4 Tage tot

Die Tage in der Krisenstation sind als “5 Tage, in denen ich tot war” gespeichert.
Dabei waren wir insgesamt nur 4 Tage und ein paar Stunden da.

Mir ist das vorhin eingefallen, nachdem ich damit fertig war mich über ein E-Book zu ärgern, dass eine vollumfängliche Weisheit über “multiple Persönlichkeiten” für 4,99€ zu erzählen vermögen will.
Und die Benutzerbewertung, die eine Filmreferenz zu “Fight Club” anbringt. Und überhaupt.
Orr brech die Wurz aus ey.

Es ist ein Phänomen. Die Autist_innen müssen erzählen, dass sie nicht “Rainman” sind und Menschen mit DIS haben Angst vor der Konfrontation mit Filmen wie “Sibyl” oder Büchern wie “Die Leben des Billy Milligan”

Daneben die Frage, wieso das popkulturelle Halb(Viertel) (homöopathische Dosen)wissen es in die Menschenmassen schafft, die Realität hingegen oft nicht einmal kurz in jene paar Köpfe hineinkommt, die direkt mit den konkret betroffenen Personen zu tun haben.
Bevor wir wirklich nicht mehr konnten, hatten wir einen Anlauf zur Aufnahme in der Klinik unternommen und haben uns umentschieden, nachdem die speziell grundlegend falschen und nie etwas Gutes verheißenden Worte “ah – gespaltene Persönlichkeit!” im Erstgespräch fielen.

Es ist das Eine, wenn eine Assistenzärztin von komplexen Traumafolgestörungen* nicht so wirklich Ahnung hat – es ist das Andere, wenn da keine direkte Intervention passieren kann. Unsere Begleitung hatte auf unsere Begründung der Ablehnung “Die wissen hier nicht, was viele sein ist” geantwortet, dass wir das ja auch nicht erwarten könnten.
Glück für die Person, dass unser Körper da schon auf Beruhigungsmitteln war, was auch verhinderte, dass mir die Hand in ihr Gesicht wandert.
Einfach, weil das die falschestmögliche Ansage ist, wenn jemand in so einem massiv auch gefährdendem Setting, falsch bewortet wird.

Wir haben aus Gründen der Gewalterfahrungen in Klinikkontexten und einfach wegen des rosenblattschen Sprachknalls halt eine spezielle Empfindlichkeit für falsche Wortwahl – okay – aber: es ist IMMER IMMER IMMER von Ärzt_innen zu erwarten, dass sie eine_n mit der richtigen Diagnose beworten und entsprechend behandeln.
DAS IST ERWARTBAR.
Das ist so erwartbar, dass es kranke Leute dazu bringt zu Ärzten zu gehen und nicht zum nächsten Späti oder Blumenladen. Muss man sich mal vorstellen, was los wäre, wär es allgemein erwartbarer, dass Müllmänner besser Gliedmaßen eingipsen können, als Mediziner_innen.

Genau das ist aber im übertragenen Sinne das, was uns da jemand sagte und uns damit in genau die Überforderungsgefühle zurück triggerte, die letztlich unsere suizidale Krise mit ausgelöst hatten und zu einem gewissen Teil auch schon seit der Diagnosestellung in unserem Leben sind.

Mit einer DIS zu leben bedeutet so oft, mit etwas zu leben, dass niemand, der es kennen sollte, auch wirklich kennt.
Die behandelnden Mediziner_innen, die psychotherapeutisch Behandelnden, die pädagogisch Begleitenden. Die Notfallmediziner_innen, die einen von der Straße kratzen. Die Seelsorgenden. Die Lehrenden.
Die, mit denen man Bett und Wohnung, Nahrung und Leben teilt. Die mit denen man Themen und Leidenschaften teilt. Die, mit denen man Zeitrahmen in den Lauf der Dinge hängt.

Es bedeutet so oft doppelt und dreifach keine Erwartungen an das Umfeld und seine Menschen zu haben.
Weil Umfeld und Menschen noch nie wahrgenommen haben, was passierte, als man ein Baby, ein Kleinkind, ein Kindergarten- und Schulkind war. Als man die Pubertät durchschritt, erwachsen wurde.
Weil Umfeld und Menschen wie ein tumbe Masse in einem Paralleluniversum an einem vorbeigleiten. Und zwar nicht nur dann, wenn man tatsächlich depersonalisiert (also auf eine spezifische Art dissoziiert), sondern, weil es das Phänomen der sozialen Dissoziation gibt.
Und dann am Ende, wenn man mehr Klarheit über sich hat, weil andere Personen einem sagen, dass man auch keine Erwartungen dieses Umfeld zu richten hat.

Weil dieses Umfeld nicht dich anhört, um etwas über DIS zu hören, sondern special professionelle Glitzerleute, die weder kacken gehen noch mit Wasser kochen. Die sollens dann richten. Weil man ja weiß wie häufig so spezifisches Fachwissen ist und wie allgemein massenwirksam Einzelpersonen immer sein können.

Okay okay – ich höre jetzt auf mit dem Zynismus und gehe in die Realität zurück.
Fakt ist, dass wir bisher in jeder Notfallambulanz, die uns die Haut zugenäht hat, mit den Schlampignosen [rosenblattisch für “schlampige Arschlochdiagnose”] “Borderline” oder “histrionische Persönlichkeitsstörung” oder “akute Depression”  auf dem Entlassungsbericht nach Hause gingen. Auch nachdem wir mitgeteilt hatten, entsprechend welcher Diagnose wir in Behandlung sind. Das Ausmaß der Ignoranz mit allen potenziellen Gefahren ist wohl auch ohne einen weiteren Kommentar von mir illustriert.

Und an der Stelle kommt der Ausbruch von mir, auf den Hannah schon gewartet hat.
Dieser unsägliche Dialog zwischen der Stationsärztin und unserer Therapeutin.
Ich zitiere uns selbst: Die Ärztin in der Krisenstation hatte ihr gesagt, es würde sie erstaunen, wie jemand, der so schwer krank ist bzw. so schwerwiegende Symptome hat, noch nie bei ihr auf der Station war. Und die Therapeutin hatte ihr geantwortet: “Frau Rosenblatt ist eben eine starke Frau.”.

Es ist so schade, dass unserer Therapeutin spontan nur das eingefallen ist und nicht so etwas wie: “Nun ja, bei dem derzeit allgemein leider eher zu erwartendem Behandlungsstandart in deutschen Krankenhäusern muss heutzutage noch immer jede Person mit einer komplexen Traumafolgestörung, wie Frau* Rosenblatt sie hat, leider leider so extrem weit runter mit Nerven und Kraft sein, dass der letzte Funken Selbsterhaltungstrieb nur noch die Einweisung auf Stationen, wie die, in der Sie arbeiten ist.” – an der Stelle hätte sie von mir aus auch drama-solidarisch aufseufzen können um zu vermitteln: “Aber was will man machen”, damit die Ärztin noch eine Option hat sich weniger angegriffen zu fühlen. Mangel und chronischen Notstand kennen sie ja nun einmal doch alle.

Aber nein – was ihr einfiel war der “sie ist so stark (sie hat so viel überlebt)”- Trope, den wir so schlicht nicht mehr auszuhalten gewillt sind, wann und wie auch immer der an uns herangetragen wird.
Nein, wir nicht stark, weil wir so viel ausgehalten und überlebt haben. Wir sind nicht stark. Wir sind nicht hart gesotten. Wir sind nicht mega krass überlebensfähig.
“Aushalten”, “überleben”, “hart gesotten sein”, mega krass “überlebensfähig zu sein” – das wurde  und wird von uns so oft verlangt, dass wir viele geworden sind und auf bestimmten Ebenen sogar bleiben müssen!

Wir vermeiden medizinische Hilfen, weil sie uns Erinnerungen an Gewalterfahrungen triggern. Sei es mit Untersuchungsmethoden oder mit dem klar spürbaren Machtgefälle.
Wir gehen nicht zu Mediziner_innen, weil wir selbst als Patient_in so oft nicht so schwach, verletzt oder verletzbar sein dürfen, wie man es sein dürfen sollte. Wir gehen nicht zu Mediziner_innen, weil viele nicht wissen, welche spezifischen Erkrankungen auch Folgen wiederholter Misshandlung in der Kindheit sein können. Wir haben gelernt uns selbst klaffende Wunden zu tapen und zu nähen, weil selbst das besser auszuhalten ist, als semiinteressierte Pseudoberuhigungsgespräche darüber wie viel besser sich die dauernd wiederholende Kackscheiße in unserem Leben vielleicht eventuell mal entwickeln wird.

Wir haben nicht die Kraft dafür erschrockenen Leuten das Märchen von dem Mädchen zu erzählen, dass sich in die Freiheit gekämpft hat, nur damit sie was Schönes zum dran glauben haben, wenn sie der nächsten Frau ein “durch Treppensturz” blau geschlagenes Auge kühlen.

Merkt man das heute noch? Wie mies es eigentlich ist von “starken Persönlichkeiten, die sich rausgekämpft haben” zu sprechen, weil man damit automatisch und immer nach den “nicht starken, die durch Täter_innenhand gestorben sind” tritt?
Merkt das heute noch irgendwer außer denen, die darunter leiden, weil sie Angst haben, was passiert, wenn sie nicht mehr stark sein und/oder wirken können?

Irgendwie habe ich diese 4 Tage und paar Stunden genau des halb unter “ich war tot” gespeichert.
Weil ich nicht mehr war. Weil ich nicht mehr konnte. Nicht mehr denken. Nicht mehr aushalten. Nicht einmal mehr wütend sein, weil man dort keine Ahnung vom viele sein hatte und uns entsprechend behandelt hat. Weil das, was neben all dem, was unser Rosenblätterleben so anstrengend und unübersichtlich macht und hält – die Armut, die Abhängigkeiten, die immer wieder doch noch auftauchenden dissoziativen Amnesien, die Einsamkeit, das unkontrollierte Erinnern, das Leiden, das Trauern, das permanente Bedürfnis etwas zu sagen und doch nur reden zu können und das Wissen, dass es kein eigenständiges Unterbrechen von all dem gibt, außer sich zu töten – einfach nicht mehr zu er.tragen war.
Für 4 Tage und ein paar Stunden hab ich etwas fallen gelassen, was ich als “die starke kämpferische K.”, die immer wieder gern rangeholt wird, wenn es darum geht, das Leben dieses Einsmenschen zu retten und immer wieder durchzuhalten, festgehalten hab, seit mir die Therapeutin, die wir mit 16 hatten erklärte, was eine DIS ist und wie wichtig mein Festhalten ist.

Das ist ein beliebter Ansatz in der Therapie. Man macht die “starken Anteile” aus und macht ihnen klar wie wichtig sie sind. Wenn die Klient_innen dann auch noch eine tatsächliche Alltagsaufgabe für diese Anteile finden und etablieren können (Lohnarbeit, Familienleben, diverse soziale Interaktionsbereiche) kann sich eine stabile starke Ebene sowohl im Innern der Person als auch im Außen entwickeln.
Passiert über Jahre im Außen nichts und lastet aller Druck immer wieder nur auf einzelnen dieser Anteile, ist die Dekompensation abzusehen.

Das ist, was an den aktuellen und auch weniger aktuellen Büchern zur Traumatherapie (bei einer DIS bzw. allgemein dissoziativen Störungen) meiner Ansicht nach zu Recht kritisiert wird. Das Paradebeispiel ist allzuoft als cisweiblich, weiß, ca. 45 Jahre alt, im Berufsleben und Teil einer selbstgegründeten Familie beschrieben – ergo näher dran an der Möglichkeit eine solche stabile Ebene für sich zu realisieren. Privilegien, Baby!
Nicht non-binäry, of colour, Anfang 20 oder Mitte 70, alleinstehend und in Abhängigkeiten wie Hartz 4 oder (Früh-)Rente – ergo weit(er) davon entfernt sich so eine Ebene zu erschaffen. Diskriminierung, Baby!

Die auch für die Behandler_innen deprimierenden Beispiele werden im kleinsten Kreis diskutiert – wenn überhaupt.
Die psychotherapeutischen Behandlungen, die irgendwann mehr oder weniger erhaltungstherapeutischen Charakter haben, schaffen es nicht in die Literatur, die ermutigen und die Notwendigkeit von guter Traumatherapie für alle, die (komplex) traumatisiert wurden, überzeugen will.

Dafür gibt es sicherlich auch Gründe, die außerhalb meines Sichtfeldes liegen, aber für mich als Person mit DIS, die ihre Diagnose seit inzwischen 13 Jahren hat ist es, als würde mir eine Facette der Realität meiner Behandlungsprognose vorenthalten.
Ich habe schon ein Interesse daran zu erfahren, welche Faktoren ich selbst vielleicht noch mehr anstreben müsste, um meinen Behandlungsverlauf positiv zu beeinflussen, außerhalb dessen, was ich eben genau nicht beeinflussen kann.

Was ich wahrnehme ist, dass es immer mehr Behandler_innen gibt, die sich für die Gewaltformen hinter der DIS interessieren. Viele Menschen haben die Warum-Fragen in sich. Wollen die Mechanik der Gewalt verstehen und denken, um das zu können muss man einen Fokus auf die Täter_innen legen. Ihre Intensionen, ihre Ideen, ihre Sozialisierung.
Wieder reicht das, was die Personen, die zu Opfern wurden, sagen nicht aus. Wieder wird an der Stelle davon ausgegangen, zu Opfer gewordene Menschen, seien nicht in der Lage “richtig” einzuschätzen, was zu ihrem Leiden geführt hat.
Sicherlich muss man kritisch sein. Sicherlich gibt es auch genügend gewaltkulturelle, wie gewalterfahrungsbegründete Einflüsse, welche die Perspektiven der betroffenen Menschen verschiebt.
Und natürlich ist “Die Täter_innen waren einfach miese Arschlöcher”, was für manche ehemalige Opfer ein total hilfreiches Schlußfazit ist, alles andere, als eine umfassende Betrachtung von Gewalt-Dynamiken. Aber solche Ansagen sind Teil dieser Dynamiken und somit in jedem Fall auch relevant.

Es scheint einen Trend dahin zu geben, sich über die Gewalt auszutauschen und dafür konkret Betroffene zu suchen, die sich willig als “Aussteiger_innen” bezeichnen und ihre Folgeschäden mehr oder weniger präsentieren lassen, um dann die “Ich war so stark – ich hab mir nix mehr gefallen lassen und mich befreit!”- Legende zu erzählen.

Sozialpolitische Bemühungen, Vereinsarbeiten, quasi-wissenschaftliche Arbeiten von konkret betroffenen Personen geraten dabei aus dem Fokus.
Es ist, als würde man mit jeder Veranstaltung zu ritueller Gewalt, organisierter Gewalt – jedem Aufklären wollen über das, was eine DIS zur Folge haben kann, bei dem auch ehemalige Opfer sprechen dürfen, eine neue, aktuellere Version von einem Film gedreht, vor dem man sich als Mensch mit DIS später fürchtet.

Beziehungsweise, vor dem ich mich fürchte.
Das Blog von Vielen ist entstanden, weil ein Mitmensch nicht verstanden hat, dass wir nicht “so eine wie die in Höllenleben” sind. Der Kontakt ging später auch genau daran kaputt: ich wurde von der Person zum Gradmesser eines Wahrheitsgehaltes von Filmen und Büchern gemacht und nicht als ich neben vielen anderen ichs in einem Menschen gesehen.
Die Person hat unsere innere Struktur zu einer chaotischen Kopf-WG gemacht, darauf gewartet, dass wir in nie offiziell gelernten Fremdsprachen sprechen und heimlich irgendwie sowas wie Kung-Fu-Meister sein könnten. Unsere Kleidung wurde bedeutet, unsere unterschiedlichen Haltungen und Interaktionsmuster wurden exotisiert und alles, was wir uns erarbeitet oder sonst wie hart angeeignet haben, wurde auf unsere Vielheit oder Stärke oder Überlebenswillen zurückgeführt.

Wir hatten damals noch keine Ahnung, dass man mal schauen könnte, ob Menschen mit DIS bloggen oder aktivistisch unterwegs sind. Außer Foren, in denen man einander erzählte wie krass schlecht es einem grad geht und sich zu keinem anderen Thema zu äußern traut, hatten wir nur noch eine Selbsthilfegruppe, die sich selbst eher zum ausgelagerten Ressourcenflauschcliquending entwickelt hat.

Für uns war es lange normal keinerlei Erwartungen an eine Kenntnis von realer DIS an Menschen zu richten. Bis wir gemerkt haben, wieviel gefährlicher Bullshit dadurch Raum bekommt und wie sehr dadurch Deutungshoheiten von sowohl sogenannten, als auch wirklich professionell und sorgfältig arbeitenden Behandler_innen verfestigt wird, anstatt hier und da kritisch hinterfragt zu werden.

Wie dieses unsägliche Buch mit 18 Seiten, das auch von Betroffenen beworben wurde, anstatt eine Linkliste von anderen Betroffenen anzulegen, anstatt sich zu vernetzen, anstatt auf Beratungsangebote, Fachliteratur, eigene Texte und Innenansichten zu linken.
Es gibt Seiten zu DIS im Netz, die mir wirklich Bauchschmerzen und Kopfzerbrechen bereiten, weil sie so oft Gewalt reproduzieren, ihre Stimmen abgeben und durch massenhaft zitierte Bücherweisheiten ersetzen und keinerlei erwachsenes, reflektiertes, fundiertes Profil erahnen lassen.

Daneben gibt es diese Vermeidungstänze der Pseudodebatte um die Echtheit von DIS, die Echtheit der geschilderten Gewalt und die Wahrhaftigkeit des Grauens an sich.
Nichts davon macht, dass man als in welcher Form auch immer vom Thema berührte Person, wirklich mehr Hilfen bekommt. Oder mehr Kenntnis in der Allgemeinheit über DIS und komplexe Traumafolgen allgemein entsteht.
Was es macht sind dichotome Stereotypen, wie sie unsere Gesellschaft hegt und pflegt, um sich zu unterhalten und abzugrenzen, statt sich zu widmen und zu engagieren.

Es macht, dass man sich als konkret Betroffene von dort fernhält, wo man Hilfe bekommen könnte.
Es macht, dass man 4 Tage tot ist und sich dann auf eine Art neu für sein Leben entscheiden muss, wie es andere Menschen nicht tun müssen.

Es macht ein Schweigen, das neben der Sprachlosigkeit, die die Gewalt mit sich bringt, überhaupt nicht auffällt.
Und das ist das Problem.

eine sichere Zuflucht für geflüchtete Mädchen* realisieren

Folgende Email erhielten wir vor Kurzem. Wir freuen uns, diese hier teilen zu dürfen:

“Liebe Freund_innen,
liebe Kolleg_innen,
einige von Euch haben schon mitbekommen, dass der Verein Vive Zene seit ca. 1,5 Jahren plant, ein Mädchenhaus für unbegleitete Flüchtlingsmädchen zu errichten. Wir sind mit der Planung inzwischen so weit fortgeschritten, dass wir ein geeignetes Haus gefunden haben – nun benötigen wir die Anschubfinanzierung.
Deshalb bitte ich Euch, dass Mädchenhausprojekt zu unterstützen. Damit es kein Traum bleibt: 

… wie im Traum

Nein, ein Traum soll es nicht bleiben! Nachdem die minderjährigen Mädchen und jungen Frauen alleine die Odyssee ihrer Flucht irgendwie überstanden, den Verlust von Familie und vielleicht auch Gewalterfahrungen überlebt haben, kommen sie zu uns und finden Schutz und ein vorläufiges Zuhause bei Mäggie.

Diesen sicheren Zufluchtsort für unbegleitete Flüchtlingsmädchen, wo sie geschützt in einer liebevollen Umgebung wieder Kräfte sammeln können, Fachfrauen individuell auf ihre Bedürfnisse eingehen, sie beraten, sich für sie einsetzen, schaffen wir jetzt! Unser feministisch-ganzheitlicher Ansatz ermöglicht schnelle, flexible und ganzheitliche Unterstützung – parteiisch für die Mädchen.

Das Zuhause für minderjährige Flüchtlingsmädchen wollen wir mit einem Hauskauf in der Region Dortmund ganz konkret umsetzen. Ein passenden Haus für unser Projekt „Mäggie“ ist gefunden. Ab Anfang nächsten Jahres soll für viele unbegleitete Mädchen und junge Frauen dieser sichere Zufluchtsort nicht länger ein Traum sein! Zusammen können wir diesen Traum verwirklichen!

Es geht um die Anschubfinanzierung, wir benötigen 350.000 Euro

Helfen Sie jetzt − wir kaufen das Haus und Mäggie kann starten!

Herzlichen Dank – Sie schenken den Mädchen Lebensmut und Zukunftschancen!

Jede Spende zählt!”

Weitere Infos und die Daten zum Spendenkonto findet Ihr hier.

Verbindungen

Die Therapiestunde endete mit einem Flächenbrand, der unterm Scheitel begann, sich über einen Krampfanfall auf den gesamten Körper verteilte und bis in den späten Abend unterm Denken schwelte.

Menschen verstehen nicht, wenn wir versuchen zu vermitteln, wie schwer Sprache wird, wenn es uns nicht gut geht. Die wenigsten wissen, dass wir in Krisen seit Jahren das Fingeralphabet und einzelne Grundgebärden nutzen, um zu kommunizieren. Die meisten wissen, dass wir Menschen meiden, wenn wir nicht sprechen können. Die meisten denken, wir wären dann lieber allein. Niemand denkt daran, dass die Kluft des Missverstehens zwischen uns auch ein Grund ist.

Dass es der Weg zu Worten ist, der alles erschwert, wenn wir zwischen Erinnern und Nachspüren stehen und auf Impulse aus dem Heute reagieren sollen, haben wir gestern verstanden.

Das Hier und Heute verlangt nach Reaktionen, die bestimmte Formen haben muss. Der Mindeststandart sind Lautsprache und Blickkontakt. Ist das nicht gegeben, wird geraten und nachgefragt. Wird mit jeder Frage eine Palette von optional gemeinten Räumen eröffnet, von denen einer zu wählen ist. Exakt einer führt zielgenau zu dem Verstehen, das gebraucht wird – die anderen schließen dieses Verstehen nicht aus, führen aber zu weiteren Fragen mit neuen Räumen und Wegen, die zu gehen sind. Auch dann, wenn man keine Kraft dazu hat.
Hier kommt die Zeit <—-> Kraft –Dynamik dazu.
Je mehr Kraft wir in ein Hier und Heute pumpen müssen, damit es uns versteht, desto weniger schaffen wir es dauerhafte Belastungen zu kompensieren. Wie zum Beispiel überflutende Körpererinnerungen, Pseudohalluzinationen, den Drang die Satzbausteine rauszuwerfen, die mit am wenigsten Anstrengung zu greifen sind, den Impuls das zu Sagende nicht mehr zu kontrollieren oder schlicht Dinge zu tun, die uns entlasten, aber im Hier und Heute nicht okay sind (selbstverletzendes oder spezifisch selbstansprechendes Verhalten).

Es hätte uns gut getan, real verletzungsbedingte Schmerzen zu haben oder im komplett Dunklen oder Stillen oder Eingeengten zu sein.
Paradoxerweise hätte es uns wahrscheinlich am Besten geholfen, zurück zu einem “normalen” Reiz-Reaktionsmuster zu finden, wäre die Gewalt, die für uns neben dem Jetzt passierte, das Jetzt gewesen.

Wir haben Anfang dieser Woche unser Podcast “Viele-Sein” mit den Sommers aufgenommen (wird bald veröffentlicht) und dabei auch darüber gesprochen, dass durch den Ausstieg ein Faktor in unserem Leben wegfiel, der vieles in uns zusammengehalten hat: die Gewalt.
Nach gestern und im Zusammenhang mit den Überlegungen um die Autismusdiagnostik denke ich auch: die Reize und die Eindeutigkeit, die mit der Gewalt einhergingen.

Manchmal blende ich (erwachsenes Alltagsinnen) aus, wie auch aufgefasert frühere Gewalt schon auf uns eingewirkt hat. Wir wurden misshandelt – aber das war nicht immer das, was einen Leidensdruck auslöst. Manchmal kommt der Leidensdruck eher aus einem Bedauern des gegenseitigen Missverstehens oder anderen Dynamiken, die nicht dazu führen, verbunden zu sein.
Dazu gehörte schon früher auch: die Un_Logik von Gewalt zu durchschauen, eine Idee von Opportunismus als Faktor von Gruppengewalt zu haben, loyal sein zu wollen, aber andere Kontexte nicht ausblenden zu können – zusammengefasst vielleicht: das eigene Denken nicht unterdrücken zu _können_  obwohl man doch sehr möchte und merkt, dass die dominierenden Personen das doch auch so gern möchten.

Zwischenmenschliche Gewalt gilt als zusammenhängend mit Trennung. Wenn jemand jemandem Gewalt antut, dann muss eine Trennung her. Separation gilt als (einziger) Weg des Umgangs. Stichwort: Alle in den Knast (in Therapie/ Psychiatrie/Rettungseinrichtung/helfende Hände)
Manchmal frage ich mich, ob von uns erwartet wird, vor allem deshalb unter der Gewalt auch im Nachhinein zu leiden, weil es moralisch schlimm ist, Gewalt erfahren zu haben und moralisch schlimm ist, Gewalt auszuüben.

Für mich ergibt sich aus diesem moralischen Anspruch, die Trennung zum Leiden darunter, dass sie nicht mehr so passiert, wie ich mit ihr umgehen kann und ein Verbot, Dinge als quälend, schlimm, (gewaltvoll) zu empfinden, die für andere Menschen einfach so damit einhergehen ein Leiden lindern zu wollen.

In meinem Erleben war es ein Kraftaufwand bis an den Rand der Therapeutin zu sagen: “Wäre ich jetzt zu Hause, würde ich einen Krankenwagen anrufen.” – ich weiß nichts mehr von dem, was danach geschehen ist, außer einem zerreißenden Impuls aus dem Nicht-IchWir nach dem anderem.
Fragen, Berührungen, Entscheidungen, Geräusche, Licht, verwirrende (Decken-) Muster in einem Vielzuviel, das keinen Kontext mehr hatte und nicht mit mir zu verbinden war. Ich konnte mich nicht mehr verbinden und gleichzeitig mich selbst nicht berühren.
Im Bericht aus dem Krankenhaus wurde daraus “Lichtempfindlichkeit – eventuell liegt eine Migräne vor”.
Meine Versuche mich ausdrücken verwandelten sich in “psychomotorische Unruhe”.

3

18.32 Uhr, 4 Stunden nach dem Anfall und der Gabe von Schmerzmitteln und einem leicht sedierenden Mittel gegen Übelkeit später, saßen wir mit unserer Therapeutin unter einer Raumdecke mit  reiz-voll-em Muster im Foyer der städtischen Psychiatrie.
Es waren inzwischen 4 Stunden voller Missverstehen und überbordenden Versuchen und Fehlschlägen der Kommunikation vergangen.
Patient_innen liefen an uns vorbei. Gesprächsfetzen, Rufe und das Geräusch der automatischen Schiebetür durchdrangen die Halle.
Wir hatten zuletzt in der Praxis der Therapeutin einen Schluck Wasser zu uns genommen und zuletzt vor über 24 Stunden etwas gegessen.

Wessen Denken fing langsam wieder an, im üblichen Rahmen zu funktionieren?
Genau.

Wir wissen, dass man nicht oder nicht viel hätte anders machen können und das ist auch nicht, worüber wir jetzt nachdenken. Uns wird ja gern gesagt, wir sollen sagen, was man hätte anders machen sollen, weil man zu gern missversteht (verstehen muss/will), warum wir solche Ereignisse hier mit_teilen.
Ich teile sie, weil ich möchte, dass Menschen verstehen, wie es uns ging, während die Helfenden um uns herum, ihr Bestes taten ein Leiden zu lindern, das sie in uns vermuteten. Ich möchte auf das trennende – das auf uns sehr ähnlich wie erlebte Gewalt  wirkende – Missverstehen hinweisen, das dazu führte, dass wir uns sehr viel länger gequält haben, als vielleicht unumgänglich gewesen wäre.

Ich möchte ausdrücken, dass wir uns tatsächlich tief gequält haben und am Ende wieder unsere Anpassungsfähigkeiten an Zustände körperlicher wie psychischer Erschöpfung, dazu führten, Kontakt mit dem Außerhalb aufnehmen zu können, wie es das Außerhalb braucht, um zu verstehen.
Es ging uns nicht besser – wir sind einfach nur in eine andere Art Notzustand gekommen, der weniger am Sprechen und am Weg zur Lautsprache behinderte.
Das ist ein Unterschied, den ich versuche sichtbar zu machen, weil ich davon überzeugt bin, dass es vielen Vielen schon so ergangen ist, die sich dann aber nicht zu äußern trauen (können), dass es ihnen unter den Worten noch immer nicht “okay” geht.

Als wir noch einmal Stunden später in unserem Käfig lagen und Wasser aus einer Flasche durch einen Strohhalm trinken konnten, konnten wir endlich auch NakNak* spüren und uns darüber auch im erinnernden Innen mit dem Hier und Heute verbinden. Es war dunkel, still und so eng, dass wir uns nicht frei bewegen konnten.
Es war wieder okay.
Endlich.

Elternmord

Wir sitzen in der Küche und neben unserem Gespräch, hopst die Nacht unterm Fenster entlang.
Der Mensch sagt: “Man könnte es auseinanderklamüsern und einen Anfang finden.”. Seine Hände bewegen sich von einander weg. Eröffnen ein symbolisches Feld in das unsere Entwicklung und unsere familiäre Interaktion hineinpassen soll.

Das Inmitten pulsiert und vielleicht weine ich am Rand des Außen, weil es so herzzerreißend ist.
So ein Wunsch, ein Interesse – so ein Moment, in dem man doch nur eine Frage hat und die doch nur beantwortet haben möchte – so ein Moment, in dem man doch nur verstehen möchte, so ein Moment ist zu zart für das, worum es geht.

“Es geht ja nicht um Schuld. Hier wird niemand gerichtet.”, so etwas sagen Psycholog_innen in jedem Elterngespräch ums krankbeklopptkaputtgespielte Kind und in meiner Familie hat das nie funktioniert. Wie soll das generell auch funktionieren, wenn Eltern – egal, ob sie ihr Kind absichtlich oder aus eigener Unerfahrenheit, Not, Ohnmacht, Impulsivität, eigenen unverarbeiteten Traumatisierungen heraus misshandeln oder nicht – sich gar nicht im Wunsch nach Verstehen auf genau der Ebene der Objektivität bewegen können.
Der Anspruch nicht in Schuld-Unschuld- Dualismen zu agieren,  blendet innere Dynamiken und den sozialen Kontext in dem Menschen leben, aus.

Gespräche ums Selbst und Sein, passieren nicht in luftleeren Räumen.
Kein Gespräch ist ohne Bezug.

Es wäre spannend, wären Menschen Objekte, deren Entwicklung man anhand von Etappen und Ereignissen systematisieren kann.
Es wäre so praktisch, dass man es er/begreifen kann, könnte man menschliche Entwicklung innerhalb von Mikrokosmen beschreiben und analysieren, wie Schimmelwachstum in einer Petrischale.
Menschen sind aber nicht so. Schon gar nicht sind Familien so. Und Misshandlungsfamilien haben, zumindest ist das meine Idee, jeweils so spezifische Dynamiken zwischen und an jeder einzelnen Interaktion, das von einer systemischen Multiplizität gesprochen werden könnte. Dass man am Ende sagen könnte: Misshandlungsfamilien sind in einer rhizomatischen Dynamiken-Dynamik verhaftet, die zu beobachten nur dann überhaupt praktisch möglich ist, wenn man selbst in ihr lebt. Doch diese Beobachtungen daraus heraus zu formulieren wäre aufgrund ebenjener Beteiligung nicht mehr möglich, weil es Teil der Dynamik ist, genau dies nicht zu tun bzw. dazu nicht befähigt zu werden.

Das ist, was Schweigegebote und die Misshandlungsfamilie als abgeschlossenen Raum im Raum im Raum schwer bewortbar macht.
Das Ende der Äußerung kann sein einen Aspekt einer Dynamik zu transportieren: “Was zu Hause passiert, bleibt zu Hause.” – also ein Schweigegebot sichtbar zu machen. Dem Beobachter von außen bleibt aber der Weg zu dieser Dynamik verborgen und die Dynamiken, die genau dieses Ende benötigen, um das Gesamtsystem (den Raum mit seinen Dimensionen) aufrecht zu erhalten.
Die Reflektion tötet am Ende die Misshandlungsfamilie bzw. bringt sie in existenzielle Gefahren.  Am Ende gibt es Abstoßung.

Und irgendwann gibt es eine Person, die mit fast 29 Jahren in ihrer Küche sitzt und überlegt, ob das Gegenüber verstehen könnte, wenn sie sagt:
“Du kannst nicht mit meiner Familie sprechen, weil ich sie ermordet habe. Ermorden musste, damit ich über sie nachdenken konnte. Damit ich meiner Therapeutin überhaupt die Fetzen meiner Erinnerungen mitzuteilen wagen kann.”.
Es ist Teil des So-tun-als-ob-Spiels, das Teil einer inneren Dynamiken-Dynamik ist, die unsichtbar blieb, weil Abstoßung ein heimlicher Akt ist.

Aussteiger_innen sollen heroische Selbstretter_innen sein, die die Gewalt an sich erkannt haben und etwas Besseres für sich  wollen.
Sie sollen selbstbestimmt sein und eine Linie ziehen – eine Entscheidung treffen und diese verteidigen.
Aussteiger_innen morden nicht. Sie gehen einfach weg und korrigieren den Blick zurück von sich aus nach vorne.

Wäre Abstoßung nicht heimlich, gäbe es noch andere Stereotypen.

Ich habe meine Eltern getötet und halte bis heute ihre Leichen in meinen Armen.
Analysiere, seziere, bedenke etwas, das diese Welt schon längst verlassen hat und mich nicht mehr braucht, um sich am Leben zu erhalten.
Das ist nicht, was in den schlauen Büchern zu Ausstieg aus gewaltvollen Kontexten steht, aber es ist auch ein Aussteigen, dass es mir ermöglicht hat nicht zu verharren und meine Therapiemöglichkeiten zu nutzen.

Es ist die Maxime: “Es ist vorbei”, es ist die Erleichterung über die Wertung des eigenen Wortes, der eigenen Er-Lebensrealität – das So-tun-als-ob-Spiels der Psychologie, das einen Raum ohne Kontext ermöglichen will, um Probleme und ihre Lösungen zu erdenken.
In Bezug auf Gewalt funktioniert das nicht, weil Gewalt immer und immer und immer selbstbestätigend ist und eben auch in einem leeren Raum existiert, allein schon in dem Umstand, dass es den Raum gibt bzw. geben muss und kann.

Wenn man Gewalt in einen Raum steckt, steckt man Schuld, Scham, Schmerz automatisch mit dazu und muss zwangsläufig reduzieren, um etwas zu sehen, dem man sich soweit widmen kann, dass man es verstehen bis begreifen kann. Doch es wird – es muss – dann unvollständig sein und am Ende unbefriedigend, sinnlos, verrauchte Energie. Das Gefühl, den eigenen zarten Wunsch nach Verstehen unter etwas schwerem, großen – überforderndem Irgendwas erschlagen zu fühlen.

Als wir eine Jugendliche waren, sahen wir dieses überfordernde Ding, über viele Psycholog_innen in Elterngesprächen rollen und bekamen immer wieder zu spüren, dass “Abgrenzung” an der Stelle bedeutet, dieses Ding auf uns abzulegen, weil es ja sowieso schon mit uns zu tun hatte.
Und als Teil der Dynamiken-Dynamik sind wir darunter nicht dekompensiert, eben, weil wir ein Teil davon waren.

Heute wirft man mir gerne vor Sackgassen-Situationen zu kreieren.
Man mag es nicht, wenn ich Dynamiken innerhalb von Dynamiken aufzeige und zeige, dass Gewalt = Gewalt ist und nichts weiter.

Man möchte gerne glauben, da gäbe es Wege und Mittel, wenn nur der Raum frei genug ist.
Man möchte gerne glauben, dass dieses Moment des Verstehenwollens als harmlos gesehen werden kann.

Und ich lasse sie ihre Vermeidungstänze machen.
Weil ich weiß, wie wichtig sie sind, um sich am Leben und Glauben zu erhalten.

Datensammeln (für einen bestimmten Zweck) ist Stalking

Habt ihr eigentlich verstanden, wie die geplante Vorratsdatenspeicherung eigentlich so funktioniert? Also was das soll und wieso und überhaupt?

Ich hab mich lange gescheut einen Artikel zu schreiben, der offensichtliche Parallelen zu Gewalt in Form des Stalkings, also dem Nachstellen einer Person, gegen ihren Willen und vornehmlich ohne, dass sie es weiß, offensichtlich macht.
Irgendwie dachte ich immer: Naja, die die das mit mir aktuell (und offenbar schon über ein Jahr lang) machen, haben halt Angst. Da gibt es die Not, vielleicht den Zwang mich zu kontrollieren, weil sie Angst davor haben, ich könnte sie (wieder) verletzen.

Außerdem weiß ich: sowohl mein Twitteraccount, als auch mein Blog – so ziemlich jede meiner Aktivitäten im Netz ist offen für alle, die es interessiert. Jede:r kann dort lesen, mit mir interagieren, sich Gedanken darüber machen, wer ich denn so bin.

Öffentlichkeit ist nicht gleichzusetzen mit einer Masse, der ich egal bin, oder die mir wohlgesonnen ist. Öffentlichkeit bedeutet erst mal nur: nicht privat, nicht versteckt, nicht still.
Es bedeutet nicht, dass es okay ist, mir auf eine Art nachzustellen, die bedeutet jedes meiner Worte, jedes Stück Content, in dem ich mich ausdrücke, zu sammeln, um sie im Fall eines “Fehlers” gegen mich zu verwenden.

Während wir in Sachen VDS oft darüber sprechen, wie beschissen es ist, dass unser Rechtsstaat seine Bürger_innen unter Generalverdacht von Straftaten jeder Art stellt, um Überwachung zu rechtfertigen und letztlich durchzusetzen, sind wir bei Stalker_innen, die das Gleiche tun und sich dabei mehr und mehr in diverse Gedanken und Vorstellungen verrennen, die unvorhersehbare Folgen haben können, erstaunlich ruhig.

Zu erklären ist dies wieder einmal mit der Gewaltkultur in der wir leben.
Entsprechend dieser Gewaltkultur stehen viele Deutsche da und sabbeln irgendwas von “Wenn man nix zu verbergen hat, ist es kein Problem” (ha ha) oder “Ja, was schreiben die Leute denn auch alles ins Internet” bzw. “Was machen die Leute denn auch außerhalb von rechtschaffender Arbeit und Freizeitspaß im eigenen Hinterhof noch irgendwas?”
Nun, lasst mich antworten: diese Menschen leben, interagieren, kommunizieren, versuchen sich weiterzuentwickeln, weniger einsam zu sein, manche arbeiten auch übers und manche ausschließlich fürs Internet.

Bei Stalking passiert das Gleiche und wird über bestehende Stereotype von zum Beispiel (cisheterosexueller) (romantischer) Liebe die gesamte Situation verklärt und fehlinterpretiert. „Stalker sind krank vor Liebe“ oder „Stalker sind durchgeknallte Fans“, heißt das dann.
Bei Personen des öffentlichen Lebens, bzw. Personen, die für die Öffentlichkeit zugänglich und sichtbar arbeiten, übersieht man daher oft Personen, die auf eine Art stalken, die nicht mit täglichen Anrufen, Auflauern in der Öffentlichkeit oder allgemeiner: Kontaktaufnahmen allgemein einhergeht.
Was am Ende dennoch gleichsam zu victim blaming (also dem Verantwortlichmachen der Person, die zum Opfer einer Gewaltausübung wurde) führt.. Das sind dann Sabbelphrasen wie: (okay Achtung jetzt kommt ein Knaller) „Wieso schreibst du denn auch ein öffentliches Blog?!“ oder „Wieso machst du denn auch dein Leben so öffentlich?!“ oder „Wieso twitterst du denn öffentlich?!“.

Ah well…
Also ja: ich werde gestalkt – immer noch und von zwar von jemandem, den ich nicht kenne. Also außerhalb des Internet. Ich kenne weder den Klarnamen, noch den Wohnort, noch sonst irgendwas, was dieser Person zu einer Struktur und Konsistenz über ihren Nicknamen in einem Forum, in dem wir gemeinsam aktiv waren, hinaus, führen könnte.
Umgekehrt ist das anders.
Für uns ist es kein Problem gewesen, sich gegenüber jemandem mehr zu öffnen, mit dem man fast täglich schreibt, weil Kommunikation und Miteinander so funktioniert. Auch übers Internet. Es gibt keinen einzigen Grund, weshalb man die Kommunikation in “Netz” und “Echt” einteilen sollte.

Und dann kam der Bruch und damit die Notwendigkeit mich zu kontrollieren.
Unter dieser Notwendigkeit wurde alles, was ich tue, schreibe, öffentlich mache zu etwas, das man sammeln und auf Verdächtigkeiten hin durchsuchen muss.

Der Generalverdacht ist im Fall von (anonymem) Nachstellen (im Netz) in der Regel der, dem Nachstellenden irgendwas zu tun.
Irgendwas wegnehmen, irgendwas kaputt machen, irgendwas unangenehm machen, irgendwas böses tun.
Keine der Informationen, die diese Person je von mir erhalten hat, reichen ihr, mich als jemanden anzuerkennen, den man beruhigt aus seinem Alltag streichen kann. Kein Wort von mir selbst – willentlich, gezielt und ausschließlich an diese Person gerichtet, hat Bestand – weil ich mindestens eine Lügnerin bin, die dieser Person irgendetwas tut. Etwas Schlimmes. Natürlich. Kennt man ja von mir.

Häufig geht es dann beim Akt des “Recherchierens” (the fuck: des stalkens!) darum, die Öffentlichkeit™ vor der bestalkten Person und “ihren Umtrieben” zu warnen, oder im Fall von Konflikten: Beweise über Beweise über “das wahre Gesicht” auffahren zu können. Bei manchen Personen geht es auch darum auf ein Moment hinarbeiten zu können, in dem sie sagen können: “HAB ICH EUCH DOCH GLEICH GESAGT.”, was dann eben auch mit Narzissmus zu tun hat bzw. mit so einem Wunsch nach Anerkennung für all die investierte “Arbeit” und “die Schläue”, sich von niemandem reinlegen zu lassen.

Kennt ihr die Entstehungsgeschichte des Begriffs “die Achse des Bösen”? Oder, um ein eurozentrisches Beispiel zu nehmen: des Ministerium für Staatssicherheit in der DDR?
Es ist das gleiche Strickmuster im Format 1: X  und immer geht es um Macht durch Kontrolle und nicht um Sicherheit durch Solidarität, Miteinander und Vertrauen. Es geht darum etwas zu sichern und zu verteidigen.

Ich denke, der Vergleich sei zu groß. Irgendwie übertrieben, weil … ta daaa: Frau Rosenblatt hat auch ihre Vorurteile, was traumatisierte Personen angeht.
Mein Verstehen der Lage von Menschen, die ihr Leben lang getreten wurden, führt mitunter dazu, dass ich grenzverletzendes Verhalten anders werte, als bei Personen, die ich nicht als Personen lese, die Gewalt erfuhren. Ich entschuldigte auch das Stalking der Person, von der ich sicher weiß, dass sie meine Texte und Tweets liest um sich in meiner Boshaftigkeit, Falschheit, Lügerei zu bestätigen, genau damit, dass sie halt kognitive Verzerrungen erlebt, weil alles in ihr auf Verteidigungsmodus ist. Weil sie, wie ich vermute, (Todes?) Angst hat.

Das Problem damit ist natürlich, dass ich mich über sie stelle – also ganz klar, es ist nicht cool jemandem abzusprechen noch ganz klar im Kopf zu sein, nur, weil si:er Dinge tut, die ganz und gar nicht danach aussehen.
Und es ist natürlich ein Problem, weil ich in das Verhalten der Person etwas hineindeute, das sie mir selbst nicht mitgeteilt hat.

Die Frage ist halt, ob diese problematische Situation gelöst werden kann, indem ich mit dieser Person spreche, wenn doch aber alles, was ich sage in ihrem Kopf als Lüge, List und Gefahr für sich selbst anzukommen scheint bzw. sie sich so verhält, als wäre dem so.
(Hint: nein diese Situation ist nicht lösbar – sie ist nur verschiebbar – siehe: Entwicklungsgeschichte des Begriff “die Achse des Bösen” und “Stasi” )

Was also jetzt?
Ich habe vorhin recherchiert, dass es in jedem fünften Fall von Stalking zu körperlicher Gewalt kommt und jede 400ste Frau* von ihrem Ex-Partner* getötet wird. Außerdem habe ich kurz nachgesehen wie viele Menschen von der Stasi und im “Krieg gegen Terror” ermordet wurden.

Dann habe ich mich erinnert, was ich damals alles in meinen Accounts und auch hier im Blog verändert hatte, nachdem die stalkende Person mir mit irgendeiner abstrusen Mischung meiner Daten und ihren Unterstellungen Angst gemacht hatte und klar war, dass keine wie auch immer geartete Reaktion von mir das klären und richtig(er) stellen kann.

Damals hatten wir noch nicht viel Reichweite hier und schrieben noch einfach so drauf los. Wir beschrieben Krisen, beschrieben, was wir in der Therapie besprechen, schrieben darüber, was wir erinnerten.
Der Blick von einer Person, die mich beim Lügen erwischen wollte, sorgte dafür, dass ich anfing zu lügen. Ich verfälsche Orte, straffe Dialoge, verändere Verläufe. Das Blog von Vielen ist weniger authentisch geworden, ich führe Blogs, die niemand lesen kann. Schweige über Dinge, über die ich früher geschrieben hätte.

“Was schreibst du auch dein Leben ins Internet – bist selber schuld, wenn Leute das lesen und sich Bullshit draus stricken” – wie oft mussten wir uns schon mit dieser Form des victim blaming auseinandersetzen?
Ich habs nicht gezählt, weil ich irgendwann anfing zu zählen, wie oft “Die Opfer müssen sich zeigen!” oder “Die Opfer müssen sichtbarer werden” in Veranstaltungen zu Gewaltprävention und Strafverfolgung von Gewalttaten gefordert wird.
Für uns ist klar, dass wir aus vielen Gründen, die wohlbemerkt nicht alle etwas damit zu tun haben, dass wir uns vor Täter_innen schützen müssen! , nicht einfach ins Fernsehen setzen oder eine Biografie schreiben. Für uns ist das Bloggen, das Twittern, das Einnehmen von virtuellem Raum die barrierenärmste Option um selbst mit dem Thema und der Auseinandersetzung damit sichtbar zu werden.

Wir sind nicht eng verbunden mit “der Betroffenenszene” bzw. der “Multiszene”. Aus Gründen, die auch mit dieser stalkenden Person und eben zunehmender Netzreichweite zu tun haben. Wo können wir uns denn wohl noch offen austauschen? Für wen sind wir denn nicht mehr das Bild, dass sie sich über das Blog oder Twitter oder auch Facebook von uns gemacht haben? Es gibt für uns keine Optionen des breiten Austauschs mehr und außerhalb existenzieller Krisen oder großer Umschwünge leben wir auch einfach irgendwie damit, wie wir früher damit gelebt haben, dass andere Menschen bestimmen, was von uns wie zu lesen ist und welche Auswirkungen das auf unsere Möglichkeiten hat.

Und dann haben wir einen Fehler begangen. Beziehungsweise: unser Kopf, in dem es nun einmal eine DIS gibt und Hals über Kopf stecken wir als Einsmensch in der Scheiße und müssen versuchen das irgendwie zu regeln.
Was gerne vergessen wird in dem Bild von uns übers Blog ist, dass wir nachwievor mit der kompletten Symptomatik einer DIS leben. Das heißt: mehrere Leben nebeneinander, mehrere innere Haltungen nebeneinander. Wir verlieren Zeit, verletzen uns massiv selbst, haben schwerwiegende psychosomatische Ausfälle und schlafen im Moment so ungefähr 3-4 Stunden am Tag. Wir leben mit Flashbacks und der Not, die man eben hat, wenn man nicht weiß, ob “echt” ist, was man erinnert.

Wir leiden. Hier schreibt ein Mensch, der wirklich und echt auch, neben ganz vielem anderen: leidet.
Egal, ob unsere Texte anderes vermuten lassen oder nicht, ist es da und es wirkt sich aus.

Irgendwann gab es eine erneute Anmeldung in dem Forum mit der stalkenden Person drin und wir haben es nicht sofort bemerkt. Es wurde ein anderer Name gewählt, einige Beiträge geschrieben und scheinbar gab es keine Schwierigkeiten. Aufgefallen ist uns das erst, als wir unsere Passwortänderungsrunden durch die Mailpostfächer machten. Wir haben versucht uns zu kümmern, haben Bescheid gegeben und uns mit der Not der Innens, die sich da angemeldet haben zu befassen versucht.

Ratet, wie das bei jemandem ankommt, der unsere verlogene Falschheit ja schon immer auf dem Schirm hatte.

Tja. Ja.
Ich habe aus diesem Fehler (oder wie ich es lieben nennen würde: dem Versuch meines Innens, sich irgendwie Unterstützung durch Austausch mit gleichermaßen Betroffenen zu holen in einer Zeit, in der es ihm sehr schlecht geht) gelernt:
– ich muss meinem Innen erneut reingeben: “Selbsthilfegruppen und – foren sind nichts für uns. Austausch mit anderen Betroffenen ist nicht für uns.”, mit allen Konsequenzen, die das hat (Isolation, Überforderung, das Gefühl mit seinen Erfahrungen und Gedanken dazu allein bleiben zu müssen, zum Beispiel)
– Menschen fühlen sich gezwungen gut zu finden, was wir hier versuchen auch für Personen zu tun, die zu Opfern von Gewalt wurden und verlangen von uns mit einer DIS zu leben, wie sie das für wahrhaft halten und was wahrhaft ist, bestimmen sie (nicht wir, obwohl es um uns geht, weil wir schlecht/falsch/böse/verlogen sind – für sie)
– die Person stalkt uns noch immer (mit allen Folgen, die so lange gepflegter Generalverdacht eben hat) [und ja the fuck nicht jede_r Stalker_in ruft täglich 20x irgendwo an – manche hocken auch einfach in einem Eierkopfaccount bei Twitter und sammeln Daten zum Zwecke der sozialen Zerstörung einer Person]

Das ist, was man persönlichen Fehlern ja auch mal zu Gute halten kann: es gibt immer etwas zu lernen, was über die Verhinderung in der Zukunft hinaus geht. Wir kriegen das nicht zu 100% sicher hin Dinge nicht zu tun, die wir uns ganz fest nicht zu tun vorgenommen haben.
Ich stehe jeden Morgen auf und widme mich dem Leben – ich denke das beweist diesen Fakt ganz gut.

Heute morgen irgendwann kam mir der Gedanke, das mein Leben ziemlich schlimm ist und merkte, wie in mir drin etwas aufatmete.
“Ja, so soll das auch sein. Du hast nichts anderes verdient.”.

Wie schlimm mein Leben tatsächlich ist, wurde mir erst damit wirklich bewusst.

 

 

P.S. Nein, gegen Stalker_innen, die öffentliche Daten lesen und sich Hirnmüll daraus basteln, kann man sich nicht wehren.
Aber es gibt
eine interessante Webseite, die sowohl allgemeine Informationen, als auch Optionen für Stalkende, wie Gestalkte aufzeigt. Das, was wir hier erfahren ist eine Form des „Cyberstalking“, die leider von ausübenden Personen mit üblicher Recherche bzw Mediennutzung verschleiert werden kann. Da bestehende Strukturen auf physikalische Handlungen ausgerichtet sind, ist klar: Ich bin der destruktiven Intension des Geistes dieser Person mehr oder weniger ausgeliefert.
.
So hoffen wir einfach, dass uns die stalkende Person weder körperlich angreift, noch tötet, weil sie meine Furchtbarkeit nicht erträgt und sie der Welt nicht länger zumuten will.

viel~e sein

~ Fortsetzung ~

Das Eine ist: da gibt es ein Wort – eine Diagnose. Das Andere ist: da gibt es etwas, das mit diesem Wort, dieser Diagnose benannt wird.

Wenn die Diagnose gestellt wurde, gibt es früher oder später dieses Moment, in dem man andere Menschen in unterschiedlichen Kontexten dieses Wort sagt. Und dieses Moment entscheidet darüber, wie sich der Kontakt entwickelt und auch, wie man selbst in der Zukunft damit umgeht, dieses Wort für sich zu haben, bzw. dass es Menschen gibt, dessen Selbst- und Umweltwahrnehmung mit einer Diagnose bezeichenbar ist.

Wir sind inzwischen ziemlich fatalistisch was das angeht. Da für uns nicht nur alle Züge in Richtung Zukunft abgefahren sind, sondern auch noch der Bahnhof dazu abgerissen wurde, ist es uns egal (weil es uns egal sein kann) wer weiß, dass wir viele sind.
Die Essenz unserer Erfahrungen, die Diagnose anderen Mensch mitzuteilen ist: Es ist scheiß egal, ob es jemand weiß oder nicht – denn das Wissen darum ist nicht entscheidend.

Wir haben unsere Diagnose Menschen mitgeteilt, damit sie uns helfen – sie haben uns nicht geholfen.
Wir haben unser Sein vor Menschen erklärt, von denen wir dachten, es gäbe den Wunsch mit uns in Beziehung zu sein – sie haben den Kontakt kaputt gemacht und Teile von uns gleich mit.
Wir haben die DIS als Behinderung angegeben, haben beim Jobcenter, bei Mediziner_innen und Betreuungspersonen die DIS erwähnt, erklärt, vermittelt – wie viel das gebracht hat, kann man ja sehen: 10 Jahre Hartz 4, ein GdB von 70 wegen “depressiven Störungen”, eine Allgemeinmedizinerin, die uns nach einer schwerwiegenden Diagnose alleine aus der Praxis torkeln lässt und Betreuungspersonen, die uns weder beim Ausstieg geholfen haben, noch in irgendeiner Form ihr Verhalten und seine Wirkung auf uns, reflektieren.

Am Ende geht es nicht darum, dass die wichtigen Menschen in einem Leben wissen, dass man viele ist, sondern darum, dass sie es begreifen und zwar nicht als eine Laune des Laufs der Dinge oder eine Entscheidung eines verwirrten Geistes, sondern als massive Entwicklungsstörungsproblematik und zwar auf die Entwicklungsstörung “massives, wiederholtes, komplexes Trauma in der frühen Kindheit”.

Wir haben letztes Jahr und dann auch noch dieses Jahr enge Kontakte zu Menschen beendet bzw. beenden müssen, weil nicht begriffen bzw. einem Begreifen folgend gehandelt wurde, was für eine massive, innerglobale Not das Verhalten dieser Menschen uns gegenüber ausgelöst hat.
Man erwartete von uns zum Beispiel Reaktionen, die existenzielle Bedrohungsgefühle, so wie kindliches Erleben von konkretem Überschwemmtwerden eigener Emotionen, Gedanken und Ängste, ausklammern, innerhalb von Konflikten, die genau das aber losgetreten haben.

Viele sein bedeutet einfach nicht nur: X hat einen Konflikt und Y weiß davon nichts.
Es bedeutet: X und Y plus eine unbekannte Anzahl anderer Innens versuchen verzweifelt A und B plus eine unbekannte Anzahl von Innens von dem Bewusstsein um einen Konflikt im Außen fern zu halten, damit der Alltag weiter läuft, während H I J K L M N plus noch wieder unbekannt viele andere schon längst in Wiedererleben stecken und das gesamte Inmitten lahmlegen – während die Umlaute einen Termin nach dem anderen abracken, und jederzeit irgendwo komplett neu anfangen können (und es in aller Regel auch tun).
Viele sein bedeutet: In einem Menschen passieren viele Prozesse gleichzeitig und autark nebeneinander her – und doch haben einzelne Ereignisse im Außen die Macht, sie alle mit einem Schlag zu beeinflussen, sobald es bestimmte Faktoren gibt, die mit existenzieller Bedrohung einhergehen bzw. so interpretiert werden.

Die Menschen zu denen wir den Kontakt beendet haben, haben vergessen oder vielleicht auch nie wirklich begriffen, wie wichtig es ist uns immer und immer und immer – auch nach vielen gemeinsamen Jahren und Erfahrungen – zu vermitteln, dass es sich bei einem Konflikt oder allgemeiner: Schwierigkeiten nicht um existenzielle Bedrohungen handelt.
Ja, so blöd das klingt: Wir müssen sehr oft hören, dass wir an Dingen, die für andere eine Kleinigkeit sind, nicht sterben oder in unserer psycho-physischen Integrität verletzt werden.

Für uns ist es ein Akt gewesen, das zu fühlen und wissen und zu lernen. Und das Ende dieses Prozesses ist für uns, zu lernen, dass wir uns das auch selbst nach innen bringen können und uns das von dort innen auch geglaubt wird. Soweit sind wir noch nicht.

Womit wir beim nächsten Aspekt wären. Uns Rosenblättern wird oft sehr viel mehr Belastbarkeit und Stabilität zugetraut, als tatsächlich da ist und manche Menschen sind zutiefst enttäuscht von uns, wenn wir das nicht bedienen können.
Was wiederum bei uns alles mögliche anmacht und letztlich dazu führt, dass wir uns nach außen noch mehr anstrengen, noch härter machen. Ich denke, das passiert vielen Menschen und ist nichts, was speziell mit unserem viele sein zu tun hat.
Das Problem ist: Wenn man viele ist und sich nach außen hart wie Stein macht, dann hat man, wenn die Tür hinter einem zu geht und kein Außen in dem Sinne mehr da ist, keine Kraft mehr für die unversorgte Hölle, die in einem drin brennt.

Wir haben gemerkt, dass alte Bekannte wie die Suizidalität, der Drang sich zu verletzen (kaputt bis tot zu machen), die Essstörung und hinten dran natürlich: die Täter_innenintrojekte mit ihrem Hass, auftauchen und es zusätzlich erschweren offen zu legen und zu erklären, worum es beim viele sein geht.

Viele sein bedeutet nämlich in dieser Welt auch: viel sein.
Es ist belastend, nervig, anstrengend, wenn eine Person immer und bei allem darum bittet, (bitten und betteln muss), dass manche Dinge einfach nicht gehen, weil sie Dinge auslösen, die dann wieder irgendwas abverlangen und und und

Ich habe seit der Diagnosestellung durchgehend das Gefühl eine Belastung zu sein. Ein Fehler, ein Mensch, dem man sich aus moralischen und nicht aus positivem “Einfach so” – Grund widmet und die Stimmen, die mir schon früher gesagt haben, dass ich anstrengend und nervig bin, bestätigen das natürlich.
Die Störung, der wir als Einsmensch ausgesetzt wurden, zieht sich bis heute durch unser Leben und hat sich mit uns selbst vermengt.

Heute stören wir, weil die Störung unserer Entwicklung nicht folgenlos endete.

Viele Personen, die von uns erfahren, dass wir viele sind und dass das so ist, weil wir 21 Jahre lang auf allen Ebenen miss-be-handelt wurden, übertragen die Verbindung “viele sein” = “misshandelt worden sein” auf uns “Rosenblätter sein” = “Gewaltthematik”.
Und was machen Menschen, die die Wahl haben, ob sie sich widmen oder nicht, mit Gewaltthematiken? Richtig: sie verpissen sich, machen den Kopf zu, fangen an die gesellschaftlich anerkannten Vermeidungstänze aufzuführen – und lassen uns stehen.
Im günstigsten Fall hängt nichts an dem Kontakt – da können wir dann selbst auch gehen und trösten uns mit dem Gedanken: “Naja, wenigstens hat sie Person jetzt mal davon gehört.”.

Schlimm wird es bei Personen, die nah sind. Oder nah geworden sind. Oder wo es um Abhängigkeiten geht.
Die letzte KJP in der wir waren, hatte die DIS-Diagnose zum Beispiel negiert und uns als Hysterikerin (jupp – die gibts noch als Diagnose) behandelt, was im Großen und Ganzen bedeutet auf nichts (und niemanden) von uns zu reagieren. Was für uns einen Raum aufmachte, in dem wir 24 Stunden am Tag spürten, dass wir alleine waren. In einem fremden Bundesland, mit dem Wohnort Kinder-und Jugendpsychiatrie, in der ein Pfleger seine Position ausnutzte.

Anderes Beispiel ist die Jugendhilfe, die wir teilstationär danach in Anspruch nahmen. Wir sagten, dass wir viele sind und, dass wir Gewalt erfahren.
Die Diagnose wurde von einer Klinik für Psychosomatik dann bestätigt und [Trommelwirbel] NICHTS passierte. [TUSCH]
Wir wurden in unserer Wohnung überfallen – das Schloss wurde 3 Wochen später ausgetauscht.
Ostersamstag 2007 riefen wir den Hintergrunddienst der Betreuung an, weil wir nach einem Spaziergang, verletzt in unserer Wohnung gelandet waren, obwohl wir eigentlich untergetaucht bei unserer damaligen Gemögten lebten. Wir baten um Begleitung ins Krankenhaus. Spurensicherung, Anzeigeerstattung – hatten wir (schweinemutig wie nie zu vor!) im Kopf – der Betreuer im Dienst, hatte aber die Stadt verlassen. Wollte so gerne ein ruhiges Wochenende. Er bat um Verständnis – wir nickten, legten auf, zersplitterten.

Viele bunte Schimpfwörter haben wir heute dazu im Kopf.

Vor allem, wenn wir heute in Veranstaltungen wie der Fachtagung “Wir sind viele” letztes Jahr in Mainz sitzen und hören, warum so viele Betreuer_innen so viel derbe Kackscheiße mit ihren Betreuten machen: Sie haben einfach keine Ahnung oder keine andere Wahl und nicht zuletzt sind manche auch einfach ignorante Arschlöcher, die, weil sie Gewalt selbst nicht erlebt haben, keinen Grund sehen davon auszugehen, dass es sie gibt und eben auch nicht folgenlos bleibt.

Was mir unter anderen Menschen, die viele sind, daneben begegnet ist eine mich traurig machende Bereitschaft zu glauben, dass Betreuungspersonen oft deshalb keine Ahnung vom Umgang mit komplex traumatisierten Menschen haben, weil sie nur Faker_innen vorher betreut haben.
Eine ähnliche Abwertung passiert meiner Ansicht nach, wenn Menschen sagen: “Ja in Klinik XY kriegen ja alle, die wollen eine DIS-Diagnose und deshalb machen die da nur Bullshit, weil da sind ja nur Fakes, die davon profitieren.”.
Leute: Scheiße entsteht, wenn Scheiße passiert und was in unserer Gesellschaft und in unserem Gesundheits- und Sozialleistungssystem passiert, ist so widerwärtig stinkende Scheiße, über die man sich genauso aufregen kann – nur komisch: das passiert ja gar nicht.

Haben wir da etwa einen blinden Fleck, weil es sich leichter in Richtung einer konstruierten Autorität motzen und abwerten lässt, als sich zu solidarisieren?

~ Fortsetzung folgt ~

post- Trauma

kaputt Ich hatte diesen einen klaren Moment, in dem ich nicht nur wusste: “Trigger – Flashback – gesamte Bandbreite von Überregung – Depression – mentale Isolation – Dissoziation – > hol dir Hilfe, sorg dafür, dass es einen doppelten Boden unter dir gibt”,
sondern auch wusste: “
Was hier jetzt gelaufen ist, ist eine Re- Traumatisierung für mich. Ich darf mich verletzt und kaputt, irgendwie zerstört und wund fühlen. Ich muss niemandem einen Grund zur Freude oder Bestätigung meiner Authentizität liefern. Ich muss niemandem sagen, was er oder sie gerne hören möchte, damit es ihm oder ihr mit meiner Not besser geht.
Ich muss niemanden bestätigen und meine Ablehnung von Äußerem rechtfertigen.”

Traurig ist es für mich, diese Gedanken und Impulse erst eine Woche später zu haben, nachdem ich zum zahnärztlichen Notdienst gehen musste, weil mir eine große Füllung aus einem eh schon mühsam geretteten Zahn gebrochen war.
Wieder eine Notsituation. Wieder ein Moment, in dem ich von innen Angst vor einer Art Sterben spürte, Hilfe suchte und dann so übergriffig mit mir umgegangen wurde.
Ich für mich, kam mir wie eine verdammte Heldin vor, wie ich da- kaum in der Lage Wörter zu produzieren, das Zittern zu unterdrücken, Tränen aus scheinbar 5 zusätzlichen Tränendrüsen rauslaufend zu haben und hyperventilierend – seinen Arm wegdrückte, aufstand und vom Stuhl kletterte.

Ich sah ein Mich da stehen vielleicht 6 oder 7 Jahre alt, verletzt und bedürftig und mein Ich so heldinnenhaft, weil ich es schaffte, genau in dem Moment, in dem das wichtig war, dieses Kind an mich zu nehmen- obwohl dieser (unfassbar furchtbare) Arzt und seine Helferin, die uns – natürlich ungefragt- ständig den Arm streichelte, genau diesem kleinen Mir und diesem großen Ich weiter zusetzten mit ihren sexistischen, unempathischen- einfach unangemessen groben Phrasen.

Und- es kam jemand, der mit uns ist.
Ich spürte, wie das Kleine in mir aufatmete und sich ein Gefühl ausbreitete, in dem es um Sicherheit durch ZeugInnenschaft, Gemeinschaft, durch Chance zur Überprüfung der eigenen Wahrnehmung geht.
Mein Atemrhythmus regulierte sich, meine Haut, die Hände und Füße wurden wieder durchblutet, die Angst wich Unverständnis und Wut, die näher an die eigene Lebendigkeit führte.
Ich musste nicht alleine in der Nacht noch mit der Bahn nach Hause, in meine Wohnung, die sich noch immer nicht wirklich wieder okay anfühlt. Ich musste nicht alleine sein. Ich musste nicht sachlich bleiben, weil “Na na na- der wollte dir doch nur helfen- was hast du denn erwartet- Ärzte sind Ärzte”. Ich musste nichts können- ich durfte mich schlecht fühlen und ich durfte mich auch heldinnenhaft fühlen. Das war so eine gute Insel, die mich nicht nur daran erinnerte, dass mein Anspruch von HelferInnen gut und grenzwahrend behandelt zu werden absolut in Ordnung ist, sondern auch noch durch mein bloßes in Not sein- nicht durch die Art, wie ich als Person bin- gerechtfertigt ist, und auch darin bestätigte, dass mein ablehnendes Verhalten in Ordnung war, obwohl ich ihn um Hilfe gebeten hatte.

Wenn einem etwas passiert, was im Kopf und im Gefühl alles auf einmal durcheinander wirbelt, dann hilft es manchen Menschen sich auf eine Ebene zu stürzen. Am liebsten die Sachebene, weil diese nicht mit persönlichen Befindlichkeiten vermischt sein darf. Das ist gesellschaftlich anerkannte Spaltung und “gesellschaftlich anerkannt” ist immer gut- gerade dann, wenn man das Gefühl hat, dass einem gerade etwas (wieder) passiert ist, das so sonst gar niemandem jemals auf dem ganzen Planeten passiert ist.
Auch dabei geht es um Gemeinschaftsgefühle und ein Agieren, das absichern soll.

Was bei größeren Belastungen eine gute Möglichkeit zur Verarbeitung des Erlebten und Aufrechterhaltung der Fähigkeit einen eigenen Alltag zu leben führt bzw. dabei hilft, kann bei einer Belastung, die das absolute “Zuviel” in sich hat (also ein Trauma ist) genau das sein, das zu innerer Spaltung führt, weil es ein weiteres “Viel” bedeutet.
Ich bin in der Therapiestunde nach der sogenannten Suiziddrohung tatsächlich vor der Therapeutin geplatzt und hab sie angeschrien und, anstatt mich zu erinnern, dass auch meine viel zu kurze Lunte zum Impulsdurchbruch in dem Moment, ein Symptom für nachwievor bestehende Überregung war, habe ich mich (und mein Leben und alles) fertig gemacht, weil ich nicht entsprechen konnte.
Ich konnte – und kann noch immer nicht zur Tagesordnung übergehen. Kann nicht in meinen Alltag zurück, weil mein Alltag und meine Alltagsumgebung kaputt ist.
Ich kann kaum schlafen, esse um mich zu fühlen- nicht um satt und genährt zu sein. Wenn ich mich zwinge mein Grübeln zu beenden, geht die Grübelenergie in meine Muskeln und Nerven, die unkontrollierbar unter meiner Haut zucken. Seit über einer Woche schwanke ich zwischen “Ich schreie gleich meinen Schmerz, meine Angst, meinen ganzen inneren Kosmos heraus” und “Bin ich überhaupt da?”

Ich will die Emotionen anderer Menschen nicht- sie sind mir mal scheiß egal gerade, weil meine eigenen mich beißen und aufessen wollen und ich mich kümmern muss, ihnen andere Quellen als meine Ich-Struktur anzubieten.

Wenn ich darüber rede/ schreibe, dann geht es mir nicht um Schuld, dann geht es mir nicht um Verantwortung, dann ist mir jedes “hätte”, “würde”, “wenn” fern. Dann geht es darum dieses VIELZUVIEL in seinen feinsten Fäden zu entwirren und nebeneinander darzulegen, zu betrachten, zu analysieren und erst dann zu einem verarbeitbaren Knäul zu machen. – Und eben nicht von mir zu erwarten dieses eine Erlebnis mal eben zu erklären- G’tt wie viel Zeit ich jetzt damit verbracht habe, diese Situation immer wieder erklären zu müssen – mich immer wieder damit konfrontieren zu müssen, immer wieder nochmal neu nachzufühlen – und dann die Sachebene zu bearbeiten.

Ich weiß, dass die da ist. Ich weiß, dass ich mich kümmern muss.
Ich weiß aber auch, dass die Tatsache, dass ich das gerade tue, genau das ist, was uns im Innen total auseinanderreißt und nicht auch noch haltbar ist.

Der Notfallzahnarzt hat es mir sehr leicht gemacht, nicht entsprechen zu wollen. Manche Menschen in meinem sozialen Umfeld machen es mir nicht so leicht.
Bei manchen steht viel Zukunft auf dem Spiel und viel mühsam abgerungenes Zutrauen – zum Beispiel bei der Therapeutin.
Bei manchen steht viel Zuspruch und stärkende Unterstützung in Gefahr- zum Beispiel bei der Frauenberatungsstelle.
Bei manchen steht viel Leichtigkeit und nährende Alltagsinsel in Frage- bei unseren Gemögten zum Beispiel.

Es geht darum, mir zugestehen zu können, dass ich gerade nicht die “C. Rosenblatt” bin, die sonst aus ihren Texten, ihrem Wirken, ihrem Auftreten herausrezeptioniert wird.

Für äußere Beobachter war das alles “unangenehm”, “ätzend”, “totale Scheiße”, “nicht schön”.
Aber uns drin war das eine Situation, die uns traumatische Situationen in unserem Leben hat fast 1 : 1 noch mal- schon wieder- erleben lassen und zwar nicht nur eine- die ganz ganz fern zurück liegt und verarbeitet, gerächt und begraben ist- für die wir irgendwelche Maßstäbe in irgendeiner Form haben- sondern mehrere, die nachwievor in uns drin ablaufen – immer und immer und immer wieder.
Das ist nicht nur “ätzend”.
Tut mir leid – ich wünschte, ich könnte mich mit diesen Menschen hinsetzen und mit dem Abwurf eines plumpen “is ja blöd gelaufen” alles das einfach abhaken.

Kann ich aber nicht.
Und ehrlich gesagt will ich das auch nicht, weil es mir vorkommt, als würde ich das tun, um mir Gemeinschaft von Menschen zu sichern, die mich nur annehmen, wie ich das kleine Mich beim Zahnarzt, wenn ich mit ihnen auf der Sachebene treffe: Sortiert, sachlich, mäßig emotional, _ein_fach, unempfindlich, stark, stabil, freundlich, empathisch und nicht zuletzt: dankbar

Uns ist etwas wirklich richtig Schreckliches passiert und ich nehme mein Umfeld verschoben wahr.
Mir drängen sich permanent unausgesprochene Ansprüche auf und immer wieder flackert dieses tausend Male bestätigte, x- fach eingebrannte Kindwissen auf: “Wenn du dem nicht entsprichst, wird es weh tun bis du nicht mehr bist.”. Alle- wirklich alle jemals verwendeten Antennen fahren auf Hochtouren und lösen den Vollalarm aus, sobald irgendeine Form von Nicht-Kontrolle wahrgenommen wird.

Das geht nicht weg mit: “Macht es euch mal gemütlich”, “Habt es schön”. Auch das ist ein Imperativ auf den mein Innenleben mit diesem uralten Reflex des: “Ja, ich bemühe mich so sehr wie ich kann! Ehrlich- ganz wirklich- ich mache was ich kann- ich tue was du willst” reagiert.

Ich weiß nicht, was mir jetzt hilft.
Ich hab keine Ahnung, was wir jetzt brauchen.

Was ich will ist: _sein_ dürfen; mich in der Welt fühlen dürfen, von deren Rand ich mich heruntergefallen wahrnehme
Auch ohne Aktivismus auf allen Ebenen. Auch mit Heldinnencape und Heulrotztropfen auf der Brust. Auch mit Brüllen vor Ohnmachtsgefühlen. Auch ohne akut geäußerte Dankbarkeit. Mit Verletzlichkeit, die man mir nie zugetraut hätte. Mit allen Gedanken und aller ungefilterten Intellektualität, die mich vielleicht schwer verständlich macht. Mit aller Nicht-Gegenseitigkeit, die mein Fordern mit sich bringt. Mit allem, was andere Menschen nie tun würden/ könnten/ wollten/ dürften/ müssten/ sollten.

Ich bin mit all dem gerade da. Wird mir begegnet, als sei dem nicht so, taucht jemand anders auf und das ist das Problem, das ich als Viele – Mensch habe.
Innere Spaltungsprozesse bzw. Innens, passieren nicht wegen Gewalt, sondern wegen vieler Überdosen “ZUVIEL”.
Wenn wir bzw. meine Psyche als Einsmensch eines in unserem Leben gelernt haben, dann ist es Anpassung durch Spaltung. Es wird immer wieder passieren, dass wir spalten (weg gehen) wenn wir nicht mit allem _sein_ können und das Außen wird genau das nicht spüren, wenn es sich nur um sich dreht.

Und sich darüber beschwert, was mir denn einfällt, sie mit meiner Not zu belästigen oder, wie dieser Zahnarzt, auf meine Panik mit einem genölten: “Was soll das denn jetzt- nu stell dich mal nicht so an- leg dich hin und lass XY machen” reagiert.

Ja verdammt- ich kann die Gründe für sowas sehen und verstehen. Ich weiß, der Arzt hatte einen scheiß langen Tag und in seiner Welt haben “kleine Mädchen” voll viel Interesse daran, einem tollen großen alten Arzt zu gefallen – was für ein Unkomfort, dann so zu agieren, wie ich.
Ich weiß, was das für ein Gefühl ist von: “Woa fuck- was mach ich denn jetzt?!”- wenn jemand kommt und einem sagt: “Ich kann nicht mehr- mir geht es schlecht und alles ist zu viel- ich weiß nicht, was ich machen soll”. Ich weiß genau, dass man sich dann erst mal hilflos und ohnmächtig fühlt, als erstes Gedanken an Verantwortung und Schuld hat und mehr oder weniger bewusst hat, dass man auf sich selbst achten muss.
Ich weiß aber auch, dass es verdammt noch mal so so so so viel öfter dran ist, jemandem einfach nur die Hand hinzuhalten und mal so einen Moment so gar nichts zu machen oder zu verlangen oder zu wollen oder zu verändern oder wegzumachen oder oder oder
und diesem Menschen einfach mal kurz – und sind es 2-3 Minuten das Gefühl zu geben da_sein_ zu dürfen.

Auf mehr warte ich gar nicht. Mehr suche ich nicht. Mehr will ich nicht.

 

Wir bekommen gerade von allen Seiten so viel “mehr” angeboten.
Und

können

nichts

damit

anfangen.

Außer mit diesem fremden Lächeln immer besser und immer reflexhafter rauszulügen: “Danke”

 

Vielleicht können wir das in zwei drei vier fünf Wochen, wenn wir keine Angst mehr vor dem Zusammenbruch unserer bürokratisch regulierten Lebenslegitimation haben müssen. Wenn wir diesen Strafanzeige-OEG –Mist irgendwie in einer Art abgesicherten Handlungsablauf haben. Wenn ich vielleicht endlich einmal richtig ausgeschlafen habe.
Wenn es nicht mehr so weh tut, Gemögte verloren zu haben. Sicherheiten verloren zu haben.
Wenn die Erinnerung wieder etwas weiter im Hintergrund ist.

Vielleicht dann.
Dann sind wir wieder voll der Bereitwilligkeit uns auch für die Gefühle und Lebenswelten anderer Menschen zu öffnen und uns zurückzustellen.
Aber jetzt nicht.

Wie wär´s mit der Kategorie Mensch?

Jemand sucht eine Kategorie für sich.
Ich schlage “Mensch” vor und stoße auf Unverständnis bei einem Dritten.

Und stehe wieder da und wundere mich.
Nicht böswillig oder wütend. Einfach nur verwundert. Und auch traurig.

Das Finden von für mich-uns passenden Kategorien war eine sehr lange Zeit, Dreh- und Angelpunkt im Leben. Und oft genug wurden dann diese zum Leben selbst. Zum Hauptentsprechungsrahmen.

Das fing für mich ganz deutlich an, als die Diagnose der DIS stand.
Immerhin- hier dachten Innens sie müssen sich regelmäßig auf eine bestimmte Art verletzen, um “die Würmer aus ihrer Seele rauszukriegen”; dachten, sie stürben jeden Moment an malignen Hirntumoren; dachten welche, sie seien schon unheilbar geisteskrank auf die Welt gekommen- selbstverständlich haben wir uns in das Selbstdefinitionskleid gewandet, das uns am Besten passte!

Und völlig logisch haben wir vehement (an manchen Stellen auch zu vehement) selbiges verteidigt, wenn wir dachten, jemand wolle uns das absprechen. Und völlig logisch, haben wir uns eine Filterbubble aufgepustet, die nur aus gleichsam betroffenen Menschen bestand.

Nur haben wir dabei sehr oft etwas übersehen, nämlich, dass es sich dabei um nichts Globales handelt. Dass, das nicht alles ist, was uns ausmacht.

Das ging für uns schon damit los, dass wir merkten, dass es selbst innerhalb unserer Filterbubble/ Kategorie noch Unterschiede gab. Da gibts den Berufsmulti, den Leidensmulti, den heroisch-fauchenden-komm-mir-nicht-zu-nahe-Multi, den körperlich eingeschränkten Multi, den Multi mit Hintergrund X/ A/ B /C…
´”Buuuhuuu” saßen wir dazwischen und dachten: “Nicht mal hier hin gehören wir!”. Was mir rückblickend total absurd vorkommt- aber naja. Ich glaube, jeder Mensch macht diese Erfahrung. Nur in anderen Kontexten vielleicht. Später machte ich ja auch die Erfahrung, dass jede “Themenbubble” in sich ähnlich aufgeteilt ist.

Jedenfalls litten wir schon ziemlich darunter, uns nicht so gemeinsam mit den Menschen in der Filterbubble fühlen zu können, wie wir das eigentlich gewollt hätten. Und tun das noch heute- siehe Drama um die Selbsthilfeforen. Sowas nimmt uns immer wieder richtig schwer mit, obwohl wir wissen und uns vor Augen halten können, dass Gemeinsamkeit schlicht zwei Seiten braucht die aufeinander zugehen und nicht jeder, der sich von uns abwendet oder die Gemeinsamkeit mit uns ablehnt, direkt etwas gegen uns als Person haben muss.

Ich begann darüber nachzudenken, was mich ausmacht und wo ich vielleicht eine Gemeinsamkeit empfinden könnte. Und machte damit einen Schritt, der mir- uns heute sehr hilfreich ist.
Ich rannte nicht mehr auf Grenzen zu, “um zu sehen wo mein Schutz aufhört” (wie es mal ein Innen formulierte). Ich ging an die Grenze und schaute nach Gemeinsamkeiten.

Wir haben uns sehr lange Objektifizieren lassen müssen und begehrten auch nicht auf, als dies nach der Befreiung weiter ging- allerdings auf einer anderen Ebene. Wir kannten nichts anderes- wurden nicht anders behandelt. Da war niemand, der mir dies über mich konkret formuliert rückgemeldet hätte.
Das Opfer
Die Diagnose
Der Klient
Der Patient
Die Fallnummer
Das Beispiel
Das DAS Das ES
das nicht näher definierte Etwas

Ich erinnere an dieser Stelle mal an den Umbruch, den ich damals hier schon einzufangen versuchte. Wir begannen uns übers Mensch-Sein Gedanken zu machen, weil uns unsere Therapeutin einfach so annahm. Und völlig selbstverständlich von unserer Menschlichkeit zu543897_web_R_K_B_by_uschi dreiucker_pixelio.de sprechen begann und uns vermittelte, dass sie uns als Gesamtperson- als Mensch-  mit allen die wir da waren- sie anmeckerten, idealisierten, mochten, hassten, rempelten, stupsten, belächelten, bewunderten, sich einem anderen Geschlecht zugehörig fühlten, anders liebten, sie verachteten…- sah und akzeptierte.
Plötzlich breitete sich der Rahmen aus. Unsere kleine Selbstdefinitions/ Kategorien/ Filterbubble dehnte sich in alle Richtungen aus. Aus der grundlegenden Akzeptanz, der Innens, die nicht in der Lage sind sich anders auszudrücken, als sie es tun, wurde eine Akzeptanz dessen in allen Menschen.
Wir gingen an den Rand und guckten was andere Menschen denn auch so machen und in sich tragen…

Das ist etwas, das uns sehr viele Möglichkeiten eröffnet mit anderen gemeinsam zu sein. Uns zu verbünden und einander Gutes zu tun. Dinge zu teilen und zu vermehren. An einander zu wachsen, weil man sich gegenseitig halten kann. Miteinander für oder gegen Dinge zu kämpfen. Schutz und Wertschätzung zu erfahren durch Gemeinschaft.

Als wir uns  noch auf nur einen Teil unserer Globalität konzentrierten, weil uns dieser vorkam, als würde er alles an und in uns erklären, konnten wir kaum etwas teilen. Da konnten wir auch kaum etwas geben. Und entsprechend auch nicht wirklich gemeinsam sein. Weder innen noch außen.

Alles was uns daran gehindert hatte in der ganzen Zeit vorher, war, dass wir niemanden hatten der uns das genau so vermittelt hatte und zeigte, wie es konkret geht. Wie “man es genau macht”.
So bin ich sehr traurig wenn ich merke, das jemand eine umschließende Kategorie für sich sucht- gerade, wenn er so oder so schon in einer drin steckt, die ihn nicht einmal als global-mehrdimensionales Wesen anerkennt oder gar benennt. Dann denke ich, dass derjenige unglaublich einsam sein muss und niemanden hat, der ihn wirklich annimmt.

Ich schrieb vorhin bei Twitter:
Gruppenlabels sollten immer Add-Ons sein- nie das Maingame

und so sehe ich das auch.
Statt jedes Mal, um auf etwas aufmerksam zu machen, einen Oberbegriff oder eine viele Facetten ausblendende Kategorie zu kreieren, sollten wir uns öffnen und uns mit jenen verbünden, die alle diese Facetten annehmen und mit ihnen gemeinsam und gut miteinander zu sein.
Und sei es, dass wir uns dabei auf unser aller grundlegendste Gemeinsamkeit berufen.

Unser Menschsein.

Die Gruppenzugehörigkeit kann ein Sahnehäubchen sein. Das Schöne eben, das einen ganz bestimmten Teil in uns berührt und hält. Aber bitte nicht so, als gäbe es nur diesen Teil. Das führt nur zu Spaltung. Und wie tief Spaltung greift, wie verletzend, verstümmelnd und auch einsam machend diese sein kann, weiß- so denke ich- jeder von uns.
Auch ohne, so wie ich, in sich drin gespalten zu sein. (Hint: da ist eine Gemeinsamkeit haha)

von der Psychiatrie und der unbezahlbaren Hilfe

Ein Artikel über die Psychiatrie.
Als Aperitif gibts ein Horrorfoto.
Thema: Legalisierung von Zwangsbehandlung im Hauptgang.
Definitions-Allmacht von (überarbeiteten, im Verhältnis zur Arbeitszeit unterbezahlten, eher einseitig fortgebildeten) Ärzten zum nur hauchzarten (kaum erwähnenswerten) Dessert.

In meinem Kopf rattert sie Uhr tornadoardoartig rückwärts.
2001- 14 Jahre alt.
Gerettet aus einem Gefängnis- entkommen aus einer versteckt gespaltenen Welt
Erneut eingesperrt in ein Gefängnis und in eine ganz offen gespaltene Welt.

Weil es keine Alternative gibt.
Weil mir dort geholfen werden kann, wie sonst nirgends.
Weil ich dort verstanden werde.
Weil es mir dort besser geht.

Niemals war auch nur ein Mensch so ehrlich zu uns zu sagen, dass sie schlicht hilflos waren. Weil es keine andere Möglichkeit des Schutzes gibt. Dass wir diese Internierung aushalten mussten, weil die Menschen uns nicht aushalten konnten oder wollten. Weil sie unsere Geschichte nicht aushalten konnten oder wollten. Weil sie die Folgen davon nicht aushalten konnten oder wollten.

Sie haben es sich leicht gemacht und mich abgeschoben- weggesperrt- verwahrt- ausforschen- verbiegen bis zum Brechen lassen.

Sie haben nicht gesehen, dass sie ab dem Zeitpunkt unserer Aufnahme dort, nun unsere Eltern ersetzten. Und wie deutlich sie das taten… Himmel ja WIE verdammt noch mal deutlich sie genau das Gleiche getan haben, wie unsere Familie. Nur haben sie es nicht “Pseudoreligion” genannt, sondern “Hilfe”.

Es war ein Tausch nichts weiter. Hellgraue gegen Arztseifenweiße Folter

Was sie gesehen haben war eine 14 Jährige, die sich immer wieder selbst verletzte. Eine 15 Jährige die den vierten, fünften, sechsten, siebten, achten…. fünfzehnten Suizidversuch gerade eben so mal noch überlebt hat. Eine 16 Jährige, die plötzlich aus heiterem Himmel anfängt zu schreien, niemanden zu erkennen scheint und auf Mitarbeiter losgeht. Eine 17 Jährige, die so abgeklärt über psychische Krankheiten spricht, als wäre sie selbst die Ärztin.

Was wir waren war eine lichtentwöhnte 14 Jährige, die den Boden küsste über den sie laufen durfte- komplett verwirrt über das was mit ihr passierte- ausgeliefert unmündig und hilflos.
Eine 15 Jährige, die sich von ihrem ambulanten Therapeuten hat missbrauchen lassen, weil sie unter anderem befürchten musste, wieder eingesperrt zu werden. Wieder ausgeliefert, unmündig und hilflos. (Und zu dem Zeitpunkt schon völlig allein auf sich gestellt).
Eine 16 Jährige, die anfängt sich an die erlittene Gewalt zu erinnern und gerade mal so das Glück hat, in einer psychosomatischen Klinik zu sein- statt in einer Psychiatrie, wo es alles noch viel schlimmer hätte sein können.
Eine 17 Jährige, die in 3 Jahren durch 7 Kliniken und 5 Jugendverwahrungseinrichtungen hindurch geflippert wurde und deren einziger Hoffnungsfunke auf Heilung und Leben ohne Gewalt, eine dreizeilige Email in ihrer Hosentasche ist; geschrieben von einem Menschen, mit dem sie vielleicht 2 Stunden Zeit verbracht hat und nicht einmal wirklich kennt.

Wir waren die ganze Zeit allein und hatten keine Menschenseele, die sich darum geschert hat, was mit uns dort passiert. Die, die Entwürdigung der Massenabfertigung und den Raub der Selbstbestimmung für uns beklagt hat. Da war niemand, dem wir unsere Gewalterfahrungen mit Pflegern hätten sagen können, ausser den Patientenvertretern zu denen wir aber keinen Kontakt aufnehmen konnten, ohne die Hilfe des Personals. Zusammen mit einer Diagnose die gleichbedeutend mit Unzurechnungsfähigkeit und  Realitätsverlust ist, hatten wir schlicht keine Chance.

Es war wie in der Hölle, die gerade vorher verlassen hatten.

Was wir durchgemacht haben ist unglaublich. Es ist unglaublich schlimm, unglaublich viel, unglaublich viel Nichthilfe. Und was wir in Bezug darauf heute wahrnehmen, ist unglaublich viel Ungläubigkeit.
Nein, uns wurde nicht das Gehirn unter Strom gesetzt. Nein, unser Frontallappen wurde nicht therapeutisch wertvoll verletzt. Unser Gehirn wurde uns ausgedörrt in den vielen hundert Stunden zwischen den “Behandlungen”, in denen man völlig auf sich geworfen ist- äußerlich strengstens reglementiert, während der Same des Wahnsinns unter dem tumben Starren auf Klinikflure, Klinikessen, Kliniktüren, Klinikroutine, Klinikklinikkliniklinikatmosphäre überhaupt erst zu wachsen in der Lage ist.

Wir wissen (zum Glück) nicht, wie es für Erwachsene ist, so in Not und ohne ausreichendes soziales Netz zu sein, dass man sich in eine Klinik begeben muss, um Schutz vor sich selbst (oder anderen Menschen) zu erfahren. Und freiwillig werden wir das auch nicht erfahren.

Die Psychiatrie war für uns das Trauma nach dem Trauma.
Die ersten 2 Therapiejahre nach der letzten Entlassung brauchten wir dafür auf, überhaupt auch nur wieder irgendeinen Helfer (nicht nur Menschen überhaupt)  näher als eine Diagnostik an uns heranzulassen. Ein öffentliches Feindbild wie zum Kindesmisshandler gibt es für Helfer nicht. Eine Hetzpropaganda, wie aktuell gegen die Institution Kirche, gibt es nicht für die Institution Psychiatrie. Vor der breiten Öffentlichkeit steht man vor solchen Erlebnissen ganz genauso verlassen und ohnmächtig, wie vor der gezielten sexuellen Ausbeutung von kleinen Kindern mitten in Deutschland. Jeder kriegt einen Schauer der den Rücken herunter rieselt, jeder hat seine Gedanken dazu. Doch wenn es darum geht eine Hand zu reichen, wird sich weggedreht und unsichtbar gemacht. Und in beiden Fällen muss man sich mehr oder weniger krassen Eigenschuld- (im Sinne einer Eigenverantwortungs-) zuweisungen aussetzen.

Vor ein paar Wochen noch, bekam unsere Therapeutin die volle Breitseite dessen ab, was hier los geht, wenn uns jemand mit der Einweisung bedroht. Und für uns beginnt die Bedrohung schon mit der überhaupt-igen Nennung der Psychiatrie als Option für Hilfe.

Keiner- absolut kein Mensch auf dieser Welt würde das, was real in einer Psychiatrie vor sich geht, als hilfreich bezeichnen, wenn man das Ganze schlicht losgelöst vom Status der „Retter der Gemütskranken“ heraushebt:
Eine Woche hat 168 Stunden
minus jeweils 8 Stunden Schlaf, ergibt das 112 Stunden Wachsein.
Davon werden ca. 8 Stunden therapeutisch gestaltet (je nach Klinik- ich nehme einfach mal den Standard aus meinen Zeiten in der Ballerburg).
Das ergibt unterm Strich: 104 Stunden geistig- seelische Nulllinie, die man mit Kettenrauchen, Gedankenkarussell, Patientengesprächen, Illustrierte lesen, nicht-an-seine-Probleme-denken-aber-doch-dazu-zwingen-weil-man-ja-dafür-da-ist und mit dem intensivem Beobachten aller emotionalen und sozialen Vorgänge auf der Station wiederzubeleben versucht.
Würde man diesen Behandlungsstandard auf ein akutes Herzversagen oder auch eine chronische Lungenentzündung übertragen hieße das unter Umständen: “Wie jetzt hier- sie kriegen so wenig Luft- sie kriegen doch schon 8 Stunden am Tag die Maschine an den Hals!”; “Ich hab schon 8 Sekunden mit der Lebensrettung verbracht- was will der denn noch?!”

Man führt ein Leben wie Schrödingers Katze:  eingesperrt in einer Box und ob man noch lebt oder nicht ist Definitionssache. Und die Macht über diese Definition, könnte mit dem Gesetz nun auch noch in jedem Fall- egal wie diese ausfällt (ob zutreffend oder nicht) rein bei den Ärzten bleiben. Komplett unhinterfragt oder in der Lage die Box zwecks Überprüfung zu öffnen.

Es ist ein Witz. Es ist infam. Es ist eine gesellschaftliche Schande, dass wir solche großen, relativ sicher finanzierten Kästen wie die Psychiatrie, überhaupt noch haben und sogar brauchen.
Es ist die medizinisch-kapitalistisch-sozialdarwinistische Vermeidungsblase, die uns davor bewahrt den Wahnsinn, Kontrollverluste und schiere menschliche Natur zu nah uns heranzulassen. Realitätsverlust als “kann mal vorkommend” zu betrachten. Menschliches Elend von uns fern zuhalten. Uns nicht zu belasten. Uns nichts ans Bein zu binden. Um uns vor gesellschaftlicher Verantwortung zu drücken.
Uns selbst nicht zu fragen, wie wir verhindern können, dass es anderen Menschen schlecht geht.

Uns daran zu hindern jedem unserer Freunde zu sagen, dass sie auch mitten in der Nacht bei uns klingeln dürfen, um von uns vor sich geschützt zu werden-von mir aus auch eingeschlossen zu werden und die nötigen Mittel aufgedrängt zu bekommen und die Hand durch die Neben- und Nachwirkungen zu halten.

Wir sind dankbar dafür, dass wir uns in der Hinsicht auf unsere Gemögten verlassen können. Niemand von ihnen würde uns abweisen, stünden wir mit diesem Anliegen vor ihrer Tür.

Als wir (noch vor 6 Jahren) nicht in der Lage waren zu essen wie Menschen, gab uns unser mit uns verbündeter Mensch den Rahmen der nötig war- ohne uns zu verachten. Als wir nicht wussten, ob und wenn ja wer, von uns Kontakt zu Tätern aufnehmen könnte/versuchen würde, sich das Leben zu nehmen/versuchen würde, ihn zu verletzen… Als wir so depressiv waren, dass sogar das Heben der Augenlider eine einzige Qual war… Als schon ein unsichtbares Geräusch Innenkinder hochspülte die noch mitten im Traumaerleben sind… Als wir so richtig tief in der psychischen Scheiße standen- alle Weichen auf Psychiatrie standen, brauchte es doch nur jemanden, der schlicht da war und den Schlüssel zur Wohnung versteckte. Taschentücher, Kotzeimer, Schlaftabletten, ein starkes Rückgrat und ein liebevoll fürsorgliches Herz hat.

Leider ist das etwas, das die Krankenkasse nicht leisten kann und der Staat, oder diejenigen die es leisten könnten, nicht leisten wollen.

Denn die wahre Hilfe kommt von Menschen, deren freies starkes Dasein einfach unbezahlbar ist.

Interessantes und Nützliches zum Thema
– die schlaue Patientenverfügung gibt hier zum Download
– Steinmädchen schreibt auf ihrem Blog über “Psychiatrisch- Patriarchale Kontrolle” und unterstreicht die Notwendigkeit von geschlechtsspezifischen Therapiemöglichkeiten
– viele Bücher, Sachwissen und Zugang zu Alternativen bietet der Antipsychiatrieverlag von Peter Lehmann
– die internationale Arbeitsgemeinschaft “Soteria” stellt sich und seine Ziele hier vor
– das Berliner “Weglaufhaus” sollte jedem sofort in den Kopf kommen, wenn es um Alternativen zur Psychiatrie geht- es braucht so viele NachahmerInnen, sowie offene UnterstützerInnen wie nur möglich
– zum Thema Psychopharmaka und Psychiatrie mein Artikel „auf wundersame Weise“
– als weitere hilfreiche Anlaufstelle bietet sich auch der sog. „Trialog“ (Patient, Klinik, Mittler) der Stadt an- Kontakt hierzu bekommt man über den sozialpsychiatrischen Dienst der Stadt in der man wohnt
– zu: „einem erweiterten Verständnis psychischer Störungen, neuem Wissen über genesungsfördernde Faktoren in der Psychiatrie, der Entwicklung neuer Methoden und umfassender Inhalte in der Fachkräfteausbildung und innovativen Angeboten psychiatrischer Dienste“ informaiert und aktiviert „Ex-In„. Ein vielversprechendes und umfangreiches Pilotprojekt. Weitere Informationen zur Genesungsbegleitung durch „Ex-In“ gibt es auch auf dieser Website.
– grundsätzlich muss das Motto derzeit leider noch immer sein: „Niemals allein Kontakt mit der Institution „Psychiatrie“ haben- hab immer jemanden mit im Boot, der dich im Zweifel da raus streitet und für dich eintritt“

 

Vielleicht an alle die aus Angst vor Täterkontakten regelmäßig in de Psychiatrie gehen (müssen):
Immer wenn ihr raus seid- greift zum Weberschiffchen und vernetzt euch. Es ist schwer und gruselig- vielleicht sogar noch verboten. Aber wenn ihr etwas anderes erreichen wollt, als das was ihr jetzt gerade durchmachen müsst, dann müsst ihr auch etwas anderes tun als jetzt.

So gemein es klingt, hatte Einstein schon Recht als er sagte:
“Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun, aber immer ein anderes Ergebnis zu erwarten.”

Immer wenn ihr eine Fingerspitze aus der Scheiße herausstrecken könnt- versucht nach echten Helfern zu greifen. Es lohnt sich, denn es geht um euer Leben und eure persönliche Freiheit.
Ihr dürft das.

OEG erster Akt

Heute war es nun soweit.
Ein erstes Informationsgespräch mit einer Vertreterin des Landschaftsverbandes, um einen Ablaufplan zu bekommen.

Zur Information meiner nicht betroffenen oder auf der Suche nach Informationen befindlichen Leser:
Wer Opfer einer Straftat wird, hat, weil es der Staat nicht geschafft hat einen zu schützen, Anspruch auf Entschädigung nach dem OpferEntschädigungsGesetz.
Nötig sind: eine Strafanzeige; ein Täter (welcher in Regress genohmmen wird) dazu und eine Verurteilung.
Natürlich gibt es viele viele Ausnahmefälle und viele Einzelfälle die sorgfältiger Begutachtung und allgemeiner Überprüfung bedürfen. (weitere Infos —> klick )
Aber als Grundinformation braucht man eigentlich nicht mehr zu wissen, um zu erkennen, dass die meisten Menschen mit DIS am Arsch sind, in Bezug auf eine Entschädigung durch dieses Gesetz.

Wir wurden sehr früh, sehr schwer und durch verschiedene Täter traumatisiert.
Alle Zeugen dieser Straftaten sind entweder selbst Täter oder Opfer. Namentlich vorgestellt hat sich dabei übrigens niemand, oder mir gar noch seine Adresse gegeben oder sonstiges…

Nähere Erklärungen zu “unserem Fall” werde hier natürlich nicht schildern, doch den einen oder anderen Punkt möchte ich von diesem Gespräch doch erwähnen und meiner derzeit übermäßigen Bitterkeit Raum geben.

Wir haben uns in Rücksprache mit der uns bereits seit Jahren vertretenden Rechtsanwältin entschieden, uns direkt vom Landschaftsverband Informationen geben zu lassen, wie eine Antragsstellung bei einem Menschen mit dem Hintergrund der organisierten (Pädo)Kriminalität aussehen kann.
Insgesamt dauerte das Gespräch etwa eine dreiviertel Stunde.
Die ersten 15-20min lauschten wir den Platitüten und allgemein zugänglichen Informationen, die jeder, der über eine Antragsstellung nachdenkt im Internet oder auch in jedem Flyer darüber, nachlesen kann.

Ich kam mir vor wie im Jobcenter.
”Ja also wenn sie Leistungen von uns möchten, dann muss in jedem Fall eine Strafanzeige gestellt werden, ansonsten entziehen Sie sich ihrer Mitwirkungspflicht…”
Grundsätzlich mal: Wir MÖCHTEN keine Leistungen! Wir BRAUCHEN sie (weil es auch hier der Staat verkackt hat sich zu kümmern!) und wir haben verdammt und zugenäht EIN VON DER GESETZGEBUNG ZUGESICHERTES RECHT auf Leistungen dieser Art!!!
Wir kommen nicht; um um etwas zu bitten! Wir kommen um etwas einzufordern! Um etwas einzufordern, das uns zusteht und nur deshalb nicht an uns heran gereicht wird, weil man vorher überprüfen muss, ob die Forderung gerechtfertigt ist- so richtig echt und wirklich.
Und diese Überprüfung halte ich für grundsätzlich gerechtfertigt und okay. Und um diese Überprüfung zu erleichtern, wirke ich selbstverständlich so gut mit wie es mir nur irgendmöglich ist!

Allein die Sprache liess mir heute schon wieder die Galle den Hals hochkriechen. Was ist das für ein Ding, das es diesen Menschen erlaubt, mit Menschen, die ihre Rechte einfordern und entsprechende Anträge stellen, zu sprechen als wären sie ein elendiges Bettelpack?!
Ich sitze dort und fühle in meinem Anliegen impliziert, dass ich mir etwas unerlaubt nehmen will, weil ich es einfach mal so möchte… wie man manchmal einfach ein Eis möchte, weil Sommer ist und es einfach erfrischend und nett wäre.
Ich komme aber dahin, hab fett zugeschwollenes Gesicht und brauche ein Eis, um etwas sehen zu können! Aber das muss ich erstmal beweisen…

Nun ja, nach etwa 23 Minuten brauchte ich das erste FishermensFriend. Es zeichnete sich ab, dass man doch mehr auf unsere Situation bezogen nachbohren musste.
Erst nach der vierten oder fünften Schleife, (ich habe eine echt tolle Anwältin, die hartnäckig ist und sich nicht einfach abspeisen lässt!) bemerkte die Frau dann auch endlich, dass sie sich selbst widersprach! Und bemerkte, dass sie uns leider keinen konkreten Laufzettel geben konnte.
Die Logik, dass wir erst Schutz bräuchten der garantiert ist, um eine Anzeige zu erstatten (um unserer Mitwirkungspflicht nachzukommen) war schon klar. Aber dass man diesen Schutz erst dann bekommt, wenn man eine Anzeige erstattet hat… irgendwie brauchte das eine eeeewige Schleife zu ihr hin.
(Da saß ich schon mit dem zweiten Fishermen im Mund, weil ich einen kurzen Anflug von Wahnsinn(sungeduld wegen Dummheit!) hatte.

Naja, das Gespräch endete mit dem Wissen, dass eine Gefährlichkeit des Täters nachgewiesen sein muss bzw. die Organisation als gefährlich bewertet sein muss, um sich eventuell vielleicht auf eine Ausnahmeregelung einzulassen… ganz objektiv natürlich. [Nein nein, man fängt nicht an in bestimmte Richtungen zu denken, wenn man an “organisiertes Verbrechen” denkt… nein nein.. Hollywood und Co kommen da natürlich NIE drin vor… und dafür gibts ja dann die Glaubwürdigkeitsgutachten…, welche, wie uns die Frau mit eindringlich mahnender Stimme mitteilte, sehr viel Geld kosten. Netterweise hat sie sogar noch genau gesagt, wieviel- so dass hier gleich wieder die “wir sind zuviel” Lampe aufblinkte. ]

Naja. Also: Nichts Neues für uns eigentlich.
Aber mir ist aufgefallen, wie wichtig die parteiische Vorinformation für uns gewesen ist. Alle Informationen rund um das Thema des OEG haben wir von der Opferhilfe, Frauenberatungsstellen, unserer Rechtsanwältin und anderen Betroffenen. Wäre dies ein erstes Informationsgespräch gewesen, hätten wir unser Ansinnen sofort und auf der Stelle zurückgezogen.
Wäre unsere Rechtsanwältin nicht so großartig renitent und professionell dreist, hätte ich heute wohl wieder gelernt, dass Wahnsinn forciert und entsprechend genutzt wird.

Trotzdem bin ich wieder bei der Erkenntnis gelandet, dass es nichts Schlimmeres als den durch Erfahrung klugen und organisierten Täter gibt. Er nutzt die Lücken des Systems und kann sich darauf verlassen damit durchzukommen.
Der Gedanke, dass es angesichts der, im Jahre 2007 von der polizeilichen Kriminalstatistik  angegebenen, 11.357 Fälle von Kinderfolterdokumentationsprodukten (infamerweise nachwievor “Kinderpornographie” genannt und damit Kinder als bezahlte Schauspieler darstellend!!!), auch Opfer geben muss, ist noch nicht angekommen. Ganz offensichtlich nicht. Dass es das gibt- dass die Existenz dessen endlich anerkannt ist… darüber dürfen wir Opfer uns heute freuen! Und darüber freue ich mich auch- ganz ehrlich!
Ich freue mich aber vorallem deshalb darüber, weil ich so diesen Kampf um die Existenz dessen nicht auch noch zu führen brauche.

Dass ich nur beweisen muss, wirklich deshalb ein so verdammt beschissen schweres; verkrüppelnd anstrengendes Leben führe, weil jemand mich zerstört hat und nicht, weil ich so geboren wurde.

Das ist so krass, dass ich mich nicht etwa frage: “Schaffen wir es genug vernünftige Aussagen zu erlebter Gewalt zu machen?”, sondern: “Haben wir genug positive Ressourcen, um uns von dieser tiefen Bitterkeit zu erholen, die uns nun immer wieder und wieder begegnen wird?”.

Heute hatten wir sie noch nicht.
Heute mussten wir diese Bitterkeit rausschwemmen.

Aber es gibt ja noch viele viele Morgens …