mich davor bewahrt, diese Empfindungen bzw. Wahrnehmungsqualitäten gleichermaßen krass irritierend zu empfinden, wie den Umstand, dass da ein Auto in das Auto hineinfährt, in dem ich sitze.

Die Person, die damals das Auto gefahren hatte, hatte diesen Erfahrungshintergrund nicht. Und soweit ich das mitgekriegt habe, hatte sie erheblich  mehr mit der Verarbeitung des Unfalls zu kämpfen, als ich. Für sie muss es sowohl um den Aspekt “da ist ein Auto in mein Auto gefahren – das ist aber gar nicht üblich” als auch “ich fühle etwas, womit noch nie oder bisher nur ein zwei Mal konfrontiert war” gegangen sein. Wenn nicht noch um mehr, denn sie war zum Zeitpunkt des Unfalls erwachsen, weiß, abliert,  Elter eines Kindes, aufgrund des Berufs für mich in gewisser Hinsicht verantwortlich …

Die Person hat, soweit ich das weiß, diese Erfahrung am Ende doch gut verarbeitet.
Aber nehmen wir mal an, es wären für sie sehr viele Erwartungen an sich und die Autofahrt und eintreffende Ersthelfer und spätere Versorgungsinstanzen enttäuscht worden.

Nehmen wir mal an, es wäre ein Unfall auf der Route 66 mitten in der Wüste gewesen. Anderer Autofahrer tot (enttäuschte Erwartung: Menschen, mit denen man zu tun hat, leben), die Person selbst hat überlebt (enttäuschte Erwartung: ich sterbe jetzt).
Sie muss sich allein aus dem Auto befreien (enttäuschte Erwartung: wenn ich Hilfe brauche, bekomme ich sie).
Muss allein zu Menschen kommen, die helfen könnten und dafür sorgen, dass sie dies auch tun (enttäuschte Erwartung: wenn mir etwas passiert, wird jemand kommen/sehen, dass ich Hilfe brauche).

Da es keine Zeug_innen außer ihr für den Unfall gibt, ist sie die einzige Person auf der Welt von der sie sicher weiß, wie das ist, auf der Route 66 einen schweren Autounfall gehabt und überlebt zu haben. (enttäuschte Erwartung: ich bin nicht allein mit dem Wissen darum, dass es so etwas gibt und wie sich das anfühlt und wie genau diese Situation war)

Nehmen wir an, die Person lebt allein und hat eine gesellschaftliche Rolle inne, die bestimmte Anforderungen an sie legitimiert (weil es normalisiert ist diese zu haben).
Ist die Person ein Mann, können diese Anforderungen sein, allgemein “hart”, “taff”, “stark” zu sein (nicht verweichlicht wie eine Frau – wer wie eine Frau ist, ist kein “richtiger Mann”).
Ist die Person eine Frau, kann die Anforderung sein, aus dem Umstand sich allein um Hilfe bemüht zu haben, eine emanzipatorische Kraft zu entwickeln (welche die Erfahrung auf fast magische Weise in ihren Auswirkungen verwandelt (weil wer sich selber ganz toll stark um sich kümmert, ist ja fast schon ein ganz toll starker Mann und damit besser als eine “richtige Frau”) oder aus anderen Gründen bitteschön die Klappe über irgendwelche Gefühle zu halten.
Ist die Person behindert, arm, rassiert oder schon älter oder jünger, kann die Anforderung sein, sich in seinen Reaktionen und Kompensationsformen der (weißen, ablierten, ökonomisch unabhängigen mittelalten) Norm anzupassen, um überhaupt als NORMaler Mensch an.erkannt zu werden, der in der Lage ist bestimmte Gefühle oder Belastungen zu erleben.

Nehmen wir an, dass die Person diesen Anforderungen nicht entsprechen kann und in der Folge nicht mit anderen Menschen über die gemachte Erfahrungen sprechen kann. (enttäuschte Erwartung: Ich muss nicht allein mit der Erfahrung bleiben und muss sie nicht allein aus eigener Kraft verarbeiten)

Man soll ja keine Rezepte zu psychischen Belastungen schreiben. Doch wenn man eines suchen würde, so würde man es in dieser angenommenen Konstellation finden. Und zwar nicht nur, weil dieser Person etwas passiert ist, das außergewöhnlich war und vielleicht außergewöhnlich schrecklich, sondern, weil sie allein damit bleibt und diese Erfahrung mit einem gestressten (also auf eine spezifische Art zu funktionieren gezwungenem) Gehirn zu verarbeiten, das eine Menge enttäuschter Erwartungen zu verdauen hat.


 

Kommen wir mal weg von einzelnen Erfahrungen und gehen über zu Menschen, deren Erwartungen immer auch ein Szenario der Todesangst, Hilflosigkeit und wie auch immer gearteten Versehrung (die mit Schmerzen vom Körper gemeldet werden) beinhalten.

Wie gesagt speisen sich Erwartungen aus der Gewohnheit bestimmter Er_Lebens:qualitäten.
Wer immer wieder erlebt, dass schöne Situationen in schreckliche kippen, ohne, dass es vorher konkrete oder absehbare oder erkennbare Hinweise darauf gibt oder auch immer wieder mit bizarren sozialen Konstellationen konfrontiert wird oder auch immer wieder tiefgreifend im eigenen Verstehen von sich selbst und der Welt um sich herum verunsichert wird, hat am Ende andere Erwartungen an den Lauf der Dinge, als eine Person, bei der das nicht passiert.

Es kann normal werden, sich auf nichts verlassen zu können, außer darauf, dass viele und regelmäßig auch jede Erwartung enttäuscht wird.
Denn dafür sind Erwartungen wichtig.
Für das Zu- und Vertrauen in sich und die Welt, die Menschen um sich herum, den Lauf der Dinge, den man jeden Tag beobachten kann. Kann man die eigene Umgebung nicht abschätzen – nicht zuverlässig erwarten, was wann warum und wie und mit welchen eventuell absehbaren Folgen passiert, gibt es weder Chance noch Anlass über das Hier und Jetzt hinaus zu denken oder zu planen.

Erwartungen sind jedoch eine Art kleine Idee von Zukunft.
Und die Zukunft als konstante Idee ist, neben vielen anderen Dingen, etwas, das Menschen ganz konkret am Leben hält.

Menschen würden verhungern, hätten sie nicht (aufgrund vieler Erfahrungen des Sattseins und Sattwerdens) die Idee, dass sie nach (also in der Zukunft) dem Verzehr von etwas keinen Hunger mehr haben. Besonders Menschen als Wesen mit extrem langer Nesthockdauer, hätten keinen Anlass zur Fortpflanzung oder Nachwuchsversorgung, zu allgemein angenehmer sozialer Interaktion und ergo verstehbarer Kommunikation, hätten sie kein Verständnis von Ursache und Wirkung im Sinne einer Entwicklung, die über einen Moment oder mehrere einzelne Momente hinausgeht.

Wir halten also fest: es ist für Menschen schon ziemlich vorteilhaft einen breiten Blick auf die Zukunft in der Gegenwart wahrnehmen und als wahrscheinlich annehmen (erwarten) zu können.
Umgekehrt muss es also auch ziemlich ungünstig sein, wenn man so gewachsen ist, dass der Zukunftsblick nicht weiter als einige Minuten oder vielleicht Stunden oder Tage reicht, weil mehr einfach nicht verlässlich vorhersehbar (bestätigend erwartbar) ist.

Das Risiko für Menschen mit komplexer Traumatisierung durch zum Beispiel Gewalt in der Familie oder Krieg (also einem langen Zeitraum in chaotischen Umständen, die nicht selbst beeinflusst oder verlassen werden können), eine Problematik, wie eine Essstörung, eine Sucht oder eine chronische Suizidalität zu entwickeln, ist 7 Mal so hoch, wie für Menschen die diese Erfahrungen nicht gemacht haben. Aus Gründen, die genau damit zu tun haben, dass bestimmte Erwartungen anzustellen nicht möglich war.

Diese Menschen haben manchmal über Jahrzehnte nicht die Möglichkeit gehabt, ihrem Gehirn das Planen und Erwarten über einen langen Zeitraum hinweg anzutrainieren. Und was Gehirne nicht trainieren, das verlernen sie oder lernen es nie. Solche Gehirne lernen “überleben und kompensieren” statt “überleben und spezialisieren” – ganz ganz ganz grob gesagt.
Ganz grob gesagt, weil natürlich auch traumatisierte Gehirne sich ausspezialisieren.
Nur eben an anderen Schaltstellen, die wiederum eine Ausentwicklung von zum Beispiel Süchten oder ähnlichem zu begünstigen scheinen – aber das Leben in der “Misshandlungsfamilie” oder anderen schwierigen Umfeldern, akut immer wieder gerettet und gesichert haben.

 


 

Ich habe diesen Artikel angefangen, weil ich mich im Moment viel mit meiner Zukunft auseinandersetze und merke, wie fremd sich das anfühlt.
Es erscheint mir nicht verlässlich, dass passiert, was ich mir überlege – es erscheint mir aber überhaupt und das ist der bemerkenswerte Aspekt.
Es erscheint mir möglich auch in einem Jahr noch zu leben. In zwei Jahren noch Wünsche und Ideen zu haben. Es ist mir greifbar, heute, morgen, nächste Woche, in zwei Monaten… noch daran arbeiten können, dass ich in zwei oder drei oder 10 Jahren etwas tun kann.

Es ist eine Annahme, die sich aus einer Erwartung, die ich ohne es zu merken habe, weil das, was sie beinhaltet eine Konstante in meinem jetzigen Leben ist. Ich habe ein relativ unangreifbares Jetzt und Heute und Morgen und nächste Woche.
Erschien mir vor 4-5 Jahren die Abschiedsworte meiner Therapeutin “Wir sehen uns nächste Woche” einigermaßen schräg, weil nicht zuverlässig, verabschiedete ich mich vor ein paar Wochen selbst sehr bewusst mit den Worten: “Tschüss – bis nächste Woche”.

Weil mir diese nächste Woche sehr zuverlässig erschien. Weil ich sehr klar hatte und auch mit einem gewissen aktiven Rückgriff auf meine in den letzten Jahren entwickelte Er_Lebens:qualitäts:gewohnheit fühlen konnte: Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass ich nächste Woche noch lebe und hier ankomme und etwas sagen kann und etwas arbeiten kann. Sehr viel höher als, dass das nicht der Fall ist.

Das geht über einen bloßen Lernerfolg hinaus. Ein Lernerfolg war, dass ich überhaupt für jede Woche einen Termin vereinbarte. Denn einerseits machen das viele Therapeut_innen so (und ist es ja auch allgemein bei Leuten, die Leute über einen langen Zeitraum behandeln oder betreuen oder sonstwie begleiten wollen, so, dass sie lieber regelmäßige als spontane Treffen machen) – andererseits hatte ich auch schon die Erfahrung gemacht, dass die Termine nicht konstruktiv oder sonstwie hilfreich sind, wenn ich einfach irgendwie so eventuell vielleicht in einen Termin reinstolpere.

Was da jetzt besteht, ist, denke ich, das Ergebnis von Neuroplastizität.
Ich muss nicht mehr intensiv aus einer fest verankerten, weil x-fach bestätigten, Unsicherheit heraus darüber nachdenken, wie sehr ich darauf vertrauen kann, dass meine Annahme richtig ist, in der nächsten Woche noch am Leben zu sein und den Termin auch wahrnehmen zu können.
Irgendwie denke ich einfach, dass das so ist.
Einfach so. Kurzer Dienstweg. Automatische Annahme. Normalisierte Erwartung, dass das auch so eintreten wird.

Emotional ist sowas natürlich nachwievor “gefährlich” und mein traumatisiertes Gehirn erinnert mich auch immer wieder daran, dass Erwartungen enttäuscht werden können. Es hat einen Grund, weshalb ich der Therapeutin “Tschüss – bis nächste Woche” sagte und einen Grund, weshalb ich mir dessen ganz bewusst bin: Ich bekam ziemlich bald darauf Angst, sie könnte die Behandlung jetzt beenden. Könnte nächste Woche nicht mehr da sein – oder ich könnte nächste Woche nicht mehr da sein. Und überhaupt: nächste Woche – wie konnte ich denken, das sei ein überschaubarer, eingrenzbarer Zeit_Raum?!

Ich spürte, wie sich kompensatorische Dynamiken warmliefen. Wie mein Denken umklappte und mir den Horizont bis auf das akute Hier und Jetzt verdunkelte.
Daneben spürte ich aber auch, wie ich das spürte. Wie ich merkte, dass mein Funktionieren sich von jetzt auf gleich verkürzte, verknappte, wie sich in mir etwas ganz klein zusammenschrumpelte, hart machte, ängstlich anspannte und in dieses schreckliche rein reaktive Sein zu balancieren versuchte.

Ich konnte das als Unterschied wahrnehmen. Als etwas, dass so irgendwie aber eigentlich gar nicht sehr so üblich ist. Merkwürdig überraschenderweise. Irritierenderweise. Das will ich jetzt aber lieber so, wie sonst auch – weise.
Oh G’tt oh G’tt, was passiert mit mir-weise.

Die Oh G’tt oh G’tt, was passiert mit mir-Schleife aber, kenne ich. Die kenne ich schon ziemlich gut. Ich habe mich vielseitig und lange damit auseinandergesetzt, was mit mir los ist und glücklicherweise habe ich dazu einige Antworten gefunden, die mir valide und brauchbar sind.
Ich weiß, dass mir bestimmte Dinge Angst machen.
Ich weiß, dass das Bewusstsein jederzeit sterben zu können bzw. nicht mehr zu sein oder Menschen nicht mehr im Leben zu haben, in mir drin ganz besonders gut ausgebaute Reizautobahnen haben, die ganz gerne mal benutzt werden, um 100% sicher zu gehen, dass ich auch ganz wirklich echt und absolut sicher weiß, dass das passieren kann (oder: “WIRD!!11!1”, wie es das mir ins Hirn schreit) und eventuell vielleicht mein Leben bedroht.

Und ich weiß, dass gerade weil es diese Autobahnen gibt – ich noch etwas warten muss, bis das, was da im Volvo auf der Landstraße noch unterwegs ist, auch bei mir angekommen ist. Ich weiß, dass es die Zukunft gibt und ich kann sie er_warten.

In dem Fall der Angst darum, dass die Therapeutin die Behandlung beenden würde oder nächste Woche nicht mehr da sein könnte, ging es darum auf das Gefühl zu warten, das man hat, wenn man sich auf die Kontinuitäten der Vergangenheit besinnt.
Es hat mich beruhigt zu wissen, dass sie uns immer Bescheid gesagt hat, wenn ein Termin mal ausfallen muss (und das nie etwas mit uns zu tun hat) und wie selten das war. Wie viele Wochen wir uns schon kennen, weil wir uns so viele Wochen schon getroffen haben.
Es hat aber auch beruhigt zu erinnern, wie oft wir das schon überstanden haben, wenn Therapeut_innen nicht mehr da waren. Wegen uns oder wegen was auch immer.
Und es hat beruhigt zu wissen, dass ich schon sehr oft hätte sterben können, es aber nicht tat. Wie oft ich überhaupt am Tag denke: “Jetzt sterbe ich” oder “Jetzt könnte ich sterben” – aber dann doch nichts passiert.

Meine kleinen Volvofahrgedanken helfen mir die Autobahnfahrgedanken in ein Verhältnis zu setzen. Sie helfen mir zu planen und Zukunft als feste Größe einzubeziehen. Selbst dann, wenn sie mir gerade sehr unsicher, unkonkret, undenkbar oder auch unvorstellbar erscheint.
Aber ich muss sie abwarten. Ich muss dafür sorgen, dass sie überhaupt losfahren und ankommen können.
Wie das gut klappt, habe ich auch schon gelernt.

Ich brauche einen guten Warteraum.
Was ich in solchen Momenten nicht ertragen (und generell nicht gebrauchen) kann ist eine Umgebung, die mich und meine Autobahngedanken bestätigt oder verstärkt. Sei es durch Unzuverlässigkeit oder Unübersichtlichkeit oder fehlende Möglichkeiten mich in Bezug auf irgendwas selbst_wirksam zu erleben.

So nutzt es mir nichts von 10 Leuten in meinem Leben zu hören, dass ich mich jederzeit melden kann, wenn ich etwas brauche – doch niemanden davon auch wirklich akut erreichen kann.
Es hilft auch weniger “mich abzulenken” als mich “perspektivisch umzulenken”. Kein Wortspiel – ganz richtiger Ernst.
Ich fange heute in solchen Momenten kein Projekt mehr an, das mich absorbiert und 5 Wochen später (schön am Krisenpunkt vorbei) wieder ausspuckt – ich beginne etwas, das mir hilft eine Sicht auf mein Jetzt und mein Nachher zu stärken. Zum Beispiel hilft es mir, mich damit zu befassen, wie ich es gerne hätte – erlaubt auch als völlig zusammengesponnene Utopie.

Gerade in Bezug auf “Ich könnte sterben oder die Therapeutin bricht den Kontakt ab” hilft mir eine Utopie um Volvofahrgedanken anzustoßen.
Denn die Idee für immer und ewig niemals getrennt von der Therapie bzw. der Therapeutin zu sein, kommt mir lächerlich vor – obwohl sich in dem Fall die Angst der Kontakt könnte unerwartet enden, dann erledigt hätte.
Genauso wie mir der Gedanke missfällt, ich könnte sie und die therapeutische Arbeit mein Leben lang brauchen.

Wichtig ist mir da, das Ganze nicht in eine Imaginationsgeschichte zu drehen.
Imaginationen sind mir etwas total Intimes – etwas, was ich nicht gut mitteilen kann – eine Angst vor Beziehungsabbruch oder Todesangst hingegen will ich mitteilen können. Sie zum Anlass oder Teil einer Imagination zu machen, bedeutet für mich, dass ich niemals mit der Therapeutin darüber reden kann, als sei das real da. Vielleicht bin ich da komisch – aber es gehört zu unseren Therapiebedingungen, dass wir nur über Dinge sprechen, die uns real da und echt und wahrhaftig sind.

Andere Aspekte eines “guten Warteraums” ist die Zeit als greifbar erlebbares Ding, das beobachtbar ist und die Relationen der Dinge, die uns sicher erscheinen. Straßenbahnen sind dafür gute Werkzeuge. Es gibt sie – in einer gewissen Variation – und sie fahren – ebenfalls mit einer gewissen Variation der Zuverlässigkeit. Man kann Straßenbahnen gut zugucken und merken, dass alles irgendwie geht. Manchmal auch: vorbei geht.
Sowas beruhigt mich. Und wenn ich beruhigt bin, bummeln die Volvofahrgedanken langsam in mein Denken.

Früher habe ich nicht auf diese Gedanken gewartet. Ich musste lange daran arbeiten sie zu erkennen und gleichermaßen ernstzunehmen wie die Gedanken, die mir schrill den Alarm gemacht haben.
Doch heute – nach vielen Erfahrungen von Momenten, in denen ich sie bemerkte – erwarte ich sie.

Und in ihrer Ankunft – darin wurde ich noch nie enttäuscht.

 

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Spiegelneuronen und eine lange Warteschleife

Seit dem Podstock lächle ich mehr oder weniger durchgehend Kringel in die Luft und fühl mich irgendwie düselig.
Wenn ich so durch die Straßen gehe, werde ich oft angelächelt.
Denn Spiegelneuronen sind etwas Geniales. Und verliebt sein. Verliebt sein auch.

Als Spiegelneurone werden Hirnzellen bezeichnet, die bereits dann Signale aussenden, wenn man (in diesem Fall ein Mensch oder ein Primat) eine Handlung nur beobachtet.
Obwohl bereits 1992 bei Primaten entdeckt, kann man bis heute noch nicht erheblich mehr als darüber mutmaßen, welchen Einfluss diese Zellen darauf haben, wie menschliches Mitgefühl und die sogenannte “Gefühlsansteckung” gestrickt sind.
Forschungen haben jedoch gezeigt, dass sie in jedem Fall daran beteiligt sind, wenn man einander unwillkürlich nachahmt und manchmal auch “nachfühlt”.

Ich lächle so vor mich hin – eine andere Person, lächelt zurück.
Ein Baby wird gefüttert – die fütternde Person öffnet den Mund – das Baby öffnet den Mund.
In einem Film weint eine Person über etwas – das zuschauende Publikum weint eventuell auch mit.

Einfach so.
Ohne bewusste Intension.

Menschen sind soziale Wesen und mit Nervenzellen ausgestattet zu sein, die spiegelnde Handlungen einleiten und „mit Gefühlen anstecken lassen“, ist in sozialen Gruppen eine super Sache.
Der Fanblock im Fußballstadion wäre ein langweiliger Leutehaufen mit peinlichen Schals, würde sich die Gruppe nicht gegenseitig in Freude und Aufregung bringen können.  Andererseits wäre so ein Fanblock auch eine weniger gefährliche Sache, würde sich selbige Gruppe nicht auch in Ärger und Zerstörungsrausch bringen können. Denn auch so spiegelt es sich.

Gewalt, die in Gruppen passiert bzw. Gewalt die von Gruppen ausgeübt wird, werden von Spiegelneuronen also anzunehmendermaßen mitbestimmt.
Parallel dazu werden auch die Traumafolgen, mit denen die Menschen aus ebenjenen Gewalten hervorgehen, davon mit beeinflusst.

Hier berühren wir den Punkt, der die Gewalt an Menschen durch andere Menschen so besonders macht.
Denn: Wenn eine Person eine andere Person hasserfüllt anstarrt und ihr Schmerzen zufügt – wie schaut sie die Person an?
Hasserfüllt wahrscheinlich eher nicht. Mit großer Wahrscheinlichkeit blickt die_r Täter_in in diesem Moment in ein vor Todesangst verzerrtes Gesicht. Oder in ein weinendes Gesicht. Oder in ein Gesicht, das gar keinen Ausdruck zeigt. Oder in ein vom Kampf um Abwehr bewegtes Gesicht.

Spiegelneurone allein können an dieser Stelle nicht weiterhelfen zu verstehen, wie das überhaupt passieren kann.
Wäre dem so, würde ein Hassgesicht einem anderen Hassgesicht gegenüber sein. Oder ein Angstgesicht einem Angstgesicht. In jedem Fall wäre ein Gleichgewicht hergestellt und die zerstörerische Handlung eventuell unterbrochen oder wenigstens gestört. Ein Mensch, der einem anderen Menschen weh tut, müsste (in den eigenen Leib hineingespiegelt) spüren, dass er etwas Schlimmes tut und damit aufhören.

Warum das so oft nicht passiert, beschäftigt nicht nur die Menschen, die diese Erfahrung (egal auf welcher Seite!) gemacht haben, sondern auch Forscher_innen. Es gibt Theorien, die sagen, dass manche Menschen aufgrund bestimmter neurologischer Strickmuster nicht in der Lage sind, auf den Anblick anderer Menschen spiegelnd zu reagieren und es gibt Theorien, dass das Moment der Gewalt selbst, der Spiegelung den Raum nimmt.
Und es gibt Theorien, die Spiegelphänomene ganz und gar außer Acht lassen.

Spiegelneurone und ihre Aktionen können aber erklären, wo der Hass herkommt, der plötzlich in der Person auftaucht, die mit ihm konfrontiert wurde. Tage, Stunden, Monate, Jahre – Jahrzehnte später.
Übersetzt zu uns: wo Innens herkommen, die Hass – auch nach außen – tragen. Scheinbar einfach so.

Wir haben bis heute mal mehr mal weniger mit Innens zu tun, die nichts anderes tragen, als zu hassen, zu zerstören, Schmerz zuzufügen.
Was ich von so einem Innen merke, ist manchmal nichts weiter, als so ein weißer Affekt, der sich die Bahn zu brechen versucht, obwohl er weder Ziel noch mehr Logik hat, als “gegen” oder “NEIN” – selbst dann, wenn kein “echter Anlass” da ist, sich für oder gegen etwas entscheiden zu müssen.

Als wir noch jünger waren, gingen wir durch eine Zeit, in der das gnadenlose “NEIN” schon rausbrach, wenn uns jemand nur angefasst oder auf andere Art invasiv mit uns umgegangen ist. Dazu gehört bis heute uns zu beobachten, länger anzuschauen, zu kommentieren, was wir tun, uns keinen eigenen Raum zu geben bzw. zu lassen.
Heute, wo wir mehr davon erinnern, wie unser ganz üblicher Kinderalltag ausgesehen hat, ist das NEIN kein losgelöster Affekt mehr, der einfach so als Reaktion auf einen Trigger (wie soziale Invasion) auftauchen kann.
Es ist ein reingespiegelter Teil dessen, was uns angetan wurde.

Ich hab gesagt: Nein – Batsch –Schmerz – Schwarz – Weiß – Stunden später: Es ist nie irgendwas passiert

Wie schon beschrieben, bezeichnet der Begriff der Dissoziation das Getrennte, das Unverbundene. Situationen wie diese, waren für uns zum Einen so krass, dass sie nicht zu einer runden, gesamten Erfahrungen verarbeitet wurden, zum Anderen, waren sie aber auch so üblich, dass wir nur sehr selten in den Entspannungsmodus kamen, der die Verarbeitung ermöglicht.
Das heißt: der ganze Kleinscheiß – der Anblick der Person – das Batschgeräusch zwischen Täter_innenhand und eigener Haut, zwischen Kopf und Wand – die Gedanken, Gefühle, Analysen und Berechnungen, die angestellt wurden, um zu verstehen, was da gerade mit uns passiert und warum und wie man sich daraus retten könnte – dieser Schmerz, der wie ein Baumstamm einmal das ganze Ich und Sein durchschießt – und der ganze klebrig unfassbare Dusel, mit dem man direkt danach durch komplett entgegensetzte Situationen ging, diese ganzen kleinen Teile der Gesamterfahrung, blieben wo sie waren.

Eben auch der Anblick der Person und das Moment der Spiegelung.

Unsere Theorie ist, dass für Spiegelphänomene in sozialen Gewaltmomenten keine Kapazität ist. Der Vorgang an sich aber relevant bei der Verarbeitung der Erfahrung. Genauso wie das Erinnern bestimmter Gedanken und Nach_Empfinden bestimmter Gefühle in der Situation, relevant für die Verarbeitung ist.

Gehirne mögen Verarbeitung.
Je mehr zusammenhängende Informationsnetze ein Gehirn zur Verfügung hat, desto weniger Energie geht dafür drauf, von A nach zu B zu greifen, aber C in die Finger zu kriegen und deshalb nur AC fabrizieren zu können, obwohl AB adäquat wäre.
Das ist, was am Ende eine PTBS und dissoziative Störungen letztlich zu “Störungen” macht. Dass das Gehirn eventuell nur sehr wenige wirklich konsistent zusammenhängende Informationscluster aus gemachten Erfahrungen und Reizwahrnehmungen hat stricken können und in der Folge zu “Fehlgriffen” neigt.
Dies kann eine Fehlinterpretation von Situationen bedeuten, kann aber auch “falsche” Emotionen oder Gedanken zu bestimmten Situationen bedeuten.

Wobei zu diskutieren sein dürfte, wie “falsch” Emotionen überhaupt sein können und, ob ich mit den Begriffen “Fehlgriff” oder auch “Fehlinterpretation” eine irreführende Sprachführung nutze.
Denn.
Dissoziation bzw. dissoziative Traumafolgestörungen sind nicht chaotisch.
Können sie gar nicht sein, denn Reizwahrnehmung ist nicht chaotisch.

Menschenkörper funktionieren über alle Sinne. Das sind entgegen der üblichen Annahme nicht nur Hören, Schmecken, Riechen, Tasten, Sehen, sondern auch der Gleichgewichtsinn, das Schmerz – und Temperaturempfinden und die sogenannte “Tiefensensibilität” (für die Lage, die Kraft, die Bewegung des eigenen Körpers).

Es wichtig über diese Sinne Bescheid zu wissen. Auch für die eigene Beschäftigung mit dem, was als Fetzen eigenen traumatischen Kleinscheißes mal eben so in den Alltag fliegen kann, scheinbar ohne Sinn zu ergeben.
Als unsere Auseinandersetzung mit der Dissoziation und ihrer Mechanik begann, lernten wir noch, (grob gesagt) dass wir so viel Angst hatten und so in unserem Urvertrauen erschüttert waren, dass in uns alles durcheinander gekommen ist.
Später dann lernten wir, dass unser Gehirn durcheinander gekommen sei, weil das Erlebte einfach alles zu viel war.

Wir lernten also, dass unser Körper vorrangig Empfänger der traumatisierenden Erfahrung war und darin nicht sehr gut, denn jetzt ist eben alles durcheinander und in kleinen unverarbeiteten Fetzen in unserem Hippodings und macht die DIS.
Hm.

Für mich verband sich das damals alles sehr zu einer Art mir “objektiv wissenschaftlich” zu sagen, dass mein Körper eben Opfer wurde und also ausgeliefert und also zu nichts weiter in der Lage, als dysfunktional zu werden, weil Trauma das eben macht.
Was nicht ganz falsch ist – aber eben auch nicht ganz richtig.

Dazu noch eine Schleife.

In einer traumatisierenden Situation werden alle sensorischen Kanäle mehr oder weniger gleichzeitig überreizt. Selbst dann, wenn gar keine äußeren Reize da sind [denn: Körper finden Reize geil, weil sie so wissen, dass sie sind. Wenn sie keine kriegen, “machen sie sich welche”. Das können zum Beispiel Halluzinationen, Juckreiz oder auch (Wahn)Ideen sein. Diesen Input über einen längeren Zeitraum “machen zu müssen”, ohne sich selbst dafür zu desensibilisieren, führt zu ganzen ähnlichen “Übersteuerungen”/”Überreizungen”, wie es in Situationen mit enormer Reizüberflutung von außen der Fall ist.]

Man kann es sich vorstellen wie damals, als Telefongespräche noch von einem Fräulein bei der Vermittlung von Hand von A nach B zugestellt werden mussten.
Gibt es 20 Anrufwünsche auf einen Anschluss, muss man 19 Anrufer_innen sagen: “Hier ist besetzt – versuchen sie es später nochmal.”. Das muss 19 mal passieren und 19 Mal auch gemacht werden. Was aber, wenn die 20 Leute alle bei der Polizei, der Feuerwehr oder dem Krankenhaus anrufen wollen, weil es genau jetzt in diesem Moment ohne wenn und aber brennt, blutet oder Rettung in Not braucht?
Praktisch wären mehrere Anschlüsse – aber sowohl damals als auch heute in menschlichen Gehirnen, gibt es leider nur den einen.

Ich bleibe bei dem Beispiel.
Nehmen wir an, die 20 Menschen, die beim Krankenhaus anrufen, sind alle am gleichen Unfall beteiligt. Alle sind so aufgeregt, dass sie sagen: “Ok – damit wir alle drankommen, teilen wir uns auf. Jede_r sagt die eine Sache, die wichtig ist für die Leute im Krankenhaus.”.
Der Witz: um zu wissen, dass die Kacke am Dampfen ist, braucht das Krankenhaus keine 20 Anrufe von allen 20 Beteiligten, sondern einen. Dem Rest wird nicht zugehört – sie werden nicht gebraucht, denn die Lebensrettung ist schon eingeleitet.

Übertragen auf die Reizlage in traumatischen Situationen, könnte man sich vorstellen, dass bei komplex traumatisierten Menschen mit dissoziativen Traumafolgen, die 20(0.000 … Anrufer_innen) bis heute in der Warteschleife hängen und das Fräulein in der Vermittlung, sich ab und zu durch einen anderen Anruf an eben diese Anrufer_innen erinnert und spontan mal jemanden durchstellt. (Was auch erklärt, weshalb keine_r dieser Anrufer_innen der Polizei zur Verfügung steht, bzw. das, was sie zu sagen haben – just sayin)

Was hat das jetzt mit den Spiegeldingern zu tun?
Nun. Kann sein, dass ein_e Anrufer_in mal eine Resonanz mitzuteilen hat. Ein Nachempfinden oder “emotionales Spiegeln”, das jetzt keinen Bezug mehr hat – aber damals durchaus hatte. Wichtig hierbei: Ja, es hat jetzt keinen Bezug – das bedeutet aber nicht, dass es unwichtig ist, oder keinen Sinn mehr hat.

Mir war das damals wegen des bloßen Empfänger/Opfermodells nicht so klar.
Ich hatte früher sehr viel häufiger noch als heute, plötzlich Momente, in denen ich von jetzt auf gleich richtig schrille Notgefühle hatte. Entsprechend meines Wissens dachte ich damals noch, dass es sich dabei nur um emotionalen Nachhall handelt. “Ich war mal in Not und bin nicht drauf klargekommen, weil…”. Erst später – “einige verspätet durchgestellte Anrufer-innen später” – wusste ich, dass ich die Notgefühle von einer anderen Person in mir spürte. Einer Person, deren Misshandlung ich beobachtet hatte.

Meine Zeug_innenschaft dieses Moments war für mich genauso überreizend, wie es die Opferschaft dieses Ereignisses für mich gewesen wäre. Auch aus dieser Situation konnte ich nicht weg. Konnte ich mich nicht retten, konnte überhaupt nichts beeinflussen – alle Reizkanäle waren dicht.
Das Überleben war die Aufteilung, die Anrufer_innen mussten 13 Jahre warten.

Die Entdeckung meiner Fähigkeit die Gefühle anderer Menschen (mit/nach)fühlen zu können, war für mich enorm.
Da war ich etwa 21, 22 Jahre alt und erstmals in der Situation zu verstehen, dass in anderen Menschen Dinge passieren. Gefühle, Gedanken, Welten, die meiner ganz unterschieden sind.

Nicht, weil ich das nicht wusste. Ich wusste, wie jemand guckt, der traurig ist und was man dann macht und sagt und sich kümmert.
Begriffen habe ich die Eigendynamik, das Einzelne jedes Menschen in seinem Inneren, aber erst durch diesen sehr schrillen Moment aus einem Früher, das mich zur Zeugin hatte. Ich war nicht beteiligt an der Not der Person. Ich hatte sie nur beobachtet, wie ich immer die Dinge um mich herum beobachtet hatte, die alle irgendwie mal mehr mal weniger Sinn für mich ergaben. Mal mehr, mal weniger vorhersehbar für mich waren. Mal mehr, mal weniger dynamisch lebend – so wie ich mir selbst vorkam – erschienen.

Heute ordne ich sowohl den Zeitpunkt dieser Entdeckung, als auch den Umstand, dass ich diese Entdeckung überhaupt machen musste, dem Autismus zu.
Und eben nicht einer emotionalen Flachheit, die traumatisch bedingt ist.
Emotionales unbeteiligt sein, ist für viele traumatisierte Menschen ein Thema. Manche fühlen sich selbst dumpf und leer, manche nehmen die Interaktion mit anderen Menschen als dumpf und leer wahr. So, als wären da keine Gefühle oder Gedanken oder als wäre das, was da ist, unsinniger Quatsch oder eigentlich doch total egal.

Ich habe dieses Empfinden vor allem in depressiven Episoden. Oder, wenn wir uns nicht mit genügend Abstand traumatischem Material zugewendet haben und ich mit verstärkter Dissoziation darauf reagiere.
Mein Denken von anderen Menschen, als “anderes Ich mit ganz eigenen Dimensionen in sich (so wie ich (wir)), war einfach nicht da. Es fehlte, wie einem die Information fehlen kann, wie die Hauptstadt von Indonesien heißt oder was genau der Bundespräsident von Deutschland so arbeitet.
Es hat mir nicht gefehlt. Aber viel von meinem Verständnis von mir und meinen Fähigkeiten verändert, als ich es dann wusste.

Ich erfuhr von den Spiegelneuronen und davon, dass es für andere Menschen überhaupt kein Thema ist zu fühlen (und eben nicht wie bei uns – zu wissen oder zu schätzen –) was in anderen Menschen vor sich geht.
In den letzten Jahren ist darüber auch noch eine weitere Ebene für mich klarer geworden, die mich, die uns, bisher nie belastet hat: das zwischenmenschliche Trauma

Der Aspekt einer Traumatisierung durch andere Menschen, der daran hängt, wie ein Mensch, den man liebt oder der eine emotional wichtige soziale Rolle hat, so viel Schmerz, Leid, Not auslösen kann.
Bis heute haben wir keine Erinnerung daran, mal gedacht zu haben, dass uns die Liebe oder soziale Rolle einer Person vor Leid durch sie schützen könnte. Oder daran, dass es ein besonderer Vertrauensbruch war, wenn wichtige Personen schreckliche Dinge taten. Oder, dass es einen Unterschied für uns gemacht hat, wenn Person A etwas Schreckliches mit uns gemacht hat oder Person B.
Das hat es nicht. Hat es nie und macht es auch heute im Erinnern nicht.

Wir haben die ganzen Ichs um uns herum, nie als solche erkannt und verstanden.
Und heute denke ich, dass das sehr wichtig ist für unser Verständnis um das, was passiert ist und was es heute für uns bedeutet.
Es ist wichtig, weil es uns aus Ideen herauslöst, unser Leben könnte so schrecklich gewesen sein, dass uns jeden Tag etwas Schreckliches passiert ist und wir niemals so etwas wie Liebe oder Zuwendung erfahren haben. Weshalb wir nie Urvertrauen aufgebaut haben oder jemals eine Bindung zu jemandem hatten.

Wir hatten sicher auch liebevolle Menschen in unserem Leben. Aber wir haben geliebt, was sie uns sagten und uns gezeigt haben – und nicht sie selbst, denn sie selbst konnten wir nicht “sehen” oder “erspüren”.

Es erklärt uns, warum uns bis heute, die ganze Welt als etwas in uns verankert haben, das uns zu jeder Zeit und aus jedwedem Grund tiefgreifend verletzen und zerstören kann. Wenn man sich selbst als Dynamik – alles andere um sich herum aber als mehr der weniger  starre, fremde, ferne, unverständliche und unvorhersehbare Mechaniken erlebt, kann das schon mal vorkommen.
Und ist in der Folge sehr logisch.

Und bedeutet dann eben auch, dass wir über unseren traumatischen Kleinscheiß in der Warteschlange anders denken müssen.
Wir brauchen sie nicht mehr suchen – die Enttäuschung über eine Person, wegen eines Vertrauensbruchs, ein Misstrauen gegenüber einer Person, das vielleicht mal irgendwo war, der Wunsch einer Person zu gefallen oder der Gedanke, etwas zu tun, damit eine Person glaubt, dass … Diesen ganzen sozialen Heckmeck, den wir heute nicht machen, weil wir ihn nicht können, werden wir mit großer Wahrscheinlichkeit auch früher nicht durchgemacht haben. Er wird also kein Teil unserer Traumatisierung sein.

Wohl aber werden Enttäuschung, Misstrauen, Wünsche oder Gedanken da gewesen sein. Nur eben nicht mit dieser Art von Personenbezug.
Wir beziehen uns anders und haben das schon immer gemacht.
Das zu wissen ergibt Sinn. Und einen enormen Anschub in unseren Erinnerungsprozessen.

Für uns hatte sich schon viel geklärt, nachdem wir verstanden hatten, das manche unserer heute störenden Reaktionen mit traumatischen Erfahrungen zu tun haben. Beziehungsweise damit, dass wir bestimmte Dinge in Anpassung an die ständige Gefahr weiterer traumatischer Erfahrungen gelernt haben.
Mit dieser Schablone braucht man dann nur noch rückwärts gehen und kann sich an das Moment vortasten, zu dem bis heute Anrufer_innen durchgestellt werden.

Uns hat dieses Vorgehen geholfen bestimmte Sachinformationen erinnern. Das ist, in etwa, in dieser und jener Abfolge passiert und wir waren überreizt.
Es hat aber nicht geholfen zu verstehen, warum. Wovon waren wir überreizt? Was genau hat dieses Moment zu einem traumatischen Moment für uns gemacht?

Das ist, worin uns die bestehende Forschung und Literatur kein Stück weitergebracht hat. Ja sogar von unserem Weg weggeleitet hat.
Denn Menschen, die andere Menschen nicht als etwas wie sich selbst wahrnehmen – also Menschen, die nichts von sich in anderen Menschen finden (und ergo suchen) – werden an keiner Stelle mitgedacht.

So erleben wir heute nachwievor ähnliche Überforderungsgefühle wie früher, wenn ich über die Personen nachdenke, die mich verletzt haben.
Ich spüre den heißen, weißen Affekt – spüre den Hass – spüre das NEIN, das mir den Kopf gegen eine Wand wirft – und kann nichts damit anfangen. Außer mir die Information zu geben: Ablehnung. Oder: Nicht unter Kontrolle. Oder: Nein.
Es sagt mir nichts über die Person. Bringt mich ihr nicht näher. Macht nicht, dass ich mich in sie hineinversetzen kann und darüber mehr über meine Situation verstehe.

Ich habe Löcher in meinem Blick auf Situationen und kann diese nicht mehr in jedem Fall mit dissoziativen Brüchen oder normalem Erinnerungsverlust erklären. Schlimmer noch finde ich ganz ähnliche Löcher heute in meinem Blick auf mein ganz alltägliches Leben unter und mit anderen Menschen in ganz alltäglichen Situationen. Und zwar nicht, weil wir viele sind und irgendwie nicht so gut funktionieren. Oder, weil wir es immernoch nicht schaffen, gut zusammenzuarbeiten.
Sondern, weil etwas nicht so da ist, wie das bei so vielen anderen Menschen da ist.

Das macht auch Einsamkeit noch einmal zu einer Sache mit einem anderen Dreh.
Doch dazu im nächsten Text.

*Text als PDF zur freien Weitergabe

“…für immer” oder: innere Wahrheiten

Es gibt einen Gedanken, den wir uns, wann immer er sich auszuformen beginnt, zerlegen müssen.
“ES hört nie wieder auf.” Oder: “Für immer wird …/werde ich…”.

Dieser Gedanke ist in uns so fest und stabil gewachsen, dass er eine Wahrheit ist. War.
Er ist so eng in unser Er_Leben gebunden, wie der Gedanke: “Der Himmel ist blau” oder “Regen fällt immer von oben nach unten.”. Genau wie diese beiden Wahrheiten, formte er sich aus alltäglichen Beobachtungen und Erfahrungen.

Kinderwahrheiten sind krass, denn Kinderleben sind krass. Kinder sind Überlebenspunks und das ist gut so. Vor allem ist es gut für sie.
Wenn ein Kind eine Wahrheit für sich etabliert, dann tut es das in jedem Fall, um das eigene Leben zu sichern und zu strukturieren. Es ist wichtig bestimmte Wahrheiten zu haben, um sich eine Basis zu bilden, von der aus die Welt immer wieder neu erkundet und abgeglichen werden kann.

Kinder, in deren Leben Gewalten wirken, die zu Schaden, Schmerz und Todesängsten führen, entwickeln spezifische Wahrheiten.
Was logisch ist, denn Gewalterleben ist spezifisch.
Das Problem: die Wahrheiten aus Zeiträumen eines Gewalterlebens können manchmal nicht mit den Wahrheiten “des restlichen Lebens” verknüpft und/oder differenziert wahrgenommen werden.
Zum Einen, weil sie einander manchmal vielleicht komplett widersprechen (“Erwachsene Menschen sind eine sichere Quelle für Wohlbefinden und Sicherheit” versus “Erwachsene Menschen sind eine (sichere) Quelle für unaushaltbaren Schmerz und Todesangst”) zum Anderen, weil Gewalterleben für Kinder so krass sein kann, dass die, sagen wir mal “Konstruktionsweise” dieser Wahrheiten eine andere ist.

In dem Artikel “Trauma, Trigger, Volvo fahren”, hatte ich bereits angedeutet, wie krass schnellvielzuvielalleszuviel das Erleben einer als lebensbedrohlich und unausweichlich (schmerzhaft/schädigenden) Erfahrung ist. In diesem Text versuchte ich nachvollziehbar zu machen, wie logisch entsprechend der Zerfall der Selbst- und Umweltwahrnehmung ist – mindestens in genau dem Moment, in dem diese Situation passiert.
Um eine zerbröselte Umwelt- und Selbstwahrnehmung lässt sich schlecht eine runde ganze stimmige Wahrheit bilden. Wohl aber um das Gefühl, das mit diesem Zerfall einhergeht. Oder um den Status der eigenen Un_Befähigungen. Oder um den Umstand, der (vermeintlich) zu dem Gewalt_Erleben geführt hat.

Menschliche Gehirne sind supernachtragend, was miese Erfahrungen angeht. Sie merken sie sich ganz besonders gut, um sie nicht noch einmal machen zu müssen. In Sachen Gewalterleben und/oder Verwundetwerden, sind sie Obermegaprofis.
Obermegaprofis mit perfekter Marketingstrategie. Schnell, intensiv, eingängig – so sind Traumawahrheiten gestrickt und speziell traumatisierte Gehirne sind bereit zu jeder Gelegenheit eine Flut von Wahrheiten-Spam rauszuballern, wenn am Horizont etwas auftaucht, das eventuell vielleicht dazu passt.
An dieser Stelle zeichne ich keineswegs nur die Funktion von “Traumatriggern” nach.

Sämtliche Wahrheiten, die Menschen in sich herum tragen, kommen aus allen möglichen Erfahrungen und Beobachtungen. Manche aus Gewalterleben, manche nicht. Unser Gehirn schickt uns aus Wahrheiten-Spam, wenn wir verliebt sind, wenn wir ein Thema total interessant finden, wenn wir uns etwas Neues anschauen oder eine neue Fähigkeit erlernen. Denn alles, was Menschen in ihrem Leben lernen und wahrnehmen, kann sowohl angenehme als auch unangenehme Qualitäten haben.
Dass ich nach einem Treppengeländer greife, hat nichts mit der Wahrheit zu tun, dass Geländer genau dafür da sind – sondern damit, dass ich weiß, wie weh es tut, eine Treppe hinunter zu fallen. Um das zu wissen, musste ich aber erst einmal eine hinunter fallen – dann begreifen, wie das passiert ist – wie ich es besser mache und dann noch, welche Rolle das Geländer dabei spielen kann.
Das heißt: es geht nie um eine Wahrheit bzw. ein Beobachtungsergebnis allein, wenn man dabei ist, eine bestimmte Erfahrung (neu) zu machen. Es geht immer um eine ganze Traube von Wahrheiten. Im Beispiel mit der Treppe geht es um die innere Wahrheit, dass ich laufen kann; dass ich auf eine bestimmte Art laufen kann (um sie hoch und runter zu kommen); dass ich mein Gleichgewicht halten kann usw. usw. usw.

Wahrheiten, die sich aus traumatischem Gewalterleben (also einem Erleben von Gewalt, das traumatische Auswirkungen auf eine Person hatte), herausentwickeln, sind der Premiumspam, den Gehirne auffahren können. Zum Einen, um eine Wiederholung zu verhindern und zum Anderen, um als Teil der aller gemachter Lebenserfahrungen verknüpft zu werden.

Ich kann die Wahrheit “ES hört nie wieder auf” an uns in so vielen Aspekten unseres Lebens reflektieren, dass ich mich manchmal frage, wie wir das überhaupt aushalten, dennoch immer wieder in Momente hineinzugehen. Kontakte zu knüpfen, neue Erfahrungen zu machen und insgesamt scheinbar ständig in Bewegung zu sein.
Und inzwischen weiß ich, dass es genau darum geht.

Nichts kann anfangen nie aufzuhören, wenn alles immer wieder neu begonnen wird.

Jeder Tag, jede Aktivität, jeder Kontakt. Immer wieder neu ist es Hier und Heute.
Wir, als Person, die sich und ihre Umwelt dissoziiert (also eher fragmentarisch (fragmentiert)) erlebt, haben schon kein rundes, ganzes, umfassendes Sein im Alltag. Ist ein Kanal auf, sind alle anderen zu oder nur sehr begrenzt offen. Entsprechend wandeln sich unsere Sichten auf die Welt und damit auch das Set an inneren Wahrheiten, mit denen wir (Innens) jeweils leben und sind.

Es ist nicht so, dass wir jeweils ganz vorn anfangen müssen, uns die Welt zu erklären oder zu bewahrheiten. Es ist aber so, dass wir uns mit diesen Wahrheiten befassen müssen, um mehr Kongruenz füreinander zu er.schaffen (und so die dissoziativen Brüche zu verschließen).
Denn unser Leben mit DIS ist (neben vielem anderen) das unvermittelte Bemerken, dass sich manches Erleben völlig konträr zu dem verhält, was konkret passiert. In einer Innenansicht formuliert würde ich schreiben, dass ich plötzlich merke, wie ein anderes Innen etwas sehr dringend vermeiden will, das mich selbst seit Jahren mit Freude erfüllt, ohne je ein Problem gemacht zu machen.
Das vielleicht nochmal übersetzt in das, was ich von traumatisierten Menschen verstanden habe, die nicht viele sind: “Erst war alles okay (wie immer) – und plötzlich ist alles scheiße (als wäre es nie okay gewesen) und ich weiß nicht, warum.”.

“ES hört nie wieder auf” ist eine Kinderwahrheit bei uns. Eine, die so fest und klar inmitten von uns steht, dass es schwierig ist, sie zu verpflanzen oder zu verändern – vor allem nicht in Momenten, in denen wir sie von den Innens spüren, die sie etabliert haben, weil das ihre Realität war – und bis heute ist.

Was wir dann machen, ist nicht mehr die Schleife, die wir zu Beginn der Therapie erfahren haben. Die “Was du fühlst ist falsch (alt) – IN WAHRHEIT ist jetzt…”- Schleife.
Wir haben inzwischen verstanden, dass wir genau auf diese Ansprache geeicht sind. “Was du denkst/fühlst/wahrnimmst ist falsch – eine andere Instanz/Autorität (!) weiß es besser (du musst machen/glauben (du darfst nicht in Frage stellen oder in Zweifel ziehen), was diese Person sagt oder dir vorgibt).”. Das ist eine Wahrheit, die für uns vermutlich nie mit Dingen verknüpft war, die wirklich und tatsächlich gut für uns waren – sehr wohl aber für Menschen, die etwas davon hatten, wenn wir dem gefolgt sind.

Und hier sind wir an einem Punkt, den wir für wichtig halten.
Natürlich könnten wir uns hinstellen uns sagen: “Die Täter_innen haben einen Mechanismus pervertiert, der eigentlich immer nur Hilfe und Gutes bedeuten soll.”. Oder sagen: “Die Täter_innen haben ausgenutzt, dass wir es nicht besser wussten.”.

Tatsächlich stellen wir uns hin und sagen, dass autoritäre Sozialstrukturen immer gewaltvoll sind. Dass es immer gewaltvoll und ergo immer unterdrückend ist, wenn eine Person die Gedanken, Gefühle und inneren Wahrheiten einer anderen Person als falsch deklariert und durch die eigene oder eine vermeintlich “neutrale” (“echte” oder “wahrhaftige”) ersetzen will.

Für uns gehörte das zu den Wahrheiten, die wir dank der Auseinandersetzung mit Gewalt als menschliche (Sozial)Dynamik inzwischen reflektiert haben.
“Andere haben immer Recht.”. “Meine Sicht ist falsch, weil … (ich ich bin (Tochter von Eltern, die…), ich krank bin (Patientin von Dr. XY, die_r …), ich betreut bin … (Betreute von XY, die_r…) …”. “Meine Gefühle und Gedanken gehören nicht in diese Welt, denn andere teilen sie nicht/verstehen sie nicht/halten sie für falsch oder unpassend.”.
Alles Wahrheiten, die nachwievor da sind, jedoch durch unsere aktive Auseinandersetzung noch eine schöne Traube anderer Wahrheiten an ihrer Seite haben. Zum Beispiel hängt neben “Andere haben immer Recht”: “Manchmal haben wir Recht” und “Recht zu haben bedeutet nicht mehr, als eine Sache richtig/passend eingeschätzt zu haben” und vieles mehr.

So nehmen wir den Gedanken “ES hört nie wieder auf.” als die Wahrheit ernst, als die sie gerade für jemanden passiert.
Ein Kinderinnen, das keinen Zeitbegriff hat, ist schlicht nicht in der Lage eine Idee von Anfang und Ende zu haben. Es hat keinen Sinn so einem Innen zu sagen, dass ES schon aufgehört hat oder aufhören wird, solange es noch keinen Bezug zu Zeit_erleben hat.
Für uns hatte es auch fatale Folgen zu versuchen, in so ein Innen viele neue Erfahrungen hineinzugeben, “damit es sieht, wie toll und sicher das Heute in Wahrheit doch ist.”. So kam es zu einer weiteren Spaltung, in der ein Kinderinnen seine Wahrheit behielt und ein anderes (neues) die Negierung dessen unter dem Zwang (der sich aus dem therapeutischen Machtgefälle ergab) zur “eigentlichen” Sicht auf die Welt (wie sie für das Außen “in Wahrheit” ist, er.trug. Dieses neue Innen war nichts weiter als das, was das Außen wollte: ein Innen, das die Welt im Heute ganz und gar klasse super sicher toll findet (und der Behandlerin das Gefühl gibt alles richtig gemacht zu haben – und also das andere Kinderinnen nicht weiter bedrängt).

Heute haben wir gute Erfahrungen damit gemacht, uns erwachsene Innens an die Wahrheiten der Kinderinnens anzunähern als etwas, das zu ihrer Zeit – zu unserer Kindheit – tatsächlich wahr war. Für sie. Völlig unabhängig von dem Außen, in dem sie damals gelebt haben.
Was für uns, die wir diese Kindheit nicht bewusst erlebt haben, bereits ein 24/7 Kampf um Wahrheit, Echtheit, emotionale Balance und Erhalt des eigenen Bildes von Welt und Leben ist. Noch lange, bevor wir uns den Erfahrungen dieser Kinderinnens bzw. diesen Kinderinnens selbst zuwenden.

Wir wenden uns nur ihnen und ihrer Wahrheit zu und wollen das im Moment auch nicht anders machen. Wir benutzen unsere inneren Wahrheiten nicht dazu Rückschlüsse auf die Echtheit oder objektive Wahrheit dessen zu ziehen, was damals passiert ist. Sind inzwischen auch soweit okay damit zu sein, sollte sich irgendwann herausstellen, dass von dem, was wir bisher als Erinnerungen eingeordnet und unserer Therapeutin geschildert haben, nur 0,001% auch wirklich richtig objektiv wahr nachweisbar passiert ist. Für uns ist diese Wahrheit nicht wichtig und wir machen unsere Erinnerungen nicht wichtiger als das, was sie sind: das Ergebnis von Reizwahrnehmung und Verarbeitung in unserem ganz persönlichen Rahmen der (neurologischen und psychischen) Gegebenheiten.

Wir können uns das aber auch erlauben. Wir sind nicht in einem OEG-Verfahren oder haben eine Anzeige erstattet.
Um uns diese Form der Auseinandersetzung zu erlauben, haben wir unsere Ansprüche als von Gewalt traumatisierte Person an diesen Staat und diese Gesellschaft, so weit runtergeschraubt, dass immer unsere Schwierigkeiten hier und jetzt eine Rolle spielen. Niemals aber das Leiden oder der Schmerz von dem wir in der Therapie über das Früher erfahren.

Ist nicht unproblematisch.
Muss niemand genauso auch machen.

Doch für uns markiert dieser Umgang einen jederzeit erreichbaren Zeitbezug, der über die Jahre sehr fest und stabil in uns verankert ist. Und zwar für sehr viele von uns. Selbst jene, die nachwievor an der Andersheit unserer Lebenskontexte zweifeln.
Eine Grundvoraussetzung für die Therapie ist, dass wir über früheres als früheres sprechen. Eine Grundvoraussetzung unserer Wohnung, des Hundes, unserer Selbstfürsorge ist, dass früheres nicht mehr als früher Geschehenes ist und heutiges genau heute geschieht.
Das kann man sich als dickes Seil durch unsere Lebensrealität vorstellen, an dem kleine Signalwimpel baumeln.
Es gibt viele Dinge und Dynamiken, die früher auch wichtig waren. Essen und schlafen müssen zum Beispiel. Doch heute hier und jetzt haben sie eine andere Bedeutung als damals und bilden damit Anlass zu neuen Wahrheiten, die in Abgrenzung und Vergleich zu den alten Wahrheiten stehen können, ohne richtiger oder falscher zu sein.

Auch Wahrheiten-Premiumspam kann so in seiner Flut eingedämmt werden.
“ES hört nie wieder auf.” kann von uns gut von Wahrheiten eingedämmt werden, die wir aus anderen Erlebensqualitäten ziehen. Zum Beispiel mit erst einmal banalen Wahrheiten wie: “Der Regen fällt immer von oben nach unten.” oder “Die Welt dreht sich weiter.” oder “Eine Sekunde ist der Abstand zwischen Tick und Tack” oder “Ich stehe hier in meiner Wohnung.” oder “Das ist NakNak*.”.
Es ist extrem anstrengend solche Dinge zu denken, wenn im Kopf diese Flut herrscht. Es ist – ohne das ganze jetzt noch mehr banalisieren zu wollen – tatsächlich so, wie die eine echte Email in einem Postfach hunderter Spammails zu finden, wenn es keine Filterfunktionen und nur teilweise dargestellte Betreffzeilen gibt.
Man hört hunderte Male auf zu suchen. Wird hunderte Male ertränkt. Sieht sich immer und immer wieder den alten Wahrheiten folgen und vermisst nicht mal die neuen, denn es lebt sich ja immer weiter. Mit egal welcher Wahrheit, die man hat und verfolgt.

Ich habe vor einer Weile mitten in einem unkontrollierten Erinnern gemerkt, wie stark die Wahrheit in mir war, das, was ich da fühlte, als wäre es hier und jetzt, würde niemals enden. Wie sehr es mir jeden Widerstand genommen hat. Jede innere Konsistenz. Jeden Horizont. Und auch jedes Maß für das, was tatsächlich mit mir passierte. Ja, ich hatte einen Schmerz, schreckliche Gefühle und die Art Angst, die im Kopf rauscht und die eigenen Ränder weiß macht – aber all das war plötzlich nicht mehr eine Reaktion auf etwas, sondern ich selbst. Ich selbst war der Schmerz, die Gefühle, die Angst und das, was irgendwie gar nicht mehr so richtig ganz ich war. Und ich war ewig. Ohne Anfang und ohne Ende. Ich war das traumatische Moment und ich war für immer.

Aber ich bin auch ein Alltagsinnen. Das heißt: irgendein Alltagsding, hat mich wieder ins Hier und Jetzt gebracht.
Eine Weile später war mir sehr bewusst, dass das nur ein Erinnern an einen Zustand inmitten einer traumatischen Situation war. Etwas, das vergangen ist. In zweierlei Hinsicht. Mein Erinnern war vorbei und das, was ich da erinnert hatte war vorbei. Auch das ist eine Wahrheit: “Mein Erinnern hatte ein Ende, wie das woran ich mich erinnerte eines hatte.”
Eine Wahrheit, die ich ganz dicht neben “Es hört nie wieder auf.” hängen kann. Vielleicht sogar so dicht, dass es die Wahrheit des Innens berührt, dessen Erfahrung ich erinnert hatte.
Es wird mir beim nächsten Mal (und ja, dieses nächste Mal mitzudenken ist Teil meiner Lebensrealität, die sich nicht dadurch verändert, dass ich das nicht tue) sehr banal erscheinen, an das Ende von Erinnern und Erfahren zu denken – aber es macht mir einen Zeitbezug. Einen, den das Innen zur ersten Wahrheit vielleicht auch spüren kann.

Das ist was gemeint ist, wenn Therapeut_innen davon sprechen, das man einander innen bekannt machen soll. Dass man miteinander in Kontakt gehen soll.
Das bedeutet nicht immer, dass man einander mit Namen und Alter vorstellt und aufschreibt wer “wofür zuständig ist” und sich darauf einigt, wer wieviel “Außenzeit kriegt. Bei uns hat das nie gut geendet so vorzugehen, denn diese Vorgehensweise war viel zu invasiv für uns.
Wir widmen uns dem, was wir voneinander mitkriegen.

Und manchmal ist es das so eine Wahrheit.

*Text als PDF zur freien Weitergabe

Fundstücke #49

Unser Bücherregal hat Jahresringe. Lebensphasenringe.
Während ich Titel um Titel in die Momox-App scannte, zogen sie an mir vorbei. Die Phase, in der wir Romane lasen, weil das “Ich lese gerne” bedeutet. Die Phase, in der wir Lexika lasen, weil wir unbeobachtet von irgendjemandem lesen konnten. Die Phase, in der wir überlegten Hebamme zu werden. Die Phase in der wir Handwerkskills gelernt haben. Die Phase, in der wir dachten, wir könnten unser Traumading auch ohne irgendwen lösen, wenn wir nur das eine richtige Buch dazu lesen.

Drei volle und versandfertige Kisten später, sitze ich im kalten Garten hinter dem Haus und spüre, wie an mir hochklettert, worin ich versinke.
Versagensangst. Zuvielzuvielgefühle. Ohnmacht. Diesen Scheiß werde ich nie los. Diesen Traumascheiß. Diesen Scheißscheißscheiß, der in an und mit mir verwachsen ist und an so vielen Stellen noch immer keine Worte hat.

Wir hätten der Therapeutin nicht sagen sollen, dass es kein Problem für uns ist erst irgendwann im September wieder einen Termin zu haben, denke ich. Und dann denke ich: es ist auch kein Problem. Was soll das denn ändern? In Sachen Traumascheiß ist die Therapie seit Jahren, wie eine Wüste mit einem Teelöffel von A nach B zu tragen.
Ist ein Fetzen sortiert, quillt ein weiterer hoch. Ist ein Komplex verstanden, wird spürbar, wo er sich mit einem anderen beißt.

Manchmal denke ich, da sei ein Ende denkbar. Da könnte es etwas geben, was bleibt und keine weiteren Termine mehr braucht.
Und dann ist sie wieder da. Irgendeine Angst, die mir sämtliche Fähig- und Fertigkeiten nimmt. Irgendeine Erinnerung, die ich als solche nicht einmal wahrnehme, weil ihr Inhalt so dissoziiert von mir ist. Irgendwas, was mir die Haut vom Inneren reißt und nackt in einer Reißnagelwelt zurücklässt. Einfach so. Nicht, weil ich irgendwas hätte könnte würde wenn besser oder anders machen können. Einfach nur so. Zack. Bäng.
Weils geht.

Und ja verdammt. Ich will nicht noch mehr lernen, wie ich damit leben kann, ohne mir alle paar Tage zu überlegen, ob wir nicht vielleicht doch besser für immer gehen, statt jeden Tag damit konfrontiert zu sein.
Ich will das weg haben. Ich will diesen scheiß Kompromiss nicht mehr okay finden müssen. Denn mehr ist das nicht.
Es ist ein Kompromiss. Ein “Ja gut, man kann hier nix mehr heil kriegen, aber wir könnens nett gestalten”.
Wie konnten wir uns je auf so einen Zynismus einlassen?

Wobei – naja. Wie wir uns darauf einlassen konnten, weiß ich schon. Es ist ja nicht so, dass man viel Auswahl hat, wenn es um sowas geht. Entweder du kommst klar oder nicht. Zack. Bäng.
Beimnichtklarkommen bleibt man allein, zum Lernendamitklarzukommen kriegt man eine handvoll Therapiestunden und je nach Performance noch Applaus von Zaungäst_innen, die irgendwas von sich darin finden.
Das ist doch abstoßend.

In unserem Podstock-Workshop zum Thema Trauma hatte Martin uns gefragt, wie es kommt, dass wir so einfach darüber reden können.
Meine eigene Antwort bringt mich jetzt zum Heulen.
Weil es einfach nur reden ist. Erklären. Fachliteratur in Alltagssprache übersetzen. Für uns ist das nicht viel mehr als ein Übersetzer_innenjob. Ein Wörterspiel wenn man so will. Wir reden in Workshops nicht über uns. Wir reden über den Traumascheiß über den in der Fachliteratur geschrieben wurde und nehmen Teile unserer Erfahrungen als Beispiel.

Wir wiederholen uns. Wir erzählen und erklären, was wir in den letzten 15 Jahren ständig irgendwelchen Betreuer_innen, Begleiter_innen, Interessierten oder Befreundeten erklärt und bewortet haben. Wir sind ein Traumascheißerklärungspapagei.
Nichts weiter.

Da heißt nicht, dass wir nicht sehen können, dass wir damit etwas für andere Menschen sein können, das ihnen hilft. Da heißt nicht, dass wir uns und unsere Kenntnisse abwerten. Denk mal über dein Verhältnis zu Papageien nach, wenn du das denkt. Blink Blink Karnismus Blink Blink
Aber es heißt, dass wir wissen, dass wir da etwas können, das mit uns nicht so viel zu tun hat. Und genau deshalb überhaupt nur funktioniert.

Im Garten ist es still wie in unserer Wohnung und nur deshalb fällt es mir auf. Auch nicht zum ersten Mal und doch so, dass es mich wirklich traurig macht.
Wie getrennt wir von der Welt und ihrem Lauf der Dinge sind. Und wie getrennt wir daneben auch untereinander sind. Und nur deshalb noch funktionieren. Immernoch. Nach all dem Traumascheiß.

Daneben haben wir ein Fädchen in der Hand.
Die Wörter.
Unsere Brücke zu Menschen. Das Fenster in ein Irgendwann, das so viel sein kann.

Das hilft.
Es hilft zu wissen, auch das zu haben. Auch das zu können. Immernoch. Trotz allem.