Schlagwort: Dissoziation

Autismus und Trauma(therapie)

Unsere Form der Orientierung passiert am Handeln anderer Menschen.
Die Traumakomponente dabei ist die Furcht vor dem Fehler, da der Fehler als Ursache von Gewalt und damit Schmerz, (Lebens)Gefahr und Mangel erlernt wurde.
Die Autismuskomponente ist, dass zu Handeln für uns aktiv und bewusst eingeübtes Copy & Paste ist. Immer noch. Während die meisten Menschen diese Strategie anwenden, wenn sie neue Dinge lernen und einüben, wenden wir das bei praktisch allen Tätigkeiten an. Dabei geht es – besonders heute, wo keine akute Gewalt mehr droht – nicht um den Versuch ein „richtiges“ oder „perfektes“ Ergebnis zu erreichen, sondern darum, es richtig zu machen. Denn auch mit der Art, wie man handelt kommuniziert man mit anderen Menschen. Aus unserer Sicht kommuniziert man darüber besonders Zugehörigkeit und Anerkennung, manchmal sogar Wertschätzung, für den Umstand der Zugehörigkeit oder auch der Notwendigkeit von Zugehörigkeit in diesem Kontext.

Die fragmentierte Selbst- und Umweltwahrnehmung mit der wir leben, stellt bei diesem Unterfangen oftmals die eigentliche Behinderung dar. Wir brauchen länger als andere Menschen, um komplette Handlungsstränge zu erfassen, zu prozessieren, mit unseren Fähig- und Fertigkeiten abzugleichen und sie 1 zu 1 zu kopieren. Sich selbst nicht kontinuierlich spüren, erfassen und reflektieren zu können, bedeutet zusätzliche Zeit- und Raumaufwendung. Noch mehr, wenn es um Aktivitäten geht, die kritischer Prüfung bedürfen, weil sie MIssbrauchspotenziale enthalten oder zu direkten und indirekten Schäden an uns oder anderen führen.

Anpassung ist ein Vorteil in evolutionären Prozessen. Anpassung geht über „Unauffälligkeit“ weit hinaus.
Anpassung kann auch bedeuten so auffällig zu sein, wie andere eine_n haben wollen oder (für ihr Gewaltkonzept) brauchen. Anpassung kann auch bedeuten, immer weiter leben, überleben zu wollen und Sterben zu verhindern, weil sonst niemand anderes in der direkten Umgebung sterben will, sterben erlaubt oder Suizid duldet.
Es ist nicht zu unterschätzen, an wie vielen Punkten Zugehörigkeit und dazu nötige Anpassungsleistungen zutiefst menschliche Instinkte überblenden. Vor allem dann nicht, wenn man es mit Opfern von (organisierter) Gruppengewalt zu tun hat.

Auch hier müssen wir uns mit zwei Seiten befassen.
Auf der Traumaseite steht ein abhängiges Kind, das instinktiv (aber vielleicht doch auch sehr sehr früh bewusst) weiß, dass es Bezugspersonen braucht, um zu üb.er_leben und sich an die Gruppengewalt (die Familiengewalt)-Kontexte anpasst, um das eigene Leben zu schützen und auf der Autismusseite steht ein Kind, das diese Anpassung nicht schafft, weil es nicht alle sozialen Hinweise, nicht jede Ebene der Kommunikation und Interaktion so erfasst, dass die Anpassung zufriedenstellend (im Sinne von umfassend, „nahtlos“) passiert.

Man darf nicht vergessen, dass Anpassung an soziale Kontexte, zwischenmenschliche Interaktionsmuster und -praktiken die Zugehörigkeit kommuniziert. Und auch, ob man diese Zugehörigkeit stärken, wertschätzen oder herausfordern will. Zugehörigkeit trägt in nicht unerheblichem Maße zur Identitätsentwicklung bei. Wer zur Familie gehört, ist Familie. Wer zur Gruppe gehört, ist Gruppe.

Zugehörigkeit kann man gut vorzeigen. Vor allem mit einem umfassenden Repertoire von verbalen Skripten und Handlungsabfolgen in einem sozialen Kontext, dessen Kommunikation von Unschärfe und Ungenauigkeit geprägt ist. Häufig reichen nachgemachte Gesten ohne jede eigene, innere, emotionale Verbindung, damit sie ihre Funktion bei anderen Menschen (unbewusst) erfüllen. In der Regel reicht eine bestimmte Begrifflichkeit zu verwenden, um etwas zu beschreiben und dem Gegenüber damit zu sagen: „gleicher Kontext“, „gleiches Thema“, „Ich weiß, was du meinst“, „Ich weiß, wo du (inhaltlich) bist.“

Die Einsamkeit, die wir oft empfinden, speist sich aus genau diesem Umstand.
Wir fühlen uns nicht zugehörig. Wir fühlen uns wenn überhaupt verbunden. Und diese Verbundenheit produzieren wir über Kognition.
Die Person hat mich geboren – sie ist meine Mutter. Diese Person hat meine Mutter schwanger gemacht – das ist mein Vater. Diese Personen dürfen Dinge über mich bestimmen, die ganz konkret und direkt meine Er_Lebensqualität auf einem Spektrum von angenehm, gut, nährend bis unangenehm, schlecht, mangelnd beeinflussen und das ist (in wechselndem Rahmen) ausschließlich über folgende Gesten, Worte, Wortabfolgen, Mimiken steuerbar.

Als Kind und Jugendliche mussten wir mehr leisten als heute, weil wir mehr Autoritäten unterworfen waren. Die ganze Welt bestand für uns aus Menschen, die wir in ihrem Bezug zu uns erfassen und ertragen mussten. Heute als erwachsene Person dürfen wir Unverbundenheit mit Fremdheit synonym verwenden und unsere Energien in den Ausbau unserer Kontakte und Bindungen fließen lassen.

Das erscheint uns an manchen Stellen, wie ein Entwicklungsschritt, den andere Menschen in der Zeit zwischen 10 und 20 Jahren machen. „Hier bin ich, ich bin so, ich gehöre zu dem und dem und das das und das nicht.“.
Wir sind in einigen (psychischen) Entwicklungsschritten erheblich verzögert. Schon der Umstand erst mit 21 zu erfassen und zu begreifen, dass jeder Mensch einen eigenen inneren Kosmos hat, der bei allen anders ist und es entsprechend gar nicht unser Ziel sein muss, unseren zu verändern, um weniger einsam und fremd mit ihnen zu sein, deutet darauf hin.
Die Trauma-Erklärung dafür ist: „Abgrenzung – ihr habt gelernt, dass ihr nichts eigenes haben dürft und deshalb habt ihr nie eine Grenze zugelassen (durftet keine Grenzen entwickeln) zwischen euch und denen, die euch überlegen waren (also allen/der ganzen Welt)“
Unsere Erklärung damals: „Da ist ein Unterschied, der uns trennt, was uns gefährdet und wo wir, egal was wir mit welchem Drive versuchen, nicht drüber kommen, sondern nur überdecken können. Wir gehören nicht dazu, aber alle Kognition sagt, dass wir es tun. Hier passiert ein unaushaltbarer Widerspruch, den wir weder kommunizieren noch auflösen können.“ blieb unverstanden, weil sie immer wieder von „autistisch“ zu „neurotypisch“ zu „traumatisiert“ übersetzt wurde.
Bibel-religiöse Menschen können verstehen, was für fatale Probleme dadurch entstehen, wenn etwas zu oft in zu weit auseinanderliegende Sprachen übersetzt wurde.

Unsere Geschichte enthält lange Abschnitte psychiatrischer und psychotherapeutischer Behandlung. Es hat nicht geholfen die eigene Alexithymie niemals ausdrücken zu dürfen bzw. nicht als solche anerkannt zu wissen, weil die allgemeine Übersetzung ausschließlich „Bedrohung für andere“ (krasser Fall von Psychopathie/ verletzt ohne Mit_Gefühle/ wurde auf Gefühlskälte programmiert (traumatisiert)) oder „absolute Zerstörung des Eigenen“ (armes traumatisiertes Huschi ist völlig zerstört/dissoziiert von den eigenen Gefühlen/darf (durfte) nicht mal was empfinden) für ihre Auswirkungen bereithält.

Die Anpassung an die Lebensumstände der Psychiatrie und der Behandlungskontexte der Psychotherapie decken wir noch heute an unerwarteten Stellen auf.
Zuletzt am Begriff der Reorientierung.
Da wir schon so lange in Therapie sind, schon so viele Fremdwörter benutzen, um bestimmte Themen zu umreißen und Gespräche schneller an ihren Punkt zu bringen, wird schnell vergessen, dass wir in der Regel skripten, wenn wir Lautsprache verwenden. Das bedeutet, dass wir (Fremd)Wörter verwenden und das auch inhaltlich angemessen, sie aber mitnichten auch immer mit uns in Verbindung bringen können, wo die Verbindung auch wirklich ist.

Am Beispiel der Reorientierung ist das meiner Ansicht nach besonders fatal, macht doch die Re_Orientierung einen erheblichen Teil dessen aus, was nötig ist, um erfahrene Traumatisierungen zu verarbeiten und zu integrieren.
Erst nach bald 18 Jahren Traumatherapie zu verstehen, dass Re_Orientierung nicht nur meint, dass alle von uns wissen, welches Datum wir haben und, dass wir der Familie*° nicht mehr ausgeliefert sind – als Information! – ist eine solche unerwartete Stelle.
Eine mit erheblichen Auswirkungen und Krisenpotenzial.

zahnarztschlimme Traumascheiße

„So ist das jetzt also. Wenn ich denke, dass nichts passieren wird, passiert was und ich bin allein. Damit und mit dem, was es mit mir macht. Aha.“ Und in mir drin klickt eins ins andere, als wäre das nie nie nie niemals anders gewesen. Ich kann nicht aufhören zu weinen. Bin nicht mal wütend, bin Schock, Überwältigung, Not. Es weint und weint und krampft und ich mache Schritte durch die Stadt, die viel zu groß für mich und viel zu klein sind, um so schnell vorwärts zu kommen, wie ich und mein rasendes Herz das wollen. Brauchen.
Der Vertretungsarzt in der kieferchirurgischen Praxis hat uns beim Ziehen der Fäden von der Op vor 10 Tagen, wehgetan. Und weiter gemacht. Und weiter. Und uns angewidert? von den Tränen und der Sprachlosigkeit? weggeschickt.
Und nichts – kein Erklärungsversuch, keine Relation, kein „In Perspektive setzen“ hilft.
Es ist einfach scheiße. Nicht, weil ich das so finde, sondern weil es das immer ist, wenn jemand übergriffig ist. Ab da kann man die Scheiße nur noch aufquirlen, anheizen, verbreiten. Indem man so tut als wäre nichts. Zum Beispiel. Als wärs nicht schlimm, weils schlimmere Dinge gibt.

Unser Zahnarztschlimm hat fast 7 Jahre durchgehend Zahnschmerzen und 3 Zähne, eine Wurzelspitze und ein kreisrundes Stück Kieferknochen gekostet. Es hat bedeutet, keine 2 Minuten in einem Wartezimmer warten zu können – obwohl der Termin so hart umkämpft wurde. Es hat bedeutet über Wochen hinweg Pseudotermine zu brauchen, bei denen nichts passiert außer Konfrontation mit der Umgebung, Werkzeugschau, angucken und untersuchen lassen aushalten – üben! Um zu einer Basis zu kommen, die halbwegs stabil ist und Angst, Panik, rapid switching und andere Anpassungsreflexe aushalten kann. Um glauben zu können, dass diese dann neue Zahnärztin uns so lange Zeit gibt, wie wir brauchen.

Wir haben keine Zahnarztangst entwickelt, weil wir traumatisiert sind und sich unsere Ängste automatisch generell auf alles drauflegen. Wir haben sie entwickelt, weil wir uns zu lange nicht von einer Ärztin getrennt haben, die uns immer wieder wehgetan hat. Und weiter gemacht hat. Und weiter. Und weiter. Wir haben unser Bindungstrauma wiederholt.
Und danach haben wir unseren Ausstieg wiederholt. „Wenn du nicht verletzt werden willst, dann geh halt nicht hin. Zu niemandem von denen mehr. Jemals. Alle, die auch nur ansatzweise so sind wie diese Person, alle, die machen und bieten, was diese Person bietet: nie wieder.“

Wir haben lange mit Zahnschmerzen, Entzündungen und Löchern wie Einzimmerappartements gelebt.
Und als das von der neuen Zahnärztin in einer großen Behandlung unter Vollnarkose behandelt worden war, war das wie ein Sonnenaufgang.

Der Freund bot an, da anzurufen und den Arzt anzumeckern. Das war schön. Schöner Quatsch.
Und dann haben wir aufgelegt. Ich lief in die Innenstadt, fing die restlichen Tränen wie Erkältungsschnodder auf, spürte mich als Lücke zwischen Jahreswechselkälte und abgrundtiefer Kindernot. Dachte wieder: „So ist das jetzt also. Da schreit ein Kind, das niemand außer mir wahrnimmt. Aha.“
Ich konnte nichts tun. War bis spät in den Abend überwältigt. Plattgewalzt von der Willkürlichkeit des Arztes, der sich mit seinem Handeln in eine Reihe überwältigender Ereignisse des Tages, die in ihrer schockierenden Wirkung auf mich von anderen Menschen kaum nachvollziehbar sind, einreihte.

Am 7. haben wir den nächsten Zahnarzttermin.
Ich habe Angst, dass jetzt alles wieder so ist, als wäre nie nie nie niemals irgendetwas anders gewesen.
So ist das jetzt und es ist scheiße.

Traumascheiße.

Schale

Ich fühle mich geschält. Wie diese Kartoffeln im Glas, nur dass der Zug, in dem ich sitze, das Glas ist und in kein Supermarktregal passen würde. Aber ich. Ich fühle mich so klein geschält, dass ich froh bin um diese große Hülle. Es ist Dienstagabend, reichlich spät, denn wieder hat mein Zuganschluss in Minden nicht geklappt. Wieder warten wir im Dunkeln, im Kalten, im Alleinen zwischen zwei Welten und sind dabei selbst weder fest noch flüssig.

NakNak* atmet auf meinen Schoß, in ihrem Fell wuseln die Anderen wie Flöhe auf der Suche nach Nähe, Wärme, Halt. Alles ist schwer, sogar an meinen Wimpern hängen Senklote.
Als wir aus dem vorletzten Zug aussteigen wollen, spricht mich eine Person an. Ich reagiere nicht, bin verzehrfertige Kartoffel-klein. Denke, soll er sich große Leute suchen, um zu sprechen. Er winkt mir zu, tritt näher an mich heran. Ich höre zu. Dann doch. Weil ich mich ohne Schale einfach nicht abgrenzen kann. Und weil ich keine Kraft mehr habe. Für Widerspruch, für meine eigenen Grenzen, für nichts und niemanden. „Wobei würde der Hund denn assistieren?“ fragt die Person und ich höre wieder weg. Dafür – für all das, was an dieser Situation falsch ist – habe ich erst recht keine Kraft. „Das ist eine extrem private Frage.“. Sagt eine andere. Dann hält der Zug und wir steigen aus.

Es ist kalt. Es ist dunkel. Ich bin allein.
Und trotzdem gibt es Dinge, die total privat sind.
Und eine andere, die noch eine Schale hat. Oder ist.

20

Ich habe gestern einen langen Thread bei Twitter geschrieben.
Weil man die oft nicht wiederfindet – und viele sie erst gar nicht lesen – trage ich ihn hier mit hinein und noch etwas nach.

Die Kinderschutzzentren haben ein Erklärvideo zu sexualisierter Gewalt in organisierten und rituellen Gewaltstrukturen für die Praxis veröffentlicht vimeo.com/373360210 mehr Informationen gibt es hier: kinderschutz-zentren.org/index.php?a=v& und hier: ecpat.de

Ich finde das Video okay, halte es aber für problematisch wie die Folgestörung der dissoziativen Identität darin auftaucht. Nicht jede Person, die organisierte Gewalt erlebt hat, entwickelt eine DIS oder DDNOS, aber allen ist Unrecht passiert.
Ich habe Zweifel daran, dass es hilft, mögliche Folgeerkrankungen von Gewalterfahrungen jeder Art, zum Argument der Ächtung oder zum Grund für die Verwerflichkeit der Straftat oder der Forderung nach ihrer Beendigung bzw. Bestrafung selbiger zu machen.
Es darf nicht sein, dass eine Erkrankung/Störung/Zustand direkt zu einer Straftat linkt, auch wenn das sehr wahrscheinlich und bei der absoluten Mehrheit (bei DIS/DDNOS 98,9%) so ist. Warum? Weil man die Leute damit zu lebenden Beweismitteln macht.
Was zum Einen ein weiterer Übergriff ist (nämlich Objektifizierung) und zum Anderen potenziell lebensgefährlich. Vor allem, wenn sich in Sachen Verjährungsfristen für Straftaten der Prozess dahingehend entwickeln sollte, dass es keine mehr gibt.
Organisierte Gewalt ist geplantes, absichtliches, strukturell geschütztes und getragenes Unrecht. Es ist niemals eine Einzeltat. Auf Einzeltaten ist aber unsere Justiz ausgerichtet. Auf Einzeltaten und neurotypische Menschen, die davon berichten können. 
Helfen würden neben der Aufklärung darüber, dass es organisierte Gewalt und neurodiverse Menschen (also Menschen, die aufgrund diverser! Störungen akut oder latent nicht „normal“ (neurotypisch) inter.agieren (können/wollen/dürfen/sollen*) wirklich gibt, meiner Ansicht nach die Botschaft, dass es keinerlei Strukturen gibt, die daran angepasst sind.
In dem Film wird das wohl alles unter „fehlende Straftatbestände“ und der Umstand, dass sich die Betroffenen in Aussagen und Prozessen widersprechen könnten, zusammengefasst, aber das ist ja nicht alles.
Es fehlen ja auch Opfer- und Zeug*innenschutzprogramme, es fehlen Fachanwält*innen (und Schutz für sie), es fehlen Schutz-, Wieder_Eingliederungsprogramme, es fehlt praktisch überall medizinische, psychiatrische und psychologische Expertise und Behandlungskapazität. Es fehlen Standards und Kapazitäten zur Spurensicherung, zur Dokumentation von Übergriffen beispielsweise wenn Betroffene in Einrichtungen der Jugend- oder Eingliederungshilfe sind. Es fehlen die Perspektiven neurodiverser Menschen auf Anzeigen- und Strafprozesse, und und und noch so viel mehr.

Und das obwohl da Unrecht passiert. Und der Staat dazu verpflichtet ist, es zu beenden und zu verhindern. Das im Blick erscheint es mir fast als eine Art Derailing, die seelischen Folgen der Opfer so stark hervorzuheben. Damit wird die Gewalt – die organisiert und absichtsvoll in Gemeinschaften begangen wird! – individualisiert, also am Körper Einzelner manifestiert.
Das (die seelischen Folgen für Einzelne) ist ja aber nicht das einzige Problem daran, dass es überhaupt passiert. Diesen Spin vermisse ich an dem Video, aber auch
an vielen anderen Projekten und Aktionen, die versuchen der Öffentlichkeit das Ausmaß organisierter (ritueller) Gewalt aufzuzeigen. Denn ja – die Bereitschaft zu handeln und für Empathie steigt bei Kenntnis von Einzelfällen. Aber der Prozess zum Anstoß eines strukturellen Wandels kann nur durch Selbstverortung und Identifikation mit dem bestehenden System und seiner Strukturen erfolgen.

Wer nicht begreift, was organisierte (rituelle) Gewalt an den Strukturen für alle Menschen zerstört/gefährdet, kann gar nicht mitwirken etwas zu verändern. Deshalb fand ich es immer wieder gut, wenn Frau Hahn auf den Tagungen zu ritueller Gewalt in Münster oft betonte, dass Sekten zum Beispiel zutiefst antidemokratische Gruppen sind.
Organisierte Gewalt passiert nicht einfach so im Blauen. Sie passiert in dieser unserer Bundesrepublik Deutschland. Einem Land mit einem Grundgesetz, gewählten Vertreter_innen und einer umfassenden Verwaltungsstruktur, die jeden noch so kleinen Bereich des Lebens einer jeden Person, die hier lebt reglementiert, kontrolliert und verwaltet.
Es muss klar sein, dass jede zusätzliche Struktur, die gleichermaßen umfassend und tiefgreifend nicht nur in das Leben, sondern auch in das Sein, das Selbst, die Identität von Menschen hingreift immer auch diese demokratischen Strukturen an irgendeiner Stelle verdrängt, überschneidet, verletzt. Das geht gar nicht anders.
Wem es also wichtig ist, dass Demokratie herrscht, die_r muss genau das begreifen. Und zwar als Gefahr, die weit über ideologische Inhalte oder individuelle Befindlichkeiten und Stati hinaus geht.

Ich verstehe, dass das für Aufklärungskampagnen so nicht so einfach zu machen ist, weil man ja oft auch selber in problematische Strukturen eingebettet ist und in dem was man machen kann bei Weitem nicht so frei ist, wie es die Themen erfordern. Aber wenn man daran nichts ändert – wie will man dann so viel größere Probleme in so viel größeren Strukturen verändern? Wie will man denn, wenn man es nicht mal schafft, sich selbst frei und öffentlich zu äußern, wie man will und muss, Betroffene organisierter (ritueller) Gewalt genau das ermöglichen?

Und – einmal noch zurück zum Video – wenn „die Aufklärung“ die Betroffenen krank und leidend braucht, um die Brisanz und die Straftat aufzuzeigen – was ist mit denen die noch drin sind und gar nicht leiden, weil sie (noch, oder auch ihr ganzen Leben lang) gut funktionieren?
Denen passiert doch auch Unrecht.
Die dürfen wir bitte niemals vergessen.

Denn Opferschaft geht über das Empfinden von Leiden und Not hinaus. Es gibt so viele Menschen, die Opfer von Gewalt sind und es jeden Tag wieder werden und sich aufgrund dieser Verknüpfung gar nicht als solches identifizieren.
Wenn man sich darüber einig ist, dass das Gesetz allein definiert, wer Opfer wurde und wer nicht, dann muss diese Verknüpfung im kollektiven Bewusstsein und Gedächtnis gelöst werden. Dann gibt es keine Opfer von organisierter (ritueller) Gewalt, denn das ist keine juristische Kategorie.
Wenn man sich darüber nicht einig ist, dann muss man über Strukturen sprechen, die Opfern anders als mit juristischer Rechtsprechung begegnet. Dann braucht es einen neuen Diskurs über den Opferbegriff, dann braucht es eine neue Auseinandersetzung mit dem (sozialen wie rechtlichen) Status von Opfern. Dann braucht es Solidarität von Unbeteiligten, dann braucht Empathie, dann braucht es Mittel und Wege der Versorgung, der Zuwendung und des Schutzes ganz unabhängig vom Staat. Bumms.
Beides ist ungeheuer aufwendig und zäh und kompliziert und zuweilen fühlt es sich für mich als Betroffene auch nach einem Krieg der Ideologien an, obwohl ich weiß, dass keine der betreffenden Parteien Ideologien nachhängen. Justiz, Polizeiarbeit ist genauso wenig Hokuspokus wie Traumaforschung und Psychologie. Aber beide Seiten brauchen Objekte in der Arguementation. Und diese Objekte sind beim Thema der organisierten (rituellen) Gewalt die Opfer.
Das ist beiden, wenn nicht allen, wissenschaftlich fundierten Disziplinen gemeinsam – okay.
Unbeachtet bleibt dabei, dass es ein gewaltvolles Mittel ist und so dazu führt, dass man mit Gewalt gegen Gewalt vorgeht.
Meiner Ansicht nach ist das nicht der richtige Weg.
Deshalb habe ich das aufgeschrieben.

Kongruenz

„Dieser Monat wird der Wahnsinn“, das denke ich seit Januar oder Februar.
Ich denke das in vollem Bewusstsein über alle Implikationen des Wortes „Wahnsinn“ und doch auch in vollem Bewusstsein darum, dass mir einfach kein anderes Wort dazu einfällt. Und schon beim Aufschreiben dieses Satzes beginnt in mir eine Bewegung darum, die Schlimmheit dieser Ohnmacht zu spüren, ihr so hilflos gegenüber zu stehen. Wächst da eine weitere Schicht Anspruch an mich, gefälligst nicht so zu sein. So hilflos. Vor all dem.
Es ist ja gewählt, es ist ja gewollt, in Wahrheit ist es von mir gemachte Ohnmacht, eingebildete Ohnmacht, lieber als angenommene Verantwortung-Ohnmacht. Und doch auch nicht. Denn am Ende zählt nicht, was „in Wahrheit“ ist, sondern, was in uns passiert. Und das ist Ohnmachtsgefühl. Egal wovor eigentlich genau.

Nach dieser langen, dichten, schönen Woche in Wien fahren wir nach Hause und wissen einmal mehr, was wir alles schaffen können. Wir können durch die Fremde laufen, stundenlang auf Beton in Barfußschuhen. Können ohne NakNak*, ohne irgendjemand anders an unserer Seite sein. Wir schaffen es, „den Faden zu halten“ zu unseren Leuten, ohne sie zu sehen, zu hören, zu lesen, mit ihnen zu sprechen. Wir fühlen sie und können sie uns auch dann als zu uns gehörend einordnen, wenn wir gerade nicht bei ihnen sind. Das ist viel. Enorm viel. Objektkonstanz. Wow.

Und gleichzeitig fühlen wir aber auch die anderen. Innen. Und zwar konstant. Selbst dann, wenn unsere Grenzen und Kapazitäten schon weit ausgereizt sind und uns eigentlich in die Schmerzlosigkeit des Funktionierens, der Euphorie, des einzig Reagierens hineindissoziiert haben müsste.
Die beschriebene Ohnmacht hat genau damit zu tun. Und mit ihnen.
Damit, dass wir ohnmächtig vor ihrer Existenz sind. Sie sind da und wirken in unser Er_leben hinein und es gibt nichts, was wir dagegen tun können. Nicht einmal „dagegen sein“, denn wir wollen das ja. Merken ja selbst, wie viel mehr da ist, wenn beides da ist – wir und sie –

aber

Wir merken, was für ein Wahnsinn das alles ist.
Dass wir tun, was wir tun, obwohl sie und alles von ihnen da ist und obwohl nicht zuletzt auch sie ja überhaupt ein Grund dafür sind, tun zu können, was wir können und letztlich genau das zu tun, was wir tun.
Aber auch, dass wir es tun. Dass wir das tun und nichts anderes. Zum Beispiel auf Wände starren und uns im Muster der Tapete oder den Geräuschen aus uns selbst zu verlieren. Oder uns zu betäuben oder uns wegzugeben.

Was für ein Wahnsinn ist das, keine 2 Millimeter hinter sich eine traumaschleimige Hölle brodeln zu haben und gleichzeitig mit der Banalität des Hier und Jetzt zu verwachsen.
Ja, ich könnte das auch einfach „Widerspruch“ nennen, aber das ist es nicht. Hier spricht niemand jemandem zuwider. Wir er_leben hier keinen Widerspruch, sondern uns. Und ja, wir sind wahnsinnig.

Wir können nichts dafür, dass Wahnsinn und wahnsinnig sein für die meisten Menschen etwas schlechtes ist. Dass es mit Freiheitsentzug, mit Isolation bestraft wird. Wir können auch nichts dafür, dass wir gerade nur so unser Amlebensein ertragen können.
Ja, nein, ich schreibe nicht „Ich kann gerade nur am Leben sein, wenn ich mich überarbeite, überreize, zu viel mache. Ich brauche meine Vermeidung gerade so sehr.“, ich schreibe, dass wir sind, so wie wir sind. Dass es ist, wie es (für uns) ist und wir spüren, dass es wahrhaftig ist.

Wir stellen Kongruenz her.
Nicht mit dem Außen, mit dem Innen. Und das geht.
Es ist der Wahnsinn, wir fühlen uns ohnmächtig davor. Und es geht.

Traumascheiße

Es ist mittags, halb 1, ich fühle mich nach halb 1 in der Nacht.
”Das Runterkommen fühlt sich genauso scheiße an, wie das Aufrechthalten”, denke ich und beschließe, dann jetzt doch zu bloggen. Obwohl ich weiß, wer das alles liest, obwohl ich weiß, dass jede_r darauf reagiert, obwohl es nichts mit ihnen zu tun hat. Zur Zeit ist es kaum möglich, irgendetwas im weitesten Sinne “unbe(ob)achtet” zu tun, das ist so. Vielleicht hört das bald auf, vielleicht müssen wir später – mit mehr Kraft, mehr Haut, mehr Grenze – deutlich machen, dass das passiert und tief reintriggert. Wer weiß, jetzt nicht, nicht noch eine Baustelle öffnen. Obwohl und obwohl.
Jetzt ist Donnerstag. Gestern hat uns der Freund nach mehr als einer Woche voller Arzttermine, Arbeitstreffen, Festival-Workshop-Reise und Therapiestunde abgeholt. Wenn ich so darüber nachdenke, kommt mir das wie ein Traum vor. Das alles. Es war einfach so viel, so viel zu viel des Guten, Interessanten, Aufregenden, Neuen, Wichtigen. Es ist noch nicht realisiert, nicht verarbeitet. Jetzt will ich mich eingraben, fern sein, versorgt sein, schlafen, mich Gedanke um Gedanke abarbeiten, lochen, einordnen. Stempel drauf, Echtheitszertifikat drüber.
Aber.
Es fühlt sich scheiße an.
Traumascheiße.

Es ist die alte Dynamik: Alles ist aufregend, ich könnte auf einer Egowelle hoch zehn schweben, weil ich noch da bin, alles geschafft habe – nicht gestorben bin und alles immer noch da ist – doch alles Wasser steht mir am Hals und begräbt mich zuweilen unter sich. Vornehmlich dann, wenn ich allein bin. Mit meinen Gedanken, meinem Sein, mir – uns.
Und weil ich so aufgerieben bin, weil ich gerade nicht mehr so ganz richtig gut kann, ist es keine Option mehr, mit Menschen zu sein, mit jemandem zu reden, sich damit zu befassen. Niemand kann gerade etwas für mich tun, ohne, dass es meine wunden Stellen aufreibt oder mich zu sehr berührt.
Ich hasse das. Ich hasse mich, wenn ich so bin. Ich will nicht so zart, so sensibel sein. Will mich an die Wand schmeißen, damit das von mir abplatzt und meinen unzerstörbaren Kern freilegt. Meine Härte, meine Stärke – das, was unendlich hochfahren kann, ohne müde, hungrig, durstig, schmerzig zu werden.

Und während ich das so aufschreibe, denke ich, dass das einfach genau das Problem ist.
Dass mein “Hochfahren” eins ist, das meinen von Trauma und Scheiße gestählten Kern erfordert und nicht einfach so ein zwei Hautläppchen weniger, auf die man mal kurz gut verzichten kann.
Es ist einfach kein aufregendes Abenteuer, eine lange Reise mit interessantem Input und ach ja uff, ist es nicht immer irgendwie anstrengend. Es ist immer – immer noch, nach so viel Traumatherapie – sofort eine traumafunktionelle Handlung. Ein Überleben.
Sicher eins, das Spaß macht, ganz sicher eins, dem ich mich auch entziehen könnte, wenn ich das wollte. Es ist kein Gewaltwiedererleben – aber es ist nachwievor ein Wie-auch-im-Trauma-üb_Er.Leben.

Vor allem für die, die ich jetzt – immer noch – in mir schreien spüre.
Scheiße ist das.
Traumascheiße.

übers Ankommen, tote Natur und Jagdhundrealitäten

„Das Ankommen beginnt vielleicht mit dem Finden von Hunderunden.“
Das dachte ich gestern so bei mir.

Hier auf dem Land gibt es wenige organisierte Parks oder Erholungsgebiete nur für Fußgänger_innen, weil die Felder, Wiesen und Wäldchen im Privatbesitz zu Natur erklärt werden.
Man steht irgendwo und schwenkt den Arm, sagt: “Hier ist doch alles voller Natur. Hier passiert doch nix – hier kann man doch prima entspannen.” Während im Hintergrund jemand die Landstraße unter sich wegfrisst und dank Glyphosat und Co weder Wildkraut noch Insekten zu finden sind.
Mich entspannt das nicht. Ehrlich gesagt macht es mir sogar Angst, weil es bedeutet, dass so vieles nicht gesehen und wahrgenommen wird, dass es zu “nichts” erklärt wird.

Natur ist nicht nichts. Nie.
Das Entspannende an Naturerlebnissen ist, dass man die eigene Aufmerksamkeit breiter aufstellen kann als in der Stadt. Du musst nicht auf Schritte hinter oder neben dir achten, auf mechanisches Klicken oder die Bewegungen im Umkreis von 2 bis 3 Metern, sondern auf Dinge Umkreis von bis zu 10 Metern. Knacken im Unterholz, Rascheln im Gras, Vogelstimmen, die Bodenbeschaffenheit. Darauf, von wo der Wind kommt und was für Gerüche er zu dir trägt. Nirgendwo bekommt man potenzielle Gefahren so deutlich und offensichtlich mitgeteilt wie draußen in funktionierender, heiler, balancierter Natur.
Man bekommt mehr Raum zwischen sich und dem, wovor man sich eventuell schützen muss. Das macht viel aus, bedeutet auf eine Art, von einem Korsett befreit zu sein.

Dieses Empfinden zu haben, macht uns weicher. Flexibler. Also genau das, was wir gerade brauchen, um uns anzupassen. Zu der neuen Wohnung, der neuen Umgebung und allem ist nämlich auch ein neuer Begleiter gekommen. Bubi. Ein großer schwarzer Rauhhaarschnurzel mit ausgeprägtem Jagdtrieb und einem sagen wir mal, eher losem Bezug zu Kommandos wie “Komm”. Er ist toll. Und für uns eine echte Herausforderung.
Hunde wie Bubi sind sehr selbstständig, die gehen nicht so in Beziehung wie Hütehunde, was NakNak* ist.
Das bedeutet, dass man den Hund sehr genau beobachten, völlig anders bespielen und beschäftigen muss und, dass man das beobachtete Verhalten noch weniger durch eine menschlich-soziale Brille einordnen darf, als man es sowieso schon nicht tun sollte, wenn man auf Hunde schaut.

Mit beiden Hunden hier als reine_r Fußgänger_in unterwegs zu sein, ist nicht einfach für uns.
Denn trotz quasi überwiegender Insektenfreiheit gibt es hier Mäuse, Rehe, Fasane.
Nach 30 Minuten laufen auf Beton tun uns die Füße weh, wir sind durchbrutzelt von der Sonne zwischen Feldern, wir haben die Hunde schon drei Mal in den Graben führen müssen, weil ein überbreites Landwirtschaftsgerät oder jemand, der die 90 auf seinem (sic) Tachometer mit den 50 auf den Schildern für vereinbar hält, auf uns zu kam. Wir selbst können überhaupt nicht abschalten. Wir müssen Bubi beobachten, seine Leine festhalten. Wenn er hier abhaut, um einem Reh nachzuspringen, sind wir am Arsch. Wenn er jemandem vors Auto läuft noch einmal mehr. Er wiegt 30 Kilo, wenn er sich verletzt, können wir ihn nicht weit tragen.

Es ist nicht angenehm, diese Empfindungen zu haben und diese Szenarien immer mitzudenken. Aber sie sind real und realistisch. Wir würden auch gern zwischen Feldern stehen und locker lässig denken, wir würden schon mit allem was kommt klarkommen – hier is ja nix, was soll schon passieren.
Wir würden den dödeligen Schnurzkoppbubi vom Garten gern auch beim Spazierengehen haben, haben wir aber nicht. Wir hätten auch gern ein Mindset, das uns auf uns zu rasende Autos und eine im Grunde tote Umgebung nicht als etwas tief Beunruhigendes empfinden lässt, haben wir aber nicht. Und das ist auch gut so, denn es ist nicht dissoziiert. So zu empfinden und zwar ganz bewusst, ist ein total gesunder Anteil von uns. Den haben wir uns erarbeitet, wir verlassen uns auf ihn.

Eine Strecke zu haben, die wir mit den Hunden gehen können, wo wir wenigstens NakNak* an zwei Abschnitten laufen lassen können, um mehr Energie für Bubi freizuhaben, hilft sehr. Es entspannt, verbindet uns mit diesem gesunden Anteil, gibt uns die Möglichkeit uns neu auszutarieren. Denn es kommt nicht in Frage nur mit NakNak* oder nur mit Bubi spazieren zu gehen oder den Auslauf komplett dem Freund zu überlassen, weil er ein Auto hat und zu einer Stelle fahren kann, wo NakNak* die ganze Zeit frei laufen kann.

Wir wollen hier alles können, was wir im alten Zuhause auch konnten.
Jetzt mit der neu gefunden Hunderunde, können wir eine Sache mehr. Das ermöglicht uns das Ankommen und sich einfinden. Es tut gut zu merken, dass es geht, auch wenn es nicht so einfach ist, weil Realitäten so real sind.

Fundstücke #71

“Das Kind hat überlebt”,  hatte die Therapeutin gesagt. Montag. In unserer Therapiestunde.
Erst später kam das bei mir an. Also, so richtig.

Und jetzt fällt mir immer mehr auf, wie selbstverständlich in mir ist, dass die Gewalterfahrungen der anderen in einem eigenen Leben, einer eigenen Zeit stattgefunden haben und irgendwie immer an dem Punkt der völligen Zerstörung bzw. Dissoziation geendet haben. Haben müssen, denn alles Danach bin ja ich, sind wir, die Rosenblätter.
Obwohl wir erst Jahre nach ihnen da waren.

Wieder so ein Widerspruch, von dem ich spüre, dass er irgendetwas in mir machen sollte, aber nicht tut.

Dissoziation ist einfach eine mächtige Kackpottsau. Isso.

Der Druck steigt und mit ihm die Momente, in denen Widersprüche auffällig werden.
Ich starte in die Woche mit einem Bein im Nervenzusammenbruch, weil mich die Strukturierung der Umzugsorganisation überfordert. Am Abend des gleichen Tages stehen 6 Kisten im Schlafzimmer, zwei im Büro, ein Ablaufplan für die gesamte Woche liegt auf meinem Tisch. Und das 30 Minuten nach einer Therapiestunde, die ich mit dem Gefühl verlasse, gar nicht mehr so viel Zeit im Alltag zu verlieren – obwohl ich, wie mir später klar wird, einige Zeitfenster des Alltags benannt habe, die nachwievor nicht (so richtig) zugänglich für mich sind.

Was bedeutet das?
Bin ich das Innen, das für eine Einschätzung über uns alle taugt? Wie läuft das eigentlich in einer Diagnostik – wenn ich sage, dass mir viel fehlt, bedeutet das dann, dass ich die DIS habe, aber ein anderes Innen, das ebenjene meiner Löcher er_lebt, nicht? Nie drüber nachgedacht in gut 16 Jahren DIS-Diagnose. Wow einfach.

Mich stören solche Widersprüche nicht, daneben macht es mich total unruhig, wenn Außenmenschen solche Dinge auffallen und sie mich dazu befragen. Denn meistens ist das ein Abchecken – eine Versicherung, eine Einordnung. Mal gucken, ob das so richtig ist, klar geht, “normal “ ist. Als würde der Umstand, dass ich lebe und alles gut ist, nicht reichen. Auch kränkend sowas.
Und irgendwie ja aber, was die DIS eben macht: Dass alles läuft, obwohl nichts laufen dürfte oder könnte – nach Meinung all jener, die sich und ihre Umwelt kontinuierlich und kongruent erleben, denn für sie ist die von mir jeden Tag erlebte Brüchigkeit von Zeit und Raum nichts Übliches.

Im Moment schlafe ich nicht sehr gut. Im Grunde: kaum. Beim Einschlafen rutsche ich in Traumascheiß und mein Aufwachen hat mehr von einem Senkrechtstart, ausgelöst vom ersten Vogelzwitschern draußen. Wenige, viel zu wenige Stunden nach einer Reorientierungsrunde von 1-2 Stunden.
Und dann geht alles seinen Gang.
Aufstehen, Dinge tun, essen, Dinge regeln, ansprechbar sein, reagieren, arbeiten.
Aus dem gelegentlichen Zucken des linken Augenlids während der Prüfungsphase, ist ein physiognomisches Festival geworden. Am Mittwochmorgen hab ich mir zum ersten Mal seit längerem wieder durch einen nervösen Tick ins Gesicht gehauen. Bäng, in my face. Ohne Sterne.
Und gleichzeitig ist da diese emotionale Nulllinie. Wie weißes Rauschen. Manchmal überlagert von einer echten Emotion, aber immer da, als wäre sie manifest gewordene Wahrheit. Einzig und unverrückbar.

Am Mittwoch haben wir unseren Personalausweis ändern lassen.
Ich saß  in der Halle und twitterte irgendwie halbwegs humorig darüber, wie kurz vorm Heulen und Kotzen ich war, aber angesehen hat man mir das sicher nicht. Selbst mir kam das irgendwie mehr wie eine sehr wahrscheinliche Option meiner emotionalen Verfassung vor, als denn einer echten Empfindung. Selbst in dem Moment, als ich wegen der Notwendigkeit eines neuen Passbildes von jetzt auf gleich in Tränen ausbrach, ohne irgendwas vorher wegatmen oder querschieben zu können. Selbst da dachte ich noch, dass das irgendwie doch nur die Wahrscheinlichkeit für eine spezifische Emotion erhöht, aber noch lange nicht wirklich richtig in echt jetzt so ist. Weil ja eigentlich alles gut ist. Alles so, wie es soll. Tutti palletti sozusagen.

Dissoziation ist einfach eine mächtige Kackpottsau. Kannste nichts gegen sagen. Isso.

Wenn wir heute mit Leuten übers Vielesein sprechen, dann sagen sie manchmal sowas wie, dass sie sich nicht vorstellen können, wie man so ein Gewaltleben er_leben kann und niemand merkts. Weil das so ein Widerspruch ist.
Phasen, wie die, die wir jetzt gerade durchmachen, sind ziemlich genau so.
Ich sitze hier und schreibe eloquent und reflektiert, was los ist – obwohl ich nicht weiß, was los ist und selbst, die Ahnung, die ich haben könnte, nicht mehr ist, als eine möglicherweise zutreffende Einschätzung, die aber nicht von mir prüfbar ist, denn ich bin sowas von weit weg von mir, von uns, dass da einfach nirgendwo ein festes Stückchen ist, um einen Punkt zu machen.
Ich weiß, dass hier richtig was zieht und reißt – aber ich kann nicht fassen was, weiß nicht wo, verstehe nicht warum. Und obendrauf passiert es IN WAHRHEIT nicht einmal WIRKLICH mir. Und: Ich kann niemanden um Hilfe bitten – ich wüsste nicht wobei, denn ich kriege ja doch irgendwie alles alleine hin und jeder Hilfeversuch von außen kann nur falsch sein oder an einer falschen Stelle ansetzen, denn es kann nur geraten werden. Und Hilfe an der falschen Stelle raubt Kraft, die im Moment nur kleckerweise wieder reinkommt.

Ich merke, wie oft ich fast wie aus Gewohnheit im Dissoziationsmodus bleibe, selbst über schwierige Momente hinaus. Einfach, weil es sich gut anfühlt. Neblig, wattig, bisschen schweberig. So als wäre alles von mir in Luftpolsterfolie gepackt, um mich vor Dingen zu schützen, die mir nicht einmal mehr Angst machen, nachdem auch sie auf der anderen Seite der Polsterung sind.

Ich merke aber auch wie gleichermaßen gewohnheitlich ich da auch wieder rausgehe. Wie routiniert ich mir Anspannung rausschüttle, wegatme, auf dem Fahrrad in die Pedale presse, um mich vom Fahrwind ins Er_leben zurückpusten zu lassen.
Alles was bleibt ist dieses vage Derealisationserleben. Doch das ist okay.
Ich muss wirklich nicht alles von dieser krass heftigen Zeit als real empfinden. Wirklich nicht.

das Handtuch

“Jetzt heul doch endlich!” schreie ich in das Hintermich und gehe weiter mit der Bastelschere durch das Handtuch.

Es war das Namensetikett. Das ist da seit 17 Jahren dran. Gestickt, von Oma dran genäht. Die Oma, die niemals auf uns zugekommen ist, um für sich selbst zu fragen, warum wir nicht mehr bei ihrem Sohn leben konnten.
Die von so vielen Kinderinnens geliebt wird bis heute. Die Oma.

Wir besitzen dieses Handtuch, weil sie es uns zu irgendeiner Gelegenheit vor dem ersten Klinikaufenthalt geschenkt hat. Es wurde uns nie geklaut, wie unsere Jacken, Hosen, Shirts, Lieblings-CDs und was nicht sonst noch alles verschwindet, wenn man in Institutionen und Wohngruppen wohnt, in denen alle immer nichts, nichts mehr oder nie genug haben.

Ich musste es waschen, nachdem ich damit das Abtauwasser vom Tiefkühlschrank im Keller aufgewischt hatte. Als ich es zum Trocknen aufhängte, bemerkte ich das Namensschild. Und fühlte nichts. Keinen Kommentar. Nicht einen einzigen anderen Seelenkörper.

Es verunsichert mich, so lange tot zu sein, wenn doch alles in Ordnung ist. Lässt mich meine Therapieerfolge in Frage stellen, wenn ich derartig zurückversetzt werde in mein Bevor-ich-von-den-Anderen-wusste-Er_Leben. Dieses funktionalfreundliche Gedankenträger_in-Sein.

Dann beschloss ich, das Handtuch zu zerschneiden. Brauche sowieso noch Stoffreste für Dinge.
Als ich anfange, drückt der Puls meinen Hals zu. Und dann werde ich wütend. K.-wütend, aber nicht nur. Auch Hannah-wütend. So fühlt sich das also an. Nach Handtuch in der linken und Bastelschere in der rechten Hand, nach Erstickungsfurcht und Druck hinter den Augen.

Ich schneide die erste Bahn, zerteile diese in Quadrate. Oma. Der alte Name. Damals.
Ich kenne Oma nicht und sie wird mich nie kennenlernen.
Im Garten schreien Kinder. Da steht ein aufblasbarer Pool.
Ich sehe mich als 4 jährige im Garten von Oma und Opa, schneide die nächste Bahn. Opa ist tot, die Vierjährige auch. Ich spüre das so deutlich wie den Druck, den ich aufbringen muss, um die Schere durch die Baumwolle zu kriegen.

Meine Augen brennen, mein Gesicht ist dicht. Ich will, dass sie da sind.

Das hab ich mir noch nie gewünscht. Hab noch nie gedacht, dass ich sie mal fühlen will.
Die Anderen.
Die, für die nichts in Ordnung ist.